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Tote kehren nicht zurück

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20

Über die Autorin

Ann Granger gehört zu den profiliertesten Kriminalromanautorinnen Englands. Bekannt wurde sie mit ihrer Reihe um das liebenswürdige, exzentrische Detektivpaar Mitchell und Markby, mit der sie sich inzwischen auch in Deutschland ein großes Publikum erworben hat. Wie ihre Heldin Meredith Mitchell hat Ann Granger lange im diplomatischen Dienst gearbeitet und die ganze Welt bereist. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. DENN UMSONST IST NUR DER TOD ist der zweite Roman einer Reihe um die junge Detektivin Fran Varady.

Ann Granger

Tote kehren
nicht zurück

Mitchell & Markbys elfter Fall

Aus dem Englischen von
Axel Merz

Oh grausamer Tod, was hast du getan?

Am Boden die sterbliche Hülle liegt,

die Seele zum Himmel gerufen.

Zu Staub der Leichnam zerfällt.

Trauernde Freunde warten vergeblich.

Kein Seufzer, keine Tränen

bringen die Toten zurück.

Epitaph auf einem Friedhof in Cornwall, 1820

Kapitel 1

»ICH WILL heute Abend in Bamford sein. Fährt jemand in diese Richtung?«

Die Worte erklangen scharf und akzentfrei, mit einem leicht gebieterischen Unterton. Die Männer, die sich um den schmuddeligen Imbissstand drängten, wandten wie auf ein Kommando hin die Köpfe. Selbst Wally, Inhaber und Koch in Personalunion, war verblüfft. Er legte beide Hände auf den mittels Ketten gesicherten schmierigen Tresen an der Seite des Wagens und beugte sich vor, um die Sprecherin in Augenschein nehmen zu können.

Durch die Verlagerung von Wallys nicht unbeträchtlichem Gewicht geriet der kleine Lieferwagen ins Wanken, und sein Inhalt klimperte. Eine Pyramide fertig eingepackter Snacks sackte in sich zusammen und landete verstreut auf dem Tresen. Anhand der Farbetiketten ließen sie sich leicht auseinander halten: Käse und Zwiebeln – Barbecue – Hühnchentikka. Ein Snack fiel über den Rand auf den Boden. Ein Kunde, zu dessen Füßen er landete, bückte sich, hob ihn auf und steckte ihn in die Tasche seiner ledernen Blousonjacke. Wally war niemals so abgelenkt, dass er einen Diebstahl wie diesen übersah. Er verdrehte ein blutunterlaufenes Auge, und der Kunde kramte hastig nach Kleingeld, warf dann schnell ein paar Münzen auf den Tresen und wandte sich anschließend sogleich wieder nach der Stimme um.

Der Parkplatz war voll gestellt mit geparkten Lastwagen. Wallys Imbiss war eine regelmäßige Anlaufstelle für die Fernfahrer. Bei ihm gab es heiße Getränke, angebrannte Würstchen, würziges Gebäck mit Kartoffeln, Zwiebeln und Rüben, die er wohlklingend »Cornwall Pasties« nannte, Schinkenbrote und große Stücke Rosinenkuchen. Wally behauptete voller Stolz von seinen Kochkünsten, seine Mahlzeiten machten jeden Kunden satt. Tatsächlich machten sie seine Kunden nicht nur satt, sondern sie hinterließen in ihnen auch das Gefühl, als müsse man niemals wieder etwas essen. Wallys Preise waren niedrig, seine Hygiene fragwürdig, und er hatte rund um die Uhr geöffnet. Dabei beobachtete er, wie er es später gegenüber Sergeant Prescott formulierte, »das Leben. So ungefähr die ganze Bandbreite. Und noch mehr«.

Was er bei dieser speziellen Gelegenheit sah, war eine junge, schlanke Frau, die seiner Meinung nach vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt war. Sie trug Jeans und darüber eine Tweedjacke von der Sorte, die Wally eigentlich mit jenem Schlag Männer und Frauen verband, die hin und wieder aus den Führerhäusern von Pferdetransportern stiegen und laut »Bedienung!« riefen, als wäre er das verdammte Ritz. Sie stand ein kurzes Stück entfernt und musterte die Männer mit kritischen Blicken.

»Und«, fügte Wally im Verlauf der späteren Unterhaltung hinzu, »sie war atemberaubend. Wie eins von diesen Models. Groß, ein wenig dünn vielleicht, aber Haare, so was hast du noch nicht gesehen. Jede Menge Haare.« An dieser Stelle klang Wally ein wenig melancholisch und fuhr sich mit der Hand über den kahl werdenden Schädel. »Hatten eine wunderbare Farbe. Gefärbt, schätze ich. Trotzdem, wunderbare Haare. Irgend so ein goldener Bronzeton. Sie war jedenfalls keine gewöhnliche Anhalterin und schon gar keine billige Nutte. Sie hatte Klasse, das konnte jeder sehen.« Er klang ehrfürchtig.

Eddie Evans gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf. Er war mit einem unbeladenen Laster auf dem Heimweg. Ein Lastzug ohne Fracht bedeutete ein schlechtes Geschäft, doch es hatte ein Missverständnis gegeben, und ein selbstständiger Fuhrunternehmer wie Eddie, eine Einmannband, die sich selbst beschäftigte, wie er es zu nennen pflegte, endete in so einem Fall in der Regel mit leeren Händen.

Das Wetter war den ganzen Tag lang trüb gewesen, obwohl angeblich bereits Frühling herrschte. Dieses Jahr schien der Winter nur zögerlich zu weichen, um einer wärmeren Jahreszeit Platz zu machen. Die Sonne war hinter einem dichten Wolkenschleier verborgen, und die Temperaturen waren ungewöhnlich niedrig. Bäume und Hecken trieben nur langsam aus, und die Frühlingsblumen hatten ausnahmslos Verspätung.

Die graue Stimmung hatte Eddie angesteckt. Beim Anblick von Wallys Imbisswagen, geschmückt mit den Verheißungen warmer und kalter Erfrischungen, war er auf den Parkplatz eingebogen – nicht so sehr, weil er eine Tasse alten Tees brauchte, um sich zu stärken, sondern weil er belebende Gesellschaft suchte, etwas für die Seele. Andere Fahrer, von denen er einige kannte, versammelten sich stets um diese Tageszeit bei Wallys Imbiss, kurz nach vier Uhr nachmittags. Eddie war nach einer Pause zumute und nach einem Schwätzchen mit ein paar Kollegen.

Im Allgemeinen nahm Eddie keine Anhalter mit, weder weibliche noch männliche. Er kannte jemanden, der eine ganze Menge Scherereien bekommen hatte deswegen. Eddies Bekannter hatte ein Mädchen mitgenommen, das später am anderen Ende des Landes tot in einem Straßengraben gefunden worden war. Die Polizei hatte jeden aufgespürt, der die Kleine gesehen oder sie in seinem Wagen mitgenommen hatte, und es hatte einen Haufen Geld gekostet. Niemand führte Eddies Geschäft oder zahlte seine Hypotheken ab, wenn er zur Befragung festgehalten wurde und seine Termine über den Jordan marschierten. Und so ignorierte Eddie seither die Tramper, die einsam am Straßenrand standen und ihre Pappschilder mit den aufgekritzelten Namen ferner Städte in die Höhe hielten.

Wallys Tee hatte das Gefühl von Depression nicht vertreiben können, das der stahlgraue Himmel und das entgangene Geschäft hervorgerufen hatten. Stattdessen war ein Widerwille hinzugekommen, die gesellige Menge vor dem Imbisswagen zu verlassen und weiterzufahren. Das menschliche Bedürfnis nach Gesellschaft führte letztendlich dazu, dass Eddie an diesem einen Tag eine Ausnahme von seiner ansonsten ehernen Regel machte.

Ohne nachzudenken, hörte er sich sagen: »Ich kann Sie ein gutes Stück weit mitnehmen, Süße. Ich lass Sie an der Abzweigung nach Bamford raus. Von da aus müssen Sie sich eine neue Mitfahrgelegenheit suchen.«

Gesichter, die zuvor die junge Frau angestarrt hatten, drehten sich zu ihm um und starrten nun stattdessen ihn an. Sie alle wussten, dass Eddie sich niemals erbarmte und einen Tramper mitnahm.

Wallys Samowar mit dem heißen Tee darin brodelte und zischte in das verblüffte Schweigen hinein. Der Besitzer des Samowars zog schweigend und missbilligend den Kopf ein, nahm die Münzen, die als Bezahlung für die Kartoffelchips auf dem Tresen lagen, und legte sie in seine altmodische, mechanische Registrierkasse.

Das Mädchen wartete. Niemand machte ein besseres Angebot. Niemand sagte ein Wort, doch die Gedanken aller hingen so schwer in der Luft wie der heiße Dampf aus dem Samowar.

Die junge Frau blickte Eddie an. »Also schön, danke«, sagte sie.

Sie nahm den alten khakifarbenen Proviantbeutel auf, der zu ihren Füßen gelegen hatte, und hängte ihn sich über die Schulter. Offensichtlich hatte sie nicht vor, länger zu warten. Ihr Verhalten war vielmehr das von jemandem, der ein Taxi herbeigerufen hatte – bestimmt jedenfalls nicht das einer Anhalterin, die sich eine kostenlose Mitfahrgelegenheit erbettelt hatte.

Eddie, von ihrer Ungeduld angesteckt, warf seinen leeren Styroporbecher in den verbeulten Abfalleimer aus Drahtgeflecht. Hinter ihm erklang ein amüsiertes Gemurmel, als er die Gruppe zurückließ und zu seinem Sattelzug stapfte.

Wally beschäftigte sich bereits wieder mit seinem spuckenden Samowar. Seine verbliebene Klientel äußerte die Ansicht, dass Eddie sich soeben in Schwierigkeiten gebracht hätte. Privat war Wally durchaus geneigt, sich dieser Meinung anzuschließen, doch er ließ sich niemals dazu hinreißen, in den vielfältigen Diskussionen, die vor seinem fahrbaren Imbissstand ausgetragen wurden, Partei für die eine oder andere Seite zu ergreifen.

