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Tote Spur

Barbara Fradkin

Tote Spur

Verschollen in den
Wäldern Kanadas

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Bela Wohl

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Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel Vierundzwanzig

Epilog

Anmerkungen

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

KAPITEL EINS

Nahanni, 4. Juli

Flüsternd, beinahe geräuschlos glitt der Fluss an Hannahs Zehen vorbei. In der späten Abendsonne glänzte seine Oberfläche wie polierte Bronze. Dankbar atmete sie tief durch und schaute hinüber zum anderen Ufer, wo die zerklüftete Silhouette der Schwarzfichten vor den fernen Gipfeln der Mackenzie Mountains aufragte.

So friedlich jetzt!

Hannah presste die Handflächen gegen den Felsen, auf dem sie saß, und konnte kaum glauben, dass er sich nicht gleich bewegen würde. Vor ihrem inneren Auge brodelte und rauschte der Fluss immer weiter, aus feinen Schaumnebeln tauchten unaufhörlich neue Felsblöcke auf. In ihrem Kopf hämmerte es. Jeder Muskel in ihrem Körper zitterte vor Erschöpfung.

Drei anstrengende Tage lang hatten sie mit dem Wildwasser am Oberlauf des South Nahanni River gerungen. Atemberaubende Wildnis hatte Scott ihr versprochen, als er ihr die Reise schmackhaft machte. Und aufregende Stromschnellen mit einem Schwierigkeitsgrad von II – IV auf einer Strecke von sechzig Kilometern. Ihm war klar, dass sie einen ordentlichen Adrenalinstoß zu schätzen wusste; je abgelegener und wilder, desto besser – aber das hier war mehr als wild. Es war selbstmörderisch.

Sie hatten drei lange Tage hinter sich, hatten erkundet und diskutiert, hatten versucht, den Fluss zu lesen und ihre Route durch Felsen und tückische Wasserwalzen zu planen. Scott ging ihr allmählich auf den Geist. Er wirkte unkonzentriert und kopflos, als hätte er es eilig, irgendwohin zu kommen, und nicht die Zeit, sich an der Reise zu erfreuen. Umgeben von fantastischen, mit Gletschern bedeckten Berggipfeln und Urwäldern aus Schwarzfichten, galt es doch, die Kanutour zu genießen. Jede Biegung sollte ausgewertet werden, um den sichersten Paddelkurs zu planen, jedes Kehrwasser sollte als Rastplatz dienen, um die rosa Wildblumen am Ufer zu bewundern und die Berghänge nach Schafen abzusuchen. Hier lebten Alaska-Schneeschafe, hatte Scott ihr erklärt, als ob diese seltenen, scheuen Geschöpfe sich Gottes besonderer Gunst erfreuten. Nicht dass sie an Gott glaubte, aber hier oben, unter den erhaben aufragenden Gipfeln und einem Himmel, der von einem Blau war, wie man es in der Stadt niemals sah – hier hörte selbst Hannah das leise, eindringliche Wispern von etwas Göttlichem.

Wozu also die Eile? Seit die Twin Otter ihre Gruppe samt Ausrüstung im Quellgebiet des Nahanni abgesetzt hatte, wollte Scott nur noch so schnell wie möglich den Fluss runterfahren. Anstatt den Nervenkitzel jeder erfolgreich gemeisterten Strecke auszukosten und am Ende im Kehrwasser anzuhalten, sich zu erholen und zu feiern, hatte er sie in halsbrecherischem Tempo durch die flache Strömung der berüchtigten Rock Gardens getrieben, in denen es von Felsblöcken nur so wimmelte. Drei Tage lang hatte Hannah gekantet, rückwärts gepaddelt und gegen jede Welle gekämpft, die vor ihnen anschwoll. Die unablässigen, aufwühlenden Überraschungen, die der Fluss ihnen bereitete, hatten sie erschöpft und in einen tranceartigen Zustand versetzt.

Am Mittag des dritten Tages rebellierte ihr Kanu. Rammte mitten in den Hollywood Rapids einen Felsen, kenterte und schleuderte Scott und sie in den rasenden Schaum. Sie erinnerte sich, wie sie in eiskalte Dunkelheit stürzte und sich abrackerte, um sich so zu positionieren, wie sie es gelernt hatte: Augen flussabwärts, Rückenlage, Gefahren im Blick.

Sie war die Stromschnellen hinuntergeritten, beinahe taub vom Tosen des Wassers. Ein glatter, glänzender Felsblock tauchte vor ihr auf. Zu spät hatte sie die Arme nach rechts geworfen. Ihr Kopf prallte gegen den Stein, der Helm krachte, ihr ganzer Körper wurde durchgerüttelt. Schmerz durchzuckte sie. Sie strampelte, um sich wieder in Position zu bringen, fühlte jedoch, wie sie herumgewirbelt und unter Wasser gezogen wurde, wie ihre Lungen barsten und ihr Kopf zersprang.

Bis die Strömung sie in einem Kehrwasser wieder ausspuckte und ans Ufer spülte.

Scott erwartete sie schon, das geborgene Kanu im Schlepptau. Er ließ ihr kaum Zeit, durchzuatmen, geschweige denn, ihre Schürfwunden und Prellungen unter die Lupe zu nehmen. Sobald sie das Wasser aus dem Boot geschöpft und ihre Spritzdecken befestigt hatten, hetzte er sie wieder den Fluss hinunter, den nächsten Stromschnellen entgegen. Sie konnte kaum paddeln. Ihr Kopf tat weh, und die Welt schwankte.

Endlich hatten sie das Ende der Strecke erreicht und steuerten an Land, um auf Daniel und Pete zu warten. Erschöpft und zitternd war sie auf einen flachen, sonnigen Felsen gekrochen.

Scott beobachtete beunruhigt den Himmel. Über ihnen war er von einem tiefen klaren Blau, doch hinter der Bergkette im Westen zogen sich graue Wolken zusammen. »Gleich kommt die letzte Stromschnelle«, sagte er. »Dann geht’s mit der leichten Strömung runter zum Little Nahanni, dort ist ein toller Platz, um das Lager aufzuschlagen.«

»Leichte Strömung«, brummte sie. »Warum nicht gleich hier?«

»Wir haben noch mehrere Stunden Tageslicht und sollten das gute Wetter ausnutzen.« Er hockte sich neben das Kanu und fischte das GPS aus seiner durchnässten Schwimmweste. Seine feuchten, dunklen Locken fielen ihm über die Augen, und als er zu ihr aufsah, warf er sie ungeduldig nach hinten. In seinem Blick lag keine Spur von Besorgnis, obwohl sie wusste, dass der Schnitt auf ihrer Stirn blutete. Wut durchzuckte sie. Was war nur los mit diesem Wichser?

Scott musste ihren zornigen Blick verstanden haben, denn sofort ließ er sein Superlächeln aufblitzen. »Das Ding ist kaputt. Batterie oder Schaltungen sind bei unserem unfreiwilligen Bad nass geworden. Kein Problem, ich hab alle Landkarten dabei. Morgen legen wir einen Ruhetag ein, um unsere Sachen zu trocknen und es zu reparieren. Vielleicht machen wir eine kleine Wanderung.«

In einem Augenblick brichst du Geschwindigkeitsrekorde, und im nächsten planst du Wanderungen, dachte sie, doch zum Streiten fehlte ihr die Kraft. Er hatte wieder diesen entrückten Blick, den sie inzwischen nur allzu gut kannte. Als sie weiterpaddelten, sprach er kaum noch mit ihr. Stattdessen ließ er sie steuern und suchte die Berge vor ihnen mit dem Fernglas ab. Unter dem Kanu zischte der Fluss, der sie mit seiner schnellen, gleichmäßigen Strömung davontrug.

Scott zog eine topographische Karte aus ihrer Plastikhülle und breitete sie vor sich aus. Das kann doch nicht so kompliziert sein, dachte Hannah. Der Fluss fließt nur in eine Richtung, und irgendwann werden wir wohl ankommen. In ihrem Kopf hämmerte es, ihre Hände waren voller Blasen. Wofür zum Teufel war ein Freund gut, wenn er nicht ab und zu ein bisschen Mitgefühl zeigte?

Es war schon nach zehn Uhr abends, als sie eine weitere Flusswindung durchfuhren und einen Bach erreichten, der zwischen breiten Kiesstränden in den Nahanni mündete. Sie schaute fragend zu Scott hinüber, doch sein Fernglas war auf die hohen, zerklüfteten Berge vor ihnen gerichtet, die in der goldenen Abendsonne schimmerten – kupferrot und schwarz.

Bevor er widersprechen konnte, steuerte Hannah das Kanu auf die breiteste Stelle der Schotterbank zu. Ein vorzüglicher Platz für die Zelte, und sie wollte verdammt sein, wenn sie noch einen Schritt mehr machte als unbedingt notwendig.

Überrascht ließ Scott den Feldstecher sinken, als das Kanu am Ufer auf Grund lief, erhob jedoch keine Einwände. Hinter sich hörte sie Pete und Daniel jubeln, als auch sie die Biegung durchfuhren und den Strand erblickten. Gemeinsam zogen sie die Boote weit auf den Kies hinauf und schwärmten aus, um das Ufer auf Gefahrenzeichen zu überprüfen. Frischen Grizzlykot oder Wolfsspuren.

Hannah konnte kaum laufen. Der Boden schien zu schwanken, während Schwindelanfälle wie Wellen über sie hinwegspülten. Sie nahm den Helm ab und betastete vorsichtig ihren Kopf. Ihre rechte Schläfe fühlte sich geschwollen und hart an, das Licht stach ihr in die Augen. Sie sprühte noch mehr Insektenspray über sich, setzte sich auf einen langen Baumstamm und hoffte, dass ihr Körper sich ein bisschen erholen konnte. Pete und Scott schienen sie gar nicht wahrzunehmen, doch Daniel beobachtete sie mit besorgtem Blick. Er schlenderte zu ihr hinüber.

