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Totentanz

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Prolog

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Teil II

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

Nachwort und Danksagung:

Personenverzeichnis

Glossar

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

»I will tell your story if you die,

I will tell your story and keep you alive …«

(Laleh, aus dem Song »Some Die Young«, 2013)

PROLOG

Januar 2014 Italien/Florenz/Mugello

Elle nahm den gleichen Zug zurück nach Edinburgh, mit dem sie in die schottischen Highlands gefahren war, und von dort aus ging es nach London, wo sie in den nächsten Flieger nach Florenz steigen würde.

Kurz vor dem Abflug rief sie ihren Leibwächter Alberto an, um ihm mitzuteilen, dass sie wie geplant gegen neun Uhr früh mit City Jet auf dem Aeroporto Firenze-Peretola »Amerigo Vespucci« landete. Sie hatte absichtlich eine kostengünstige, ausländische Airline gewählt, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Sie durfte kein Risiko eingehen, wenn es darum ging, mögliche Verfolger erst gar nicht auf die Spur ihrer Tochter zu führen. Trotzdem fühlte sie sich von allen Seiten beobachtet, wofür schon alleine Alberto sorgte, der sie, sobald sie italienischen Boden betrat, keinen Schritt lang aus den Augen lassen würde. Seine ständige Aufmerksamkeit raubte ihr den letzten Nerv, und sie hoffte inbrünstig, dass der Spuk bald vorüber war. Der Termin mit ihrem Advokaten in Mailand, der die Lage gründlich entschärfen sollte, stand leider erst in den nächsten Tagen auf dem Programm. Zuvor hatte sie noch einiges in Florenz zu erledigen und musste in einem ihrer Restaurants noch mal nach dem Rechten sehen, obwohl Alberto ihr geraten hatte, sich möglichst im Haus zu verbarrikadieren, bis sich die unselige Angelegenheit ein für alle Mal geklärt haben würde.

»Wie ist es gelaufen?«, wollte Alberto noch wissen, bevor sie das Gespräch beendete. »Hat Luisa den Abschied einigermaßen gut verkraftet?«

Elle musste lächeln, weil der ältere Mann seine Sorge um das Kind kaum verhehlen konnte. Auch wenn er ansonsten gerne den hartgesottenen Kerl mimte, zeigte er stets ein weiches Herz, wenn es um Luisa ging. Seit Don Salvatores Tod übernahm er nur allzu gerne die Rolle des Großvaters für die Kleine. Wahrscheinlich, weil er nie eigene Kinder gehabt hatte.

»Sie ist in sicheren Händen«, erwiderte Elle vage. »Und das ist ja schließlich die Hauptsache. Alles andere erzähle ich dir später.« Die Sorge, von Silvio und seinen Leuten abgehört zu werden, verfolgte sie überallhin.

»Na dann ist es ja gut«, gab ihr Leibwächter am anderen Ende der Leitung zurück und stieß einen langgezogenen Seufzer aus. »Möge die Heilige Jungfrau dafür sorgen, dass Don Luigi und sein verteufelter Sohn möglichst bald das Zeitliche segnen.« Seine Stimme klang merkwürdig kalt.

»Alberto?«, fragte Elle zaghaft. »Du hast doch nicht etwa wem auch immer einen entsprechenden Auftrag gegeben?«

»Mach dir keine Sorgen, cara mia, und selbst wenn, hättest du damit nichts zu tun.«

»Alberto!«, rief sie aufgebracht in den Hörer, während das Boardingpersonal nach ihrem Ticket verlangte. »Alles, was ›la Famiglia‹ betrifft, hat auch etwas mit mir zu tun. Ich will nicht, dass die Angelegenheit sich jenseits von Recht und Gesetz verselbständigt, hast du mich verstanden? Ab morgen wird sich unser Anwalt um die beiden kümmern und niemand sonst!«

In der Leitung war nur noch ein Klicken zu hören. Mit fahrigen Händen nahm Elle die abgestempelte Bordkarte entgegen und begab sich anschließend durch den langen Gang des Zubringers an Bord der Boeing 727. Eine Stewardess begrüßte sie freundlich am Eingang und bot ihr eine italienische Tageszeitung an.

»Mafiakrieg in Neapel«, las sie beim Überfliegen der ersten Seite in plakativen Lettern. Elle erschauderte. Ein sonderbarer Zufall, dass sie ausgerechnet mit einer solchen Schlagzeile unter dem Arm den Weg zurück nach Hause antrat. Als ob sie sich nicht schon genug Gedanken machte. Über ihr eigenes Schicksal und das ihrer Tochter, welches allem Anschein nach unauflöslich mit dem Unwort ihres Lebens – Mafia – verwoben war. Würde dieser Wahnsinn denn niemals ein Ende nehmen?

Im Innern des Fliegers angekommen, suchte sie sich einen freien Fensterplatz in den hinteren Reihen und dachte, kaum dass sie saß, weiter über Alberto und seine Kollegen nach. Deren Loyalität reichte traditionell über den Tod des Patrons hinaus und übertrug sich wie selbstverständlich auf Elle und ihre Tochter, ganz gleich, ob es ihr passte oder nicht.

Nachdem Don Salvatore Leonardo im letzten Jahr überraschend an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte Elle den Clan auflösen wollen. Doch die ehemaligen Bediensteten ihres Vaters hatten sich mit aller Macht einer solchen Entscheidung entgegengestellt. Sie fürchteten die Rache ihrer früheren Widersacher, falls Elle die Nachfolge ihres Vaters als Patronin ausschlagen sollte und sie sich daraufhin kopflos und unorganisiert ins Private zurückziehen mussten.

Nach langem Ringen hatte Donna Gabrielle, wie sie von ihren Angestellten genannt wurde, Alberto das Zepter über die Privatarmee ihres Vaters übergeben, die er nun mit ein paar jüngeren Clanmitgliedern befehligte. Offiziell waren die Männer noch immer in der Investmentfirma ihres Vaters beschäftigt, die nach seinem Tod von verschiedenen Advokaten geleitet wurde. Inoffiziell verfügten sie über eine ganze Reihe anderer Qualitäten, die mehr im militärischen Bereich lagen und von denen Elle am liebsten gar nichts wissen wollte. Sie selbst hatte bereits vor Don Salvatores Tod mit dessen umstrittener Vergangenheit als Drahtzieher eines durch und durch mafiösen Anlage-Imperiums abgeschlossen. Obwohl er sie nie eingeweiht hatte, wusste sie inzwischen, dass sein Vermögen und damit ihr Erbe nicht mit ehrlichen Geschäften erwirtschaftet worden war. Instinktiv hatte sie nie in seine Fußstapfen treten wollen und nach ihrem Kunststudium entgegen ihrer eigentlichen Überzeugung ihr Heil in der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter gesucht. Nach einer kurzen Anstellung als Kuratorin in einem Museum hatte sie ihren Job an den Nagel gehängt, als Luisa vor fünf Jahren geboren wurde. Erst seit der öffentlichkeitswirksamen Scheidung von deren Vater, Silvio Falconi, einem millionenschweren Baumagnaten aus Florenz, im vergangenen Jahr hatte sie mehrere erfolgreiche Nobelrestaurants in der Toskana eröffnet, die sich auf Sterne-Küche spezialisiert hatten. Das sicherte ihr Auskommen mehr als genug und machte sie unabhängig vom fragwürdigen Erbe ihres verstorbenen Vaters, das sie ebenso ausgeschlagen hatte wie dessen Nachfolge. Wobei es leider nicht möglich gewesen war, dies auch sogleich für Luisa zu tun. Sobald das Mädchen achtzehn war, würde sie ein gewaltiges Vermögen erben. Etwas, das sie nicht nur als zukünftige Heiratskandidatin für den europäischen Geldadel interessant machte, sondern auch für Elles Exmann und dessen Vater Don Luigi. Die beiden waren nicht weniger in mafiösen Strukturen verstrickt als ihr Vater, was sie jedoch erst während ihrer Ehe erfahren hatte, und seit dessen Tod lauerten sie nun auf Luisas zukünftiges Vermögen. Voraussetzung dafür war nicht nur der achtzehnte Geburtstag des Mädchens, sondern auch, dass dessen Mutter so bald wie möglich von der Bildfläche verschwand.

Man musste kein Prophet sein, um zu wissen, dass Elle sich in einer latenten Gefahr befand, einem Mord zum Opfer zu fallen. Oder einem bedauerlichen Unglück, wie man ein solches Ableben unter Anhängern der Mafia gerne bezeichnete.

Es war außerdem klar, dass sich die Männer des Leonardo-Clans die Bedrohung durch Silvio und Don Luigi Falconi auf Dauer nicht gefallen lassen würden. Wobei Alberto ohnehin nicht verstehen konnte, warum Elle immer noch deren Familiennamen trug, doch sie wollte den Konflikt mit Silvio nicht noch weiter aufheizen, indem sie amtlich ihren Mädchennamen Leonardo wieder annahm. Schon gar nicht wollte sie darüber nachdenken, welche Konsequenzen ein Racheakt oder gar ein direkter Angriff auf die Familie Falconi haben würde. Wie Alberto auf die Idee kommen konnte, dass sie nichts damit zu tun haben würde, war ihr schleierhaft. Solange sie mit Silvio verheiratet gewesen war, hatte zumindest scheinbar Friede zwischen den beiden Familien geherrscht, erst mit ihrer Scheidung war das Chaos ausgebrochen, und seitdem verfolgte sie nicht nur die Angst vor Silvios Rache, sondern auch vor der Verantwortung, die sie unweigerlich tragen musste, falls die Fehde zwischen den beiden Clans in einem erneuten Blutbad eskalierte.

Obwohl sie hundemüde war, gelang es ihr nicht, auf dem ansonsten ruhigen Flug ein wenig Abstand zu gewinnen und die Augen zu schließen. Wie ein gehetztes Tier stürmte sie nach draußen, nachdem sie die Passkontrolle hinter sich gelassen hatte. Kalte Luft, geschwängert von Abgasen, schlug ihr entgegen. Menschen in Mänteln, Mützen und Schals verschwanden mit ihren Koffern und Taschen in Bussen, Taxen und Privatlimousinen. Hektisch sah sie sich nach allen Seiten um und seufzte erleichtert, als sie in dem Gewusel von Fahrzeugen endlich Alberto entdeckte, wie er in zweiter Reihe parkend am Steuer des anthrazitfarbenen, abgedunkelten Mercedes nervös mit den Fingern auf das Lenkrad trommelte. Wie verabredet, war er allein gekommen. Auch wenn es in der momentanen Situation vielleicht besser gewesen wäre, noch einen zweiten bewaffneten Leibwächter mitzunehmen, hatte er darauf verzichtet, weil so wenige Personen wie möglich wissen durften, dass Elle alleinreisend soeben aus dem Ausland gekommen war. Bei laufendem Motor stieg er aus und sah sich hastig nach allen Seiten um, bevor er ihr wie üblich die Tür zum Fond öffnete. Elle sprang regelrecht in den Wagen und lehnte sich halbwegs entspannt zurück. Als Alberto schließlich wieder hinter dem Steuer saß, schloss die Zentralverriegelung automatisch, damit während der Fahrt niemand von außen eindringen konnte. Mit leicht erhöhter Geschwindigkeit lenkte er den Wagen auf eine der Umgehungsstraßen von Florenz und steuerte die E 35 in nördliche Richtung an.

»Danke, Alberto, dass ich mich auf dich verlassen kann.« Elle warf rasch einen Blick auf ihr kleines, unauffälliges Mobiltelefon, das sie sich extra angeschafft hatte, um mit Janet in Verbindung bleiben zu können, in deren Obhut sie Luisa zurückgelassen hatte. Weder eine SMS noch ein Anruf waren zu verzeichnen. Stattdessen erinnerte sie sich an ihr Gespräch mit Alberto, das er so abrupt abgebrochen hatte.

»Ich hoffe, du hast mich richtig verstanden«, begann sie von neuem. »Ich wünsche kein eigenmächtiges Handeln der Famiglia, was die Sache mit Silvio betrifft. Sollte ich erfahren, dass er oder seine Leute zu Schaden kommen und jemand von unseren Jungs etwas damit zu tun hat, werde ich denjenigen eigenmächtig zur Verantwortung ziehen und der Polizei übergeben.«

Alberto antwortete nicht, sondern nickte nur stumm, während er Gas gab und ungewohnt laut die Umdrehungen des Motors hochschraubte.

»Wir haben die Wachen ums Haus verdoppelt.« Mit finsterer Miene schaute er in den Rückspiegel. »Auch wenn du nicht glaubst, dass Silvio und Don Luigi es garantiert auf dich abgesehen haben, wirst du mich nicht davon abhalten können, gewisse Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Es geht bei der Sache nicht nur um deinen Kopf.«

»Ich bin mir der Gefahr durchaus bewusst.« Elle schaffte es nicht, die Gereiztheit in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Oder denkst du, ich bringe Luisa zweitausend Kilometer weit fort, weil ich mir keine Sorgen mache?«

Aufgewühlt schaute sie nach draußen und sah eine für die Toskana ungewöhnlich eisige Landschaft an sich vorbeiziehen. Der Himmel war leicht bedeckt, und die Trostlosigkeit der Umgebung spiegelte ihre eigenen Gedanken wider. Wie, um Himmels willen, sollte sie dieser Hydra jemals entkommen? Die Mafia ließ ihren Opfern gewöhnlich nur geringe Chancen, ein neues Leben zu beginnen. Und wahrscheinlich hatte sie es tatsächlich Alberto und seinen Männern zu verdanken, dass Silvio sie nicht längst zur Strecke gebracht hatte. Es war schon schlimm genug, wenn man einen psychopathischen Exmann im Nacken hatte, umso schlimmer war es, wenn er sich auf eine kriminelle Organisation verlassen konnte, die bis in die höchsten politischen Kreise reichte.

Elle dachte an Luisa und dass sie am liebsten mit ihr auf eine einsame Insel ausgewandert wäre. Doch im Zeitalter des Internets und der Handy-Ortung gab es keinen adäquaten Unterschlupf, der sie geschützt und dem Mädchen gleichzeitig eine zivilisierte Zukunft geboten hätte.

Elles ganze Hoffnung lag auf dem Gespräch mit Dottore Caesare. Der Advokat ihres verstorbenen Vaters verfügte über exzellente Verbindungen in die höchsten gesellschaftlichen Kreise und würde – so hoffte sie – einen juristischen wie finanziellen Kompromiss ausarbeiten, der Silvio und seinen Vater endlich ruhigstellen sollte.

Wortlos verfolgte Elle, wie Alberto vor Barberino di Mugello den Wagen in Richtung Colle Barucci lenkte und die Schnellstraße über einen Seitenarm des Sees nahm, der an dieser Stelle vollkommen mit Eis bedeckt war.

»Ich weiß, dass du nur unser Bestes willst«, lenkte Elle ein und beugte sich nach vorn, um Alberto in gespielter Zuversicht auf die Schulter zu klopfen. Doch bevor sie den in die Jahre gekommenen Chauffeur und Bodyguard auch nur berühren konnte, zerriss ein scharfer Knall die gedämpfte Stille im Wagen. Dann ein zweiter. Blut spritzte an die Windschutzscheibe, und der Wagen geriet augenblicklich ins Trudeln. Gelähmt vom Schock, blieb Elle nichts weiter übrig, als ohnmächtig mitanzusehen, wie sich der Mercedes nach rechts in eine bedenkliche Schräglage neigte und wie von einem Katapult gelenkt auf das Brückengeländer zuschoss und es schließlich durchbrach. Die Airbags lösten mit einer ohrenbetäubenden Detonation aus, und Elle wurde, eingehüllt von einer stahlharten weißen Wolke, in ihren Sitz geschleudert. Der Aufprall des Wagens auf der Eisfläche war vergleichsweise sanft, und bevor sie halbwegs wieder zu sich kam, war sie umgeben von einem gurgelnden Geräusch, das sie erst recht in Panik versetzte. Ihr erster Gedanke war, dass sie ihren Gurt lösen musste, um aus dem Wagen hinauszukommen, möglichst bevor der vier Tonnen schwere, gepanzerte Mercedes in den Fluten versank. Doch die Überreste der abschwellenden Airbags hatten sich mit ihrem Gurt verheddert, so dass es ihr unmöglich war, sich zu befreien.

»Alberto!« Noch während sie seinen Namen schrie, wurde ihr klar, dass der Mann, der sie ihr halbes Leben begleitet hatte, nicht mehr zu retten war. Seine Schädeldecke war halbseitig zertrümmert, der Inhalt hatte sich wie rote Grütze über Windschutzscheibe und Armaturen verteilt.

Ihr nächster Gedanke galt Luisa und dass sie als Mutter die verdammte Pflicht hatte, alles zu ihrer eigenen Rettung zu tun. Hastig tastete sie sich ab. Sie selbst war bis auf ein paar harmlose Prellungen offenbar unversehrt geblieben.

Währenddessen spritzte eiskaltes Wasser über ihre linke Schulter ins Wageninnere. Auch von vorn drang Wasser ein – durch ein münzgroßes Loch, das der Knall offenbar hinterlassen hatte. Ein Umstand, der ihr im Moment zwar weniger bedrohlich vorkam, aber früher oder später dazu führen würde, dass der ganze Wagen volllief, nachdem er zügig zum Grund des Sees gesunken war.

Erschienen ihr die ersten paar Meter unter Wasser noch einigermaßen hell, so wurde es nun zusehends dunkler, je weiter der Wagen nach unten sank. An dieser Stelle war der künstlich angelegte Stausee gut und gerne dreißig Meter tief. Sie wusste es von ihrem Vater, der die Bauarbeiten als Aufsichtsratsmitglied einer ortsansässigen Betonfirma begleitet hatte. Seltsamerweise waren zu dieser Zeit mehrere Mitglieder eines konkurrierenden Familienclans verschwunden, und böse Zungen hatten später behauptet, sie würden nun am Grunde des Sees liegen, einbetoniert in mehrere Brückenpfeiler, die sich für die Verbindung zweier Landzungen als notwendig erwiesen hatten.

Elles Panik wandelte sich in Resignation, als sie es schließlich geschafft hatte, ihren Gurt zu lösen und sich gleichzeitig bewusst darüber wurde, niemals lebend die Oberfläche des Sees erreichen zu können. Bei den herrschenden Wassertemperaturen von garantiert unter vier Grad hatte sie selbst als gute Schwimmerin keine Chance, unversehrt aufzutauchen. Tatenlos musste sie mitansehen, wie der Wagen in fast völliger Dunkelheit mit einem Ruck auf dem Grund des Sees aufsetzte und die rückwärtige Scheibe unter dem Wasserdruck von jener Stelle, wo sie geborsten war, in sämtliche Richtungen zu splittern begann. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie platzte und sich das eisige Wasser mit einem Schwall über sie ergießen würde.

Plötzlich entdeckte sie ihr Mobiltelefon, das allem Anschein nach unbeschädigt im Fußraum lag. Vielleicht konnte sie ja Hilfe herbeirufen, obwohl dann noch immer das Problem bestand, wie man sie möglichst rasch und unversehrt aus dem Wrack bergen sollte. Aber schon beim Blick aufs Display ereilte sie die ernüchternde Erkenntnis, dass die Anzeige des Telefons keine Verbindung anzeigte.

