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Tot ist nur, wer vergessen ist

C. J. Lyons

Tot ist nur, wer vergessen ist

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Dorothea Kallfass

Diesen Roman würde es nicht geben ohne

meine treuen Leserinnen und Leser.

Euch allen ist er gewidmet!

1

6. Juni 2007

Staatsgefängnis von Huntsville, Texas, Todestrakt

Sarah Durandt zuckte zusammen, als der verblichene blau karierte Vorhang sich ruckartig öffnete und den Blick auf den an einer Pritsche festgeschnallten Häftling freigab. Hinter sich hörte sie eine Frau nach Luft schnappen. Sarah beugte sich vor und legte eine Hand an die Scheibe, die sie und die anderen Zeugen von einer Bestie trennte. Sie atmete durch den Mund. Anders war die stickige Luft in dem engen Raum nicht zu ertragen.

Durch das dicke Glas wirkte jeder Gegenstand in dem weiß gekachelten Hinrichtungszimmer wie von einem Heiligenschein umgeben. Panzerglas. Was befürchteten sie, wer hier schießen würde? Der von den Beruhigungsmitteln inzwischen schon ganz benommene verurteilte Mann oder diejenigen, die hierhergekommen waren, um ihm beim Sterben zuzusehen?

Sarah schlang die Hände ineinander, legte sie in den Schoß und erschauerte, als der eisige Lufthauch aus der Klimaanlage sie traf. Mit ihr drängten sich elf weitere Menschen vor der Glasscheibe, alles Angehörige der anderen Opfer. Sie nahm jedoch kaum jemanden wahr. Die anderen waren hier, um einen Schlussstrich zu ziehen. Sarah hingegen wollte Antworten.

Aus schmalen Augen, denen kein Detail entging, musterte sie den Häftling auf der anderen Seite. Infusionsnadeln steckten in den zur Seite ausgestreckten Armen. Sieben Lederriemen fixierten seinen Körper, die Pose erinnerte auf fürchterliche Weise an eine Kreuzigung. Doch dieser Mann war kein Messias.

Er war der Teufel in Person.

Damian Wright war von durchschnittlicher Größe, einer, der nicht aus der Menge herausstach, mit einem nichtssagenden Gesicht ohne besondere Merkmale.

Sarah wusste es besser. Sie wusste von seiner Verschlagenheit, dass hinter der Fassade der Normalität das krankhafte Verlangen lauerte, andere Menschen zu foltern und zu verstümmeln. Selbst hier, auf seinem Sterbebett kannte er kein Erbarmen, verweigerte ihr auch den kleinsten Trost oder ein wenig inneren Frieden.

Sie wusste nicht, warum sich Damian unter allen Opfern bei seinen kranken Machtspielchen ausgerechnet auf sie konzentriert hatte. Sie war nur eine einfache Lehrerin aus einem Fünfhundert-Seelen-Dorf im Norden des Staates New York. Ihr braunes Haar band Sarah meist achtlos zu einem Pferdeschwanz zurück, nur bei besonderen Anlässen fiel es ihr offen über die Schultern wie heute, bei der Hinrichtung eines Serienmörders.

Damians schweißbedeckte Haut glänzte im Schein der großen runden OP-Lampe. Sie war so grell, dass er die Augen fest zugedrückt hielt. Der Gefängnisdirektor nickte einem schwarz gekleideten Mann zu, der ein kleines Silberkreuz im Schoß hielt. Dann streckte er eine Hand aus, und als sie durch den Lichtkegel glitt, blitzte sein Ehering auf. Er zog das Mikrofon nach unten. Unwillkürlich strich Sarah über den Finger mit dem schlichten Ring daran, den Sam ihr vor sechs Jahren angesteckt hatte.

Das Mikrofon glitt wie eine Kobra nach unten, hielt knapp über Damians Mund inne und wippte dort hypnotisierend auf und ab. Mit einem kurzen Klick, der wie ein gedämpfter Schuss klang, schaltete der Gefängnisdirektor die Lautsprecheranlage ein. Damians kratziges Atemgeräusch erfüllte den Raum.

Unbewusst atmete Sarah in seinem Rhythmus mit, fast meinte sie, den Geruch von Desinfektionsmittel und Heftpflaster, von Schweiß und Angst durch die Scheibe hindurch wahrnehmen zu können. Alan Easton, der direkt neben ihr saß, drückte ihr aufmunternd die Hand.

»Alles in Ordnung?«, fragte er besorgt und klang dabei mehr wie ein Freund und nicht wie ihr Anwalt. Sarah war die einzige Angehörige, die für Sam und Josh hier war. Die ganze Familie, die Sam hinterlassen hatte. Josh – wie hätte sie für ihren Sohn nicht herkommen können?

Sie nickte abwesend, ihre ganze Aufmerksamkeit galt der Szene vor ihren Augen. Nur drei Menschen befanden sich in dem Hinrichtungsraum: der Gefängnisdirektor in seinem blauen Anzug mit gestärktem weißem Hemd und schmaler Krawatte, der schwarz gekleidete Pfarrer, und Damian Wright, der Mann, der ihr Leben zerstört hatte.

Wenn Sarah ihren Sechstklässlern zu Hause den Todestrakt beschreiben müsste, hätte sie ihnen erklärt, dass alles an dem abseits vom normalen Gefängnis gelegenen Gebäude darauf ausgerichtet war, eine Flucht unmöglich zu machen.

Nichts und niemand entkam diesem winzigen Bau mit den dicken, anstaltsgrün gestrichenen Wänden. Dem zweckmäßigen Hinrichtungsraum hinter dem Sichtfenster sah man ungeschönt seine Funktion an. Eine im Boden verankerte Pritsche mit ausklappbaren Armstützen war das einzige Möbelstück.

»Möchten Sie noch etwas sagen?«, fragte der Gefängnisdirektor den zum Tode Verurteilten.

Sarah horchte auf. Eine Fliege unterbrach das unheilige Prozedere, stieß unter ohrenbetäubendem Surren immer wieder mit den Flügeln gegen das Gitter vor den zwei flackernden Glühbirnen. Damian Wright, für schuldig befundener Mörder und Kinderschänder, öffnete die wässrigen Augen und richtete den Blick direkt auf Sarah. Sie entzog Alan die Hand und ballte sie zur Faust.

Sag es! Sag irgendetwas! Gib mir einen Hinweis!

Ihr stummes Flehen wurde jedoch nicht erhört. Damian schwieg, lag schlaff da, ohne sich gegen die Fesseln zu wehren. Einzig die Brust hob und senkte sich, während er auf seinen letzten Atemzug zusteuerte. Sarahs eigener Brustkorb schien vor lauter Anspannung zu bersten. Damian starrte sie weiterhin an und fing an zu lächeln.

Sarah blinzelte zuerst, gab bereitwillig nach. Sie würde alles tun, wenn es ihr dabei half, Sam und Josh zu finden.

Damians Lächeln wurde breiter. Doch er blieb stumm.

Vor Wut zog sich ihr Magen zusammen. Verweigerte er ihr den so verzweifelt ersehnten Schlussstrich, nur weil sie an jenem Tag, an dem er ihr Josh genommen hatte, bei dieser verfluchten Lehrerfortbildung gewesen war? Quälte er sie deshalb? Oder lag es daran, dass von all den Jungs, die er umgebracht hatte, einzig Joshs Vater zu kämpfen bereit gewesen war, bereit gewesen war, für seinen Sohn zu sterben?

Alan hatte vermutet, Sam habe Damians Ritual gestört. Ihn gezwungen, entgegen seiner kranken Fantasie vom geplanten Ablauf abzuweichen und erst Sam umzubringen, ehe er sich wieder Josh zuwenden konnte.

Der Pfarrer las aus der Bibel, hob den Blick dabei jedoch nicht ein einziges Mal vom Buch, um nach der verlorenen Seele zu schauen, für die er betete.

Vor zweiundzwanzig Monaten noch hätte der Psalm Sarah Trost gespendet, sie berührt heute jedoch waren es nur mehr leere Worte, bedeutungsloser noch als das Surren der Fliege. Sie legte eine Handfläche an das kalte Glas, denn nicht durch Gottes Wort, sondern nur von Damian konnte sie erfahren, was sie wissen wollte.

Sie war ihr Leben lang gläubig gewesen. Wo aber war Gott, wenn sie ihn am dringendsten brauchte? Wo war er, als ihr Ehemann und ihr Sohn ihn gebraucht hätten?

»Tut mir leid, dass wir die Hinrichtung nicht aussetzen konnten«, flüsterte Alan. »Ich weiß, wie sehr du gehofft hattest«

Sarah tat seine Worte mit einem Achselzucken ab, ihre Welt bestand nur noch aus dem Blick eines Mörders. Desjenigen Mannes, der zugegeben hatte, Sam und Josh umgebracht zu haben, sich aber weigerte, zu verraten, wo sie begraben waren.

Eineinhalb Jahre hatte sie gekämpft. Gegen Damian Wrights Schweigen, dagegen, dass er sich weigerte, sie zu treffen. Gegen das neue texanische Gesetz, das mit nie da gewesener Effizienz Hinrichtungen im Schnellverfahren möglich machte. Gegen sich selbst, weil sie eigentlich Damians Tod herbeisehnte. Nur ein einziger Wunsch wog stärker: ihren Mann und ihren Sohn zu finden.

Der Gefängnisdirektor trat vor und las monoton aus einem Dokument vor, was Sarah jedoch nur am Rande mitbekam.

Wo sind die beiden, du gottverdammter Scheißkerl? Sarah legte ihre ganze Verachtung und all ihren Hass in ihren Blick, um Damians Zunge während dieser letzten Sekunden, die er noch auf Erden weilte, zu lösen. Sie schlug mit der Faust gegen das dicke Glas, doch nur ein kaum hörbarer dumpfer Laut kam dabei heraus.

Der Mörder verzog keine Miene, starrte sie einfach nur an. Sagte aber immer noch nichts. Stattdessen legte sich etwas Mitleidiges in seinen Blick. Als wäre sie diejenige, die zum Tode verdammt wäre, und nicht er.

