Logo weiterlesen.de
Torschlussmami

Über die Autorin

Kasey Edwards ist Change Management Consultant und Autorin von Sinnlos über 30: Wie ich mir den Sinn des Lebens zurückholte. Sie hat sich vor Kurzem einen Mann und eine Tochter angeschafft. Ihr Pudel ist davon unbeeindruckt.

Kasey Edwards

Torschlussmami

Eine Frau auf der Suche
nach dem großen Babyglück

Aus dem australischen Englisch von
Claudia Geng

Für meinen lieben Christopher. Ohne deine grenzenlose Liebe, Heiterkeit und Unterstützung wären diese Geschichte und ihre Schilderung nicht möglich gewesen.

Babyflasche.jpg

INHALT

Über die Autorin

Prolog – Die Kinderfrage

1 Ticktack, deine Eizellen laufen ab

2 Verdammte Katholiken

3 Online-Sperma

4 Spermaparty

5 ›Nur‹ Mutter

6 Emmas Ultimatum

7 Eine große Quälerei mit wenigen Glanzlichtern

8 Der Fünf-Minuten-Tröster

9 Nichts für den Lebenslauf

10 Und wenn ich versage?

11 Der Babyschalter

12 Ein schlechtes Geschäft

13 Alles steht Kopf

14 Ja, Sie sind alt, und nein, Sie haben nicht mehr viel Zeit

15 Sag niemals nie

16 Chrysanthemen sind so hässliche Blumen

17 Nonnen sind unheimlich

18 Ein Vorgeschmack auf die Menopause

19 Der Beweis, dass Gott ein Mann ist

20 Einen Schuss setzen

21 Speziallieferung

22 Der Osterhase trägt Crocs

23 Einen verdammten Baum pflanzen

24 Essig und Parmesan

25 Ohne Fleiß kein Preis

26 Schwangerschaft ist ein sportlicher Wettkampf

27 Ein Hoch auf die Rückenmarkspritze

28 Brüste, Fläschchen und der Babyblues

29 Barfuß in der Küche

Epilog

Lektüreempfehlung

Danksagung

Babyflasche.jpg

Prolog
Die Kinderfrage

Haben Sie jemals ernsthaft darüber nachgedacht, ob Sie sich Kinder wünschen oder nicht? Haben Sie sich je gefragt, was ein Kind für Sie bedeuten würde? Für Ihre Karriere, Ihren Körper, Ihre Beziehungen, Ihre Psyche? Ich rede hier nicht von dem Ausbleiben Ihrer Periode nach einem feuchtfröhlichen Abend, der mit Ihrem Nur-für-eine-Nacht-Traummann im Bett endete, oder von den neurotischen Momenten, in denen Sie in Erwägung zogen, heimlich Löcher in das Kondom zu stechen, weil die Liebe Ihres Lebens (zumindest schien er das damals zu sein) Sie nicht heiraten wollte. Ich rede nicht einmal von der Fantasie, schwanger zu werden, um ganz legitim aus der Arbeitswelt auszusteigen und eine Pause vom Job einzulegen. Vielmehr rede ich von dem Moment, in dem Ihr Fruchtbarkeitszug sich langsam in Bewegung setzt, während Sie einen Fuß an Bord haben und mit dem anderen fest und trotzig auf dem Bahnsteig stehen bleiben.

So wie ich.

Lange Zeit hatte ich in Bezug auf die Babyfrage eine feste Überzeugung. Als Teenager und bis in die späten Zwanziger war ich gegen ein Kind. Ich gehörte zu den Feministinnen, die sich in ihrer Arroganz einbildeten, zu Höherem als ›nur‹ zum Brüten berufen zu sein, und konnte mich mit der Ungerechtigkeit der Mutterschaft nicht abfinden. Warum muss eine Frau neun Monate lang ein Kind austragen? Warum muss eine Frau eine Geburt durchstehen, Hängebrüste vom Stillen bekommen und ihre Karriere, Identität und Beckenbodenmuskulatur opfern, während ein Mann nur einmal zu ejakulieren braucht? Ich betrachtete die Mutterschaft grundsätzlich als keine besondere Errungenschaft, schließlich kann theoretisch jede Frau ein Kind in die Welt setzen. Ich dachte, Mutterschaft sei etwas, das alle Frauen gleichmacht, denn um schwanger zu werden, spielt es keine Rolle, wie fleißig man studiert, wie hart man arbeitet oder welcher Titel auf der Visitenkarte steht. Ich dachte, jede Frau, die einen Mann dazu bringt, mit ihr zu schlafen, könnte ein Baby haben. Und, seien wir ehrlich, das ist wohl keine große Leistung.

Als ich auf die dreißig zuging, begann meine starre Haltung langsam aufzuweichen. Die Babys von anderen sahen sehr niedlich aus – allerdings nur, solange ich sie nicht anfassen musste. Früher hasste ich es, wenn man mir ungefragt ein Baby auf den Schoß setzte. Ich saß dann immer ganz angespannt da und versuchte, nichts kaputt zu machen, während ich überlegte, wie lange ich das Baby wohl würde halten müssen, bevor ich es zurückgeben konnte, ohne die gesellschaftliche Etikette zu verletzen und jemanden zu beleidigen. Und die ganze Zeit über dachte ich, dass die Leute ihre verdammten Babys doch besser selbst halten sollten. Es frustrierte mich, dass Babys so hilflos sind. Ich meine, Babys können sich nicht selbst versorgen, und bis sie Objektpermanenz und den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verstehen, ist es unmöglich, eine richtige Beziehung zu ihnen aufzubauen. Dann aber bekam meine feste Überzeugung, dass ich keine Kinder wollte – eine Gewissheit seit meiner Jugend – plötzlich erste Risse, wenn auch nur ganz feine.

Ich maß dem keine große Bedeutung bei. Ich war erst 32, hatte also noch reichlich Zeit, mich mit der Kinderfrage auseinanderzusetzen. Ich beschloss, mir bis zu dem Tag, an dem mein Bedürfnis, ein Kind zu haben, mein Bedürfnis, keines zu haben, übersteigen sollte, keine Gedanken mehr darüber zu machen. Und falls sich das Bedürfnis, eines zu bekommen, nie einstellen würde, dann sollte es so sein. Ich würde ohne Kinder glücklich sein und meine Unabhängigkeit, mein finanzielles Einkommen und einen Bauch ohne Schwangerschaftsstreifen genießen.

Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich eines Tages aus heiterem Himmel zu meinem Freund Chris sagte: »Ich möchte ein Baby.« Die Worte purzelten einfach so aus meinem Mund, als hätten sie mein Gehirn übersprungen. (Ich werde nie wieder so voreingenommen sein und Männern vorwerfen, sie würden mit dem Schwanz denken.) Was habe ich mir dabei gedacht? Damals kannte ich Chris erst ein Jahr. Sicher, wir waren ein glückliches Paar und wohnten seit Kurzem zusammen, aber dieses Gesprächsthema war für die ferne Zukunft bestimmt. Und mein Timing hätte wahrlich nicht schlechter sein können.

Unsere Wohnung war nicht größer als ein Schuhkarton, viel zu klein für ein Baby und das ganze bunte Plastikzeug, das dazugehört. Unsere Ersparnisse waren noch kleiner. Ich relativierte meine gedankenlose Bemerkung schnell und vereinbarte mit Chris, erst in einem Jahr, und keinen Moment früher, wieder über das Thema Kinder zu sprechen.

Doch keine zwei Wochen später, nach einem Besuch bei meiner Gynäkologin, redeten wir über nichts anderes mehr. Mein Fruchtbarkeitszug hatte die Maschinen angeworfen, und der Lokomotivführer rief: »Alles einsteigen!« Ich war zu jung, um damit umzugehen. Und nach meiner Einschätzung hatte die hektische Schlussphase schlappe zehn Jahre zu früh begonnen.

In den folgenden Monaten blieb mir nichts anderes übrig, als alle Pros und Kontras in der Kinderfrage abzuwägen, die mich sonst immer zu Tode langweilte, wenn ich das Pech hatte, am Tisch zwischen lauter Glucken zu sitzen. Was würde es bedeuten, wenn ich mich für ein Kind entschied, aber keines bekommen konnte? Würde es in mir eine Leere hinterlassen, welche ich mit flauschigen weißen Promenadenmischungen und Designerhandtaschen niemals würde füllen können? Wäre mein Leben verpfuscht? Oder was, wenn ich ein Baby bekäme und feststellte, dass ich es nicht wollte, dass mir mein altes Leben besser gefallen hatte? Mit einem Kind wäre ich für immer gebunden, Kinder kann man nicht zurückgeben. Wäre mein Leben dann ruiniert?

Angesichts der größten Entscheidung meines bisherigen Lebens beschloss ich, ein bisschen zu recherchieren und mein Gewissen zu prüfen. Ich wollte die nackte Wahrheit über das Muttersein erfahren, und zwar ohne den Zuckerguss. Ich wollte all das herausfinden, worüber normalerweise nicht gesprochen wird, weil es sich nicht gehört oder weil man es lieber verdrängt. Ich wollte ganz sicher sein und bereits im Vorfeld wissen, ob sich mein Leben als Mutter verbessern oder verschlechtern würde. Was musste ich opfern, was würde ich gewinnen, was bereuen? Ich sprach mit Eltern und mit Kinderlosen, mit Menschen, die unfruchtbar sind und nicht das Privileg haben, eine Wahl zu treffen, und mit Frauen, die sich ein Kind wünschen, aber denen ein Samenspender fehlt. Dabei entdeckte ich, dass der Kinderwunsch Menschen bis an den Rand des Wahnsinns und vielleicht sogar darüber hinaus treiben kann, lernte die logistischen Herausforderungen kennen, wenn frau ihren Eisprung auf einem Langstreckenflug hat (Sex über den Wolken ist in Anbetracht der engen Toilettenkabinen ein artistisches Kunststück), die Demütigung und Verzweiflung bei einer In-vitro-Fertilisation (IVF) und den Preis von Sperma im Internet.

Vor allem aber lernte ich, dass sich jede Frau der Kinderfrage an irgendeinem Punkt in ihrem Leben stellen muss. Für manche ist das eine schnelle Sache, und die Antwort ist klar. Bei anderen Frauen kriecht die Frage langsam ins Bewusstsein, und die Antwortsuche wird zu einer quälenden Angelegenheit. Es gibt nicht die richtige Antwort. Dafür habe ich herausgefunden, dass es, anstatt die richtige Antwort zu suchen, besser ist, sich mit der Frage auf seine ganz eigene Art auseinanderzusetzen und sich die Entscheidung damit nicht von Zeit, Unwissenheit und sozialem Druck abnehmen zu lassen. Dies hier ist meine Geschichte und die Geschichten anderer Frauen über schwierige Entscheidungen und den Umgang mit den Folgen.

Schnuller.jpg

1
Ticktack, deine Eizellen laufen ab

Sie kommt mit etwas in der Hand auf mich zu, das aussieht wie ein Vibrator und dessen Spitze auf mich zeigt. Aber es ist kein Vibrator. Es hat nämlich keine Hasenohren, keinen Geschwindigkeitsregler und keinen Glitter unter der pinkfarbenen Silikonhülle. (Meiner Meinung nach sollte jeder Vibrator einen Glitzereffekt haben.) Dieses Gerät hier sähe allerdings auch mit Glitzern nach keinem besonderen Spaß aus.

Es handelt sich demnach um keine Episode von lesbischen Sex-Experimenten, sondern vielmehr um eine Untersuchung bei meiner Frauenärztin. Es gibt nur wenige Dinge in meinem Leben, die ich mehr hasse, als einen gynäkologischen Abstrich machen zu lassen. Es muss doch eine einfachere Methode geben, als einen mit Gleitmittel eingeschmierten kalten Entenschnabel aus Metall in den Unterleib gesteckt zu bekommen! Es ist die einzige Situation in meinem Leben, in der ich es hinnehme, mich in einem Raum mit greller Beleuchtung vollständig zu entblößen. Und jedes Jahr bin ich unter dem Neonlicht aufs Neue über die Dellen an meinen Oberschenkel entsetzt und nehme mir vor, nie wieder Schokolade anzurühren.

