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Tödliches Schweigen

Tove Alsterdal

TÖDLICHES
SCHWEIGEN

Kriminalroman

Übersetzung aus dem Schwedischen von
Ursel Allenstein

Papier braucht er nicht, um die Sauna anzuheizen, aber die Briefe sollen brennen. Einen Umschlag hat er in der Hand zusammengerollt und hält das Streichholz daran. Den anderen faltet er zusammen und steckt ihn direkt in das Feuer. Er wartet noch ein wenig damit, die Ofenklappe zu schließen, sitzt vollständig bekleidet auf der Pritsche und beobachtet, wie die Flammen zu tanzen beginnen. Wie das Höllenfeuer, denkt er, während die vermaledeiten Maklerbriefe verbrennen und zu Asche zerfallen. Der Jüngste Tag naht.

Als die Saunasteine heiß genug sind, zieht er die Handschuhe an und hebt sieben davon heraus. Er wickelt sie doppelt in Handtücher ein und trägt sie zum Schlitten hinaus. Der Schnee hat seine Spuren schon fast wieder verwischt. Ein Wind fegt über den Hof und lässt die Birken knacken, es ist der ryssätuuli, der eiskalt von der Barentssee heranweht. Von der finnischen Seite hört er das ewige Donnern der Eisenbahn. Aber da ist auch noch etwas anderes. Eine seltsame Unruhe liegt über Rauhala.

Er schnallt die Skier an und findet die Loipe zwischen den Birken. Auf den anderen Höfen in der Ferne regt sich nichts. Er begibt sich nur selten nach draußen, um zu heizen, bevor die alten Weiber ins Bett gegangen sind, denn er mag es nicht, wenn jemand kommt und sich einmischt.

Da fahren alle Freunde der Welt zur Hölle, denn die Zuwendung zur Welt ist die Abwendung von Gott. Doch wehe euch, die ihr euch daran weidet, der Tag wird kommen, da ihr leidet!

Vor ihm erhebt sich die dunkle Silhouette Rauhalas aus dem Schnee. Das Wohnhaus steht wie festgefroren auf der Erde, verlassen und ausgekühlt, aber die Stimmen sind noch da. Er geht dort nicht mehr hin. Alle Fenster sind mit Frost überzogen, und man kann weder hinein- noch hinaussehen. Er weiß jedoch, dass die Stimmen auf den Sünder warten, sie warten dort drinnen und rufen nach ihm.

Zuerst kommt er auf seinen Skiern am Viehstall vorbei, dessen Dach eingestürzt ist. Der ganze Dreck soll in den Abgrund stürzen, ehe er den Gierteufel und den Hurenteufel und den Ehrteufel nach Rauhala lässt. Ungeheuerlich, dass sie den Toten ihren Hof wegnehmen wollen.

Das Vorratshaus, das Aitta, liegt etwas abseits, außerhalb des Hofs. Es hat keine Fenster. Niemand kann ihn anstarren, und er glaubt, dass auch Gott ihn dort nicht sehen kann. Er schnallt die Skier ab und schiebt sie zwischen die Pfähle, auf denen der Holzspeicher erbaut worden ist. Dann hebt er das warme Bündel vom Schlitten und öffnet die Tür. Die Steine wird er auf den Dachboden schleppen und ans Fußende des Bettes legen, dann bleibt es bis zum nächsten Morgen warm. In der Nacht lässt er den Ofen abkühlen, um Gasol zu sparen. Er hätte zwar genügend Geld, um welches zu kaufen, aber er vermeidet es, mit dem Bus zum Einkaufen zu fahren. Die Leute starren ihn an. Manchmal gehen sie auch zu ihm und stellen Fragen. Ist das nicht dieser Lars-Erkki Svanberg? Oder das Schlimmste: Lapp-Erik! Du bist doch Lapp-Erik?

Teufel auch, dass der Mensch nicht in Ruhe gelassen werden kann.

Er hat gerade das Bündel ins Haus gehievt, als ein Geräusch ihn innehalten lässt. Ein Lastwagen dröhnt in der Ferne vorüber, südwärts auf dem Weg nach Haparanda, aber das ist es nicht, wonach er lauscht.

Er ist sich sicher, das Knarzen einer einbrechenden Schneedecke zu hören. Ein Schritt, der im Neuschnee versinkt, und dann noch einer. Kein Tier macht so laute Schritte. Es kommt eindeutig aus Richtung der Sauna, von den Eiswegen auf dem Fluss. Schnell betritt er den Speicher und zieht vorsichtig die schwere Holztür hinter sich zu. Sofort wird es grabesfinster. Er kramt in seiner Hosentasche nach Streichhölzern, denkt jedoch, dass er die Petroleumlampe besser nicht anstecken sollte. Das Licht könnte durch eine Ritze zwischen den Balken nach außen dringen, und dann wüssten sie, dass er wach ist. Wahrscheinlich wollen sie ihn im Bett überraschen, diese Teufel, aber Lars-Erkki Svanberg lässt sich nicht überrumpeln. Er hat schon oft genug Leute vom Hof verjagt, Kinder und alte Weiber, die aus Neugier zu ihm kamen. Haben sie vergessen, dass er einmal jeden Mann auf der Welt besiegen konnte? Die Urkraft aus dem Norden, schrieben die Zeitungen damals. Höllisch viele Artikel. Er hat die Wände des Dachbodens damit isoliert.

Das Gewehr hängt an einem Brothaken von der Decke. Er tastet sich am Balken entlang und hebt es herunter. Die Patronen liegen in einer Kiste am anderen Ende, wo er alles Wichtige verwahrt. Das Werkzeug, das Brot und die Schlüssel von Rauhala. Er hält seine Dinge in Ordnung, jeder Gegenstand hat seinen festen Platz. Die Kiste findet er sofort, doch seine Hand zittert, und er lässt die Patronen fallen. Er hört nicht, wohin sie rollen. Auf dem Boden liegen vier Teppichschichten, jeden einzelnen Flickenteppich auf Rauhala hat er zur Isolierung hierher geschleift. Er kriecht über den Boden und tastet mit den Händen in der Dunkelheit herum, ohne sie jedoch zu finden. Jetzt sind die Schritte direkt hinter dem Speicher zu hören. Der da draußen bewegt sich vorsichtig, wie wenn man bei der Jagd einer Fährte nachgeht.

Er gibt die Patronen auf und krabbelt zum Gasolkamin, wo die Axt immer steht. Mit den Händen fährt er die grobe Holzwand entlang, doch sie ist nicht da. Hat er die Axt etwa neben der Sauna vergessen? Hol’s der Teufel! Er erinnert sich, dass er sie an den Eingang gelehnt hatte, nachdem er Holz gehackt hatte. Und jetzt ist das Geräusch direkt vor der Tür. Was zur Hölle, wenn sie hereinkommen. Er hat die Tür weder abgeschlossen noch verriegelt, und hier drinnen hat er nur das Allernötigste, was ein Mensch zum Leben braucht. Das wird ihm doch niemand wegnehmen wollen. Oder sind sie gekommen, um ihn selbst zu holen? Er wird nirgendwo hingehen. Der Jüngste Tag, denkt er, als er über die Teppiche zurückkriecht. Lars-Erkki Svanberg hat keine Angst vor den Lebenden. Nur die Toten auf Rauhala fürchtet er mitunter und das Höllenfeuer. Schließlich nimmt er das Gewehr, ungeladen, und steht mühsam auf. Sein Rücken kann nicht mehr und die Beine sind steif, aber er geht im Stockfinsteren zur Tür und stößt sie auf. Der schwache Schein des reflektierenden Schnees fällt herein. Er späht hinaus, horcht in den Wind. Die weiße Decke liegt still und unberührt, nichts regt sich. Vorsichtig steigt er die vier Treppenstufen hinunter.

Er will gerade das Gewehr heben und sich umsehen, als der Schatten eines Menschen auf den Schnee fällt. Ein Atemzug. Jemand, der dort gestanden und gewartet hat, hinter der Tür geduckt, als er sie öffnete.

Er fährt herum und sieht einen Menschen ohne Gesicht, die Mütze tief in die Stirn gezogen, sodass nur die Teufelsaugen darunter hervorblitzen. Wie Nebel aus einem Abgrund steigt die Angst in ihm auf, und er fuchtelt mit seinem Gewehr herum. »Geht weg von mir, ihr Verdammten. Entflieht dem nahenden Zorn … der gerechte Richter, die Sündenqualen werden eure Seelen schmoren lassen … alles Teufelsdreck … Teufelsdreck.«

Da sieht er den Arm, der sich über seinem Kopf hebt. Den Umriss eines Werkzeugs.

Satan in der Hölle, ist sein letzter Gedanke, sie haben tatsächlich die Axt gefunden.

Anschließend herrscht wieder Ruhe auf Rauhala.

Sie drehte den Wohnungsschlüssel um. Zwei Umdrehungen, an die sich ihre Hand erinnerte, zwei Umdrehungen, die einem versicherten, dass man ordentlich abgeschlossen hatte.

Sofort schlug ihr der Gestank entgegen. Sie wich zurück und hielt die Luft an. Dünste von Kot und verfaulendem Müll.

Stickigkeit und Einsamkeit und eingetrockneter Urin.

Katrine band sich den Schal vor den Mund und stellte ihren Koffer in den Flur. Dann zog sie schnell die Tür hinter sich zu, damit der Geruch nicht ins Treppenhaus drang und die Nachbarn sich wunderten, was sie hier zu suchen hatte. Und warum sie nicht früher gekommen war.

Auf dem Boden hatten sich die Post und Werbeprospekte hinter dem Türschlitz zu unordentlichen Bergen getürmt. Hier stand die vertraute Kommode im Rokokostil, hier lagen die braun-rosafarbenen Webteppiche, die noch nie ausgetauscht worden waren, und hier hing die Hutablage, auf der die alte Pelzmütze ihrer Mutter thronte. An der Wand entdeckte Katrine den Kunstkalender mit Motiven aus der Tate Modern, den sie zu Weihnachten aus London geschickt hatte.

Kein einziges Kalenderblatt war gewendet worden. Die Zeit war stehen geblieben.

Ich bin sofort gekommen, nachdem sie angerufen haben, sagte sie zu sich selbst. Im Kopf entwarf sie bereits ihre Verteidigungsrede, während sie von Zimmer zu Zimmer ging und alle Fenster weit aufriss. Ich wohne in London. Ich kann nicht einmal in der Woche nach Hause fliegen, um Mama zu besuchen. Und warum hat Anders sich nicht um sie gekümmert? Ich habe einen Bruder, ich habe verdammt noch mal einen Bruder, der gerade einmal drei Kilometer von hier entfernt wohnt. Ich kann nicht alle Schuld auf mich nehmen.

