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Torschlusspanik

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorwort
  8. Kapitel 1 - Soll es das nun gewesen sein?
  9. Kapitel 2 - Soll ich etwa für immer Jungfrau bleiben?
  10. Kapitel 3 - Und wenn ich nun einen schlauen Plan hätte?
  11. Kapitel 4 - Und wenn ich nun lernte, schmutzige Dinge zu sagen?
  12. Kapitel 5 - Und wenn mich die anderen nun für ein Großmaul halten?
  13. Kapitel 6 - Und wenn vorzeitige Ejakulation nun ein sinnvoller Zeitvertreib ist?
  14. Kapitel 7 - Und wenn das Baby nun mit den gefüllten Tortillas kommt?
  15. Kapitel 8 - Und wenn ich nun lernte, Kühe zu melken?
  16. Kapitel 9 - Und wenn die Goldfische nun eine Zugabe zur Lavalampe wären?
  17. Kapitel 10 - Und wenn sich das Schanghaier Abenteuer als Horrortrip erwies?
  18. Kapitel 11 - Wenn ich mich nun kneten, zupfen, stylen ließe?
  19. Kapitel 12 - Und wenn er nun ein Mann von wenigen Worten, aber mit großen Organen wäre?
  20. Kapitel 13 - Und wenn ich zusätzlich zur Milch eine Freundin fände?
  21. Kapitel 14 - Und wenn Thelma & Louise nun aus Glasgow kämen?
  22. Kapitel 15 - Und wenn statt des Spießes nun der Holzschuh umgedreht würde?
  23. Kapitel 16 - Sollte man Rache am besten mit Vanillesoße genießen?
  24. Kapitel 17 - Habe ich jahrelang ein Zigeunerleben geführt?
  25. Kapitel 18 - Und wenn ich nun ins lesbische Liebeskarussell stiege?
  26. Kapitel 19 - Soll ich etwa einen weißen Anzug und Goldkettchen tragen?
  27. Kapitel 20 - Und wenn die Brautjungfer nun per Anhalter flüchtete?
  28. Epilog - Ein Jahr später

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Shari Low

Torschlusspanik

Roman

Aus dem Englischen von
Sylvia Strasser

Dieses Buch ist James Murphy senior gewidmet –
für einen beispiellosen Akt göttlicher Intervention …

Lieber Leser,

es ist nur recht und billig, Sie darauf hinzuweisen, dass, sollten Sie bei überschwänglichen Gefühlsausbrüchen zu Brechreiz neigen, Sie diese Seite vorsichtshalber überschlagen und direkt bei Kapitel eins beginnen sollten. Falls Sie allerdings einen robusten Magen haben, dürfen Sie gerne weiterlesen …

Wie viel trostloser wäre die Welt doch ohne das nie versiegende Schwatzen, das ständige Lachen und die treue Unterstützung meiner Freundinnen; deshalb ein großes, herzliches Dankeschön an Wendy Morton, Isobel Cook, Pamela McBurnie, Linda Lowery, Janice McCallum, Clare Barwick und Colette (Cain) Hodkinson.

Für meine angehenden Redakteure, die geduldig Kapitel für Kapitel gelesen, an den richtigen Stellen gelacht und mir jede Menge Mut gemacht haben: Paul und Beccy Murphy, Anne-Marie Low, Barry Murphy und Maureen Togher – danke euch allen. Für Phil Oakden (Hongkong), den wunderbarsten, attraktivsten, hilfreichsten Mann, den eine Frau sich wünschen kann – ich hab dich zum Fressen gern!

Für Fred und Rayma Harmer und Dennis Oldfield für ihre jahrelange Zuneigung und moralische Unterstützung – beides wird immer erwidert werden.

Für Emma O’Flynn Vijayaratnam (Philippinen) und Christopher Kelly (Kanada) – ich hoffe, ihr werdet eines Tages auf das hier stoßen und lächeln … Für Liz LeComber, ihres Zeichens Journalistin, Schriftstellerin und Verlegerin, und Gary Jenkins, Schriftsteller, für ihre Hilfe – ich weiß diese Großzügigkeit wirklich zu schätzen. Für Mary Pachnos, eine fantastische Agentin, für ihren unbeirrbaren Glauben, ihre Hartnäckigkeit und ihre Gabe, mich zum Lachen zu bringen, wenn es einmal nicht so gut lief – du bist einfach unglaublich! Für Sara Kinsella, meine tolle Lektorin, für ihre Geduld, ihre Aufrichtigkeit und ihren behutsamen Umgang mit der literarischen Axt – du hast einen Orden verdient. Für Alisdair McPhee, einen erstaunlichen Lehrer, der den Grundstein für den Glauben legte – dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

Für meine geniale Familie (insbesondere für meine Mum, Mary) – ich liebe euch und danke euch tausend Mal dafür, dass ihr mich noch nicht verstoßen habt.

Für meine wunderbare Stieftochter Gemma (die das hier frühestens mit dreißig lesen darf) und für diesen enormen Bauch, der Sodbrennen, Übelkeit und einen schmerzenden Rücken verursacht – ich liebe euch beide und ich bin überglücklich, dass ihr meine Familie seid.

Zum Schluss und ganz besonders für eine verwandte Seele, John Low, der mit seiner Liebe, seiner Stärke, seinem Humor und seinen Ermutigungen meine Achterbahn seit so vielen Jahren in der Spur hält (trotz zahlreicher Höhen, Tiefen und Schleifen) – mehr als alle Worte, für immer …

Shari Low

Kapitel 1

Soll es das nun gewesen sein?

Scheißdreck, Scheißdreck, Scheißdreck!

Ich liebe dieses Wort. Es hat so einen »Lass-mich-bloß-in-Ruhe-ich-bin-eine-prämenstruelle-tödliche-Waffe«-Unterton. Wie eine Stadtstreicherin, die im Kopf nicht mehr ganz richtig ist, murmele ich es vor mich hin, seit ich heute Morgen aufgestanden bin, weil heute nichts, aber auch gar nichts klappt.

Ich will den Wasserkessel füllen, hänge dabei den Ärmel meines Morgenmantels ins Spülwasser von gestern Abend und stoße den Aschenbecher um. Ich fürchte, das wird nicht mein Tag. Bevor Sie jetzt aber zum Telefon greifen, um die Hotline der Telefonseelsorge zu wählen, sollte ich Ihnen vielleicht sagen, dass ich in einer Midlifecrisis stecke. Ich sehe aus und fühle mich, als hätte ich die Nacht durchgemacht, und ich kann auf die Minute genau sagen, wann ich das letzte Mal Sex hatte. Wie auf der Frauenseite jedes angesehenen Revolverblatts zu lesen ist, ist das alles typisch für eine ledige Frau meines Alters. Für eine mit Midlifecrisis, meine ich.

Denken Sie nie: »Was, wenn das jetzt alles im Leben gewesen ist?«?

Sinnen Sie nie über Ihr Schicksal nach und fragen sich, warum Sie nicht Supermodel in Mailand sind (warum ich es nicht bin, weiß ich: Zellulitis und dreißig Pfund zu viel auf den Rippen)? Oder Chefin eines multinationalen Konzerns (ich verstehe von finanziellen Dingen so viel wie ein Pleitegeier)? Oder warum Sie nicht mit einem Wirtschaftsboss verheiratet sind, der Häuser in sieben Ländern besitzt (hören Sie mir bloß mit Männern auf)?

Sehen Sie mich doch an. Ich habe mich unter einem absolut lächerlichen Vorwand krankgemeldet (ich hätte mir den Zeh im Garten verstaucht – klasse Entschuldigung für jemanden, der im dritten Stock wohnt), sitze jetzt am Frühstückstisch, ALLEIN, und habe abgesehen von einem Schokoladencroissant und der ausgiebigen Lektüre der Daily Mail nichts, worauf ich mich freuen könnte. Unwillkürlich schießt mir der Gedanke durch den Kopf: Soll es das nun gewesen sein? Soll so mein Leben aussehen, bis ich eines Tages im Altersheim im Laufgestell über den Flur donnere, Tattergreise begrapsche, mir die »Hitparade der Volksmusik« ansehe und beim Bingo schummle?

Ich schätze, ich bin Ihnen eine Erklärung für diesen plötzlichen Ausbruch von Selbstmitleid schuldig.