Dann fragte jemand: »Wer hat sie eigentlich hergebracht?«

Schweigen, gefolgt von einem Gewirr aus Fragen und verneinenden Antworten.

»Sie muss doch irgendwie hierher gekommen sein! Sie kann doch nicht aus dem Nichts kommen!«, beharrte der erste Fragesteller. »Seht euch doch nur um!«, fügte er hinzu und beschrieb eine weit ausholende Geste mit kräftigem Arm. »Wir sind meilenweit von jeder Ansiedlung entfernt. Hier gibt es nichts als Felder!«

Dennoch wollte niemand die junge Frau auf dem Parkplatz abgesetzt haben, und niemand hatte gesehen, wann sie gekommen war.

»Als wäre sie mitten aus dem Nichts materialisiert«, sagte jemand, und Wally, beleibe kein abergläubischer Mann, fröstelte plötzlich trotz der stickigen Hitze in seinem Imbisswagen.

Eddie bereute seine Hilfsbereitschaft schon, noch bevor er seinen Lastzug erreicht hatte. Von Zweifeln erfüllt kletterte er in das Führerhaus. Die Vertrautheit seiner Fahrerkabine, der leicht verschwitzte Geruch, das Maskottchen, ein Cornwall-Kobold, der Schnappschuss von seiner Frau, mit Tesafilm neben dem Tachometer angebracht, all diese Dinge konnten ihn nicht beruhigen. Stattdessen schienen sie ihn unaufhörlich daran zu erinnern, dass er eine eiserne Regel gebrochen hatte.

Die junge Frau kletterte geschickt auf der Beifahrerseite in die Kabine und gesellte sich zu ihm. Eddie bedachte sie mit einem verstohlenen Blick, während sie ihren Khakibeutel unter dem Beifahrersitz verstaute. Sie war ungefähr so alt wie seine eigene Tochter. Auch Gina hatte lange Haare und trug sie hinter dem Kopf zusammengebunden, doch da endeten die Ähnlichkeiten auch schon. Diese junge Frau hier hatte etwas an sich, eine Aura, einen Touch von etwas Undefinierbarem, der Gina vollkommen fehlte. So stolz Eddie im Allgemeinen auf seine Tochter war, nun spürte er so etwas wie Neid.

Es war nicht so, als wäre die junge Frau modisch gekleidet. Sie trug die üblichen Jeans und komische braune Lederstiefel, die bis zu den Knöcheln reichten. Nicht von der Sorte, die man schnüren musste, sondern altmodische Dinger mit elastischen Gummis in der Seite, die wahrscheinlich eine ganze Menge Kohle gekostet hatten. Gina stand mehr auf die modischen Accessoires, und sie waren so gut wie immer überteuert. Diese Stiefel hier sahen nach allerbester Qualität aus, keine Billigproduktion aus dem Fernen Osten oder Südamerika, die nur eine Saison und einen flüchtigen Trend lang halten musste. Die Jacke, dunkelbrauner Tweed mit ledernen Ellbogenschonern, war ebenfalls Qualität. Darunter trug sie eine dunkle Bluse und einen gelben Männerschal um den Hals. Eddie beobachtete, wie sie den Schal herunterzog und ihn in ihrem Schoß festhielt, während sie nach vorne sah.

Ihr Haar stand in grellem Kontrast zu dieser demonstrativen Schlichtheit. Im schwachen Licht der Kabine sah es aus, als würde es von innen heraus leuchten. Er fühlte sich an einen polierten Messingleuchter in einer Kirche erinnert, in dem sich die tanzenden Kerzenflammen ringsum spiegelten. Es wurde im Nacken von einem Band zusammengehalten, von wo es zur Seite und über eine Schulter fiel. Eine Locke hatte sich gelöst und hing ihr ins Gesicht. Es sah nicht unordentlich aus. Es sah aus, als sollte sie dort hängen. Sie hatte eine wunderbare Haut. Gina hatte Pickel und gab ein Vermögen für Aknemittel aus.

Er legte den Gang ein und lenkte den Sattelzug vom Parkplatz, während er sich der beobachtenden Augen aus der Richtung von Wallys Imbissbude bewusst war. »Ich hab eine Tochter in Ihrem Alter«, sagte er. »Sie heißt Gina.«

»Oh, tatsächlich?« Die Antwort war höflich desinteressiert.

Ein wenig verärgert fragte er: »Und wie heißen Sie?«

»Kate.«

Na wunderbar, dachte Eddie düster. Ihre Bekanntschaft war erst ein paar Minuten alt, und schon jetzt fühlte er sich, als wären fünfundzwanzig Jahre seines Lebens einfach von ihm abgefallen. Er war wieder ein schüchterner Jugendlicher, der versuchte, in einer Bar oder auf einer Party ein Mädchen anzugraben, ein Mädchen, das mit einer anderen Gruppe gekommen war. Ein Mädchen, von dem er sehr schnell erkannte, dass es in einer anderen Liga spielte.

»Dann wohnen Sie also in Bamford?«, erkundigte er sich mit einer Jovialität, die weder ihn selbst noch sie täuschte.

»Nein. Ich besuche jemanden.«

»Kommen Sie von weit?«

»Weit genug.« Eine Pause. »London.« Sie hob eine Hand und schob ihre langen blonden Haare nach hinten, sodass er ihren makellosen Hals sehen konnte. Mit größerem Bedauern als je zuvor, dass er sich in diese Situation gebracht hatte, suchte Eddie Zuflucht in väterlichem Rat.

»Trampen kann für eine junge Frau ziemlich gefährlich sein«, sagte er kritisierend und krallte die Hände in das Lenkrad.

Sie sah ihn aus weit auseinander stehenden Augen an. »Ich bin vorsichtig.«

Sein Mund war ganz trocken. Das lag wahrscheinlich an Wallys altem Tee. Man konnte Schiffsplanken streichen mit diesem Tee.

»Sind Sie Studentin?«, fragte er rau.

»Mmmh ...« Sie lehnte sich zurück und blickte verträumt durch die Windschutzscheibe auf die vor ihnen liegende Straße.

»Gina, meine Tochter, macht eine Ausbildung zur Krankenpflegerin.« Er konnte die Verzweiflung in seiner Stimme hören.

»Großartig.« Sie klang geistesabwesend.

Meinetwegen, dachte Eddie. Sie will sich nicht mit mir unterhalten, und ich grabe mir selbst eine Grube, indem ich sie dauernd anquatsche. Ich hätte mich an meine Prinzipien halten sollen. Je schneller ich sie loswerden kann, desto besser. Was soll das überhaupt, warum trampt sie durch die Gegend? Sie hat bestimmt Geld.

Doch Geld hatte oftmals nichts damit zu tun. In einem unangenehm hellen Augenblick kam ihm der Gedanke, dass sie wahrscheinlich ein Spiel spielte. Nicht er hatte sie aufgelesen, sondern sie ihn.

»Dieser Jemand, den Sie in Bamford besuchen wollen ...«, sagte er. »Werden Sie erwartet?«

»Ich weiß es nicht«, murmelte sie. »Aber ich denke schon. Auch wenn er nicht mit mir rechnet.« Sie sah ihn erneut an und lächelte. Ein hübsches Lächeln. »Es soll eine Überraschung sein«, sagte sie.

Er setzte sie wie versprochen bei der Ausfahrt nach Bamford ab. Inzwischen war das Tageslicht schwächer geworden, Nebelschwaden trieben über die Felder. In der frühen Dämmerung glichen die Bäume Gespenstern. Man konnte beinahe glauben, dass noch immer Winter wäre. Eddie hatte es kaum erwarten können, sie loszuwerden, endlich, gar keine Frage. Und doch verspürte Eddie nun ein merkwürdiges Zögern, eine junge Frau – irgendeine Frau – in dieser verlassenen Gegend abzusetzen, ganz allein und so spät am Tage. Er sah auf die Uhr im Armaturenbrett. Es war erst zwanzig nach sechs und im Grunde genommen noch gar nicht so spät. Trotzdem, es war kalt draußen. Die kalte Brise wehte durch die offene Beifahrertür herein.

»Kommen Sie zurecht, meine Liebe?«

»Sicher«, rief sie zu ihm hinauf. Nur ihr Kopf war sichtbar, als sie auf der Straße stand.

Sie machte Anstalten, die Tür zuzuwerfen, doch Eddie beugte sich zu ihr hinüber und hielt sie auf. »Ich könnte einen Abstecher machen und Sie direkt vor der Haustür abliefern – aber ich möchte nicht zu spät kommen. Meine Frau wartet zu Hause auf mich.«

»Nicht nötig.« Sie klang so gelassen und zuversichtlich, dass er fast verlegen war wegen seiner Besorgnis. Sie entfernte sich bereits vom Wagen, den Khakisack über den Schultern, der ihre Mähne verdeckte.

»Danke!«, rief sie zu ihm zurück und hob die Hand zum Gruß, ein alabasterweißer Fleck im Zwielicht. Ihre Gestalt wurde undeutlich und verblasste immer mehr, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war. Den ganzen restlichen Heimweg war Eddie nicht im Stande, das Gefühl abzustreifen, dass er irgendwie etwas Unrechtem Vorschub geleistet hatte.

Meredith Mitchell sah den Lastzug vor sich, der kurz vor der Abfahrt Bamford vom Haltestreifen auf die Straße zurückkehrte. Die Rücklichter leuchteten wie wütende rote Augen, als er in die zunehmende Dämmerung davondonnerte. Sie fragte sich, warum er dort angehalten hatte. Vielleicht hatte der Fahrer die Orientierung verloren und auf einer Straßenkarte nachgesehen. Vielleicht hatte er auch ein natürliches Bedürfnis verspürt und angehalten, um sich kurz in die Büsche zu schlagen.

