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Tot am Ring

1 Anständig

Montag Morgen an der Albert-Schweitzer-Gesamtschule in Haltern am See

„Superfluous“, betonte Ute Leitz mit einer Körperhaltung, die, vor allem durch die leicht nach oben geneigte Kinnpartie, an Hingabe nichts zu wünschen übrig ließ. Als wäre es eine Freude, die Vokabel aus ihrem Mund zu picken und für ewig sein eigen zu nennen.

Umgangssprachlich hatte das Wort so gut wie keine Relevanz und war so überflüssig wie seine Übersetzung bereits sagte. Die Doppelstunde Englisch nach der großen Pause war die beste Lernzeit und Utes Ehrgeiz, Schüler für die englische Sprache zu begeistern, kannte noch keine Grenzen. Sie war 27 Jahre alt und hatte erst zu Beginn des Schuljahres ihren Dienst an der Albert-Schweitzer-Gesamtschule in Haltern am See angetreten. Im Laufe der Jahre wurde der anglistische Fachbereich durch alters- und krankheitsbedingte Ausfälle so stark reduziert, dass Schulleiter Kühne den Notstand ausrief und die Bezirksregierung wachrüttelte.

Im Grunde hatte ihn das ewige Gemecker der Eltern aufgescheucht, denn eigentlich befand er sich gedanklich bereits im Ruhestand. Nur dieses eine letzte Jahr, dann würde er endlich auf Hawaii Hula Hula tanzen und im Regenwald die besten Fotos seines Lebens schießen. Ob ihm seine Frau einen Strich durch die Rechnung machen würde, stand noch zur Debatte.

Kühne hatte die Neue in alle sechs Klassen geschickt, in denen der Unterrichtsausfall im Fach Englisch zu eklatanten Rückständen geführt hatte. Im Prinzip ging es um den lieben Frieden mit den Eltern. ‚Ruhig stellen‘ nannte er seinen inneren Marschbefehl, wenn Eltern auftauchten.

„Superfluous“, ließ Ute Leitz ein zweites Mal durch die Klasse geistern und erst dann schrieb sie einen Satz an die Tafel, in dem das Wort vorkam. „Guess its meaning“, forderte sie die gelangweilten Schüler auf und hörte „überflüssig“ von der in der ersten Reihe sitzenden Vanessa, die als wandelndes Wörterbuch verschrien war. „Nicht in die Klasse rufen“, mahnte Ute und korrigierte: „Lift your hand, if you want to make a contribution.“ Einsprachig hieß seit 30 Jahren das Zauberwort für den Fremdsprachenunterricht und wer wollte heute schon sagen, dass es eine bessere Alternative gab. Leider waren auch nach neun Jahren die verbalen Kenntnisse dürftig und das Schriftliche Makulatur. Kühne musste das nicht verantworten. Solange die Noten stimmten, war alles in Butter.

Ute ließ den Satz vorlesen und die neue Vokabel im Chor aufsagen. Dann wurden die Hefte aufgeschlagen und die Vokabelliste von der Tafel ins Heft übertragen. Endlich hatte Ute Zeit und Gelegenheit einen Blick auf Elmar, den neuen Referendar, zu werfen. Er saß hinten im Klassenraum, Arme und Beine verschränkt, mit rötlicher Gesichtshaut. Im nächsten Schuljahr sollte auch er dort vorne stehen, falls er sein über alles gefürchtetes Examen schaffte. Auf seinem Schoß lag ein Notizblock, falls er neue Ideen zur Unterrichtsplanung aufschnappen würde oder Frau Leitz ihn mit geistreichen Tipps für den nächsten Unterrichtsbesuch beglückte.

Elmar Kipping hatte Physik und Englisch studiert und stand kurz vor dem 2. Staatsexamen. Er hospitierte bei Ute Leitz in der neunten Klasse im Fach Englisch. In wenigen Tagen stand ein Unterrichtsbesuch mit Hauptseminarleiter und didaktischem Fachleiter an. Die gestandenen Pädagogen saßen hinten im Klassenraum und begutachteten Elmars Kunst des Unterrichtens. Im Anschluss würde die 30-seitige Abhandlung seines Unterrichtsentwurfs auseinander und der Kandidat in die Mangel genommen werden, was nicht selten mit schlaflosen Nächten endete. Mit haarspalterischer und kleinkrämerischer Kritik wurde der zukünftige Lehrer demoralisiert. Es wurde gemäkelt und gedemütigt – alles zum Wohle des Schülers und zur Bestätigung des Besserwissertums der Gutachter.

Elmar kratzte sich den Handrücken, denn seine Neurodermitis brach vor diesen Unterrichtsbesuchen aus wie ein Vulkan. Das am Morgen aufgetragene Kortison landete im Laufe des Vormittags erst unter seinen Fingernägeln und später in seinem Magen, da er die Angewohnheit hatte, diese in stressigen Situationen abzukauen.

