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Topmodel, zum Sterben schön

Raven Cross

Topmodel, zum Sterben schön

1. KAPITEL

„Und die Gewinnerin des diesjährigen ‚Model Inc.‘-Castings ist …“ Der Moderator machte eine dramatische Pause und wirbelte sein Mikrofon wie ein Lasso durch die Luft. Das Publikum im Santa Monica Civic Auditorium, bestehend aus sicher über hundert jungen Frauen und Mädchen, kreischte.

Sie starrte in ihre strahlenden Gesichter und nahm ihre aufgeregten Rufe wie durch eine Wattewand wahr. Stocksteif stand Zoe zwischen den anderen Casting-Teilnehmerinnen auf der Bühne und hielt den Atem an.

In wenigen Sekunden würde sich entscheiden, wer die Auserwählte war, die einen Modelvertrag mit der international renommierten Agentur erhielt und als neues Gesicht von „Model Inc.“ für die großen Kosmetikfirmen warb und auf der New Yorker Fashion Week über den Catwalk lief.

Zoe zitterte, ihre Hände waren schweißnass. Als könnte sie ihr Glück beschwören, berührte sie das goldene Sternenkettchen, das ihr verstorbener Vater ihr am letzten gemeinsamen Weihnachten geschenkt hatte, und sandte ein Stoßgebet an Gott, ihr diese einmalige Chance zu gewähren. Bei der Vorstellung, zu verlieren und in ihre triste Heimatstadt Barstow in der kalifornischen Mojave-Wüste zurückkehren zu müssen, drehte sich ihr fast der Magen um. Wenn das geschah … Zoe wäre verzweifelt.

„Zoe! Zoe!“, skandierten ihre Freunde Jason, Megan und Cassidy in der ersten Reihe vor der Bühne, als könnten sie mit ihren Rufen die Entscheidung der Jury zu ihren Gunsten beeinflussen.

Zoe lächelte ihre Freunde an. Ihnen hatte sie es zu verdanken, dass sie überhaupt an dem Wettbewerb in Los Angeles teilnahm. Wäre Hobbyfotograf Jason nicht gewesen, der felsenfest von ihrem Potenzial als Topmodel überzeugt war und sie zu einem Fotoshooting in der Wüste überredet hatte, hätte Zoe wahrscheinlich nie eine Karriere im Modelgeschäft angestrebt. Und ohne ihren Exfreund Cassidy und ihre beste Freundin Meg, die sie ermuntert hatten, ihre Fotomappe für den Wettbewerb einzuschicken, und die zusammengelegt hatten, um gemeinsam mit ihr nach L.A. zu fahren, stünde Zoe jetzt nicht unter den letzten fünf Kandidatinnen auf der Bühne.

„Ich liebe euch“, murmelte Zoe. Und obwohl der Geräuschpegel der kreischenden Zuschauer jedes Wort übertönte, konnten ihre Freunde an ihren Lippen ablesen, was sie sagte, und riefen ihren Namen umso lauter.

Der Moderator, der die Menge zuvor angefeuert hatte, hob nun beide Hände, damit Stille einkehrte. Nach wenigen Augenblicken schwiegen tatsächlich alle, die Luft schien zu knistern, während Kandidaten und Zuschauer angespannt warteten.

„Die Siegerin des fünften ‚Model Inc.‘-Castings ist …“, rief der Moderator. „Zoe Yates!“

Jubelrufe erklangen, und Applaus brandete im Auditorium auf. Zoe rührte sich nicht von der Stelle. Sosehr sie sich auch gewünscht hatte, zu gewinnen, sie hatte nie ernsthaft daran geglaubt.

„Zoe! Du hast es geschafft!“, hörte sie Cassidy rufen.

Megan brach vor Freude in Tränen aus, und Jason sprang aufgeregt auf und ab.

Der Moderator trat auf Zoe zu und hob einen Blumenstrauß hoch. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte er und überreichte ihr die gelben Rosen. „Auf deine Weltkarriere bei ‚Model Inc.‘!“

Die Menge im Saal tobte – und in diesem Moment löste sich Zoes Erstarrung.