Sie hatte den Laster bereits wieder vergessen, als sie am Ende der Abfahrt stand und auf die Straße nach Bamford einbog. Ihr Herz machte einen Sprung. Es war das letzte kleine Stück auf ihrem Weg nach Hause. Sie war eine Woche lang in den South Downs gewesen und nicht in ihrem Büro im Foreign Office, weil sie gemeinsam mit einigen Kollegen einen Lehrgang geleitet hatte. Zumindest theoretisch dauerte der Lehrgang noch bis zum nächsten Tag, einem Freitag. Erst am Mittag sollte er offiziell enden und Lehrkräfte wie Teilnehmer nach Hause entlassen werden. In der Praxis war praktisch jeder bereits heute, am Donnerstagabend, aufgebrochen und hatte den Lehrgang verlassen.

Meredith hatte sich dem Exodus der Lemminge angeschlossen, weil sie wenig Sinn darin gesehen hatte, auf ihrem Posten zu bleiben wie der zum Untergang verurteilte Wächter bei den Toren von Pompeji. Die wenigen Lehrgangsteilnehmer, die bereit gewesen waren, bis zum Freitag zu warten und ihrem Vortrag zu lauschen, hatten mit sichtlicher Erleichterung zugestimmt, am heutigen Tag eine halbe Stunde länger zu machen, um die restlichen Themen zu besprechen und anschließend ebenfalls nach Hause zu fahren.

Sie hatte Alan angerufen, bevor sie losgefahren war, und hatte ihn über die Änderung des Zeitplans informiert. Sie hatten ausgemacht, dass Meredith direkt zu ihm nach Hause und nicht zu sich fahren würde. Er wollte versuchen, früher Feierabend zu machen und sie in Empfang zu nehmen. Sie würden eine Flasche Wein aufmachen und einen gemütlichen Abend verbringen.

Die Freude darüber, dass sie dem Lehrgang entkommen war und ein gemütlicher Abend auf sie wartete, wurde nur durch die Tatsache ein wenig getrübt, dass sie nicht gerne zur Dämmerstunde mit dem Wagen unterwegs war. Wenn es richtig dunkel war, mitten in der Nacht, wenn die Scheinwerfer die Straße hell erleuchteten, machte es ihr nichts aus. Doch während der Dämmerung mischten sich schwindendes Tageslicht und Scheinwerfer und verwandelten Umrisse in anthropomorphes Leben und Missgestalten. Es erinnerte Meredith jedes Mal an die Szene im Wizard of Oz, als Dorothy, die am Wegesrand stehen bleibt, um einen Apfel zu pflücken, einen gewaltigen Schrecken erleidet, weil der Baum ihr den Apfel wieder entreißt.

Vor ihr war etwas auf der Straße. Es bewegte sich zum Rand hin, als es in den Kegel ihrer Lichter gelangte. Zuerst hielt Meredith es für ein Tier. Kleine Muntjakhirsche wanderten durch die Pflanzungen zu beiden Seiten der Straße, seit sie vor vielen Jahren aus irgendeinem Park entwichen waren; mittlerweile hatte sich ihre Population prächtig entwickelt. Doch es war kein Hirsch, wie Meredith schnell sah, sondern eine menschliche Gestalt. Eine echte menschliche Gestalt und kein Streich, den ihre übereifrige Fantasie ihr spielte. Jemand marschierte die Straße entlang, hier draußen, wenigstens fünf Kilometer von den ersten Häusern der kleinen Stadt Bamford entfernt. Vielleicht jemand von einer Farm?

Als Meredith vorbeifuhr, bemerkte sie, dass es eine junge Frau war, die einen kleinen Rucksack oder etwas in der Art auf der Schulter trug. Es war recht spät für eine Anhalterin, obwohl, um der Wahrheit die Ehre zu geben, die junge Frau keinen Daumen gehoben und auch nicht signalisiert hatte, dass sie mitgenommen zu werden wünschte.

Vielleicht bewog genau das Meredith dazu, auf die Bremse zu treten. Während sie darauf wartete, dass die junge Frau herankam, schaltete sie die Innenbeleuchtung ihres Wagens ein, damit die Fremde sehen konnte, dass eine Frau auf sie wartete und nicht irgendein dämlicher Kerl, der eine Chance witterte.

Doch das eingeschaltete Innenlicht machte es Meredith schwer, etwas im Rückspiegel zu erkennen. Der ehemalige Vorteil des Fahrers war verloren, und nun war es Meredith, die allein in ihrem Wagen saß, gut sichtbar für jedermann, und sich wie in einem Goldfischglas fühlte, während draußen jemand näher kam, der für sie unsichtbar war. Oder waren es mehrere? Es hätten durchaus auch zwei sein können, und Meredith hatte den zweiten schlichtweg übersehen. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, nicht dem Instinkt nachzugeben und anzuhalten. Der Impuls, den guten Samariter zu spielen, endete womöglich noch damit, dass sie von zwei streunenden Hippies überfallen und beraubt wurde. Fast wäre sie wieder losgefahren, doch falls der einsame Fußgänger tatsächlich Hilfe benötigte, würde Merediths Flucht wie ein grausamer Streich aussehen. Also wartete sie.

Als der Fußgänger endlich neben Meredith angekommen war und vor dem Beifahrerfenster auftauchte, da geschah dies so unvermittelt, dass Meredith völlig überrascht wurde. Sie war froh zu sehen, dass die junge Frau allem Anschein nach doch alleine durch die Nacht marschierte.

Meredith riss sich zusammen, ließ das Fenster nach unten und rief: »Hallo, ich fahre nach Bamford – wenn Sie mitfahren wollen?«

»Ich möchte nicht bis ganz in die Stadt, nur bis zu den ersten Häusern.« Die Stimme kam deutlich und akzentfrei, vermittelte den Eindruck von Wohlerzogenheit. Obwohl man darauf heutzutage nicht mehr ohne Weiteres schlussfolgern konnte.

»Fein. Ich setze Sie am Stadtrand ab.«

Die junge Frau nahm auf dem Beifahrersitz Platz und legte ihren Proviantbeutel in den Schoß. Sie starrte geradeaus durch die Scheibe nach draußen, beobachtete den Lichtkegel der Scheinwerfer und schwieg ansonsten.

Das beharrliche Fehlen eines jeden Versuchs einer Unterhaltung war auf Dauer entnervend, und so unternahm Meredith einen Versuch. »Wohnen Sie in Bamford?«

»Nein.« Höflich, doch bestimmt. Das geht Sie nichts an, sagte der Ton.

Meinetwegen, dachte Meredith, die es ebenfalls nicht mochte, von Fremden ausgefragt zu werden. Ihre nächste Bemerkung war auf das Notwendigste beschränkt: »Wo soll ich Sie rauslassen? Wissen Sie, wo Sie hinmüssen?«

Die junge Frau sah Meredith an. »Es heißt Tudor Lodge. Ich glaube – so wurde es mir jedenfalls beschrieben –, es liegt ganz am Rand der Stadt, fast das erste Haus.«

»Ich kenne Tudor Lodge. Es gehört den Penhallows.«

»Ja.«

»Ich kenne Carla Penhallow. Sind Sie eine Freundin von Luke?«

Schweigen. Meredith hatte das Gefühl, als hätte ihre Frage die junge Frau aus der Fassung gebracht.

»Nein.« Die Antwort war einsilbig, wie schon zuvor, doch diesmal fehlte die verschlossene Gelassenheit.

Nun ja, rief sich Meredith ins Gedächtnis, es geht mich tatsächlich nichts an. Sie will es mir nicht verraten, also sollte ich gefälligst meinen vorlauten Mund halten.

Doch ihre Neugier war geweckt und obsiegte über höfliche Diskretion. »Wenn Sie noch nie in Tudor Lodge waren«, hörte Meredith sich fast gegen ihren Willen nachhaken, »dann werden Sie überrascht sein. Es ist ein sehr altes und wunderschönes Haus, auch wenn es gewissermaßen das reinste Flickwerk ist.«

»Flickwerk?« Wenigstens diesmal schwang Neugier in der Stimme der jungen Frau mit. Na endlich, dachte Meredith. Doch noch eine menschliche Regung.

»Der älteste Teil ist elisabethanisch. Er befindet sich auf der linken Seite, wenn Sie das Haus von der Straße her sehen. Auf der rechten Seite befindet sich eine Erweiterung aus georgianischer Zeit. Die Steinveranda ist viktorianisch, Tudorstil. Trotzdem passt alles irgendwie zusammen. Ich beneide Andrew und Carla sehr um dieses Haus.«

»Es klingt hübsch ...« Ein Hauch von Aufforderung weiterzusprechen. Die junge Frau wollte mehr wissen und war nun offensichtlich doch bereit, sich mit Meredith zu unterhalten.

Doch jetzt war die Reihe an Meredith, sich mit Informationen zurückzuhalten. Wer um alles in der Welt war diese junge Frau überhaupt? Sie sah aus wie neunzehn, wirkte gut erzogen und doch so kühl wie Pfefferminze ...

Endlich – ein wenig verspätet – zählte Meredith zwei und zwei zusammen. Die junge Frau musste aus dem Lastzug ausgestiegen sein, an der Abfahrt nach Bamford. Sie war bis dorthin getrampt. Das ergab aber doch keinen Sinn!? Es wäre nur dann logisch gewesen, wenn sie eine Freundin von Luke war, dem Sohn der Penhallows. Eine Studentin, knapp bei Kasse, wie das eben bei Studenten so üblich war. Doch falls sie eine Freundin der Eltern war, entweder von Andrew oder Carla, oder jemand von Carlas Verlag oder dem Fernsehsender, der Carlas populärwissenschaftliche Sendungen produzierte, dann hätte sie doch wohl einen eigenen Wagen gehabt.

Der Name von Bamford leuchtete auf dem Ortseingangsschild auf, zusammen mit dem Namen jener obskuren französischen Partnerstadt. Meredith passierte die letzten Reihen von Hecken, und eine Tankstelle kam in Sicht, unordentlich, doch hell erleuchtet und beruhigend. Hinter der Tankstelle eine Reihe Steincottages, gefolgt von einem kleinen Wäldchen. Sie erreichten die ersten Straßenlaternen, die soeben zündeten und brummend zum Leben erwachten. Und dort lag auch schon Tudor Lodge, ein wenig abgesetzt von der Straße hinter einem eisernen Gitter. Die hohen Schornsteine und der charakteristische spitze Giebel hoben sich noch immer von dem dunkelgrauen Abendhimmel ab.