Ich heiße Carly Cooper. Ich bin einunddreißig Jahre alt und Mieterin einer Einzimmerwohnung inklusive Schrank in einem begehrten (haha!) Londoner Bezirk: Richmond. Hierher hat es mich nach einer ganzen Reihe von Ländern, Abenteuern und Katastrophen (von denen die meisten auf einen Mr. Richtig zurückzuführen waren, der sich unweigerlich als Mr. Hätte-nicht-verkehrter-sein-können herausstellte) aus meiner Heimatstadt Glasgow verschlagen. Ich bin eins siebzig groß, habe langes blondes Haar (künstlich verlängert), blaue Augen (farbige Kontaktlinsen) und großzügige Pölsterchen an fast immer den richtigen Stellen.

Ich verdiene gutes Geld in einem Job, den ich hasse; deshalb gebe ich jeden Penny für Dinge aus, die mir Spaß machen, damit ich nicht an meine Arbeit denken muss. Meine offizielle Bezeichnung lautet Inlandskundenbetreuerin eines der weltweit größten Herstellers von Seidenpapierprodukten. Im Klartext heißt das, dass ich nichts ahnende Kunden großer, internationaler Firmen beschwatze, sich für ein Jahr zu verpflichten, ihr Toilettenpapier bei uns zu kaufen. Lachen Sie nicht. Toilettenpapier hat Zukunft.

Offiziell genieße ich mein Single-Dasein. Inoffiziell macht mich mein deprimierendes Liebesleben total unglücklich. Ich habe allmählich das Gefühl, ich werde nie einen zum gemütlichen Kuscheln vor der Glotze finden, einen, mit dem ich in der Badewanne Schiffeversenken spielen und den ich wie wild abknutschen kann, wenn ich zu tief ins Glas geschaut habe. Gar nicht zu reden von einem zum Heiraten und Gründen einer Familie, einer von den widerlich Glücklichen, wie sie auf den Cornflakespackungen abgebildet sind.

Der einzige Trost in meinem traurigen Dasein ist die wachsende Zahl meiner Freundinnen. Sofern sie es schaffen, sich von ihren Kindern/Jobs/Ehemännern/Freunden/Goldfischen loszueisen, veranstalten wir am liebsten einen Frauenabend mit Tortillachips, billigem Wein und ein paar Kilo schlüpfrigem Tratsch.

Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Ein Segen. Nicht, weil ich ihnen eheliches Glück nicht gönnen würde, sondern weil sie einen regelrechten Ehekrieg geführt haben. Meine Mum ist Lehrerin und sehr vernünftig, sehr intelligent und sehr ordentlich (»Dich muss ich wirklich in einem Müllcontainer gefunden haben, mein Schatz«, sagt sie immer, wenn ich sie irgendwie enttäuscht habe). Sie ist ein reizender Mensch, wirklich, solange man sich nicht allzu lange mit ihr unter demselben Dach aufhalten muss.

Mein Dad dagegen ist Vertreter. Wenn Sie Ihre Altersversorgung aufstocken, mündelsichere Wertpapiere, Staatsanleihen, Zero-Bonds oder Aktien kaufen wollen, ist er der richtige Mann. Er ist absolut unverbesserlich, unglaublich verantwortungslos und bringt Schwung in jede Party, bis sein Freund Jack Daniels von ihm Besitz ergreift und ihn in das aggressive, herrische Gegenstück einer zwei Wochen alten Garnele verwandelt: Ein Bissen und man windet sich tagelang in Krämpfen!

Manchmal frage ich mich, warum sie überhaupt geheiratet haben. Wahrscheinlich aus einer Laune heraus, als Vollmond war und sie unter Alkoholeinfluss standen. Jahrelang haben sie sich gestritten, angebrüllt, betrogen, angeschwiegen und sind im Morgengrauen mit gepackten Koffern zum großen Showdown angetreten, haben erst diverse scharfkantige Gegenstände und schließlich das Handtuch geworfen und ihre Rechtsanwälte eingeschaltet. Meinen Brüdern und mir fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen. Und Mum und Dad erlangten ihre Selbstachtung, ihre Lebensfreude und ihren Humor wieder. Es war ein herrlicher Tag.

Eigentlich müssten meine Brüder und ich als Überlebende der Cooper’schen Kriege völlig vernarbte Seelen haben, aber wie durch ein Wunder scheinen wir alles unbeschadet überstanden zu haben. Callum ist dreißig und, wie meine beste Freundin Kate es ausdrückt, »geiler, als Eiscreme von den Brustwarzen geschleckt zu bekommen«. Er ist knapp eins achtundachtzig groß, hat eine perfekte Figur, einen Waschbrettbauch und ein Gesicht, das sich toll macht auf Reklametafeln. Cal ist der Aftershave-Mann, der Sportwagen-Mann, der Designerunterwäsche-Mann. Ihn würden die meisten Frauen zu dem Mann wählen, den sie am liebsten auf die Suche nach ihrem G-Punkt schicken würden. Und dem sie es nicht einmal übel nähmen, wenn er ihn nicht fände. Er ist mit einem Wort perfekt, und ich liebe ihn mehr, als ein Typ mit kleinem Schniedel seinen PS-starken Luxusschlitten liebt.

Michael hingegen ist derjenige, der einen garantiert aufmuntert, wenn man einen schlechten Tag hat, weil er von einer Krise in die nächste stolpert. Selbst wenn Sie am selben Tag Ihren Job verlieren, Ihren Wellensittich beerdigen und vergessen, Emergency Room – Die Notaufnahme auf Video aufzunehmen, können Sie sicher sein, dass sein Tag noch viel schlimmer war. Michael ist ein Computergenie. Er verbringt seine Zeit mit virtuellen Psychopathen und tüftelt endlos an der grafischen Gestaltung von Computerspielen herum, damit die Teenies etwas haben, was sie fixieren können, wenn sie mit ihrer Playstation die Welt retten.

Während die Frauen bei Cal buchstäblich in Ohnmacht fallen, ist es bei Michael eher umgekehrt: Er schmilzt beim Anblick eines weiblichen Wesens förmlich dahin. Er könnte ein Buch über unerwiderte Liebe schreiben. Aber da ihm das Herz überströmt, weigert er sich, die Hoffnung aufzugeben. Jede Woche entdeckt er eine andere Göttin, die »absolut, definitiv, hundertprozentig in jeder Beziehung die Richtige« ist, und jede Woche blitzt er aufs Neue ab und findet sich auf der Startposition wieder. Er hat inzwischen mehr Körbe bekommen, als ein einzelner Händler je verkaufen könnte. Warum sehen die Mädels nicht, was für ein lustiger, interessanter, liebevoller, großzügiger Mensch er ist? Er spendet zehn Prozent seines Gehalts für die Rettung der Wale, Himmel noch mal! Was wollen diese Frauen eigentlich noch? Seine Niere?

Die Mädels sehen in Michael nichts weiter als einen großen, beinah gut aussehenden Burschen mit einem ausgefallenen Geschmack in Sachen Mode, dem das Wort »Trottel« auf der Stirn geschrieben steht. Sie saugen ihm das Mark aus den Knochen und haben nicht einmal den Anstand, ihn zu warnen, dass er so schnell wieder ausgespuckt werden wird, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Na ja, wenigstens läuft bei mir auch alles schief. Das tröstet ihn bestimmt. Das und die Tatsache, dass ich ihn anbete, ganz gleich, was der Rest der weiblichen Bevölkerung denken mag. Ich sage ihm immer wieder, seine Göttin wartet bestimmt irgendwo dort draußen auf ihn, er sucht sie nur in den falschen Tempeln.

Ich rede jeden Tag mit Cal, Michael und Kate. Manchmal nur zwei Minuten, ein andermal zwei Stunden, je nachdem, was Aufregendes oder Schlimmes passiert ist. Meine Telefonrechnung ist zwar astronomisch hoch, aber immer noch billiger als eine Therapie.

Seit ich mich offiziell in einer Midlifecrisis befinde, drehen sich unsere Gespräche neuerdings ziemlich oft um die Frage: »Was ist eigentlich aus mir und meinem Leben geworden?« Normalerweise muss sich mein Gesprächspartner mein neurotisches Geschwafel über Männer anhören und die Aufzählung der Vor- und Nachteile, falls ich die Männer endgültig aus meinem Leben streichen und als Einsiedlerin in eine Hütte an den Strand von Mauritius ziehen würde.