Sie sank auf einen Küchenstuhl, von wo aus ihr Blick direkt auf einige verkohlte Reste neben dem Toaster fiel. Was war das bloß? Fleischwurst?

Im Krankenhaus hatten sie gesagt, Ingrid Hedstrand sei unterernährt gewesen, was die Demenz vermutlich verschlimmert hatte. Eine Nachbarin hatte Alarm geschlagen. Die Wohnungstür hatte offen gestanden, Ingrid hatte auf dem Boden gelegen und nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen können. Doch das kranke Bein war nicht das Schlimmste. Im Krankenhaus hatte man eine senile Demenz vom Alzheimer-Typ festgestellt. Möglicherweise hatte Ingrid Hedstrand auch einen leichten Schlaganfall erlitten. Jetzt wurde untersucht, wie pflegebedürftig sie war.

Verzeih mir, Mama, dass ich nicht hier war. Verzeih mir, dass ich nichts wusste.

Lange saß sie auf einem Ecksofa im Wohnzimmer und weinte. Die inneren Bilder von der Mutter in diesem Zimmer; lächerliche kleine Details. Wie sie dort auf dem Sofa saß, immer ganz am Rand, und strickte, während der Fernseher lief, oder einen Schal oder eine Strickjacke häkelte, egal bei welcher Sendung, immer waren ihre Hände mit irgendetwas beschäftigt. Eine Tasse Silbertee am Abend und ein belegtes Knäckebrot. Silbertee! War das nicht einfach nur heißes Wasser mit Zucker? Abends zog sie immer ihren hellgrünen Morgenrock an, um die anderen Kleider nicht unnötig zu zerschleißen. Und das Haar, immer ordentlich auf Wickler gedreht, wenn sie schlafen ging, und das morgendliche Make-up, wenn sie zur Apotheke aufbrach. Katrine erinnerte sich daran, dass sie sich eine jüngere Mutter gewünscht hatte; warum ihr das so wichtig gewesen war, wusste sie nicht mehr.

Draußen brach eine graue Dämmerung herein.

Sie trat auf den Balkon und stand lange in der feuchten Kälte. Sah über die Vororte, Månadsvägen, Västerby, Jakobsberg. Ihr Kindheitsland, ein Feld zwischen Straßen und Wohngebieten, morastig von Schneematsch und Lehmboden. War es hier nicht schon immer schlammig gewesen? Dreck, der bis zur Jeans hinaufspritzte? Dort hatte sie auf dem Weg zur Schule eine Abkürzung genommen und war von den Jungs aus ihrer Klasse mit Schnee eingeseift worden. Hatte hinter dem Werkraum Klebstoff geschnüffelt und zum ersten Mal mit Jojje geknutscht. Ihre gesamte Schulzeit war auf der anderen Seite des Felds aufgereiht, flache Gebäude von der Grundschule bis zum Gymnasium, in denen sie mehr Tage verbracht hatte, als sie Lust hatte zu zählen. Beim Abi-Fest hatte sie sich mit einem widerwärtigen Gesöff betrunken, das sie aus gestohlenen Resten aus Ingrids Schrank zusammengemischt hatte, und war anschließend in einem fremden Bett aufgewacht, mit Brechreiz und einem einzigen Gedanken im Kopf: frei.

Die Fußwege kreuzten sich, doch letzten Endes führten sie alle ins Zentrum, zum Pendelzug, weg. Bis zum Stockholmer Hauptbahnhof fuhr man siebzehn Minuten. Sie hatte sich vorgenommen, nie wieder zurückzukehren.

Obwohl sie fror, blieb sie stehen und versuchte, dieses Gefühl noch einmal einzufangen. Dass alles vor ihr lag, dass alles möglich war. Doch es ging nicht.

Acht Jahre wohnte sie nun schon in London. Hatte als freiberufliche Journalistin gejobbt und sich anfangs mit billigen Reportagen über ausgewanderte Schweden über Wasser gehalten, während sie von einer großen Zukunft träumte. Sie war von Wohnung zu Wohnung gezogen, hatte vieles in Kauf genommen und sich durchgebissen, bis sie eines Tages das große Los zog, einen Vertrag als Stringer für die Nachrichtensendung des schwedischen Radios. Und dann hatte sie Alastair kennengelernt. Ein Psychotherapeut mit einer eigenen Praxis auf der Harley Street, was für ein Zufall, dass sie sich begegnet waren, ein Fest, ein Bekannter eines Bekannten. Inzwischen waren fünf Jahre vergangen, seit er sie zum ersten Mal in seine große Wohnung im Harley House eingeladen hatte, ein Haus mit Turm und Concierge in der Marylebone Road, eine Adresse, bei der die Leute anerkennend die Augenbrauen hochzogen.

Ich muss mich zusammenreißen, dachte sie und klammerte sich an das Balkongeländer. Die Kälte des Metalls drang durch die Haut und ließ die Finger gefrieren.

Man hatte sie kurz nach Weihnachten informiert. Zwanzig feste Freie mussten entlassen werden. Ihr Vertrag mit dem Radio würde nicht verlängert. Diesen Monat würde sie zum letzten Mal bezahlt. Und noch bevor sie sich aufraffen konnte, andere Aufträge zu akquirieren, brach schon die nächste Katastrophe über sie herein.

Katrine ging wieder zurück in die Wohnung. Musste irgendwo anfangen. Mit dem Schlimmsten, immer mit dem Schlimmsten anfangen, hatte ihr das die Mutter nicht beigebracht? Im Schlafzimmer fand sie zusammengeknüllte Laken unter dem Bett. Starr von getrockneten Fäkalien. Sie hielt sich die Nase zu, als sie sie in eine Plastiktüte stecken wollte. Die Tüte war zu klein. Sie durchsuchte Schränke und Schubladen und fand eine schwarze Rolle mit großen Kunststoffsäcken. Dort stopfte sie alles hinein, knotete den Sack zu und warf ihn in den Müllschlucker draußen im Treppenhaus. Oben im Wäschekorb lagen ordentlich zusammengelegte, saubere Handtücher. Darunter mehrere fleckige Nachthemden. Sie riss einen weiteren Sack von der Rolle ab und sah die Mutter vor sich, wie sie verzweifelt die sauberen Handtücher obenauf legte, um ihre Schande zu verbergen. Ahnte den Schrecken, wenn das eigene Selbst kollabierte. Wenn man von einem Zimmer zum nächsten ging und sich nicht mehr erinnern konnte, was man dort wollte.

Katrine wusch sich die Hände, schrubbte sie bis weit über die Ellbogen hinauf. Dann nahm sie die Post in Angriff.

Sie setzte sich an den Küchentisch, öffnete und sortierte die Briefe und spürte, wie allmählich eine gewisse Ruhe einkehrte. Dies waren handfeste Katastrophen, die es zu beseitigen galt. Papiere, Ziffern und Analysen – das konnte sie gut.

Es gab Mahnungen über unbezahlte Rechnungen, die Monate zurücklagen, Inkasso-Drohungen und sieben Forderungen vom Gerichtsvollzieher. Ausgerechnet ihre Mutter, die ihre Rechnungen normalerweise zwei Wochen zu früh bezahlte, um den Gläubigern zu beweisen, dass sie tatsächlich in der Lage war, ihre Schulden selbst zu begleichen. Jetzt hatte sich diese sorgfältige Haushaltsbuchführung in den ersten Kreis von Dantes Inferno verwandelt.

Sie wollte gerade einen Brief von einem Maklerbüro in den Müllsack mit der Reklame werfen, als sie zufällig die Adresse las. Der Umschlag war an die »Eigentümerin Ingrid Hedstrand« adressiert. Katrine riss ihn auf und las die wenigen Zeilen wieder und wieder.

»Da der Kunde großes Interesse daran hat, die Immobilie zu erwerben …«

Immobilie? Welche Immobilie? Ingrid Hedstrand wohnte im Månadsvägen in Jakobsberg, seit diese Häuser im Jahr 1961 erbaut worden waren. Was sie in der Apotheke verdient hatte, wusste Katrine nicht genau, aber das Gehalt hätte wohl nicht einmal für ein Sommerhäuschen gereicht. Katrine hatte Hosen aus dem Versandhauskatalog getragen, als alle andere Markenjeans bekamen, jede kleine Käserinde musste wieder eingepackt und für den nächsten Tag aufbewahrt werden, und angebrannte Brötchen waren immer noch Brötchen.

Sie las den Brief noch einmal.

Die Immobilie, an der der besagte Kunde so interessiert war, lag in Kivikangas in der Kommune Haparanda.

Kivikangas hieß die Stadt, in der ihre Mutter geboren war.

Katrine lehnte sich auf dem harten Holzstuhl zurück und schloss die Augen. Sie konnte den Ort auf der Karte vor sich sehen, weit oben in Norrland, östlich an jenem blauen Band gelegen, das den Grenzfluss zwischen Schweden und Finnland darstellte. Als sie in die Oberstufe kam, hatte sie es aufgegeben, die Mutter zu fragen, ob sie einmal dort hinfahren könnten. An der Wand des Klassenzimmers hing eine Karte, auf der die Schüler mit Stecknadeln die Orte markieren durften, die sie schon einmal besucht hatten, und anschließend berichtete die Lehrerin von den Blumen in dieser Landschaft, von Provinzhauptstädten und Flüssen und Bergen. Katrine hätte gern so weit oben eine Nadel hineingesteckt, aber Ingrid sagte, die Reise sei zu teuer. »Ich verstehe nicht genau, was du da eigentlich willst.« Sie redete immer langsam und übertrieben deutlich, verschluckte in ihren Sätzen keine einzige Silbe oder Endung. »Wir könnten doch die Verwandtschaft besuchen«, versuchte Katrine, denn sie hatte gehört, dass andere Kinder das in den Sommerferien und an Weihnachten auch taten. »Es gibt keine Verwandten, die unseren Besuch erwarten«, erwiderte ihre Mutter, »davon ist niemand mehr übrig.«

Katrine starrte auf die Summe, die der potentielle Käufer für ein Haus zu zahlen bereit war, das nicht existierte.

1,1 Millionen Kronen. Weiter unten war der Betrag in Ziffern angegeben: 1 100 000.