Meredith lenkte zum Straßenrand. »Da wären wir ...«

Sie unterbrach sich. Die junge Frau hatte bereits die Tür geöffnet und schlüpfte nach draußen.

»Danke fürs Mitnehmen.« Sie schlang sich den Proviantbeutel über die Schulter, lief ein paar Schritte die schmale Einfahrt hinauf und drehte sich dann zu Meredith um. Offensichtlich wartete sie, dass Meredith davonfuhr. Aus Höflichkeit gegenüber ihrer Wohltäterin?

Nein, überlegte Meredith. Wohl kaum. Sie möchte nicht, dass ich zusehe, wie sie zur Tür geht und läutet. Irgendetwas stimmte nicht an der Geschichte, so viel stand fest.

Doch selbst wenn es so war, fiel es Meredith schwer, sich einen Grund für dieses Verhalten vorzustellen. Die junge Frau hatte ausgesehen wie aus der Oberschicht. Um diese Tageszeit, wo die meisten Leute in ihre Häuser zurückkehrten, schien es unwahrscheinlich, dass ein Einbrecher unterwegs war – und falls doch, so war es noch viel unwahrscheinlicher, dass er sich von möglichen späteren Zeugen mitnehmen ließ.

Meredith zwang sich zu einem knappen Lächeln, erwiderte den Abschiedsgruß und machte Anstalten zu fahren.

»Das Dumme mit dir ist«, schalt sie sich, »dass du mit einem Polizisten befreundet bist. Das hat dich misstrauisch gemacht.«

Meredith sah in den Rückspiegel, wo sich die schlanke Gestalt abwandte und das dunkle Tor von Tudor Lodge passierte, um im Dämmerlicht der Gärten dahinter zu verschwinden.

Meredith hörte den Raben nicht, der sich stets als letzter der gefiederten Bewohner eines Gartens zur Nachtruhe niederlässt. Als der Rabe sein Territorium zur Abendpatrouille überflog und den Eindringling erspähte, stieß er ein lautes, sich wiederholendes Krächzen aus. Es war auch gar nicht nötig, dass sie ihn hörte.

Denn trotz aller Bemühungen, ihre Befürchtungen zu unterdrücken, war in Meredith genau wie in Eddie Evans zuvor das beunruhigende Gefühl haften geblieben, etwas Unheilvollem Vorschub geleistet zu haben.

KAPITEL 2

ANDREW PENHALLOW klopfte an der Schlafzimmertür. »Wie geht es dir jetzt?«, fragte er leise.

Aus dem Zimmer dahinter murmelte seine Frau mit schmerzerfüllter Stimme eine unverständliche Antwort. Er öffnete die Tür einen Spaltbreit. Die Vorhänge waren zugezogen und sperrten das wenige noch vorhandene Tageslicht aus. Das Mobiliar des Schlafzimmers war nur in undeutlichen Umrissen zu erkennen. Auf dem Bett in der Mitte des Raums erkannte er eine zusammengekrümmte Gestalt: Carla, seine Frau, bot ein Bild des Elends.

»Entschuldige«, sagte er hilflos. »Kann ich etwas für dich tun?«

»... sterben«, stöhnte das Häufchen Elend.

»Ein Aspirin?«

»Nein ... geh weg ... danke ...«

Er schloss leise die Tür und kehrte über die knarrende Eichentreppe nach unten zurück. Das Haus war von einer warmen, dumpfen Stille erfüllt. Mehr als einmal hatte Andrew gedacht, dass in diesem alten Gebäude während der Dämmerung die Vergangenheit zum Leben erwachte. Es war, als kämen die Geister all jener, die unter diesem Dach gelebt hatten, aus ihren Verstecken hervor, um Geschichten über längst vergangene Lieben und Abenteuer auszutauschen. Um darüber zu jammern, dass sie tot waren, oder sich über die gegenwärtigen Bewohner lustig zu machen. In einem Anflug barocker Fantasie fragte er sich, ob er sich eines Tages zu ihnen gesellen würde. Vielleicht hätte er einen Lieblingsplatz zum Spuken, dort neben dem geschnitzten Pfosten der Treppe, von wo aus er seine Nachfolger beobachten würde, wenn sie hinauf- und hinunterrannten, und sie verspottete, unsichtbar und lautlos. Wenn man erst einmal tot war, so vermutete Andrew, hatte man nicht mehr allzu viele Möglichkeiten. Man musste daraus machen, was man konnte.

Andrew stand achtzehn Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag. Die große Fünf-Null rückte unbehaglich näher. Es deprimierte ihn weniger, als dass es ihn mürrisch machte. Er fürchtete, dass er anfing, die verschrobenen alten Leute zu verstehen, die ununterbrochen über die moderne Jugend schimpften. In Wirklichkeit schimpften sie natürlich darüber, dass sie selbst nicht länger jung waren. War es nicht George Bernard Shaw gewesen, der gestöhnt hatte, dass Jugend bei den Jungen verschwendet war? Würde zu ihm gepasst haben, dachte Andrew. Doch wer auch immer sich so einen Bart wachsen ließ und in Knickerbockers herumlief, hatte sich bestimmt längst von allen jugendlichen Geschmäckern abgewandt.

Am Fuß der Treppe blieb Andrew stehen und gestattete sich einen Blick auf das glatt rasierte Spiegelbild an der Wand. Er war nie attraktiv gewesen. Im Lauf der Jahre hatte er ein wenig zugenommen, was ihm seiner Meinung nach Ausstrahlung und Würde verlieh – die Aura eines erfolgreichen Mannes. Und allzu schlecht sah er auch nicht aus. Einigen seiner Altersgenossen war es viel schlimmer ergangen. Gottgleich als Jugendliche, hatten sie im Lauf der Jahre nicht nur die Haare und die Figur verloren, sondern auch ihren sexuellen Antrieb.

Ohne Zähne, ohne Augen, ohne Geschmack, ohne alles.

»Das ist richtig, Will, alter Junge«, murmelte Andrew und grinste sein Spiegelbild selbstgefällig an. »Du sagst es. Aber nicht ich. Noch nicht, wie?«

Er nickte seinem Spiegelbild ein letztes Mal zufrieden zu, was einen schuldbewussten Stich in ihm hervorrief – nicht, weil er sich selbst in einem eitlen Augenblick überrascht hatte, sondern weil er an seine Frau denken musste. Hier stand er und ergab sich in Eitelkeiten, während Carla, die alte treue Seele, dort oben im Dunkeln lag und sich vor Schmerzen krümmte. Eine absolut unberechenbare Sache, Migräne. Warf sie ohne jede Vorwarnung um. Sie musste irgendetwas gegessen haben, was den Anfall ausgelöst hatte. Das war üblicherweise der Fall, wenn auch nicht immer. Sie hatte heute in London gegessen, auf irgendeinem Treffen mit anderen Schriftstellern, und als sie nach Hause gekommen war, hatte sie bereits die ersten Anzeichen eines Anfalls gehabt, pulsierende Kopfschmerzen, blasse Gesichtsfarbe und aufsteigende Übelkeit. Mit dem klagenden Ausruf »Elende Mousse au Chocolat!« war sie nach oben gestolpert und auf dem Bett zusammengebrochen, und seither hatte sie sich nicht mehr gerührt.

Andrew hatte oft Schuldgefühle wegen Carla. Gelindert wurden sie durch die Tatsache, dass sie in beruflicher Hinsicht eine äußerst erfolgreiche Frau war und sich einen Namen gemacht hatte. Für Langeweile war keine Zeit. Manchmal fragte er sich jedoch, ob sie sich in Wirklichkeit nicht viel mehr eine erfolgreiche Ehe mit ihm gewünscht hätte und dass dieser Wunsch irgendwie beiden entgangen war.

Er hatte, wie es im Innern viele Männer taten, von Abenteuern geträumt, von Reisen und von Dingen, die er als Herausforderungen ansehen konnte. Es waren die Sehnsüchte eines langweiligen, bücherversessenen Kindes gewesen, die sich im Erwachsenenalter zu einer Art spielerischer Cleverness verwandelt hatten.

Doch nun stand das mittlere Alter vor der Tür, und mit ihm waren die ersten beunruhigenden Untertöne einer unangenehmen Wahrheit laut geworden. Dass all seine Träume Fantasie geblieben waren. Dass er nichts getan hatte, was andere vor ihm nicht ebenfalls vollbracht hätten. Dass er über einen Pfad getrottet war, den vor ihm Generationen von im Grunde genommen langweiligen Männern ausgetreten hatten. Und irgendwo auf diesem Weg zwischen Fantasie und Realität hatte er Carla schreckliches Unrecht zugefügt.

Erneut brachte er sein schlechtes Gewissen zum Schweigen. Gott im Himmel, sie waren seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet! Man konnte nicht sagen, die Ehe hätte nicht funktioniert. Im Kreis ihrer Freunde und Bekannten bedeutete ein Vierteljahrhundert mit ein und dem gleichen Partner so etwas wie einen einsamen Rekord.

Wie es aussah, hatte er den Abend und das Haus für sich allein. Noch drei Tage, bis er wieder nach Brüssel musste. Drei Tage, die er wirklich besser nutzen sollte, um liegen gebliebene Angelegenheiten zu erledigen. Das Dumme mit langfristigen Arrangements war, dass, wenn sie dann tatsächlich endeten, niemand auf das Danach vorbereitet war. Es war ein Schock, der ihn fast in Depressionen hatte fallen lassen, wie kompliziert all das war. Nicht imstande zu sein, die Sorgen zu zeigen oder mit jemandem zu teilen, war ebenfalls schwierig, und nach so vielen Jahren hatte es ihn sehr traurig gemacht.

Erneut meldete sich das schlechte Gewissen und wies darauf hin, dass das Bedauern in seinem Fall durchaus mit Erleichterung verbunden gewesen war. Was ihm in jüngeren Jahren nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitet hatte, war mit den Jahren zu einer herkuleanischen Kraftanstrengung geworden. Nicht die sexuelle Seite, sagte er sich hastig. Nein, die Ausflüchte. Die verschiedenen Geschichten, die Anstrengung, sich nicht zu verplappern. Die eine Sache, die er nie gewollt hatte, sagte er sich, wie es alle selbstsüchtigen Männer taten, war, Carla zu verletzen. Er hatte stets endlose Schwierigkeiten auf sich genommen, um seiner Frau nicht wehzutun.

