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Töte mich

JON OSBORNE

titelseite

THRILLER

Übersetzung aus dem Englischen
von Axel Merz

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BASTEI ENTERTAINMENT

Erster Teil

DIE RÜCKKEHR
DES RICHARD RAMIREZ

»Ich liebe es, Menschen zu töten. Ich liebe es, sie beim Sterben zu beobachten. Ich schieße ihnen in den Kopf, und dann zappeln sie und winden sich am Boden, bis sie plötzlich aufhören. Oder ich schneide sie mit einem Messer und schaue mir an, wie ihre Gesichter weiß werden, kalkweiß. Welch ein Kontrast zum Rot des Blutes! Ach, ich liebe das viele Blut!«

– Richard Ramirez, genannt »Night Stalker«, der 1984/85 mindestens dreizehn Menschen ermordete.

1.

Los Angeles, Freitag, 13. November,
10.30 Uhr

Rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett.

Von sämtlichen Farben des Regenbogens mochte Nathan Stiedowe die der Sonne am wenigsten, dieses grelle Gelborange. Doch an jenem Morgen machte die Sonne sich auf angenehme Weise nützlich, indem sie seine Haut wärmte.

Dank sei Gott dem Herrn für seine kleinen Gefälligkeiten.

Nathan starrte hinauf zum glühenden Feuerball am Himmel, ohne zu blinzeln und ohne Schmerz in den Augäpfeln zu spüren wie ein normaler Mensch. Aber er war schon immer anders gewesen als normale Menschen. Verschroben, wie seine Eltern, Lehrer und Schulkameraden es seit seinen Kindertagen immer bezeichnet hatten.

Ihren Berichten zufolge hatte Nathan bei den ersten schmerzhaften Impfungen, die alle einjährigen Kinder bekamen, keinen Mucks von sich gegeben und nicht geweint, keine einzige Träne. Die Krankenschwestern hatten gestaunt, waren geradezu schockiert gewesen, als die spitze Nadel Nathans babyglatte Haut punktiert hatte, ohne dass der kleine Kerl auf irgendeine Weise reagierte.

Was stimmt nicht mit dem Jungen?, hatten sie sich gefragt, wobei sie einander verwirrt, sogar ein bisschen ängstlich angeschaut hatten. Wir müssen sofort weitere Untersuchungen machen.

Es war unheimlich. Alle Babys weinten.

Nathan nicht.

Jahre später, in der vierten Klasse, hatte er sich beim Fußballspielen in der Pause drei Brüche am Fuß zugezogen. Seine Klassenkameraden hatten voller Entsetzen gehört, wie der Knochen gebrochen war, und es atemlos der Pausenaufsicht erzählt: ein lautes Knacken, das sich angehört hatte, als wäre ein trockener Ast geborsten. Doch Nathan hatte wieder nicht geweint, nicht einmal gejammert. Wie alles andere im Leben war Schmerz lediglich ein Zustand des Geistes, und wenn der Geist stark genug war, konnte man ihn einfach ausblenden. Kapierte das denn niemand?

Nach diesem Vorfall hatte man ihm immer neue Namen gegeben, die ihm für den Rest seiner Schulzeit anhafteten: Freak. Irrer. Vollidiot.

Stock und Stein, bricht dein Bein, aber niemals Namen. Namen konnten ihm nichts anhaben.

Nathan lächelte spöttisch. Was interessierte es ihn überhaupt, wie die anderen ihn nannten? Um den guten alten Billy Shakespeare zu zitieren: Was ist schon ein Name? Riecht eine Rose weniger berauschend, wenn sie einen anderen Namen trägt?

Und jetzt, viele Jahre später, hatte man ihm einen hoffnungslos kindischen Spitznamen angehängt: »Cleveland Slasher.« Meine Güte, wie albern! Doch wie üblich hatte die Presse – begierig wie immer, ihre Auflage zu erhöhen – gleich auf die Halsschlagader gezielt. Nathan mit seinem journalistischen Hintergrund verstand dies besser als die meisten, auch wenn ihm selbst ganz bestimmt etwas Originelleres eingefallen wäre. Verdammt, der richtige Reporter mit der richtigen Motivation hätte mit diesem Fall wahrscheinlich den Pulitzerpreis einheimsen können.

Nathan schüttelte den Kopf. Scheiß drauf. Im großen Plan aller Dinge waren Namen ohne Bedeutung. Es gab nur eines, was man über Nathan wissen musste: Er würde schon bald als der perfekteste Serienkiller gelten, der je gelebt hat. Und wenn er erst die Dornen dieser besonderen Rose geschärft hatte – bis zu dem Punkt, an dem sie literweise Blut strömen ließen –, würde das niemand je vergessen. Nicht seine Eltern, nicht seine ehemaligen Klassenkameraden und erst recht nicht dieses diebische Miststück in Cleveland, Ohio, das vor Jahren so gleichgültig sein Leben zerstört hatte.

Aber zuerst gab es am heutigen Tag wichtige Arbeit zu erledigen.

Nathan hatte bereits einen geschäftigen Morgen hinter sich – einen berauschenden, wundervollen fünften Mord, gefolgt von dem langen Rückflug nach Kalifornien –, doch die Arbeit eines Killers war nie getan. Nicht für die Asse unter ihnen. Und ganz bestimmt nicht für den Besten.

Lauftraining war eine seltsame Methode, sich auf das Töten von Menschen vorzubereiten, aber Nathan wusste, dass er keine andere Wahl hatte, wollte er der Beste sein. Und das wollte er um jeden Preis. Seit er ein kleiner Junge gewesen war (ein Freak, Irrer, Vollidiot), hatte er immerzu das Bedürfnis verspürt, den Ereignissen der Vergangenheit seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Die vollgekritzelte Tafel leer zu wischen und von vorne anzufangen. Die Dinge besser zu machen. Sie wieder sauber zu machen.

Auf seinem Trainingsplan für diesen Morgen standen Hügelsprints unter der glühenden kalifornischen Sonne im Griffith Park von Los Angeles. Hügelsprints waren eine Tortur, insbesondere für einen Mann in seinem Alter. Fünfundzwanzig Meter einen steilen Hang hinaufsprinten, dann hinunterjoggen, und dann das Ganze von vorn. Dann noch einmal. Und noch einmal. Die Oberschenkel brannten, als stünden sie in Flammen, die Lunge gierte nach Luft, der Schweiß floss in Strömen.

Die meisten Leistungssportler machten nicht mehr als zehn Wiederholungen, vielleicht fünfzehn, wenn sie sich eine solide Grundausdauer antrainieren wollten, die es ihnen erlaubte, den Körper auch mit übersäuerten Muskeln noch eine Zeit lang auf Hochtouren laufen zu lassen. Aber selbst das reichte Nathan nicht. Bei Weitem nicht. Er musste sich noch brutaler schinden, musste noch länger durchhalten als alle anderen, wenn er wirklich der beste Killer aller Zeiten werden wollte. Also zwang er sich zu zwanzig qualvollen Sprints den Hügel hinauf, bevor er sich auf den kurzen Dauerlauf zurück zu dem billigen Motel machte, das er vorübergehend sein Zuhause nannte.

Laufen war der entscheidende Faktor bei dem, was er vorhatte. Es machte ihn zu einem ernstzunehmenden Gegner und war ausschlaggebend für den Erfolg seiner kommenden Projekte. Anders als die meisten anderen Menschen, die vor der eigenen jämmerlichen Vergangenheit davonliefen – wie Hühner, dachte Nathan, die mit abgeschlagenen Köpfen durcheinanderhüpfen –, rannte er seiner Zukunft entgegen. Er rannte um seine Zukunft. Jedenfalls sagte er sich das immer wieder. Verdammt, vielleicht kam er eines Tages sogar dahin, es selbst zu glauben.

Es war heiß draußen. Brutal heiß. Während der letzten Tage hatte der Indian Summer L. A. fest im Griff gehabt, hatte die Stadt unbarmherzig an der Kehle gepackt und geschüttelt. Über dreißig Grad Celsius und eine so schwüle Luft, dass man sie wahrscheinlich auswringen konnte wie ein nasses Handtuch, wenn man sie richtig in die Finger bekam.

Die Sonne war ein brutzelnder Eidotter an einem fahlblauen Himmel. Sie knallte auf Jonathans Schädel wie ein solarer Vorschlaghammer, geschwungen von einer böswilligen Gottheit, als er aus dem Park hinausjoggte, wobei seine Beine zehnmal so schwer waren wie zu Beginn seines Trainings am Morgen. Wenigstens verriet ihm die wohltuende Müdigkeit seiner schmerzenden Muskeln, dass er erreicht hatte, was er hatte erreichen wollen.

Er wusste mit absoluter Gewissheit, dass Richard Ramirez, der Night Stalker, für seine Mordserie nicht so besessen trainiert hatte. Ganz bestimmt nicht. Hager, blass, mit eingefallenen Wangen unter den toten Augen – der Night Stalker war höchstens zum nächsten Tabakladen gerannt, um sich eine weitere Packung Billigzigaretten zu besorgen und seine verpesteten Lungen noch mehr zu vergiften.

Nathan schüttelte den Kopf und kicherte in sich hinein, als er den Park verließ. Der Night Stalker. Was für ein unglaublicher Witz. Bei Licht besehen war es erstaunlich, dass Ramirez überhaupt einen Spitznamen bekommen hatte.

Jonathan ließ den Park hinter sich. Die gepolsterten Gummisohlen seiner Laufschuhe tappten rhythmisch in stetigen Anderthalb-Meter-Schritten über das heiße Pflaster. Er hob die Hand und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Unvermittelt verzog er das Gesicht, als ihm ein Gedanke kam. Was war überhaupt Ramirez’ Problem gewesen? Wie hatte er so leichtsinnig werden können? So unprofessionell?

Wenn man ein Meister seines Fachs werden wollte – ein Killer, so erhaben über jede Kritik, dass nicht einmal der schlimmste Feind ein schlechtes Wort über ihn und seine Arbeit sagen konnte –, brauchte es bloß ein bisschen Nachdenken, gute Vorbereitung und eine Portion gottverdammte Disziplin, um alles richtig zu machen. Was war so schwer daran?

Gar nichts.

Wenn man der Beste sein wollte, musste man seinen Stolz beiseitestellen und das Spiel zuerst einmal studieren. Und wenn schon nichts anderes, war Nathan zeit seines Lebens ein äußerst gewissenhafter Schüler gewesen. Bis ins kleinste Detail hatte er erforscht, wie seine berühmt-berüchtigten Vorgänger in ihrer Killing Zone zu Werke gegangen waren. Deshalb würde er sie alle übertreffen.

So einfach war das.

Der Anblick der Titten, die fünf Schritte vor ihm auf und ab hüpften, riss ihn aus seinen Gedanken und brachten ihn zurück auf den hitzeflimmernden Bürgersteig, der sich entlang der tosenden Pazifikküste zog. Seemöwen kreischten am Himmel, und ein heftiger Ostwind, schwer vom Salz des Meeres, fuhr durch Nathans dichten braunen Schopf, als er sein gewinnendstes Grinsen aufsetzte. Freundlich nickte er den beiden attraktiven Blondinen im College-Alter zu, die in die entgegengesetzte Richtung joggten. Die kleinen Schlampen in ihren schweißgetränkten Sport-BHs und den dünnen Laufshirts hoben ihre manikürten Hände und erwiderten sein Lächeln.

Mach’s richtig oder gar nicht, schienen sie ihm sagen zu wollen.

Nathan kicherte erneut, als die Blondinen vorbei waren, und senkte den Kopf, wobei er sich zwang, seine Schritte trotz des Seitenstechens zu beschleunigen. Verdammt, wenn selbst die dämlichen Nutten hier im sonnigen Südkalifornien Bescheid wussten, was war dann so beschissen schwierig an der Gleichung?

Überhaupt nichts. Nichts, was auch nur den leisesten Zweifel in ihm geweckt oder Anlass zur Besorgnis gegeben hätte. Es gab keinen Raum für Gewissensbisse. Killer töteten, weil sie Killer waren. Das war ihr Job, verdammt noch mal. Die fähigen Killer wurden nie gefasst, und die besten unter ihnen waren selbst hundert Jahre nach ihrem Ableben noch präsent. Doch ganz oben an der Spitze konnte es nur einen geben, den Leitstern, den Stolz seiner Zunft, den dominanten Löwen – Titel, die Nathan für sich in Anspruch zu nehmen gedachte.

Jetzt war es an der Zeit für den dominanten Löwen, seine spitzen weißen Zähne zu zeigen und ein donnerndes Brüllen von sich zu geben.

Fünfzehn Minuten später war er endlich zurück in dem heruntergekommenen Motel, dessen Erscheinungsbild jedes Mal Abscheu in ihm weckte – schmucklos, gedrungen, schäbig, ein richtiges Drecksloch vom Arsch bis zu den Ellbogen. Doch die Anonymität, die diese Absteige gewährte, machte es das Opfer, dort hausen zu müssen, mehr als wett.

Wellen reflektierter Hitze wogten über dem glühenden Pflaster wie eine Bauchtanztruppe in einer überfüllten Bar, als Nathan vorsichtig den asphaltierten Parkplatz mit den Schrottlauben überquerte: Datsuns, Cadillacs, Chryslers … sogar ein vierzig Jahre alter Pinto mit eingeschlagener Heckscheibe. Sekunden später katapultierten ihn seine sehnigen Oberschenkelmuskeln wie zwei steife Pogo-Stelzen die Betontreppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal bis in den dritten Stock. Dort angekommen, stieß er die klapprige Holztür zu Zimmer 312 auf und sperrte sie gleich wieder hinter sich zu, bevor er seine brandneuen Laufschuhe von den Füßen trat und seinen Schlüssel auf das Doppelbett mit der grellen Paisley-Tagesdecke warf.

Schweiß rann ihm übers Gesicht, als er sich auf das Bett setzte und die knöchelhohen Socken herunterpellte. Er stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Das Fehlen jeglicher Klimatisierung sorgte für Bedingungen, wie er sie am liebsten mochte.

Heiß.

Die Hitze war einer der Hauptgründe dafür gewesen, dass Nathan nach L. A. gekommen war, wenngleich nicht der wichtigste.

Seine Boardshorts, die karierten Boxer und das durchgeschwitzte T-Shirt waren als Nächstes an der Reihe. Als er splitternackt war, erhob er sich und trat vor den mannshohen Spiegel in der Ecke, um sich zu betrachten.

Ich sehe kräftiger aus, dachte er, während er seine straffe Bauchmuskulatur und den ausgeprägten Sixpack bewunderte. Ich könnte einer ganzen beschissenen Nation davonrennen, wenn ich’s drauf anlege.

Aber es war nur eine Handvoll Leute, die er an diesem Abend abhängen musste.

Bei diesem Gedanken schoss ein Adrenalinstoß in seine Lenden, und er spürte, wie er eine Erektion bekam. Nur noch ein paar Stunden, und er würde wissen, ob sich die harte Arbeit und die gewissenhaften Vorbereitungen ausgezahlt hatten. Er hatte eine Menge lästiger Vorarbeiten erledigen müssen, um ganz sicherzugehen, doch jetzt, wo er die Aufmerksamkeit der Diebin in Cleveland hatte, konnten die verängstigten kleinen Mädchen in der »Renaissance City« ein bisschen beruhigter schlafen gehen.

Nathan lachte laut auf – ein tiefes, kehliges Lachen, das den Raum erfüllte und seine Stimmbänder vibrieren ließ wie die Saiten einer perfekt gestimmten Bassgitarre. Mit ein klein bisschen Mühe ließ sich bestimmt ein viel besserer Name für Cleveland einfallen – eine Stadt, die in den Vereinigten Staaten wenn nicht als Arsch der Welt, so doch als Arsch der Nation galt.

Nathan schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Es spielte keine Rolle. Namen waren Schall und Rauch. Außerdem hatte er seine One-Man-Show nach L. A. verlegt, in die Stadt der funkelnden Lichter und der üppigen Jagdgründe. Nicht mehr lange, und er würde der anerkannt beste Serienkiller sein, des es je gegeben hatte.

Es war an der Zeit, dass die größte Show auf Erden begann.

Licht.

Kamera.

Action!

2.

Cleveland, Ohio,
20.00 Uhr

Was für unaussprechliche Dinge meine Augen gesehen haben.

Die Zeile aus einem alten Fernsehfilm zuckte durch Dana Whitestones Gedanken, als sie in die Überschuhe aus Papier schlüpfte. Ihr Blick schweifte zu dem kahl werdenden Fotografen der Spurensicherung, Doug Freeman, der sich vorbeugte, um eine Nahaufnahme der verstreuten Eingeweide des kleinen Mädchens zu schießen. Das Blitzlicht zuckte auf, gefolgt vom Surren des elektrischen Winders. Nicht zum ersten Mal fragte sich Dana, woher Freeman die Nerven für diesen Job hatte. Woher irgendjemand die Nerven dafür hatte.

Ein uniformierter Cop des Cleveland Police Departments nickte ihr zu und kritzelte etwas auf einem Klemmbrett. Als Erster Beamter am Tatort war er verantwortlich für die Absperrung und dafür, wer kommen und gehen durfte. Je weniger Personen sich innerhalb des gelben Bandes aufhielten, desto größer war die Chance, dass der Tatort nicht verunreinigt wurde.

Sie befanden sich im siebten Stock eines Apartment-Komplexes auf der East Side von Cleveland – ein geschundenes Viertel einer trostlosen Stadt, die das Glück verlassen hatte und die kürzlich als die zweitärmste städtische Region des Landes ausgewiesen worden war. Im vergangenen Jahr war Cleveland sogar die ärmste Stadt der USA gewesen, doch dieses Jahr hatte Detroit die Stanniolkrone errungen.

Dana war mitten in einem Dinner-Date gewesen, als der Anruf sie erreichte. Nicht dass es sie allzu sehr betrübt hätte. Trotz aller romantischen Werbespots verfügte Match.com über ein wenig beeindruckendes Angebot in der Kategorie »Er sucht Sie«. Trotzdem: Gelangweilt an einer Portion Chicken Wings zu knabbern, die sie mit ein paar Bierchen herunterspülte, während ein übergewichtiger Buchhalter aus Parma über den Tisch hinweg auf ihre Titten starrte, war immer noch tausend Mal besser gewesen als das hier.

Dana band sich eine Papiermaske über Mund und Nase und blickte sich im Apartment um, um sich zu überzeugen, dass alle anderen ebenfalls die vorgeschriebene Schutzkleidung trugen. Dana wollte nicht leichtfertig die Chance verspielen, den Killer zu schnappen, nur weil einer aus dem Team eine Erkältung hatte.

»Wie lautet der Name der Toten?«, fragte sie.

Der Fotograf blickte Dana über seine eigene Maske hinweg an. Er wirkte wie ein bekümmerter Chirurg, der einen hoffnungslos verpfuschten Job dokumentieren musste. »Jacinda Holloway«, sagte er. »Acht Jahre.«

»Wer hat sie gefunden?«

»Die Mutter.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Im Krankenhaus.«

»Nervenzusammenbruch?«

»Erraten.«

Dana betrat das Zimmer, indem sie den festgelegten Zutrittspunkt benutzte – ein entscheidendes Element bei Tatortuntersuchungen. Dann kniete sie neben Freeman nieder, um sich die Sache genauer anzuschauen. Sie wechselte unbewusst in den Ermittlermodus, während sie sich zwei Citrusmint in den Mund schob, um den Alkoholgeruch zu übertünchen, und dünne Einweghandschuhe aus Latex überstreifte.

Sie ergriff das schmale Handgelenk des toten Mädchens, dann einen geschwollenen Knöchel. Notfallmedizin war hier nicht mehr erforderlich, das war offensichtlich. Dana war dankbar, dass die herbeigerufenen Sanitäter dies eingeräumt hatten. Nichts kompromittierte einen Tatort mehr als medizinisches Personal. Nicht, dass Dana dem Rettungsdienst seinen Eifer zum Vorwurf machte: Leben zu retten stand immer noch an erster Stelle. Die Jagd nach Mördern musste dahinter zurücktreten.

Behutsam schloss sie den Griff um den Knöchel des Mädchens und runzelte die Stirn. Die Leichenstarre war vollständig eingetreten, was darauf hindeutete, dass das Opfer seit ungefähr zwölf Stunden tot war. Dana warf einen Blick auf ihre Uhr. Um acht Uhr morgens hätte das Mädchen eigentlich in der Schule sein müssen, anstatt in einer Lache seines eigenen Blutes zu liegen. Doch die Schule kam in dieser Gegend nicht immer an erster Stelle. Trotzdem – warum hatte ihre Mutter sie nicht früher gefunden? Warum hatte sie ihre Tochter überhaupt allein gelassen? Die Kleine war erst acht Jahre alt gewesen, verdammt noch mal. Viel zu jung, um auf sich selbst aufpassen zu können.

Doug Freeman hatte Danas Gedanken gelesen. »Drogenprobleme«, sagte er. »Wie es aussieht, ist die Mutter gestern Abend aus dem Haus gegangen und erst vor zwei Stunden zurückgekommen.«

Dana schüttelte den Kopf. Der Killer hatte das kleine Mädchen wahrscheinlich wochenlang beobachtet und gewusst, dass die Mutter die ganze Nacht weg sein würde. Zweifellos nichts Ungewöhnliches in dieser Familie. Letzte Nacht dann hatte die Mutter, ohne es zu ahnen, den Fuchs ins Hühnerhaus gelassen, und er hatte sich ungehindert über die Tochter hergemacht.

Dana schluckte ihre Wut hinunter und setzte die Untersuchung des Leichnams fort. Die Unterseiten der Arme und Beine wiesen purpurne Verfärbungen auf, da das Blut nicht mehr durch den Körper gepumpt wurde und sich unter der weichen Haut angesammelt hatte. Leichenflecke, nannte man es.

Dana blickte abermals auf die Uhr und schätzte den Zeitpunkt des Todes auf acht Uhr morgens, bevor sie ihn in ihrem Notizbuch vermerkte. Umfassende Dokumentation war ein zentraler Punkt im Standardwerk des US-Justizministeriums, »Crime Scene Investigation: A Guide for Law Enforcement«, dem Forschungsbericht, der im Jahre 2000 unter der damaligen Generalbundesanwältin Janet Reno veröffentlicht worden war. Zwar hatte jede Behörde ihre eigene Herangehensweise, doch im Allgemeinen versuchten alle, sich an diesen Leitfaden zu halten, wenn es um das Identifizieren und Sichern von Beweismaterial ging.

Für Dana war das Handbuch so etwas wie ihre persönliche Bibel. Es bestand aus einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie Tatorte zu sichern und abzuarbeiten waren. Dana hatte die einzelnen Punkte gleich zu Anfang ihrer Karriere auswendig gelernt. Manche Leute führten Tagebücher, um ihr Leben festzuhalten. Nicht Dana. Falls sich irgendwann jemand für ihre Erlebnisse interessierte, musste er bloß einen Blick in den Karton in ihrem Schrank werfen – ein Karton mit hundert Notizbüchern ähnlich dem, das sie jetzt in der Hand hielt.

Schießereien. Messerstechereien. Strangulationen. Das alles und mehr war in diesen Notizbüchern zu finden. Dazu Fragen zu jedem einzelnen Fall, manche davon beantwortet, zu viele unbeantwortet.

Wo war die Kugel in den Schädel eingetreten? Zwischen welchen Rippen war das Messer in den Brustkorb eingedrungen, bevor es das Herz durchbohrte? Hat der Killer eine Schnur benutzt, um sein hilfloses Opfer zu strangulieren, oder hat er es mit bloßen Händen getötet?

Die Notizbücher waren gewissermaßen eine Beschreibung von Danas Leben. Keine sonderlich erstrebenswerte Existenz, das wusste sie selbst, aber wenigstens war sie noch am Leben, was man von der armen kleinen Jacinda Holloway nicht mehr sagen konnte.

Der nackte Leichnam des Mädchens war vom Täter in eine ganz bestimmte Position gerückt worden, im Tod erstarrt in der perversen Pose eines Hampelmanns: die Arme zu einem V über den Kopf erhoben, die Beine unter dem verstümmelten Rumpf weit auseinandergespreizt. Zwischen den Beinen ragte ein abgebrochener Besenstiel hervor.

Dana biss die Zähne zusammen und ließ den Blick über den geschändeten Körper schweifen. Eine zähe Flüssigkeit war aus der aufgetrennten Bauchhöhle geronnen, bis hinunter zu dem winzigen haarlosen Dreieck zwischen den dünnen braunen Oberschenkeln. Das braune Augenpaar starrte leer in die Ferne und zugleich nach innen, als versuchte das tote Mädchen, seine eigenen Brauen zu sehen. Den Ausdruck des Erstaunens, der in ihr kleines Gesicht gemeißelt war, nahm sie mit in die Ewigkeit.

Es hatte eine Zeit in Danas Leben gegeben, als ein grauenhafter Anblick wie dieser dazu geführt hatte, dass der Raum ringsum sich in eine Art surrealistisches Dali-Gemälde verwandelte, doch diese Zeit war vorbei. Heute war sie Profi bis hin zu dem Punkt, an dem man sogar die grundlegendsten menschlichen Emotionen unterdrückte. Wut und Verzweiflung waren keine Option für sie. Nicht mehr. Genauso wenig wie Kummer. Emotionen störten nur.

Nur wenn du keine Tränen vergießt, hast du klare Sicht.

Sie reckte den Hals und sprach Freeman von der Seite her an. »Sind Sie fertig?«

Der Fotograf verstand den Wink. »Ja, Ma’am. Sie gehört Ihnen.«

Dana schenkte ihm ein müdes Lächeln, das nicht bis zu ihren hellblauen Augen reichte. »Danke, Doug.«

Im Zimmer wimmelte es von gehetzt wirkenden forensischen Technikern, die sich gegenseitig anrempelten in ihrem Bemühen, auch die letzte Teppichfaser zu katalogisieren. Ein schneller Blick in die Runde verriet Dana alles, was sie wissen musste. Ein Ritualmord an einem Kind. Der Leichnam in einer bestimmten Pose drapiert. Groteske sexuelle Symbolik.

Es war der gleiche Perverse, der schon vier weitere kleine Mädchen in Cleveland und Umgebung getötet hatte.

Dana fuhr angewidert mit der Zunge über ihre Zähne. Sie jagten den Cleveland Slasher inzwischen seit drei Monaten, doch bis jetzt hatten sie keinen einzigen brauchbaren Hinweis, keine einzige Spur – sehr ungewöhnlich bei Serienmördern. Normalerweise waren diese Irren so sehr auf ihre steifen Schwänze fixiert, dass sie reichlich Spuren hinterließen, sodass man ihre Identität feststellen konnte. Nicht bei diesem Fall. Nicht bei diesem Typen. Er war anders. Ihn schien nicht der überwältigende Drang, Schwächere durch Sex zu unterwerfen, zum Töten zu treiben, sondern etwas anderes.

Aber was?

Dana schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verscheuchen, und konzentrierte sich wieder auf die vor ihr liegende Aufgabe. Mit einem Seufzer ging sie die bisher bekannten Fakten durch: fünf Leichen in neunzig Tagen. Alles Mädchen unter zehn Jahren. Alle mit einem Besenstiel vergewaltigt und der Länge nach aufgeschlitzt wie bei einer Autopsie.

Keinerlei Hinweise. Keine Spuren des Täters. Nichts. Es waren die saubersten Tatorte, die sie jemals vorgefunden hatten.

Aber vielleicht wurde selbst dieser Bastard, so gut er unzweifelhaft war, irgendwann nachlässig. In seiner offensichtlichen Eile, die Wohnung zu verlassen, hatte er diesmal die Mordwaffe vergessen: Ein Jagdmesser mit gezahnter Klinge, fleckig von hellrotem Blut, lag auf dem Boden, gleich neben dem kleinen Leichnam, den der Killer so brutal in Stück zerlegt hatte.

Fasziniert vom Anblick der Waffe bemerkte Dana dennoch, wie gewöhnlich und banal sie aussah. Kaum länger als fünfzehn Zentimeter und mit einem billigen Plastikgriff, war es ein Messer von der Sorte, wie man es bei Wal-Mart für weniger als fünfzehn Dollar bekam.

Wie kann etwas so Triviales einen so schrecklichen, irreversiblen Schaden anrichten?

Dana wandte sich an eine Technikerin und deutete auf das Messer. »Haben Sie das schon fotografiert?«

Die Frau nickte. »Ja, Ma’am.«

»Gut. Könnten Sie es für mich eintüten? Jetzt? Ich möchte, dass Sie es persönlich ins Labor bringen und analysieren lassen.«

Die Frau wirkte widerwillig, schien sogar ein wenig verärgert wegen des Auftrags.

Dana hob eine Augenbraue. »Gibt es ein Problem?«

Die Frau errötete. »Nein, Ma’am.«

»Gut. Danke. Ich weiß Ihre Hilfe wirklich zu schätzen.«

Während die Technikerin das Messer in einen Asservatenbeutel packte, ließ Dana den Blick rasch durchs Zimmer schweifen. Anderthalb Meter von dem ausgeweideten Leichnam entfernt stand eine billige Couch. Daneben entdeckte sie auf einem verschrammten Mahagonibeistelltisch mit abgestoßenen Ecken ein Foto in einem silbernen Rahmen. Gestern noch war Jacinda Holloway ein ausnehmend hübsches Mädchen gewesen. Ein süßes kleines Ding mit zahnlosem Grinsen. Nicht größer als eins zehn und höchstens fünfundzwanzig Kilo leicht. Ein rundes Engelsgesicht mit großen, glänzenden braunen Augen und kunstvoll geflochtenen kleinen Zöpfen mit bunten Haarspangen.

Das war vorbei. Für immer.

»Alles in Ordnung, Special Agent Whitestone?«

Verärgert wegen der Störung drehte Dana den Kopf und sah, wie sich ein Cleveland-Cop mit einer langen metallenen Greifzange vorbeugte, um einen blutigen weißen Latexhandschuh vom Boden aufzuheben. Sergeant Gary Templeton hielt den Handschuh hoch, um ihn eingehender zu inspizieren. »Dieser kranke Mistkerl hat die Innenseite wieder mit Feuchtigkeitslotion eingeschmiert.«

Templeton war Anfang vierzig und mit seinen fünfzehn Dienstjahren ein dekorierter Veteran der Cleveland Police. Ein hervorragender Cop und keiner von der Sorte, die so schnell das Flattern bekam. Kurz geschnittenes silbernes Haar, herbes Gesicht, durchdringend blaue Augen. Harte Muskeln spannten sich unter dem Stoff der navyblauen Hemdsärmel. Als Dana ihn vor drei Monaten zum ersten Mal gesehen hatte, hatte Templeton sie unwillkürlich an einen muskulösen Richard Gere mit Kanone erinnert, versetzt mit einem Schuss Clint Eastwood.

Templeton war an jedem der vorangegangenen vier Mordschauplätze gewesen und hatte sich nach dem dritten Fall schließlich an das FBI gewandt. Normalerweise baten nur die kleineren Polizeiabteilungen die Bundesbeamten um Hilfe – der Unterhalt von Laboreinrichtung und Personal war einfach zu kostspielig. Das Cleveland Police Department besaß zwar solche Einrichtungen, aber keine speziell geschulten Ermittler. Also hatte man Dana den Fall übergeben und ihr den größten Teil der Verantwortung übertragen.

Nach den Anschlägen des 11. September hatte die Rolle des FBI sich dramatisch geändert. Heutzutage arbeitete es routinemäßig viel enger mit den örtlichen Gesetzesbehörden zusammen, selbst in Fällen, in denen keine bundesstaatlichen Zusammenhänge erkennbar waren. Sie hatten gewaltige Fortschritte gemacht seit den 1960er Jahren, als J. Edgar Hoovers Guerillataktik die Kennedy-Administration hatte erzittern lassen. Heutzutage standen die Feds und die staatlichen Behörden einander praktisch jederzeit beiseite, und es gab kaum noch Zuständigkeitsquerelen, die in der Vergangenheit so oft die Zusammenarbeit erschwert hatten. Natürlich gab es noch Ressentiments auf beiden Seiten, insbesondere, wenn das FBI sich unaufgefordert in Ermittlungen der State Police einmischte, aber das war hier nicht der Fall: Nachdem Templeton die Gemeinsamkeiten zwischen dem aktuellen und den vorangegangenen vier Tatorten bemerkt hatte, hatte er Dana sofort in der überfüllten Bar angerufen. Deshalb war ihr in dem Moment, als sie Templetons Stimme am anderen Ende der Leitung hörte, augenblicklich klar gewesen, dass der Cleveland Slasher wieder zugeschlagen hatte.

Der Killer benutzte eine Feuchtigkeitslotion – ein alter Trick. Er hatte bei jedem seiner Morde einen Handschuh zurückgelassen, getränkt mit Lotion, die das Fett von seinen Fingerkuppen absorbierte und verhinderte, dass die Polizei Abdrücke nehmen konnte. Normalerweise genügte die kleinste Bewegung der Finger in einem unbehandelten Handschuh, um die Innenseiten zu verschmieren, sodass eine Klassifizierung von Abdrücken unmöglich war. Doch dieser Killer wollte offensichtlich auf Nummer sicher gehen. Und trotzdem – wie schaffte er es, auch die winzigsten Abdrücke zu vermeiden, wenn er die Handschuhe auszog? Mit Klebeband? Dana hatte keine Erklärung. Die Tricks dieses Irren hatten bisher jedenfalls reibungslos funktioniert. Die Forensik hatte nicht mal einen Teilabdruck von ihm gefunden.

Templeton ließ den blutigen Handschuh in einen großen Beweismittelbeutel fallen. »Kein Zweifel, dass es der gleiche Täter ist?«

Dana schüttelte den Kopf. »Kein Zweifel.«

»Was sind Ihre ersten Eindrücke?«

Bevor Dana antworten konnte, brach hinter ihr ein Blitzlichtgewitter los. Sie fuhr herum und bemerkte Doug Freeman inmitten eines Rudels von Fotografen, die sich um einen klapprigen Fernsehtisch an der Wand drängten.

»Was ist da los?«, erkundigte sie sich mit scharfer Stimme.

Freeman senkte seine teure Kamera und ließ sie am Tragegurt um den Hals baumeln. »Sie sollten sich das hier mal ansehen, Ma’am. Ich glaube, wir haben gerade etwas gefunden.«

Danas Knie knackten, als sie sich erhob und ihren schwarzen Rock über den schlanken Oberschenkeln glättete. Das Rudel der Fotografen teilte sich vor ihr wie das Rote Meer vor den Israeliten, als Doug Freeman mit zitternder Hand auf ein Farbfoto zeigte, das unter dem Videorekorder eingeklemmt war. Dana nahm eine Pinzette mit gummibeschichteter Spitze aus einem Etui in ihrer Handtasche und zog das Foto behutsam unter dem Rekorder hervor. Ihr stockte der Atem, als sie den Fund in Augenschein nahm.

Eine riesige Handfläche im Zentrum des Bildes beherrschte das gesamte Foto. Die knochigen Finger waren leicht nach vorn gekrümmt, die überlangen Fingernägel spitz und scharf, und die Mitte der Handfläche war verziert mit einem plump gezeichneten Pentagramm. Das Ganze sah aus wie die Hand eines boshaften Magiers, der im Begriff stand, einen Feuerball auf seine Gegner zu schleudern.

Dana drehte sich zu Freeman um und runzelte die Stirn. »Was ist das?«

Der Fotograf zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Aber was immer es ist, Ma’am, es ist definitiv eine Ausschnittvergrößerung. Wahrscheinlich mit Photoshop bearbeitet.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Die Auflösung ist viel zu gering«, sagte er. »Es muss sich um einen Ausschnitt aus einem größeren Bild handeln, da gibt es kaum einen Zweifel.«

»Sind Sie fertig mit Dokumentieren?«, fragte Dana. Fotos waren in der Regel wichtige Beweise, wenn es zur Gerichtsverhandlung kam.

»Ja.«

Sie nickte und schob das Foto in einen braunen A4-Umschlag, den sie anschließend beschriftete. »Rufen Sie im Krankenhaus an und erkundigen Sie sich bei der Mutter der Toten, ob das Foto hierhergehört.«

»Bin schon unterwegs, Ma’am.«

Während Freeman sich entfernte, schob Dana sich eine lose Strähne ihrer kurzen blonden Haare hinters Ohr und genoss das kitzelnde, beinahe berauschende Gefühl im Magen. Der Adrenalinschub, den derart grausige Mordschauplätze hervorriefen, hatte in den dreizehn Jahren, die Dana diesen Job nun schon machte, kein bisschen nachgelassen, und das würde wohl auch nie der Fall sein. Die kranke Psyche dieser Killer übte eine beinahe morbide Faszination auf sie aus. Es war wie bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn – jeder wusste, dass er nicht bremsen und gaffen sollte, aber wer konnte schon widerstehen?

Freeman klappte sein Handy wieder zu. »Das Bild gehört nicht ins Haus«, sagte er. »Die Pfleger und Schwestern konnten die Mutter des Mädchens lange genug beruhigen, um eine Antwort von ihr zu bekommen. Sie kennt das Foto nicht.«

Dana kaute auf der Unterlippe und befingerte unbewusst das kleine goldene Kruzifix, das an einer dünnen Kette um ihren Hals hing. »Und Sie meinen, das Bild wurde mit Photoshop bearbeitet?«

»Ja.«

»Können wir herausfinden, was das Original zeigt?«

Freeman schüttelte den Kopf. »Es gibt keine Datenbank für derartige Dinge. Es ist nicht so, als könnte man danach googeln.«

»Dann haben wir keine Möglichkeit, das vollständige Bild irgendwo aufzuspüren?«

»Nicht, solange niemand das Motiv erkennt.«

»Ich nehme nicht an, dass Sie es erkennen?«, fragte Dana hoffnungsvoll.

Wieder schüttelte Freeman den Kopf. »Nein, Ma’am. Ich erkenne es nicht, tut mir leid.«

Dana dankte ihm, ging zu Templeton und zog ihn auf die Seite. Die ersten vier Autopsien waren kaum mehr als rasche visuelle Überprüfungen gewesen; die Todesursache war ziemlich offensichtlich gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass der Coroner vom Cuyahoga County ein tattriger alter Dummkopf war, der sich noch nicht damit angefreundet hatte, dass das FBI ihm neuerdings sagen durfte, was er zu tun hatte. Doch Dana wollte sicher sein, dass der Mann in diesem Fall genauer hinschaute. »Lassen Sie uns diesmal eine vernünftige Obduktion machen, Gary«, sagte sie. »Es ist mir egal, was dieses Arschloch Johnson sagt – gehen Sie zu einem anderen Coroner, wenn es sein muss, aber veranlassen Sie eine vollständige Obduktion.«

Templeton nickte. »Wird gemacht.«

Dana atmete tief durch, als Templeton sich auf den Weg machte. Sie fragte sich, was aus der nervösen Anfängerin von vor mehr als einem Dutzend Jahren geworden war. Damals hatte sie Angst gehabt, jemandem auch nur in die Augen zu schauen, und heute? Heute war sie eine Frau, die es gewohnt war, dass man ihre Anordnungen befolgte, ohne Fragen zu stellen. Deshalb wusste sie, dass Templeton ihrem Wunsch nachkommen und für eine gründliche Obduktion sorgen würde. So etwas war bei manchen Gesetzesbeamten, mit denen Dana in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte, nicht immer selbstverständlich gewesen. Trotzdem sorgte sie sich, dass sie etwas übersah, wenn sie die Arbeit nicht selbst erledigte. Wie dem auch sei – der Unterschied zwischen der Dana von damals und heute hätte größer kaum sein können. Und dafür war sie dankbar.

Nach den anfänglichen Wachstumsschmerzen war Danas kometenhafter Aufstieg das Gesprächsthema beim FBI gewesen und hatte bei manchen Leute Respekt, bei anderen Missgunst geweckt. Jahrgangsbeste an der FBI-Akademie in Quantico. Vom legendären Profiler Crawford Bell als Partnerin im Einsatz vor Ort bestimmt, bevor Crawford aus Altersgründen in eine Dozentenrolle verbannt und Danas Ehrgeiz sie dazu veranlasst hatte, eigene Wege zu gehen. Damals war sie in das Cleveland ihrer Jugend zurückgekehrt.

Während dieser Zeit war es Dana nie leichtgefallen, Verantwortung zu delegieren. Es war ihre größte Stärke und ihre größte Schwäche zugleich. Mochte sie nach Meinung einiger Kollegen ein Ass sein (und nach Meinung vieler anderer eine Paragraphenreiterin, die alles, aber auch wirklich alles nach den Vorschriften erledigte), so brauchten selbst Asse hin und wieder Hilfe, und Dana tat gut daran, das niemals zu vergessen.

Sie verspürte einen neuerlichen Kitzel im Magen. Jagdfieber. Mancher Senior Agent würde ihre nächste Aufgabe als unter seiner Würde betrachten, doch Dana freute sich darauf.

Ein bisschen gute, altmodische Polizeiarbeit, um sicherzugehen, dass sie in diesem Fall auch nicht den geringsten Hinweis übersah.

Ein Fall, der sie allmählich wütend machte.

3.

Los Angeles, 20.25 Uhr

Nathan pfiff leise vor sich hin, als er das billige Motel verließ und der eigenartig wohlige Geruch nach heißem Asphalt ihm in die Nase stieg. Erregung ließ seine Muskeln beim Gehen zittern. Er war bereit für die spannende Nacht, die vor ihm lag.

Ein neuer Mord, um die Sache ins Rollen zu bringen.

Jetzt, nachdem er in Cleveland endlich ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, konnte der Spaß richtig losgehen. Nach den Lustbarkeiten der vor ihm liegenden Nacht führte kein Weg mehr daran vorbei – sie musste erkennen, dass all diese Morde in Verbindung standen. Sie würde nur noch nicht begreifen, wie oder warum. Noch nicht. Dies herauszufinden, würde er ihr überlassen. Schließlich wollte er dem Miststück die Sache nicht zu einfach machen. Wo bliebe dann der ganze Spaß?

Zu seiner eigenen Überraschung war er ausgerechnet auf der Lokalseite der Los Angeles Times über das für diese Nacht vorgesehene Opfer gestolpert – in einem unerträglich nostalgischen Artikel darüber, dass sie in den späten 1940ern eine berühmte Tänzerin in der Nachtclub-Szene von Chicago gewesen war, zu einer Zeit, als ein klein wenig Burlesque noch als gewagt betrachtet wurde.

Dem sorgfältigen Lesen des Artikels folgte eine gründliche Google-Recherche, die alles zutage förderte, was er sonst noch benötigte. Nach ihrem Foto zu urteilen, passten ihr fortgeschrittenes Alter und das Aussehen perfekt zu seinen Plänen für den Abend, die vorsahen, den ersten und grausamsten Mord des Night Stalkers perfekt nachzuahmen.

»Night Prowler« von AC/DC dröhnte aus den Lautsprechern des schicken Mietwagens, als er langsam und ohne sonderliche Eile den Block umkreiste, um seine Beute auszukundschaften. Es hieß, Richard Ramirez wäre ein großer Fan der australischen Heavy-Metal-Band gewesen, ganz besonders dieses Songs – Inspiration für die Presse zu seinem gruseligen Spitznamen. Deshalb war Nathan an diesem Abend ebenfalls ein Bewunderer der Band.

Er blickte in die Außenspiegel und lenkte den Wagen behutsam nach links, um auf der anderen Straßenseite zu parken, gegenüber dem heruntergekommenen Apartmentkomplex. In diesem Moment kam ein ausgemergelter Schwarzer in schmuddeligen Khakis und verwaschenem Muskelshirt vorbei. Der Mann blieb stehen, beugte sich vor und starrte durch das verdunkelte Fenster auf der Beifahrerseite.

Nathan glaubte den Körpergeruch des Schwarzen durch die geschlossene Scheibe zu riechen, als er am Lenkrad die Lautstärke der Musik herunterdrehte und den elektrischen Fensterheber betätigte.

Als das Fenster nach unten surrte und ihre Blicke sich trafen, zuckte der Schwarze zurück, als wäre ihm eine Ohrfeige verpasst worden. Seine blutunterlaufenen Augen weiteten sich. »En-en-entschuldigung, Mann«, stammelte er. »Ich wollte nur … ich will keinen Ärger.«

Nathan schüttelte den Kopf. Er schloss das Fenster, und der Schwarze huschte davon. »Verdammte Crackjunkies«, murmelte er.

Er drehte die Musik wieder auf. Dann nahm er eine kleine Glasampulle aus dem Handschuhfach und stippte eine Prise Kokain auf die sehnige Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger, um sich die Droge mit einem kräftigen Schnaufen in die Nüstern zu ziehen. Das starke Stimulans wirkte beinahe augenblicklich, und ein wohliger Schauder durchlief seinen Körper.

Darum also drehte sich der ganze beschissene Hype.

Er hatte noch nie zuvor Drogen genommen – nicht einmal weiche Drogen wie Marihuana –, doch Authentizität war von größter Bedeutung bei dem, was er vorhatte. Wenn schon, denn schon. In der Nacht, als er Jennie Vincow vergewaltigt und ermordet hatte, war Richard Ramirez total stoned gewesen, zugedröhnt bis zum Stehkragen, also würde Nathan in dieser Nacht ebenfalls ein bisschen Stardust nehmen. Nicht viel, nicht genug, um Dummheiten zu machen – nur so viel, um Authentizität zu garantieren. Schließlich zählten vor allem die Details.

Zehn weitere Minuten vergingen, bevor die alte Frau die Straße hinunterkam. Sie hielt eine beigefarbene Kleingeldbörse in den knotigen Händen und humpelte leicht auf der linken Seite. Sie sah sich verstohlen um und überzeugte sich, dass niemand sie beobachtete; dann schob sie rasch einen silbernen Schlüssel in das antike Türschloss und betrat ihre kleine Wohnung im Erdgeschoss.

Nathan grinste in sich hinein und packte das lederbezogene Lenkrad fester, während ein kalter, beinahe schmerzhafter Schauer nach dem anderen über seine Arme und Schultern lief und ein Adrenalinstoß mit solcher Wucht durch seine Adern jagte, dass er meinte, es würde ihn aus dem Sitz reißen. Er war jetzt tief in seiner Killing Zone, und seine fünf Sinne waren schärfer und besser eingestimmt auf die Welt ringsum. Verlässlicher.

Das war es also: der Höhepunkt dessen, wofür er so hart gearbeitet hatte. Um der Aktualisierung, der Berichtigung der Geschichte willen musste die alte Frau in dieser Nacht einen sehr gewaltsamen Tod sterben. Es gab keinen anderen Weg.

Geduldig wartete er, bis ein vorbeikommender Streifenwagen um die Ecke bog und aus dem Blickfeld verschwand, bevor er aus dem schicken grünen Audi stieg und den Kofferraum öffnete. Abgesehen von ziellos umherstreunenden Cracksüchtigen und dösenden Cops in ihren Streifenwagen lag die Straße um diese nachtschlafende Zeit leer und verlassen da. Deshalb war es nicht weiter schwer, sich unbemerkt vorzubereiten. Schon bald würde es hier vor Menschen wimmeln. Das war entscheidend. Es mussten Leute auf der Straße sein.

Sie mussten ihn sehen.

Die Akkorde von »Night Prowler« noch in den Ohren, schlüpfte er rasch in die Jogginghose und einen dünnen schwarzen Rolli, bevor er sich eine AC/DC-Baseballkappe aufsetzte. Zur Vervollständigung der sakralen Verwandlung benutzte er einen blauen Kugelschreiber, um sorgfältig ein perfektes Pentagramm in die Mitte seiner linken Handfläche zu zeichnen.

Vorfreude überkam ihn, und Lust schäumte in seinen Lenden auf, als er ein scharfes Messer in die Lederscheide an seinem Gürtel schob und behutsam den Kofferraum schloss. Leise – ganz, ganz leise – überquerte er im Schutz der Dunkelheit die Straße.

Es war Zeit.

Zeit, an die Arbeit zu gehen.

4.

Nachdem sie Templeton bezüglich der Autopsie von Jacinda Holloway instruiert hatte, verließ Dana die Wohnung und betrat den Flur des Apartmenthauses. Sie ging von einer Tür zur nächsten und klopfte, bis schließlich jemand öffnete. Die meisten Agents delegierten diese Aufgabe nur zu gerne an ihre Untergebenen, doch Dana hatte mehr als einmal erlebt, wie so etwas in die Hose gegangen war, sodass sie die Zeugenbefragung lieber selbst vornahm. Es war diese Einstellung, die ihr den Respekt der meisten Kollegen eingebracht hatte und die Missgunst einiger anderer – Leute, die im Vergleich nicht schlechter dastehen wollten als sie. Es war nicht so einfach, wie es im Fernsehen manchmal dargestellt wurde, doch man wusste nie, welche entscheidenden Hinweise sich in scheinbar banalen Dingen verbargen. Manchmal musste man einfach die Ärmel hochkrempeln und sich die Hände schmutzig machen. Bis hinauf zu den Ellbogen, wenn es nicht anders ging. Das hatte Crawford Bell ihr beigebracht.

Drei Türen von der Wohnung der Holloways entfernt verdunkelte sich das Guckloch für einen Moment, ehe eine Kette rasselte und eine junge Schwarze mit einem schlafenden Baby auf dem Arm die Tür einen Spaltbreit öffnete.

Die junge Frau kniff die Augen zusammen, als sie Dana sah, und schob das Baby auf ihre Hüfte. »Was wollen Sie?«

Dana hielt ihre Marke hoch und lächelte freundlich. Es war extrem wichtig, dass ein Ermittler nicht bedrohlich wirkte, sondern von Anfang an freundlich war und nicht auf Konfrontation aus: Grundlagen der Befragungstechnik, Kapitel 1. Abgesehen davon hatte Dana festgestellt, dass Freundlichkeit in der Regel viel besser funktionierte als die alte Böser-Cop-guter-Cop-Nummer. Noch ein Trick, den sie schon früh in ihrer Karriere von Crawford gelernt hatte.

»Guten Tag, Ma’am«, sagte Dana mit einem Lächeln. »Ich bin Special Agent Dana Whitestone vom FBI. Ich untersuche einen Mordfall auf dieser Etage. Bestimmt haben Sie inzwischen davon gehört. Darf ich reinkommen?«

Die junge Frau betrachtete Danas Marke und blickte dann auf ihr schlafendes Baby. Es war kaum älter als ein Neugeborenes, bemerkte Dana. Die Mutter konnte allerdings auch nicht viel älter als achtzehn sein. »Ich will keinen Ärger«, sagte sie misstrauisch.

Dana lächelte sie weiterhin an. Auch wenn ihre schlechten Erfahrungen dazu geführt hatten, dass sie privat jeden auf Armeslänge von sich hielt, hatte sie diese Art von Druck während der Arbeit nie gespürt. Zweifelsohne einer der Hauptgründe, warum sie so gerne arbeitete, während ihre Kollegen frei hatten und die Zeit mit ihren Familien verbrachten. Die Arbeit war für Dana eine Erleichterung, eine Zuflucht, wo sie sich auf das Leben und die Probleme anderer Menschen konzentrieren konnte und nicht an ihre eigenen dachte. Was nichts daran änderte, dass sie in letzter Zeit das Gefühl beschlich, mehr vom Leben zu erwarten. Einen liebevollen Ehemann vielleicht. Kinder. Einen weißen Jägerzaun mit hübschen Narzissen davor, die der Familienhund ausgrub, eine halbe Stunde nachdem sie sie eingepflanzt hatte.

Vielleicht ein andermal. In einem anderen Leben.

»Es gibt keinen Ärger, Ma’am«, sagte Dana zu der jungen Frau. »Ich brauche nur einen Moment Ihrer Zeit. Nur ein paar Minuten, versprochen.«

Die junge Frau öffnete die Tür ein wenig weiter und verlagerte das Baby auf ihrer Hüfte erneut. »Muss das sein?«

Dana nickte. »Ja, Ma’am. Es muss sein. Ich weiß Ihre Kooperation wirklich zu schätzen.«

Die junge Frau seufzte, öffnete die Wohnungstür ganz und trat zur Seite. »Also schön, dann kommen Sie rein, wenn’s nicht anders geht.«

Dana betrat die Wohnung und blickte sich um. Das Apartment war in tadellosem Zustand, und in der Luft hing der Duft frisch gebackener Zimtschnecken. Danas Magen knurrte laut und erinnerte sie daran, dass sie den größten Teil ihres Abendessens auf dem Teller in der überfüllten Bar hatte stehen lassen. Na ja, dafür war das Date mit dem geilen Buchhalter schneller zu Ende gewesen als befürchtet.

Das Mobiliar war alt, aber gut erhalten angesichts der Tatsache, dass die Stücke nicht zueinander passten und aussahen, als stammten sie aus einem Sears-Katalog aus den 1970ern. An der Wand über dem kleinen Tisch im Esszimmer hingen Bilder von Jesus und John F. Kennedy – die Standarddeko von Schwarzen, die während der Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern volljährig geworden waren.

Dana hob überrascht die Augenbrauen. Sie hatte ein anderes Interieur erwartet. Heruntergekommener. Schäbiger. »Wohnen Sie hier?«, fragte sie.

Die junge Frau schloss die Tür und deutete auf die abgewetzte Couch mitten im Wohnzimmer. »Nein«, gestand sie, wobei sie das Zimmer durchquerte und das Baby in einem Laufstall neben dem Fernseher ablegte. »Die Wohnung gehört meiner Großmutter. Sie hat uns für ’ne Weile aufgenommen, bis ich wieder auf den Beinen bin.«

Dana nickte und setzte sich in die Ecke des Sofas. »Ist Ihre Großmutter zu Hause?«

Die junge Frau schüttelte den Kopf und setzte sich in die gegenüberliegende Ecke der Couch. »Nein. Sie liegt im Krankenhaus. Sie hat Krebs.«

»Das tut mir leid.« Dana rutschte ein Stück zur Seite; eine kaputte Feder piekste sie in den Hintern. »Bitte, sagen Sie Dana zu mir. Wie heißen Sie?«

Grundlagen der Befragungstechnik, Kapitel 2: Stellen Sie eine harmonische Beziehung zu Ihrem Gesprächspartner her, wann immer möglich. Stürzen Sie sich nicht zu früh auf die wichtigen oder komplizierten Fragen. Bringen Sie Ihr Gegenüber auf Ihre Seite und steuern Sie das Gespräch behutsam in die gewünschte Richtung, erst recht, wenn Ihr Gegenüber wenig gewillt scheint, mit Ihnen zu kooperieren.

Die junge Frau warf einen kunstvoll geflochtenen Zopf über ihre linke Schulter. Dana bemerkte sorgfältig manikürte, hellrot lackierte Fingernägel. »Ich heiße Tyesha.«

»Und wie heißt das Baby? Es ist wirklich ein süßes kleines Ding.«

Ein zaghaftes Lächeln huschte über das Gesicht der jungen Frau. Na endlich. »Sie heißt Tamara.«

»Wie alt ist sie? Sechs Monate?«

»Fünf.«

»Ihr erstes Kind?«

»Nein. Das vierte. Ich hab noch drei.«

Dana fragte nicht, wo die anderen Kinder waren. Es ging sie nichts an. Trotzdem versetzte es ihr einen Stich. Hätte sie nicht im Lauf der letzten Jahre ihre Beziehungen zu interessanten, liebenswerten Männern immer wieder von sich aus beendet, wäre sie inzwischen wahrscheinlich selbst bei ihrem vierten Kind. Mit achtunddreißig Jahren tickte ihre biologische Uhr nicht mehr ruhig vor sich hin. Sie donnerte in ihren Ohren wie ein außer Kontrolle geratener Güterzug.

»Hören Sie, Tyesha«, begann Dana. »Ich muss wissen, ob Sie in letzter Zeit irgendetwas Ungewöhnliches oder Merkwürdiges gesehen oder gehört haben. Besonders heute Morgen, so gegen acht.«

Die junge Frau blickte verwirrt drein. »Was meinen Sie mit ›ungewöhnlich‹?«

Dana machte eine Handbewegung, und ihr wurde schmerzlich bewusst, wie schlimm ihre eigenen Fingernägel im Vergleich zu denen von Tyesha aussahen. »Ich meine, ob Sie etwas bemerkt haben, das Ihnen nicht normal vorkam. Haben Sie etwas gesehen, gehört? Waren in letzter Zeit Fremde auf dieser Etage? Ich möchte erfahren, wie die Holloways so waren. Wohin sie gegangen sind, um sich zu amüsieren. Ob es eine enge Familie war. Ob sie religiös war, und falls ja, in welche Kirche sie gegangen ist. Wer kam an den Wochenenden zu Besuch? Solche Dinge. So kann ich mir ein besseres Bild von der Familie machen und von jedem, der möglicherweise darauf aus war, ihr etwas anzutun.«

Die junge Frau presste die Lippen aufeinander. »Es zahlt sich nicht aus, hier im Haus auf Fremde zu achten, Lady. Und diese Familie … na ja, sie ist unter sich geblieben, wie wir anderen auch. Ansonsten weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen erzählen könnte.«

Dana nickte. Sie fühlte sich ungefähr so willkommen wie eine Herpes-Epidemie in einem Kloster. Trotzdem, obwohl es nicht die Antwort war, die sie sich erhofft hatte, war sie nicht im Mindesten überrascht. Niemand wollte je reden, doch wer zum Teufel konnte es den Zeugen verübeln? In dieser Gegend war man ganz schnell als nicht vertrauenswürdig gebrandmarkt, wenn man mit der Polizei kooperierte. Ein Ruf, der üblicherweise mit einer heftigen Tracht Prügel einherging – oder Schlimmerem –, als Erinnerung daran, beim nächsten Mal das verdammte Maul zu halten.

Dana atmete tief durch und fuhr geduldig fort, als redete sie mit einem Kind: »Hören Sie, Tyesha. Ein kleines Mädchen wurde ermordet, hier, in diesem Haus, heute Vormittag. Es ist das fünfte Opfer in weniger als drei Monaten. Sie sind selbst Mutter, deshalb werden Sie begreifen, wie furchtbar so etwas sein muss. Jacinda Holloways Mutter ist zurzeit in der Cleveland Clinic. Sie steht unter starken Beruhigungsmitteln. Also sagen Sie es mir, wenn Sie irgendetwas wissen. Nur so kann ich verhindern, dass einer anderen Mutter das Gleiche passiert.«

Die junge Frau lächelte sie dünnlippig an. »Erstens bin ich keine verdammte Crackhure wie dieses Miststück, und zweitens funktioniert es vielleicht da, wo Sie herkommen, aber ganz bestimmt nicht in unserer Gegend.« Sie machte eine umfassende Geste mit der freien Hand. »Sehen Sie sich um, Dorothy. Sie sind nicht mehr in Kansas, falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist.«

Dana rührte sich auf der Couch. Vielleicht war die Böser-Cop-guter-Cop-Routine doch nicht so verkehrt.

»Ja«, sagte sie und blickte der jungen Frau in die Augen. »Ich weiß. Schon mal was von Beihilfe zum Mord gehört?«

Tyesha lachte laut auf. Es war ein dunkles Lachen, das im Zimmer widerhallte und für Dana völlig unerwartet kam.

»Was wollen Sie denn tun?«, fragte Tyesha ungläubig. »Mich aufs Revier mitnehmen? Mich in eine Zelle sperren? Wer soll sich um mein Baby kümmern, wenn ich eingesperrt bin? Sie? Wissen Sie was? Ich glaube Ihnen nicht.«

Dana antwortete nicht. Tyesha hatte recht. Manche Frauen waren einfach nicht dazu geschaffen, Mütter zu sein, und Dana gehörte dazu. Verdammt, sie konnte ja kaum auf sich selbst aufpassen, geschweige denn auf ein Baby.

Im Laufstall regte sich Tamara. Sie machte leise gurrende Geräusche im Schlaf und versuchte, den Kopf zu heben. Die junge Mutter blickte zu ihrem Kind hinüber und gab einen resignierten Seufzer von sich. »Hören Sie, Lady, ich weiß überhaupt nichts. Okay? Ich hab keine Fremden gesehen, weil ich nicht hingucke. Sind wir jetzt fertig? Ich muss mein Baby stillen.«

Dana erhob sich und ging zur Tür. Sie war offensichtlich unerwünscht, und das kam nicht überraschend. In diesem Stadtteil waren Polizei und Justiz nicht viel angesehener als der Ku-Klux-Klan.

Draußen im Flur drehte sie sich noch einmal um und reichte Tyesha eine Visitenkarte. »Danke für Ihre Zeit. Rufen Sie mich unter dieser Nummer an, falls Ihnen doch noch etwas einfällt, egal was. Jederzeit, Tag und Nacht.«

Die junge Frau nahm die Karte und warf einen kurzen Blick darauf; dann schaute sie Dana an. »Wie ich schon sagte, Lady, ich weiß nichts. Überhaupt nichts.«

Mit diesen Worten schlug sie Dana die Tür vor der Nase zu.

5.

2250 Drexel Street, South Central L. A.
21.39 Uhr

Es machte keinen Spaß, alt zu sein. Noch nie war Mary Ellen Orton dies so bewusst gewesen. Obwohl ihr Verstand in Anbetracht ihrer fortgeschrittenen Jahre noch erstaunlich frisch war, bewältigte ihr gebrechlicher alter Körper die Mühen des täglichen Lebens nicht mehr.

Und die Hitze machte alles noch schlimmer.

Mary Ellen hatte den größten Teil des langen, ermüdenden Tages mit dem Versuch zugebracht, die unerbittlichen Temperaturen zu ignorieren, doch nichts hatte richtig funktioniert. Wie die meisten Menschen in ihrem Alter war sie nicht mit dem unvorstellbaren Luxus einer Klimaanlage aufgewachsen, und als junges Ding hatte sie in Chicago Jahr für Jahr die schrecklichen Geschichten gelesen, denen zufolge ältere Bürger der Stadt an der Hitze starben.

Damals, als sie noch ein ahnungsloses junges Ding gewesen war, waren diese traurigen Geschichten noch sehr abstrakt gewesen – nichts, worüber man sich ernste Sorgen machen müsste. Doch damals war sie frisch und unverbraucht gewesen. Heute war sie neunundsiebzig und hatte sich immer noch nicht von der zerschmetterten rechten Hüfte erholt, die sie sich bei einem üblen Sturz in der Dusche vor drei Jahren zugezogen hatte, und diese Zeitungsartikel von damals schienen plötzlich viel neue Aktualität zu besitzen.

Sie war nach L. A. gezogen, um näher bei Jerry zu sein, ihrem letzten lebenden Kind und dem Einzigen, was ihr an Familie auf Erden noch geblieben war. Es hatte ihr einen gewissen emotionalen Trost geboten, doch die Stadt der Engel war nicht gerade berühmt für ihr mildes Klima. Die braune Wolke aus Smog, die ständig über L. A. hing wie Zigarettenqualm über den Gästen in einer überfüllten Kneipe, machte die Sache nicht gerade besser.

Mary Ellen seufzte und wischte sich die verschwitzten Handflächen an den Seiten ihres dünnen gelben Hauskleids ab, während sie gegen die Tränen ankämpfte, die wegen der zahlreichen Probleme und Enttäuschungen des zu Ende gehenden Tages in ihr aufwallten. Wie sehr sie sich wünschte, Ed wäre jetzt bei ihr. Wäre er hier – er würde sie an sich drücken, sie auf die Wange küssen und ihr sagen, sie solle sich keine Sorgen machen, alles käme wieder in Ordnung, und er würde niemals zulassen, dass ihr jemand wehtat. Er würde sein schmales Lächeln zeigen, sie zu sich hochziehen und zu imaginärer Musik mit ihr tanzen. Oh, wie gerne hatten sie getanzt!

Doch Ed war nicht mehr da, seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, und so schlug Mary Ellen dieser Tage ihre Zeit tot, so gut es eben ging. Das Leben war wirklich einsam, wenn man so alt war. Niemand hatte sie davor gewarnt, als sie ein junges Mädchen gewesen war, mit dem Ergebnis, dass die sogenannten Goldenen Jahre ihr eher wie Blech vorkamen.

Suchwortspiele mit übergroßen Buchstaben halfen für kurze Zeit, die unerträgliche Langeweile zu bekämpfen. Auch das Lesen half manchmal – solange die Schrift groß genug war, dass Mary Ellen sie mit ihrem schwindenden Augenlicht erkennen konnte. Die Schecks von der Rentenversicherung und die kleine Pension von ihrem verstorbenen Ehemann, der bei der Post gearbeitet hatte, erlaubten ihr keine neumodischen Dinge wie Kabelfernsehen, doch Mary Ellen kam wunderbar mit ihrem alten Schwarzweißgerät und der Zimmerantenne zurecht.

Manchmal war das Signal sogar halbwegs gut, sodass sie ihre täglichen Seifenopern und die Nachrichten verfolgen konnte, doch selbst das war ihr in letzter Zeit immer mehr zu einer Last geworden. An diesem Abend zeigte der Fernseher nur weißes Geflimmer, begleitet vom lästigen Brummen aus dem Lautsprecher, und so schaltete sie die Flimmerkiste wieder ab.

Sie versuchte es eine Zeit lang mit Stricken, doch es dauerte nicht lange, bis die Arthritis die Nadeln von ihren Händen schüttelte, sodass sie klirrend auf den billigen Fernsehtisch vor ihr fielen. »Old Arthur« wohnte nun schon seit einigen Jahren in ihrem Körper, und sie wollte verdammt sein, wenn er nicht der rüpelhafteste und rücksichtsloseste Hausgast war, den sie je kennengelernt hatte.

Eine Schweißperle lief in der erstickenden Hitze des Apartments an Mary Ellens Hals hinunter. Die verdammte Klimaanlage war wieder kaputt, und Jerry, ihr Sohn, war noch nicht vorbeigekommen, um sie zu reparieren. Obwohl er im Grunde ein guter Junge war, hatte er genauso viele Probleme wie jeder andere. Vielleicht sogar mehr als jeder andere.

Mary Ellens knorrige Finger streiften leicht über das kleine Life-Alert-Notrufgerät, das an einer Kette um ihren Hals hing wie ein tristes Plastikkreuz.

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