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Tödliche Mitgift

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. Nachbemerkung der Autorin

Über die Autorin

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin und arbeitet zurzeit an ihrem sechsten Roman. Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein.

Prolog

Jetzt, da ihr der Kerl herausfordernd in ihrem Hotelzimmer gegenüberstand, erkannte Annegret Dreyling, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Das, was ihr auf der sonnigen Piazza zwischen all den sorglos wirkenden Touristen und Studenten wie ein aufregender Zeitvertreib erschienen war, kam ihr nun nicht mehr amüsant vor. Überhaupt nicht. Was hatte sie sich dabei gedacht, diesen Mann mit auf ihr Zimmer im Guarini Palace Hotel zu nehmen?

Er hatte sie eben an der Fontana Maggiore angesprochen und auf ein Eis eingeladen. Normalerweise war es nicht ihre Art, sich mit Fremden einzulassen, aber er benahm sich wie ein Mann, der mit attraktiven Frauen umzugehen versteht. Schuld an der Situation waren eigentlich die anderen. Annegret war es nämlich allmählich leid, sich von ihrem Reisebegleiter Berry aus großen braunen Augen anhimmeln zu lassen. Und Ole, ihr frisch angetrauter Ehemann, befand sich immer noch in São Paulo und interessierte sich nicht die Bohne dafür, dass sie sich langweilte.

Mit dem Betreten des Hotelzimmers hatte sich das Verhalten ihres neuen Bekannten allerdings um hundertachtzig Grad gewendet. Erst hatte er ungeniert die Tür zum Badezimmer aufgestoßen und beim Anblick von Messing und Marmor anerkennend durch die Zähne gepfiffen. Dann war die Matratze mit dem cremefarbenen Satinüberwurf von ihm begutachtet worden, und zuletzt hatte er demonstrativ die Fenster geschlossen. Dabei hatte Annegret sie vor dem Verlassen des Zimmers extra offen gelassen, damit die kühler werdende Abendluft hineinwehen konnte.

»Es reicht«, sagte sie. »Du hast mein Zimmer gesehen, du hast die Aussicht von hier oben bewundert, und jetzt kannst du wieder gehen.« Seine Augen verdunkelten sich. Sie trat vorsichtshalber einen Schritt zurück, denn sie rechnete instinktiv mit einer heftigen Reaktion aus Trotz, Unmut oder verletzter Eitelkeit.

»Nein, das werde ich bestimmt nicht tun. Da ich nun schon einmal hier bin …« Er kommentierte ihr Zurückweichen vor ihm mit dem Hochziehen einer Augenbraue. »Ach so ist das! Erst kesse Sprüche klopfen und dann einen Rückzieher machen.«

»Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich was von dir will!«, sagte sie höhnisch.

»Vorhin im Fahrstuhl sah das aber noch ganz anders aus.«

Ein Kuss, es war nur ein einziger Kuss gewesen. So lang, wie die Fahrt in den dritten Stock dauerte, und mit Zunge, aber die Wirkung auf ihre Hormone war so schnell wieder verflogen, als hätte sie ein eiskaltes Tauchbad genommen. »Ich bin verheiratet, schon vergessen? Und ein Freund von mir wohnt direkt nebenan.«

»Ein Freund von dir, interessant. Weiß dein Mann denn von ihm? Und wo ist er überhaupt? Lässt sein hübsches Frauchen so ganz allein durch Perugia spazieren.«

»Das geht dich nichts an. Verschwinde jetzt, sonst rufe ich um Hilfe.«

»Ach ja?«

Sie umrundete das Bett, um zum Nachttisch zu gelangen, auf dem ein Telefon stand. Ihr Mobiltelefon lag immer noch in ihrer Prada-Handtasche, und die hing im Kleiderschrank neben der Tür. Zu weit weg – das hatte sie nun von ihrer Leichtfertigkeit!

»Annegret, sei doch nicht so spießig! Wir wollen doch nur etwas Spaß zusammen haben.«

Sie nahm das Telefon in die Hand. Wie war noch mal die Durchwahl zur Rezeption? Und was sollte sie sagen?

»Wenn du möchtest, gehe ich wieder. So nötig habe ich es bestimmt nicht, dass ich mich einer Frau aufdrängen würde. Sag, ich soll gehen, und ich bin verschwunden …«

»Dann geh jetzt«, versuchte sie es noch einmal.

