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Tommy Garcia – Das Buch der Gaben

Über den Autor

Micha Rau, geb. 1957 in Berlin, schrieb seine ersten Geschichten im Alter von 13 und seither Romane, Kurzgeschichten, Reiseabenteuer und Essays. 2005 gewann er den interationalen Wettbewerb der Agentur Writemovies in Hollywood/USA in der Kategorie »Bester Roman«.

www.micha-rau.org

INHALT

  1. TOMMY
  2. MUT UND
    ANDERE ANGEWOHNHEITEN
  3. DAS HAUS
  4. IM INNERN
  5. DER SEE
  6. BRACHYPELMA ALBOPILOSUM
  7. ABGRÜNDE
  8. DAS BUCH DER GABEN
  9. VERWÜNSCHT
  10. PROBELESEN
  11. LESEN UND WÜNSCHEN
  12. JESSE
  13. FÜR IMMER

TOMMY

Der Sommer lag endlos vor mir. Sechseinhalb Wochen, genau fünfundvierzig Tage, dehnten sich vor mir aus. An dem Tag, an dem ich Tommy kennenlernte, hatte ich ein ziemlich schlechtes Zeugnis bekommen und mich an meiner Mutter vorbei in mein Zimmer geschlichen.

Ich dachte, dass die Sommerferien unglaublich langweilig werden würden. Ich war zwölf Jahre alt und hatte, so sagte meine Mutter immer, nichts anderes als den blöden Computer im Kopf. Ich wäre kein normaler Junge und sie wüsste nicht, von wem ich das habe und so weiter. Na, da könne sie ganz beruhigt sein, meinte ich bei solchem Gerede zu ihr, das hätte ich von keinem, denn meine Eltern haben ja damals noch mit Feder und Tinte geschrieben, und beim Surfen lerne ich sowieso viel mehr als bei Herrn Schulz. Und überhaupt, sie wüsste ja noch nicht mal, wie man online geht! Aber dann ging das Theater erst richtig los, und ich musste jedes Mal den Rückzug antreten, sonst hätte Mutter mir womöglich noch das Surfen verboten.

Ich heiße Joe Seefeld. Das heißt, eigentlich heiße ich Josef. Diesen Namen verdanke ich meiner Oma, denn die war dafür zuständig, ihn auf dem Standesamt anzumelden. Mein lieber Herr Vater war mal wieder unterwegs auf einer seiner langen Dienstreisen. Handys gab es damals noch nicht (mein Gott!), und daher packte Mutter meine Oma und nahm sie mit ins Krankenhaus. Als ich dann auf der Welt war, war von meinem Vater immer noch weit und breit nichts zu sehen. Und so kam es zu einem kleinen Streit um den Namen des Sohnes und Enkels, der sich dann so entschied, dass meine Oma den Namen Josef anmeldete (schließlich konnte Mutter nicht aus dem Krankenhaus). Oma war ganz einfach der Meinung, Josef erinnere sie und damit auch den Rest der Familie so schön an ihren verblichenen Mann – also meinen schon nicht mehr lebenden Opa – und sei zudem ein heiliger Name. Also sagte sie dem Standesbeamten: Josef soll er heißen! Das war’s dann. Als ich das erfuhr, muss ich laut angefangen haben zu schreien, obwohl ich da erst drei Tage alt war! Jedenfalls erzählt mir das meine Mutter noch heute lachend.

Ich war also mit dem Namen Josef gestraft und musste eine ganze Anzahl von Jahren unter dem Gespött so mancher Kameraden leiden, bis mich beim Spielen irgendwer zum ersten Mal Joe nannte. Und den Namen habe ich dann nie wieder hergegeben.

Aber ich bin etwas abgeschweift. Kommen wir zurück zu dem Tag, der der Beginn einer endlosen Reihe langweiliger Tage zu werden versprach und der dann doch eine Wende einleitete, die mich hineinriss in einen Strudel wahnsinniger Abenteuer, von denen ich bis heute noch nicht richtig glauben kann, dass ich sie wirklich erlebt und vor allem überlebt habe.

Ich lehnte mit den Armen verschränkt auf dem Fensterbrett meines Zimmers und starrte vom dritten Stock unseres Mietshauses nach unten. Neben mir lag mein Hund Lazy. Die beiden Schlappohren ruhten auf seinem Kissen, das eigentlich mal mir gehört hatte. Lazys ständiges Sabbern hatte mich aber dazu bewogen, nachzugeben und ihm mein Schmusekissen abzutreten. Ich hatte diesen Hund vor vier Jahren geschenkt bekommen, »… damit ich auch mal rausgehe … «, wie Mutter mit fröhlichem Gesicht damals meinte.

Es hatte sich aber schnell herausgestellt, dass der süße Kerl (Lazy ist ein Basset) wohl der faulste Hund im ganzen Universum war, denn schon als Welpe blieb er nach dem ersten Pullern einfach neben unserer Eingangstür sitzen und schaute mir nach. Und das merkte ich erst, als ich schon hundert Meter weitergelaufen war und mein neues Hündchen vermisste. Laufen hasste Lazy nämlich genauso wie Kälte. Na, warm war es diesen Sommer wenigstens.

Also, wir beide gammelten am Fenster und schauten nach unten. Unten, das hieß: direkt auf die Welfenallee. Wir wohnen, wie mein Vater zu sagen pflegt, in einer »gutbürgerlichen Gegend«. Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung, was das sein soll. Wenn gutbürgerlich stinklangweilig bedeutet, dann wohnen wir in einer gutbürgerlichen Gegend.

