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Tot geglaubt

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Für Kendra DeSantolo

Sie liest meine Texte, spornt mich an und übt konstruktive Kritik, bis jede Geschichte genau so ist, wie sie sein soll. Sie spendet für und kauft bei meiner alljährlichen Internet-Auktion zugunsten der Diabetes-Forschung. Sie bringt mir etwas zu Essen vorbei, wenn ich mich tagelang einschließe, um einen Roman zu beenden, und nichts im Haus habe außer einer Tüte Mandeln. Sie steht mir stets mit klugen Ratschlägen zur Seite, egal was ich gerade recherchiere. Sie informiert mich über alle wohltätigen Kuchen-Basare im Umkreis (ich liebe Kuchen-Basare!). Und sie hört mir zu, wenn ich das Bedürfnis habe, mein Herz auszuschütten.

Ich bin froh, dass sie Teil meines Lebens ist. Sie ist eine echte Freundin.

“Jeder Feigling traut sich zu, einen Kampf auszutragen,

wenn er sicher ist, ihn zu gewinnen.

Aber zeig mir den Mann, der den Schneid hat,

zu kämpfen, wenn er weiß, dass er verliert.”

– George Eliot –

(englische Schriftstellerin, 1819 – 1880)

1. KAPITEL

Sie hatten ihn nicht vorsätzlich getötet. Eigentlich müsste das als mildernder Umstand berücksichtigt werden. Das würde es vielleicht auch – an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Aber nicht hier; das hier war schließlich Stillwater, Mississippi. Und das Einzige, was noch kleiner war als die Stadt selbst, war das Gemüt ihrer Einwohner. Sie vergaßen nichts und verziehen nie. Neunzehn Jahre waren nun schon vergangen, seit Reverend Barker verschwunden war. Und doch war mancher hier nach wie vor versessen darauf, jemanden für den Verlust des beliebten Predigers büßen zu sehen.

Clay Montgomery hatte man von Anfang an im Visier gehabt.

Er hatte lediglich das Glück, dass die Polizei ihm ohne Leiche nichts beweisen konnte. Trotzdem hatten bestimmte Leute sich dadurch nicht abhalten lassen, ständig um seine Farm herumzuschleichen. Sie warfen lautstark Fragen auf, spielten alle mögliche Szenarien durch und fügten Puzzleteile zusammen. All das, um endlich Stillwaters größtes Geheimnis zu lüften.

“Glaubst du, dass er irgendwann wiederkommt? Dein Stiefvater, meine ich.” Beth Ann Cole stopfte sich ein Kissen in den Rücken und verschränkte einen Arm hinter ihrem Kopf.

Wunderschöne Augen blickten ihn unter dichten goldfarbenen Wimpern an, und trotzdem wurde Clay wütend. Beth Ann bedrängte ihn fast nie wegen seines vermissten Stiefvaters. Aber sie wusste schließlich auch, dass er sie dann umgehend vor die Tür setzen würde. Doch scheinbar hatte er sie in letzter Zeit zu oft zu sich herüberkommen lassen, und jetzt überschätzte sie ihre Bedeutung für ihn offensichtlich ein wenig.

Ohne zu antworten, schlug er die Decke zurück und machte Anstalten, aus dem Bett zu steigen. Sie hielt ihn mit einem Arm zurück. “Wie? Das war’s? Sonst bist du doch auch nicht so egoistisch.”

“Vor einer Minute hast du dich noch nicht beschwert”, knurrte Clay und blickte vielsagend über seine Schulter. Sein Rücken war total zerkratzt.

Beth Ann zog einen Schmollmund. “Ich will aber mehr.”

“Du willst immer mehr, von allem. Mehr als ich zu geben bereit bin.” Er blickte auf die zarten weißen Finger, die seinen sehr viel dunkleren Unterarm umklammerten. Normalerweise hätte sie seinen warnenden Blick rechtzeitig erkannt und ihn aufstehen lassen. Heute Abend jedoch verfiel sie geradewegs in ihren Wie-kannst-du-mich-nur-so-ausnutzen-Modus. Das tat sie jedes Mal, wenn ihre Ungeduld über ihren Verstand siegte.

Und ausgerechnet heute ging Clay genau das mehr als sonst auf die Nerven. Wahrscheinlich, weil er gerade schlechte Nachrichten bekommen hatte. Allie McCormick, die Tochter des Polizeichefs und selbst ein Cop, war nach Stillwater zurückgekehrt. Sie war eine von der Sorte, die Fragen stellte.

Er verkniff sich einen Fluch und massierte sich die Schläfen, um seine aufziehenden Kopfschmerzen möglichst im Anfangsstadium zu vertreiben. Doch der pochende Schmerz nahm eher noch zu, als Beth Anns Stimme wieder an sein Ohr drang. “Werden wir jemals über eine rein körperliche Beziehung hinauskommen, Clay? Oder ist Sex das Einzige, was du von mir willst?”

Beth Ann hatte einen atemberaubenden Körper, den sie durchaus einzusetzen wusste, um zu bekommen, was sie wollte – und jetzt wollte sie ihn, das war ihm klar. Sie versuchte oft, ihn dazu zu bewegen, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Aber er liebte sie nicht, was sie tief in ihrem Herzen wohl wusste, sich aber nicht eingestehen wollte. Clay ergriff selten die Initiative. Er machte ihr keinerlei Versprechungen. Und wenn sie tatsächlich mal zusammen ausgingen, lud er sie zwar ein, aber aus purer Höflichkeit statt aus unsterblicher Hingabe.

Clay erinnerte sich an das erste Mal, als Beth Ann vor seiner Tür gestanden hatte. Seit sie vor fast zwei Jahren nach Stillwater gezogen war, hatte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit ihm geflirtet. Und als er ihr nicht sofort zu Füßen fiel wie alle anderen männlichen Singles, betrachtete sie ihn als besondere Herausforderung, als harte Nuss, die es zu knacken galt. Eines Abends, wenige Stunden nach einer kurzen Begegnung im Supermarkt – sie arbeitete an der Theke des Backshops –, stand sie plötzlich vor seiner Tür, bekleidet mit einem Trenchcoat. Mit nichts als einem Trenchcoat.

Sie wusste, dass er sie diesmal nicht ignorieren konnte. Und das tat er auch nicht. Offenbar gefiel es ihr, ihn als Sexbesessenen zu sehen und sich selbst als großmütige Erfüllerin seiner Wünsche – auch wenn er angesichts ihrer Unersättlichkeit bald seine eigene Meinung darüber hatte, wer hier wessen Wünsche erfüllte.

“Lass meinen Arm los”, sagte er.

Offenbar verunsichert von der plötzlichen Schärfe seines Tons blinzelte sie und nahm ihre Hand weg. “Und ich dachte, du würdest etwas für mich empfinden.”

Mit dem Rücken zu ihr stieg er in seine Jeans. Sex entspannte ihn und half ihm, in den Schlaf zu finden. Deshalb hatte er seine Affäre mit Beth Ann noch nicht beendet. Aber jetzt gerade hatten sie zweimal miteinander geschlafen, und er fühlte sich so gerädert wie schon lange nicht mehr. Er musste immer wieder an Officer Allie McCormick denken. Seine Schwester Grace hatte ihm erzählt, dass sie in Chicago an der Aufklärung alter ungelöster Verbrechen gearbeitet hatte. Und dass sie verdammt gut war in ihrem Job. Würde sie den Fall, der seit Jahren ganz Stillwater in Bann hielt, noch einmal aufrollen?

“Clay?”

Beth Ann raubte ihm den letzten Nerv. “Wir sollten einfach aufhören, uns zu sehen”, knurrte er und angelte sich ein frisches T-Shirt.

Als sie nicht antwortete, drehte er sich zu ihr um und sah, dass sie ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.

“Wie kannst du nur so etwas sagen?”, schrie sie. “Ich habe dir lediglich eine Frage gestellt. Eine einzige!” Sie lachte gekünstelt, um ihm zu suggerieren, dass er völlig überreagiert hatte. “Du bist plötzlich so angespannt.”

“Über meinen Stiefvater rede ich nicht. Punktum!”

Sie wollte schon etwas erwidern, schien den Gedanken jedoch nach kurzem Überlegen zu verwerfen. “Okay, ich hab’s verstanden. Ich war müde und habe nicht daran gedacht, wie sehr dich dieses Thema aufregt. Tut mir leid.”

Hätte sie doch nur gesagt, er solle sich zum Teufel scheren, und wäre gegangen!

Clay starrte finster vor sich hin. Obwohl er immer wieder versucht hatte, Beth Ann klarzumachen, dass er sich emotional nicht binden wollte, hatte sie sich in ihn verliebt. Er wusste nicht, wie es passiert war, aber es stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

Höchste Zeit, einen Schnitt zu machen. Er wollte einfach nicht daran erinnert werden, dass er ein Herz hatte, und schon gar nicht wollte er es jemand anderem öffnen. “Zieh dich an, ja?”, bat er.

“Clay, du willst doch nicht wirklich, dass ich jetzt gehe, oder?”

Er hatte sie eigentlich immer gleich nach Hause geschickt, damit gar nicht erst Zweifel an der Art ihrer Beziehung aufkamen. Doch die letzten Male hatte Beth Ann so getan, als sei sie schon eingeschlafen, und Clay hatte sie über Nacht bleiben lassen.

Das war ein Fehler gewesen. “Ich habe zu tun, Beth Ann.”

“Um ein Uhr morgens?”

“Immer.”

“Komm schon, Clay, komm zurück ins Bett. Ich massiere dich. Das schulde ich dir noch für das Kleid, das du mir geschenkt hast.”

Ihr Lächeln war verführerisch, aber gleichzeitig lag so viel Verzweiflung darin, dass ihn kribbelnde Nervosität packte. Er hätte die ganze Sache schon vor einem Monat beenden sollen.

“Du schuldest mir gar nichts. Vergiss mich einfach und werde glücklich.”

Sie zog die Augenbrauen hoch. “Wenn du willst, dass ich glücklich werde, dann heißt das doch, dass ich dir etwas bedeute.”

Er war entschlossen, ehrlich zu sein oder zumindest die Fassade des harten Kerls zu wahren, und schüttelte den Kopf: “Niemand bedeutet mir etwas.”

Jetzt liefen Tränen über ihre Wangen, und Clay fluchte innerlich. Dass er das nicht hatte kommen sehen! Vielleicht hatte er zu sehr darauf vertraut, dass Beth Ann tatsächlich so oberflächlich war, wie er sie immer eingeschätzt hatte. Egal. Sie würde über ihn hinwegkommen – spätestens, wenn der nächste Mann über die Schwelle des Supermarkts schlenderte.

“Was ist mit deinen Schwestern? Die liebst du doch wohl”, wandte sie ein. “Du würdest dir für Grace oder Molly doch ein Bein abhacken lassen, selbst für Madeline.”