»Gar kein ›Bitte‹? Du bist doch auf einmal so vornehm geworden …«

Wie hatte sie sein Lächeln vorhin nur sexy finden können? Er trat einen Schritt auf das Bett zu, das sich nun zwischen ihnen befand, und lockerte spielerisch seine Arme und Schultern, als wollte er gleich mit dem Krafttraining beginnen. Woher wusste er überhaupt von ihren veränderten Lebensumständen? Ihr Zeigefinger schwebte unentschlossen über der Tastatur des Telefons. Sie konnte ja einfach irgendeine Nummer wählen. Vielleicht die Null oder die Eins? Annegret kam nicht dazu, sich zu entscheiden. Völlig unerwartet hechtete der Mann mit einem Satz über das Bett und schlug ihr das Telefon aus der Hand. Es flog in hohem Bogen auf den Fußboden, doch der dicke Teppichboden verschluckte das Geräusch des Aufpralls.

»Hey, überleg dir gut, was du tust!«

»Wenn ich schreie, hört es das ganze Hotel.«

»Meinst du? Was soll das überhaupt? Ich will dir doch gar nichts tun, Annegret.«

Sie wollte in Richtung Tür laufen, aber der Schreck ließ sie einen Moment zu lange zögern. Er hingegen war blitzschnell wieder auf den Beinen und bekam ihr Handgelenk zu fassen. »Du widerlicher Mistkerl!«, zischte sie. »Lass mich los und verschwinde, sonst wird es dir leidtun. Mein Mann, meine Familie, die haben nämlich Geld, die haben Einfluss!«

»Ich weiß.« Er lockerte seinen Griff. »Und ich weiß noch mehr. Ich habe Neuigkeiten für dich, Annegret.«

»Lass mich los!«

»Natürlich. Entschuldige bitte.« Er zog seine Hand zurück und führte sie in Richtung seines Gürtels.

»Was für Neuigkeiten sollen das wohl sein?« Ihre Stimme klang schrill. Sie verstand nicht, was vor sich ging.

»Erinnerst du dich gar nicht an mich? Ich war neulich schon auf deiner Hochzeitsfeier im Historischen Weinkeller in Lübeck … Hab mich allerdings im Hintergrund gehalten, nicht so wie dein Bruder, dieser Matthias Nowak. Er ist doch ein Exknacki, oder?«

»Wieso? Was soll das?« Hatte ihr Bruder diesen Typen etwa im Gefängnis kennengelernt? Wie widerlich das alles war.

»Du wärst auf deiner eigenen Hochzeit am liebsten im Erdboden versunken, was? Es war aber auch peinlich, wie dein Bruder für dich in die Bresche gesprungen ist, als dich der böse Onkel – war es Dietrich Dreyling? – in seiner Rede vor allen Leuten bloßgestellt hat. Annegret, die Braut, die gar nicht richtig in die Familie eingeführt worden ist … Annegret, wer kennt schon Annegret?«

Ihr schoss noch bei der Erinnerung an die hässliche Szene das Blut in die Wangen. Es war die schlimmste Hochzeit gewesen, die sie je erlebt hatte. Und es war ihre eigene gewesen. »Das muss ich mir nicht anhören!«

»Doch, du hörst mir besser zu.«

Ihre Augen weiteten sich erschrocken, als sie das Messer in seiner Hand erblickte. Es war komplett schwarz, hatte eine etwa zehn Zentimeter lange Klinge, und es zeigte auf ihre Brust. »Was willst du?«, fragte sie mit trockenem Mund. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

»Annegret, Annegret. So schnell bricht sie zusammen … Auch noch ein Feigling. Du hast dich mit Leuten eingelassen, die eine Nummer zu groß für dich sind. Und weniger vornehm und zimperlich, als du denkst. Daher mein Tipp: Tue endlich, was die wollen, es ist nur zu deinem Besten …«

»Wovon sprichst du?«

»Von dem Vertrag natürlich. Die erwarten deine Unterschrift, sonst gehen die Geschäfte in São Paulo nicht weiter voran, verstehst du? Und Zeit ist Geld.«

»Niemand kann mich zwingen, irgendetwas zu unterschreiben!«

»Nein, das wollen sie auch gar nicht. Aber ich bin hier, um noch etwas Überzeugungsarbeit zu leisten.« Die Messerklinge bewegte sich andeutungsweise von unten nach oben, als wollte sie das Oberteil ihres Sommerkleides anritzen. Da war nicht viel Stoff zwischen ihrer Haut und der Messerspitze.