Verzweifelt schaute sie auf und schrak jäh zurück, als sie unvermittelt das Gesicht eines Mannes erblickte, der sich von außen an die Fensterscheibe drückte und ihr undefinierbare Zeichen gab. Nein! Das konnte nicht sein! Begann man so schnell zu halluzinieren? War vielleicht schon der Sauerstoff knapp? Sie kniff die Augen zu und öffnete sie vorsichtig. Verdammt! Das Gesicht war immer noch da. Schemenhaft und kaum erkennbar, aber doch so echt, dass ihr der Gedanke kam, ihr sei vielleicht jemand ins Wasser hinterhergesprungen, der den Vorfall beobachtet hatte und sie nun retten wollte. Etwas, das Elle bei intensiverem Nachdenken surreal erschien, denn der Kerl trug weder Taucheranzug noch Sauerstoffmaske, und die Temperaturen hier unten waren weiß Gott nicht zum Baden geeignet.

Bei genauerem Hinsehen sah sie, dass sein sportlich durchtrainierter Körper vollkommen nackt war. Dunkle, schulterlange Locken waberten wie Seetang um sein markantes Gesicht. Offensichtlich schien ihm die Kälte des Wassers nichts auszumachen. Elle schöpfte Hoffnung, Vielleicht war der Typ ein Eistaucher, der den Unfall zufällig beobachtet hatte. Aber dann wäre es wohl besser, er tauchte wieder auf und forderte umgehend professionelle Hilfe an. Sie machte wilde Zeichen, dass er ohne sie nach oben schwimmen und jemanden anrufen sollte, der sie hier herausholte. Wenn er wenigstens ein Sauerstoffgerät dabeigehabt hätte. Apropos Sauerstoff! Elle fiel auf, dass der Typ überhaupt keine Luftblasen erzeugte. War er zu allem Glück ein Apnoe-Taucher? Falls ja, würde ihr auch das nichts nützen, denn sie selbst war es nicht. Trotzdem gab er ihr weiterhin wilde Zeichen, die ihr eindeutig zu verstehen gaben, dass sie endlich zu ihm nach draußen kommen solle.

Elle fasste all ihren Mut zusammen und betätigte den manuellen Türöffner. Doch nichts geschah. Offensichtlich funktionierte die Zentralverriegelung noch immer, und ihr kam beim besten Willen keine Idee, wie sie das ändern könnte. Verzweifelt schüttelte Elle den Kopf, um dem Mann verständlich zu machen, er solle endlich auftauchen, bevor er noch selbst ertrank. Doch er schien ausharren zu wollen, jedenfalls bewegte er sich nicht vom Fleck und sah sie mit seinen auffallend grauen Augen merkwürdig intensiv an.

Nur Sekunden später brach die Heckscheibe, und eine riesige Welle eisigen Wassers schwappte über sie hinweg. In Panik schnappte sie nach Luft und sog mit nur einem Atemzug das eisige Wasser in ihre Lungen.

Wild um sich schlagend versuchte sie, der tödlichen Gefahr zu entkommen, doch es war zwecklos. Plötzlich wurde es dunkel und still, und sie sah wieder den Mann, der ihr völlig unbeeindruckt unter die Arme fasste und sie mit Kraft aus dem Wrack zog. Körperlos schwebte sie mit ihm davon, seine Hände fest um ihre Taille geschlungen. Erstaunlicherweise spürte sie weder Kälte noch Atemnot. Eingehüllt in eine dichte Wolke des Vergessens, wurde es schließlich Nacht.

TEIL I

Fluch der Dämonen

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»Der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis,

der ich den Frieden gebe und schaffe das Übel.« (Jesaja 45,7)

KAPITEL 1

März 1476 Fiesole – in der Nähe von Florenz

»Schau nicht hin«, flüsterte Damian seiner Mutter zu und hielt ihren Kopf so fest an seine Brust gedrückt, dass sie kaum noch zu atmen vermochte.

Sie zitterte am ganzen Leib, und ihre heißen Tränen durchtränkten den Stoff seines gefütterten Mantels. Er selbst hätte auch am liebsten geweint – nein, geschrien, um ehrlich zu sein –, als man seinen Vater auf das Podest führte, auf dem das Urteil vollstreckt werden sollte. Versteinert vor Wut und nicht zuletzt wegen der abgrundtiefen Trauer, biss er sich auf die Lippen, als die Schergen der Signoria dem ehemals stolzen Kaufmann einen Sack über den Kopf zogen, um ihm dann einen Strick um den Hals zu legen.

Ernesto de’ Castello ertrug das armselige Schauspiel in einer bewundernswerten Würde, die seinen einzigen Sohn in den Wahnsinn trieb. Was dann geschah, schlug Damian beinahe die Beine weg. Der Henker gab den Helfern ein Zeichen und ließ seinen Vater in schwindelnde Höhe ziehen, was dessen Hals überstreckte und ihn unwillkürlich mit den Beinen strampeln ließ, weil der Körper, nicht der Geist, sich gegen das Unvermeidbare wehrte. Damian spürte, wie seine Mutter, einer Ohnmacht nahe, in seinen Armen versank, während der Vater vor ihren Augen verstarb. Vollkommen versteinert stand er mit ihr da, umringt von einer johlenden, keifenden Menge, die keinerlei Gnade walten ließ und sich daran ergötzte, einen ehemals hochgeachteten Mann wie eine strangulierte Gans an einem Strick baumeln zu sehen, den letzten Zuckungen erliegend, dabei halb nackt und von der Kerkerhaft abgemagert bis auf die Knochen.

Als der Leichnam am Seil völlig erschlaffte, fürchtete Damian, seine Mutter könne der Schlag treffen, vor allem, wenn er selbst die Fassung verlor. Dabei durften sie von Glück sprechen, dass der Gonfaloniere de Giustizia nur ihnen beiden die strikte Anwesenheit bei der Hinrichtung ihres Familienvorstandes auferlegt hatte. Nicht auszudenken, wenn man Damians Schwestern Isabella und Ricarda, kaum den Kinderschuhen entwachsen, verpflichtet hätte, das grauenvolle Sterben des eigenen Vaters mitanzusehen.

Rache, war Damians einziger Gedanke, der ihn in dieser finsteren Stunde am Leben erhielt. Er würde sie alle töten. Den Henker zuerst und dann jene Männer, die seinen Vater hatten verhaften lassen, die Justizbeamten der »Otto«, die für die Geheimpolizei von Florenz zuständig waren. Danach die Ratsmänner der Signoria, die für das hohnspottende Urteil im Namen der Gerechtigkeit gegen Ernesto de’ Castello verantwortlich zeichneten. Und erst ganz zum Schluss würde er sich Lorenzo de’ Medici vornehmen, jenen Mann, der sich auf diese Weise lästiger Konkurrenten entledigte, indem er sie unter Einsatz von Schmiergeld aus fadenscheinigen Gründen vernichten ließ. Was man Damians Vater vorgeworfen hatte, war lächerlich. Don Ernesto war seit jeher ein ehrenhafter Ritter, gütiger Gutsherr und angesehener Papier- und Tuchhändler aus Fiesole gewesen, der es sich als einer der wenigen Bürger von Florenz erlaubt hatte, öffentlich gegen die ungerechten Steuererhebungen aufzubegehren, die von den Herrschenden von Jahr zu Jahr weiter in die Höhe getrieben wurden. Raubrittertum hatte er das Treiben der Signoria genannt. Wobei seine Frau ihn von Beginn an gewarnt hatte, er solle vorsichtig sein. Darauf achtgeben, die Medici, die bei der Angelegenheit ihre Finger im Spiel hatten, nicht zu erzürnen, vor allem Lorenzo. Doch Ernesto de’ Castello war immer ein ehrlicher, bisweilen starrköpfiger Mann gewesen. Geboren im Zeichen des Widders, hasste er nichts mehr als die Ungerechtigkeit. All das war ihm am Ende zum Verhängnis geworden. In einer Stadt, in der seit Jahrhunderten die Schlangen regierten und die Dämonen in Scharen durch Straßen und Lüfte zogen.

Mit einem verächtlichen Schnauben schulterte Damian keine drei Monate später seine Satteltaschen und prüfte ein letztes Mal den Sitz seines Schwertes, bevor er sich zu seiner verhärmt aussehenden Mutter hinunterbeugte und ihr einen Kuss auf die Stirn drückte. Mit seinen dreiundzwanzig Jahren war er nun das Oberhaupt der Familie. Was nicht bedeutete, dass er den zwei jüngeren Schwestern den Vater und schon gar nicht seiner Mutter den Mann ersetzen konnte.

Seit dem gewaltsamen Tod ihres Gemahls war die ehemals stolze Frau zumindest äußerlich zu einer kraftlosen Rose verwelkt, deren Lebenswille von Tag zu Tag mehr zu schwinden drohte. Einzig die beiden halbwüchsigen Töchter, die schweigend am Fenster der Wohnstube hockten und im morgendlichen Sonnenlicht ein paar armselige Näharbeiten verrichteten, gaben ihr die Kraft, sich nicht aufzugeben.

Isabella war sechzehn, eine blühende Rose von schlanker Gestalt, mit seidigem braunem Haar, das ihr bis zu den Hüften reichte. Ricarda würde im nächsten Sommer vierzehn werden, und sie versuchte, was ihr Aussehen betraf, ihrer schönen Schwester nachzueifern, auch wenn die Mittel dafür mehr als knapp waren. Wenn es Damian nicht bald gelang, die Familie wieder zu Reichtum und Ehre zu bringen, würden die Mädchen wohl kaum einen passablen Ehemann finden. Doch im Moment standen die Chancen dafür alles andere als gut.

Normalerweise hätten sie es bei ihrer Grazie und der exzellenten Erziehung leicht gehabt, einen passenden Gemahl zu finden. Aber ohne Mitgift war die Auswahl an potentiellen Bewerbern nicht nur dürftig, sondern schlichtweg nicht vorhanden. Es sei denn, sie entschieden sich für einen älteren Mann, der zwar vermögend war, aber irgendeinen körperlichen Makel aufwies und deshalb gerne auch eine junge Frau ohne Mitgift akzeptierte. Beide Mädchen hatten jedoch vehement bekundet, lieber ins Kloster gehen zu wollen, als irgendeinen alternden Galan zu heiraten, den sie verabscheuten. Damian schnitt es ins Herz, zu sehen, wie seine Schwestern unter der plötzlichen Armut litten. Anstelle ihrer prunkvollen, farbenfrohen Gewänder, die sie in ihrer Not auf einem Kleidermarkt verkauft hatten, trugen sie nun einfache Röcke und Kittel in ausgeblichenen Farben. Von dem Geld, das ihnen vom Verkauf ihrer Habe geblieben war, hatten sie sich Essen und Feuerholz geleistet, um nicht zu verhungern und in dem armeseligen Gesindehaus, das sie gegen ihren stolzen Palazzo eintauschen mussten, nicht zu erfrieren. Damian kämpfte derweil mit seinem schlechten Gewissen, weil er als geschlagener Ritter zunächst Pferd, Rüstung und Waffen behalten hatte, obwohl seine Familie vom Verkauf der Sachen mehr als ein Jahr lang hätte leben können. Doch nun war er froh, sich dagegen entschieden zu haben, weil ihm Jacopo de’ Pazzi, einer der reichsten Männer von Florenz, überraschend eine Anstellung als Condottiere in seiner neu gegründeten Söldnertruppe angeboten hatte.

»Behaltet Euch wohl«, murmelte er heiser und nickte seiner Mutter zu. »Ich schicke Euch und den Mädchen Geld, sobald ich meinen ersten Sold erhalten habe.«

Wenngleich Eleonore de’ Castello schwach und gebrechlich wirkte, war ihr Griff, mit dem sie ihren einzigen Sohn am Handgelenk packte, erstaunlich fest. Ihre ehemals feurigen Augen loderten in einem unseligen Glanz, der nichts Gutes verhieß.

»Geh nicht, Damian. Jacopo de’ Pazzi wird dich nur noch tiefer in den Abgrund reißen. Es heißt, Messer Francesco habe großen Einfluss auf ihn. Man erzählt sich, sein Neffe sei von den gleichen bösartigen Dämonen besessen wie seine unseligen Vorfahren. Und da macht es auch nichts, dass er die Geschäfte im Auftrag von Messer Jacopo in Rom führt und einen innigen Kontakt zum Heiligen Vater pflegt«, flüsterte sie unheilschwanger. »Wer mit den Pazzi einen Pakt eingeht, verschreibt seine Seele der Hölle. Um der heiligen Maria, Mutter Gottes, willen, höre ausnahmsweise einmal auf mich, auch wenn du schon lange glaubst, alles besser zu wissen.«

»Bei allem Respekt, den ich Euch und unserem Vater, Gott hab ihn selig, schulde, mein Entschluss ist gefasst.« Damian richtete sich zu voller Größe auf und sah seiner Mutter von oben herab in die Augen. Um zu wissen, dass er das Richtige tat, benötigte er weder ihre Erlaubnis noch ihre Bestätigung, er musste sich nur umschauen. Seit Monaten hauste er mit ihr und den beiden Mädchen in dieser verfallenen Hütte. Nachdem sein Vater auf der Piazza della Signoria in Florenz öffentlich gehängt worden war, hatte man die Familie wegen der angeblich immer noch bestehenden Steuerschuld gnadenlos enteignet. Ihren stolzen Palazzo hatten sie an irgendeinen Bauerntölpel verloren, der mit Lorenzo de’ Medici einen ominösen Pakt eingegangen war.

Renaldo de’ Faniere, ein niederträchtiger Großgrundbesitzer, der unweit entfernt sein Anwesen bewirtschaftete, hatte das gesamte Vermögen von Damians Eltern mit Unterstützung Lorenzo de’ Medicis und der florentinischen Ratsversammlung für einen Spottpreis aufkaufen dürfen. Der verbliebenen, aufs tiefste gedemütigten Familie de’ Castello hatte er danach großzügig eine Anstellung auf seinen Feldern und in seinem Haushalt angeboten.

Ihnen selbst war nur das verfallene Gesindehaus geblieben, und so kurz nach dem Winter hätte sie beinahe der Hungertod ereilt, wenn nicht ihre ehemaligen Bediensteten so barmherzig gewesen wären, ihre Vorräte mit ihnen zu teilen. Wobei sie noch froh sein durften, dass die Regierung von Florenz sie nicht alle in Sippenhaft genommen und komplett in die Verbannung geschickt hatte.

Kein Wunder, dass Damian mehrmals daran gedacht hatte, de’ Faniere zu töten. Doch damit hätte er seiner Familie keinen brauchbaren Dienst erwiesen. Mit den Günstlingen Lorenzo de’ Medicis, der als heimlicher Statthalter über Florenz und Umgebung regierte, verhielt es sich wie mit einer Hydra. Schlug man einen Kopf ab, wuchsen sogleich zwei neue. Deshalb galt es die ganze Schlange zu vernichten und nicht nur deren Häupter.

»Gegen den Löwen kommst du nicht an«, widersprach seine Mutter und meinte damit Lorenzo de’ Medici, der diesen Beinamen ganz offen für sich beanspruchte. Unter anderem auch, weil der Löwe eines der wichtigsten Symbole von Florenz war und schon Lorenzos Vater einige lebendige Exemplare dieser Raubkatzen in einer privaten Menagerie gehalten hatte.

»Denkt Ihr, Mutter, ich würde als verbliebenes Oberhaupt der Familie meine wunderhübschen Schwestern diesem feisten Scheusal Renaldo als Huren überlassen, nur um überleben zu können?« Wie ein wildgewordener Hengst, der keinerlei Bereitschaft zeigte, sich zähmen zu lassen, schüttelte er seine schwarze, schulterlange Mähne. Das Einzige, was ihm neben seiner Ausrüstung als Zeichen seiner Ritterehre geblieben war. Eigentlich hätte er zu seinem vierundzwanzigsten Geburtstag im November den Mantel eines Advokaten tragen sollen und sich nach einer passenden Braut umschauen dürfen. Doch mit nur einem Schlag hatten Lorenzo de’ Medici und seine Verbündeten, darunter der Gonfaloniere di Giustizia, der mit ihm unter einer Decke steckte, Damians glorreiche Zukunft zunichtegemacht.

»Seit dem ungerechten Tod unseres geliebten Vaters ist nichts mehr, wie es einmal war«, erinnerte er seine Mutter verbittert. »Glaubt Ihr ernsthaft, ich kann mich in ein solches Schicksal ergeben, ohne auch nur einen Finger zu rühren? Abgesehen davon wird sich Euer weiteres Dasein kaum von dem einer Bettlerin unterscheiden, wenn nicht schleunigst ein wenig Geld hereinkommt.« Ohne Mühe hielt Damian ihrem anklagenden Blick stand. »Jacopo de’ Pazzi hat keinen Moment gezögert, mir eine Stellung bei der Leibwache seines Neffen anzubieten. Aufgrund meiner adligen Herkunft und meines juristischen Studiums hat er mir sogar einen Posten als Condottiere zugesichert. Das bedeutet, ich werde eine Truppe von ehrlichen Männern anführen und dafür einen anständigen Sold erhalten. Von dem Geld kann ich Euch und den Mädchen wenigstens ein halbwegs vernünftiges Auskommen sichern, auch wenn Isabella und Ricarda ihren Anspruch auf eine standesgemäße Hochzeit zu Grabe tragen müssen, weil es mir kaum gelingen wird, ihnen eine entsprechende Mitgift zu garantieren.«

»Heilige Maria, Mutter Gottes, hilf«, flüsterte seine Mutter mit tränenerstickter Stimme. »Damian, so werde doch vernünftig. Ich kann nicht zulassen, dass du wegen uns deine Seele an den Teufel verkaufst. Die Pazzi sind verflucht, Junge. Jeder weiß es.«

»Unsinn, Mutter«, widersprach er, und trotz dieser Ungeheuerlichkeit weigerte sich alles in ihm, sein Mundwerk zu zügeln. »Das ist übles Gerede, von Lorenzo de’ Medicis Anhängern höchstpersönlich in die Welt gesetzt. Nichts davon ist wahr!«

»Ich weiß es von einer alten Seherin in Fiesole«, erwiderte Damians Mutter mit unheilschwangerer Stimme und warf ihm dabei einen Blick zu, als ob er selbst von Dämonen besessen wäre. »Obwohl die Pazzi von der Kirche begünstigt scheinen«, fuhr sie heiser flüsternd fort, »wird die gesamte Familie eines nicht allzu fernen Tages ein furchtbares Schicksal ereilen, und alle, die ihnen dienen, werden mit ihnen untergehen.«

»Altweibergeschwätz«, wischte Damian die Bedenken seiner Mutter mit einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch.

