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Tom Percival und die Priester des Baal

Jo Zybell

Tom Percival und die Priester des Baal

Dämonenjäger Tom Percival, Band 3: Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Tom Percival und die Priester des Baal

von Jo Zybell

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Teil 1

Die Musik war hart, metallen und schrill. Eine neue Kettensäge hätte ähnlich reizvoll geklungen, doch so war es gut, so liebte das pummelige Mädchen zwischen den Boxen und vor dem Monitor es: hart, metallen und schrill.

Plötzlich riss sie ab, die Kettensägenmusik, und eine nervtötend freundliche Frauenstimme verkündete, dass Rose Goldsmith Post in ihrer Mailbox habe; nur das, und schon dröhnte die Musik wieder los.

Sie wechselte in ihr E-Mail Programm und holte die Nachricht aus ihrer Mailbox ab. Hi, Rosiebaby, wie findest du das? Dein Zuckerstangen-Teddy.

Die Anlage hieß C666 und war eine Bilddatei; ziemlich groß, über zwei Mega. Sie speicherte sie in einem ihrer Ordner mit den ganz besonderen Bildern. Dann raus aus dem Programm, hinüber in den speziellen Bildordner, ihr Passwort eingegeben und die neue Datei C666 geöffnet. Gespannt beobachtete sie den Bildschirm.

Was sich da aufbaute, erinnerte sie zuerst an einen Sandsturm in der Sahara, dann an die Steilklippen an der Südküste, dann an eine gewaltige Tropfsteinhöhle, und schließlich an eine Kathedrale. Und genau das war es: Eine Kathedrale. Und zwar nicht irgendeine Kathedrale, sondern die größte auf der ganzen Insel. Jedes Schulkind wusste das, jedes Schulkind kannte sie.

„Hey, Teddy“, murmelte Rose. „Eine Kirche? Was soll das...?“

Sie betrachtete das symmetrische Steingebirge: das Hauptschiff zwischen den beiden Südtürmen, der gewaltige Mittelturm über dem Kreuzgang und der kreuzförmige Chorkomplex dahinter – eine schier unübersichtliche Anlage aus Dächern, Dachtürmchen, Erkern, Mauern, Bogengängen, gotischen Fenstern und Türmen. Es war eine von der Seite aus vielleicht hundert Metern Höhe aufgenommene Gesamtansicht, vermutlich aus der Homepage der Stadt. Eine bearbeitete Aufnahme allerdings, denn die Fahrzeuge auf den Straßen vor der Kathedrale bewegten sich, und die Passanten und die Touristenströme vor der Kathedrale ebenfalls.

Es war nicht die erste Bilddatei, die Terry ihr schickte, und auch von den anderen kamen hin und wieder Fotos, Filme und Animationen. Musikvideos, schräge Comics, Darkwave-Mode, Gothic-Accessoires, und eine Menge geiler Motive, die man sonst in keiner Musikzeitschrift, in keinem Vorabendprogramm fand. Aber eine Kirche? Eine Kirche hatte ihr noch keiner geschickt.

„Hey, Terry, willst du mich verarschen?“

Sie entdeckte zwei Schaltflächen rechts oben – ein Kruzifix und ein umgedrehtes Kreuz. Sie klickte das Kruzifix an. Die Kirche rückte näher, das Hauptportal öffnete sich, der Innenraum des Hauptschiffes füllte den Bildschirm aus. Unter Orgelklängen führte ein virtueller Rundgang zunächst zum Altar.

Rechte Maustaste, eine Liste mit Befehlen, ein Klick auf >zurück<. Die Kathedrale aus der Luft, die Schaltflächen mit den Kreuzen, das umgedrehte Kreuz, klick!

Zunächst geschah überhaupt nichts. „Du willst mich doch verarschen...“ Eines der vier Dachtürmchen des rechten Südturms kippte um, Steinschlag fuhr unter die Touristengruppe auf der Südseite. Rose hielt den Atem an. Ein zweites Dachtürmchen stürzte herab, und der linke Südturm brach zusammen. Mund und Augen weit aufgesperrt saß Rose auf der Stuhlkante. Eine gewaltige Staubwolke erhob sich über den Trümmern auf dem Vorplatz und hüllte den vorderen Teil der Kathedrale ein. Der Hauptturm über dem Kreuzgang vibrierte, Flammen schlugen aus dem Dach des Hauptschiffes...