Ich verstehe einfach nicht, warum wir als Kinder nicht genügend auf die Wirklichkeit vorbereitet wurden. Stattdessen wurden wir mit Werbebotschaften bombardiert, die uns zeigten, wie ein Mädchen einen tollen Jungen kennen lernt und mit ihm dem Sonnenuntergang entgegenfährt (natürlich erst, nachdem sie sich vorsorglich mit Sonnenschutzcreme Lichtschutzfaktor fünfzehn eingeschmiert haben). Keiner sagt einem, dass Männer wie Unterhosen sind: Nach einer Weile werden sie grau und unansehnlich, sie leiern aus und lassen einen im Stich, wenn man es am wenigsten erwartet, oder sie nerven einen ganz gewaltig. Oder, schlimmer noch, man findet eine absolut perfekte, in die man ganz vernarrt ist, und plötzlich stellt man fest, dass man aus der Form geht und sie nicht mehr passt.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich gehöre nicht zu den Männer hassenden, total verbitterten Frauen. Im Gegenteil, ich mag Männer. Ich glaube – Achtung, Pauschalisierung! –, die meisten sind im Grunde ganz anständige Menschen. Das trifft jedenfalls auf die zu, die ich kennen gelernt habe. Sie sind süß, lustig, gescheit und warmherzig gewesen. Die Reihe schmeichelhafter Adjektive ließe sich fortsetzen, aber ich denke, Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Ehrlich, alle meine Freunde sind, jeder auf seine Art, tolle Männer gewesen. Deshalb hatte ich auch so viele Begegnungen der »Knapp-am-Traualtar-vorbeigeschrammt«-Art. Ich habe jahrelang Verlobungsringe gesammelt wie andere Leute Briefmarken. Im Ernst! Ich war vier Mal verlobt und zwei weitere Male hätte nicht viel gefehlt. Elizabeth Taylor hat schon vor Angst gezittert, ich könnte ihr beim Verlobungsdiamantensammeln den Rang ablaufen.

Das mag sich anhören, als ob ich ein etwas unsteter, herzloser, unschlüssiger Typ wäre, dessen Verhalten an zwanghafte Flatterhaftigkeit grenzt. Nichts von alledem trifft zu. Der wahre Grund ist vielmehr mein Optimismus! Ganz egal, wie fantastisch, zärtlich, treu der Junge war, ganz egal, ob er mich zum Lachen brachte und gleichzeitig dafür sorgte, dass mein Höschen Feuer fing: Irgendeine Katastrophe trat immer ein. Aber anstatt durchzuhalten und zu versuchen die Dinge ins Lot zu bringen, ließ ich ihn fallen wie eine heiße Kartoffel und stürzte mich kopfüber ins nächste Fiasko. Ich war jedes Mal fest überzeugt, dass die nächste Beziehung garantiert die perfekte sein würde – sprich eine, die einem weder Arbeit noch Kompromisse oder Opfer abverlangt. Verdammter Optimismus!

Aber ich habe mich geändert. Ich habe mich gezwungen, endlich erwachsen zu werden (allein zu leben), mich irgendwo niederzulassen und ein geregeltes Leben zu führen (Richmond und Toilettenpapier), und mir geschworen, erst dann eine neue Beziehung einzugehen, wenn ich sicher bin, dass sie eine überdurchschnittliche Chance hat zu halten (ein Jahr lang jeden Abend Single-Mahlzeiten von Marks & Spencers).

Und so bin ich in meine Midlifecrisis geschlittert. Während ich mich nächtelang bemüht habe zu analysieren, wieso alles schief gelaufen ist, habe ich viel über meine Beziehungen nachgedacht und versucht herauszufinden, warum sie nicht funktioniert haben. Und mir ist klar geworden, dass sie durchaus hätten funktionieren können, wenn ich nicht so verdammt optimistisch gewesen wäre.

Mir fällt gerade auf, dass ich das ganze Croissant gefuttert habe und mich nicht einmal daran erinnern kann. Und ich habe den Anfang von Dharma & Greg verpasst.

Aber ich glaube, ich bin da auf etwas gestoßen. Was, wenn nun einer meiner Exfreunde (hey, ich könnte mit ihnen eine komplette Hallenfußballmannschaft inklusive Ersatzspieler gründen – wie wär’s mit »Coopers Pannenteam«?) der Idealmann war und ich nur zu blöd, es zu erkennen? Was, wenn ich es so eilig gehabt habe, den nächsten Falschen kennen zu lernen, dass ich dafür über den Richtigen getrampelt bin? Vielleicht habe ich meine Chance ganz einfach verpasst. Ich werde es nie erfahren. Ich müsste im Lotto gewinnen, wenn ich alle meine Ehemaligen aufsuchen wollte. Sie leben auf der ganzen Welt verstreut, wissen Sie. O ja, ich habe mehr für die Annäherung der Staaten getan als die Vereinten Nationen. Ich war eine reisefreudige Botschafterin. Oder eine partyfreudige, je nach Standpunkt. Trotzdem, die Idee gefällt mir. Wo würde ich anfangen? Ich denke, ich würde in chronologischer Reihenfolge vorgehen. Und bei Nick beginnen, meiner ersten Liebe. Damals, vor vierzehn Jahren, hatte das Wort »Jungfrau« noch mehrere Bedeutungen für mich. Heute denke ich nur an das Sternzeichen.

Kapitel 2

Soll ich etwa für immer Jungfrau bleiben?

Der Urlaub war gebucht und sollte eine Woche nach meinem siebzehnten Geburtstag beginnen, gleich nach meinem letzten Schultag an der St.-Mary-the-Blessed-Virgin-Highschool in Glasgow, dem Symbol der Unterdrückung und der Schikanen.

In Wirklichkeit war Schule gar nicht so übel. Wo sonst kann man den ganzen Tag mit seinen Freundinnen zusammen sein, sich in der Mittagspause einen Glimmstängel von den Jungs schnorren und mehr Dramas miterleben als in einer einzigen Folge von Gute Zeiten, schlechte Zeiten? Das einzig Unangenehme waren die Strafen, die mir regelmäßig für mein vorlautes Mundwerk, meine Unaufmerksamkeit oder allgemeines Stören aufgebrummt wurden. Aber das waren alles harmlose Späße gewesen.

Französisch war mein liebstes Fach. Dort trieb ich es mit meinem »zersetzenden« Verhalten so weit, dass unser Lehrer, der geistig unterbelichtete Mr. Distell, mich ein ganzes Jahr hinter einen Aktenschrank setzte. Das war eine fantastische Gelegenheit, versäumten Schlaf nachzuholen.

Und was das Arbeiten betraf, so will ich nicht eingebildet klingen, aber ich habe eindeutig ein Gedächtnis wie ein Elefant. Sogar wenn ich in Biologie ganz hingerissen John Potts Schenkel anstarrte, konnte ich mich hinterher an alles erinnern, was unser Lehrer gesagt hatte. Prüfungen stellten deshalb kein Problem für mich dar. Ich würgte mein Wissen hervor wie einen verdorbenen Kebab. Ich war eine Einser-Schülerin und leistete null Arbeit. Das Leben war einfach wunderbar.

Wahrscheinlich habe ich mich deshalb zu diesem Urlaub überreden lassen: damit sich dieses letzte Jahr mit meinen Freundinnen so lange wie möglich hinzöge, denn danach würden wir uns in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Sarah Moore, meine Freundin, seit wir im Leib unserer Mütter gemeinsam an der Schwangerschaftsgymnastik teilgenommen hatten, würde Mathematik an der Edinburgh University studieren. Was für ein rationales Fach für eine so irrationale Person! Carol Sweeney, Glasgows Antwort auf Kate Moss, wollte in London eine Karriere als Model starten. Jess Latham hatte sich für das Studium politischer Wissenschaften an der Aberdeen University eingeschrieben. Politische Wissenschaften! Sie sagte, sie habe sich deswegen dafür entschieden, weil es in keinem anderen Studiengang so viele Männer und Dinnerpartys gäbe. Und Kate Wilkes, die jahrelang an unseren Frisuren herumgepfuscht hatte, hatte eine Lehrstelle in einem schicken Glasgower Friseursalon bekommen.

Ich? Ich wusste noch nicht, was ich machen sollte. Ich hatte zwar an der Glasgow University einen Studienplatz in englischer Literatur, aber wollte ich mich wirklich vier Jahre in Keats, D. H. Lawrence und Shakespeare vertiefen? Lieber würde ich mir alle Zähne ziehen lassen. Nein, ich wollte mir die Welt ansehen, interessante Leute kennen lernen und reiche Männer, die mich mit Diamanten überhäuften. Meine Güte, was war ich doch für ein oberflächliches Geschöpf!