»Ist dir übel?«

Sie nickte, zuckte bei der Bewegung zusammen und zwang sich zu einem kurzen Lachen. »Von dem ganzen Auf und Ab in den Stromschnellen ist mir schlecht geworden.«

Er schaute ihr prüfend in die Augen. Medizinstudenten im ersten Jahr sind als Freunde unerträglich. Ständig finden sie irgendwelche tödlichen Krankheiten bei dir.

»Wird schon wieder. Der Helm hat das meiste abgefangen.«

»Trotzdem solltest du dich ausruhen. Wir schlagen das Lager ohne dich auf.« Daniel lächelte. Er erinnerte sie an ein Kaninchen, mager und nervös, aber er hatte ein nettes Lächeln. Freundlich, mit einem Anflug von Wehmut. Warum war ihr das bisher nie aufgefallen? Sie wusste, warum. Weil er neben dem wilden, gefährlichen, unglaublich attraktiven Scott so betulich und langweilig wirkte wie eine kleine alte Dame. In diesem Moment war sie dankbar dafür.

»Ich ruf dich, wenn das Abendessen fertig ist«, sagte er.

Scott war im Busch verschwunden, wahrscheinlich auf der Suche nach einem Standort für das Klo. Daniel und Pete murrten, als sie ohne ihn anfingen, die Zelte aufzubauen und Treibholz zu sammeln. Hannah sah von ihrem Baumstamm aus zu und hatte ein schlechtes Gewissen, aber gleichzeitig auch Angst, der Länge nach hinzufallen, sobald sie versuchte aufzustehen. Das Lagerfeuer brannte schon munter, und die Vorbereitungen fürs Abendessen waren weit fortgeschritten. Die beiden Männer begannen sich zu fragen, wo Scott blieb. Anfangs wurde ihr Flüstern vom Zischen des Flusses übertönt, doch schließlich kam Daniel zu ihr herüber. Sein schmales Gesicht wirkte besorgt.

»Wir müssen ihn suchen.«

Unsinnigerweise reagierte sie gereizt. »Wahrscheinlich ist er nur losgegangen, um die Wanderstrecke für morgen auszukundschaften. Ihr kennt doch Scott, immer plant er schon das nächste Abenteuer.«

»Er würde sich hüten, das allein zu tun.«

Hannah versuchte trotz des Hämmerns in ihrem Kopf zu denken. Ihre Stimmen dröhnten wie Kanonenschüsse in ihren Ohren. »Hat er was gegen die Bären mitgenommen? Pfefferspray? Knallkörper?«

Pete gesellte sich zu ihnen. Er war Scotts Freund von der Universität, und Hannah war nicht sicher, ob sie ihn mochte. Kein Sinn für Humor und ein Panzer, der noch stacheliger war als ihrer. Von Anfang an hatte sie gespürt, dass es ihm nicht passte, sie auf der Reise dabeizuhaben.

»Wenn jemand die Wildnis kennt, dann Scott«, bemerkte Pete. »Er wird schon kommen. Er hofft, dass wir morgen auf den Gipfel da klettern können.« Er deutete auf den nächstgelegenen Berg, dessen kahle Flanke weit über den Wald hinausragte. Sie wirkte unbezwingbar steil und hoch. Allein bei dem Gedanken hob sich Hannahs Magen, und Daniel warf ihr einen besorgten Blick zu.

Eine blitzschnelle Bewegung auf halber Höhe des Abhangs erregte ihre Aufmerksamkeit, doch bis sie ihr Minifernglas aus dem Tagesrucksack gefischt hatte, war es zu spät. Sie stellte die Bildschärfe ein und suchte langsam den Hang ab. Nichts. Hatte sich dort irgendwas bewegt, oder spielten ihre Augen ihr einen Streich? Hatten die vielen Stunden auf dem wirbelnden Wasser sie in Trance versetzt?

Sie könnte schwören, dass sie etwas Braunes hatte aufblitzen sehen. Einen Grizzly, eine Maus? Oder einen Menschen? Doch bevor sie ihre Gedanken äußern oder die Männer bitten konnte, noch einmal nachzuschauen, brach Scott aus dem Wald hervor und kam über den Kies im Laufschritt auf sie zu. Gereiztheit und Ungeduld waren aus seinem Blick verschwunden. Seine Augen strahlten. Er blieb stehen und umarmte Hannah herzlich.

»Das wird eine fantastische Wanderung! Ich habe einen Wildpfad durch die Wälder entdeckt, und wenn wir erst mal den Hang da erreichen, schaffen wir den Aufstieg zum Gipfel an einem Tag.« Er deutete auf die kahle Bergspitze ganz oben. »Von dort haben wir eine tolle Sicht bis zum Yukon!«

Hannah dachte an ihren hämmernden Kopf und ihre zittrigen Beine, auch an die geheimnisvolle braune Gestalt am Abhang. »Hast du irgendwas gesehen, Scott? Oder gehört?«

Er wirbelte herum und starrte sie an. »Was meinst du damit?«

»Beim Kundschaften. Andere Wanderer?«

Er zögerte. Ein Anflug von Besorgnis blitzte in seinem Gesicht auf, doch bevor er antworten konnte, fiel ihm Pete ins Wort.

»Natürlich nicht! Niemand wandert auf diesen Berg. Er steht nicht in den Reiseführern. Aber seht ihn euch an! Scott hat recht. Was für eine Herausforderung!«

Ottawa, 5. Juli

Zum zehnten Mal in zehn Minuten legte Michael Green, Inspector der Polizei in Ottawa, den langweiligen Einsatzbericht beiseite und schielte auf sein Blackberry. Es ging langsam auf Mittag zu. Wie spät war es jetzt in Yukon? Neun Uhr morgens? Begann dort gerade der Arbeitstag? Natürlich hatte er keine Ahnung, um welche Uhrzeit der Inhaber des Reiseveranstalters »Nahanni River Adventures« normalerweise in sein Büro kam und ob er überhaupt so etwas hatte wie ein Büro. Doch Green befand, neun Uhr sei eine angemessene Zeit für ein Telefonat. Es würde wie eine vernünftige Bitte um aktuelle Informationen klingen, was es ja auch war, und weniger wie ein panischer Anruf zur eigenen Beruhigung.

Was es ebenfalls war.

Hannah hatte ihm nachdrücklich erklärt, im Naturschutzgebiet des Nahanni Nationalpark Reserve gäbe es weder Mobilfunkmasten noch Internet-Signale. Der Park umfasste eine Gebirgslandschaft von dreißigtausend Quadratkilometern mit Gletschern, Schluchten und Wasserfällen entlang eines spektakulären, unberührten Flusses, der zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt worden war. Man bekam dort keine Verbindung, basta. War von der Außenwelt abgeschnitten. So ist das eben, Papa.

Der Polizeibeamte in ihm hatte entsetzt reagiert. Was ist, wenn du dich verletzt oder verläufst oder dein Kanu kaputtgeht?

Jüdische Eltern bleiben jüdische Eltern: immer besorgt, hatte er ironisch gedacht, doch er konnte nicht anders. Er war in Ottawa aufgewachsen, auf den Straßen der Innenstadt, und fühlte sich in finsteren Seitengassen und umgeben von umherziehenden Gangs heimischer als unter Bäumen und Felsen. Zunächst hatte Hannah seine Frage nicht mal einer Antwort für würdig befunden, räumte jedoch schließlich ein, dass der Reiseleiter ein batteriebetriebenes Satellitentelefon dabeihaben würde, allerdings ausschließlich für Notfälle.

Es war jetzt fast eine Woche her, seit sie zu ihrer Odyssee aufgebrochen war. Eine Woche Schweigen. Er spielte kurz mit dem Gedanken, seine Exfrau anzurufen, Hannahs zur Hysterie neigende Mutter. Falls irgendjemand in der Lage war, Neuigkeiten über ihre Tochter herauszufinden, dann Ashley. Doch das würde bedeuten, Ashley gegenüber zuzugeben, dass er sich Sorgen machte; dabei hatte er unklugerweise – um es sich mit Hannah nicht zu verderben – ihre Behauptung unterstützt, eine Flussfahrt mitten durch ein Gebiet voller Bären sei genau das Richtige für die Sommerferien.

Ashley würde ihn gar nicht erst zu Wort kommen lassen.

Nein, es war wohl das Vernünftigste, den Reiseveranstalter anzurufen und mit dem Verantwortlichen zu sprechen. Von Mann zu Mann. Laut seiner Website verfügte der Inhaber über dreißig Jahre Erfahrung darin, im Norden geführte Kanutouren für Gruppen zu organisieren – er würde ganz genau wissen, wie es Hannahs Gruppe gerade ging.

Ian Elliott klang am Telefon so zuversichtlich und beruhigend, als würde er ständig solche Anrufe entgegennehmen. »Wie heißt Ihre Tochter?«

»Hannah Green. Oder vielleicht Hannah Pollock. Sie benutzt beide Namen.« Je nachdem, über welchen Elternteil sie sich gerade mehr aufregt, dachte er bekümmert.

Es entstand eine lange Pause, und als Elliott endlich sprach, klang seine Stimme schon weniger zuversichtlich. »Nahanni, sagten Sie?«

Green bejahte. Wieder eine lange Pause. Er hörte, wie der Mann vor sich hin murmelte. »Ich habe alle unsere Listen überprüft. Bei uns ist sie nicht. Deshalb kam mir ihr Name nicht bekannt vor.«

»Sie muss bei Ihnen sein, sie ist seit fast einer Woche da oben. Zuletzt haben wir gehört, dass sie mit Ausrüstung von Ihnen von Fort Simpson aus gestartet ist, in einem Wasserflugzeug.« Auch dieser Gedanke war beängstigend, doch Green hatte erfolgreich dem Drang widerstanden, die South Nahanni Airways anzurufen und sich zu vergewissern, dass die Maschine sicher gelandet war.