„Rosie?! Bist du da?!“ Die Wohnungstür schlug zu. „Ich hab was zu essen mitgebracht!“ Ihre Mutter. Schnell klickte sie auf >Datei<, dann auf >Schließen<. Schritte näherten sich der Tür zu ihrem Zimmer. Gerade noch schaffte sie es, den Ordner mit den besonderen Bilddateien zu schließen. Ihre Mutter zog die Tür auf. „Hi, Rosie. Kommst du zum Essen...?“

 

*

 

Obwohl es schon dämmerte, zog er seine Sonnenbrille aus der Brusttasche. „Ich geh allein.“ Er stieß die Fahrertür auf, stieg aus und warf sich seinen Rucksack über. Mit großen Schritten steuerte er das kleine Kiefernwäldchen an. Die anderen zogen die Seitentür auf, alle stiegen aus, alle zündeten sich Zigaretten an. Keiner ließ es sich anmerken wie er erleichtert sie waren, am Wagen warten zu können. Sie sahen ihm nach.

Nach vierzig Schritten etwa blieb er noch einmal stehen, setzte die Sonnenbrille auf, drehte sich um und rief: „Sollte ich nicht zurückkommen, sucht nicht nach mir.“ Der Seewind trug seine Stimme zusammen mit dem Rauschen der Brandung zu ihnen. Nacheinander nickten sie.

Er verharrte einen Moment, betrachtete einen nach dem anderen, als wollte er sich ihre Gesichter noch einmal einprägen. Sollte er zurückkehren, würde der, der dann zurückkehrte, ein anderer sein. Das wusste er. „Wenn ich nicht zurückkomme, bist du der Führer, Malcolm, vergiss es nicht!“ Er drehte sich um und ging weiter.

Der Wind fuhr ihm unter das schwarze Tuch, das er sich um den Kopf gebunden hatte. In seinem Brustkorb brannte es wie Fieber. Sturmgebeugten Wächter gleich erwarteten ihn die Kiefern. Er trat mitten unter sie. Das letzte Abendlicht blieb zurück, sein Schatten versickerte im Unterholz.

Äste brachen unter seinen Sohlen, und jedes Mal richteten seine Nackenhaare sich auf. Je näher er dem Ort kam, den sie ihm beschrieben hatte, desto gründlicher verlor er jedes Zeitgefühl. Das Wäldchen lichtete sich. Plötzlich ragte das Gemäuer vor ihm auf: Überreste eines uralten Wehrturmes aus normannischen Zeiten. Buschwerk umwucherte es, dahinter sah er Meer und Abendhimmel miteinander verschwimmen.

Er trat ein, wandte sich nach rechts, durchquerte einen kleinen, schon fast dunklen Raum voller Geröll und Gestrüpp und fand die schmale Treppe nach unten. Alles so, wie sie es ihm beschrieben hatte.

Er nahm die Sonnenbrille ab, holte die Stablampe aus dem Rucksack, schaltete sie ein und folgte dem Lichtkegel hinab über ausgetretene Stufen. Der Lichtschein zitterte auf schwarzem, feuchtem Gestein. Es war kalt. Dennoch staute sich die Hitze unter seinem Kopftuch.

Die Treppe wurde steiler, die Stufen glitschig und brüchig. Mit der Rechten stützte er sich an der Wand ab. Seine Finger glitten über Moos. Es roch modrig, sein Hals fühlte sich eng an, jeder Schluck schmerzte, und er musste ständig schlucken.

Die Treppe endete, er blieb stehen. Der Lichtkegel wanderte über Steinwände aus nur grob oder gar nicht behauenen Quadern, über Geröll, über Holzreste, über ein paar auf dem Boden aufgerichtete Steine mit abgeschliffenen Oberflächen und über einen Haufen Kohle und Asche. Alles so, wie sie es beschrieben hatte.

Er ließ sich auf einem der Steine vor der Feuerstelle nieder, platzierte seine Lampe so auf dem Nachbarstein, dass ihr Schein die Feuerstelle und den Rucksack auf seinem Schoß leidlich beleuchtete. Er zog eine Jutetasche aus dem Rucksack und aus ihr die für diese Stunde aufbewahrten und während der letzten Mitternachtsmesse geweihten Dinge: Haar, Gefieder, Reisig, Knochen, Holzwolle, zerkleinertes Eibengeäst, Zweige von Bärlapp und Eisenkraut. Merkwürdig – während er auspackte, was er benötigte, wurde er ruhiger.

Zu seinen Füßen schichtete er alles über der Feuerstelle auf. Er ließ sich Zeit, murmelte die rituellen Formeln und achtete darauf sorgfältig zu arbeiten. Alles musste in festgelegter Reihenfolge übereinander gestapelt und miteinander verbunden werden, und zu jedem geweihten Bestandteil des Fürstenfeuers gehörte eine ganz bestimmte Beschwörung. Neun Jahre lang hatte er sich auf diesen Augenblick vorbereitet.