Was er für seine Schwestern getan hatte, war zu wenig gewesen – und er hatte zu spät gehandelt. Aber das würde Beth Ann nicht verstehen. Sie wusste ja nicht, was damals in der Nacht passiert war. Niemand wusste das, außer ihm, seiner Mutter und seinen Schwestern. Selbst seine Stiefschwester Madeline, Reverend Barkers einziges leibliches Kind, hatte keine Ahnung. Sie hatte ausgerechnet an jenem Abend bei einer Freundin geschlafen.

“Das ist etwas anderes”, erwiderte er.

Verletztes Schweigen. Dann sagte sie: “Du bist ein Arschloch, weißt du das?”

“Ja, ich glaube, das weiß ich besser als du.”

Da er ihr keine Angriffsfläche bot, schlug sie wieder ihren weinerlichen Ton an: “Du hast mich die ganze Zeit nur benutzt, stimmt’s?”

“Nicht mehr, als du mich benutzt hast”, entgegnete er ruhig und zog sich seine Stiefel an.

Ich habe dich nicht benutzt. Ich will dich heiraten!”

“Du willst immer das haben, was du nicht kriegen kannst.”

“Das stimmt nicht!”

“Du wusstest von Anfang an, worauf du dich einlässt. Ich habe dich gewarnt, bevor du deinen Trenchcoat ausgezogen hast.”

Ihr Blick huschte ziellos durch den Raum. Sie schien es tatsächlich nicht fassen zu können, dass es vorbei war. “Aber ich dachte … ich dachte, dass du für mich vielleicht …”

“Hör auf damit”, fiel er ihr ins Wort.

“Nein, Clay.” Sie kletterte aus dem Bett und kam auf ihn zu. Gleich würde sie sich an ihn klammern.

Doch er wehrte sie mit einer Hand ab, bevor sie ihn erreichen konnte. Nicht einmal der Anblick ihrer vollen, wohlgeformten Brüste, ihres flachen Bauchs und der gebräunten Beine konnte ihn umstimmen. Ein Teil von ihm wollte leben und lieben wie andere Männer auch. Wollte eine Familie haben. Doch in seinem Inneren fühlte er sich leer. Tot. Genauso tot wie der Mann, der in seinem Keller vergraben lag. “Tut mir leid”, sagte er.

Als sie merkte, wie wenig ihr Flehen ihn beeindruckte, kräuselten sich ihre Lippen, und ihre Augen funkelten plötzlich hart und kalt wie Smaragde.

“Du Hurensohn! Du … So kommst du mir nicht davon. So nicht. Ich … ich werde …” Ein verzweifelter Schluchzer brach aus ihr hervor, dann stolperte sie zum Nachttisch und griff nach dem Telefon.

Weil er Beth Anns schauspielerisches Talent kannte, rechnete er mit einem großen Melodrama, aufgeführt zu dem Zweck, einen ihrer vielen Verehrer dazu zu bringen, sie hier abzuholen, obwohl ihr eigener Wagen draußen vor der Tür parkte. Gleichgültig sah er ihr zu. Ihm war es egal, ob sie sein Telefon benutzte, solange sie sein Haus danach verließ. Ihr Stolz war verletzt, nicht ihr Herz. Eigentlich konnte das Ende ihrer Beziehung keine derart große Überraschung für sie sein.

Sie bediente nur drei Tasten, und schon im nächsten Augenblick kreischte sie in den Hörer: “Hilfe! Polizei! Clay Montgomery bringt mich um! Weil ich weiß, was er mit dem Rev…”

Mit drei langen Schritten durchquerte Clay den Raum, riss ihr den Hörer aus der Hand und knallte ihn auf die Gabel. “Bist du verrückt geworden?”, knurrte er.

Ihr Atem ging schwer und keuchend. Ihre Augen blitzten, und ihr Gesicht verzerrte sich vor Wut. Alle Schönheit war verpufft.

“Ich hoffe, sie stecken dich ins Gefängnis”, zischte sie hasserfüllt. “Und ich hoffe, du schmorst da bis ans Ende deiner Tage!”

Sie raffte ihre auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke zusammen, eilte in den Flur und ließ einen kopfschüttelnden Clay zurück. Natürlich begriff sie nicht, dass ihr Wunsch längst Realität war: Selbst wenn er nicht leibhaftig im Gefängnis saß, so war er doch gefangen in seinen Erinnerungen. Erinnerungen an den Vorfall vor neunzehn Jahren. Und diese Erinnerungen würde er bis zum Ende seines Lebens mit sich herumtragen.

Officer Allie McCormick konnte das Genuschel, das aus ihrem Funkgerät drang, nicht verstehen. Also lenkte sie den Wagen auf den Seitenstreifen der menschenleeren Landstraße, auf der sie seit Mitternacht Streife fuhr. “Was haben Sie gesagt?”

Die Frau in der Notrufzentrale des Bezirks hatte offensichtlich auf irgendetwas herumgekaut und spuckte es nun aus: “Ich sagte, dass ich gerade einen Notruf von 10682 Old Barn Road empfangen habe.”

Allie erkannte die Adresse sofort. Sie stand auf all den Aktenordnern, die sie durchgearbeitet hatte, seit sie vor einigen Wochen mit ihrer sechsjährigen Tochter in ihr Elternhaus nach Stillwater zurückgekehrt war. “Das ist die Farm der Montgomerys.”

“Vielleicht besteht sogar die Gefahr eines 10-31 C.”

“Mord?”

“Ja, so klang es am Telefon.”

Natürlich musste Allie sofort daran denken, dass vor Jahren womöglich schon einmal ein Mord auf dem Montgomery-Grundstück begangen worden war – falls Reverend Barker nicht aus freien Stücken verschwunden war. Man hatte nie irgendwelche Spuren und Hinweise gefunden.

Wahrscheinlich erlaubte sich jemand einen Scherz. Kinder, denen die Fantasie durchging bei all den Gerüchten, die über Clay und seinen verschwundenen Stiefvater kursierten.

“War der Anrufer ein Mann oder eine Frau?”

“Eine Frau. Und es klang verdammt echt. Sie schien ziemlich in Panik zu sein, jedenfalls konnte ich sie kaum verstehen. Und dann wurde die Verbindung plötzlich unterbrochen.”

Shit. Egal wie skeptisch sie eben noch gewesen war – das hörte sich nicht gut an. “Ich kann in weniger als fünf Minuten dort sein.” Allie trat aufs Gaspedal und raste die Straße entlang.

“Soll ich Hendricks als Verstärkung schicken?”, hörte sie die Frau aus der Notrufzentrale durchs Funkgerät fragen.

Allie hatte zwar schon mit fixeren Kollegen zusammengearbeitet als mit dem, der gerade Nachtschicht hatte, aber im Zweifelsfall war es sicher besser, ihn als keinen dabeizuhaben. “Versuchen Sie es, aber wahrscheinlich schläft er tief und fest. Als ich vor einer Stunde auf dem Revier war, hätte ihn nicht mal ein Erdbeben aufgeweckt.”

“Ich könnte Ihren Vater zu Hause anrufen.”

“Nein, stören Sie ihn nicht. Wenn Sie Hendricks nicht an den Apparat kriegen, dann erledige ich das allein.” Allie beendete das Gespräch und schaltete das Blaulicht an. Die Sirene aktivierte sie jedoch erst, als sie sich der Farm näherte, um der panischen Anruferin zu signalisieren, dass Hilfe nahte. Vorher hätte der durchdringende Heulton nur ihre eigenen Nerven strapaziert. Sie fühlte sich noch nicht hundertprozentig wohl in ihrem neuen Job als Streifenpolizistin – als wäre sie zu eingerostet dafür. Als Detective in Chicago hatte sie die letzten sieben Jahre hauptsächlich im Büro verbracht, die letzten fünf in der Abteilung für ungelöste, zu den Akten gelegte Verbrechen. Aber ihre Scheidung, die Rückkehr zu ihren Eltern nach Stillwater und ihre Rolle als alleinerziehende Mutter hatten Opfer gefordert. Dass sie jetzt wieder auf der Straße Streife fuhr, war eines davon.

Die ersten Regentropfen klatschten auf die Windschutzscheibe, als Allie die Pine Road hinunterraste und mit quietschenden Reifen nach links auf den Highway abbog. Der Frühling war verregnet gewesen, aber immer noch besser als die Schwüle, die sich mit dem nahenden Juni ankündigte.

Allie starrte konzentriert auf die glänzende Straße und ignorierte das schnelle Quietschen der Scheibenwischer, die nicht halb so schnell hin- und herschlugen wie ihr Herz. “Was treiben Sie da, Mr. Montgomery?”, murmelte sie vor sich hin. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er tatsächlich versuchte, jemanden umzubringen. Bis auf gelegentliche Schlägereien gab es in Stillwater so gut wie keine Gewalttätigkeiten. Und Clay war ein Eigenbrötler. Aber auch Allie fühlte sich etwas nervös in seiner Gegenwart, wie offenbar alle anderen Einwohner der Stadt. Und das Verschwinden von Reverend Barker, an das sie sich noch sehr gut erinnerte, war tatsächlich höchst dubios. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein so angesehener Bürger, der geistige Führer der Gemeinde, einfach so davongefahren war, ohne seine Koffer zu packen oder Geld von seinem Konto abzuheben. So etwas tat man einfach nicht ohne guten Grund. Und was für einen Grund – ob guten oder schlechten – hätte Barker haben können, um mir nichts dir nichts seine Farm zu verlassen?

Falls er noch lebte, hätte inzwischen wohl irgendjemand etwas von ihm gehört. Schließlich wohnte immer noch ein Großteil seiner Familie im Ort: seine Frau, seine Tochter, zwei Stieftöchter, ein Stiefsohn, eine Schwester, ein Schwager und zwei Neffen.

Barkers Tochter Madeline, die genau wie Clay vierunddreißig war – ein Jahr älter als Allie –, war der festen Überzeugung, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Und genauso fest war sie davon überzeugt, dass ihre Stiefmutter, ihre Stiefschwestern und ihr Stiefbruder nichts mit der Sache zu tun hatten.

Das sah tatsächlich nach einem vertrackten Fall aus, und Allie war wild entschlossen, ihn aufzuklären. Zur eigenen Befriedigung. Für Madeline, ihre Freundin aus Kindheitstagen. Für Barkers Neffen Joe, der sie mindestens ebenso wie Madeline drängte, den Fall zu lösen. Für ganz Stillwater.

Der Kies spritzte zur Seite, als Allie in die lange Auffahrt der Farm einbog. Sie stellte fest, dass das Anwesen sehr viel gepflegter aussah als zu Reverend Barkers Zeiten. Der Schrott, den er überall aufgetürmt hatte – verrostete Haushaltsgeräte, zerschlissene Autoreifen, Alteisen –, war verschwunden, und das Wohnhaus und die Nutzgebäude schienen in gutem Zustand zu sein. Aber sie hatte keine Zeit, sich gründlicher umzuschauen. Schnell schaltete sie ihre Sirene aus und parkte den Wagen.

