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Toter Winkel

Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig.

Des Maurers Wandeln,

Es gleicht dem Leben,

Und sein Bestreben,

Es gleicht dem Handeln

Der Menschen auf Erden.

Die Zukunft decket

Schmerzen und Glücke,

Schrittweise dem Blicke,

Doch ungeschrecket

Dringen wir vorwärts.

Und schwer und schwerer

Hängt eine Hülle

Mit Ehrfurcht. Stille

Ruhn oben die Sterne

Und unten die Gräber.

Betracht sie genauer!

(Johann Wolfgang von Goethe, Symbolum)

Die Brüder mach’ ich fertig.

(Arnold Schwarzenegger)

1.

Ich hab’ dir Rosen mitgebracht, Gunda, hier, bitte. Schön sieht das aus, so eine rote Rose auf dem glänzenden Marmor. So schön, daß du tot bist, Gunda. Ich meine, welche Anmut dies alles doch hat: der Stein, die Blume, der Regen und mein geneigtes Haupt. Welche Nähe, welche Intimität! Nun fährst du nicht mehr vor mir davon, Gunda.

Du solltest dich nicht von der klirrenden Flasche in meiner Tasche beirren lasse oder von der schäbigen Cordjacke oder von meinen Haaren, aus denen es tropft. Es regnet, Herrgott verdammt, Gunda, es regnet in Strömen. Aber ruhig, ganz ruhig. Das ist alles nur die äußere Hülle, die Täuschung für die anderen, für den dort hinten im schwarzen Anzug mit dem Regenschirm.

Er und ich, wir sind alleine auf der Welt, Gunda, ich und er und die seinen, die so viele sind. Du hast es mir gesagt, es stand in deinen Schriften, daß sie nach uns greifen würden, doch ich habe es dir nicht geglaubt. Erst mußte die Feuersäule aus meinem Knie wachsen, donnernd und lodernd, damit ich es endlich sah. Und wie sie dort brannte, mich rein brannte und mich fraß, da begriff ich, daß sie es waren, daß es nicht anders gewesen sein konnte: Sie töteten dich.

Da tritt er hinter das Steinkreuz, spannt seinen Schirm auf, als ginge der Regen ihn etwas an. Doch ich belauere ihn, quer durch die Welt hinweg, querdurch, wie du es mich gelehrt hast, Gunda. Hat es an jenem Abend auch so geregnet, als sie dich fanden? Hast du durch die Regenschleier die gefräßigen Scheinwerfer im Rückspiegel gesehen, wie sie aufrückten? Und dich abdrängten, bis Scherben und Alleebäume dir um die Ohren flogen und dich fortwirbelten? War das Quietschen der Scheibenwischer in der leeren Luft das letzte Geräusch? Ich erinnere mich nicht mehr.

Keine Spuren, keine Zeugen, ein Unfall, sagten die Polizisten, als sie klingelten. Kannst du dir vorstellen, wie das für mich war, als sie plötzlich da standen? Gunda? Aber ruhig, ganz ruhig, keine Angst, Gunda, ich verzeihe dir. Manchmal höre ich dich nachts noch schreien. Dann lese ich in deinen Büchern und weiß wieder, was ich zu tun habe, so genau, wie ich es auch jetzt weiß.

Da steht er noch, ich sehe ihn, selbst durch das vom Regen verweinte Flaschenglas. Sie waren es, und du sollst nicht ungerächt bleiben. Die Feuersäule, Gunda, sie leuchtet hell!

2.

Kriminalkommissarin Jeannette Dürer nahm die Baskenmütze ab, schüttelte ihre blonden Haare aus und ignorierte routiniert das hingebungsvolle Seufzen der Männer von der Spurensicherung.

»Wo ist die Leiche?« erkundigte sie sich knapp, auch wenn die Frage genau genommen überflüssig war. Der Tote im grauen Lodenmantel war schon von weitem gut zu sehen. An einem lang und länger gedehnten Schal in aggressiven Clubfarben, rot und schwarz, baumelte er vom oberen Absatz des Aufgangs zu Block achtundzwanzig, gleich neben einer fröhlich blauen Säule. Seine Füße pendelten knapp über ihrem Kopf sacht hin und her, als Jeannette auf dem ersten Absatz angekommen war. Ledersohlen, notierte sie in Gedanken, und das Preisschild hing auch noch daran, teure Schuhe. Der Schal knarzte leise.

Jeannette lehnte sich über das Geländer und warf einen Blick in die Umgebung. Vom Nordeingang, wo die Kollegen von der Stadionwache gerade die letzten Schlachtenbummler evakuierten, klang noch dumpfes »Oléoléoléola« herüber und das aufgebrachte Grummeln der Massen, die sich nicht vom Ort des Geschehens lösen wollten und nur zäh über die formlose Asphaltwüste hinter der Zeppelintribüne in Richtung S-Bahn abzogen. Hinter ihnen im Lampendunst, streng und groß wie ägyptische Grabeingänge, lagen dunkel die Latrinen des Reichsparteitagsgeländes. Die stummen Steintore hinter dem Maschendrahtzaun kündeten davon, daß am damaligen Übermenschen eben alles ein wenig größer und todesverliebter gewesen war. Früher hatte Jeannette es geschmacklos gefunden, dem Nazi-Bauensemble die Chance zu geben, je wieder als Kulisse eines Menschenauflaufs fungieren zu dürfen. Zwischendurch war diese Berührungsangst verflogen und dem Glauben gewichen, wenn der Versammlungszweck nur privat, banal und lebenszugewandt genug sei, könnte er den Geist des Steins sogar verhöhnen. Nun, mit einer Leiche im Rücken, war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Auf dem Parkplatz jenseits des Maschendrahtzauns glühten zahllose Rücklichter rot durch die Abgasnebel eines röhrenden Totalstaus. Gestank wolkte sichtbar zwischen kahlen Kiefernstämmen auf und zog auf die nahen nächtlichen Schrebergärten zu. Nur zu ihren Füßen war es still. Zwischen den eilig geschlossenen Imbiß- und Andenkenbuden trieb der Wind Plastikbecher, Servietten und Papierfetzen über den bierklebrigen Boden; weggeworfen, gebraucht, erledigt. Jemand draußen im Dunkeln gröhlte »Krieg und Tod dem Ef-Ce-Een!« Blitzlichter zuckten von Autodächern herüber.

»He!« rief Jeannette nach unten zu zwei Streifenbeamten. »Versucht, auch die Parkplätze abzusperren, wenn’s geht. Ich will hier keine Fotografen.« Sie löste mit ihrer Anordnung Kopfschütteln aus und konnte es verstehen. Es war unmöglich, das Gelände nach dem Spiel so schnell zu räumen, und ihr Toter hing einfach zu hoch; ein unübersehbares Signal überkochender Derby-Leidenschaften, wie es schien.

»Weiß jemand, wie das Spiel ausgegangen ist?« ließ sich da ihr Kollege Martin Knauer von oben vernehmen. Schwungvoll sprang er die Treppe hinunter, winkte mit dem Notizbuch, in das er schon die wichtigsten Zeugenaussagen aufgenommen hatte, und umarmte sie. Anerkennende Pfiffe hallten über die Tribüne.

»Vergeßt die Fingerabdrücke auf dem oberen Geländer nicht«, rief Jeannette verärgert in Richtung der Crew; Knauer zischte sie ein halblautes »Du sollst mich vor den anderen nicht anfassen« zu. Aufgebracht über seinen Anschlag auf ihre Autorität zückte sie ihrerseits ihr Notizbuch, damit die Fingerabdruckpinsler glaubten, sie tauschten ihre Beobachtungen aus. »Wir haben diese Beziehung nicht ins Leben gerufen, damit ich den Kollegen eine Peep-Show liefere. Irgendwas Konkretes?« Barsch ging sie zum eigentlichen Thema über. »Den Namen des Toten zum Beispiel?«

Martin Knauer mußte grinsen, raspelte sich mit fünf Fingern durch seine Bartstoppeln und schüttelte den Kopf. »Wir denken, er hat seine Papiere dabei. Aber wir können ihn erst abnehmen, wenn der Bildchenmacher fertig ist. Wird’s langsam?« erkundigte er sich lauter beim Polizeifotografen. Statt einer Antwort klickte das Blitzlicht ein letztes Mal, dann kam zum gereckten Daumen ein »Alles klar!« Ehe Martin den Befehl zum Einholen geben konnte, stieg Jeannette hinauf, um sich den Knoten oben am Geländer noch einmal selbst anzuschauen. Von oben sah das ganze Arrangement noch absurder aus.

»Daß ihn keiner hochgezogen hat«, sinnierte sie und zupfte probeweise am Schal. »Für einen ist er zu schwer, aber es waren ja genug Leute da. Schließlich dauert es eine ganze Weile, bis ein Mensch erstickt. Er hätte alle Chancen gehabt.«

»Offenbar blieben sie ungenutzt.« Sie schauten auf den leise schwingenden Körper hinunter. »Vielleicht entstand in dem Gedränge eine Panik«, überlegte er, »oder …«

»Oder?«

»Oder er hat sich das Genick gebrochen.«

Sie legte den Kopf schief. »So leicht geht das nicht. Dann wäre ein echter Profi-Henker am Werk gewesen.«

»Oder der Zufall«, entgegnete ihr Kollege. »Es gibt die dümmsten Zufälle. Kennst du diese jährliche Prämierung der blödesten unfreiwilligen Selbstmorde …?«

»Können wir ihn jetzt endlich abnehmen?« erkundigte sich Jochen Böhm, der Kollege von der Spurensicherung ungeduldig. »Wir wollen die Faserproben holen.« Jeannette gab die Leiche mit einem Wink frei und trat zur Seite.

»Leute, kann einer mit anpacken? Der Schal reißt gleich!«

»Hat jemand gesehen, wie’s passiert ist?« fragte Jeannette, während sie beobachteten, wie der tote Mann ihnen ruckweise näher kam.

Martin blätterte in seinen Notizen. »Niemand, der irgendwas gesehen hat. Hier im Abgang war nach Spielende die Hölle los«, meinte er und wies auf die Haufen von Plastikbechern in den Ecken. »Alles drängte raus, ein paar Hooligans prügelten sich schon auf den Rängen. Das Opfer war vermutlich irgendwo zwischen den anderen Flüchtenden eingekeilt. Die ersten, die ihn bewußt wahrnahmen, sahen ihn hier baumeln. Wie’s passiert ist, wer in seiner Nähe war, hat keiner nicht gesehen.«

Schließlich kam ihr Mann über den Rand und lag vor ihnen. Jeannette streifte kurz seinen mäßig erstaunten Blick, dann ging sie in die Knie, um routinemäßig die Taschen zu durchsuchen. Ein frisches Schnupftuch, Halsbonbons, ein silberner Kugelschreiber und ein Häufchen Krümel kamen zum Vorschein.

