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Tom Percival und der Clan der Raben

Jo Zybell

Tom Percival und der Clan der Raben

Dämonenjäger Tom Percival, Band 2: Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Tom Percival und der Clan der Raben

von Jo Zybell

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Teil 1

Da unten wuchert es, das Gewächs aus Glas und Stein und Asphalt, das Gewimmel aus Fleisch und Blech und Lärm. Da liegt es unter uns, das Geschwür, das du >Stadt< nennst, das schmutzige, stinkende, stöhnende Gewächs, das wir >Unwald< nennen; und >Unerde< und >Nesternichts<.

Wir kommen von Sonnenaufgang und Mittag, wir kommen von Sonnenuntergang und Mitternacht. Wir haben uns aufgeschwungen aus den stillen Hainen und verschwiegenen Rasenmulden, wo deinesgleichen seine Toten verbirgt. Wir haben uns erhoben aus Glockenstühlen und Turmgebälk, aus dem Geäst der Platanen am Fluss, den du >Themse< nennst, aus den Kastanien und Trauerweiden der Oasen, die du >Holland Park< oder >Regent’s Park< oder >Hyde Park< nennst.

Wir sammeln uns über einer der unzähligen und schnurgeraden Breschen zwischen den Steinkästen, worin deinesgleichen haust und sein Unwesen treibt. Wir flattern über schier unendlichen Ketten aus Blechkästen, in denen deinesgleichen durch diese Wucherung aus Glas und Atem und Fleisch und Asphalt kriecht

Du willst mit uns kommen? Du willst mit uns fliegen? Du glaubst, du wirst ertragen zu sehen, was wir gesehen haben, und was doch erst geschehen wird? Meinst du wirklich, du wirst dem gebietenden Raunen dessen standhalten können, der uns sendet? Jener Stimme, die unerbittlich richtet und fordert und will? Besinne dich. Überlege gut. Nur wenige sind auserwählt.

Wir sind zwei oder drei, wir werden mehr, wir sammeln uns, wir sind viele. Und da unten kreuzen sich zwei Asphaltbreschen und zwei Blechketten. Wir teilen uns.

Eine Schar trennt sich von uns, folgt dem Meister nach Sonnenuntergang, dorthin, wo die Eisenvögel aufsteigen und sinken, die du >Flugzeuge< nennst.

Wir – die zweite Schar – folgen dem Meister über die sich kreuzenden Asphaltbreschen, über den Platz mit den vielen Blechkästen, bis hin zu jenem weißen Steinkasten.

Da unten blinkt blaues Licht, da kräht ein künstlicher Schrei, langgezogen und warnend und schrill. Der Schrei schwillt an, der Schrei schwillt ab, der Schrei schwillt an...

Und da ist es schon, unser Ziel: Einer der Steinkästen, in denen deinesgleichen sein Unwesen treibt – groß und weiß und oval. Wie einer der Wasserkästen, die du >Schiff< nennst, sieht er aus. In neun übereinandergeschichteten Ebenen erhebt er sich über der Asphaltbresche und der Blechkettenkreuzung. Aus seiner flachen Oberfläche ragen dünne Masten in den Abendhimmel. Dorthin sind wir gesandt.

Zwischen manchen der dünnen Mäste sind Drähte gespannt, und einige von uns lassen sich jetzt darauf nieder. Sie äugen hinunter zur Bleckkette und blauem Geblinke und einem Asphaltplatz, wo Blechkästen nicht kriechen sondern stehen. In Reih und Glied stehen sie da unten, wie die kleinen Hügel mit den Steinmalen, die du >Gräber< nennst, und unter denen deinesgleichen seine Toten verbirgt.

Ja, dort hinab spähen wir; auf jenen einen, den roten Blechkasten. Zu ihm sind wir gesandt. Wir kreisen über ihm, wir lassen uns auf dem großen, ovalen, weißen Steinkastens nieder, wir schweben zur Dachkante hinunter, wir sitzen auf den Drähten zwischen den Masten. Wir, die Gesandten des Feuers. Wir, die Boten der Nacht.