Da wir also nicht mitten in der Stadt wohnen, passierte draußen auf der Straße auch nichts besonders Aufregendes. Aber was sollte ich machen? Mein 1A-Freund Andi war mit seinen Eltern letzten Monat nach Bayern gezogen, einfach so. Weg war er. Woher sollte ich auf die Schnelle einen neuen Freund nehmen?

1A nannten wir alle unseren jeweils besten Freund, das war eben der, dem man alles anvertraute. So ein 1A-Freund ist ein Glücksfall, und wenn dieser nun nach Bayern zieht (ausgerechnet nach Bayern), dann sitzt man dumm da. Ich kann mir wahrlich nicht vorstellen, dass es da auch nur einen einzigen 1A-tauglichen Freund für Andi geben kann!

Okay, 1B-Freunde gibt es haufenweise. Aber alle, die ich dann so in Gedanken aufgezählt und nacheinander angerufen habe, fuhren in den Urlaub oder waren gleich am ersten Ferientag mit ihren Eltern sonst wohin abgezischt. Und so saß ich an diesem Tag an meinem Fenster, starrte nach draußen und war stinksauer auf Andi, auf alle 1B-Typen und auf mein Zeugnis, eben sauer auf die ganze Welt. Das Einzige, was mich noch aufrecht hielt, war die Musik, die aus meinen Boxen rieselte. Da ich schon ein ganzes Weilchen aus dem Fenster schaute, fing ich wie so oft zu träumen an, sah mich als Superstar auf einer Bühne, die Arme in die Luft streckend einen Megahit singend, und die ganze Welt, vor allem die Mädchenwelt, lag mir zu Füßen.

Leider reichte das Kabel meines Kopfhörers nicht vom Radio bis zum Fenster. Da Mutter es nicht unbedingt liebte, die Bässe bis in die Küche zu spüren, konnte ich also meinen Lieblingssender nur viel zu leise hören. Und auf Diskussionen über mein Zeugnis hatte ich jetzt gerade überhaupt keine Lust. All das machte mich nur noch saurer.

Genau in dieser Stimmung sah ich Tommy. Das heißt, eigentlich sah ich ja erst einmal nur einen Lastwagen, der um die Ecke bog und die Straße entlangschlich. Ich las »Balleck-Umzüge« auf der Seitenwand, und plötzlich wusste ich, wohin dieser Wagen wollte. Schließlich stand schon seit längerer Zeit die Wohnung über uns leer. Jeden Samstag kam dieser schleimige Hausverwalter mit einer Horde von Interessenten und hinterließ, wie meine Mutter zu sagen pflegte, eine Spur der Verwüstung in unserem Hausflur.

Anscheinend hatte der Fahrer jetzt die richtige Hausnummer entdeckt, denn er schaltete die Warnblinkanlage ein und parkte den Laster direkt vor unserer Hofeinfahrt. Na fein. Wenn der alte Tietzmann nach Hause kommt – Tietzmann war unser Hausmeister –, würde der einen seiner Anfälle kr iegen. Aber wahrscheinlich würden die Möbelpacker ja Tarzanfiguren haben, da würde Tietze es kaum wagen aufzumucken, und endlich mal den Kürzeren ziehen. Jedenfalls sprangen die Möbel-Leute aus ihrem Wagen, blickten beide wie auf Kommando zu mir nach oben, und ich winkte fröhlich. Sie guckten aber eher nachdenklich, wie ich fand, um nicht zu sagen, bedeppert, weil ihnen klar wurde, dass dies hier ein Altbau ohne Fahrstuhl war.

Der eine Packer verzog den Mund etwas säuerlich und dachte gar nicht daran, zurückzuwinken. Ich wusste auch, warum, denn die freie Wohnung lag im vierten Stock. Mir war es egal, ob der Kerl unfreundlich war oder nicht. Er würde in den nächsten Stunden so einige Male zweiundneunzig Stufen nach oben stiefeln und zweiundneunzig Stufen wieder nach unten stapfen müssen, während ich entspannt weiter mit verschränkten Armen auf dem Fensterbrett hängen und ab und zu freundlich die Hand zum Gruß heben würde.

Die beiden schienen noch auf jemanden zu warten, wahrscheinlich auf die neuen Mieter, und ich war gespannt, wer da neu in unser Haus einziehen würde.

Eine Minute später kam ein Kombi um die Ecke gebogen. Ein Kombi, wie ihn vielleicht Inspektor Columbo gekauft hätte. Dieses Auto musste in einer Zeit entworfen worden sein, als Henry Ford noch lebte. Ich dachte, der Wagen könnte auch aus Amerika stammen, denn er war unglaublich breit und lang. Die Seitentüren schienen aus Holz zu sein, ehrlich, und als die Kiste an dem Möbellaster vorbeifuhr und der Fahrer ihn einige Meter weiter abstellte, konnte ich sehen, dass auch die Hecktür aus Holz war. Das Auto hatte tatsächlich hinten eine Tür, nicht etwa eine Klappe. Sogar von hier oben konnte ich sehen, wie der Wagen hin- und herschaukelte. Selbst als der Motor schon längst abgestellt war, spuckte der Vergaser noch sekundenlang.

Dann gingen die Wagentüren auf und zwei normal aussehende Leute stiegen aus. Die Frau sah sogar recht hübsch aus, war aber schon etwas älter. So Mitte dreißig, dachte ich. Ihr Mann reckte seine müden Glieder – die beiden mussten weit gefahren sein – und lachte seine Frau an. Er war mir sofort sympathisch, sah er doch ein bisschen aus wie dieser Jesse aus der Serie »Full House«, den ich immer richtig cool fand.