Der Gefängnisdirektor war fertig und nahm die Brille ab, dann nickte er einmal kurz zu dem Raum hinüber, in dem der Henker saß. Sarah hatte sich informiert. Hinter dem von der anderen Seite durchsichtigen Spiegel legte jemand einen Schalter um. Medikamente flossen in Damians Armvenen. Zuerst noch mehr Beruhigungsmittel, dann ein die Muskeln lähmendes Gift und schließlich Kaliumchlorid, um sein Herz zum Erliegen zu bringen.

Die Zeit blieb stehen. Sarah wagte nicht zu blinzeln. Damian blinzelte ebenfalls nicht.

Drei Minuten später trat der Gefängnispfarrer zur Seite, als ein Mann in weißem Kittel dazukam und Damian mit einem Stethoskop abhörte. Anschließend richtete er sich wieder auf, streckte eine Hand aus und schloss dem Mörder die Augen.

Der Vorhang ging schlagartig zu.

Ein kollektives Seufzen ertönte, und allgemeine Unruhe breitete sich unter den Zeugen aus. Durch den blinden Nebel, der Sarah einhüllte, nahm sie das Schluchzen einiger Frauen und eines Mannes wahr, spürte, wie sich der Raum um sie herum leerte. Sie verharrte reglos mit brennenden Augen, die sich nicht schließen wollten.

Alan berührte sie sachte am Arm, löste ihre Faust von der Scheibe und half ihr auf die noch wackligen Füße. »Wir müssen jetzt gehen«, sagte er leise.

Bis zum letzten Moment reckte Sarah den Hals und starrte auf das dunkle Fenster. Als Alan sie schließlich bis nach draußen in den strahlenden Sonnenschein gebracht hatte, trafen die texanische Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit sie mit der Wucht eines Zehntonners.

Mit einem Mal schien sie diejenige zu sein, deren Lunge wie gelähmt war, sodass sie zu ersticken drohte. Ihr Brustkorb verkrampfte. Einen Moment lang war es ihr Herz, das zum Erliegen kam.

Sie zwinkerte kurz, und schon kehrte der Schmerz zurück. Dieses heftige Stechen hinter den Augen war seit zweiundzwanzig Monaten ihr treuer Begleiter und wurde weder durch Beruhigungsmittel noch durch die Hoffnung auf Erlösung gemildert. Im Gegensatz zu Damian Wrights Schmerzen.

Sie lebte. Zumindest körperlich. Auch der Verstand funktionierte. Ihre Seele jedoch die lag irgendwo auf dem Snakehead Mountain in einem anonymen Grab.

Neben Sam und Josh.

* * *

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei Die Worte woben sich in Sarahs Gedanken, verdichteten sich dort, bis sie einen weichen Kokon bildeten, der sie von jeglichem Gefühl abschirmte und ihr einen sicheren Ort bot, an dem sie sich verstecken konnte. Einen Ort, an dem sie nicht weiter nachdenken musste, nichts tun, nicht mehr reagieren. Nicht sein. Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei

Sarah schlang die Arme noch enger um den Oberkörper, drehte Alan den Rücken zu und lehnte sich an das Seitenfenster des Wagens, während sie das Gefängnis hinter sich ließen. Sie hatte sich geschworen, auf keinen Fall zusammenzubrechen, zumindest nicht, solange jemand dabei war.

Allerdings war Alan nicht irgendjemand. Alan verstand sie er hatte das alles selber durchgemacht. Seine Frau war von einem Junkie getötet worden, der auf der Suche nach Bargeld in ihr Haus eingedrungen war. Deswegen hatte er die große Anwaltskanzlei, in der er gearbeitet hatte, verlassen, um sich für Opfer von Gewaltverbrechen einzusetzen. Um Menschen wie Sarah zu helfen.

Wie hätte sie die vergangenen Monate ohne Alan überstehen sollen?

Mit jeder Reifenlänge entfernten sie sich weiter von Damian Wright, von Sarahs letzter Aussicht darauf, Sam und Josh zu finden. Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei

Sie sackte in sich zusammen, instinktiv suchte die rechte Hand den einzelnen Ring an der linken. Einen Verlobungsring besaß sie nicht. Stattdessen hatte Sam ihr damals das gegeben, was ihm am meisten bedeutet hatte: ein Plektrum des legendären Stevie Ray Vaughn, das er gegen einen Diamanten austauschen wollte, sobald er seinen ersten Song zu Geld gemacht hatte. Sieben Jahre danach steckte immer noch das Plektrum in dem schwarzen Samtkästchen auf ihrer Frisierkommode.

Ihre Hand war kalt, dennoch strahlte der Ehering Wärme aus, ganz so, als ob sie Sam berühren würde. Sarah drehte den Ring im Rhythmus zu den Worten, die sich in ihre Seele brannten, sie zum Aufgeben verleiten wollten. Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei

Nein! Das darf nicht sein. Nicht auf diese Art und Weise.

Tränen wollten hinter ihren geschlossenen Lidern hervorbrechen. Sie umklammerte den schlichten Goldring noch fester. Er war ihre letzte Verbindung zu Sam, und durch ihn auch zu Josh. Sie war müde, so müde. Sie sollte aufgeben. Was blieb ihr anderes übrig?

Schließlich ging ihr Leben weiter. Sam hätte gewollt, dass sie glücklich wurde. Eines Tages. Ein zittriger Atemzug bahnte sich einen Weg, und sie bemerkte, wie sich Alan neben ihr in seinem Sitz regte. Alan könnte sie sich eine gemeinsame Zukunft mit einem Mann wie ihm vorstellen? Einem Mann, der fast zwei Jahre seines Lebens darauf verwendet hatte, sie aus heillosem Schmerz und Leid wieder ans Licht zu führen und ihr diese allerletzte Chance verschafft hatte?

Letzte Chance, letzte Hoffnung, letzte Ölung.

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei.

Sarah richtete sich auf, öffnete die Augen und blinzelte in die grelle texanische Sonne. Sie streckte die Beine aus, glättete ihr dunkelblaues Kleid. Solange Josh und Sam nicht gefunden wurden, weigerte sie sich, in Schwarz zu gehen. Der dunkle Highway fesselte ihren Blick und lenkte ihn in die Zukunft.

»Geht es wieder?« Alan wandte den Blick von der Straße ab und starrte sie eine Zeit lang unverwandt an.

Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ja. Es geht mir gut.«

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei unablässig erdröhnten die Worte in ihrem Innern, traktierten sie wie ein bockiges Kleinkind, das wieder und wieder mit dem Kopf auf den Boden schlägt, weil es nicht bekommt, was es will. Josh hatte das früher auch manchmal gemacht. Bis er gelernt hatte, dass er so niemals das bekam, was er wollte.

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei!

Sarah schüttelte den Kopf mehr brauchte es jetzt nicht, damit Josh verstand. Ein leichtes Kopfschütteln, ein Lächeln, und er würde aufhören, zu quengeln, stattdessen nach ihrer Hand greifen und sich an sie schmiegen. Tut mir leid, Mama, hatte ich vergessen.

Aber ich nicht.

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei Nein. Das ist es nicht.

Es hat erst begonnen.

2

Mittwoch, 20. Juni

Zwei Wochen später

Supervisory Special Agent Caitlyn Tierney blickte gar nicht erst auf, als sie das zögerliche Klopfen an ihrer geöffneten Bürotür hörte. Stattdessen hob sie die Hand, um dem Besucher anzuzeigen, er solle sich gedulden, und las weiter in dem Bericht auf ihrem Monitor. Für die FBI-Anwärter, die sie ausbildete, war es die letzte Woche hier in Quantico. Da die Bekanntgabe der zukünftigen Einsatzgebiete bevorstand, waren alle nervös, und Caitlyn war an diesem Morgen schon einige Male behelligt worden.

Sie sah die Ergebnisse der letzten praktischen Prüfung ihrer Schützlinge zu Ende durch und nickte zufrieden. Die Absolventen hatten sich so gut geschlagen, wie sie gehofft hatte. Selbst Santos, dem zurückhaltenden, ernsthaften Sechsundzwanzigjährigen mit seiner Ausbildung in Teilchenphysik, war es gelungen, sich ins Team einzufügen. Eigentlich rechnete sie damit, ihn vor sich zu sehen, als sie ihren Laptop zuklappte und aufschaute.

Stattdessen stand einer der verhuschten Labortypen vor ihr. Ach, verflucht, sein Name fiel ihr nicht ein er war für DNA-Analysen zuständig. Nicht Rogers, nein, aber so ähnlich. Während sie angestrengt versuchte, dem Gesicht einen Namen zuzuordnen, lächelte sie den Mann unverbindlich freundlich an.

Dann endlich machte es klick. Allerdings hatte es doppelt so lange gedauert, als es noch vor zwei Jahren, vor ihrer Verletzung, der Fall gewesen wäre. Das würde sie jedoch niemals irgendjemandem gegenüber zugeben.

»Hallo, Clemens«, begrüßte sie den Labortechniker herzlich und deutete auf einen der beiden Holzstühle neben ihrem bis zum Bersten vollgestopften Bücherregal. »Was führt Sie hierher zu uns nach Jefferson? Halten Sie einen Kurs ab?«

Er schüttelte den Kopf. »Dachte mir, selbst herzukommen wäre einfacher, als Sie rüber ins Laborgebäude zu bitten.« Da hatte er recht. Denn das gerichtsmedizinische Zentrum war stärker gesichert als Fort Knox. Selbst FBI-Mitarbeiter wie Caitlyn benötigten eine offizielle Einladung sowie eine schriftliche Sondergenehmigung, um hineinzugelangen. Clemens warf einen Blick zur halb geöffneten Tür und rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her.

Mochte Caitlyn auch nicht mehr ein so gutes Namensgedächtnis wie früher haben, was nonverbale Kommunikation anging, war sie immer noch ein Profi. Also stand sie auf, nahm die Lesebrille ab und schloss beiläufig die Tür, während sie durchs Zimmer ging, um sich auf den freien Stuhl neben ihn zu setzen.

