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Die Söhne der Kings

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Eine Hochzeit in der Familie King – aber nicht ihre und Tommys, von der sie so oft geträumt hatte.

Obwohl Samantha Connelly sich immer wieder sagte, dass es hässlich sei, Menschen zu beneiden, die sie wirklich mochte und denen sie alles Glück der Welt wünschte, wollte dieses Gefühl nicht verschwinden. In ungefähr einer Stunde würde Miranda Wade mit Nathan King die Ringe tauschen, und Sam wusste, dass sie vor Neid vergehen würde.

Das Schlimmste war, sie musste der Zeremonie auch noch aus nächster Nähe beiwohnen, denn als Mirandas einzige Brautjungfer konnte sie sich nicht einfach verdrücken und in der großen Schar der übrigen Gäste untertauchen. Nein, sie musste ihre Pflichten als Helferin der Braut erfüllen und es ertragen, die ganze Zeit über aufs Engste mit Tommy King, dem Trauzeugen des Bräutigams, verbunden zu sein, wobei sie sich jede Sekunde wünschen würde, sie wäre die Braut und Nathans jüngerer Bruder der Bräutigam.

Tommy – der sie immer noch wie eine kleine Schwester behandelte, die man aufzog und neckte und als selbstverständlichen Teil seines Lebens hinnahm. Tommy – der vermutlich jeder attraktiven Frau auf der Hochzeit schöne Augen machen würde. Aber nicht ihr, Sam. Niemals ihr. Und zu guter Letzt würde sie dann wieder ihre spitze Zunge an ihm ausprobieren, obwohl sie sich eigentlich nach etwas ganz anderem sehnte.

Ein Klopfen an der Tür riss Sam aus ihren düsteren Gedanken. “Bist du angezogen, Sam? Darf ich hereinkommen?”, hörte sie die ihr vertraute Stimme von Elizabeth King.

Sam nahm sich zusammen, denn sie wusste, dass den scharfen Augen von Tommys Mutter so schnell nichts entging. “Ja, ich bin bereit”, rief sie betont fröhlich.

Elizabeth betrat das Zimmer, das vor Jahren Sam zugeteilt worden war, als sie damals angefangen hatte, für die Kings zu arbeiten, zunächst auf der großen Rinderfarm “King’s Eden”. Das war schon lange her, dennoch hatte Sam immer noch das Gefühl, hier im großen Farmhaus zu Hause zu sein mit Elizabeth King in der Rolle ihrer Ersatzmutter. Entsprechend liebevoll lächelten sie einander an, als sie sich jetzt in ihrer festlichen Hochzeitskleidung begutachteten.

“Du siehst wundervoll aus, Elizabeth”, sagte Sam, wobei sie den Blick bewundernd über das silbergraue Ensemble aus feinstem Seidenjersey gleiten ließ. Satinbiesen zierten die Säume des Oberteils und des langen Rocks, und im Ausschnitt schimmerte wie üblich eine kostbare Perlenkette. Obwohl schon über sechzig, war Elizabeth King immer noch eine sehr attraktive Frau – groß, schlank, das glänzende weiße Haar elegant frisiert, und in ihrem noch erstaunlich glatten Gesicht funkelten ausdrucksvolle braune Augen, die Tommy von ihr geerbt hatte.

“Du aber auch, Sam”, erwiderte sie herzlich. “Ich habe dich noch nie so schön gesehen.”

Sam lachte verlegen. “Das Wunder der Kosmetik. Ich erkenne mich kaum wieder. Ohne Sommersprossen, das Haar hochfrisiert …” Sie drehte sich vor dem Spiegel. “Wie eine Fremde.”

“Nur, weil du dich nie bemüht hast, etwas aus dir zu machen”, sagte Elizabeth und kam an ihre Seite. Ihre Blicke begegneten sich im Spiegel. “Manchmal tut es einer Frau gut, zu sehen, wie schön sie sein kann.”

Würde Tommy sie schön und sexy finden? Das enge, trägerlose fliederfarbene Satinkleid betonte gewiss die sanften Rundungen ihrer zierlichen Figur. Zwar besaß sie nicht die üppigen Reize wie Miranda, dennoch konnte Sam mit ihren Proportionen zufrieden sein, die im Einklang mit ihrer nur durchschnittlichen Größe standen. Das schimmernde lange Kleid ließ sie zweifellos ungewohnt elegant wirken … aber sexy?

“Nun, wenigstens sehe ich in dem Kleid nicht wie ein Wildfang aus”, bemerkte sie mit einem Anflug von Selbstironie.

“Du solltest dich auch nicht wie einer fühlen. Warum genießt du es heute nicht einmal, eine Frau zu sein? Lass dich einfach von dem Bild, das du im Spiegel siehst, bezaubern, und nimm es an.”

“Aber das bin ich doch nicht wirklich. Dieses kunstvolle Make-up …”

“… lässt deine hübschen blauen Augen leuchten und bringt dein zartes Gesicht zur Geltung.”

“Ich habe mein Haar noch nie so getragen!” Vorsichtig berührte Sam die kupferrote Pracht, die hochfrisiert und zu einer Lockenkrone oben auf ihrem Kopf festgesteckt worden war. Normalerweise trug Sam ihr Haar offen in einer wilden Lockenmähne, unter der sie sich und ihre Gefühle, wenn nötig, verstecken konnte. So aber fühlte sie sich den Blicken anderer schutzlos ausgeliefert. Überdies zweifelte sie, ob es eine kluge Idee gewesen war, diese fliederfarbene Seidenrose seitlich in die Locken zu stecken. Früher oder später würde sie sich vermutlich aus den Haarklammern lösen und herunterfallen. Aber Miranda hatte ganz bestimmte Vorstellungen vom Aussehen ihrer Brautjungfer gehabt, weshalb Sam es nicht gewagt hatte, der Friseuse zu widersprechen.

“Siehst du denn nicht, wie elegant die Frisur ist?”, sagte Elizabeth nun beschwörend. “Endlich einmal wird dein zartes Gesicht nicht von einem Wust von Locken erdrückt, und die Hochfrisur bringt außerdem die zierliche Silhouette deiner Schulterpartie und deinen makellosen, hellen Teint zur Geltung.”

Sam aber fühlte sich einfach nur sehr nackt, und da sie ein so elegantes Outfit nicht gewöhnt war, hatte sie eine Heidenangst, sich darin lächerlich zu machen. Was, wenn die Seidenrose herunterfallen und sich ihre wilden Locken lösen würden? Sie konnte sich Tommys Lachen lebhaft vorstellen, wenn sich der elegante Schein in nichts auflösen würde!

“Das bin einfach nicht ich”, wiederholte sie seufzend. Bestimmt würde sie früher oder später das kunstvolle Make-up vergessen und es verschmieren und schließlich nur noch aussehen wie ein trauriger Clown!

“Das bist du!” Elizabeth fasste sie bei den Armen, als wollte sie sie schütteln. Doch dann begnügte sie sich damit, Sam zu zwingen, noch einmal in den Spiegel zu sehen. “Es ist der Teil von dir, der du hättest sein können, wenn du nicht auf einer Rinderfarm im Outback aufgewachsen wärst – immer in Konkurrenz mit den Männern, unter dem Druck, dir und allen zu beweisen, dass du alles, was sie tun, genauso gut, wenn nicht besser machen kannst, angefangen vom Zureiten der Pferde bis hin zum Zusammentreiben der Herden mit dem Hubschrauber.”

Sam errötete trotzig. “Ich habe nicht versucht, ein Mann zu sein, Elizabeth. Ich wollte nur ihren Respekt.”

“Nun, vielleicht warst du so damit beschäftigt, dir diesen Respekt zu erringen, dass du vergessen hast, dass auch Männer sich Respekt wünschen.” Elizabeth seufzte und lächelte ironisch. “Du warst immer so wild darauf, ihnen zu beweisen, dass du sie auf ihrem ureigenen Feld schlagen kannst … hast sogar den wilden Junghengst zugeritten, den Tommy für sich reserviert hatte.”

Mit nachdenklicher Miene hörte Sam diese ungewohnte Kritik. In ihrer Erinnerung stellte sich die Sache etwas anders dar. Sie war damals achtzehn gewesen und verzweifelt bemüht, Tommys Bewunderung zu gewinnen, in der Hoffnung, dass sich zwischen ihnen eine tiefere, viel persönlichere Beziehung entwickeln würde. “Er hat es falsch angefangen”, versuchte sie ihr Handeln zu verteidigen. “Dieser Hengst wollte nicht beherrscht werden.”

“Also hast du Tommy gezeigt, wie man es richtig macht”, fügte Elizabeth bedeutsam hinzu.

Errötend dachte Sam an Tommys wütende Reaktion, als sie ihm freudestrahlend den gezähmten Hengst präsentiert hatte. “Ich wollte ihn nicht schlagen. Es war als ein Geschenk gedacht”, flüsterte sie unglücklich. “Ich dachte, Tommy würde sich freuen.”

Elizabeth schüttelte mitfühlend den Kopf. “Tommy hat sein ganzes Leben lang mit Nathan konkurriert. Deshalb hat er sich von Nathans Autorität hier auf der Rinderfarm befreit und sich sein Flugchartergeschäft aufgebaut. Um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Und er forderte dafür Nathans Anerkennung und Respekt, als er ihn später um Land von ‘King’s Eden’ bat, um es zu einem Safaripark für Touristen zu machen.” Sie sah Sam eindringlich an. “Tommy will keine Frau, die mit ihm konkurriert, Sam. Er will eine Frau, die ihm ein echter Partner ist.”

Sam schluckte die bissige Bemerkung herunter, die ihr auf der Zunge lag, denn Elizabeths Vorstellungen von den Wünschen ihres Zweitältesten waren ihrer Meinung nach von der Wirklichkeit weit entfernt. Tommy suchte sich regelmäßig Frauen, die außer einer hübschen Fassade nichts zu bieten hatten, nur dazu gedacht, seinem männlichen Ego zu schmeicheln. Wenn er tatsächlich eine echte Partnerin in all seinen Unternehmungen suchen würde, eine treue Gehilfin, eine, die ihm seelenverwandt war, dann hätte er keine Fähigere und Bereitwilligere finden können als sie, Sam, und er war dumm, es nicht zu erkennen.

Bevor das befangene Schweigen unerträglich zu werden drohte, ließ Elizabeth Sam seufzend los und kramte in ihrer silberfarbenen Handtasche. “Ich habe dir Nathans Geschenk mitgebracht.” Sie zog ein purpurfarbenes Samtkästchen hervor und legte es auf den Frisiertisch.

Sam blickte es ungläubig an. Noch nie hatte ihr jemand Schmuck geschenkt. Ein neues Pferd, einen neuen Sattel, ein Motorrad, Flugstunden … alles, was sie sich bislang zum Geburtstag oder auch sonst gewünscht hatte, war auf das gerichtet gewesen, wie sie ihr Leben gestalten wollte, und nicht auf die Betonung ihrer Weiblichkeit. “Das war doch nicht nötig”, protestierte sie schwach.

“Es ist Tradition, dass der Bräutigam der Brautjungfer seiner Braut auf diese Weise dankt”, erklärte Elizabeth ihr sanft.

“Nun, ich war ja noch nie Brautjungfer …”. Etwas nervös öffnete sie das Kästchen. Hoffentlich hatte Nathan nicht zu viel Geld für sie ausgegeben. Der Anblick eines wunderschönen Perlenanhängers an einer feinen Goldkette und der dazu passenden Perlenohrringe raubte ihr den Atem. “Das kann ich nicht annehmen!”

“Unsinn! Es passt perfekt zu deinem Kleid.” Elizabeth nahm das zarte Collier aus dem Kästchen und hängte es Sam um.

“Aber meine Ohren sind doch gar nicht durchstochen!”

“Es sind Klipps”, antwortete Elizabeth sofort. “Speziell für dich angefertigt. Leg sie an, Sam. Ich möchte sehen, wie es wirkt.”

Sam erkannte, dass jeder Widerspruch zwecklos war, da Elizabeth das Ensemble vermutlich selber ausgesucht hatte. Also befestigte sie sich mit zittrigen Fingern die Klipps an ihren zierlichen Ohren und versuchte nicht daran zu denken, dass diese wunderschönen Perlen normalerweise ein Vermögen gekostet hätten. Natürlich war das für die Kings etwas anderes, denn sie besaßen neben der riesigen Rinderfarm, die Nathan leitete, und Tommys lukrativen geschäftlichen Unternehmungen auch eine Perlenzucht in Broome, von Elizabeths Seite her, und beträchtliche Anteile an Gold- und Diamantminen, um die sich Jared, der jüngste der drei King-Brüder, kümmerte.

Der Reichtum der Kings hatte Sam nie besonders gekümmert … bis heute. Sie hatte sich ihren Unterhalt auf “King’s Eden” immer verdient, zuerst mit ihrer Arbeit auf der Rinderfarm und in den letzten Jahren als Pilotin für Tommys Ferienpark. Aber natürlich konnte sie das Geschenk des Bräutigams, das er ihr als Erinnerung an ihre Rolle auf seiner Hochzeit überreichen ließ, nicht ablehnen.

“Perfekt!” Elizabeth begutachtete sie zufrieden. “Du hast hübsche kleine Ohren und solltest sie wirklich öfter zeigen.”

“Koboldohren”, wehrte Sam ab. Damit hatte man sie schon in der Schule immer geneckt. “Diese wunderschönen Ohrringe werden mich bis heute Abend vermutlich umbringen.”

“Aber sie schmeicheln deinem zarten Gesicht und deinem schlanken Hals. Lass sie unbedingt an. Du siehst hinreißend aus … strahlend und verführerisch.”

Zwar hätte Sam sich nie mit solchen Worten beschrieben, doch sie musste zugeben, dass der schimmernde Perlenschmuck ihrem Outfit einen ganz besonderen Glanz verlieh.

“Die Kosmetikerin sollte in zehn Minuten bei Miranda fertig sein”, sagte Elizabeth mit einem Blick auf die Uhr. “Am besten gehst du dann zu ihr und hilfst ihr mit dem Kleid und dem Schleier. Ich werde jetzt nach Nathan und Tommy sehen und mich vergewissern, dass sie den Zeitplan einhalten.”

Sie war schon an der Tür, als Sam rasch sagte: “Vielen Dank, Elizabeth, für … alles.”

Elizabeth King sah Sam noch einmal eindringlich an. “Versprich mir …” Sie zögerte und besann sich anders. “Ach, das wäre wohl zu viel verlangt.”

“Bitte …”

“Nimm es bitte nicht persönlich.” Elizabeth King seufzte. “Glaub mir, ich meine es wirklich nur gut. Aber niemand hat Freude an dem ständigen Gezänk zwischen dir und Tommy. Er zieht dich auf, und du beißt sofort an. Du ziehst ihn auf, und er beißt sofort an. Meinst du, du könntest das heute, an Nathans Hochzeit, einmal sein lassen? Ich weiß, es ist dir zur Gewohnheit geworden, aber es ist kindisch …” Sie schüttelte entschuldigend den Kopf und lächelte Sam dann beschwörend an. “Die elegante Frau, die ich hier vor mir sehe, muss mit niemandem konkurrieren. Lass dich von diesem Gedanken tragen, Sam. Gewinne Respekt … einfach dafür, dass du eine Frau bist.”

Kindisch … Dieser Vorwurf ließ Sam nicht los, nachdem Elizabeth King gegangen war. Diese kleinen Wortgeplänkel zwischen Tommy und ihr hatten begonnen, als sie beide noch Teenager gewesen waren – wahrscheinlich als kindischer Versuch ihrerseits, Tommys Aufmerksamkeit zu erringen. Damals war es aber in erster Linie noch Spaß gewesen. Erst nach der Geschichte mit dem jungen Hengst war eine gewisse Schärfe hinzugekommen.

Seitdem lagen zehn Jahre spöttischer Wortgefechte hinter ihnen, und es war ihnen derart zur Gewohnheit geworden, dass Sam bezweifelte, ob sie so einfach damit aufhören könnte. Auf seltsam verdrehte Weise hatte es ihr ein Gefühl von ganz besonderer Nähe zu Tommy gegeben, das keine seiner gezierten “Freundinnen” teilen konnte, weil es viel weiter zurückreichte und auf einer fast schon familiären Vertrautheit gründete.

Doch sie wollte nicht Tommys “kleine Schwester” sein! Verzweifelt wandte Sam sich wieder der Frau im Spiegel zu. Keine Spur von kindischem Trotz war an ihr zu entdecken. Sie war elegant, strahlend, verführerisch … Konnte sie, Sam, heute diese Frau sein? Würde Tommy ihr anders begegnen, in ihr eine begehrenswerte Frau sehen, mit der er Liebe und nicht Krieg wollte?

Sam atmete tief ein und fasste einen Entschluss. Heute würde sie diese Frau sein, egal, wie schwer es ihr fallen würde. Sie würde dieses Bild in Gedanken festhalten und ihm gerecht werden. Nicht, weil Elizabeth King sie darum gebeten hatte. Nicht, weil es Nathans Hochzeit war. Sondern weil sie es plötzlich als die einzige Chance begriff, an ihrer Beziehung zu Tommy etwas Grundlegendes zu verändern. Und wenn das nicht funktionierte, gab es vielleicht gar keine Hoffnung mehr.

War sie zu hart mit Sam gewesen?

Auf dem Weg zu Nathan grübelte Elizabeth King besorgt darüber nach. Sam war für sie immer eine Kämpfernatur gewesen, eine Überlebenskünstlerin, die auch nach Niederlagen immer wieder trotzig aufstand und am Ende siegte. Doch mit Tommy kämpfte sie den falschen Kampf. Und manchmal, so überlegte Elizabeth energisch, musste man hart sein, um sich als echter Freund zu erweisen.

Dennoch bedrückte es sie, wie … verletzlich Sam ausgesehen hatte. Es gab ihr das Gefühl, dass es diesmal für diese beiden um alles ging – für den Sohn, der sie stets zum Lachen bringen konnte, und für die Kindfrau, die ihm ein Dorn im Auge geworden war, anstatt sein Herz mit Freude zu erfüllen. Die vielversprechende Beziehung zwischen den beiden hatte eine völlig falsche Richtung eingeschlagen, und Elizabeth King wusste nicht, ob sich das durch ihre Einmischung noch korrigieren ließ.

Nachdem sie jahrelang mit ansehen musste, wie die beiden sich in den Haaren lagen, war sie zu dem Schluss gelangt, dass beide zu stolz waren, um von sich aus noch etwas daran zu ändern. Vielleicht war es ja auch zu spät, und die gegenseitigen Sticheleien hatten längst das erstickt, was zwischen ihnen hätte sein können. Vergeblich hatte Elizabeth King versucht, den beiden klarzumachen, dass sie nur wertvolle Zeit vergeudeten, die sich nie wieder einholen ließ. Wenn sie es anlässlich dieser Hochzeit nicht schaffte, Sam und Tommy dazu zu bringen, sich noch einmal mit ganz anderen Augen zu sehen … nun, dann hatte sie es wenigstens versucht.

Letztendlich waren die beiden für ihr Glück allein verantwortlich. Nur traute Elizabeth King es ihnen allmählich nicht mehr zu, von sich aus den richtigen Weg einzuschlagen. Aber sie konnte es auch nicht erzwingen, sondern lediglich einen Anstoß geben.

Elizabeth King fand ihre drei Söhne an der Bar im Billardzimmer. Jared, der jüngste, schenkte ihnen gerade Champagner ein. In ihren schwarzen Hochzeitsanzügen sahen sie alle drei auffallend attraktiv aus, obwohl sie völlig unterschiedlich waren. Nathan, so groß und breitschultrig und beeindruckend männlich, war mit seinen strahlend blauen Augen und dem glatten schwarzen Haar fast das Abbild seines verstorbenen Vaters. Tommy dagegen, schwarz gelockt und stets ein spitzbübisches Funkeln in den dunkelbraunen Augen, versprühte den unwiderstehlichen Charme eines unverbesserlichen Schwerenöters. Jared schließlich schuf nicht nur durch sein Äußeres – dunkle Augen, schwarzes, leicht gewelltes Haar – einen Ausgleich zwischen seinen beiden Brüdern. Er war der Ruhigste und Zurückhaltendste von den dreien.

Einen Moment blieb Elizabeth stehen und betrachtete ihre Söhne voller Stolz. Auch Lachlan wäre stolz auf sie gewesen, dachte sie und wünschte sich, ihr Mann wäre noch am Leben und heute an ihrer Seite, um die Hochzeit seines Erstgeborenen zu feiern. Seine drei Jungs waren inzwischen längst erwachsene Männer, die ihre eigenen Wege gingen, und es tat Elizabeth gut, sie einmal wieder so locker und glücklich beieinander zu sehen, wozu sich leider viel zu selten die Gelegenheit ergab.

“Ich dachte, ihr hättet gestern Abend beim Junggesellenabschied mehr als genug getrunken”, sagte sie laut, und die drei drehten sich zu ihr um.

“Ein letzter Toast auf das Ende meines Junggesellenlebens”, sagte Nathan lächelnd.

“Zur Beruhigung der Nerven”, fügte Jared scherzhaft hinzu.

“Ich jedenfalls brauche eine Stärkung”, ergänzte Tommy. “Jeder Mann, der Sam als Partner zugeteilt wird, sollte für den Kampf gerüstet sein, und da es mich getroffen hat …”

“Du könntest es zur Abwechslung ja mal locker angehen lassen”, schlug Nathan vor. “Behandle Sam einmal wie eine Lady anstatt wie einen Sparringspartner, dann hat sie keine Angriffsfläche.”

Elizabeth warf ihrem ältesten Sohn ob dieser unerwarteten Unterstützung einen dankbaren Blick zu.

Tommy aber winkte spöttisch lächelnd ab. “Sam wie eine Lady? Erstens wüsste sie gar nicht, wie sie darauf reagieren sollte, und zweitens würde sie mich beschuldigen, sie aufzuziehen. Oder sie würde mir irgendwelche ruchlosen Absichten unterstellen und hinter allem, was ich tun oder sagen würde, eine Falle vermuten, die ich unerwartet zuschnappen ließe, wenn es ihr am unangenehmsten wäre.” Er deutete mit einer ausladenden Geste auf Elizabeth und ließ den Blick bewundernd über sie schweifen. “Dort siehst du eine wahre Lady. Du siehst wirklich wundervoll aus, Mum, und machst Nathan heute alle Ehre.”

“Danke, Tommy. Und ich denke, Samantha wird heute dir alle Ehre machen … wenn du es nur zulässt.”

“Samantha?” Er sah seine Mutter überrascht an. “Seit wann ist aus Sam Samantha geworden?”

“Das wirst du schon sehen, Tommy”, antwortete Elizabeth mit einem wissenden Lächeln, das bewusst seine Neugier anstacheln sollte.

“Ein Glas Champagner, Mum?”, bot Jared ihr an.

“Nein, danke, ich wollte mich nur vergewissern, dass ihr bereit seid und alles seinen Gang geht.”

“Haben wir die Inspektion bestanden?”, fragte Nathan amüsiert.

In diesem Moment erinnerte er sie so sehr an Lachlan an ihrem Hochzeitstag, dass Elizabeth die Kehle wie zugeschnürt war. Sie nickte stumm.

“Was erwartet mich denn?”, forschte Tommy skeptisch. “Hat Miranda Sam mit einem geheimnisvollen Zauber verwandelt?”

Elizabeth King überging diese spöttische Frage. “Könnte ich dich kurz unter vier Augen sprechen, Tommy?”, bat sie, anstatt zu antworten.

“Ich habe die Ringe.” Er tastete scherzhaft nach seinen Jackentaschen. “Und ich kenne sämtliche Pflichten des Trauzeugen. Du kannst dich auf mich verlassen. Und egal, wie sehr Sam auch sticheln wird, meine Dankesrede an die Brautjungfer wird ganz deinen Wünschen entsprechen. Ist damit alles gesagt?”

“Nicht ganz. Bitte, Tommy, schenke mir nur einige wenige Minuten”, beharrte Elizabeth und deutete zum angrenzenden Salon.

Tommy verdrehte theatralisch die Augen, erhob sich aber von seinem Barhocker, machte übermütig einige gekonnte Steppschritte und begann zu singen: “Oh, we’re going to the chapel, going to get married …”. Und zum großen Vergnügen seiner Brüder nahm er seine Mutter schwungvoll in die Arme und tanzte mit ihr in den Salon – ganz der charmante Playboy, als der er sich in der Öffentlichkeit so gern darstellte.

Elizabeth King hatte sich oft gefragt, was Tommy mit diesem Image bezweckte. Sie glaubte nicht, dass er seinem Wesen nach ein unverbesserlicher Schürzenjäger war. Nein, ihrer Ansicht nach spiegelte sein unstetes Privatleben eher seine rastlose Suche nach einer Frau wider, die ihm etwas geben würde, was Sam ihm nicht geben wollte oder konnte. Oder es war eine Frage des Stolzes, zu beweisen, dass ihm alle Frauen zu Füßen lagen. Ganz sicher aber fand er auf diese Weise nicht, was er sich wirklich wünschte.

“So …”. Tommy war mit ihr außer Hörweite seiner Brüder im Salon stehen geblieben. “Was hast du auf dem Herzen?”

Elizabeth atmete tief ein. Es fiel ihr schwer, dem übermütigen Funkeln in seinen dunklen Augen einen Dämpfer verpassen zu müssen. Aber sie liebte Tommy zu sehr, um zulassen zu können, dass er seine tief empfundenen Bedürfnisse hinter einer Fassade aus oberflächlichem Spaß verbarg. “Heute ist Nathans Hochzeit …”

Er legte spöttisch den Kopf schief. “Dessen bin ich mir völlig bewusst.”

“Nun ja … ich möchte, dass nichts das Glück dieses Tages trübt. Kein Gezänk, keine Sticheleien.”

Tommys Unschuldsmiene war gekonnt. “Ich bin auf Kommando die Liebenswürdigkeit in Person.”

“Dann beweise das auch einmal Samantha gegenüber, Tommy. Du hast gehört, was Nathan gesagt hat. Er würde dich nie direkt darum bitten, aber ich tue es hiermit. Lass die Streitereien ruhen, sei freundlich, großmütig …”

Das Funkeln in seinen Augen erlosch, Tommys Miene wurde abweisend.

“Tommy, ich bitte dich doch nur, sie so zu behandeln, wie du jede andere Frau behandeln würdest. Verpfusch es nicht.”

“Was sollte ich verpfuschen?”, fragte er scharf.

“Diesen Tag. Du bist älter als sie und hast, weiß Gott, genug Erfahrung mit Frauen, um die Situation mit Feingespür zu meistern. Samantha ist nervös. Sie hat Angst.”

“Angst?” Er winkte verächtlich ab. “Sam hat noch nie vor irgendetwas Angst gehabt!”

“Hältst du mich für dumm, Tommy? Glaubst du, ich höre mich nur gern reden?”

Er wich dem Blick seiner Mutter aus und schwieg.

“Ich sage dir, sie ist heute nicht so gerüstet wie sonst”, fuhr Elizabeth eindringlich fort. “Sie ist verletzlich, und wenn du ihr wehtust, Tommy, wäre das … sehr, sehr falsch.”

“Ich beabsichtige gar nicht, Sam wehzutun”, antwortete er heiser.

Elizabeth legte ihm eine Hand auf den Arm. “Ich hoffe sehr, du wirst es sorgfältig vermeiden … um deinet- und um ihretwillen.”

Tommy wandte sich ihr wieder zu. Seine dunklen Augen funkelten herausfordernd. “Meinst du, es ist alles nur meine Schuld?”

Die nur mühsam beherrschte Leidenschaft, die aus diesen Worten sprach, verriet Elizabeth mehr, als Tommy ihr je gestanden hätte … all die lang aufgestauten Frustrationen, die sein Verhältnis zu Samantha Connelly kennzeichneten. Aber Schuldzuweisungen führten zu nichts. Genauso wie es nichts half, mit den Fehlern der Vergangenheit zu hadern. “Nein”, erwiderte sie liebevoll. “Aber ich halte dich einfach für reif genug, Tommy, heute darüberzustehen … einfach nur zu geben, ohne etwas dafür als Lohn zu erwarten. Denn das ist der Sinn des heutigen Tages: Geben.”

Er lächelte widerstrebend. “Okay, abgemacht. Was auch immer es einbringen soll.” Spöttisch fügte er hinzu: “Aber dir ist natürlich klar, dass Sam jedes Geschenk von mir vermutlich in der Luft zerfetzt?”

“Dann würde es allerdings allein ihre Schuld sein. Vielen Dank, Tommy.”

“Oh, ich werde mit dem größten Vergnügen den Märtyrer spielen”, versicherte Tommy, und das schalkhafte Funkeln war in seine Augen zurückgekehrt.

Elizabeth King lächelte. “Habe ich dir eigentlich in letzter Zeit gesagt, wie lieb ich dich habe?”

Er erwiderte ihr Lächeln liebevoll. “Das musst du nicht. Du bist immer auf meiner Seite gewesen, wenn ich dich gebraucht habe. Danke, Mum.”

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