Wir warten.

 

*

 

Sie drehte die Tasse zwischen ihren Fingern. Der Kaffee war längst kalt. Was redete er da, der Mann am anderen Ende der Leitung? Neun hakenförmig geknickte Kippen lagen im Aschenbecher – sie musste sie nicht zählen, sie wusste, wie viele Zigaretten sie geraucht hatte seit dem Dinner. Jetzt redete er überhaupt nichts mehr, der Mann am anderen Ende der Leitung. „Dr. Chadwick?“ Keine Antwort. Draußen näherte sich Sirenengeheule. “Hallo? Dr. Chadwick?“

Keine Antwort. Der Mann hatte die Verbindung unterbrochen. „Shit!“ Anne Lewis knallte das Telefon auf die Konsole. „Oh Shit!“ Sie schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.

Unten auf dem Portland Place rauschten Einsatzfahrzeuge vorbei – drei, vier, ein halbes Dutzend, oder noch mehr. Rettungswagen, Feuerwehr, Polizei. Irgendeine kleine Katastrophe in der abendlichen Stadt. Nichts Ungewöhnliches, es berührte sie nicht.

Anne Lewis hatte ihre eigene Katastrophe. Sie hatte Chadwick fest eingeplant. Als Gast für ihre Freitagstalkshow. Eben hatte er abgesagt.

„Shit!“

Der Auftritt sei zu gefährlich für ihn, er könne sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen, man habe ihn bedroht, und so weiter.

Natürlich hätten sie mit diesem Thema ein verdammt heißes Eisen angerührt, und natürlich bedurfte es einer gewissen Risikobereitschaft für solch einen Auftritt. Aber konnte der Mann sich das nicht vorher überlegen?

Schon bei der ersten Begegnung mit ihm hatte Anne ein ungutes Gefühl gehabt. Nachdem sie sein Buch gelesen hatte, war sie extra nach Dublin rüber geflogen, und traf ihn in einem versifften Pub. In einer halbdunklen Ecke dozierte er bei reichlich Malt und Bier über sein erst halbfertiges, neues Buch; es klang nach einer dieser Verschwörungstheorien, wie sie von Zeit zu Zeit den Markt überschwemmen, nur legte Chadwick ihr verdammt stichhaltige Belege für seine Behauptungen vor...

Allerdings: Ein bisschen versponnen hatte er schon auf sie gewirkt, dieser hypernervöse Professor. „Shit!“ Selber Schuld, wenn man solche Leute einlädt, selber Schuld, wenn man nicht auf seine innere Stimme hört. Das Sirenengeheult verlor sich allmählich Richtung City.

„Das hast du nun davon...“ Anne seufzte, stand auf, ging zum Fenster. Dort, hinter dem Topf mit den Kakteen, hatte sie ihre Zigaretten deponiert. Sie glaubte weniger zu rauchen, wenn die Kippen nicht in Reichweite lagen. Illusion. Sie zündete sich eine an und blies den Rauch gegen die Fensterscheibe.

Draußen dämmerte der Abend. Der Himmel sah aus wie blaue Milch. Im Westen hingen ein paar rötliche Wolken über den Antennen, Schornsteinen und Dächern Merylbones. Über der Kreuzung Portland Place, Duchess Street zog ein schwarzer Vogel seine Kreise. Ein Helikopter donnerte vom Regent’s Park her Richtung Themse. Die Blechlawine auf dem vierspurigen Portland Place löste sich bereits wieder auf, und der Parkplatz an der Nordfront des Broadcasting House war schon halb leer.

Keine Livesendungen heute Abend. Wenn sie nicht bald den PC abschaltete, wenn sie nicht schnell Chadwicks Absage vergaß, würde sie mal wieder zu den Unentwegten gehören, die keinen Grund fanden, nach Hause zu gehen.

