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Totenweg

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Hamburg, August 1998
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. Dank
  38. Leseprobe ›BLUTHAUS‹
  39. Romy Fölck über ihren Kriminalroman

Über die Autorin

Romy Fölck wurde 1974 in Meißen geboren. Sie studierte Jura in Dresden, ging in die Wirtschaft und arbeitete zehn Jahre für ein großes Unternehmen in Leipzig. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in der Elbmarsch bei Hamburg. Sie hat bereits zahlreiche Kurzkrimis in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. TOTENWEG ist ihr erster Roman, der im Bastei Lübbe Verlag erscheint.

Hamburg, August 1998

Er blickte auf das Nokia, das in seiner Hand vibrierte, steckte es ein, zog es wieder heraus und nahm den Anruf an. Nickte, während die Krankenschwestern mit hektischen Schritten einen Bogen um ihn schlagen mussten, weil er ihnen im Weg stand. Haverkorn ging nicht zur Seite, hörte schweigend zu, sagte dann: »O.K., ich komme«, und drückte den Gesprächspartner weg. Lange sah er den glänzenden Flur hinab, über den seine Frau vor einigen Minuten gegangen war. Nichts war je so niederschmetternd gewesen wie dieses Gefühl der Endgültigkeit, als sie ihn zum Abschied geküsst hatte. Nie hatte er sich so verraten gefühlt.

Zwanzig Minuten später verließ er mit dem Auto die Stadt. Das flache Land beruhigte ihn. Er reagierte mechanisch, kuppelte, gab Gas, bremste. Er dachte nichts, er fühlte nichts. Ein Vakuum, das ihn davon abhielt, den Wagen an einen der Bäume zu lenken, die am Straßenrand standen. Er fuhr ein paar Kilometer am Deich entlang, überquerte eine Drehbrücke und bog irgendwann in den Feldweg ein, den ihm der Anrufer beschrieben hatte. »Totenweg« nannten ihn die Marschbewohner. Es war, als wollten sie ihn verspotten.

»Wir sind fertig. Du kannst rein, Bjarne«, begrüßte ihn der Leiter der Kriminaltechnik.

Haverkorn nickte ihm zu. Er stieg über das Flatterband, das leise im Wind knatterte. Die Wolken hatten sich verdichtet, seit er Hamburg verlassen hatte. Es würde Regen geben. Schon der ganze Juli war verregnet gewesen, und der August begann nicht viel besser.

Seine Kollegen machten ihm schweigend Platz. Entsetzen und Ratlosigkeit in den Gesichtern. Er blieb einen Moment vor der geöffneten Tür stehen, die zum Fundort der Leiche führte. Er atmete tief durch und versuchte, seinen Puls zu beruhigen. Dann betrat er das heruntergekommene Backsteingebäude.

»Ein alter Stall, der nicht mehr benutzt wird«, hatte ihm sein Kollege am Telefon gesagt. »Mitten in der Marsch. Kaum zu glauben, dass sie dort so schnell gefunden worden ist.«

Der schäbige Innenraum wurde durch Scheinwerfer ausgeleuchtet und hob den Körper hervor, der auf dem nackten Steinboden lag. Haverkorn blieb stehen und ließ das Bild auf sich wirken. Innerlich rüstete er sich, dem toten Mädchen ins Gesicht zu blicken. Er ging weiter und atmete durch den Mund, um die Übelkeit zu unterdrücken. Sah hinunter auf den nackten Torso, die verdrehten Beine, die Strangmarke am Hals. Am schlimmsten war das Gesicht, bläulich, aufgeschwemmt, eine wächserne Maske des Todes.

Er hockte sich neben den Leichnam. Der Anblick des aufgedunsenen Gesichtes war furchtbar, aber er brauchte das. Dieses Bild brannte sich in seine Netzhaut ein. Es würde wie ein Motor sein, der ihn antrieb, bis der Täter gefasst war. Oder bis er selbst unter der Erde lag. Er würde denjenigen finden, der dem Mädchen das angetan hatte. Der ihm die Möglichkeit genommen hat, ein langes und erfülltes Leben zu führen.

»Bjarne, der Bestatter ist da.« Der Kollege stand direkt hinter ihm. Er wartete einige Sekunden, bis er ihm die Informationen zuflüsterte, als könne das tote Mädchen sie hören. »Marit Ott, sie war vierzehn. Lebte drüben im Dorf. Die Eltern wissen schon Bescheid.«

Haverkorn stand auf und drehte sich um. Er ächzte leise. »Ich bin fertig. Ihr könnt sie wegbringen lassen.«

Er ging hinaus. Erste Tropfen klatschten auf seinen Wagen, als er einstieg. Lange starrte er durch die Scheibe in den Regen, ohne zu wissen, wohin er nun fahren sollte.

1

Der Umkleideraum war leer. Frida zog die Tür hinter sich zu und knöpfte erschöpft die Uniform auf. Sie hatte viele Jahre im Streifendienst gearbeitet, bevor sie 2015 das Studium an der Hamburger Polizeiakademie begonnen hatte. Aber diese Praktikumswochen im Polizeikommissariat 11 schlauchten sie zunehmend. St. Georg war ein heißes Pflaster. Bei jedem einzelnen Einsatz musste sie hoch konzentriert sein. Und das, obwohl sie sich nach ihrer Schicht auf Streife die Nächte mit dem Lernen für die Abschlussprüfung an der Akademie um die Ohren schlug.

Frida öffnete den Spind und nahm ihr Smartphone aus einem Fach. Drei Anrufe in Abwesenheit. Einmal Kai, der sich wahrscheinlich mit ihr verabreden wollte. Zweimal die Nummer ihrer Eltern. Frida zögerte. Legte das Smartphone auf die Bank, zog die Schuhe aus. Sie nahm es wieder in die Hand und wählte die Nummer in der Elbmarsch.

»Frida, endlich!« Marta Paulsen klang erleichtert.

»Mama, ist was passiert?«

»Ich wollte nur mal deine Stimme hören. Du meldest dich ja nie!«

»Ich hab viel zu tun.«

»Wir auch. Dein Vater arbeitet sechzehn Stunden am Tag.«

Frida schwieg.

»Seit dem Sommer versprichst du, auf den Hof zu kommen.«

»Sobald ich ein Wochenende frei habe, besuche ich euch.«

»Das sagst du seit Monaten! Wenn du noch länger wartest, sind wir gestorben.«

Frida seufzte. »Du übertreibst.« Nach ein paar Sätzen beendete sie das Telefonat. Warum fuhr sie nicht für einen Nachmittag in die Marsch? Ihre Mutter würde ohnehin nicht lockerlassen, bis sie für ein paar Stunden zu ihnen kam.

Sie schrieb Kai eine Nachricht, dass sie am Abend gern etwas kochen würde. Hoffentlich schnitt er nicht wieder das Thema an, weshalb sie bei ihrem letzten Treffen nach dem Sex gegangen war. Warum machen wir es nicht öffentlich? Wollen wir uns nach einer gemeinsamen Wohnung umsehen?

Frida gefiel es, wie es zwischen ihnen war. Ungezwungen und unverbindlich. Zu viel Nähe ertrug sie nicht. Keiner sollte wissen, dass sie etwas miteinander hatten. Don’t fuck the company. Das brachte immer Schwierigkeiten, etwas mit einem Kollegen zu haben. Wenn Kai das nicht verstand, würde sie es beenden. Was immer »es« auch war.

Sie zog sich um und warf den Spind zu. Dann las sie Kais Antwort im Eingang. Worauf hast du Lust?

Sie schrieb: Auf dich und ein schönes blutiges Stück Fleisch.

Das Gebäude der Polizeiakademie am Braamkamp war ein grauer fünfstöckiger Bau. Er grenzte an das Polizeigelände in der Carl-Cohn-Straße, in dem einige Hundertschaften der Hamburger Bereitschaftspolizei stationiert waren. Vor einigen Jahren waren die Hochschule der Polizei und die Landespolizeischule zur Polizeiakademie zusammengelegt worden. Laut einem damaligen Presseartikel war es ihr Ziel, die Studenten nicht nur auszubilden, sondern auch zu formen. Frida hatte dieser Satz ein Lächeln abgerungen. Als ob man erwachsene Menschen noch formen konnte. Sie hatte sich kurz darauf selbst an der Akademie beworben und den Einstellungstest bestanden. Die zehnjährige Erfahrung bei der Schutzpolizei war neben ihren exzellenten Klausurergebnissen und der hervorragenden Beurteilung ihres Vorgesetzten ausschlaggebend gewesen, dass sie sofort zum Studium zugelassen worden war. Nun war sie im vierten Semester und absolvierte den Praxisteil am Polizeikommissariat.

Frida stellte ihren klapprigen Jeep auf dem Parkplatz ab und lief die Stufen hinab, die zum Hintereingang des Polizeiausbildungszentrums führten. In der Kantine eilte sie an den Getränke- und Snackautomaten vorbei, vor denen ein paar Studenten im Gespräch standen. Sie erkannte einen ihrer Kommilitonen und nickte ihm, ohne stehen zu bleiben, zu.

Die Kantine war ein offener Raum mit hohen Fenstern, in dem der warme Ton von Fußboden und Möbeln dominierte. Ein leichter Essensgeruch lag in der Luft, obwohl die Ausgabe längst dichtgemacht hatte. Am Durchgang zum Treppenhaus prangte ein wandhohes Wappen der Akademie. Frida hatte eine Gänsehaut bekommen, als sie zum ersten Mal durch diese Tür getreten war. Heute fühlte sie sich beim Anblick des Wappens bestätigt, dass ihre Entscheidung für dieses Studium richtig gewesen war.

Die Bibliothek, die im ersten Stock lag, schloss in einer halben Stunde. Frida nahm zwei Stufen auf einmal.

»Hi, Frida, was machst du hier? Ich denke, du bist im PK 11?« Jasmin Yildiz, eine Mitstudentin mit türkischen Wurzeln, war hinter ihr hergelaufen.