Mit 36 Jahren war Elmar unter den Referendaren der Senior. Er sah sich selbst als Spätzünder, was er unumwunden zugab. Der Name war wohl so eine Art Mitgift seiner Eltern, die ihm dieses Stigma auferlegt hatten. Er trug es mit Würde, denn er fand nichts Schlechtes dabei, ein Spätzünder zu sein, weil er im Zuge seiner Lebenserfahrung etlichen Männern und auch Frauen begegnet war, die seiner Meinung nach gar keine Entwicklung mehr durchmachten. Sie waren regelrecht fertig, im wahrsten Sinne des Wortes.

Elmar hatte den Blick von Ute Leitz erwidert und mit einem Schmunzeln bedient, obwohl ihm nicht danach zumute war. Ute würde gleich bei einem Kaffee im Lehrerzimmer ausgiebig seine Fragen beantworten. Beim letzten Gespräch hatte sie ein Treffen in einem Café vorgeschlagen, um mit ihm den Unterrichtsentwurf durchzusprechen, doch Elmar hatte mit einer guten Ausrede abgelehnt. Seine aufblühende Neurodermitis war nicht die einzige verflixte Nebenerscheinung seines irritierten Nervensystems, sondern auch seine gesunkene Libido. An Sex war nicht zu denken. Aber Ute traute er Sex zu, und wenn er erst ausgebildeter Lehrer sein würde, bekäme auch der Sex wieder seinen gebührenden Platz.

Im Grunde war Elmar ein Abenteurer im Stillen. Ihn beseelte die Gabe der fantasievollen Vision und Ute mochte Männer, die mit kühnen Projektionen die Langeweile vertrieben. Stolz hatte er ihr gegenüber behauptet, dass er wisse, nein, dass er sich absolut sicher war, ein guter Lehrer zu werden, aber die greisen Fachidioten seine kreative Schaffenskraft boykottierten. Ute mochte Träumer, denn die waren im Bett zuverlässiger und einfühlsamer als die kantigen Sprücheklopfer. Wenn es allerdings um den einen echten Mann ihres Lebens ginge, müsste dieser drei Kinder haben wollen. Sie würde das Gebären übernehmen und er die ersten Jahre bis zum Kindergarten. Das hatte sie im Stillen mit sich ausgemacht. Elmar hatte sie dabei in die engere Wahl gezogen, aber vorher musste er sich noch als tauglich erweisen. Ein Lehrerehepaar, das wäre ihr Traum. Die vielen Ferien, doppeltes Gehalt, nachmittags frei für die eigenen Kinder und keine Sorgen um den Arbeitsplatz. Das würde sie glücklich machen, von der fetten Pension ganz zu schweigen.

Elmar jedenfalls hing an ihren Lippen, damit ihm beim Endspurt zum 2. Staatsexamen nicht die Luft ausging. Auf dem Weg ins Lehrerzimmer bewegte ihn eine Frage.

„Wieso hast du sie das Wort ‚superfluous‘ lernen lassen? Das ist doch so gut wie tot.“

„Nimm’s nicht so genau. Ich hatte Lust darauf. Es lag mir auf der Zunge. Deswegen. Später, ich meine, wenn du selbst in der Klasse stehst, machst du eigentlich, was du willst. Du musst nicht streng nach Lehrbuch vorgehen. Wenn du deine Kollegen beeindrucken willst, überspringst du einfach eine Lektion im Buch und arbeitest den Stoff mit selbstgefertigten Arbeitsblättern auf. Das geht viel schneller. Die Kids sind happy, wenn sie die Bücher in der Tasche lassen dürfen.“

Ute trug die eingesammelten Hausarbeitshefte unterm Arm und ihre Tasche in der anderen Hand. Elmar hielt ihr die Tür auf und sie bedankte sich mit einem Kopfnicken. Ihr charmanter Begleiter benahm sich wie ein Kavalier, aber eben auch wie jemand, der ihr stellungsmäßig unterlegen, wenn nicht gar untergeben war. Im Grunde war Elmar ein Niemand, denn das 1. Staatsexamen war für die Katz, wenn man das 2. vergeigte. In dem Fall stand man auf der Straße und musste bettelnd als Lückenbüßer einen Job vom Arbeitsamt annehmen. Ute hatte sich gesetzt und prüfend in die Runde der Kollegen geschaut. Zu ihrem Missfallen hatte auch Kollegin Beer eine Freistunde und korrigierte Tests am gegenüberliegenden Tisch. Elmar dachte nur an seinen bevorstehenden Unterrichtsbesuch und brannte darauf, ein paar Probleme anzusprechen.

„Ist dir aufgefallen, dass Malina und Leona ihre Handys unterm Hefter liegen hatten und fleißig SMS geschrieben haben? Noah und Jonah haben die Vokabelliste nicht abgeschrieben und Lissy hat eine ganze Tafel Schokolade verputzt. Hatte die Mutter nicht darum gebeten, dass wir auf ihre Diät achten? Die hat bestimmt 20 Kilo Übergewicht.“

Ute hatte, während Elmar sprach, seine Hand genommen und ihren Daumennagel in seine Haut gedrückt, sodass er kurz sein Geicht verzerrte. Inge Beer tat, als hätte sie die Kommunikation am Nachbartisch nicht mitbekommen, war aber trotzdem Zeugin dessen geworden, was sich hinten in der Klasse von Kollegin Leitz abgespielt hatte. Elmar rieb seine verletzte Hand und sah Ute fragend an.