»Vielleicht ist sie mit einem anderen Touristikunternehmen unterwegs. Es gibt außer uns noch zwei, die Touren auf dem Nahanni anbieten.« Er gab Green Namen und Telefonnummern. »Beides ausgezeichnete Veranstalter mit erfahrenen Reiseleitern. Ich bin sicher, Ihrer Tochter geht es gut«, fügte er in geduldigem Tonfall hinzu, der vermuten ließ, dass er diese Formulierungen häufiger benutzte.

Doch bei keinem der beiden Unternehmen war Hannah registriert. Weder unter Pollock noch unter Green. Nach dem zweiten Anruf starrte Green fassungslos auf sein Telefon. Es musste eine Erklärung geben. Ein anderer Veranstalter. Vielleicht eine privat organisierte Tour von Vancouver aus, wo Ashley wohnte.

Ihm blieb jetzt keine andere Wahl, als Ashley anzurufen. Sie hob erst nach dem fünften Klingeln ab, ihre Stimme klang belegt. In Vancouver war es halb neun Uhr morgens. Er malte sich aus, wie sie mit halbgeschlossenen Lidern über ihrer ersten Tasse Kaffee hing und mühsam versuchte, den neuen Tag zu begrüßen. Fred würde klugerweise schon zur Arbeit gefahren sein, bevor sie überhaupt aufstand. Ashley war noch immer eine schöne Frau, aber mit vierzig zeigte sich die Schönheit erst nach längerem gutem Zureden. Im Augenblick böte ihr Anblick eher eine Mischung aus zu stark blondiertem Haar und verschmierter Wimperntusche.

»Du hast was?«, fragte sie.

Er erläuterte ihr noch einmal seine Anrufe in Whitehorse. Diesmal entstand eine Pause.

»Oh.«

»Was soll das heißen, oh?«

»Ich nehme an, sie hat dir nichts erzählt.«

»Was erzählt?«

»Werd jetzt nicht böse auf mich, Mike.«

»Was erzählt?«

»Sie ist nicht mit einer Reisegruppe unterwegs.«

Green erstarrte. »Mit wem dann?«

»Mit Scott und ein paar anderen Freunden.«

»Ein paar Freunden? Ein paar Freunde haben ihren Rucksack gepackt, sind zweitausend Kilometer rauf in den Norden geflogen und wollten einfach mal zelten gehen?«

»Ich dachte, sie hätte es dir erzählt.«

»Nein, sie hat mir nichts erzählt! Sie hat gesagt, sie sei mit Nahanni River Adventures unterwegs. Wie konntest du sie nur auf eigene Faust fahren lassen?«

Ihre Stimme wurde lauter. »Seit wann hätte ich sie denn aufhalten können? Seit wann bist du dazu in der Lage?«

»Du hättest dich weigern können zu zahlen …«

»Sie ist neunzehn, Mike. Sie hat immer gemacht, was sie wollte, seit sie zwei war!«

Er atmete tief durch. Wenn er Ashley anbrüllte, würde er nichts erreichen; sie konnte nichts dafür. Doch er hasste dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Hannah lebte jetzt seit über sechs Monaten wieder bei ihrer Mutter in Vancouver. Ursprünglich wollte sie nur über die Weihnachtsferien dortbleiben, aber eine wilde Silvesterparty hatte alles geändert. Sie hatte einen Studenten kennengelernt, einen Doktoranden der Geologie an der UBC, der Universität von British Columbia: verteufelt charmant und mit einem ausgeprägten Hang zum Abenteuer. Für Hannah eine unwiderstehliche Kombination, wenn es um Männer ging. Ashley hatte erklärt, dass sich Hannah nicht aus Vancouver wegbewegen würde, bis seine Anziehungskraft ihren natürlichen Lauf genommen hatte. Bevor Green auch nur davon erfuhr, hatte seine Tochter sich an der UBC beworben und war zum Herbstsemester angenommen worden. Das war Greens größte Angst gewesen.

Bis jetzt. Er wusste sehr wenig über Scott. Hannah hatte ein einziges Foto von ihnen beiden geschickt, per E-Mail. Scott war groß und schlank, der athletische Typ, den Green schon immer beneidet hatte. Hannah reichte ihm kaum bis zur Brust und schaute mit ihrem Kleinmädchengesicht bewundernd zu ihm auf. Green hatte ihn vom ersten Augenblick an nicht gemocht.

Er zügelte sich. Für kleinliche Eifersucht war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. »Was weißt du über Scott und seine Freunde? Weißt du, was sie so machen?«

»Während seiner Collegezeit hat Scott die Sommerferien immer oben im Norden von British Columbia verbracht und schon einige Flussfahrten unternommen. Von Kindheit an war er oft zum Campen in der Wildnis. Seine Freunde auch.«

»Das heißt noch lange nicht, dass …«

»Ist doch klar, sie suchen die Herausforderung, Mike. Sie wollten nicht mit einer Gruppe reisen und am Gängelband geführt werden.«

»Aber Hannah ist ein Stadtmensch. Sommerlager zählen da nicht.«

»Sie ist in guten Händen. Scott ist in Ordnung, und sie hat ihren eigenen Kopf.«

Green schaute auf seinen Schreibtischkalender, wo er die Daten ihrer Reise eingetragen hatte, und zwang sich, ruhig zu bleiben. »Okay. Montag wird sie sowieso in Fort Simpson zurückerwartet. Hoffen wir, dass sie sich meldet, wenn sie dort ankommt. Sobald du was hörst, ruf mich an.«

»Oh«, sagte Ashley. Wieder so ein unheilverkündendes Oh.

»Was ist denn jetzt wieder?«

»Sie wird erst in über zwei Wochen zurückerwartet.«

»Sie hat behauptet, die Tour dauere zehn Tage. Ich weiß zwar, dass sie nicht mit einer Reisegruppe unterwegs ist, aber so lange dauert die Fahrt den Fluss hinunter.«

»Sie …« Ashleys Stimme wurde immer leiser. »Sie ist am Oberlauf des Flusses, Mike. Sie sind oben im Quellgebiet losgefahren.«

»Aber das …« Er unterbrach sich, seine Angst nahm wieder zu. Als er sich über Hannahs Expedition informiert hatte, galt seine Aufmerksamkeit weniger dem Oberlauf des Nahanni, sondern vielmehr den Virginia Falls und den Schluchten unterhalb dieses Wasserfalles, durch die sie seines Wissens fahren würde. Doch er erinnerte sich vage an extrem schwierige Wildwasserstrecken, denen nur geübte Kanuten gewachsen waren.

»Sie hat mir erzählt …« Er sackte auf seinem Stuhl zusammen. »Verdammt, davon hat sie mir nichts gesagt.«

Ashley machte brummelnd eine abschätzige Bemerkung, doch als sie weitersprach, klang ihre Stimme weicher. »Sie haben ein Satellitentelefon, und falls sie in Schwierigkeiten geraten, werden sie Hilfe rufen. Damit beruhige ich mich selbst die ganze Zeit, Mike.«

Nachdem Green aufgelegt hatte, öffnete er die Website mit den Beschreibungen der Fahrtroute und informierte sich über das Quellgebiet. Für ihn als Stadtmenschen war die Wildnis eine fremde Welt voller Tücken und Gefahren. Es versetzte ihm einen beschämenden Stich, dass Ashley die Vernünftigere war. Sie schien gespürt zu haben, was er mit seinem Ärger und seiner Entrüstung überspielte. Nicht nur Angst um die Sicherheit seiner Tochter, sondern auch Kränkung. Weil sie ihn belogen hatte.

Als müsste sie ihren Vater, der seit fast fünfzehn Jahren Polizist bei der Mordkommission war, beschützen – vor den Gefahren, in die sie sich begab.

KAPITEL ZWEI

Nahanni, 5. Juli

Um acht Uhr früh, als sie zu ihrer Bergwanderung aufbrachen, stand die Sonne schon hoch am Himmel, glitzerte auf dem Fluss unter ihnen und polierte die Rosa- und Grüntöne entlang seiner Ufer auf Hochglanz. Hannah wusste, dass der Ausblick fantastisch war, aber trotz Sonnenbrille und Hut, den sie tief ins Gesicht gezogen hatte, bohrte sich die Helligkeit schmerzhaft in ihren Kopf. Punkte tanzten vor ihren Augen, in ihrem Schädel hämmerte es. Sie stolperte auf dem steinigen Pfad, der sich erbarmungslos bergauf schlängelte, um Felsblöcke herum und durch dornige Nadelgehölze. Bei jeder Erschütterung hob sich ihr Magen.

Das geht vorbei, sagte sie sich immer wieder. Ist ja nur, weil ich nicht gefrühstückt habe. Sie hatte die Haferflocken in ihrer Schüssel kaum angerührt und gehofft, Daniel würde es nicht merken. Er beobachtete sie mit Adleraugen, doch es kam überhaupt nicht in Frage, dass sie im Camp zurückblieb, während die anderen wanderten. Selbst wenn es hier keine gefährlichen Bären gäbe, würde sie Scott niemals im Stich lassen. Er war so aufgeregt, dass er letzte Nacht kaum schlafen konnte, und am Morgen hatte er zum Aufbruch gedrängt, sobald das Geschirr abgewaschen und jeder Rucksack gepackt war. Er hatte darauf bestanden, den größten Teil der Ausrüstung mitzunehmen, für den Fall, dass der Aufstieg länger als einen Tag dauerte. Alles, was man zurückließ, kam einer Einladung für die Bären gleich.

Einer Einladung, auf die sie verzichten konnte.

Sie vermutete, dass sie einem Wildpfad folgten, auch wenn nur Scott zu wissen schien, wohin er führte. Er stürmte voraus und hielt an Aussichtspunkten inne, um die topographische Karte zu studieren und die Berge vor ihnen mit dem Fernglas abzusuchen. Sie schienen nicht gerade die leichteste Route zu nehmen, aber was wusste sie schon? Ein Orientierungslauf im Sommerlager war mit dem hier nicht vergleichbar – wirklich nicht.