Nach Hause... „Shit!“ Da wartete niemand. Anne seufzte, drehte sich um, blies den Rauch an die Decke, lief zur Tür.

Chadwicks Absage vergessen – so ein Blödsinn. Also: Der Mann hatte abgesagt, und was nun? Heute war Montag, die Sendung war für Freitag angesetzt, wie gesagt, und was jetzt?

Zurück am Fenster sah sie die Straßenbeleuchtung aufflammen. Gott, schon so spät! Wieder näherten sich Sirenen, ein halbes Dutzend Krähen kreiste über dem Parkplatz. Das Telefon klingelte. Diesmal nicht das auf dem Schreibtisch, sondern in Annes Jackett. Sie griff in die Außentasche, zog das Handy heraus und blickte aufs Display: Eine unterdrückte Nummer, entzückend! Aus irgendeinem Grund ging sie trotzdem dran. „Hallo?“

„Anne, wir müssen reden.“

Sie verdrehte die Augen. „Verdammt, Scott. Ich wollte drei Jahre lang reden!“ Sie hatte ihn vor zwei Wochen an die Luft gesetzt.

„Bitte, Anne..., ich meine es ernst.“

Sie stieß ein bitteres Lachen aus. „Was Sie nicht sagen, Mr. Sherman...“ Da war er wieder, der zynische Unterton. Sie war gekränkt, sie wurde wütend – weil er jetzt erst anrief, aus keinem anderen Grund.

„Drei Jahre einfach mit drei Worten beenden, das geht doch nicht!“ Seine Stimme klang heiser, er schien zu meinen, was er sagte. „Heute Abend im Jade Garden, ich lad dich ein, bitte.“ Sie spitzte die Lippen, wiegte den Kopf hin und her, nahm sich vor, ihn noch ein wenig zappeln zu lassen. „Bitte, Anne, sag ja.“

„Was genau willst du noch mit mir bereden...“ Sie blickte auf den Parkplatz hinunter. Ein großer, schwarzer Vogel hockte auf dem Dach ihres roten Mini Coopers...

 

*

 

Sie saßen im Flughafenrestaurant von Heathrow. Durch die Fensterfront konnte man einen großen Teil des Rollfeldes überblicken. Die wenigen Minuten des Tages waren angebrochen, in denen die Positionslichter auf den Lande- und Startbahnen und die Scheinwerfer der ankommenden und abfliegenden Maschinen schon eingeschaltet waren, und sich gleichzeitig das Licht der untergehenden Sonne noch im Rumpf oder im Cockpitfenster der Flugzeuge spiegelte.

Sie hieß Miranda McCane. In etwas weniger als anderthalb Stunden würde ihre Maschine nach Madrid starten. Er hieß Charles Matthews und war froh, dass er sie noch erreicht hatte, bevor sie ihren Kurztrip nach Südeuropa antrat.

„Du wirst kaum ohne deinen Laptop fliegen, wie ich dich kenne.“ Sie nickte. „Bitte nimm das mit, lese es in den nächsten zwei Tagen.“ Er schob ihr eine Diskette über den Tisch. Es irritierte sie, dass er um sich blickte dabei. „Ich will wissen, was du davon hältst. Übermorgen werde ich dich anrufen.“

Sie waren – wie sollte man das nennen? – >alte Freude<; früher waren sie mal ein Liebespaar gewesen. Seit gut einem Jahr hatten sie sich nicht mehr gesehen. Jeder hatte den anderen gefragt, wie es ihm gehe, und jeder hatte die Antwort gegeben, die man unter solchen Umständen üblicherweise gab: Danke, gut. Über die Zeit vor diesem Jahr sprachen sie nicht; und würden sie nie wieder sprechen.