Sie wühlte sich weiter durch den Poststapel. Dies war offenbar nicht der erste Brief. »Da Sie auf unser erstes Angebot nicht reagiert haben …«

Sie fand drei weitere weiße Umschläge des Maklerbüros »Mäklarcentrum i Luleå AB«.

Das ist ein Irrtum, dachte sie. Das kann gar nicht sein.

Ingrid Hedstrand lag in einem Vierbettzimmer auf der geriatrischen Station. Heruntergezogene Jalousien, ausgeschaltetes Licht. Es war erst kurz nach acht, aber hier hatte die Nacht bereits angefangen.

Katrine schlich hinein, zog behutsam den Stuhl vom Fußende heran und setzte sich neben das Bett.

»Mama«, flüsterte sie.

Eine Art Schmetterlingsflattern unter den Augenlidern. Die Hand tastete über das Laken. Katrine nahm sie und spürte, wie die Mutter ihre Hand drückte.

»Ach was, bist du jetzt gekommen?«

»Ich war doch heute Vormittag schon mal hier, Mama, ich hatte Minzschokolade dabei, ich bin so schnell hierhergekommen, wie es ging, erinnerst du dich denn nicht?«

Ingrid versuchte, sich im Bett aufzusetzen, sank jedoch wieder nach hinten. Sie war so mager, die Haut ihrer Hand so durchscheinend und zart wie Pergamentpapier.

Das ist meine Mutter, sagte Katrine zu sich selbst und versuchte, hinter die Falten zu sehen. Der Mensch, der mir am nächsten stehen sollte.

»Entschuldige, dass ich dich geweckt habe, aber es gibt da eine Sache, die ich dich fragen muss.«

Das graue Haar breitete sich über das Kissen, es war nicht mehr lockig. Nur noch glatte Strähnen. Es muss doch hier einen Friseur geben, dachte Katrine, so muss sie wirklich nicht aussehen. Ingrid, die ihr Haar immer mahagonibraun gefärbt hatte; sie hatte so großen Wert auf ihr Äußeres gelegt.

»Wir müssen über das Haus in Kivikangas sprechen, Mama.«

Ingrids Blick irrte durch den Raum. Sie sah ängstlich aus.

»Müssen wir denn jetzt gehen?«

»Warum hast du uns nie erzählt, dass du ein Haus hast?«

Behutsam legte Katrine ihre Hand auf die Wange der Mutter. Sie fühlte sich kalt an. Katrine sah ihr in die Augen – und doch nicht. Es war, als wäre ihr Blick mit einem Film überzogen, als wäre sie noch tiefer in sich selbst versunken.

Anders, Katrines Bruder, hatte ebenfalls noch nie etwas von einem Haus gehört. Katrine hatte ihn angerufen und von den Briefen des Maklers erzählt. Das letzte Gebot waren 1,3 Millionen Kronen. Der Makler hatte Ingrid Hedstrands Schweigen als Verhandlungsbasis interpretiert und die Summe mit jedem Brief erhöht. Der eigentliche Wert lag bei 36 000 Kronen, darüber gab die letzte Steuererklärung der Mutter Auskunft. Katrine hatte alle Schubladen durchsucht, bis sie die Eintragung ins Grundbuch, das Bestandsverzeichnis, die Steuererklärungen, ja alles, gefunden hatte. Dort stand schwarz auf weiß, dass Ingrid Hedstrand im Jahr 1974 eine Immobilie von der verstorbenen Frau Siri Kankanranta geerbt hatte. Das Haus war 78 Quadratmeter groß, das Grundstück 2432 Quadratmeter. Ingrid wurde als alleinige Erbin erwähnt.

Katrine versuchte, den Blick der Mutter zu durchdringen, und fühlte sich betrogen.

»Jemand möchte dein Haus kaufen, Mama. Verstehst du, was ich sage? Sie wollen unglaubliche Summen dafür zahlen. Was soll ich ihnen denn antworten?«

Aus einem der anderen Betten ertönte ein Jammern. Nicht dass die ganzen anderen alten Tanten noch aufwachten! Katrine war nur unter der Bedingung hereingelassen worden, niemanden zu stören.

»Nein, jetzt müssen wir aber gehen!«, sagte ihre Mutter klar und deutlich. Mühsam richtete sie ihren zerbrechlichen Körper auf. Katrine nahm den Becher mit dem Saft, der auf dem Nachttisch stand.

»Möchtest du etwas trinken?«

Die Mutter stieß ihre Hand weg, sodass der rote Saft über das Laken schwappte.

»Bitte, Mama, du kannst jetzt nicht gehen. Du bist im Krankenhaus.«

Die Mutter zerrte Katrine am Arm. »Onko se täällä?« Katrine machte sich los und starrte die dürre Frau an, die halb aufgerichtet im Bett saß. Diese fremden Worte aus ihrem Mund. Ein eiskalter Hauch durchfuhr Katrine. Die Alte fuchtelte mit den Armen, ihre Hand bohrte sich erneut in den Oberarm der Tochter, als hätte sie scharfe Krallen.

»Mama, bitte, beruhige dich doch.«

»Onko se täällä nyt? Onko se tullu?«

Es klang wie Finnisch. Ganz eindeutig, es war Finnisch. Ingrid Hedstrand hatte noch nie Finnisch gesprochen. Sie ist verrückt, dachte Katrine, meine Mutter ist verrückt geworden, und ich verkrafte das nicht.

»Was sagst du da? Sprich Schwedisch, sprich bitte so, dass ich dich verstehe.« Sie versuchte, ihren Blick festzuhalten, aber die Augen der Mutter flackerten hin und her, ohne etwas wahrzunehmen.

»Se lupasi tulla mutti, ei se tullu.«

Jetzt schrie sie laut und warf sich auf dem Bett hin und her, sodass Katrine sie festhalten musste.

»Ich bin es, Mama, Katrine«, sagte sie und kämpfte mit den Tränen. »Erkennst du mich nicht?«

In den anderen Betten kam immer mehr Unruhe auf.

Katrine drückte den roten Knopf.

Als das Personal den Fall übernommen und der Mutter ein Schlafmittel gegeben hatte, als sie wieder ruhig im Bett lag, das Haar auf dem Kissen ausgebreitet und die Hände unter der Decke gefaltet, als ihr Atem so ruhig und leise ging, dass man ihn kaum noch hörte, da erkundigte Katrine sich, verschwitzt und mit klopfendem Herzen, ob möglicherweise irgendjemand verstehen konnte, was ihr die Mutter mitzuteilen versucht hatte.

Die Krankenschwester kam aus Eritrea und die Pflegehelferin von den Philippinen, aber die Oberschwester war in Helsinki geboren.

»›Ist er jetzt hier‹«, übersetzte sie, »›ist er gekommen? Er wollte doch kommen, aber er kam nicht.‹«

Und jetzt seien es minus zweiundzwanzig Grad!

Die alte Frau schien sich ihrer Sache sicher zu sein. Svanberg heize im Winter immer ein, sagte sie, ab November jeden Abend, bis das Eis wieder geschmolzen sei. Vom Küchenfenster in Haaras Haus habe man freie Sicht auf die Sauna unten am Fluss, besonders jetzt, wo das kahle Gestrüpp nichts mehr verdecke. Deshalb wisse sie genau, dass die Sauna in Rauhala schon seit zwei Abenden nicht mehr beheizt worden sei.

Und aus diesem Grund hatte Anna Haara Thore Palo angerufen, obwohl es schon spät war.

»Es wäre ja unnötig, die Polizei den ganzen Weg von Haparanda hierherkommen zu lassen«, sagte sie am Telefon, »wenn am Ende doch nichts ist.«

»Stimmt«, pflichtete er ihr bei, denn sie hatte ja recht. In Haparanda hatten sie ohnehin alle Hände voll zu tun mit Umstrukturierungen und weiß der Teufel was.

Thore Palo setzte seine Lesebrille auf. Dachte, dass sie sich wahrscheinlich unnötig Sorgen machte, die alte Dame, einundachtzig wurde sie bald und brachte wohl schlichtweg die Zahlen durcheinander. Er warf einen Blick auf das digitale Thermometer, das ihm sein Enkel zu Weihnachten geschenkt hatte und das zugleich die Außen- und Innentemperatur anzeigte. Die Alte hatte recht. Es waren minus zweiundzwanzig Grad.

»Und wo wir die Polizei doch sowieso im Dorf haben …«, fuhr Anna Haara fort.

»Viel ist davon ja nicht mehr übrig«, erwiderte Thore und war dennoch geschmeichelt, dass sie so dachte. Elf Jahre nach seinem Rentenantritt wurde er nach wie vor als »Polizei« bezeichnet, und es passierte noch immer, dass die Leute aus dem Dorf ihn anriefen und um Rat baten oder sogar Anzeige erstatten wollten. Erst diesen Sommer hatte er ausrücken müssen und bei einer Schlägerei zwischen zwei alten Brüdern geschlichtet.

»Ich könnte ja auch selbst gehen«, sagte Anna Haara, »aber das traue ich mich nicht mehr.«

»Natürlich kann ich kommen.«

Thore zog sich warm an und nahm den Wagen mit Allradantrieb nach Rauhala. Dann konnte er bei dem alten Kerl auch gleich Schnee räumen, dachte er. Vorausgesetzt, es war nichts passiert.

Er ließ das Fahrzeug am Wegrand stehen und spürte die beißende Kälte an den Wangen. Es war gar nicht so dumm, mal rauszukommen. Einen Grund zu haben.

Der alte Hof lag verlassen da. Er sah, dass sich nun auch das Wohnhaus zu setzen begann. Das kleinere Haus, das früher als Sommerküche gedient hatte, sank schon seit Längerem ein, und das Dach des Schuppens war bereits eingestürzt. Ein so schöner alter Hof, es war eine Schande. Er erinnerte sich daran, wie es hier früher gewesen war, überall Kinder, und jetzt wurden so viele Höfe dem Verfall preisgegeben. Entweder stürzten sie ein, oder sie wurden als Sommerhäuser von Stockholmern erworben, die das Flussufer zuwuchern ließen. Aber Rauhala hatte niemand kaufen können, nicht solange Lars-Erkki Svanberg noch auf dem Hof lebte.

Er stapfte durch den Schnee zum Speicher. Nirgends waren Spuren zu sehen, offenbar hatte Svanberg das Haus schon seit Tagen nicht mehr verlassen, was allerdings auch nicht ungewöhnlich war. Der Alte hatte sich isoliert, er war ein Eigenbrötler, ein bisschen anders, ein Mensch, wie es ihn in jedem Ort gab. Im letzten Frühjahr hatte er Anna Haara mit der Flinte gedroht, als sie gekommen war, um ihm etwas von der Butterbrottorte anzubieten, die von ihrem achtzigsten Geburtstag übrig geblieben war. Kein Wunder, dass sie sich nicht mehr dorthin wagte.