»Was gibt’s?«, fragte sie, beugte sich ein wenig vor und schaute ihm direkt in die Augen.

Er kramte einen Ordner aus seiner Aktentasche hervor. Da die Dokumente weder als streng geheim ausgewiesen noch mit einem anderen Vermerk versehen waren, fragte sie sich zunächst, weshalb er sich derartig geheimniskrämerisch gab. Bis sie sah, um wessen Akte es sich da handelte. Damian Wright.

Ihr erster Auftrag, als sie vor zwei Jahren wieder in den Beruf zurückgekehrt war. Caitlyn hatte einfach alles an diesem Fall gehasst: die Art des Verbrechens, die Reisen, die unerträglichen Migräneanfälle, die ihr Denken vernebelt hatten, bis sie vor Schwindel und Schmerz wie gelähmt war. Und am allermeisten hatte sie dieses dummbeutelige Arschloch von Vorgesetztem, Jack Logan, gehasst. Der Assistant Special Agent in Charge war ohne jede Vorwarnung oder Erklärung aufgetaucht und hatte den Fall übernommen. Das war umso ärgerlicher gewesen, weil Leute in seiner Position normalerweise reine Schreibtischtäter waren und niemals vor Ort ermittelten.

»Haben Sie schon gehört, dass Damian Wright tot ist?«, fragte sie den Labortechniker. »Hingerichtet, in Texas.« Sie schaute auf den Kalender. »Vor zwei Wochen.«

»Ich weiß.« Clemens’ Stimme klang traurig. »Das tut mir leid.«

Caitlyn erstarrte. Kleine helle Blitze schossen vor ihren Augen umher, bis sie nichts mehr erkennen konnte. »Leid? Sie wollen doch wohl nicht sagen, Sie hätten irgendetwas Entlastendes gefunden?«

Wie die meisten Kriminalbeamten war Caitlyn der Meinung, dass der Tod für einige dieser kranken Typen eine noch viel zu milde Strafe war doch eine bessere Handhabe hatten sie nicht. Gleichzeitig lebte sie jedoch, ebenso wie viele ihre Kollegen, ständig mit der Angst, einen Unschuldigen in die Todeszelle zu schicken.

Deswegen hatte Caitlyn das gegen Wright vorliegende Beweismaterial auch selbst noch einmal geprüft, bevor Texas übernommen hatte, obwohl es zu diesem Zeitpunkt offiziell gar nicht mehr ihr Fall gewesen war. Die Anklage war hieb- und stichfest gewesen. Wright war mit dem noch warmen Leichnam seines letzten Opfers geschnappt worden, einem Jungen, den er gerade abgeschlachtet hatte, war geständig gewesen, hatte keinerlei Gnadengesuche in seinem Namen gestattet und war infolgedessen als erster Angeklagter überhaupt in dem gerade erst eingeführten texanischen Schnellverfahren hingerichtet worden. Einundzwanzig Monate von der Verhaftung bis zur Hinrichtung, ein neuer Rekord.

Clemens schüttelte den Kopf. »Nein. Wright hat die Jungen in Texas, Vermont, Tennessee und Oklahoma getötet.« Er hielt inne. Caitlyn atmete tief durch und verscheuchte die letzten hellen Blitze. »Nur bei dem in New York bin ich mir nicht so sicher.«

»Hopewell, New York. Josh Durandt und sein Vater. Kurz bevor Katrina zuschlug.« Caitlyn erinnerte sich. Bei der Tat hatte man keine Leichen gefunden. Der Schauplatz des Verbrechens befand sich auf halbem Weg einen Berg hinauf, und sie hatte in einem Rock dort hochwandern müssen, weil man sie direkt von der Totenfeier für den zweiten Vermont-Jungen weggeholt hatte. Logan hatte gelacht, ihr keine Zeit gegeben, sich etwas Passenderes anzuziehen, und auch dann keine Nachsicht walten lassen, als ihr während der Fahrt wegen der starken Kopfschmerzen schlecht geworden war. Stattdessen hatte er sie gefragt, ob sie schwanger sei, nachdem sie sich am Straßenrand die Seele aus dem Leib gekotzt hatte, und hinzugefügt, das sei eben das Problem mit dem »heutigen FBI«. Bei einem männlichen Kollegen hätte er sich nie sorgen müssen, dass der ihm mit »so Hormongeschichten« kommen würde.

»Jedenfalls war ich gerade dabei, unsere Rückstände aufzuarbeiten, und bin bei dem Stapel, der entsorgt werden sollte, über diese Proben gestolpert«, berichtete Clemens zögerlich und rutschte wieder auf seinem Stuhl herum. Offensichtlich war er sich nicht mehr ganz sicher, ob das alles eine gute Idee war. »Sie kennen ja die Vorgaben des neuen Direktors. Vor der Entsorgung muss jedes einzelne Beweisstück geprüft werden, selbst wenn es sich um einen abgeschlossenen Fall handelt. Es stellte sich heraus, dass die Ergebnisse aus Hopewell nie dokumentiert worden waren. Nirgends. Bei einem Fall wie diesem hätten die Proben eigentlich vorrangig behandelt werden müssen. Stattdessen wären sie beinahe im Müll gelandet. Wenn diese neue Regelung nicht erlassen worden wäre –«

»Was haben Sie gefunden?«, fragte sie, nahm ihm den Ordner aus der Hand und schlug ihn auf. Auf der ersten Seite sah sie die vertrauten dunklen Linien einer DNA-Analyse.

»Die DNA-Spuren vom Hopewell-Tatort, sie stammen nicht von Wright.«

»Es gab zwei verschiedene Blutspuren, wenn ich mich recht erinnere? Eine von dem Vater und noch eine weitere. Wir sind davon ausgegangen, dass sie von Wright stammt, weil es sich nach einem Schnelltest vor Ort um dieselbe Blutgruppe wie seine gehandelt hatte und die Fingerabdrücke auf der Speicherkarte, die wir dort gefunden haben, ebenfalls ihm zugeordnet werden konnten.«

»Genau, es waren seine Fingerabdrücke, und die Karte stammte aus seiner Kamera. Auf einigen der Fotos ist Wright als Spiegelung zu erkennen. Die Aufnahmen stammen also zweifelsfrei von ihm.«

»Wer war dann mit ihm dort am Schauplatz des Verbrechens? Denken Sie etwa, es gab einen Komplizen? Darauf hat nichts an den anderen Tatorten hingewiesen.« Sie fuhr sich durch das halblange Haar und rieb gedankenverloren über die vernarbte Stelle hinter dem rechten Ohr. Damals in Hopewell war ihr Haar noch nicht wieder nachgewachsen gewesen. Die Operationsnarbe hatte noch unter dem kurzen Haar hervorgeschimmert.

Clemens atmete geräuschvoll aus. »Hier wird die Angelegenheit ein wenig seltsam.«

Caitlyn richtete sich auf. Wenn einer der Spezialisten aus dem Labor Beweismittel als seltsam bezeichnete, verhieß das nichts Gutes. »Inwiefern seltsam?«

»Seltsam im Sinne von Verschwörungstheorien, Vertuschungsaktionen, Area 51, politischem und beruflichem Selbstmord.« Er verzog das Gesicht. »Ich habe alles ein Dutzend Mal geprüft. Die Daten stimmen. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen jedoch nicht.«

»Sie meinen meine Schlussfolgerungen, meine Untersuchungsergebnisse?«

Er blickte auf seine abgewetzten Adidas-Turnschuhe und nickte. »Ja.« Dann schaute er wieder auf und strich sich das Haar aus der Stirn. »Nun, Ihre und die von Assistant Special Agent in Charge Logan. Er war ja damals für den Fall zuständig. Sein Name steht in den Unterlagen. Aber da er inzwischen pensioniert ist, dachte ich, ich komme besser zu Ihnen.« Er schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln. »Vielleicht können Sie mir sagen, was ich damit anfangen soll.«

Caitlyn starrte an ihm vorbei aus dem kleinen Fenster, von dem aus sie über ein kleines Wäldchen hinweg bis zur Yellow Brick Road schauen konnte, dem berühmten Hindernisparcours der Akademie. Die einfallenden Sonnenstrahlen erweckten die Kopfschmerzen erneut zum Leben. Sie hatte immer den Verdacht gehabt, Logan hätte ihr etwas verheimlicht. Unter dem Vorwand, Caitlyn werde bei den Aufräumarbeiten nach Katrina gebraucht, hatte er sie, so schnell es ging, von dem Fall abgezogen. Wochenlang hatte sie damals mit dem Zentrum für vermisste oder ausgebeutete Kinder zusammengearbeitet und insgesamt beinahe fünftausend Kinder aufgespürt, die wieder zu ihren Familien zurückgeführt werden konnten. Ein Einsatzgebiet, das nach Logans Auffassung eher den Fähigkeiten einer Frau entsprach. Da sie Wright wegen der anderen Morde bereits am Wickel gehabt hatten, hatte Caitlyn es dabei bewenden lassen.

Sie wandte sich Clemens zu. »Erzählen Sie mir alles!«

3

6. September 2005

Lieber Sam,

die Nachrichten sprechen nur noch von Tod und Zerstörung. Während aller Augen auf das Chaos im Süden und die Zerstörung durch Katrina gerichtet sind, hat die Suche nach Dir weitestgehend aufgehört. Natürlich nicht für mich.

Gott, ich klinge wie so ein CNN-Berichterstatter. Ich habe einfach keine Ahnung, wie ich das hier anstellen soll. Ich weiß nur, dass ich Dich brauche mit Dir reden muss. Anders kann ich dem allen keinen Sinn geben.

Die Frau des Colonels kommt jeden Tag vorbei. Sie meint, über Dich zu sprechen, dieses Tagebuch zu führen, sei die beste Therapie für mich und es würde mir helfen, zu begreifen, dass sich Gottes großer Plan uns Sterblichen nicht erschließt; dass ich Dich und Josh loslassen und akzeptieren muss, dass ihr an einem besseren Ort seid. Dass ich mein Leben weiterleben muss. Du weißt ja, wie sie ist.