Wir buchten zwei Wochen in Benidorm, mitten an der Costa Del Rowdys. St. Lucia war es nicht gerade, aber schließlich mussten unsere Eltern dafür bezahlen. Besser gesagt, die Eltern der anderen. Ich hatte nämlich jeden verdammten Penny für diesen Urlaub gespart. Achtzehn Monate lang hatte ich jeden Samstag in einem von Glasgows exklusiveren Kaufhäusern gekellnert, die Tische abgeräumt und Frauen mit lauten Stimmen, Pelzmänteln und hühnereigroßen Diamanten an den Fingern Kaffee serviert. Ich hasste diesen Job. Schlimm genug, dass ich samstags, wenn alle anderen frei hatten, arbeiten musste, aber dass ich auch noch in einen braunen, A-linienförmigen Overall gesteckt wurde, setzte dem Ganzen die Krone auf. Es war so demütigend! Ich sah aus wie eine Brühwurst kurz vorm Aufplatzen. Nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte. Mich bemerkte offensichtlich sowieso keiner, wenn ich von Tisch zu Tisch ging und das schmutzige Geschirr abräumte. Das ist das Problem mit diesen SMARTIES (Sahnetorten Mampfende Aufgetakelte Reiche Tussies): Sie nehmen niemanden wahr, der nicht mindestens hunderttausend Pfund im Jahr verdient. Sie plauderten einfach weiter, als ob ich Luft wäre.

»Hast du mal einen Blick auf ihren Busen geworfen? Ihre Brüste sehen aus, als ob sie von Wassermelonen gekidnappt worden wären.«

»Ich sage also zu Jeremy, Monte Carlo ist total passé, dieses Jahr kommt nur St. Barts infrage.«

»Natürlich tu ich nur so als ob, meine Liebe, sonst würde er nie aufhören, und ich brauche doch meinen Schönheitsschlaf.«

So plapperten sie in einem fort, ohne Punkt und Komma. Ich bekam nicht einmal ein höfliches »Danke« zu hören. Obwohl ich diese Frauen hasste, schwor ich mir perverserweise, dass ich eines Tages wie sie sein würde: mit Schmuck behängt wie ein Weihnachtsbaum und in der Lage, fünf Pfund für ein klebriges Rosinenbrötchen auszugeben. Ich beobachtete sie, schaute zu, wie sie ihre Zigaretten hielten, ihre Haare schüttelten, in übertriebenem Flüsterton redeten und das ruhige Selbstvertrauen ausstrahlten, über jeden Tadel erhaben zu sein. Es gibt nur eins, was so viel Selbstbewusstsein schenkt, sagte ich mir: Geld. Ich nahm mir fest vor, auch eines Tages Designerunterwäsche unter meinem Diorkostüm zu tragen, dazusitzen und zu jammern, dass mein reicher Ehemann keine Erektion bekam. Oberflächlich? Ich habe schon tiefere Aschenbecher geleert!

Die Maschine nach Benidorm startete um 22 Uhr 15. Unsere Eltern bestanden darauf, uns bis auf die Knochen zu blamieren und uns zum Flughafen zu bringen. Ich kam nur mit meiner Mum, weil mein Dad wieder einmal in ein angeregtes Zwiegespräch mit seinem Kumpel Jack Daniels vertieft war.

Meine Mum war völlig aufgelöst. »Hast du dir auch die Nummer der britischen Botschaft notiert, falls du in Schwierigkeiten kommen solltest? Und denk dran, sprich keine Ausländer an, sie könnten dich missverstehen.«

Das bezweifle ich, Mum, aber danke für den Hinweis.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir uns von der ganzen Mischpoke losgeeist hatten. Wir schafften es schließlich, indem wir behaupteten, es sei besser, gleich in die Abflughalle zu gehen, damit wir nicht von der Horde Touristen niedergetrampelt würden, die in letzter Minute die Sicherheitskontrollen passierten. Schon stürmten wir in den Dutyfreeshop, wie sich die alten Ladys im Sainsburys auf die Einkaufswagen stürzen. Wir haben bestimmt ausgesehen, als wären wir einem ABBA-Konzert entsprungen. Kein Rock war länger als dreißig Zentimeter, kein Absatz kürzer als zehn. Mit dem Wasserstoffsuperoxid, das wir in den Haaren hatten, hätte man etliche Bettlaken bleichen können, und der blaue Lidschatten hätte für eine ganze Truppe Transvestiten gereicht. Wir waren euphorisch. Zwei Wochen Freiheit und Spaß ohne einen einzigen Erziehungsberechtigten weit und breit! Super!

Wir marschierten auf die Alkohol- und Tabakwarenabteilung zu. Mit fünf Flaschen Wodka, tausendsechshundert Benson & Hedges und fünf Stangen Toblerone bepackt, setzten wir uns in die Bar und warteten, bis unser Flug aufgerufen wurde.

»Alle mal herhören«, bellte Jess in ihrer besten Margaret-Thatcher-Imitation. »Wenn wir die nächsten beiden Wochen überstehen wollen, ohne verhaftet zu werden oder uns gegenseitig umzubringen, werden wir ein paar grundsätzliche Regeln aufstellen müssen.«

Unsere Antwort war ein Entsetzensschrei.

»Heilige Scheiße, Jess«, sagte Sarah, »komm uns jetzt, wo wir unsere alten Herrschaften glücklich losgeworden sind, bloß nicht mit der mütterlichen Tour. Trink lieber noch einen Wodka, das beruhigt.«

»Aber wir brauchen ein paar Regeln«, beharrte Jess, »sonst verderben wir uns womöglich den ganzen Urlaub.«

»Wovon redest du eigentlich?«, wollte Kate wissen.

»Na ja, ich denke, wir sollten zum Beispiel ausmachen, dass wir keine Männer mit aufs Zimmer nehmen.«

Es wurde totenstill. Bloß das leise Klicken der Eiswürfel war zu hören, weil jede von uns plötzlich einen kräftigen Schluck Wodka nötig hatte. Es war keineswegs so, dass wir die Männer wie unsere Unterwäsche gewechselt hätten. Im Gegenteil: Unsere Jungfernhäutchen erfreuten sich noch völliger Unversehrtheit, was ziemlich unglaublich bei fünf Siebzehnjährigen war. Aber Engel im Land der Penisse waren wir natürlich auch nicht. Und dieser Urlaub diente nur einem einzigen Zweck: Wir wollten ein bisschen Spaß haben, uns ungehindert von elterlicher Vernunft amüsieren.

Carol fasste sich als Erste wieder. »Jess hat Recht. Wir sollten ein paar grundsätzliche Regeln festlegen.« Ich wäre fast vom Hocker gefallen. In all den Jahren, seit ich sie kannte, hatte Carol nie den Eindruck erweckt, auch nur eine einzige vernunftgesteuerte Gehirnzelle zu besitzen, geschweige denn eine große graue Masse davon.

»Ich schlage deshalb Folgendes vor«, fuhr sie fort. »Regel Nummer eins, es wird jeden Abend mit einem anderen Typen geknutscht. Regel Nummer zwei, heimgegangen wird erst, wenn wir nicht mehr laufen können, weil wir in unserem eigenen Saft zu ertrinken drohen. Regel Nummer drei, kein richtiger Sex, nur Blowjobs. Na, wie hört sich das an?«

Ich glaube, die Dame am Tisch nebenan hatte genug gehört: Sie verschluckte sich nämlich an ihrem Tee und begann zu husten.

Meine Freundinnen und ich waren in johlendes Gelächter ausgebrochen.

»Ich hätte noch eine Ergänzung«, japste Kate, als sie sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte. »Keine Verschwendung von Energie für Kochen, Aufräumen oder Geschirrspülen.«

Wir platzten aufs Neue los. Eine dezente Röte überzog Jess’ Gesicht.

Jetzt war ich an der Reihe. »Und für den Fall, dass euch ein Latinlover aufs Kreuz legt, vergesst die extrastarken Kondome nicht, Kinder.«

Wir brüllten vor Lachen.

Die Dame am Nebentisch benötigte erste Hilfe.

»Schon gut, schon gut«, brummte Jess. »Aber keine Männer im Zimmer, okay?«

Wir nickten wie wild, während uns die Tränen übers Gesicht liefen.