»Das ist es nicht«, zischte die sonst so sanftmütige Frau mit schmalen Lippen. »Als Pazzino de’ Pazzi im Jahre 1099 mit seinen Männern Jerusalem eroberte, haben sie Tausende Heiden und Juden erschlagen. Er und seine Krieger standen bis zu den Knöcheln im Blut der Getöteten. Hauptsächlich Alte, Schwache, Frauen und Kinder. Man erzählt sich, ein finsteres Dämonenheer sei durch die eroberte Stadt gezogen und habe auf ewig all jene gezeichnet, die durch ihr erbarmungsloses Vorgehen schwere Schuld auf ihre Seelen geladen hatten. Darunter auch Pazzino de’ Pazzi und seine Männer.«

»Soweit mir die Geschichtsschreibung bekannt ist«, hielt Damian mit einem triumphierenden Lächeln dagegen, das bezeugen sollte, wie wenig ernst er die Ausführungen seiner Mutter nahm, »wurden Pazzino und seine Männer mit großen Ehren in Rom vom Papst und in Florenz vom Bischof empfangen, und zur Belohnung ihres Beitrags zur Eroberung der Heiligen Stadt durften sie auf Geheiß des Papstes sogar die mitgeführte Reliquie der drei Feuersteine aus dem Heiligen Grab behalten, mit denen bis heute das Osterfeuer in der Basilika entzündet wird.«

»Ach Junge …« Nun war es an ihr, ihn mit einem mitleidigen Lächeln zu bedenken. »Was weißt du schon von Schuld? Glaubst du ernsthaft, Gott der Herr lässt sich von solch fragwürdigen Taten blenden und macht einen Unterschied zwischen Juden, Heiden und Christen? Wer seine Seele mit dem Blut eines Unschuldigen befleckt, wird für diese Todsünde in der Hölle büßen, da helfen auch keine heiligen Steine.«

»Selbst wenn du recht hättest«, Damian zuckte gleichgültig mit den Schultern, »was hat Francesco de’ Pazzi mit seinem Vorfahren zu tun?«

»Abgesehen davon, dass ein solcher Fluch über Generationen an die Nachfahren weitergegeben wird, glaube ich manchmal, du läufst blind durch die Gegend, mein Sohn«, schalt sie ihn. »Hast du dir den glutäugigen Franceschino noch nie genau angesehen?«

»Natürlich, er ist ein hochgeachteter Soldat.«

»Ich meine nicht seinen Rang, sondern sein Äußeres.«

»Sein Aussehen interessiert mich nicht, Mutter, schließlich bin ich kein Sodomit!«

»Er ist der Teufel in Person«, orakelte Donna Eleonore mit düsterem Blick. »Und ja, er ist ein gutaussehender Kerl, soweit ich das als alte Frau beurteilen kann. Rein äußerlich könnte er sogar dein Bruder sein. Aber ich schwöre bei Gott, er ist es nicht. Was du als großes Glück betrachten solltest, denn die Seele seines verfluchten Vorfahren wurde in ihm wiedergeboren. Allein an seinen dunklen, dämonischen Augen kann man erkennen, wie durch und durch schlecht er ist. Sein aufbrausendes Temperament ist in aller Munde, und seine Moral, was den Umgang mit Frauen betrifft, ist von so schlechtem Ruf, dass man meinen könnte, er sei in Wahrheit ein Hurenwirt.«

Für einen Moment wusste Damian nicht, was er auf eine solche Anschuldigung erwidern sollte. Doch dann besann er sich eines Besseren. »Francesco ist ein erfolgreicher Kaufmann und Kriegsherr mit hervorragenden Verbindungen zum Vatikan. In einer solchen Position ist es nicht ratsam, in welcher Weise auch immer zimperlich zu sein. Er ist gezwungen, sich durch seine Taten Respekt zu verschaffen. Ein Schicksal, das er mit vielen anderen Anführern teilt. Trotzdem hat ihm noch niemand die heilige Messe verweigert. Schon gar nicht haben ihn seine angeblichen Dämonen davon abgehalten, ein Gotteshaus zu betreten. Was unweigerlich der Fall wäre, sobald sie auf ein gesegnetes Kreuz treffen.«

»Glaubst du ernsthaft, Dämonen ließen sich von heiligem Boden und einem Kreuz schrecken? Wenn es so wäre, warum haben sie dann dafür gesorgt, dass unser Herr Jesus just an diesem Kreuz getötet wurde? Und das Kreuz konnte sie auch nicht davon abhalten, Tausende Menschen abzuschlachten. Einzig ein reines Herz kann sie auf Abstand halten. Und das ist etwas, das keiner der Patriarchen von Florenz besitzt. Schon gar nicht die Pazzi. Glaub mir, Damian«, flehte sie händeringend. »Francesco ist von Dämonen besessen, und durch ihn ist seine gesamte Familie diesen Dämonen ausgeliefert und du mit ihnen, wenn du nicht schleunigst einen anderen Weg einschlägst.«

Isabella und Ricarda hatten sichtlich beunruhigt ihr Nähzeug zur Seite gelegt und starrten ihre Mutter entgeistert an, doch keine von ihnen getraute sich, einen Kommentar abzugeben.

»Ich kann keinen anderen Weg einschlagen, Mutter«, betonte Damian steif. »Und ich will es auch gar nicht. Das Einzige, was ich will, ist Geld verdienen, um Euch und die Mädchen unterstützen zu können …« Er zögerte und wich ihrem kritischen Blick aus.

»Und was willst du noch?«, fragte sie leise.

Er blickte auf, unfähig, sie anzulügen. »Rache«, bekannte er klar und deutlich. »Ich will Rache für den Tod unseres Vaters. Die Männer, die ihm das angetan haben, sollen sterben, nicht mehr und nicht weniger.«

Er straffte sich und schickte sich an, zur Tür zu gehen.

»Komm noch einmal her«, befahl ihm seine Mutter in unduldsamem Ton, aus dem ihre Anstrengung zu hören war. Er gehorchte zögernd.

»Auch wenn es vielleicht keinen Sinn ergibt und die Dämonen, die bereits von dir Besitz ergriffen haben, sich von einer alten Frau nichts sagen lassen. Ich möchte dich zum Abschied segnen. Knie nieder!«

Damian tat, was sie verlangte, und verdrängte mehr oder weniger erfolgreich das mulmige Gefühl, welches ihn beschlich, während seine Mutter ihn ausgiebig bekreuzigte.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, murmelte sie fest. »Lieber Gott, ich bitte dich um deine Gnade, lass meinen einzigen Sohn für immer in deinem Angesicht bleiben und seine Seele den Mächten der Finsternis trotzen. Amen.«

KAPITEL 2

April 1476 – Florenz

Die Sonne stand schon tief über dem Arno und spiegelte sich wie rotglühendes Feuer in den auffälligen Bogenfenstern des dreistöckigen Palazzo Pazzi, als Damian endlich sein Ziel erreichte. Der hochherrschaftliche Bau war von Giuliano da Maiano geplant worden, einem Meister der florentinischen Architektur, und stand ziemlich prominent an jener Stelle, wo die Via dei Balestrieri die Borgo di San Pier Maggiore kreuzte.

Bereits von der Straße her offenbarte sich dem interessierten Betrachter die künstlerisch gestaltete Häuserfront, von zahlreichen Fresken geschmückt, die jenen heldenhaften Vorfahren der Pazzi bei seiner Eroberung von Jerusalem zeigten, den Damians Mutter als Auserkorenen der Dämonen bezeichnet hatte.

Die Säulenabschlüsse in den Arkadengängen waren mit Skulpturen von Delphinen versehen, die wohl Freude und Großzügigkeit ausdrücken sollten, und den drei Flammen des Heiligen Feuers, das Pazzino de’ Pazzi angeblich aus Jerusalem mit heimgebracht hatte. Beides gehörte zum Familienwappen der Pazzi, ebenso wie die Kreuze des Heiligen Grabes von Jerusalem, die sich nicht nur auf dem Abzeichen über dem Haupttor widerspiegelten, sondern auch auf den Strümpfen und Westen der Garde und den verschiedenen Kleidungsstücken der Familienmitglieder, wo sie auf tiefblauem Grund mit goldenem Zwirn aufgestickt waren.

Damian fiel der schwarze Trauerflor ins Auge, der überall an Erkern und Säulen aus durchscheinenden Seidentüchern angebracht worden war. Soweit er wusste, galt diese Geste der Anteilnahme am Tode Simonetta Vespuccis, der angeblich schönsten Frau von Florenz, die nach Auskunft der amtlichen Vertreter der Stadt vor nicht allzu langer Zeit an der Schwindsucht verstorben war. Obwohl Simonetta immer eine glühende Verehrerin der Medici gewesen war, ließen es sich die meisten vornehmen Familien wohl nicht nehmen, ihren Verwandten und auch den Medici ihre Anteilnahme unter Beweis zu stellen. Aber es hieß auch, ihr Mann, Marco Vespucci, habe sich bereits vor ihrem Tod den Pazzi zugewandt, weil er Giuliano de’ Medici, den Bruder Lorenzos, abgrundtief hasste. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, dass seine junge Frau eine Affäre mit Lorenzos Bruder gehabt haben solle. Trotzdem zeigte man wohl auch hier Respekt vor der prominenten Toten.

Damian verknüpfte eine andere Erinnerung mit Simonetta, doch die war zu süß und gleichzeitig zu bitter, um sich darin zu vertiefen.

Am Eingang des Palazzo wurde Damian, nachdem er den weitläufigen Innenhof betreten hatte, von einem Wachmann begrüßt. Der in blaues und gelbes Tuch gewandete Mann verlangte nach seinem Begehr, und als Damian sich als zukünftiger Condottiere des Hauses Pazzi ausgab, wollte der Uniformierte seine Empfehlungsschreiben sehen.

Nachdem Damian ihm diese mit einem gewissen Stolz in der Brust vorgelegt hatte, beauftragte der Wächter einen jungen Hausdiener, den ersten Schreiber der Pazzi zu rufen, der die Schriftstücke ohne Mühe als Messer Jacopos Handschrift legitimierte. Danach ging alles wie von selbst. Während Damian seinen Hengst einem Knappen überlassen durfte, der das Tier in einen großzügigen Stall führte, schritt er selbst in Begleitung des Schreibers eine breite Treppe hinauf zum Arbeitszimmer Jacopo de’ Pazzis. Auf dem Weg dorthin begegneten ihnen ein paar kichernde Mädchen, die ihn an seine Schwestern erinnerten und ihm bewusst machten, warum er das alles auf sich nahm. Die jungen Frauen waren kostbar gekleidet und gehörten allem Anschein nach zur Familie. Sie lächelten ihm schüchtern zu und bekundeten unter einem verschämten Augenaufschlag ihr unverhohlenes Interesse an seiner Erscheinung, obwohl seine Kleidung weiß Gott keinen Reichtum versprach. Damian war sich seines guten Aussehens durchaus bewusst. Jedenfalls hatte er noch nie Probleme gehabt, sich bei der Damenwelt Aufmerksamkeit zu verschaffen. Selbst Sandro Botticelli hatte ihn vor ein paar Jahren, anlässlich des vorösterlichen Reit- und Kampfturniers unter den adligen Söhnen von Florenz, ohne Scheu angesprochen, während er halbnackt, verschwitzt und blutbesudelt am Spielfeldrand sitzend mit seiner Mannschaft auf die nächste Partie Treibball wartete. Der aufstrebende Künstler wollte wissen, »ob er mit seinen schiefergrauen Augen, den dichten, schwarzen Haaren und seiner athletischen Figur nicht für ihn Modell stehen wolle«. Doch Damian hatte wie seine lachenden Kameraden nur Spott für Botticelli übriggehabt und ihn gefragt, ob ihm die Sodomiten ausgegangen seien, was dieser zugegebenermaßen überhaupt nicht lustig fand.

Einzig seine große Liebe hatte Damian weder mit seinem Charme noch mit seinen Muskeln erobern können. Sie hatte sich auf Geheiß ihrer Verwandtschaft für einen reichen und abgrundtief hässlichen Kaufmann aus Mailand entschieden. Trotzdem erhoffte er sich von seiner Anstellung bei den Pazzi auch wieder ein wenig mehr Glück in der Liebe, war es doch schon einige Zeit her, seit er das Bett mit einer Frau geteilt hatte.

Die Sterne schienen für Damian gut zu stehen, als der in die Jahre gekommene, leicht untersetzte Messer Jacopo de’ Pazzi (Messer galt für die Bezeichnung des Ritterstandes, eines Titels, dessen sich Damian aufgrund seiner adligen Herkunft auch bedienen durfte) vor ein paar Wochen auf ihn aufmerksam geworden war. Damals hatte sich Damian auf der Suche nach einer Anstellung an den Hauptmann der Wachmannschaften der Villa Loggia in Montughi gewandt.

Das stolze Anwesen der Pazzi lag unweit von Fiesole, in den Hügeln vor Florenz, und gehörte zu den zahlreichen Liegenschaften der schwerreichen Pazzi-Sippe.

Zwei Köpfe kleiner als Damian und offenbar beeindruckt von dessen breitschultriger Statur, engagierte ihn das grauhaarige Oberhaupt der Pazzi vom Fleck weg als Anführer einer neuen Söldnertruppe, die offiziell seinem jüngeren Neffen Francesco unterstand.

»Wenn Ihr so gut mit dem Schwert kämpfen könnt, wie Eure Reitkünste und die Eleganz Eurer Bewegungen versprechen, seid Ihr für mich und meinen Neffen in jedem Fall der richtige Mann«, hatte Messer Jacopo bereits damals geschwärmt und ihn zwei Wochen später zu einem weiteren Gespräch auf den Sommersitz der Pazzi eingeladen. Dort war er das erste Mal auf Francesco de’ Pazzi persönlich getroffen. Er war ein dunkelhäutiger, glutäugiger Mann mit schulterlangen, schwarzen Haaren, also ganz so, wie Damians Mutter ihn beschrieben hatte, der ihn neben seinem neuen Amt als Anführer einer zweihundert Mann starken Söldnerarmee in Kriegszeiten zum Truppführer seiner neuen Leibgarde im Frieden ernannte. Sie bestand angeblich nur aus einer Handvoll bestens gerüsteter Männer, die im Gegensatz zu den übrigen Wachsoldaten besondere Aufgaben zu übernehmen hatten. Um was genau es sich dabei handelte, wollte Jacopo de’ Pazzi ihm erst bei Dienstantritt mitteilen.

»Da sind wir«, verkündete der Schreiber und machte mit Damian vor einer hohen, mit Gold verzierten Tür halt. Ein weiterer Wachmann, der draußen auf sie gewartet zu haben schien, meldete sie bei Messer Jacopo an.

»Schön, Euch zu sehen, Messer Damian«, empfing ihn der Familienvorstand der Pazzi lächelnd und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Danach schickte er merkwürdigerweise den Schreiber hinaus mit dem Hinweis, er wolle mit Damian unter vier Augen sprechen. Jedoch nicht ohne sich zuvor von einem Diener einen besonders edlen roten Wein samt der dazu passenden Häppchen servieren zu lassen. »Greift nur zu«, empfahl ihm Messer Jacopo und deutete auf Käsegebäck und kandierte Früchte, dazu reichte er Damian einen Kristallkelch, in den er den Wein persönlich für ihn eingegossen hatte. »Ihr habt einen langen Ritt hinter Euch, Ihr müsst hungrig sein.«

Damian nahm das kostbare Glas entgegen und schaute sich unsicher um, so viel Prunk war er selbst aus dem ehemals wohlhabenden Haus seiner Eltern nicht gewöhnt.

»So setzt Euch doch«, forderte Messer Jacopo ihn mit einer ungeduldigen Geste auf und deutete auf einen gepolsterten Stuhl. »Wenn wir mit unserem kleinen Exkurs fertig sind, möchte ich Euch gerne zum Abendessen einladen, später wird Euch mein Diener Eure Unterkunft zeigen. Ich habe Euch in den Unterkünften der Söldner eine eigene Kammer zuweisen lassen.« Er zwinkerte Damian wissend zu. »Als Mann von Stand möchte man sicher ab und an seine Privatsphäre haben, nicht wahr?«

»Habt Dank, Messer Jacopo«, erwiderte Damian zurückhaltend, obwohl er allgemein nicht unbedingt zur Schüchternheit neigte. Aber so viel Zuwendung auf einmal, zumal er noch nichts geleistet hatte, irritierte ihn. »Ich fürchte nur, das alles ist zu viel der Ehre.« Mit einem vorsichtigen Blick begegnete er den listigen, schwarzen Augen seines Gegenübers.

»Keineswegs, mein Freund«, entgegnete Jacopo. »Schließlich seid Ihr ein Ritter wie unsereiner und von Lorenzo de’ Medici aufs tiefste gedemütigt worden. Ich habe nicht nur ein Interesse daran, Eure Ehre wiederherzustellen. Wie mein Neffe bin ich bestrebt, unseren Widersachern das Handwerk zu legen, und wer eignet sich besser für eine solche Aufgabe als ein Mann, dem von eben jenen Feinden alles genommen wurde? Wobei ich zu bedenken gebe, dass wir keine gebrochenen Weichlinge gebrauchen können, sondern hartgesottene Männer wie Euch, die sich von der gegnerischen Seite nichts gefallen lassen und zugleich so bescheiden auftreten, als wären sie unschuldige Chorknaben.«

Damian nahm einen hastigen Schluck Wein und hob eine Braue.

»Ich glaube, ich verstehe nicht ganz«, bemerkte er zögernd. »Ich dachte, ich solle mich in erster Linie um Eure neu gegründete Schutztruppe kümmern, ihre Kampfübungen überwachen und sie ins Feld führen, falls Eure Verbündeten in Kriegszeiten Unterstützung verlangen.«

Messer Jacopo lachte kollernd. »Natürlich sollt Ihr das. Zumindest wird es Eure offizielle Aufgabe sein. Doch das ist längst nicht alles, wie ich bei unserem letzten Gespräch bereits erwähnte. Es ist nicht ganz einfach, Euch aus dem Nichts heraus ein Beispiel zu geben. Aber wie Ihr Euch vielleicht denken könnt, tobt seit Jahren ein unterschwelliger Machtkampf zwischen uns und den Medici, der zumindest nach außen hin zugunsten der Gegenseite verläuft. Die Medici setzen alles daran, die notwendigen Mehrheiten zu bestechen, um uns aus den wichtigen Ämtern in der Signoria von Florenz hinauszudrängen. Und nicht nur das. Auch im Kaufmännischen versuchen sie uns zu schaden, wo es nur geht. Wenigstens konnten wir den Papst inzwischen auf unsere Seite ziehen. Denn auch dem Heiligen Vater sind die Medici inzwischen zu sehr erstarkt, er würde Lorenzos Hochmut gerne brechen. Sicher ein Grund, warum er die Pazzi-Bank und nicht die Medici mit der Finanzierung von dreißigtausend Dukaten beauftragt hat, um die Festung Imola einnehmen zu können. Und auch die Unterstützung unserer Familie beim Erwerb des Alaunmonopols ist ein Zeichen seiner unendlichen Güte. Tatsachen, die Lorenzo de’ Medici in Wut und Wahnsinn treiben. Im Gegenzug versucht dieser weiterhin, gegen den Papst und seine Schützlinge vorzugehen, und biedert sich dem Herzog von Mailand an. Auf der anderen Seite hat er durch diverse Fehlentscheidungen nicht nur den Papst, sondern auch den Herzog von Urbino gegen sich aufgebracht. Federico da Montefeltro kennt sich als langjähriger Heerführer hervorragend im Kriegshandwerk aus und verfügt über eine beeindruckende Söldnertruppe. Er stellt also durchaus auch eine Bedrohung für Lorenzos Machtgelüste dar, obwohl er sich davon noch nichts anmerken lässt.«

»Verzeiht, Herr«, wandte Damian unvermittelt ein. »Verstehe ich das richtig, Ihr wollt Euch mit dem Papst verbünden, um einen Krieg gegen die Medici zu führen? Ist das der Grund, warum Ihr nun eine eigene Armee aufgestellt habt?«

»Von Wollen kann gar keine Rede sein«, erwiderte Messer Jacopo jovial. »Eher von Müssen. Allerdings sollten zunächst einmal die entsprechenden Ränke geschmiedet werden, um das Feld für die anstehende Schlacht zu bereiten. Bis dahin haben wir nicht vor, offen zu Felde zu ziehen. Vielmehr werden wir uns auf kleine, spitze Nadelstiche konzentrieren, die – perfekt ausgeführt – unseren lieben Lorenzo im wahrsten Sinne des Wortes in die Irre führen.« Er lachte düster und genehmigte sich einen Schluck Wein. »Nicht umsonst bedeutet Pazzi Irrer. Schon unsere Vorfahren waren augenscheinlich in der Lage, ihre Feinde in den Wahnsinn zu treiben. Doch dafür benötigen wir keine Truppe von über zweihundert Soldaten. Die habe ich nur zur Abschreckung eingekauft und, wie ich bereits sagte, um sie im Falle des Falles unter Eurer Führung zur Verstärkung meiner Verbündeten einsetzen zu können. Für die subtile Vorbereitung unserer Vernichtungspläne benötige ich weitaus weniger Männer, aber diese müssen umso verlässlicher sein. Deshalb will ich, dass Ihr über die Aufgabe als Condottiere hinaus die Leibgarde meines Neffen Francesco in Florenz befehligt, die sich aus Euch und vier weiteren, ausgesuchten Söldnern zusammensetzen wird. Da Francesco die meiste Zeit in Rom weilt, habt ihr genügend Zeit, zusammen mit diesen Männern diverse Geheimaufträge zu erledigen, die strikter Verschwiegenheit bedürfen. Eure Tarnung wird durch die Einbindung in den kaum nachzuvollziehenden Söldneralltag der übrigen Pazzi-Truppen gewährleistet.«

»Und was genau sollen wir tun?« Damian sah seinen neuen Herrn, dessen Lippen sich noch immer belustigt kräuselten, aus schmalen Lidern an.