Heute habe ich zum ersten Mal etwas erwidert. Ihr ganz ehrlich verraten, wie ich mich fühle. Ich habe ihr gesagt, dass sie und ihr lieber Gott zur Hölle fahren können.

Der Colonel hat sie blitzschnell hinausbefördert, während sie sich immer noch weiter ereiferte, ich hätte sie, wenn schon nicht als Frau christlichen Glaubens, dann doch zumindest als Stiefmutter zu respektieren.

Manchmal könnte ich schwören, dass der Colonel sie nach Mamas Tod nur geheiratet hat, weil sie so gut backen kann und die Betten immer so perfekt macht. Was zum Teufel hat er sich bloß dabei gedacht? Sag nichts ich höre Dich förmlich dieses Schmählied summen, das Du Dir für sie ausgedacht hast: »Requiem für die moralisch Überlegenen, aber menschlich Zurückgebliebenen«. Na jedenfalls bin ich sie los, also umso besser.

Dr. Hedeger sagt mir so ziemlich dasselbe wie die Frau des Colonels, nur versorgt er mich neben abgedroschenen Sprüchen auch noch mit Xanax. Lässt sich endlos darüber aus, der beste Weg, mein »Trauma zu entschärfen«, wäre, allen Schmerz und all meine Wut herauszulassen.

Entschärfen. Als wäre ich eine tickende Zeitbombe, die bei der kleinsten Erschütterung hochgehen könnte. Tick, tick bumm!

Genauso fühle ich mich. Ständig von unbändigem Zorn erfüllt, der in mir aufsteigt wie eine Giftschlange kurz vor dem Angriff. Zugleich eingeschlossen in einen undurchdringlichen Panzer aus Blei. Sie sagen mir, ich solle alles herauslassen, aber das wollen sie nicht wirklich. Ich will es jedenfalls nicht, Gott bewahre! Wenn ich es täte, könnte ich vielleicht nie wieder aufhören, zu schreien

Also, jetzt weißt Du, wie es mir so geht. Wie läuft es bei euch? Passt Du gut auf Josh auf? Ich weiß, dass Du das tust verflucht, sogar Damian Wright wusste das. Deswegen ist er euch auch in den Wald gefolgt. Ihm war klar, dass er dort eine größere Chance hätte, dich zu überrumpeln und an Josh heranzukommen.

Habe ich Dir erzählt, dass die Polizei eine seiner Speicherkarten gefunden hat? Während ich mit ein paar anderen Lehrern in Albany festsaß und mir anhören musste, dass »kein Kind aufgegeben werden soll«, hat diese Bestie Josh ausspioniert. Auf der Karte fanden sich unzählige Bilder von Dir und Josh im Park, auf dem Weg nach Hause, sogar eines, das Dich und Josh im Wohnzimmer zeigt, wo ihr auf dem Fußboden miteinander ringt. Oh, es gab auch noch andere kleine Jungs, die er beobachtet hat, aber sie waren schnell vergessen, sobald er Josh entdeckt hatte.

Unser bildhübscher kleiner Junge. Ich werfe Dir nichts vor. Die Polizei sagte, bei der Blutmenge, die auf dem Weg gefunden wurde, musst Du Dich tapfer gewehrt haben. Heroisch, hat es Chief Waverly genannt.

Sie haben auch Blutspuren von Damian gefunden. Hauptsache keine von Josh, dachte ich damals wie dumm von mir! Aber damals griff ich nach jedem Strohhalm, hielt mich an jedem Funken Hoffnung fest.

Ich war so verdammt wütend. Weil ich nicht dort war, als ob ich irgendwie hätte verhindern können, was geschehen ist. Wütend auf die dämliche Regierung, die Zeit und Geld an ein dummes Gesetz verschwendet, das gut klingt, aus unseren Kindern aber kleine Lichter macht entschuldige, diese Schimpfkanonade hast Du schon oft genug gehört, nicht wahr?

Größtenteils bin ich wütend auf Gott. Wie konnte er das zulassen? Diese zwei Jungs aus Vermont? Der andere, der in Tennessee gefunden wurde, nachdem ihnen Damian hier entwischt ist?

Und dann diese rothaarige FBI-Agentin Du hättest über ihren burschikosen Kurzhaarschnitt, den schlecht sitzenden Rock und die klobigen Schuhe gelacht. Wie sie immer eine Hand in die Hüfte stemmte, als wüsste sie selbst nicht, ob sie eine Frau ist oder doch zu den Jungs gehört. Ich habe zufällig mit angehört, wie sie Chief Waverly erzählt hat, es sei typisch für Damian, sich seine Beute mit bloßen Händen zu schnappen, und dass er seine Opfer immer schnell und brutal umbringt, sich während der Tat durch den direkten Körperkontakt ein Machtgefühl verschafft woher zum Teufel will sie das wissen?

Da hat Hal Waverly mich entdeckt und sie unterbrochen. Mich an den Schultern gepackt, zu seiner Mannschaft gebracht und mir etwas Heißes zu trinken gegeben, damit das Zähneklappern aufhört. Und er hat mir von dem Blut auf der Lichtung neben dem Weg berichtet. Dass sie dort Joshs zerfetzten Plüschtiger gefunden hätten. Wegen des Hurrikans jedoch die Suche abbrechen würden. Dass sie noch mal mit den Spürhunden rausgehen wollten, sobald es wieder aufklart.

Ich müsse vom Schlimmsten ausgehen und es akzeptieren. Als ob ich das jemals könnte. Ohne Dich und Josh tot gesehen zu haben. Wie könnte ich so leicht aufgeben?

Das war letzte Woche. Kommt mir vor wie ein anderes Leben. Die Suchhunde aus Saranac sind inzwischen alle unten in Mississippi und New Orleans im Einsatz. Das FBI ist längst wieder weg, nur das Absperrband hängt noch vor dem Zimmer drüben im Locust Inn in Merrill, dort, wo Damian Wright sich einquartiert hatte. In Tennessee sei er ihnen nur knapp entwischt, hieß es in den Nachrichten »dem Mörder dicht auf den Fersen«.

Wenn ich Damian wäre, würde ich mich auf den Weg nach Texas machen, mich unter die Flüchtlinge mischen und in der Menge untertauchen. Ich frage mich, ob die Polizei diese Möglichkeit in Betracht zieht und ihn dort sucht? Immerhin schien er in südlicher Richtung unterwegs zu sein. Die Mutter in Tennessee hat wenigstens einen Leichnam, den sie beerdigen kann ein paar Jäger haben Damian überrascht, ehe er den Jungen beiseiteschaffen konnte. Er hieß Nelson. Den Fotos in der Zeitung nach ein hübscher Junge. Schwarze Locken, große dunkle Augen, breites Lächeln.

Genau wie Du und Josh. Ich weiß, dass Josh bei Dir ist. So muss es sein. Diese Hoffnung hält mich aufrecht, sorgt dafür, dass ich nicht den Verstand verliere. Zu wissen, dass ihr beide zusammen seid.

Ich werde euch finden. Bald. Versprochen. Vielleicht wird der Regen euch hervorbringen. Falls Damian euch nicht zu tief vergraben hat. Ich bekomme die Bilder nicht aus meinem Kopf heraus von dem, was Damian mit Josh angestellt haben mag, nachdem er mit Dir fertig war.

Tut mir leid, da bin ich wieder. Manchmal muss ich mich kurz im Bad einschließen, dann drehe ich sämtliche Wasserhähne auf und schreie mir die Seele aus dem Leib, bis meine Stimme versagt und das Zimmer voller Wasserdampf ist. Dann stelle ich mir vor, Du wärst neben mir im Spiegel zu sehen und Josh schliefe wohlbehalten hinter der Tür. Halte den Atem an, bis der Nebel sich verzieht und es niemand, der noch bei Verstand ist, länger leugnen kann, dass ich allein bin. Allein mit meinen Gedanken, meinen Ängsten, dem Zorn und der Verzweiflung Ihr fehlt mir beide so sehr, doch ich bin nicht imstande, das mit Worten auszudrücken.

Hal Waverly ist meine größte Stütze. Als Polizeichef hat er natürlich schon viel Schlimmes erlebt und selbst jemanden verloren, also versteht er mich besser als irgendjemand sonst. Er hält Distanz und ist doch gleichzeitig immer in meiner Nähe, schaut zwischen den Einsätzen ab und zu nach mir und sorgt dafür, dass immer genug Essen im Haus ist und ich nicht drei Tage hintereinander dieselben Kleider trage. Was jedoch am wichtigsten ist, er lässt mich einfach, wenn ich alldem mal entkommen muss meist hinaus in den Nebel und den Regen, der uns in der letzten Woche zu ertränken versucht hat.

Alle anderen verziehen den Mund und fragen sich, ob ich endgültig verrückt geworden bin oder ob die tickende Zeitbombe nun endlich explodiert ist. Nicht so Hal.

Selbst die Frau des Colonels war mir eine Hilfe, auch wenn ich es ungern zugebe. Sie scheucht alle Besucher fort, putzt das gesamte Haus und schickt mich nach einem heißen Bad und einer Tasse ihres Kräutertees, der nach Großmutters Umarmung schmeckt so warm und zimtig –, ins Bett. Ich werfe sie immer wieder hinaus, aber anscheinend sieht sie mich als ihr persönliches Projekt. Als wäre sie die Einzige, die mich retten könnte. Ich sage ihr nicht gern, dass sie nur ihre Zeit verschwendet.

Ich kann nicht klar denken. Der Colonel muss mir noch mehr Xanax in den Tee getan haben. Vielleicht auch Prozac. Oder beides. Er schleicht um mich herum wie der Nebel um den Berg. Sie alle beobachten mich der Colonel, seine Frau, Hal Waverly, Dr. Hedeger, die Kollegen in der Schule. Die ganze Stadt wartet mit angehaltenem Atem darauf, dass ich durchdrehe. Tick, tick, bumm!