„Danke! Danke! Danke! Ich bin so glücklich!“, rief sie und warf übermütig die Rosen ins Publikum. Sie glaubte, sie könnte so viel Glück gar nicht ertragen. Ihr Herz müsste platzen. Doch das tat es nicht. Es schlug zwar heftig in ihrer Brust, aber nur wegen des Adrenalinkicks und ihrer überschäumenden Gefühle.

Der Moderator verkündete, dass für Zoe ein Umzug in die Fashion-Metropole New York anstehe und sie bereits in der kommenden Woche dort bei den ersten Modeshootings dabei sei. Er beglückwünschte und umarmte sie, während das Publikum immer lauter jubelte und Zoes Freunde auf die Bühne stürmten.

Die folgenden Stunden verbrachte Zoe in einem Gefühlstaumel. Sie schwankte zwischen Glückseligkeit, Aufbruchsstimmung sowie der Angst hin und her, allein in die große Stadt zu müssen und ihr bisheriges, wenn auch ungeliebtes, so doch vertrautes Leben für ein fremdes, vollkommen neues aufzugeben.

„Vergiss uns nicht!“, sagte Jason, als sie sich zwei Tage später am LAX, dem Flughafen von Los Angeles, verabschiedeten. „Ruf an, sobald du in New York bist. Damit wir uns keine Sorgen um dich machen müssen. Und denk an mich, wenn ein Fotograf gesucht wird.“ Er zwinkerte ihr zu und küsste sie rechts und links auf die Wange.

„Jetzt, wo es so weit ist, mag ich dich gar nicht gehen lassen.“ Meg drückte Zoe so fest, dass sie kaum noch Luft bekam. Dann sah sie ihr fest in die Augen. „Und versprich mir, dass du keine eingebildete Model-Zicke wirst, sondern bleibst, wie du bist!“

„Das verspreche ich dir hoch und heilig.“ Zoe strich ihr lächelnd über die Wange. „Und egal, wie viele Leute ich in New York kennenlerne, du bist und bleibst meine allerbeste und liebste Freundin auf der ganzen Welt.“

Schon ertönte die Durchsage von American Airlines. Flug 615 von L.A. nach New York stehe nun bereit. Die Passagiere mit Sitzplätzen in den Reihen 1 bis 13 sollten einsteigen.

„Ich sitze vorn. Ich muss an Bord gehen“, meinte Zoe.

Megan drückte sie noch einmal fest an sich.

„Keine tränenreichen Abschiede“, murmelte Cassidy und drängte sich zwischen Zoe und Megan, bevor sie anfangen konnten zu weinen. „Meine Süße!“ Er zog Zoe an sich und wiegte sie in seinen Armen. „Ich bin total stolz auf dich! Ich wusste immer, dass du etwas Besonderes bist. Schade, dass wir kein Paar mehr sind.“ Er grinste sie schief an. „Zeig den Model-Schnepfen in New York, was eine Harke ist, und werde das tollste Supermodel aller Zeiten. Ich zähle auf dich.“

„Wenn du noch mehr sagst, werde ich noch rührselig.“ Zoe boxte ihn freundschaftlich gegen die Schulter, um zu überspielen, dass sie mit den Tränen kämpfte. „Ihr bringt mich alle total aus der Fassung.“ Jetzt musste sie doch schniefen.

„Du sollst nur wissen, dass du uns viel bedeutest“, meinte Jason, und die anderen nickten.

„Ich geh jetzt, sonst lasse ich New York und den Model-Vertrag sausen und bleibe bei euch.“

„Das machst du auf gar keinen Fall!“ Cassidy hakte sie unter und begleitete sie noch bis zum Schalter.

Eine Stewardess prüfte Zoes Ticket und wünschte ihr einen guten Flug. Nun gab es kein Zurück mehr.