Sie ließ die Scheinwerfer an, sprang aus dem Auto und eilte auf das Wohnhaus zu. Doch auf halbem Weg zur Vordertür sah sie eine Frau, die sich ein T-Shirt vor die nackte Brust presste und deren Hose an der Taille offen war.

“Endlich, da sind Sie ja”, schrie die Frau und strauchelte von der Garage auf sie zu.

Da die Frau allein zu sein schien, lockerte Allie ihre Hand, die an der Pistole lag. Den anderen Arm streckte sie aus, um Beth Ann Cole zu stützen. Allie hatte die Backwarenverkäuferin aus dem örtlichen Supermarkt schon öfter gesehen – und Beth Ann war keine Frau, die man so leicht vergaß. Ihr Gesicht und ihr Körper entsprachen voll und ganz dem gängigen Schönheitsideal: Sie war groß, grazil und wohlgeformt, hatte eine zarte Haut, langes blondes Haar und schmale grüne Katzenaugen.

“Erzählen Sie mir, was hier los ist”, forderte Allie sie auf.

Abrupt begann die Frau so heftig zu weinen, dass sie kein Wort mehr herausbrachte.

“Versuchen Sie, sich zu beruhigen, ja?” Allie benutzte ihre Polizistinnenstimme, um Beth Ann aus ihrem hysterischen Anfall herauszuholen. Es schien zu funktionieren.

“Mir … mir ist kalt”, brachte Beth Ann hervor und warf einen Blick auf das Haus, als fürchtete sie, Clay Montgomery könnte jeden Moment über sie herfallen. “Können … können wir uns in Ihren Wagen setzen?”

“Natürlich.” Allie konnte zwar nichts Angsteinflößendes sehen oder hören, doch bevor sie nicht genau wusste, was hier vorgefallen war, wollte auch sie sich Clay nicht nähern. Sie kannte kaum einen undurchschaubareren Mann. Sie war auf dieselbe Junior High und später auf dieselbe Highschool gegangen wie er. Natürlich war er ihr schon damals aufgefallen – er war nun mal ein verdammt gut aussehender Typ. Aber nähergekommen war sie ihm nie. Niemand war das. Und selbst jetzt noch, nach so vielen Jahren, gab Clay Montgomery mehr als deutlich zu verstehen, dass er an Freundschaften nicht interessiert war.

Wenn Allie noch ein bisschen wartete, würde die Verstärkung vielleicht endlich kommen.

Sie half Beth Ann, auf der Beifahrerseite einzusteigen. Dann, nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatte, dass Clay nicht plötzlich hinter einem der Azaleenbüsche hervorsprang, klemmte sie sich hinters Steuer.

Sie verriegelte die Türen und schaltete die Scheinwerfer aus, dann wandte sie sich der Frau auf dem Beifahrersitz zu und musterte sie, so gut es in der Dunkelheit ging. Als sie ihren Wagen geparkt hatte, war ein Scheinwerfer an der Scheunenwand angegangen, in dessen Licht sie Beth Anns verschmierte Wimperntusche gesehen hatte. Doch das Licht war offenbar durch einen Bewegungsmelder aktiviert worden, denn just in diesem Moment ging es wieder aus, und Allie wollte die Wageninnenbeleuchtung nicht anschalten, bevor Beth Ann sich nicht richtig angezogen hatte.

“Atmen Sie ein paarmal tief durch”, riet sie.

Beth Ann schniefte und wischte sich mit der Hand übers Gesicht, doch es flossen immer mehr Tränen nach, sodass Allie, um sie nicht noch mehr zu verschrecken, mit einer unverfänglichen Frage begann. “Wie sind Sie hierhergekommen?”

“Ich bin gefahren.” Sie zeigte auf einen grünen Toyota, der nicht weit entfernt geparkt war. “Das da ist mein Wagen.”

“Haben Sie die Schlüssel?”

Sie nickte und schniefte wieder. “In meiner Handtasche.”

In ihrer Panik war sie noch in der Lage gewesen, ihre Handtasche zu greifen? “Wann sind Sie hier herausgefahren?”

“Ungefähr um zehn.”

“Und Sie waren diejenige, die uns angerufen hat?”

“Ja. Er ist … wie ein Tier”, stammelte Beth Ann. Sie fing wieder an zu schluchzen, brachte aber zwischen den Schluchzern ein paar fragmentarische Sätze hervor. “Er … hat diesen Geistlichen … diesen Reverend, von dem alle immer sprechen … er hat ihn umgebracht. Den Mann … der schon so lange … so lange vermisst wird.”

Allie bekam Gänsehaut. Beth Ann klang so bestimmt, als hätte sie nicht den geringsten Zweifel, und ihre Worte untermauerten den allgemeinen Verdacht. “Woher wissen Sie das?”

Beth Ann rutschte vor und zurück auf ihrem Sitz. Sie machte keine Anstalten, sich anzuziehen, sondern bedeckte sich immer noch mit ihrem T-Shirt. “Er hat es mir erzählt. Er … er sagte, wenn ich nicht aufhöre und meinen Mund halte, d…dann würde er mich zu Brei hauen, s…so wie … wie seinen Stiefvater.”

Körperlich zumindest wäre Clay in der Lage, so ziemlich jeden zusammenzuschlagen, der ihm in die Quere kam. Er war gut einen Meter neunzig groß und hatte dabei einen äußerst wohlproportionierten Körper – und die breitesten Schultern, die Allie je gesehen hatte. Die harte Arbeit auf seiner Farm, eigentlich genug für zwei oder mehr Leute, hielt ihn offenbar in Form.

Mit sechzehn war er noch nicht so kräftig gewesen, sondern eher ein großer, schlaksiger Junge mit schwarzen Haaren und kobaltblauen Augen. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, hatte er manchmal ganz verloren dreingeschaut, sogar etwas müde und überdrüssig. Er hatte immer ganz und gar ablehnend auf jede Art von Freundlichkeit reagiert. Selbst als Allie schließlich aufs College ging – da war Clay Anfang zwanzig –, war er aus seiner jugendlich-schlaksigen Figur noch nicht herausgewachsen.

“Hat er gesagt, wie er seinen Stiefvater umgebracht hat?”, hakte Allie nach.

“Das hab ich doch schon gesagt. Er … hat ihn erschlagen.” Zu Allies Erleichterung zog Beth Ann sich endlich ihr T-Shirt über. Allie hatte in all ihren Dienstjahren schon einiges gesehen, vor allem mehr Leichen als sie zählen konnte. Aber neben der halbnackten vollbusigen Beth Ann zu sitzen, die vermutlich gerade aus Clay Montgomerys Bett geflüchtet war, das war ihr doch entschieden zu intim und persönlich. Aber so etwas wie Anonymität war in Stillwater offenbar nicht möglich.

“Wollen Sie mir erzählen, dass er Reverend Barker mit bloßen Händen umgebracht hat? Mit sechzehn?”

Jetzt, wo Beth Ann angezogen war, knipste Allie die Innenbeleuchtung des Wagens an, um ihre Mimik besser beobachten zu können. Aber das kleine Lämpchen war nicht hell genug, um das Wageninnere auszuleuchten, und von draußen kam nicht der kleinste Lichtschein herein. Gewitterwolken hatten sich vor den Mond geschoben.

“Er ist stark. Sie haben ja keine Ahnung, wie stark er ist.”

Allie wusste sehr wohl, in welchem Ruf Clay stand. Schon in der Highschool hatte er einige Rekorde im Gewichtheben aufgestellt. “Er wird damals nicht viel mehr als siebzig Kilo gewogen haben”, gab sie zu bedenken.

Ihr skeptischer Einwand ging in ein nachdenkliches Schweigen über, dann sagte Beth Ann: “Ich denke, er wird einen Stock benutzt haben. Ja, irgendeine Art Stock oder Knüppel.”

Irgendetwas stimmte an diesem Gespräch nicht, aber Allie versuchte trotzdem – oder gerade deshalb –, es noch ein wenig fortzusetzen. Wenn sie jetzt ein vorschnelles Urteil fällte, würde das den Fall von vornherein verkorksen. Falls Beth Ann die Wahrheit sagte – was Allie stark bezweifelte –, stellte sich die Frage, was Reverend Barker seinem Stiefsohn angetan hatte, damit dieser mit einem Stock auf ihn losging? War er zu streng mit ihm gewesen? Hatte er ihn zu hart rangenommen?

Das war immerhin möglich. Allie hatte Reverend Barker als äußerst eifrigen, leidenschaftlichen Prediger in Erinnerung, und Clay war nie ein besonders guter Puritaner gewesen. Er hatte schon immer ein starkes Interesse am weiblichen Geschlecht gehabt – und nie einen Mangel an Mädchen, die ihm eifrig seine Wünsche erfüllten. Hinzu kamen etliche Beteiligungen an Schlägereien. Seiner Mutter und seinen Schwestern gegenüber war er jedoch immer freundlich und hilfsbereit gewesen. Und soviel sie wusste, hatte er nie Probleme mit Alkohol oder Drogen gehabt.

“Die Polizei hat nie eine Tatwaffe gefunden”, wandte sie ein, in der Hoffnung, noch ein paar Informationen aus Beth Ann herausholen zu können.

“Die muss er irgendwie losgeworden sein.”

“Hat er Ihnen erzählt, dass er einen Schlagstock benutzt hat?”

Beth Ann warf einen Blick zum Haus hinüber. “Nein, aber er muss einen benutzt haben.”

Er muss … Allie konnte sich einen Seufzer nicht verkneifen. “Wann hat Clay Ihnen denn die Tat gestanden?”

“Vor … vor ein paar Wochen.”

“Haben Sie mit irgendjemandem darüber gesprochen?”

“Nein.”

Der Regen fiel jetzt noch dichter, trommelte geradezu aufs Autodach. Die Luft roch nach feuchter Erde. “Nicht einmal mit Ihrer Mutter oder Ihrem Vater? Oder irgendeinem Freund?”

“Ich hab’s niemandem erzählt. Aus … aus Angst vor Clay.”

“Verstehe”, sagte Allie, aber sie konnte die Geschichte ganz und gar nicht nachvollziehen. Beth Ann schien sich nicht im Geringsten vor Clay gefürchtet zu haben, als sie die beiden am letzten Sonntag zusammen in der Kirche gesehen hatte. Im Gegenteil: Sie hatte wie eine Klette an Clay gehangen, obwohl er immer wieder versucht hatte, sich unauffällig von ihr loszumachen. “Und obwohl Sie Angst vor ihm hatten, sind Sie heute Abend zu ihm herausgefahren, um …” Sie ließ ihren Satz bewusst in der Schwebe.

“Wir sind ein Paar.”

“Aber …”

“Er hat mich angegriffen!”

“Was ist vor diesem Angriff passiert?”

“Wir … wir hatten Streit.”

Allie schwieg und wartete, dass Beth Ann fortfuhr. Wenn sich das Schweigen in einem Gespräch übermäßig in die Länge zog, redeten die meisten Leute weiter – und verrieten dabei oft mehr, als ihnen lieb war. Manchmal war Schweigen der beste Weg, um die Wahrheit zu ergründen.