Mit einem Schlag wurde Messer Jacopos Miene hart. »Ihr sollt töten.« Seine Stimme war so eisig, dass Damian das Blut in den Adern gefror. »Wer unseren Feldzug nicht unterstützt oder gar stört, muss sterben. Wer offene Rechnungen nicht pünktlich bezahlt, muss sterben. Wer uns an die Gegenseite verrät, findet den Tod. Ihr werdet das mit den Euch zugeteilten Männern erledigen, Messer Damian. Lautlos und ohne Spuren zu hinterlassen.«

KAPITEL 3

Mai 1476 – Florenz

Zunächst war Damian schockiert und nahe daran, dem Rat seiner Mutter zu folgen und seinen Dienst, kaum dass er ihn angetreten hatte, wieder zu quittieren. Was bedeuten würde, er musste das Angebot ablehnen, um sein Seelenheil vor einer solchen Teufelei zu bewahren. Doch so einfach war das nicht. Erstens hatte Messer Jacopo ihn bereits ins Vertrauen gezogen, und es war nicht abzusehen, wie er auf eine solche Abfuhr reagieren würde. Das Letzte, was Damian gebrauchen konnte, war, neben Lorenzo de’ Medici einen weiteren mächtigen Paten gegen sich aufzubringen. Und zweitens dachte er an den Tod seines Vaters. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, empfand er eine unselige Form blutrünstiger Vorfreude bei dem Gedanken, jene Männer, die das demütigende Sterben Ernesto de’ Castellos in aller Öffentlichkeit bejubelt hatten, nun im Auftrag der Pazzi dafür büßen zu lassen.

Eine Frage interessierte ihn noch, auch wenn sie das Risiko barg, dass Messer Jacopo ihm eine Antwort schuldig blieb. »Warum habt Ihr mich für eine solche Aufgabe ausgewählt? Ihr habt doch genug Söldner, die so etwas leicht erledigen könnten.«

»Weil wir dafür intelligente Kämpfer benötigen, auf die wir uns einhundertprozentig verlassen können. Wie Ihr Euch vielleicht vorstellen könnt, sind solche Missionen äußerst heikel. Die Oberen der ›Otto di Guardia‹, denen der Geheimdienst der Signoria untersteht, haben ihre Augen und Ohren überall. Sie arbeiten unter dem stetigen Einfluss der Medici und sind somit unser größter Feind. Das setzt nicht nur ein gewisses Geschick bei den Vorbereitungen besagter Einsätze voraus, sondern auch strikte Verschwiegenheit. Außer Messer Francesco und mir wissen nicht einmal unsere engsten Verwandten, was Ihr da tut. Und auch die übrigen zweihundert Söldner unserer Kampftruppe dürfen nichts davon erfahren.«

Damian nickte mit abwesendem Blick, kaum fähig, seine Unruhe zu verbergen. »Und wer sind meine Mitstreiter?«

»Ihr Schicksal ist dem Euren recht ähnlich«, erklärte Jacopo mit einem undurchsichtigen Lächeln. »Ihre Namen sind: Frederico Tedesco, genannt ›Tedeschi‹, ein blonder Deutscher aus dem Herzogtum Württemberg, dessen Vater bei der Medici-Bank in Basel Geld geliehen hatte, das er nicht zeitig zurückzahlen konnte. Woraufhin ihn Lorenzo durch seine Verbindung zu den Herrschenden hat enteignen und ähnlich wie Euren Vater im Schuldenturm jämmerlich hat zugrunde gehen lassen. Hinzu kommt Luca Allegro, auch ›Moro‹ genannt, ein dunkelhäutiger Söldner aus Pisa, dessen Familie auf eine vergleichbare Weise durch die Habgier der Medici vernichtet wurde. Dann wäre da noch Gulliveri Lamberti, genannt ›la pecora‹, das Schaf, ein kraushaariger Jüngling aus Volterra. Dessen gesamte Familie wurde vor vier Jahren beim Krieg mit Florenz von Lorenzo de’ Medicis Truppen brutal niedergemetzelt. Wobei sie keine Rücksicht auf Frauen und Kinder genommen haben. Gulliveri ist dem Tod nur deshalb entgangen, weil er sich mit seinem Onkel auf einer Pilgerreise nach Rom befand. Und zuletzt wäre da noch Laurentio di Baux, ein junger, schlanker Adliger aus Mailand. Er trägt schulterlanges, dunkelblondes Haar, wie es eines Ritters würdig ist. Eure Kameraden nennen ihn auch ›patrizio‹, weil man angeblich allein an seiner Haltung erkennen kann, dass er aus besseren Kreisen stammt. Seine jüngste Schwester wurde vor zwei Jahren von Lorenzos Söldnern zu Tode geschändet. Für die seitens der Familie di Baux geforderte Wiedergutmachung in Form einer Verurteilung der Täter zum Tod am Strang hatte Lorenzo de’ Medici nur Spott übrig. Geschweige denn war er bereit, eine Entschädigung in Höhe von fünftausend Fiorini zu zahlen. Im Gegenteil, seine Advokaten haben Laurentios Schwester als freizügige Mätresse am Hof des Herzogs von Mailand bezeichnet, die es nur darauf angelegt habe, sich von jedem dahergelaufenen Hund besteigen zu lassen. Obwohl Laurentios Vater lange als Notar in den Diensten von Galeazzo Maria Sforza gestanden hat, wollte dieser offenbar keine Missklänge zwischen Mailand und Florenz aufkommen lassen. Schon gar nicht wegen einer für ihn unbedeutenden jungen Frau. Seitdem hat Laurentio Rache geschworen. Nur der Tod der Medici wird die Ehre seiner Schwester wiederherstellen können. Ich meine, das alles sind ausgezeichnete Voraussetzungen, um bei den anstehenden Aufgaben die notwendige Begeisterung entwickeln zu können. Findet Ihr nicht auch?« Jacopos Augen glitzerten vor Vergnügen, weil er offenbar bei der Auswahl der Männer ein so glückliches Händchen gehabt hatte.

Dass dieses Potential an unbefriedigter Genugtuung wie dafür geschaffen war, die düsteren Pläne der Pazzi voranzutreiben, hatte wohl auch sein Neffe Francesco inzwischen erkannt.

Damian nickte schweigend. Selbst wenn das Vorhaben, die Medici zu stürzen, zunächst noch in weiter Ferne zu liegen schien, weil Lorenzo und sein Bruder einfach zu gut bewacht wurden, würde er bis dahin all jene mit Wonne dafür bluten lassen, die diesem Abschaum zu Diensten waren und weniger Vorsicht walten ließen.

Einige Monate später bereiteten sich Damian und seine vier Kameraden, die ihn von Beginn an vorbehaltlos als Anführer akzeptiert hatten, in der Abgeschiedenheit eines kleinen Besprechungsraumes auf einen weiteren, von Messer Jacopo befohlenen Auftragsmord vor. Inzwischen waren sie eine eingespielte Truppe. Die anfänglichen Skrupel hatten sie längst überwunden und sogar eine gewisse Eleganz entwickelt, was die Art und Weise des Tötens betraf.

Seit ihrem Dienstantritt hatten sie sieben Männer unauffällig ins Jenseits befördert. Wobei der Tod dieser Männer Florenz und seine Oberen durchaus in Aufruhr versetzt hatte, aber der oder die Täter blieben im Sumpf der erfolglosen Ermittlungsarbeit der »Otto« verschwunden. Ebenso wie einige Leichen, derer man nicht habhaft geworden war, und so konnten die betroffenen Angehörigen nichts anderes tun, als die abgängigen Personen als vermisst zu melden. Nicht wissend, dass ihre Lieben längst im Arno gelandet waren und als Fischfutter dem Meer entgegentrieben.

Natürlich war so etwas nicht angenehm, aber genauer betrachtet hatte Damian es sich schlimmer vorgestellt. Was vielleicht daran lag, dass die Planung stimmte und sie es gemeinsam taten. Aber auch weil es sich ausnahmslos um sogenannte Speichellecker Lorenzo de’ Medicis handelte, die es in den Augen ihrer selbsternannten Henker nicht besser verdient hatten.

Pietro della Scappi, ein angesehener Berater der Medici, war so ein Beispiel. Er machte seit neuestem im Auftrag der Medici Stimmung gegen die Pazzi, indem er bei florentinischen Kaufleuten das Gerücht verbreitete, es habe Unregelmäßigkeiten bei Pazzi-Banken in Brügge und Basel gegeben, mit entsprechenden Verlusten. Ihr Geld sei dort also nicht sicher, weil es mit den Geschäften der Medici-Konkurrenz allem Anschein nach nicht zum Besten stünde.

Messer Jacopo hatte della Scappi verflucht, als ihm die Geschichte zu Ohren kam. Zusammen mit seinem Neffen Francesco hatte er die Sache eine Weile aus der Ferne beobachtet, ohne jedoch seine übrigen Verwandten darüber in Kenntnis zu setzen. Zunächst hatten sie es noch im Guten versucht und della Scappi ein hübsches Sümmchen geboten, damit er die Seiten wechselte. Nachdem sich della Scappi als nicht bestechlich erwiesen hatte, war vor drei Tagen eine geheime Entscheidung zu seinen Ungunsten gefallen. »Pietro della Scappi muss sterben und das möglichst unauffällig«, bestimmte Messer Jacopo kalt. Damian hatte daraufhin ein wenig ermittelt und herausgefunden, dass der vermögende Mann mindestens einmal wöchentlich in der Herberge »Zu den sieben Sternen« auf der anderen Seite des Arno einen Abend mit jungen, männlichen Huren verbrachte. Meist feierten sie ausgelassen und inkognito in della Scappis großzügiger Herbergskammer, wo sie sich offenbar ausschweifenden fleischlichen Genüssen hingaben. Allerdings übernachtete della Scappi dort niemals. Was zu dem Plan geführt hatte, ihn auf dem Heimweg zu töten.

Unter den Söldnern, die Damian nun unterstanden, war es ein ehernes Gesetz, vorher nur wenig und hinterher gar nicht mehr über die erledigten Aufträge zu reden. Entsprechend schweigsam bereiteten sie sich auf ihren Einsatz vor.

Damian und seine Kameraden ließen sich ihre Anspannung nicht anmerken, während sie vor dem Ausgang in die Stadt routiniert den unauffälligen Sitz ihrer Waffen überprüften. Wie üblich gürteten sie ihre Schwerter über dem dunklen Wams. Hinzu kam ein nadelspitzer Langdolch, der unter dem Mantel in einer extra gegürteten Lederscheide steckte und gegen den ein Schwert geradezu harmlos erschien. Mit dem Dolch konnte man ein ahnungsloses Opfer im Handumdrehen aufspießen. Trotzdem kam diese Waffe unter Damians Befehl nur im äußersten Notfall zum Einsatz.

Er bevorzugte den lautlosen, möglichst unblutigen Mord, indem er es vorzog, seine Opfer zu ersticken oder ihnen das Genick zu brechen.

Das hatte darüber hinaus den Vorteil, dass sie ihre Kleider nicht verbrennen mussten, weil es unter den Wäscherinnen ansonsten zu dummen Fragen gekommen wäre. Außerdem hätte Messer Jacopo es garantiert nicht gutgeheißen, wenn sie nach jedem Auftrag neue Hosen und Mäntel benötigten. Zumal er einiges in ihre möglichst unauffällige und doch kostbare Zivilkleidung investiert hatte. Neben einem hellen Leinenhemd und einem dunklen, knielangen Wams aus braunem Samt trugen sie gewöhnlich eine enge, auf den Leib geschneiderte, weiche Hirschlederhose. Im Gegensatz zu den Uniformen, die sie bei offiziellen Anlässen anhatten, verzichtete man bei diesen Kleidern aus Gründen der Tarnung auf das Zeichen der Pazzi. Dazu kamen ein paar dunkelbraune Reitstiefel aus bequemem Ziegenleder, die bis zu den Oberschenkeln reichten und bei Bedarf bis zu den Knien hinuntergekrempelt werden konnten. Über allem trugen Damian und seine Kameraden einen knielangen, schwarzen Überrock aus leichter, feingewebter Wolle, der sich nicht nur bei Dunkelheit als nützlich erwies, sondern auch zur Verhüllung der Waffen.

Am späten Nachmittag legten Damian, Tedeschi, Gulliveri, Luca und Laurentio so gewandet den Weg zum Ort des Geschehens zu Fuß zurück, indem sie im dichten Gedränge der Händler und Käufer getrennt voneinander die Ponte Vecchio überquerten und sich bis zur hereinbrechenden Dunkelheit in einer Taverne gegenüber den »Sieben Sternen« einquartierten, wo sie, ohne viel Aufsehen zu erregen, einen Tisch besetzten und sich unauffällig dem Würfelspiel widmeten. Dabei genehmigten sie sich ein oder zwei Gläser Wein und einen Grappa. Aber nur einen, weil sie für das, was sie vorhatten, bei klarem Verstand bleiben mussten. Auch die vielen schönen Mädchen, die sich ihnen andienten, bissen sich an ihnen die Zähne aus, weil die Pazzi-Söldner keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen durften.

Zu fortgeschrittener Stunde verließen Damian und seine Leute einer nach dem anderen die Taverne und postierten sich im Stockdunkeln hinter einer Mauer in einem Gebüsch, wo sie auf ihr ahnungsloses Opfer warteten. Della Scappi wusste natürlich, wie gefährlich es war, sich nachts angetrunken in den Straßen von Florenz zu bewegen, weshalb er sich zusammen mit der Kutsche zwei Wachleute bestellt hatte, die ihn bei der Rückfahrt über die Ponte alla Carraia begleiten sollten. Pflichtschuldigst warteten die beiden Männer auf einem Trittbrett am hinteren Ende des geschlossenen Wagens und dösten vor sich hin. Keiner von beiden schien die herannahende Bedrohung in Gestalt der Pazzi-Söldner zu bemerken.

Noch bevor die Glocke zur sechsten Stunde schlug, verließ della Scappi wie erwartet die Herberge. Allein und ohne seine weinseligen Hurensöhne, die im ersten Stock des Gebäudes ihr fragwürdiges Treiben gut hörbar weiterverfolgten. Della Scappi bestieg offensichtlich erschöpft von seinen Sünden den Wagen und gab dem Kutscher samt seinen beiden Wächtern ein Zeichen. Zockelnd setzte sich das von zwei Schimmeln gezogene Gefährt in Bewegung. Wobei die beiden Wachleute zwar zu sich gekommen waren, aber Damian kaum munterer erschienen als noch einige Zeit zuvor. Geschützt von der Dunkelheit, nahmen Damian und seine Männer die Verfolgung auf. Längst hatte sich die Nacht über die Stadt gelegt, und die Straßen wurden nur spärlich durch ein paar lodernde Feuerkörbe entlang des Arno-Ufers erleuchtet. Hinzu kamen zwei brennende Stecken, die der Wagenlenker rechts und links neben dem hölzernen Bock aufgepflanzt hatte. Genug Licht, um Damian und seinen Leuten ausreichend Sicht auf das Gefährt zu gewährleisten, zu wenig, um deren Opfer die Gefahr erkennen zu lassen, in der sie sich befanden. Auf ein Zeichen Damians liefen seine Kameraden los, zielstrebig wie Raubkatzen auf nächtlicher Jagd, fest gewillt, keine Gnade walten zu lassen.

Während der Kutscher im Halbschlaf über die Brücke ratterte, bemerkte er noch nicht einmal, wie Damian die Wagentür öffnete und sich neben den vor Schock sprachlosen Pietro setzte. Derweil widmeten sich Damians Kameraden den beiden Wachen, die auf dem Brett an der Rückseite des Wagens gestanden hatten. Mit gezielten Faustschlägen schickten sie die völlig verdutzten Männer so rasch ins Land der Träume, dass sie noch nicht einmal stöhnten. Anschließend zogen sie die Ohnmächtigen lautlos zur Brückenmauer und ließen sie senkrecht mit dem Kopf zuerst in den Arno plumpsen, der an dieser Stelle aufgrund des Wehrs etwas tiefer war als an anderen Abschnitten.

Damian verfuhr in ähnlicher Weise mit della Scappi. Während er dem vergeblich zappelnden Mann mit bloßen Händen Mund und Nase zuhielt und ihm damit jegliche Luft zum Atmen nahm, galoppierte sein Herzschlag so rasch davon wie der seines Opfers. Mit dem Unterschied, dass della Scappis Puls erstarb, noch bevor das Gefährt die gegenüberliegende Seite des Arno erreichte. Damian zog den leblosen Körper unbemerkt aus dem Wagen und schulterte ihn. Noch etwas außer Atem rannte er zur gemauerten Brückeneinfassung und warf die Leiche mit Schwung ins modrig riechende Wasser. Dann drehte er sich zu seinen Kameraden um und rieb sich die Hände.

»Gut gemacht«, raunte er seinen wartenden Mitstreitern zu. »Falls man die sterblichen Überreste der drei morgen am Wehr findet, wird es so aussehen, als seien sie im angeheiterten Zustand in den Fluss gestürzt und ertrunken. Keiner wird beweisen können, dass da jemand nachgeholfen hat.«

»Messer Jacopo kann stolz auf uns sein«, fügte Tedeschi hinzu, wie um sich selbst und seine Tat noch einmal zu bestätigen.

Damian nickte hastig, während er einen raschen Blick in die düstere Umgebung warf. »Lasst uns schleunigst verschwinden«, murmelte er und gab das Zeichen zum Abrücken.

Bis auf den Nachtwächter und die Wachen auf der Stadtmauer, die allesamt zu weit weg waren, um sie im Dunkeln sehen zu können, war weit und breit keine Seele mehr unterwegs.

»Hättet ihr gedacht, dass es so einfach sein würde? Immerhin waren sie zu dritt«, wandte Laurentio unvermittelt ein, als sie den Weg über die Brücke nahmen und dann gleich nach rechts zum Ufer des Arno abbogen. »Dank deiner guten Planung, Damian«, lobte er seinen gleichaltrigen Anführer, der seinen Untergebenen eher ein Freund war als ein Vorgesetzter.

