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Tom Percival und das Geheimnis von Saint Joseph

Jo Zybell

Tom Percival und das Geheimnis von Saint Joseph

Dämonenjäger Tom Percival Band 1





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Tom Percival und das Geheimnis von Saint Joseph

von Jo Zybell

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Teil 1

Eynsford, Grafschaft Kent, Ostersonntag, 1754

Die Stimmen wurden lauter. Schritte drangen aus der Empfangshalle in den Keller herab. Viele Schritte. Eine Frau schrie hysterisch.

"Wo ist er?", rief ein Mann.

Und ein anderer: "Tilgt die Bestie von Gottes Erdboden aus!"

Die Männer standen unterhalb der Kellertreppe vor der offenen Tür zu einem dunklen Gewölbe - Lord James Madison, der Pfarrer, der Grafschaftsvogt und vier Bewaffnete des Vogtes. Zwei von ihnen trugen Fackeln. Ein ekelerregender Gestank drang aus dem offenen Gewölbe neben ihnen.

Oben wurde die Tür aufgerissen. Das Stimmengewirr schwoll schlagartig an. Getrampel und Gescharre vieler Füße hallte von den Kellerwänden wider. Fackelschein schob sich über die Wendeltreppe nach unten. Stufe für Stufe.

Holzpantoffeln wurden sichtbar, dahinter löchrige Stiefel und hochgeschnürte Sandalen. Dann der Anführer der aufgebrachten Menge. Ein junger Mann in den abgerissenen, groben Kleidern eines Bauern. Er trug eine Axt bei sich. "Dort unten! Dort unten steht der Teufel!"

Lord Madison zuckte zusammen und zog die Schultern hoch. Sein schmales Gesicht war weiß wie die gekalkte Wand des Treppenaufgangs. "Wollt ihr mich in die Hände des Pöbels fallen lassen?", flüsterte er. Schweiß stand auf seiner Stirn, sein Atem flog. Der Pfarrer und der Grafschaftsvogt wichen seinem Blick aus und schwiegen.

Schreiend ergoss sich die Menschenmenge über die enge Treppe in den Vorraum des Keller herab. Die Bewaffneten des Grafschaftsvogtes kreuzten ihre Flinten mit aufgepflanzten Bajonetten vor der untersten Stufe der Wendeltreppe. Äxte, Mistgabeln und Knüppel schlugen die Bajonette herunter, die Bewaffneten wurden von der Menge überrannt.

Pfarrer William Gladestone und Sir Jeremy Wolfe, der Grafschaftsvogt, wichen zurück. Zwei Bauern griffen Lord Madison an. "Helft mir!", brüllte er. "Ihr könnt mich nicht dem Pöbel überlassen!" Er schlug um sich wie ein Ertrinkender.

Sie stießen ihn zu Boden - Bauern, Zimmerleute, Knechte, Männer und Frauen zugleich. Sie rissen ihm die Perücke vom Kopf, zogen ihm Samtrock und Weste aus, droschen mit Fäusten auf ihn ein. Gladestone und Sir Wolfe drückten sich an die Wand. Verstohlene Blick gingen hin und her zwischen ihnen.

Der Müller und der Schulmeister von Eynsford entwanden den Schergen des Grafschaftsvogtes die Fackeln. Vor der Tür des Kellergewölbes pressten sie sich ihre Kappen gegen Mund und Nase. Ihre Gesichter verzogen sich angewidert, Ekel und Entsetzen zerrte an ihren Nerven. Dann drangen sie in das dunkle Gewölbe ein. Drei Frauen und ein paar Männer folgten ihnen.

Für einen Moment wurde es totenstill. Bis gellende Schreie aus dem Gewölbe drangen. Schreie von Frauen und Männern. Langgezogene, gequälte Schreie. Schreie, wie sie Kreaturen in höchster Not ausstoßen.

Den Menschen vor der offenen Gewölbetür stockte der Atem. Einige schluckten, einige stöhnten, andere schlugen die Hände vors Gesicht. Dutzende von Augenpaaren richteten sich auf Lord Madison. Augenpaare voller Entsetzen, Augenpaare voller Hass.

Der Lord lag am Boden, drei Männer hielten ihn fest. Trotzig schob er den Unterkiefer vor und hielt den Blicken stand.

Der Müller und der Dorfschulmeister erschienen unter dem steinernen Türrahmen des Gewölbekellers. Der Müller, ein stämmiger Bursche mit fettem Gesicht, zitterte am ganzen Körper. Dem hochaufgeschossenen, dürren Dorfschulmeister bebte die Unterlippe. Die Frauen hinter ihnen schrien noch immer. "Sie sind da drin", krächzte der Müller. "Tot. Alle sieben..."

Wie ein Mann brüllte die Menge auf. Eine Mistgabel sauste auf Lord Madison herunter und traf ihn am Bauch. Er krümmte sich zusammen, sein seidenes Rüschenhemd färbte sich rot. Seine Blicke suchten den Pfarrer und den Grafschaftsvogt. "Helft mir...", stöhnte er.

Die nächststehenden Männer und Frauen stürzten sich auf ihn. Faustschläge gingen auf ihn nieder, Fingernägel kratzten seine Haut auf, ganze Büschel seines dünnen, grauen Haares wurden ihm herausgerissen.

"Lasst ab von ihm", rief Pfarrer Gladestone. "Die Rache ist mein, spricht der Herr! Lasst ab von ihm...!" Niemand hörte ihn.

"Tötet diese Bestie!" Zwei Männer rissen Lord Madison auf die Beine. Er blutete aus vielen Wunden. "Weg mit dem Teufel!" Sie zerrten ihn zur Treppe.

Für Sekunden sah er den Pfarrer und den Grafschaftsvogt an. "Ich verfluche euch..." Madisons Stimme war nur noch ein Krächzen. "Ihr und eure Kinder - seid verflucht..." Er hob den Arm und deutete auf Gladestone und Wolfe. "Diese Männer..." Jemand schmetterte ihm die flache Axtklinge auf den Mund. Seine Stimme erstickte in röchelndem Gurgeln. Seine Lippen platzten auf, Blut spritzte, drei Schneidezähne fielen auf die Treppe. Dann stieß ihn die Menge hinauf in die Eingangshalle seines Hauses.

Die Schergen des Grafschaftsvogtes hoben ihre Flinten. Fragend blickten sie sich nach Sir Wolfe um. Der schüttelte müde den Kopf. "Der Mob ist entfesselt", sagte er, "wir müssten einige töten, um ihn zu bändigen. Es reicht wenn einer stirbt..."

Ein paar Minuten später standen Pfarrer Gladestone und der Grafschaftsvogt hinter dem gusseisernen Tor vor Madisons Grundstück. Es war dunkel. Sie sahen Männer und Frauen am Ufer des kleinen Sees und über den gepflegten Rasen laufen. Sie trugen Äste, Reisigbüschel, Holzscheite und Baumstämme in das zweistöckige, schlossartige Haus hinein.

Sir Jeremy Wolfe, der Grafschaftsvogt, hatte seine bewaffneten Männer nach Eynsford hineingeschickt. Sie sollten Verstärkung holen. Sir Wolfe wusste, dass die Verstärkung zu spät kommen würde. Und Pfarrer Gladestone wusste es ebenso.

Über dem Eingangsportal des Herrenhauses, im zweiten Geschoss, wurden zwei Fensterflügel aufgerissen. Die Gestalt Lord Madisons erschien in der Fensteröffnung. Hinter ihm Männer und Frauen. Die Leute tobten. Einige hieben mit Fäusten und Knüppeln auf den Lord ein.

"Raus mit ihm!", brüllte jemand. Kopfüber wurde der Lord über das Fenstersims nach draußen gestoßen. Gladestone und Wolfe hielten den Atem an.

Aber Madison stürzte nicht auf die Vortreppe seines Eingangsportals. Er scheuerte mit dem Rücken an der Hauswand entlang. Abrupt wurde sein Sturz gestoppt - der Pöbel hatte ihm lange Stricke um die Knöchel gebunden und irgendwo hinter den Fenstern befestigt. Die Stiefelsohlen knapp unter dem Fenstersims, die Hände neben dem Kopf gegen die Hauswand gestützt hing er zwischen Himmel und Erde und schrie wie ein Stier im Schlachthaus.

"Sie werden ihn töten", flüsterte der Pfarrer.

"Ja." Sir Wolfe legte die Hand an seinen Degen. "Sie werden ihn töten." Er wandte sich ab und schritt den Kutschweg nach Eynsford hinunter. Als würden seine Bewaffneten schneller hier sein, wenn er ihnen entgegen ging.

William Gladestone ging langsam in das Grundstück hinein. Das Gebrüll des Lords klang grausig. Das lange Haar des Mannes hing vom blutenden Schädel weg an der Hauswand herunter. Sein Körper krümmte sich, seine Hände klammerten sich im Stoff seiner Hose fest, und er versuchte sich an den Hosenbeinen entlang bis zu den Seilen um seine Knöchel hochzuziehen. Vergeblich.

Glas klirrte - die aufgebrachte Menschenmenge stieß die Fenster ein. Rauch quoll aus dem Haus. Die Meute sammelte sich vor dem Eingangsportal. Zwei Männer eilten zu den Rosenrabatten. Gladestone konnte nicht erkennen, wonach sie sich bückten - es war zu dunkel. Er wusste es trotzdem.

Andere suchten die Steine am Seeufer zusammen. Und bald flogen die ersten hinauf zu dem hilflos an den Beinen aufgehängten Lord. Sein Gebrüll hatte nichts Menschenähnliches mehr.

Schritt für Schritt näherte der Pfarrer sich der Vortreppe. Madison versuchte sich an der Hauswand abzustoßen, um den Steinen auszuweichen. Sie trafen ihn an den Schenkeln, im Bauch, auf der Brust, und die Menge quittierte jeden Treffer mit einer Hasstirade.

Flammen schlugen aus den Fenstern. Auch über Madison züngelte Feuer aus der Fensteröffnung und leckte die Hauswand ab. Feuerschein auch auf der Krone der alten Eiche hinter dem Haus.

Gladestone meinte die glühenden Augen des Lords zu sehen. Er sah nur schwarze Öffnungen über den herabhängenden Haaren. Aber er spürte den Blick des Sterbenden. Und er war der einzige, der das verwaschene Gebrüll aus seinem zerschlagenen Mund verstehen konnte: "Verflucht, verflucht, verflucht..."

 

*

 

London, Sommer 1998

 

Paula knipste das Licht nicht an. Ihre Hand tastete nach der Plastikschale auf ihrem Nachttisch. Sie setzte sich im Bett auf und holte ihr Gebiss aus der Schale. Sorgfältig drückte sie das Oberteil mit beiden Daumen am Gaumen fest. Danach setzte sie das Unterteil ein.

Sie schob sich aus dem Bett und ging zum Schrank. Sie brauchte kein Licht, sie brauchte keine Brille, um zu finden, was sie suchte: Die Jogginghose, ein Kopftuch, die lange Wollweste und ihre flachen, schwarzen Schuhe. Sie zog sich die Sachen über das Nachthemd.

Von ihrem Zimmer konnte sie ebenerdig über eine Veranda in den Garten gehen. Das war der Hauptgrund, aus dem sie sich für ein Zimmer im Erdgeschoss entschieden hatte. Mit dem kraftvollen, federnden Schritt einer Dreißigjährigen lief Paula über den gepflegten Rasen.

Mondloser Nachthimmel spannte sich über dem Anwesen und dem angrenzenden Wald aus. Es war kurz nach drei Uhr. Paula wusste es ohne auf ihre Armbanduhr blicken zu müssen.

Der Grasboden unter ihren Schuhen war weich. Es hatte bis gestern geregnet. Eine Ente quakte nicht weit von ihr im See. Schilfgras raschelte, Wasser plätscherte, Flügelschlag klatschte, zwei Schatten lösten sich von der dunklen Wasseroberfläche und schwirrten über die schwarze Wand des Waldes.

Kies knirschte unter ihren Sohlen, als Paula den Hauptweg zum Parkplatz betrat. Unter der alten Eiche reihten sich die Schatten der Wagen. Sie lief zu dem neuen Honda Civic. Paula wusste, dass der Wagen aufgetankt war.

Die Umrisse einer menschlichen Gestalt löste sich aus dem gewaltigen Stamm der Eiche und näherte sich. Eric. Er trug einen langen weiten Trenchcoat und eine Baseballkappe. Eine große Sonnenbrille verdeckte die obere Hälfte seines knochigen Gesichtes. Er stieg auf der Beifahrerseite ein und legte seine Krücken auf den Rücksitz. Der Wagen war nicht abgeschlossen.

Paula schaute sich noch einmal nach dem Haus um. Im gläsernen Treppenaufgang, der die beiden Flügel miteinander verband, brannte das Nachtlicht. Sonst war hier, auf der Rückfront, kein Fenster erleuchtet. Sie stieg ein und zog die Tür zu. Der Autoschlüssel steckte.

Sie steuerte den Wagen aus dem großen Anwesen hinaus und auf die Landstraße nach Norden. Zwanzig Minuten später fuhren sie die Auffahrt zur Autobahn hinauf. Paula fuhr nicht schnell. Sie hatten es nicht eilig.

Über die Autobahn ging es nach Nordwesten. Swanley, Sidcup, Mottingham, Catford und dann hoch nach Greenwich. Nur wenig Verkehr in beiden Fahrtrichtungen. Eric blickte starr geradeaus durch die Windschutzscheibe. Paula hätte nicht sagen können, ob er schlief oder wach war. Sie sprachen kein Wort miteinander.

Durch den Blackwall Tunnel unterquerten sie die Themse. Und danach ging es westlich in die Innenstadt hinein. Die Zeilen der Hausfassaden wurden länger, die Parkreihen am Straßenrand dichter.

Es war gegen fünf, als sie Spitalfields erreichten. Paula bog in die Commercial Street ein und hielt am Spitalfields Market.

Sie schaltete den Motor ab und lehnte sich in ihren Sitz. Wohl eine halbe Stunde oder länger saßen sie so. Schweigend, fast reglos.

Irgendwann holte Eric seine Krücken vom Rücksitz. Sie blickten sich an. Das Licht der Straßenbeleuchtung floss durch das Beifahrerfenster ins Innere des Wagens. Paula sah den Umriss ihre Kopfes in den dunklen Gläsern von Erics Sonnenbrille. Und die Fransen des Kopftuches. "Hörst du die ihn?", krächzte Eric schließlich. Seine Stimme klang wie das Reißen eines harten Kartons.

"Ja", antwortete Paula leise. "Ich höre seine Stimme. Blut muss fließen, sagt sie."

Eric nickte. "Viel Blut." Er packte seine Krücken, stieg aus und schlug die Tür zu. Paula sah ihm nach, bis die Dunkelheit über dem nächtlichen Spitalfields Market ihn verschluckte.

Sie startete den Motor und steuerte den Wagen vom Straßenrand weg. Der Morgen graute, während sie durch die Innenstadt fuhr...

 

*

 

Die fleischigen Finger flogen über die Tastatur.

Hier der zweite Teil der Story über den Kinderschänder von Walworth. Komme um 10.00 Uhr zur Redaktionssitzung. Viel Spaß. T.P.

Ein Mausklick, und die E-Mail-Adresse der Redaktion erschien in der oberen Spalte des Fensters. Und noch einmal vier Klicks, und die Datei mit der Story war als Anlage angefügt. "Weg mit dem Mist", murmelte Percival und schickte die E-Mail auf ihren rätselhaften Weg durch die Telefonleitung.

Er schaltete den Computer aus und streckte sich. Sein Blick fiel auf das Foto neben seinem Monitor. Das Schwarzweiß-Portrait einer jungen, blonden Frau in dunkelrotem Lederrahmen. Über die rechte Ecke gekritzelt eine handschriftliche Widmung: In Love, Suzanne...

Unter Hunderten von Fotos, die er in den Jahren mit ihr geschossen hatte, hatte er dieses ausgesucht. Wegen der Widmung. Und wegen des mädchenhaften Lächelns. So wollte er sie in Erinnerung behalten.

Vor dem Fenster seines Arbeitszimmers war es schon hell. Tom Percival war früh aufgestanden an diesem Tag. War es halbfünf gewesen? Oder erst vier? Er hatte verdammt schlecht geschlafen. Ein Albtraum hatte ihn geweckt.

Der massige Mann stieß sich mit den Beinen ab. Sein Bürosessel rollte vom Schreibtisch weg. Percival stand auf. Geräusche auf der Straße vor dem Haus. Das Fahrrad des Zeitungsjungen. Dann Schritte und das Klappern des Briefkastendeckels.