»Was immer du sagst, Jess, wir werden unser Möglichstes tun«, beruhigte ich sie. Und ich meinte es auch so. Irgendwie.

Es war mitten in der Nacht, als wir in unserer Ferienwohnung ankamen. Außerdem waren wir todmüde und vom Wodka benebelt, und deshalb fiel uns nicht auf, was für ein Loch wir da gemietet hatten. Für sechs Personen, hatte im Prospekt gestanden. Wer das geschrieben hatte, ging offensichtlich davon aus, dass die sechs sich sehr gut kennen und darum übereinander schlafen konnten.

Im Hauptzimmer standen ein altes Sofa und zwei Campingliegen. Drei weitere Campingliegen befanden sich hinter einem Vorhang in einem Kabuff, das in einem früheren Leben einmal ein Schrank gewesen sein musste. Die Küche war mit einer einflammigen Kochplatte, einem Minikühlschrank, einer kaputten Spüle und einer Ameisenkolonie ausgestattet. Und was das Bad betraf, so hoffte ich sehnlichst, dass es am Swimmingpool eine Dusche und irgendwo in der Nähe öffentliche Toiletten gab.

Aber das störte uns alles nicht. Wir fielen in unseren Kleidern auf die Liegen und waren innerhalb von dreißig Sekunden eingeschlafen.

Am anderen Morgen wachten wir vom Donnern der Züge auf, die über unsere Köpfe ratterten. Dann merkten wir, dass der Krach nicht von irgendwelchen Zügen kam, sondern von dem Kater, der systematisch unsere Hirnzellen zermatschte. Himmel, tat das weh. Mein Mund fühlte sich an wie eine von Ghandis Zehensandalen. Jess, vernünftig wie eh und je, kam uns mit Aspirin zu Hilfe. Wir entschieden, ein Tag am Strand sei das beste Schmerzmittel. Damit die Ameisen nicht auf die Idee kamen, sich in unseren behaarteren Zonen einzunisten, suchten wir fluchtartig das Weite. Wir sahen aus, als hätten wir die Nacht in einem Pappkarton verbracht.

Wir schleppten uns an den Strand und nahmen das erste freie Plätzchen in Beschlag. Wir waren glänzender Dinge. »Wer vermisst da schon Glasgow?«, murmelte Kate, während sie so viel Öl aus der Flasche schüttelte, dass man einen Ferrari damit hätte schmieren können.

Wir dösten den ganzen Tag benommen vor uns hin und wurden nur dann hellwach, wenn ein Prachtexemplar von Mann in Sichtweite kam und eine von uns rief: »Schwanzalarm, Schwanzalarm!«

Es ging alles ganz zivilisiert zu, wie in einer Folge von Eine himmlische Familie. Jedenfalls bis zum Abend …

Kate und ich nahmen unsere Drinks mit hinaus auf den Balkon – in Glasgow würde man so was einen Fenstersims nennen –, während die anderen sich zurechtmachten. Sie sollten schon mal vorgehen, sagten wir, als sie fertig waren. »Wir treffen uns dann im Scotsman«, schrie Kate ihnen aus dem Fenster hinterher. Das Scotsman war eine Kneipe, an der wir auf dem Weg zum Strand vorbeigekommen waren.

Warum machen Touristen so was? Warum fährt man in Urlaub, um sich in irgendeiner Kneipe mit den gleichen Leuten zu umgeben, die man zu Hause nicht mehr sehen konnte, um das Gleiche zu essen, was man zu Hause jeden Abend gegessen hat, und sich zu beklagen, dass die Tomatensauce nicht von Heinz ist? Wir Briten sind doch ein seltsames Völkchen.

Es dauerte ewig, bis Kate und ich endlich fertig waren. Wir hatten uns zwölf Mal umgezogen und zwei Mal neues Make-up aufgetragen und mehr Frisuren ausprobiert als Madonna. Außerdem hatten wir eine halbe Flasche Wodka und gut vier Liter Orangensaft getrunken. Eigentlich spielte es keine Rolle, wie wir aussahen, wir sahen sowieso alles doppelt.

Auf dem Weg zum Scotsman machten wir in jeder Kneipe Halt und nahmen eine kleine Erfrischung zu uns. Als wir endlich in die Bar schwankten, war es kurz vor Mitternacht. Carol und Sarah plauderten angeregt mit zwei Jungs, die zusammen mit vier Freunden aus Edinburgh kamen.

»Wo issn Jess?«, nuschelte ich.

»Die muss hier irgendwo sein«, antwortete Carol mit einer Handbewegung zu der umlagerten Bartheke hin. »Vielleicht ist sie aufs Klo gegangen.«

Innerhalb kürzester Zeit waren Kate und ich in den allgemeinen Trubel und die ohrenbetäubende Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, eingetaucht. Ich fand mich zum »Dirty Dancing« in den Armen eines Holländers namens Henk mit scharf geschnittenen Zügen wieder. Es dauerte nicht lange und wir zogen uns in eine dunkle Ecke zur gegenseitigen Rachenraumerforschung zurück. Seine Hände starteten eine Großoffensive nach der anderen in Richtung meiner Brüste, und irgendwann hatte ich es satt, ständig seine Pfoten von meinen Titten zu schieben und auf meinen Hintern zu legen. Also griff ich zu der berüchtigten Toilettenausrede und taumelte auf der Suche nach meinen Freundinnen davon.

Kate musste chirurgisch von einem dauergebräunten Franzosen entfernt werden. Carol grölte Hey Big Spender von einem Barhocker herunter und Sarah entdeckte ich auf der Damentoilette unter einem Waschbecken. Aber wo war Jess? Einen Augenblick erfasste mich Panik, dann wurde ich völlig hysterisch, was den Vorteil hatte, dass ich schlagartig wieder nüchtern war. Wir suchten alles ab. Wir durchwühlten sogar die Mülltonnen, aber von Jess keine Spur.

In unserer Verzweiflung nahmen wir jeden Mann in Sichtweite genau unter die Lupe, ob irgendetwas an ihm darauf hindeuten könnte, dass er ein psychopathischer Kidnapper und Killer war. Auf dem Weg zurück zu unserer Ferienwohnung schauten wir in jeden Hauseingang und jede schmutzige Gasse. Mir ging das Bild meiner Mutter nicht aus dem Kopf. Sie machte ihr »Ich-hab’s-doch-gleich-gesagt«-Gesicht und meinte: »Hab ich dir nicht gesagt, dass du dir die Nummer der britischen Botschaft notieren sollst?«

»Scheiße«, sagte ich zu niemand Besonderem, als wir die Treppe zu unserer Wohnung hinaufhetzten. »Ich glaub das einfach nicht.«

Ich kramte im Gehen nach dem Schlüssel. Was war denn das für ein Krach? Ich blieb wie angewurzelt stehen. Der Refrain von Play that Funky Music, White Boy schallte mir entgegen, und zwar aus unserem Apartment.

Mit zitternden Fingern schloss ich die Tür auf. Der Anblick, der sich uns bot, war zum Schießen komisch. Drei Männer mit Sombreros sangen lauthals, ein weiterer spielte auf einer alten Gitarre und ein anderer, der sich seine Socken in die Ohren gestopft hatte und auf dessen Bauch sich eine Pyramide aus Bierdosen türmte, schlief tief und fest. Und mittendrin Jess, die uns, eine Bierdose schwingend, zurief: »Hallo, Kinder, da seid ihr ja! Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Kommt rein, damit ich euch mit den Jungs bekannt machen kann.«

Mir war der Kiefer heruntergeklappt und ich stand da wie vom Blitz getroffen, unfähig, die siebenundvierzig verschiedenen Empfindungen, die durch meine Gehirnwindungen rasten, in Worte zu fassen. Carol trat neben mich.

»Heilige Scheiße, Jess, was ist denn hier los?« Kurz und schmerzlos, aber besser als das, was ich zustande brachte.

Vier Männer musterten uns erwartungsvoll. Nur der schlafende Bierdosenhalter muckste sich nicht.

»Ich hab sie draußen vor dem Scotsman getroffen«, sprudelte sie hervor. Immerhin hatte sie so viel Anstand, eine leicht zerknirschte Miene aufzusetzen.