“Ich … ich habe ihm erzählt, dass ich schwanger bin.” Beth Ann wischte sich eine Träne weg. “Aber er … er bestand auf einer Abtreibung. Als ich das abgelehnt habe, hat er mich geschlagen.”

Im schummerigen Licht des Wagens konnte Allie keinerlei Spuren einer Auseinandersetzung in Beth Anns Gesicht erkennen. Kein Blut jedenfalls, lediglich etwas verschmiertes Make-up. Und außerdem erzählte Beth Ann diesen Teil der Geschichte, der sie eigentlich am stärksten hätte aufwühlen müssen, in einem fast abgeklärten Ton. Sie schien fast ruhiger als vorher. “Wo?”

“Im Haus.”

“Nein, ich meine: Wohin hat er Sie geschlagen? Wo hat er Sie getroffen?”

Beth Ann machte eine vage Handbewegung. “Überallhin. Er wollte mich umbringen!”

Allie räusperte sich. Sie konnte sich noch kein klares Bild von Clay Montgomery machen, aber eines stand fest: In den letzten neunzehn Jahren war er nicht gerade großzügig mit Selbstauskünften gewesen. Sie bezweifelte sehr, dass er auf einmal freimütig seine Schuld an einem so schweren Verbrechen gestand. Und das auch noch ausgerechnet jemandem wie Beth Ann, die er dann geradewegs zur Polizei laufen ließ. Wenn er ihr wirklich hätte wehtun wollen, dann würde sie wohl kaum unversehrt hier im Wagen sitzen – auf seiner Einfahrt. Wie Beth Ann selbst zugegeben hatte, war sie mit ihrem eigenen Auto hier und hatte den Zündschlüssel in ihrer Handtasche. Aber anstatt den Ort der Bedrohung so schnell wie möglich zu verlassen, hatte sie es vorgezogen, hier auf Allie zu warten. “Wie haben Sie sich befreien können?”

“Ich … weiß es nicht. Es ist alles so verschwommen.”

Allie kräuselte die Lippen. Das Einzige, was Beth Ann glasklar in Erinnerung hatte, war offenbar Clay Montgomerys Mordgeständnis.

Sie griff nach dem Notizbuch, das sie immer im Wagen hatte, und schrieb Beth Anns Aussage auf. Dann blickte sie besorgt nach draußen. “Bleiben Sie hier. Ich will kurz hören, was Mr. Montgomery zu sagen hat. Danach folgen Sie mir bitte aufs Revier und geben Ihre Aussage zu Protokoll. Es sei denn, Sie möchten erst ins Krankenhaus fahren”, fügte sie, die Hand schon am Türgriff, hinzu.

Beth Ann überhörte den Vorschlag mit dem Krankenhaus. “Ein Protokoll?”

“Versuchter Mord ist kein Kavaliersdelikt, Miss Cole. Sie möchten doch wohl, dass die Staatsanwaltschaft ein Verfahren einleitet, oder?”

Beth Ann strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. “Ja … ja, eigentlich schon.”

“Sie haben mir erzählt, dass Mr. Montgomery Sie in der Absicht angegriffen hat, Sie zu töten.”

“Ja, das hat er. Sehen Sie das hier?” Beth Ann streckte ihren Arm aus.

Allie musterte die leichten Kratzspuren. Das war wohl kaum die Art von Verletzung, die Clay einem zufügen würde, vermutete sie. In einem Kampf zielten Männer typischerweise aufs Gesicht oder in die Körpermitte. Trotzdem musste sie die Verletzung dokumentieren, für alle Fälle. “Wir werden das nachher fotografieren. Haben Sie noch andere Kratzer, Schnittwunden oder Prellungen?”

“Nein.”

“Und wie oft hat er Sie geschlagen?”

“Ich denke, er hat mich nicht so hart getroffen”, antwortete Beth Ann. Sie ruderte damit schon deutlich zurück. “Er hat mich gekratzt, als ich versuchte, zu entkommen. Er hat mich mehr erschreckt als verletzt.”

Eine kleine Kratzwunde hörte sich schon anders an als versuchter Mord. “Wie sieht es mit seinem Mordgeständnis aus? Erinnern Sie sich denn daran noch genau?”

“Ja, natürlich.”

Doch Allie hatte auch da ihre Zweifel. “Würden Sie das auch zu Protokoll geben?”

Beth Ann starrte auf das Haus. “Kommt er ins Gefängnis, wenn ich das tue?”

“Würde Sie das freuen?”

“Mich und fast jeden Einwohner von Stillwater.”

Allie zögerte mit ihrer Antwort. “Wenn es stimmt, was Sie sagen, dann ist Gefängnis durchaus eine Möglichkeit. Aber wir brauchten Beweise, die Ihre Geschichte untermauern.”

“Beweise?”

Allie nickte. “Zum Beispiel den Ort, wo Reverend Barkers Leiche vergraben ist. Oder den Ort, wo wir seinen Wagen finden können. Die Tatwaffe. Ein getipptes oder unterzeichnetes Geständnis.”

“Aber Clay hat mir erzählt, dass er ihn getötet hat. Meine eigenen Ohren waren Zeugen.”

Allie glaubte ihr kein Wort. Sie glaubte nicht einmal, dass Beth Ann überhaupt ein Opfer war. Aber weil sie sich immer lieber doppelt absicherte, setzte sie sich per Funk mit der Notrufzentrale in Verbindung, um zu erfahren, ob die Verstärkung unterwegs war.

“Ich konnte Hendricks nicht erreichen”, sagte die Frau von vorhin. “Soll ich Ihren Vater nicht doch aufwecken?”

Allie schaltete die Innenbeleuchtung aus und ließ ihren Blick über die Farm schweifen. Kein Laut war zu hören. Bis auf die Haut durchnässt zu werden, schien die einzige Gefahr zu sein, die sie draußen erwartete. “Nein, ich erledige das selbst. Wenn Sie in fünfzehn Minuten nichts von mir gehört haben, dann wecken Sie jemanden auf, ja?”

“Darauf können Sie sich verlassen.”

Allie unterbrach den Funkkontakt, schnallte ihr Gürtelholster fest und stieg aus dem Auto. “Bleiben Sie ruhig sitzen und verriegeln Sie von innen.”

“Was werden Sie Clay erzählen?”, fragte Beth Ann.

“Das, was Sie mir erzählt haben.”

Bevor Allie die Tür schließen konnte, versuchte Beth Ann, sie zurückzuhalten. “Aber warum? Er wird es sowieso abstreiten. Und trauen können Sie jemandem mit einem so schlechten Ruf ohnehin nicht.”

Allie antwortete nicht. Sie wusste, dass etliche Leute Clay hinter Gittern sehen wollten und dass ihnen dafür jede Zeugenaussage gelegen kam, egal wie windig sie war. Aber zu diesen Leuten gehörte sie nicht. Ihr ging es um die Wahrheit. Und sie würde all ihr Wissen über ungelöste Fälle einbringen, um sie aufzudecken.

2. KAPITEL

Allie klopfte an die Haustür, aber nichts regte sich. Sie wusste, dass Clay die Sirene des Wagens gehört und mitbekommen haben musste, dass sie und Beth Ann sich auf seiner Auffahrt unterhielten. Aber der einzige Hinweis darauf, dass er sie tatsächlich beobachtet hatte, war ein leichtes Schwingen der Gardine im vorderen Schlafzimmer, als sie sich dem Haus näherte.

Als er die Tür schließlich doch öffnete, trug er ein sauberes T-Shirt, verwaschene Jeans, die sich weich um seine langen Beine schmiegten, und Arbeitsstiefel. Falls er besorgt oder aufgeregt war, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Aber das hieß nichts: Clay Montgomery zeigte niemals Gefühlsregungen. Er sah so grüblerisch und verschlossen aus wie immer.

Nein, nicht wie immer: Aus den Akten, die die Aussagen sämtlicher Menschen enthielten, die irgendwann einmal mit Reverend Barker zu tun gehabt hatten, ging hervor, dass Clay früher ein beliebtes und fröhliches Kind gewesen war. Viele Leute erinnerten sich noch an die Zeit, als er erstmals in der Stadt aufgetaucht war. Das war kurz nach der Heirat des verwitweten Reverends mit Irene Montgomery gewesen. Der beliebte Seelsorger holte Irenes ganze kleine Familie aus dem benachbarten Booneville auf seine Farm. Clay hatte sich offensichtlich erst nach dem Verschwinden seines Stiefvaters in den zurückgezogenen Menschen verwandelt, der er heute war. Was natürlich Raum für Spekulationen ließ.

“Was wollen Sie?”, fragte er ohne Umschweife.

Seit ihrer Rückkehr nach Stillwater hatte Allie Clay ein-, zweimal im Ort gesehen, doch nie hatte er sie eines Blickes gewürdigt. Nicht, dass sie besondere Beachtung von seiner Seite erwartet hätte … Sie war nur einen Meter sechzig groß, ein Fliegengewicht von achtundvierzig Kilo, hatte einen schmalen, fast kindlichen Körper, dunkle Haare, die sie sich unlängst hatte kurz schneiden lassen, und braune Augen. Ihre athletische Figur war sicher ein Plus, doch leider hatte sie kleine Brüste – und sie trug immer ein Dienstabzeichen. Sicher keine idealen Voraussetzungen, um einem Mann wie Clay Montgomery ins Auge zu stechen; schließlich umgab der sich normalerweise mit Sexbomben wie Beth Ann, und er hasste die Polizei aus tiefstem Herzen. Doch Allie war sich sicher, dass sie ihm selbst ohne Uniform, in schickem Zivil, nicht aufgefallen wäre.

Clay Montgomery konnte trotz seiner zweifelhaften Vergangenheit offenbar jede Frau haben, die er wollte. Er hatte mehr Sex-Appeal, als einem Mann allein zustand. Und er stand in dem Ruf, eine uneinnehmbare Festung zu sein.

Für manche Frauen schien das eine unwiderstehliche Herausforderung zu sein. Aber Allie hatte Besseres zu tun, als sich von derartigen Reizen verführen zu lassen. Mochten andere Frauen auf düstere, launische Männer stehen – sie jedenfalls hatte genug von dieser Sorte. Sie hatte sich bereits einmal mit einem von ihnen eingelassen.

Trotzdem musterte sie bewundernd das dichte schwarze Haar, das Clay in die Stirn fiel, seine Nase, die vielleicht ein bisschen zu groß war, und sein markantes Kinn. Seine Züge waren durch und durch männlich. Nur seine Augen nicht. Umgeben von den längsten Wimpern, die sie je gesehen hatte, schienen sie eine Welt voller Geheimnisse zu verbergen. Und, vielleicht, eine Welt voller Schmerz.

“In meinem Auto sitzt eine Frau, die behauptet, Sie hätten sie vergewaltigt”, sagte Allie.

Sein Blick wanderte hinüber zum Einsatzwagen, doch er erwiderte nichts.

“Haben Sie nichts dazu zu sagen?”