Thore klopfte an die Holztür, wartete und klopfte noch einmal. Dann drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür. Ging hinein, wie in Tornedalen üblich, wenn die Tür nicht verschlossen war. Er rief in die tiefschwarze Finsternis hinein.

»Svanberg? Hier ist Thore Palo. Svanberg, sind Sie da?«

Drinnen herrschten Minusgrade, die Kälte war durch die Holzwände gedrungen. Es dauerte eine Weile, bis sich seine schlechten Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, aber der Schnee gab ein schwaches Licht ab, und als er das Bündel auf dem Fußboden sah, wusste er sofort, wer dort lag.

Es waren derselbe Mantel und dieselben Wasserstiefel, die Lars-Erkki Svanberg immer trug, wenn er ein seltenes Mal in den Ort kam.

An seinem Gesicht hätte Thore Palo ihn nicht erkannt. Denn es gab keines mehr. Sein Kopf war in zwei Hälften gespalten worden, genau zwischen den Augen hindurch. Thore konnte nicht mehr ausmachen, was Mund und Kinn gewesen waren, denn alles oberhalb des Schals war blutgetränkt, das geronnen und schwarz geworden war, und die rote Lache auf dem Boden und das Haar, das in groben Strähnen darüberlag, waren mit Frost überzogen.

Thor klammerte sich an den Türpfosten und wich zurück, stolperte auf der Treppe und stürzte und musste sich mit den Händen im eiskalten Schnee abfangen. Er zitterte am ganzen Körper, als er versuchte, die entsetzlich kleinen Knöpfe des Handys zu drücken, das ihm sein Sohn geschenkt hatte.

Achtundvierzig Minuten später war das Auto aus Haparanda da. Da saß Thore schon steif gefroren auf der Treppe des Speichers. Konnte nicht wieder hineingehen, weigerte sich aber auch, den Ort zu verlassen. Die Tränen hatten auf seinen Wangen Eisränder hinterlassen.

»Herra jumala«, schluchzte er, als ihn der junge Polizist zum Wagen geleitete, »ich habe ihn gesehen, wie er über die fünfzehn Kilometer in Boden als Erster ins Ziel kam. Ich habe gesehen, wie er ins Ziel kam.«

»Hast du überhaupt eine Ahnung, was die Häuser da oben normalerweise kosten?«

Anders Hedstrand schwitzte im Nacken. Inzwischen war er in der Mitte seines Lebens angekommen und übergewichtig, und Katrine spürte eine gewisse Zukunftsangst, auch wenn sie fünf Jahre jünger war.

»Wir sind doch bescheuert, wenn wir nicht verkaufen«, sagte er und ließ sich schwer auf das Ecksofa fallen. Sein Blick schweifte durch das Zimmer, ohne ihren enormen Putzeinsatz zu bemerken, und blieb schließlich an der alten Uhr in dunklem Holz hängen, deren Pendel sich nicht länger bewegte. Die Zeiger waren um zwanzig vor zwölf stehen geblieben. Eine Erinnerung an die Momente, wenn sie sie aufziehen durfte, streifte Katrine. Dann hatte die Mutter Katrines Hand genommen und geführt und mit ihr gemeinsam den kleinen Schlüssel umgedreht. Es war einer der wenigen Gegenstände, die Ingrid aus ihrem Elternhaus mitgenommen hatte. Das Ticken, der dumpfe Klang, wenn die Uhr schlug, Stunde um Stunde, Jahr für Jahr. Ein Geräusch, zu dem sie das Krabbeln und schließlich das Gehen gelernt hatten, Anders und sie.

»Wir können nicht verkaufen«, entgegnete sie. »Es ist nicht unser Haus.«

Ihr Bruder seufzte laut.

»Nein, es ist nicht unser Haus, aber wir sind diejenigen, die eine Entscheidung treffen müssen. Die Verantwortung liegt jetzt bei uns.« Er lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

Was gibt ausgerechnet dir das Recht, von Verantwortung zu reden, dachte Katrine, sagte jedoch nichts. Hatte keine Lust auf weitere nervenaufreibende Vorwürfe und Streitereien. Warum hast du Mama nicht öfter besucht? Dasselbe könnte ich dich auch fragen.

Am häufigsten war Gunilla hier gewesen, Anders’ Frau. Sie war ihrer Schwiegermutter zur Hand gegangen, beim Einkaufen, beim Putzen, bei allem. Anders hatte nicht einsehen wollen, wie sich der Zustand seiner Mutter verschlechterte, und häusliche Pflege hatte sie abgelehnt. Sie käme allein zurecht, so wie sie es schon immer getan hätte, behauptete sie. »Was sollte ich denn tun, sie dazu zwingen?« Und Katrine hatte die Telefonate immer weiter verkürzt, Berichte abgegeben wie in den Nachrichten, ihr Leben in einer Minute dreißig.

Sie schielte zu ihrem Bruder hinüber.

Anders wich ihrem Blick aus und kratzte sich im Nacken, er schien nicht nur das Sofa zu sprengen, sondern den ganzen Raum. Konnte er nicht einfach gehen? Aus ihrem Leben verschwinden? Er verkörperte alles, was sie hinter sich gelassen hatte, das Gefühl, dass das Leben Teil einer Bilanz sei. Im Alter von zwanzig hatte er eine feste Stelle im Bereich der Platinenmontage bei Philips Elektronik bekommen. Seither war die Fabrik unzählige Male verkauft und aufgekauft worden, derzeit hieß sie Saab Teletronics, aber Anders war noch immer dabei. Zuletzt war er zum Projektleiter für die Einführung der elektronischen Abwicklung der Kontokorrentbuchhaltung aufgestiegen, Halleluja! Er hatte es dreimal wiederholen müssen, ehe sie begriffen hatte, dass sie gratulieren sollte. Ihre Mutter war immer stolz darauf gewesen, was der Sohn erreicht hatte. Zwei Kinder und Villa Gunilla. (Ja, das war kein Scherz. Er hatte das Eigenheim tatsächlich nach seiner Frau benannt.) Was ihr Vater von alledem hielt, hatten sie nie erfahren. Eines Tages, als Katrine vier Jahre alt war, hatte er sich auf den Weg zu einem Tiefbauprojekt in Sandviken gemacht und war nie wieder zurückgekommen. Drei Jahre später erhielten sie die Nachricht, dass er bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen war. Seine neue Frau hatte sich Blumen zur Beerdigung verbeten. Katrine hatte keine Erinnerung an ihn.

»Eins Komma drei Mille für ein baufälliges Haus«, sagte Anders, »eine solche Chance bekommen wir nie wieder. Du hast vielleicht Geld, aber wir haben Kredite, Tilgungsraten.«

Katrine sah aus dem Fenster. Würde Saab Teletronics zugrunde gehen wie auch der Rest von Saab, oder war das eine ganz andere Abteilung? Ein Kind in einem roten Overall erklomm einen dreckigen Schneeberg, setzte sich auf den Hintern und rutschte hinunter. Sie konnte fast spüren, wie hart der Schnee war und der Kies, wenn man unten auf dem Boden ankam.

»Das Haus muss Mama wahnsinnig viel bedeuten«, sagte sie, »wenn sie es all die Jahre behalten hat.«

Sie sah, wie es in seinen Mundwinkeln zuckte, wie sich seine Kiefermuskulatur anspannte, wenn er die Zähne zusammenbiss. Sie wurde von einem Anflug von Zärtlichkeit erfasst. Ihr Bruderherz. Bald wären nur noch sie beide übrig.

»Wie auch immer – die ganze Sache bleibt wohl sowieso an mir hängen«, fuhr er fort, »denn du musst doch bestimmt wieder zurück nach London?«

»Ja, natürlich.«

»Und am Ende werden wir es sowieso erben.«

»Sie ist noch nicht tot.«

»Verdammt noch mal, ich weiß, dass sie noch nicht tot ist!«

Anders schlug mit der Hand auf den Tisch und stand auf. »Hör auf, mir jedes Wort im Mund umzudrehen und so verdammt smart zu sein.« Er verschwand auf die Toilette und knallte die Tür hinter sich zu.

Katrine sank auf das Sofa. Obwohl es das halbe Wohnzimmer ausfüllte, war es ihr zu eng erschienen, um es mit ihrem Bruder zu teilen.

Sie streckte sich nach den Papieren auf dem Tisch, den steigenden Geboten des Maklerbüros in Luleå aus. Anders hustete und betätigte die Toilettenspülung, während es im Hörer tutete. Der Makler hieß Jerker Nyberg, seine Stimme war hell wie ein Knabensopran.

»Was für ein netter Zufall, ich habe gerade darüber nachgedacht, wie ich mit Ihnen in Kontakt kommen könnte.«

»Ingrid Hedstrand ist leider krank, deshalb vertrete ich ihre Interessen.« Katrine machte von dem Ton Gebrauch, den sie auch benutzte, wenn sie Interviews mit Politikern vereinbarte. Sie hatte immer Angst, man könnte sie sofort durchschauen, sogar am Telefon.

»Ja, das heißt, mein Bruder und ich«, fügte sie hinzu, als Anders ins Zimmer zurückkehrte. Sie deutete auf den Brief vom Maklerbüro, und seine Miene erhellte sich. »Wir wollten uns nur erkundigen, ob Ihr Angebot noch immer steht.«

»Natürlich«, antwortete der Makler eifrig, »aber natürlich!«

»Allerdings wissen wir noch nicht, ob wir wirklich verkaufen wollen. Wir haben noch einige Fragen …«

»Ich habe das Mandat, über den Preis zu verhandeln«, fiel ihr der Makler ins Wort, »falls Sie mit dem letzten Gebot nicht zufrieden sein sollten.«

»Wer ist denn der Interessent?«, fragte Katrine. »Warum ist er ausgerechnet an diesem Haus so sehr interessiert?«

Im Hörer wurde es still. Der Makler räusperte sich. Anders runzelte die Stirn und flüsterte: »Sag doch, dass wir interessiert sind!«

»Der Käufer möchte anonym bleiben«, antwortete Jerker Nyberg. »Alles läuft über mich. Ich habe die Vollmacht, alle Geschäfte zu tätigen.«

»Ich muss die Angelegenheit noch mit meinem Bruder abstimmen.«

»Anderthalb Millionen«, sagte der Makler.