»Sie sind aus Barnsley. Sie sind vom Campingplatz geflogen und jetzt wissen sie nicht, wo sie hin sollen. Sie haben mir Leid getan, deshalb hab ich sie mit hierher genommen. Ich hab ihnen gesagt, sie könnten hier bleiben. Das geht doch in Ordnung, oder?« Sie schaute uns flehentlich an.

Ich rang noch immer nach Fassung. Kate stieß einen hörbaren Seufzer aus.

»Sorry, Jess, aber es gibt gewisse Regeln«, sagte sie energisch. »Keine Männer im Apartment.«

Auf Jess’ Gesicht zeichnete sich nacktes Entsetzen ab. Sie öffnete schon den Mund, um in Petrocelli-Manier mildernde Umstände geltend zu machen, als sie bemerkte, dass Kates Mundwinkel verdächtig zuckten. Carols Schultern bebten, und in der nächsten Sekunde wälzten wir uns vor Lachen am Boden. Sogar der Sockenmann schreckte aus dem Schlaf hoch.

Wir machten die ganze Nacht durch. Nachdem wir unser Repertoire an Beatles-Songs erschöpft hatten, nahmen wir uns Elvis und Frank Sinatra vor. Um sechs Uhr morgens, nach einer mitreißenden Version von New York, New York, schlief jeder dort ein, wo er sich gerade befand. Wir hatten es aufgegeben, jedem eine Schlafstelle zuteilen zu wollen (was sich auch schwierig gestaltet hätte bei zehn Leuten in einer Wohnung für zwei), und entschieden, jeder solle dort schlafen, wo er einen Platz fand.

Wir gingen in unserem angeheiterten Zustand davon aus, dass die Jungs aus Barnsley harmlos und unterhaltsam waren. Dave, der Gitarrenspieler, war eins siebzig groß und ein Scherzkeks mit einem süßen Lächeln. Paul und Barry waren Brüder und sprachen immer gleichzeitig – ein Hirn mit einem Extrasatz Arme und Beine. Mark war der Frauenschwarm: groß, dunkelhaarig und unverschämt gut aussehend, mit einem Körper, der ein, zwei Hanteln gesehen haben musste. Und der Sockenmann, der die Augen in dieser Nacht kein zweites Mal aufmachte, hieß bei uns nur noch – na, Sockenmann eben.

Die ersten drei Tage verliefen praktisch so wie der erste, nur mit mehr Teilnehmern. Die Jungs benahmen sich uns gegenüber wie Brüder: Am Strand holten sie uns etwas zu trinken und wehrten unerwünschte Verehrer ab, indem sie je nach Bedarf vorgaben, Bruder, Freund oder Ehemann zu sein. Das Ganze war rein platonisch, abgesehen von dem bisschen Inzest, das Carol, die unbedingt Marks Bauchmuskeln näher kennen lernen wollte, beging.

Am vierten Tag wurde alles anders.

Es begann ganz harmlos. Wir faulenzten den ganzen Tag am Strand, wo wir jede Menge Ambre Solaire verbrauchten und dieses merkwürdige Beachvolleyball spielten. Gegen sechs kehrten wir in unsere Wohnung zurück, um uns umzuziehen und uns einmal mehr in Benidorms Nachtleben zu stürzen. Wir hatten ein gut funktionierendes Rotationssystem für die Badbenutzung ausgetüftelt. Die Jungs gingen zuerst hinein, und während sie duschten, veranstalteten wir eine Art Happyhour auf dem Balkon. Sowie sie fertig waren, räumten sie das Feld und machten sich auf den Weg in die Kneipe, und wir kamen später nach. Bis auf die Wasserschlachten und das allgemeine Chaos ging es ziemlich zivilisiert zu.

An jenem Abend hatte ich mich ungewöhnlich schnell geduscht, umgezogen und geschminkt, weil ich zu dem Schluss gekommen war, dass es erstens zu heiß war, um lange herumzutrödeln, und dass es zweitens keine Rolle spielte, ob man aussah wie der Hintern einer Kuh und die passende Figur dazu hatte, weil die Männer in dieser Stadt allem hinterherliefen, was einen Rock trug.

Als wir das Scotsman betraten, standen die Jungs auf einem Tisch und sangen High Ho Silver Lining. Wir nutzten die Gelegenheit, ihnen ihre Plätze wegzuschnappen. Keine gute Idee, wie sich herausstellte: Sie setzten sich uns auf den Schoß und blieben sitzen, bis wir einen Krampf bekamen und sie feierlich auf den Boden plumpsen ließen.

Gegen elf, als ich schon reichlich unsicher auf meinen Stilettoabsätzen umherstöckelte, kam ein großer Blonder herein, gefolgt von einem dunkelhaarigen Typ. Der Blonde rief Sarah ein »Hallo« zu. Er hieß Graham, fiel mir ein, Sarah hatte am Abend vorher mit ihm rumgemacht. Er schob sich durch die Menge an unseren Tisch, während sein Freund sich einen Weg an die Bar bahnte, wo er warten musste, bis er bedient wurde. Ich konnte über die Köpfe der anderen Gäste hinweg nicht viel von ihm sehen.

Graham machte es sich auf Sarahs Schoß bequem. Im gleichen Moment drehte sich sein Kumpel um und kam auf uns zu. Mein Herzschlag setzte aus. Sauerstoff, schnell! Ich schaute mich schon nach einer Papiertüte um, in die ich hyperventilieren könnte. Unsere Blicke trafen sich. Ich war hin und weg. Wären wir in den 1990er-Jahren gewesen, hätte ich geschworen, er würde farbige Kontaktlinsen tragen, so blau waren seine Augen. Und seine Wimpern hätten jede Frau vor Neid erblassen lassen.

Er war ungefähr einundzwanzig, hatte pechschwarzes Haar, einen dunklen Teint und die Mundpartie eines amerikanischen TV-Lieblings. Er war einfach umwerfend. Während er die, wie mir schien, endlose Strecke zu unserem Tisch zurücklegte, sah er mich unverwandt an. Ohne den Blick abzuwenden, stellte er die Drinks ab. Dann lächelte er, und ich hätte am liebsten an seine Zähne getippt, um mich zu vergewissern, dass sie echt waren. Himmel, das war Liebe auf den ersten Blick! Mein Herz hämmerte so laut, dass ich dachte, es müsste das blöde Shudupa Ya Face, das aus den Lautsprechern dröhnte, übertönen. Er starrte mich noch einen kleinen Moment an und sagte dann langsam, mit weichem schottischen Akzent: »Gehen wir?«

Mein Hirn, auf der verzweifelten Suche nach einer witzigen Antwort, die eine Lachsalve auslösen würde, brüllte auf. Vergeblich. Mein Verstand war wie leer gefegt.

»Ja«, sagte ich. Ja? Das war alles? Mehr fiel einer gebildeten, schlagfertigen jungen Frau nicht ein? Er muss sich gedacht haben, ich hätte die Sprachgewandtheit eines Zugluftstoppers.

Er streckte die Hand aus und ich ergriff sie, den Blick auf sein Gesicht geheftet. Ich folgte ihm nach draußen, wo er sich nach rechts wandte. Wir gingen ungefähr hundert Meter schweigend nebeneinander her. Plötzlich blieb er stehen, nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Ich fühlte, wie meine Knie weich wurden. Meine Güte, was war das? Hatte sich eine außerirdische Macht in mir eingenistet, oder war das der Anfang einer Geisteskrankheit? Ich brachte kein Wort hervor, konnte kaum laufen und hatte keinerlei Kontrolle mehr über meine Körperfunktionen. Ich hatte mich in eine stumme Achtzigjährige verwandelt.

Wir gingen weiter, bogen erst links, dann rechts ab. Schließlich kamen wir zu einem der großen Strandhotels. Wir fuhren mit dem Lift zum sechsten Stock hinauf. Als wir im Zimmer waren, drehte er sich zu mir um. Wieder küsste er mich, aber dieses Mal hörte er nicht mehr auf.

Er knöpfte mein Oberteil auf und ließ es zu Boden gleiten. Mein Rock folgte.

Irgendwie schaffte ich es, ihm Hemd und Hose auszuziehen. Eng umschlungen fielen wir aufs Bett. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte er ein Kondom in der Hand, und die Spitze seines Glieds stupste gegen meinen Venushügel.