Sein abweisender Gesichtsausdruck machte ihr klar, warum die meisten Menschen nichts mit ihm zu tun haben wollten. Er konnte einen nicht nur durch seine schiere Körpergröße und seine breiten Schultern, sondern auch mit einem einzigen Blick einschüchtern. “Sieht sie so aus, als hätte ich sie vergewaltigt?”

“Schwer zu beurteilen bei diesen Lichtverhältnissen.”

“Dann lassen Sie mich Ihnen helfen: Sie lügt.”

“Sie sagen also, Sie haben sie nicht angefasst?”

Sie wusste, dass er es nicht absichtlich tat, aber seine Muskeln wölbten sich merklich, als er seine Arme verschränkte und sich gegen den Türpfosten lehnte.

“Ist das eine Fangfrage, Officer?”

“Wie bitte?”

Nachlässig zuckte er mit den Schultern. “Natürlich habe ich sie angefasst. An all den Stellen, an denen sie es sich gewünscht hat – wir haben schließlich nicht Schach gespielt. Aber ich habe sie nicht verletzt.”

Derartige Geständnisse von Verdächtigen nahm Allie normalerweise als Informationsquelle wahr. Sie war gut darin, Fakten zusammenzutragen, die Umstände eines Verbrechens zu rekonstruieren, Puzzlesteine zu ergänzen. Aber in ihrer Heimatstadt, wo sie fast jeden Einwohner kannte, wurde die Ermittlungsarbeit fast zwangsläufig zu einer emotionalen, persönlichen Sache. Clays Bemerkung löste eine Bilderflut in ihr aus, die sie liebend gern gestoppt hätte.

Sie benetzte die Lippen und konzentrierte sich wieder auf das Wesentliche. Weil es um Clay Montgomery ging, den so viele Leute in Stillwater hinter Gittern sehen wollten, war die Situation noch heikler, als sie unter normalen Umständen gewesen wäre. Allie wollte die Sache nicht vermasseln – um seinetwillen. Obwohl sie bezweifelte, dass er ihren guten Willen anerkennen würde.

“Stimmt es, dass Sie sich mit Beth Ann über das Baby gestritten haben?”

“Welches Baby?”

Sternjasmin kletterte an den seitlichen Spalieren der Veranda hoch. Trotz des Regens konnte Allie den süßen Duft der Blüten riechen.

“Hat sie Ihnen nicht erzählt, dass sie schwanger ist?”

Clay prallte zurück, als hätte Allie ihm einen rechten Haken verpasst. Auch seine Selbstbeherrschung hatte offenbar ihre Grenzen, denn er war außerstande, seinen Schrecken zu verbergen. “Was?”

“Sie behauptet, Sie hätten von ihr verlangt abzutreiben.”

“Das ist absoluter Blödsinn!”, brüllte er, und wenn Allie ihm nicht in den Weg getreten wäre, wäre er vermutlich direkt zum Streifenwagen gerannt. “Bringen Sie sie noch mal hierher. Sie kann nicht schwanger sein.”

Allie zog die Augenbrauen hoch. “Aber Sie haben doch gerade gesagt, dass Sie nicht Schach gespielt haben …”

“Wir haben … aber wir haben niemals …” Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. “Mein Gott, was wir gemacht oder nicht gemacht haben, geht Sie überhaupt nichts an. Ich regele das selbst.”

“Tut mir leid, aber es geht mich sehr wohl etwas an”, fuhr sie dazwischen. Sie durfte sich jetzt nicht abspeisen lassen. “Miss Cole hat gesagt …”

“Das denkt sie sich aus!”

“Vielleicht. Aber so oder so muss ich ihrer Geschichte nachgehen.”

Seine Nasenflügel bebten, aber dann ging er in sich und schien seine Wut unter Kontrolle zu bekommen: “Okay. Wie sehr soll ich in die Details gehen?”, fragte er. “Sie nimmt die Pille, und ich schwöre auf Kondome. Außerdem haben wir’s nicht immer auf die klassische Art gemacht. Sie mochte es am liebsten, wenn ich es ihr mit dem Mund besorgt habe. Manchmal habe ich ihr auch …”

“Das reicht”, fiel ihm Allie ins Wort und verfluchte die Röte, die sie in ihrem Gesicht spürte. Sie wusste, dass er sie in Verlegenheit bringen wollte, als Strafe dafür, dass sie sich in Dinge einmischte, die sie nichts angingen. Und sie ärgerte sich maßlos, dass ihr gerötetes Gesicht ihm unmissverständlich zeigte, wie erfolgreich er gewesen war. Aber sie war auch nur ein Mensch und fühlte sich verständlicherweise nicht sonderlich wohl dabei, über die sexuellen Praktiken eines so attraktiven Mannes zu diskutieren.

“Halten Sie es für wahrscheinlich, dass sie die Pille doch nicht genommen hat?” Trotz der intimen Frage schaffte es Allie, den Blickkontakt zu halten.

“Möglich ist es, aber nicht sehr wahrscheinlich. Sie hatte nicht vor, schwanger zu werden.”

Seine Stimme klang fest und sicher, aber Allie spürte, wie er innerlich alle Möglichkeiten durchspielte. Er wirkte so panisch, dass sie fast Mitleid mit ihm bekam. “Weil …”

“Weil sie nicht mit einem Baby dasitzen wollte, ohne einen Mann zu haben, der sich um sie kümmert. Sie weiß, dass ich sie nicht liebe. Daraus habe ich nie einen Hehl gemacht.”

“Vielleicht hat sie geglaubt, ein Baby könnte Sie umstimmen.”

“Mein Gott.” Er rieb sich über den Nasenrücken.

“Mr. Montgomery?”

Er ließ seine Hand fallen und seufzte, als er ihrem Blick begegnete. “Ich möchte einen Schwangerschaftstest sehen. Noch heute Nacht.”

“Ich kann sie nicht zwingen, einen zu machen.”

“Natürlich nicht”, sagte er nüchtern. “Sie verletzen die Privatsphäre anderer Menschen ja grundsätzlich nicht, nicht wahr? Warum sollten Sie es also in diesem Fall tun?”

Allie erwiderte nichts auf seine verbale Attacke. Er hatte schließlich nicht ganz unrecht. Die Polizei und die Einwohner von Stillwater waren teilweise sehr rüde gegen ihn vorgegangen. “Ich kann sie nicht zwingen”, wiederholte sie. “Aber ich kann Ihnen versichern, dass auch ich nicht an Miss Coles Schwangerschaft glaube. Jedenfalls nicht, wenn ich von ihren sonstigen Behauptungen auf ihre Glaubwürdigkeit schließe.”

Bei dieser Bemerkung zog er seine Augenbrauen zusammen und musterte sie eingehender. Allie hatte den Eindruck, dass er so sehr an Polizeischikanen gewöhnt war, dass er sich schlicht nicht vorstellen konnte, dass ihm eine Polizistin wohlgesonnen war. Er schien zu glauben, dass sie sein Vertrauen gewinnen wollte, um ihn danach geradewegs in eine Falle laufen zu lassen. “Wir haben über nichts dergleichen gestritten”, beharrte er.

“Aber Sie hatten Streit.”

“Ich habe sie gebeten, zu gehen. Das hier ist mein Haus. Dieses Recht habe ich.”

“Würden Sie mir einen Gefallen tun, Mr. Montgomery?”

“Was denn?”, fragte er und musterte dabei eingehend ihr Gesicht.

“Würden Sie mir Ihre Hände zeigen?”

Sein Gesicht verdüsterte sich, als er endlich verstand, worum es ihr ging. “Nein.”

“Mr. Montgomery …”

“Ich pflanze Baumwolle an, Officer McCormick. Ich möbele alte Autos wieder auf. Ich repariere meine Traktoren selbst und erledige Ausbesserungsarbeiten an meinem Haus, an der Scheune und sämtlichen Wirtschaftsgebäuden. Mit anderen Worten: Ich benutze meine Hände. Andauernd. Sie sehen also nicht aus wie die von irgendwelchen Bleistiftspitzern in der Großstadt. Und ich werde mir von Ihnen nicht wegen irgendwelcher Schnittwunden oder Schwielen unterstellen lassen, dass ich Beth Ann geschlagen habe.”

Die Tatsache, dass er sie beim Namen nannte, ohne auch nur einen Blick auf ihre Dienstmarke zu werfen, zeigte ihr, dass er die ganze Zeit gewusst hatte, mit wem er es zu tun hatte. Sie hatten zwar seit ihrer Rückkehr kein Wort miteinander gewechselt, aber trotzdem überraschte es sie nicht, dass er sie kannte. Neuigkeiten verbreiteten sich schnell in Stillwater.

“Ich bin Realistin, Mr. Montgomery”, versicherte sie ihm. “Miss Cole hat Sie eines schwerwiegenden Verbrechens beschuldigt, und es ist mein Job, zu überprüfen, ob ihre Anschuldigungen eine Grundlage haben.”

“Und wenn ich die Zusammenarbeit verweigere?”

“Damit könnten Sie sich verdächtig machen.”

“Und in welcher Weise könnte das die Gesamtsituation beeinflussen?”

Als Reaktion auf seinen herausfordernden Ton schob sie ihr Kinn vor. Es war nicht viel, aber es war alles, was sie hatte, um ihm die Stirn zu bieten. “Ich würde Sie womöglich festnehmen und mit aufs Revier nehmen müssen.”

“Sie – und welche Armee?”, fragte er mit schmalen Augen.

Sie lächelte charmant. “Das würde ich schon hinkriegen, glauben Sie mir.”

“Ich möchte eine Anwältin haben”, gab er zurück. “Zufälligerweise kenne ich eine gute.”

Natürlich spielte er auf seine Schwester Grace an, die als stellvertretende Staatsanwältin in Jackson gearbeitet hatte, bevor sie letzten Sommer zurück nach Stillwater gezogen war. “Ganz wie Sie wollen”, erwiderte Allie so freundlich wie möglich. “Grace kann gerne zu uns stoßen. Aber wenn ich mich recht erinnere, ist sie hochschwanger. Wollen Sie sie wirklich mitten in der Nacht wecken und bitten, bei strömendem Regen hier rauszufahren? Wissen Sie, letzten Endes wird es keinen großen Unterschied machen. Ich werde erfahren, was ich erfahren möchte. Es wird nur ein wenig länger dauern.”

Der Muskel, der auf seiner Wange zuckte, verriet ihr, was er über ihre Antwort dachte. Er wollte nicht in die Enge getrieben werden. Nach einem weiteren herausfordernden Blick streckte Clay ihr seine Hände hin. “Ich habe nichts zu verbergen.”

Allie musterte seine Handflächen, dann drehte sie die Hände um und prüfte die Handrücken.

“Also, was ist? Habe ich eine wehrlose Frau geschlagen?”, fragte er sarkastisch. “Eine Frau, die gar keine Verletzungen hat?”

Allie sah viel Hornhaut und einige kleine Schnittverletzungen, aber nichts, was bei einem Mann, der viel im Freien arbeitete, ungewöhnlich war. “Ich möchte Fotos machen.”