Sie denken, ich könnte mich umbringen oder mir sonst irgendwie schaden. Doch das könnte ich niemals. Nicht, ehe ich Euch gefunden habe.

Dann werden wir weitersehen. Ein Danach kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Umarme also Josh für mich und sag ihm, er solle sich nicht fürchten und dass Mami ihn über alles liebe! Sag ihm, dass ich euch finden werde! Ich werde euch beide finden. Irgendwie, irgendwann, eines Tages.

Ich liebe Dich. Gott, wie sehr ich Dich liebe warum war ich damals bloß nicht hier? Warum hat es nicht mich treffen können?

Ich schlafe mit geöffneten Vorhängen, damit ich den Berg aus dem Nebel aufsteigen sehe. So habe ich das Gefühl, dass Du irgendwo dort oben im Dunkel über mich wachst. Und wenn ich das Licht anlasse, dann können Du und Josh vielleicht den Weg nach Hause finden

4

Sarah wappnete sich innerlich und zog die Tür zum Rockslide Café auf. Stimmengewirr und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee und Zimtschnecken drangen ihr entgegen. Hinter der Theke stand der Colonel und schwenkte unter dem morgendlichen Ansturm wie üblich Pfannkuchen und gebratenen Speck, was ihn aber keineswegs von regen Gesprächen mit den Umstehenden abhielt. Ihre Urlaubspläne für den Sommer würden ihm nicht gefallen. Aber sie war seine Missbilligung gewohnt.

An der Schwelle hielt sie kurz inne. Das American Diner im Fünfzigerjahre-Stil war ganz in rotem Kunststoff und Chromflächen gehalten, an den Wänden hingen Bilder, die nach Meinung des Colonels Beachtung verdienten. Eines zeigte Sarah, noch mit fester Zahnspange, bei ihrem Highschool-Abschluss, dann gab es noch ein Foto ohne die Spange, auf dem sie ihr College-Diplom entgegennahm. Letztes Jahr hatte eines Tages ohne jegliche Vorwarnung ein Bild von Sam und Josh einen Ehrenplatz an der Wand bekommen. Josh hielt darauf einen Hecht in den Händen, der fast so groß war wie er selbst. Sam hatte von hinten die Arme um seinen Sohn geschlungen und lächelte mit stolzem Blick in die Kamera.

Dieses Foto zwischen Aufnahmen von Glanzpunkten der Militärlaufbahn des Colonels und den wichtigsten Stationen der Familienmitglieder aufzuhängen war wahrscheinlich das Einfühlsamste, was Sarahs Vater je getan hatte. Seitdem war sie wieder öfter hierhergekommen. Zwar redete sie nicht besonders viel mit ihrem Vater aber manchmal griffen Worte ohnehin zu kurz.

»Hey, Kleines«, rief er laut und wischte einen Thekenplatz für sie sauber. »Unser George hier glaubt, dass Marsmännchen gelandet sind.«

»Ich habe nicht von Außerirdischen gesprochen«, erwiderte George Dolan und tauchte seine Zimtschnecke in den Kaffee, bis er überschwappte. Nach einem Bissen leckte er sich den Kaffee vom Kinn und fuhr fort: »Ich sagte, diese Lichter könnten auf Eindringlinge hinweisen, im Sinne von illegale Eindringlinge.«

Mit geübter Hand verteilte der Colonel Teig auf der heißen Platte, bis sich perfekt symmetrische Pfannkuchen von exakt siebeneinhalb Zentimeter Durchmesser bildeten. »Was zum Teufel sollten illegale Einwanderer hier wollen?«

»Sie könnten sich in den Höhlen oben auf dem Snakehead verstecken. So wie in Nam.«

Stille senkte sich über den Raum, während sich der Colonel umdrehte und George einen Moment lang anstarrte. Der hatte immerhin genügend Anstand, rot zu werden und mit gesenktem Blick in seine Kaffeetasse zu schauen.

»Du hast ja nicht die geringste Ahnung, wovon du da sprichst. Dafür siehst du dir offensichtlich zu viele Dokus im Fernsehen an.« Der Colonel drehte sich wieder zurück, um Sarahs Pfannkuchen fertig zu backen, stürzte sie auf einen Teller und stellte ihn mit einer geschmeidigen Bewegung vor ihrer Nase ab.

»Mag sein. Aber du hast diese Lichter ja nicht gesehen. Bewegen sich über dem Damm des Stausees auf und ab und lösen sich dann wieder in nichts auf.«

»Sicher, dass es Menschen waren? Könnte auch eine Art Naturerscheinung sein.« Sarah tränkte ihren kleinen Pfannkuchenstapel mit Ahornsirup aus dem Wald hinter ihrem Haus. »Der Snakehead ist für Sprühregen und dichten Nebel bekannt, ganz besonders zu dieser Jahreszeit.«

Hal Waverly kam herein, setzte sich neben Sarah, schlug seine Zeitung auf und nickte dankend, als der Colonel ihm Kaffee einschenkte. Er und Sarah waren hier in Hopewell zusammen aufgewachsen und von Kindheit an befreundet gewesen, doch in den letzten zwei Jahren, nachdem Sam und Josh gestorben waren, waren sie einander irgendwie fremd geworden. Obwohl er immer für sie da war, stets hilfsbereit, hatte sie bis jetzt weder die tiefen Falten, die sich um seine Augen gebildet hatten, noch die dunklen Schatten darunter bemerkt.

Schuldbewusst wandte sie den Blick ab. Wie viele Dinge mochten in den letzten zwei Jahren um sie herum geschehen sein, denen gegenüber sie blind gewesen war?

»Du meinst Sumpfgase oder so Polarlichter, wie wir sie letztes Jahr gesehen haben?«, fragte George, immer noch mit seinen mysteriösen Lichtern beschäftigt. »Nein, Sir, diese hier waren in Bodennähe. Und haben sich bewegt. Hal, wann wirst du jemanden rausschicken, um nachzusehen? Wozu bezahlen wir dir eigentlich gutes Geld?«

Hal schlug die Zeitung zu. »Frag den Colonel! Er ist schließlich Vorsitzender des Gemeinderats. Wann werdet ihr genügend ausspucken, damit ich noch jemanden einstellen kann? Denn unter den gegebenen Umständen –«

»Also, Hal, fang doch nicht wieder damit an! Wir haben dir das neue Verwaltungszentrum gegeben, oder etwa nicht?« Bei dem scharfen Unterton in der Stimme des Colonels wären in seiner Vergangenheit sämtliche Männer strammgestanden.

George und Sarah lehnten sich beide leicht zurück, um aus der Schusslinie zu kommen. Das neue Verwaltungszentrum hatte in letzter Zeit zu jeder Menge Diskussionen im Ort geführt. Irgendwie hatte die Frau des Colonels die Regierung davon überzeugen können, dass Hopewell im Staate New York mit stolzen vierhundertachtundsechzig Einwohnern nicht nur eine eigene Postleitzahl samt dazugehörigem neuem Postamt benötigte, sondern, da der Snakehead-Damm ein potenzielles Ziel für Terroristen darstelle, auch Gelder für eine neue Polizeiwache, weil die Überschwemmungen von 2005 das alte Revier zerstört hatten.

»Eine schöne Hilfe ohne die entsprechenden Einsatzkräfte, die darin arbeiten. Meine Männer und ich sind rund um die Uhr auf Streife. Und ohne das Beistandsabkommen mit Merrill und die Hilfe der Gemeindetelefonzentrale hätten wir selbst dafür keine Zeit.«

Sarah hörte den tief sitzenden Ärger heraus. Seit Jahren führte Hal einen vergeblichen Kampf gegen die Budget-Kürzungen des Gemeinderats. Er tat ihr leid. Hal arbeitete hart und wollte nur das Beste für Hopewell. Sichtlich resigniert nahm er einen Schluck Kaffee und vertiefte sich wieder in seine Zeitung.

»Was hast du heute vor, Sarah?«, fragte der Colonel.

»Ich wollte auf den Snakehead und dort ein paar Tage wandern.«

Auf ihre Ankündigung hin herrschte zunächst Schweigen. Selbst Hal senkte die Zeitung und warf ihr einen prüfenden Blick zu.

»Das halte ich für keine gute Idee. Warum fährst du nicht lieber zum Lake Placid raus?«, schlug der Colonel vor und ordnete die Salz-, Pfeffer- und Zuckerstreuer in exakten Linien an, als stünden sie vor ihm auf dem Exerzierplatz.

»Genau. Ich habe auch gehört, drüben in Montreal soll es eine tolle Ausstellung geben.«

Sarah drehte sich auf ihrem Stuhl um, damit sie George anschauen konnte. Der Lastwagenfahrer war nicht gerade für seine Liebe zur schönen Kunst bekannt.

»Woher willst du das denn wissen?«, fragte der Colonel.

George errötete, machte aber keinen Rückzieher. »Weil ich dort war. Mit Mary. Die Bilder waren von einem dieser impressionistischen Franzosen bunt, viele Wirbel. Wirklich hübsch.« Er lächelte Sarah an. »Ideal für einen entspannten Kurzurlaub. Besser als der Fußmarsch da rauf.« Er deutete mit dem Kinn auf den über ihnen aufragenden Berg.

Sie öffnete den Mund, überlegte es sich jedoch anders und stopfte eine Gabel voll Pfannkuchen hinein, ehe ihr noch etwas herausrutschte, das sie später bereuen würde. Die Männer waren nicht wirklich besorgt, dass ihr etwas zustoßen könnte sie war mit jedem einzelnen von ihnen irgendwann schon bei einer Suchaktion oder zur Jagd auf dem Berg gewesen. Vielmehr machten sie sich Sorgen um ihre Gemütsverfassung. Als ob sie nach über zwei Jahren noch etwas da oben finden könnte, das sie um den Verstand brachte.

Eigentlich war es ja rührend. Aber Sarah blieb gar nichts anderes übrig. Sie musste Sam und Josh finden. Oder das Geschehene endlich irgendwie verarbeiten. Und sich dem Berg zu stellen erschien ihr der geeignetste Weg dafür zu sein.