Damian klopfte ihm beiläufig auf die Schulter.

»Ohne unser perfektes Zusammenspiel wäre das alles wohl kaum möglich.«

»Und was fangen wir nun mit dem angebrochenen Abend an?«, fragte Tedeschi und dehnte grinsend sein breites Kreuz.

»Ich schlage vor, wir belohnen uns mit einer Runde Vino Cotto und einer hübschen Hure in Giacomos Taverne«, schlug Laurentio mit einem schmutzigen Lachen vor.

»Von mir aus«, befand Damian seufzend und fuhr sich mit angewinkeltem Arm übers Gesicht, als ob er die Spuren der Schuld daraus entfernen wollte. Bisher hatten sie ihre düsteren Taten meist in Giacomo Rossis Freudenhaus hinter sich gelassen. Schließlich gehörte der Laden zu Francesco de’ Pazzis Besitzungen, und er hatte dem Wirt ausdrücklich die Anweisung erteilt, dass sowohl die Mahlzeiten als auch die dort tätigen Mädchen für seine Leibgarde kostenlos zur Verfügung standen. Lediglich für den Wein und den Grappa mussten sie zahlen.

Nach einem kurzen Fußweg quer durch die Stadt gelangten sie in die Via dei Servi, nicht weit von den Villenvierteln der reichen Patrizierfamilien. Bei der genannten Taverne handelte es sich um ein besseres Hurenhaus, dessen Wirt nicht nur seine Pacht, sondern auch eine nicht unerhebliche Summe an Schutzgeld an die Pazzi zahlte. Schon allein deshalb konnten Damian und seine Männer sicher sein, sich dort einer gewissen Anonymität zu erfreuen. Auch wenn sie sich nicht als das zu erkennen gaben, was sie in Wirklichkeit waren, gedungene Mörder, die vor nichts zurückschreckten, so waren sie doch als Söldner bekannt, die das Leben der Pazzi und deren Familienmitglieder schützten. Entsprechend beliebt waren sie bei den durchaus hübschen, jungen Weibern, die sie mit großem Hallo begrüßten und sich ihnen sogleich mit auffälliger Hingabe widmeten, obwohl sie an ihnen kaum Geld verdienten.

Damian saß noch nicht lange im Schankraum auf einer Bank, als die dunkelhaarige Jacaranda bereitwillig ihren drallen Hintern in seinen Schoß schmiegte und ihm ihre üppigen, nur von einem hauchdünnen Seidenhemd bedeckten Brüste entgegenstreckte. Während sich sein Blick an die emporragenden, himbeerfarbenen Brustwarzen heftete, war er in Gedanken noch immer bei della Scappi, dessen Zunge sich im Todeskampf gegen seine Finger gepresst und dort ein unangenehmes, schleimiges Gefühl hinterlassen hatte.

»Kann ich mir irgendwo die Hände waschen, bevor ich dich anfasse?«, bat er Jacaranda, die sein offensichtliches Bestreben nach Reinlichkeit mit einem strahlenden Lächeln belohnte.

»Ich wollte dir ohnehin gerade vorschlagen, mir in meine Kammer zu folgen. Dort kannst du dir in meiner Waschschüssel waschen, was du willst.« Sie grinste verschlagen. »Ein neues Stück Ambraseife liegt auch bereit und frische Handtücher. Danach können wir es uns gerne in meinem Bett gemütlich machen, wenn du nichts dagegen hast.«

»Was sollte ich dagegen haben?«, bekannte er halbherzig, und schon zog sie ihn am Ärmel seines Mantels unter dem grölenden Lachen seiner Kameraden in ihr schlüpfriges Reich.

Dort angekommen, entzündete sie rasch einen dreiarmigen Kandelaber und versprühte Parfüm. Der schwere Jasminduft, der sich wie ein Nebel in der kleinen Kammer verteilte, nahm Damian beinahe den Atem, zumal die Läden des einzigen Fensters fest verschlossen und mit bunten Vorhängen verhangen waren. Damian ging zu einer hüfthohen Kommode, wo die Waschschüssel stand, und tauchte seine Finger ins kühle Nass. Erst danach schäumte er seine Hände mit der wohlriechenden Seife ein. Als er seine Finger erneut ins Wasser tauchte, um den Seifenschaum abzuwaschen, fühlte er sich plötzlich an Pontius Pilatus erinnert, dem es auch nichts genützt hatte, seine Hände in Unschuld zu waschen. Noch während er sich an einem bereitgelegten Leinentuch abtrocknete, lockte ihn Jacaranda mit ihrer nackten Üppigkeit auf die rote Matratze ihres Baldachinbettes.

»Soll ich dir helfen, dich auszuziehen?«, säuselte sie. Dabei warf sie ihre hüftlangen, braunen Locken zurück und leckte sich genüsslich die vollen Lippen.

»Nein, nicht nötig.« Routiniert befreite er sich von seinem Waffengurt. Stiefel, Hosen und Strümpfe folgten. Nur sein helles Leinenhemd behielt er an, das ihm bis zu den Oberschenkeln reichte und zuverlässig sein hoch aufragendes Geschlecht verbarg. Doch Jacaranda ließ sich nicht täuschen, und als er sich zu ihr aufs Bett kniete, packte sie beherzt unter den Stoff und umschloss mit festem Griff seine Herrlichkeit, wie sie es nannte. Mit angehaltenem Atem und halb geöffneten Lidern ließ er es zu, dass sie ihn genüsslich massierte.

»Oh, ich liebe es, einen gestandenen Kerl wie dich in meiner Hand zu halten, aber noch mehr liebe ich es, ihn in mir zu spüren«, hauchte sie mit ihrer rauchigen Stimme und lehnte sich zugleich mit gespreizten Schenkeln zurück, um ihm uneingeschränkten Zugang zu ihrer Schatzkammer zu verschaffen, wie sie es ausdrückte. Damian, der sich nun auch seines Hemds entledigt hatte, vertraute darauf, dass sie wie üblich feucht genug war, und drang ohne Zögern kraftvoll in sie ein. Die junge Frau stöhnte frenetisch, als er ihr sündiges Fleisch ungewohnt dehnte und so tief in sie stieß, bis er ihren weichen Widerstand spürte.

Dann nahm er einen stetigen Rhythmus auf, indem er seine pumpenden Stöße so lange vorantrieb, bis ihr enggeschwollenes Fleisch sein zum Bersten geladenes Glied spürbar zu melken begann. Während er alle Zurückhaltung fahren ließ und sich zuckend in ihr entlud, zerkratzte Jacaranda ihm in ihrem Übermut den Rücken. Eine beinah erlösende Pein, die ihn für all seine Sünden bestrafen sollte. Keuchend warf er sich danach rücklings in die Kissen und genoss mit geschlossenen Augen, wie sie sein immer noch halbsteifes Gemächt liebkosend mit ihren Fingerspitzen verwöhnte, bis er schließlich selig zu dösen begann. Mit ihrer erhitzten Wange an seiner schweißnassen Brust und ihrem seidigen Haar, das ihm über Arm und Schulter flutete, schlief er bald darauf ein.

KAPITEL 4

Januar 1477 – Florenz

Zwei Wochen nach Weihnachten, am 6. Januar 1477, dem Fest der Heiligen Drei Könige, das in Florenz als Tauffest des Herrn stets besonders gefeiert wurde, saß Damian zusammen mit seinen Kameraden in seiner Kammer und grübelte darüber nach, wie sie ihren freien Tag verbringen wollten.

Die vergangenen Monate hatten nicht viel Neues gebracht. Bis auf die Tatsache, dass Damian und seine Mitstreiter zu den acht Auftragstoten vier weitere Menschenleben auf ihr Gewissen geladen hatten. Francesco de’ Pazzi hatte ihnen dafür zu Weihnachten einen allumfassenden, höchstpersönlich unterzeichneten Ablassbrief von Papst Sixtus IV. spendiert, was den ansonsten skrupellosen Neffen des Pazzi-Oberhauptes garantiert eine schöne Stange Geld gekostet hatte. Während die übrigen Kameraden sich dadurch erleichtert fühlten, beschlich Damian immer wieder das ungute Gefühl der Schuld. Nicht nur wegen der kaltblütigen Morde, die sie unablässig begingen, nein – auch wegen Jacaranda, die sich ihm, so oft es nur ging, anbot wie eine überreife Frucht, saftig und süß, an der er sich allerdings zusehends den Appetit verdarb.

Hinzu kam ein Besuch bei seiner Mutter, die sich zwar über das Geld gefreut hatte, das er ihr regelmäßig zukommen ließ, und über die neuen Kleider, die er den Mädchen zu Weihnachten schenkte, aber ihn darüber hinaus mit lästigen Fragen quälte. Zum Beispiel, ob sein Dienst bei den Pazzi weiterhin mit seinen Tugenden vereinbar sei und wann er endlich zu heiraten gedachte. Am besten eine arme, aber ehrliche Frau, die ihn auf dem rechten Pfad der Tugend hielt, ihm den Haushalt besorgte und, so Gott der Herr es zuließ, ihr den sehnlichst erwünschten Enkel bescherte.

In letzter Zeit hatte Damian des Öfteren überlegt, ob es ihm auf Dauer gefiel, sein Glück bei einer Hure zu suchen. Denn mit Sicherheit war Jacaranda keine Frau für die Ehe. Schon gar keine, die seine Mutter zufriedenstellte. Denn obwohl die üppige Schöne ihn regelmäßig in ihr Bett lockte und manchmal sogar von einer gemeinsamen Zukunft faselte, wollte sie nicht darauf verzichten, auch mit anderen Männern zu schlafen. Selbst nachdem er ihr angeboten hatte, ihr finanziell unter die Arme zu greifen, damit sie sich eine andere Arbeit suchte. Besonders störte ihn, wenn sie ohne Zögern an Francesco de’ Pazzis Orgien teilnahm, die er in unschöner Regelmäßigkeit für geladene Gäste in seiner Villa hoch in den Bergen vor Fiesole veranstaltete. Für Jacaranda und ihre Mitschwestern war eine solche Zusammenkunft ein lukratives Geschäft, das sich Francesco einiges kosten ließ. Nicht nur Giacomos Mädchen verdienten sich daran eine goldene Nase, sondern auch etliche andere Huren, die der durchtriebene Pazzi-Neffe von seinem Adjutanten in den teuersten Häusern der Stadt rekrutieren ließ. Natürlich alles unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit. Damian und seine Leute übernahmen in der Regel auf Francescos Befehl die Bewachung des Anwesens während des Bankettes und auch danach, wenn es ordentlich zur Sache ging. Sie waren unter anderem dafür verantwortlich, dass die Gäste nicht über die Stränge schlugen. Was bei den Unmengen an Alkohol und Drogen, die dort konsumiert wurden, schon mal vorkommen konnte. Das erklärte Ziel allerdings war, in der schwülheißen Atmosphäre aus Wollust und Trunkenheit Verträge zwischen Bankiers, Kaufleuten und Kirchenmännern zu schließen, deren gesiegelte Ergebnisse den Pazzi eindeutige Vorteile gegenüber den Medici verschafften.

Jacaranda wäre es wohl lieb gewesen, wenn Damian sich an den deftigen Lustspielen beteiligt hätte, und auch Francesco de’ Pazzi hatte ihn des Öfteren eingeladen, weil er ihn für seine unzweifelhaften Verdienste zusätzlich entlohnen wollte. Doch erstens wollte Damian als Condottiere mit speziellem Auftrag seine Verantwortung nicht vernachlässigen, und zweitens legte er keinen gesteigerten Wert darauf, sich in den Hinterlassenschaften anderer Kerle zu suhlen, nachdem sich seine sogenannte Geliebte in seiner direkten Gegenwart von fremden Arschlöchern hatte besteigen lassen.

An solchen Tagen packte ihn meistens die Wut, weil ihm bewusst wurde, dass er wohl niemals eine ehrenvolle Frau finden würde, die bereit war, ihn zum Mann zu nehmen, geschweige denn, sein Leben zu teilen. Wer wollte schon die bessere Hälfte eines Auftragsmörders sein, selbst wenn noch nicht einmal sie wissen durfte, womit er in Wahrheit sein Brot verdiente. Bei diesen Überlegungen steigerte sich der Hass gegen jene Männer, die ihm dieses Elend eingebrockt hatten, ins Unermessliche. Obwohl er sich am Ende selbst für diesen Pfad der Untugend entschieden hatte. Wobei er immer noch überzeugt davon war, durch den unehrenhaften Tod seines Vaters keine andere Wahl gehabt zu haben. Doch der Tag der Abrechnung würde kommen, und dann würde er alles dafür geben, Lorenzo de’ Medici und jene, die ihm das angetan hatten, zu vernichten.

»Draußen ist die Hölle los«, kommentierte Tedeschi den Jubel der Wallfahrer zum Dreikönigsfest, die Lorenzo de’ Medici und seiner Familie hörbar Beifall zollten, während sie gefolgt von den Honoratioren der Stadt zu Ehren der Heiligen ganz in der Nähe den traditionellen Umzug anführten, dessen Kosten die Familie Medici jedes Jahr vollständig übernahm. Selbst die mit Lichtern und Wimpeln geschmückten Straßen und erst recht das gigantische Feuerwerk gingen auf ihre Rechnung.

»Und wir sitzen hier drin und wissen nichts mit uns anzufangen«, fügte Gulliveri verdrießlich hinzu. »Dabei wimmelt es dort draußen nur so von hübschen Mädchen.«

»Ich wünschte, wir dürften heute Abend als Jacopos Begleitung am Bankett der Medici teilnehmen«, raunte Luca mit düsterer Miene. »Dann wären Lorenzo und sein Bruder schon morgen Geschichte. Ich kann nicht verstehen, wie man sich eine solche Gelegenheit entgehen lassen kann. Wie simpel wäre es, sie mit ihrem eigenen Wein zu vergiften.«

»Genau das wird der Grund sein, warum Messer Jacopo uns nicht dort haben will«, gab Damian zu bedenken. »Wahrscheinlich befürchtet er, seine Wölfe würden, von einer plötzlichen Tollwut befallen, einfach zubeißen, und er hat sich dafür zu verantworten.«

»So ein Unsinn«, widersprach Luca und sah ihn aufgebracht an. »Als ob Messer Jacopo nicht wüsste, dass er sich auf uns verlassen kann. Glaubt er etwa, wir wüssten nicht, wie man eine Giftphiole unbemerkt zu einem Bankett schmuggelt?«

»Ich denke, die Frage ist nicht, wie man die beiden Medici möglichst rasch und zuverlässig zur Strecke bringt«, murmelte Damian mit der leisen Stimme eines Verschwörers. »Es geht wohl eher darum, was danach geschieht. Solange sich Jacopo und sein geliebter Franceschino nicht sicher sein können, wer anschließend die Macht über Florenz zugesprochen bekommt, werden sie garantiert nicht bis zum Äußersten gehen.«

»Was meinst du damit?« Tedeschi sah ihn begriffsstutzig an. »Ich dachte, Messer Jacopo lauert nur darauf, das Amt des mächtigsten Mannes von Florenz selbst zu bekleiden.«

»Glaubst du ernsthaft, die Pazzi könnten die Herrschaft über Florenz übernehmen, allein mit der Unterstützung ihrer eigenen Truppen? Falls ja, überschätzt du uns und unsere Herren aber gewaltig. Alle Wachen und Söldner der Pazzi zusammengenommen, sind wir keine vierhundert Mann. Wenn der Kampf um Florenz entbrennt, und das wird er, wenn die Medici erst von der Bühne gefegt worden sind, gibt es genug neue Aasgeier, die sich um die Beute streiten und dabei weitaus größere Truppenkontingente zur Verfügung haben. Allen voran der Papst und der König von Neapel. Nicht zu vergessen der Herzog von Urbino. Er hat zweitausend Mann unter Waffen und spielt eine entscheidende Rolle bei diesem Schachspiel.«

»Der Herzog von Urbino?« Luca blickte irritiert auf. »Er ist ein erklärter Freund der Medici, schließlich hat er Florenz bei der Erstürmung von Volterra uneingeschränkt unterstützt. Wie könnte er ihnen da in den Rücken fallen?«

Damian schüttelte leise den Kopf. »Was heißt denn in den Rücken fallen? Er lauert wie alle anderen darauf, deren Position übernehmen zu können, sobald sie frei wird. Ich spreche nicht umsonst von Aasgeiern. Das Ganze ist eine hochbrisante Angelegenheit. Die Medici-Brüder leben nur deshalb noch, weil niemand weiß, was nach ihnen geschieht. Oder glaubst du ernsthaft, wir oder auch andere hätten ein Problem damit, sie lautlos zu töten? Es geht nicht um das Wie, es geht um das Ob. Das Wer mit Wem und erst, wenn das geklärt ist, um das Wann.«

»Also du meinst, das ist der Grund, warum Jacopo uns heute nicht auf dem Fest sehen will und uns drei freie Tage vergönnt hat?« Gulliveri schaute ihn fragend an. »Denkt er etwa, wir würden Lorenzo und Giuliano eigenmächtig umbringen?«

»Mir ist scheißegal, was er denkt«, kam Laurentio Damian zuvor.

»Lasst uns wie üblich zu Giacomo gehen und uns dem Würfelspiel und den Weibern hingeben« schlug er ungeduldig vor, wobei er erwartungsvoll in die Runde schaute. »Wenn ihr mich fragt, ist ein freier Abend ohne Mädchen und Glücksspiel so sinnlos wie eine Eiterpustel.«

Damian, der als Einziger auf dem Bett saß, während die anderen sich auf die Stühle rund um den kleinen Esstisch verteilt hatten, schärfte gedankenverloren sein Schwert.

»Was ist mit dir, Damian?«, fragte Laurentio. »Willst du lieber Trübsal blasen?«

»Nein«, entgegnete er leise. »Aber heute ist einer jener Tage, an denen mir der unwürdige Tod meines Vaters besonders bewusst ist. Früher, als mein alter Herr noch in Ruhm und Ehre lebte, war unsere Familie am Dreikönigstag auch immer zum Bankett der Medici eingeladen.«

»Was heulst du alten Zeit hinterher?«, wies ihn Laurentio ärgerlich zurecht. »Lorenzo ist ein Teufel, sag nur, du legst immer noch Wert darauf, mit ihm zu speisen?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Umso besser«, gab Laurentio grinsend zurück. »Söldner wie wir sind bei einer solchen Veranstaltung ohnehin nicht erwünscht. Unsereins bringt man allenfalls bei schlechtem Wein und ungesalzenem Brot in einer Gesindekammer unter, damit wir dort auf unsere vollgefressenen Herrschaften warten, um sie anschließend wohlbehalten nach Hause zu karren. Außerdem hat uns Giacomo zum Essen eingeladen. Er wird enttäuscht sein, wenn wir uns nicht blicken lassen.«

»Na gut«, sagte Damian mehr zu sich selbst und schaute mit einem halbherzigen Grinsen auf. »Vielleicht ist heute der richtige Tag, um sich sinnlos zu betrinken und den bereits begangenen Sünden der fleischlichen Wollust noch weitere hinzuzufügen.«

»Na also«, bestätigte Luca und schlug ihm bestätigend auf die Schulter.