Ein letztes Mal drehte Zoe sich nach ihren Freunden um und warf ihnen Kusshände zu. „Grüßt meine Mom! Und sagt ihr, dass ich sie … euch alle, sobald wie möglich besuche.“

Sie ging rückwärts in die Schleuse, die sie ins Flugzeug führte, und winkte ihren Freunden so lange zu, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Dann wandte sie sich um und folgte den anderen Passagieren. Während Zoe ihren Sitzplatz suchte, dachte sie an ihre Mutter und bereute, sie nicht dazu überredet zu haben, zum Casting zu kommen. Nun würde sie sie erst in Monaten wiedersehen. Bis dahin müssen wir also weiter telefonieren, dachte Zoe. Gut, dass ich auf dem Weg zum Flughafen noch mal bei ihr angerufen habe.

Ihre Mutter hatte während der Telefonate viel geschluchzt, Zoe besorgte Ratschläge gegeben und ihr nur das Beste gewünscht. Der rasante Karrierestart bedeutete für alle in ihrem Familien- und Freundeskreis eine gewaltige Veränderung. Nicht zuletzt, weil es normalerweise kaum jemandem gelang, das öde Wüstenkaff zu verlassen, das sie Zuhause nannten.

Zoe wusste, welche Hoffnungen in sie gesetzt wurden, und steckte sich hohe Ziele. Als sie im Flugzeug hinter einem großen Mann warten musste, wurde ihr bewusst, dass sie ganz allein war. Ihre Zukunft würde sich von ihrem bisherigen Leben stark unterscheiden. Aber dieses außergewöhnliche Abenteuer musste sie allein antreten.

Im nächsten Moment bekam sie prompt einen Vorgeschmack auf ihr neues Jet-Set-Dasein. Denn als Zoe wie selbstverständlich in die Economy Class gehen wollte, hielt eine junge Stewardess sie sanft am Arm fest.

„Sie sitzen in der ersten Klasse“, erklärte sie Zoe freundlich und führte sie in den weiter vorn gelegenen Teil des Flugzeugs.

Beim Anblick der luxuriösen, weißen Ledersitze und der in jedem Sitzplatz integrierten Mini-Flachbildschirme stockte Zoe der Atem. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, als sie sich auf den Fensterplatz setzte. Sofort eilte eine Stewardess heran, reichte ihr eine Auswahl an Zeitschriften sowie die Menükarte und bot ihr von frisch gepresstem Orangensaft bis Champagner eine üppige Auswahl an Getränken an.

Als das Flugzeug abhob, sah Zoe, ein Glas Moet & Chandon in der Hand, auf das Häusermeer von Los Angeles herab und dann in den endlos scheinenden, hellblauen Himmel. Sie war fast davon überzeugt, ins Paradies zu fliegen.

2. KAPITEL

„Willkommen im ‚Big Apple‘! Ich bin David Calhourn, Chef von ‚Model Inc.‘ und dein persönlicher Ansprechpartner und Agent.“ Mit diesen Worten empfing ein gut aussehender Mann Zoe am JFK-Airport in New York. Sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Er nahm ihr die Reisetasche ab und führte Zoe aus dem Flughafengebäude hinaus zu den Parkplätzen. „Es tut mir leid, dass ich nicht in Los Angeles beim Casting gewesen bin. Aber mein Terminkalender ist derart voll! Darum habe ich den Wettbewerb und die Entscheidung meiner West-Coast-Kollegen via Konferenzschaltung verfolgt und mich als einer der Juroren ganz klar für dich ausgesprochen. Du warst auf Anhieb meine Favoritin. Du bist ein Naturtalent auf dem Laufsteg!“

„Danke.“ Zoe lächelte verlegen. „Ich fand mich eher schlecht. Ich bin gestolpert und …“

Abrupt blieb er stehen und hob den Zeigefinger. „Sag so etwas nie wieder! Keins meiner Models ist schlecht. Den Begriff streichst du aus deinem Wortschatz. Okay? Stattdessen benutzt du: unkonventionell. Verstanden?“

Zoe nickte schüchtern.

„Wo ist dein Selbstbewusstsein? Du hast keine Ahnung, wie schön du bist, oder?“ David musterte sie.