Schließlich wurden die Bäume spärlicher, und sie traten hinaus auf einen steilen, felsigen Hang. Ein flacher Stein, der mit glitschigen Flechten überzogen war, rutschte unter ihrem Fuß zur Seite, und sie stürzte auf den harten Boden. Schmerz schoss durch ihre Hüfte, und sie schrie so laut »Scheiße!«, dass selbst Scott, der weit voraus war, sich umdrehte.

Daniel war schon bei ihr, während sich noch alles um sie drehte. Er nahm ihr die Sonnenbrille ab und schaute ihr prüfend in die Augen. Als sie seinem Blick auswich, ergriff er ihre Hände. »Drück meine Hände, so fest du kannst.«

Sie entzog sich ihm. »Daniel, lass das! War doch bloß dieser blöde Stein. Ich muss nur wieder zu Atem kommen.«

Er kramte in der Seitentasche seines Rucksacks nach einem Kraftriegel. »Trink was und iss. Jetzt.«

Ihr drehte sich der Magen um, doch sie wusste, dass Mr. Schwarzseher sie nicht aus den Augen ließ. »Ich trink ein bisschen Wasser.«

Hoch über ihnen wollte Scott wissen, was los war. Sein ungeduldiges Rufen schien im Tal ein endloses Echo auszulösen. Oder ist das nur mein angeschlagenes Hirn?, fragte sich Hannah und zuckte zusammen, als die Schallwellen sich in sie hineinbohrten.

Daniel tat, als hätte er Scott nicht gehört, und holte ihre Wasserflasche. Sie setzte sie ungeschickt an die Lippen und schüttete Wasser über ihr Hemd. Scheiße, reiß dich zusammen!

»Scott!«, schrie Daniel. »Ich bringe Hannah zurück. Ihr beide könnt weitergehen, ich bleibe bei ihr.«

Mühsam kam sie auf die Füße. »Werde ich jetzt gar nicht mehr gefragt?«

»Hannah, du kannst nicht …«

»Ich kann!« Sie ging los und versuchte, geradeaus zu laufen. All die Jahre, in denen sie sich bemüht hatte, nüchtern zu wirken, wenn sie völlig zugedröhnt war, mussten doch zu irgendwas gut sein. Füße, vermasselt mir nicht wieder alles!

Scott kam, über loses Geröll schlitternd, zu ihnen herunter. Er schaute sie prüfend an, und durch seine Ungeduld flackerte ein Moment der Besorgnis. Er deutete nach oben, auf eine Senke zwischen zwei Gipfeln. »In ein paar Stunden müssten wir diesen Höhenpunkt erreichen. Ein guter Platz zum Ausruhen und Mittagessen.«

Daniel spähte den Hang hinauf. »Auf gar keinen Fall …«

»Wir trennen uns nicht«, erklärte Scott. »Das ist eine Grundregel beim Wandern in der Wildnis.«

»Dann sollten wir alle zurückgehen. Wir können es morgen noch mal versuchen.«

»Morgen regnet es vielleicht«, konterte Scott.

Hannah blinzelte zum Himmel. Er war tiefblau, keine einzige Wolke war zu sehen. Der erste perfekte Tag auf ihrer ganzen Reise. Doch das Wetter, so viel hatte sie gelernt, konnte sich hier oben in Sekundenschnelle ändern. Tief unter ihnen blitzte der Fluss hier und da hell zwischen den Bäumen auf. Der Berggipfel über ihnen schien noch immer unerreichbar weit entfernt. Aber wenn sie jetzt umkehrte, wäre ihre gesamte bisherige Anstrengung völlig umsonst gewesen.

»Vertrau mir, wenn wir unsere Kräfte einteilen, schafft sie das«, bemerkte Scott. »Hab schon viel Schlimmeres gesehen.«

Hannah beobachtete, wie die beiden sich anstarrten – versuchten, so lange durchzuhalten, bis einer von ihnen aufgab. Daniel verfügte zwar über medizinische Kenntnisse, aber Scott hatte mehr Erfahrung in der Wildnis. Von klein auf war er durchs Gebirge gewandert und hatte reißende Flüsse überquert. Wenn sie Partei ergreifen müsste, würde sie sich auf Scotts Seite schlagen, auch wenn er nicht ihr Freund wäre. Er zeigte sich im Augenblick vielleicht nicht von seiner fürsorglichsten Seite, aber er liebte sie. Wenn er sich ihretwegen keine Sorgen machte, dann gab es nichts, worüber man sich sorgen musste.

Hannah schob sich an den beiden Männern vorbei und kletterte über einen Felsblock, der im Weg lag. Sie konnte durchhalten bis zum Mittagessen. Ein bisschen Nahrung für diesen Schmetterlingsmagen, eine kleine Pause, und sie würde es schaffen.

Der Hang wurde steiler. Sie folgten offenbar einem Bachbett, und Hannah musste auf allen vieren über Felsbrocken kraxeln und mit den Händen ihr Gleichgewicht halten. Jeder Schritt löste einen kleinen Erdrutsch loser Kieselsteine aus. Punkte trübten ihre Sicht, sie musste häufig stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. Das Blut pochte in ihren Ohren. Scott hatte sie gedrängt, für die Reise zu trainieren, und so war sie manchmal morgens mit ihm joggen gegangen – mehr, um Zeit mit ihm zu verbringen, als um fit zu werden. Doch offensichtlich hatte sie eine völlig falsche Vorstellung von Fitness. Scott war jetzt weit vor ihnen, außer Sichtweite hinter den Felsen. Die anderen zuckelten im Gänsemarsch hinterher, suchten nach sicherem Halt und ihrem eigenen Tempo. Eingedenk der Bären ließ Pete sein gesamtes Repertoire an Liedern der Gruppe Hawksley Workman erschallen, doch sie und Daniel kämpften sich nur keuchend den Berg hinauf. Daniel blieb hinter ihr zurück, sie wusste, dass er das mit Absicht tat. Er hörte nicht auf zu quasseln.

»Sieh dir diesen schönen bunten Stein an. Wow, all diese unterschiedlichen Farben! Glaubst du, hier im Gebirge gibt es Gold?«

»Ich lebe noch, Daniel. Ich laufe, okay?«

»Ich weiß. Aber Scott ist ein Vollidiot, und wenn er nur einen Funken Mitgefühl hätte, wäre er hier bei dir.«

Hannah blieb so plötzlich stehen, dass er in sie hineinlief. Er zuckte zurück, als hätte sie ihn verbrannt. »Scott bringt uns da rauf. Das ist jetzt sein Job. Also lass es endlich gut sein, Daniel.«

Danach schwieg er mindestens eine halbe Stunde, während sie sich über Felsbrocken und an kniffligen Felsvorsprüngen entlangschleppte. Nur der unregelmäßige Rhythmus ihrer Atemzüge und Petes falsches Singen waren zu hören. Wildblumen lugten aus den Ritzen, zarte Ausbrüche von Lila und Weiß. Eigentlich sollte sie Gefallen daran finden, doch Hannah konnte an nichts anderes denken als daran, den Höhenpunkt zu erreichen. Zentimeter für Zentimeter.

»Außerdem finde ich«, sagte Daniel so leise, dass sie sich fragte, ob er mit sich selbst redete, »dass es hier wirklich wunderschön ist, und ich begreife nicht, warum er es so eilig hat, oben anzukommen. Er ist Geologe. Die Landschaft hier sollte ihn eigentlich mit Ehrfurcht erfüllen. Sieh dir diese Schichten an! Ich wette, in jeder einzelnen stecken verborgene Geheimnisse über die Erde.«

Hannah konnte einen Stein nicht vom andern unterscheiden. Seit sie zu dieser Expedition aufgebrochen waren, hatte sie nichts als Felsen gesehen, und alle sahen gleich aus. Okay, sie hatten unterschiedliche Größen und Farben, aber sie lagen ihr alle im Weg. Jetzt nahm sie den kleinen, scharfkantigen schwarzen Stein, den Daniel ihr hinhielt. Ein Streifen weißer Kristalle durchzog ihn, seine Oberfläche war von silbernen Flecken bedeckt.

»Es muss hier einen Erdrutsch gegeben haben«, erklärte er. »Ich bin kein Experte wie Scott, aber an meine Kurse in Umweltkunde erinnere ich mich noch gut. Das hier ist Quarz – bildet sich durch immensen Druck tief im Inneren des Berges. Ich wette, er ist durch einen Erdrutsch an die Oberfläche gelangt. Kaum erodiert, kann also noch nicht sehr lange hier draußen sein.«

Sie betrachtete die anderen Steine im Bachbett. Manche waren glatt und abgerundet, aber über den Rand ergoss sich ein Streifen aus scharfkantigen Brocken. Der Erdrutsch war nur einen Meter breit, doch sie erschauerte, als sie den Felsblock weiter oben betrachtete. Wenn der sich löste, würde er sie beide zermalmen.

»Lass uns aufholen. Ich hab Hunger.« Das war gelogen, aber Hannah preschte mit neuer Energie voran. Nach einer Weile wurde der Pfad flacher, und sie hielt inne, um sich zu fangen. Sie hatten das Plateau erreicht. Gott sei Dank, dachte sie und suchte ihre Erschöpfung vor Daniel zu verbergen.

Überall um sie herum, bis zum dunstigen Horizont, wellten sich Berggipfel wie ein unachtsam hingeworfener Mantel, und tief unter ihnen schlängelte sich das blaue Band des Flusses durch die Schluchten. Der Himmel über ihnen war noch immer klar, doch hinter den Bergen im Westen begannen sich dunkle Wolken zusammenzuballen. Direkt vor ihr saß Pete inmitten einer Wiese auf einem Stein und verschlang gierig ein Fladenbrot-Sandwich.