Obwohl es ein dienstfreier Tag war, verzichteten Damian und seine Kameraden weder auf ihre eisenbeschlagenen Lederharnische noch auf Dolche und Schwerter, als sie ihre Unterkünfte verließen. An solchen Festtagen trieb sich gewöhnlich einiges an Gesindel in der Stadt herum, und wie zu vermuten, kam es gerne zu Aufständen in den Armenvierteln. Weshalb Damian und seine Kameraden trotz der kurzen Strecke zu Pferd aufbrachen. Im Ernstfall waren sie auf diese Weise rascher am Ort des Geschehens. Bei Einbruch der Dämmerung stellten sie ihre Rösser im Stall neben dem Freudenhaus unter und saßen wenig später in dessen leergefegter Schankstube, weil der beleibte Wirt aus Sorge um seine Einrichtung die Taverne an solchen Tagen geschlossen hielt, auch wenn ihm dabei einiges an Einnahmen entging.

Francescos Söldner waren ihm als Stammgäste trotzdem willkommen. In der Stadt wimmelte es zurzeit von Fremden, und Giacomo Rossi war auf seine Weise ein Hasenfuß. Auch den fünf Mädchen, die in seinem Hause ihre Hurendienste anboten, hatte er an diesem Tag ein Ausgangsverbot erteilt, weil es bei solchen Gelegenheiten schon öfters zu Prügeleien gekommen war, vor allem wenn betrunkene Freier ihre Zeche nicht zahlen wollten. Bis auf Loredana, die für ein paar Tage ihre kranke Mutter besuchte, folgten die übrigen vier jungen Frauen der Anweisung, im Haus zu bleiben, bis das Spektakel vorüber war. Und so saßen Söldner und Huren zusammen mit Giacomo um einen runden Tisch herum und genossen mehrere frisch gebratene Gänse, die er zur Feier des Tages mit getrockneten Äpfeln, Pflaumen und Speck gefüllt und den ganzen Nachmittag auf kleinem Feuer geröstet hatte. Dazu gab es einen großen Topf mit Eiernudeln und Kohl auf römische Art.

»Ich platze gleich«, stöhnte Tedeschi, der ordentlich zugelangt hatte, und rieb sich seinen muskelbepackten, entblößten Bauch, womit er bei den leicht bekleideten Mädchen ein gemeinschaftliches Kichern auslöste. Das sich noch steigerte, als Giacomo zum Nachtisch Mandeltorte mit heißer Buttersoße servierte und Gulliveri mit der Hand vor dem Mund zum Abort rannte, weil er sich offenbar überfressen hatte und sich nun übergeben musste.

Jacaranda, Petronella, Marcella und Domenica waren nach mehreren Gläsern Grappa, die sie alle zur Verdauung getrunken hatten, bester Laune, wie Damian an ihren erhitzten Gesichtern zu erkennen glaubte. Sie lachten und flirteten unverkennbar mit ihm und seinen Kameraden, und es war klar, auf was dieses Treiben hinauslaufen würde. Spätestens nach der Mandeltorte drängte sich Jacaranda in ihrem spärlichen Kleidchen an Damian heran und nestelte an seinem Hemd. »Wollen wir nach hinten in meine Kammer gehen und uns ein wenig vergnügen?«, flötete sie, doch Damian war der Appetit auf weitere Völlerei inzwischen vergangen. »Irgendwie bin ich heute nicht in Stimmung«, raunte er, was zugegeben selten vorkam. »Ich lasse anderen gerne den Vortritt. Zumal Loredana heute nicht anwesend ist und die Runde nicht aufgeht.«

»Ich bediene auch gerne zwei Kerle auf einmal«, erklärte Jacaranda mit einem schamlosen Lachen und warf Tedeschi einen einladenden Blick zu.

»Nicht nötig«, brummte Damian und schob sie ein wenig verstimmt von sich weg. Dass sie so selbstverständlich auf seinen Einwand einging, zeigte ihm wieder einmal, wie beliebig sie ihre Liebhaber wählte.

»Ich ziehe es heute vor, mich zu betrinken und dem Würfelspiel zu frönen.«

»Wie schade«, entgegnete sie und sprang sichtlich beleidigt auf. »Dann werde ich mich erst mal in der Küche nützlich machen.« Mit säuerlicher Miene begann sie, die Teller abzuräumen, während Laurentio mit einem Augenzwinkern bei Petronella nach einem Würfelbecher, Kreide und einer Schiefertafel verlangte.

Den ganzen Abend becherten sie einen Grappa nach dem anderen, und Damian war nicht gerade vom Glück verfolgt. Genaugenommen hatte er schon bald einen halben Monatslohn an Laurentio verloren, was er sich gewiss nicht leisten konnte, weil seine Schwestern so dringend neue Mäntel benötigten.

»Pech im Spiel, Glück in der Liebe«, versuchte Tedeschi ihn grinsend zu trösten und spähte dabei über die Schanktheke hin zu Jacaranda, die Damian den ganzen Abend vor Wut schnaubend nicht aus den Augen gelassen hatte. Draußen brach die Nacht herein, und eigentlich war es an der Zeit, endlich nach Hause zu reiten, doch Gulliveri hatte schon die nächste Runde bestellt, als von draußen ein merkwürdiges Geräusch durch die niedrigen Butzenscheiben drang.

»Was war das?«, fragte Petronella ängstlich.

»Es klang wie ein Schrei«, bemerkte die dunkelhaarige Domenica, die sich bei Tedeschi untergehakt hatte und nun furchtsam die Stirn runzelte, während sie vergebens durch das dicke Glas nach draußen spähte. Damian stand auf und überprüfte instinktiv den korrekten Sitz seiner Waffen.

»Hilfe!«

Es handelte sich eindeutig um den Schrei einer Frau. Damian war als Erster bei der Tür und riss sie auf. Giacomo reichte ihm eine brennende Fackel, die er in die Dunkelheit hinausstreckte. Die anderen waren direkt hinter ihm und starrten wie er in die angstvollen Augen einer rotblonden Schönheit, deren langes, lockiges Haar ganz zerzaust war und die ihnen, verfolgt von einem vergleichsweise riesigen schwarzen Schatten, händeringend entgegentorkelte. Kurz bevor sie die hölzerne Veranda erreichte, stolperte sie über ihr üppiges Gewand und schlug der Länge nach hin. Während Damian ihr zu Hilfe eilte, waren die anderen vier bereits mit gezogenen Schwertern zur Stelle und hielten ihren Widersacher auf Abstand. Er hatte augenscheinlich vor, sie mit seiner langen Klinge von hinten zu erstechen. Tedeschi und Luca verwickelten ihn sogleich in einen gnadenlosen Kampf, in den sich nun auch Laurentio und Gulliveri einmischten.

Damian vertraute darauf, dass seine Männer den Kerl auch ohne sein Zutun zur Strecke brachten. Rasch gab er die Fackel an Giacomo zurück und nahm die junge, panisch dreinblickende Frau ungefragt auf den Arm, um sie so schnell wie möglich in die warme Schankstube zu tragen. Sie zitterte am ganzen Leib und schmiegte sich in ihrer Angst so eng an ihn heran, dass er ihr teures Parfüm riechen konnte. Sie war nicht besonders groß und auch nicht sehr schwer, besaß aber trotzdem eine wohlgeformte Figur. Während er sie an sich presste, spürte er ihren jagenden Atem an seiner Brust. Sie trug ein kostbares grünes Kleid und noch kostbareren Schmuck, der nicht nur ihren schlanken Hals und ihr anziehendes Dekolleté zur Geltung brachte, sondern auch ihr aufgestecktes Haar, das aus einem Wust von rotblonden Locken bestand, die sich nun zum Teil gelöst hatten und ihr bis zu den Hüften reichten.

Kaum in der Schankstube angekommen, betrachtete er wie vom Donner gerührt ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht, die großen hellgrünen Augen, von langen, dunklen Wimpern beschattet, und den geschwungenen Mund. Ihre Haut war so weich und so rein wie ein rosiger Weinbergpfirsich. Selten hatte er eine schönere Frau zu Gesicht bekommen, obwohl es in Florenz von hübschen Frauen nur so wimmelte.

Und verdammt nochmal, er kannte sie! Oder träumte er? Nein. Sie war die Frau, von der er immer vergeblich geträumt hatte. Ihr Name war Gabrielle di Spinola, Cousine von Simonetta Vespucci, jener jungen Frau, die im April letzten Jahres an der Schwindsucht verstorben war. Damian wusste das so genau, weil er vor Jahren zu Simonettas Vermählung mit Marco Vespucci eingeladen gewesen war, als die Welt für ihn und seine Familie noch in Ordnung schien. Gabrielle, damals kaum fünfzehn, war ihm als Brautjungfer sofort ins Auge gefallen. Wie er später erfuhr, hatten Simonettas Eltern sie als Ziehtochter in ihre Obhut genommen, nachdem Gabrielles Mutter von einem Fieber dahingerafft worden war. Ihr Vater war schon länger tot, und Geschwister hatte sie keine. Dass sie inzwischen ebenfalls geheiratet hatte, war ihm wohlbekannt. Aber er hatte den Namen des Mannes vergessen, oder er wollte sich nicht mehr daran erinnern.

Behutsam setzte er sie auf eine Bank und hockte sich neben sie.

Selbst in ihrer Not sah sie ihrer verstorbenen Cousine so ähnlich, dass Giacomo sich bei ihrem Anblick bekreuzigte, weil er wohl dachte, Simonetta Vespucci sei von den Toten auferstanden.

»Meine Dienerin!«, stieß sie unbeeindruckt hervor und deutete durch die offen stehende Wirtshaustür hinaus in die Finsternis. Damians Kameraden hatten ihrem Verfolger derweil das Lebenslicht ausgeblasen und seinen unnützen Kadaver auf die Veranda geschleppt. Aufgespießt wie eine Auster, lag er auf den Holzbohlen und starrte aus gebrochenen Augen zu ihnen empor. Damian hätte schwören können, einen Söldner der Medici vor sich zu haben. Einen der übelsten Sorte, dazu auserkoren wie er selbst, im Auftrag zu töten. Mit dem feinen Unterschied, dass Damian und seine Männer sich grundsätzlich nicht an Frauen und Kindern vergriffen.

»Was ist geschehen?«, fragte Damian möglichst sanft, um die zitternde junge Frau nicht noch mehr zu verstören.

»Meine Dienerin!« Ihre Stimme überschlug sich nun beinahe vor Aufregung. »Dort drüben! Im Gebüsch! Ein anderer Kerl, er nimmt ihr bestimmt gerade das Leben!«

»Keine Sorge«, erwiderte er. »Wir erledigen das.«

Begleitet von einem stummen Nicken, gab Damian seinen Leuten, die an der Tür standen, den Befehl, zur anderen Straßenseite in den gegenüberliegenden Garten zu laufen und die Sache zu klären. Tedeschi schnappte sich eine Fackel und lief vor den anderen her. Damian hingegen widmete sich erneut seiner Schutzbefohlenen, um herauszufinden, was hinter diesem feigen Anschlag steckte und, was noch viel dringlicher war, ob und warum sie und ihre Begleiterin allem Anschein nach allein unterwegs gewesen waren.

Dabei hämmerte sein Herz so laut, dass er fürchtete, sie könnte es hören. Er hatte Gabrielle oder besser gesagt, ihren süßen Leib, spätestens seit Simonettas Vermählungsfeier glühend begehrt. Obwohl noch jung an Jahren, hatte sie schon damals alle Vorzüge besessen, die eine Frau für einen Mann anziehend machten. Und er, knapp neunzehn, hatte sie seither immer wieder in sein Bett fantasiert, und sei es nur, um seine feuchten Träume zu bedienen. Doch nur ein Jahr später war sie mit einem zuverlässigen Handelspartner der Medici verheiratet worden. Damian, der zur damaligen Zeit noch nicht einmal mit seinem Studium begonnen hatte, kam als Ehemann für sie ohnehin nicht in Frage. Dabei war der Kerl, dem sie wohl eher zwangsläufig versprochen worden war, schon damals ein Greis gewesen. Damian hatte sich gewünscht, den Alten möge auf der Stelle der Schlag treffen, als er vom bevorstehenden Ehebund der beiden erfuhr. Aber der Glückliche schien das ewige Leben gepachtet zu haben, denn Gabrielle war allem Anschein nach immer noch seine Frau. Jedenfalls trug sie seinen Ring am richtigen Finger der rechten Hand, mit dem Siegel ihres Gatten, und nichts deutete darauf hin, dass sie inzwischen zur Witwe geworden war. Fragte sich, was sie zur nachtschlafenden Zeit und ohne ihn mutterseelenallein auf der Straße zu suchen hatte?

Aber vielleicht waren sie und ihr Mann gemeinsam Opfer eines Überfalls geworden, und sie hatte sich als Einzige retten können.

Aber warum fragte sie dann nur nach ihrer Dienerin?

»Und was ist mit Eurem Gemahl?«, erkundigte er sich widerstrebend. »Hat er Euch nicht begleitet?«

Sie war anscheinend zu erschöpft für eine ausführliche Antwort und schüttelte nur den Kopf. Also war sie doch allein unterwegs gewesen. Kaum zu glauben.

»Giacomo, bring uns von deinem teuersten Wein. Nein, warte, am besten einen Grappa, der wird sie rasch wieder zu Kräften bringen.« Der Wirt nickte gehorsam, und wenig später standen ein paar Krüge Vino Cotto und eine Flasche Grappa auf dem Tisch. Damian schenkte Gabrielle einen halben Becher Schnaps ein und bestand darauf, dass sie alles auf einmal schluckte, indem er ihr den Becher höchstselbst an die Lippen hielt. Widerwillig trank sie Giacomos selbstgebrannten Fusel und hustete anschließend so heftig, dass Damian ihr diensteifrig auf den Rücken klopfte.

Ihre Lippen waren ganz rot von dem scharfen Gebräu und brannten offenbar noch immer, weil sie sich mehrmals darüberleckte.

Ein starkes Verlangen, sie zu küssen, erfüllte Damian und das Bedürfnis, ihr auf der Stelle seine eigene Zunge in den Hals zu stecken, oder besser noch etwas anderes mit ihr zu tun, das ihn weit mehr erfreut hätte.

Doch diesen Gedanken verscheuchte er sogleich wieder, zumal sie sichtlich auf Abstand ging.

»Macht das ja nicht noch mal mit mir«, warnte sie ihn mit Tränen in den Augen vom Husten, die sie vergeblich wegzublinzeln versuchte. »Kennen wir uns nicht?«, bemerkte sie unvermittelt, nachdem sich ihr Blick halbwegs geklärt hatte. »Bist du nicht …?« Fragend sah sie ihn an und kramte sichtbar in ihrer Erinnerung, während sie ihre hübsche Stirn runzelte.

»Ja … ja, ich glaube schon«, stotterte er wie ein Schuljunge. Herrgott noch mal, warum machte ihn diese Frau noch genauso nervös wie bei ihrer ersten Begegnung, obschon eine Ewigkeit vergangen war, seit sie sich das letzte Mal über den Weg gelaufen waren?

»Mein Name ist Damian de’ Castello. Wir sind uns bei Simonettas Vermählung begegnet. Ist schon ziemlich lange her. Wir waren ja beinahe noch Kinder. Du warst fünfzehn und ich fast neunzehn. Wundert mich, dass du dich überhaupt noch an mich erinnern kannst.«

Heimlich freute er sich, dass es so war, und auch wieder nicht. Weil er ihr schon damals wie ein Verlierer vorgekommen sein musste. »Wahrscheinlich habe ich keine nachhaltige Wirkung bei dir hinterlassen«, scherzte er mit einem unsicheren Grinsen. »Du machst jedenfalls nicht den Eindruck, als ob dich unser Wiedersehen begeistern würde.«

Immer noch schaute sie irritiert, zunächst in seine Augen, und dann fiel ihr Blick auf sein Wams, dessen linke Schulterpartie mit dem Wappen der Pazzi geschmückt war. »Ja – stimmt, natürlich erinnere ich mich. Du musst entschuldigen, ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen, solange nicht feststeht, was mit Lucrezia ist.«

»Natürlich, tut mir leid«, räumte er ein. »Meine Kameraden werden sie sicher bald finden und für ihre Sicherheit sorgen.«

»Ja«, flüsterte sie abwesend und schaute dann unvermittelt auf. »Aber ich weiß noch gut, wie wir zusammen getanzt haben. Und dass du ein gutaussehender Angeber warst, der mich unbedingt küssen wollte. Dein Vater war damals ein geachteter Ritter und Kaufmann«, fuhr sie ungerührt fort. »Anscheinend stand er in der Gunst der Medici. Und jetzt bist du offenbar ein Söldner der Pazzi? Wie passt das zusammen?«

Ihr verwunderter Blick forderte ihn auf, Farbe zu bekennen. Und nichts anderes würde er tun.

»Mein Vater wurde auf Geheiß Lorenzo de’ Medicis gehängt«, bemerkte er tonlos. »Für eine Tat, die er nicht begangen hat. Seitdem bin ich auf die Medici-Bande nicht mehr gut zu sprechen.« So – damit waren die Fronten geklärt. Wenn sie eine Anhängerin Lorenzos und dessen geckenhaften Bruders war, umso besser. Dann würde sie ihn, Damian de’ Castello, zukünftig meiden wie der Teufel das Weihwasser. Doch eher schien das Gegenteil der Fall zu sein, denn ihr Blick war betroffen.

»Oh, das wusste ich nicht. Mein Beileid.« Mitfühlend sah sie ihm in die Augen. »So schrecklich fand ich dich im Übrigen gar nicht«, erklärte sie keck. »Deine schwarze Mähne und die grauen Augen haben mir auf Anhieb gefallen. Ich hätte mir gewünscht, du hättest mir den Hof gemacht. Doch dann musste ich dieses Scheusal – äh – Don Giovanni de’ Vincenco heiraten.«

Damian konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie war schon damals so direkt gewesen und hatte ihm eine gescheuert, als er versucht hatte, sie bei einem Spaziergang im Garten zu küssen. Trotzdem freute er sich diebisch, dass sie ihn nicht vergessen hatte. Und vor allen Dingen, weil sie ihren Ehemann als Scheusal bezeichnete.

Doch bevor er darauf eingehen konnte, stand Tedeschi im Zimmer, mit einer jungen Frau auf seinen Armen, um deren Gesundheit es augenscheinlich nicht zum Besten stand. Ihr ansonsten schönes Gesicht war von Blutergüssen gezeichnet, ihr langer blonder Zopf hatte sich aus ihrer Haube gelöst und schleifte über den Boden. Ihr Kleid war zerrissen, aber immerhin lebte sie noch.

»Großer Gott, Lucrezia!«, stieß Gabrielle panisch hervor und stemmte sich hoch, um auf die Füße zu kommen. Noch bevor sie stand, verlor sie das Gleichgewicht und kippte zur Seite. Damian fing sie auf und hielt sie süß und fest in seinen starken Armen. Am liebsten hätte er sie noch einmal an sich gedrückt. Doch das schickte sich nicht. Zumal er sich nicht nur von Tedeschi, sondern auch von Jacaranda und den anderen Mädchen beobachtet fühlte, die ihn und die Geschehnisse um ihn herum mit unverhohlener Neugier betrachteten. Während Damian Gabrielle auf die Füße half, damit sie den Zustand ihrer Dienerin ergründen konnte, spürte er Jacarandas eifersüchtige Blicke auf sich ruhen.