Ich will mich gerade von der Liege schwingen und nach meiner Unterwäsche greifen, als meine Gynäkologin Dr. Lucy ihr böses zweites Ich, den Vibrator, präsentiert und die verhängnisvollen Worte ausspricht, die mein Leben verändern werden.

»Wenn Sie schon mal hier sind«, bemerkt sie in beiläufigem Ton, »kann ich mir auch gleich mal Ihre Eierstöcke ansehen.«

Ich bin kurz davor abzulehnen. Warum will sie meine Eierstöcke untersuchen? Ich habe welche – zwei, um genau zu sein, so wie es in der Bedienungsanleitung steht. Und ich bin mir sicher, dass sie in Ordnung sind, denn jeden Monat spüre ich einen ziehenden Schmerz im Unterleib, wenn ich meinen Eisprung habe. Ich zögere also zuzustimmen, auch weil ich ahne, dass bei der Untersuchung meiner Eierstöcke wieder etwas in mich hineingesteckt wird. Dr. Lucy spürt meinen Widerwillen und versperrt mir den Weg zu meinem Slip.

»Es wird nicht wehtun«, lügt sie.

Lucy ist schon seit vielen Jahren meine Gynäkologin, außerdem eine der wenigen Frauen ihres Fachs, die sich auf die Behandlung von Unfruchtbarkeit spezialisiert haben. Als die alten, verknöcherten, männlichen Gralshüter ihrer Disziplin sich weigerten, Lucy auszubilden, ließ sie sich davon nicht entmutigen. Sie ging mit ihrer Familie ein paar Jahre in die Staaten und machte dort ihre Ausbildung. Ich mag Lucy, weil sie sich getraut hat, mit der Tradition ihres Berufsstands zu brechen. Sie ist witzig, cool, feminin und lässt sich von niemandem etwas gefallen. Außerdem besitzt sie eine umwerfende Garderobe.

Widerwillig lege ich mich wieder hin und versuche, mich auf Lucys High Heels statt auf die Vibratorimitation, die sie für die Ultraschalluntersuchung meiner Eierstöcke benutzt, zu konzentrieren. Bestimmt bringen Lucys Füße sie am Ende des Tages um. Sie beginnt zu zählen.

»Eins, zwei, drei, vier …« Sie hört auf, als sie bei zwanzig ist.

»Zwanzig was?«, frage ich.

»Sie haben zwanzig Follikel in Ihrem rechten Eierstock«, antwortet sie.

»Und wie viele sollte ich haben?«

»Ungefähr zehn.«

Einen Moment lang bin ich sehr zufrieden mit mir. Ich bin gerne eine Überfliegerin. Zwanzig muss besser sein als zehn, richtig? Doch dann erklärt Dr. Lucy mir das Prinzip von ›Qualität statt Quantität‹. Jeden Monat produzieren die Eierstöcke neue Eizellen. Jede Eizelle reift in einem Follikel heran, und dann, ein paar Tage vor dem Eisprung, wählt der Körper die beste Eizelle aus, die weiterwächst, während die anderen verkümmern. Statt ungefähr zehn anständige Eizellen zu produzieren, bringt mein rechter Eierstock zwanzig von minderer Qualität hervor. Mein Körper verteilt seine Ressourcen so dünn, dass bei der Wahl der besten Eizelle von insgesamt zwanzig nichts besonders Gutes herauskommt, und höchstwahrscheinlich ist die Qualität zu schlecht für eine Befruchtung.

»Ein Glück, dass ich noch einen anderen Eierstock habe«, sage ich hoffnungsvoll.

Doch mein Optimismus ist nur von kurzer Dauer. Dr. Lucy untersucht meinen linken Eierstock und stellt die korrekte Anzahl von Follikeln fest. Ein Hoch auf mein linkes Ovar! Dann allerdings erzählt Dr. Lucy mir von der Zyste.

»Der Tumor kann harmlos sein«, sagt sie. »Aber er könnte auch eine Operation erfordern. Darum möchte ich eine Bauchspiegelung machen. Ich kann Ihnen für nächste Woche einen Termin geben.«

»Ist es Krebs?«, frage ich.

»Unwahrscheinlich.«

»Tja, dann brauche ich mir wohl keine Sorgen zu machen«, sage ich in seliger Ahnungslosigkeit.

Kaum habe ich einen Termin für die Bauchspiegelung vereinbart und Dr. Lucys Praxis verlassen, rufe ich meine beste Freundin an. Emma und ich kennen uns seit der Highschool. Sie war eine Klasse über mir, aber wir lernten uns bei den Proben für unser Schulmusical Bad Boys näher kennen. Emma spielte die Hauptrolle, Tallulah, eine verführerische kleine Herumtreiberin mit einer Federboa, während ich einen dämlichen Gangster mimte, der zwei Sätze sagte, bevor er mit einer Cremetorte umgebracht wurde. Ich stelle mir gerne vor, dass die Garbo, genau wie ich, für meine zwei Sätze gestorben wäre und dass mein shakespearescher Tod, der länger dauerte als die beiden Sätze, einen Golden Globe wert war.

Wenn ich sage, dass ich Emma durch die Musicalproben näher kennenlernte, meine ich eigentlich, dass ich sie dort überhaupt kennenlernte. Sie gehörte in der Highschool zu den Coolen und Beliebten, während ich eine Streberin war. Das Gesetz und das Protokoll des Schulhofs diktierten, Abstand zu ihr zu halten. Erst später, als wir uns an der Universität wiedertrafen, wo wir uns für dasselbe Fach eingeschrieben hatten, erkannte ich, dass Emma gar nicht so einschüchternd war, wie ich immer gedacht hatte, und wir wurden Freundinnen. Seit dem Studium haben sich unsere Lebensläufe parallel entwickelt. Wir machten beide Karriere, im selben Tempo. Emma spezialisierte sich auf Marketing, ich entschied mich für Public Relations und wechselte später ins Management Consulting. In den ersten zehn Karrierejahren redeten wir uns ein, in unseren Jobs unersetzlich zu sein und eine unheimlich wichtige Arbeit zu leisten. Dann, vor ungefähr einem Jahr, wurde uns beiden klar, dass wir unsere Karrieren satt und jegliche Motivation verloren hatten. An dieser Stelle weichen unsere Wege voneinander ab. Ich wurde mit meiner Lebenskrise fertig, indem ich nur noch Teilzeit arbeitete, um ein Buch über meine Sinnsuche schreiben zu können, während Emma ihre innere Leere mit Wodka und gut gebauten jungen Männern ausfüllte. Aber irgendwann holte sie ihr Lebensstil als Partygirl ein. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. Glücklicherweise war Emmas Tumor nicht bösartig. Sie hatte sich mit humanen Papillomaviren (HPV) infiziert, wodurch sich Krebsvorstufen an ihrem Gebärmutterhals entwickelten. Dr. Lucy entfernte operativ die befallenen Zellen, bevor sie entarten konnten.

