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Tot gesagt

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

WIDMUNG

Für Joy, die viel zu früh aus diesem Leben schied.

Kein einziger Tag vergeht, ohne dass ich an dich denke …

und dich vermisse.

 

“Die erste Bedingung menschlicher Güte ist etwas, das man lieben, die zweite etwas, das man verehren kann.”

George Eliot (Mary Ann Evans), englische Schriftstellerin (1819 – 1880)

1. KAPITEL

Lag seine Leiche wohl da drin?

Die Schultern fröstelnd hochgezogen, spürte Madeline Barker, wie sich ihre Fingernägel in die Handballen bohrten. Zusammen mit ihrem Stiefbruder, ihrer Stiefschwester und ihrer Stiefmutter stand sie im eisigen Januarregen und beobachtete, wie die Polizei versuchte, den Wagen ihres Vaters aus dem stillgelegten Baggersee zu bergen. Infolge des Schlafmangels brummte ihr schon der Kopf, und etwas schnürte ihr dermaßen die Brust zusammen, dass sie kaum Luft bekam. Dennoch harrte sie regungslos aus … und wartete geduldig. Durchaus möglich, dass sie nun – nach zwanzig Jahren – endlich erfuhr, was es mit dem Verschwinden ihres Vaters auf sich hatte.

Chief Toby Pontiff, Leiter der Polizeiwache von Stillwater, kniete am Rande des klaffenden Abgrunds. “Jetzt sachte, Rex!”, brüllte er und übertönte dadurch das kreischende Jaulen der Abschleppwinde. “Vorsicht!”

Am gegenüberliegenden Ufer des Baggersees lungerten Joe Vincelli und sein Bruder Roger herum. Immer wieder tuschelten die beiden sich etwas zu, die Mienen deutlich angespannt. Bei dem Radau konnte Madeline ihre beiden Cousins zwar nicht verstehen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass sie die Unterhaltung sowieso nicht hören wollte. Es hätte sie doch nur aufgeregt. Seit Langem schon verbreiteten Joe und Roger das Gerücht, dass Madelines Vater nicht einfach verschwunden war, sondern ihre Stieffamilie ihn um die Ecke gebracht hatte.

Madeleine warf Irene, Clay und Grace einen besorgten Blick zu. Leider musste man davon ausgehen, dass der Autofund in dieser Kiesgrube fünf Meilen vor der Stadt sämtliche Gerüchte neu anfachen würde. Ganz offensichtlich war ihr Vater damals nicht einfach ins Auto gestiegen und dem Abendrot entgegengefahren.

Die schwarzen, seehundähnlichen Köpfe der Taucher, die Minuten zuvor in der Tiefe verschwunden waren, erschienen an der Oberfläche. Madeline stockte der Atem: Durch die trüben Fluten erkannte sie den Kühlergrill am Wagen ihres Vaters. Schlagartig den Tränen nahe, rückte sie instinktiv enger an Clay heran, der ebenso düster und still wirkte wie die Felsen ringsum.

Noch aber wollte das Wrack nicht recht an die Oberfläche. Mit einem Knopfdruck brachte Rex die quietschende Winde des Abschleppwagens zum Stehen. Sofort hörte das Gejaule auf, und erst in der nachfolgenden Stille merkte Madeline, wie ihr die Ohren klingelten.

Ihre Stiefmutter Irene, eine kleine Frau mit sanften Rundungen, stieß beim Anblick des Wracks einen wimmernden Laut aus, der Grace aus ihrer Erstarrung erwachen ließ. Hastig legte sie einen Arm um Irene. Clay hingegen rührte sich nicht. Madeline blickte ihm in die tiefgründigen blauen Augen. Sie hätte gern gewusst, was wohl in ihm vorging.

Wie üblich war das schwer zu beurteilen. Sein Gesichtsausdruck war ein Spiegelbild des grauen, bedeckten Himmels. Vielleicht dachte er an gar nichts, sondern versuchte nur genau wie sie, diese schreckliche Situation irgendwie zu überstehen.

Ist ja gleich vorbei. Egal, was dabei rauskommt – Gewissheit ist besser als Ungewissheit! Sie hoffte jedoch …

“Die Sache macht mich ganz nervös”, nörgelte Rex, der Fahrer des Abschleppwagens. Klein gewachsen und drahtig, war Rex eher ein unauffälliger Typ. Seine Tätowierung war dafür umso auffälliger: Mitten auf Rex’ Nacken räkelte sich eine laszive Frauenfigur, die jetzt allerdings halb verdeckt war. “Was ist denn, wenn sich die Karre an ‘nem Felsvorsprung verhakt? Dann blockiert sie womöglich.”

“Passiert schon nicht”, beschwichtigte ein Polizist namens Radcliffe.

Rex überhörte den ungebetenen Einwurf und hielt sich lieber an den Einsatzleiter. “Toby, das klappt im Leben nicht!”, schimpfte er weiter. “Ich meine, wir sollten ‘nen Kran ranholen. Sonst kriegt hier noch einer was ab, oder mein Truck geht in die Binsen.”

Toby Pontiff, groß und blond mit akkurat gestutztem Schnauzbart, war erst vor einem halben Jahr zum Polizeichef ernannt worden und ein guter Bekannter von Madeline. Beide waren zusammen aufgewachsen; die ganze Schulzeit hindurch war Madeline eng mit seiner jetzigen Frau befreundet gewesen.

Toby warf ihr einen mitfühlenden Blick zu, wandte sich dann aber ab. Obwohl er mit gesenkter Stimme weitersprach, bekam Madeline doch mit, um was es ging. “Das dauert dann ja noch mal etliche Tage!”, wehrte er ab. “Guck dir mal die vier Leute da drüben an! Siehst du nicht, wie kreidebleich Madeline ist? Sie war zehn Jahre alt, als sich ihre Mutter umbrachte. Und als sie sechzehn war, verschwand der Vater plötzlich spurlos. Die ganze Familie steht da seit heute Morgen, nass bis auf die Haut. Die schicke ich nicht eher nach Hause, bevor wir nicht den verdammten Schlitten da aus dem Loch haben. Wir müssen feststellen, ob die sterblichen Überreste des Vaters da drin sind. Hat mich sowieso schon eine volle Woche gekostet, die ganze Sache in die Wege zu leiten.”

“Wenn Madeline schon so lange wartet”, maulte Rex, “kommt’s doch auf zwei, drei Tage auch nicht mehr an.”

“Zwei, drei Tage sind zwei, drei Tage!”, erwiderte der Polizeichef scharf. “Außerdem ist Madeline nicht die Einzige, die wissen will, was hier Sache ist. Ist ja wohl nicht zu übersehen!”

Offenbar meinte er die Vincelli-Brüder, die der Polizei bereits mehrfach Schwierigkeiten bereitet hatten. Laut Joe und Roger waren die Beamten vollkommen unfähig, weil sie noch immer nicht das rätselhafte Verschwinden ihres geliebten Onkels aufgeklärt hatten. Logisch, dass Pontiff den beiden keinen Anlass bieten wollte, sich erneut beim Bürgermeister zu beschweren. Das hatten sie nämlich bei seinem Vorgänger bereits getan.

“Wir bekommen einen Haufen Druck von ganz oben!”, fuhr er nun fort, schon etwas milder im Ton. “Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für ‘n Ärger gibt, wenn ich die Sache nicht endlich zum Abschluss bringe. Und zwar bald!”

Rex guckte verbiestert und rammte die Hände in die Taschen seiner dicken Steppjacke. Madeline hatte ihn nie näher kennengelernt. Er war ein entfernter Verwandter von Toby und aus der Nachbarstadt herbeordert worden, weil der örtliche Abschleppunternehmer meinte, sein Fahrzeug sei für eine solche Aufgabe ungeeignet. “Ist ja gut”, brummte Rex nun. “Aber die Kiste ist voll Wasser und Schlamm; das drückt zusätzlich aufs Gewicht. Da will ich nicht riskieren, dass mir die Motorwinde heiß…”

Toby ließ ihn nicht ausreden. “Schluss jetzt, Rex! Wenn es kein Notfall wäre, würden wir nicht den ganzen Tag in dieser Eiseskälte hier rumstehen. Wir haben dich angerufen, und du hast zugesagt. Also bitte! Zieh jetzt endlich den verdammten Wagen aus dem See. Deine Maschine hier könnte doch ohne Probleme einen Lastwagen raushieven, so viel PS hat das Ding unter der Haube! Verdammt noch mal, Mann!”

Madeline zuckte zusammen. Nach all der Anspannung, all dem Frust der letzten Stunden lagen bei allen Beteiligten die Nerven blank. Hinter ihr lagen sieben dramatische Tage. Vor einer Woche war ein halbwüchsiges Mädchen in alkoholisiertem Zustand in das Baggerloch gestürzt und nicht wieder herausgelangt. Ehe jemand einen Rettungsversuch unternehmen konnte, war die Kleine bereits untergegangen. Bei der anschließenden Suche nach der Leiche war man auch auf einen Cadillac gestoßen – den Wagen, der seit Lee Barkers Verschwinden ebenfall als vermisst galt.

Als Chefredakteurin des Lokalblattes The Stillwater Independent hatte Madeline den tragischen Tod des jungen Mädchens von Anfang an mitverfolgt. Dass am Ende aber ganz andere Erkenntnisse dabei herauskommen würden, hätte sie sich nie träumen lassen. Hatte das Auto ihres Vaters etwa die ganze Zeit in diesem vollgelaufenen Steinbruch gelegen? In ihrer unmittelbaren Nähe? Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr? Diese Frage stellte sie sich nun schon seit sieben endlosen Tagen. Die Stadt stand derweil noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Tragödie um die ertrunkene Rachel Simmons.

Rex räusperte sich übertrieben laut. “Mensch, Toby, die Taucher blicken doch selber nicht durch! Bei der trüben Brühe können die da unten doch kaum was sehen, selbst mit Unterwasserlampen nicht. Wer sagt mir denn, dass uns das Drahtseil nicht reißt? Dann rauscht uns das Wrack schnurstracks wieder auf Grund.”

Zum ersten Male meldete sich nun Clay zu Wort. “Die Taucher haben doch gemeldet, die Seitenscheiben seien runtergekurbelt, stimmt’s?”

Toby und Rex guckten zu ihm herüber. “Ja, und?”, fragte Rex. “Was soll das für eine Rolle spielen?”

“Wenn die Seitenscheiben unten sind, dann können die Taucher die Drahtseile da durchführen. Das klappt garantiert. Also los jetzt!”

Aufgrund seiner Körperkraft und seiner raschen Auffassungsgabe genoss Clay einiges Ansehen, doch andererseits stand für ihn hier eine ganze Menge auf dem Spiel. Mit Blick auf Madelines Vater hatte er einiges an Verdächtigungen über sich ergehen lassen müssen. Madeline vermutete, dass dem Polizeichef genau das wohl gerade durch den Kopf ging, denn er schaute den trotzig dreinblickenden Clay misstrauisch an. Ihr kam es sogar so vor, als könne sie seine Gedanken lesen: Willst du uns helfen, weil du keine Ahnung hast, was in dem Wrack ist? Oder weißt du es, willst es aber vertuschen?

Am liebsten hätte sie laut herausgeschrien, und zwar zum x-ten Mal, dass ihr Stiefbruder nichts mit dem Verschwinden ihres Vaters zu tun hatte, ganz gleich, was diesem auch zugestoßen sein mochte.