Dieser Jesse-Mann ging um den Wagen herum und öffnete die riesige Hecktür. Und da sprang etwas heraus. Ich dachte zuerst, es sei ein riesiger Flummi, der da auf die Straße fiel. Aber es war eindeutig ein Hund! Ein augenscheinlich völlig verrückter Kerl, denn er hopste und sprang wie wild auf der Straße, wieder zurück ins Auto und dann wieder auf die Straße. Und das Witzigste war, dass der kleine Kerl wohl gar nicht richtig laufen konnte, sondern wie ein kleiner Springbock herumhopste. Das völlige Gegenteil von Lazy.

Ich schubste meinen Hund, der verschlafen auf seinem Kissen lag.

»Sieh mal, mit dem da unten müsstest du mal auf den Hundeplatz. Der könnte dir von seiner Energie was abgeben!«

Lazy starrte demonstrativ auf die gegenüberliegende Straßenseite, ignorierte diesen verrückt gewordenen Hampel-Hund aber und bettete mit einer Art erhabener Überheblichkeit sein Haupt wieder aufs Schmusekissen.

Dieser Wildfang auf der Straße aber schoss mit seinen Hüpfsprüngen in unsere Einfahrt, sodass ich ihn einen Moment lang nicht mehr sehen konnte. Zwei Sekunden später kam er wieder hervorgehopst und sprang zurück in den Kombi.

Ich fand das richtig spannend. Wann kriegt man schon mal neue Nachbarn, die aussehen wie Schauspieler, die ein Auto mit Holztüren fahren und einen Hund haben, der nicht ganz dicht ist.

Auf einmal bewegte sich der Wagen wieder und wippte bedenklich auf seinen uralten Stoßdämpfern. Das konnte doch beim besten Willen nicht von dem komischen kleinen Hund kommen. Da sah ich, wie sich auf einmal zwei nackte Beine aus dem Kofferraum schwangen. Ein Junge. Etwa in meinem Alter! Während ich noch gespannt nach unten starrte und überlegte, ob der vielleicht wie jemand aussah, mit dem man sich anfreunden könnte, sprang der kleine Hunde-Flummi schon wieder aus dem Wagen raus und gleich wieder rein, dann auf den Schoß des Jungen, der noch immer im Heck des Wagens saß, und dann wieder runter. Und dann lief er quer über die Straße und schwups war er wieder im Auto. Und das Ganze ging in Sekundenschnelle. Mit dem Wildfang würde meine Mutter niemals fertig werden, dachte ich und schaute Lazy an. Aber der lag nach wie vor gelangweilt auf seinem Kissen, die Ohren rechts und links von seinem Kopf abgelegt und sagte mir auf seine Art: »Siehst du, ist doch besser, man hat einen faulen Hund.«

Ich konnte von meinem Standort aus gar nicht erkennen, um was für eine Rasse es sich bei dem Kerlchen handelte, aber ich war sicher, dass ich das schon noch rausbekommen würde. Schließlich würden die neuen Nachbarn ja nicht gleich morgen wieder ausziehen. Der Junge ließ seine Beine über den Rand des Kofferraums baumeln, stieß sich dann schwungvoll mit den Händen ab und sprang mit einem Satz auf die Straße. Und genau in diesem Augenblick wusste ich: der Kerl hat meine Wellenlänge! Ich hätte noch nicht einmal sagen können, warum, aber die Art, wie er sich da in einer für ihn fremdem Gegend bewegte und überhaupt kein bisschen zögerte oder gar unsicher wirkte, gefiel mir. Der zog immerhin von seinem bisherigen Zuhause in ein neues. Mir schien klar, dass da genau der Richtige in unser Haus einzog.

Und dann noch der Hund! Das tobende Etwas sprang in die Höhe, direkt in die Arme des Jungen. Dessen Eltern schienen das zu kennen, denn die Mutter lächelte nur, und der Vater achtete gar nicht darauf, sondern ging rüber zu den Möbelfahrern und gab ihnen Anweisungen. Dann schaute die ganze Familie (und auch ihr Hund!) zu mir nach oben und überraschte mich beim Gaffen. Wie von selbst machte sich mein Arm selbständig und winkte denen da unten heftig zu. Lazy erschreckte sich dadurch und hob kurz den Kopf, legte ihn dann aber wieder nieder.

Ich weiß nicht, warum, aber ich wollte unbedingt, dass mich dieser Junge gut fand, und wünschte mir, dass er vielleicht gleich bei uns klingeln möge. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, er könnte mein Freund werden und wir könnten gemeinsam die unweigerlich auf mich zukommende Langeweile dieser Ferien doch noch abwenden. Die neuen Nachbarn winkten jedenfalls ebenso heftig zurück und verschwanden dann aus meinem Blickfeld ins Haus, um ihre neue Bude in Beschlag zu nehmen.

Ich dachte, der Vater käme noch mal zurück, aber das tat er nicht, und so blieben die drei Türen des alten Kombis sperrangelweit offen. Vielleicht sollte er ja lüften, aber irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass diese Familie einfach anders war als alle, die ich bisher kannte. Und genau deswegen blieben die Türen offen.

Hätte der Wagen springen können, er wäre wohl ums Haus gehopst.

*

»Josef!«

Meine Mutter stand mit funkelnden Augen und in die Hüften gestemmten Armen in der Zimmertür. Ich hatte in meinem Eifer gar nicht bemerkt, dass die Tür aufgegangen war, und jetzt hatte ich den Salat. Lazy ließ sich vom Fensterbrett zurück auf den Boden fallen, was wie immer mit einem Geräusch verbunden war, das an einen herabfallenden patschnassen Wischlappen erinnerte. Schließlich war Lazy ein fauler und zudem recht schwerer Hund, bei dem nichts irgendwie sportlich nachfederte. Dann trabte er in seine Ecke hinter meinem Bett und kringelte sich zusammen. Wenn irgendjemand in unserer Familie wütend und die Stimmung gereizt war, zog sich mein Hund immer in diese gemütliche Höhle zurück und ließ mich mit den Problemen allein. Hund müsste man sein.

»Mein lieber Sohn, ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass du wieder da bist. Könnte das bedeuten, dass du mir etwas zu verheimlichen hast? Vielleicht ein kleines Stück Papier? So ein Ähnliches, wie es heute ein paar tausend Kinder im ganzen Land in die Hand gedrückt bekommen haben? Sollte dein Lehrer ausgerechnet dich vergessen haben? Oder gibt es schlechte Nachrichten? Dann finde ich es erst recht sehr traurig, dass du nicht mal mehr zu mir Vertrauen hast, auch schlechte Nachrichten zu besprechen.«

Oje, wenn sie schon mit dem »… ich finde es sehr traurig … « und »… kein Vertrauen … « anfing, dann vergrößerte sich mein sowieso schon schlechtes Gewissen noch um ein Vielfaches. Dabei hatte ich es ja nur gut gemeint.

»Ich wollte doch nicht, dass ihr euch aufregt«, versuchte ich einzulenken. »Es ist so ein schöner Tag.«

Mutter senkte hilflos die Arme und schüttelte verzweifelt den Kopf. Dann sagte sie ernst: »Du solltest eigentlich langsam wissen, dass wir uns nicht aufregen, sondern die Dinge gemeinsam besprechen.«

»Und was ist dann mit dem Fernseh- und Surfverbot, das Vati mir immer reinhaut?«

Sie wollte etwas erwidern, ich konnte deutlich sehen, wie sie sich in Gedanken Sätze zurechtlegte, die meinen Vater entlasten und gleichzeitig ihrer Argumentation nicht widersprechen durften, aber wie von göttlicher Fügung bekam ich unverhofft Hilfe. Es klingelte nämlich an der Wohnungstür.

Meine Mutter holte tief Luft, aber in ihren Augen sah ich, dass sie mir doch nicht ernsthaft böse war. Sitzen geblieben war ich schließlich nicht, dann hätte man meine Eltern mit einem extra Brief schon vor Wochen vorgewarnt. Allerdings, viel hatte nicht gefehlt. Und wie knapp es war, das konnte man nun mal an meinen Zeugnisnoten ablesen. Stolz war ich darauf nicht, und fürs Sparbuch würde dieses Jahr garantiert nichts herausspringen. Es sei denn, ich könnte Oma mal ohne meine Eltern besuchen. Bei Oma bräuchte ich nicht mal schwindeln, die war schon zufrieden, dass ich jetzt in die Siebte versetzt worden bin, denn viel weiter hatte sie es selbst auch nicht geschafft. Allerdings war das früher eine ganz andere Zeit. Trotzdem waren das zwischen meinen Eltern und den Großeltern gewaltige Unterschiede. Für den Augenblick jedoch war ich froh, dass ich das üble Gespräch über die heikle Angelegenheit verschieben konnte.

»Das sind die Neuen!«, rief ich und drängelte mich an meiner Mutter vorbei.

»Welche Neuen?«, fragte sie verwundert.

»Na, die von oben, die mit dem verrückten Hund!«

Ich wollte nicht noch länger mit Mutter diskutieren, denn wenn sie gemerkt hätte, wie lange ich eigentlich schon zu Hause war, hätte die später folgende Diskussion doch noch übel werden können. Ich spurtete zur Tür, um die höchst willkommenen Gäste zu begrüßen.

Als ich öffnete, brauchte ich keine Sekunde, um zu erkennen, dass der Junge, der da vor mir stand, genau der war, der mir von der Straße aus zugewinkt hatte. Und dann dachte ich noch: Wo ist der Hund? Doch im selben Augenblick hörte ich einen merkwürdig quiekenden Laut, und ehe ich mich’s versah, sprang mir genau dieser närrische Hund direkt vor die Brust!

Mir blieb nichts anderes übrig, als das zappelnde und quirlige Tier mit beiden Armen festzuhalten und mein Gesicht, so gut ich konnte, vor der schlabbernden Zunge zu schützen.

Nach dieser wilden Begrüßung wurde der kleine Hund auf einmal ganz ruhig und schmiegte seinen Kopf an meinen Hals.

»Entschuldige, aber das macht Jever nur bei Leuten, die er mag«, sagte der Junge vor unserer Tür mit verschmitztem Lächeln. »Dann allerdings jedes Mal. Da wirst du wohl jetzt immer mit rechnen müssen, wenn er dich sieht.«

Während ich den kleinen Kerl auf meinem Arm streichelte, hatte ich endlich Zeit, mir sein Herrchen in Ruhe anzusehen. Er war ein kleines bisschen größer als ich, aber das ändert sich ja in unserem Alter von Monat zu Monat. Wenn er lachte, und das tat er gerade, als er sah, wie ungeschickt ich mit seinem Hund umging, dann bildeten sich zwei kleine Grübchen neben seinen Mundwinkeln. Ich glaube, niemand auf der Welt würde ihm in so einem Moment böse sein können, ganz egal, was er vorher gerade angestellt haben mochte. Er stand vor mir mit einer Ausstrahlung wie ein Promi aus einer Fernsehserie, wie so Leute, die für alles eine Lösung haben. Ich selbst hätte niemals so selbstbewusst dastehen können, hätte ich mich bei neuen Nachbarn vorstellen müssen. Seine schwarzen Haare waren unglaublich dicht und kraus. Sie waren auch recht lang. So lang, dass ich, wären das meine gewesen, sicher Ärger mit meinen Eltern bekommen hätte. Aber der Vater von diesem Jungen hier (dieser Jesse!) trug die Haare ja auch so lang. Allerdings hatte er, im Gegensatz zu seinem Sohn hier, glattes Haar. Jedenfalls soweit ich das vom Fenster aus sehen konnte.

Ich wollte ihn nicht zu lange anstarren, aber mir fiel nichts ein, was ich ihm sagen konnte. Doch das Problem löste sich von selbst, denn er kam mir zuvor: »Ich wollte dich fragen, ob du uns vielleicht kurz helfen könntest, ein paar Sachen nach oben zu tragen. Natürlich nur, wenn du Zeit und Lust hast. Ich dachte, weil du vorhin am Fenster so ausgesehen hast, als … «

»… als hätte er nichts zu tun«, mischte sich meine Mutter ein. Die hatte ich total vergessen. Und noch jemanden hatte ich vergessen. Aus einer hinteren Ecke unseres Flurs kamen merkwürdig beleidigt klingende Laute an mein Ohr. Das war Lazy!

Ich drehte mich um und sah mein Hündchen mit hängenden Ohren wie fast immer, aber auch leise vor sich hin jammernd vor meinem Zimmer hocken. Tja, da hatte ich wohl den unverzeihlichen Fehler begangen und einen anderen Hund auf den Arm genommen!

Meine Mutter riss wie immer das Heft des Handelns in die Hand und sagte: »Wie ich merke, habt ihr euch ja schon bekannt gemacht. Es kann ja wohl nicht schaden, wenn du ein wenig hilfst, Josef. Vor allem in Anbetracht dessen, worüber wir vorhin gerade gesprochen haben und worüber wir heute Abend noch einmal in Ruhe mit Vati sprechen müssen.«

Das durfte doch nicht wahr sein, dachte ich, sie blamierte mich hier vor meinem wahrscheinlich neuen Freund – und ich hatte nicht mal den Mut, irgendetwas Cooles zu erwidern. Sie war noch nicht fertig, vermied aber Gott sei Dank das Thema Zeugnis und sagte zu dem Besucher: »Willst du nicht einen Moment reinkommen und etwas trinken? Ihr seid doch sicher ziemlich lange unterwegs gewesen und habt wahrscheinlich noch nicht mal einen Kühlschrank oben, stimmt’s? Und wenn ihr beide jetzt ordentlich schleppen wollt, solltet ihr vorher noch kräftig Energie tanken.«

»Das ist sehr nett von Ihnen, Frau Seefeld.« Aha, er hatte sich schon unseren Namen vom Türschild gemerkt! »Ich muss mich entschuldigen, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Tomas García, aber alle nennen mich Tommy.«

Dann sah er mich an und grinste.

»Und dich nennen sicher alle Joe, habe ich recht, Josef?«

»Bingo!«, sagte ich und grinste ebenfalls. »Hast du auch eine Oma gehabt, die deinen Namen auf dem Standesamt eingetragen hat?«

»Nein, dafür war mein Vater zuständig. Aber das ist eine lange Geschichte.«

Während er dies sagte, bekamen seine Augen einen seltsamen Glanz, und ich konnte mir keinen rechten Reim darauf machen. Ich wurde etwas unsicher, aber da kam mir jemand zu Hilfe, der immer noch auf meinen Armen saß und schmuste. Jever wurde unruhig und fing an zu zappeln, also stellte ich ihn vorsichtig auf die Beine und wartete darauf, was für eine Idee der Kleine jetzt wohl wieder bekommen würde. Tommy kam inzwischen zur Tür rein, und Mutter holte etwas zu trinken.

»Was möchtet ihr denn?« rief sie uns über die Schulter zu. »Cola, Apfelsaft oder Wasser?«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich hätte gern ein Mineralwasser mit wenig Kohlensäure.«

Ich musste ein ziemlich verblüfftes Gesicht gemacht haben, denn Tommy lachte.

»Wasser ist das Beste zum Trinken. Wusstest du nicht, dass Mineralwasser Calcium, Magnesium und Hydrogencarbonat enthält, alles Bausteine, die unser Körper zum Leben braucht?«

Jetzt musste ich auch lachen.

»Ich lebe auch mit Cola! Sag mal, redest du eigentlich immer so?«

»Klar«, sagte er völlig ernst, und ich dachte tatsächlich für einen Moment: Au weia, ein Besserwisser! Doch dann grinste er von einem Ohr zum anderen, und ich kapierte, dass er mich reingelegt hatte.

»Nein, natürlich nicht. Ich mag halt nur Wasser. Das andere klebrige Zeugs macht nur noch mehr Durst. Aber keine Angst, ich bin nicht perfekt und habe auch meine Macken!«

»Nein!«, rief ich mit gespieltem Ernst.

»Doch! Ich esse Chips. Ich liebe Chips! Ich bin abhängig von Chips! Ich kann keinen Tag ohne sie sein. Das ist doch eine ziemliche Macke, findest du nicht?«

Ich nickte. Ja, in Chips konnte ich mich auch reinlegen.

»Welche magst du am liebsten?«, fragte ich.

»Nur die ganz dünnen ohne irgendwelches Zeugs. Kein Paprika, kein Käse, keine Sour Cream. Nur gesalzen müssen sie sein.«

Mann, genau die liebe ich auch! Ich bekam Hunger. Mutter kam mit den Gläsern aus der Küche zurück. Zweimal Mineralwasser!

»Möchte dein Hund auch ein bisschen Wasser?«

»Vielen Dank, Frau Seefeld, aber Jever trinkt jeden Abend eine halbe Flasche Bier. Das reicht ihm. Deswegen heißt er übrigens auch Jever.«

Meine Mutter guckte völlig entgeistert.

»Was? Bier? Aber ein Hund kann doch nicht … « Doch dann bemerkte sie Tommys schelmischen Blick und musste mitlachen.

»Das stimmt gar nicht!«

»Na ja«, meinte Tommy. »Gleich am ersten Tag, als wir ihn bekamen, hat er in der Küche Unsinn gemacht und eine Flasche Bier umgestoßen. Davon hat er dann geschleckt und sich leider auch ein wenig betrunken. Seitdem heißt er Jever. Und wehe, er sieht eine Flasche Bier! Sie müssen gut aufpassen, Frau Seefeld!«

»Du nimmst mich auf den Arm!«, lachte Mutter, aber ich spürte, dass sie sich da ganz und gar nicht so sicher war. Sie reichte Tommy und mir die beiden Gläser mit dem Mineralwasser und schaute kopfschüttelnd zu Jever und dann zu Lazy und wieder zu Jever.

»Ihr beiden scheint euch ja schon prima zu verstehen, und was ist mit euren Hunden?«

Seit ich Jever abgesetzt hatte, saß der Kleine zu meiner Verblüffung seelenruhig auf den Dielen und sah sein Herrchen mit schiefem Kopf von unten her an. Lazy grummelte immer noch leise vor meiner Tür vor sich hin, machte aber keine Anstalten, seinen neuen Hundenachbarn zu begrüßen.

Tommy sagte nur: »Na, geh schon!«, und sofort sprang Jever auf, raste auf Lazy zu und hüpfte in seiner mir schon bekannten Manier um meinen Hund herum. Dabei stupste und leckte Jever den armen Lazy, der gar nicht wusste, wie ihm geschah und was er tun sollte: Kläffen, Knurren oder mit Rumtollen? Er saß nur da, ließ alles mit sich geschehen, und es schien, als sei ihm das Gehabe ein wenig peinlich. Endlich bequemte sich mein fauler Hund dann doch, seinen schweren Körper hochzuhieven, und ehe ich mich’s versah, waren die beiden in eine richtige tolle Rauferei verwickelt.

»Tja«, sagte ich zu Tommy, »ich denke, mein Hund wird in nächster Zeit etwas abnehmen müssen!«

Tommy nickte ernst.

»Da kann er ja gleich mit anfangen. Jever hilft nämlich unheimlich gern, irgendetwas zu tragen. Er wird deinem Hund … äh, wie heißt er eigentlich … ?«

»Lazy«, erwiderte ich peinlich berührt.

»… also er wird Lazy beibringen, beim Umzug zu helfen«, meinte Tommy. Während er meiner Mutter sein leeres Glas zurückreichte, besah er sich unsere dekorativen Bilder neben der Garderobe und nickte dann anerkennend.

»Hm, das Haarlemer Meer von van Goyen und die Rhonebarken von van Gogh. Das sind zwar nur Kunstdrucke, aber Sie haben einen exzellenten Geschmack, Frau Seefeld.«

Meiner Mutter klappte die Kinnlade runter.

»Woher weißt du das denn?«, fragte sie verblüfft. »Ich hatte keine Ahnung, von wem die Bilder sind.«

Tommy wurde rot. »Ich … ich wollte nicht … ich weiß ein bisschen über Bilder Bescheid, weil Manfred malt.«

»Das braucht dir nicht peinlich zu sein«, beruhigte meine Mutter meinen neuen Freund. »Ich finde es gut, wenn ein Junge in deinem Alter so etwas weiß.«

Tommy war sichtlich verlegen. Dann sagte er zu mir: »Was ist, Joe, können wir loslegen?«

Ich nickte begeistert und wusste gar nicht, warum. Noch gestern hätte ich die Idee, bei einem Umzug helfen zu müssen, als völlig abwegig bezeichnet. Aber jetzt … Tommy schnalzte kurz mit der Zunge, und Jever ließ sofort von Lazy ab und stürmte aus der Tür. Mein Hund guckte genauso verblüfft wie ich und meine Mutter, aber, oh Wunder, dieses eine Mal war er schneller als ich, raffte sich auf und rannte, na ja, lief hinterher.

Ich drückte meiner Mutter, die unsere Bilder wohl gerade unter ganz neuen Gesichtspunkten betrachtete, mein Glas in die Hand und folgte Tommy, der schon eine halbe Treppe tiefer war.

Dies war der erste Tag mit Tommy, der erste Tag der Sommerferien und der Beginn einer Reihe unglaublicher Erlebnisse und Abenteuer.

In diesem Moment hatte mein Leben begonnen, gefährlicher zu sein. Aber das wusste ich noch nicht.

MUT UND
ANDERE ANGEWOHNHEITEN

Ich hatte eigentlich nicht vor, meine neue Bekanntschaft mit irgendjemandem zu teilen. Ich war mir aber sicher, dass jeder gern mit Tommy zusammen sein wollte, und ich hatte eben das Glück gehabt, ihn zuerst kennenzulernen. Also freute ich mich unbändig darauf, mit diesem mir schon nach wenigen Augenblicken so vertrauten neuen Freund die Sommerferien zu verbringen. Das passte einfach!

Doch dann machte mir meine Schwester einen Strich durch die Rechnung.

Tommy und seine Eltern waren an einem Donnerstag eingezogen. Diesen ersten Ferientag und den darauffolgenden Freitag half ich mit, allerlei Kartons zu schleppen und auszupacken, Hunderte von Büchern in Regale einzusortieren, Geschirr aus Zeitungspapier zu wickeln und was man sonst so alles tun muss, wenn man sich bereit erklärt hat, beim Umzug zu helfen. An diesen beiden Tagen verstanden wir uns schon so gut, dass ich überhaupt nicht mehr an Andi dachte. Ich hatte deswegen sogar ganz kurz ein schlechtes Gewissen. Aber nur ganz kurz.

Denn auch Tommys Eltern verhielten sich so, als würden sie mich schon Ewigkeiten kennen. Seine Mutter machte einen Wahnsinns-Kartoffelsalat, den wir beide nach unserer anstrengenden Arbeit gierig verputzten, und Jesse ließ den ganzen Tag über die Musikanlage laufen und spielte Musik, die ich nicht kannte. Irgendwie würde er diese Alte-Leute-Musik lieben, sagte er lachend, nach dem zweiten Tag ertappte ich mich dabei, wie ich die Songs mitsummte. Jesse hieß übrigens Manfred, und das passte überhaupt nicht zu ihm, wie ich fand, so dass ich ihn einfach fragte, ob er was gegen den Namen Jesse hätte. Natürlich hatte er nichts dagegen. Manche Eltern sind einfach cool.

Dann hatten wir es endlich geschafft. Alles war eingeräumt und an seinem Platz und so vereinbarte ich mit Tommy, dass er am Samstag zu uns kommen sollte und wir uns gemütlich bei Chips und Cola, nein, Mineralwasser, einen Plan machen wollten, wie wir die Ferien angehen könnten. Eine Sache schweißte uns außerdem sofort zusammen, und das waren unsere Hunde. Wir wohnen nicht weit entfernt von einem Hundeauslaufgebiet, und so verschwanden wir immer mal zwischendurch mit Lazy und Jever im Wald und ließen die beiden herumtollen. Sie waren schon ein lustiges Pärchen. Lazy hatte im Vergleich zu Jever überhaupt keine Kondition, und wenn es ihm zu viel wurde, ließ er sich an der Stelle, wo er gerade stand, einfach fallen, plumpste zu Boden und ertrug alles Stupsen und Rumhopsen von Jever in einer Bierruhe. Ich hatte nur so meine Hoffnung, dass er am Ende der Ferien vielleicht besser mithalten könnte und seine Jagdhund-Gene bis dahin doch noch durchkommen würden.

Ich hatte noch am Freitag jede Menge Chips für uns eingekauft, natürlich nur die ohne irgendwelches Zeugs, schön dünn und nur gesalzen. Für mich hatte ich einen ordentlichen Vorrat Cola besorgt. Für Tommy brauchte ich keine Getränke holen, denn genügend Wasser hatten meine Eltern immer zu Hause. Wir würden es uns in meinem Zimmer gemütlich machen und in aller Ruhe miteinander quatschen.

Ich legte eine CD ein und Tommy nickte anerkennend. Auch in der Hinsicht verstanden wir uns. Lazy lag wie immer platt auf dem Teppich, die Ohren rechts und links ausgebreitet, und Jever kuschelte sich an ihn, wobei er seinen Kopf auf den Rücken meines faulen Hundes bettete und es sich so richtig bequem machte. Die beiden waren seit ihrer ersten Begegnung unzertrennlich und hatten in unserem Haus und natürlich auch in unserer Straße bereits für einiges Aufsehen gesorgt. Tommy und ich sahen unsere Hunde an, wie sie da so lagen, und wir mussten beide gleichzeitig lachen.

»Stellt sich die Frage«, sagte ich, »wer sich von den beiden durchsetzen wird. Entweder wird mein Hund irgendwann zum Hopser oder deiner gewöhnt sich das Faulenzen an.«

»Tja«, meinte Tommy, »echte Kumpels ergänzen sich eben.«

Wir lümmelten uns auf den Boden, jeder eine Tüte Chips vor sich und Getränke zwischen den Beinen, und dann stellte ich Tommy eine Frage, die mir gleich darauf leidtun sollte. »Wieso stehen bei euch auf dem Klingelschild eigentlich zwei Namen, García und Dressel? Wollte deine Mutter nicht wie dein Vater heißen?«

Tommy stockte mitten im Kauen, sein Blick wandte sich von mir ab und irrte im Zimmer umher. Ich merkte, wie ihm unwohl wurde, und ahnte, dass ich eine dumme Frage gestellt hatte.

»Mein Vater lebt nicht mehr.«

Ich wusste nicht, was ich auf diesen Satz sagen sollte. Wie verdammt ungeschickt von mir! Da hatte ich mir einen richtig schönen Quatsch-Nachmittag mit meinem neuen Freund Tommy gewünscht und nun versetzte ich der guten Stimmung einen absoluten Tiefschlag! Es tat mir unendlich leid. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie ich mich fühlen würde, wenn mein eigener Vater nicht mehr am Leben wäre. Doch dann fing Tommy an, gleich wieder weiterzusprechen, und mir wurde wohler, denn ich spürte, dass er den Tod seines Vaters schon verarbeitet haben musste.