Als ich Emma von meinen Eierstöcken und dem bevorstehenden Eingriff erzähle, sagt sie genau das, was ich hören will. Da sie bereits unter Dr. Lucys Messer gelegen hat, versichert sie mir fachkundig, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche.

»Irgendwann verrotten wir alle«, fügt sie dann noch hinzu. »Deprimierend, nicht? Ab dreißig geht es nur noch bergab.«

Eine Woche und eine ambulante Operation später (der Eingriff war erfolgreich, danke der Nachfrage) sitze ich wieder in Dr. Lucys Sprechzimmer, um die Ergebnisse zu erfahren.

»Sie haben eine schwere Endometriose«, sagt sie. »Der gesamte linke Eierstock und die Eileiter sind befallen. Sie haben bestimmt starke Regelschmerzen.«

Ich schüttle den Kopf. Ich habe kaum Beschwerden. Ich werde zwar launisch und fühle mich aufgebläht, aber Schmerzen habe ich keine.

Dr. Lucy zeigt mir ein Foto von weiblichen Fortpflanzungsorganen, die massiv von Wucherungen befallen sind. Es sieht ekelhaft aus, wie eine Blutegelplage.

»So sieht es in mir aus?«, frage ich entsetzt.

»Jetzt nicht mehr«, antwortet Dr. Lucy. »Ich habe alle Herde entfernt. Falls es Ihnen hilft, man nennt das auch das Schokoladenzystensyndrom.«

Super. Genau in dem Moment, in dem ich die tröstende Wirkung von Schokolade am meisten bräuchte, fällt Dr. Lucy nichts Besseres ein, als mir mit ihren schrecklichen Vergleichen den Appetit zu verderben.

Bei dem Eingriff musste Dr. Lucy fast die Hälfte meines linken Eierstocks entfernen. Zusammengefasst produziert mein rechter Eierstock nur minderwertige Eizellen, mein linker Eierstock ist amputiert, und meine Eileiter sind verklebt.

»Ist das alles relevant, wenn ich keine Schmerzen habe?«, frage ich.

»Bei einem Kinderwunsch schon«, antwortet Dr. Lucy. »Ihre Fruchtbarkeit ist gefährdet, und das wird nicht mehr besser werden. Haben Sie vor, eine Familie zu gründen?«

»Nein … ich meine, ja … ich meine, nein. Ich weiß nicht«, sage ich. »Ich möchte mir alle Optionen offenhalten, für den Fall, dass ich mir irgendwann ein Kind wünsche.«

»Sie haben keine Zeit mehr«, erwidert Dr. Lucy in einem Ton, der mich erschaudern lässt. »Es kann sein, dass Sie jetzt schon nicht mehr schwanger werden können, aber in einem Jahr ist es definitiv zu spät. Dann sind Sie zeugungsunfähig.«

Als Expertin für die Behandlung von Unfruchtbarkeit erklärt sie mir, dass sie täglich mit Frauen zu tun hat, die keine Kinder bekommen können, weil sie zu lange gewartet haben und für die Fortpflanzung schlicht und ergreifend zu alt sind.

»Aber ich bin erst 32«, wende ich ein. »Das ist doch noch nicht alt!«

»In Fruchtbarkeitsjahren schon.«

Wer hätte geahnt, dass meine Eierstöcke in Hundejahren altern?

Dr. Lucy empfiehlt mir, direkt mit einer In-vitro-Fertilisation zu beginnen, weil ich keine Zeit habe zu versuchen, auf natürliche Weise ein Kind zu zeugen. Aufgrund meiner verklebten Eileiter und unfähigen Eizellen sei es ohnehin unwahrscheinlich, dass ich auf die altmodische Art schwanger werde. Sie empfiehlt mir außerdem, ab sofort Folsäuretabletten einzunehmen, und rät mir zum Schluss, nach Hause zu gehen, mir die Sache gründlich zu überlegen und wiederzukommen, wenn ich mich für ein Baby entschieden habe.

»Wohl eher falls statt wenn«, sage ich.

Dr. Lucy schenkt mir ein schiefes Lächeln, als wolle sie sagen: »Wollen wir wetten?«

Ich verlasse die Praxis schlecht gelaunt. Wie kann mir die Natur nur so übel mitspielen? Wie können meine Eierstöcke es wagen, mich derart in die Ecke zu drängen? Meine Fruchtbarkeit ist auf eine Gehhilfe angewiesen! Ich bin völlig entrüstet und empört, dass mein Körper mich zu einer Entscheidung zwingt, bevor mein Verstand dafür bereit ist. Für wen halten sich meine ollen Eierstöcke, dass sie sich so in meine Lebensplanung einmischen?

Erst als ich beim vorletzten Riegel der Monstertafel Cadbury-Schokolade angelangt bin – wen kümmern in so einem Moment Dellen am Oberschenkel und Dr. Lucys Zystenvergleich? –, wird mir klar, dass mein Leben sich wahrscheinlich für immer verändert hat. Und wenn nicht mein Leben, dann zumindest meine Lebensperspektive.