Prompt wurde sie rot.

David lächelte, legte ihr den Arm um die Schulter und tätschelte sie aufmunternd. „Das kriegen wir schon hin. Du wirst unser strahlender Stern am Modehimmel. Glaub mir.“

Nach zehn Metern blieb David vor einem Porsche stehen und öffnete per Funkfernbedienung die Zentralverriegelung. Er stellte Zoes Tasche hinter den Beifahrersitz und meinte: „Spring rein! Ich fahr dich in deine Model-WG.“

„Holen Sie alle neuen Models persönlich ab?“, fragte Zoe, während sie in den Sportwagen einstieg.

„Nein. Nur die, von denen ich glaube, dass sie es ganz nach oben schaffen.“ David zwinkerte ihr zu. „Und lass das Siezen. Nenn mich David.“ Er nahm auf dem Fahrersitz Platz und ließ den Motor aufheulen.

Schnell setzte er den Porsche zurück und fuhr aus der Parklücke.

Auf der Fahrt nach Manhattan kam Zoe aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die gigantischen Hochhäuser, die Straßenschluchten voller Menschen, die Betriebsamkeit und das Lichtermeer am Time Square beeindruckten sie sehr. Zoe sah im Rückspiegel, dass ihre Augen glänzten. Sie freute sich unbändig darauf, Teil dieser Welt zu sein.

David steuerte SoHo an, das In-Viertel New Yorks, in dem die Fashion- und Musikszene zu Hause war. Er parkte in der Greene Street vor einem der für die Gegend charakteristischen Gusseisen-Bauten aus der Gründerzeit und zog seinen Blackberry aus der Hosentasche.

Kurz nachdem er eine Kurzwahltaste gedrückt hatte, sagte David ins Telefon: „Phoebe? Wir sind da. Ich setze Zoe ab und fahre direkt ins Büro. Du kümmerst dich um sie, ja? Zeig ihr alles. Und bring sie morgen Mittag in den Meatpacking District, 300 West, 14th Street. Du weißt schon, zum Prada-Shooting.“ Er wartete die Antwort seiner Gesprächspartnerin nicht ab, sondern unterbrach die Verbindung, beugte sich über Zoe und öffnete die Beifahrertür von innen.

Nachdem er die Tür aufgestoßen hatte, deutete er auf ein cremefarbenes Gebäude. „Dort, wo das Schild ‚Alice’s Antiques‘ hängt, ist der Eingang“, meinte er. „Klingle bei Apartment C. Phoebe holt dich am Aufzug ab. Sie ist auch eins unserer Nachwuchsmodels. Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen.“

Mit einer Handbewegung bedeutete er Zoe, dass sie aussteigen sollte.

Sie kletterte aus dem Wagen. David hob ihre Reisetasche vom Rücksitz und reichte sie ihr. „Wir sehen uns morgen bei deinem ersten Kunden. Ruh dich aus. Leb dich ein. Und geh früh schlafen. Morgen wird ein harter Tag. Ich habe die Prada-Repräsentantin mit einem Foto von dir davon überzeugt, dich bei der Kampagne einzusetzen. Das ist eine große Sache! Normalerweise bucht niemand ein Model, ohne es vorher persönlich zu sehen. Also enttäusch mich nicht.“

Er zog die Tür mit einem Ruck zu und brauste los.

Zoe sah dem Porsche nach, bis er im Verkehr verschwand. Sie – Morgen – beim Prada-Shooting?! Das sagte David ihr in einem Nebensatz und ließ sie dann stehen!

Zoe hatte gehofft, dass er sie in die Model-WG begleitete und sie ihrer Mitbewohnerin vorstellte. Nun ja, was erwartete sie? Er war nicht ihr Kumpel. Er war ihr Boss.

Mit einem Mal stand ein junger Typ mit einer Sonnenbrille und in einem Sweatshirt, dessen Kapuze er sich in die Stirn gezogen hatte, vor ihr. „Kann ich dir helfen?“

„Nein, danke“, antwortete Zoe freundlich, aber entschieden. Der Typ war ihr in seiner Aufmachung nicht geheuer. Zielstrebig eilte sie zum Hauseingang und klingelte bei Apartment C.