Wofür?”

“Als Beweis.”

“Ich habe sie nicht geschlagen!”

“Ein Foto würde beweisen, dass Ihre Knöchel nicht geschwollen und Ihre Fingernägel zu kurz sind, um die Kratzer auf ihrem Arm verursacht zu haben.”

Er zögerte, offenbar immer noch skeptisch, dass sie tatsächlich auf seiner Seite war. “Es gibt keine Kratzspuren auf ihrem Arm.”

“Eben hatte sie jedenfalls welche”, erwiderte sie. Selbst wenn Beth Ann sich die Verletzungen selbst beigebracht hatte, wie Allie vermutete, könnten Clays Gegner sie als Beweis nutzen, um Druck auf den Staatsanwalt auszuüben. Reverend Barkers Neffe war einer von ihnen. Joe Vincelli hasste die Montgomerys. Und er hatte einflussreiche Freunde. “Beth Ann ist ein bisschen … unentschieden in Bezug auf das, was vorgefallen ist. Aber das bedeutet nicht, dass Mr. Harris nicht Anklage erheben kann, wenn er will. Jetzt …” Allie wollte Clay eigentlich nicht noch näher kommen, aber um zu vermeiden, dass ihr der Regen weiter in den Kragen tropfte, trat sie schließlich doch einen Schritt auf ihn zu. “Würden Sie bitte Ihr Hemd ausziehen?”

Wie bitte?” Seine Stimme klang, als hielte er sie für übergeschnappt.

Wo blieb nur Hendricks? Mit einem männlichen Kollegen an der Seite wäre das alles viel einfacher. “Sie haben mich sehr gut verstanden.”

“Warum?”

“Aus demselben Grund, aus dem ich schon Ihre Hände sehen wollte.”

Sie erwartete erneuten Widerstand. Die Tatsache, dass sie jetzt das Zepter übernommen hatte, dürfte ihm innerlich zutiefst gegen den Strich gehen. Aber sie täuschte sich. Er heftete seine blauen Augen auf sie, und seine vollen Lippen kräuselten sich spöttisch, als er sagte: “Nach Ihnen.”

Offenbar war er dabei, seine Taktik zu ändern: Angriff ist die beste Verteidigung. Aber Allie ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. “Ich bin überzeugt, dass Sie schon mehr gesehen haben, als ich zu bieten habe”, schoss sie zurück. “Ich bin nicht gerade ein Kurvenwunder.”

“Vielleicht mag ich ja zierliche Frauen.”

Sie setzte eine besonders spröde Miene auf. “Für den Fall, dass Sie es nicht bemerkt haben: Ich bin etwas in Eile.”

Er blickte zum Streifenwagen hinüber. Allie ahnte, wie erniedrigend es für ihn sein musste, sich vor seiner Anklägerin auszuziehen.

Verdammter Hendricks.

“Wir können ins Haus gehen, wenn Ihnen das lieber ist”, schlug sie höflich vor.

“Sollten Sie nicht erst mal zusehen, dass Sie die da draußen loswerden? Nur für den Fall, dass Sie bleiben wollen?” Er legte es immer noch darauf an, sie in Verlegenheit zu bringen. Das zeigte ihr sein anzügliches Grinsen.

“Da, wo sie sitzt, ist sie bestens aufgehoben. Und was mich angeht – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich beherrschen kann.”

Leise kichernd schlenderte er ins Haus, so als würde es ihm nicht das Geringste ausmachen. Doch sie wusste, dass das täuschte, denn sobald sie Beth Anns neugierigen Blicken nicht mehr ausgesetzt waren, zeigte sich schlagartig Ernüchterung auf seinem Gesicht.

“Ist das alles wirklich nötig?”, fragte er sie leise, und in seiner Stimme schwang eine Spur Verzweiflung mit.

Allie konnte sich sehr gut vorstellen, dass er nach jahrelanger Belagerung durch die Polizei einfach nur seine Ruhe haben wollte. Und dennoch: Ihr war es wichtig, sich optisch von seiner Unschuld zu überzeugen. Wenn sich herumsprach, was heute Abend hier passiert war, könnte es zu heftigen Reaktionen kommen – und immer schon hatte sie sich lieber auf die Seite der Außenseiter, Verlierer und Benachteiligten gestellt.

Warum sie Clay in diese Kategorie einordnete, wusste sie selbst nicht. Vielleicht, weil sich die öffentliche Meinung längst gegen ihn verschworen hatte. Und weil er nichts dagegen unternommen hatte. Womit er sich wahrscheinlich selbst am meisten im Weg stand.

“Wenn ich in meinem Bericht betone, dass Ihre Hände und Ihr Oberkörper keine Spuren einer körperlichen Auseinandersetzung aufweisen, wird der Staatsanwalt unter Umständen weniger Handlungsbedarf sehen.”

“Es gab keine körperliche Auseinandersetzung. Alles, was ich getan habe, war, die Beziehung zu beenden.”

Es war Clays Vergangenheit, die auf der Situation lastete. Aber Allie wollte ihm nicht erzählen, dass Beth Ann ihn beschuldigt hatte, den Mord an Reverend Barker gestanden zu haben. Das würde das Fass seiner Wut zum Überlaufen bringen. Warum sollte sie ihn, allein mit ihm auf engstem Raum, noch weiter provozieren? Sie würde Beth Anns Aussage lediglich zu den vielen anderen unbewiesenen Aussagen in den Akten legen – Aussagen, die Allie sich allesamt zu überprüfen vorgenommen hatte, gründlich und methodisch. “Es ist zu Ihrem eigenen Schutz, Mr. Montgomery.”

Sie war nicht sicher, ob er ihr wirklich glaubte, aber tatsächlich zog er sich mit einem Nicken, das viel zu jungenhaft für einen so kräftigen Mann wirkte, das T-Shirt aus.

Nie zuvor hatte Allie einen prächtigeren männlichen Oberkörper gesehen. Um Clays Hals hing ein goldenes Medaillon. Es lag genau in der Vertiefung zwischen den kräftigen Brustmuskeln, schien irgendeinem katholischen Heiligen gewidmet zu sein und überraschte sie, denn sie hätte ihn nicht für religiös gehalten.

Ihre Augen trafen sich, und kurz fürchtete sie, er könnte die widerstrebende Bewunderung in ihrem Blick lesen.

“Dafür, dass Sie Polizistin sind, scheinen Sie sich in manchen Situationen des Polizeialltags nicht besonders wohl zu fühlen”, murmelte er, und diesmal war der beißende Unterton aus seiner Stimme verschwunden.

“Meine Stärke sind tote Menschen, nicht lebendige”, sagte sie.

“Aber mit lebendigen hat man mehr Spaß.”

Er flirtete schon wieder, aber sie wusste, dass er es nicht ernst meinte. Wahrscheinlich suchte er nur nach einer Möglichkeit, sich von der erniedrigenden Fleischbeschau abzulenken.

“Mag sein”, gab sie zu, “aber sie sind auch um einiges bedrohlicher.”

Seine aufgesetzte gute Laute war im Nu wieder verflogen. “Ich habe ihr nicht wehgetan.”

“Ich spreche gar nicht von dieser Art von Bedrohung.” Sie berührte seinen Arm, um ihn umzudrehen, aber er rührte sich nicht vom Fleck.

“Wenn ich sie geschlagen und sie sich gewehrt hätte, dann wären Spuren auf meinem Gesicht, meinem Hals und meiner Brust zu sehen”, sagte er.

Aber Allie sah keine Spuren einer Auseinandersetzung. Dennoch machte sie seine Weigerung, ihr den Rücken zu zeigen, neugierig. “Es gibt einige Ausnahmen.” Sie zog erneut an seinem Arm.

“Ich habe Ihnen genug gezeigt”, knurrte er. Aber sie bestand darauf, dass er sich umdrehte, und als er ihr endlich gehorchte, verstand sie seine Weigerung. Der Rücken war voller frischer Kratzspuren.

“Ich nehme an, die haben Sie von heute Nacht?”, fragte sie.

Er warf ihr einen trotzigen Blick über die Schulter zu. “Aber nicht von einem Streit.”

Das stimmte. Die Höhe der Kratzspuren und die Richtung, in der sie verliefen, zeigten Allie deutlich, was Clay und Beth Ann miteinander gemacht hatten. Er hatte es ihr ja bereits in leuchtenden Farben geschildert.

Erleichtert, dass die Inspektion beendet war, trat sie zur Seite.

“Vielen Dank. Wenn Sie aufs Revier kommen, nachdem ich mit Beth Ann fertig bin, könnten wir ein paar Fotos machen, die den makellosen Zustand Ihres Körpers dokumentieren.” Sie errötete, als ihr klar wurde, wie ihre Worte aufgefasst werden könnten, und beeilte sich hinterherzuschicken: “Ich meine, dass Sie frei von Verletzungen sind, die Sie belasten könnten.”

Er ging nicht weiter auf ihren Versprecher ein: “Glauben Sie mir?”

“Was ich glaube, spielt keine Rolle. Ich nehme nur die Fakten auf. Der Staatsanwalt wird seine eigenen Schlüsse ziehen. Wenn Sie es allerdings darauf ankommen lassen wollen, dass mein Protokoll zu Ihrer Verteidigung ausreicht, falls Miss Cole nicht von ihrer Version des Vorfalls abrückt … dann brauchen Sie nicht aufs Revier zu kommen. Andernfalls …”

“Allie.”

Sie blinzelte. Sie hatte keine Ahnung, dass er ihren Vornamen kannte. “Was?”

“Ich habe noch nie eine Frau geschlagen. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen versichere, dass ich sie nicht geschlagen habe?”

Sie starrte ihn an, wog ihre Eindrücke gegeneinander ab. Bis jetzt hatte sie versucht, sich in ihrem Urteil weder auf die eine noch die andere Seite zu stellen, hatte sich einfach nur bemüht, ihren Job zu machen. Aber es war relativ klar: Beth Anns Worte hatten falsch geklungen, nicht Clays. Wahrscheinlich, dachte sie, will er genau diese Bestätigung von einer Person in Uniform hören.

“Ja, ich glaube Ihnen”, gab sie zu. Dann ging sie hinaus.

Clay saß am Küchentisch und lauschte dem Ticken der Uhr über dem Herd. Er musste nicht aufs Revier fahren; Beth Anns Anschuldigungen waren völlig haltlos. Und Allie McCormick hatte ihm versichert, dass sie ihm glaubte. Aber er setzte wenig Hoffnung darauf, dass sie sich an ihre Worte erinnern würde, wenn ihr Vater oder jemand anders erst einmal anfing, die Fakten anders zu deuten. Warum sollte sie auch? Clay wusste genau, dass der nächtliche Vorfall kein gutes Licht auf ihn warf. Der hysterische Anruf direkt von seinem Haus aus, die Kratzspuren auf seinem Rücken, Beth Anns Behauptung, schwanger und von ihm zu einer Abtreibung gedrängt worden zu sein …

Es war erniedrigend. Er war sich fast hundertprozentig sicher, dass Beth Ann nicht schwanger war. Sonst hätte sie ihm etwas gesagt, schon allein, um die Trennung doch noch zu verhindern. Sie war gerissen genug, um diesen Trumpf auszuspielen, wenn er sich denn bot. Das überzeugte ihn einmal mehr davon, dass Frauen in seinem Leben nichts mehr zu suchen hatten. Offensichtlich konnte er ja nicht einmal mehr eine harmlose Affäre haben, ohne es zu bereuen.

“Scheiße”, murmelte er, stand auf und griff nach seinen Schlüsseln. Er würde aufs Revier fahren und Officer McCormick ihre dämlichen Fotos machen lassen. Das T-Shirt auszuziehen und die Kratzspuren von Beth Anns Fingernägeln zu entblößen, würde nicht entwürdigender sein als beim ersten Mal. Und er war es seinen Schwestern und seiner Mutter schuldig, den Schaden zu beheben, den er angerichtet hatte.

Er musste alles tun, um weitere Aufmerksamkeit von sich abzulenken und Beth Anns Anschuldigung zu entkräften. Er musste alles daransetzen, um die Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen.

Allie hatte nicht damit gerechnet, Clay in dieser Nacht noch einmal wiederzusehen. Sie war mehr als erstaunt, als er gegen drei Uhr morgens auf dem Revier auftauchte. Beth Ann war erst ein paar Minuten zuvor gegangen, und Hendricks hatte seinen lahmen Arsch endlich hochgekriegt und fuhr Streife. Mit anderen Worten: Sie war wieder einmal allein mit Clay.

“Mr. Montgomery.” Sie vermutete, dass er ihr gleich vorschlagen würde, ihn beim Vornamen zu nennen. Sie waren ungefähr gleich alt und hatten dieselbe Schule besucht. Doch das tat er nicht.

“Officer McCormick.”

Sie war im Begriff gewesen, sich einen Kaffee einzugießen, doch jetzt stellte sie den Becher beiseite. “Ich bin froh, dass Sie hier sind.”

“Ist Ihre Kamera startklar?”, fragte er.

“Ja.” Sie nahm sie von ihrem Schreibtisch.

“Dann lassen Sie es uns hinter uns bringen.”

Zuerst machte sie Fotos von seinen Händen. Dann zog er das T-Shirt aus, und sie fotografierte sein Gesicht, seine Brust und seine Arme aus mehreren Perspektiven. Als sie keine Anstalten machte, sich seinem Rücken zuzuwenden, zog er fragend die Augenbrauen hoch: “Schon fertig?”

“Schon fertig.”

“Ist … ist die Sache damit wohl erledigt?”, fragte er hoffnungsvoll und zog sich das T-Shirt wieder über den Kopf.

Obwohl Beth Ann diesmal nicht in der Nähe war, scheute sich Allie davor, Clay von dem angedeuteten Mordgeständnis zu erzählen. Egal, was Beth Ann gesagt hatte: Sie wollte nicht mit dem Finger auf Clay zeigen. Zumindest nicht, ohne Beweise zu haben, hieb- und stichfeste kriminaltechnische Beweise. Auf einfache Behauptungen und Hörensagen würde sie sich nicht verlassen. Und sie war gut genug, um Beweise zu finden. Irgendwann.

Aber irgendwann war nicht jetzt, und in ein paar Stunden würde Clay ohnehin zu hören bekommen, was Beth Ann ihr anvertraut hatte. Besonders, weil Hendricks jetzt auch Bescheid wusste. Ihr Kollege hatte begierig jedes Wort aufgesaugt, das Miss Cole zu Protokoll gab. Wenn Allie es Clay nicht selbst sagte, würde er vermutlich den Eindruck bekommen, sie hätte ihn hintergangen. Und sie wollte niemanden verprellen, der in den Fall verwickelt war, denn bereits vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass Hilfe oft von unerwarteter Seite kam. “Ich denke nicht, dass die Sache genügend Substanz hat für eine Klage wegen versuchten Mordes, wenn es das ist, was Sie meinen.”

Durch ihren Tonfall deutete sie ihm an, dass es da aber durchaus noch etwas anderes gab, und er verstand die Andeutung.

Mit leicht gespreizten Beinen stand er da und verschränkte die Arme. “Ich bekomme langsam den Eindruck, dass ich nicht ganz auf dem Laufenden bin.”

Allie saß auf der Schreibtischkante. “Nicht ganz.”

Bevor sich seine Miene wieder verschloss, entdeckte Allie noch einmal die Müdigkeit und Abgespanntheit auf seinem Gesicht, die sie zwischendurch immer wieder bemerkt hatte.

“Na, dann schießen Sie doch einfach los.”

“Miss Cole sagt, dass Sie Ihren Stiefvater umgebracht haben.”

Das schien ihn nicht weiter zu berühren. “Viele Leute behaupten das.”

“Sie behauptet allerdings, dass Sie es ihr gestanden haben.” Allie presste ihre Hände zusammen. Sie ahnte, wie furchtbar ihre Worte für ihn sein mussten, falls er unschuldig war. “Sie hat ihre diesbezügliche Zeugenaussage gerade unterschrieben”, fügte sie so behutsam wie möglich hinzu.

Allie hatte damit gerechnet, dass er wütend und laut werden würde, so wie bei der Erwähnung der tatsächlichen oder vorgetäuschten Schwangerschaft. Aber er starrte sie nur an – oder besser gesagt: Er starrte durch sie hindurch.

“Ich habe gar nichts gestanden”, sagte er schließlich.

“Das bedeutet nicht, dass Sie unschuldig sind”, sagte sie, um seine Reaktion zu testen.

Ein tiefer Atemzug hob und senkte seine Brust. “Es bedeutet aber auch nicht, dass ich schuldig bin.”

Allies Nachhaken hatte ihn nicht dazu gebracht, mehr zu verraten, als er verraten wollte. Aus seiner Antwort konnte sie ablesen, dass er bereits wusste, dass Beth Anns Aussage nicht so belastend war, wie seine Gegner es sich vielleicht wünschten. Deshalb fragte sie ohne Umschweife: “Was ist da wirklich los? Legt sie es darauf an, Sie dranzukriegen?”

“Natürlich. Und sie ist nicht die Einzige.”

“Das ist das Problem, oder?”, fragte sie. “Erfreulicherweise geht es mir persönlich aber nur darum, die Wahrheit aufzudecken.”

Er nahm das Bild von Whitney in die Hand, das auf ihrem Schreibtisch stand. “Es stimmt also, was ich gehört habe?”

“Was haben Sie denn gehört?”

“Dass Sie wild entschlossen sind, herauszufinden, was mit meinem Stiefvater passiert ist?”

Sie wartete mit ihrer Antwort, bis er sie wieder anschaute. “Madeline hat mich um Hilfe gebeten. Wir kennen uns seit der Highschool und hatten in den letzten Jahren immer wieder mal Kontakt. Um ihretwillen würde ich den Fall gern zu einem Ende bringen, wenn ich kann.”

Er stellte das Foto zurück auf ihren Schreibtisch. “Madeline glaubt immer noch daran, dass ihr Vater lebt.”

“Und was glauben Sie?”, fragte sie.

“Na ja, neunzehn Jahre sind eine lange Zeit. Es wird nicht leicht sein, noch irgendetwas zu finden.”

War das Wunschdenken? Oder gab er sich nur realistisch? “Ich habe Fälle gelöst, die noch weiter zurückreichten.”

“Ich nehme mal an, dass es in Ihren Fällen kriminaltechnisch verwertbare Beweise gab. In diesem Fall gibt es keine Beweise. Viele andere Leute haben schon vergeblich danach gesucht – Ihr Vater eingeschlossen.”

“Ich habe Möglichkeiten an der Hand, die man damals noch nicht hatte.”

“Das klingt vielversprechend”, entgegnete er, aber als Allie seine gekräuselten Lippen sah, fragte sie sich, ob er das nicht nur sarkastisch meinte.

“Wenn Ihr Stiefvater tot ist, würden Sie dann seine Mörder nicht vor Gericht sehen wollen?”, fragte sie.

Seine Miene verriet keine Gefühlsregung. “Natürlich will ich Gerechtigkeit.”

“Was machst du hier so früh? Es ist doch erst sieben!”

Mit einer Körpergröße von nicht einmal einem Meter sechzig, dafür aber einem umso beeindruckenderen Brustumfang stand Clays Mutter in der Tür ihrer kleinen Doppelhaushälfte, die sie seit Kurzem umgestaltete. Mittlerweile war das Haus so vollgestopft mit neuen Teppichen, Möbeln, Tapeten und Accessoires, dass Clay sich Sorgen machte, auch Außenstehende könnten langsam ahnen, was er bereits wusste: dass Irene sich eine so teure Einrichtung unmöglich von ihrem Gehalt als Boutiquen-Verkäuferin leisten konnte. Zwar erzählte sie jedem, sie habe eine Gehaltserhöhung bekommen, aber einen so gewaltigen Gehaltssprung würde ihr nicht einmal der größte Idiot abkaufen.

“In Anbetracht dessen”, sagte er, “dass ich jeden Morgen um vier aufstehe …” – und, fügte er in Gedanken hinzu, dass ich diese Nacht überhaupt nicht geschlafen habe –, “hält sich mein Mitleid mit dir in Grenzen.” Besonders, weil er wusste, dass sie gar nicht so böse darüber war, aus dem Bett geworfen worden zu sein. Sie konnte es nur absolut nicht leiden, überrascht zu werden, bevor sie ihr “Gesicht aufgesetzt” hatte, wie sie es nannte. Das galt auch für ihren Sohn. Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft er seine Mutter ohne dick aufgetragene Wimperntusche und leuchtend roten Lippenstift gesehen hatte. “Lässt du mich jetzt rein oder nicht?”

“Natürlich.” Sie zog den Gürtel ihres Morgenmantels fest, zupfte an ihrem dunklen Dutt herum. Normalerweise trug sie ihr Haar offen. “Was ist denn in dich gefahren? Ist etwas passiert?”

Clay konnte kaum treten in dem vollgestopften Zimmer. Seit er vor einem Monat hier gewesen war, hatte sich seine Mutter eine neue Ledercouch, zwei Lampen, einen großen Flachbildfernseher und einen extravaganten Teewagen angeschafft.

“Jetzt erzähl mir bitte, dass du aufgehört hast, ihn zu treffen”, sagte er, noch während sie die Tür schloss.

“Ich weiß nicht, wovon du sprichst”, erwiderte seine Mutter, sah ihn dabei jedoch nicht an.

Der Gardenienduft ihres Parfums schwebte in der Luft, als sie in die Küche eilte. Diese war ebenfalls renoviert worden und jetzt direkt vom Wohnzimmer aus zu erreichen. “Möchtest du einen Kaffee? Ich habe eine köstliche Bohne da.”