Bis zu diesem Moment war ich fest davon überzeugt, dass mir alle Möglichkeiten offenstanden. Ich konnte alles tun und alles sein, was ich wollte – jedenfalls glaubte ich das. Ich versuchte stets, mir nicht zu viele Gedanken über die Entscheidungen zu machen, die ich in meinem Leben traf, denn wenn es nicht klappte oder ich es mir anders überlegte, konnte ich immer noch eine Kehrtwende machen und eine neue Richtung ausprobieren. Das habe ich oft getan. Ich habe auf fünf Kontinenten gearbeitet, in mehr Häusern gelebt, als ich mich erinnern kann, und mit mehr Männern geschlafen, als meine Mutter in diesem Buch lesen soll. Aber bis zu diesem Punkt hatte ich den Zeitplan immer unter Kontrolle. Abgesehen von ein paar gebrochenen Herzen und einer Entlassung im Zuge von Personalabbau war ich diejenige, die bestimmte, was in ihrem Leben zu welcher Zeit lief und was nicht. Aber nun winken meine Eierstöcke schadenfroh mit ihrer Gehhilfe, weil eine dieser wichtigtuerischen modernen jungen Frauen, die meinen, alles zu wissen, mit ihrer Lebensplanung auf die Schnauze gefallen ist.

Ich will mein Leben nicht ändern. Ich lebe in einer winzigen, aber gemütlichen Wohnung, zusammen mit meinem Freund Chris und meiner neurotischen Pudeldame Toffee. Ich arbeite Teilzeit im Management Consulting, wo ich großen Unternehmen glaubhaft mache, dass sie ihr Personal im Griff haben. In der restlichen Zeit widme ich mich meiner Leidenschaft, dem Schreiben. Ich habe eine Handvoll Freunde, die mir alles bedeuten, ein Paar rote Stepptanzschuhe, die gleich an zweiter Stelle kommen, und eine Abmachung mit Chris, erst in zwölf Monaten und keinen Moment früher wieder über die Kinderfrage zu diskutieren.

Sieht so aus, als müsste ich gegen diese Abmachung verstoßen.

Babyflasche.jpg

2
Verdammte Katholiken

Chris ruft mich nach meinem Arzttermin an und erkundigt sich nach den Untersuchungsergebnissen. Ich sage ihm, dass alles in Ordnung ist und Dr. Lucy die Endometriose erfolgreich beseitigt hat. Ihm zu erklären, was das für uns beide bedeutet, kann warten bis heute Abend. Lucys Worte, »Es kann vielleicht schon zu spät sein«, hallen in meinem Kopf wider, und mir wird übel bei dem Gedanken, Chris die schlechte Neuigkeit mitzuteilen.

Chris und ich lernten uns über eine Internetsinglebörse kennen. Ich suchte im Umkreis von fünfzehn Kilometern einen gebildeten, kinderlosen, nichtrauchenden Mann, politisch links und tierlieb. Nur wenige Männer erfüllten diese Kriterien, und ich arbeitete sie systematisch ab, bis Chris an der Reihe war. Bei unserem ersten Treffen äußerte er die Vermutung, dass die meisten seiner vorherigen Dates nur auf der Suche nach einem Ehemann und Erzeuger gewesen seien. Es schien ihn zu kränken, dass die Frauen offenbar mehr Interesse an der Qualität und Lebensfähigkeit seiner Spermien als an ihm hatten.

Ich machte Chris damals unmissverständlich klar, dass er, falls er eine Ehefrau und Mutter suche, bei mir an der falschen Adresse sei. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich keinen einzigen Funken Mutterinstinkt im Leib trug. Und was die Ehe betraf, so war die kürzliche Scheidung meiner Eltern immer noch eine offene Wunde für mich, genau wie die Offenbarung, dass sie sich nie geliebt haben. Was für eine Verschwendung von 32 Jahren! Daraus zog ich den Schluss, dass die Ehe eine überholte Institution ist, die die Menschen ins Verderben stürzt. Sie ertragen sich nur so lange, bis der Schmerz über das eigene Versagen, die fehlende soziale Anerkennung und die Aufteilung der Vermögenswerte den Schmerz, den anderen einen weiteren Tag sehen zu müssen, überwiegt.

Folglich kam das Thema Kinder nach unserem ersten Treffen nur ein einziges weiteres Mal zur Sprache. Ich war zehn Tage bei einem Meditationskurs gewesen und hatte furchtbare Sehnsucht nach Chris gehabt. Bei unserem Wiedersehen hatte ich ihm eigentlich sagen wollen, wie sehr ich ihn vermisst hatte, aber ohne jede Vorwarnung oder irgendeine bewusste Absicht war stattdessen der Satz »Ich möchte ein Baby« aus meinem Mund geblubbert.

»Keine Ahnung, wie ich plötzlich darauf komme«, sagte ich. »Ich schwöre dir, ich weiß selbst nicht, warum ich das gesagt habe.«

Chris lächelte mich mit wissendem Blick an. »Mich wundert das nicht«, sagte er. »Das ist dein Mutterinstinkt. Du bemutterst Toffee, Michael, deine Freunde. Die Einzige, die das nicht merkt, bist du selbst. Vielleicht hast du die zehn Tage gebraucht, um in Ruhe nachzudenken und herauszufinden, was alle anderen längst wissen.« Und dann fügte er hinzu: »Du wirst sicher eine tolle Mutter sein.«

Das war das erste Mal, dass ich das hörte. Man hat mir gesagt, dass ich eine tolle Managerin sei oder eine tolle Autorin oder dass ich ein tolles Curry zubereiten könne. Die Vorstellung, dass ich eine tolle Mutter sein würde, erschien mir wie ein Kategorienfehler, wie ein von den Amish People abstammender Computerspezialist oder ein konservativer Politiker mit erotischer Ausstrahlung – eben wie ein falscher Sprachgebrauch. Ich dachte, Chris muss eine andere Frau meinen. Trotzdem war ich von seinem Kompliment überraschend gerührt. Ich spürte, dass meine Augen feucht wurden, und sah rasch weg, damit er es nicht mitbekam. Nachdem ich mich wieder gesammelt hatte, sagte ich: »Ich dachte, du wolltest keine Kinder.«

»Doch, ich will schon«, erwiderte Chris. »Aber ich dachte immer, du wolltest keine. Und für dich wäre ich bereit, auf Kinder zu verzichten.«

Damals fand ich diese Worte tröstend. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Als Chris sagte, dass er mir zuliebe auf Kinder verzichten würde, unterhielten wir uns rein hypothetisch. Noch vor einer Woche lautete die Frage, ob ich überhaupt Kinder will, nicht ob ich in der Lage bin, welche zu bekommen. Was, wenn Chris insgeheim oder unbewusst von mir erwartet, dass ich meine zwiespältigen Gefühle überwinde und mich für ein Kind entscheide? Wenn ich nicht schwanger werden kann und uns die Entscheidung aus der Hand genommen wird, wird er mich dann als einen fatalen Irrtum betrachten, der das Opfer, auf Kinder zu verzichten, nicht wert ist?

Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, während mir diese Gedanken durch den Kopf kreisen wie ein Ohrwurm von Lady Gaga, den man nicht wieder los wird, staune ich über all die Frauen, die einen Kinderwagen vor sich herschieben. Wo kommen die plötzlich alle her? Gab es vor neun Monaten einen Babyboom, von dem ich nichts mitbekommen habe? Wie seltsam, dass mir die vielen Mütter nie aufgefallen sind. Ich gehe immer denselben Weg nach Hause, meistens zur selben Zeit, und trotzdem habe ich noch nie so viele Mütter mit Babys gesehen. Tatsächlich kann ich mich nicht erinnern, überhaupt nur eine von ihnen wahrgenommen zu haben. Aber sie sind überall: auf den Fußgängerwegen, in den Cafés, im Park – lauter Frauen, die fähig waren, ihrem Partner ein Kind zu schenken, und lauter Babys, die aus einem Paar eine Familie gemacht haben. Ich habe das Gefühl, als würden sie mich umschwärmen, umringen, mich und meine korrodierten Eierstöcke verspotten. Sie sind wie eine Heuschreckenplage.

Als Chris von der Arbeit kommt, erwarte ich ihn auf der Couch. Die Weinflasche, die ich vor einer Viertelstunde aufgemacht habe, ist halb leer. Chris begrüßt mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Es sieht mir nicht ähnlich, eine Flasche Wein fast alleine zu trinken.

»Ein Glück, dass ich nicht schwanger bin«, sage ich und fülle mein Glas auf.

Chris ist der bodenständigste und ausgeglichenste Mensch, den ich kenne. Um ehrlich zu sein, manchmal treiben mich seine Gelassenheit und sein Optimismus in den Wahnsinn. Chris kann nichts erschüttern. In den zwölf Monaten, die wir uns kennen, habe ich nicht ein einziges Mal erlebt, dass er die Fassung verloren, sich unnötig Stress und Gedanken wegen der Zukunft gemacht oder über die Vergangenheit gegrübelt hat. Das soll nicht heißen, dass Chris keine Gefühle, Leidenschaften oder Überzeugungen hat. Ganz im Gegenteil. Ich denke, die beste Beschreibung für Chris ist, dass er sich erwachsen verhält. Und er verhält sich genauso reif wie immer, als ich ihm meine Neuigkeiten mitteile.

»Kannst du eine unfruchtbare Frau lieben?«, frage ich.

Chris legt den Arm um meine Schultern und versichert mir, dass er mich immer lieben wird, was auch geschieht. Ich versuche, ihm zu glauben, aber die Vorstellung fällt mir schwer. Meine Komplexe liefern sich einen offenen Kampf mit meinem Selbstwertgefühl und liegen schon nach kurzer Zeit 1:0 in Führung. Ich bin überrascht, dass die Möglichkeit, unfruchtbar zu sein, mein Selbstvertrauen derart erschüttert.

Nachdem Chris mir geduldig ein paar Stunden lang zugehört hat, während ich mit dem Thema immer wieder von vorne anfing, eröffnet er mir, dass er es gerne mit einem Baby versuchen würde.

»Was? Einfach so?«, sage ich ungläubig. »Brauchst du nicht mehr Zeit, um darüber nachzudenken und die verschiedenen Optionen abzuwägen, bevor wir ausführlich darüber diskutieren?« Er schüttelt den Kopf. »Mag sein, dass du keine Zeit brauchst zum Überlegen, ich aber schon«, sage ich.

Ich kann seine Gewissheit nicht nachvollziehen, beneide ihn aber darum. Das ist die schwerwiegendste Entscheidung, die ich jemals habe treffen müssen – und wahrscheinlich die schwerste, die ich in meinem Leben treffen werde. Ich weiß nicht, wie ich eine derart wichtige Frage so schnell beantworten soll. Und meine Unentschlossenheit und meine Zweifel wachsen angesichts des näher rückenden Verfallsdatums meiner Eier.

Chris versichert mir, dass er mit meiner Entscheidung glücklich sein werde, wie auch immer sie ausfalle. Das Einzige, was er ablehnt, ist eine künstliche Befruchtung. Chris besteht darauf, das Kind auf natürlichem Weg zu zeugen, ohne Hilfe aus dem Labor. Daraufhin sage ich ihm, dass laut Dr. Lucy meine Chancen, auf natürliche Art schwanger zu werden, zwischen sehr schlecht bis null stünden. Aber Chris sieht das anders. Er sagt, wir würden nie erfahren, ob wir auf natürliche Art ein Kind zeugen könnten, wenn wir es nicht versuchten.

Einer der Hauptgründe für seine ablehnende Haltung gegenüber der künstlichen Befruchtung ist, dass er sich um meine Psyche sorgt. Ich hatte viele Jahre mit dem Schwarzen Hund meiner Depression zu kämpfen. Anfangs behielt der Schwarze Hund die Oberpfote. In meinen dunklen Jahren litt ich an Depressionsanfällen, die jegliche Freude, Hoffnung und Fröhlichkeit aus mir heraussaugten, auf ihnen herumtrampelten und anschließend in den Gully kickten. Und ich sah zu, wie sie dort unten verrotteten, während ich, ein gebrochenes, seelenloses Wrack, auf der Couch lag und Gin in mich hineinkippte.

Dank jahrelanger Therapie, guter Medikamente und der Vipassana-Meditation habe ich gelernt, den Schwarzen Hund zu bändigen, und obwohl ich ihn manchmal dabei ertappe, dass er im Hintergrund lauert, lasse ich es nicht mehr zu, dass er mich dominiert. Chris macht sich Sorgen, dass ich mit der emotionalen und finanziellen Belastung einer IVF überfordert sein könnte, ganz zu schweigen von all den künstlichen Hormonen, die, will man den ganzen Geschichten Glauben schenken, die gesündeste Frau in eine Geisteskranke verwandeln können. Chris sagt, eine künstliche Befruchtung sei eine Art Glücksspiel. Die Leute kämen immer wieder, weil sie sich an die Hoffnung klammerten, dass es dieses Mal anders sein werde, dass sie dieses Mal Glück hätten. Wahrscheinlich hat er recht: Manche Menschen sind die geborenen Pechvögel, und ihre Chancen, ein Kind zu zeugen, sind genauso hoch wie die, im Kasino den Jackpot zu knacken.