„Das wird beim Besuch nicht passieren“, versicherte sie. „Ich sitze auch mit hinten in der Klasse. Außerdem wissen die Kids, dass die Stunde für dich wichtig ist und sie werden auch wegen des Besuchs ihr Bestes geben.“

Inge Beer nahm eine Sonderstellung im Kollegium ein. Im Grunde vertrat sie einen vom Aussterben bedrohten Lehrertypus: den strengen Moralisten. Sie war 54 Jahre alt und schwor auf die alten Tugenden: Ordnung, Zuverlässigkeit und Fleiß. Als am Nebentisch das Wort ‚Kids‘ gefallen war, hatte sie kurz aufgeschaut und die Augen verdreht. Ute hatte das gesehen und einen abfälligen Kommentar von ihrer Kollegin erwartet, denn Beer vertrat den Standpunkt, dass aller Missbrauch mit dem Missbrauch der Sprache beginne. Duldete man die Verunglimpfung der Sprache, ebnete man der Gewalt die Tür. Inge Beer achtete daher sehr genau auf die Wortwahl, besonders ihrer Kollegen. ‚Kids‘ gehörte auf den Sportplatz, hatte sie Ute Leitz bei anderer Gelegenheit unter vier Augen gesagt. Das Wort unterminiere die respektvolle Vorbildrolle des Lehrers. Ute war nicht beeindruckt gewesen und konterte seitdem mit Ignoranz.

Elmar bekam von den Querelen innerhalb des Kollegiums nichts mit und selbst wenn, es würde ihn nicht interessieren. Ute fasste sich ein Herz und lud Elmar auf einen Kaffee im Extrablatt ein. Elmar nahm die Einladung an, machte aber zur Bedingung, dass sie seinen vorläufigen Unterrichtsentwurf besprechen würden.

Inge Beer schaute beiden nach, als sie das Lehrerzimmer verließen. In ihrem Blick lag Wehmut, vielleicht sogar Melancholie, die, wie auch immer, nichts mit dem Moment zu tun hatte, sondern in die Vergangenheit ihrer Kinderheit reichte.

2 Das Pferd

Zwei andere Leben waren gerade durch die Tür des Lehrerzimmer verschwunden. Blühende, romantische Leben. Sie ähnelten so wenig dem eigenen, das sich seit Monaten mit der Endlichkeit plagte. Eigentlich hatte Inge mit der Zukunft abgeschlossen, kein Acker weit und breit, auf dem sie ein Samenkorn aussäen würde. Aber sie musste tapfer sein und durchhalten. Bald würde sich ihr Plan erfüllen, die göttliche Fügung betrogen sein und sie wäre frei. Das Leben war in jedem Fall ein schleichender Prozess, dessen Ende man in der Regel dem Zufall überließ. Hilflos wurde der Mensch geboren, hilflos starb er. Sie hatte das Schicksal herausgefordert und war überrascht, dass sie den Mut dazu fand. Sterben erforderte Mut, wenn es in die eigenen Hände genommen wurde.

Inge Beer sah durch ihre Brille auf die Dachrinne der gegenüberliegenden Mensa und verglich sie mit dem Querbalken in der Glastür des Lehrerzimmers. Beide Linien verliefen exakt parallel. Sie neigte ihren Kopf und verglich die beiden Horizontalen. Wie sie sich auch beugte, auf die Bautechnik war verlass.

Es würde in der Turnhalle sein. Das wusste sie felsenfest, weil es dort passiert war, vor 42 Jahren. An der Technik musste sie noch feilen, denn auf dem Gebiet war sie immer ein Versager gewesen. ‚Dulle‘ hatte sie ihr Vater genannt. Das Wort war aus dem Englischen entlehnt und bedeutete so viel wie ‚Stumpfe‘. Auch wenn es stimmte, dass sie nicht besonders gut gebaut war und sich manchmal blöd anstellte, hätte er sich ein anderes Wort für sie einfallen lassen können.

42 Jahre waren eine lange Zeit, doch Zeit kannte kein Maß, wenn es um Verletzungen ging. Da konnte die Zeit gemein sein und einfach zwischendurch erlöschen. Dann war es wie damals, als er ihr den Teller weggenommen hatte, in dem nur Suppe war und ein paar Buchstabennudeln. Und dann musste sie auf ihr Zimmer gehen und später ohne Aufforderung ihre Hausarbeiten vorzeigen und aus dem Englischbuch vorlesen. Kein Sterbenswort hätte sie von sich aus gesagt. Lieber hätte sie sich die Zunge herausgeschnitten, als vor ihren Eltern laut etwas vorzulesen, aber sie musste. Nur ein Fehler und sie hätte sich in die Hölle gewünscht, nur ein Tadel und sie wäre am liebsten tot umgefallen – zur Strafe ihrer Eltern. Sie hatte geglaubt, die Jahre der stillen Qualen und der unzähligen Tränen überstanden zu haben. Doch nun stand sie wieder allein vor dem Scherbenhaufen ihrer leidvollen Kindheit.