»Es soll herrliches Wetter geben. Warum sollte ich da in einem Raum voller alter Bilder hocken?«

»Nein. Es ist zu gefährlich. Was ist mit diesen seltsamen Leuten, die nachts auf dem Berg herumschleichen?«, gab der Colonel zu bedenken.

Sarah schluckte ihren Ärger hinunter und zwang sich dazu, ruhig und vernünftig zu bleiben. Sie war schon oft allein über Nacht auf dem Berg gewesen, allerdings nie mehr, seit es Sam und Josh nicht mehr gab. »Deine Außerirdischen? Keine Sorge, ich werde nicht mal in die Nähe vom Staudamm kommen.«

»Wo willst du denn hin?« Hal faltete die Zeitung zusammen und schaute sie ernst an. »Du solltest nicht allein gehen.«

»Mir wird nichts geschehen. Aber ich leihe mir gerne eines von deinen Walkie-Talkies aus, für alle Fälle.«

»Kein Problem. Wenn es eine Sache gibt, von der wir genug haben, dann sind es Funkgeräte. Willst du zur Westwand?«

»Eigentlich wollte ich von der Hütte des Colonels aus bergabwärts wandern. Es ist schon eine Weile her, dass ich die Nacht auf dem Berg verbracht habe.« Zwei Jahre, um genau zu sein. Damals hatten sie und Sam zum letzten Mal Josh mit nach oben in die Hütte genommen. Die Männer wandten sich ihrem Essen zu. Sarahs Lächeln erstarb. »Na jedenfalls wird es eine nette Abwechslung.«

Der Colonel schürzte die Lippen. Sie wusste, er war kurz davor, ihr einen Rückzugsbefehl entgegenzubellen, also zog sie als Präventivschlag scharf die Augenbrauen hoch. In stummer Kapitulation hob er die Hand und wandte sich ab, um frischen Kaffee aufzusetzen.

»Sieh dich bloß vor diesen Außerirdischen vor«, sagte George. »Wer weiß, worauf die es abgesehen haben.«

5

Caitlyn und Clemens liefen zu dem einzigen Bereich auf dem Campus, in dem man noch sicherer vor fremden Ohren war als im Laborgebäude: die Picknicktische vor dem Feinkostgeschäft in der Hogan Alley, unweit der meistüberfallenen Bank der Welt – dem Ziel der wöchentlichen Trainingseinheiten. Die umstehenden Bäume schützten vor unerwünschten Zuhörern, es sei denn, man zählte die Rehe und zahmen Eichhörnchen dazu, die in dem kleinen Wäldchen lebten. Zugleich konnten sie jeden schon von Weitem sehen, der sich ihnen näherte.

Die Stille wurde nur von den lautstark gebrüllten Befehlen eines Ausbilders unterbrochen, der auf der Straße vor der Bank eine Übung für Verkehrskontrollen abhielt.

Auf dem Weg hierher sprachen sie über alles Mögliche, nur nicht über den brandgefährlichen Inhalt der Akte in Clemens’ Tasche. Caitlyn hatte sich inzwischen ein Bild von dem Analytiker gemacht. Er hatte ihr erzählt, dass er aus Pittsburgh kam, dort einen Master an der Carnegie Mello und einen Doktor an der Pitt gemacht hatte, ihm die Arbeit hier in Quantico sehr gefiel, und dass seine Verlobte ein Bekleidungsgeschäft in Fairfax leitete. An keinem Punkt hatten bei ihr Alarmglocken geschrillt, im Gegenteil, er wirkte sehr offen, und als er von der Verlobten und ihren gemeinsamen Plänen für die Hochzeit und die Flitterwochen erzählt hatte, war er sogar leicht errötet.

Erst nachdem er aufgegessen hatte, lenkte sie das Thema wieder auf den Hopewell-Fall. Da sie den drohenden Migräneanfall nicht vorzeitig heraufbeschwören wollte, hatte sie ihr Mittagessen kaum angerührt. Clemens schien es nicht zu bemerken.

Die Kopfschmerzen waren ein weiterer Bestandteil ihres neuen Lebens doch inzwischen wusste sie damit umzugehen. Sobald sie wieder im Büro war, würde sie ein paar Naproxen-Tabletten einwerfen. Wenn die nicht halfen, dann würde sie sich heute Abend zu Hause darum kümmern müssen: Eine Imitrex-Injektion, noch ein paar Migränetabletten, und dann würde sie sich im Dunkeln einigeln.

Heute Abend, versprach sie ihrem stummen Begleiter, der kaum noch von ihrer Seite wich, heute Abend gehöre ich ganz dir.

Erschütterungstrauma nannten es die Ärzte im Hopkins-Krankenhaus. Schweres Schädel-Hirn-Trauma. SHT. Caitlyn nannte es Hölle auf Erden.

Nach der Verletzung während eines Einsatzes einem Schädelbasisbruch, durch den sich ein Blutgerinnsel in ihrem Gehirn gebildet hatte – hätte sie sich auch vom Dienst freistellen lassen können. Caitlyn wollte jedoch nichts davon hören, dass sie in irgendeiner Form behindert sei. Gab es nicht vor sich selbst zu und ganz sicher nicht vor ihren Arbeitgebern. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, was Jack Logan und seinesgleichen sagen würden, wenn sie das tun würde. Was kommt als Nächstes?, würden sie scherzen. PMS-bedingte Beurlaubung?

Nein, invalide war sie nicht. Nur beeinträchtigt. Nach der Operation, bei der das Blutgerinnsel entfernt und die Blutgefäße ihres Gehirns wieder zusammengeflickt wurden, hatte sie alles mühsam neu erlernen müssen. Wie sich Namen und Gesichter ohne konkrete Erinnerung miteinander verbinden lassen, zu lesen, obwohl einige der Buchstaben immer noch wie durchgewürfelt wirkten, besonders wenn sie auf einen Monitor schaute, wie sie mit ihren Migräneanfällen und den dazugehörigen Symptomen umgehen musste.

All das hinderte sie nicht daran, ihre Arbeit zu erledigen niemals würde sie sich davon unterkriegen lassen.

»Wessen DNA war das dann oben auf dem Berg?«, fragte sie Clemens, der sich gerade Schokoladenreste vom Mund wischte.

»Hier liegt das Problem.« Er holte einen Aktenstapel hervor, schob ihre Pappteller zur Seite und legte zwei DNA-Analysen nebeneinander. Selbst Caitlyn konnte erkennen, dass die beiden unterschiedlich waren. »Hier haben wir Wright. Und das ist eine Kopie von Durandts Probe, die wir bei ihm zu Hause genommen haben.« Er zog eine weitere Fotokopie hervor. Das Muster stimmte mit dem von Durandt überein. »Das ist die erste Probe vom Tatort. Ich habe sie zusammen mit den anderen in dem Stapel gefunden, der vernichtet werden sollte.«

Eine Zeit lang starrte er die Blätter an, dann räusperte er sich und fügte ein viertes Bild hinzu. »Das ist die DNA der zweiten Blutprobe, die am Tatort gefunden wurde.«

Caitlyn beugte sich vor und überflog die grauen Linien. Dieses letzte DNA-Muster stimmte nicht mit dem von Durandt überein, hatte nicht einmal dieselbe Blutgruppe. Aber zu Wrights Probe passte es auch nicht. »Sie sagen also, dass es nicht Wrights DNA war, die am Tatort gefunden wurde?«

Er zuckte zögerlich mit den Achseln. Wollte sich nicht festlegen. »Als sich herausstellte, dass die DNA nicht von Wright ist, habe ich Durandt noch einmal überprüft, weil ich davon ausging, jemand habe die Proben falsch beschriftet oder es hätte sonst ein Versehen gegeben. Aber im ganzen System war nichts zu finden.«

»Was meinen Sie damit? Er ist ein Opfer. Seine DNA muss in unserer Datenbank sein.«

Er schüttelte den Kopf. »Verstehen Sie jetzt? Dieser Fall ist wirklich irre merkwürdig. Samuel Durandt ist in keinem unserer Verzeichnisse zu finden. Als ob ihn jemand gelöscht hätte. Hätte ich die Proben nicht noch einmal angesehen, bevor sie vernichtet werden, wäre es, als hätte er nie existiert.«

»Wer würde so etwas tun?«

»Verraten Sie es mir! Aber …« Wieder zögerte er, ehe er einen weiteren DNA-Bogen aus der Aktenmappe zog. »… ich habe das hier gefunden.«

Sie zog die Stirn kraus, nahm ihm das Blatt aus der Hand und legte es neben die anderen. Jetzt gab es drei identische Muster. »Wo liegt das Problem? Sie haben seine Akte also doch irgendwo entdeckt Durandt passt zu Durandt passt zu Durandt.«

»Nur ist diese Probe hier nicht von Sam Durandt. Und sie ist nicht als Beweis verwendbar. Denn ich habe sie aus einer Knochenmarkspender-Datenbank.«

»Wie bitte?«

»Ich weiß, ich weiß. Ich hatte keine gerichtliche Verfügung. Aber Sie müssen verstehen, so etwas darf nicht vorkommen. Niemals. Dagegen sichern wir uns ab, mit Kontrollmechanismen und doppelten Überprüfungen« Er hielt inne, tippte dann mit einem Finger auf das zuletzt hinzugelegte Blatt. »Außerdem geht es mir so, dass, wenn ich ein Problem gefunden habe, dann kann ich einfach nicht –«

»Aufhören, bis Sie es gelöst haben«, ergänzte Caitlyn. Sie wusste Bescheid, denn ihr ging es ganz genauso. Hartnäckig, hatte ihr Vater sie genannt und dabei meistens gelächelt. Dickköpfig hatte die restliche Familie sie ohne ein Lächeln genannt. Ihre große Stärke und ihre größte Schwäche. Nicht mehr loslassen zu können, sobald etwas ihre Neugier geweckt hatte.

»Zu wem also gehört diese illegal beschaffte unzulässige DNA?«, wollte sie wissen.

»Zu jemandem mit Namen Stanley Diamontes.«

»Und wer zum Teufel ist Stanley Diamontes?«, fragte sie und massierte sich gleichzeitig den Akupunkturpunkt am Daumen, da ihr die Antwort mit Sicherheit nicht gefallen würde.

»Nun, Stanley ist Sam, es sei denn, Sam Durandt hat einen eineiigen Zwillingsbruder. Moment! Es wird noch schlimmer.« Er legte ein weiteres DNA-Blatt auf die Analyse der zweiten Blutprobe vom Tatort. Diejenige, die eigentlich von dem Mörder, Damian Wright, hätte sein sollen. Die beiden Muster stimmten überein.

»Unser Unbekannter vom Tatort hat also einen Namen. Will ich ihn wissen?«

»Nein, aber ich werde ihn Ihnen trotzdem sagen. Leo Richland. Deputy Marshal. Richland gilt seit zwei Jahren als vermisst. Zuletzt wurde er in Fairfax, Virginia, gesehen, und zwar am Tag bevor Josh und Sam beziehungsweise Stan angeblich von Damian Wright ermordet wurden.

Caitlyn atmete gepresst ein, weil die grellroten Blitze mit voller Wucht zurückkamen und ihr schwindelig wurde. Die grauen und schwarzen Linien der DNA-Tests verschwammen vor ihren Augen.

»Das ist alles, was ich herausfinden konnte. Da Logan sich zur Ruhe gesetzt hat, dachte ich mir, dass es jetzt ihr Fall ist, also« Er beendete den Satz nicht, schloss den Aktenordner und schob ihn über den Picknicktisch zu ihr hinüber.

Sam Durandt war gar nicht Sam Durandt? Und statt Damian Wright hatte ein Deputy Marshal ihn und seinen Sohn umgebracht? Ein Deputy Marshal, der unter mysteriösen Umständen verschwunden war und überhaupt keinen Grund hatte, sich an dem Tag, an dem Sam und Josh ermordet wurden, auch nur in der Nähe von Hopewell, New York aufzuhalten.

Sie blinzelte, weil sich das Sonnenlicht im glänzend weißen Ordner fing, langte nach ihrer Sonnenbrille und schaffte es sogar irgendwie, sie aufzusetzen, ohne sich ein Auge auszustechen. Während der Arbeit gestand sie sich niemals einen Migräneanfall zu, hielt die Schmerzen stets in Schach, unterdrückte sie. Aber jetzt hatte es sie kalt erwischt.

»Danke, Clemens!« Sie versuchte, ihrer Stimme nichts von dem Schmerz anmerken zu lassen, der sie wie ein Schraubstock im Griff hielt.

»Danken Sie mir nicht«, gab er zurück. »Vermutlich habe ich Ihnen gerade eine tickende Zeitbombe überreicht.«

Er wischte sich die Krümel vom Schoß, stand auf und nahm seine Aktentasche in die Hand. »Viel Glück, Caitlyn!«

Sie starrte auf den Aktenordner mit dem FBI-Logo auf dem Deckel. Ein heftiger Windstoß ergriff die Pappteller mit den Essensresten ihres kleinen Snacks und schleuderte sie ins Gras. Caitlyn kümmerte sich nicht darum, ließ Clemens hinterhereilen, während sie gegen den stetig anwachsenden, lähmenden Kopfschmerz ankämpfte, bevor er sie vollkommen außer Gefecht setzen konnte. Sie konzentrierte sich auf ihren Atem, auf das FBI-Emblem, unter dem die Worte Treue, Mut, Rechtschaffenheit standen.

Endlich gelang es ihr, die Schmerzen so weit zurückzudrängen, dass sie aufstehen konnte, ohne zu schwanken. Den glänzenden Ordner fest umklammernd, lief sie zur Jefferson Hall zurück.

Himmel, Logan, was zum Teufel haben Sie mir da bloß eingebrockt?

6

15. September 2005

Sie haben ihn. Gott, meine Hand zittert so stark, dass ich kaum schreiben kann.

Sie haben ihn geschnappt! Damian Wright. In Texas. Dort hat er sich in einer Notunterkunft für Katrina-Flüchtlinge versteckt. All die kleinen Jungs ihm muss dieses Unglück und die Verzweiflung von Millionen Menschen wie eine göttliche Fügung vorgekommen sein, eine schändliche Opfergabe für seine perversen Neigungen.

Ein Mitglied der Nationalgarde hat ihn mit einem Jungen erwischt. Felix Martinique. Der Leichnam war noch warm, Damian blutüberströmt. Ich konnte nur noch an Josh denken. Für den Rest des Tages habe ich mich im Bad eingeschlossen und geschrien, dort, wo niemand mich sehen und hören kann, immer im Geiste diese Bestie mit unserem kleinen Jungen vor Augen

Er hat die Morde an den zwei Jungs in Vermont zugegeben, auch den in Tennessee und einen weiteren in Oklahoma. Aber nicht den an Josh und dir. Wieso bloß? Ich verstehe diesen Mann nicht warum versucht er, das bisschen Leben, das mir geblieben ist, auch noch zu zerstören? Warum kann er mir nicht meinen Frieden gönnen?

Warum weigert er sich, euch zurückzugeben?

Dr. Hedeger droht, mich einzuweisen, wenn ich nicht endlich etwas esse oder mich schlafen lege. Er sorgt dafür, dass ich mich in meinem eigenen Haus wie eine Gefangene fühle, von Wächtern umgeben. Heute habe ich das Haus mal für mich allein, aber nur, weil es einen kleinen Unfall im Diner gab der Colonel hat aus Versehen Fett in Brand gesetzt, als er sich heimlich ein gegrilltes Mortadella-Sandwich zubereiten wollte.

Niemand scheint zu verstehen, dass ich mich nur oben auf dem Berg lebendig fühle, wenn ich Deinen und Joshs Spuren folge, auf demselben Weg wie ihr entlanglaufe, wo es mir vorkommt, als locke Joshs Lachen hinter jeder Biegung.

Ansonsten fühle ich mich wie tot, taub, bleischwer; selbst die Augen zu schließen und einzuschlafen scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich Euch doch nur finden könnte Sucht Ihr nicht auch nach mir? Ruft Josh weinend nach seiner Mami?

Hoffentlich nicht. Ich stelle ihn mir lieber glücklich vor, mag gar nicht an solch schreckliche Dinge denken

Nachdem die Frau des Colonels heute gegangen war, stand ein Anwalt vor der Tür. Er vertritt Opfer von Gewaltverbrechen. Hat von uns gehört und ist bereit, zu helfen, wenn es irgendwie möglich ist.

Beinahe hätte ich ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ihm gesagt, helfen könnte mir nur, wenn mein Mann und mein Sohn zurück nach Hause kämen, wo sie hingehören. Aber er hat mich nicht wie die anderen angeschaut, als wartete er ängstlich darauf, dass ich etwas Unerwartetes tue oder gleich zusammenbreche, in hunderttausend Stücke zerspringe, tick, tack, bumm.

Stattdessen hat er sich hingesetzt und mir einfach zugehört. Zum ersten Mal seit Du fort bist, ist es mir gelungen, die Sperre in meinem Innern zu überwinden. Ich habe geredet. Und gar nicht mehr aufgehört.

Der arme Kerl dachte wahrscheinlich, ich sei verrückt. Aber er hat nicht die Flucht ergriffen, sondern zugehört.

Ich habe ihm sogar Joshs Zimmer gezeigt, und Dein Klavier, die Songs, an denen Du gearbeitet hast. Erzählt, wie wir uns kennengelernt haben, zeigte ihm Fotos. Das von Dir mit Josh auf dem Arm, gleich nach der Geburt, mit diesem verängstigten verunsicherten und gleichzeitig freudig überraschten Blick. Das von Josh, wie er nur mit einer Windel auf Deiner nackten Brust schläft, als wir beide zu erschöpft waren, um Wäsche zu waschen. Joshs erster Geburtstag, an dem wir alle so mit Kuchen vollgeschmiert waren, dass wir uns später mit dem Gartenschlauch abspritzen mussten.

Alan, so heißt er, Alan Easton. Er hat gelächelt und sogar gelacht. Das hat seit sechzehn Tagen keiner mehr gemacht als sei es verboten, vor einer gramgebeugten Mutter und Ehefrau zu lachen.

Ich denke, Du hättest ihn gemocht. Weißt Du warum? Weil ich tatsächlich lächeln musste, nachdem sein Lachen die schreckliche Stille zerrissen hatte, die sich über unser Haus gesenkt hatte. Und weil ich drauflosgeplaudert habe. Er saß an Deinem Klavier, und mein Herz zog sich zusammen, bis ich dachte, ich könnte den Schmerz nicht länger ertragen, doch dann hat er Dein letztes Stück gespielt.

Du erinnerst Dich: »Deine Augen sind wie der Himmel in der Nacht, dein Kuss gibt neues Leben«. Diesen Song.

Alan hat versucht, ihn zu singen, und ob Du es nun glaubst oder nicht, er klang noch schlimmer als Du! Ich konnte mir nicht helfen. Das Lachen war nicht aufzuhalten, es ist unaufhaltsam aufgestiegen wie Kohlensäure in einer zu stark geschüttelten Bierflasche und einfach so aus mir hervorgebrochen.

Ich habe gelacht, bis mir die Tränen über die Wangen liefen. Und als ich erst einmal angefangen hatte, zu weinen weißt Du noch, wie ich zu Beginn der Schwangerschaft war? Ungefähr so, nur noch schlimmer.

Alan bekam jedoch nicht diesen entsetzten Gesichtsausdruck wie die anderen, wenn sie mit mir zusammen sind. Er ist geblieben und hat meine Hand gehalten, während ich mir die Seele aus dem Leib geweint habe. Mit meinen Tränen hätte man die Sahara fluten können. Dann ist er gegangen, hat aber versprochen, sich den Fall genauer anzuschauen und morgen wiederzukommen.