Chris hat es nicht gesagt, aber trotzdem frage ich mich, ob hinter seinen Vorbehalten gegen eine künstliche Befruchtung mehr steckt als nur die Sorge um mein Wohlergehen. Hat es vielleicht etwas mit seiner Religion zu tun? Chris ist katholisch, und obwohl er der liberalste und aufgeschlossenste Katholik ist, den ich kenne, kann er tief im Innern seine Erziehung sicher nicht verleugnen. Verdammte Katholiken, man kann nicht gewinnen gegen sie! Sie verbieten Verhütungsmittel, weil das Leben – und folglich auch das Sperma – heilig ist. Aber wenn man keine Kinder bekommen kann, drehen sie den Spieß um und verbieten jeden medizinischen Fortschritt, damit Gottes sogenannter Wille nicht angetastet wird. Ich meine, hätte Gott etwas gegen künstliche Befruchtung, gäbe es dann Elektronenmikroskope, Kinderwunschkliniken und kluge Ärzte?

Chris und ich haben uns nie gestritten. Ich glaube, einerseits liegt das daran, dass wir beide keine Hitzköpfe sind, und andererseits, dass wir uns nie wirklich uneinig waren … bis heute Abend. Chris’ Einstellung zur IVF erstaunt mich wirklich, und ich fühle mich in die Ecke gedrängt. Er sagt, er möchte ein Kind mit mir, aber wenn ich nicht auf natürlichem Weg schwanger werde, nimmt er mir die Entscheidung praktisch aus der Hand. Wenn er zu einer künstlichen Befruchtung Nein sagt, kann er genauso gut zu einem Baby Nein sagen.

Ich bin sauer, aber ich lasse es mir nicht anmerken, weil ich gleichzeitig eine seltsame Erleichterung über seine unnachgiebige Haltung spüre. Ich muss gestehen, ich fühle mich ein bisschen befreit, weil ich froh bin, insgeheim die Verantwortung auf jemand anderen abwälzen zu können. Soll er doch entscheiden, ob ich ein Kind bekomme oder nicht, denn wenn sich die Entscheidung als falsch herausstellt, trifft mich keine Schuld! Ich weiß, das klingt neurotisch und nach Opfersyndrom und ist Chris gegenüber total unfair, aber so empfinde ich nun einmal. Wenn es darauf hinausläuft, dass ich es mein Leben lang bereuen werde, keine Kinder zu haben, habe ich wenigstens einen Sündenbock.

Schnuller.jpg

3
Online-Sperma

Während ich wach im Bett liege und den Tag Revue passieren lasse, überwältigt mich ein Gefühl von Liebe und Dankbarkeit für Chris. Obwohl wir nicht einer Meinung sind, was die IVF betrifft, geht er absolut großartig mit der Neuigkeit um, dass ich Fruchtbarkeitsprobleme habe. Andere Männer hätten heimlich ihre Koffer vom Dachboden geholt und überlegt, was sie alles mitnehmen und wie sie ohne Szene verschwinden könnten, wenn sie beim Heimkommen von einer angetrunkenen Freundin mit einem Jetzt-oder-nie-Ultimatum empfangen worden wären.

Ich rolle mich zu ihm hinüber und lege den Arm um ihn. Chris schläft bereits, trotzdem greift er instinktiv nach meiner Hand und zieht mich enger an sich heran. Auch wenn wir erst seit einem Jahr zusammen sind, habe ich nicht die geringsten Zweifel, dass er einen tollen Vater abgeben würde. Von allen Männern, denen ich jemals begegnet bin, ist Chris derjenige, mit dem ich Kinder haben wollte – falls ich welche wollte. Aber was würde ich tun, wenn ich Chris nicht hätte oder wenn er keine Kinder wollte? Wie würde ich denken, wenn ich mit einem Mann zusammenlebte, der gut genug für den Moment wäre und mit dem man eine Weile lang Spaß haben könnte, bevor er sein Verfallsdatum erreichen würde, oder mit einem, der einfach nicht zum Vater taugte? Dann müsste ich gleich zwei Entscheidungen treffen: Möchte ich Kinder? Und ist mein Kinderwunsch groß genug, dass ich ihn mit Mr Unpassend umsetze, oder handele ich auf eigene Faust? Würde ich mich dafür entscheiden, es alleine durchzuziehen, müsste ich mir Gedanken machen, wo ich einen Erzeuger auftreibe – beziehungsweise Sperma.

Ein paar Tage später bin ich bei meiner Bekannten Lynn zum Abendessen eingeladen. Lynn ist Anfang vierzig und Werbemanagerin, hat eine ansteckende Gelassenheit und eine süße Katze namens Woody. Wir haben uns bei einem Vipassana-Kurs kennengelernt.

Der Kurs ist im Grunde eine zehntägige Hölle, in der man mit Fremden still in einem Raum sitzt und sechzehn Stunden am Tag meditiert. Sprechen ist verboten, nicht einmal Blickkontakt ist erlaubt. Auch darf man nach Mittag nichts mehr essen. Wenn man diese Opfer auf sich nimmt, kann man alles Schlechte, das einem widerfahren ist, noch einmal durchleben. Ich mache Ihnen die Sache richtig schmackhaft, nicht wahr? Das Positive ist, dass man hinterher mit einem unbeschreiblichen Gefühl von innerem Frieden, innerer Freiheit und innerer Weisheit nach Hause zurückkehrt.