‚In der Turnhalle würde es sein‘, bestätigte eine innere Stimme ihren Vorsatz. Sie horchte genau, um nicht getäuscht zu werden. Es war doch ihre Stimme. Kein Zweifel. Sie war ganz normal. Niemand hatte den Wandel bemerkt.Wie sollten sie auch? Seit Langem glich ihre Fassade einer versteinerten Gebetsmühle. Sie verkörperte ein kompromissloses Gerüst aus Geboten, das keinen interessierte. Unter den Kollegen galt sie als die fette alte Moralinstanz, die vergeblich die Welt missionieren wollte. Eine gescheiterte Existenz. Dabei hatte alles so gut angefangen. Als junge Lehrerin hatte sie mit ihrer Einstellung bei den damaligen Kollegen Anerkennung geerntet. Sie vertrat die Auffassung, dass Schule weder Schonraum noch Vorbereitung auf die Realität einer von der Wirtschaft beherrschten Gesellschaft sein durfte. Schule war der wichtigste Ort für eine Erziehung zum guten Menschen und diese Erziehung stellte einen bewussten Sprachgebrauch in den Vordergrund. Seitdem hatte das Kollegium durch viele Abgänge und Neuzugänge sein Gesicht verändert. Der einstige Teamgeist hatte sich verflüchtigt und das Einzelkämpfertum seinen Platz eingenommen. Hinzu kam der Beginn des neuen Zeitalters der sozialen Medien. Für Inge Beer war der Zug abgefahren, ihre ruhmreichen Stunden waren vorbei. Ihre Seele hing am Tropf und weil sie äußerlich so unansehnlich fett war und seit neustem einen Rollator brauchte, fühlte sie sich auch von Gott verlassen. Gebete waren immer rarer geworden und verkümmerten zu Bekundungen von Selbstmitleid, das sich jedoch beim Planen ihres Abschieds von dieser Welt langsam in Luft auflöste.

Worauf wartete sie also? Blockierte sie sich selbst, weil sie die Turnhalle ausgesucht hatte?

Eigentlich nicht. Sie wusste wirklich nicht, wie sie es dort praktisch anstellen sollte. Natürlich durfte ihr Versuch nicht fehlschlagen. Das käme einem erneuten Versagen gleich. Ihr Plan sah das nicht vor. Sie wünschte, ihr Vater wäre noch am Leben. Welch eine Genugtuung würde ihr widerfahren, wenn er mitansehen müsste, wie sie in der Halle an den Ringen baumelte.

Sie war zwölf Jahre alt und übergewichtig, als es passierte. Adipositas hatte der Arzt diagnostiziert, wahrscheinlich genetisch veranlagt. Da könne man nicht viel machen. Ihr Vater war Sport- und Deutschlehrer und sie seine Schülerin. In einer der Sportstunden wurde der Sprung am Pferd geübt. Inge war von vorneherein bewusst, dass sie es nicht schaffen würde. Ihr Vater ließ sie in Reih und Glied mit den anderen antreten. Die junge Inge sah ihr Scheitern voraus, rannte aber trotzdem los und prallte mit voller Wucht vor den ledernen Bock. Alle Schüler brüllten los vor Lachen. Inge stand auf, putzte sich den Staub von den Knien und setzte sich auf eine der langen Bänke. Sie weinte nicht, nicht mehr mit zwölf. Ihr Vater hatte sich nie damit abfinden können, dass er eine dicke, schwerfällige und eigentlich hässliche Tochter hatte. Sein Pfiff der Trillerpfeife hallte noch immer lebhaft in ihren Ohren. Der Pfiff galt ihr und ihre Blamage war eine seiner vielen versteckten Strafaktionen. So wie der Teller mit den Buchstabennudeln. Er konnte es nicht ertragen, dass sie sich von der Suppe nachgenommen hatte und schickte sie fort. Eine Zeit lang hatten ihre Eltern eine Diät versucht, aber eigentlich gab es nur weniger zu essen, was aber wenig effektiv war. Einen Tag vor ihrem elften Geburtstag hatte ihre Mutter mehrere Cornetto-Eistüten für die Geburtstagsfeier ins Gefrierfach gelegt. Inge hatte sich heimlich ein Eis genommen und es verputzt. Ihre Mutter fand die Verpackung im Abfalleimer. Abends, als ihr Vater nach Hause kam, gab es die Abreibung. Ihr Vater konnte nur davon gewusst haben, weil ihre Mutter sie verraten hatte. Dieser Verrat wog schwer, denn er zerrüttete die Bindung zu ihrer Mutter auf ein unüberbrückbares Maß. Ja. Es stand fest: In der Turnhalle würde es sein. An den Ringen würde sie hängen. Aber wie sollte sie es anstellen?