Er fühlte sich rechtschaffen, als er nun in die Küche ging und den elektrischen Wasserkocher einschaltete, während ein abgestumpfter Gedanke dem nächsten folgte, unbeachtet wie die schrillen Reklameschilder an einem langen Bauzaun. Mach dir eine Tasse Tee, sieh ein wenig fern, wirf einen Blick in die Zeitung, geh zu Bett. Schlaf im Gästezimmer und lass die arme alte Carla allein in ihrem Elend. Eine Schande.

Während der Wasserkocher langsam anfing zu rauschen, ging er zum Fenster und sah nach draußen in den Garten hinter dem Haus. Das Merkwürdige an diesem Haus war, dass es – traditionsgemäß – einen Geist besaß, doch es war kein Geist, der im Haus gespukt hätte. Es war ein Geist, der draußen spukte. Andrew hatte ihn nie zu Gesicht bekommen.

Mrs Flack, die Haushaltshilfe, konnte unzählige Geschichten von Leuten erzählen, die den Geist gesehen hatten. Sie selbst eingeschlossen, vor längerer Zeit, als sie gekommen war, um dem beauftragten Partyservice bei einer Dinnerparty zur Hand zu gehen. Normalerweise arbeitete Mrs Flack vormittags und verließ das Haus spätestens am frühen Nachmittag. Doch sie betrachtete die Küche als ihr Reich und wollte da sein, um die Leute vom Partyservice zu beaufsichtigen, und sie hatte düster und rundheraus unfair erklärt, es wäre für den Fall, »dass sie etwas zerbrechen oder die silbernen Löffel zu sehr mögen. Man kann nie wissen, schließlich sind es Fremde«. Als sie an jenem Abend nach draußen gegangen war, um die Reste von den Tellern und Platten des Hauptgangs zu entsorgen, hatte sie einen kühlen Zug im Nacken gespürt, als sie in der Dämmerung an der Mülltonne gestanden hatte.

»Ich hätte schwören können, Mr P., dass jemand hinter mir gestanden hat, so wirklich, wie es nur sein kann. Ich hab mich umgedreht und damit gerechnet, jemanden zu sehen. Und wissen Sie was? Nichts, nicht einmal ein Würstchen. Aber da war dieses überwältigende Gefühl von Trauer. Ich kann es wirklich nicht erklären.«

Andrew konnte. Mrs Flack hatte den Wein probiert. Sie hatte eine Menge Wein probiert an jenem Abend, und nicht an allem war der Partyservice schuld.

Andrew schien sich seinen Unglauben angemerkt haben zu lassen, denn Mrs Flack hatte sich aufgeplustert und ihn informiert, dass viele andere das arme Mädchen ebenfalls gesehen hätten. »Das arme Mädchen« war eine Jungfrau in puritanischen Gewändern, ein Echo der turbulenten Geschichte des Hauses. Heutzutage gab es, soweit Andrew es beurteilen konnte, in Bamford keine Puritaner mehr. Kein Wunder, dass der Geist so traurig umherwandelte.

Er kicherte vor sich hin, als er sich umdrehte und seinen Tee zubereitete. Er stellte ihn auf ein Tablett und fügte ein Stück Obstkuchen hinzu, wobei er sich fühlte wie ein Schuljunge, der eine Kiste mit Süßigkeiten stahl. Er machte Anstalten, sich mit seinem Tablett ins Wohnzimmer zurückzuziehen.

In diesem Augenblick klopfte jemand an der Hintertür.

Andrew stellte überrascht das Tablett ab. Wer um alles in der Welt mochte das sein? Vielleicht war es gar niemand. Vielleicht war es bloß ein Ast, der vom Wind gegen die Tür geworfen worden war, oder trockene Blätter. Es war spät, Andrew erwartete niemanden mehr, und außerdem kamen Besucher in der Regel zur Vordertür.

Erneut klopfte es, beharrlicher diesmal. Es war jemand dort. Offensichtlich, vermutete Andrew, war jemand um das Haus herumgekommen, weil die Vordertür im Dunkeln lag, hatte das Licht in der Küche gesehen und versuchte nun, dort eingelassen zu werden.

Andrew mochte die Vorstellung nicht, dass jemand am frühen Abend um das Haus herumschlich. Er musste daran denken, die Alarmanlage einzuschalten, bevor er zu Bett ging. Er trat ans Fenster und sah nach draußen, doch er konnte nicht erkennen, wer an der Tür stand. Über dem Garten hing bleiernes Dämmerlicht, doch es war noch nicht dunkel. Offensichtlich doch noch nicht zu spät für einen unangemeldeten Besucher.

»Einen Augenblick bitte!«, rief er und setzte sich in Bewegung, um die Tür zu öffnen. Eine kühle Brise wehte herein. Es dauerte einen Moment, bis seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Dann erkannte er eine Gestalt, die sich ihm näherte. Eine schlanke, weibliche Gestalt materialisierte sich vor ihm, mit langen Locken, die im Wind flatterten.

Zuerst durchfuhr ihn ein Schock, und Aberglaube lähmte ihn, dann erkannte er seine Besucherin. »Was zur Hölle willst du denn hier?«, ächzte er.

Alans Haus lag in völliger Dunkelheit, als Meredith den Wagen am Bordsteinrand parkte. Nichts anderes hatte sie erwartet. Sie öffnete mit ihrem eigenen Schlüssel, klaubte den Stapel Post auf, der hinter der Tür auf dem Boden lag, und nahm ihn mit in die Küche am anderen Ende des engen Hausflurs. Sie schaltete das Licht ein und stöhnte auf.

Offensichtlich war Alans Haushaltshilfe an jenem Morgen nicht da gewesen. Verbrannter Toast lag dort, wo Alan ihn hatte liegen lassen, auf dem Ablaufbrett der Spüle. Mehrere Tassen mit eingetrockneten Resten von Tee und Kaffee standen umher. Der Abfalleimer quoll fast über. Auf dem Tisch lag aufgeschlagen die neueste Ausgabe von The Garden, dem Magazin der Royal Horticultural Society, umgeben von Brotkrumen.

»Ich weigere mich«, sagte Meredith laut vor sich hin, »für irgendjemand anderen die Hausarbeit zu erledigen.« Sie legte Alans Post neben die Zeitschrift.

Sie war nicht wild auf Hausarbeit, nicht einmal auf ihre eigene, doch nachdem sie sich eine Tasse Tee gemacht hatte, setzte bald Langeweile ein. Es konnte noch eine ganze Weile dauern, bis Alan kam. Vielleicht war er von einem neuen Fall aufgehalten worden, oder sonst etwas war ihm dazwischen gekommen. Es passierte mehr oder weniger regelmäßig und führte dazu, dass sie seine Arbeit bei der Polizei insgeheim verfluchte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte auch ihr eigener Beruf schon mehrfach zu unerwarteten Änderungen gemeinsamer Pläne geführt. Sie hängte ihre Schultertasche über eine Stuhllehne, schaltete den Wasserkocher ein und machte sich daran, die Küche aufzuräumen.

Sie war gerade fertig und hatte ihren Tee getrunken, als sie einen Schlüssel im Schloss hörte und jemand draußen im Flur die Füße abtrat. Alan, die blonden Haare ungewöhnlich zerzaust und das schmale Gesicht gerötet, platzte in die Küche. Sie unterdrückte den Impuls zu lachen, weil in seinem Gesicht ein Ausdruck von Eifer und Schüchternheit zugleich stand, miteinander vermischt auf eine Weise, wie sie es noch bei keinem anderen Mann gesehen hatte. Seine blauen Augen brannten vor unstillbarer Neugier wie immer, als erwartete er etwas von anderen, irgendeinen Hinweis auf die gleiche Intelligenz. Er verlor niemals, sinnierte sie ironisch, nicht einmal in den extremsten Situationen, seine natürliche Aura der Vornehmheit. Wie er nun vor ihr stand, erinnerte er sie an einen aufgeregten Afghanen, der witternd die Schnauze in den Wind streckte, während er das glänzende Fell schüttelte und auf hohen, schlanken Beinen umhertrabte, als stünde er im Begriff, zu einem Abenteuer aufzubrechen.

»Ausgezeichnetes Timing!«, begrüßte Meredith ihn, während sie ihm entgegenging, die Arme hob und um seinen Hals schlang.

Er sah sie angenehm überrascht an, denn von Natur aus war Meredith eher zurückhaltend.

»Es tut mir Leid ...«, ächzte er und küsste sie flüchtig. »Ich hab versucht, früher Feierabend zu machen. Ich hatte den Telefonhörer nach unserem Gespräch noch nicht wieder auf die Gabel gelegt, als sich die Dinge plötzlich überschlugen ...«

»Keine Sorge«, beruhigte sie ihn, während Gewissensbisse in ihr aufstiegen. »Es ist sowieso nur gestohlene Zeit, das sagte ich doch bereits. Eigentlich wäre ich erst morgen Mittag weggekommen, aber wir haben früher Schluss gemacht. Wie war deine Woche so?«

»Langweilig. Wie war der Lehrgang?«

Meredith dachte über die Frage nach, bevor sie antwortete. »Wie solche Lehrgänge üblicherweise sind. Insgesamt eine gute Gruppe, auch wenn die meisten die Veranstaltung als eine Woche Freizeit mit ein paar lästigen Hausarbeiten zwischendurch betrachtet haben.«

»Dann sieh es doch genauso«, empfahl Alan und trat zu dem Weinregal.

»Ich hatte eine Menge Arbeit mit der Lehrgangsvorbereitung ...«, setzte Meredith zu einem Widerspruch an, doch als sie sah, dass Alan bereits eine Flasche in der Hand hielt und sie nun mit einem fragenden Blick bedachte, verschluckte sie den Rest ihrer Worte. Wen interessierte es auch schon? Sie jedenfalls hatte ihren Teil getan.