Er folgte ihr. „Bist du ein Model?“

Zoe antwortete nicht. Stattdessen klingelte sie ein zweites Mal.

„So wie du aussiehst, bist du bestimmt ein Model.“

„Nein, du irrst dich.“ Zoe warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Er mochte Mitte zwanzig sein, war kräftig gebaut, hatte eine gerade Nase und einen schmalen Mund. Unter der Kapuze ragten ein paar blonde Haarsträhnen hervor. Seine Augen konnte Zoe nicht sehen, die Sonnenbrille war zu dunkel.

„Du lügst“, sagte der Typ mit aggressivem Unterton. „Du bist ein Model! Ich weiß, dass die neuen Mädchen von ‚Model Inc.‘ hier wohnen. In welchem Stock ist euer Apartment? Im zweiten? Im vierten?“

„Lass mich in Ruhe! Ich weiß nicht, wovon du sprichst!“, rief sie, blockierte ihm die Sicht auf die Klingelschilder und klingelte bei Apartment C Sturm.

„Wie sprichst du denn mit mir?!“, fuhr er sie an. „Hältst dich wohl für was Besseres?“ Er packte sie am Arm.

Zoe schrie. „Lass mich los! Ich rufe die Polizei!“

„Dazu kommst du nicht mehr!“, sagte er, mit einem Mal in ruhigem Ton.

In dem Moment wurde die Tür geöffnet. Zoe fuhr herum und schlug blindlings mit ihrer Reisetasche nach dem Kerl, der sie belästigte. Zum Glück ließ er sie los, um die Schläge abzuwehren. Die Gelegenheit nutzte Zoe geschickt und sprang in den Flur. Als sie die Eingangstür hinter sich zuschlagen wollte, stellte der Typ einen Fuß in den Türrahmen. Geistesgegenwärtig trat Zoe ihm gegen das Schienbein. Er gab einen ächzenden Laut von sich und zog seinen Fuß zurück. Blitzschnell schlug Zoe die Tür zu.

Sie lehnte sich von innen dagegen. Ihr Herz raste, während sie den Fremden vor dem Hauseingang fluchen hörte.

„Ich krieg dich noch, du kleines Miststück!“, stieß er wütend hervor.

Zoe wich von der Tür zurück.

„Hast du einen Geist gesehen?“

Irritert blickte Zoe in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Am Ende des Flurs entdeckte sie die offen stehende Aufzugskabine, in der eine sehr junge, sehr schöne und sehr große Frau stand und ihr zulächelte.

„Von wegen Geist!“ Zoe eilte auf sie zu. „Vor der Tür hat mich ein äußerst realer Typ attackiert! Er hat versucht, mich über die Model-WG auszufragen. Dann hat er mich angegriffen und wollte ins Haus eindringen!“

„Entspann dich. Das ist halb so wild. Und du bist ihn ja losgeworden. Der Typ ist einer von vielen. Es gibt halt eine Menge Männer, die scharf auf uns sind und unbedingt ein Model zur Freundin haben wollen. Du wirst dich dran gewöhnen. Ich bin übrigens Phoebe“, erwiderte sie gelassen und gab Zoe zur Begrüßung einen Kuss auf die rechte und dann auf ihre linke Wange.

„Ich will mich aber nicht an solche … solche kranken Kerle gewöhnen!“, protestierte Zoe aufgewühlt.

„Das gehört leider zum Beruf“, antwortete Phoebe und zog Zoe in die Aufzugskabine. „Ignorier sie. Und wenn so einer noch mal aufdringlich wird, sag David Bescheid. Er besorgt dir einen Bodyguard oder eine andere Unterkunft.“ Phoebe strich sich das lange rote Haar mit einer eleganten Bewegung zurück und drückte den Knopf für den vierten Stock. „Wir sind hier in New York“, fügte sie hinzu, als erklärte das alles.