»Wir melden uns wieder.«

Sie drückte auf die Gabel und ließ den Hörer sinken.

»Was hat er gesagt?«

Katrine sah ihn eine Minute lang schweigend an, ehe sie es über sich brachte, ihm die Summe zu nennen.

»Herrgott nochmal.« Anders fasste sich an die Stirn und ließ sich wieder aufs Sofa fallen. »Wir müssten das Haus renovieren …« Er hielt inne und änderte seinen Ton, jetzt klang er so verzweifelt, dass es ihr unter die Haut ging. »Und Mama hat doch sowieso nichts mehr davon.«

»Aber wir können doch kein Haus verkaufen, das wir nicht einmal gesehen haben. Du weißt nicht mal, welche Farbe es hat. Und was für eine Aussicht.«

»Wie – meinst du, wir sollten dorthin fahren und uns die Aussicht ansehen? Ich kann doch hier nicht einfach alles stehen und liegen lassen!«

»Ich kann aber doch fahren«, erwiderte sie.

»Nach Kivikangas?« Er blickte sie verwundert an. »Aber du hast doch keinerlei Ahnung von Häusern.«

»Woher willst du wissen, was ich über Häuser weiß?«

»Aber hast du nicht schrecklich viel zu tun da in London?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Derzeit ist es ziemlich ruhig«, antwortete sie. »Ich werde das im Laufe von ein paar Tagen klären. Wenn du dich in der Zwischenzeit um Mama kümmerst.«

Die Einsamkeit war ein fremdes Wesen. Den eigenen Atem zu hören.

Alexej Schaporin hatte seine eigenen Leibwächter überlistet und sich durch die Hinterhöfe hinausgeschlichen. Sie glaubten, er würde krank in der großen Wohnung am Ufer der Newa liegen, während er sich in Wirklichkeit in einem Erker auf der Ulitsa Rubinsteina mit Aussicht über die Stadt versteckte. Zwischen ihm und seinen Beschützern flossen nun zwei der Flüsse Sankt Petersburgs. Nie wieder würde er sein Leben in die Obhut solcher Kosli legen – solcher wertloser Ziegen.

Er erkannte das schwarze Auto, das sich aus dem Strom löste und vor dem Hauseingang hielt, und die Leibwächter, die ausstiegen. Es waren Männer, die ihre Tätowierungen nicht verbargen, schon ein flüchtiger Blick darauf brachte die Passanten dazu, hastig weiterzueilen, während die Abgase des Nachmittagsverkehrs zum Himmel stiegen und sich mit den Wolken über Sankt Petersburg mischten.

Dann kam der glänzende Schädel von Dima zum Vorschein, als er den Rücksitz verließ, sein Freund, sein Kompagnon, der große Geschäftsmann Dmitrij Olegowitsch Rykow, dessen Gang mit der zunehmenden Fettleibigkeit in den letzten Jahren immer plumper geworden war. Seine Leibwächter sahen ihm nach, als er auf das Haustor zuging, und spähten ein letztes Mal auf die Straße, ehe sie sich wieder ins Auto setzten. Die kleine Kühlerfigur des Rolls-Royce, die Spirit of Ecstasy in 24-karätigem Gold, wurde eingefahren – das Zeichen, dass der Schlüssel aus dem Zündschloss gezogen worden war. Die Männer würden im Auto sitzen bleiben, während Dima allein ins Haus ging, genau wie schon letzten Donnerstag, als er seine Geliebte auf der Ulitsa Rubinsteina ebenfalls besucht hatte, ohne zu wissen, dass er beobachtet wurde.

Alexej ging schnell und lautlos durch die leere Wohnung und trat ins Treppenhaus. Wurde eins mit den Schatten drei Stufen aufwärts zum nächsten Stockwerk, wo er für den, der von unten hinaufkam, nicht zu sehen war.

Ein Freund ist bald ein Feind, der zu viel über dich weiß.

Der alte Trottel hatte unbedingt prahlen müssen. Seine Geliebte war Tänzerin am Mariinskij-Theater gewesen, aber jetzt tanzte sie nur noch für Dmitrij Olegowitsch! Und wie sie tanzte! Alexej konnte die Erregung seines Freundes wie einen zweiten Puls in seinen eigenen Adern spüren.

Wie ärgerlich war es da, dass der Lift auf einmal wegen einer gekappten Stromleitung stecken blieb!

Er hörte Dima zwei Stockwerke weiter unten fluchen und gegen die Knöpfe des Aufzugs hämmern. Ein solcher Vorfall erregte Irritation und Wut, aber nur selten Misstrauen. Dies war das alte Petersburg, mit seinen dunklen Gassen und Nischen aus vorrevolutionärer Zeit. Türen, die zu unterschiedlichen Seiten aufgingen, Labyrinthe, in denen ein Mensch einfach verschwinden konnte. Ein Fahrstuhl, der noch zu Sowjetzeiten eingebaut worden war, ein Elektriker, der unterwegs war, aber niemals eintraf.

Alexej griff mit der Hand in die Innentasche seiner Jacke, ein billiges Modell, das er in einem Kaufhaus erworben hatte, weil es so unauffällig war. Für einen kurzen Augenblick stellte er sich die Geliebte vor. Wie sie drei Stockwerke weiter oben lag, zart und nackt, und sich danach verzehrte, von allen Richtungen gevögelt zu werden, bis sie vor Schmerz schrie, nach mehr schrie. Ein Feuer breitete sich von seinem Unterleib ausgehend aus und schärfte all seine Sinne. Er schloss die Finger um den Kolben. Hörte die Schritte seines Freundes zwischen dem ersten und dem zweiten Stock, das Schnaufen und Murmeln, als Dima über die Handwerker fluchte, die noch immer im Kommunismus lebten und nie ihre Arbeit erledigten.

Der Schuss traf ihn mitten in der Verwunderung. Jenem Moment, in dem die Augen hervorquellen und man weiß, dass man verloren hat. Der sich öffnende Mund, Worte, die seine letzten sein würden.

Was machst du hier, Alexej … Bruder?

Ein Röcheln, und dann war es vorbei.

Alexej fing ihn mit den Armen auf. Er zog dem Toten einen Plastiksack über den Kopf, um die Blutspuren zu minimieren, und schleifte den schweren Körper in die Wohnung, die er nur zu diesem Zweck gekauft hatte. Eine Etage darüber wurde eine Tür geöffnet und hastig wieder geschlossen. Falls die Nachbarn einen schallgedämpften Schuss gehört hatten, hatten sie beschlossen, es im selben Moment wieder zu vergessen. Die Einwohner von Sankt Petersburg hatten ihre Lektion gelernt: Augen zu, schweigen und überleben.

Er wusch sich das Blut ab und zog sich um. Stopfte die besudelte Kleidung in einen Plastiksack. Dann machte er das orthodoxe Kreuzzeichen über Dmitrij Olegowitschs Leiche und verließ die Wohnung für immer. Man würde sie nie mit Alexej Schaporin in Verbindung bringen. Im Mietvertrag stand ein arbeitsloser Schauspieler, der drei Wochen zuvor unglücklich gestolpert und in die Newa gefallen war. Vielleicht würde seine Leiche an Land gespült, vielleicht nicht. In jedem Fall würde der Vorfall bald in Vergessenheit geraten. Nur ein kurzer Moment des Unbehagens für all jene, die sich am Tag seines Auftauchens am Ufer aufhielten.

Er verließ das Haus auf der Ulitsa Rubinsteina durch den Hintereingang, durch den er vom Keller aus in einen der dunklen Höfe gelangte, wo es nach Müll stank. Anschließend zwängte er sich durch einen schmalen Durchlass in den nächsten Hof und in den nächsten, bis er auf der anderen Seite des Häuserblocks wieder hinausgelangte, wo auf dem Wladimirskij Prospekt der Verkehr vorbeidonnerte. All dieser Lärm. Seine Migräne verschlimmerte sich durch die Schlaflosigkeit, aber auch durch laute Geräusche, grelles Licht und beißende Gerüche. In den letzten Jahren vermisste er immer die Stille, mit der er aufgewachsen war. Menschen, die schwiegen, Nächte, in denen die Stadt stillstand.

Er ließ sich von der Menschenmenge mitreißen, die sich in Richtung der Paradestraße Newskij Prospekt bewegte. Kein Auto, das auf ihn wartete, kein Mensch, der ahnte, wer er war. Niemand würde auf die Idee kommen, dass ein Mann wie er auf diese Weise flüchtete. In einer schwarzen Lederjacke, wie man sie oft an Männern aus der Vorstadt sah, die Strickmütze tief über die Ohren gezogen und die Hände in den Taschen, ein leicht gebeugter Gang, wie ein Arbeiter auf dem Heimweg nach der Schicht.

Die Leibwächter saßen sicher immer noch im Auto. Er wusste, dass ihr Anführer das Bild des neugeborenen Jesuskindes auf der Haut trug. Es war die Tätowierung derjenigen, die im Gefängnis geboren worden waren, und dennoch hatte er es nur zu einem Schestjorka gebracht, einem Laufburschen der Diebe. Er würde seinen Chef noch viele Stunden ungestört lassen. Und seine Geliebte? Wie lange würde es dauern, bis eine solche Frau Alarm schlug, weil ihr Liebhaber nicht gekommen war? Würde sie es jemals tun? Oder warten und warten, bis die Kreditkarte irgendwann gesperrt wurde?

Schnell bog er in einen weiteren Hinterhof ein. In einem Container, der einen solchen Gestank verströmte, dass nicht einmal der hungrigste Obdachlose darin wühlen würde, entsorgte er den Sack mit der Kleidung, an der Dmitrij Rykows Blut klebte.

Der Newskij Prospekt badete in seinem unwirklichen Licht. Er ging an einer Bettlerin vorbei und folgte dem Touristenstrom, und ihm wurde bewusst, dass er wahrscheinlich zum letzten Mal auf dieser Straße ging, Sankt Petersburgs Traum von Größe, die verräterische Hoffnung dieser Stadt. Dieser Newskij-Prospekt lügt rund um die Uhr, aber am dreistesten dann, wenn sich die Nacht wie ein dicker Flor über alles breitet und das Weiß und Hellgelb der Häuserwände heraustreten lässt, wenn die ganze Stadt sich in Lärm und Geflimmer auflöst … Schaufenster, die glitzerten und Parfümdünste verströmten, Schuhe mit hohen Absätzen, überall diese Schuhe, von denen die russischen Frauen nie genug bekamen, Läden, die nie schlossen, Menschen, die niemals schliefen. Er ging durch die Glastüren zur Majakowski-Station, bezahlte 25 Rubel und bekam seinen Jeton, der kurz darauf von der Maschine an der Schranke verschluckt wurde.