„Was ist das?“ Miranda betrachtete das mit nur zwei Buchstaben beschriftete Etikett der Diskette – A.C. stand da. „Ein Manuskript?“

„Fast richtig.“ Matthews sprach hektisch, und alle seine Bewegungen hatten etwas Hektisches: die Art, wie er das Zuckertütchen aufriss, die Art, wie er den Tee umrührte, und die Geschwindigkeit, mit der seine rechte Schuhspitze wippte. So kannte sie ihn gar nicht. „Die ersten elf Kapitel eines Manuskripts. Es stammt aus der Tastatur deines Doktorvaters.“

„Arthur?“ Matthews nickte. „Ach! Mit dem hast du doch schon einmal ein Buch gemacht?“

„Voriges Jahr, richtig. Läuft gar nicht schlecht für das Thema.“ Mit einer knappen Kopfbewegung deutete er auf die Diskette in Mirandas Fingern. „Das ist sein zweites. Könnte im Herbst erscheinen.“

Miranda McCane war groß und schlank, Charles Matthews nur wenige Zentimeter größer als sie und reichlich korpulent. Sie hatte schwarzes, langes Haar – vollkommen glatt – und blaue Augen, er hatte blonde, kurze Locken und braune Augen. Er fand sie immer noch so schön, wie an jenem Tag vor einem Jahr, an den keiner von beiden zu rühren wagte. Sie fand, dass er älter geworden war und etliche Pfunde zugelegt hatte.

„Könnte?“ Sie hob die schwarzen Brauen.

„Was soll ich sagen...“ Er schnitt eine ratlose Miene. „Der Programmplatz ist eingeplant, der Drucktermin steht, sogar Lizenzen sind bereits verkauft. In Prag arbeitet schon jemand an einer russischen Übersetzung, in Aberdeen eine Übersetzerin an einer französischen. Mein Verleger vertraut mir blindlings. Im Grunde kann ich Arthur Chadwicks Buch nicht mehr zurückziehen, ohne meinen Stuhl im Verlag zu gefährden.“

„Und dennoch spielst du mit dem Gedanken es zurückzuziehen?“

„Nein..., ja..., ich meine, natürlich nicht...“ Matthews verdrehte die Augen, schlug die Beine übereinander, verschränkte die Hände im Nacken. „Alles, was ich bisher lektoriert habe, liest sich so..., so haarsträubend, so...“ Jetzt wippte er mit der linken Fußspitze.

„Sprichst du vom Stil oder vom Inhalt?“

„Vom Inhalt. Es ist einfach haarsträubend, was Arthur da behauptet. Du bist eine der wenigen Spezialistinnen in Sachen britische Mythologie, ich wäre dankbar, wenn du...“

„Früher hast du mir nie von deiner Arbeit erzählt.“ Plötzlich wurde ihre Stimme samten und leise. „Geschweige denn mir einen der Texte gezeigt, die du bearbeitest.“

„Bitte, Miranda...“, sagte er, und seine Augen ergänzten: Bitte nicht über früher reden.

„Arthur ist ein gewissenhafter Forscher.“ Ein Ruck ging durch ihren Körper, ihre Stimme klang fester jetzt, ihr Tonfall sachlicher. „Wenn er etwas veröffentlicht, dann kann er es normalerweise auch belegen. Wie ich ihn kenne, dokumentiert er jede noch so nebensächliche Quelle, oder?“

„Sicher doch, aber darum geht’s nicht. Es ist so..., es ist so verrückt. Bitte, lies es. Überflieg es wenigstens. Und schreib ein kurzes Gutachten. Selbstverständlich zahlt der Verlag ein Honorar, kein Thema. Ich ruf dich an.“

Miranda McCane steckte die Diskette in ihre Laptoptasche. Wenige Minuten später begleitete Charles Matthews sie zum Einchecken. Nachdem sie mit ihrem Handgepäck die Sicherheitskontrolle passiert hatte, drehte sie sich noch einmal um und winkte. Er winkte zurück, und fast hätte er ihr, wie früher bei solchen Gelegenheiten einen Handkuss hinterher geworfen. Als er ihre Maschine startete, fuhr er längst wieder Richtung Innenstadt. Ist ein Zug einmal abgefahren, kommt er nie wieder zurück, dachte er.