»Heb die Hüften ein wenig an«, flüsterte er mir ins Ohr. Wie meinte er das? Wie hoch sollte ich sie denn anheben? Eine blöde Situation, schließlich konnte ich schlecht sagen: »Entschuldige, aber das ist mein erstes Mal. Könntest du mir vielleicht ein Schaubild mit dem exakten Steigungswinkel zeichnen?«

Ich hob das Becken an und er glitt langsam, behutsam in mich hinein. Mein Körper explodierte. Er bewegte sich vor und zurück, immer wieder, bis ich ihn anflehte aufzuhören, bloß nicht aufzuhören, langsamer zu machen, schneller zu machen – ich wusste nicht, was ich wollte. Dann kam er, hielt schaudernd inne und rollte sich von mir herunter.

Er berührte mein Gesicht und flüsterte: »Du bist wunderschön.«

Ich lächelte. »Danke.« Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Lächle und bedanke dich, wenn du ein Kompliment bekommst, hatte meine Mutter mir eingeschärft. Ob das auch dann galt, wenn ich von einem Fremden so richtig durchgebumst worden war? Wohl kaum. Andererseits kannte ich die Regeln dieses neuen Spiels nicht. Was genau sagt man denn (abgesehen von einem gehauchten »Ja«) zu jemandem, den man erst sehr kurze Zeit kennt und der außer »Gehen wir?« und »Heb die Hüften ein wenig an« kein Wort gesprochen hatte?

Ich forschte in meinen Hirnzellen. Das musste die Stelle sein, wo der Mann sich auf die Seite dreht und nach spätestens zehn Sekunden zu schnarchen anfängt. Warum zeichnete er dann mit dem Finger meine Brustwarze nach? Und fuhr über meinen Bauch? Und meine Schenkel? Himmel, er wollte es noch mal machen! War das normal? Er zog mich auf sich, und plötzlich, ohne nachzudenken, begann ich mich zu bewegen und benutzte Muskeln, von denen ich nicht einmal gewusst hatte, dass ich sie besaß.

Wir liebten uns noch zweimal, einmal in der Badewanne, was dem Begriff »Wassersport« eine völlig neue Bedeutung verlieh.

Draußen wurde es schon hell, als wir endlich einschliefen, ich mit einem einfältigen Lächeln im Gesicht.

Die Sonne schien durchs Fenster und weckte mich um zehn Uhr. Zuerst wusste ich nicht, wo ich war, dann fiel es mir wieder ein.

Ich schwang die Beine aus dem Bett. Ein dumpfer Schmerz durchfuhr mich und warf mich zurück aufs Kissen. Ich hatte das Gefühl, einen Marathon gelaufen zu sein. Ich schleppte mich ins Bad und las auf dem Weg dorthin meine Sachen vom Boden auf. Ich warf einen Blick in den Spiegel. Keine gute Idee. Mein Gesicht war gerötet, meine Augen hatten eine frappierende Ähnlichkeit mit Straßenkarten und meine Haare standen nach allen Richtungen ab. So durfte er mich auf keinen Fall sehen, er würde den Schock seines Lebens kriegen.

Ich zog mich an, versuchte zu retten, was zu retten war, und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Als ich sie geöffnet hatte, hörte ich ihn schläfrig murmeln: »Seh ich dich heute Abend?«

»Warum nicht«, antwortete ich, ohne mich umzudrehen. »Ich werde im Scotsman sein.«

Ich taumelte zu unserer Ferienwohnung. Als ich vorsichtig die Tür aufschloss, hoffte ich inständig, dass die anderen noch schliefen. Drinnen schien alles ruhig. Ich wollte gerade erleichtert aufatmen, schaute auf und blickte in erwartungsvolle Gesichter. Die ganze Bande war wach und brachte mir stehende Ovationen dar. Kate reichte mir lachend einen Drink.

»Was soll das?«, stammelte ich.

»Das ist ein neuer Cocktail, den wir eigens für dich kreiert haben. Wir haben ihn ›Eroberte Vagina‹ genannt.«

Also wirklich, kann man eigentlich gar nichts mehr geheim halten?

»Wie habt ihr das denn rausbekommen?«

»Tja, weißt du«, mischte Sarah sich ein, »als Graham« – sie zeigte auf den in einer Ecke sitzenden Freund meines Liebhabers – »heut Nacht in sein Hotelzimmer wollte, hat er euch drinnen gehört. Er kam schnurstracks zu uns und hat es uns brühwarm erzählt.«

O Gott, wie peinlich! Ich wäre am liebsten im Boden versunken.

»Was ist? Du sagst ja gar nichts«, meinte Jess.

Nach einem Augenblick sagte ich betreten: »Graham, wie heißt dein Freund eigentlich?«

»Nick«, antwortete er unter dem belustigten Kreischen der anderen. »Nick Russo.«

Im Gegensatz zum Tag zuvor brauchte ich an jenem Abend Stunden, bis ich fertig war. Was ich auch anzog, ich sah entweder zu fett oder zu klein oder zu flachbrüstig aus. Wie ich mich auch frisierte, ich sah entweder wie meine Mutter oder wie meine Großmutter aus. So ist das also. Eine Nacht mit einem Mann und schon hat man sich in eine unschlüssige, neurotische Nervensäge verwandelt. Ich wartete auf ein leises Gefühl des Bedauerns, aber es stellte sich nicht ein. Ich konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.

Er war nicht da, als wir in die Kneipe kamen. Aber zum Glück war es so voll und so laut, dass meine Freundinnen ihr Verhör die Nacht zuvor betreffend abbrechen mussten.

Nicht, dass ich sie nicht hätte einweihen wollen. Aber wie sollte ich über etwas reden, das ich nicht verstand? Und das ich so schnell wie möglich wieder machen wollte?

Wie sollte ich mich verhalten? Sollte ich mich schüchtern, reserviert, freundlich, kess geben? Wo zum Teufel war die verdammte Gebrauchsanweisung? Zu guter Letzt entschied ich mich für aufgeregt und ängstlich.

Ich starrte den ganzen Abend nur auf die Tür. Endlich, so gegen zehn, kam Graham herein. Mein Herz machte einen Satz und plumpste dann in den Keller, als ich sah, dass er allein war.

»Wo ist Nick?«, fragte ich und hatte Angst vor der Antwort.

»Keine Ahnung, Carly. Ich weiß nicht, ob er heute noch kommt.«

Die anderen machten betretene Gesichter. Und die Jungs blickten sofort zu Boden. Ich glaube, das lernen sie in der Schule der Männer: »Wenn einer eurer Geschlechtsgenossen eine Frau abschießt, starrt sofort den Boden an, sonst straft euch der Gott des Testosterons.«

Ich brachte kein Wort heraus. Ich sprang auf, schnappte meine Handtasche und stürmte hinaus, bevor einer die Tränen in meinen Augen sehen konnte.

Ich rannte, meilenweit, wie mir schien. Schließlich fand ich mich am Strand wieder. Ein einziges Wort kreiste mir unablässig im Kopf herum: Dreckskerl, Dreckskerl, Dreckskerl …

So etwas war mir noch nie passiert. Mich hatte noch nie einer fallen lassen oder enttäuscht, geschweige denn zum Weinen gebracht. Ich hatte mich immer für unverwundbar gehalten.

Ich entdeckte ein umgedrehtes kleines Boot, ließ mich mit Blickrichtung Meer in den Sand fallen und lehnte mich dagegen. Warum taucht in einer Krisensituation immer das Bild meiner Mum mit erhobenem Zeigefinger vor mir auf?

»Männer wollen immer nur das Eine.«

»Sowie sie dich rumgekriegt haben, werfen sie dich weg wie eine alte Zeitung.«

Am liebsten hätte ich den Kopf gegen das Boot geschlagen, um dieses Bild loszuwerden. Lieber ohnmächtig, als den vorwurfsvollen Blick meiner Mum ertragen.

Stunden später saß ich immer noch so da, mit verheulten Froschaugen, verschmierter Wimperntusche, was mir eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Waschbären verlieh, und Haaren, die so am Kopf angeklatscht waren, dass sie wie eine Schutzmaske aussahen. Man hätte mich für einen amphibischen Terroristen halten können.

Plötzlich spürte ich jemanden neben mir. Es war Nick. Er setzte sich zu mir, legte die Arme um mich und drückte mich fest. Ich starrte ihn sprachlos an.

»Warum bist du denn weggerannt?«, flüsterte er.