Lynn hat fünf weitere Frauen aus dem Kurs eingeladen. Ein gemeinsames Essen mit Leuten, die freiwillig die körperlichen und seelischen Strapazen der Vipassana-Meditation auf sich genommen haben, ist, sagen wir mal, vielversprechend. Wenn Sie eine Dinnerparty mit lebhaften Diskussionen über die neuesten Bücher und Filme und geistreichen Konversationen über aktuelle politische und soziale Probleme verbinden, begleitet von Wein und gutem Essen, dann waren Sie sicher nie auf einer Dinnerparty, an der Menschen teilnahmen, die die Vipassana-Meditation erlernt haben.

Wir verbringen die erste Stunde damit, in Lynns Wohnzimmer mit geschlossenen Augen auf dem Boden zu sitzen und schweigend zu meditieren. Obwohl ich das Prinzip von Vipassana verstanden habe und den Nutzen kenne, ringe ich damit, diese Meditationssitzung ernst zu nehmen. Sie müssen zugeben, dass es ziemlich schräg ist, auf eine Party zu gehen und sich auf den Boden zu hocken, ohne die anderen Gäste eines Blickes zu würdigen oder ein Wort mit ihnen zu wechseln. Statt aufgefordert zu werden, unsere eigenen Getränke mitzubringen, wurden wir gebeten, unsere Meditationskissen einzupacken. Ich komme mir vor, als wäre ich wieder vier Jahre alt und müsste Mittagsschlaf im Kindergarten halten. Als ich mich unbeobachtet wähne, blinzle ich vorsichtig und spähe verstohlen zu den anderen. Mir kommt der Gedanke, dass ich, obwohl ich vor Kurzem zehn Tage und zehn Nächte mit diesen Frauen verbracht habe, kaum etwas über sie weiß, da wir, nun ja, die meiste Zeit damit verbracht haben, mit geschlossenen Augen auf dem Boden zu sitzen und schweigend zu meditieren. Ich beginne mich zu fragen, ob der restliche Abend genauso schräg und freakig verlaufen wird wie der Anfang. Nachdem die Meditation beendet ist und die Unterhaltung beginnt, erhalte ich meine Antwort.

Schnell kreist das Gespräch um die Themen Babys und Fruchtbarkeit. Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber ich führe mit Menschen, die ich kaum kenne, normalerweise keine tief greifenden Gespräche über Fortpflanzung. Ich nehme an, wenn man sich mit Freunden trifft, selbst wenn man sie schweigend in einem Meditationszentrum kennengelernt hat, kann man viel mehr von so einer Dinnerparty erwarten als die übliche oberflächliche Unterhaltung über die neuesten Bücher und Filme.

Zwei Frauen in unserer Runde sind über dreißig, die anderen vier über vierzig. Alle außer mir sind Single. Und alle außer mir sind sich sicher, dass sie Kinder haben wollen, beziehungsweise hatten in der Vergangenheit Phasen, in denen sie sich ein Kind wünschten. Warum habe ich plötzlich das Gefühl, als wäre ich durch ein Wurmloch in ein Raum-Zeit-Kontinuum gesogen worden und in einer Sitcom mit gesellschaftskritischer Botschaft gelandet?

Unsere Gastgeberin, Lynn, wünscht sich von ganzem Herzen ein Baby, aber sie findet, ein Kind sollte Mutter und Vater haben. Sie will keines in die Welt setzen, solange sie keinen festen Partner hat. Hinter ihrem gelassenen und kultivierten Auftreten nehme ich eine unverkennbare Traurigkeit in ihrer Stimme wahr, als sie von ihrer Angst spricht, dass ihre Zeit bereits abgelaufen sein könnte und sie niemals Mutter sein wird. Aber Lynn spricht auch von einer größeren Dimension. »Ich habe zwar keine eigenen Kinder, aber es gibt Kinder in meinem Leben«, sagt sie. »Natürlich ist das was anderes, da ich nicht direkt in der Verantwortung stehe. Aber ich schätze mich durchaus glücklich, dass ich als Tante und Patentante bei den Kindern meiner Freundinnen etwas beitragen kann.«

Fleur, eine Bildhauerin Ende vierzig, teilt Lynns Ansicht. Sie strahlt mütterliche Energie aus. »Ich habe mir immer Kinder gewünscht«, sagt sie. »Aber ich hatte nie eine Beziehung, in der ich eine Zukunft gesehen habe.« Vor ein paar Jahren bot Fleurs Schwägerin ihr eine Eizellenspende an. Damals war Fleur schon über vierzig und machte sich Sorgen, dass sie zu alt zum Kinderkriegen sei.

»Ich musste heulen«, erzählt sie. »Ich war noch nie so tief gerührt.«

Fleur dachte über das Angebot nach, weil ihr Kinderwunsch damals sehr heftig war. Sie informierte sich darüber, was ihrer Schwägerin bei einer Eizellenspende bevorstände, aber sie sprachen nie wieder darüber.

»Tief im Innern habe ich immer noch den Wunsch, Mutter zu werden. Aber das kommt nur in einer festen Partnerschaft infrage.«

Und als es schließlich Zeit wurde, eine Entscheidung zu treffen, erkannte Fleur, dass ihre Vorstellungen von Familie doch konservativer waren, als sie gedacht hatte.

Die anderen drei Frauen betrachten das Singledasein nicht als Hindernis für ein Baby. Kerry aus dem Management Consulting und Linda, Geschäftsführerin einer Produktionsfirma, sind schwanger von Spendersamen, während Mary, die Buchhalterin, kurz vor einer IVF-Behandlung steht, auch mit Spendersamen. Wenn ich von Spendersamen rede, meine ich damit nicht, dass Mary, Kerry und Linda irgendeinen Kerl in der Kneipe aufgerissen haben. Mary hat über ihre Kinderwunschklinik Sperma von einer hiesigen Samenbank gekauft. Aber sie fügt rasch hinzu, dass die Auswahl an hiesigem Sperma mager sei. Sie habe sich das beste ausgesucht, aber sie zähle auf die Stärke ihrer eigenen Gene, was das Aussehen und die Intelligenz des Kindes betreffe. Kerry und Linda bekennen, dass sie für ihr Sperma weiter gehen mussten und es aus Amerika beziehungsweise Kanada importieren ließen.

Von da an wird der Abend noch seltsamer. Ich erfahre, dass man Sperma im Internet bestellen kann. Ja, Sie haben richtig gelesen – im Internet! Ich will meinen Ohren nicht trauen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Torschlussmami" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen