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Tony Cantrell und die tödlichen Dollars Privatdetektiv Tony Cantrell #56

Tony Cantrell und die tödlichen Dollars Privatdetektiv Tony Cantrell #56

Horst Friedrichs

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Inhaltsverzeichnis

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Tony Cantrell und die tödlichen Dollars

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Tony Cantrell und die tödlichen Dollars

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Privatdetektiv Tony Cantrell #56

von Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.

Die versuchte Erpressung eines Bankdirektor löst bei der Polizei eine Menge Fragen aus. Gleichzeitig ist die Unterwelt in Aufruhr, denn es werden immer mehr tote Ganoven gefunden, und niemand weiß, wer dieses Großreinemachen veranstaltet. Der Leitende Staatsanwalt Snyder bittet den Detektiv Tony Cantrell, mehr über die Hintergründe herauszufinden. Ein Auftrag mit tödlichem Beigeschmack.

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Hastig wischte sich Dinky Morton den Angstschweiß von der Stirn. Es half nichts. Es war kein böser Traum. Der gedrungene Zuträger starrte in die schwarze Mündung einer Tommygun, die genau auf sein Herz zeigte. Ernie Staszik, der Killer der Gang, stand breitbeinig vor ihm, das Neonlicht der Bogenlampe im Rücken. Er trug eine schwarze Lederjacke. Schattenhaft zeichnete sich seine athletische Statur vor dem hellen Hintergrund ab.

Dennoch konnte Dinky Morton das Gesicht des Killers erkennen. Den linken Mundwinkel hatte Staszik verächtlich nach unten gezogen. Der Zigarillo darin war längst erkaltet.

Der Lauf der Tommygun ruckte höher. Halt suchend krallten sich Mortons Hände in die raue Betonwand des Fabrikgebäudes. Es war still. Der Verkehrslärm der City drang wie aus weiter Ferne als monotones Rauschen herüber.

„Waschlappen!“, knurrte der Killer. „Ruf deine Mammy um Hilfe! Vielleicht hat sie mehr Mumm in den Knochen als ihr dreckiger Sprössling.“

„Nein“, heulte Dinky Morton.

Sein hagerer Körper klebte an der Betonwand. „Nein, Ernie! Ich habe keinen von euch verpfiffen, bestimmt nicht! Du kannst mich doch nicht umlegen für etwas, was ich nicht getan habe!“

„Miese kleine Ratte!“ Der Killer spuckte seinen Zigarillo aus. Seine linke Hand machte eine kurze Bewegung. Knackend flog der Sicherungsflügel der Tommygun herum. Wie von einem Peitschenhieb getroffen, zuckte Dinky Morton zusammen.

„Mir erzählst du keine Märchen“, blaffte Staszik ihn an. Seine dunklen Augen waren eiskalt und unbeweglich. „Deine Henkersmahlzeit hab’ ich leider nicht parat. Wenn du willst, kannst du noch ’n paar Takte beten. Na, los! Fang an!“ Auffordernd schwenkte die Maschinenpistole nach oben.

„Hör auf!“, keuchte Dinky Morton. Das Schluchzen schüttelte seinen Körper. „Hör auf, du verdammte Ratte! Du bist eine teuflische Maschine, die für lumpige Dollars mordet. Mehr nicht, Ernie Staszik! Ich werde nicht um Gnade winseln und vor dir auf die Knie fallen. Drück endlich ab! Ich will’s hinter mir haben.“

„Ein feines Gebet, Dinky!“ Der Killer grinste tückisch. „Ich tu dir den Gefallen, alter Junge.“

Der rechte Zeigefinger des Mörders krümmte sich. Rasend schnell hämmerte die Tommygun ihr ratterndes Stakkato in die nächtliche Stille. Klickend fielen fünfzehn leere Patronenhülsen auf das Pflaster. Das Echo der Schüsse verebbte schnell.

Dinky Morton hörte die Schritte des Killers nicht mehr, der die Maschinenpistole unter die linke Achselhöhle klemmte und in der Dunkelheit des menschenleeren Fabrikhofes verschwand. Dinky Morton war tot.

Ernie Staszik hatte es nicht sonderlich eilig. Er trat durch das gewaltsam geöffnete Fabriktor auf den schmalen Bürgersteig der Sackgasse, Staszik wusste, dass hier zu diesem Zeitpunkt weder Nachtwächter noch Polizeistreifen anzutreffen waren.

Er näherte sich dem Ende der Sackgasse, die völlig im Dunkeln lag. Die Scheinwerfer eines dunkelblauen Pontiac flammten auf. Im gleichen Moment erklang das sanfte Schnurren des Motors.

Ernie Staszik ging auf den Wagen zu. Die hintere linke Tür wurde aufgestoßen. Der Killer beugte sich herunter und reichte seine Waffe ins Wageninnere.

„Danke“, sagte eine kalte Stimme. Es war das letzte Wort, das Ernie Staszik in seinem Leben hörte. Sein Mund weitete sich in grenzenlosem Erstaunen.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in die grellen Feuerblitze, die vor ihm aufzuckten. Ernie Staszik war tot, noch ehe er zur Seite sackte und dumpf auf den Boden schlug.

Die Tür des Pontiac schnappte ins Schloss. Mit röhrendem Motor und kreischenden Reifen schoss der schwere Wagen davon.

Dinky Morton und sein Mörder Ernie Staszik spürten die feuchte Kühle nicht mehr, die über der Millionenstadt Chicago lag. Nebelschwaden waberten über ihre leblosen Körper.

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Zum zehnten Mal dröhnte Lee Marvins Stimme aus den Stereolautsprechern der Musikbox.

„Himmlisch!“, kreischte das grell geschminkte Girl mit dem super-blonden Haar. „Ist das ein Mann, verdammt noch mal! Dieser Bass lässt einem den Magen vibrieren.“

Sie hängte sich an die breite Schulter des Mannes, der rechts neben ihr an der Bar hockte.

„Du bist der einzige in diesem Laden, der Lee Marvin bei mir ausstechen könnte, Kleiner“, flüsterte sie in sein Ohr.

Er wandte den Kopf zur Seite. Sekundenlang ruhte sein Blick auf ihren prallen Schenkeln, die von einem knallroten Minirock mehr enthüllt als verdeckt wurden.

„Versuch dein Glück bei Lee Marvin“, brummte er dann, „bei mir hast du Pech, Süße.“ Mit einem Ruck schüttelte er ihren Arm von seiner Schulter.

Die Blondine erstarrte. Ihr Mund klappte auf. Es dauerte eine Weile, bis sie sich erholt hatte.

„Du mieser Halunke!“, schrie sie schrill und rutschte von ihrem Barhocker. „Glaub nicht, dass du mich zum Narren halten kannst! Von deiner Sorte kann ich an jedem Finger zehn haben, wenn ich will.“ Wütend machte sie kehrt. Irgendwo im schummrigen Hintergrund der Kneipe tauchte sie unter.

Der Mann, der das Girl tödlich beleidigt hatte, blickte beifallheischend in die Runde. Er trug einen derben dunkelblauen Pullover und weite Seemannshosen. Sein dunkles Haar wirkte ungepflegt und struppig.

„Bei der bist du für immer abgemeldet“, machte sich sein Nachbar zur Rechten bemerkbar.

„He, Keeper!“, prustete der Sailor und winkte den Mann hinter der Theke heran. „Bring uns beiden ’nen vornehmen Whisky.“

Zwei Minuten später schwappte die ölig-braune Flüssigkeit vor ihnen in dickwandigen Gläsern. Der Sailor ergriff beide und reichte eines seinem Nebenmann.

„Cheers, Alter. Auf dass dir noch ’n paar nette Trinksprüche einfallen!“

„Wäre durchaus möglich, Sailor-Boy. Übrigens, ich heiße Stuff, schlicht und einfach Stuff.“

„Fein! Mein Alter ließ mich auf den hübschen Namen Sam taufen. Später schickte er mich zur christlichen Seefahrt.“

Sie schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, kippten den Bourbon in sich hinein und knallten das Glas auf die Theke.

„Noch mal das gleiche, Red!“, grölte Stuff. Sein pockennarbiges Gesicht war gerötet. Das kurzgeschorene Stoppelhaar schimmerte bläulich-schwarz in der Barbeleuchtung.

„Wieso Red?“, wunderte sich Sam und deutete mit dem Daumen auf den Barkeeper. „Der hat doch nicht mal rotes Haar.“

„Stimmt genau. Sein richtiger Name ist Ruby Nichols, weißt du. Vor Jahren hat er mal behauptet, er wäre mit diesem berühmten Jazztrompeter, Red Nichols, verwandt. Seit damals heißt er bei uns nur noch Red.“

„Ist er denn mit ihm verwandt?“

„Nicht die Spur, es sollte ’n Reklamegag sein. Aber als er merkte, dass ihn alle damit aufzogen, hat unser lieber Ruby die Story schnell vergessen.“

„Mir scheint, du bist Stammgast hier, wie?“

In den Augen des Pockennarbigen flackerten Warnlämpchen auf.

„Wie man’s nimmt, Sam“, antwortete er gedehnt, „ich bin oft hier, kann man sagen. Gegenfrage: Bist du zum ersten Mal in diesem Laden?“

„Stimmt haargenau.“ Sam beugte sich an das Ohr seines Nebenmannes. „Die Kneipe wurde mir empfohlen, wenn du’s genau wissen willst“, flüsterte er vertrauensselig.

Stuff schluckte. Er ergriff die beiden gefüllten Whiskygläser, um seine Verwunderung zu verbergen.

„Cheers, Sam!“

„Cheers!“

„Hör’ mal, das musst du mir ’n bisschen näher erklären, Alter. Wer hat dir diesen miesen Laden empfohlen?“

Sam senkte seine Stimme zum Flüsterton. Stuff musste sich vorbeugen, um ihn zu verstehen.

„Ich komme aus New York, weißt du. Ich denke, dir kann ich’s anvertrauen. Du siehst mir nach ’nem guten Kumpel aus ...“

Stuff nickte eifrig.

„Nun“, fuhr der Sailor fort, „drüben in Brooklyn ist es mir zu ungemütlich geworden. Also hab’ ich vorübergehend auf ’nem Pott angeheuert, und jetzt bin ich hier in Chic gelandet. Kennst du Harry Gonella?“

„Möglich, der Name kommt mir bekannt vor.“

„Egal, er hat mir jedenfalls den Tipp gegeben. Geh’ in den Sailors Moon, sagte er, wenn du ’nen guten Job brauchst, ist das der beste Ort. Harry Gonella fuhr auf dem gleichen Kahn. Er stammt aus Chicago, wie er sagte.“

„Du suchst also ’nen Job“, resümierte Stuff lauernd.

„So ist es.“

„Schon einen gefunden?“

„Dann säße ich nicht mehr hier.“

„Darf ich dir auch ’nen Tipp geben, Sam?“

„Für so was bin ich immer dankbar.“ Jetzt war es der Pockennarbige, der sich vorbeugte und seine Stimme zum Flüsterton senkte.

„Ich rate dir, hau’ wieder ab! In Chicago ist der Boden noch heißer als in Brooklyn.“

„Wie bitte?“ Sam hob verwundert den Kopf. „Wer hat dir denn dieses Märchen gesteckt?“

„Nicht so laut!“, zischte Stuff. „Es ist mein völliger Ernst, Sam. Wenn du zum ersten Mal in Chicago Land gewinnen willst, ist das der ungünstigste Zeitpunkt, den du erwischen konntest.“

„Jetzt versteh’ ich überhaupt nichts mehr.“

„Ich kann dir nur soviel sagen: Im Moment ist es verdammt gefährlich, sich bei uns niederzulassen. Ehe du dich versiehst, hast du ’ne Kugel im Balg, mein Freund. Du wärst nicht der erste, dem es so geht, Sam.“

„So was gibt’s in Brooklyn auch. Gefährlich lebt man fast überall.“

„Richtig. Aber bei uns liegen die Dinge anders. Irgendeine Riesenschweinerei ist im Gange. Frag mich nicht nach Einzelheiten. Soviel ist jedenfalls sicher: Selbst die großen Bosse kriegen in Chicago das Zittern.“

„Vor den Bullen?“

„Quatsch! Das wäre nichts Neues. Es steckt was anderes dahinter.“

„Okay“, lenkte der Sailor ein, „ich werd’ mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen.“

„Das ist das beste, was du tun kannst“, pflichtete ihm der Pockennarbige bei, „du bist ’n vernünftiger Bursche, deshalb habe ich dich gewarnt.“

„Heißen Dank dafür.“ Der Mann mit dem derben Pullover und den weiten Seemannshosen trank sein Glas aus, knallte ein paar Geldstücke auf die Theke und schwang sich vom Barhocker.

„Wird Zeit, dass ich gehe. So long, Stuff!“

„So long, Sam.“

Der Seemann spürte die Blicke des anderen in seinem Rücken, als er sich durch das Gewühl im Halbdunkel der Kneipe zwängte und dem Ausgang zustrebte. Unbehelligt trat er ins Freie und blickte sich nach allen Seiten um.

Die Ontario Street war dunkel und menschenleer. Nur die schwache Leuchtreklame des „Sailors Moon“ erhellte einen Teil des Bürgersteigs. Aus dem Inneren der Kneipe drang dumpfes Stimmengewirr, vermischt mit dem Hämmern der Musikbox. Vom nahen Lake Michigan wehte eine feuchte Brise herüber. Der Himmel war tiefschwarz und wolkenverhangen.

Sam schob die Hände in die Hosentaschen und marschierte die Straße hinunter in Richtung City. Mehrmals wandte er sich um. Doch es war kein Verfolger zu entdecken. An der nächsten Ecke bog er nach links ab. Fünf Minuten später tauchten die Scheinwerfern einer Limousine auf. Er hatte Glück. Es war ein Taxi. Sam sprang auf die Fahrbahn und winkte. Der Wagen stoppte unmittelbar vor seinen Füßen. Die rechte Tür wurde aufgestoßen. Der Mann in der Seemannskleidung stieg ein.

„123, Clinton Street, Western Springs“, sagte er.

„Soll das ’n Witz sein?“, grunzte der Fahrer belustigt. „Wenn du mich auf den Arm nehmen willst, steigst du am besten gleich wieder aus, Buddy!“

„Ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt, Mister. Und nun fahren Sie bitte los. Die Gegend hier gefällt mir nämlich nicht sonderlich.“

Der Driver musterte seinen Fahrgast im schwachen Schein der Innenbeleuchtung. Er zuckte die Schultern und gab Gas.

Die Fahrt nach Western Springs, dem vornehmen Villenvorort von Chicago, dauerte nur eine knappe halbe Stunde. Der Verkehr in der Sieben-Millionen-Stadt war zu diesem Zeitpunkt, kurz nach Mitternacht, auf ein Minimum herabgesunken. Unterwegs überzeugte sich der Mann, der sich Sam genannt hatte, mehrmals davon, dass ihnen kehr anderer Wagen folgte.

Das Taxi stoppte vor dem Bungalow mit der Nummer 123, der in einem parkähnlichen Gartengrundstück lag. Einige der Fenster des Bungalows waren noch erleuchtet. Der Seemann drückte dem Driver einen Geldschein in die Hand und wartete, bis das Taxi außer Sichtweite war. Dann betrat er das Grundstück und verschwand spurlos im Dunkel des Gartens.

Sein Gesprächspartner aus dem „Sailors Moon“ wäre vermutlich vor Schreck vom Stuhl gefallen, hätte er den vermeintlichen Seemann kurz darauf im Bungalow wieder auftauchen sehen.

Morton Philby betrat das Arbeitszimmer.

„Vom Feindflug zurück“, erklärte er gutgelaunt, „keine besonderen Vorkommnisse.“

Tony Cantrell, der Besitzer des Bungalows, antwortete mit einem Lächeln.

„Setz dich, Silk“, forderte er seinen Mitarbeiter auf, „Carol wird dir einen Kaffee geben.“

Carol, Cantrells blonde Frau, stand lächelnd auf und verließ den Raum für einen Moment. Als Silk sich in einen der Besuchersessel sinken ließ, kam sie mit einer verchromten Kanne zurück. Sie

holte ein Gedeck aus dem kleinen Geschirrschrank und servierte Silk einen Kaffee, der den Raum augenblicklich mit aromatischem Duft füllte.

„Nun, Silk, hast du Erfolg gehabt?“, wandte sich Tony Cantrell an seinen Mitarbeiter, der als ein Meister der Maske galt.

„Zum Teil“, erwiderte der dunkelhaarige Detektiv, „es ist immer das gleiche. Sobald es um die Details geht, kneifen die Burschen.“ Ausführlich berichtete er über sein Gespräch in der Seemannskneipe an der Ontario Street. In Cantrell, dessen Frau Carol und seinem Freund Butch fand er aufmerksame Zuhörer.

„Das bestätigt unsere bisherigen Vermutungen“, folgerte der Anwalt, als Silk seinen Bericht beendet hatte, „die wachsende Unsicherheit in der Unterwelt kommt nicht von ungefähr. Wir müssen unbedingt herausbekommen, aus welcher Richtung diese unbekannte Gefahr droht, vor der die Gangster förmlich zittern.“

„Diese brutalen Morde erinnern an die Zeiten vor dem Krieg“, fügte Butch hinzu, „damals wäre es nichts Außergewöhnliches gewesen, dass ein Gangster nach dem anderen tot aufgefunden wird.“

„Du meinst, eine Art Machtkampf unter den Syndikaten“, nickte Silk.

„Die Zeiten sind vorbei“, warf Carol ein, „die Syndikate, die es heute noch gibt, haben alle Hände voll zu tun, um gegen die Polizei bestehen zu können.“

„So einfach kann man die Sache nicht sehen“, gab ihr Mann zu bedenken; „obwohl es für heutige Zeiten unwahrscheinlich klingt, dass sich die Rackets untereinander bekriegen, sollte man doch diese Möglichkeit nicht mit einer Handbewegung vom Tisch fegen. Aber ich denke, wir werden die Hintergründe herausbekommen.“

„Mit Silk als Maskenkünstler kein Problem“, grinste Butch.

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Melvin Harris öffnete das flache Lederkästchen, das vor ihm auf dem wuchtigen Schreibtisch stand, und zündete sich einen der leichten Zigarillos an, die er mit Vorliebe rauchte. Als er das Streichholz hob, sah er, dass seine Hände kaum merklich zitterten.

Harris’ Büro lag im zwölften Stockwerk. Der Raum hatte drei Fenster und war mit einem flauschigen, dunkelblauen Teppichboden ausgelegt. Sechs dicke Ledersessel, ein flacher Glastisch und der Schreibtisch waren das einzige Inventar, das die Größe des Zimmers noch unterstrich.

Melvin Harris war seit fast neun Jahren Direktor der Western Trust & Savings Bank, einer der Großbanken von Chicago. Der untersetzte Mann mit der beginnenden Halbglatze machte einen energischen und selbstbewussten Eindruck. Trotz des leichten Bauchansatzes wirkte er nicht fett. In seinem runden Gesicht strahlten die eisgrauen Augen kühle Überlegenheit aus.

Zum wiederholten Male blickte Harris auf seine Armbanduhr.

„Es ist soweit“, murmelte er gedankenverloren. „Wenn er pünktlich ist, müsste er jetzt ...“

Das Schrillen des Telefons unterbrach ihn. Harris atmete auf. Er nahm den Hörer ab und meldete sich.

Eine männliche Stimme drang aus der Membran. Gelassen hörte der Bankdirektor zu. Das Gespräch dauerte keine zwei Minuten.

„In Ordnung“, sagte Harris ruhig, „so long.“ Als er aufgelegt hatte, änderte sich seine Gemütsverfassung schlagartig.

Wie von einer Tarantel gestochen sprang Melvin Harris auf, eilte um den Schreibtisch herum und riss die Tür zum Vorzimmer auf.

„Miss Densing“, keuchte er atemlos, „es ist nicht zu fassen! Mein Gott ...“ Er schlug sich stöhnend mit der flachen Hand vor die Stirn und blieb mit hängenden Schultern im Türrahmen stehen.