»Er sieht gar nicht wie ein Fußballfan aus«, stellte sie fest, »und für’s Stadion angezogen ist er auch nicht. Stoffhosen!« Ein alter Kassenbon vom Kaufhof, Fussel, ein einzelner Manschettenknopf.

»Kurze Hosen tragen nur die Jungs auf dem Spielfeld«, erinnerte ihr Kollege sie.

Jeanette verdrehte die Augen. »Trotzdem …« Ein Autoschlüssel mit BMW-Anhänger, Lederhandschuhe, ein Adreßbuch, das war möglicherweise interessant.

»Vielleicht war er nicht oft hier«, meinte Martin Knauer, »das würde auch erklären, warum er sich in den falschen Block verirrt hat.«

»Der falsche Block?« Jeannette hob fragend die Augenbrauen.

»Na, er trägt doch einen Clubschal«, erläuterte Martin und wies nach oben. »Und hier geht’s in die Gästekurve. Da saß der Fürther Fanblock.«

Leise pfiff sie durch die Zähne, eine Fähigkeit, die sie während des Schwänzens von Abiturkursen gelernt hatte und auf die sie ausgesprochen stolz war. »Das hieße, wenn die Hooligans sich durch die Rausströmenden gedrängt haben …«

»… schon aufgewühlt von der ersten Schlägerei …« ergänzte er.

»… und dann auf diese rotschwarzgestreifte Schalprovokation gestoßen sind, dann haben sie vielleicht einfach die Enden ums Geländer geknotet, ein kräftiger Stoß, und der alte Mann flog ab durch die Mitte. Ohne lang nachzudenken. Ist doch selbst schuld.«

»Brillant, wie du die Gedankengänge der heutigen Jugend zu rekonstruieren verstehst!«

»Ach, halt’s … die Geldbörse«, unterbrach sie sich, klappte die lederne Brieftasche auf und entnahm die erste Karte. »Helmut Altmann«, diktierte sie ihrem Kollegen ins Notizbuch, »4. 8. 1936. Privatversichert.« Sie zückte weitere Plastikkärtchen. »Girokonto, Eurocard in Gold, Visacard.« Sie stand auf, um die Tiefen der Fächer in bequemerer Stellung in Augenschein zu nehmen.

»Hier, Doc!« winkte ihr Kollege derweil den Arzt herauf. »Guten Abend, Herr Doktor Greif.« Jeannette sah dem Mediziner bei seinen Handreichungen zu. Mit flüchtigen, geschäftsmäßigen Gesten nahm er das Gesicht des Toten in beide Hände, strich mit den Daumen über die Wangen und zog die Lider hinauf und hinunter, ohne weiter auf die Grimassen zu achten, die er damit erzeugte.

»Keine Blutungen in den Skleren«, stellte der Arzt fest, »keine geplatzten Äderchen im Gesichtsgewebe. Erdrosselt wurde er nicht. Ich würde auf Genickbruch tippen …«

Martin Knauer pfiff. »Da haben unsere übereifrigen Hooligans wirklich Pech gehabt.«

»… aber tasten kann ich nichts«, vollendete der Mediziner mit strafendem Blick seinen Satz. »Ich werde ihn röntgen und dann sezieren müssen. Sie erhalten meinen Bericht.«

Jeannette Dürer erwiderte nichts auf Martins Einwurf, doch ihr abwesender Blick verriet Skepsis.

»Komm schon, Jeannette, was soll es sonst sein? ›Der Derby-Executor‹? Wie viele Fußballzuschauer verstehen sich schon aufs professionelle Aufhängen?«

»Die verdiente Antwort müßte lauten: mindestens einer. Aber wir sollten zum Wagen gehen und mit dem Einsatzleiter telefonieren. Sie bewahren vermutlich gerade die S-Bahn-Station vor dem Schlimmsten.«

»Sollen sie alle Fürther Randalierer rausziehen?«

»Alle Randalierer, alle von früheren Einsätzen bekannten Gesichter.« Sie seufzte. »Die üblichen Verdächtigen. Und wir gehen die Akten nach notorischen Gewalttätern in der Szene durch.« Sie klapperte die grauen Betonstufen hinunter. »Viel wird’s nicht bringen, fürchte ich«, fuhr sie fort. »Ich glaube einfach nicht an die Fan-Theorie. Er sieht nicht wie ein Fußballfanatiker aus.«

»Genügt ja auch, wenn die Mörder fanatisch waren«, erwiderte Knauer. »Geiler Film, übrigens.«

»Hm?« Jeannette runzelte fragend die Stirn.

»›Die üblichen Verdächtigen‹. Ich stehe ja auf Gabriel Byrne.« Sie gingen zwischen den Imbiß- und Fanartikelbuden durch. Raschelnd blies der Wind verirrte Seiten der Stadionzeitung über das Pflaster.

»Wie er da auf dem Deck liegt und weiß, jetzt stirbt er gleich, fast so etwas wie müdes Einverständnis in den Augen …« Sie genoß die Erinnerung an diese Szene. »Gehen wir morgen abend wieder ins Kino?«

Knauer nickte. »Klar, wie jeden Dienstag. Schatz.« Das letzte Wort betonte er übermäßig. Anstatt zu antworten lächelte sie ihn an und stieg dann über die Tatort-Absperrung am Südeingang. Der Parkplatz vor ihnen war leer. »Ich dachte an ›Fletchers Visionen‹«, schlug er vor.

»Was ist das?«

»So’n Weltverschwörungszeugs. Mit Mel Gibson als Psychopathen. Sie wiederholen den Film in der Meisengeige.«

»Ich dachte, Typen wie du stehen mehr auf Autorenkino?«

»Soll ich dich küssen?« fragte er und trat bedrohlich liebevoll näher.

Ein Blitzlicht unterbrach sie. »Das wär’ im Kasten.« Zufrieden packte ein kleiner Mann mit Schnauzbart seinen Fotoapparat wieder ein. »›Der Derbymord‹«, titelte er und umfaßte mit einer Bewegung das in Flutlicht getauchte Frankenstadion vor dem fast schon nächtlichen Himmel; es sah aus, als hätten einige ausgesprochen nette und geschmackssichere Aliens es hier notgelandet und zur Tarnung lose mit ein paar vergammelten, moosbewachsenen Kassenhäuschen umgeben. Daß sie es hier im Niemandsland zwischen Reichsparteitagsgelände und Schrebergärten geparkt hatten, bewies, daß sie außerdem Humor besaßen.

»Wenn Sie da mal nicht zu voreilig sind, Dötzer«, begrüßte Martin Knauer den kleinen Mann mit der braunen Schiebermütze. »Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.«

Dötzer winkte ab, gab Jeannette Dürer die Hand und stellte sich vor. »Dötzer, Städtischer Bote. Ich mache da seit zwanzig Jahren die Sportnachrichten.« Und er zwinkerte ihr zu, bis sie heftig ihre Hand zurückzog.

»Jeannette Dürer, Kriminalkommissarin. Sie waren im Stadion, Herr Dötzer?«

»Oh, Schannett, schön«, kaute er in seinen Schnurrbart, dann wandte er sich wieder an Knauer. »Hier lag heute Ärger in der Luft, Martin. Frag’ deine Kollegen, die dabei waren. So etwas habe ich die letzten zwanzig Jahre nicht erlebt, wie?« Und wieder zwinkerte er ihr zu auf eine Weise, die sie eine geradezu viktorianische Abscheu empfinden ließ.

»Sie waren nicht im fraglichen Block, Herr Dötzer?« Jeannette versuchte es erneut in geschäftsmäßigem Ton.

Er schüttelte den Kopf. »Pressetribüne. Aber etz muß ich los, der Derbymord will in die Spalten. Hat mich gefreut, ade.«

Martin Knauer sah ihm nach. »Du mußt deine Eltern doch hassen?« fragte er unvermittelt.

»Was?« Sie war mit den Gedanken woanders, beschäftigt, Typen wie Dötzer im Geiste ein paar hochoriginelle, schlagfertige und feministisch einwandfreie Erwiderungen vor den Latz zu knallen. Früher war ihr so etwas immer erst am nächsten Tag eingefallen, oder abends im Bett, jetzt hatte sie die guten Ideen immerhin schon drei Minuten später; sie holte auf.

»Na, wegen deines Namens«, meinte Martin. »Kein Franke wird ihn je richtig aussprechen. Schannett. Was haben die sich eigentlich dabei gedacht?«

Jeannette schüttelte den Kopf. »Ach, erwähne bloß nicht meine Eltern.«

»Wieso das denn?«

»Erkläre ich dir morgen im Kino.«

3.

»Packen wir’s?«

Martin nickte.

Jeannette schob die Akten zusammen und stand stöhnend auf. Es gab nichts Schlimmeres als einen langen Tag voller Verhöre. Mehr als sieben angetrunkene, renitente Männer hatten ihr gegenübergesessen und sich alle Mühe gegeben, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Mit einem schlichten »Name?« – »Sag’ ich nicht«, wurde der Dialog meist eingeleitet; mit einem aus voller Kehle skandierten »Ihr seid Scheiße wie der FCN«, endete er im herbsten Fall. Jeannette spielte die Sachliche, sie spielte die Harte, sie spielte die Kameradschaftliche, sie spielte alles, was geeignet war, diesen Fans schließlich die Informationen aus der Nase zu ziehen, die sie brauchte. Sich in diese so gottverdammt mühselige, unvernünftige und für beide Seiten entwürdigende Prozedur zu fügen, war das letzte, was sie während ihrer Ausbildung gelernt hatte.

Das Schießen war nie ein Problem gewesen. Jeannette ging bis heute ausgesprochen gern auf den Übungsstand. Aber nicht sie selbst zu sein, wenn sie einem Verdächtigen gegenübersaß, sondern jemand, der belauerte, einschätzte, manipulierte und nur nach dem verletzlichen Punkt suchte, das war ihr schwergefallen. Es hatte sie nie sonderlich ins Schauspielfach gezogen: Unglauben heucheln, den sie gar nicht empfand, Verständnis zeigen, das sie gar nicht fühlte, Härte demonstrieren, die ihr überhaupt nicht zu Gebote stand, provozierende Urteile fällen, die fern all ihrer Überzeugungen lagen – es hatte sie Überwindung gekostet. Anfangs hatte der Chef ihre Naivität ausgenutzt und sie bei seinen Verhören als ›guten Cop‹ mißbraucht, der, selbst ahnungslos um freundliche Höflichkeit bemüht, die Verdächtigen in die Vertrauensfalle tappen ließ.

Um mehr Kontrolle über ihren Part im Geschehen zu bekommen und um es den männlichen Kollegen zu beweisen, hatte Jeannette sich nach diesen Erfahrungen bewußt auf die Rolle des ›bösen Cops‹ spezialisiert: die kratzbürstige Blondine, das eiskalte Karriereweib ohne Verständnis, die Männerhasserin, die ihre Tage hatte – oder was immer ihre ›Kunden‹ in ihr sehen wollten, ehe sie dann Martin Knauer mit seinen verständnisvollen braunen Augen in die Arme sanken. Seit sie sich besser kannten und aufeinander eingespielt hatten, lösten Martin und sie sich in diesen Rollen nach Bedarf ab. Sie war inzwischen gut in dem Job, was ihre Kollegen natürlich auf weibliche Intuition zurückführten. Allerdings gab es durchaus noch etwas, was schlimmer war als Verhöre: Abteilungsbesprechungen mit allen Kollegen beim Dienststellenleiter Paumgartner.

Ein Quartett junger Männer starrte sie von den Fotos auf ihrem Schreibtisch an, obenauf der favorisierte Verdächtige ihres Kollegen Zametzer, seine »Nummer eins«, wie er es in der Besprechung formuliert hatte, während er nervös mit dem Kugelschreiber gegen seinen Daumen klopfte, ein rundgesichtiger Zwanzigjähriger mit Sommersprossen. »Er war da, er war laut Zeugen gewalttätig, und er ist wegen Tätlichkeiten gegen einen Beamten vorbestraft«, hatte Zametzer die Lage zusammengefaßt. Jürgen Weiher, klassische Vorstadtkindheit. Man würde sehen. Jeanette gab seiner Akte einen liebevollen Klaps. Martin schaute ihr über die Schulter.

»Wie ist’s mit ihm gelaufen?« fragte sie, während sie in ihre Jacke schlüpfte.

»Seine Aussagen und die seiner Kumpels passen nicht zusammen. Sie widersprechen sich dauernd. Aber gestanden hat er nix.«

»Der Mistkerl hat gegen meinen Schreibtisch gepinkelt!« Der empörte Ruf kam von Micha, dem jüngsten Mitglied des Kommissariats.

»Schlag ihn nicht, Micha! Ganz ruhig.« Eine knallende Tür schnitt die sich überschlagenden Stimmen ab.

Jeannette stöhnte und versuchte, im Gehen ihre Schultern zu entspannen.

»Wundert mich nicht«, erwiderte sie. »Armer Micha, das hat er nicht verdient.«

Ihr Blick fiel im Vorbeigehen auf die Aktenkommode, wo sich die benutzten Tee- und Kaffeebecher stapelten. Offenbar hatte sich die Putzfrau ihrer neuen Strategie angeschlossen, fremde Tassen beim Abwasch strikt zu ignorieren. Schimmel und Staub sammelten sich an, ideale Bedingungen für eine Urzeugung. Bei den Verhören war weniger herausgekommen.

»Wenn noch einmal jemand ›Ey‹ zu mir sagt, dann spring ich ihm an die Gurgel«, verkündete Jeannette genervt. »Wissen diese Jungs denn nicht, daß nur in schlechten Fernsehserien so geredet wird? Ein gänzlich epigonaler Sprachgestus.«

»Erklär’s ihnen«, entgegnete Martin nur lakonisch und schob sie im Gang an einem weiteren Haufen von Trägern ausgefranster Jeanswesten mit Stickern vorbei. »Sie werden Frau Dürers abendlicher Lektion in Kulturkritik sicher interessiert lauschen.« Hinter der Gruppe kam ihr jemand winkend entgegen.

Jeannette stöhnte. »O Gott, der hat mir heute abend noch gefehlt. Martin, tu was.«

»Ihr seid Scheiße wie der FCN!« Ein Fan zwang Kriminalkommissar Zametzer, der zielstrebig auf Jeannette zusteuerte, zum Ausweichen und gab Martin Gelegenheit, den Arm schützend um sie zu legen. »Killt Andy Köpke!« kreischte es an ihrem Ohr.

»Frau Dürer!« Zametzer mußte fast brüllen, während er sich zu ihr durchdrängte, »Gut, daß ich Sie treffe, Frau Kollegin. Ich hätte da noch eine Frage … Ah, der Knauer.« Zametzer verharrte abrupt. »Ja, nix für ungut, also, schönen Abend dann noch.« Und weg war er.

»Was wollte der denn?« Erstaunt sah Martin ihm nach.

»Fragen, was eine so hübsche junge Frau wie ich bei der Polizei macht. Wo hast du geparkt?«

Verdutzt sah er sie an. »Im Ernst? So etwas fragt doch heutzutage keiner mehr.«

Sie ignorierte seine Frage. »Wo du geparkt hast?«

Statt einer Antwort verdrehte er die Augen. »So was hört man doch nur in Seifenopern.« Er fing die davoneilende Jeannette am Ellenbogen wieder ein. »Sei doch nicht immer gleich so empfindlich. Hier, steig ein.«

Unwirsch zerrte sie am Sicherheitsgurt. »Martin, glaub’s einfach, okay?« Er legte den ersten Gang ein. »Zu mir«, kommandierte sie, »und vorher fahren wir noch in der …«, sie kramte in ihren Unterlagen, »… Schweppermannstraße vorbei. Die Frau des Toten war vorhin nicht daheim.« Martin verzog das Gesicht, und Jeannette nickte grimmig. »›Frau Dürer‹«, imitierte sie ihren Chef Paumgartner, »›Sie als Frau finden da doch am ehesten den richtigen Ton.‹ Immer ich!« klagte sie, während ihr Kollege sich in den Abendverkehr einfädelte, »und für jede Mitteilung an Hinterbliebene mache ich mir dann daheim eine Kerbe in meine Küchenmaschine. Fahr doch langsamer auf dem Kopfsteinpflaster, verdammt.«

Sie tasteten sich die herrschaftlichen Jahrhundertwendefassaden entlang, bis sie die richtige Hausnummer gefunden hatten. Zwei auspuffgeschwärzte Heroen stemmten in der Beletage einen gedrungenen kleinen Säulenbalkon vor die Sprossenfenster. Über der schweren hölzernen Tortür war sogar noch das ursprüngliche Jugendstil-Buntglas eingesetzt und zauberte mit Hilfe des letzten Tageslichtes ein paar Farbflecken auf die glattgebohnerten Holzstufen des Treppenhauses.

Frau Altmann war noch immer nicht zu Hause. Jeannette schaute aus dem Flurfenster des ersten Stocks hinunter in den Hinterhof, wo sich die Holzvorräte für die kleine Rahmenfabrik Altmann stapelten. Ein geschmackvolles Ausstellungsfenster, zwei Buchsbäume in Toskana-Töpfen mit goldenen Folienschleifen, der Rest sah nach handfester Arbeit aus: Paletten, Farbdosen, Holzabfall. Endlich kam das Dienstmädchen mit der Adresse an die Tür.

»Des is’ ein kleines Landhaus bei Birkenreuth, die Frau Altmann reitet da. Aber es ist doch nichts Ernsthaftes …?« Jeannette revanchierte sich mit ihrer Visitenkarte und der draufgekritzelten Handynummer. »Falls sie hier anruft oder heimkommt, möchte sie sich bitte sofort bei mir melden, ja?« Sie drehte sich noch einmal um, als ihr etwas einfiel. »Ging der Herr Altmann eigentlich öfter zum Fußball?«

Das Mädchen riß verständnislos die Augen auf.

Martin im wartenden Wagen trommelte im Rhythmus von »Big big girl« auf dem Lenkrad herum. »Wieder nix?«

»Wieder nix.« Jeannette starrte die imponierende Sandsteinfassade hinauf, dorthin, wo der Altmannsche Kronleuchter hell durchs Fenster strahlte. »Sie ist angeblich in der Fränkischen. Wenn sie sich heut’ abend nicht auf meinem Handy meldet, fahre ich morgen früh raus. Leg los, wir haben bloß noch eine Stunde.«

Während Jeannette sich eilig umzog, ging Martin den langen knarrenden Flur ihrer Altbauwohnung auf und ab. Lauter geschlossene Türen. Früher, als Jeannette noch studiert hatte, war das einmal eine WG gewesen. Inzwischen waren die anderen beiden Frauen ausgezogen und Jeannette hatte ihre Zimmer mit übernommen, um die Intimität einer Wohnung für sich allein genießen zu können. Mit dem Platz allerdings, den sie dabei gewonnen hatte, hatte sie nicht viel anzufangen gewußt. Martin stieß eine nur angelehnte Tür auf. Ein Schreibtisch, ein Drehstuhl mit zerschlissenem Polster, eine Computeranlage, die Plastikhüllen dick verstaubt, in einer Ecke stapelweise Taschenbücher in Bananenkisten. Neben der Küche hing ein Kalenderposter von 1995, in das eine Regine ihre Examenstermine eingetragen hatte, dazwischen Cartoons, ausgeschnittene Zeitungsüberschriften, Blümchenbilder. ›Und das schönste: Erwin ist Sitzpinkler‹, las er stumm im Vorübergehen eine Sprechblase. ›Du hast aber auch immer ein Glück mit deinen Männern.‹

Auch die Küche atmete den Charme einer Wohngemeinschaft. Zwei pastellfarbene Hängeschränke aus den Fünfzigern, Topfstapel in offenen Ikea-Regalen, Gasherd, Kühlschrank und Spüle freistehend, mit viel Dreck dazwischen und mit dreierlei Magnetpins bestückt. Eine hölzerne Sitzbank quoll über vor alten Zeitschriften und ungespülten Dosen. Martin trat an den roten Monsterkühlschrank heran und betrachtete das angepinnte Bildchen. Ein Teller voll eklig undefinierbarer Pampe starrte ihm darauf in körnigem Schwarzweiß entgegen, darunter die Bildunterschrift. »Dein Rat sollte sein wie bekömmliche Speise.«

»Was ist das?« fragte er Jeannette, die mit der Bürste in der Hand aus dem Bad kam, sich im Gehen durch die Haare fuhr und die ausgekämmten Strähnen herauszobbelte, um sie in den Mülleimer zu stopfen.

»Aus der Zeitschrift von der Sekte, die immer mit ihren Duftlampen auf dem Markt steht. ›Leuchtfeuer‹ heißt das Blatt, glaub ich.«

»Gehörst du zu einer Sekte?« fragte Martin verwundert. Jeannette schüttelte amüsiert den Kopf.

»Mir hat einfach gefallen, wie das Bild unwillentlich die Unterschrift sabotiert und damit die gesamte Aussageabsicht unterläuft und in ihr Gegenteil verkehrt.«

Martin schaute sich das unappetitliche Essen auf dem Foto noch einmal an und schüttelte dann den Kopf. »Dich hat das Studium auch ganz schön versaut.«

Jeannette klappte energisch den Mülleimer zu. »Ich war immer schon so.«

»Was hast du nun eigentlich genau studiert?«

Jeannette verzog das Gesicht. »Neuere deutsche Literaturwissenschaft«, erwiderte sie, »neuere Geschichte und Soziologie. Und egal, welchen blöden Witz du jetzt dazu reißen möchtest, ich hab’ ihn mit Sicherheit schon gehört.«

»Auweia.« Er schüttelte die Finger, als hätte er sich verbrannt.

»Genau.«

Eine Viertelstunde später hetzten sie, in heftige Debatten verwickelt, auf das Laufer Schlagtor zu. Die aufreibende Parkplatzsuche hatte sie beide gereizt gemacht, und das kontroverse Thema tat ein übriges.

»Aber sein Dienstmädchen hat auch gesagt, daß er sich nicht für Fußball interessierte!« Jeannette legte im Vorbeigehen wie immer flüchtig die Hand auf den mittelalterlichen Stein des Torturmes, um seine beruhigende Massivität zu spüren.

»Das kannst du doch nicht alles aus einem Schal schließen?« protestierte er.

»Wieso nicht«, gab sie zurück, »das tut ihr doch auch? Ein Clubschal unter Fürthern, also ist es ein ›Derbymord‹.« Sie schnaubte empört. Der Städtische Bote hatte Dötzers Formulierung tatsächlich übernommen, und auch auf dem Revier nannte niemand den Fall anders. »Aber daß er schon einen Schal umhatte, unter seinem wollenen Todesstrick, das hat natürlich nichts zu sagen, da …« Sie hatten das kleine Kino erreicht.

»Zweimal Balkon«, unterbrach Martin sie und wandte sich an die Kassiererin.

»Da oben sitzen die Raucher«, protestierte Jeannette.

»Ich bin Raucher.«

»Diese Beziehung verlangt eine Menge Kompromisse.«

»Wem sagst du das«, seufzte er theatralisch.

»Könntest du dir«, fragte sie behutsamer, »nicht wenigstens den Schnurrbart abnehmen? Als ich noch auf der Uni war, habe ich nicht mal gewußt, daß es noch Schnurrbärte gibt.«

»Hast du nie ›Magnum‹ angeschaut?« Martin war fassungslos.

»Oh, prima, wir kriegen die Werbung noch mit.«

In ihre Sitze gekuschelt setzten sie die Debatte im Schutz der Filmmusik fort. Von den Wänden starrten Bilder der großen Stummfilmstars dramatisch, kajalumrandet und urkomisch zu ihnen herüber. Das ganz in Schwarz gehaltene Kino mit den verwinkelten Treppen weckte wunderbar große, unvernünftige Erwartungen, vor allem wenn man dabei mit einem Bier und einer Tüte Gummibärchen tiefer in die Sessel rutschen durfte.

»Ein Kaschmirschal im Burberry-Karo«, flüsterte sie, »genau das, was so ein Typ eben trägt, fein säuberlich über der Brust gekreuzt und in den Mantel gesteckt. Warum sollte er so was umhaben, wenn er sich einen meterlangen, dicken, superwarmen, selbstgestrickten Wollschal um den Hals gewickelt hat, hm?« Julia Roberts hetzte quer über die Leinwand durch feuchten Wald und Finsternis.

»Und du meinst ernsthaft, das beweist, daß es nicht sein Schal war?« Sie nickte. Julia Roberts drehte sich um und schaute ins Auge ihres Mörders. »Dann müßte ihm ja jeand – mit dem Schal …« Er überlegte und zog mit der Zigarette in seiner Hand einen blauen Rauchring in die Luft, »… den er dabei natürlich sorgfältig vor den Fürthern versteckt hielt, im Stadion aufgelauert haben, richtig?«

»Richtig«, bestätigte Jeannette. »Jemand, der sich ausgezeichnet auf das Erhängen mit Genickbruch versteht.« Beide sahen dem Rauchring nach, der sanft im zuckenden Licht des Projektors zerging. Mel Gibson sah tränenzerflossen aus dem Helicopter Julia Roberts nach. »Sie haben sie nicht laufen sehen«, sagte er.

»Ich bitte dich«, sagte Martin. »Du klingst ja noch verrückter als der Typ.« Und er wies auf die gramerfüllte Großaufnahme Gibsons.

»Dann hätten wir schon was gemeinsam«, seufzte Jeannette. »Meine Güte, ich wußte gar nicht, daß der Mann so gut aussieht. Und so toll spielt. Ich dachte, der kann nur ›Mad Max‹.«

»Er soll stockkatholisch sein und streng gegen Verhütung«, informierte Marin sie vorsorglich.

»Man kann nicht alles haben«, entgegnete sie in weiser Resignation. »Meine Eltern fänden ihn als Schwiegersohn ideal.«

»Ah, deine Eltern.« Martin erinnerte sich an ihre Bemerkung vom Stadion. »Womit wir beim eigentlichen Thema des Abends wären, wenn ich nicht irre. Was wollen sie denn?«

Jeannette wand sich ein wenig. »Enkel«, erwiderte sie schließlich knapp.

»Wie bitte?« Martin war sich nicht ganz sicher, ober er richtig verstanden hatte.

»Enkel«, wiederholte Jeannette. »Ich hab’ ihnen gesagt, wir beide wollen noch warten, wegen der Karriere.«

Martin mußte kichern, bekam Rauch in die Nase und begann zu husten. Er hustete die gesamte Folterszene hindurch, während Jeannette ihm von Zeit zu Zeit geduldig auf den Rücken klopfte.

4.

Über dem Johannis-Friedhof wehte ein kühler Septemberwind, zerzauste die Gottesaugen in den Pflanzschalen auf den grauen Sarkophagen und trug die Trauermusik bis zum Eingangstor. Jeannette, die keinen dunklen Mantel besaß, stakte fröstelnd im schwarzen Blazer zwischen den Monumenten des Hauptweges bis zu einem spiegelnd schwarzen Obelisken, gründerzeitlicher Prunk, der das Familiengrab der Altmanns markierte. Sie nickte einigen aufblickenden Gästen beruhigend zu und hatte an die Trauergemeinde Altmann angedockt.

Ihr Blick glitt über die steinerne Landschaft der dicht an dicht stehenden barocken Sargwannen, in denen die Toten ruhten, unter Moosen, Flechten und bronzenem Memento-Mori-Schmuck, und wanderte zurück zu den Lebenden. Da stand unübersehbar die Witwe, mit der sie bereits zweimal gesprochen hatte, und die nicht im geringsten vorgab, Trauer zu empfinden. Jeannette betrachtete nachdenklich die kastanienbraun gefärbte Mittfünfzigerin mit Handschuhen und adrettem Schleierhütchen.

»Ich wohne hier«, hatte Frau Altmann erklärt, als sie Jeannette in die Birkenreuther Ferienwohnung bat, die sich als eine Villa aus den sechziger Jahren entpuppte und so gut in einem parkähnlichen Grundstück versteckt lag, daß Jeannette mit ihrem Dienstwagen zweimal an der von verwitterten Findlingen flankierten Einfahrt vorbeigefahren war. »Ich lebe die meiste Zeit über hier. Mein Mann und ich, müssen sie wissen, lassen uns scheiden. Das heißt«, korrigierte sie sich, »wir wollten uns scheiden lassen. Ich weiß nicht, ob das Verfahren weiterläuft, wenn einer der Beteiligten tot ist.«

Falls Frau Altmann darauf aus gewesen war, mehr als die üblichen Alimente zu kassieren und ihren Mann zu diesem Zweck erhängt hatte, dann war sie bei weitem zu ehrlich. Außerdem hätte sie sich eine zumindest ungewöhnliche Methode ausgesucht. Jeannette konnte sich die Frau im Marine-Look-Kostüm nicht recht im Stadion vorstellen, wie sie ihren schweren Mann übers Geländer stieß. Nicht mit dieser hageren Model-Figur, nicht mit diesen Pfennig-Absätzen. Und warum sollte sie dann gestehen, daß ihr Mann keinesfalls ein Fußball-Narr war?

»Im Stadion?« hatte sie mit hochgewölbten, perfekt gezupften Augenbrauen gefragt und auf ihrem Louis-Quinze- oder Seize-Sofa Platz genommen. »Was um alles in der Welt soll er denn da gemacht haben?«

»Sie können sich also nicht vorstellen, daß Ihr Mann in seiner Freizeit ins Stadion ging?«

»Gute Güte, nein«, entgegnete sie. Dann verzog sich ihr Mund. »Mein Mann hatte andere Interessen.«

Jeannette beobachtete, wie sie nun ans Grab vortrat, um ihre Handvoll Sand auf den Sarg im Erdloch zu werfen. Andere Interessen – was mochte das bedeuten? Frau Altmann, schützend umstellt von ihren gepflegten Antiquitäten, hatte sich nicht näher zu diesem Thema äußern mögen. Im ersten Augenblick hatte Jeannette auf Nutten getippt. Allerdings sah Frau Altmann für Jeannette aus wie eine Frau, die durchaus ein Sexualleben hatte. Andererseits, wie sah so eine Frau ohne Sexualleben schon aus?

Jeannette ignorierte hartnäckig die feuchten Blicke des Trauergastes neben sich, die begehrlich zwischen ihr und seinen gefalteten Händen hin und her wanderten, und behielt die Gruppe der Angehörigen im Auge. Hinter der Witwe hatte die Familie Aufstellung genommen, die meisten der Namen waren ihr bereits bekannt, dann kam eine beeindruckende Reihe älterer Herren im schwarzen Cut mit Zylinder. Hatte der verstorbene Herr Altmann in einem Chor gesungen? Oder war er Mitglied in einem Verein oder Corps? Ein bißchen sah es aus wie bei einer Mafia-Beerdigung, aber das konnte daran liegen, daß Jeannette zu viele Filme mit Robert de Niro gesehen hatte.

Neben ihr knirschte diskret der Kies. Ihr tränenreicher Nachbar hatte sich offenbar ein Herz gefaßt. »Wunderschön!« hauchte er ihr doch tatsächlich ins Ohr. Ihr Handy klingelte.

»Sie entschuldigen sicher.« Jeannette trat ihrem Nachbarn kräftig auf den Fuß und ging, den Apparat am Ohr, vorsichtig zwischen den engstehenden Steinsarkophagen hindurch weiter in den Friedhof hinein. »Jeannette Dürer, mitten in einer Beerdigung«, meldete sie sich.

»Martin Knauer«, rauschte es, »mitten in einem Mord. Sei doch so gut und komm vorbei.«

Jeannette setzte sich auf die flechtenüberwucherte Grabstätte einer Privatierswitwe und lauschte Martins knappem Bericht. Von der Grabwanne gegenüber grinste ein grünspaniger Totenschädel; der gekreuzigte Christus nebenan hob, da liegend auf der Grabplatte angebracht, mühsam den Kopf, um zu hören, was es gab. In schwungvoller Schrift prangte zu seinen Füßen die Botschaft ›Es ist genug‹.

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