Percival schritt durch sein weitläufiges Arbeitszimmer, durchquerte sein kleines Schlafzimmer und ging in seine Küche. Ein runder Tisch in der Mitte, stabile Stahlrohrstühle mit geflochtener Sitzfläche, schlichte Hängeschränke - Buchenfurnier - ein großer, blauer Kühlschrank und eine Spüle, auf der sich Geschirr von drei Tagen stapelte.

Er griff nach einer der Flaschen auf dem Kühlschrank. Schottischer Malt-Whisky. Den hast du dir verdient, Tommy...

Bestialisch, hatte er den Artikel überschrieben. Nicht dass die Recherchen schwieriger gewesen wären, als die zu anderen Stories. Nur ekelhafter. Gestern war Percival dabeigewesen, als sie zwei aufgeschlitzte Kinderleichen unter der Garage des Verdächtigen ausgegraben hatten. War ihm mächtig unter die Haut gegangen.

Aber davon abgesehen gönnte er sich nach jeder abgeschlossenen Arbeit einen Drink. Und meistens auch zwischendurch. Gleichgültig zu welcher Tageszeit.

Er schlürfte seinen Whisky. Der verdammte Traum spuckte noch in seinen Hirnwindungen herum. Das Gefühl des Fallens, dieses widerliche Gefühl des bodenlosen Fallens...

Percival zündete sich eine filterlose Lucky Strike an. Mit der Zigarette zwischen den Lippen füllte er Wasser in die Kaffeemaschine und löffelte Kaffeepulver in den verdreckten Filter. Wieder Schritte draußen vor der Haustür. Glas klapperte gegen Stein. Der Milchmann.

Percival blies den Rauch gegen die Decke. Die Kaffeemaschine brodelte. Kaffeeduft breitete sich in der Küche aus. Percival leerte das Whiskyglas. Verfluchter Traum...

Sein Blick fiel auf den Kalender neben der Tür zum Schlafzimmer. 11.Juni. Unter dem Datum ein Spruch: Realität ist die Illusion, die man hat, wenn man nüchtern ist. Er musste grinsen. Ein irisches Sprichwort. Percival leerte sein Glas.

Seit zwei Tagen hatte er kein Blatt mehr vom Kalender abgerissen. Das heutige Datum lag ihm schon seit zwei Wochen wie ein Stein im Brustkorb. Er ging zum Kalender und riss zwei Blätter ab. 13. Juni. Suzannes Geburtstag. Man sieht nur, was man weiß. Friedrich Nietzsche, stand darunter.

"Blödsinn", murmelte Percival. Aber dann drängte sich wieder der verdammte Albtraum in sein Bewusstsein. Er bestieg den Aufzug eines Bürogebäudes, wollte nach oben fahren, zum Büro einer Versicherung - genau: Eine Lebensversicherung wollte er abschließen! Er sah den blanken Edelstahlboden des Aufzug, und kaum hatte er seinen Fuß auf ihn gesetzt, riss er durch, wie Staniolpapier. Percival stürzte in bodenlose Tiefen...

"Ich sah einen Edelstahlboden", murmelte Percival. Man sieht nur, was man weiß...

Er schüttelte sich, schaukelte in sein Arbeitszimmer und legte eine Scheibe in den CD-Player. Zurück in die Küche, Zigarette ausdrücken, Tasse aus dem Schrank. Er goss sich die dampfende, braune Brühe ein, holte die Milchflasche von der Vortreppe und ließ einen Schuss daraus in die Kaffeetasse schwappen. Anschließend häufte er zwei Teelöffel Zucker dazu. Zum Kaffee die nächste Zigarette.

Aus den beiden Boxen links und rechts der Tür strömte Beethovens Sechste Sinfonie in die Küche. Damals, bevor die Sache mit Suzanne passierte, hatte er auch solche bescheuerten Träume gehabt. Und in den Wochen, bevor sie ihn endgültig aus dem Amt gefeuert hatten genauso.

Lange her. Percival schlürfte seinen Kaffee. Die Musik verscheuchte die trüben Gedanken. Er krempelte die Ärmel hoch und ließ Wasser in die Spüle laufen. Innerhalb von einer halben Stunde hatte er den Abwasch bewältigt und die Küche auf Hochglanz gebracht.

Danach stieg er unter die Dusche. Der eiskalte Wasserstrahl belebte seinen Kreislauf und seinen müden Schädel. Er trocknete sich ab und stieg auf die Waage - 210 Pfund.

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