»Wir haben den zweiten Kerl auch erledigt«, raunte Tedeschi ihm zu. »Die anderen drei sind dabei, deren Leichname zu beseitigen. Wir konnten sie ja schlecht auf der Straße liegen lassen.«

»Wohl überlegt«, lobte Damian seinen Mitstreiter. »Und was ist mit dem Mädchen? Ist sie bewusstlos?« Er beugte sich näher zu Gabrielles Begleiterin hinab, um zu prüfen, ob sie noch ausreichend atmete. Was sie offensichtlich tat, denn sie verströmte eine gut wahrnehmbare Wolke von Weingeist, den sie vor nicht allzu langer Zeit getrunken haben musste.

»Ihr könnt sie in Loredanas verwaistes Zimmer bringen«, befand Giacomo hilfreich, »und sie dort aufs Bett legen.«

Gesagt, getan, stiefelte Tedeschi mit ihr in die angegebene Richtung.

Wo sich Loredanas Lager befand, wusste der Deutsche nur zu gut, war die rothaarige Hure doch sein bevorzugtes Schätzchen.

Damian hielt Gabrielle noch immer in der Taille gefasst, als er mit ihr in den von Öllampen spärlich beleuchteten Flur trat, um Tedeschi und den übrigen Mädchen, die wie eine Schar schnatternder Gänse hinter ihm herliefen, zu folgen. Damians Blick verweilte unterdessen auf Gabrielles straffen Brüsten, die sich wie zwei appetitliche Äpfel in ihrem fürstlich dekorierten Dekolleté präsentierten. Dank seiner Größe, mit der er die junge Frau um mehr als Haupteslänge überragte, konnte er den Anblick ihrer Schätze uneingeschränkt genießen. Schon bei ihrer ersten Begegnung, als er neunzehn war, hatte sich sein Körper in ihrer Gegenwart verselbständigt, und es erschütterte ihn ein wenig, dass sich bis heute mit fast fünfundzwanzig daran nichts geändert hatte. Blieb die Hoffnung, dass seine enge Lederhose, die er gut sichtbar unter seinem viel zu kurzen Wams trug, nicht allzu viel davon preisgab. Wegen Gabrielle wäre es ihm beinahe noch egal gewesen. Aber Jacaranda würde ihm die Augen auskratzen, wenn sie sah, dass er auf eine für sie völlig fremde Frau so extrem reagierte. Doch im Moment war sie zu beschäftigt und das Licht nicht hell genug, um ihn auf den ersten Blick zu enttarnen.

»Leg sie hier aufs Bett«, riet Jacaranda Tedeschi, als er mit der Dienerin auf dem Arm Loredanas Zimmer betrat. Die junge Frau stöhnte leise, als der Deutsche sie sanft in die Kissen gleiten ließ.

»Wir müssen Lucrezia das Gesicht waschen«, befand Gabrielle mit Blick auf die blutige Nase und die Platzwunde an der Lippe.

»Denkst du, sie ist vergewaltigt worden?«, fragte Damian leise an Tedeschi gewandt, als dieser sich an ihm vorbeidrängen wollte, um hinauszugelangen.

»Ich glaube, wir konnten noch rechtzeitig einschreiten«, gab der Deutsche ihm mit einem Augenzwinkern zu verstehen. »Der Mistkerl war gerade dabei, in sie einzudringen. Er war viel zu abgelenkt, um mitzubekommen, wie Laurentio sich an ihn herangeschlichen und ihm mit einem einzigen Zug die Kehle durchschnitten hat.«

Mit einem bösartigen Grinsen legte er Damian eine Hand auf die Schulter. »Man nennt uns nicht umsonst die Wölfe von Florenz.«

Damian stieß ein zufriedenes Brummen aus. Er hatte kein Erbarmen mit Männern, die schöne, unschuldige Frauen überfielen. Blieb die Frage, warum sie es getan hatten und in wessen Auftrag.

KAPITEL 5

Januar 1477 – Florenz

Nachdem Jacaranda eine Schüssel mit warmem Wasser, Seife und Leinentücher gebracht hatte, half sie Gabrielle, ihrer Dienerin das Blut vom Gesicht abzuwaschen. Als die beiden damit fertig waren, gab Damian Jacaranda zu verstehen, dass er einen Augenblick mit den beiden Frauen allein sein wollte.

Jacarandas Augen funkelten argwöhnisch im Kerzenschein, als sie mit hocherhobenem Haupt, die Schüssel mit dem schmutzigen Wasser in den Händen, an ihm vorbeistolzierte.

Ungeachtet ihrer Launen schloss Damian sorgfältig die Tür hinter ihr, nachdem sie hinausgegangen war. Bei dem, was er Gabrielle zu sagen hatte, benötigte er keine weiteren Zuhörer. Deren Dienerin befand sich ohnehin in einer Art Dämmerschlaf und war sicher nicht in der Lage, ihrer Unterhaltung zu folgen.

»Hoffentlich kommt Lucrezia bald wieder zu sich«, bemerkte Gabrielle besorgt. Damian nickte ermutigend. »Falls sich ihr Zustand nicht rasch genug bessert, werde ich den Medikus der Pazzi rufen lassen, der kann ihr ein paar heilende Tinkturen verabreichen.«

»Das ist sehr freundlich von dir.« Für einen Moment schaute sie auf und lächelte ihn mit strahlenden Augen an. Für Damian war es, als ob die Sonne aufging, schon immer hatte ihn die lindgrüne Farbe ihrer Iris fasziniert. Darüber hinaus besaß sie einen wunderschönen herzförmigen Mund, und das Weiß ihrer Zähne war makellos. In ihrem Blick lag etwas Warmes, Verbindliches. War sie ihm dankbar? Sicherlich. Aber irgendwie war da noch mehr. Er konnte es förmlich spüren. Augenblicklich rauschte ihm das Blut durch die Adern. Noch einmal übermannte ihn die Vorstellung, sie auf der Stelle zu küssen.

»Das ist doch selbstverständlich.« Er straffte sich, bemüht, ihren verbindlichen Blick festzuhalten.

»Ich frage mich allerdings«, fuhr er vorsichtig fort, »aus welchem Grund euch ausgerechnet zwei gut ausgebildete Söldner der Medici angegriffen haben.«

Gabrielle sah ihn schweigend an, das Haupt stolz erhoben wie eine Königin. Sie war viel schöner als ihre verstorbene Cousine, beschied er spontan. Wie Simonetta hatte sie ein paar vereinzelte Sommersprossen im Gesicht, weshalb ihre grünen Augen noch intensiver leuchteten. Aber sie fehlten gänzlich auf ihrem Nacken und den schmalen Schultern, was bei Gott kein Nachteil war.

»Ich kann es dir beim besten Willen nicht sagen.« Mit einem Seufzer sank sie in sich zusammen. Im Kerzenschein wirkte sie bleich und abgekämpft. Offenbar saß ihr der Schreck immer noch in den Gliedern. »Vielleicht hatten sie es auf unsere Unschuld abgesehen«, fügte sie mit einem müden Lächeln hinzu.

Ihr waidwunder Blick und die schmalen, hängenden Schultern brachten ihn beinahe um den Verstand. Wie gerne hätte er sie in seine Arme gezogen, ihr Trost gespendet und sie an sich gedrückt.

»Obwohl ich jeden Mann verstehen könnte, der bei deinem Anblick den Verstand verliert«, sagte er leise, »ist mir doch ein Rätsel, warum er dir nach dem Leben trachtet, und das, noch bevor er deiner habhaft wird. Es sei denn, er treibt es gerne mit einer Leiche.«

»Was redest du da?« Ihr Blick war entsetzt.

»Tut mir leid«, murmelte er schuldbewusst. »Ich hab mal wieder laut gedacht. Nimm es mir nicht übel.«

»Nein, schon gut, schon gut.« Sie wandte sich von ihm ab und schaute zu Boden. »Du hast ja recht, es ist sonderbar.«

Mit ihren großen, fragenden Augen schaute sie zu ihm auf, und mit einem Schlag war ihm bewusst, wie rasend er sie begehrte, schon immer begehrt hatte. Am liebsten hätte er ihre Notlage verdrängt und erst recht, dass sie noch immer mit einem anderen verheiratet war. Ob sie sich vielleicht auf eine heimliche Liebschaft mit ihm einlassen würde, wenn das hier alles vorbei war und er es nur klug genug einfädelte? Ein erregender Gedanke, der ihm zusammen mit ihrem reizenden Anblick den Mund trocken werden ließ und dazu führte, dass er sich räuspern musste, bevor er auch nur ein weiteres Wort herausbringen konnte.

»Sag mir bitte die Wahrheit, Elle«, fuhr er zögernd fort und wagte damit die vertraute Anrede, mit der sie sich bei ihrer ersten Begegnung vorgestellt hatte. »Irgendetwas muss doch passiert sein? Warum begeben sich zwei junge, wohlhabende Frauen mitten in der Nacht in eine solche Gefahr?«

Sie seufzte noch einmal schwer, setzte sich auf einen gepolsterten Stuhl, der neben dem Bett stand und lehnte sich vornüber, während sie sich mit den Händen durch die Locken fuhr und ihr wunderschönes Haar vergeblich zu ordnen versuchte.

Allein dieser Anblick machte ihn schon wieder nervös. Dennoch lehnte er betont lässig am Pfosten des Baldachinbettes und sah sie unverwandt an.

»Wo steckt denn dein Mann? Sollte er nicht bei dir sein, um dich zu beschützen?«

»Mein Gemahl …«, begann sie zögernd. »Don Giovanni de’ Vincenco, sitzt in Mailand im Kerker.«

»Im Kerker?« Damian straffte sich und riss erstaunt die Augen auf. »Was hat er getan?« Elle blieb erstaunlich ruhig, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, wenn der eigene Mann hinter Gittern saß.

»Ihm wird vorgeworfen, er habe mit den Mördern des Herzogs von Mailand gemeinsame Sache gemacht. Einer seiner Neffen war an dem Attentat beteiligt.«

Damian stieß einen leisen Pfiff aus, der dem Ernst der Lage Rechnung trug. Erst vor wenigen Tagen hatte die Signoria öffentlich bekannt machen lassen, dass der Herzog von Mailand am Tag des heiligen Stephanos in seinem eigenen Dom grausam niedergemetzelt worden war. Dabei hatten nicht wenige Galeazzo Maria Sforza einen solchen Tod vorausgesagt, ja wenn nicht sogar gegönnt.

»Du weißt ja selbst nur zu gut, wie es in unseren Kreisen läuft«, fuhr Elle niedergeschlagen fort. »Wenn ein Familienmitglied eines wichtigen Clans in Ungnade fällt, stürzen alle anderen ebenfalls zu Boden. Unser Haus in Mailand wurde auf Befehl Ludovico Sforzas durchsucht und in Besitz genommen. Der Bruder des ermordeten Herzogs hat anscheinend die vorübergehende Regentschaft für dessen minderjährigen Sohn übernommen und seine Söldner angewiesen, in den Häusern der verurteilten Verschwörer und deren Verwandten alles zu plündern, was nicht angenagelt ist. Wahrscheinlich steht uns das hier in Florenz auch noch bevor. Deshalb hat mich Giovanni beauftragt, an seiner statt bei Lorenzo de’ Medici um Hilfe zu ersuchen. Da wir ursprünglich bereits seit Monaten zum Bankett der Heiligen Drei Könige eingeladen waren, sollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um Lorenzo gnädig zu stimmen. Doch anstatt mir die nötigen zweitausend Goldfiorini Kaution zu borgen und ein gutes Wort für Giovannis Freilassung beim Bruder des getöteten Galeazzo Sforza einzulegen, hat Lorenzo de’ Medici die Impertinenz besessen, mich samt meiner Dienerin mit Schimpf und Schande hinauszukomplimentieren. Obwohl er wusste, dass wir schutzlos sind und seiner Fürsorge bedurften. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hat er uns allem Anschein nach gedungene Mörder auf den Hals gehetzt.«

Elle schüttelte fassungslos den Kopf, woraufhin sich noch ein paar weitere Strähnen aus ihrem üppigen Haarknoten lösten. »Ich kann es kaum glauben.« Ihre Lippen bebten vor Zorn angesichts dieser Ungeheuerlichkeit.

»Wie ist es denn überhaupt zu dem Rausschmiss gekommen?«, wollte Damian wissen. »Ich meine, Lorenzo ist ein durchtriebener Hund, aber er legt zumindest nach außen immer sehr viel Wert auf Höflichkeit, besonders Frauen gegenüber.«

»Pah! Höflichkeit? Dass ich nicht lache!« Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Nachdem mir klar wurde, dass er weder mir noch Giovanni helfen will, habe ich die Kontrolle über meine Zunge verloren, weil ich so wütend war«, bekannte sie zerknirscht. »Ich habe ihn als einen Aasfresser tituliert, weil er mit seiner Untätigkeit in Don Giovannis Fall nicht zum ersten Mal auf das Vermögen zu Unrecht verurteilter Kaufleute spekuliert. Außerdem habe ich ihm auf den Kopf zugesagt, dass er mit Ludovico gemeinsame Sache macht, indem er die Situation ausnutzt und mit ihm die Beute teilt. Und als er daraufhin nichts erwiderte, sondern mich von seinen Dienern hinauswerfen lassen wollte, habe ich ihm eine Mitschuld am Tod meiner Cousine bescheinigt.«

»Mamma mia!« Damian hob eine Braue und sah sie fassungslos an. Sie musste wahnsinnig sein, so mit dem mächtigsten Mann von Florenz umzuspringen. »Und da wunderst du dich, dass er dich hinauswerfen lässt und dir seine Bluthunde auf den Hals hetzt?«

»Hätte ich mich etwa bei ihm für sein verabscheuungswürdiges Benehmen auch noch bedanken sollen?«, rechtfertigte sie sich mit einem Schulterzucken. »Wobei ich kaum etwas anderes von ihm erwartet habe. Don Giovannis Hoffnungen waren von Beginn an vergeblich, aber er wollte es mir ja nicht glauben. Außerdem bin ich mir über Lorenzos Mitschuld an Simonettas Tod ziemlich sicher. Sie war immer gesund und hat sich nie in den Armenvierteln herumgetrieben. Warum hat ausgerechnet sie einen blutigen Husten bekommen? Nein«, sie schüttelte aufgebracht ihre rotblonden Locken. »Da steckt weit mehr dahinter. Simonetta war Lorenzo de’ Medici ein Dorn im Auge, weil sie ein Verhältnis mit seinem Bruder hatte. Giuliano mag ein gutaussehender Kerl sein, aber in den Augen Lorenzos ist er nur ein nutzloses Anhängsel, dessen er sich am liebsten entledigen würde. Mehrmals schon wollte er für ihn die Kardinalswürde erwerben, um ihn als Konkurrenten um die Macht in Florenz kaltzustellen. Doch der Papst hat sich bislang dagegen verwahrt. Da war es garantiert nicht von Vorteil, wenn der kleine Bruder in aller Öffentlichkeit einer verheirateten Frau wie Simonetta den Hof machte. Zumal ihr Mann, Marco Vespucci, obwohl er dem Grunde nach nie wahrhaftig an ihr interessiert war, bei diesem Verhältnis nicht gerade zu Luftsprüngen neigte.« Sie verzog ihr süßes Näschen und schaute ihn aufgebracht an. »Weißt du eigentlich, dass der Mann meiner Cousine ein Sodomit ist, der es lieber mit allen treibt?«

»Ich kenne Marco Vespucci«, gab Damian ihr mit einem Schulterzucken zu verstehen. »Er geht bei den Pazzi ein und aus. Und ja – ich befürchte, es stimmt, was du sagst. Er ist des Öfteren mit Francesco unterwegs, der sich wohl zu beiderlei Geschlechtern hingezogen fühlt. Aber was hat das mit den Medici zu tun?«

»Gar nichts – oder doch. Wenn Marco seine ehelichen Pflichten erfüllt hätte, wäre Simonetta nicht in Versuchung geraten, sich mit Giuliano de’ Medici einzulassen, der ihre Not vortrefflich ausgenutzt hat. Wusstest du, dass sie im dritten Monat schwanger war, als sie starb?«

Damian schüttelte entsetzt den Kopf.

»Das Kind war von Giuliano, und es war seinem Bruder ein Dorn im Auge. Nichts hätte seine Pläne mehr ins Wanken gebracht als ein weiterer unehelicher Medici-Bastard – nicht mit einer namenlosen Mätresse, sondern mit einer der angesehensten Frauen von Florenz. Anstatt ihr, wie auch immer, die Schwindsucht an den Hals zu hexen, hätte Lorenzo lieber seinen Bruder beseitigen sollen, und das, noch bevor er sich an Simonetta vergriffen hat. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Skrupellos genug ist Lorenzo jedenfalls. Wie man, was Giovannis Rettung betrifft, und nun auch bei unserem Überfall, gesehen hat.«

»Verstehe«, sagte Damian, und doch verstand er rein gar nichts. Jedenfalls nichts, was Elles Verhältnis zu Don Giovanni betraf. Wieso setzte sie mit ihrem losen Mundwerk ihr Leben aufs Spiel, für einen Ehemann, den sie selbst als Scheusal bezeichnete?

»Warum tust du das alles?«, fragte er frei heraus. »Wenn Giovanni de’ Vincenco dir offenbar so zuwider ist? Solltest du da nicht froh sein, ihn auf diese Weise ohne Probleme loszuwerden?« Damian hatte versucht, es nicht allzu gnadenlos klingen zu lassen, trotzdem warf Gabrielle ihm einen abweisenden Blick zu.

»Du bist anscheinend immer noch der neunmalkluge Dummkopf von damals«, spöttelte sie. »Kannst du mir verraten, was das für ein Gewinn wäre, wenn mein Ehemann wegen Hochverrats hingerichtet würde?«

»Und du besitzt eine verdammt scharfe Zunge, die dir nicht unbedingt zum Vorteil gereicht«, entgegnete er gereizt, wobei er ihr viel lieber gesagt hätte, dass sie diese Zunge schleunigst nutzen sollte, um ihn ausgiebig zu küssen. Denn falls Giovanni sterben musste, wäre sie frei, für einen jungen Hengst wie ihn, der nur darauf brannte, ihr jedes Jahr ein neues Fohlen zu zeugen. Aber sie sah nicht so aus, als ob sie ein solch umwerfendes Angebot freudig annehmen würde.

»Tja, tut mir leid. Ich bin unter dem Sternzeichen des Widders geboren«, rechtfertigte sie sich aufgebracht. »Das bedeutet, ich kann mich nicht besonders gut verstellen, habe mein Temperament nicht unter Kontrolle, und entwaffnende Ehrlichkeit gehört dummerweise zu meinen hervorstechendsten Charaktereigenschaften. Kurzum, ich bin für ein Leben in Florenz nicht besonders gut geeignet.«

»Es bedeutet in jedem Fall, dass du einer gerissenen Schlange wie Lorenzo de’ Medici nicht gewachsen bist, ähnlich wie mein Vater, und schon alleine deshalb solltest du dich vor ihm in Acht nehmen«, fügte er strafend hinzu und bereute es auf der Stelle, weil sie ihn mit ihren grünen Augen aufgebracht anfunkelte.

»Und du bist unter dem Zeichen des Skorpions geboren, wenn ich mich recht entsinne.« Wieder lachte sie spöttisch. »Das heißt, du weißt immer alles besser, nimmst auch kein Blatt vor den Mund und kannst keinem Weiberrock widerstehen. Außerdem bist du ziemlich rachsüchtig. Wer dir nicht zu Willen ist und dir den Gehorsam verweigert, sollte schon mal sein Testament machen. Du musst nur aufpassen, dass du nicht den Überblick verlierst und eines Tages an die Falschen gerätst.«

»Woher kennst du mich so gut?«

»Also liege ich richtig?« Sie legte den Kopf schief und sah ihn prüfend an.