Endlich richtete er sich auf. Kniehoch wölbte sich der kunstvolle Aufbau über der alten Feuerstelle. Schließlich griff er ein letztes Mal in den Rucksack, kramte ein Zinkdöschen heraus, bevor er ihn hinter sich warf. Er öffnete das Döschen, schlug das Zeichen über den getrockneten, gelblichen und schwärzlichen Pilzbröseln, murmelte den Spruch und kippte sie aus dem Gefäß in den Mund. Auch während er den Pilz zu einem bitteren Brei zerkaute, murmelte er den Spruch wieder und wieder; bis er den Brei herunterschluckte.

Er schaltete die Lampe aus, schloss die Augen und wartete.

Bald wurde ihm wärmer. Er glaubte am Strand einer Südseeinsel zu sitzen, doch als er die Augen öffnete fand er sich im Inneren eines Eis wieder. Die Schale schien weich und halbtransparent zu sein, denn er sah die Innenwandrundungen seines Aufenthaltsortes schwingen. Sie wich zurück, sie wanderte auf ihn zu, bis sie ihn von allen Seiten umschloss und fast berührte, und sie wich erneut zurück. Rötliche Schatten tanzten, drei oder vier oder mehr – sie sprangen und hüpften an der Außenseite der Schale entlang.

Vielstimmiger Gesang erfüllte plötzlich das Ei, überirdisch schön und überirdisch schrecklich zugleich. Er zog die Schultern hoch und hielt sich die Ohren zu. Der Gedanke, das Ei von innen aufsprengen zu müssen, um fliehen zu können, versetzte ihn für einen Moment in Panik. Doch nicht lange. Er zwang sich, die Hände von den Ohren zu nehmen, öffnete sich dem Gesang und riss seinen Blick von den tanzenden Rotschatten los. Stattdessen konzentrierte er sich auf das, was zu seinen Füßen geschah.

Dort pulsierte inmitten von Geäst, Haar, Kräutern und Knochen ein Herz, blutig und klein. Es wuchs. Es schwoll. Es glühte, es begann zu brennen, und doch kein Rauch stieg von ihm auf. Aus den fast weißen Flammen schälten sich etwas, das wie die Konturen eines Gesichtes aussah.

Der Schweiß brach ihm aus allen Poren, in alle Richtungen wollten seine Gedanken davon galoppieren und drohten seine Gefühle mit sich zu reißen. Sein Pulsschlag hämmerte ihm in den Schläfen. Er gewann die Macht über seine Gedanken und Empfindungen zurück, er zwang sich genau hinzuschauen: Etwas wie ein Mund öffnete sich in dem wabernden, weiß-glühenden Gesicht, und es fing an mit ihm zu reden.

Jedes Wort ging ihm durch und durch, jedes Wort bereitete ihm unerträgliche Schmerzen, so dass er schließlich vom Stein stürzte und sich wimmernd zwischen Eierschalenwand und sprechendem Gesicht wand. Ihm war, als würden ihm die Worte des Gesichts die Knochen brechen und wieder zusammenfügen, ihm war als würden sie sein Blut aufsaugen und wieder in ihn hineinspucken; ja, ihm war, als würde er durch die Worte, die er hörte, vernichtet werden, um danach überhaupt erst geboren zu werden.

„Du bist berufen“, sprach das Gesicht beispielsweise. „Du bist mein. Hier sind deine Kampfgaben“, und dabei hauchte das Gesicht ihn an. Das Ei bebte, der Boden zitterte, er glaubte verbrennen zu müssen. „Fortan heißt du Ahab! Du kennst meinen Namen – er sei der Name deiner Schlacht. Unter diesem Namen kämpfe und siege. Kein Unbefugter erfahre ihn je! Nun geh und tue, was ich dir geboten habe. Tue es, sobald die Zeit reif ist!“

„Woher weiß ich denn, wann die Zeit reif ist, mein Fürst?“, flüsterte er.

„Wenn sie deinen Weg kreuzt, dann ist die Zeit reif.“

„Wer?“, jammerte er. „Wenn wer meinen Weg kreuzt?“

„Meine Dienerin Isebel. Und nun geh.“

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er sich irgendwann in vollkommener Dunkelheit wiederfand. Er zitterte, schweißnass war er, und so kraftlos, dass er kaum die Lampe halten konnte, als er sie endlich ertastetet hatte und einschalten wollte.

Das geweihte Feuer war vollkommen niedergebrannt. Mit dem Deckel der Zinkdose löffelte er soviel Asche in die Dose, wie sie fassen konnte. Danach verschloss er sie und verstaute sie ihm Rucksack. Den schnallte er sich auf den Rücken. Auf den Knien rutschte er die Treppe hoch. Sie kam ihm vor, wie der steilste Berg auf der ganzen Welt. Und die Lampe in seiner Rechten wog so schwer wie eine Axt.

Viel später schleppte er sich in die Nacht hinaus, und als sie ihn in der Morgendämmerung aus dem Kiefernwäldchen torkeln sahen, jubelten sie, sprangen von dem Feuer auf, das sie unweit des Wagens entzündet hatten und liefen ihm entgegen. Wenige Schritte vor ihm jedoch verstummte ihr Jubel. Sie blieben stehen, und einer nach dem anderen sank vor ihm in die Knie...

 

*

 

Mr. Blackwood träumte, ein Panzer würde die King William Street hinunterdonnern. Sein Motor brüllte, die Ketten wühlten den Asphalt auf, Menschen flüchteten sich in Hauseingänge, Parks und Toreinfahrten.

Zunächst war es kein Albtraum, wirklich nicht, er selbst blieb sogar ziemlich ruhig in seinem Traum, so ruhig, dass seine eigene Ruhe ihn erstaunte – im Traum erstaunte, wohlgemerkt! – denn normalerweise war er alles andere, als die Ruhe selbst.

Der verdammte Panzer stieß Autos um, rammte einen Doppeldeckerbus und kam näher und näher. Eine Frauenstimme schrie von fern: „Hau ab, Leo! Lauf um dein Leben...!“ Und jetzt erst begann er nervös zu werden, denn auf einmal wurde ihm bewusst, was für einen Lärm der Panzer veranstaltete, einen Höllenlärm nämlich.

Leo hatte an sich nichts gegen Lärm. Den ganzen Tag in der City, den ganzen Tag an verkehrsreichen Straßen, nein, nein – Lärm und er, das gehörte zusammen wie seine Uniformhose und er. Der Panzermotor aber brüllte so ungeheuer laut, und es knirschte und donnerte und krachte derart nervtötend, weil der verdammte Kaventsmann parkende Wagen gleich dutzendweise niederwalzte, dass Leo es schließlich doch mit der Angst zu tun bekam; Angst um seinen Hund, Angst um seine Weinflasche, und Angst um seinen Hut. Und dann wieder die Frauenstimme von weiß Gott woher: „Um Himmels Willen, Leo! Hau endlich ab! Lauf um dein Leben...!“

Im selben Moment, als er die Stimme seiner Mutter erkannte, begriff er auch, dass es ein amerikanischer Panzer war, dessen Bug sich da fünfzehn Schritte vor ihm auf einem Mercedes aufbäumte, und nicht irgendein gottverdammter amerikanischer Panzer, sondern ein Abrams-M1.

Vorbei war es mit der Ruhe. Mit der Army wollte er wahrhaftig nichts mehr zu tun haben. Harndrang quälte ihn plötzlich, und die Panik peitschte sein Blut dem Siedepunkt entgegen. Leo raffte das Geld aus dem Hut, griff nach der Hundeleine, schnappte sich die Weinflasche und sprang auf...

Im selben Augenblick schreckte er aus dem Schlaf hoch. Nur ein Traum, Leonard, nur ein Traum...!

Er lauschte. Der Panzer entfernte sich. Blödsinn, wieso Panzer? Nein, eigentlich konnte es kein Panzer sein, und schon gar keiner von der US-Army. Es war ein Wagen, natürlich. Irgend so ein Arschloch mit durchgerosteter Auspuffanlage rauschte davon.

Gleichgültig. Hauptsache, es herrschte wieder Ruhe. Außerdem musste er sowieso pissen. Er setzte sich auf. Ganz schön kalt diese Nacht, war doch erst Ende September, oder? Wo blieb der vielgepriesene Spätsommer, von dem sie alle quatschten? Er tastete nach der Flasche, erwischte sie auch, allerdings nur mit den Fingerkuppen – sie kippte um, fiel durch die Türöffnung nach draußen, schlug auf dem Dach des Wagens unter ihm auf und kullerte noch ein paar Sekunden über Blech, bevor sie unten im Gras aufschlug.

Klang irgendwie nicht nach Scherben. Na Glückwunsch!

Er kicherte, freute sich wie ein Kind und rutschte auf die rechte Seite des Sitzes. Der Wagen schwankte ein wenig. Machte nichts, alle diese Rostwracks schwankten, wenn man ausstieg; und mehr noch, wenn man einstieg. Leo kroch aus der Türöffnung und kletterte über das Dach des unteren Wagen abwärts. Warum bei allen Göttern der Nacht roch es heute Nacht hier so seltsam?

