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Tom Prox - Folge 047

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. DER TOTENGRÄBER VON DAKOTA
  4. Vorschau
  5. Aus dem Wilden Westen

DER TOTENGRÄBER VON DAKOTA

Von Harry Russ

Wo viel Alkohol getrunken wird, hebt sich die Stimmung, und wenn sie ihren Höhepunkt erreicht hat, gibt’s meistens Krach. So auch in der Bar, in der Nat Wells den seriösen Wirt spielt. Gerade füllt er zum zigsten Mal das Glas von Kerry Boom. Er ist der Totengräber des Städtchens und hat in diesen Tagen besonders viel zu tun. Auch heute muss er noch mal zum Friedhof und ein Loch ausheben. Als er gefragt wird, für wen, streckt Boom grinsend den Arm aus und zeigt auf – Nat Wells!

1. Kapitel

Der Teer auf dem langen, flachen Dach kochte und lief als zähflüssiger Brei in alle Richtungen. In den darunterliegenden Räumen war es trotzdem verhältnismäßig kühl, abgesehen von der Stimmung der zahlreichen Gäste, die immer hitziger wurde.

Der dicke Besitzer der Bar und des angeschlossenen Stores war am Tag zuvor unerwartet gestorben.

Man hatte die Beisetzung mit Rücksicht auf die Hitze schon am frühen Morgen besorgt und sich nun in der Bar versammelt.

Die Freigebigkeit des neuen Besitzers, des jungen Nat Wells, der ein entfernter Verwandter des Toten war, nützte vor allen anderen Kerry Boom, der Totengräber, aus. Das war begreiflich, denn die Grube auszuheben, hatte ihn eimerweise Schweiß gekostet.

Nat Wells hatte trotz seiner Jugend schon einiges auf dem Kerbholz, von dem zu seinem Glück nur Wenige etwas wussten. Er war nicht beim Begräbnis gewesen, da er die Witwe des Toten an die Luft und sämtliche verfügbaren Gläser gleich gefüllt auf die Tische der Bar setzen musste.

Seit Stunden stand er nun schon hinter der Tonbank und versuchte vergebens, sich das seriöse Aussehen eines Wirtshausbesitzers zu geben. Er wollte an diesem Tag nichts verdienen, da ja nicht nur der Tod des alten Keepers, sondern auch sein eigener Einstand gefeiert werden sollte.

Wo viel Alkohol getrunken wird, hebt sich die Stimmung, und wenn sie ihren Höhepunkt erreicht hat, gibt’s meistens Krach.

So auch in der Bar »Zum lustigen Kuhschwanzjäger«, wo sich Kerry Boom in den saftigsten Grobheiten nicht genug tun konnte, während er im nüchternen Zustand ein »eingefrorenes Maul« besaß. Als Totengräber schätzte er die Menschen nach Länge und Breite ein, denn er bezog für jeden Toten, den er unter die Erde bringen musste, eine Taxe von sechs Dollar. Aus diesem Grund mochte er die Großen nicht, behandelte aber die Kleinen mit umso liebevollerer Aufmerksamkeit.

Kerry Boom hatte inzwischen so viel getrunken, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Nat Wells schob ihm trotzdem immer wieder mit hinterhältigem Grinsen ein frischgefülltes Glas unter die Nase. Er begann den Mann zu hänseln, um die Stimmung zu steigern.

»Na, du alter Aaskäfer! Müsste verdammt spaßig aussehen, wenn du in deinem Suff jetzt ein Loch buddeln würdest. Haha!«

Da seine Zunge ihm nicht mehr so recht gehorchen wollte, brabbelte Kerry zunächst nur unverständliches Zeug, riss sich dann aber doch zusammen und richtete seine kleine Gestalt etwas höher auf.

»Meinst du? Bist aber ziemlich lang, Bursche! Schätze einssechsundachtzig, he? Da sind sechs Dollar nur ein Spottgeld. Aber kannst noch mal einen Doppelten eingießen, Rotzkeeper. Nachher mach ich dann das Loch. Werde zwei Meter ausmessen, damit du dich auch ordentlich ausstrecken kannst. Möchte nicht, dass du dich später beim Teufel darüber beschwerst, ich hätte dir deine Drinks schlecht gelohnt.«

»Schon gut, Kerry! Hab doch nur Spaß machen wollen. Hier hast du deinen Doppelten.«

Aber der Betrunkene war eigensinnig. Hastig leerte er das Glas, dann zog er seinen gelockerten Gürtel ein wenig an.

»Werd’s gleich machen, dein Grab, Nat Wells.«

In der Bar war es ganz still geworden, denn alles lauschte der Auseinandersetzung zwischen dem Totengräber und dem Wirt. Während Kerry auf die Schwingtür zuwankte, lachten alle so heftig, dass die dünnen Holzwände zitterten. Boom ging tatsächlich zu dem nicht weit entfernten Friedhof.

Nat Wells’ Gesicht bekam einen Stich ins Grüne.

»Habe noch ein mächtig feines Totenhemd zu Hause in der Truhe«, schnaubte Wid Winter, ein Rancher aus der Nachbarschaft. »Hab’s von meiner Großmutter her. Sie brauchte es damals nicht, weil die verdammten Schwarzfüße sie verbrannten. Ist eigentlich ein Andenken, aber für dich werde ich es hergeben.«

»Höhö!«, grölte Bud Istar, der Stadttramp, nachdem zuvor noch einige Männer ihre Witze losgeworden waren. »Wenn ihr so weitermacht, dann kriegt der arme Boy wirklich noch ‚nen Herzschlag. Hat ja jetzt schon die richtige Farbe im Gesicht. Yeah!«

In dem nachfolgenden Gelächter achtete niemand auf den einzelnen Schuss, der draußen aufhellte.

Auf dem verwahrlosten Friedhof grub Boom unterdessen verbissen Nat Wells’ Grab. Noch immer stach die Sonne erbarmungslos auf die verbrannte Erde herab. Es war, als kochte der Sand. Dem Totengräber lief der Schweiß am Körper entlang. Während er arbeitete, redete er ununterbrochen mit sich selber:

»Werd’s ihm zeigen, dem Rotzkeeper! Bildet sich ein, der alte Boom wäre reif, sich unter die Erde zu legen. Ist noch zu früh für ihn. Über hundert werde ich, wie die alte Zigeunerin behauptet hat.«

Endlich war er fertig. Das Loch war größer und breiter geworden, als er es sonst zu machen pflegte. Mit vieler Mühe kletterte er hinaus und betrachtete sein Werk.

»Ein verdammt feines Stück Arbeit«, brummte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wollen sehen, was der Grünschnabel Nat dazu zu sagen hat.«

Kerry Boom ging sofort in die Bar zurück. Er schwankte jetzt nicht mehr so stark wie vorher. Die schwere Arbeit hatte ihn wieder etwas nüchtern gemacht.

Nat Wells war im Gesicht noch genauso grün wie vorher, gab aber auf die Anzüglichkeiten seiner Gäste keine Antwort mehr. Er sah auch nicht auf, als Kerry Boom eintrat und sich herausfordernd vor ihm aufbaute.

»Kannst dich jetzt hineinlegen, du Wanze. Werde es dann am Abend zuschaufeln, das Loch, damit du nicht unnötig frierst.«

»Hör auf damit! Hab die ganze Geschichte satt. Mach, dass du rauskommst oder ich werfe dich eigenhändig hinaus!«

»Langsam mit den jungen Pferden!«, erwiderte Boom gelassen. »Will jetzt erst mal was zu trinken haben, und dann bekomme ich noch meine sechs Dollar. In dieser Welt gibt’s nichts umsonst, das dürftest du wissen.«

Die Gäste amüsierten sich, aber Nat Wells verlor den letzten Rest seiner mühsam bewahrten Haltung. Die volle Ginflasche entfiel seiner Hand, zerklirrte scheppernd am Boden. Wells sprang mit einem wilden Satz um die Tonbank herum: »Hinaus!«

Als Kerry Boom furchtlos stehen blieb und den jungen Keeper herausfordernd ansah, packte dieser ihn mit beiden Fäusten bei den Schultern. Da zeigte der Totengräber durch einen beachtlichen Schwinger, dass er ein ernst zu nehmender Gegner war. Von dem Schlag getroffen, taumelte Nat zurück und krachte heftig gegen die Metallkante der Tonbank, fing sich sofort aber wieder und warf sich erneut auf den Alten.

In diesem Augenblick griffen einige Gäste in die Auseinandersetzung ein. So entstand ein wildes Durcheinander.

Da krachte ein Schuss! Die Kämpfenden erstarrten.

In Nat Wells’ Stirn zeigte sich, genau zwischen den buschigen Augenbrauen, ein kleines, rundes Loch, das vorher noch nicht dagewesen war. Wenige Blutstropfen perlten daraus hervor. Im nächsten Moment sackte der Tote zwischen einigen Männern zu Boden.

Die Spannung im Barraum entlud sich in lauten Schreien: »Himmel und Hölle! Das ist Mord!«

Auch Kerry Boom sah das Loch in Nats Stirn. Verstört starrte er auf den Colt in seiner Hand. Hatte er wirklich geschossen? Im ersten Augenblick wusste er es selber nicht.

Das Geschrei verstärkte sich.

»Kerry Boom ist der Mörder!«, rief es von irgendwoher.

Wer es gewesen war, wusste später niemand mehr zu sagen. Es war auch unwichtig. Alle starrten feindselig auf den Totengräber, der sich mühsam zusammenriss und dann in jäher Nüchternheit um sich sah.

»Mörder! Mörder!«, brüllten sie ihm ins Gesicht. Jemand nahm ihm die Waffe aus der Hand, ohne dass er sich dagegen wehrte. Gleich darauf fiel ihm ein, dass er damit einen nicht wiedergutzumachenden Fehler begangen hatte.

Der Mann reichte den Colt an Rancher Winter weiter.

»Eine Kugel fehlt!«

Der Totengräber stand allein inmitten der Männer.

»Seid ja verrückt, ihr alle«, krächzte er heiser. »Habe nicht geschossen, Gents. Ich bin doch nicht wahnsinnig!«

»No, nur ein Mörder!«, antwortete wieder die Stimme aus dem Hintergrund.

»Der Lauf ist noch ganz warm«, stellte Kid Winter fest.

»Kunststück, wo doch die ganze Zeit die Sonne auf das Metall gebrannt hat!«

»Und die fehlende Kugel? Was ist mit der?«

»Schoss vor einer Viertelstunde auf einen Hasen, erlegte ihn aber nicht. Ihr müsst den Schuss doch gehört haben.«

Keiner antwortete.

»Sorry, Leichenkeeper! Du hast eine Grube zu wenig gemacht. Hättest deine auch gleich schaufeln sollen.«

Da schrie Kerry Boom wütend auf, wobei er versuchte, sich aus dem Kreis der Männer hinauszudrängen: »Ihr erbärmlichen Burschen! Ihr wollt mich unschuldig umbringen? Als wenn ihr nicht ganz genau wüsstet, dass ich es nicht gewesen bin. Ich, ich, ich –«

Da stürzte eine lange, völlig ausgedürstete Gestalt in die Bar und stieß heftig mit den Männern zusammen, die eben hinauswollten. Er stolperte zur Tonbank, auf der zu seiner Freude gleich drei bis an den Rand gefüllte Gläser standen.

Die Männer wandten ihre Gesichter erstaunt dem Fremden zu, der so unbekümmert seinen Whisky trank.

Kid Winter baute sich plötzlich neben ihm auf und maß ihn mit bösen Blicken.

»Er schmeckt großartig«, versetzte der Lange, schüttete den Inhalt des Glases mit kurzem Ruck in seine Kehle und hielt plötzlich auch schon seine Colts in den Händen. Er tat aber so, als hätte er nur etwas an seinen Waffen nachsehen wollen und stieß sie danach gelassen ins Halfter zurück.

»Was ist denn hier los, Keeper?«

»Bin kein Keeper«, antwortete Winter wütend. »Bin Rancher. Wenn Sie den Wirt sprechen wollen? Der hat soeben kalte Füße bekommen. Da!« Kid wies auf den Boden, wo Wells’ leere Augen noch immer gegen die Decke starrten.