Scott dagegen untersuchte die steinige Grasfläche, die Karte in der Hand und den Blick zu Boden gerichtet. Hin und wieder stieß er Brocken mit dem Fuß beiseite. Er winkte Hannah nicht einmal zu, als sie mit Daniel auf der Anhöhe auftauchte. Verärgert stiefelte sie zu ihm hinüber.

»Was hast du jetzt vor?«

Er schaute erstaunt auf, als käme er von irgendwo ganz weit weg. Dann lächelte er. »Was macht dein Kopf?«

»Ist noch dran.«

Sein Grinsen wurde breiter. Er atmete tief durch und zog sie an sich. »Ist das nicht fantastisch? Sieh dir diese Berggipfel an. Viele Milliarden Jahre alt.«

Sie schlenderten Arm in Arm. Hannah schmiegte sich an ihn und genoss diesen Moment der Zärtlichkeit. »Daniel behauptet, es gäbe für Geologen jede Menge interessanter Dinge hier oben. Erdrutsche, Mineralien …«

Sie spürte, wie er sich versteifte. »Das hat Daniel gesagt? Was versteht der denn von Geologie?«

Sie zuckte die Achseln. »Vielleicht entdecken wir Gold, wie im Klondike!«

Scott blieb wie angewurzelt stehen. Zuerst dachte sie, das hinge mit ihrer Erwähnung von Gold zusammen, doch Scott blickte starr auf den Boden. Vor ihm, von einem Felsvorsprung fast vollständig verborgen, türmte sich ein merkwürdiger Steinhaufen. Dem Aussehen nach zu urteilen, war er alt, geschwärzt und von Flechten überzogen, aber zu hoch und symmetrisch, um allein von Naturkräften errichtet worden zu sein. Die Höhle eines Tieres? Scott ging in die Hocke und griff nach dem obersten Brocken. Seine Hand zitterte leicht.

»Was ist das?« Ein Schauder ergriff sie, sie fürchtete, gleich könnte irgendein Biest herausspringen.

Keine Antwort. Er hob den obersten Stein ab, darunter kamen noch weitere zum Vorschein. Er räumte einen nach dem anderen beiseite.

»Scott? Was ist das?«

»Ein Steinmännchen.« Seine Hand schwebte über einem Brocken von der Größe eines Fußballs.

Ihre Kopfhaut kribbelte. »Ein Steinmännchen? Meinst du ein Grab?«

»Ich weiß es nicht. Forschungsreisende haben hier oben allerhand verbuddelt. Manchmal Erinnerungsstücke, manchmal Leichen.«

»Leichen?«, kreischte sie. Doch sobald das Wort heraus war, wusste sie, dass es das nicht sein konnte. Der Haufen war zu klein, um eine Leiche zu verbergen. Dennoch hielt sie den Atem an, als er den letzten Stein abhob.

Darunter stand ein Glasgefäß. Wundersamerweise unbeschädigt. In dem Glas steckte ein gefaltetes Blatt Papier. »Mein Gott!«, flüsterte sie. »Jemand hat eine Nachricht hinterlassen!«

Scotts Hände zitterten jetzt so heftig, dass er Schwierigkeiten hatte, den Deckel aufzuschrauben. Wetter und Rost hatten das Gewinde versiegelt. Er ergriff einen kleinen Stein und schlug ihn gegen das Gefäß, so dass es zerbrach. Ohne auf die scharfen Glaskanten zu achten, griff er hinein und zog das gefaltete Blatt heraus. Es sah so frisch und weiß aus wie an dem Tag, als es darin versteckt worden war.

Hannah vergaß Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Erschöpfung. Sie schaute ihm über die Schulter, als er das Papier sorgfältig auseinanderfaltete und die Skizze einer Landschaft zum Vorschein kam. Berge, Täler, Entfernungen und in der Ecke ein kleiner Pfeil mit einem großen N.

Nahanni, 7. Juli

Constable Christian Tymko drosselte das Gas und fiel etwa siebzig Meter. Schwaden von dunklen Wolken rüttelten an dem kleinen Flugzeug, doch das beunruhigte ihn nicht. Der Sturm war früh am Morgen weitergezogen, und mittlerweile schickte die Sonne ihre Strahlen durch die ausgefransten Wolkenlöcher.

Er befand sich noch immer ein gutes Stück oberhalb der abgerundeten Gipfel des Nahanni Range, aber links von ihm, unten im Tal, waren die ineinander verflochtenen Flussarme des South Nahanni River zu erkennen. Sie schimmerten silbern und grünlich-grau im frischen Sonnenlicht, doch ihr Aussehen konnte täuschen. Chris wusste, der Fluss war angeschwollen und aufgewühlt, während er über Schotterbänke schäumte und durch Schluchten toste. Er ging noch tiefer, um besser sehen zu können. Letzte Nacht war der Sturm übers Gebirge gefegt und hatte fast neunzig Millimeter Regen gebracht, die sich jetzt bergab in die Bäche und Flüsse ergossen und Sturzfluten verursachen konnten.

Der Nahanni war berühmt-berüchtigt für seine plötzlichen Stürme. Es gab immer wieder Camper und Kanufahrer, die die Warnungen missachteten und dann auf Kiesbänken strandeten oder gegen gefährliche Strömungen zu kämpfen hatten. Chris arbeitete bei der Royal Canadian Mounted Police, der Königlichen Kanadischen Berittenen Polizei, kurz RCMP oder Mounties genannt; er hatte seine Dienststelle in Fort Simpson verlassen und flog auf Wochenendurlaub rauf zum O’Grady Lake, um sich mit ein paar Kumpels zum Angeln zu treffen. Doch wie die meisten Buschpiloten hielt er ständig Ausschau nach möglichen Problemen: Felsschutt im Wasser, gestrandeten Campern oder gefährlichen Pegelständen.

Heute beunruhigte ihn der aufgewühlte Fluss. An jedem beliebigen Tag im Juli und August konnten sich bis zu hundert Besucher im Park aufhalten. Auch wenn einige nur einen Tagesausflug zu den Virginia Falls unternahmen und andere in den Bergen wanderten, kamen doch die meisten wegen der spektakulären Flussfahrt durch die Wildnis zum Nahanni. Chris wusste, dass die Reiseleiter der Touristikunternehmen darin ausgebildet waren, den Fluss und das Wetter zu lesen und auf die Sicherheit ihrer Schützlinge zu achten. Sorge bereiteten ihm eher die Glücksritter und Abenteuerlustigen, die auf eigene Faust unterwegs waren, besonders die Europäer und Japaner, die keine Vorstellung von der ungeheuren Ausdehnung, Abgeschiedenheit und blinden Grausamkeit des Landes hatten.

Chris flog in geringer Höhe weiter, folgte dem unsteten Lauf des Flusses zwischen den Bergketten auf beiden Seiten. Er wünschte, er hätte einen Freund auf den Ausflug mitgenommen – noch zwei Augen mehr, die den Boden absuchen konnten. Die Sonne erwärmte allmählich das Tal und löste den Nebel auf, während er nach Nordwesten steuerte, über die atemberaubenden Canyons, die vor Millionen von Jahren in die Kalksteinfelsen eingeschnitten worden waren. Über den Kehrwassern am Ende jeder Stromschnelle drosselte er das Tempo und überprüfte die Ufer auf angespülte oder beschädigte Boote.

Sogar aus knapp zweihundert Metern Höhe wirkte Hell’s Gate noch furchteinflößend. In der Mitte der Fahrrinne sah er ein rotes Kanu, das flussabwärts bockte wie ein Pferd beim Rodeo, der einzelne Paddler bemühte sich verzweifelt, es auf Kurs zu halten, möglichst weit weg von den Wänden der Schlucht. Chris beobachtete den Paddler, bis er am Ende der Strecke erleichtert ans Ufer fuhr.

Er hatte noch eine Gruppe entdeckt, aber nirgendwo Anzeichen für Schwierigkeiten, als er schließlich Virginia Falls passierte und oberhalb der Wasserfälle auf die Blockhütte des Parkaufsehers am Sunblood Mountain zusteuerte. Wolken von Sprühregen von den Hochwasser führenden Fällen bauschten sich himmelwärts in die Luft und verschleierten seine Sicht auf den Fluss. Eine riesige Fichte trudelte in den Sluice Box-Stromschnellen direkt oberhalb des Wasserfalls, und weiter im Landesinneren stieg eine dünne Rauchsäule vom Waldboden auf. Spontan funkte er den Parkaufseher an. Reggie Fontaine hätte die RCMP in Fort Simpson sicher umgehend über größere Probleme informiert, aber egal. Chris war vor Ort.

»Ich tauche gleich über dir auf, Reggie. Da ist ein kleines Feuer etwa einen Kilometer landeinwärts, direkt unterhalb von dir; scheint noch nicht lange zu brennen. Alles in Ordnung? Brauchst du Unterstützung?«

Über Funk hörte er Reggies vertraute Stimme, die nach vierzig Jahren Zigarren und schlechtem Whisky ständig heiser klang. »Ja, wir haben es im Blick. Wahrscheinlich hat bei dem Sturm letzte Nacht ein Blitz eingeschlagen und den großen alten Baum samt Wurzeln einfach umgeblasen. Hab ein paar Jugendliche gebeten, den Wind im Auge zu behalten, nur für den Fall, dass die Flammen sich in diese Richtung ausbreiten, aber bisher sieht alles gut aus.«

»Irgendjemand in Schwierigkeiten? Irgendwelche Störungen zu melden?«

»Bis jetzt hat niemand angerufen. Vermutlich werden einige Gruppen das Hochwasser abwarten und später eintreffen.«

Beim Überfliegen erkannte Chris durch die Bäume die Blockhütte des Aufsehers. Er hob die Hand zu einem Gruß, den Reggie, wie er wusste, nicht sehen konnte. »Okay, ich bin dann mal weg, angeln. Ich halt dich auf dem Laufenden, falls ich was sehe.«

»Okay, ich wünsch dir was«, erwiderte Reggie vergnügt. Der Mann war seit über zwanzig Jahren Aufseher, und Chris hatte ihn noch nie in schlechter Laune erlebt. Ein- oder zweimal aufgeregt, weil ein Unwetter oder ein bösartiges Tier den Park bedrohten, aber nie aus dem Gleichgewicht gebracht.