Ohne Spuren zu hinterlassen.

Er glitt mit der Rolltreppe hinab in Sankt Petersburgs verschlungenes Tunnelsystem, wo ein Mann untertauchen konnte, um nie wieder zurückzukehren. Der Krach, das Rattern, wenn die Bahn einfuhr. Der Windzug der Ventilatoren, das matte Licht, das den Gesichtern im Waggon einen blassgelben Ton verlieh und sie ewig müde aussehen ließ. Er stieg dreimal in eine andere Linie um, ehe er am Ende wieder an die Erdoberfläche kam. Sollte sich irgendein anderer Fahrgast wider Erwarten an einen Mann erinnern, der keinen Eindruck hinterließ, dann würde trotzdem niemand mit Sicherheit sagen können, wo er herkam und in welche Richtung er reiste.

Auf der Straße vor der Witebsk-Station standen Babuschkas und verkauften Strümpfe und Regenschirme, immer diese Strümpfe und Schirme, der ewige Traum, warm und trocken zu bleiben in einer Stadt, wo die strenge Feuchtigkeit aus dem Boden aufstieg und vom Himmel herunterkam.

Die Fahrkarte kostete 71 Rubel. Der Lokalzug rumpelte durch das Grau der südlichen Randbezirke, das Land der verfallenen Fabriken und Containerdepots. Es gab dort Firmen, bei deren Übernahme er mitgewirkt hatte, mit Waffengewalt oder Drohungen oder organisierten Aktienkäufen, um anschließend das Kapital abzuschöpfen und sie sich selbst zu überlassen; all die Geschäfte, die hinter ihm lagen, es war so schwindelerregend schnell gegangen. Er konnte die Anziehungskraft des Untergrunds spüren, die gottverlassenen Sümpfe, auf denen Petersburg thronte, spürten, wie er wieder in den Dreck hineingesogen wurde. Die Finanzmärkte entwickelten sich negativ, die Banken waren von Investigationen bedroht, nichts war beständig.

Fünfunddreißig Minuten später stieg er in Puschkin aus. Atmete die klare Luft ein und lief mit großen Schritten voran, eine Strophe des alten Diebesgesetzes im Kopf, eine der vielen strengen Regeln der wory w sakone. Nicht dass er sich jemals nach den Geboten der sowjetischen Gefängnisse hätte richten müssen, von alledem hatte er sich freigekauft, und ohnehin lebten nicht einmal die neuen wory nach ihren eigenen Gesetzen. Aber die Strophen existierten weiter, wie eine Hintergrundmelodie.

Dein eigenes Gefängnis sollst du nicht bauen.

Er erreichte den Chruschtschow-Slum, die Seele von Puschkin, weit hinter dem Palast und den Parks gelegen. Es war ein Ort, an dem niemand nach einem Mann wie Alexej Schaporin suchen würde, ein alltäglicher, trostloser Ort. Staubgraue, fünfstöckige Ziegelhäuser mit Balkons, wie sie früher überall in Russland gebaut worden waren, die nun dem gnadenlosen Verfall preisgegeben waren. Alexej schloss auf und betrat die kleine Einzimmerwohnung mit Küche, in der noch immer die geblümte Wachsdecke einer alten Frau auf dem Tisch lag. Es gab keine Garderobe, sodass er seine Jacke über einen Stuhl warf.

Die Wohnung gehörte zu einem weniger erfolgreichen Projekt von Dima und ihm, der Agentur für häusliche Altenpflege. Die Alten hatten der Agentur als Teil der Bezahlung ihre Wohnungen überschrieben, was wie eine glänzende Geschäftsidee ausgesehen hatte, als die Immobilienpreise noch jedes Jahr um Millionen Rubel stiegen. Aber Alexej und Dima hatten die Zähigkeit jener Menschen unterschätzt, die Stalins Terror und die Leningrader Blockade überlebt hatten. Sie weigerten sich ganz einfach zu sterben. Die Wohnung im Chruschtschow-Slum war das Einzige, was übrig blieb, als die Agentur denselben Weg nahm wie Tausende anderer Unternehmen in Russlands New Economy und sich in Luft und unbezahlte Löhne auflöste.

Es gab in der Wohnung noch ein Radio, das seit der Chruschtschow-Ära an der Wand festgeschraubt war, für den Empfang eines einzigen Senders konstruiert. Er drehte es auf und ging ins Bad. Drückte die graue Farbe aus der Tube, während die Räume mit Musik erfüllt wurden.

Nicht einmal dieses erbärmliche Gerät vermochte die Schönheit von Prokofjews drittem Klavierkonzert zu schmälern.

Das frisch gefärbte Haar musste trocknen, in der Zwischenzeit wärmte er eine Tiefkühlpizza im Ofen auf. Anschließend kehrte er mit einer Schere und einem Rasierapparat zum Badezimmerspiegel zurück.

Eine halbe Stunde später sah er etwas älter aus und hatte eine schlecht geschnittene Frisur. Kein schöner Mann, doch auch nicht übel anzusehen, weder zu dick noch zu dünn; dass er alt gewesen wäre, hätte man nicht sagen können, allzu jung allerdings war er auch nicht.

Sein Mantel, weder teuer noch billig.

Die Reisetasche war schwarz und so gewöhnlich, dass sich im Zug wohl unzählige Männer nach ihr auf der Gepäckablage strecken würden, im Glauben, es wäre ihre.

Schließlich legte er die Pässe hinein, alle drei, in unterschiedlichen Fächern versteckt. Der einzige, den er in kleine Stücke schnitt und in die russische Kanalisation spülte, war der Ausweis von Alexej Schaporin.

Sie brauste ostwärts auf der E4 durch eine nackte, vollkommen farblose Winterlandschaft. Wogende weiße Felder mit schwarzen Baumstämmen vor einem verblichenen Himmel.

Östlich von Kalix sagte das Navigationsgerät, sie sollte von der E4 abbiegen und in Richtung Björkfors fahren. Die Straßen wurden schmaler, die Zahl der Höfe nahm zu. Schilder glitten vorbei und wiesen den Weg zu mystischen Orten wie Vitvattnet und Lappträsk, Kattilasaari und Kukkola.

Ein entgegenkommender Lastwagen wirbelte eine Schneewolke auf, die ihr gesamtes Blickfeld ausfüllte. Katrine bremste ab, bis sich der Nebel gelegt hatte und die Landschaft wieder zum Vorschein kam, gefroren und leer.

Es gibt Menschen, die sich dafür entscheiden, hier zu wohnen, dachte sie.

Sie folgte den Anweisungen der Satelliten nach Kärrbäck und Tossa, fuhr die letzten fünf Kilometer auf einer unnatürlich langen, geraden Strecke, die an der Straße 99 endete, jenem Weg, der dem Grenzfluss zwischen Schweden und Finnland folgt.

Dies war Tornedalen.

Die Landschaft wurde eben und platt, schien jedoch gleichzeitig zum Himmel hin anzusteigen. Wiesen und Birken, wie schön es hier im Sommer sein muss, dachte sie und bog nach links ab, um das letzte Stück nach Kivikangas zu fahren.

Laut Wikipedia gab es auch auf der finnischen Seite des Flusses ein Kivikangas. Die Orte lagen wie Spiegelbilder in ihrem jeweiligen Land, getrennt durch die Grenze, die im Zusammenhang mit dem Schwedisch-Russischen Frieden von 1809 gezogen worden war. Bis zur Selbstständigkeit Finnlands begann auf der anderen Seite des Flusses das Russische Zarenreich, ein dunkler Saum aus Wald am Horizont.

Katrine hielt vor einem geschlossenen Laden mit einer Zapfsäule und sah sich vergeblich nach einem Menschen um, der ihr helfen konnte. Das Navigationsgerät hatte ihr jede Auskunft über die vergessene alte Hütte ihrer Mutter verweigert. Sie stieg aus dem Auto. Die Kälte war beißend, ihre Nase wurde zu einem Eiszapfen. Sie klopfte am nächsten Haus, in dessen Fenstern Licht brannte, eine Klingel gab es nicht. Ein Hund bellte. Irgendjemand rief von drinnen.

»Ja?«

Katrine wartete noch einen Moment, hörte jedoch keine Schritte, also drückte sie probehalber die Klinke herunter, und die Tür ging auf.

»Entschuldigen Sie die Störung, ich wollte nur nach dem Weg fragen«, rief sie.

Ein grauer Hund tapste auf sie zu, schnupperte prüfend an ihren Beinen. Er war halb blind, hatte ein braunes Auge und ein hellblaues, blindes.

»Wer ist da?«

Am Küchentisch saß ein Mann mit einer Zeitung, er war etwa Mitte siebzig, trug das Hemd über der Hose und hatte buschige Augenbrauen, die in alle Richtungen abstanden.

»Geht es um Svanberg?«, fragte er und spähte über seine Lesebrille.

»Nein, nein«, antwortete Katrine, »ich kenne mich hier nur nicht aus. Ich wollte mir ein Haus ansehen.«

»Aha. Wer will denn jetzt schon wieder verkaufen?«

»Ich habe nicht vor, etwas zu kaufen«, sagte sie und nahm ihre Mütze ab, damit er sie besser sehen konnte. Es war die alte Pelzmütze ihrer Mutter, die sie sich in letzter Sekunde geschnappt hatte, als ihr klar wurde, dass ihr Koffer nur Kleidung für einen feuchten Stockholmer Winter enthielt.

»Ich suche das Haus meiner Mutter. Ich glaube, dass es nahe eines Ortes namens Matalaniemi hier in Kivikangas liegt. Ich habe hier eine Beschreibung …«

Die Augen des alten Mannes leuchteten auf.

»Na so was! Wessen ist sie denn?«

Was war das denn für eine bescheuerte Frage? Wessen was?

»Ich heiße Katrine Hedstrand«, erklärte sie. »Ich komme aus Stockholm, aber jetzt wohne ich in London und arbeite als Journalistin.«

»Aber wessen Tochter sind Sie?«, fragte er.