Seine Sekretärin war aufgesprungen. Fassungslos blickte sie ihren Chef an.

„Sir? Was haben Sie? Fühlen Sie sich nicht wohl? Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich fürchte, mir kann niemand helfen“, ächzte Harris verzweifelt. „Wenn ich bloß wüsste, was ich tun soll!“

„Sir, ich bitte Sie! Was ist geschehen?“

„Es ist kaum vorstellbar, Miss Densing“, seufzte er. „Sie werden mich vielleicht für übergeschnappt halten. Aber ich habe eben einen Anruf erhalten.“

„Einen Anruf?“

„Ja, ein Unbekannter war am Apparat. Er drohte mir und verlangte zwanzigtausend Dollar.“

„Also Erpressung“, folgerte die Sekretärin.

„Leider sieht es so aus. Mein Gott, was soll ich bloß tun?“

„Aber Sir, Sie werden die Polizei verständigen und sich nicht weiter um die Sache kümmern. Eine andere Möglichkeit gibt es doch nicht. Ich werde für Sie anrufen.“ Die Hand des bebrillten Girls wollte den Telefonhörer ergreifen.

„Halt, Miss Densing!“, stoppte seine Stimme ihre Bewegung. „Kommen Sie, hören Sie sich erst einmal an, was der Kerl gesagt hat. Ich habe sofort das Tonband eingeschaltet, als ich merkte, woher der Wind wehte. Wenn Sie es gehört haben, sagen Sie mir, was Sie davon halten.“

Sie nickte und folgte ihm in sein Büro. Harris zog eine der Schreibtischschubladen auf, in der sich ein eingebautes Tonbandgerät befand. Er drückte auf einen Knopf. Aus einem verborgenen Lautsprecher erklang ein leises Rauschen, unterbrochen von unregelmäßigen Knacklauten.

„Der Herr Direktor persönlich?“, ertönte plötzlich eine höhnische Stimme.

„Ja, am Apparat“, antwortete Harris’ unverkennbares Organ.

„Hören Sie gut zu, mein Lieber! Was ich jetzt sage, ist verdammt wichtig!“

„Aber, wer ist denn da?“

„Das spielt keine Rolle, Harris. Also, um es gleich vorwegzunehmen, ich verlange von Ihnen zwanzigtausend Dollar. In bar, versteht sich!“

„Wie bitte?“

„Sie haben richtig gehört, zwanzigtausend Dollar! Vermutlich werden Sie sich fragen, wofür. Auch das ist schnell erklärt. Ich habe Beweise dafür, dass Sie sich vor zwanzig Jahren um ein Kriegsgerichtsverfahren gedrückt haben, das vermutlich mit einem Todesurteil für Sie ausgegangen wäre. Damals ist es Ihnen gelungen, die beiden einzigen Zeugen des Massakers in Korea zu bestechen. Sie haben eine hübsche Stange Geld dafür ausgespuckt, stimmt’s? Soll ich weitere Einzelheiten nennen?“

„Um Himmels willen, hören Sie auf!“

„Okay, Sie wissen also, woher der Wind weht. Ich brauche das Geld in drei Tagen. Hunderter-Scheine, nicht fortlaufend nummeriert. Und kommen Sie nicht auf die Idee, die Nummern zu notieren. Sie kriegen das Beweismaterial erst, wenn ich die Scheinchen gefahrlos umgewechselt habe, kapiert?“

„Ja, und wie soll ich ...“

„Ort und Zeitpunkt der Übergabe gebe ich Ihnen noch rechtzeitig bekannt. Sie können die Bucks inzwischen schon besorgen. So long!“

Ein Knacken zeigte, dass die Verbindung unterbrochen war.

Melvin Harris schaltete das Tonbandgerät ab. Fragend blickte er seine Sekretärin an.

„Nun, Miss Densing?“

„Ich bleibe dabei, Sir.“ Ihre Stimme war fest und entschlossen. „Nur die Polizei kann Ihnen helfen. Ich werde für Sie anrufen, wenn Sie erlauben.“

„Aber ...“ Er machte ein hilfloses Gesicht. „Die Sache mit Korea, wenn das ans Tageslicht kommt!

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