»Vielleicht werf ich am Sonntag auf dem Rückweg paar Sonnenbarsche für dich ab«, sagte er.

Reggie schnaubte. »Bring lieber zwei Stierforellen mit, du Geizkragen.«

»Versprochen«, sagte Chris, schaltete ab und flog weiter flussaufwärts Richtung Rabbitkettle Lake. Auf dieser Strecke floss das Wasser träge und gemächlich durch das stark gewundene Flussbett. Der Sturm hatte Schlamm und Schutt an den Ufern aufgehäuft, Äste trieben in der langsamen Strömung. Sie würden auf die nächste Schotterbank gespült werden und eines Tages, grauweißlich gebleicht, als ideales Feuerholz dienen. In der Natur wurde alles wiederverwertet.

Die Mittagssonne brannte auf die weißen Steine im Fluss und zwang ihn zu blinzeln. Jenseits des Rabbitkettle Lake fiel ihm ein merkwürdiger Gegenstand auf, der flussabwärts trieb. Zerfetzt und rot auf dem schlammigen Grau des Wassers. Er ging noch tiefer und sah ihn sich genauer an. Eine Abdeckplane oder ein Zelt. Da wird ein Camper heute Nacht ganz schön fluchen, dachte er. Beim Weiterfliegen überprüfte er die Ufer jetzt noch sorgfältiger. Vor ihm machte der Fluss einen scharfen Knick; als er ihn umrundete, entdeckte er im seichten Wasser ein leuchtend türkisfarbenes Kanu. Es lag tief im Schilfgürtel, als wäre es mit gewaltiger Wucht an Land geschleudert worden. Was tatsächlich so war. Wie lange lag es schon dort? Die glänzende Farbe ließ vermuten, dass es ziemlich neu sein musste, noch nicht in der Sonne verwittert oder vom Triebsand im Wasser abgeschliffen.

Ein Zelt und ein Kanu, aber keine Menschen, die sich vom Flussufer aus bemerkbar machten. Kein gutes Zeichen.

Chris griff nach seinem Funkgerät und informierte Reggie.

Reggie ließ sich wie immer nicht aus der Ruhe bringen, schlug jedoch vor, Chris solle kehrtmachen und am Rabbitkettle den Zeltplatz sowie die Blockhütte des Aufsehers inspizieren.

»Höchstwahrscheinlich schlagen sie sich dorthin durch, wenn sie auf dem Wasser nicht weiterkönnen«, erklärte er. »Aber Gott weiß, wie lange das Kanu da schon liegt. Der Sturm könnte es woanders mitgerissen und hier an Land geschleudert haben.«

Chris drehte die Cessna tief ein und flog zurück. »Noch immer keine Meldungen?«

»Naja, ein Kanu auf dieser Strecke zu verlieren, bedeutet, dass sie auch oberhalb des Parks losgefahren sein könnten. Vier geführte Touren kommen von Moose Ponds runter und eine vom Broken Skull River. Die nächste Gruppe wird morgen in Rabbitkettle erwartet. Das könnte sie sein.«

»Höchstwahrscheinlich. Und ungeführte Gruppen?«

»Nicht in meinen Listen, aber überprüf das bei deinen Kumpels in Fort Simpson. Natürlich bedeutet das gar nichts.«

Reggie musste das nicht erklären. Besucher, die direkt in den Nationalpark kamen, benötigten eine Genehmigung und mussten sich bei der Parkverwaltung registrieren lassen. Allen, die am Oberlauf des Nahanni außerhalb der Parkgrenzen einsetzten, wurde empfohlen, ihre geplante Reiseroute bei der RCMP in Fort Simpson anzumelden, doch das war nicht verpflichtend. Die offiziellen Fluggesellschaften, die Touristen zum Nahanni flogen und wieder abholten, führten sorgfältig Buch und legten ihren Gästen nahe, sich registrieren zu lassen, doch es gab immer geschäftstüchtige Buschpiloten, die gern einen Extradollar verdienten, ohne allzu viele Fragen zu stellen.

Chris verabschiedete sich, als er den Rabbitkettle Lake erblickte, der sich vor ihm ausbreitete und sich in der Nachmittagsbrise sanft kräuselte. Keine Spur von Menschen, nur eine Elchkuh und ihr Kalb knabberten das zarte Schilf am Ufer. Als er einen Kreis zog, um sich für die Landung auszurichten, schauten sie nach oben und flüchteten in den Wald. Ein Wildentenpärchen flog auf. Chris war im südlichen Manitoba aufgewachsen, auf einer Farm in der Prärie, unter einem weiten, offenen Himmel über endlosen goldenen Weizenfeldern. Als er vor fünf Jahren in den Norden versetzt wurde, empfand er die Bäume und Berge als beengend, doch dann nahm ihn sein Partner mit auf den Mount Wilson. Das veränderte sein Leben. Beim Ausblick auf die Gipfel und Gletscher, die sich meilenweit erstreckten, hatte er das Gefühl, er brauchte nur die Hand zu heben – und könnte direkt den Himmel berühren. Für einen Junggesellen gab es in Fort Simpson nicht viel Abwechslung, die Auswahl an Frauen war sicherlich nicht groß, und doch fürchtete er jetzt schon den Tag, an dem man ihn woandershin versetzen würde.

Er wasserte und steuerte zum Anlegesteg und zur Blockhütte des Aufsehers am Ende des Sees. Die kleine Holzhütte war derzeit nicht besetzt, diente jedoch für Parkmitarbeiter und Besucher als Ausgangspunkt oder als Zwischenstation, falls sie in Schwierigkeiten waren. Sie war mit Vorräten und einer Notfallausrüstung ausgestattet, einschließlich Satellitenfunk und Notfunkbaken. Chris umrundete die Hütte, entdeckte jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass jemand hier gewesen war: die Tür verschlossen, die Fenster intakt und der Notschlüssel staubbedeckt. Er spähte durch die Scheiben. Die Stachelschweine waren gut vorangekommen bei dem Versuch, sich ins Innere durchzubeißen, aber davon abgesehen wirkte die Blockhütte unberührt. Chris nahm sich vor, Reggie vor den stacheligen Eindringlingen zu warnen.

Er wanderte durch den Wald zum Flussufer hinunter, überprüfte dort die Zeltplätze und freute sich, nicht ein einziges Überbleibsel von Menschen zu entdecken, nicht einmal einen Dosenring. Die Menschen kamen und gingen wie das Flüstern des Windes und hinterließen keinerlei Spuren. Er öffnete den Riegel der Informationsbude und holte das Logbuch heraus, in das alle Besucher ihren Aufenthalt eintragen sollten. Außer vom Parkpersonal, das den Platz im Frühjahr inspiziert hatte, stammte der einzige Eintrag von einer Gruppe aus Moose Ponds, die vor drei Tagen hier durchgekommen war.

Das beschädigte Kanu erschien ihm immer rätselhafter. Die RCMP und die Parkverwaltung hatten keine weiteren Gruppen registriert, und keine der geführten Touren aus dem Quellgebiet hatte per Funk irgendwelche Schwierigkeiten gemeldet. Und doch war eine Gruppe unterwegs, der mindestens eines ihrer Kanus fehlte, vermutlich samt dazugehöriger Ausrüstung und Verpflegung.

Der nächste Landeplatz für Wasserflugzeuge befand sich am Island Lake, fast hundert Kilometer flussaufwärts und weiter westlich. Ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Kanuten so weit oben gekentert waren. Der gewundene Abschnitt zwischen Island Lake und Rabbitkettle erschien ihm weitaus eher vorstellbar. Der Fluss war dort friedlich, aber voller Inseln und Biegungen. Chris tippte auf Elbow Rapids, das einzige bedeutende Wildwasser auf der Strecke. Der scharfe Knick und Ketten winziger Inseln hatten schon manchen unachtsamen Bootsfahrer überrumpelt.

Nachdem Chris wieder in der Luft war, flog er tief über die verlassene Ausrüstungsstation an der Mündung des Broken Skull River, etwa zwanzig Kilometer unterhalb der Stromschnellen. Er nahm den Kiesstrand genauestens unter die Lupe. Alle, die bei Elbow Rapids kenterten, würden sich wahrscheinlich hier wieder sammeln, doch er sah im Sand weder Baken, Feuer noch SOS-Zeichen. Keine Stapel bunter Ausrüstungsgegenstände. Er zog eine Schleife und flog erneut vorbei, mit dem gleichen Ergebnis. Weiter oben entdeckte er eine Gruppe von Paddlern, die gemächlich stromabwärts trieben, wahrscheinlich eine der geführten Touren von Moose Ponds aus. Der Reiseleiter winkte gut gelaunt und signalisierte in keinster Weise Besorgnis wegen gestrandeter Bootsfahrer flussaufwärts. Mit wachsender Verwunderung flog Chris weiter und erreichte um zwei Uhr mittags die Blockhütten und heißen Quellen an den Island Lakes.

Beim ersten Vorbeiflug erblickte er eine Truppe, die sich in den heißen Quellen neben dem Bach lümmelte, die anderen sonnten sich am Ufer. Über den umgedrehten Kanus war bunte Ausrüstung zum Trocknen ausgebreitet. Müssen während des Sturms klatschnass geworden sein, vermutete Chris. Die Sonnenbadenden legten schützend eine Hand über die Augen und winkten. Die haben auch keine Probleme. Trotzdem drehte er nach Norden ein, landete auf dem größten der Seen und wanderte rüber zum Fluss. Einen Moment lang spürte er, dass er errötete wie ein Schuljunge, als er eine der Reiseleiterinnen erkannte und auf sich zukommen sah: Olivia Manning. In Shorts und Trägerhemd bewegte sie sich mit der fließenden Eleganz eines langgliedrigen Hengstfohlens. Ihre Haut war mit Sommersprossen übersät, das Haar von der Sonne fast weiß gebleicht.