Frida blieb stehen. »Ja, stimmt. Ich will in der Bibliothek ein paar Unterlagen für Kriminalistik kopieren. In Beweislehre und Tatortarbeit hab ich bisher zu wenig für die Prüfung gemacht.«

»Ach, komm, du bist die Beste in Kriminalistik, das weiß jeder!«

»Lernen für die Prüfung muss ich trotzdem.«

Jasmin setzte ein spöttisches Gesicht auf. »Du gehst wirklich zur Kripo, wenn du fertig bist? An den Schreibtisch? Wird dir die Straße nicht fehlen?«

»Ich bin fast zehn Jahre Streife gefahren. Wird Zeit für Veränderung.«

Jasmin zeigte ihr strahlendes Lachen. Sie war eine Schönheit und wusste ihre Reize einzusetzen. Mit Anfang zwanzig machte sie die Ausbildung für den Laufbahnabschnitt I, um zur Schutzpolizei zu gehen. »Dann wenigstens die Uniform?«

»Die wird mir sicher fehlen.« Frida hatte die Uniform immer gern getragen. Sie war wie ein Schutzpanzer und ein Ausdruck ihrer Zugehörigkeit. Die Jahre auf Streife hatten sie gefordert und härter gemacht, hatten ihrem Leben einen Sinn gegeben. Aber ihr hatte lange Zeit ein richtiges Ziel gefehlt, eine neue Herausforderung. Letztendlich hatte sie sich für ein Studium zum Laufbahnabschnitt II entschieden, der noch vor wenigen Jahren gehobener Dienst genannt wurde. Mit einunddreißig war sie eine der ältesten Studentinnen an der Polizeiakademie.

»Und wie ist St. Georg? Tatsächlich so abgefahren, wie man hört?«

Frida zuckte die Schultern. »Ganz o.k.«, wich sie aus. »Jasmin, ich bin spät dran. Die Bibliothek macht gleich zu.«

»Alles klar! Viel Glück für deine Prüfung!« Jasmin lief wieder hinunter zur Kantine, aus der lautes Lachen drang.

Frida betrat die Bibliothek und zog die Bücher aus dem Regal, die sie für die Vorbereitung brauchte. In drei Wochen stand die nächste Klausur der Abschlussprüfung an. Sie war eine der Besten ihres Lehrgangs, aber das zählte in einer Prüfung nicht. Dort musste sie erneut zeigen, was sie konnte, und sie würde nichts dem Zufall überlassen. Ehrgeiz war nichts für Bequeme. Nach dem Steak und dem Sex mit Kai würde sie in der Küche ein paar Stunden lernen. Meistens schlief er nebenan, während sie ihr Lernpensum absolvierte. Sie hatte seit Wochen zu wenig Schlaf bekommen. Aber das war es ihr wert, wenn sie es dafür irgendwann zur Kriminalpolizei schaffte.

Frida brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass das Vibrieren des Smartphones sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Kai lag neben ihr und rührte sich nicht.

Mit einem unguten Gefühl griff sie nach dem Smartphone, das beharrlich auf dem Beistelltisch erzitterte. Ein Geräusch, das ihr unter die Haut ging. Das nichts Gutes bedeutete in der Nacht. Eine unbekannte Hamburger Festnetznummer. Sie wischte über das Display. »Paulsen?«

»Frida …«, flüsterte ihre Mutter.

»Mama? Was ist denn?«

»Papa …«

»Was ist mit ihm?«, fragte sie.

Ihre Mutter schluchzte. »Jemand hat ihn niedergeschlagen.«

»Was?«

»Er ist in der Nacht vom ›Marschhus‹ nicht nach Hause gekommen …« Sie weinte einen Moment ins Telefon. Frida schloss die Augen und hatte das Gefühl zu fallen. Die Stimme ihrer Mutter war wieder da. »Ich hab ihn im Regen mit der Taschenlampe gesucht. Er lag im Straßengraben. Fast hätte ich ihn übersehen. Sein Kopf war so … blutig.«

»Wo ist er?«

»Im Krankenhaus … in Eppendorf. Er wird operiert.«

»In der Universitätsklinik?«

»Ja.« Wieder ein Schluchzen. »Beeil dich, Frida. Die Ärzte wissen nicht, ob er die Nacht überlebt.«

Die Stunden liefen an Frida vorbei wie die Szenen eines schlechten Films. Der sterile Gang, auf dem sie warteten, der penetrante Krankenhausgeruch, den sie irgendwann nicht mehr wahrnahm, das Wandern des Zeigers der Uhr an der Wand, die Tränen ihrer Mutter. Eine Nachtschwester hatte ihnen ein freies Zimmer angeboten, um die mehrstündige Operation ihres Vaters abzuwarten, aber Marta war nicht dazu zu bringen gewesen, sich auch nur einen Meter vom Eingang des OP-Bereichs wegzubewegen. Sie wollte so nah wie möglich bei ihrem Mann bleiben.

Das Schlimmste jedoch war die Angst vor einer schlechten Nachricht. Wenn eine Tür aufging, begann Fridas Herz schneller zu schlagen. Bitte sagt, dass er lebt, dachte sie dann. Aber das Krankenhauspersonal kam und ging. Keine Erklärungen zum Zustand ihres Vaters.

Warum spürte man immer erst im Angesicht des Todes, wie sehr man jemanden vermisst hat?

Frida stand auf. Ihr Rücken schmerzte. Das rechte Bein war eingeschlafen. Sie streckte sich, hinkte zum Automaten und zog einen Tee. Marta schlief endlich. Frida hatte eine Schwester um Kissen und Wolldecke für ihre Mutter gebeten, und nun lag Marta, in die Decke gehüllt, auf den Besucherstühlen. Wie eine Obdachlose am Bahnhof Altona, dachte Frida. Aber wenigstens konnte sie so etwas Kraft tanken für das, was morgen auf sie zukam.

Hoffnung oder Schmerz?

Frida lehnte sich an die Wand. Sie sah ihre Mutter an, deren Augenlider im Schlaf flatterten. Marta hatte ihr wieder und wieder erzählt, wie sie Fridtjof im Regen gesucht und im Straßengraben gefunden hatte. Zusammengeknüppelt wie ein Tier.

Wer hatte ihren Vater so zugerichtet? Hatte der Täter ihn nur verletzen oder sogar umbringen wollen?

Um fünf Uhr morgens schwang die Tür zum OP-Trakt auf. Der Chirurg sah übernächtigt aus. Den Mundschutz hatte er flüchtig nach unten geschoben.

Ein kurzes Lächeln in seinem Gesicht.

Hoffnung, dachte Frida.

»Frau Paulsen?«

»Ja!« Sie ging zu ihm. »Ich bin die Tochter.«

Marta erwachte, richtete sich verschlafen auf. »Was ist?« Verwirrung in den Augen, dann Angst. Sie stand auf.

»Ihr Mann hat die Operation überstanden. Er ist mit einem massiven Schädel-Hirn-Trauma eingeliefert worden. Wir konnten die Blutungen stoppen, aber die nächsten Stunden sind entscheidend.«

»Was heißt das?«, fragte Marta. »Wird er sterben?«

»Bei einer solchen Kopfverletzung kann ich leider keine Prognose stellen. Wir müssen abwarten.« Er sah Frida an, die stumm neben ihm stand. »Ihr Vater ist hier in guten Händen. Fahren Sie nach Hause! Sobald sein Zustand sich verändert, rufen wir Sie an.« Der Chirurg nickte ihnen zu und ging den Gang hinunter.

»Ich rühr mich hier nicht weg!« Marta setzte sich wieder.

»Es hat keinen Sinn zu warten. Papa muss sich von der Operation erholen. Und du musst dich auch ausruhen.«

»Was ist, wenn er stirbt?«, fragte Marta tonlos.

»Das dürfen wir nicht denken, hörst du? Papa schafft das! Er hat die Operation überstanden. Das ist ein gutes Zeichen.«

Sie half ihrer Mutter auf und verließ mit ihr das Krankenhaus, in dem ihr Vater einen Kampf auf Leben oder Tod führte.

2

Die Scheibenwischer glitten in monotoner Gleichmäßigkeit über die Windschutzscheibe. Marta saß starr neben Frida und sah zum Fenster hinaus. Der Morgen dämmerte, als sie durch die Elbmarsch fuhren. Ein sanfter Lichtstreif schob sich hinter den dunklen Regenwolken hervor. Sie hatten seit Minuten kein Wort mehr gesprochen. Aber dieses Schweigen war besser als die wenigen mageren Worte, die sie in den letzten Jahren miteinander gewechselt hatten.

Je näher sie dem Dorf kamen, desto unruhiger wurde Frida. Ihre Schultern verkrampften. Es fühlte sich an, als stecke sie in einem engen Korsett, das jemand mehr und mehr zuzog. Das gelbe Ortsschild von Deichgraben schälte sich aus dem Regen. Das Dorf, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte.

Frida blickte nach rechts, wo sich ein schmaler Weg durch die Felder schlängelte. In der Ferne konnte sie die Silhouette eines Backsteingebäudes im Regendunst erkennen. Der alte Viehstall am Totenweg. Der Ort, wo Marit ermordet worden war.

Sie wollte nicht daran denken und richtete ihren Blick nach vorn auf die Reetdachhäuser, die sich unter dem nasskalten Herbstwetter zusammenduckten.

»Wir denken oft an Marit«, nahm ihre Mutter plötzlich das Gespräch wieder auf und riss Frida aus ihren Gedanken. »Glaub nicht, wir hätten das alles vergessen.«

Frida fuhr in den Hof, umkreiste ein Schlagloch und parkte den Jeep vor dem Reetdachhaus, das seit Generationen den Paulsens als Wohnhaus diente. Trostlos war das erste Wort, das ihr in den Sinn kam, als sie den Motor abstellte. Sie war seit Monaten nicht mehr hier gewesen. Das letzte Mal zum Geburtstag ihres Vaters Anfang August. Inmitten der saftigen Natur waren ihr damals die Tristesse und der Verfall des ganzen Anwesens nicht aufgefallen. Umso erschütternder empfand Frida das alles an diesem grauen Morgen. Es waren nicht allein die Schlaglöcher auf dem Hof und die ausrangierten Gerätschaften, die an den Nebengebäuden aufgetürmt waren und zwischen denen das Unkraut wucherte. Auch das Wohnhaus sah heruntergewirtschaftet aus. Der einstmals rote Klinker war verwittert und von Salpeterausblühungen überzogen. Der Putz bröckelte aus den Fugen. Farbe blätterte von Fenstern, Türen und der Holzvertäfelung unter der Dachgaube.