»Ach so. Meine Mutter heißt Ingrid Hedstrand, aber sie hat nur als Kind hier gewohnt …«

»Ingrid …«, sagte er. »Ist das etwa Kankanrantas Mädchen?«

»Neeein«, gab Katrine verwirrt zurück. »Aber meine Großmutter, der das Haus vorher gehörte, hieß so …«

»Sie sind also Ingrids Mädchen, lassen Sie sich mal ansehen.« Er kam auf die Beine, steif, aber zugleich auch stark, als hätte er seine Muskeln fit gehalten. Er lachte und streckte ihr seine Hand entgegen, die breit und grob war.

Er hielt ihre Hand in einem festen Griff. »Ja, jetzt sehe ich es. Es ist etwas mit dem Blick, nicht wahr. Sie war etwas Besonderes, Ihre Mutter, aber es hatte ja keinen Sinn, dass jemand wie ich um die Hand einer Kankanranta anhielt. Sie müssen Sie mal fragen, ob sie sich an Thore Palo erinnert. Damals war ich nur ein kleiner Rotzlöffel. Aber erzählen Sie mal, wie geht es Ihrer Mutter da unten in Stockholm? Denn da lebt sie doch wohl noch?«

Katrine starrte ihn entgeistert an. Plötzlich überschlug sich der Mann förmlich vor Gastfreundschaft und redete drauflos, als seien sie alte Bekannte und als wüsste er genau, wer sie war. Um ihre Hand anhalten? Ihre Mutter war schon als Kind nach Stockholm gezogen, aber wahrscheinlich brachte der Alte das durcheinander. Sie zog ihre Hand zurück.

»Ist es denn weit von hier? Ich würde gern dort ankommen, bevor es dunkel wird.«

Er begleitete sie hinaus auf die Treppe und zeigte ihr die Richtung. Geradeaus und dann den ersten Weg nehmen, der zum Fluss hinabführt, am Ende des Wegs links und dann auf der rechten Seite nach einem Haus Ausschau halten.

»Aber reingehen können Sie da jetzt nicht«, sagte er, als sie sich bedankte und ihre Mütze wieder aufsetzte. »Viel zu viel Schnee. Vielleicht kann Haaras Junge morgen mit dem Traktor vorbeikommen.«

»Danke, aber ich werde schon zurechtkommen«, sagte Katrine.

Das Haus lag da wie aus der Zeit gefallen.

Es stand rund zwanzig Meter abseits des schmalen Wegs, ruhte zwischen Birkenstämmen und Schnee, der bis zu den Fensterblechen hinaufgeweht war.

Es existierte also tatsächlich. Eine einfache Hütte. Vor langer Zeit war sie wohl einmal rot gewesen, aber jetzt war die Farbe abgeplatzt, und der Frost fraß sich in die Holzplanken. Die Fensterscheiben waren mit Eis bedeckt.

Katrine trat einen Schritt in den unberührten Schnee hinaus und sank bis zum Oberschenkel ein. Sofort drang ihr der Schnee in die niedrigen Stiefel. Als sie die Rückseite des Hauses erreichte – oder war es die Vorderseite? –, war sie durchgeschwitzt und spürte die Kälte kaum mehr, und sie war dankbar für all die qualvollen Joggingrunden im Regent’s Park, die ihre Beinmuskulatur gestählt hatten.

Eine Treppe führte zu einem Vorbau, die Tür war einmal grün gewesen. Ihr Herz pochte, als sie nach den Schlüsseln in ihrer Tasche griff, alle, die sie in den Kommodenschubladen ihrer Mutter hatte finden können.

Sie schob den Schnee vor der Tür mit dem Fuß zur Seite, musste mit den Händen graben und mit dem Absatz das Eis wegtreten, doch am Ende lag der Eingang frei. Der dritte Schlüssel passte ins Schloss, sie drehte ihn hin und her und stemmte sich mit der Schulter gegen das Holz, bis das Schloss nachgab. Allerdings war die Tür eingefroren, und sie zog und zerrte und fluchte laut, »geh doch auf, verdammt noch mal«, bis sie sich endlich löste und langsam und träge öffnete. Katrine sah sich in dem Vorbau um. Eine an der Wand befestigte Bank, die blau gestrichen war. Es war kalt wie in einer Gefriertruhe. Sie ließ es sich nicht nehmen, einen Lichtschalter aus Bakelit an der Wand zu betätigen, aber natürlich tat sich nichts.

Sie ging einige Schritte in den Raum hinein, der einen Großteil der Grundfläche des Hauses ausmachte und an drei Wänden Fenster hatte. Es roch nach Holz und alten Teppichen. Es gab einen Holzofen und einen kleinen Esstisch mit einem geblümten Wachstuch. Dünne weiße Gardinen mit durchbrochenen Kanten. Einen Sekretär mit gerahmten Schwarz-Weiß-Fotos. Darüber hing ein gesprungener Spiegel.

Katrine ging näher heran, um die Fotografien im Dunkeln erkennen zu können, und begegnete hinter einer feinen Staubschicht dem ernsten Blick eines Mädchens. Ein herausgeputztes Schulmädchen in feinem Zwirn mit der Hand einer Frau auf seiner Schulter. Sie pustete ihren warmen Atem auf das Bild, nahm es in die Hand und versuchte, mit dem Ärmel den Staub wegzuwischen, doch er war festgefroren. Das einzige Foto von ihrer Mutter in jungen Jahren, das Katrine je gesehen hatte, war ein Abiturfoto auf der Kommode zu Hause. Dies war eindeutig dasselbe Mädchen. Ein mürrisches Gesicht, aber hübsche Züge. Die Frau neben ihr trug ein gerade geschnittenes Kleid, ihr Haar war kurz, ihr Blick fixierte einen Punkt hinter dem Fotografen, wirkte abwesend.

Siri Kankanranta, ihre Großmutter.

Vorsichtig stellte Katrine das Foto wieder an seinen Platz. Es gab einige andere Porträts von Menschen, die über hundert Jahre alt sein mochten. In ihren stummen Gesichtern suchte sie nach verwandten Zügen. Eine Hochzeitseinladung aus dem Jahr 1904, es musste die Heirat der Eltern ihrer Großmutter gewesen sein. Und dort waren sie mit ihren Kindern, fünf an der Zahl, vor dem Haus aufgereiht, bis auf das Kleinste, das auf dem Arm des Vaters saß. Wo seid ihr alle geblieben, dachte sie, irgendwo musste es nur so wimmeln von Kindern und Enkeln, warum war kein einziges von ihnen hergekommen und hatte die Fassade neu gestrichen?

Sie zog ein paar Schubladen auf, fand aber nur Stifte und einen alten Kassenzettel, sie schüttelte das leise Unbehagen ab, das sich anschlich. Die Dämmerung ließ die Ecken des Raums verschwimmen und den Raum schrumpfen.

Katrine drehte eine schnelle Runde durch die beiden Schlafzimmer hinter der Küche. Zwei schmale Betten in dem einen und ein breiteres in dem anderen, Tapeten mit Blumendekor und ein gusseiserner Ofen. Es war unschwer zu erkennen, dass ihre Mutter das Zimmer zur Straße bewohnt hatte, dort stand ein kleiner, weiß lackierter Schreibtisch, der einem Mädchen gehört haben konnte. Vom Flur aus führte eine Treppe zum Dachboden hinauf. Durch ein kaputtes Fenster war Schnee hereingeweht, einige Treppenstufen waren morsch. Der Boden war mit toten Fliegen übersät.

Draußen vor dem Haus, wo sich eine schneebedeckte Wiese bis zum zugefrorenen Fluss erstreckte, stand ein überdimensionaler Traktor. Der Mann am Steuer war in ihrem Alter, trug einen dunkelblauen Overall und robuste Stiefel.

»Was machen Sie denn da?«, fragte Katrine und sah sich um. Jetzt führte eine breite Schneise bis zum Weg, Schneewehen verdeckten die Sicht auf den weiter entfernt liegenden Nachbarhof.

»Ich hatte sowieso was in der Gegend zu erledigen.« Er gab dem Lenkrad einen Klaps, als wäre sein Fahrzeug ein Arbeitstier. Nahm die Mütze ab und schüttelte das Haar, halblang und mit Geheimratsecken, die nach oben krochen.

»Sie sind also Kankanrantas Mädchen«, sagte er und nickte in Richtung des Hauses. Katrine lachte auf. Die Leute in diesem Dorf mussten eine Nachrichtenübermittlung haben, die effektiver war als die ihrer Sendung.

»Thore Palo hat angerufen und gesagt, Sie bräuchten Hilfe.« Er glitt von seinem Traktor hinunter. »Tomas Haara«, sagte er, hob die Hand, ohne sie ihr hinzustrecken, und zeigte in die Richtung, in die der schmale Weg weiterführte. »Wir wohnen dort drüben in Rauhala. Kommen Sie doch mal vorbei und trinken eine Tasse Kaffee mit Mutti. Sie traut sich ja kaum noch nach draußen.«

»Rauhala?«, fragte Katrine verwirrt.

»Da, wo sie Svanberg umgebracht haben«, erklärte er.

»Wen?«

»Habt ihr denn in Stockholm gar nichts davon gehört? Der Skikönig, Lars-Erkki Svanberg.«

»Der wurde ermordet?«

»Sie haben ihn letzten Montag gefunden. Man hat ihm mit einer Axt den Schädel gespalten. Aber die Axt wurde nicht gefunden. Die Polizei war heute Vormittag da und hat die Absperrungen entfernt. Alle Zeitungen haben doch darüber berichtet. Der Kuriren und Norrländskan und natürlich auch Nordnytt. Und die Boulevardzeitungen waren natürlich auch da und haben Mutti interviewt.«

Katrine fiel auf, dass sie seit Tagen nur die ersten Seiten der Tageszeitungen gelesen hatte, das Radio hatte sie ganz gemieden.

»Mutti hat dann auch die Polizei gerufen.« Er zog eine Dose aus der Tasche und schob sich ein Stück Snus unter die Oberlippe. »Sie kannte Ihre Mutter. Sie sind in dieselbe Klasse gegangen.«

Katrine betrachtete ihn sprachlos und versuchte, die Informationsfragmente zu sortieren. Ihre Mutter war hier zur Schule gegangen. Sie war ein Mädchen mit Schulkameraden gewesen, das auf einem Schulhof Himmel und Hölle gespielt hatte. Ihre Brust krampfte sich zusammen, wenn sie an den zerbrechlichen Körper im Krankenhausbett dachte. War jemand ermordet worden, hier, nur ein Stück weiter den Weg entlang?

»Wurde der Täter denn gefasst?«, fragte sie.

Tomas Haara schüttelte den Kopf.

»Sie hat natürlich Angst«, antwortete er. »Will, dass ich abends zu Hause bleibe.«

Er stieg wieder auf seinen Traktor.