»Ole wird dich umbringen, wenn ich ihm sage, dass du mich mit einem Messer bedroht hast.«

»Er wird sich fragen, wieso du mich überhaupt mit auf dein Zimmer genommen hast.« Er zog das Messer zurück und verstaute es in einer Nylonscheide, die an seinem Gürtel befestigt war. Sein Baumwoll-Shirt fiel wieder darüber und verdeckte die Waffe, als wäre nie etwas gewesen. »Mit dir zu reden ist reine Zeitverschwendung. Aber ich habe auch genug gesehen. Ein Zimmer mit Verbindungstür, wie praktisch.« Er musterte die Tür und lächelte zufrieden. Als Annegret ihn im Profil sah, ging ihr auf, weshalb er ihr auf der Piazza bekannt vorgekommen war.

»Ich hab dich in Lübeck schon mal gesehen. Du hast mich verfolgt, du warst das!«, sagte sie, überrascht und wütend, dass es ihr nicht eher aufgegangen war. Auch in Perugia hatte sie das Gefühl, verfolgt zu werden, nicht losgelassen. Im Grunde war er der Auslöser für diese bescheuerte Reise und auch dafür, dass sie Berrys Nähe so geduldig ertrug … Und jetzt drohte er ihr?

»Bravo, Annegret. Willkommen im Club der Schnellmerker!« Er klatschte andeutungsweise in die Hände.

»Du gibst dir vollkommen umsonst Mühe«, sagte Annegret trotzig. »Es gibt nichts, über das sich Ole Sorgen machen müsste. Das kannst du nun sicherlich bezeugen.«

»Wenn du dich bereit erklärst zu kooperieren.«

»Ich kann ja mal bei den Anwälten anrufen«, meinte sie, damit er endlich verschwand. »Hillinger und Wriedt, nicht wahr?«

»Wunderbar. Ciao, bella. Und bilde dir bloß nicht zu viel ein. So eine Granate, wie du denkst, bist du nämlich gar nicht …«

»Hau ab.« Ihn verschwinden zu sehen rief nicht die gewünschte Erleichterung in ihr wach. Sie verstand überhaupt nichts mehr. Als die Zimmertür hinter ihm ins Schloss gefallen war, seufzte sie. Sie warf einen Blick in den Spiegel mit dem vergoldeten Rahmen: So eine Granate bist du gar nicht … Idiot! Sie würde sich jetzt zur Beruhigung ein Fläschchen aus der Minibar genehmigen und, auf dem Bett liegend, den italienischen Sternenhimmel betrachten. Oder sollte sie sich lieber ein Schaumbad einlaufen lassen?

Ein leises Klopfen unterbrach Annegrets Überlegungen. Kam der Kerl etwa wieder zurück? Warum sollte er? Die Neugier, wer zu dieser Stunde noch zu ihr wollte, war stärker als der Wunsch nach Ruhe. »Einen Moment!«, rief sie halblaut und strich sich eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann öffnete sie die Tür.

1. Kapitel

Trag es mit Fassung, okay? Ich musste sie einfach hereinlassen, Pia.« Die Frage, um wen es sich bei der besagten Person handelte, die ihrem Freund Hinnerk dieses mühsam zurückgehaltene Grinsen ins Gesicht gezaubert hatte, klärte sich, als Pia ihre Schwester Nele hinter Hinnerks breitem Kreuz im Wohnungsflur auftauchen sah.

Nele winkte fröhlich. »Hey, Pia, auch endlich zu Hause! Dein Freund war so lieb, mich hereinzulassen, sonst wäre ich schon auf dem Treppenabsatz an einem Hitzschlag gestorben.«

»Hi, Nele. Kennt ihr euch eigentlich schon?«, fragte Pia. Sie war sich sicher, dass die beiden sich noch nie begegnet waren – jedenfalls nicht in ihrer Gegenwart. Die Mühe, ihre Schwester und ihren neuen Freund einander vorzustellen, konnte sie sich aber sparen, denn Nele sagte:

»Jetzt schon. Hinnerk hat mir einfach geglaubt, dass ich mit dir verwandt bin, auch wenn er keinerlei Ähnlichkeiten feststellen konnte …« Sie zwinkerte Pia hinter seinem Rücken zu, was alles Mögliche heißen konnte, angefangen von Was ist denn das für einer? bis hin zu Der gefällt mir ebenfalls.