Sie strich es nach hinten und schaute ihn grinsend an. »Hallo, Held der Lüfte.«

Er erwiderte ihr Grinsen. »Na, du unermüdliche Wasserratte. Immer noch nicht genug von Insekten und Bären?«

Sie knuffte ihn neckisch. »Oder von anderen einheimischen Wildtieren. Ich hatte einen Job an der Uni, doch im letzten Moment rief Ian Elliott an. Wie sollte ich da ablehnen? Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Tag, an dem ich meinen Uni-Abschluss habe und mir ’nen richtigen Job suchen muss. Möchtest du was trinken? Einen Kool-Aid spezial vielleicht?«

Er schüttelte den Kopf. So gern er auch Zeit mit Olivia verbracht hätte, das Rätsel des Kanus hatte Vorrang, ganz zu schweigen von seinen Angelkumpels. »Ist deine Gruppe während des Sturms nass geworden?«

Olivia lachte. »Was denkst du denn! Ein Zelt hat’s umgeweht, alles darin war klatschnass. Außerdem sind gestern vier von uns im Sequel baden gegangen. Heute legen wir einen Ruhetag ein, wandern und warten, bis der Wasserstand fällt.« Sie berührte seinen Arm und führte ihn ein Stückchen weg, außer Hörweite. »Diesmal sind einige unerfahrene Paddler dabei. Ein Geschichtsprofessor mit Frau und irgendein Bergbau-Tycoon aus Utah. Die hätten nicht Moose Ponds buchen sollen. Gestern mussten wir zwei Boote reparieren.«

»Vermisst ihr eins?«

Sie sah ihn überrascht an. »Nein, warum?«

»Auf den Felsen gleich oberhalb des Broken Skull River liegt ein türkisfarbenes Kanu. Hast du jemanden gesehen? Hier oder weiter oben?«

»Zählt ein Grizzlybär auch?« Sie lachte unbeschwert. »Wir haben keine Menschenseele gesehen, seit wir losgefahren sind. So weit oben trifft man selten jemanden. Gestern mussten wir wegen des Sturms früh Rast machen, direkt oberhalb des Little Nahanni. Wir sind gerade erst hier angekommen.« Ihre blauen Augen wurden schmal. »Machst du dir Sorgen, Chris? Wird eine Gruppe vermisst?«

Er mochte die Art, wie sie ihn ansah: Als ob auch sie begriff, was das beschädigte Kanu bedeuten konnte. »Na ja, weißt du«, antwortete er, »noch wird niemand vermisst, aber ohne Boot muss man hier ganz schön lange schwimmen. Ich versuche nur, mir ein Bild zu machen. Inoffiziell.«

»Okay. Falls ich irgendwas sehe oder höre, sage ich Reggie Fontaine Bescheid.«

»Danke, Olivia.« Er zögerte. »Vielleicht … Na ja …«

»Na ja was?«

»Komm doch vorbei, um hallo zu sagen, wenn du das nächste Mal in der Stadt bist.«

Sie schmunzelte, zeigte dieses wunderschöne breite Lächeln, das ihm bei ihrer ersten Begegnung im letzten Sommer komplett die Sprache verschlagen hatte. »Ich spendier dir sogar einen ordentlichen Drink«, gelobte sie.

Als er wieder in der Luft war, flog er noch einmal über sie hinweg und dippte seinen Flügel in ihre Richtung, bevor er den Gashebel nach vorn schob und beim Steigflug hart eindrehte. Sein Herz schlug wild. Er wusste, dass sie ihn zu Hause in Ontario, im Kreise ihrer Freunde von der Universität, wahrscheinlich nicht einmal gegrüßt hätte, doch hier oben, unter dem magischen Zauber eines Sommers am Nahanni, war alles möglich.

Einen Moment lang wanderten seine Gedanken zu Olivia, er konnte sich nicht auf die gestrandeten Kanuten konzentrieren. Chris schüttelte den Kopf, rief sich zur Ordnung und folgte im Tiefflug den Schneisen zwischen den endlosen Fichtenwäldern.

Am nächsten Abend rief Olivia ihn über Satellitentelefon an, gerade als er mit seinen Freunden das Lagerfeuer anzündete, um Forellen zu braten.

»Ich hab dem Parkaufseher schon Bescheid gesagt, aber ich dachte, es würde dich interessieren«, begann sie mit ihrem abgehackten ostkanadischen Akzent. Sie war im Norden von Ontario geboren, in einer Waldgegend, fast ebenso abgelegen und unberührt wie die Nordwest-Territorien, doch durch den jahrelangen Schulbesuch im südlichen Ontario war ihre Sprache vornehmer geworden. »Wir haben dein türkisfarbenes Kanu gefunden. Ich habe es mir genau angeschaut. Wurde im Sturm wirklich übel zugerichtet, deshalb ist es schwer zu sagen, was passiert ist. Jedenfalls war es nicht mehr zu reparieren, weshalb sie es vielleicht einfach zurückgelassen haben. Ansonsten war nichts zu sehen, keine Ausrüstung oder …« Sie verstummte.

Ertrunkene, dachte er. »Konntest du die Seriennummer lesen?«

»Ja, und ich hab sie an Reggie durchgegeben. Er hat die Liste aller Registrierungen überprüft – kein Treffer.«

»Kein Kanu mit dieser Seriennummer?«

»Nicht nur das, es ist auch keine Gruppe eingetragen, die ein türkisfarbenes Kanu angegeben hat. Auch keine Reservierung für Virginia Falls.«

Er überlegte. Sowohl die Registrierung im Park als auch die Reservierung auf dem Zeltplatz bei Virginia Falls waren obligatorisch. »Wir haben es also mit einem Einzelgänger zu tun.«

»Sieht so aus. Wer weiß, vielleicht jemand, der allein paddelt oder der gar nicht vorhatte, in den Park reinzufahren.«

In diesem Fall, dachte Chris, ist das ein verdammt großes Gebiet, um sich zu verirren.

KAPITEL DREI

Ottawa, 10. Juli

Greens Mobiltelefon vibrierte an seinem Gürtel. Er saß gerade in einer Besprechung mit dem stellvertretenden Dienststellenleiter und dem Chef der Personalabteilung, bei der es um die Neuzuordnung von Staff Sergeant Brian Sullivan ging, der nach einem Genesungsurlaub wieder seinen Dienst antrat. Green war entschlossen, ihn ins Dezernat für Kapitalverbrechen zurückzuholen. Der Personalchef vertrat zwar die Ansicht, dass niemand unentbehrlich sei, doch in diesem Fall irrte er sich gewaltig. Green ignorierte sein Telefon, aber nach dem dritten Anruf innerhalb von fünf Minuten warf er doch rasch einen Blick aufs Display.

ASHLEY

Hastig entschuldigte er sich und stürzte hinaus in den Flur.

»Sie wird vermisst!«, jammerte Ashley.

»Was?«

»Sie ist verschwunden! Keine Spur von ihnen! Das Kanu ist zerschmettert, und sie ist … O Gott, Mike!«

Green unterbrach ihr Gejammer. »Was ist passiert?«

»Sie haben das Kanu gefunden, verlassen …«

»Wer?«

»Was? Keine Ahnung! Sie haben es auf den Felsen gefunden.«

»Wer hat dich angerufen?«

»Ich hab doch gesagt, keine Ahnung! Irgendein Polizist. Sie wollen mir nicht sagen, was los ist! Haben nur Fragen gestellt. Wo wollte sie hin? Mit wem war sie zusammen? Was hatte sie vor? Als hätte sie irgendwas ausgefressen!«

Green fiel es schwer, seine eigene Angst unter Kontrolle zu halten. »Ashley, leg auf und schau auf dein Display. Schreib die Nummer auf und ruf mich zurück.«

»Ich habe kein Display! Nicht auf dem Festnetz zu Hause.«

»Herrgott noch mal.« Er musste sich beherrschen. »Leg auf, wähl Sternchen – sechs – neun und ruf mich zurück.«

»Mike, bitte!«

Erst mit Verzögerung begann Greens Polizistenhirn zu arbeiten. »Okay, Ashley, ich finde es raus. Hab ein bisschen Geduld, ich melde mich wieder.«

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da legte er schon auf und öffnete die Tür zum Besprechungsraum, um sich zu entschuldigen – und zu verdrücken. In seinem Büro benötigte er keine fünf Minuten, um die zuständige Polizeidienststelle ausfindig zu machen, in deren Gebietshoheit der Nahanni Nationalpark fiel. Der Park lag in der südwestlichen Ecke der Nordwest-Territorien, also war die RCMP zuständig. Er rief an, betonte ausdrücklich seinen Dienstgrad und bat darum, mit dem Beamten zu sprechen, der wegen Hannah Pollock angerufen hatte.

»Oh, das war wahrscheinlich Constable Tymko.« Die Frau am anderen Ende der Leitung klang unglaublich jung. »Er ist dienstlich unterwegs, aber …«

»Dann stellen Sie mich bitte durch.«

Es entstand eine Pause, in der Green sich fragte, ob sie dort oben im Norden überhaupt über solche elementaren Kommunikationstechnologien verfügten. Doch da hörte er die Frau wieder sprechen, mit gedämpfter Stimme, als würde sie den Hörer abdecken.