»Aber was bin ich Ihnen denn schuldig?«, fragte Katrine unbeholfen.

Er lächelte sie an. »Das erste Mal ist umsonst«, sagte er und ließ den Motor an. Einige Minuten lang ließ er ihn laufen, den Blick auf das ausgekühlte Haus gerichtet.

»Sie wollen doch wohl nicht da drinnen schlafen?«

»Nein«, antwortete Katrine und dachte an die toten Fliegen. Eine Axt im Kopf. Bis nach Haparanda waren es fast dreißig Kilometer. »Können Sie mir ein Hotel empfehlen?«

Er runzelte die Stirn und sah sich um, als könne man in der näheren Umgebung eines entdecken. Katrine konnte in der einen Richtung zwei dunkle Häuser ausmachen, in der anderen einen lichten Wald. Vor ihnen lag nur die Weite, der Ackerboden, der in einigen hundert Metern endete, ehe unter der Schneedecke der Fluss begann. In der Ferne erkannte sie einen schwachen Schein am Horizont, die Lichter des finnischen Kivikangas.

»Palo hat ja so eine Pension auf dem Land, aber wohl eher im Sommer«, sagte er schließlich.

»Thore Palo?«

»Nein, um Gottes willen. Åke, sein Sohn. Er ist mit meiner Cousine verheiratet.« Tomas Haara zeigte in Richtung der Straße 99. »Sie haben ein Schild an der Straße aufgestellt.«

»Ist denn hier jeder mit jedem verwandt?«

»Ja, das bildet ihr da unten euch wohl so ein«, sagte er und drehte eine Runde über den Hofplatz, um zu wenden. »Schauen Sie bei meiner Mutter vorbei«, rief er, und Katrine sah zu, wie der letzte Teil der unberührten Schneedecke aufgerissen und zerstört wurde, ehe er um die Ecke bog und das Motorengeräusch allmählich leiser wurde.

Zuschauer in Schwarz-Weiß, mit Mützen und Hüten, warteten ungeduldig am Zieleinlauf. Dort stand sogar der Landeschef von Gävle, und hier war Nisse Karlssons Frau zu sehen, die den ganzen Weg von Mora hierhergekommen war! Und dann kam er: »Nisse Karlsson! Mora-Nisse, mit der Startnummer 74, mit einer unerhörten Zielstrebigkeit und einem ebensolchen Siegeswillen in der Loipe!« Die Stimme des Sprechers rief Geschichte und Schwedentum, Wochenschaufilme und Folkhem-Nostalgie in Erinnerung. »Der reinste Paradelauf! In nur 51 Minuten und 43 Sekunden ins Ziel, und der Sieg scheint ihm sicher!«

»Aber es ist noch nicht vorbei«, sagte Åke Palo enthusiastisch und zeigte mit der Fernbedienung auf den Bildschirm.

Katrine lächelte höflich und nippte an dem Kaffee, der heiß, aber sehr dünn war. Im Küchenteil des offenen Wohnbereichs – »Pörte«, wie man in Tornedalen sagte – klapperte Eva-Lena Palo mit dem Abwasch. Der Raum war gemütlich und liebevoll eingerichtet, mit fliederfarbenen Tapeten und Familienfotos an den Wänden. Katrine hatte das Gästezimmer im oberen Stockwerk bekommen. Eigentlich vermieteten sie das Haus mit der Sommerküche im Hof, hatte Eva-Lena erklärt, aber das sei zurzeit nicht beheizt. »Nicht bei den Strompreisen«, hatte ihr Mann gebrummelt. »Aber den Ertrag für die Wasserkraft streichen sie ein und schicken sie vom Luleälven nach Süden. Das ist doch wirklich unerhört.«

Und so saß sie auf dem Sofa, während ein alter Nachrichtenfilm von der Ski-Landesmeisterschaft in Söderhamn 1951 über den Bildschirm flimmerte, und hoffte, die Vorführung würde nicht allzu lange dauern. Åke Palo hatte stolz verkündet, dass er alle Rennen von Lapp-Erik Svanberg heruntergeladen hatte, die man im offenen Archiv des schwedischen Rundfunks im Internet finden konnte.

»Er war ja eine lokale Berühmtheit«, sagte Eva-Lena. »Und davon hatten wir in Kivikangas nicht so viele.«

»Jetzt kommt’s.« Åke stieß Katrine mit dem Ellbogen an und beugte sich auf dem Sofa vor. »Jetzt müssen Sie ganz genau hinsehen.«

Ein weiterer Skiläufer tauchte in der Loipe auf, und das Publikum hatte allen Grund zu staunen. Die Stimme des Sprechers stieg ins Falsett. Denn dort näherte sich völlig unerwartet der erst zwanzigjährige Lars-Erkki Svanberg und sauste dreizehn Sekunden vor dem großen Mora-Nisse ins Ziel!

»Keiner wusste, wer er war«, sagte Åke, während der Sprecher Nils Jerring berichtete, wie unter den Fotografen Panik ausbrach. Plötzlich mussten sie ein neues Großtalent präsentieren: Lars-Erkki Svanberg, schwedischer Meister im Skilanglauf über 15 Kilometer.

Katrine sah einen jungen Mann mit Zipfelmütze und einem sensiblen Gesicht, der nicht wusste, wo er hinschauen sollte, während die Blitzlichter vor seinen Augen explodierten.

»Fantastisch«, sagte sie und streckte sich nach einem weiteren Stück Zuckerkuchen. »Was für ein Durchbruch!«

Sie biss ein Stück ab und bereute es sofort. Das Sättigungsgefühl schlug in Übelkeit um, irgendwie hatte sie die Angewohnheit, zu viel zu essen, wenn sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Und so hatte sie schon beim Abendbrot einfach immer auf ihren Mund voll Fleischsuppe und Brot gedeutet und entschuldigend genickt, wenn die Familie Palo freundliche Fragen zu ihrer Mutter und ihrer Familie stellte. Åke hatte behauptet, er könne sich sehr genau an Siri Kankanranta erinnern, obwohl er knapp vierzig Jahre alt war und demnach höchstens fünf gewesen sein konnte, als Katrines Großmutter starb. »Eine tüchtige Frau, obwohl viele sich natürlich darüber wunderten, warum sie keinen Kerl im Haus hatte …«

»Man erinnert sich wohl manchmal auch an das, was die Leute einem erzählt haben«, hatte Eva-Lena zu erklären versucht. »So ist das doch oft mit der Erinnerung. Man hört die Geschichten der Älteren und glaubt, man wäre selbst dabei gewesen.« Katrine hätte gern mehr gefragt, aber der Bissen in ihrem Mund war immer größer geworden. Ihre Mutter hatte ihnen ihre Erinnerungen nie weitergegeben. Warum hatte sie es nicht getan?

Anschließend war das Gespräch wieder auf den Mord an Lars-Erkki Svanberg zurückgekommen. Die Leute im Dorf standen noch immer unter Schock. »Vater hat ihn gefunden«, sagte Åke Palo, und Katrine stutzte. Der Alte, der ihr den Weg gezeigt hatte, Thore Palo?

Und trotzdem war die Tür nicht verschlossen gewesen, und er hatte sie einfach hereingelassen.

»Die Polizei ist herumgegangen und hat mit allen gesprochen, aber soweit ich weiß, hat niemand etwas gesehen«, sagte Eva-Lena und schüttelte den Kopf. »Ausgerechnet an diesem Tag waren wir in Haparanda in der Oper, die Metropolitan überträgt live ins Gemeindehaus. An dem Abend lief Don Giovanni.«

»Hat die Polizei denn überhaupt keine Spur?«, fragte Katrine.

»Man hat ihn ja erst drei Tage später gefunden. Da waren die Spuren schon wieder verweht.«

»Die Russen waren’s«, sagte Åke.

»Das wissen wir doch gar nicht sicher.«

»Solche Diebeszüge hat es jedenfalls früher schon gegeben. Seitdem schließen wir auch die Tür ab.«

»Jedenfalls nachts. An dem Abend waren die Jungen mit ihren Motorschlitten unterwegs. Sie hätten diesen schrecklichen Menschen direkt in die Arme laufen können …«

Bei diesem Gedanken riss Eva-Lena die Augen auf und raufte sich die Haare, unbändige Locken, die über ihre Schultern wallten. Die Rede war von ihrem Sohn, Matti, einem Dreiundzwanzigjährigen, der immer noch zu Hause wohnte und sich nur ganz kurz gezeigt hatte, um sich seine Schüssel mit Fleischsuppe und einen Stapel bereits von der Mutter belegter Brote abzuholen. Außer ihm gab es noch eine achtzehnjährige Tochter im Jogginganzug mit blondierten Haaren und kajalumrandeten Augen, Sofia, die auf ihr Zimmer geschickt worden war, um Hausaufgaben zu machen.

»Ich kann es immer noch nicht fassen«, sagte Eva-Lena und setzte sich mit der Kaffeetasse in der Hand, während ein schwarz-weißer Nachrichtenfilm den anderen ablöste. »Er hat doch niemandem etwas getan. War ja völlig isoliert da draußen auf Rauhala.«

»Aber damals waren viele richtig wütend auf ihn«, sagte Åke.

Seine Frau verdrehte die Augen.

»Typisch Mann! Auf die Idee zu kommen, dass man jemanden wegen der Olympischen Winterspiele 1952 umbringen könnte.«

»Was war denn da?«, fragte Katrine neugierig.

»Er ist nie nach Oslo gekommen«, antwortete Åke. »Dieser Teufel ist einfach in letzter Minute zu Hause geblieben. Schlicht und ergreifend nicht aufgetaucht. Zwei Tage später hat man ihn in einer Jagdhütte außerhalb von Tosse aufgespürt.«

Er sah von seinem Gast zu seiner Frau und wieder zu Katrine, suchte jemanden, der die Tragweite dessen, wovon er sprach, verstand.

»Das war natürlich eine Katastrophe für Schweden! 1948 haben unsere Skiläufer in St. Moritz alles abgeräumt. Alles! Aber in Oslo 1952 musste Mora-Nisse geschwächt mit einer Halsentzündung antreten, und die anderen großen Läufer waren einfach zu alt, ihre Zeit war vorbei. Lapp-Erkki Svanberg war der neue Hoffnungsträger!« Åke sank ein wenig im Sofa zusammen, als würde er die Niederlage persönlich nehmen. »Wir sind ohne eine einzige Medaille in den nordischen Disziplinen nach Hause gefahren. Mit keiner einzigen!

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