Nele trug ein hautenges Kleid mit einem breiten Gürtel, der locker auf ihren etwas üppigen Hüften auflag. Ihr dunkles Haar fiel ihr auf die Schultern, und an ihrem linken Arm klimperte eine Batterie Silberreifen.

Pia Korittki, nach einem Arbeitstag im Kommissariat wie fast immer in Jeans und T-Shirt, kickte sich die Schuhe von den Füßen und ließ ihren Rucksack zu Boden fallen. »Ich brauche als Erstes was zu trinken – fühlt euch so lange schon mal ganz wie zu Hause«, sagte sie.

Hinnerk zog sie an sich. Sein Kuss schmeckte salzig und nach Lakritz. »Die ist doch lustig«, flüsterte er Pia ins Ohr, »warum hast du sie mir so lange vorenthalten?«

Nele war bereits im Wohnzimmer verschwunden.

»Weil sie nie wirklich da ist. Bei ihrem Tempo wird mir schwindelig. Nimm dich vor ihr in Acht. Männer wie dich verspeist sie in einem Stück zum Frühstück …«

»Na ja, auf irgendeine Art und Weise müsst ihr euch ja ähneln, oder?« Er zog spielerisch an einer Strähne ihres glatten, blonden Haares. »Rein äußerlich betrachtet, kann ich jedenfalls keine Ähnlichkeit feststellen …«

»Du wirst auch sonst keine entdecken, glaub es mir.« Pia entwand sich seiner Umarmung und ging in die Küche. In ihrer Dachwohnung war es nicht so stickig, wie sie befürchtet hatte. Die rissigen alten Fliesen fühlten sich kühl unter ihren bloßen Füßen an. Die Tür zum Küchenbalkon stand offen, und die weiche, aromatische Luft eines sommerlich warmen Juliabends erfüllte den Raum. Eine Fliege flog summend zwischen dem schmutzigen Frühstücksgeschirr und den schwarzbraunen Bananen in der Obstschale hin und her. Pia nahm sich ein Glas aus dem Schrank und ließ das erste Wasser, das sich in der Wasserleitung erwärmt hatte, in den Abfluss laufen. Dann füllte sie das Glas nacheinander zwei Mal auf und trank es aus.

Sie überlegte, was Nele zu dem Besuch veranlasst haben könnte. Ihre beider Leben hatten nicht viele Berührungspunkte. Nele studierte in Hamburg Modedesign, hielt sich aber fast ebenso oft in Berlin, London oder Mailand auf, angeblich wegen weiterführender Studien … Sie brüstete sich damit, haufenweise interessante und wichtige Leute zu kennen, und Pia wartete darauf, dass sich diese Kontakte eines Tages in Form einer guten Arbeitsstelle bezahlt machen würden. Bis es so weit war, lebte Nele von Gelegenheitsjobs und den Zuwendungen ihrer Eltern.

Nachdem Pia nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Lübeck zurückgekommen war, hatte sie die Polizeilaufbahn eingeschlagen. Sie sammelte Überstunden ebenso wie Erfahrungen, hatte dafür aber das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Als nicht-eheliche Tochter, deren Mutter ihren Stiefvater Günther Liebig geheiratet hatte, als Pia fünf Jahre alt gewesen war, und die kurz darauf Zwillinge geboren hatte, war sie sich oft überflüssig oder gerade mal wohlgelitten vorgekommen. Vielleicht hatte sie sich deshalb schon früh – und mit mehr Trotz als Verstand – in diverse Beziehungen gestürzt, die fast alle kurzfristig zum Scheitern verurteilt gewesen waren. Der Job bei der Polizei vermittelte ihr das Gefühl, einen Platz im Leben zu haben. Das war der Status quo gewesen, bevor sie Hinnerk kennengelernt hatte.

Dass ihre Halbschwester Nele mit einem Mal bei ihr hereinplatzte und Hinnerk auf ihre zutrauliche Art für sich einnahm, irritierte Pia. Nele konnte jeden um den Finger wickeln, zumindest im ersten Moment …

Pia hörte die beiden in ihrem Wohnzimmer lachen. »Möchtet ihr auch was trinken?«, fragte sie, als sie eintrat. Sie war neugierig, was die beiden wohl Amüsantes in ihrem Wohnzimmer entdeckt haben mochten. Pia registrierte die zwei offenen Bierflaschen auf der Fensterbank ihres Atelierfensters und zuckte mit den Schultern. Dann sah sie, was Nele gerade tat. Sie stand mit dem Rücken zum Licht und hielt einen von Pias mit Leinwand bespannten Rahmen in den Händen. Hinnerk lehnte am Fenster und blickte ihr über die Schulter.