Gourmetkaffee. Allies Vater schien sie wirklich auf Händen zu tragen. “Merkst du überhaupt, was du da tust?”, fragte er verblüfft, während er seiner Mutter in die Küche folgte. “Ist dir klar, was du riskierst?”

“Hör auf!”, fiel Irene ihm ins Wort. “Ich lebe mein Leben, so wie jeder andere auch.”

Ja, das tat sie – in permanenter Verleugnung. An sich war ihre Weigerung, sich einzugestehen, was mit Barker passiert war, nicht weiter bedenklich. Solange Clay in der Nähe war und sich um sie und seine Schwestern kümmerte, hatte er den Eindruck, dass alles in Ordnung war. Er wollte einfach nur, dass sie glücklich waren … und vergaßen. Deshalb blieb er auf der Farm. Deshalb wachte er sorgsam darüber, dass dort keine Beweise gefunden wurden. Denn nur so konnten sie das Leben führen, das er sich für sie wünschte. Aber wenn sich Irene weiterhin weigerte, auf ihn zu hören, dann könnten all seine Bemühungen umsonst gewesen sein. “Allie McCormick arbeitet daran, Barkers Verschwinden aufzuklären”, sagte er.

Diese Ankündigung schien Irene nicht weiter zu beeindrucken. “Nicht offiziell.”

“Das spielt keine Rolle. Sie gilt als Expertin für die Aufklärung weit zurückliegender Verbrechen. Und sie ist auf dem neuesten Stand in Sachen Kriminaltechnik und Spurensicherung.”

“Ich weiß.” Irene kochte unbeirrt weiter Kaffee. “Sie ist eine exzellente Polizistin, genau wie ihr Vater.”

Clays Kinnlade klappte herunter, als er den Stolz in der Stimme seiner Mutter hörte. “Was?”

“Grace hat mir alles über sie erzählt”, erklärte sie. “Aber keine Sorge. Allie hat gerade erst eine schmerzliche Scheidung hinter sich. Sie ist einsam und langweilt sich, da ist es doch klar, dass sie Lust hat, hier und da ein bisschen herumzustochern. Was sollte eine Topermittlerin wie sie in einem Kaff wie Stillwater sonst auch tun? Aber am Ende wird ihr auch diese Sache langweilig werden.”

“Langweilig”, wiederholte er ungläubig.

“Maddy stachelt sie an.”

“Für Allie ist dieser Fall kein kleines Abenteuer, Mom. Wenn ich sie nicht völlig falsch einschätze, dann meint sie es ernst, wenn sie sagt, dass sie deinen Mann finden will – oder das, was von ihm übrig ist. Und das interessiert dich überhaupt nicht?”

Er hätte noch hinzufügen sollen, dass Beth Anns Anschuldigung die Sache nicht gerade vereinfachte, das wusste Clay. Gerade nach der letzten Nacht musste Allies Interesse an dem Fall ganz neu entfacht sein. Es war einfach dumm von ihm gewesen, sich nicht eher aus dem Schlamassel, zu dem die Affäre mit Beth Ann längst geworden war, zurückgezogen zu haben. Und er schämte sich, dass er seine Mutter und seine Schwestern dadurch in Gefahr brachte.

Irene drehte ihm den Rücken zu, während sie das kleine Päckchen Gourmetkaffee wieder verschloss. “Warum sollte irgendetwas, das Allie macht, mich berühren?”, fragte sie. “Das, was passiert ist, ist in einem anderen Leben passiert. Ich habe es Grace immer wieder gesagt: Das liegt jetzt alles hinter uns. Warum kann man mich nicht einfach vergessen und genießen lassen, was von meinem Leben noch übrig ist?”

“Du bist glücklich, dich mit einem verheirateten Mann zufriedengeben zu müssen?”, fragte er. “Mit einem Mann, der sich nur heimlich mit dir treffen kann? Der sich in der Öffentlichkeit nicht zu dir bekennt?”

“Er behandelt mich besser als alle anderen Männer vor ihm!”, brauste sie auf. Sie war aufgewühlt wie selten, und ihre Augen sprühten Funken. “Schau dir diesen entzückenden Morgenmantel an, den er mir gekauft hat. Schau dir die Wohnung an. Endlich bin ich mal mit jemandem zusammen, der meine Liebe erwidert, mit jemandem, der weiß, wie man eine Frau behandelt.”

Clay hasste die Schuldgefühle, die ihn jedes Mal überfielen, wenn ihm klar wurde, mit wie wenig sich seine Mutter zufriedengab. Dabei war es tatsächlich größtenteils seine Schuld, dass sie in den letzten zwei Jahrzehnten so viel hatte durchstehen müssen. Wenn er nur in jener Nacht bei Grace und Molly zu Hause geblieben wäre! Aber da war er sechzehn gewesen – zu jung, um zu überblicken, was auf dem Spiel stand, zu jung, um die Bedrohung zu begreifen, die seine Mutter damals bereits gespürt hatte. “Mom, wenn irgendjemand Wind bekommt von eurer Affäre, dann ist sein Leben ruiniert. Meine Güte, er ist der Polizeichef!”

“Niemand wird davon erfahren.”

“Das kannst du doch nicht wissen! Wie lange, glaubst du, kannst du noch mit diesen Heimlichkeiten weitermachen, bevor jemand Verdacht schöpft? Grace und ich sind euch schließlich auch auf die Schliche gekommen, oder etwa nicht?”

“Hast du es Molly erzählt?”

“Nein.” Glücklicherweise war seine jüngste Schwester weggezogen, als sie aufs College kam, und nie wieder nach Stillwater zurückgekehrt. Zwar hörten sie oft von ihr, und zwei- oder dreimal im Jahr kam sie auch zu Besuch, doch war Molly diejenige aus der Familie, die die Vergangenheit noch am ehesten hinter sich gelassen hatte.

“Na, selbst wenn du ihr nichts verraten hast – Grace hat es bestimmt getan”, sagte Irene.

Clay wusste, dass das stimmte. Aber dafür hatten sie es immerhin geschafft, Madeline irgendwie außen vor zu halten. “Du musst die Sache beenden. Wir haben auch so schon genug zu verheimlichen.”

“Ich treffe ihn nicht mehr”, stieß sie mürrisch hervor.

Am liebsten hätte er es dabei belassen und einfach auf das Beste gehofft. Aber jetzt, wo Allie anfing herumzustöbern, brauchte er etwas mehr Verbindlichkeit. “Wenn du ihn bislang noch nicht verlassen hast, dann mach das bitte jetzt, so schnell wie möglich.”

“Du hast leicht reden”, brummte sie.

“So leicht nun auch wieder nicht. Denk doch an die Menschen, denen ihr wehtut, wenn ihr die Sache nicht beendet! Ich weiß, dass dir das nicht gleichgültig ist.”

Irene knallte die Schranktür zu. “Ist es dir egal, wenn ich diejenige bin, der es wehtut?”

“Er ist verheiratet! Du hast keinen Anspruch auf ihn!”

“Es ist ja nicht so, dass ich ihn mir vorsätzlich geangelt hätte. Es ist … es ist ganz einfach passiert. Manchmal gehen Ehen eben auseinander.”

“Soweit wir wissen, ist nicht seine Ehe das Problem. Die ist gut. Es ist eher seine Libido, die ihn auf Abwege führt.”

“Hör auf!”, schrie sie. “Hör auf, mich so zu behandeln, als wäre ich ein Flittchen.”

Dann hör auf, dich wie eines zu benehmen, hätte er ihr am liebsten gesagt, aber so respektlos wollte er nicht sein. Außerdem konnte er fast verstehen, warum sie sich in Chief McCormick verliebt hatte. Ihre beiden Ehemänner hatten sie schlecht behandelt, Dale hingegen überhäufte sie mit Aufmerksamkeit und Geschenken.

“Mom, wenn Allie von deiner Affäre mit ihrem Vater erfährt, wird sie erst recht versuchen, zu beweisen, dass wir für Barkers Tod verantwortlich sind. Besser könnte sie sich nicht rächen …”

Kaffeeduft erfüllte den Raum. “Dale und ich haben uns nicht mehr gesehen, seit Allie wieder hier ist”, murmelte Irene.

Clay sah sie forschend an. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sagte sie die Wahrheit. “Das ist gut. Aber du hoffst, dass ihr euch wieder trefft, sobald ihr eine Gelegenheit habt, stimmt’s?”

“Nein.”

Diesmal glaubte er ihr nicht. Er wusste, dass sich eine Affäre wie diese, wenn sie nicht offiziell beendet wurde, über Jahre hinziehen konnte. “Du musst ihm sagen, dass du dich nicht mehr mit ihm treffen kannst.”

Tränen traten Irene in die Augen, und sie kam auf ihren Sohn zu. Als er sie weinen sah, wünschte er, er könnte ihr einfach sagen, dass alles wieder gut werden würde. Aber das ging nicht. Sollte Chief McCormick seine Frau wegen Irene verlassen, dann würde die ganze Stadt hinter ihr her sein. Irene war ohnehin nie allzu beliebt gewesen, was sie ihrem Mann, dem Reverend, zu verdanken hatte: Der hatte sie nämlich regelrecht isoliert, hatte ihr nicht gestattet, sich bei anderen als kirchlichen Anlässen blicken zu lassen. Und er hatte bei jeder Gelegenheit beklagt, dass die Heirat mit ihr ein Fehler gewesen wäre. Dass er nun mit einer flatterhaften, faulen, eingebildeten Frau zusammenleben müsste, die eine einzige Last für ihn darstellte. Bisweilen hatte er sie sogar in spitzfindiger, entwürdigender Weise direkt von der Kanzel herab kritisiert. Und seine Gemeinde hatte ihm jedes Wort abgekauft. Schließlich war er in Stillwater verwurzelt, hatte eine Familie und Freunde, besaß Land und war von der trügerischen Aura der Reinheit umgeben. Irene hingegen besaß gar nichts – außer der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Eine Hoffnung, die der Mann mit der frommen Maske schnell zerstörte.

Niemand kannte diesen Mann. Niemand kannte ihn so, wie die Montgomerys ihn kannten.

“Es tut mir leid”, sagte Clay mit weicher Stimme. “Du hast keine Wahl. Das weißt du doch, oder?”

Sie wischte die Tränen weg, die ihr über die Wangen liefen. “Ja.”

3. KAPITEL

“Mommy … Mommy …”

Die Stimme ihrer Tochter und das Kitzeln der kleinen Hand an ihrer Schulter drangen wie durch eine Nebelwand zu Allie durch und weckten sie aus ihrem Nachmittagsschlaf. Sie war immer noch müde. Sie war erst vor fünf Stunden ins Bett gegangen, nachdem sie Whitney von der Schule abgeholt hatte – und es fiel ihr schwer, die Augen aufzubekommen. Sie wollte so viel und oft wie möglich für ihr Kind da sein. Deshalb war sie nach Stillwater zurückgezogen und hatte die Nachtschichten und eine ziemliche Gehaltseinbuße in Kauf genommen.

“Wer ist das?”, fragte Whitney.

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