Ich saß allein im Wohnzimmer, zum ersten Mal seit sechzehn Tagen hatte ich das Haus ganz für mich allein. Es fühlte sich überfüllt und leer zugleich an. Jetzt weiß ich, was mit dem Ausdruck Totenstille gemeint ist.

Unser Heim, immer von Lärm und Liebe erfüllt. Deine Musik, Dein fürchterliches Gejaule, sobald Dich die Muse geküsst hatte Du bist wirklich der einzige Liedermacher, von dem ich jemals gehört habe, der keinen Ton trifft. Das Getrappel von Joshs kleinen Füßen, der scheppernde Trockner, Joshs Lachen, Dein Lachen, nichts davon war mehr zu hören.

Nur das Quaken der Frösche draußen und die ächzenden Geräusche eines alten, leeren Hauses.

Eine Weile saß ich so da und wusste nicht recht, wie mir war. Aber ich fühlte etwas.

Ich habe sogar das Hühnchen probiert, das die Frau des Colonels mir gestern Abend gebracht hat. Zum ersten Mal seit Wochen konnte ich sogar den Geschmack des Essens wahrnehmen.

Dann habe ich erst geduscht und anschließend ausgiebig heiß gebadet. Jetzt ist es noch nicht einmal siebzehn Uhr, aber ich bin schon entsetzlich müde. Ich habe mir eines Deiner T-Shirts geborgt, um darin zu schlafen. Eines aus der Schmutzwäsche, damit ich Dich riechen und wenigstens so heute Nacht bei Dir sein kann. Ich musste die Kleider aus Deinem Wäschekorb und dem von Josh unter meinem Bett verstecken, bevor die Frau des Colonels gewaschen und Euch für immer fortgespült hätte.

Ich werde jetzt schlafen gehen, aber ich lasse das Fenster offen und das Licht an für Dich. Sobald mir Damian Wright verrät, wo ich Euch finden kann, werden wir wieder vereint sein. Das verspreche ich.

Gib Josh einen Gutenachtkuss von mir. Gute Nacht, Ihr meine Lieben

7

Sarah feilte an ihrem Angriffsplan, mit mehr Sorgfalt als ein General, der sich einem überlegenen Gegner gegenübersieht. Sie würde einfach alles geben, das hatte sie sich geschworen, würde den ganzen Sommer der Suche nach Sam und Josh widmen, wenn es nötig sein sollte.

Dann sie hielt inne, während ihre Finger über die frisch kopierten Satellitenkarten vom Snakehead Mountain glitten. Wenn sie die beiden erst gefunden hatte, war sie vielleicht endlich in der Lage, sich zu verabschieden.

Sams Arbeitszimmer war ihre Kommandozentrale. Das helle, freundliche Arbeitszimmer lag an der Hausrückseite, und um ganz ehrlich zu sein hatte Sam hier mehr Musik komponiert als Versicherungspolicen ausgestellt. Sarah hatte ihre Geländekarten und Satellitenbilder über die Poster seiner Idole geheftet: John Lee Hooker, Stevie Ray Vaughn, Bob Dylan, Eric Clapton. Sie hatte nie ganz verstanden, warum er ausgerechnet nach Hopewell gekommen war, um sich als Versicherungsvertreter selbstständig zu machen; über sein Leben vor dem Umzug hierher hatte er nie gesprochen, ihr nur erzählt, dass er keine Familie mehr habe und ihn deshalb nichts mehr mit seinem Heimatort verbinden würde. Wenn er von seiner Vergangenheit sprach, erwähnte er nie irgendwelche Details und sah immer ein wenig traurig aus. Sie hatte gelernt, ihn nicht zu drängen, er würde es ihr schon sagen, wenn er so weit war, darüber zu sprechen.

Ein Husten unterbrach ihre Gedanken. Als Sarah aufblickte, sah sie Hal, der mit einem kleinen Funkgerät in der Hand im Flur stand. »Ich habe geklopft –«

»Tut mir leid, der Kopierer war so laut. Danke fürs Vorbeibringen.«

»Kein Problem.« Er stellte sich zu ihr an den großen Zeichentisch, den Sam als Schreibtisch genutzt hatte und beugte sich über die topografische Karte, die sie darauf ausgebreitet hatte. Sarah hatte all diejenigen Stellen neonorange gekennzeichnet, an denen Blutspuren von Sam gefunden worden waren, sowie alle Bereiche, die vor zwei Jahren abgesucht worden waren. Außerdem hatte sie den Ort markiert, an dem Joshs Plüschtiger gefunden worden war. Hal pfiff leise durch die Zähne. »Da hast du dir ja ganz schön was vorgenommen. Und die Mühe könnte ganz vergeblich sein. Diese Berge geben ihre Geheimnisse nicht so leicht preis.«

Sie stand neben ihm, starrte auf das riesige Gebiet, das auf der Karte abgebildet war, und ballte immer wieder die Hand zur Faust. »Ich weiß.«

»Ich will nur nicht, dass du dir zu viele Hoffnungen machst. Wieder einmal.« Schweigen. Sie wussten beide, wie Sarah den letzten Sommer verbracht hatte. In einem Motelzimer in Texas, während Alan vergeblich versucht hatte, ihr einen Besuchstermin bei Damian Wright zu verschaffen. Zwar hatte der Mann endlich zugegeben, Sam und Josh umgebracht zu haben, enthielt ihr aber immer noch vor, was sie dringend wissen musste. Dann, als sie wieder nach Hause gekommen war

Hal legte ihr eine Hand auf den Arm, er schien ihre Gedanken mühelos erraten zu haben. Und warum auch nicht? Schließlich verstand er besser als jeder andere, was sie durchmachte. Noch immer machte er sich Vorwürfe, dass er in jener Nacht nicht da gewesen war, als sich seine Frau umgebracht hatte. Er neigte den Kopf zur Seite und schaute ihr in die Augen. »Weißt du auch sicher, was du da tust, Sarah? Manchmal ist es besser, die Dinge auf sich beruhen zu lassen.«

»Ich muss einfach da raus, Hal.« Sie rang sich ein Lächeln ab und tätschelte ihm beruhigend die Hand. »Keine Sorge, ich mache keine Dummheiten. Das habe ich hinter mir.«

»Manches lässt man niemals hinter sich«, sagte er halblaut, und sein Blick glitt zu der einzigen Ecke von Sams Tisch, in der keine Bilder von ihr und Josh standen. »Mit einigen Dingen muss man einfach leben.« Er hielt inne. »Du musst einen Grund zum Weitermachen finden, Sarah. Irgendetwas, irgendjemanden, für den du leben willst.«

Sie waren gleich alt, zusammen aufgewachsen, jahrzehntelang beste Freunde gewesen, doch mit einem Mal kam er Sarah ungleich älter und weiser vor. Als ob ihm der Verlust von Lily eine Wahrheit enthüllt hätte, die ihr immer noch verborgen blieb. Sie trat einen Schritt zurück, wandte sich ab, um die Kopien der Vergrößerungen zusammenzusammeln. In letzter Zeit bekam der alte Kopierer von Sam richtig was zu tun.

Hal nahm ihr das oberste Blatt ab. »Dort willst du suchen?« Er fuhr mit dem Finger an der Kammlinie zwischen Berggipfel und den Upper Falls entlang. »Unwegsames Gelände besonders nach dem ständigen Hin und Her von Frost und Tauwetter dieses Frühjahr. Am Osthang in der Nähe vom Snakebelly und beim Devil’s Elbow hat es einige Gesteinslawinen gegeben.«

Am sogenannten »Ellbogen des Teufels« nahm der Fluss eine scharfe Neunzig-Grad-Kurve und fiel dann als Upper Falls steil herab. Die Bergwand war an dieser Stelle von tiefen Spalten durchzogen, von denen eine Snakebelly, also Schlangenbauch genannt wurde: Die Strömung erfasste jedes größere Treibgut und trieb es auf die tiefe Kluft zu, die so zu einer Art Friedhof im Fluss wurde. Meist gab erst ein Bergrutsch oder eine Lawine wieder frei, was unter den Gesteinsbrocken verborgen lag.

»Ich komme schon klar. Bin schließlich mein Leben lang dort herumgeklettert.«

Hal nickte, den Blick immer noch auf die Karte gerichtet. Mit einem Finger fuhr er die Höhenlinien entlang, und das Licht fiel auf die blasse Stelle an seiner Hand, wo er früher den Ehering getragen hatte. »Vielleicht solltest du nicht alleine gehen.«

Wann hatte er den Ring eigentlich abgenommen? Sie drehte ihren eigenen Ring am Finger. Lily war kurz vor Sam gestorben. Wenn Hal bereit war, nach vorn zu schauen, sollte sie das dann seiner Meinung nach auch tun?

Nein. Erst wenn sie die Antworten bekam, nach denen sie suchte.

Als sich ihre beiden Arme berührten, versteifte Sarah. Er war doch sicherlich nicht er wollte doch nicht nein. Sie waren Freunde. Schon viel zu lange, als dass er solche Gefühle für sie entwickeln könnte. Immerhin waren sie keine Kinder mehr.

»Erinnerst du dich noch an den Abschlussball?« Überrascht stellte sie fest, dass Hal erneut ihren Gedanken gefolgt war. »Ich habe mich ewig nicht getraut, dich zu fragen, und dann war es zu spät. Du bist stattdessen mit Tommy Hopkins hingegangen.«

Sarah schnappte ihm die Karte weg und faltete sie übertrieben gründlich zusammen. Hal schaute sie verletzt an, die Hand weiterhin ausgestreckt. Sie versuchte, ihre Reaktion ins Lächerliche zu ziehen. »Hal Waverly, versuchst du etwa, mich anzubaggern?«

Er zuckte zurück und hob abwehrend die Hände. »Ich doch nicht. Aber Alan.«

»Alan?« Verwirrt blickte sie auf die Karte in ihren Händen. Ihr kam es vor, als ob ihr Verstand von einem Kokon umsponnen wäre, aus dem sie sich langsam befreite, indem sie Stück für Stück die zwei Jahre tieftrauriger Taubheit abschüttelte.

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