»Wow, Pia. Ich hab noch nie ein so leuchtendes Blau gesehen. Das ist irre …«, sagte Nele.

»Nein, Heliogenblau.«

»Ich meine, deine neuen Bilder sind einfach der Hammer. Ich wusste gar nicht, dass du so produktiv bist in letzter Zeit.«

»Du warst vor knapp zwei Jahren das letzte Mal bei mir in Lübeck. Es sind vielleicht sieben oder acht neue Bilder dazugekommen.«

»Du hast trotz deines Jobs noch den Nerv, so was hier zu malen?«

»Nein, es ist umgekehrt. Ich male wegen meines Jobs. Das ist billiger als Therapiestunden und genauso wirksam …«

»Oh – und was bedeutet das ganze Blau …«

»Müllsäcke«, sagte Hinnerk unbehaglich, »blaue Müllsäcke. Gib es her, ich stell es wieder in die Abseite …«

»Nein!« Nele umklammerte den Rahmen und drehte sich von ihm weg. Hinnerk sah verdutzt drein. Pia wandte den Kopf ab, um ihr Lächeln zu verbergen. Wenn er dachte, ihre kleine Schwester sei so leicht zu steuern, dann hatte er sich geirrt, verwöhntes Einzelkind, das er nun mal war.

»Ich hab nämlich die Idee für Pia!«, rief Nele. »Wir organisieren eine Ausstellung mit ihren Bildern. Ein Freund von mir arbeitet in einer Galerie. Den werde ich mal fragen.«

»Nele, die Bilder male ich nur für mich. Es sind keine Kunstwerke, es sind …«

»Man muss das nur richtig vermarkten«, unterbrach Nele sie. »Eine Kripokommissarin, die malt! Dann kommen die Leute, und sie werden auch kaufen … Du musst es doch zumindest mal versuchen, Pia.«

»Schluss damit, Nele. Ich will es nicht.« Pia machte einen raschen Schritt nach vorn und nahm Nele den Rahmen aus der Hand. Diese guckte irritiert, griff dann aber nach dem nächsten Bild, das, mit der Vorderseite zur Wand gelehnt, in ihrer Nähe stand.

»Oh …« Nele riss die Augen auf. Hinnerk, der immer noch hinter ihr stand, verzog genervt das Gesicht.

Pia wusste nicht, wie sie reagieren sollte. »Genau das meine ich: Die sind nichts für unbeteiligte Betrachter!«

»Ich … das ist … das kannst du doch so nicht malen, Pia!«

»Das Bild war in meinem Kopf. Ich konnte nächtelang nicht schlafen. Jetzt, da ich es festgehalten habe, kann ich es weglegen und vergessen.«

Nele schüttelte den Kopf und kaute dabei auf ihrer Unterlippe herum. Endlich ließ sie sich das Acrylbild aus der Hand nehmen. Pia kam nicht umhin, einen kurzen Blick auf das kleine, grau schimmernde Gesicht des Babys mit dem dünnen Schopf von Eiskristallen bedeckter Haare zu werfen, bevor sie das Bild wegstellte. Sie dachte kurz an den toten Säugling, den sie in einer Tiefkühltruhe gefunden hatten. Hinnerk atmete geräuschvoll aus.

»War es das, wonach es aussieht?«, fragte Nele.

»Die Bilder sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.«

»Das war doch ein Baby«, beharrte Nele. »Warum war alles so grau?«

Pia riss der ohnehin schon arg strapazierte Geduldsfaden. »Wenn es dich beruhigt, Nele: Das nächste Mal wird es bestimmt wieder eine Studie in Rot – Blutrot«, sagte sie.

2. Kapitel

Pia Korittki fühlte den Blick ihres Kollegen Heinz Broders im Nacken, als sie den Klingelknopf drückte. Einmal, zweimal. Hinter der zerkratzten Wohnungstür hörte sie Schritte. Sie merkte, wie ihr Herz schneller schlug – das war nicht gut. Ein bisschen Adrenalin war okay, aber sie wollte keinen Fehler machen. Eine simple Festnahme: Verdacht auf Herstellung und Verbreitung hochexplosiver Substanzen.