Ihre Mutter blickte auf das Haus und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Was soll denn nun bloß aus dem Hof und der Ernte werden?«

»Darum wird sich Hagen kümmern«, sagte Frida.

Hagen Krohn, der Vorarbeiter ihres Vaters, lebte seit vierzig Jahren mit seinem Sohn bei ihnen, und sie war sich sicher, dass er die Geschäfte des Apfelhofes für eine Weile auch ohne Fridtjof führen konnte.

Marta seufzte und öffnete die Wagentür. »Der arbeitet nicht mehr hier.« Sie stieg aus und warf die Tür hart ins Schloss.

Frida folgte ihr und zog sich die Kapuze über den Kopf. Sie wollte etwas sagen, aber dumpfes Hundebellen übertönte sie. »Mama, was soll das heißen?«, rief sie.

»Dein Vater hat Hagen vor ein paar Tagen rausgeschmissen.« Marta ging zum Scheunentor und zog es auf. Freudig sprang ein ungarischer Hütehund an ihr hoch. »Ist ja gut, Arthur!«

Der Hund setzte mit großen Sprüngen auf Frida zu und bellte kurz. Dann erkannte er sie und tänzelte um sie herum. Sie griff ihm ins Fell und kraulte ihn hinter den Ohren. »Ja, Arthur! Alter Junge, du erkennst mich noch.« Sie blickte zu ihrer Mutter, die das Tor wieder schloss. »Warum hat er ihn gefeuert?«

Marta zuckte die Achseln und schien den Regen gar nicht zu bemerken, der sie schon völlig durchnässt hatte. »Weiß ich nicht. Fridtjof hat nur gesagt, dass sie sich schlimm gestritten hätten.«

»Worüber denn?«

»Das wollte er mir nicht erzählen. Eine ›Männerangelegenheit‹ hat er es genannt.«

Frida lief mit Marta zum Haus. Arthur umkreiste sie schwanzwedelnd. »Ich spreche mit Hagen. Er wird euch sicherlich helfen.«

»Das wird Fridtjof nicht wollen. Und Hagen auch nicht. Sie sind böse im Streit auseinander. Er hat bestimmt längst neue Arbeit gefunden.«

Ihre Mutter betrat das Haus. Die Tür war nicht abgeschlossen. Keine Seltenheit hier auf dem Dorf. Frida blieb auf der ausgetretenen Schwelle stehen. Die Gerüche ihrer Kindheit schlugen ihr aus dem Reetdachhaus entgegen, eine Mixtur aus altem Gemäuer, getrocknetem Schilf und Essensgerüchen. Und noch etwas nahm sie heute wahr: einen Hauch von Fäulnis.

»Du nimmst jetzt das Beruhigungsmittel, das der Arzt dir gegeben hat, und legst dich hin, Mama.«

»Ich muss Hetfield füttern.«

»Das übernehme ich!«

»Ist ja auch dein Pferd!« Ihre Mutter sah sie mit feuchten Augen an. Sie lehnte sich an Frida, der die Berührung unangenehm war. Marta war so klein, dass sie ihr gerade bis zum Kinn reichte. »Ich weiß nicht, wie ich das allein schaffen soll.«

Frida wollte die Arme um ihre Mutter legen, wollte ihr Trost spenden, blieb aber stocksteif neben ihr stehen. Ihre Verbitterung konnten auch die Tränen ihrer Mutter nicht aufbrechen. »Leg dich hin, Mama. Du bist total erschöpft. Danach besprechen wir alles.«

»Es ist schön, dass du wieder hier bist, mein Kind. Der Hof ist doch auch dein Zuhause!«

Es war still im Haus. Ihre Mutter war nach oben gegangen. Arthur lag unter dem Küchentisch und schlief. Frida stellte einen Wasserkessel auf den Gasherd, um Tee zu kochen. Es war kalt in den Räumen. Vielleicht war auch die Übermüdung daran schuld, dass sie fror. Gern hätte sie sich hingelegt, aber sie wollte erst nach Hetfield sehen. Und sie musste überlegen, wie es nun weitergehen sollte. Selbst wenn ihr Vater überlebte, wusste niemand, ob er je wieder auf dem Hof arbeiten konnte.

Frida blieb am Herd stehen, bis das Wasser kochte, und brühte den Tee auf. Die Hände um die Tasse geschlossen, setzte sie sich auf die Bank ans Fenster und zog die Füße hoch. Sie sah hinaus, blies über den dampfenden Tee und nahm vorsichtig einen kleinen Schluck. Noch immer trommelte der Regen gegen die kleinen Scheiben. Die Äste der alten Kastanie im Hof bogen sich im Wind.

Warum hatte jemand ihren Vater heute Nacht auf dem Heimweg vom Gasthof niedergeschlagen? Der Arzt hatte gesagt, der Schlag sei mit einem stumpfen Gegenstand von hinten geführt worden. Ihr Vater habe viel Glück gehabt, dass er ihn nicht sofort umgebracht hatte. Und noch mehr Glück, dass Marta ihn gefunden habe, bevor er im Straßengraben ertrunken oder verblutet wäre. Sein Leben hinge auch jetzt noch an einem hauchdünnen Faden. Es würde ein Wunder brauchen, damit er wieder vollständig gesund wurde. Wer hasste ihren Vater so sehr, dass er hinterrücks auf ihn einschlug und ihn halb tot im Graben liegen ließ?

Hatte Hagen sich an ihm gerächt, weil er ihm nach so vielen Jahren gekündigt hatte? Frida sah sein stoppeliges Gesicht vor sich, seine lustigen braunen Augen. Er war ihrer Familie gegenüber immer loyal gewesen, ein ruhiger und sanftmütiger Mensch. Er würde nie die Hand gegen jemanden erheben, egal, wie sehr er ihn auch hasste, da war sie sich sicher.

»Hast du das Seil?«, fragte Hagen.

»Ja.« Frida kletterte auf dem Baum noch ein Stück höher. »Hierhin?«

»Ja, das reicht. Da, nimm den starken Ast.«

Sie lehnte sich in eine Astgabel und knotete das Seil fest.

»Doppelter Palstek?« Die raue Aussprache von Hagen deutete darauf hin, dass er irgendwo in Ostfriesland aufgewachsen war. Frida mochte es, wie er redete. Das erinnerte sie an all die Seefahrergeschichten, die sie gern las.

Sie schnürte das Seil fest. »O.K., hab ich!«

»Na, dann häng dich mal dran!«

Frida zog den alten Reifen zu sich, den Hagen ans Ende des Seiles geknotet hatte, setzte sich hinein und hielt sich fest. Sie stieß sich ab und flog durch die Luft.

»Ja, ja, jaaaaa …«, rief sie laut, als sie vor- und zurückschwang. »Ich kann flieeeegen!«

Hagen stand neben ihr und lachte. »Deine eigene Schaukel.«

»Woher wusstest du, dass der Knoten mich hält?«

»Ein doppelter Palstek hält immer. Und du knotest ihn perfekt.«

»Willst du auch mal?« Sie schwang zurück.

Er winkte ab. »Ich muss wieder an die Arbeit.«

»Warte!« Frida sprang vom Reifen ab und lief zu ihm. Er öffnete die Arme, und sie warf sich hinein.

»Danke, Hagen! Du bist der Allerbeste!«

Als das Telefon klingelte, fuhr sie zusammen und verschüttete Tee auf ihrer Hose. Sie stellte die Tasse ab und lief in die Diele. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter geweckt wurde. »Paulsen?«

»Haverkorn. Spreche ich mit Marta Paulsen?«

Frida erstarrte. Sie hatte seine Stimme sofort erkannt. Kriminalhauptkommissar Haverkorn. Es war ewig her, dass sie ihm begegnet war. So lange, wie Marit unter der Erde lag.

»Hallo?«, fragte er. »Frau Paulsen?«

»Ja, nein …« Sie räusperte sich. »Ich bin die Tochter.«

Schweigen. »Frida?«

»Ja.«

»Sie wissen sicherlich, weshalb ich anrufe. Der Fall Ihres Vaters wurde mir übertragen, da wir von einem versuchten Tötungsdelikt ausgehen müssen.«

Frida schluckte. Sie hatte das Gefühl, in der Zeit zurückversetzt worden zu sein. Wieder dreizehn zu sein und Haverkorn gegenüberzusitzen.

Du verschweigst doch etwas, Frida! Mit wem hat sich Marit im Stall getroffen? Du musst es mir sagen!

»Ja, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich würde gern persönlich mit Ihnen und Ihrer Mutter sprechen.«

»Meine Mutter schläft.«

»Das ist gut. Sie war sicherlich die ganze Nacht auf den Beinen.« Er schwieg einen Moment. »Wie wäre es heute Nachmittag?«

Frida überlegte fieberhaft, was sie als Ausrede vorbringen konnte, um ihm aus dem Weg zu gehen. Aber ihr war klar, dass sie früher oder später auf Haverkorn treffen würde. »Um drei Uhr, hier auf dem Hof?«

»Ja gut!« Er bellte einen kurzen Raucherhusten in den Hörer. »Entschuldigung. Bis heute Nachmittag. Und, Frida …«

Sie erstarrte. »Ja?«

»Es ist gut, dass Sie zurück sind!«

Kriminalhauptkommissar Bjarne Haverkorn legte den Hörer auf den Apparat in seinem Büro und starrte ihn an. Frida Paulsen. Er atmete langsam aus. An der Stimme hatte er sie nicht wiedererkannt. Dunkel und erwachsen hatte sie geklungen, immerhin waren über achtzehn Jahre vergangen. Wie sie wohl heute aussah? Er sah die Dreizehnjährige von damals vor seinem geistigen Auge: lässige Klamotten, kurze Haare, strenger Blick. Das Mädchen, das keines hatte sein wollen. Frida, die Ängstliche, die Aufsässige. Frida, die Lügnerin.