3 Schlüssel

Jens Brisinzki platzte in Kühnes Büro ohne anzuklopfen. Manieren waren nicht seine Stärke, weil er es gewohnt war, in einem offenen Großraumbüro zu arbeiten und Türen als Hindernisse betrachtete. Auch sonst war Brisinzki ein unkonventioneller Patron, der bisweilen chaotische Zustände anrichtete, wenn er Programme schrieb.

Durch einen unerwarteten Todesfall war der führende Informatiklehrer der Schule ausgefallen und da die Abiturprüfungen ins Haus standen, hatte Kühne mit Genehmigung der Bezirksregierung einen renommierten Praktiker aus der Wirtschaft geholt. Jens Brisinzki war 1,95 m groß, 56 Jahre alt und ein Meister seines Fachs. Kühnes schlimmste Befürchtung, der Neue würde keinen Draht zu den Schülern finden, hatte sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Brisinzki hatte von vorneherein reinen Tisch gemacht. Pardon gab’s nur für Fehler. Machte einer Scheiß, wurde er vor versammelter Mannschaft angeschissen, dass die Fetzen flogen. Noch hielten sich die Eltern zurück, und Kühne war froh um jeden Tag, den das Abitur näherrückte.

„Chef, ich brauch die Schlüssel fürs Lehrerzimmer und den Kopierraum. Die Elektriker haben sich angemeldet. Wir gehen gemeinsam den Verkabelungsplan für das neue EDV-System durch.“

Kühne murrte, nahm die entsprechenden Schlüssel vom Brett und reichte sie weiter an Brisinzki, der sie sofort in seine Hosentasche steckte.

„Sie wissen, dass ich Ihnen die Schlüssel nur im Vertrauen gebe. Sie sind erst neun Wochen bei uns, haben einen zeitlich befristeten Vertrag, laufen sozusagen noch auf Probe und haben nun Zugang zu allen relevanten Räumen und den dort befindlichen Daten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass Sie sich im Rahmen der legalen Vorschriften zu bewegen haben. Überall im Lehrerzimmer finden Sie persönliche Daten von Schülern, die Sie nichts angehen. Also, ich gebe Ihnen die Schlüssel nur ausnahmsweise.“

Brisinzki vermied einen Kommentar und trat näher an Kühne heran, als wollte er ihm ein Geheimnis verraten.

„Sagen Sie, die Frau Beer gefällt mir gar nicht. Ich bin vorhin ins Lehrerzimmer gegangen und habe sie gegrüßt. Da kam nichts zurück, als wäre sie weggetreten. Ist ihre Art, oder?“

„Frau Beer hat Last mit den Knien. Ich bin froh um jede Fachkraft, so kurz vorm Abi. Machen Sie sich keine Sorgen. Sie hat seit Jahren Probleme mit dem Laufen. Das wird schon wieder.“

„Im Grunde geht mich das nichts an. Ist eher Sache des Betriebsrats, aber meinen Sie nicht, dass sie ziemlich isoliert ist? An ihrem Tisch legen die Kollegen ihre Mäntel und Jacken ab, aber niemand setzt sich. Tut mir irgendwie leid, die Frau.“

Kühne winkte ab und wandte sich der Kaffeemaschine zu. „Zäh wie Leder, unsere Frau Beer“, sagte er im Brustton der Überzeugung. „Ein Stückweit hat sie sich selbst ins Abseits buchsiert. Aber sie ist kein Opfer einer bewussten Ausgrenzung. Im Kollegium gibt es viele Anknüpfungspunkte. Frau Beer müsste lediglich einen Schritt auf die anderen zugehen.“

„Ich könnte mit ihr reden.“

„Das bleibt Ihnen überlassen.“

4 F4F

Der Club der toten Dichter hatte einen neuen Namen: F4F. Dahinter verbargen sich drei Schüler der Oberstufe, die einmal in der Woche miteinander diskutierten. Dazu trafen sie sich gelegentlich in der Schänke oder chatteten an Tagen mit viel Leistungsdruck von zu Hause aus. Bastian Lemper, Ulla Vollenbroich und Carsten Schröter standen kurz vorm Abitur. Bastian wollte später Informatik studieren und war sehr darüber verärgert, dass er mit den Aufgabenstellungen des neuen Aushilfslehrers Brisinzki Schwierigkeiten hatte. Nicht nur er beklagte sich, die meisten des Leistungskurses fanden die Übungen ‚over the top‘.

Eigentlich standen alle Zeichen auf Lernen, aber es gab einen Ehrenkodex: Kein Verrat an der Zukunft. Die Sektion Fridays 4 Future aus Haltern bestand nur aus drei Sympathisanten, die sich von Greta Thunberg inspiriert fühlten und es nicht bei den Lippenbekenntnissen ihrer Mitschüler belassen wollten. Die Bewegung war noch jung und insofern suchten die drei nach Aktionen, um auf sich aufmerksam zu machen. Zu ihrem Leidwesen kam ihnen das Abitur in die Quere.