Eigensicherung – dachte Pia, als die Wohnungstür aufging – Eigensicherung, kein Versteck übersehen … Der Mann in blauen Arbeitshosen, der ihr die Tür öffnete, hatte Arme wie Ofenrohre. Er trug eine Brille, deren Gläser mit fettigen Fingerabdrücken übersät waren. Im Schein der Deckenleuchte, den die Gläser reflektierten, konnte Pia seine Augen nicht richtig sehen.

»Guten Tag. Korittki von der Kripo Lübeck. Das ist mein Kollege Broders. Sind Sie Andreas Schütz?«

»Bin ich. Was wollen Sie hier?«

Sie hielt ihm ihre Kripomarke hin. »Wir müssen mit Ihnen reden, Herr Schütz. Können wir reinkommen?«

»Hm«, sagte der Mann unschlüssig, machte aber einen Schritt zur Seite. Pia warf Broders einen Blick zu und betrat dann die Wohnung. Rechts eine lange, kahle Wand, links eine angelehnte Tür, dahinter ein Schrank, dann noch zwei Türen.

»Sind Sie allein, Herr Schütz?«, fragte Broders. Er wirkte vollkommen ruhig.

»Hm.«

Pia drehte sich, sodass sie die Wand im Rücken hatte. »Bitte nach Ihnen, Herr Schütz.«

Der Mann trottete wie ein altersschwacher Bär den Flur hinunter. Er leistete keinerlei Widerstand – noch nicht. Das war in diesem Fall ein schlechtes Zeichen. Und hatte da im Nebenraum nicht etwas geknackt? Im Vorbeigehen stieß Pia die erste Tür auf, die nur angelehnt war. Sie warf einen Blick hinein: eine Küche, nur ein paar Ober- und Unterschränke, ein kleiner Tisch, kein Versteck …

Broders folgte dem Mann und war Pia nun ein paar Schritte voraus. Sie hörte ihn einige Worte mit Schütz wechseln, was ihr Gelegenheit gab, in den Garderobenschrank zu sehen, als der Wohnungsinhaber gerade im Raum am Ende des Flures verschwunden war. Leer. Sie folgte den beiden und warf dabei einen Blick in den zweiten Raum. In der Dunkelheit konnte sie ein Doppelbett erkennen: also das Schlafzimmer. Rechts hinter dem Türrahmen fand Pia einen Lichtschalter, doch beim Betätigen passierte nichts. Sie musterte das zerwühlte Bett, den schmalen Schrank, die vorgezogenen Vorhänge. Hielt sich hier jemand auf? Pia hatte ein ungutes Gefühl und zog für den kurzen Kontrollgang ihre Waffe. Sie ließ Broders zu lange mit dem Tatverdächtigen allein, das wusste sie, aber sie wollte nicht riskieren, von einem Komplizen von Schütz überrascht zu werden. Dann säßen sie beide in der Falle. Kurz flammte Ärger in ihr auf. Immer wieder haperte es an der Zusammenarbeit mit Heinz Broders. Warum konnte er nicht abwarten, bis sie gesichert hatte?

Im letzten Moment sah Pia die schmale Tür, die vom Schlafraum abging. Wohl das Badezimmer … Wenn ich mich verstecken müsste, dann dort, dachte sie und fühlte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Die Tür sah stabil aus, es steckte kein Schlüssel im Schloss. War da jemand drin? Aus dem anderen Zimmer hörte sie lauter werdende Stimmen. Eventuell brauchte Broders gleich Verstärkung. Sie riss mit einem Ruck die Tür auf – der kleine Raum war leer. Ausatmen, befahl sie sich.

Als Pia ins Wohnzimmer trat, saßen sich Broders und Schütz in einer kleinen Sitzgruppe gegenüber, der Tatverdächtige mit dem Rücken zur Wand. Ein Couchtisch stand zwischen Schütz und Broders, der auf einem Hocker saß. Schütz hatte die Hände unter seine Oberschenkel geschoben. Auf der Sitzfläche des Sofas lagen Zeitschriften, Couchkissen, eine karierte Wolldecke – viele Möglichkeiten, eine Waffe zu verstecken. Auf dem Tisch standen Flaschen, außerdem registrierte Pia ein Holzbrett mit Messer, einen Stapel Post, ein flaches braunes Paket, eine Blumenvase mit Plastikblumen darin.