»Wem bezahle ich nun, was ich getrunken hab? Bin kein Zechpreller!«

»Nicht so wichtig! Es gab heute sowieso freie Zeche. Außerdem …« Der Rancher sah den Fremden wieder argwöhnisch an. »Wo kommen Sie überhaupt her?«

Dessen Daumen wies über die Schulter zur Tür: »Von da!«

»Wollen wir uns den Burschen nicht mal etwas näher ansehen, Kid?«, fragte Bud Istar drohend. »Vielleicht hat er …«

»He, Mann! Sie werden uns jetzt Ihren Namen sagen müssen, klar? Den Mörder, der den Keeper auf dem Gewissen hat, haben wir zwar, aber es könnte ja sein …«

»Fein, dass ihr ihn habt! Ist es der Kleine da?«

»Es ist unser Totengräber.«

»Wollte sich Arbeit verschaffen, der Arme«, grinste der Lange. »Aber ist es denn ganz sicher, dass er es gewesen ist?«

Kerry Boom witterte eine Chance. Vielleicht half ihm der Fremde aus seiner Lage.

»Ich verlange eine genaue Untersuchung«, schrie er jäh auf. »Habe auf einen Hasen geschossen! Traf ihn sogar. Und als ich aus dem Loch herauskroch, um ihn mir zu holen, war er schon wieder fort.«

»Ladet doch Mr. Langohr als Zeuge vor«, lachte jemand laut. »Vielleicht kann er die Aussage beschwören.«

»Der Zeuge ist tot«, verkündete der Fremde grinsend. »Aufgefressen!« Er hielt eine kleine Coltkugel in der Hand: »Sie hat mich einen Zahn gekostet, Gents!«

Die Männer wussten nicht recht, was sie mit diesem komischen Burschen anfangen sollten. Einer tippte sich bezeichnend an die Stirn.

Der Fremde ließ die anderen stehen und ging auf den Alten zu.

»Der Mann hier bleibt mit seinen kurzen Beinen auf der Erde, verstanden! Hier ist die Kugel. Wo ist der Colt?«

Sein Gesicht war hart und entschlossen geworden. Die Hände aller Anwesenden gingen dann sofort in die Höhe.

»Boom, nehmen Sie den Männern die Colts ab!«

Der Totengräber ließ sich das nicht zweimal sagen. Er arbeitete rasch und legte die Waffen säuberlich auf den Tisch.

»So! Hört jetzt mal alle her, Leute! Im Whisky sind in diesem Land schon viele Leute unschuldig aufgehängt worden! Weiß nicht, wer den Burschen da umgelegt hat, aber der Kleine da ist es bestimmt nicht gewesen. Werde die Sache jetzt untersuchen. Der Dicke mag herkommen und mir dabei helfen.«

»Hoho, Fremder!«

»Ich sagte«, fuhr der Lange fort, »der Dicke soll kommen und mir helfen. Na, wird’s bald?«

Daraufhin schob sich Rancher Winter finster nach vorn.

»Heiße Kid Winter«, stellte er sich steif vor.

»Patterson, mein Name! Stehe von Amts wegen hier. Nun kann’s wohl losgehen, wie? Boom, wo ist Ihr Colt?«

Der Totengräber hatte seine Waffe längst wieder in der Hand. Er reichte sie dem Sergeanten, der die bewusste Kugel an Winter weitergab.

»Probieren Sie, ob sie passt!«

Sie passte tatsächlich, und zwar so genau, dass kein Zweifel mehr bleiben konnte, zumal es ein nicht gerade alltägliches Kaliber war, das der Alte benutzte.

»Na also! Möchte jetzt zum Sheriff. Warum ist der Mann nicht schon längst hier?«

»Er kann nicht. Muss liegen, weil er sich einen Fuß verknackst hat.«

»Lächerlich!« Sergeant Patterson brummelte einige unverständliche Worte. »Kommen Sie mit, Boom«, forderte er dann den Totengräber auf.

Ohne sich um das zu kümmern, was hinter seinem Rücken geschah, zog er mit Kerry ab. Er wollte dem Sheriff die weitere Untersuchung des Falles in die Hand geben.

An der Schwingtür drehte er sich noch einmal kurz um.

»Die Gents begeben sich jetzt wohl am besten zu Mutti. Die Bar bleibt geschlossen, bis ein neuer Besitzer da ist.«

2. Kapitel

Jeanne Boom war eine schöne, stolze Brünette, die schon einigen Männern einen Korb gegeben hatte. Sie war am frühen Morgen auf ihrem flinken Renner davongeritten, ohne dass jemand wusste, wohin. Erst gegen Abend kehrte sie um.

Da es ein sehr anstrengender Tag gewesen war, verspürte sie mehr Müdigkeit als Hunger. Viel Schmutz haftete an ihren Kleidern, den sie entfernen musste, bevor sie wieder unter Menschen kam. Sie wusste, dass diese Schmutzspuren leicht zum Verräter an ihrem und ihres Vaters sorglich gehüteten Geheimnis werden konnten …

Als sie an einem Creek vorüberkam, begann sie sofort mit der Reinigung. Sie achtete dabei kaum auf ihre Umgebung. Und so bemerkte sie die Reiterin erst, als sie mit fliegenden Haaren auf sie zu preschte. Da warf sich Jeanne wie eine Katze herum, und in ihrer Hand blitzte ein Colt.

»The Red Peggy!«, rief sie erschreckt.

Die andere lächelte boshaft.

»Eine tüchtige Amazone! Aber warum so unhöflich? Wenn Sie die Güte haben wollen, etwas genauer hinzusehen, dann werden Sie zugeben müssen, dass mein Haar nicht rot zu nennen ist. Darf man wissen, mit wem man die Ehre hat?«

»No! Wenn Sie nicht die Peggy sind, dann reiten Sie weiter, und vergessen, dass Sie mich hier gesehen haben!«

Die Reiterin hatte sich inzwischen von ihrem Pferd gleiten lassen und ruhig auf einen Steinblock gesetzt, obwohl Jeanne ihren Colt immer noch auf sie gerichtet hielt.

»Angst scheinen Sie nicht zu kennen«, stellte Jeanne anerkennend fest.

»Es geht. Wie wär’s, könnten wir uns nicht ein bisschen gemütlicher unterhalten?«

»Ich kenne Sie ja gar nicht«, kam es widerstrebend zurück.

»Sie könnten diesem Mangel ja abhelfen.«

Die überlegene Ruhe der Fremden wirkte besänftigend auf das Mädchen. Etwas beschämt steckte es die Waffe ein.

»Es wäre gut, eine Freundin zu haben, mit der man über alles sprechen kann, aber es ist vielleicht zu gefährlich für mich.«

Zögernd kam sie näher und sah die andere misstrauisch an. Jeanne fühlte sich von der Frau irgendwie angezogen, aber sie traute ihren Gefühlen nicht mehr.

»Heiße Jeanne Boom«, erklärte sie endlich. »Mein Vater ist der Totengräber in Kadoka. Man nennt ihn aber in unserem Nest nur den ‚Totengräber von Dakota’. Und wer sind Sie?«

»Ich bin Ruby Long; das wird Ihnen zwar nicht viel sagen, aber Sie können mir vertrauen, wenn es sich nicht um Schlechtigkeiten handelt, Miss Boom.«

»Seien Sie ganz beruhigt, Miss! Ich möchte Ihnen gern vertrauen, aber lassen Sie mir ein paar Tage Zeit, falls Sie in der Gegend bleiben. Vielleicht kann ich Ihnen dann alles erzählen.«

»Okay!«, kam es gleichmütig zurück. »Aber sagen Sie mir wenigstens, wer die rote Peggy ist.«

»Das will ich gerne tun«, erklärte Jeanne bereitwillig.

Ruby Long, Agentin der Ghost Squad, hatte sich eine halbe Stunde später herzlich von Jeanne verabschiedet und war weitergeritten. Wenigstens nahm Jeanne das an; sie fuhr mit der Säuberung ihrer Kleidung fort und wusch zum Schluss sogar die Hufe ihres Pferdes ab.