Oder hatte er sich in ihr getäuscht?

Hatte er sich verrannt in den Gedanken, dass sie ihm nicht alles erzählt hatte, was sie über den Tod ihrer Freundin wusste? War er zu verbissen darauf aus gewesen, den Täter zu finden, dass er sich die Lüge in ihrem Blick nur eingebildet hatte? Oder war sein Gespür richtig gewesen?

Er konnte es heute nicht mehr exakt einordnen, was ihn dazu bewogen hatte, diesem verängstigten Mädchen zu misstrauen. Kurz bevor ihre Eltern sie auf das Internat geschickt hatten, hatte er Frida das letzte Mal gesehen. Fast zwanzig Jahre war das jetzt her. Eine Ewigkeit, wenn man Ende fünfzig war und vor der Pensionierung stand.

Haverkorn starrte aus dem Fenster seines Büros im zehnten Stock in Richtung der Itzehoer Stadtkirche St. Laurentii. Sonst genoss er die Aussicht, heute verlor sich sein Blick in der Ferne. Frida war wieder zurück auf dem Paulsen-Hof. Das war zu erwarten gewesen nach dem brutalen Überfall auf ihren Vater. Dass ausgerechnet er diesen Fall übertragen bekommen hatte, war Zufall. Er war am Sonntagmorgen zu Hause erreichbar gewesen. Sein Vorgesetzter, der sich wegen einer Hochzeit in Berlin aufhielt, hatte ihn angerufen. Natürlich hatte Haverkorn den Fall übernommen. Für einen versierten Ermittler wie ihn eine Routineangelegenheit. Deshalb war er gleich ins Büro gekommen.

Als er von der Bereitschaft in Kenntnis gesetzt worden war, hatte es sofort Klick gemacht. Der Name Paulsen war für Haverkorn wie ein Trigger, der ein Karussell von Bildern und Emotionen in Gang setzte. Er hatte sich sofort ins Jahr 1998 zurückgesetzt gefühlt, in das kleine Dorf in der Elbmarsch, als sei er erst gestern dort hinausgefahren. Dabei war er vor vielen Monaten zum letzten Mal in Deichgraben gewesen. Frühling schätzte er. Oder Frühsommer.

Der Fall Marit Ott, bei dem er die größte Niederlage seiner Karriere hatte einstecken müssen. Diese Leichensache war sein erster Fall als Leiter einer Mordkommission gewesen. Und der letzte. Er hatte das Amt danach niedergelegt, war wieder in die Reihen der Ermittler getreten, weil er gescheitert war. In jeglicher Hinsicht. Selbst seine Ehe war fast daran zerbrochen.

Haverkorn griff nach seiner Jacke, holte eine Schachtel Zigaretten hervor und steckte sich eine davon in den Mund. Dann dachte er daran, dass im Büro Rauchverbot herrschte. Er war allein, dennoch schob er die Zigarette zurück in die Schachtel und stand auf. Der untere Aktenschrank war lange nicht geöffnet worden. Darin lagen einige der Altfälle. Haverkorn griff nach den Fallakten von Marit Ott und stapelte die rosafarbenen Aktenbündel auf seinem Schreibtisch. Die Seiten kannte er fast auswendig.

Auch wenn es einer seiner ältesten Fälle war – er hatte nie aufgehört, sich damit zu beschäftigen. Dieser Fall war sein persönliches Waterloo gewesen, doch er hatte die Schlacht noch immer nicht aufgegeben, so aussichtslos ein Sieg mittlerweile auch sein mochte.

Haverkorn schlug die Seite mit den Tatortfotos auf. Wie viele Male hatte er sie angeschaut? Hatte über ihnen gegrübelt und sich davon anspornen lassen, nicht aufzugeben? Er konnte es nicht sagen. Die Gefühle waren immer noch da, wenn er die Bilder betrachtete. Nicht so heftig wie damals am Tatort in dem verlassenen Viehstall und in den Wochen danach. Aber dieses tote Mädchen auf den Fotos brachte etwas in ihm zum Schwingen. Einen tiefen Schmerz, einen Verlust, den er bis heute nicht verarbeitet hatte.

Haverkorn klappte die Akte zu und sah auf seine Armbanduhr. Es war noch Zeit, bis er aufbrechen musste. Er brauchte einen Kaffee und ein neues Notizbuch. Er nahm eines der blauen Exemplare der Behörde aus einem Schubfach und steckte es in seine Ledertasche. Im Besprechungsraum stellte er den Wasserkocher an und schüttete eine Tüte Instantkaffee in eine Tasse. Während er auf heißes Wasser wartete, sah er aus dem Fenster. Direkt neben ihrem Gebäude lag die Justizvollzugsanstalt, die älteste und kleinste ihrer Art in Schleswig-Holstein mit nur zweiunddreißig Haftplätzen. Gerade war kein Hofgang, der Außenbereich lag verlassen da. Nur ein Stockentenpaar saß neben dem kleinen Teich im Hof. Die Natur vereinnahmte selbst ein Gefängnis für sich, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Der Wasserkocher klackte. Haverkorn goss das Wasser in die Tasse mit dem Kaffeegranulat und gab Milch hinein.

Er lächelte in einem Anflug von Freude. Frida Paulsen war zurück. Wie schnell sich das Grau des Alltags verkehrte.

In erster Linie ging es bei dem heutigen Gespräch auf dem Hof um den Anschlag auf ihren Vater. Aber Haverkorn hatte an Fridas Stimme gehört, dass der Fall Marit sie beide noch nicht losgelassen hatte. Dass noch nicht alle Karten gespielt waren. Dieses Mal würde er die Akten nicht eher im Schrank verstauen, bis der Fall abgeschlossen war. Und wenn der Stapel bis zu seiner Pensionierung auf der Schreibtischkante liegen blieb.

3

Frida strich über den Hals des Hengstes, der sich an sie drängte. Sie legte den Kopf auf Hetfields Fell und schloss die Augen. Nach Marits Tod, als sie ins Internat gegangen war, hatte sie ihn auf dem Hof zurücklassen müssen. Ein Verlust, den sie nur schwer verkraftet hatte. Nun war sie froh, dass ihre Eltern ihn nicht weggegeben hatten. Er war ein Bindeglied zu ihrer Kindheit. Zu der Zeit, bevor all das Schlimme geschehen war.

Frida stellte sich vor den Hengst und hielt ihm eine Karotte hin, die seine gelben Zähne zermalmten. Ihr Smartphone piepte in der Hosentasche. Sie nahm das Gespräch an. »Kai …«

»Hast du schon Schicht?«, fragte er verschlafen. »Ich hab gar nicht gemerkt, dass du aufgestanden bist.«

»Nein, es ist was passiert. Ich bin bei meinen Eltern auf dem Hof.«

»Was ist denn los?«

»Eine Familienangelegenheit. Mach dir keine Sorgen!«

Warum sagte sie ihm nicht, dass jemand ihren Vater angegriffen hatte? Sie schliefen seit dem Frühjahr miteinander, aber sie hatte Kai nur wenig von ihrer Familie erzählt. Dies schien eine Grenze zu sein, die sie mit ihm nicht überschreiten wollte.

»Ja, O.K.« Er gähnte. »Ich zieh die Wohnungstür einfach zu. Wie immer.«

Es war ein stummer Vorwurf, dass sie ihm bisher keinen Schlüssel ihrer Wohnung gegeben hatte. Aber sie ignorierte ihn. »Ja, mach das.«

»War lecker gestern. Das Steak. Und du.«

»Kai, ich muss Schluss machen. Ich melde mich. Bis dann.« Sie drückte ihn weg.

Hetfield schnaubte und schabte mit dem Maul an ihrer Hand. Sie gab ihm noch eine Möhre und legte ihre Wange an seinen warmen Hals.

»Dzie n dobry!«, sagte eine Männerstimme hinter ihr.

Sie fuhr herum. Am Eingang zur Box stand ein grauhaariger Mann mit einem Musketierbärtchen. Er trug Jeans, ein Karohemd und Gummistiefel. »Kann iech helfe?«, fragte er in gebrochenem Deutsch.

Sie trat zu ihm. »Hallo, ich bin Frida Paulsen, Fridtjof ist mein Vater.«

»Aaah!« Sie erntete ein offenes Lächeln. »Tochter!« Er rollte das »r«, wie es in Osteuropa gesprochen wurde.

»Genau! Und Sie sind?«

»Iesch Adam!« Er drückte ihr fest die Hand. Er war sicherlich einer der Saisonarbeiter, die ihr Vater beschäftigte. »Wo Fridtjof?«, fragte er.

Frida seufzte. Was sollte sie ihm sagen? »Er ist im Krankenhaus, Spital!«

»Oh w szpitalu! Nischt gut!«

»Nein, es geht ihm nicht gut.«

»Wann kommt er? Wir musse arbeite.«

»Ja, ich weiß!« Die Arbeiter wohnten schon seit Jahren zur Erntezeit auf dem Hof in einem Nebengebäude. Was sollte sie ihnen sagen? »Heute ist frei, Adam. Verstehst du? Keine Arbeit heute!«

»Ah, O.K.!« Er sah betrübt aus. »Morgen?«

»Ich weiß nicht, was morgen ist.«

Frida ging aus der Box, und Adam folgte ihr. Sie sah an seinem Gesichtsausdruck, dass er damit nicht zufrieden war. Aber eine bessere Antwort hatte sie momentan nicht.

Ihre Mutter war in der Küche, als Frida zum Haus zurückkam. Sie saß mit einer Tasse Tee auf der Eckbank und stierte auf einen imaginären Punkt im Raum.