In einem Industriegebiet musste er einer Umleitung folgen. Matthews kam selten in diese Gegend Londons, und prompt verhedderte er sich. Inzwischen war es fast dunkel geworden. Lagerhallen, Speditionshöfe, Schrottplätze, Fabrikanlagen zogen an ihm vorbei. Nicht weit entfernt von einer Laterne blieb er unter einem Straßenschild stehen. Aus dem Handschuhfach holte er den Stadtplan und suchte die Straße.

Schatten huschten an den Seitenfenstern vorbei, Schatten glitten vor der Windschutzscheibe durch das Halbdunkel. Charles Matthews blickte auf. Große, schwarze Vögel spreizten ihre Schwingen im Scheinwerferkegel. Er sah sie, und er sah sie doch nicht.

Er wollte sich wieder in den Stadtplan vertiefen, konnte aber die schon ausfindig gemachte Straße nicht mehr finden. Sein Hirn war mit etwas ganz anderem beschäftigt, sein Hirn versuchte seine Wahrnehmung sinnvoll zu interpretieren: GroßeschwarzeVögelspreizenihreSchwingenimScheinwerferkegel...

Matthews blickte erneut hin: Sieben, acht Vögel hockten da vor seinem Wagen am Straßenrand, Saatkrähen, Rabenkrähen oder Kolkraben – so genau kannte er sich da nicht aus.

Einem nur halb bewussten Impuls folgend blickte er nach links: Ein gutes Dutzend Rabenkrähen saß keine zwei Schritte von seinem Fahrzeug entfernt auf der Straße. Weitere landeten.

Er blickte nach rechts. Aufgereiht auf dem Maschendrahtzaun vor einem Schrottplatz hockten sie, ihre Schnäbel waren schwarz und groß. Manche schüttelten sich und sträubten ihr Gefieder, andere landeten gerade erst mit ausgebreiteten Schwingen. Und plötzlich hörte Matthews ein Scharren und Klacken, das zu hören er nicht gewohnt war; jedenfalls nicht über sich auf dem Wagendach.

Es fuhr ihm durch Mark und Bein, wie man so sagt. Die Härchen auf seinen Unterarmen und in seinem Nacken richteten sich auf. Er trat die Kupplung durch und wollte den ersten Gang einlegen. Doch etwas Großes, Schwarzes setzte auf der Kühlerhaube auf, breitete etwas Großes, Schwarzes aus und bedeckte die gesamte Windschutzscheibe...

 

*

 

...Scott redete und redete, und unten auf dem Parkplatz hockte das Biest auf ihrem Mini. Aus irgendeinem Grund behagte ihr das nicht, sie wusste selbst nicht, warum. „...hey, verpiss dich!“, rief sie.

Scotts Stimme aus dem Handy verstummte. „Bitte...?“ Es klang ziemlich beleidigt.

„Da sitzt ein Vogel auf meinem Mini, eine Krähe oder so was!“

„Wenn die scheißen, versauen sie dir den Lack.“

„Ist das wahr?“

„Wenn ich’s dir sag! Irgendeine Säure!“

Ein zweiter Vogel machte Anstalten sich auf der Kühlerhaube niederzulassen. Anne drehte den Fenstergriff herum und riss das Fenster hoch. „Weg mit euch!“ Die zweite Krähe brach ihre Landung ab, flatterte der weißen Fensterfront entgegen, verschwand über Anne aus ihrem Blickfeld. Die erste sträubte das Gefieder.

„Moment, Scott.“ Anne legte das Handy auf die Fensterbank, beugte sich nach draußen und klatschte in die Hände. “Weg mit dir! Kschsch...!“ Die Krähe schwang sich in die Abendluft.

Anne zog das Fenster herunter und drückte das Handy ans Ohr. „Hör zu, Scott: Ein wichtiger Talkshowgast hat mich versetzt, und ich bin in ziemlich zickiger Stimmung. Du nennst mir jetzt ein unwiderstehliches Argument, warum wir noch reden müssen, oder unser Gespräch ist zuende.“ Sie blickte auf die Uhr: Kurz nach acht. Wenn sie sich ranhielt, konnte sie vielleicht noch einen Ersatz für Chadwick finden.