Als sie damit fertig war, brach sie ebenfalls auf und ritt sehr schnell, da sie sich verspätet hatte.

Ruby Long aber lag in sicherer Deckung und beobachtete, welchen Weg sie einschlug. Sie stellte fest, dass die Jeanne tatsächlich auf Kadoka zuhielt. Als sie sich dann erheben wollte, gewahrte sie einen Reiter, der auf sie zujagte, und ging in Deckung.

Als er vorbei war, setzte sie ihren Weg fort. Der Fremde, ein ziemlich dicker Mann, hatte keine Ahnung davon, dass er beobachtet wurde. Er ritt auf ein Ranchgebäude zu, das die Agentin in der Ferne eben noch erkennen konnte.

Jeanne Boom benutzte Wege, die ihr leicht ein Verwischen ihrer Fährte erlaubten. Sie war beruhigt, als sie den Ort Kadoka wieder vor sich liegen sah. Zuerst versorgte sie ihr Pferd, dann wandte sie sich dem Haus zu. Sie hatte erwartet, ihren Vater anzutreffen, da er nur selten ausging. Doch dann fiel ihr ein, dass er ja gestern davon gesprochen, dass heute das »Fell« des toten Keepers »versoffen« werden müsse; das war ein landläufiger Ausdruck, den sie von ganzem Herzen hasste.

Das Mädchen verließ das Haus, um den Vater heimzuholen.

Auf der Straße begegnete ihr zuerst der Stadttramp Bud Istar, zu dem sich dann Joe Halfcast gesellte. Er wollte wohl noch ausreiten, denn er führte seinen Gaul am Zügel.

»Oh! Da sind gerade die Richtigen beisammen«, murmelte Jeanne und wollte grußlos an den beiden vorbei.

Das aber war nicht nach dem Sinn des Halbbluts, der wegen seiner Abstammung Halfcast genannt wurde. Er ließ sein schmieriges Lachen hören, das sogar robustesten Männern auf die Nerven ging.

»Wetten, dass sie jetzt ihren Dad nach Hause jagen wird?«

Jeanne tat, als hätte sie nichts gehört, und ging weiter. Aber auch das war nicht im Sinne Joes, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, ein paar Worte mit dem Mädchen zu wechseln.

»Halt mal eben meinen Gaul, Bud!«, sagte er schnell und drückte dem anderen die Zügel in die Hand. Dann drehte er sich um: »He, Girly!«

Jeanne ging weiter. Äußerlich sah sie ganz gelassen aus, aber in ihrem Innern kochte es.

Joe ärgerte sich über die verächtliche Art, mit der sie ihm die Schulter drehte.

»Möchte bloß wissen, was sich diese verdammte Göre einbildet, Bud«, rief er höhnisch zurück. »Pass auf, wie ich’s der eintränke!«

Er baute sich vor dem Mädchen auf, das ruckartig den Schritt verhielt und den Mann mit kalten Blicken musterte.

»Halfcast!« Sie rief es in einem Ton, der dem Bastard die Zornröte ins Gesicht trieb. Doch sie hielt ihn mit den Augen in Schach und ging ruhig weiter.

Bud Istar lachte, was dem verdutzten Halbblut neuen Auftrieb gab. Mit zwei Sprüngen verstellte er dem Mädchen den Weg.

»Würde mich nicht so aufblasen wie ein Laubfrosch auf ‚nem Strohhalm, du blödes Weibsstück«, geiferte er los, »wo doch Kerry Boom den neuen Keeper umgebracht hat! Hätten ihn vorhin beinahe aufgehängt, deinen Dad, wenn uns nicht so ein komischer Fremder daran gehindert hätte. Natürlich werden wir die Geschichte nachholen, sobald der Stranger das Town verlassen hat. Wette, dass du’s dann lernst, deine Nase tiefer zu tragen, wie?«

Joe Halfcast brach seine unflätige Rede mit einem tierischen Aufschrei ab, der im ganzen Town gehört wurde, denn Jeanne Boom hatte ihm ihren Colt mitten in das vom Lachen widerlich verzerrte Gesicht geschlagen.

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