An diesem Montagabend herrschte Katerstimmung, denn niemand wusste, wie es weitergehen sollte und der Ehrenkodex nicht zur Farce verkam. Ulla Vollenbroich hatte noch Zeit bis zum Termin ihrer Englisch-Klausur. Sie hatte sich bereit erklärt, das Gespräch, das heute über Videoanruf stattfinden würde, aufzuzeichnen, um später daraus ein Protokoll zu fertigen.

F4F war mehr als ein loser Haufen von Idealisten. Sie nahmen ihre Sache ernst, fühlten sich berufen, der Gleichgültigkeit, dem Leugnen und dem Wachstumswahn den Hals umzudrehen. Politisch fühlten sie sich allein gelassen. Die Grünen waren ihnen viel zu harmlos, hohle Statisten ohne Mumm zur Entwicklung tragfähiger innovativer Konzepte. Links war nicht grün genug und Schwarz ging schleichend auf Schmusekurs mit der AfD. Die etablierten Parteien betrogen die Jugend um ihre Zukunft. Keiner sagte die Wahrheit, weil die unbequem war und ein Tempolimit einforderte, die dicken Autos von der Straße fegte und die Renten anders verteilte. Alle begingen Verrat an den Millionen junger Menschen, die auch von der Schule nicht aufgeklärt wurden, weil ein lahmarschiger Apparat von Ministerien eine zukunftsorientierte Lehre in der Schule sträflich verzögerte und die Verantwortlichen nicht an ihren eigenen Stühlen sägen würden.

Heute fand die letzte Gesprächsrunde von F4F vor dem Abi statt. Ulla Vollenbroich hatte zu Bastian und Carsten Kontakt aufgenommen. Die Handyschaltung zwischen den dreien stand und Ulla machte den Anfang. „Jungs, ich sag euch jetzt mal was: Nach dem Abi machen wir die Transparente fertig und überzeugen die Jüngeren, freitags mit uns zum Rathausplatz zu gehen. Wir müssen Flagge zeigen und rausgehen. Ich will mir nicht vorwerfen, zu lange gewartet zu haben. Wer ist dabei?“

„Lass uns damit warten“, meinte Carsten. „Ich bin dafür, das Thema vom letzten Mal erst zu Ende zu diskutieren. Grundsätzlich bin ich aber dabei.“

„Seh ich wie du“, schaltete sich Bastian ein. „Ich muss jetzt erst mal Frust loswerden. Der Brisinzki raubt mir den letzten Nerv. Bevor der kam, war ich mir sicher, dass ich es schaffen würde. Der macht ’ne Informatik, die über meinen Kopf geht, statt hinein.“

Ulla wollte zum Thema kommen, denn es war die letzte Diskussionsrunde vor dem Abi und wer wusste schon, was danach kam?

„Okay. Stand der Dinge: In fünf Jahren stehen wir im Berufsstress und zwar nicht nur wegen des Klimawandels, sondern vor allem wegen der alten Leute, die wir durchbringen müssen. Die 2:1-Quote kommt. Zwei Verdiener – ein Rentner. Die Alten werden immer älter und wir immer weniger. Betriebe suchen heute schon händeringend nach Nachwuchskräften. Kommen die alle aus dem Ausland, kommt die AfD eines Tages an die Regierung. Dann ist die schleichende Revolution Richtung Braun kaum mehr zu bremsen.“

„Haltet mich nicht für ein bizarres Arschloch“, meinte Carsten, „aber die Alten mit ihren Rollatoren machen mir Angst. Wenn ich mir vorstelle, dass immer mehr davon in den Straßen herumfahren und die immer älter werden, die Altersheime überfüllt sind und der Staat die Pflege nicht mehr bezahlen kann, dann wird mir schummrig. Ich meine, ich hab selbst ’ne Oma, aber die ist fit, hilft mit 86 bei der Tafel. Angst hab ich deswegen, weil ich keinen Bock habe, für die alten Leute zu schuften. Ich meine ein Recht auf ein Leben zu haben, das mich zwar der Familie gegenüber verpflichtet, aber nicht über Gebühr auch für andere Alte in Anspruch nimmt. Ich will studieren, arbeiten und eine Familie gründen. Dann zahl ich 20, 30 Jahre für meine eigenen Kinder und gleichzeitig für die Alten, bis ich selber alt bin. Wo bleibt da die Aussicht auf eine Lebensphase, in der ich mal nur für mich arbeite und mir etwas gönnen kann?“

„Das hast du aber schön gesagt“, kommentierte Bastian. „Mir kommen die Tränen. Wenn du alt bist, benutzt du dann keinen Rollator, obwohl du einen brauchst?“