»Mama, du sollst doch schlafen.«

»Wie kann ich schlafen, wenn dein Vater mit dem Tod ringt?«, flüsterte Marta und trank einen Schluck von dem Tee, den Frida vor einer Stunde aufgebrüht hatte. »Wie soll es nun weitergehen? Hagen ist auf und davon, und wenn wir die Apfelernte nicht verkaufen, sind wir pleite.«

»Ist es wirklich so schlimm?«

»Fridtjof spricht ja kaum darüber. In den letzten Wochen konnte er kaum noch etwas in die Haushaltskasse legen. Ich musste schon im Hofladen anschreiben lassen.«

»Warum hast du mich denn nicht angerufen, Mama?«

Ihre Mutter blickte sie vorwurfsvoll an. »Das hab ich doch!«

»Aber du hast nicht gesagt, wie es finanziell um euch steht. Dann wäre ich sofort gekommen.«

Marta schluchzte leise. »Frida, Kind, du hast das Studium in Hamburg und deine eigenen Probleme.«

»Aber ich kann euch aushelfen, wenn’s mal knapp ist.«

Marta schüttelte stumm den Kopf. »Ich kenne mich doch mit dem ganzen Kram gar nicht aus. Ich habe nicht mal eine Bankkarte.« Sie drückte sich ein Taschentuch an die Augen.

Frida hockte sich vor sie. »Ich fahr jetzt erst mal zur Bank und hebe Geld ab, damit du einkaufen kannst. Und am Wochenende komme ich wieder.«

Ihre Mutter schluchzte auf. »Bitte bleib hier! Du musst mir mit dem Hof helfen, sonst verlieren wir alles, was wir uns ein Leben lang aufgebaut haben.«

Frida nahm ihre Hand. Sie war eiskalt. »Ich kann nicht, Mama. Ich muss zurück nach Hamburg.« Es war schlimm, ihre Mutter so verzweifelt zu sehen, aber sie musste hier weg. In diesem Ort umgaben sie die Erinnerungen wie das stete Flüstern aus einem dunklen Grab. Und sie wusste, dass Haverkorn erneut anfangen würde, Fragen zu Marits Tod zu stellen.

»Bitte, Frida, wir brauchen dich jetzt!«

Und ich habe euch damals gebraucht, als ihr mich weggeschickt habt, dachte sie. Aber sie sprach es nicht aus. Ahnte ihre Mutter überhaupt, welche Verantwortung sie ihr mit dieser Bitte aufbürdete? Es ging um den Apfelhof, das Geschäft ihres Vaters, von dem sie so gut wie nichts verstand. Um das Haus, den Hof, ihre ganze Existenz. Sie hatte ihr eigenes Leben in Hamburg, ihr Studium, die Arbeit bei der Polizei. Wie oft waren sie in den letzten Jahren bei ihr gewesen? Hatten ihre Eltern sie je gefragt, was sie nach ihrem Studium an der Polizeiakademie machen wollte? »Ich kann aus Hamburg nicht weg.«

»Ja, ja, ich weiß, mein Kind.« Marta seufzte resigniert. »Wir schaffen das schon. Arthur und ich«, fügte sie leise hinzu. Der Hund hob unter dem Tisch den Kopf, als er seinen Namen hörte.

Frida ertrug die ewige Unterwürfigkeit ihrer Mutter nicht, die sie ihr Leben lang auch Fridtjof gegenüber an den Tag gelegt hatte. Sie stand auf. »Herr Haverkorn kommt heute Nachmittag vorbei. Er hat angerufen.«

»Haverkorn? Er ist grau geworden.« Marta strich Arthur über den Kopf. »Er war noch mal hier, vor ein paar Monaten. Er sucht immer noch nach ihm.«

Frida erstarrte. »Wen meinst du?«

»Marits Mörder! Er glaubt inzwischen, dass es Zufall war, dass sie ein Durchreisender gesehen und mit in den Stall genommen hat.«

Frida stand auf und trat ans Fenster, das blind vom Regen war. Sie wusste, dass Haverkorn sich irrte. Marit hatte den Täter gekannt. Sie hatte sich an jenem Abend mit ihm im Stall verabredet. Er war kein Fremder gewesen, sondern stammte von hier, aus dem Dorf. Und Frida war die Einzige, die das wusste.

Frida ließ den Motor des Jeeps aufheulen. Es krachte metallisch unter dem Wagen, als sie durch ein Schlagloch fuhr, aber sie bemerkte es nicht. Verbissen blickte sie nach vorn. Noch immer sah sie die Verzweiflung in den Augen ihrer Mutter. Und die Angst. Wie konnte sie ihr helfen, ohne auf dem Hof zu bleiben? War Geld wirklich die Lösung?

Das würde Marta nicht die Verantwortung abnehmen, den Hof zu führen, während ihr Mann im Krankenhaus lag. Dazu war sie nicht in der Lage, weder mental noch körperlich. Sie war mit dem Geschäft völlig überfordert.

Frida gab Gas, stieg kurz vor dem Ortsschild jedoch hart auf die Bremse, weil ihr ein Trecker entgegenkam. Musste der Idiot die ganze Straße einnehmen? Wütend sah sie den Fahrer an.

Jesper?

Frida hielt an. Auch der Trecker blieb stehen. Dass sie nun die gesamte Straße blockierten, störte sie nicht. Sie stieg aus. Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehen? Waren das wirklich achtzehn Jahre?

Jesper kletterte von dem Traktor. Einen Moment lang standen sie verloren auf der Straße, fanden keine Worte der Begrüßung. Er machte einen Schritt auf sie zu und zog sie an sich. Sie ließ sich in seine Umarmung fallen und spürte, wie sehr sie ihren besten Freund aus Kindertagen vermisst hatte.

»Das ist ja der Hammer!« Jesper stieg hinter Frida auf der Leiter nach oben und kletterte auf die Empore unter dem Dach. Rohe Backsteinwände, Dielenboden, Dachbalken. Er musste den Kopf einziehen, um stehen zu können. »Sogar mit Fenster.« Er sah durch die fast blinde Scheibe hinaus auf die Pferdekoppel. »Und das hast du jetzt erst entdeckt?«

»Im Pumpenhaus war ich schon oft. Aber dass hier oben dieses Versteck ist, wusste ich nicht. Hagen hat es mir gezeigt.«

Jesper sah sich um. »Wir könnten ein paar alte Matratzen hochbringen und in den Ferien hier pennen.«

»Ja, cool! Dann besorge ich Kissen und Decken.« Frida klopfte sich die Knie ab. Der Boden war von Staub bedeckt. Spinnweben hingen unter den Balken. »Erst mal müssen wir sauber machen.«

»Ja, sonst kriegen wir Marit hier nicht rauf. Die Spinnweben müssen weg!« Jesper setzte sich auf die Holzdielen. »Denkst du, sie klettert die Leiter hoch?«

»Keine Ahnung.« Frida setzte sich neben Jesper. »Sie ist ein Angsthase, aber wenn wir uns ab jetzt hier treffen, wird sie schon hochkommen. Sie will doch nichts verpassen.«

»Ich gehe Marit gleich suchen. Das muss sie sich ansehen!«

Er bemerkte Fridas Enttäuschung nicht.

»Das ist jetzt unser Lager. Nur für uns drei! Wir dürfen niemandem davon erzählen.«

Frida nickte und freute sich über seine Begeisterung.

»Meinst du, dein Vater hat was dagegen?«

Sie zuckte die Schultern. »Das Pumpenhaus interessiert ihn nicht. Solange wir nicht an den Rohren und Anschlüssen rumschrauben, durch die das Wasser in den Apfelhof läuft, macht es ihm bestimmt nichts aus.«

Jesper stand auf. »Also los! Du holst Besen und Schaufel, und ich schaue, ob ich Marit finde.« Er lachte. »Die wird Augen machen!«

Ihren traurigen Blick sah er nicht. Für ihn würde sie wohl immer Frida, die kleine Freundin in den Jungenklamotten, sein.

Er gab sie aus seiner Umarmung frei. »Es tut mir so leid, Frida! Wie geht es Fridtjof?«

»Du hast es schon gehört?«

Jesper nickte. »So was ist hier schnell rum.« Er sah müde aus. Sein dunkles Haar fiel ihm wild in die Stirn. Der Dreitagebart ließ auf lange Nachtschichten schließen. Aber es waren immer noch seine blaugrauen Augen, die sie an früher erinnerten. An den schüchternen Jesper. An ihren ersten Kuss. »Die Operation ist gut verlaufen. Aber keiner kann uns sagen, ob …«

»Er schafft das, ganz sicher.« Es sollte ihr Mut machen, aber seine Unsicherheit war deutlich zu spüren. »Es ist gut, dass du da bist. Deine Mutter wird das allein nicht packen. Die Ernte ist wichtig. Wie lange bleibst du?«

Frida zuckte die Schultern. Sollte sie sagen, dass sie heute noch zurück nach Hamburg wollte? Dass sie nur eben zur Bank im Nachbarort unterwegs war, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen? »Weiß nicht.«

»Der Holsteiner Cox muss rein. Diese Woche.« Hinter ihnen hupte ein Wagen. Jesper drehte sich um und gab ein Zeichen, dass es gleich weiterginge. »Sag Bescheid, wenn ich euch irgendwie helfen kann. Fridtjof hat ja genug Saisonkräfte angeheuert. Du musst sie nur vernünftig in den Apfelhöfen verteilen und überwachen.«

Es hupte nochmals, eindringlicher, und Jesper kletterte auf den Trecker. »Komm einfach bei mir vorbei, wenn du Fragen hast!« Er winkte und fuhr über den Seitenstreifen an Fridas Wagen vorbei.

Sie stieg in den Jeep. Wütend gab sie Gas. Warum hatte ihr Jesper erst die Augen öffnen müssen? Ganz selbstverständlich war er davon ausgegangen, dass sie bei ihrer Mutter blieb und sich um den Hof kümmerte. Sie konnte nicht so tun, als würde sie das alles nichts angehen. Ihr Vater lag auf der Intensivstation. Wenn sie Glück hatten, kehrte er irgendwann nach Deichgraben zurück. Aber es ging um die Existenz ihrer Eltern! Wenn sie ihre Mutter im Stich ließ, war Marta die Nächste, die sie im Krankenhaus besuchen konnte. Oder auf dem Friedhof. Als sie das Ortsschild hinter sich ließ, fasste Frida einen Entschluss.