»Und wenn schon«, gab er grinsend zurück. »Zumindest überlege ich mir vorher, was ich sage. Meistens jedenfalls. Verzeih, wenn ich dir zu nahe getreten bin.«

»Ist schon vergessen«, meinte sie versöhnlich. »Auch etwas, das dem Widder eigen ist. Wir sind nicht nachtragend.«

»Was man von Lorenzo de’ Medici offenbar nicht behaupten kann«, fügte Damian mit einem säuerlichen Lächeln hinzu. »Ist er nicht auch unter dem Sternzeichen des Widders geboren?«

»Also«, begann sie von neuem, seine Frage ignorierend. »Ich wollte mit meiner Mission, Giovanni zu retten, in erster Linie der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Schließlich wurde er vollkommen unschuldig zum Tode verurteilt. Ich weiß es, schließlich war ich dabei, als man den Herzog im Dom erstochen hat. Darüber hinaus habe ich an unsere vielen Diener gedacht, die ebenfalls ihre sichere Anstellung verlieren, wenn das Haus de’ Vincenco fällt. Und natürlich steht auch mein eigenes Auskommen auf dem Spiel. Meine Eltern sind tot, und von meinen Verwandten, sofern sie überhaupt noch leben, habe ich rein gar nichts zu erwarten. Mein Einsatz diente dem Versuch, wenigstens einen Teil von Giovannis Geschäften in Florenz zu retten, damit wir nicht von heute auf morgen vor dem Nichts stehen, falls der Allmächtige meinem Gemahl gnädig sein sollte und er den Kerker überlebt. Auch wenn ich der ganzen Angelegenheit von Beginn an keine großen Chancen eingeräumt habe, woher hätte ich wissen sollen, dass Lorenzo de’ Medici derart grausam agiert?«

»Habt ihr gemeinsame Kinder?« Die Frage brannte Damian schon die ganze Zeit auf der Seele.

»Nein«, sagte sie leise und wich seinem forschenden Blick aus. »Das Schicksal war uns bisher nicht gnädig. Oder vielleicht sollte ich lieber sagen, Gott sei Dank. Nicht auszudenken, wenn ich nun ganz alleine für eine Familie verantwortlich wäre.«

Die Antwort erleichterte Damian. Somit gab es nichts, was die beiden neben ihrer Ehe auf Dauer miteinander verband.

»Liebst du ihn?« Er war sicher, er ging mit dieser Frage zu weit, aber er musste es wissen.

»Natürlich nicht«, entgegnete sie genauso direkt. »Schließlich habe ich ihn mir nicht als Ehemann ausgesucht. Ich wurde faktisch an ihn verkauft. Und wenn du es genau wissen willst: Ich habe schon seit ewigen Zeiten das Lager nicht mehr mit ihm geteilt. Er bestieg unsere Dienerinnen und Haussklavinnen, wenn es ihn nach einer Frau verlangte. Außerdem besaß er allem Anschein nach eine Mätresse, älter als ich, der er ebenfalls regelmäßige Besuche abstattete. Trotzdem tut er mir leid. Ich habe gesehen, mit welcher Mühe er seine Geschäfte aufgebaut hat. Und wie wichtig es ihm war, bei den Herrschenden etwas zu gelten. Nun wurde mit einem Schlag alles zerstört, was ihm je etwas bedeutet hat. Das ist nicht gerecht.«

»Was ist schon gerecht?«, raunte Damian und schnaubte verbittert, während er zugleich eine gewisse Erleichterung verspürte, dass zwischen ihr und dem Alten anscheinend nichts lief, was von Bedeutung gewesen wäre.

»Denkst du, es ist gerecht, wenn eine schöne, junge Frau an einen alten Bock verschachert wird, den sie nicht liebt, nur weil er Geld hat und sie nicht?«, fragte er provozierend.

»Glaubst du, mit einem jungen Hitzkopf, der für ein paar Fiorini sein Leben aufs Spiel setzt, wäre sie besser bedient?« Sie schaute ihn schräg von der Seite her an und lächelte abfällig. »Auch wenn mit den Jahren ein weiß Gott ansehnlicher Mann aus dir geworden ist, Damian de’ Castello. Ich würde mir überlegen, ob ich einen solchen Kerl wie dich zum Ehemann haben wollte.«

Damian wusste nicht, was er auf diese Retourkutsche antworten sollte, und schaute zu Boden. Doch gleich darauf hob er trotzig den Kopf und schaute ihr direkt in die Augen. »Immerhin konnten der Hitzkopf und seine Kameraden dein Leben und das deiner Dienerin retten und eure blutrünstigen Verfolger ins Jenseits schicken, bevor sie euch noch einmal an den Kragen gegangen wären«, antwortete er nicht eben bescheiden.

»Sag nur, du kanntest unsere Häscher persönlich?«, fragte sie mit neugierigem Blick.

Er hob einen Mundwinkel und grinste verächtlich. »Sagen wir, diese Kerle sind mir schon des Öfteren unangenehm aufgefallen.«

Elle erwiderte nichts, und er verspürte nicht das Bedürfnis, ihr die Umstände dieser Bekanntschaft näherzubringen. »Wahrscheinlich wollte Lorenzo de’ Medici dich lieber sofort aus dem Weg räumen, bevor du unangenehme Gerüchte über ihn verbreitest und ihm am Ende die Besitzungen deines Gatten noch streitig machst. Denn wenn man dir keine Mitschuld an der Ermordung des Herzogs nachweisen kann, darfst du nach seinem Tod zumindest deine Mitgift behalten.«

»Ich hatte keine Mitgift«, sagte sie gefasst. »Es ist genauso, wie du vermutet hast. Meine Eltern haben mir nichts weiter vermacht als einen Haufen Schulden, und meine Tante war froh, wenigstens für Simonetta eine halbwegs anständige Aussteuer aufbringen zu können. Für mich blieb da nichts mehr übrig. Allerdings war mein Onkel so gewitzt, einen Ehevertrag mit Giovanni auszuhandeln, der mir zwanzig Prozent seines Vermögens als Mitgiftsicherung zuerkennt, falls unsere Verbindung durch sein eigenes Verschulden annulliert werden sollte. Aber davon kann im Moment wohl kaum die Rede sein. Schließlich kann Giovanni nichts dafür, eingekerkert worden zu sein, und er hat bisher mit keiner Silbe verlauten lassen, meiner überdrüssig zu sein. Damit bleiben mir allenfalls unsere beweglichen Schätze, die es aus unserem Palazzo zu retten gilt, bevor sie im Auftrag Lorenzos zusammen mit Giovannis Seidengeschäften in Florenz und seinem Bankguthaben von der Signoria beschlagnahmt werden. Als wir überfallen wurden, war ich mit Lucrezia gerade auf dem Weg nach Hause, weil ich wenigstens das Nötigste in Sicherheit bringen und unsere Dienerschaft warnen wollte.«

»Warum hattest du eigentlich keine Leibwächter dabei?« Sein Blick zeigte Unverständnis. Normalerweise verfügten reiche Kaufleute wie Don Giovanni über eigenes Wachpersonal, das auch die Familie schützte, falls der Herr des Hauses in der Fremde unterwegs war.

»Ich hatte welche«, erklärte Elle verdrossen. »Zwei ältere Söldner aus Giovannis Schutztruppe. Sie sind sogar mit uns aus Mailand hierhergekommen und haben bei dem Bankett der Medici in der Gesindekammer auf uns gewartet. Aber als man Lucrezia und mich so unvermittelt vor die Tür gesetzt hatte, waren sie plötzlich verschwunden.«

Elle zuckte ratlos mit den Schultern. »Deshalb habe ich Lucrezia vorgeschlagen, wir könnten die kurze Strecke auch zu Fuß gehen. Wie sollte ich darauf kommen, dass Lorenzo uns verfolgen lässt?«

»Erstaunlich, wie wenig du über die Gefahren in Florenz bei Nacht weißt«, wandte Damian kopfschüttelnd ein. »Jeder Taugenichts hätte euch berauben und umbringen können. Don Giovanni hat dich vermutlich ohnehin nie allein vor die Tür gelassen, selbst mit Wachen, oder?«, konstatierte er mit einem anzüglichen Lächeln. »Aber wenn ich dich so ansehe, kann ich ihn gut verstehen. Wahrscheinlich hatte er Angst, du würdest von einem deiner vielen Verehrer entführt.«

»Du bist immer noch der unverbesserliche Charmeur von damals«, befand sie und lächelte schwach. »Was ist mit dir? Bist du verheiratet?«

Leicht verlegen schüttelte er seine schwarzen Locken. »Leider hat mir mein sogenannter Charme bei den Frauen bisher wenig Glück gebracht«, stellte er bereitwillig klar. Eine gute Gelegenheit, ihr durch die Blume zu sagen, dass er noch zu haben war. »Wer will schon einen Ehemann, dessen Vater unehrenhaft gehängt wurde und der dazu noch mittellos ist?«

»Aber dafür kannst du doch nichts!«, widersprach sie ihm heftig.

Unverwandt sah er ihr tief in die Augen. »Hättest du mich, unabhängig von meinen charakterlichen Schwächen, zum Mann genommen, selbst wenn du dafür den Rest deines Lebens als Feldarbeiterin hättest schuften müssen?«

Überrascht konterte sie seinen anzüglichen Blick – und schwieg.

»Siehst du?«, neckte er provozierend. »Habe ich es mir doch gedacht. Darauf willst du nicht antworten.«

»Aber du bist kein Bettler, wenn ich es recht betrachte«, gab sie mit schmalen Lidern zurück. »Allem Anschein nach bist du ein geachteter Condottiere der Pazzi und verfügst über ein gesichertes Einkommen, also warum solltest du keine Frau finden, die dich zum Ehemann haben will?«

Weil keine so wäre wie du, lag es ihm auf den Lippen. »Du hast recht, ich hatte wirklich Glück, nach dem Tod meines Vaters eine Anstellung bei Jacopo de’ Pazzi zu finden«, erklärte er finster und umfasste instinktiv das mit rotem Leder umwickelte T-Heft seiner italienischen Klinge. »Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich für ein anständiges Mädchen wie dich eine gute Partie wäre.«

»Woher willst du das wissen?« Wieder warf sie ihm einen unergründlichen Blick zu, ganz so, als ob sie die letzte Behauptung für sich persönlich abschätzen würde.

»Ich weiß es eben«, widersprach er ihr. »Also mach dir keine Sorgen, dass ich dir unberechtigterweise den Hof mache.«

»Warum sollte ich? Das Einzige, worum ich mir im Moment wahrhaftig Sorgen mache, ist der Gesundheitszustand von Lucrezia.«

»Du hast recht«, bekannte er reuig. »Es gibt wichtigere Dinge als uns beide. Wechseln wir lieber das Thema.« Jede weitere Diskussion über ihr Verhältnis zueinander würde ihn höchstens in Teufels Küche führen. »Also, was kann ich tun, um dir und deiner Dienerin zu helfen?«

Elle sah ihn unsicher an. »Denkst du, ich sollte nach dieser Geschichte überhaupt in unseren Palazzo zurückkehren?«

Damian schüttelte seine ebenholzfarbene Mähne. »Lieber nicht. Lorenzo wird ziemlich rasch dahinterkommen, dass sein Mordkomplott fehlgeschlagen ist, und mit anderen Mitteln versuchen, dich zu beseitigen. Doch zunächst einmal sollten wir herausfinden, ob bereits jemand von der Signoria eurem Zuhause einen Besuch abgestattet hat. Ich werde das für dich erledigen.«

Protestierend hob sie die Hände und rümpfte ihr niedliches Näschen, was sie gerne tat, wenn ihr etwas missfiel. »Du hast schon so viel für mich riskiert. Ich will nicht, dass du dich wegen mir in eine solche Gefahr begibst. Wenn überhaupt, gehe ich selbst.«

Wie süß, dachte Damian, sie machte sich wahrhaftig Sorgen um ihn, allein dafür hätte er sie auf der Stelle umarmen können und ihr anschließend eigenhändig den Hintern versohlt, weil sie sich seinen Vorstellungen widersetzte.

»Und was willst du damit bezwecken?«, fragte er provokant. »Dass weitere Schergen Lorenzos dir endgültig den Garaus machen?«

»Und was habe ich davon«, protestierte sie, »wenn ich die Schuld daran trage, dass dir oder deinen Kameraden etwas geschieht? Immerhin ist heute Abend schon genug Blut geflossen.«

Er sah sie durchdringend an und sog ihren widerspenstigen Liebreiz in sich auf. »Aber nicht unseres«, erklärte er mit einem lässigen Grinsen. »Glaub mir, Mädchen, eine harmlose Exkursion zu eurem Palazzo ist gar nichts im Gegensatz zu den Dingen, die ich sonst so treibe. Also, was soll ich dir aus deinem Haus herausholen und vor allem, wo ist es versteckt?«

Einen Moment lang sah sie ihn prüfend an, beinah, als ob sie ihm misstraute.

»Das ist sehr freundlich von dir, aber es geht trotzdem nicht.«

Sie sah ihm fest in die Augen. »Geld und Schmuck sind in einem geheimen Versteck untergebracht. Ich vermag mir kaum vorzustellen, dass unsere Diener dich ins Haus spazieren lassen, wenn du ihnen als Fremder erklärst, meine Schätze in Sicherheit bringen zu wollen. Sie werden denken, du seist ein Dieb.«

Damians Blick fiel auf ihr funkelndes Collier und den ebenso wertvollen Kopfschmuck. Ein unglaublich filigranes Geschmeide aus Gold und Smaragden, das hervorragend zu ihren Augen passte. »Und wie willst du sonst an die Sachen herankommen? Oder willst du den Tand diesen Aasgeiern überlassen? Allein was du da um den Hals trägst, ist schon ein Vermögen wert. Wenn du noch mehr davon besitzt, wärst du dumm, es dir nicht zu holen.«

»Dieser Schmuck ist zusammen nur gut dreihundertfünfzig Fiorini wert«, bestätigte sie seine Einschätzung. »Leider nicht genug, um Giovanni zu retten. Aber Lucrezia und ich könnten notfalls eine Weile davon leben. Jedenfalls hat uns das unser Advokat in Mailand eröffnet. Vielleicht ist es gar nicht nötig, ins Haus zu gehen und auf die Gefahr hin, verhaftet oder gar getötet zu werden, den Rest zu holen.«

»Da bin ich anderer Meinung«, widersprach Damian. »Außerdem will ich dir helfen, noch ein wenig mehr zu bekommen als diesen Schmuck. Ich habe nicht umsonst ein Jahr Rechtswissenschaften studiert. Du sprachst von Verträgen, und vielleicht gibt es Besitzurkunden, die wichtig sein könnten, falls es zu Beschlagnahmungen durch die Signoria kommt. Vertrau mir.« Seine Stimme klang selbstbewusst. »Du musst mir nur sagen, wo dein Mann die Sachen aufbewahrt.«

Einen Moment lang dachte sie nach. Dann ging ein Ruck durch ihre anmutige Gestalt. »Also gut«, gab sie nach. »Im zweiten Stock in Giovannis Bibliothek, in einer doppelten Holzwand. Links neben dem Bücherregal findest du hinter einer grünen Samtschabracke einen Hebel, damit öffnet sich ein geheimes Fach. Dahinter verbirgt sich eine eisenbeschlagene Kiste, die mit einem Schloss versehen ist. Den Schlüssel dazu verwahrt der alte Angelo, Giovannis Leibdiener. Aber vielleicht sollte ich doch lieber mitkommen?«

»Kein Problem«, beschied Damian souverän, was ihr den Anschein vermitteln musste, als habe er das Öffnen von schweren Eisenschlössern mit der Muttermilch eingesogen. »Dazu bedarf es nicht deiner Anwesenheit.«

Elle stieß einen langgezogenen Seufzer aus und warf einen Blick auf ihre schlafende Dienerin.

»Und was wird aus Lucrezia und mir, wenn du recht hast und dein Plan gelingt? Wenn es stimmt, was du sagst, und Lorenzo beabsichtigt, mich zu töten oder wenigstens verhaften zu lassen, wird es kein Schlupfloch in der gesamten Republik geben, wo ich mich verkriechen könnte.«

Sie schaute ihm geradeheraus ins Gesicht. Es war eine simple Feststellung ohne einen Funken Selbstmitleid in ihren klaren grünen Augen. Für ihr mutiges Wesen bewunderte er sie aus tiefster Seele. Sie war eine starke Frau. Keine schwache Putte, die man leicht hinter ihrer makellosen Gestalt hätte vermuten können.

»Außerdem mache ich mir Sorgen um dich, auch wenn du meinst, das sei nicht nötig. Was ist, wenn Lorenzo erfährt, dass seine Kettenhunde von dir und deinen Leuten getötet wurden?« Sie sah ihn zweifelnd an. »Und er euch dafür des Mordes beschuldigt? Ich meine, es gibt ja genug Zeugen, wenn ich nur an den Wirt und die Mädchen denke.«

Damian schüttelte den Kopf und grinste. »Abgesehen davon, dass dieses Gasthaus zum Besitz der Pazzi gehört und der Wirt und die Mädchen den Teufel tun werden, die Hand zu beißen, die sie schützt, würde Lorenzo es nicht wagen, die Söldner seiner Konkurrenten des Mordes an seinen eigenen Auftragsmördern zu bezichtigen. Allein schon, um eine offizielle Fehde zu vermeiden, die jede Menge lästige Fragen aufwerfen würde. Deshalb halte ich es auch für besser, wenn du hierbleibst und mit deiner Dienerin wartest, bis ich zurückkehre. Ich habe vor, dich und Lucrezia ab morgen unter den Schutz der Pazzi zu stellen. Ohne einen mächtigen Schutzherrn seid ihr nichts weiter als Freiwild. Aber das müsstest du eigentlich wissen. Bevor ich Messer Jacopo nicht davon überzeugt habe, für euch die Verantwortung zu übernehmen, sollte niemand erfahren, wo ihr euch aufhaltet. Bis ich mit Laurentio zurück bin, lasse ich euch Tedeschi, Luca und Gulliveri hier. Sie werden gut auf euch aufpassen.«

»Oh, Damian …« Sie lächelte scheu. »Keine Ahnung, wie ich das je wiedergutmachen kann!«

Mir fiele da schon etwas ein, dachte er bei sich, doch er lächelte nur geschmeichelt zurück. »Keine Ursache, Elle«, sagte er sanft und trat auf sie zu. Dann nahm er all seinen Mut zusammen, ergriff ihre kalten, schmalen Hände und hauchte einen Kuss darauf. »Für eine alte Freundin tue ich das gerne, auch wenn sie mich für einen hitzigen Dummkopf hält.«

»Du kannst es nicht lassen«, schalt sie ihn und verzog einen Mundwinkel zu einem geplagten Lächeln. »Immer auf Genugtuung bedacht.«

»Nicht immer«, gab er zurück und zwinkerte ihr zum Abschied lächelnd zu.

Beim Hinausgehen traf er auf seine Gefährten.

»Luca, Gulliveri und ich haben die beiden toten Medici-Schergen unweit der Basilika Santa Maria del Carmine in ein frisch ausgehobenes Grab geworfen und sie mit Erde bedeckt«, erklärte ihm Laurentio mit unbewegter Miene. »Wenn es morgen früh zur geplanten Beerdigung kommt, wird niemand bemerken, dass zwei Fuß tiefer schon jemand liegt.«

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