»Meinetwegen. Ja, der ist richtig, darauf habe ich Lust.« Sie streckte und räkelte sich wie eine Katze, dann entspannte sie sich wieder. »Jetzt fängt das Wochenende an! Die Heimfahrt lief glatt, kein Stau, kein zäh fließender Verkehr, nichts. Morgen Nachmittag wäre es bestimmt schlimmer geworden, wenn der Wochenendverkehr einsetzt und alle nach Hause wollen. Das haben auf dem Lehrgang auch alle gesagt, und deswegen sind wir heute schon nach Hause gefahren.«

»Ich habe eine Idee«, erklärte er, während er mit dem Korkenzieher kämpfte. »Gib mir zwanzig Minuten zum Duschen und Umziehen, und wir gehen in das neue griechische Restaurant essen. Es soll ziemlich gut sein, habe ich gehört.«

»Das klingt prima. Aber du musst nicht hetzen; lass dir Zeit. Wir haben Wochenende! Auch wenn ich vermute, dass du morgen schon wieder arbeiten wirst.«

Er schnitt eine Grimasse. »Wahrscheinlich. Vielleicht bin ich auch bis zum Mittag schon wieder da. Ich verspreche dir, dass ich mich bemühen werde. Wir unternehmen diesmal etwas Besonderes, etwas anderes. Eine Abwechslung vom Alltag.«

Meredith erschauerte. Alltag. Das gefürchtete Wort. Das Leben wurde allmählich vorhersehbar. Sechsunddreißig Jahre lang hatte sie diesen Abgrund erfolgreich vermieden, und nun näherte sich unerbittlich die Aussicht auf ein geregeltes Leben ohne weitere Überraschungen. Die Rolle, die sie im Verlauf der letzten vier Tage hatte spielen müssen, hatte dieses Gefühl noch verstärkt.

Laut und mehr, um sich selbst zu beruhigen als alles andere, sagte sie zu Alan: »Ich hab heute Abend eine Regel gebrochen, die ich mir selbst aufgestellt hatte. Ich habe eine Tramperin mitgenommen.«

Ein polizeiliches Stirnrunzeln. »Sehr unvorsichtig von dir.«

»Es war ein Mädchen.«

»Gewalttäter sind nicht ausschließlich Männer. Die Mädchen sind heutzutage manchmal schlimmer als die Jungen«, entgegnete er düster.

»Dieses Mädchen war sehr wohl erzogen und attraktiv ... sie war auf dem Weg nach Tudor Lodge.«

Das weckte seine Aufmerksamkeit. Er stellte die geöffnete Flasche ab, ohne ein Glas gefüllt zu haben. »Eine Anhalterin auf dem Weg nach Tudor Lodge? Bestimmt eine Freundin des jungen Luke.«

»Das dachte ich mir auch, aber als ich sie danach gefragt habe, sagte sie Nein. Ich war überrascht. Natürlich könnte sie auch gelogen haben.«

Meredith erkannte, dass »gelogen« vielleicht ein wenig übertrieben klang, und sie beeilte sich, ihre Worte abzuschwächen. »Sie hat jedenfalls nicht gezögert, bevor sie Nein sagte. Andererseits war sie noch sehr jung und sah wirklich atemberaubend aus. Sie hatte eine prächtige Mähne. Sie war sehr selbstbewusst, vielleicht sogar ein wenig hochmütig.« Meredith schnitt eine Grimasse angesichts des altertümlichen Wortes, doch es schien passend. »Sie hatte ein sehr vornehmes Benehmen für eine so junge Frau«, erklärte sie und fügte nachdenklich hinzu: »Sie ist wahrscheinlich aus dem Lastzug ausgestiegen.« Meredith hob eine Hand und schob sich geistesabwesend eine dunkle Locke aus der Stirn.

»Was für einem Lastzug?« Alan war abgelenkt, bis ihm plötzlich der Wein wieder einfiel. Er schenkte zwei Gläser voll.

»Danke. Cheers!« Sie hob ihr Glas und trank einen Schluck. »Sehr gut. Nun ja, da war ein Lastzug oben an der Ausfahrt, und ich glaube, sie ist aus diesem Lastzug ausgestiegen. Natürlich nur eine Mutmaßung. Sie hatte nur eine kleine Umhängetasche, kein großes Gepäck, und sie hat auch nicht den Daumen gehoben. Ich dachte, es wäre schon ein wenig dunkel, und es war einsam dort draußen, und so beschloss ich, den guten Samariter zu spielen.« Meredith zögerte. »Ich glaube nicht, dass diese junge Frau schon einmal in Tudor Lodge gewesen ist. Ich frage mich, ob sie erwartet wurde. Ich hatte irgendwie das merkwürdige Gefühl, dass niemand mit ihrem Besuch rechnet. Und ich muss dir sagen, diese ganze Geschichte war schon ziemlich eigenartig.«

»Ist Andrew denn diese Woche zu Hause?«, erkundigte sich Alan.

»Ich denke schon. Ich war letzte Woche bei Carla. Sie erwartete Andrew für den Abend. Die meiste Zeit über weiß sie nicht, wann er auftaucht. Er ist sehr beschäftigt. Carla war aufgebracht, weil er das ganze Jahr noch keine Zeit hatte, um Luke beim Rugby zuzusehen. Sie war ein paar Mal in Cambridge, um sich die Spiele anzuschauen, doch ich denke, der Junge hätte lieber seinen Vater dabei gehabt. Andrew stört es ebenfalls. Ich schätze, sie haben sich irgendwie daran gewöhnt. Andrew arbeitet seit Jahren für die EU, in Brüssel oder Straßburg oder wo auch immer er gerade gebraucht wurde. Das Familienleben der Penhallows muss ganz schön durcheinander sein.«

»Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, mal wieder ein wenig mit Andrew zu plaudern«, sinnierte Alan. »Wir haben uns seit Gott weiß wie lange nicht mehr gesehen, und das ist eine Schande, wenn man bedenkt, wie nahe wir beieinander wohnen.«

»Wir waren beide an Neujahr zum Abendessen bei den Penhallows eingeladen«, erinnerte Meredith ihn. »Aber du musstest wegen irgendeiner Fälschungsgeschichte arbeiten und hast abgesagt.«

»Wir machen es wieder gut. Sprich mit Carla und finde heraus, wann Andrew das nächste Mal zu Hause ist, und dann gehen wir alle zusammen zum Essen aus und reden von den guten alten Zeiten.«

Meredith schnitt eine Grimasse. »Etwa alte Schulgeschichten und so weiter? Ihr wart im gleichen Jahrgang, richtig?«

»Nicht ganz. Andrew Penhallow war ein Jahr über mir. Die Älteren haben sich nicht mit den Jüngeren abgegeben, deswegen waren wir nicht befreundet. Ich erinnere mich, dass er als Junge dick gewesen ist und die meiste Zeit über die Nase in Bücher vergraben hatte. Er war vor uns allen reif, gestern vierzehn, heute vierzig, du kennst diese Sorte. Auf direktem Weg zur Universität, und die Schule rieb sich die Hände angesichts eines zukünftigen Stipendiaten. Man konnte sich darauf verlassen, dass er einen lateinischen Text ohne Stolpern vortrug. Nutzlos im Sport, bei Mannschaftsspielen und so weiter.« Markby runzelte die Stirn. »Ich frage mich, wer diese mysteriöse junge Frau gewesen sein mag? Bestimmt wurde sie von den Penhallows erwartet.«

»Ich bin ziemlich sicher, dass sie nicht erwartet wurde. Irgendetwas an ihr ...« Meredith zögerte, während sie nach den richtigen Worten suchte. »Irgendetwas an ihr war so ... verstohlen. Nicht im Sinne von Schleichen, das meine ich nicht. Sie hat nicht versucht, ihr Gesicht zu verstecken. Ich sagte dir ja, sie war ziemlich selbstbewusst. Ich hatte einfach nur so ein merkwürdiges Gefühl. Ich hoffe doch, ich habe nichts Falsches getan, indem ich sie zum Haus der Penhallows gebracht habe?« Ihre Stimme hatte einen besorgten Klang angenommen.

»Wenn sie auf dem Weg zu den Penhallows war, dann wäre sie mit oder ohne deine Hilfe dorthin gekommen«, versicherte Markby ihr hastig.

Merediths Auge fiel auf die aufgeschlagene Ausgabe von Markbys Gärtnermagazin. Auf der Seite war ein Bild eines traditionellen Cottage-Gartens, eines unordentlichen Fleckens ohne Form und Farbe. Sie legte den Finger auf das Bild.

»Wusstest du eigentlich«, fragte sie Markby, »dass die Penhallows einen Geist in ihrem Garten haben?«

»Mal etwas anderes als Gartenzwerge mit Angelruten, nicht wahr?«

»Ich meine es ernst. Der Geist soll seit dem englischen Bürgerkrieg dort spuken, seit den 1640er Jahren. Ich sage der, aber ich sollte eigentlich sagen sie. Es ist nämlich eine junge Frau.«

»Und Carla hat diese geisterhafte Erscheinung gesehen, wie? Vor oder nach einem kräftigen Schluck an der Schlafmittelpulle?«

»Du bist einfach zu zynisch«, sagte Meredith. »Das kommt von deiner Polizeiarbeit. Nein, es war eine traurige Liebesgeschichte, die durch unterschiedliche politische Herkunft der Liebenden zu Grunde ging. Ein Haufen Unsinn, schätze ich, aber trotzdem oder gerade deswegen so romantisch.«

Er beugte sich vor und stieß mit seinem Glas leicht gegen ihres. »Ich habe immer gewusst, dass unter dieser harten Schale ein romantisches Herz schlummert.«

»Ich habe keine harte Schale!«, begehrte sie indigniert auf, und ihre braunen Augen funkelten. »Und wo wir schon dabei sind, ich bin auch nicht besonders romantisch. Aber ich mag die einheimische Geschichte, und diese hier sollte dir eigentlich entgegenkommen. Es ist nämlich eine schaurige Mordgeschichte!«

Er lehnte sich zurück. »Dann lass mal hören.«

»Nun ja, die Familie, die zur damaligen Zeit in Tudor Lodge lebte, gehörte zu den Rundköpfen, den Parlamentaristen. Die sechzehnjährige Tochter des Hausherrn hatte jedoch einen Liebsten, und er stammte aus einer royalistischen Familie. Und als die Sache des Königs verloren schien, traf die Familie des jungen Mannes Vorkehrungen für seine Flucht nach Frankreich. Doch er wollte ein letztes Mal zu seiner Liebsten, und er sandte ihr eine Nachricht durch einen vertrauenswürdigen Diener, dass sie bei Einbruch der Dämmerung im Garten hinter ihrem Haus auf ihn warten sollte.