„Klar, aber ich muss keine Rente von 4.000 € netto haben, weil ich 35 Jahre Beamter war und mir eh der Arsch von allen Seiten abgeputzt wurde. Ich seh die Rentner vor mir, die morgens Sekt schlürfen, acht Wochen Ibiza und vier Wochen Camarque mit Superwohnmobil, finanziert von Carsten Schröter, der Kinder in die Welt gesetzt hat, während Rentner ohne Kinder auch noch mehr Rente kriegen und sich an meiner Versorgung durch eigene Kinder vorbeidrücken.“

„Die Welt ist ungerecht“, statuierte Bastian. „Was machen wir mit den Alten? Wir könnten plädieren, dass sie länger gesund bleiben oder länger arbeiten.“

„Was würdest du tun, wenn du alt bist?“

„Länger arbeiten fänd ich gut, aber zu anderen Bedingungen. Leichtere Arbeit, weniger Zeit. Angepasst ans Alter eben.“

„Und wenn du krank wirst, dement, Parkinson? Leute mit Alzheimer sind am Ende völlig Banane im Kopf, können aber noch lange leben.“

„Weiß nicht“, gab Bastian zu. „Schicksal. Andererseits wissen diejenigen, dass sie Alzheimer haben, wenn sie noch normal sind. Bei dem Krankheitsverlauf, der sie erwartet, könnten sie sich rechtzeitig vom Leben verabschieden. Ich meine bewusst aus dem Leben scheiden, so wie unheilbare Krebskranke es manchmal machen.“

„Würdet ihr einem Menschen helfen, aus dem Leben zu scheiden?“, fragte Ulla.

„Ich schon“, meinte Carsten. „Ich würde aber nicht körperlich eingreifen, also jemanden von der Klippe schubsen oder einen Föhn in die Badewanne werfen. Das grenzt an Mord. Da hätte ich Angst vor einer Verurteilung. Passiv, meine ich.“

Die Antwort reichte Ulla nicht. „Und du, Bastian, würdest du später die kleine weiße Pille nehmen?“

„Kommt drauf an. Mein Uropa ist geistig völlig auf der Höhe. Er wird 95. Da sehe ich keinen Grund. Ich würde in dem Alter leben wollen, weil ich noch teilnehmen kann am Familienleben. Und wenn der sich über Anne Will aufregt, weil die mal wieder bescheuert moderiert hat, dann spielt das Alter wirklich keine Rolle. Außerdem steckt er mir ab und an einen Hunderter zu.“

Ulla gab sich immer noch nicht zufrieden. „Wann würdest du die Pille nehmen?“

„Ich möchte nicht so tun, als würde ich es schaffen. Denn in jedem Fall bist du bei klarem Verstand, in dem Moment der Einnahme. Es schnürt sich gerade meine Brust zu und mein Herz möchte zerspringen, wenn ich daran denke. Es gehört verdammt viel Mut dazu. Aber wenn du älter bist, ist der Tod kein Schreckgespenst mehr. Mein Uropa sagt, dass er keine Angst vor dem Tod hat und er sich wünscht, eines morgens nicht mehr aufzuwachen.“

Ulla lächelte. „Basti, wann?“

„Ich würde die Pille nehmen, wenn ich ganz allein wäre, von allen verlassen und keine Hoffnung mehr hätte. Wenn ich wüsste, niemandem mehr etwas zu bedeuten. Wenn mein Ich auf einen unscheinbaren Punkt geschrumpft ist und das Leben so weh tut, dass der Tod zur einzigen Erlösung wird, zur Befreiung von meiner Depression.“

Bastian wandte sich ab, sodass er für Momente nicht zu sehen war.

„Entschuldigt, ich war kurz irritiert“, sagte er und kehrte lächelnd ins Bild zurück.

Ulla schaute bewegungslos auf ihr Handy und wartete. Als niemand etwas sagte, brach sie das Schweigen.

„Du bist depressiv?“

Bastians Versuche, seine Verlegenheit zu überspielen, waren offensichtlich. Sein Gesichtsausdruck passte nicht zu dem, was er sagte.

„Ja, weil ich wegen dem Brisinzki meine Informatikklausur vergeige.“

Anders als Ulla hatte Carsten die feinen Untertöne des Gesprächs nicht aufgeschnappt und schlug den Bogen wieder zum Ausgangsthema. Bastian brach das Gespräch ab und begründete das mit Lernen für die Klausur. Ulla und Carsten mussten auch lernen. F4F würde erst nach den Klausuren wieder aktiv werden. Ulla sicherte die Aufnahmen des Gesprächs auf ihrem Handy und verschob das Schreiben des Protokolls auf einen späteren Zeitpunkt.

5 Warten

Inge Beer hatte alles vorbereitet. Ihr Mann, Pastor Beer, war auf einem Seelsorger-Seminar und blieb über Nacht. Ihr Abschiedsbrief lag gefaltet in einem Couvert, das sie in ihre Jackentasche steckte. Den Schlüsselbund für die Turnhalle hatte sie tags zuvor aus dem Lehrerzimmer mitgenommen. Sie parkte seitlich an der Halle. Es war etwa 22 Uhr, als sie die Eingangstür aufschloss und weitere Türen aufstieß, bis sie die zur eigentlichen Halle öffnete.