Sie fuhr nach Hamburg. In ihrer Wohnung packte sie einen Rucksack und rief ihren Vorgesetzten im Polizeikommissariat an. Sie erklärte ihm, was in der Nacht vorgefallen war, und er gab ihr ohne Umschweife zwei Wochen Urlaub.

Frida schloss die Wohnungstür ab und verharrte, bevor sie den Schlüssel aus dem Schloss zog. Nun gab es kein Zurück mehr. Sie wusste, dass ihre Rückkehr nach Deichgraben nicht ohne Folgen bleiben würde. Dass die Ereignisse von damals, die sie seit Jahren verdrängt hatte, sie eingeholt hatten.

Auf dem Hof stand ein schwarzer Passat mit Itzehoer Kennzeichen. Frida parkte daneben und blieb für einen Moment sitzen. Nun würde sie auf Kriminalhauptkommissar Haverkorn treffen. An einem Sommertag vor achtzehn Jahren hatte er hier in der Küche auf sie gewartet. Alles wiederholte sich irgendwann.

Frida straffte ihre Schultern und stieg aus. Arthur begrüßte sie schwanzwedelnd an der Tür, als sie die Einkäufe hereintrug, die sie mitgebracht hatte.

Haverkorn stand vom Küchentisch auf. Sein Haar war grau geworden, wie ihre Mutter gesagt hatte. Er hatte einige Kilo zugelegt und versuchte, das Doppelkinn durch einen Bart zu kaschieren. Als er auf Frida zukam, hinkte er ein wenig. Aber sein Blick war hellwach und eindringlich wie damals. Er nahm ihr einen Einkaufsbeutel aus der Hand und stellte ihn auf die Anrichte. Dann reichte er ihr die Hand. »Es freut mich, Sie wiederzusehen, Frida!«

»Herr Haverkorn, es ist lange her.« Mehr als diese Floskel fiel ihr nicht ein. »Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich habe in Hamburg noch ein paar Sachen geholt.«

Ihre Mutter, die am Tisch gesessen hatte, stand auf und begann, die Einkäufe auszupacken. Brot, Butter, Milch, Eier, Käse.

»Du willst hierbleiben?«, fragte sie beiläufig, als sie den vollen Rucksack sah, doch Frida spürte, dass sie erleichtert war. »Ob wir noch ein freies Bett für Frida haben, Arthur?«

Der Hund tänzelte um ihre Beine, und Frida gab ihm einen Kauknochen. Er schnappte danach und verzog sich unter den Tisch.

»Möchten Sie Kaffee?«, fragte Frida.

Haverkorn setzte sich wieder. »Gern!«

Frida befüllte die Maschine und stellte schweigend drei Tassen auf den Tisch. Dann ließ es sich nicht länger herauszögern, sich zu Haverkorn zu setzen, der ein kleines Notizbuch vor sich liegen hatte. Es ähnelte jenem, das er damals bei sich gehabt hatte. Als er sie hier in der Küche befragt hatte.

Frida, weißt du, was Marit dort in diesem stillgelegten Stall wollte? Hast du sie am Abend mit jemandem zusammen gesehen? Hat sie dir etwas erzählt?

Sie hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen, obwohl er gesagt hatte, dass es heute um den Überfall auf ihren Vater ginge. Dennoch: Haverkorn war hier, und Marits Tod war eine stumme Verbindung, die noch immer zwischen ihnen bestand.

»Frida?«, fragte er.

»Ja?« Sie sah ihn an.

»Können wir anfangen?«

Sie nickte.

Haverkorns Blick nährte ihr Unwohlsein. Sie hatte heute wie damals das Gefühl, dass er sie durchschaute. Dass er genau wusste, dass sie ihm etwas Wichtiges verschwieg.

»Zu den Geschehnissen heute Nacht habe ich Ihre Mutter schon befragt.« Er schlug sein Notizbuch auf. »Frau Paulsen …« Er sah zu Marta, die die Einkäufe in den Kühlschrank räumte. »Sie sagten, Sie sind gegen zwei Uhr morgens losgegangen, weil Ihr Mann noch nicht vom Gasthof zurückgekehrt war. Es regnete, und Sie waren nur mit einer Taschenlampe ausgestattet. Auf halbem Weg haben Sie ihn im Straßengraben liegen sehen, bewusstlos und mit einer blutigen Wunde am Hinterkopf. Sie haben den nächsten Anwohner, Lehrer Ortwin Baalke, herausgeklingelt, der Notarzt und Polizei verständigt hat. Das ist so weit korrekt?«

Marta kam zu ihnen an den Tisch und setzte sich zu Frida auf die Bank. »Ja, so war das.«

»Ist Ihnen jemand aufgefallen? Ist jemand weggelaufen?«

»Ich habe niemanden gesehen.«

»Haben Sie Schritte im Dunkeln gehört?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie denn auch? Es hat geregnet, und ich hatte eine Kapuze über dem Kopf.«

Haverkorn schrieb etwas in sein Notizbuch. »Hatte Ihr Mann kürzlich Streit mit jemandem?«

Für einen kurzen Moment streifte sie Fridas Blick. »Nein, nicht dass ich wüsste. Fridtjof ist kein streitsüchtiger Mensch.«

»Auch nicht, wenn er Alkohol getrunken hat?«

Marta seufzte. »Dann hat er eher gar nichts mehr gesagt, hat nur still über seinem Korn gesessen, bis er ins Bett ist.«

»Hat Ihr Mann Drohungen erhalten? Per Post oder per Telefon?«

»Drohungen? Aber von wem denn?«

»Also nein?«

»Wer hätte uns denn drohen sollen?«, fischte sie nochmals nach einer Antwort.

»Es gibt da Gerüchte, dass einige Bauern in der Gegend bedroht wurden. Es geht wohl um Landspekulationen.«

Marta schlug mit der Hand auf den Tisch. »Das war bestimmt der Schucht. Der konnte noch nie den Hals voll genug bekommen!«

»Wer ist Schucht?«, fragte Frida, die diesen Namen noch nie gehört hatte.

»Ein Großbauer, der vor ein paar Jahren zugezogen ist. Er kauft hier in der Marsch wie eine Krake immer mehr Land und Apfelhöfe auf. Bei uns war er auch schon, aber wir verkaufen nicht!«

»Mit Ihnen hat Ihr Vater auch nicht darüber gesprochen, ob er geschäftliche Probleme hatte?«, wandte sich Haverkorn an Frida.

»Ich hatte selten Kontakt zu ihm. Und wenn wir miteinander geredet haben, waren seine Geschäfte kein Thema.«

Haverkorn seufzte leise. »Wie geht es jetzt weiter? Wer übernimmt die Führung hier auf dem Hof?«

Die Kaffeemaschine gluckerte und presste die letzten Tropfen durch den Filter. Frida stand auf, goss Kaffee ein und stellte Milch auf den Tisch.

»Ich habe mir zwei Wochen Urlaub genommen und kümmere mich um alles.«

»Gut, wenn Ihnen etwas ungewöhnlich vorkommt, melden Sie sich bitte sofort bei mir.« Haverkorn reichte ihr eine Karte mit Telefonnummern. »Und ich würde gern noch einmal mit Ihnen in einer anderen Angelegenheit sprechen. Aber nicht heute. Vielleicht nächste Woche?«

Fridas Augenlid begann zu zucken. »Worum geht es?«, fragte sie gleichmütig.

Er sah sie über die Kaffeetasse hinweg an, und sie hatte das Gefühl, dass er ihre Mimik genau studierte. »Das würde ich Ihnen gern in Ruhe erklären.«

Frida senkte den Blick und trank einen Schluck Kaffee. Sie wusste, worauf er abzielte. Am liebsten hätte sie die Tasse abgestellt und wäre hinausgelaufen. Wie damals, als sie dreizehn gewesen war und Haverkorn sie befragt hatte. Aber nun war sie erwachsen. Sie war Polizistin. Und sie wusste, dass sie ihm nicht mehr aus dem Weg gehen konnte.

4

Frida schulterte den Rucksack und stieg die knarrende Holztreppe hinauf. Ein Läufer auf dem Gang dämpfte ihre Schritte, damals waren es fünfzehn gewesen. Sie zählte mit und blieb vor einer Tür stehen. Das war ihr Reich gewesen. Bis man es ihr genommen hatte.

Sie trat ein. Es roch muffig, und so ging sie zuerst zum Fenster, das knirschte, als sie es mit Gewalt öffnete. Sie sah noch die Narben im Holz, die durch das Entfernen der Nägel gerissen worden waren. Sie selbst hatte sie hineingeschlagen, als sie sich hier oben verbarrikadiert hatte.

Vor ihr lag der Hof. Haverkorns Passat war verschwunden. Nach dem Kaffee war er gefahren. Es regnete nicht mehr. Das Licht war seltsam diffus, es wurde schon dunkel. Eine Schar Krähen saß in der Kastanie auf dem Hof und krächzte, als fühlten sie sich von Fridas Anwesenheit gestört. Sie drehte sich um und knipste die Stehlampe an.

Alles war wie damals. Ihr Bett an der Wand, der altersschwache Schreibtisch und der Kleiderschrank mit Spiegel, den sie so gut wie nie gebraucht hatte. Die Poster von Metallica waren abgefallen oder vergilbt. Das Leder des Boxsackes, der von der Zimmerdecke herabhing, sah rissig aus.

Wie fremd ihr diese Welt nun war. Seit sie in Hamburg lebte, war sie nie wieder hier oben in ihrem Zimmer gewesen, war den Erinnerungen aus dem Weg gegangen. Bei ihren seltenen Besuchen hatte sie nie hier übernachtet.

Frida ließ den Rucksack von der Schulter gleiten.