Zoe sah sie mit großen Augen an. Wie souverän Phoebe mit der Situation umging! Dagegen kam sie sich wie ein naives Landei vor, das beim ersten Problem in Panik geriet. Schnell wechselte sie das Thema. „Ähm, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Zoe.“

„Ich weiß. David hat sein ‚California Girl‘ schon angekündigt.“ Phoebe lehnte sich lächelnd an die Metallwand der Fahrstuhlkabine und musterte Zoe unverhohlen neugierig von oben bis unten. „Jackie wird ausflippen, wenn sie dich sieht“, stellte sie schließlich fest. „Sie hat Blondinen zu ihren Erzfeindinnen erklärt. Und du bist ein Prototyp-Blondie.“

„Was soll das denn heißen? Prototyp-Blondie?“, forschte Zoe nach.

„Das weißt du nicht?“, meinte Phoebe überrascht. „Hast du zu Hause die Spiegel verhängt? Du siehst aus wie Barbie. Der Traum aller Männer und das Lieblingsgirlie der Modeindustrie.“

„Ach, das ist doch Blödsinn!“ Verschämt senkte sie den Blick. Sie hatte bisher nie viel Aufheben um ihr Aussehen gemacht. Natürlich wusste sie, dass sie hübsch war. In Barstow hatte sie sich vor Verehrern kaum retten können. Und ein Jahr nach ihrem Highschoolabschluss war sie beim großen Footballspiel zur Homecoming Queen gekürt worden. Aber Zoe war der Meinung, dass schon Schönere als sie gestorben waren. Dass sie nun in New York war und die ersten Schritte auf dem Weg zur Modelkarriere machte, hielt sie im Grunde immer noch für ein Versehen.

„Wir sind da“, sagte Phoebe plötzlich und schob Zoe durch die offene Aufzugtür direkt in das Model-Apartment.

„Wow!“, rief Zoe wenig später, als sie die moderne und elegant eingerichtete Wohnung sah. Hier war alles vom Feinsten. Weißer Teppich, beige Designermöbel, Andy-Warhol-Bilder an den Wänden … „Sind die echt?“, fragte Zoe und berührte vorsichtig die Pop-Art-Gemälde.

„Ja“, erwiderte Phoebe. „David ist überzeugt, dass eine edle Umgebung sich positiv auf uns auswirkt. Dass wir ein anderes Stilempfinden bekommen. Ich glaube allerdings, das ist Quatsch! David will nur mit seinem Geld angeben und Eindruck schinden. Man weiß ja nie, wer mal zu Besuch kommt.“ Phoebe lachte.

Zoe lächelte. Sie mochte Phoebes freche Art. „Wie viele Models wohnen hier?“

„Du, ich und Jackie.“

„Und wer ist Jackie?“

„Ich“, antwortete eine ebenso sinnliche wie herrische Stimme.

Zoe fuhr herum und blickte in die grünblauen Mandelaugen einer exotischen Schönheit. Jackie erinnerte sie an Prinzessin Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht. Sie hatte langes schwarzes Haar und für ein Model viele Kurven, was ihr eine sexy Ausstrahlung verlieh. Sie sah heiß aus. Das hätte zumindest Cassidy gesagt, wenn er Jackie gesehen hätte. Und an ihrem Gesichtsausdruck erkannte Zoe, dass Jackie sich ihres Aussehens durchaus bewusst war.

Kühl musterte sie Zoe, verzog schließlich geringschätzig den Mund und meinte: „Blond ist so was von out. Wo hatte David nur seine Augen, als er sich für dich entschieden hat?“ Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging in den hinteren Teil des Apartments.

Sprachlos sah Zoe ihr nach. So war sie noch nie begrüßt worden. Sie spürte, dass ihr die Wangen glühten, nachdem sie die beleidigenden Worte gehört hatte. Und Zoe ärgerte sich maßlos, weil ihr keine schlagfertige Antwort eingefallen war. Manchmal hasste sie sich für ihre Zurückhaltung und Höflichkeit.