»Ah, Chris! Am Telefon ist ein Inspector Green von der Polizei in Ottawa, er ruft wegen des Kanus an.«

Der Mann antwortete in weniger als zwei Sekunden, seine Stimme klang frisch und routiniert. »Hier spricht Constable Tymko. Wie kann ich Ihnen helfen, Sir?«

Green zwang sich, gleichermaßen professionell zu reagieren. »Soweit ich weiß, haben Sie auf dem Nahanni ein verlassenes Boot gefunden und bringen es mit meiner Tochter Hannah in Verbindung. Was ist passiert?«

»Richtig, Inspector, ich habe Hannahs Notfallkontakt angerufen …«

»Ich weiß, und der hat anschließend mich angerufen. Sagen Sie mir, was passiert ist.«

»Das versuchen wir gerade festzustellen. Wir sind nicht sicher, ob überhaupt etwas passiert ist, wir konnten sie nur bis jetzt noch nicht ausfindig machen.«

Green hörte zu, während der Mann ihm berichtete, wie er das Kanu entdeckt und daraufhin seine Seriennummer zurückverfolgt hatte. »Bei der Parkverwaltung ist diese Nummer nicht gelistet …«

»Und sollte sie das sein?«

»Die Vorschriften hier im Park sehen vor, dass Besucher bestimmte Angaben über ihre Ausrüstung zu machen haben: Farbe, Hersteller und Seriennummer, um die Identifikation und Bergung zu erleichtern.« Bevor Green ihn unterbrechen konnte, setzte der Mann seinen Bericht systematisch fort. »Das Boot wurde gerade noch innerhalb der Parkgrenzen gefunden, so dass sie möglicherweise gar nicht gegen die Parkbestimmungen verstoßen haben. Genau genommen wissen wir nicht einmal, ob sie vermisst werden. Aber wir haben hier draußen eine unübersehbare Wildnis, Inspector, und sind für das Wohl all derer verantwortlich, die sich dort aufhalten. Deshalb kann ich mich nicht guten Gewissens über ein gestrandetes Kanu hinwegsetzen und über die Tatsache, dass keine Spur von seinen Besitzern auftaucht. Soweit ich weiß, hat Ihre Tochter die Kanutour auf dem Nahanni in Moose Ponds begonnen?«

In all seiner Angst fand Green hier einen Ansatzpunkt für seinen Verstand. »Ja, aber was veranlasst Sie überhaupt zu der Annahme, dass es sich um das Boot meiner Tochter handelt?«

»Ich habe die Seriennummer bis zu einem Ausrüster in Whitehorse zurückverfolgt. Es wurde im Juni dort gekauft – von einem gewissen Scott Lasalle.«

Scott. Alle Hoffnung, das Kanu könnte jemand anderem gehören, schwand dahin.

»Kennen Sie Mr. Lasalle?« fragte Tymko.

Schweren Herzens bejahte Green.

»Ich habe Fluggesellschaften und unabhängige Transportunternehmen überprüft, bis ich auf die Maschine gestoßen bin, die er gemietet hat. Ein Buschpilot, der Privatflüge anbietet. Im Flugprotokoll ist eine Gruppe von vier Personen verzeichnet. Ist das richtig?«

»Ich kann nicht …« Green unterbrach sich, um nicht zugeben zu müssen, wie wenig er wirklich wusste. »Ich glaube, ja.«

»Der Pilot gibt an, sie mit zwei Kanus bei Moose Ponds abgesetzt zu haben. Klingt das korrekt?«

Während Green das bestätigte, sank ihm der Mut.

»Vier Personen passen unmöglich in ein Kanu, falls das alles ist, was sie jetzt noch haben. Welche Reiseroute hatten sie geplant?«

Ich hab keine verdammte Ahnung, wollte Green antworten. Weil meine Tochter mich belogen hat. »Ich glaube, sie wollten die ganze Strecke bis Nahanni Butte fahren.«

»Ihr Eintritt in den Park wurde nicht registriert«, erwiderte Tymko. »Wissen Sie, ob sie eine Kommunikationsausrüstung für Notfälle dabeihaben, zum Beispiel ein Satellitentelefon oder GPS?«

»Ja, zumindest haben sie das meiner Exfrau erzählt.«

Tymko überlegte einen Augenblick. »Wer führt die Gruppe?«

»Scott Lasalle.«

»Hat er Erfahrung mit Outdoor-Aktivitäten?«

»Ich kenne ihn nicht persönlich, aber meine Exfrau behauptet, ja.« Bei der Vorstellung, wie inkompetent er sich anhören musste, verzog Green gequält das Gesicht. Wie hatte er das alles nur zulassen können?

»Was ist mit den anderen Mitreisenden?«

Green musste zugeben, dass er auch sie nicht kannte. »Meine Tochter hat ein wenig Kanu- und Camping-Erfahrung durch frühere Sommerlager in British Columbia, allerdings nichts, was man als ernsthafte Vorbereitung auf diese Tour betrachten könnte.« Er unterdrückte seine Angst. »Was werden Sie unternehmen?«

»Offiziell noch gar nichts, Sir. Wir haben weder Alarmsignale noch Hilferufe empfangen, es gibt keinerlei Anzeichen für Verletzungen oder …«

»Außer ihrem Boot! Sie haben selbst gesagt, dass vier Personen nicht in einem Kanu den Fluss runterfahren können. Das sind wie viele Kilometer? Über fünfhundert?«

»Ja, aber es ist noch zu früh. Manchmal werden hier auch Kanus für Notfälle zwischengeparkt. Genau genommen werden sie bislang nicht vermisst, und niemand hat sie als vermisst gemeldet.«

»Dann melde ich sie jetzt als vermisst!«

»Aber das wissen Sie doch gar nicht. Laut diesem Buschpiloten ist als Abholtermin in Lindsberg Landing der 23. Juli vereinbart, erst wenn sie den verpassen …«

»Aber das ist erst in zwei Wochen! Zwei Wochen in dieser Wildnis. Vielleicht haben sie sich verirrt oder verletzt …«

»Deshalb sagte ich ja: offiziell«, setzte Tymko an, doch Green hörte ihn kaum, so laut rauschte das Blut in seinen Ohren.

»Verdammt noch mal, ich komme selbst dorthin!«

»Selbstverständlich musst du dorthin«, sagte Sharon.

Green war überrascht. Er hatte tausend Einwände erwartet, und wer könnte ihr das schon übelnehmen? Selbst jetzt, nachdem sie es ausgesprochen hatte, lehnte sie sich auf dem Sofa zurück, legte die geschwollenen Füße auf den Couchtisch und zuckte zusammen, weil das Baby sich heftig bewegte. Diese Schwangerschaft erwies sich als weitaus beschwerlicher als die mit Tony. Schon im sechsten Monat stieß die Kleine ihre Füßchen unter Sharons Brustkorb, so dass ihr schlecht wurde und sie kaum Luft bekam. Sie legte eine Hand auf den Bauch und streichelte sie. Durch die ganzen erbbiologischen Untersuchungen wusste sie, dass es ein Mädchen war. Sie hatte sogar schon den Namen ausgesucht, Aviva, das hebräische Wort für Frühling. Ein Neuanfang.

Green hatte den Namen ohne Zögern akzeptiert, er fühlte sich schon schuldig genug, weil ihn bei diesem Projekt alle als gleichwertigen Partner behandelten. Dabei war sie es, die sämtliche Schmerzen und Entwürdigungen durchstehen musste. Und das waren nicht wenige, mit einundvierzig Jahren und einer Körpergröße von einem Meter fünfundfünfzig. Mit ungeduldigem Schnauben hatte sie das Gebrabbel ihres Arztes über »Spätgebärende« und »Hoch-Risiko«-Schwangerschaften beiseitegeschoben. Jahrhundertelang brachten gute katholische Ehefrauen fünfzehn bis zwanzig Kinder zur Welt, oft genug sogar während der Feldarbeit. Warum sollte eine gesunde, moderne jüdische Frau das also nicht mal zwei schaffen?

Doch die Schwangerschaft hatte diesmal verheerende Auswirkungen auf Sharons Gesundheit. Hoher Blutdruck, Wassereinlagerungen und Schwindelgefühle setzten sie wiederholt außer Gefecht. Schließlich beherzigte sie den Rat des Arztes und ließ sich von ihrer Arbeit als Krankenschwester freistellen. Zu ihrer Entlastung hatte sie sogar Tagesbetreuungen und Fahrgemeinschaften für Tony organisiert, damit sie sich nachmittags immer mal ausruhen konnte.

Green wusste, dass er als Ehemann und Vater keine große Hilfe war. Bei seinem unberechenbaren und anstrengenden Beruf und seiner generellen Ungeschicklichkeit im Haushalt blieb Sharon oft nichts anderes übrig, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und jetzt beabsichtigte er auch noch, sie völlig alleinzulassen, mitsamt der ganzen Hausarbeit und ihrem fünfjährigen Sohn, dessen Betreuung allein schon ein Fulltimejob war.

Eigentlich hatte sie Anspruch darauf, wie eine Diva behandelt und verwöhnt zu werden: Frühstück im Bett, Rückenmassagen nach dem Abendessen. Stattdessen ließ er sie im Stich.

»Wenn es eine andere Möglichkeit gäbe …«, begann er und fühlte sich dabei noch schuldiger.

»Es gibt keine andere Möglichkeit. Wenn ich könnte, würde ich mitkommen.«

Green schob seinen Arm unter Sharons Schulter und massierte ihren Nacken. Sie schnurrte. Ihr überdimensionaler Hund hatte sich, wie immer, zu ihren Füßen ausgestreckt – er nahm die ganze Länge des Sofas ein – und schnarchte leise. Ein seltener Moment der Stille im Haus. Green war mitten am Nachmittag von der Dienststelle nach Hause gefahren, bevor Tony aus der Tagesbetreuung heimkam.

Er feixte. »Ein schönes Paar würden wir abgeben. Ich, der ich noch nie im Leben mit einem Kanu unterwegs war, geschweige denn mit einem Zelt. Und du …«

»Die Prinzessin aus Toronto?«

»Schlimmer als Toronto – Mississauga.«

Sharon lachte. Sie hatte sich von ihren Wurzeln – ihrem überbehütenden, spießigen Vorort-Elternhaus – distanziert, seit sie sechzehn war. Damals begann sich ihr weltumspannendes soziales Gewissen zu regen.

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