Auf dem Tisch lag ihr alter Minidisc-Walkman. Sie setzte die Kopfhörer auf und drückte auf Play, aber er blieb stumm. Natürlich hatten die Akkus achtzehn Jahre nicht überdauert. Sie öffnete den Walkman und nahm die CD heraus. The Black Album von Metallica. Die CD und vor allem den Song Nothing else matters hatte sie nach Marits Tod hoch und runter gehört. Sie sah sich um, legte die CD in den Rekorder, steckte das Kabel in die Steckdose und drückte Play. Treibende E-Gitarren setzten ein. Frida drehte auf. James Hetfields Stimme hatte sie schon damals beruhigt. »Brüll-Musik« hatte ihr Vater dazu gesagt.

Ihre Mutter hatte frische Bettwäsche auf das Bett gelegt. Frida bezog das Kopfkissen und versuchte, die Erinnerungen zu verdrängen, die in jeder Ecke des Zimmers lauerten.

»Kannst du nicht mal diese furchtbaren Typen von der Wand nehmen? Unter denen könnte ich gar nicht schlafen.«

Marit lümmelte auf Fridas Bett und betrachtete angewidert das Metallica-Poster über sich, als verkörpere es all das Böse dieser Welt. »Es gibt so schöne Typen.« Sie strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr. »Die Jungs von Savage Garden oder dieser süße Italiener …« Sie summte die Melodie von Laura non c’è. »Nek. Kennst du den überhaupt?«

Frida nervte es, wenn Marit ihr vorhielt, dass sie hinter dem Mond lebte, weil sie Heavy Metal hörte und nicht diese weich gespülte Teenagermusik. Sie lümmelte auf ihrem Fensterbrett und beobachtete von dort Hagen auf dem Hof, der mit dem Gabelstapler Großkisten aufeinandersetzte. Sie verdrehte die Augen, sagte aber nichts.

Sie sah zu Frida. »Zieh doch wenigstens mal ein Sommerkleid an! Zeig deine tollen Beine!«

Frida seufzte leise. Dann steckte sie zwei Finger in den Mund und pfiff laut aus dem Fenster. Hagen sah zu ihr hoch und winkte ihr zu.

»Sag doch auch mal was, Jesper! Sie muss was ändern. Immer diese weiten Klamotten und die Depri-Mucke. Da kriegt sie nie einen Typen ab.«

Jesper saß im Sessel neben dem Bett und warf Frida einen langen Blick zu. »Lass sie doch, wenn es ihr gefällt?«

Marit zog einen Schmollmund. »Ey, Mann, schaut euch mal die Spice Girls an! Alle sagen, ich seh aus wie Emma. Frida könnte wie Victoria aussehen, wenn sie sich die Haare wachsen lassen würde.«

»Wer will schon wie die Spice Girls aussehen?«, raunte Frida.

Marit warf ihr einen zornigen Blick zu. »Das Konzert in der Westfalenhalle war megageil! Und dass Emma mir noch das Autogramm gegeben hat …« Sie drehte auffällig ihren Plastikarmreif, auf dem angeblich »Baby Spice« nach dem Konzert unterschrieben hatte. Frida glaubte keine Sekunde, dass Marit auch nur in die Nähe der Spice Girls gekommen war, um sich ein Autogramm zu holen. Die schwarzen Striche, die angeblich von Emma Bunton stammen sollten, hatte sie garantiert selbst auf den Armreif gemalt. Aber Marit hielt ihn jedem unter die Nase und schwärmte von ihrem Konzerterlebnis in Dortmund, zu dem sie mit einer Cousine aus dem Ruhrpott hatte gehen dürfen.

»Wenn du im April mitgekommen wärst, wüsstest du, wie megacool die Spice Girls sind. Aber du wolltest ja lieber hier im Dorf rumhocken.«

Frida zog ärgerlich die Augenbrauen hoch. Aber sie sagte nichts. Sie wusste, dass Marit dann noch mehr in Fahrt kommen würde.

»Hört auf zu streiten! Jeder kann die Musik hören, die er mag«, versuchte Jesper zu schlichten.

Marit stand auf. »Ich geh nach Hause. Mit euch ist ja nichts los heute.« Sie stellte sich vor den Sessel, auf dem Jesper saß, und lächelte. »Bringst du mich ein Stück?«

Er sah auf seine Uhr. »Bei mir ist keiner da. Ich bleib noch ein bisschen.«

Seine Abfuhr schien Marit zu verärgern. Sie zog einen Schmollmund. »Dann eben nicht!«

»Tschüss!« Frida stieg vom Fensterbrett und brachte sich am Boxsack in Ausgangsposition. Sie stellte das Standbein sicher. Ihre Schlaghand flog nach vorn. Der Schlag fiel härter aus, als sie geplant hatte. Der Schmerz fuhr ihr durch den Arm, aber sie verzog keine Miene.

»Du bist echt wie ein Kerl«, motzte Marit. »Macht’s gut, Kumpels!« Die Zimmertür fiel hinter ihr ins Schloss.

»Musste das sein?« Jesper stand ebenfalls auf und hielt den Boxsack fest, der hin- und herschwang.

»Manchmal nervt sie echt mit ihrer Leier. Bin ich so ein Püppchen wie diese Tusse von den Spice Girls

Er stellte sich hinter Frida und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Du bist hübsch, so wie du bist«, flüsterte er.

Frida dreht sich um, ließ ihre Arme sinken. »Wirklich?«

Jesper sah sie an. Er wurde rot. Plötzlich beugte er sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Fridas Herz schlug aufgeregt. Sie sagte nichts, sah ihn überrascht an. Hatte er sie wirklich gerade geküsst?

»Ich muss los.« Er griff seinen Rucksack und lief zur Tür hinaus.

Frida riss die vergilbten Poster von den Wänden und knüllte sie zusammen. Sie legte sich hin und hatte plötzlich Jespers Gesicht vor sich. Müde hatte er ausgesehen. Und besorgt, als er nach ihrem Vater gefragt hatte. Aber eines hatte Frida in Jespers Gesicht ebenfalls gesehen. Die Freude, sie wiederzusehen.

»Es ist spät.« In der Stimme seiner Frau war der Vorwurf deutlich zu hören, auch wenn sie freundlich gesprochen hatte.

Bjarne Haverkorn stellte die Aktentasche neben die Garderobe und zog seine Jacke aus. Er atmete tief ein, bevor er sich umdrehte und Ursula in den Arm nahm. Sie machte sich steif unter der Berührung.

»Dein Essen steht im Ofen. Stell den Teller dann in die Spülmaschine.« Sie wand sich aus seinen Armen und ging ins Wohnzimmer. Demonstrativ zog sie die Tür hinter sich zu.

Haverkorn ging in die Küche und nahm sich den Teller aus dem Ofen. Er war in dicke Tücher eingeschlagen. Dennoch war das Schnitzel mittlerweile kalt. Das sonntägliche Mittagessen war für Ursula eine feste Tradition. Er wusste nicht, wie oft er diese schon gebrochen hatte, wenn ihm die Ermittlungsarbeit dazwischengekommen war. Früher hatte es offene Vorwürfe gegeben. Nun hörte er es nur noch an ihrer Stimme, wie verletzt sie war, wenn er das Essen verpasst hatte. Er nahm sich Besteck aus der Schublade und trug den Teller ins Wohnzimmer. So würde er sie nicht davonkommen lassen, dass sie sich vor dem Fernseher verkroch und schmollte.

»Wie war dein Tag?«, fragte er, als er sich auf die Couch gesetzt hatte. Den Teller balancierte er vorsichtig auf seinen Knien, da der Couchtisch viel zu niedrig war.

»Hm.«

»Hat Peter angerufen?«

»Mein Bruder ruft nie sonntags an.«

»Stimmt!« Haverkorn schnitt das Schnitzel an und schob sich einen Happen in den Mund. Kochen konnte Ursula. Nicht nur deshalb hatte er sich damals in sie verliebt.

»Wir haben einen neuen Fall. Draußen in der Marsch.«

Ein kurzer Blick. Dann konzentrierte sie sich wieder auf das Fernsehprogramm.

»Auf dem Paulsen-Hof. Der Bauer ist in der Nacht brutal niedergeschlagen worden.«

»Paulsen? Der Paulsen?«

Haverkorn nickte und kaute.

Sie sah ihn misstrauisch an, sagte aber nichts. Ursula erwartete, dass er mehr erzählte.

»Ich habe heute Frida wiedergesehen. Erinnerst du dich? Das Mädchen, das ich damals verhört habe.«

Sie sagte nichts, starrte mit hochgezogenen Schultern auf den Fernseher. Sie wusste genau, von wem er sprach.

»Sie hilft ihrer Mutter auf dem Hof.«

»Und?« Ein giftiger Blick. »Willst du sie?«

Er stockte beim Kauen. »Was?«

»Das ist es doch, was du mir sagen willst. Dass sie jung und schön ist.«

Haverkorn kaute auf dem Fleisch herum, um nichts Falsches zu sagen. Er dachte daran, was der Arzt ihm auf dem Gang gesagt hatte. »Eine Depression ist unberechenbar. Mit den Tabletten können wir Ihre Frau vorerst ruhigstellen. Sie wird bessere Tage haben, aber auch dunkle. Das Beste wäre, sie ginge in eine Klinik.«

»Schatz, was sagst du da? Ich liebe dich. Außerdem ist Frida viel zu jung für einen alten Sack wie mich.«

»Aber ich passe zu dir, ja? Ich muss es mit dem alten Sack aushalten.«

Er hörte, dass ihre Stimme zitterte. Sie war in Tränen ausgebrochen. Ein dunkler Tag.

Er stellte den Teller auf den Tisch. »Du bist traurig, weil ich dich den ganzen Tag allein gelassen habe. Es tut mir leid!«

Sie schluchzte leise. Ihr Körper erzitterte beim Weinen.