“Lass gut sein, Clay, ich mache das schon”, knurrte Toby, allerdings ohne jede Schärfe. Ehe man ihm die Bemerkung womöglich als provokativ auslegen konnte, ließ er den Blick seiner haselnussbraunen Augen wieder zur vollgelaufenen Kiesgrube schweifen. Im Umgang mit einem wie Clay ging selbst ein Polizeichef lieber auf Nummer sicher. Mit seinen ein Meter fünfundneunzig Körpergröße und einem Lebendgewicht von gut hundertzwanzig Kilo war Clay ein wahrer Hüne von Gestalt. Was einem indes an ihm nicht geheuer vorkam, war seine Art. Er war dermaßen verschlossen, dermaßen emotional distanziert, dass so mancher ihm durchaus einen Mord zugetraut hätte.

“Los, Rex!”, drängte Chief Pontiff. “Bringen wir’s hinter uns!”

Der Angesprochene murmelte sich eine Kette ausgesprochen blumiger Kraftausdrücke in den Bart, trollte sich aber zu seinem Truck. Schon sprang die Winde wieder an, und das Wrack glitt langsam aus dem Wasser.

Madeline hielt den Atem an. Oh Gott, jetzt ist es so weit!

“Pass auf die Taucher auf!”, brüllte Rex.

Chief Pontiff hatte sie schon aus dem Gefahrenbereich gescheucht. “Aus dem Weg, Jungs!”, schrie er. “Den Rest erledigt die Winde!”

Das Kreischen von Metall auf Fels ließ Madeline erschauern. Es war ein grauenhaftes Geräusch, fast so entsetzlich wie das dunkle, schlammige Wasser, das aus dem Wagen rann, der zu ihren Kindertagen ihren Eltern gehört hatte. Wie war der Cadillac in dieses Baggerloch geraten? Wer hatte ihn hineingelenkt? Und – die Frage verfolgte sie nun schon seit zwanzig Jahren – was war mit ihrem Vater passiert? Sollte sie nun endlich eine Antwort erhalten?

Wie vom Abschleppunternehmer vorausgeahnt, blieb das Wrack tatsächlich an einem Felsvorsprung hängen. “Hab ich’s nicht gesagt!”, beschwerte er sich und fluchte wieder wie ein Kesselflicker. Ehe er aber den Motor abstellen konnte, riss die verrostete Hinterachse aus der Verankerung; der Cadillac ruckte an und hob sich unter dem Gestöhn der bis ans Limit gespannten Drahtseile aus seinem nassen Grab.

Madelines Nägel bohrten sich noch tiefer in ihre Handballen. Der Anblick des vertrauten Gefährtes versetzte sie zurück in ihre Kindheit – gerade so, als habe sie jemand bei den Schultern hochgehoben und auf den Beifahrersitz gesetzt. Als sie fünf oder sechs war, hatte sie immer vorn neben ihrer Mutter gesessen, während sie durch die Stadt gondelte, Pfarrgemeindemitglieder ihres Mannes beehrte, Krankenbesuche machte oder Bedürftigen eine Kleinigkeit vorbeibrachte.

Damals war Madeline ihre Mutter wie ein Engel erschienen.

Mit fest zugekniffenen Augen befühlte sie ihre Stirn, bemüht, die Erinnerungen auf Distanz zu halten. Nur selten gestattete sie sich solche Gedanken an Eliza. Ihre Mutter war eine Seele von Mensch gewesen, die für die kleine Madeline das Gute schlechthin verkörperte. Andererseits war sie auch schwach und zerbrechlich gewesen, wie es ihr Vater so oft nach Elizas Selbstmord betonte. Über seine erste Frau hatte er nur wenig Positives zu sagen gehabt, und Madeline konnte es ihm nicht einmal übel nehmen. Sie selbst hatte ihrer Mutter ja nie verzeihen können.

Sie spürte, wie Clay den Arm um ihre Schultern legte, und barg das Gesicht in eine Falte seines Mantels. Ob sie dem, was nun kommen musste, wohl gewachsen war?

“Alles klar, Maddy”, murmelte er.

So gut es ging, ergab sie sich diesem warmen Gefühl der Geborgenheit. Ihren Stiefbruder warf so schnell nichts um. Insgeheim wünschte sie, sie wäre ebenso hart im Nehmen. Es wäre ihr auch lieb gewesen, Kirk hätte sich mal blicken lassen. Sie waren fünf Jahre befreundet gewesen; ein paar Wochen zuvor hatte Madeline die Beziehung beendet.

“Das war’s!” Pontiff winkte die Taucher aus dem Wasser, während der Cadillac langsam festen Boden erreichte. Als Rex diesmal die Winde stoppte, stellte er gleichzeitig den Motor des Abschleppwagens ab. Madeline spürte, wie Clay verkrampfte; als sie sich überwand und zum Wrack hinüberblickte, sah sie ihre beiden Cousins schon herbeieilen.

Chief Pontiff, der bereits unbehaglich zu ihr herüberäugte, rückte seine Kopfbedeckung zurecht, damit ihm der Regen nichts ins Gesicht schlug. Er fing die beiden Vincelli-Brüder ab, ehe sie sich dem Autowrack nähern konnten. “Jetzt lasst uns erst mal”, brummte er unwirsch.

Madeline war froh, dass Irene, Clay und Grace sich nicht von der Stelle rührten. Sonst hätte sie plötzlich ganz allein dagestanden. Näher an den Wagen traute sie sich nicht heran, konnte sie doch nicht wissen, was sie dort möglicherweise erwartete. Sie befürchtete, der Anblick hätte ihre Albträume womöglich noch verschärft. Alle paar Wochen träumte sie, ihr Vater hämmere mitten in der Nacht an die Haustür. Dabei trug er stets einen schweren Mantel; und wenn dieser sich dann öffnete, kam darunter sein blankes Skelett zum Vorschein.

Grace, eine gepflegter wirkende, elegantere Version von Clay, nahm ihre Hand, und auch Irene rückte näher. Clay trat einen Schritt vor, wirkte dabei noch zugeknöpfter als sonst. Zweifellos dachte er an seine neue Frau Allie und seine Stieftochter sowie daran, welche Wirkung diese Angelegenheit wohl auf die beiden ausüben mochte. Seit der Heirat mit Allie war er endlich ein glücklicher Mensch geworden. Fragte sich nur: wie lange noch? Die Polizei neigte dazu, ihn schnell ins Visier zu nehmen. Im vergangenen Sommer wäre er um ein Haar wegen des Verdachts, Madelines Vater ermordet zu haben, angeklagt worden – obwohl es keine Leiche gab, keine Augenzeugen, nicht den geringsten forensischen Beweis. Auch jetzt konnte es wieder brenzlig für ihn werden, es sei denn, das geborgene Autowrack enthielt eindeutige Hinweise darauf, dass Clay mit der Sache nichts zu tun hatte.

“Die Türen sind zugerostet”, rief Pontiff. “Hol mal einer die Brechstange!”

Radcliffe, ein Polizist Anfang zwanzig, entfernte sich zu einem der Einsatzfahrzeuge, nahm das schwere Eisen aus dem Kofferraum und brachte es zu seinem Vorgesetzten. Als der nun anfing, die Tür aufzuhebeln, protestierte das Wrack vernehmlich, was Madeline sich noch weiter verkrampfen ließ, sodass ihre verspannten Muskeln allmählich schmerzten. Schließlich gab die Autotür nach, und aus dem Inneren des Cadillacs brach ein Wasserschwall, der allen in unmittelbarer Nähe über die Füße schwappte.

Pontiff bemerkte das augenscheinlich nicht. Und nicht nur er, alle starrten wie gebannt auf diese Flutwelle, als rechneten sie damit, dass gleich auch Leichenteile mit herausgespült würden.

Wie kann so etwas passieren?, fragte sich Madeline. Wie kann es sein, dass man Mutter und Vater verliert? In zwei voneinander unabhängigen Vorfällen?

Da sie nichts ausmachen konnte, was auf die sterblichen Überreste eines Menschen hindeutete, wagte sie sich ein wenig näher heran und hielt angestrengt nach kleinsten Anhaltspunkten Ausschau, Kleiderfetzen etwa oder – sie verzog schmerzhaft das Gesicht – Knochenreste. Falls sich die Leiche ihres Vaters tatsächlich in diesem Autowrack befand, bewies das zumindest, dass er nicht vorgehabt hatte, seine Tochter im Stich zu lassen. Denn genau diese Annahme hatte sie bislang nicht tolerieren können. Als allseits beliebter Gemeindepfarrer war er ein gottesfürchtiger Mann gewesen, stets bereit einzuspringen, wenn die Not am größten war. Seine Schäfchen, seine Farm, seine Familie … freiwillig hätte er sie nie im Stich gelassen.

Was nur den Schluss zuließ, dass man ihn umgebracht hatte. Aber wer war der Täter?

Während das Wasser immer noch aus dem Auto rann und mit dem Regenwasser vermischt über den Grubenrand ins Baggerloch lief, schaute Madeline mit zusammengebissenen Zähnen zu. Immer noch kein grausiger Fund. Bis jetzt!

Inzwischen wurde der Kofferraumdeckel aufgebrochen. Der Zündschlüssel hatte zwar noch im Schloss gesteckt, doch waren sämtliche Schlösser so korrodiert, dass wieder das Brecheisen zum Einsatz kommen musste. Beim Zuschauen merkte Madeline, wie ihr etwas säuerlich in der Kehle aufstieg. Sie versuchte, sich irgendwie mental abzulenken. Das junge Ding, das man am Mittwoch beerdigt hatte … das miserable Wetter … die vielen Jahre, die sie nun schon ohne Vater hatte auskommen müssen …

Pontiff hob einen Gegenstand hoch. “Erkennst du das wieder?”

Mit einiger Verzögerung begriff sie, dass sie gemeint war. Sie nickte. Es war die Polaroidkamera, die ihr Vater bei diversen Gelegenheiten benutzt hatte. Ein kalter Hauch kroch über ihren Rücken. Angesichts des Apparats war ihr, als stünde ihr Vater ganz nah. Nur sagte das Ding nichts über sein Verschwinden aus.

“Ist das alles?”, würgte sie mühsam hervor. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt.

Der Chief klaubte ein Überbrückungskabel, einige Dosen Motoröl und eine klatschnasse Decke hervor. Alltägliche Dinge, wie sie in Kofferräumen zuhauf herumlagen.

Gleich kommt etwas, das endlich Licht ins Dunkel bringt … Madeline betete dermaßen flehentlich, dass sie es gar nicht fassen konnte, als Toby schließlich brummte: “Das war’s.”

“Was?”, entfuhr es ihr. “Überhaupt keine Hinweise darauf, was mit ihm geschehen sein könnte?”

Pontiff zuckte verlegen die Achseln. “Fehlanzeige, leider.”

Erstarrt und wie angewurzelt stand sie da. Clay wischte ihr mit dem Daumen die Tränen fort. “Sorry, Maddy.”

Sorry? Sorry nützte ihr überhaupt nichts, hatte sie sich doch einiges mehr erwartet. Das sollte alles gewesen sein? Wenn, dann war sie wieder am Anfang. Dort, wo sie vor dem Fund des Wracks gestanden hatte, wo sie die ganze Zeit schon stand: Vor einem Rätsel, das ihr keine Ruhe ließ und sich womöglich nie würde entschlüsseln lassen.