»Ich dachte, ich hätte einen schrecklichen Fehler gemacht«, stotterte ich und fing wieder zu weinen an. »Ich dachte, du kämst nicht.«

»Du Dummerchen.« Er lächelte. »Ich bin eingeschlafen, als ich mich fertig machen wollte, deshalb hab ich mich verspätet, das ist alles.«

»Oh.« Meine Fähigkeit zur Konversation hatte sich einmal mehr in den Urlaub verabschiedet.

»Aber da ist etwas, worüber wir reden müssen.« Jetzt kommt’s, dachte ich. Nur ein Urlaubsflirt, wollte bloß ein bisschen Spaß haben, blablabla …

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass es für dich das erste Mal war?«

»Woher weißt du das?« O lieber Gott, mach, dass ich nicht das ganze Bett voll geblutet habe! Die Schande würde ich nicht überleben.

»Von Kate«, antwortete er. »Sie erklärte mir, warum du wie ein geölter Blitz verschwunden bist, als Graham allein ins Lokal kam.«

Es war mir egal, ob er die Wahrheit sagte. Diese Erklärung schonte meine Gefühle, das war die Hauptsache. Die Alternativen, nämlich erstens, »nach der Nacht mit dir sah mein Bett aus wie der Schauplatz des Kettensägen-Massakers von Texas«, oder zweitens, »du warst eine solche Null, dass es nur dein erstes Mal sein konnte«, wären noch viel schmerzhafter gewesen.

»Ich weiß nicht«, antwortete ich auf seine Frage. »Es schien mir irgendwie nicht der richtige Zeitpunkt zu sein.«

»Aber warum hast du es dann getan?«, beharrte er.

»Ich weiß auch nicht. Es fühlte sich irgendwie richtig an.«

Er lachte. Er lachte! Mir war zumute, als ob mein Hund gestorben wäre, und er lachte. Er küsste meine Nasenspitze und zog mich an sich.

»Ich glaube, ich mag dich, Carly Cooper. Und jetzt komm, es gibt einiges nachzuholen.«

Von da an trübte rein gar nichts mehr meine Ferien. Am anderen Morgen packten wir Grahams Sachen zusammen, brachten sie in unser Apartment und nahmen meine dafür mit. Graham und Sarah freuten sich, sie wurden sehr schnell unzertrennlich.

So wie Nick und ich. Wir wachten nebeneinander auf, lagen nebeneinander in der Sonne und saßen nebeneinander, wenn wir abends mit der Clique ausgingen. Und wir lachten. Wir lachten über die albernsten, dümmsten Dinge. Ich hatte mich Hals über Kopf, Espadrilles über Sombrero, verliebt. Und er auch. Es war unglaublich. Sein Gesicht leuchtete auf, wenn er mich sah, wir sprachen über alles Mögliche, und nachts liebten wir uns lange und leidenschaftlich. Ich hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Model für Sonnenschutzcreme: gebräunt und dauerlächelnd.

Dann kam unser letzter Abend. Mein Magen hatte sich den ganzen Tag angefühlt, als ob ein Knoten drin wäre, und meine Stimmung hatte geschwankt zwischen dem Wunsch, Nick ans Bett zu fesseln und jede Sekunde mit ihm so richtig zu genießen, und mich in eine Ecke zu setzen und zu weinen.

Wir gingen essen, ausnahmsweise allein, ohne die anderen.

»Es darf nicht vorbei sein, Cooper«, sagte er. »Das darf einfach nicht sein.« Er hielt meine Hand so fest, dass ich Angst hatte, er werde mir die Knöchel ausrenken.

»Und wie sollen wir das verhindern? Wir leben Hunderte von Meilen voneinander entfernt, wir haben keinen Führerschein und wir sind arme Studenten.«

Es gab aber noch einen anderen Grund.

Ich war total vernarrt in ihn. Das waren die besten zwei Wochen meines Lebens gewesen, ich hatte meine Unschuld an den tollsten Mann verloren, den man sich vorstellen kann, und ich konnte mir ausmalen, wie die Zukunft aussehen würde. Wenn wir unsere Beziehung zu Hause fortzusetzen versuchten, ginge sie früher oder später kaputt. Wir lebten in verschiedenen Städten, das bedeutete lange Trennungen, die mit nächtlichen Telefonaten überbrückt würden. Sogar in meinem sonnengeschädigten, alkoholvergifteten, euphorischen Zustand war mir klar, dass wir beide viel zu jung für so etwas waren. Irgendwann würden wir jemand anders kennen lernen, und das Ganze würde mit Tränen und Szenen, Vorwürfen und Bedauern enden. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte es als das in Erinnerung behalten, was es war: die beste Zeit meines Lebens.

Ich versuchte, ihm das zu erklären. Schließlich sah er es ein.

»Ich sag dir was, Cooper. Eines Tages werde ich mich auf die Suche nach dir machen. Und wenn ich dich gefunden hab, heiraten wir, und dann werden wir bis ans Ende unserer Tage im Bett bleiben und bumsen.«

Ich musste lächeln. »Versprochen?«

»Versprochen«, antwortete er. Er drückte mich fest und küsste mich zum Abschied.

Ich habe Nick Russo nie wieder gesehen.

Kapitel 3

Und wenn ich nun einen schlauen Plan hätte?

Ich schenke mir Kaffee nach und mache mich über eine Schachtel Marks-&-Spencers-Schokoladeneclairs her. Ich kriege sie allerdings nur mit Mühe in den Mund, weil der sich zu einem breiten Lächeln verzogen hat. Nick Russo. Ich habe seit Jahren nicht mehr an ihn gedacht.

Merkwürdig, wenn ich daran denke, wie ich damals war: unerschrocken, energiegeladen, jeden Tag anpackend, als wartete ein großes Abenteuer. Aber mit siebzehn ist schließlich jeder unbesiegbar, oder?

Natürlich war ich damals traurig, als ich aus den Ferien zurückkam. Ich hing zwei Wochen lang herum, hörte mir Platten von den Commodores an und weinte mich bei jedem aus, der mir freundlicherweise seine Schulter zur Verfügung stellte. Dem Himmel sei Dank für die Schulterpolster, die in den Achtzigern groß in Mode waren.

Irgendwann nervte es mich, eine Nervensäge zu sein, und ich beschloss, mich in ein neues Drama zu stürzen. In den folgenden Jahren dachte ich noch gelegentlich an Nick, aber immer seltener, weil ich eine neue Liebe fand. Und noch eine. Und noch eine.

Ich rufe Kate an. Vielleicht hat sie zwischen zwei Kunden Zeit für ein Schwätzchen. Kate lebt mit ihrer Familie (Ehemann Bruce, sechsunddreißig und Architekt, und zwei wunderbaren Kindern, Zoe, sechs, und Cameron, acht) im nahen Chiswick. Zoe und Cameron kommen ganz nach ihrer Mutter: kastanienbraunes Haar, große grüne Augen und ein ansteckendes Lächeln. Ich habe mich noch immer nicht an den Gedanken gewöhnt, dass sie Mutter zweier Kinder ist, aber sie ist es nun einmal, und sie ist es sehr gern. Ich würde sie sogar eine richtige Glucke nennen, wenn ich bei dem Wort nicht automatisch an Hühnerstall und Mist denken müsste.

Nach ihrer Friseurlehre in Glasgow ließ sie sich in die Londoner Filiale der Ladenkette versetzen. Das war vor zehn Jahren. Eigentlich kam sie wegen Carol, die in der Welt der Models ziemlich viel Staub aufwirbelte (zumindest kleinere Wölkchen) und sich Gesellschaft wünschte. Ein Jahr lang teilten sich die beiden eine Wohnung in Camden, dann lernte Kate Bruce kennen und erlag dem Charme seiner Deckengewölbe und erhöhten Winkel.

Carol ist ledig geblieben. Sie zog es vor, »systematisch die Rücklagen irgendeines der begehrtesten Junggesellen der Nation in Unternehmen wie Gucci, Prada und British Airways umzuschichten«. Ihre Worte, nicht meine. Für ihre Verdienste um die gesunde Finanzlage dieser Firmen müsste sie eigentlich zu ihrer Ehrenaktionärin ernannt werden.

Carol ist noch immer bildschön. Sie ist das Aushängeschild der Werbekampagne von Dolce: »Dolce – das Label der Neunziger für die Frau über dreißig!« Was ihr bei der Sache sauer aufstößt, ist, dass jetzt jeder weiß, dass sie über dreißig ist. Sie glaubt, das vermindere ihre Anziehungskraft auf reiche, oberflächliche Männer, die sich gern mit einer ...

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