»Ich kann mir leider bei meinem Beruf nicht aussuchen, wann ich wegmuss. Das weißt du doch. Aber deshalb können wir uns auch diese schöne Wohnung leisten.«

»Das dunkle Loch hier?« Sie sah ihn mit roten Augen an. »Wenn du den ganzen Tag hier allein sitzt, weißt du, wovon ich rede. Am Nachmittag ist das Licht weg.« Wieder brach sie in Tränen aus. »Ich halte das nicht mehr aus. Lass uns wegfahren. Irgendwohin ins Warme.«

»Die Klinik hat schöne sonnige Zimmer. Dort würdest du dich …«

Sie sprang auf. »Ich bin nicht irre! Versteh das endlich! Ich habe ab und zu Stimmungsschwankungen, ja! Aber ich gehe nicht in die Klapse, damit du dich mit anderen Weibern vergnügen kannst, während ich weg bin.«

Haverkorn stand auf und ging ins Bad. Die Schachtel mit dem Antidepressivum lag im Spiegelschrank. Als er die Packung herauszog, schloss er kurz die Augen. Warum hatte er sie nicht jeden Tag kontrolliert? Ursula hatte das Medikament abgesetzt. Mindestens seit einer Woche. Was nun? Sollte er ihr einfach eine Tablette verabreichen? Oder sollte er mit ihrem Arzt sprechen? Er dachte an die ersten Tage der Einnahme, an ihre Schwindelanfälle, das Unwohlsein, die Kreislaufprobleme. Dies waren keine Kopfschmerztabletten, die man nehmen oder weglassen konnte. Dies war ein verschreibungspflichtiges Medikament, das ein Psychiater verordnet hatte.

Haverkorn ging ins Wohnzimmer, wo seine Frau auf der Couch saß und schluchzte. Sie sah ihn an wie ein gehetztes Tier.

»Bitte sei nicht böse, Bjarne! Ich habe heute vergessen, die Tablette zu nehmen.«

»Nicht nur heute, Ursula. Wir fahren morgen zu deinem Arzt. Vielleicht brauchst du andere.«

Sie weinte leise, und er setzte sich zu ihr, strich ihr über die Haare. Er sah sie an und spürte die Verbundenheit zu ihr. Aber auch den Abscheu, den er seit Jahren unterdrückte. Er sah ihre Falten, die silbergrauen Strähnen, die ihr einst tiefdunkles Haar durchzogen. Er erkannte die Frau in ihr, die er geliebt hatte. Aber auch die Frau, die sein Kind nicht gewollt hatte. Die es hatte abtreiben lassen, an dem Tag, als er zur Leiche von Marit Ott gerufen worden war.

Es war kühl an diesem Morgen. Frida machte einige Streckübungen, dann lief sie los. Hinaus aus dem Hoftor, die Dorfstraße entlang und hinter dem Ortsschild hinein in die Felder. Der Untergrund war nass, teilweise schlammig, aber es regnete nicht mehr. Sie sprang über eine Pfütze und zog das Tempo an, versuchte, regelmäßig zu atmen. Krähen krächzten in den alten Obstbäumen am Wegrand. Im Dorf hinter ihr kreischte eine Motorsäge.

Auch in Hamburg war sie jeden Morgen gelaufen, unabhängig davon, ob sie in der Nacht gearbeitet hatte oder nicht. Das Laufen war ein tägliches Ritual geworden.

Sie lief an einer Pferdekoppel vorbei und erreichte eine Apfelanlage. Rot schimmerten die Äpfel zwischen den Blättern hervor. Sie musste Jesper anrufen. Er kannte die Apfelhöfe ihres Vaters. Er wusste, bei welcher Sorte die Arbeiter mit der Ernte beginnen mussten. Die Holsteiner Cox, hatte er gesagt, meinte sie sich zu erinnern. Das war das Erste, worum sie sich heute kümmern würde.

Hinter der Anlage kreuzte sie einen weiteren Feldweg. Frida bog ab und wurde sich nach ein paar Metern bewusst, dass sie nun auf dem Totenweg lief, um den sich viele Mythen rankten. Während des Krieges waren hier angeblich zwei Deserteure aus dem Dorf erschossen worden. Wahrscheinlich stammte der Name jedoch daher, dass die Anwohner früher auf diesem Weg die Rinder und Schafe in den Nachbarort zum Schlachter getrieben hatten.

In einiger Entfernung tauchte der stillgelegte Viehstall auf. Frida stolperte, konnte sich gerade noch abfangen, um nicht zu stürzen. Sie wollte umkehren, aber irgendetwas trieb sie an weiterzulaufen.

Der Stall war ein langer Backsteinbau mit winzigen, lukenartigen Fenstern und einer Metalltür, die schief in den Angeln hing. Frida bahnte sich einen Weg durch die brusthohen Brennnesseln, die das Gebäude wie eine grüne Wand umschlossen. Die Tür war lediglich durch einen Riegel gesichert. Kein Schloss, wie sie erwartet hatte. Sie legte ihre Hand auf das Metall, dessen Kälte fast schmerzhaft war.

Zögerlich öffnete Frida den Riegel, zog die Tür mit Gewalt durch die Erdablagerungen, die sich davor gebildet hatten, und trat ein. Es roch nach Fäulnis und Moder. Durch die blinden Fenster fiel etwas Licht ins Innere. Rohe Backsteinmauern, Urinrinnen am Boden, verrostete Metallringe an den Wänden. Ein leerer Raum.

Frida presste die Luft aus den Lungen. Da hinten an der Wand hatte Marit gelegen.

Schon wieder verschlafen! Frida zog sich Jeans und T-Shirt über und rannte die Treppe hinunter. Vor einer halben Stunde war sie mit Jesper im Pumpenhaus verabredet gewesen. Hoffentlich war er noch da. Sie verfehlte eine Stufe und stolperte, prallte gegen die Wand. Frida rieb sich den Ellenbogen. Noch mal gut gegangen.

Sie hörte Frauenstimmen in der Küche. Mutter hatte wieder Besuch. Sollte sie hineingehen und diese ewige Fragerei über sich ergehen lassen? »Frida, was machst du so in den Ferien? Wird dir nicht langweilig? Vermisst du die Schule?« Einfach nur nervig! Besser, sie lief gleich ohne Frühstück los. Ein Apfel aus der Kühlhalle würde es auch tun. Sie ging zur Tür und hoffte, dass sie unbemerkt blieb.

Jemand schluchzte laut auf. Erstarrt blieb sie stehen, wagte einen Blick durch die Küchentür. Tante Maggie saß mit ihrer Mutter am Tisch und drückte ein Taschentuch an die Augen. »Sie ist noch nie nachts weggeblieben.«

»Sie ist vierzehn, Margarete. Marit ist kein Kind mehr! Sie weiß, was sie tut.«

»Trotzdem. Ich spüre, dass irgendwas nicht stimmt. Sie ist immer zuverlässig und hinterlässt wenigstens einen Zettel am Kühlschrank, wenn sie weggeht.«

»Wir können Frida fragen, ob sie weiß, wo Marit hinwollte.«

Frida stand wie angewurzelt an der Tür. Marit war heute Nacht nicht nach Hause gekommen? Das würde Ärger mit ihrem Vater geben! Sie musste sie suchen und vorwarnen. Mit Gunnar Ott war nicht zu spaßen.

Sie lief los, ohne auf die Rufe ihrer Mutter zu hören, die sie endlich bemerkt hatte, rannte über den Hof an den hochgestapelten Großkisten vorbei, wo sie dem Vorarbeiter ihres Vaters zuwinkte, der auf dem Trecker saß. Sie überquerte die Pferdekoppel, auf der Hetfield graste, stieg über einen Zaun und lief am Getreidefeld vorbei. Sommerferien. Die schönste Zeit des Jahres. Aber sie dachte nur daran, ihre Freundin zu finden, bevor deren Vater sie erwischte.

Frida bog in den Totenweg ein und lief schneller. Der alte Viehstall kam in Sicht. Dort hatte Marit sich gestern Abend mit ihrem neuen Freund treffen wollen. Mit diesem Arztsöhnchen. Er war schon achtzehn, vier Jahre älter als Marit! Sie hatte mächtig damit angegeben, dass sie es mit ihrem neuen Lover treiben wolle. Frida hatte ihr nicht geglaubt, weil Marit gern übertrieb. Aber dass sie in der Nacht nicht nach Hause gekommen war, hieß wohl, dass sie immer noch mit ihm zusammen war. Dass sie vielleicht doch … Frida wollte nicht darüber nachdenken, was die beiden heute Nacht gemacht hatten. Auf dem Schulhof war vor den Ferien eine Porno-Zeitung rumgegangen. Insgeheim hatte Frida sich geekelt, was sie da drin gesehen hatte. Sex sollte so was Tolles sein? Besser als Küssen? Bestimmt nicht!

Sie atmete hektisch, als sie am Viehstall ankam. Wie konnte man diese verfallene Bruchbude für ein Date wählen? Vielleicht hatte Marits Freund Decken und Kerzen mitgebracht. Marit war anspruchsvoll, und in der Regel versuchten die Jungs, sie zu beeindrucken. Aber der Neue war anders. Das hatte Marit gestern immer wieder betont. Wahrscheinlich sollte Frida eifersüchtig werden. Bestimmt nicht auf diesen Angeber!

Frida sah, dass die Tür einen Spalt geöffnet war. Sie klopfte an. Wenn die beiden da drin schliefen, vielleicht sogar nackt, wollte sie nicht einfach so reinplatzen. Aber wenn sie Marit nicht Bescheid gab, dass ihre Mutter kurz davor war durchzudrehen, würde sie richtig Ärger bekommen. Weniger mit ihrer Mutter als mit ihrem Vater, dem schnell mal die Hand ausrutschte.

Drinnen blieb es still. Nur über ihr in den Kirschbäumen summte es. Frida klopfte noch einmal an die Metalltür. »Marit? Bist du da?« Keine Antwort. Sie zog die Tür auf, ging hinein und musste sich erst an das düstere Dämmerlicht im Inneren gewöhnen. »Marit?«

Frida stellten sich die Härchen auf. Es war unheimlich in diesem verlassenen Stall. Frida schob die Tür weit auf. Sonne fiel durch die Türöffnung und leuchtete das Halbdunkel aus. Hinten an der Wand lag jemand auf dem Steinboden.

Marit.

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