Doch der Diener verriet seinen Herrn, und auf dem Weg zum Treffpunkt wurde er von Rundköpfen in einen Hinterhalt gelockt und getötet. Und wann immer heutzutage ein Unglück über den jeweiligen Bewohnern von Tudor Lodge schwebt, kann man in der Dämmerung den Geist der jungen Liebenden sehen, die traurig durch den Garten streift und auf ihre verlorene Liebe wartet.«

»Wann immer ein Unglück über den Bewohnern schwebt, wie?«, sagte der ungläubige Markby mit einem schiefen Grinsen. »Dann hoffen wir lieber, dass niemand diesen Geist in letzter Zeit gesehen hat, was?« Sein Grinsen wurde breiter. »Es sei denn natürlich, sie hat ihren Stil geändert, sich einen modernen Rucksack besorgt und trampt nun per Anhalter durch das Land, um nach Tudor Lodge zu kommen.«

KAPITEL 3

ANDREW HATTE nicht gewusst, wie er sich verhalten sollte, und seine Überraschung mühsam verborgen, indem er sich in triviale Höflichkeiten flüchtete. Er hatte seiner Besucherin eine Tasse Tee eingeschenkt und ihr ein Stück Kuchen angeboten. Es verschaffte ihm ein wenig Zeit zum Nachdenken, wenn schon nichts anderes. Er hatte immer noch keine Ahnung, wie er seine Zwangslage lösen konnte.

Sie hatte den Tee angenommen, doch nicht den Kuchen, und nun saß sie in einem Windsor-Sessel am Tisch und wartete. Ihre Hände ruhten auf den geschwungenen Armlehnen aus poliertem Holz. Zu ihren Füßen lag die khakifarbene Tasche, eine Art Proviantbeutel, wie er in Armeebekleidungsläden verkauft wurde. Ihr hübsches Gesicht, das ihn ausdruckslos unter der prachtvollen Mähne hervor ansah, erinnerte ihn unwillkürlich an eine Venus von Botticelli. Sie hatte ihn völlig in ihrer Gewalt. Es war keine Situation, die er genoss oder die länger andauern durfte als unbedingt nötig. Es gab immer einen Ausweg. Er war ausgebildeter Anwalt und war gut darin, Schlupflöcher zu finden. Diese – vorübergehende – Hilflosigkeit war eine sowohl neue als auch unerfreuliche Erfahrung für ihn.

Er zerbröselte nervös seinen Kuchen zwischen den Fingern, was den Schweiß an den Händen noch klebriger machte. »Du hättest wirklich nicht herkommen sollen, Kate«, sagte er.

»Bist du denn nicht froh, mich zu sehen?« Endlich rührte sie sich, zu seiner großen Erleichterung, doch nur, um an ihrer Teetasse zu nippen. Er fragte sich, ob sie überhaupt etwas getrunken oder ob sie nur so getan hatte.

Es gab eine ganz ähnliche Episode in Der Graf von Monte Christo, wenn er sich recht entsann: Der verkleidete Held der Geschichte, in der Absicht, jene zur Strecke zu bringen, die ihn betrogen haben, besucht das Haus eines der Schurken und liefert ihm einen Hinweis auf seine wahre Identität, indem er sich weigert, etwas zu essen oder zu trinken. Das Brot mit einem Feind zu brechen hätte bedeutet, sich selbst den Luxus der Rache zu versagen.

War es das, was sie wollte? Irgendeine Art von Rache? Die Frage brannte Andrew auf der Zunge, doch er wagte nicht sie auszusprechen. Zur gleichen Zeit sagte er sich, dass die Vorstellung Unsinn war. Sie war lediglich gekommen, weil sie ihn sehen wollte.

»Selbstverständlich bin ich froh, dich zu sehen, Liebling«, antwortete er. »Aber nicht hier ... ich meine, meine F ...« Er brachte es nicht fertig, das Wort in ihrem Beisein auszusprechen. »Carla ist oben.«

»Ah.« Spott funkelte in ihren grauen Augen. »Sie könnte herunterkommen und uns überraschen? Dein kleines schuldbewusstes Geheimnis entdecken?«

»Sie ist krank«, entgegnete er kalt. »Sie leidet an Migräne. Sie wird nicht nach unten kommen, und ganz ehrlich, Kate, ich mag die Art und Weise nicht, wie du das gesagt hast. Es gibt kein kleines schuldbewusstes Geheimnis.«

»Oh. Sie weiß also Bescheid?«

Andrew errötete und wurde zornig. »Nein! Ich habe nie ... es war nicht nötig.«

»Also doch ein Geheimnis.«

»Na schön, wenn du es so willst, ja, es ist ein Geheimnis. Aber nein – es hat nichts mit Schuld zu tun.«

Er wusste sogleich, dass er einen Fehler begangen hatte. Irgendein verdammter freudianischer Impuls hatte ihm die Worte in den Mund gelegt. Wenn es keine Frage von Schuldbewusstsein war, warum hatte er dann überhaupt davon angefangen? Warum hatte er sich in die Defensive drängen lassen, wenn es nichts gab, dessen er sich zu verteidigen hatte? Wäre Andrew irgendein einfacher Übeltäter vor dem Richter gewesen, hätte jeder halbwegs gescheite Staatsanwalt diesen Versprecher bemerkt und seine Aussage in der Luft zerrissen!

Mit einem Mal hatte er das unangenehme Gefühl, ein bloßer Zuschauer zu sein – als hätte er sich zu den Geistern gesellt, über die er vorhin sinniert hatte, als sähe er sich dort sitzen, wie er schwitzte und über seine eigenen Worte stolperte. Wie lächerlich er aussehen musste, wie lächerlich seine Worte klangen! Das Bild, das er erst kurze Zeit zuvor von sich heraufbeschworen hatte, wich dem wenig schmeichelhaften Anblick eines stümperhaften, wichtigtuerischen Trottels. Kalter Angstschweiß brach ihm aus, und er fragte sich, ob es das war, was sie sah, wenn sie ihn anblickte. Sie konnte dieses fatale Wort unmöglich überhört haben. Er fürchtete sich davor, dass sie ihn auslachen könnte.

Doch stattdessen sagte sie plötzlich kühl: »Du hast dich nicht gemeldet.«

Das war es also. Fast wäre er vor Erleichterung in Tränen ausgebrochen. Sie war gekränkt, und deswegen war sie hergekommen. Damit kannte er sich aus, und dafür hatte er die passenden Worte.

»Hör zu, Liebling, ich wollte mich melden, aber ich hatte so verdammt viel zu tun. Ich bin ein sehr beschäftigter Mann, und die Leute erwarten meine volle Aufmerksamkeit. Ich habe so viel im Kopf herumschwirren, und ich trage sehr große Verantwortung.«

Zur Hölle, schon wieder hatte er es getan! Die falschen Worte drängten sich förmlich über seine Lippen. Er hätte nicht von Verantwortung anfangen dürfen! Ziemlich kleinlaut fuhr er fort: »Du weißt, dass ich die halbe Zeit damit verbringe, zwischen dem Festland und der Insel hin- und herzureisen, und wenn ich mal ein paar freie Tage habe, dann bin ich offen gestanden meistens zu erschlagen, um irgendetwas zu unternehmen.«

»Warte mal«, sagte sie. »Wie lange dauert es, eine Postkarte zu schreiben? Während du im Flugzeug oder im Eurostar sitzt, hast du doch bestimmt jede Menge Zeit, um eine kurze Karte zu schreiben? Wie lange dauert die Durchfahrt durch den Eurotunnel? Zwanzig Minuten? Ja, reichlich Zeit, um eine Karte zu schreiben.« Der Spott in ihrer Stimme nahm zu.

Viel zu spät unternahm er einen zaghaften Versuch, moralische Überlegenheit zu zeigen und dadurch die Kontrolle zurückzugewinnen. »Das reicht nun, Kate!«, sagte er scharf. »Es ist völlig unnötig, so schnippisch zu sein! Ich gebe zu, dass ich dir eine Karte schreiben oder dich hätte anrufen sollen. Aber du hättest mich auch wissen lassen können, dass du auf dem Weg hierher bist, anstatt so mir nichts, dir nichts aufzutauchen.«

»Ich hätte natürlich bei dir zu Hause anrufen können«, entgegnete sie. »Möglicherweise hätte Carla das Gespräch entgegengenommen. Ich hätte ihr sagen können, ich wäre deine Sekretärin.«

Nun war er wirklich befremdet. »Warum bist du so grausam?«, fragte er. »Wann hat es dir jemals an etwas gefehlt? Ich habe wirklich immer mein Bestes getan für dich.«

Sie beugte sich vor, und endlich war Emotion in ihren grauen Augen. Hass, wie er mit Entsetzen feststellte.

»Du hast mich sitzen lassen.«

»Ich habe dich nicht ... nein, das ...«, ächzte er. »Ich habe versucht dir zu erklären, dass ich sehr viel Arbeit hatte. Ich wollte dich anrufen oder dir schreiben, sobald ich wieder in Brüssel angekommen wäre, ehrlich. Außerdem hast du zweimal deine Londoner Adresse gewechselt. Ich habe versucht dich anzurufen, es ist gar nicht so lange her, aber es war jemand Fremdes am Apparat.«

Das war schon besser. Es war schließlich nicht seine Schuld. Seine Stimme wurde kalt und selbstgerecht. Doch sie zerquetschte seine neu gewonnene Zuversicht rasch wieder.