Es war plötzlich alles so schnell gegangen, dass sie nicht recht glauben wollte, jetzt schon am Ort ihres Todes angekommen zu sein. Ihr Plan hatte eine überraschende Wende erfahren, die sie nicht verstreichen lassen wollte. Der Zufall war ihr immer noch unheimlich, aber war er nicht auch als Weisung zu verstehen? Hatte Gott doch seine Hand im Spiel? Ihr Mann vertrat Gott auf Erden und vielleicht hatte der Herr einen Blick auf sie geworfen und Erbarmen walten lassen. Schöner hätte sie sich ihren Selbstmord nicht vorstellen können. Es war ihr gar eine Ehre, wie es nun geplant war.

Inge Beer stand in der Mitte der Halle, schaute hoch zu den hölzernen Ringen und suchte sich ein Paar aus. Sie verfolgte den Verlauf der Seile, die an der Wand festgeknotet waren. Es durchfuhr sie wie ein Schock, als sie realisierte, dass sie nicht an das Seil gedacht hatte, an dem sie hängen würde. Sie beruhigte sich. Das Problem würde sich lösen lassen, sagte sie sich gelassen und wartete.

Seltsame Gedanken kreuzten auf, als wären es nicht ihre eigenen. Ihre Knie schmerzten vom Stehen, doch der Schmerz war erhaben, tat nicht wirklich weh. Ihre Sinne wanderten wahllos durch ihr vergangenes Leben, das schon getrennt von ihr war, so fühlte es sich an.

Der Selbstmord geht am Rand der Existenz spazieren, als Begleiter in der Not, auf Abruf, verbündet mit dem Tod. Das Hintertürchen für alle Fälle, wenn das Ich sich weit draußen immer kleiner sieht, entfernt von Kindheit, Glauben, Trost, steht immer offen. Fragt sich nur, woher der Mut die Kraft gewinnt, das Leben auszulöschen. Der Plan setzt Mut voraus. Ihn umzusetzen ist kein Kinderspiel. Andererseits, in diesem Mut steckt Leben, das die Kraft zum Weitermachen kennt. Inge überlegte kurz, aber ihr Plan besaß brutale Entgültigkeit.

Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet Inge Beer das Leben nehmen würde? Das Ich lebte von der Bedeutung für den anderen. Der Sinn des Lebens war der andere. Das Ich stirbt, wenn es alleine ist. Inge Beer, sie war allein inmitten all der Schüler und Kollegen, der Familie und des Mannes, der Gemeinde. Verlassen von Gott und allen Hoffnungen.

Seit Tagen trug Inge ein Abzeichen aus Plastik um ihren Hals. Das Anhängsel wurde zu ihrer Schulzeit jedem Schüler im Fach Sport verliehen, auch denen, die sehr schlecht waren. Sie war schlecht, weil sie zu dick war. Gerne wäre sie magersüchtig gewesen, aber leider hatte sie Adipositas und Schuld daran war niemand. Und Gott? Er war eben auch nicht perfekt. Er hatte das Universum geschaffen. Dessen Symmetrien und Strings funktionierten, aber nicht immer. Das sagte die Wahrscheinlichkeitstheorie. Mal Welle, mal Teilchen. Inge war Teilchen und sollte eigentliche eine Welle sein. Gott hatte nicht versagt, wenn das Schicksal grausam war. Gott hatte die Perfektion nicht zum Ziel, denn dann wäre die Welt fertig und alles würde stagnieren. Ein Leben, das stagnierte, war kein Leben. Was sollte Gott also machen? Er stellte Welle oder Teilchen zur Verfügung und Inge wurde als eines davon geboren. Eine Wahl hatte sie nicht. Ihr Vater aber verstand das nicht, denn er wollte, dass Inge kein Teilchen, sondern eine Welle war.

Der Dualismus war im eigentlichen Sinne die Krönung der Schöpfung, wurde aber nur wenig beachtet, denn dann wäre Gott auch dual, zum Beispiel im Sinne von Herrgott und Fraugott. Inge Beer hatte das Leben erkannt und beschritt einen Weg, der sie die Geheimnisse Gottes lehrte. Sie war ihm sozusagen auf die Schliche gekommen und fürchtete sich weder vor Gott noch vor dem Tod. Als sie zur Turnhalle I aufgebrochen war, hatte sie nichts im Gepäck als eine frohe Erwartung. Technisch gesehen war Inge ein Stümper. Umso erfreuter war sie nun, dass sie es geschafft hatte, eine Begleitung für ihren Selbstmord gefunden zu haben.

6 Überstunden

Um 23:41 Uhr erhielt Bastian Lemper eine Nachricht auf seinem Handy. Darin stand eine Aufgabe zum Thema Informatik. Der Absender blieb anonym. Bastian druckte die Nachricht aus, holte sich ein Glas Milch und begann mit der Lösung.

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