“Da …” Vor Kälte klapperten ihr die Zähne. “Da muss doch noch mehr drin sein”, stammelte sie. “Schaut doch noch mal nach, ja? Ihr lasst den Wagen doch sicher erst trocken werden, oder? Ihr nehmt den doch Zoll für Zoll unter die Lupe, nicht wahr?”

Chief Pontiff bestätigte das zwar nickend, doch sonderlich optimistisch wirkte er dabei nicht.

“Darf Allie dir helfen?” Ihre Schwägerin hatte bei der Kripo in Chicago gearbeitet und dort in ungeklärten Kriminalfällen ermittelt. Sie würde bestimmt einen Hinweis finden!

Mit finsterer Miene guckte Pontiff hinüber zu den beiden Vincelli-Brüdern. “Du weißt doch, dass das nicht geht!”, sagte er widerwillig.

“Lass dir doch nicht von den beiden Typen da drüben vorschreiben, was du zu tun und zu lassen hast”, bat Madeline. “Allie ist die kompetenteste Person weit und breit!”

“Und gleichzeitig die Ehefrau des Täters!”, rief Joe Vincelli dazwischen.

Die Kerbe in seinem Kinn war etwas zu tief, um ihn attraktiver wirken zu lassen. Vielleicht lag es auch an den eng zusammenstehenden Augen, dass er so einen verschlagenen Eindruck machte. Gut ein Meter fünfundachtzig groß, war er fast so athletisch wie Clay, doch keineswegs gut aussehend, jedenfalls in ihren Augen. “Lass das gefälligst!”, rief sie.

“Mensch, Maddy, was soll das? Hör dich doch mal an! Wenn du wissen willst, was mit deinem Vater ist, dann frag den Kerl da vorn!”

Dabei deutete er auf Clay, wurde allerdings schlagartig kleinlaut, als der ihn mit einem stählernen Blick buchstäblich festnagelte. Clay konnte keiner so schnell Paroli bieten, da bildete Joe keine Ausnahme. Verdrossen schlurfte er zu seinem Bruder zurück. “Sag du’s ihnen, Roger.”

Roger sah noch unansehnlicher aus. Zwar hatte er einigermaßen gerade Zähne, doch dafür war er hager, gute zehn Zentimeter kleiner und litt bereits deutlich unter Haarausfall. Obgleich der Ältere der beiden, neigte er stets dazu Joe vorzuschicken. “Genauso isses”, bestätigte er nun, allerdings nicht sehr forsch; so als wolle er sich lieber nicht mit Clay anlegen.

Chief Pontiff ließ das Duo einfach links liegen. Madeline wusste, dass ihm die in der Vergangenheit geäußerten Verdächtigungen und Vorwürfe nicht neu waren. Er gehörte bereits der Polizei an, als Clays damalige Zukünftige von Chicago hierher umzog und den Mordfall Barker wieder aufzurollen begann. Er war auch zugegen, als Allies Vater, der als sein Vorgänger im Amt fungierte, Clay im vorigen Sommer unter Mordverdacht verhaften ließ. Und schließlich war er ebenfalls dabei gewesen, als man den Verdächtigen wieder laufen ließ, weil eine Verwicklung in den Fall nicht nachzuweisen war. Damals nicht, und in den Jahren zuvor ebenfalls nicht.

“Das Fahrzeug liegt jetzt schon ein halbes Leben lang im Wasser”, stellte Pontiff an Madeline gewandt fest. “Schau es dir doch an! Sogar die Karosserie rostet schon durch. Ich sag’s nur ungern, aber der Cadillac, der wird uns auch keinen Aufschluss bringen. Darauf solltest du dich vorsichtshalber einstellen.”

“Nein!” Um nicht so zu zittern, schlang sie die Arme um ihren Oberkörper. “Vielleicht findet sich doch etwas … ein Zahn, ein Kamm in den Polsterritzen. Irgendein Hinweis, eine Spur.” Mit Hingabe verfolgte sie die einschlägigen Crime-Scene-Serien im Fernsehen. Falls nötig, zeichnete sie die einzelnen Folgen sogar auf. Daher hatte sie am Bildschirm miterlebt, wie Dutzende von Fällen durch mikroskopisch kleine Beweismittel aufgeklärt worden waren.

“Wie gesagt, wir überprüfen das, aber …” Er ließ den Satz unvollendet.

“Ach, Maddy”, sagte Grace leise.

Madeline antwortete ihrer Stiefschwester nicht. Mit Rücksicht auf ihre Familie wollte sie nicht unnötigen Ärger provozieren. Und hier erst recht keine Szene machen. Grace hatte ihretwegen schon Stress genug und auch in der Vergangenheit bereits eine Menge durchgemacht. Immerhin warf sie ihr nicht direkt vor, die Schuld am Verschwinden ihres Vaters zu tragen. Ganz konnte Madeline aber doch nicht aus ihrer Haut. Zumindest diesmal schaffte sie es nicht, sich gänzlich zu beherrschen. “Bastele dir keine Ausreden zurecht, ehe du überhaupt angefangen hast”, fauchte sie Pontiff an. “Finde lieber was! Ich will die Wahrheit! Ich muss wissen, was passiert ist!” Sie griff ihn beim Arm. “Los, mach dich an die Arbeit!”

Der Chief blinzelte verblüfft, und Clay zog Madeline geistesgegenwärtig zurück. “Komm, lass das doch, Maddy”, raunte er, die Lippen dicht an ihrem Haar.

Hätte ein anderer das von ihr verlangt – sie hätte sich wohl nicht so schnell wieder gefangen. Doch ungeachtet des Gefühlswirrwarrs, das in ihrem Inneren tobte, mochte sie ihren Stiefbruder zu sehr, um sich seinem Wunsch zu widersetzen und ihn womöglich noch zu blamieren. Das Gesicht an seine Brust gepresst, brach sie in Tränen aus und weinte, wie sie seit Kindertagen nicht mehr geweint hatte: herzzerreißend schluchzend; am ganzen Körper zitternd.

Er drückte sie an sich. “Ist ja gut”, flüsterte er. “Es ist alles okay.”

“Du lässt dich von einem Mörder umarmen!”, fauchte Joe.

“Halt einfach nur dein böses Maul!”, blaffte sie ihn an, denn gerade Clay war es zu verdanken, dass die Familie jene dunklen Jahre nach dem Verschwinden des Vaters einigermaßen heil überstanden hatte. Wäre er nicht gewesen, hätte alles womöglich in einer Katastrophe geendet.

“Entschuldige”, murmelte sie, denn sie wollte ihn aus der Schusslinie haben. Sie wusste ja, dass er nur sein Leben leben und endlich Ruhe finden wollte. Ach, wenn sie doch selbst nur alles einfach vergessen könnte! Versucht hatte sie es. Es klappte aber nicht.

“Du brauchst dich nicht zu entschuldigen”, brummte er.

Schniefend löste sie sich von ihm und strich sich blitzschnell mit der Hand über beide Wangen. “Ich fahre am besten nach Hause.”

“Sollten wir etwas finden, rufen wir dich an”, sagte Pontiff.

Joe und sein Bruder trieben sich weiter herum, aber ein Blick von Clay reichte, um sie ganz nach außen zu drängen, wo sie ruhelos im Kreis gingen, wie Schakale um einen Kadaver. Bestimmt wären sie gern dichter herangekommen, um auch noch ihren Senf dazuzugeben, trauten sich aber nicht.

Madeline ging zu ihrem Wagen. Die Polizei versprach immer, sie würde weiterbohren, weiterermitteln, die Akten noch einmal sichten und das ganze Blabla. Etwas Konkretes fand sie jedoch nie. Die Wahrheit war ihr im Grunde egal. Der Polizei reichte es völlig aus, den Montgomerys etwas anhängen zu können, nur um die Vincellis, die in der Stadt über beträchtlichen politischen Einfluss verfügten, zufriedenzustellen. Sicher, Pontiff war ein recht guter Bekannter von Madeline, stand aber unter demselben politischen Druck wie seine Vorgänger und würde vermutlich irgendwann auch in dieser Hinsicht in deren Fußstapfen treten. Eine Veränderung war nicht zu erwarten.

Madeline war nicht gewillt, das noch länger hinzunehmen. Allmählich musste man zu offensiveren Mitteln greifen und etwas unternehmen, um endlich Antworten zu erhalten. Sie hatte auch schon eine recht genaue Vorstellung, was zu tun sei. Ihrer Stieffamilie hingegen würde ihr Plan bestimmt nicht gefallen. Und keiner konnte Madeline garantieren, dass er überhaupt funktionierte.

2. KAPITEL

Madeline hätte im Moment zu gerne Kirk angerufen. Seit sie auseinandergegangen waren, hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen. Sie befürchtete nur, dass sie wieder in den alten Trott verfallen würde, falls sie sich schon wieder ins Bequeme und Angenehme flüchtete. Für Kirk und sie bestand auf lange Sicht ohnehin keine realistische Aussicht auf ein gemeinsames Glück. Sie wollte Kinder; er lehnte Nachwuchs kategorisch ab. Er wollte Stillwater verlassen und die Welt kennenlernen, sie hingegen in der Nähe ihrer Angehörigen bleiben und sowohl ihr Haus behalten, als auch ihren Beruf weiter ausüben. Da war es ratsam gewesen, rechtzeitig Schluss zu machen und nach vorn zu schauen. Besser für sie beide.

Gut möglich, dass sie mit dieser Entscheidung richtiglag. Nur war das Leben ohne Kirk für Madeline derweil verdammt einsam, zumal sie heute nicht in die Redaktion gefahren war. Sie hatte zwar keine fest angestellten Mitarbeiter – gerade mal drei Zusteller, die sich einmal pro Woche mit dem Austragen der Zeitungen etwas dazuverdienten –, aber die kleinen gepachteten Redaktionsräume des Stillwater Independent lagen direkt an der High Street, und deshalb schauten stets jede Menge Besucher bei ihr vorbei. Im Allgemeinen hatte sie gern Leute um sich; als Journalistin musste man schließlich den Finger am Puls der Stadt behalten. Heute hingegen stand ihr weder nach Fragen noch nach Mitgefühl der Sinn. Vor allem aber hatte sie keine Lust, sich mit möglichen Reaktionen auf den Fund des Autowracks auseinanderzusetzen.

Mit schlechtem Gewissen, weil sie in dieser Situation einfach kniff, nahm sie ihre Katze Sophie auf den Arm und fuhr mit dem Kinn über das weiche Fell. Wäre der Vermisste nicht ihr Vater gewesen, hätte sie über das Geschehen am Baggersee längst einen Artikel verfasst und ihn ganz oben auf der Titelseite platziert, fette Schlagzeile inklusive – “Cadillac des Reverend aus Baggersee geborgen”. Aber sie fühlte sich eben befangen und angesichts der Hektik nach dem tödlichen Unfall der kleinen Rachel Simmons – der Suche, der Bestattung, der Woge des Mitgefühls für die Hinterbliebenen – irgendwie auch seelisch angeschlagen.

Nach dem strapaziösen Morgen konnte sie sich zum Schreiben nicht aufraffen. Jedenfalls noch nicht. Sie hatte an diesem Tag ohnehin nicht viel zustande gebracht. Außer in der Wohnung hin- und herzutigern oder im Internet herumzusurfen, immer auf der Suche nach jemandem, der ihr vielleicht helfen konnte.

Sie setzte die Katze wieder ab, schnappte sich den alten Quilt ihrer Mutter von der Couch, und trat, die Decke um die Schultern geschlungen, ans Fenster. Es war schon recht spät geworden. Und es regnete immer noch.

Gott, wie sie es satthatte, dieses ständige Nieseln, die Kälte! Das permanente Getrommel der Regentropfen auf dem Dach zerrte an ihren Nerven. Und alles um sie herum war feucht und klamm und roch irgendwie schimmelig.

Sie warf einen Blick auf ihre Autoschlüssel, die auf dem antiken Sekretär neben der Haustür lagen. Vielleicht, ermunterte sie sich selbst, solltest du mal raus aus der Bude, deine Verwandten besuchen? Der sanfte Stundenschlag der Dielenuhr verriet ihr jedoch, dass es dafür schon viel zu spät war. Den langen Weg zu der Farm, auf der Clay und Allie wohnten, wollte sie sich sowieso nicht machen. Dort war sie aufgewachsen, und eine Stippvisite hätte doch nur weitere Erinnerungen an ihren Vater ausgelöst.

Bilder des angeseilten, von Schlamm und Rost bedeckten Cadillacs kamen ihr wieder in den Sinn. Sie drückte sich die Handballen auf die Augen, sah aber trotzdem wieder, wie Pontiff die Kamera ihres Vaters hochhielt, hörte das metallische Kreischen, das Platschen des Wassers, das aus der aufgehebelten Wagentür schwappte … das Echo von Chief Pontiffs Ausruf: “Das war’s.”

Sie trat vom Fenster zurück und ging in ihre altmodisch eingerichtete Küche. Dort lag auf ihrem kleinen Schreibtisch eine ausgedruckte Liste mit Namen von im Internet aufgespürten Privatermittlern. Einige von ihnen hatte sie vorhin bereits angerufen, jedoch ohne Erfolg. Entweder hatten sie zu viel zu tun oder sahen sich außerstande, nach Stillwater anzureisen und die erforderlichen Ermittlungen aufzunehmen. Oder sie hatten sich auf einschlägige Fälle spezialisiert, etwa auf verschollene Kinder oder untreue Ehemänner.

Allerdings hatten ihr einige der Detekteien einen gewissen Hunter Solozano empfohlen. Der finde alles und jeden, so hieß es, und nehme häufig Aufträge einfach der Herausforderung wegen an. Als sie jedoch die ihr übermittelte Telefonnummer anwählte, hatte sie über die Voicemail lediglich den Hinweis erhalten, dass für neue Nachrichten kein Platz mehr sei.

Mit einem unterdrückten Seufzer griff sie erneut nach ihrem schnurlosen Telefon und versuchte es noch einmal bei diesem Mr. Solozano. Es war zwar schon nach Mitternacht, doch das war ihr egal. Es handelte sich ja vermutlich um einen Geschäftsanschluss, also machte die Uhrzeit sicher keinen Unterschied. Vielleicht konnte man endlich eine Nachricht hinterlassen, damit ihr zumindest ein Funken Hoffnung blieb.

Eigentlich hatte sie mit den üblichen drei Klingeltönen gerechnet, bis der Anrufbeantworter ansprang. Daher zuckte sie regelrecht zusammen, als sich fast postwendend eine tiefe Stimme meldete.

“Herrgott noch mal, Antoinette! Kriegst du den Hals denn überhaupt nicht voll?”

Madeline war wie vom Donner gerührt. “Und wenn hier gar nicht Antoinette ist?”

Einen Augenblick herrschte verblüfftes Schweigen. “Kommt drauf an”, entgegnete der Mann am anderen Ende dann geistesgegenwärtig, “wer Sie sind und was Sie wollen.”

“Kommt ebenso drauf an”, gab sie zurück, “ob Sie Hunter Solozano sind.”

“Ja, das bin ich.”

“Und sind Sie so gut, wie alle Welt behauptet?”, fragte sie freudig erregt.

Er lachte leise in sich hinein. “Noch besser. Erst recht, wenn Sie Sex meinen.”

Völlig auf ihr Vorhaben fixiert, hatte sie also prompt ins Fettnäpfchen getreten. Sie hüstelte, verärgert und peinlich berührt zugleich. “Ich meinte Ihre professionellen Fähigkeiten.”

“Aha, also ist es geschäftlich.”

“Richtig.”

“Um halb elf abends.”

Seine Zeitzone! Madeline war die Vorwahl sowieso schon seltsam vorgekommen. Zum Glück gehörte sie zu einer Region weiter westlich von ihr. Wäre es ostwärts gewesen, hätte er vermutlich noch mehr Anlass zur Beschwerde gehabt. “Für mich hören Sie sich aber hellwach an”, meinte sie zögernd und klopfte mit einem Bleistift auf die Schreibtischplatte.

“Ihretwegen und wegen meiner Ex!” Bedeutungsvoll senkte er die Stimme. “Und falls Sie noch nicht von allein drauf gekommen sind: Da befinden Sie sich nicht gerade in allerbester Gesellschaft.”

Leicht irritiert massierte sie sich die Stirn. “Ich dachte, ich hätte Ihre Firmennummer gewählt.”

“Das heißt, Sie haben gar nicht damit gerechnet, dass einer abnimmt. Toll. Dann hat es ja bestimmt auch Zeit bis morgen.”

“Nein”, rief sie, ehe er auflegen konnte. “Sie waren bis jetzt nie erreichbar”, fuhr sie etwas forscher fort, ermutigt durch das Ausbleiben des Klickens. “Und ihre Mailbox war voll.”

Er kam ihr nicht mit Ausreden und versprach ihr auch nicht, sich erst später um ihr Anliegen zu kümmern. Daher redete sie weiter, bemüht, ihn an der Strippe zu halten, bis er ihr eine feste Zusage gegeben hatte – oder eben nicht. “Konnte ich ja nicht ahnen, dass man mir Ihren Privatanschluss gegeben hat.”

“Ist es nicht, sondern mein Handy. Wenn Sie mich sprechen wollen, gibt es nur diese eine Nummer. Ich mag es halt simpel und überschaubar.”

“Sie haben kein Büro?”

“Ein kleines, aber da erwischt man mich nur selten.”

Maunzend rieb sich Sophie an Madelines Beinen, aber sie war zu beschäftigt, um darauf einzugehen. “Soll ich daraus schließen, dass Sie an einem Ausbau ihrer Geschäftsbeziehungen nicht interessiert sind?”

“Ich hab mehr als genug zu tun.”

Eine wenig ermutigende Antwort … “Schön für Sie, ich gratuliere”, sagte sie.

“Nun ja, in den Abgründen menschlicher Unzulänglichkeit herumzuwühlen hat auch seine Schattenseiten.”

“Wieso machen Sie dann nicht was anderes?”

“Tja, manche Menschen können eben gut Häuser bauen. Ich gehöre nicht zu der Sorte.”

Zwischenmenschlicher Umgang zählte anscheinend ebenfalls nicht zu seinen Stärken. Allerdings hatte sie zu viele positive Referenzen über ihn bekommen, als dass sie jetzt, da sie ihn schon mal an der Strippe hatte, gleich die Segel streichen wollte. “Ich hätte da eine echte Herausforderung für Sie.”

“Ich bin müde und möchte ins Bett”, sagte er. “Trotzdem, danke für den Anruf.”

“Kann ich Ihnen wenigstens meine Nummer geben? Damit Sie mich morgen früh zurückrufen können?”

Langes Schweigen.

“Hallo?”, hakte sie nach.

“Ich könnte Sie an einen jungen Kollegen verweisen.”

Möglicherweise war der etwas umgänglicher. “Taugt der denn was, Ihr Kollege?”

“Hat ‘ne Zeit lang bei mir im Büro gearbeitet. Datenbank-Recherche. Bekam neulich seine eigene Lizenz. Hat zwar nicht viel Erfahrung, ist aber eifrig und lernt schnell.”

Lernt? “Nein danke, lassen Sie mal. Ich brauche jemanden, der sein Handwerk versteht.”

“Tja, was soll ich da sagen, Mrs. …”

“Barker. Aber ich bin und war nie verheiratet. Madeline reicht.”

“Also, Miss Barker, falls ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt haben sollte: Ich bin nicht interessiert. Nach ihrem Akzent zu urteilen wohnen Sie sowieso nicht gerade bei mir um die Ecke.”

“Ich wohne in Stillwater, Mississippi. Und Sie?”

“L.A.”

“Ziemlich überlaufene Gegend”, stellte sie in der Hoffnung fest, sie könne so auf eine der Schattenseiten des Großstadtlebens verweisen.

“Stimmt, aber wenn Sie mal hier gewesen wären, wüssten Sie auch, warum das so ist.”

“Ich zahle auch ordentlich.” Stirnrunzelnd blickte sie auf ihr Ein- und Ausgabenbuch, das offen neben ihrem Ellbogen lag. Eigentlich hatte sie diese Karte gar nicht ausspielen wollen. Sie hielt ja nur mit knapper Not sich selbst und die Zeitung finanziell über Wasser. Wie sollte sie da horrende Honorare bezahlen?

“Wenden Sie sich am besten an eine Detektei vor Ort”, schlug er vor.

Ein Gefühl von Panik stieg in ihr auf, und ihre Finger verkrampften sich um den Hörer. “Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht gesagt, was ich von Ihnen will!”

“Lassen Sie mich raten. Ich soll den Drachen erlegen, der Ihnen nächtens den Schlaf raubt.”

Sie warf einen Blick auf die rechts von ihr hängende Küchenuhr, hundemüde und offenbar beträchtlich neben der Spur. Allem Anschein nach ließ die Erschöpfung in ihrer Stimme sie nicht gerade überzeugend wirken. “Ist das nicht meistens so bei Ihren Klienten?”

“Heutzutage setzen die mich eher auf ihre Ehepartner an. Sie fragen sich, ob die Geld beiseiteschaffen oder fremdgehen oder so. Mit dem Wissen hoffen sie, bei einer Scheidung besser abzuschneiden. Oder sie wollen ausstehende Schulden eintreiben. Der Drache meiner Klienten ist also häufig blanke Geldgier.” Eine kurze Pause folgte. “Passen Sie in irgendeine dieser Kategorien, Miss Barker?”

“Das nicht, nur …” Sie bemühte sich redlich, die Geduld nicht zu verlieren und seine schnoddrige Art einfach zu ignorieren. “Dann machen Sie es sich also gerne einfach? Nehmen bloß noch den leichten Kram an?”

“Ich nehme den Kram, der mir gelegen kommt. West-Küsten-Kram. Im Übrigen bezweifele ich, dass Sie sich mein Honorar überhaupt leisten können.”

Jetzt bückte sie sich doch und tätschelte ihre Katze, die immer noch nicht aufgegeben hatte. “Was soll das denn bitte schön heißen?”

“Ich weiß nicht, liegt vielleicht an Ihrem Akzent.”

Ihr blieb vor Empörung glatt die Spucke weg. “Das … das ist ja die reinste Diskriminierung!”, sagte sie atemlos.

“Na, Sie haben doch angerufen! Es steht Ihnen jederzeit frei, das Gespräch zu beenden.”

Madeline schob Sophie sanft beiseite und stand auf. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, er könne ihr den Buckel runterrutschen. Aber was war ihre Alternative, an wen würde sie sich stattdessen wenden? Jedenfalls an keinen Besseren, nach allem, was sie bisher in Erfahrung gebracht hatte. “Ich brauche Ihre Hilfe”, flehte sie. In ihrer Not griff sie auf schlichte Ehrlichkeit zurück.

Er fluchte, legte aber nicht auf. Also atmete sie tief durch und wagte einen erneuten Versuch. “Sind Sie noch dran?”

“Um was geht es denn eigentlich?”, fragte er mit einem Hauch Resignation, der Madeline neue Hoffnung gab.

“Um eine Person.”

“Wen genau?”

“Meinen Vater.” Dass er seit ihrem sechzehnten Lebensjahr verschollen war, verschwieg sie. Dass die Aufgabe möglicherweise schwer werden würde, wollte sie am besten nur scheibchenweise zu erkennen geben.

“Wohin ist er Ihrer Ansicht nach denn verschwunden?”

Trotz der vielen Jahre hatte sie sich an den Traum eines Wiedersehens geklammert – bis der Cadillac gefunden worden war. “Ich bin ziemlich sicher, dass er tot ist.”

“Und was macht Sie so sicher …?”

Sie hielt den Atem an und ließ ihn mit jedem Wort stoßweise entweichen. “Er hat sich lange … nicht mehr blicken lassen. Sehr lange nicht.”

“Wie lange?”

“Neunzehn Jahre.”

“Fast zwei Jahrzehnte? Sind Sie da nicht ein bisschen spät dran, Miss Barker?”

Sie war so betroffen von seinem vorwurfsvollen Ton, dass es ihr die Kehle zuschnürte. “Ich habe mein Möglichstes getan”, brachte sie mühsam hervor. Sie hatte sogar zu unzulässigen Mitteln gegriffen: Einmal brach sie in den Autosalon von Jed Fowler ein, ein andermal hatte sie Officer Hendricks benutzt, um Allie glauben zu machen, dass sie sich in akuter Gefahr befände.

“Und was haben Sie dabei in Erfahrung gebracht?”

Sehr wenig. Des Rätsels Lösung lag außerhalb ihrer bescheidenen kriminalistischen Fähigkeiten, leider auch jenseits derer der örtlichen Polizeibehörde. Mr. Solozano hatte ganz recht. Im Grunde hätte sie schon längst einen unbefangenen Privatermittler einschalten müssen. “Nicht genug.”

“Wer hätte denn am meisten von seinem Tod profitiert?”

“So simpel ist die Sache nicht. Meine Stiefmutter hat die Farm geerbt. Aber sie könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.”

“Wer käme da sonst noch infrage?”

“Jed Fowler, ein älterer Herr, der an dem Abend, als mein Vater verschwand, gerade unseren Schlepper reparierte. Der kommt einem zuweilen schon mal ein wenig … na ja, sonderbar vor. Und ein jüngerer Mann. Mike Metzger. Sitzt wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ich kann aber nicht beurteilen, ob einer von denen etwas mit der Sache zutun hat. Das sollen Sie ja herausfinden.”

“Klingt mir verdächtig nach Mordfall. Wenden Sie sich an die Mordkommission.”

Was für eine Dickfelligkeit! Sie hätte glatt aus der Haut fahren können. Dabei lag doch auf der Hand, dass sie bei einem Zeitraum von zwanzig Jahren die Polizei längst eingeschaltet hatte! Ihm war das offensichtlich mehr als egal; er wollte lediglich mit der Angelegenheit nichts zu schaffen haben. Mochte ja sein, dass dieser Hunter Solozano einen fähigen Privatdetektiv abgab, aber gleichzeitig auch das abgebrühteste Ekel, das ihr je untergekommen war.

“Okay, dann eben nicht. Entschuldigen Sie die späte Störung.” Ihr brach die Stimme. “Jetzt können Sie sich weiter mit ihrer Ex streiten. Hoffentlich gewinnt sie!” Wortlos beendete sie das Gespräch.

Antoinette hatte bereits gewonnen. Hunter warf sein Handy auf den Beistelltisch. Geschah ihm ganz recht, dass diese Madeline Barker sauer auf ihn war. Er hatte es regelrecht darauf angelegt, hatte sie ja bei jeder sich bietenden Gelegenheit provoziert. Nach dem Gespräch mit seiner Exfrau und anschließend einem zweiten mit seiner Tochter – mein Gott, was die ihm an den Kopf geworfen hatte! – konnte ihm nichts Besseres passieren, als sein Mütchen an jemandem zu kühlen, der gar nichts mit der Sache zu tun hatte.

Wohler fühlte er sich allerdings immer noch nicht. Eher im Gegenteil.

Der flimmernde, auf stumm geschaltete Fernseher war die einzige Lichtquelle im Zimmer. Im Allgemeinen wirkte Dunkelheit beruhigend auf Hunter, doch an diesem Abend war es anders. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, stand ziellos auf und setzte sich gleich wieder.

Vergiss das mit Maria. Sie wusste nicht, was sie sagte. Ihre Mutter hat ihr das eingeredet. Wie üblich.

Aber er konnte es nicht vergessen. Der Schmerz war zu konkret, als klaffe eine offene Wunde in seiner Brust. So als habe seine Tochter hineingegriffen, sein Herz in ihre kleine Hand genommen und vollkommen unbekümmert zugedrückt.

In dieser scheußlichen Verfassung grenzte es an ein Wunder, dass die Verzweiflung in der Stimme dieser Barker-Dame überhaupt zu ihm durchgedrungen war.

“Diese Frau ist nun wirklich nicht mein Problem!”, sagte er laut. Das Problem war vielmehr seine Tochter. Genauer gesagt, die Tatsache, dass seine Ex-Frau die Kleine gegen ihn aufhetzte. Obwohl er exorbitante Summen an Unterhalt zahlte – gerade erst diesen Monat hatte er Antoinette zweitausend Dollar außer der Reihe überwiesen –, gab sich seine Ex nie zufrieden. Er bezweifelte sogar, dass das überwiesene Geld seiner Tochter wirklich zugute kam. Bei der letzten Begegnung mit Antoinette war ihm aufgefallen, dass sie eine neue Nase im Gesicht trug, und ihre Brüste nach einer Vergrößerung dermaßen üppig ausgefallen waren, dass sie wie eine Porno-Queen auf ihn wirkte. Auch wenn er nicht mehr mit ihr verheiratet war: Wie sie das Geld mit vollen Händen ausgab, sich in der Schickeria-Szene von Los Angeles tummelte und versuchte, mit den Reichen und Schönen mitzuhalten, das war einfach nur peinlich. Die gemeinsame Tochter empfand solche Allüren vermutlich als doppelt unangenehm. Wahrscheinlich gab es im Schulelternrat nicht allzu viele engagierte Mütter, die mit melonengroßen Möpsen erschienen.

Komischerweise hatte sich Antoinettes Hang zu Schönheitsoperationen, Designerklamotten und Prominenten erst nach der Scheidung entwickelt.

Die Gewissensbisse, der eigentliche Grund für seine Lebenskrise, nagten immer stärker an ihm. Wie konnte es sein, dass er alles so komplett vermurkst hatte? Ja, wenn man das Rad noch einmal zurückdrehen könnte …

Aber es war längst zu spät, das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Und nun benutzte Antoinette ihre gemeinsame Tochter, um ihn auszunehmen wie eine Weihnachtsgans. Gleichzeitig sprach sie von ihm wie über den Teufel selbst und machte ihn für sämtliche vorpubertäre Probleme verantwortlich, die Maria in ihrer beider Zusammenleben verursachte.

Automatisch fiel sein Blick auf das Foto seiner 12-jährigen Tochter, das auf einem der leeren Regale über dem Fernseher stand. Es stellte in etwa die einzige Dekoration dar, die in dem Strandhaus noch übrig geblieben war. Antoinette hatte bei ihrem Auszug vor etwas über einem Jahr verbrannte Erde hinterlassen.

Mit ernster Miene erwiderte Maria aus dem Foto heraus seinen Blick. Vermutlich hatte der Schulfotograf sie noch aufgefordert, “Cheese” zu sagen. Sie selber schien hingegen zu denken: “Sei nicht albern! Was habe ich schon groß zu lachen?”

Das Verlangen nach einem Drink traf ihn mit derselben Wucht wie die der tosenden Brandung, die draußen gegen den Strand anrollte. Er kam sich hilflos vor, Sklave seines Verlangens nach etwas Scharfem, das ihm in der Kehle brannte und ihn die Welt um sich herum vergessen ließ. Das war doch nicht zu viel verlangt: Nur eine Nacht lang die Realität ausblenden, dann wieder zurück in die Tretmühle. So schlimm wie heute war es noch nie gewesen. So etwas wie an diesem Abend hatte seine Tochter ihm noch nie vorgeworfen.

Lass uns einfach in Ruhe, ja? Du machst alles nur noch schlimmer … Ich will nicht bei dir sein, kapiert? Ist ja doch alles deine Schuld!

Bei dem Gedanken an das Gespräch verzog er unwillkürlich das Gesicht, so als hätte er eine heiße Herdplatte berührt. Er griff nach seinem Schlüssel und der Brieftasche, musste in die Kneipe an der Ecke, wenn er sich volllaufen lassen wollte. Inzwischen seit einem halben Jahr trocken, hatte er keinen Alkohol im Haus.

Doch an der Haustür zögerte er. Ihm war, als folge ihm Marias Blick, als sehe sie ihm vorwurfsvoll nach. Du bist genau das, was man von dir behauptet! Ein Säufer!

Zähneknirschend und mit gesenktem Kopf kämpfte er gegen die Schwäche an, die ihn zu überwältigen drohte. Er musste diesem Drang widerstehen – und sei es nur, um Antoinettes Vorwürfe Lügen zu strafen.

Letzten Endes zwang er sich dazu, zur Couch zurückzugehen. Er nahm seine Gitarre zur Hand, spielte ein paar Akkorde. Alles war so verdammt paradox, dachte er, bemüht, dem Telefonanruf, der ihn so tief getroffen hatte, etwas Gutes abzugewinnen. Einzig der Alkohol hatte ihn in die Lage versetzt, die gereizte Stimmung und latente Unfreundlichkeit zu ertragen, denen er tagtäglich in seiner Ehe ausgesetzt gewesen war. Und unter dem Einfluss von Alkohol hatte er den einen Fehler begangen, den er nie hatte begehen wollen, jenen Fehltritt, bei dem er im Bett der Nachbarin gelandet war – mit dem er seine Ehe zerstört hatte.

In der Hoffnung, sich in die Musik flüchten zu können, spielte er ein paar Songs der Rockgruppe Nickelback vor sich hin. Seine Gitarre half ihm, sich ein wenig zu entspannen. An diesem Abend jedoch bot ihm nicht einmal die Musik ein Ventil für all den aufgestauten Frust. Antoinette hatte ihm versprochen, er dürfe nächstes Wochenende für eine Woche mit Maria nach Hawaii fliegen. Zwei Monate plante er die Reise schon. Dann hatte die Kleine angerufen und ihm mitgeteilt, sie wolle nicht mitkommen …

Lustlos zupfte er noch ein paar Riffs, konnte sich dabei auf nichts richtig konzentrieren. Kehle und Augen brannten, die Muskeln schmerzten von dem krampfhaften Bemühen, seine Sucht zu unterdrücken.

Um auf andere Gedanken zu kommen und nicht an die Absage zu denken, die ihm andauernd durch den Kopf ging, ließ er noch einmal das Telefongespräch mit dieser Südstaatlerin Revue passieren. Wonach suchen Sie denn …? Nach einer Person … Nach wem …? Nach meinem Vater …

Hunter seufzte. Maria wollte ihren Vater nicht einmal besuchen. Da wohnten sie keine zehn Meilen voneinander entfernt, und sie lehnte es ab, ihn zu sehen! Was Antoinette natürlich gerade recht war. Seine Ex hasste ihn – weil er sie nie wirklich geliebt hatte.

Nicht! Denk an was anderes!

Wieder war ihm, als höre er die Stimme von Madeline Barker. Das ist ja reinste Diskriminierung!

Mit nachdenklicher Miene stellte er die Gitarre zur Seite. Mississippi stand nicht gerade besonders weit oben auf seiner Liste der attraktivsten Reiseziele. Aber mit Notlagen kannte er sich aus. Und hier hielt ihn doch sowieso nichts, oder? Allein in einem leeren Haus, nur die Gitarre als Gesellschaft, Tag und Nacht schuftend, damit er nicht rückfällig wurde und wieder dem Alkohol verfiel.

Mittlerweile führte er ein so erbärmliches Dasein, dass es jeder Beschreibung spottete. Er liebte Kalifornien, hatte sein ganzes Leben hier in Newport Beach verbracht, doch ihm war, als höre er im stetigen Tosen der Brandung, die nur knapp zwanzig Schritte von seiner Haustür entfernt an den Strand rollte, nur immer wieder den einen Namen: Maria … Maria … Maria …

Nur ein Idiot verdarb es sich mit der eigenen Tochter! Und nur ein noch größerer Idiot legte den Strick, mit dem er sich aufhängen wollte, in die manikürten Hände seiner rachsüchtigen Exfrau, damit sie die Schlinge zuziehen konnte …

Vielleicht war es Zeit, mit diesem ganzen Theater Schluss zu machen. Auf keinen Fall wollte er seine Tochter dazu zwingen, ihn zu besuchen. Die Vorstellung, sie noch unglücklicher zu machen, als sie sowieso schon war, war ihm unerträglich. Maria hatte ihn wissen lassen, dass es für alle Parteien besser wäre, wenn er sie in Ruhe ließe. Vielleicht tat ihm ein Tapetenwechsel ja wirklich mal ganz gut? Es brachte weiß Gott niemandem etwas, wenn er hier herumhockte und allmählich durchdrehte. Allein nach Hawaii, das kam allerdings auch nicht infrage. Das brachte ihn womöglich nur auf dumme Gedanken. Am Ende hätte er es vermutlich nicht mal einen Tag ausgehalten und sich wieder in die nächste Kneipe geflüchtet.

“Ach, zum Henker”, knurrte er und knipste die Schreibtischlampe an, damit er die Nummer des Anschlusses erkennen konnte, von dem aus Madeline Barker ihn angerufen hatte.

Vom schrillen Klingeln aufgeschreckt, hob Madeline schlaftrunken den Kopf. War es etwa schon Morgen?

Sie fühlte sich verspannt und am ganzen Körper wie zerschlagen. Als sie blinzelnd auf ihre Armbanduhr schaute, wusste sie auch wieso: Es war erst ein Uhr morgens! Also konnte sie allerhöchstens zwanzig Minuten geschlafen haben. Und da sie am Schreibtisch eingenickt sein musste, hatte sie sich wohl den Nacken verrenkt.

Wieder schrillte das Telefon. Mit Mühe hob sie den Hörer ans Ohr; beinahe wäre er ihr aus der Hand geglitten. “Hallo?” Ihre Stimme klang kehlig und rauh.

“Miss Barker?”

“Ja?”

“Hunter Solozano hier.”

Sie fuhr hoch und stand einen Moment vor Anspannung auf den Zehenspitzen. “Was kann ich für Sie tun, Mr. Solozano?”

“Sie können mir den nächstgelegenen Flughafen verraten!”

“Weshalb … Sie wollen vorbeikommen? Hierher?”

“War das nicht genau Ihr Anliegen?”

“Ja, sicher, nur …” – vor lauter Aufregung kribbelte ihr die Kopfhaut – “… wir haben ja das Prozedere noch gar nicht besprochen.”

“Mein Honorar beträgt tausend Dollar pro Tag. Plus Spesen.”

Tausend Dollar pro Tag! Sie schlug sich die Hand vor den Mund.

Solozano redete ungerührt weiter. “Sie sagten, das mit dem Honorar wäre kein Problem. Gilt das noch?”

Das würde sie ja ein kleines Vermögen kosten, sogar noch mehr, als sie erwartet hatte. Allerdings wollte sie auch nicht zugeben, dass sie jetzt doch noch ins Trudeln kam. Jedenfalls nicht nach dem, was er ihr vorhin an den Kopf geworfen hatte. Liegt vermutlich am Akzent. Mochte ja sein, dass sie aus seiner Sicht in den Wäldern hauste, doch eine ungebildete, weltfremde Landpomeranze war sie deshalb noch lange nicht. “Klar. Kein Problem”, log sie frech.

“Gut. Die ersten fünftausend sind als Vorschuss fällig.”

Vor Schreck biss sie sich auf die Unterlippe. Schon die Summe war so gewaltig, dass für nächsten Monat nicht viel übrig bleiben würde, um die laufenden Kosten zu decken. Die Zeitung war eher eine Liebhaberei; leben konnte man von ihr kaum. “Wie lange wird die Ermittlung denn wohl in Anspruch nehmen … so nach Ihrem Gefühl?”

“Kann ich von hier aus schlecht beurteilen”, sagte er schulterzuckend. “Wie wichtig ist es Ihnen denn mit der Sache?”

Angesichts der finanziellen Belastung wurde ihr ganz flau. Wenn dieser Solozano nur einen Monat blieb, lief das auf eine Rechnung von über zwanzigtausend Dollar hinaus. Bei freien Wochenenden, wohlgemerkt.

Sei’s drum, er war ihre letzte Hoffnung. Sämtliche anderen Möglichkeiten waren ausgeschöpft. “Wichtiger, als mir je etwas im Leben gewesen ist.”

“Wunderbar, dann bin ich pünktlich am Donnerstag bei Ihnen.”

Sie musste schlucken. “Donnerstag schon?”

“Ja, Sie haben Glück. Eigentlich wollte ich in Urlaub, aber das hat sich gerade zerschlagen.”

Glück? Bei tausend Dollar pro Tag plus Unkosten? “Äh … nur mal sicherheitshalber – was beinhalten denn Ihre Spesen? Flugticket plus Hotel?”

“Plus Mietwagen, Kost und Logis, etwaige Laboruntersuchungen von gefundenem Beweismaterial und dergleichen.”

“Verstehe …” Das konnte eine lange Liste werden. Bei seinem Honorar waren die anfallenden Spesen wohl ihre geringste Sorge. Aber das mit dem Beweismaterial, das klang aus seinem Munde doch schon recht optimistisch!

“Erledigen Sie die Hotelbuchung, oder soll ich das übernehmen?”, wollte er wissen.

Madeline ließ den Hörer von einer Hand in die andere wandern und wischte sich die feucht gewordenen Handflächen an der Jogginghose ab. “Ich dachte … also, ich hatte mir überlegt …”

“Was überlegt, Miss Barker?”

Sein ungeduldiger Ton machte sie langsam nervös. “Gäb’s da vielleicht ‘ne Möglichkeit, das Ganze etwas günstiger zu gestalten?”

“Günstiger gestalten?”, wiederholte er argwöhnisch.

“Ich habe hier noch eine separate Einliegerwohnung und dachte, ich könnte Sie vielleicht so lange dort unterbringen. Sehr ruhig gelegen”, fügte sie hinzu. “Ich lebe allein.”

“Und womit soll ich fahren?”

“Mit meinem Wagen.”

“Und Sie fahren womit?”

“Mein Stiefbruder leiht mir bestimmt einen der Trucks von seiner Farm. Die Dinger mögen zwar nicht besonders viel hermachen, weil damit immer Erde und Futter transportiert wird, aber einen hat er bestimmt für mich übrig.”

Offenbar machte es Hunter nichts aus, in der Einliegerwohnung zu wohnen und ihren Wagen zu fahren, denn er sagte sofort zu. “Soll mir recht sein. Heißt das, Sie holen mich am Flughafen ab?”

Wenn sie ihn chauffierte, ergab sich zumindest die Möglichkeit, sich während der Fahrt zu unterhalten. Dann konnte er gleich bei der Ankunft in Stillwater mit seinen Nachforschungen beginnen. Es erschien ihr sinnvoll, die Kosten möglichst in Grenzen zu halten, zumal es ja keine Garantie gab, dass am Ende irgendetwas bei diesem Auftrag herauskam. Ob er wohl Spuren fand, die alle anderen übersehen hatten? Oder würde er sich letztendlich als ebenso erfolglos erweisen wie die Polizei? Möglicherweise ruinierte sie ihre Finanzen für nichts und wieder nichts. Wegen eines Hungers, der nie gestillt werden konnte …

“Miss Barker, sind Sie noch dran?”

Sie schluckte abermals, denn jetzt war ihr der Hals wie ausgedörrt. “Ich hole Sie ab. Am besten fliegen Sie nach Nashville, okay?”

“Liegt das näher als Jackson?”

“Ungefähr zwei Autostunden.”

“Einverstanden. Ich buche über das Internet und melde mich morgen früh.”

“Alles klar.” Sie tat so, als sähe sie das Ganze ebenso nüchtern wie er. Doch als sie das Gespräch beendete, konnte sie den Blick nicht vom Telefon wenden.

“Wenn das mal gut geht”, murmelte sie unsicher.

3. KAPITEL

“Wie bitte?”, entfuhr es Grace. “Was hast du gemacht?”

Den Hörer zwischen Kinn und Schulter geklemmt, leerte Madeline ihre Kaffeetasse aus und stellte sie in den Geschirrspüler. Der Morgen war viel zu früh angebrochen. Nach einer schlaflosen Nacht brannten ihr die Augen vor Müdigkeit. Da half auch der Kaffee nicht, den sie auf leeren Magen getrunken hatte, um in die Gänge zu kommen. Im Gegenteil, er stieß ihr säuerlich auf. “Ich habe mir einen Privatdetektiv engagiert.”

“Du willst mich doch auf den Arm nehmen?”

“Keineswegs.”

“Und wo hast du den Burschen aufgetrieben?”

“In Kalifornien.”

“Aber Maddy … es sind doch bereits so viele Jahre vergangen, seit Dad spurlos verschwunden ist!”

“Eben. Deswegen habe ich’s ja gemacht!” Madeline eilte ins Badezimmer, gefolgt von ihrer neugierigen Katze. Sie wollte sich noch schnell zurechtmachen und dann schnell in die Redaktion. Diesen Morgen durfte sie nicht schon wieder verbummeln. Sie hatte sich vorgenommen, endlich den Artikel zu verfassen, den sie eigentlich bereits am Vortag hätte schreiben sollen. Er musste fertig werden, ehe die Ausgabe in den Druck ging. Möglich, dass ihr Sinneswandel ein wenig spät kam, aber als einzige offizielle Reporterin in Stillwater war sie entschlossen, die Begleitumstände der Cadillac-Bergung detailliert und unvoreingenommen darzustellen, ohne Rücksicht darauf, dass sie persönlich betroffen war.

“Aber Allie hat doch bei der Polizei gearbeitet!”, wandte Grace ein. “An den besonders schwierigen, den lange ungelösten Fällen! Wenn sie schon nichts hat finden können – hast du da nicht Angst, dass so ein Detektiv reine Zeit- und Geldverschwendung ist?”

Madeline hatte keine Lust, über Allie zu reden, jedenfalls nicht mit Grace. Nachdem Allie seinerzeit ein Auge auf Clay geworfen hatte, war ihr kriminalistischer Eifer spürbar erlahmt. Hatte sie Angst vor dem, was sie bei genauerer Untersuchung möglicherweise finden würde? Gut möglich. Zumindest passte es in das Bild, das sich andere Leute von dem rätselhaften Verschwinden ihres Vaters anscheinend machten. Jetzt allerdings, bei ihrem engen Verhältnis zu Clay, scherte sie diese Sorge offenbar nicht mehr. Beide schienen fest entschlossen, nach vorn zu schauen und die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Sie hatten gut reden, wie Madeline fand, denn im Gegensatz zu ihr litten sie nicht unter dem quälenden Gefühl, eine Mitverantwortung für das Verschwinden von Lee Barker zu tragen. Allies Vater hatte vor seiner Versetzung aus Stillwater zwar auch reichlich Probleme gehabt, beispielsweise diese unselige Affäre mit Irene, aber immerhin war Chief McCormick nicht völlig aus dem Leben seiner Tochter verschwunden. Woher sollte Allie also wissen, wie sich das anfühlte, wenn man darüber grübelte, wo der eigene Vater abgeblieben war? Und nicht wusste, ob er überhaupt noch am Leben war? Und Clay, der kannte seinen Vater sowieso kaum, hatte er doch nur drei Jahre mit ihm zusammengewohnt.

“Bevor sie zu tief bohren konnte, hat ihr Vater sie damals doch gefeuert, weil er befürchtete, sie würde für Clay Partei ergreifen”, betonte Madeline, bemüht, die Wogen zu glätten. Wenn sie jetzt anfing, anderen Passivität oder gar Untätigkeit zu unterstellen, führte das mit Sicherheit dazu, dass Grace sich automatisch ebenfalls angegriffen fühlte. Und Grace hatte stets selbst genug mit sich zu kämpfen gehabt. Eine einigermaßen normale Beziehung zu ihrer Familie, die unterhielt sie erst seit ihrer Rückkehr vor eineinhalb Jahren. Davor hielt sie sich lieber auf Distanz und war voll und ganz in ihrem Beruf als stellvertretende Staatsanwältin in Jackson aufgegangen.

Sie alle hatten ausnahmslos schwierige Zeiten hinter sich.

“Sie hätte bestimmt nicht lockergelassen”, widersprach Grace. “Nur hat sie eben keine Hinweise gefunden, wo Dad möglicherweise heute stecken könnte.”

“Oder wer ihm womöglich was angetan hat”, ergänzte Madeline.

“Oder wer ihm etwas angetan hat”, räumte Grace ein.

Madeline strich sich das Haar zurück, um die dunklen Ringe, die sich nach einer mehr oder minder schlaflosen Woche unter ihren Augen gebildet hatten, mit einer Grundierung zu kaschieren. “Ich konnte halt einfach nicht anders.”

“Es kommt wahrscheinlich sowieso nichts dabei raus.” Grace blieb bei ihren Bedenken.

“Mag sein, aber als ich sah, wie sie den Cadillac aus dem Baggersee zogen, da wurde mir ganz übel.” Sie hielt inne, die Hand schon über dem Rouge, das sie als Nächstes auftragen wollte. “Da kam es mir vor, als hätte ich meinen Vater im Stich gelassen, weil ich nicht wirklich alles unternommen habe. Mich selber auch. Sogar dich und Clay, Grace. Clay wäre ja letzten Sommer um ein Haar wegen Mordes angeklagt worden!”

“Ich glaube nicht, dass sie ihm noch mal was anhängen werden”, hielt Grace dagegen. “Letztes Jahr, das war eine politische Angelegenheit. Seitdem hält der Vincelli-Clan sich zurück.”

“Mein Onkel und meine Tante vielleicht, aber die beiden Cousins sicher nicht. Du hast sie ja am Baggerloch erlebt!”

“Joe und Roger? Das sind doch Aasgeier. Solange wir in Bewegung bleiben, tun die uns nichts.”

“Sie haben eine Menge mächtiger Freunde.”

“Aber keine hieb- und stichfesten Beweise. Die wird es auch niemals geben. Clay ist unschuldig.”

Fertig mit dem Auftragen des Rouge, pinselte Madeline sich einen Hauch braunen Lidschatten auf die Lider. “Mit dem Autowrack kommt die ganze Geschichte buchstäblich wieder hoch”, bemerkte sie. “Meinst du nicht auch, dass man der Sache jetzt erst recht auf den Grund gehen muss?”

Das Schweigen dehnte sich. Aus etlichen Sekunden wurde schließlich eine halbe Minute.

“Stimmt etwas nicht?”, fragte Madeline schließlich.

“Nein, alles okay”, erwiderte Grace. “Glaub mir, ich würde auch gern erfahren, was wirklich geschehen ist. Nur eben nicht um jeden Preis.”

“Wir reden doch nur über Geld. Was sind schon die paar Dollar, wenn wir dafür endlich Seelenfrieden finden?” Madeline tat das Lidschattendöschen in ihr Kosmetiktäschchen und kramte nach der Wimperntusche.

“Kannst du dir diesen Detektiv denn überhaupt leisten?” In Graces Stimme lag ein besorgter Unterton.

“Ich lasse ihn eben recherchieren, solange es irgend geht.” Irgendwo im Unterbewusstsein hörte Madeline bereits eine Uhr ticken. Es machte sie rasend. Sie konnte nur hoffen, dass dieser Solozano auf Antworten stieß, ehe sie einen Nervenzusammenbruch erlitt oder womöglich mittellos auf der Straße landen würde.

“Brauchst du vielleicht etwas finanzielle Unterstützung?”

Es war ein großzügiges Angebot. Allerdings durfte Madeline nicht von ihrer Schwester erwarten, dass sie eine private Ermittlung mitfinanzierte, an der ihr mit Sicherheit nicht gelegen sein konnte. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach würde Mr. Solozano sein Augenmerk zunächst auf Grace, die Mutter und den Bruder richten, alles Menschen, die sie lieb hatte. Erst wenn das große Fragezeichen ausgeräumt war, das die Montgomerys in aller Augen verdächtig wirken ließ, würde er seine Ermittlungen ausweiten.

“Danke, nein.” Sie guckte auf ihre Armbanduhr. Fast neun. “Ich muss los.”

“Vielleicht besprichst du das Ganze erst mal mit Clay”, schlug Grace vor.

“Ich nehme an, Mr. Solozano hat sein Flugticket schon in der Tasche.”

“Wo wird er denn unterkommen?”

“Hier bei mir, in meiner Einliegerwohnung.”

“Na, ob das so ‘ne gute Idee ist … Du kennst den Mann doch gar nicht!”

“Ach, das klappt schon”, versicherte Madeline.

“Er kann doch im Blue Ribbon wohnen. Was spricht dagegen?”

“Er stammt aus L.A.”

“Na und?”

Madeline hatte auf keinen Fall die Absicht, Hunter Solozano in dem altertümlichen Motel einzuquartieren, das direkt neben einem Campingplatz mit lauter heruntergekommenen Wohnmobilen lag. Abgesehen davon, dass es seine Überheblichkeit sicher steigern würde, war es auch einfach zu teurer. Außerdem gefiel ihr die Idee, ihren Schnüffler direkt in Reichweite zu haben, gar nicht so schlecht. Dann konnte sie sicher sein, dass er auch etwas für sein Geld tat und nicht nur auf ihre Kosten Pay-TV schaute. “Er verfügt über die allerbesten Referenzen.”

“Maddy …”

Sie schnitt Grace das Wort ab. “Wenn ich ihn erst näher kenne und meine, es wird brenzlig, kann ich mir immer noch etwas anderes überlegen.”

“Na, dann …” Grace gab fürs Erste klein bei, war aber nicht überzeugt, wie ihre Betonung deutlich erkennen ließ. “Und du meinst, der Mann versteht seinen Job?”

“Auf jeden Fall! Du, wir sprechen uns später, ja?” Als Madeline die Unterbrechertaste drückte, begriff sie, dass sie diesen Hunter mit einem erheblichen Vertrauensvorschuss bedachte. Dabei war keineswegs auszuschließen, dass seine Ermittlungen in einer Riesenenttäuschung endeten. Andererseits hatten ihn seine Kollegen über den grünen Klee gelobt. Wahrscheinlich musste sie sich darauf verlassen, dass er ihr endlich eine Auflösung präsentierte.

Trotzdem war es merkwürdig. Selbst der Gedanke an eine erfolgreiche Aufklärung machte sie nervös. Vermutlich hatte sie im Grunde ihres Herzens doch mehr Angst vor der Wahrheit, als sie sich selber eingestehen wollte. Sie kannte nahezu jeden Menschen in der Stadt, und somit standen die Chancen gut, dass auch der Mörder ihres Vaters darunter war.

Aus seinem Küchenfenster starrte Clay auf die Scheune, in der alles angefangen hatte. Die Sonne lugte hinter den Wolken hervor und ließ das lang gestreckte Gebäude in einem düsteren Schatten, der sich bis über den Hof erstreckte und fast bis zum Hühnerstall lief.

Leider reichte der Schatten des Mannes, der dahinter begraben lag, noch viel weiter. Damals, in jener Nacht, in der alles schiefging, war Clay gerade sechzehn Jahre alt gewesen. Dennoch ließen ihn die Ereignisse von damals auch heute noch keine Ruhe finden.

Zwanzig verfluchte Jahre lang … Und was damals passiert war, das würde ihn auch noch nach sechzig Jahren im Schlaf verfolgen. Das war ihm sonnenklar.

Kopfschüttelnd wanderte sein Blick zur Vorderseite der Scheune. Nachdem seine Schwestern aufs College gingen und seine Mutter in die Stadt gezogen war, hatte er den alten Pferdestall umgebaut. Wo damals noch der bösartige Gaul des Reverend und ein paar Pferde zur Miete gestanden hatten, erstreckte sich nun eine große, offene Halle, in der Clay an Oldtimern herumwerkeln konnte. Das dunkle Kabuff jedoch, das seinerzeit Lee Barker als Arbeitszimmer diente, das stand nun leer. Clay hatte auch nicht die Absicht, den Raum jemals zu nutzen. Im Gegenteil, er setzte nicht mal einen Fuß hinein, beschwor er doch zu viele Erinnerungen an jenen Mann herauf, den er gehasst hatte wie keinen anderen Menschen sonst auf der Welt.

Mit versteinerter Miene stellte er sich vor, wie sein Stiefvater immer am Fenster ebendieses Büros gestanden und peinlich genau darauf geachtet hatte, dass die alltäglichen Routinearbeiten auch seinen Anweisungen entsprechend ausgeführt wurden. Nach Irenes Heirat mit dem Reverend war Clay zu einer Art Sklave degradiert worden. Was Barker indes Grace angetan hatte, das war viel schlimmer …

“Seit wann findet man dich um diese Tageszeit im Haus? Was ist passiert?”

Clay drehte sich um. Eben betrat seine Frau das Zimmer. Er hatte schon auf sie gewartet. Sie half dienstags in der Schule ihrer beider Tochter aus, war aber normalerweise bis zum Mittag zurück.

“Grace hat angerufen”, sagte er und hielt den Blick noch eine Weile auf sie gerichtet. Allies große braune Augen, die glatte Haut, das unbefangene Lächeln – all das wirkte beruhigend auf ihn.

Nur ihr wundervolles Lächeln war über die Ereignisse der letzten Tage wie verflogen. Die Art, in der sie die Handtasche auf die Arbeitsplatte legte und sich das Haar hinter das Ohr strich, verriet ihm, dass sie sich auf das Schlimmste gefasst machte. Seit der Nachricht, der Cadillac sei gefunden worden, rechnete sie jederzeit mit einer Hiobsbotschaft. “Gibt’s etwas Neues?”, wollte sie wissen. “Hat die Polizei Beweismaterial gefunden oder …”

“Nicht, dass ich wüsste.”

Sie zog die Stirn kraus. “Und warum hat Grace dann angerufen?”

Hätte er sie doch bloß nicht mit seinen Sorgen belastet! Er war daran gewöhnt, sein Päckchen allein zu tragen, mochte es auf gewisse Art sogar lieber so. Allie hatte ja mit dem Vorfall, der sein Leben so sehr prägte, eigentlich nichts zu tun. Doch bei der Heirat, da hatte er ihr versprochen, er würde ihr nichts verheimlichen. Nicht mal diese Angelegenheit. “Madeline hat einen Privatdetektiv engagiert.”

Sanft schob sie ihn auf einen der Küchenstühle und fing an, ihm die Schultern zu massieren. “Das würde ich nicht überbewerten”, meinte sie. “Der Fall ist allmählich so lange geschlossen, da beißt sich selbst der fähigste Ermittler die Zähne aus. Und tüchtige Privatermittler sind ohnehin dünn gesät.”

“Der soll aber einen ziemlich guten Ruf haben”, wandte Clay düster ein.

“Wer behauptet das?”

“Grace hat sich mal umgehört. Einer von ihren ehemaligen Kollegen bei der Staatsanwaltschaft stammt aus Kalifornien. Der hat hin und wieder mit ihm zusammengearbeitet.”

Schlagartig hörte das Kneten auf. “Heißt das, der Mann hat bereits Erfahrungen, was Schwerverbrechen angeht?”

“Nach allem, was Grace erfahren hat, ist er früher ein Cop gewesen. Irgendwann hat er gemerkt, dass sich mit seinen Fähigkeiten auch mehr Geld verdienen lässt, und sich selbständig gemacht. “

“Toll”, bemerkte sie sarkastisch. “Und was ist sein Fachgebiet? Sag bloß nicht, Männer, die aus einem Kuhdorf in Mississippi stammen und seit zwanzig Jahren verschollen sind.”

Clay schüttelte langsam den Kopf. “Ich glaube eher, er war bisher mehr hinter verschollenen Vermögenswerten her.”

“Und was treibt ihn dann zu uns?”

“Anscheinend nimmt er jeden Auftrag an, der ihm spannend erscheint.”

Das Massieren setzte wieder ein. “Damit werden wir auch noch fertig”, murmelte Allie.

Das war ihr Motto bei jeder Herausforderung – eine Haltung, die das Leben erleichterte. “Ein Glück, dass ich dich gefunden habe!”, sagte er und küsste sie auf den Handrücken. In Allies Gegenwart konnte ihm die Vergangenheit nicht so viel anhaben, auch wenn er wusste, dass diese Vergangenheit ihn nie endgültig seinen Frieden finden lassen würde. Deshalb hatte er sich mit ihrer Beziehung ja auch so schwergetan. Es gehörte sich einfach nicht, ein solch düsteres Geheimnis mit in die Ehe zu bringen. Man konnte eine Ehepartnerin weder nötigen, das Geheimnis zu wahren, noch durfte man sie durch die Furcht vor einer Enthüllung belasten.

“Wir waren eben füreinander bestimmt”, stellte sie fest.

Obwohl innerlich angespannt und verkrampft, überließ er sich mit geschlossenen Augen ihren wohltuenden Händen.

“Und?”, fragte sie. “Was hast du jetzt vor?”

Die Frage stellte er sich bereits, seit er von der Neuigkeit erfahren hatte. “Ich wüsste nicht, was ich da tun könnte.”

“Du könntest Maddy anrufen und ihr die Sache ausreden.”

“Vielleicht könnte man sie dadurch eine Weile vertrösten, aber ihr Bedürfnis nach Aufklärung ist zu stark, besonders seit man den Cadillac gefunden hat. Irgendwann knickt sie ein und heuert den Burschen im nächsten oder übernächsten Monat doch noch an. Egal, ob ich sie jetzt überrede oder nicht.”

“Glaube ich nicht”, widersprach Allie. “Auf dich hört sie. Du bist der große Bruder, an den keiner ranreicht.”

Aber wenn Madeline jemals die Wahrheit erführe, dachte Clay, dann wäre es schnell vorbei mit der schwesterlichen Bewunderung. Im Gegenteil: Sie würde niemals in der Lage sein, ihm alles zu verzeihen. Alles war so verdammt kompliziert. Sollte Madeline erfahren, was wirklich passiert war, ginge dadurch nicht bloß die Beziehung zu ihm zu Bruch. Auch die Verbindung zu seiner Mutter, zu Grace und zu der jüngsten, in New York lebenden Schwester wäre in Gefahr.

“Es hörte sich außerdem so an, als wäre mit Kirk endgültig Schluss”, brummte er nachdenklich, wodurch er das Thema wechseln wollte.

“Und darüber bist du enttäuscht?”

Er verdrehte sich fast den Hals, um sie anzusehen. “Du denn nicht?”

Sie lächelte gequält. “Ich mag Kirk auch. Aber da haben wir uns gefälligst rauszuhalten. Madeline muss tun, was sie für richtig hält.”

“Wer sagt denn, dass Kirk nicht genau der Richtige für sie ist? Er ist fleißig und ein prima Kerl.”

“Nur weil du ihn magst, muss sie ihn noch lange nicht heiraten. Es funkt nicht richtig, sonst hätten sie sich schon längst das Jawort gegeben. Sie benehmen sich mehr wie zwei gute Kumpel als wie ein Liebespaar.”

Das Dumme war nur: Kirk zählte schon so lange quasi zur Familie, dass es das fein austarierte Gefüge untereinander aus dem Gleichgewicht bringen würde, wenn er plötzlich fehlte. “Allmählich muss sie sich was einfallen lassen. Sie ist sechsunddreißig.”

Allie lachte. “Du doch auch! Da ist man doch noch lange kein altes Eisen!”

“Aber sie träumt doch immer noch von einer Großfamilie.”

“Sie wird den passenden Handschuh schon rechtzeitig finden.”

“Eben! Und das ist Kirk!”, unterstrich er. “Den sollte sie heiraten, eine Familie gründen und die Vergangenheit abhaken.” Finster verschränkte er die Arme. “Stattdessen wirft sie ihr Geld für so einen Schnüffler zum Fenster raus! Und hinterher treibt sie das dann womöglich noch in eine finanzielle Pleite!”

“Schuld, Verantwortung, Neugier – alles starke Motive”, betonte Allie. “Dafür müsstest doch gerade du Verständnis haben!”

“Um mich geht’s hier nicht!”, sagte er tonlos.

Ihr Lächeln kehrte zurück. “Ach, wenn du wüsstest, was für ‘n feiner Kerl du bist!”

Er strich sich das Haar aus den Augen. Es wurde allmählich zu lang; ein Haarschnitt war fällig. “Mir reicht es, wenn du mich dafür hältst.”

“Vielleicht wäre die Situation anders, wenn Maddy noch ihre Mutter hätte”, sinnierte sie.

“Klar wäre sie das. Dann hätte meine Mutter diesen Lee Barker nicht geheiratet. Er hat zwar kein gutes Haar an seiner ersten Frau gelassen, aber Scheidung, das wäre für ihn nie infrage gekommen. Das hätte ein schlechtes Licht auf ihn geworfen.” Der verbitterte Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. “Der äußere Schein ging ihm ja über alles.”

Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. “Unter den Umständen hast du das Beste draus gemacht, auch bei Maddy. Du hast sie genauso lieb wie deine leiblichen Schwestern.”

“Das sieht sie möglicherweise anders”, entgegnete er. “Einerseits gehört sie zur Familie, andererseits auch wieder nicht. Das ist bestimmt nicht immer einfach.”

“Viel schlimmer wäre es, wenn sie die Wahrheit erfahren würde.” Allie holte das Telefon. “Hier, ruf sie an.”

“Und was soll ich ihr erzählen? Hey, Maddy, eins lass dir von mir gesagt sein: Du willst gar nicht wissen, was du da unbedingt meinst erfahren zu müssen?”

Spielerisch zupfte sie ihn an seinem Haar. “Ach, Quatsch! Sag ihr, es wäre längst Gras über den Fall gewachsen, da würde auch ihr Schnüffler nichts Neues aufdecken. Da gäbe sie eine Stange Geld für nichts und wieder nichts aus. Und wenn das nichts fruchtet, sag ihr einfach, du hältst nichts davon.”

“Ich kann sie aber auch nicht zu hart anfassen”, monierte er.

“Wieso nicht?”

“Weil es sowieso schon an ein Wunder grenzt, dass die Leute hier in der Gegend sie noch nicht gegen mich haben aufhetzen können.”

“Sie würde sich nie gegen dich wenden.”

“Könnte sie aber, wenn dieser Detektiv hier auftaucht.”

“Und genau deswegen musst du sie dazu bringen, ihn gar nicht erst einfliegen zu lassen”, unterstrich Allie.

“Ich glaube kaum, dass sie sich von mir umstimmen lässt.”

“Kommt auf einen Versuch an”, beharrte Allie, wobei sie ihm ungeduldig das Telefon entgegenhielt.

Das Telefon in Madelines Redaktionsbüro klingelte schon den ganzen Morgen. Fast konnte man den Eindruck bekommen, jeder in Stillwater wolle zum Autofund im Steinbruch seinen Senf dazugeben. Was sie auch nicht weiter wunderte. Schon vor Jahren war das Verschwinden ihres Vaters Gesprächsthema Nummer eins gewesen. Durch die Kunde vom Fund seines Wagens kochte das öffentliche Interesse nun wieder hoch.

Zum Glück waren die meisten Anrufe gut gemeint. Freunde und Bekannte, die gerade die Neuigkeit erfahren hatten, wollten gern ein aufmunterndes Wort oder eine Nettigkeit loswerden.

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