»Ich wohne seit vier Monaten in meiner gegenwärtigen Wohnung«, entgegnete sie kühl. »Ich habe dir geschrieben und dir meine neue Adresse und Telefonnummer mitgeteilt.«

»Ich weiß nicht, warum du aus dem Cottage ausgezogen bist«, murmelte er.

»Weil ich nicht dort wohnen wollte, klar? In Cornwall, am Ende der Welt, meilenweit von jeder anderen Menschenseele entfernt! Das hätte dir so gefallen, wie? Mich auf dem Land zu verstecken, wo niemand zufällig über mich stolpern konnte. So hattest du es immer am liebsten, ist es nicht so?«

»Das ist nicht wahr, und das ist ungerecht«, entgegnete Andrew spröde und gepresst. Er verhielt sich nun wie gegenüber seinen Geschäftspartnern, und normalerweise wirkte es. Diesmal jedoch nicht. Nicht bei ihr.

Sie lehnte sich lässig in ihrem Sessel zurück und wischte seinen großspurigen Protest beiseite. »Ich habe übrigens Luke kennen gelernt.«

»L-luke ...?« Andrew zuckte zusammen, als hätte jemand auf ihn geschossen. »Wo?«

»Auf einer Party, nach einem Rugbyspiel. Ich bin mit ein paar Freundinnen hingegangen, um mir das Spiel anzusehen, und irgendwie haben wir uns eine Einladung auf die Party hinterher erschnorrt. Er ist unglaublich fit, nicht wahr? Und er sieht ziemlich gut aus.«

»Du hast es ihm doch nicht gesagt?« Aus Andrew sprach nackte Angst.

»Natürlich nicht. Obwohl ich mir denken könnte, dass der arme Junge es gerne wissen würde. Aber ich war nicht bereit, es ihm zu sagen – noch nicht. Sie waren damit beschäftigt, ihren Sieg zu feiern, und ziemlich betrunken. Er hätte überhaupt nicht registriert, was ich ihm gesagt hätte. Ich habe ein Bild dabei. Möchtest du es sehen?«

Sie griff in ihre Umhängetasche und zog einen gelben Umschlag von der Sorte hervor, in der entwickelte Fotos beim Drogeriemarkt abgeholt werden. Sie blätterte durch den Inhalt und reichte ihm einen Abzug.

»Hier. Den kannst du behalten, wenn du magst.« Sie legte die restlichen Bilder auf den Tisch.

Das konnte nicht sein – das war nur ein böser Traum. So hatten sich die Dinge nie entwickeln sollen. Er war so dumm gewesen. Er hätte es vorhersehen müssen. Das war ein Albtraum. Carla lag oben im Schlafzimmer und kämpfte mit ihren Kopfschmerzen und der Übelkeit, doch sie litt bestimmt nicht mehr als er. Trotzdem, was für ein Glück, dass sie ausgerechnet heute ihren Migräneanfall hatte. Wenigstens würde sie nicht nach unten kommen und hereinplatzen. Wie hätte er es erklären sollen? Wie konnte er eine Erklärung anbieten, die nicht wie eine faule Ausrede klang? Er fühlte sich ganz elend. Warum hatte er nicht die ganze Zeit über mit offenen Karten gespielt? Warum hatte er es nicht allen gesagt, frei und offen heraus?

Der Schnappschuss war gelungen. Eine Gruppe ausgelassener junger Leute, gesund, attraktiv, voller Selbstbewusstsein – die Welt war ihr Zuhause. Jemand schwenkte eine Champagnerflasche. Die meisten waren bereits betrunken, das sah man deutlich, sogar Luke. Andrew war erleichtert, denn es bedeutete, dass Luke sich höchstwahrscheinlich nicht an sämtliche Einzelheiten dieser Begegnung erinnerte. Dann spürte Andrew einen Stachel der Eifersucht in sich, denn er selbst war nie der sportliche Typ gewesen. Er hatte stets die Kameradschaft beneidet, die Feiern nach den Spielen, das Selbstvertrauen, das die sportlichen Jugendlichen ausgestrahlt hatten.

Doch der Anflug von Eifersucht wich sogleich Ärger, nicht nur über sie, sondern auch über sich selbst und seine Arbeit. Er war auf dem Festland aufgehalten worden, und zwar tatsächlich den größten Teil des Jahres. Es war nicht das erste Mal, dass er außer Stande gewesen war, zu den Spielen zu erscheinen, sowohl während Lukes Zeit an der Universität als auch schon früher, während seiner Schultage. Doch diesmal hatte seine Abwesenheit mehr ausgemacht als jemals zuvor. Wäre er dort gewesen, er hätte diese Sache verhindert. Er hätte es nicht zugelassen. Er hätte sie gesehen, und irgendwie wäre es ihm gelungen, die beiden auseinander zu halten. Verdammte Europäische Gemeinschaft! Verdammter Job! Verdammter beruflicher Erfolg, verdammt einfach alles! Alles verwandelte sich vor seinen Augen in wertlosen Abfall.

Noch nie hatte sich Andrew älter gefühlt, verletzlicher, so fremd in seiner gewohnten Umgebung. Dort draußen existierte eine Welt, in welcher er seiner Überzeugung nach einen wichtigen Part spielte – er war ein bedeutender Mann. Doch in Wirklichkeit gehörte er nicht einmal hinein. Sie hatte nichts für ihn, und er empfand nichts für sie. Er ließ das Foto auf die restlichen auf dem Tisch fallen.

»Das ist ein sehr albernes Spiel, Kate«, sagte er kalt. »Du weißt, dass er ... es ist unmöglich! Mein Gott, ich werde nicht zulassen, dass du Luke verletzt. Ich meine es ernst! Ich werde es ihm selbst sagen. Ich werde ihm morgen noch schreiben. Und bis dahin wirst du dich von ihm fern halten, junge Dame!«

»Wir haben uns ziemlich nett unterhalten«, sagte sie. »Er ist sehr süß.«

Fast hätte er sie geschlagen. »Du wirst dich von meinem Sohn fern halten!«

Er hatte die Worte, ohne nachzudenken, hervorgestoßen und sie mehr verletzt, als er beabsichtigt oder auch nur geglaubt hatte, imstande zu sein. Sie zuckte zurück, doch dann beugte sie sich vor und entgegnete mit gleicher Vehemenz: »Ich tue das, was ich verdammt nochmal will! Du hast kein Recht, mir Befehle zu erteilen!«

Sie hatten die Stimmen erhoben, und nun wurden sie sich beide dessen gewahr. Ein verlegenes Schweigen senkte sich über den Raum.

Es verschaffte Andrew Zeit, seine Strategie zu überdenken. Normalerweise war er sehr schlagfertig. Kämpfe nicht auf Terrain, das deinem Gegner besser liegt, sagte er sich. Schaff sie aus dem Haus. Rede erst wieder mit ihr, wenn du Zeit gehabt hast, dir zu überlegen, was du sagen willst, und wenn sie sich ein wenig abgeregt hat. Offensichtlich ist sie aufgebracht, weil du dich nicht gemeldet ... weil du zu lange gebraucht hast, um dich bei ihr zu melden. Sie muss verstehen, wie viel du zu tun gehabt hast.

Laut sagte er: »Es wird bereits spät. Du kannst nicht über Nacht hier bleiben. Es gibt ein Lokal in Bamford, The Crown, und es vermietet Zimmer. Sie sind vernünftig ausgestattet. Gib mir einen Augenblick, um nach Carla zu sehen, ja? Danach fahre ich dich hin. Wie sieht es aus, hast du Geld bei dir?«

»Ich bin blank«, entgegnete sie.

»Ich kümmere mich darum. Warum hast du dich denn nicht gemeldet, wenn du Geld gebraucht hast? Was hast du mit deiner Aufwandsentschädigung gemacht?«

»Es war kein Vermögen«, sagte sie verächtlich. »Ich hab das Geld ausgegeben. Ich bin auf eine Party gegangen und brauchte eine anständige Abendgarderobe. Ich hab eine hübsche gefunden. Sie hat sechshundert Pfund gekostet. Nicht mal so schlecht, ehrlich. Eigentlich sogar richtig preiswert.«

»Nicht schlecht?« Er stierte sie an. »Sechshundert Pfund? Für ein Kleid, das du wahrscheinlich nur ein einziges Mal anziehen wirst?«

»Was sollte ich denn deiner Meinung nach tun? Zum Oxfam-Laden gehen und mir eins für fünfzehn Mäuse kaufen? Inklusive Schweißflecken unter den Armen?« Sie stieß ein wütendes Schnauben aus. »Komm schon, es war heruntergesetzt. Auf die Hälfte reduziert, ein absolutes Schnäppchen.«

»Sechshundert Pfund war der heruntergesetzte Preis? Wo um alles in der Welt hast du dieses Kostüm gekauft?«

»Abendkleid, nicht Kostüm«, verbesserte sie ihn. »Bei Harvey Nichols.«

»Zwischen Oxfam und Knightsbridge«, sagte Andrew erregt, »gibt es eine ganze Latte von anderen Läden. Mit Waren in mittlerer Preisklasse.«

»Die alte Mode vom letzten Jahr verkaufen. Nein danke.«

Er konnte diesen Streit nicht gewinnen. Es war Frauenlogik. Doch es war ihm egal – er war erleichtert, dass sie endlich über triviale Dinge wie ein Kleid stritten. Er erhob sich. »Ich sehe kurz nach Carla. Warte hier.«

Er stieg leise die Treppe hinauf und öffnete die Schlafzimmertür. Kein Geräusch drang heraus. »Liebling? Ich fahre nochmal kurz nach Bamford zum Spirituosenladen. Wir haben fast keinen Gin mehr im Haus.«

Keine Antwort. Das Licht vom Treppenabsatz, das in einem schmalen Band ins Zimmer fiel, erhellte die kleine Flasche auf dem Nachttisch. Offensichtlich hatte sie eine von ihren Pillen genommen, und davon schlief sie in der Regel tief und fest. Seine Frau würde nicht vor morgen Früh aufwachen. Sehr gut.

Er kehrte in die Küche zurück und stellte erleichtert fest, dass Kate immer noch da war. Sie kramte im Kühlschrank herum.

»Lass das!«, schnappte er.

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