„Ich liebe dich“, sagte Scott mit heiserer Stimme. „Und ich sehne mich nach dir.“

Anne blieb stehen, als wäre sie gegen eine Glastür gelaufen. So etwas hatte er seit Monaten nicht über die Lippen gebracht. „In zwei Stunden“, flüsterte sie. „Ich komm zu dir nach Hause...“

Im Fahrstuhl rechnete sie sich aus, was in zwei Stunden noch alles erledigt werden konnte: Den Programmdirektor über Chadwicks Absage informieren, drei Leute von ihrer Ersatz-Gästeliste anrufen, nach Hause fahren, duschen, umziehen...

Als sie das Gebäude verließ war es schon fast dunkel. Sie trat auf die Vortreppe, blickte über den Parkplatz, und konnte ihren roten Mini nirgends entdecken. Sie verlangsamte ihren Schritt und runzelte die Stirn. Sie hatte doch einen eigenen Parkplatz, warum zum Henker stand ihr rotes Blechbaby nicht dort? Ein schwarzer Wagen parkte auf dem für sie reservierten Platz, ein kleiner, schwarzer....

Sie stolperte, fing sich, stand still. Der Atem blieb ihr weg: Ihr Mini stand, wo er immer stand. Nur war er nicht rot, er war schwarz. Schwarz von Krähen.

Ein paar Sekunden lang stand sie einfach nur da und wusste nicht, was sagen, was tun. Mit offenem Mund starrte sie auf den Gefiederteppich, der ihren Wagen einhüllte. Dreißig, vierzig Fahrzeuge parkten noch auf dem BBC-Parkplatz, und ausgerechnet auf ihrem Wagen hockten die verdammten Krähen! Hinter ihrem Brustbein platzte eine Eisblase, und ihre Haarwurzeln schmerzten. „Jesus Christus...“

Anne schluckte ein paar mal, atmete tief durch und wankte dann die drei Stufen zum Asphalt hinunter. Mit klopfendem Herzen und sehr langsam für ihre Verhältnisse pirschte sie sich an den Krähenschwarm und ihren Mini heran. Seit wann setzten sich Krähen überhaupt auf Autos?

Dreißig oder vierzig Schritte vor dem Krähenschwarm und ihrem Wagen blieb sie hinter der Kühlerhaube eines Hondas stehen. „Weg mit euch“, flüsterte sie. „Haut ab!“, rief sie. „Drecksviecher! Haut endlich ab!“ Sie schrie und klatschte in die Hände.

Wie ein einziger, unförmiger Vogel erhob sich der schwarze Schwarm. Ein paar Meter über dem Mini zerfiel er. Der kleinere Teil flatterte Richtung Kreuzung davon, der größere zur neunstöckigen Fassade des Broadcasting House. Im Haar spürte Anne die von vielen Schwingen aufgewirbelte Luft. Ihr schauderte vor Ekel.

Sie blickte an der weißen Fassade hinauf: Die Krähen ließen sich auf den Antennenmästen und den Stromleitungen nieder. Annes Herz klopfte ihr in der Kehle. Ihre Pumps lärmten wie Trommelschläge, als sie zu ihrem Mini lief. Schwarzweiße Kotspritzer bedeckten Dach und Kühlerhaube. Sie fluchte, nahm sich vor auf dem Weg zu Scott in eine Waschanlage zu fahren. Sie stieg ein und fuhr los.

Wenn der Krähenschwarm die Ouvertüre zu dem Albtraum bedeutete, der Anne in ihrem Apartment erwartete, dann war die Fahrt dorthin so eine Art Zwischenspiel: An der Oxford Street hätte sie fast einen Bus gerammt, auf der Bayswater Road würgte sie vor roten Ampeln dreimal den Motor ab, und an der Einmündung ...

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