»Ich kann mich nicht mehr genau an ihn erinnern. Ich war erst drei, als es passierte. Mein Vater war Tauchlehrer und hatte eine Tauchschule auf Teneriffa. Meine Mutter hat ihn während einer Reise kennengelernt und bei ihm Tauchen gelernt.«

Tommy schwieg für einen Moment und lächelte.

»Na ja, sie sind wohl nicht nur zusammen getaucht, denn meine Mutter ist nach ihrem Urlaub einfach dageblieben. Sie hat mir erzählt, wie sehr sie sich verliebt haben und wie schön es war, in einem kleinen Bungalow am Strand zu leben. Sie haben dann auch sehr bald geheiratet. Und dann bin ich gekommen. Das war zwar nicht geplant, aber gefreut haben sie sich doch ganz doll. Meine Mutter meinte, dann würde ich halt Spanisch und Deutsch gleichzeitig lernen, und auf Teneriffa gibt es ja auch deutsche Lehrer.«

»Deine Mutter ist cool«, rutschte es mir heraus.

»Ja, das ist sie«, sagte Tommy und starrte aus dem Fenster. »Und mein Vater war es auch. Die beiden lebten von seinen Kursen, und meine Mutter hat dann noch so einen kleinen Kiosk aufgemacht. So was würde ich heute auch gern machen.«

Er schwieg für ein paar Sekunden und ich wollte nichts sagen, weil ich dachte, es würde sowieso nur wieder was Blödes dabei rauskommen. Aber dann blitzte es in seinen Augen und er blickte mich entschlossen an. Jever spürte die Stimmungslage seines Herrchens und hob den Kopf.

»Mein Vater war unglaublich mutig. Er tauchte nicht nur oft allein zu irgendwelchen Schiffswracks hinunter, er konnte auch wahnsinnig gut surfen und traute sich als einziger selbst bei ablandigem Wind aufs Meer.«

Ich wusste nicht, was ablandig bedeutete, aber ich traute mich nicht zu fragen, denn ich wollte Tommy auf keinen Fall bei der Erinnerung an seinen Vater unterbrechen.

»Und er war Klippenspringer.«

»Wahnsinn!«, entfuhr es mir.

Tommy nickte. »Ja, ich glaube, er war der mutigste Mann, den man sich vorstellen kann. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er sich vor nichts gefürchtet hat, aber auch niemals unvorsichtig war. Ich war ja noch klein und ich weiß nicht mal mehr, wie er aussah, außer natürlich auf Fotos, aber ich kann mich daran erinnern, dass er mich oft an die Hand nahm und wir am Strand entlangspazierten und Muscheln suchten. Und oft brachte er mir etwas vom Tauchen mit. Eines der Dinge von damals habe ich behalten. Ich trage es immer bei mir.«

Während er so erzählte, öffnete er ein Goldkettchen, das er um seinen Hals trug, und holte einen kleinen Anhänger unter seinem T-Shirt hervor.

»Hier«, sagte er und reichte mir die Kette. »Das ist eine byzantinische Goldmünze. Mein Vater meinte, das Abbild darauf könnte Anastasios sein, aber es ist nicht mehr viel zu erkennen. Auf jeden Fall ist sie sehr alt, und noch viel mehr ist sie fast das Einzige, was ich von meinem Vater noch habe.«

Ich betrachtete diese Münze andächtig und drehte sie hin und her. Sie glänzte nicht sonderlich und war längst nicht mehr rund, außerdem konnte man tatsächlich nicht mehr erkennen, was in ihr eingraviert gewesen sein mochte. Aber sie war ganz schön schwer und schien aus purem Gold zu sein. Mir schossen sofort Bilder von Piratenschiffen und wilden Seegefechten durch den Kopf. Sie musste Hunderte von Jahren auf dem Meeresboden gelegen und darauf gewartet haben, dass irgendjemand sie zufällig aus dem Sand holte. Vorsichtig gab ich sie Tommy zurück.

»Er hat sie beim Tauchen gefunden?«

»Ja. Wohl nicht bei Teneriffa, aber wenn dort nicht so viel los war, reiste er in der Welt umher und tauchte in allen Meeren. Er war verrückt nach der Unterwasserwelt. Meine Mutter weiß nicht mehr, wo er diese Münze gefunden hat, und falls er’s mir gesagt hat, dann kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern. Nur eins ist klar: Sie war seine Wertvollste, und er hat sie mir geschenkt. Ich werde sie nie wieder abnehmen. Sie gibt mir irgendwie ziemlich große Kraft.«

Als ich jetzt in Tommys Augen sah, glaubte ich für einen Moment zu erkennen, wie sein Vater ausgesehen haben musste. Und ich konnte sehen, wie Tommy mal als Erwachsener aussehen würde, und wusste, dass auch er eines Tages tauchen würde.

»Es geschah beim Klippenspringen. Sie veranstalteten jeden Sonntag einen kleinen Wettbewerb an immer derselben Stelle. Sie kannten das Meer und die Felsen dort auswendig, und mein Vater hätte blind springen können. Doch … « Tommy stockte und holte tief Luft.

Jever stand langsam auf, trottete zu seinem Herrchen und legte ihm seinen Kopf auf das Knie. Tommy streichelte gedankenverloren seinen Hund, doch dann durchfuhr ihn deutlich sichtbar ein eiserner Wille, so ...

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