„Lass dich von ihr nicht beeindrucken“, murmelte Phoebe. „Jackie ist einfach anstrengend und zickig. Sie will unbedingt die Nummer eins bei ‚Model Inc.‘ werden. Und dafür geht sie über Leichen. Sie hasst jede Konkurrentin und versucht, sie mit fiesen Sprüchen einzuschüchtern. Sieh es so: Eigentlich hat sie dir gerade ein Kompliment gemacht. Sie findet dich schön und hat Angst, du könntest ihr die Jobs wegschnappen.“

„Du hast gut reden.“ Zoe spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Mit Bosheit hatte sie noch nie umgehen können. Und wie sollte sie das Prada-Shooting meistern, wenn sie bei jeder Kleinigkeit die Beherrschung verlor? Allein, weit weg von ihrer Mutter und ihren Freunden fühlte sie sich sehr verletzlich.

„Nicht doch.“ Phoebe nahm sie in den Arm. „Keine Tränen! Nicht wegen Jackie! Komm, ich bring dich in dein Zimmer.“

„Normalerweise weine ich nicht so schnell. Aber …“ Zoe brach ab und schluckte hart.

„Hey, du musst dich nicht entschuldigen. Ich habe die erste Woche in New York auch Rotz und Wasser geheult. Und das, ohne dass Jackie mir doof gekommen wäre. Ich habe mein altes Leben in unserem Dorf in Mississippi vermisst und mich total einsam und überfordert gefühlt. Das vergeht. Glaub mir. Und wenn es ganz schlimm wird, kannst du immer zu mir kommen. Okay?“

„Danke, du bist echt nett.“

„Ach, Quatsch! Ich bin nur froh, dass endlich jemand Sympathisches hier einzieht, und ich mich nicht mehr mit Jackie abgeben muss.“

„Hat sie dich auch so fertiggemacht?“

„Sie hat’s versucht.“

„Und?“

Phoebe lächelte verschmitzt und ballte die Hand zur Faust. „Ich habe ihr Prügel angedroht.“

Zoe lachte. „Das wirkt?“

„Und wie! Jackie hat vor nichts mehr Angst, als dass sie sich die Optik ruiniert.“

Erleichtert stellte Zoe ihre Reisetasche ab. Jetzt waren ihre Tränen wieder fort.

„Lass uns von was anderem reden. Jackie ist keinen zweiten Gedanken wert. Sieh dir lieber dein neues Reich an!“

Kurz darauf stieß Phoebe die Tür zu Zoes Zimmer auf – einem Traum aus dezentem Rosa und Weiß.

„David weiß, wovon Mädchen träumen!“, rief Zoe und sprang auf das romantische Himmelbett.

„Allerdings“, erwiderte Phoebe und warf sich neben sie auf die weiche Tagesdecke. „Aber alles hat seinen Preis. David verwöhnt uns. Doch dafür erwartet er Höchstleistungen. Und wenn du nicht spurst …“ Phoebe schnippte mit den Fingern. „… bist du von heute auf morgen weg.“

Sie lachte. „Ach, Zoe, jetzt guck nicht so entsetzt! Du schaffst das schon. Pass auf! Ich verrate dir, wie es bei ‚Model Inc.‘ läuft …“

Phoebe stützte die Ellenbogen auf und sah Zoe ernst an. „Also, ich erkläre dir jetzt Dos und Don’ts von ‚Model Inc.‘“

Erst als Zoe den Löffel in die Müslischale gelegt hatte, fuhr Phoebe fort: „Erstens: David erwartet Disziplin. Das heißt, wir müssen unser Gewicht halten und auf unsere Ernährung achten. Sport treiben.“

Sie lächelte. „Das bedeutet: Ausgehen ja, ausflippen nein! Ein ‚Model Inc.‘-Girl sollen die Leser auf dem Cover einer Zeitung, nicht in den Klatschspalten sehen – außer es ist der Agentur zuträglich. So sagt David es immer.“

Zoe lächelte. „Klingt nachvollziehbar.“

„Gut.

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