Er sprang ins Gras, taumelte, ging in die Knie und tastete nach der Flasche. Sie musste eigentlich noch halbvoll sein. Am Himmel stand der Neumond, kein vernünftiges Licht. Und dieser ekelhafte Geruch...

Vergingen fünf Minuten? Vergingen zehn? Er wusste es nicht. Jedenfalls erwischte er die Flasche irgendwann, und das allein zählte. Er schraubte sie auf, setzte sie an die Lippen, ließ das Wasser in seinen Hals strömen. Wieso träumte er von einer Weinflasche, wo er doch seit sechs oder sieben Jahren schon keinen gottverdammten Alkohol mehr anrührte? Und was bei allen Geistern der Nacht stank hier so? Da brannte es doch irgendwo!

Er lehnte die Flasche neben die Felge des unteren Wracks, packte seine Gerätschaft aus der Hose und pinkelte, wo er gerade stand. Auch dass er die Stimme seiner Mutter gehört hatte... Er schüttelte den Kopf, während sein Harnstrahl ins Gras klatschte. Mum lag seit zehn Jahren auf einem Friedhof drüben in Miami, Florida. Wieso träumte er von ihr? Und was hatte ein Abrams-M1 in einem Traum im East End, London, Great Britain verloren?

Er blickte sich um. Hey, warum flackerte da ein Lichtschein zwischen den Rostbergen? Komisch irgendwie. Leo zögerte nicht: er schloss seine Hose und machte sich auf den Weg zu dem Licht. Wie ein Dschungelkämpfer schlich er voran, gab sich alle Mühe auf kein Blech und kein Geäst zu treten, und verhielt sich auch sonst so leise wie möglich. Manche Sachen verlernte man nie. Am Ende lauerten da noch schräge Vögel hinter dem Gebirge aus Kühlerhauben, Autoachsen und –türen. Wusste man’s denn? Vielleicht aber waren es auch nur Leute wie er; Leute ohne ein Dach über dem Kopf, die froh waren über ein bisschen Gesellschaft. Und vielleicht hatten sie sogar etwas zu beißen dabei.

Ein matter Lichtschein war das, viel zu matt eigentlich für ein Lagerfeuer oder gar ein Tonnenfeuerchen, wie sie es hier manchmal anzündeten. Mit jedem Schritt, den Leo sich voranpirschte, nahm der Gestank zu. Ein wirklich höllischer Gestank! An was nur erinnerte ihn dieser gottverdammte Gestank?

Am Ende des Schrottgebirgszuges, an dessen Südseite sein Schlafwrack stand, blieb Leo stehen. Er drückte sich dicht an einen Kühlerhaubenstapel und lauschte. Nichts zu hören. Wirklich nicht, Leonard? Nein, keinen Pieps. Er schnupperte. Angewidert verzog er das Gesicht. Eine zweite Gestanksnote mischte sich in den eigenartigen Brandgeruch. Die erkannte er sofort: Tod. Alter, faulender, verrottender Tod.

Dreh dich um, Leo, geh zurück, weg von diesem Schrottplatz! Er glaubte die Stimme seiner Mutter aus seinem Traum herüber rufen zu hören.

Ganz Unrecht hätte sie nicht, denn wenn er fand, was er dem Gestank nach zu schließen finden würde, bekäme er es möglicherweise mit den Cops zu tun; selbst wenn er sie nicht persönlich anrief. Der Name Leonard Blackwood war aktenkundig bei Scotland Yard; sie wussten auch, dass er von Frühjahr bis Herbst ganz gern hier draußen schlief. Also mach schon, Leo, dreh um und verschwinde.

Seine Neugier, seine verdammte Neugier!

Er versuchte durch den Mund zu atmen und starrte auf den gegenüberliegenden Schrotthügel – schwacher Lichtschein tanzte auf Kotflügeln, Felgen, und Autotüren – er holte noch einmal tief Luft, bückte sich ein wenig und spähte um die Ecke. Vorsichtig, Leo, ganz vorsichtig.

Da brannten Kerzen. Solche hohen, wie man sie an gewissen Feiertagen in Altarräumen von Kirchen sah. Nur waren die hier schwarz. Kein Mensch zu sehen. Leo trat aus seiner Deckung. Schwarze Kerzen, bescheuert! Sieben waren es, sieben in einem nicht vollständig geschlossenem Rund aufgestellte, schwarze Kerzen. Das muss man sich mal vorstellen!

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