Pia stellte sich schräg hinter Broders und behielt Schütz genau im Auge. Sie fühlte, dass sie beobachtet wurde. Die Situation war ihr nicht geheuer.

»Was wollen Sie von mir? Ich hab nichts getan«, sagte Schütz herausfordernd. Seine Augen wanderten im Raum umher.

»Können Sie uns sagen, wo Sie am Sonntag um einundzwanzig Uhr dreißig waren, Herr Schütz?«, wollte Pia wissen.

»Was soll das? Ich war zu Hause. Wo sollte ich denn sonst gewesen sein?«

»Kann das jemand bestätigen?«, fragte Broders.

»Ich wohne allein, wie Sie sehen. Und ich war auch am Sonntag allein. Beweisen Sie mir das Gegenteil.«

»Wir müssen Sie mit ins Kommissariat nehmen. Dort können Sie eine Aussage dazu zu Protokoll geben …«

»Hey«, Schütz richtete sich auf, die Hände nun locker auf der Sitzfläche abgestützt, »warum sollte ich mitgehen?«

Broders erhob sich. Der Tatverdächtige würde sich nicht einfach abführen lassen, sondern Widerstand leisten. Pia machte sich bereit, erneut ihre Waffe zu ziehen.

»Ihnen wird vorgeworfen, bei dem Sprengstoffanschlag am …« Weiter kam Broders nicht, denn Schütz sprang auf.

»Setzen Sie sich wieder!«, fuhr Pia ihn an. Die Hände des Mannes waren zwar leer, aber allein seine massige Gestalt stellte eine Gefahr dar, sollte er Broders tätlich angreifen. Wenn sie erst die Pistole in der Hand hatte, blieb ihr an Handlungsspielraum fast nur, sie auch zu benutzen. Pia zog stattdessen das Pfefferspray, das auf kurze Distanz sehr wirkungsvoll war. Schon stürzte Schütz nach vorn, auf Broders zu. In diesem Moment traf ihn der Strahl des Pfeffersprays im Gesicht. Er heulte auf, warf sich zur Seite und griff nach dem Paket auf dem Tisch. Pia hechtete hinterher und versuchte, ihn aufzuhalten. Sie prallte mit der Schulter gegen den gekachelten Couchtisch.

»Im Ernstfall wären Sie jetzt beide tot … oder zumindest schwer verletzt. Das Paket auf dem Tisch war eine Briefbombe, die der Tatverdächtige hergestellt hatte«, sagte Ernst Kollberg, der den Einsatz koordiniert und das Training über die Kameras und Mikrofone in der Wohnung verfolgt hatte.

Pia und Broders sahen sich an. Sie drehte die Schulter vorsichtig vor und zurück. Es war wohl nichts gebrochen, eher eine Prellung …

»Korittki, die Sicherung der Wohnung war okay. Sie taten gut daran zu überprüfen, ob der Tatverdächtige wirklich allein zu Hause war. Ist Ihnen aufgefallen, dass auf dem Klingelschild Schütz/Alberts stand? Aber Sie, Broders, hätten nicht so schnell vorgehen dürfen …«

»Ich hatte den Mann die ganze Zeit unter Kontrolle«, sagte Heinz Broders.

»Wirklich? Da lag ein Messer auf dem Couchtisch.«

»Ein kleines Messer zum Brötchenschmieren.«

»Nein, ein Steakmesser …«

»Okay, ich war zu schnell«, räumte Broders ein. »Aber Korittki hat auch ewig lange gebraucht, die lütte Wohnung zu inspizieren.«

»Noch nicht lange genug. Korittki, Sie haben im Schlafzimmer noch was übersehen …«

»Der Kleiderschrank, alles klar.«

»Und die zugezogenen Vorhänge …«

»Da war keiner, das konnte ich deutlich sehen«, erklärte sie.

»Im Dunkeln?«

»Ungewöhnlich, dass sich das Licht nicht einschalten ließ, selbst für die Wohnung eines Sprengstoffbastlers.«

»Es sind schon ungewöhnlichere Dinge bei Verhaftungen vorgekommen. Ach ja, haben Sie im Wohnzimmer hinter die Tür geschaut?«

Pia unterdrückte einen Fluch. »Das wäre Broders’ Aufgabe gewesen«, sagte sie. »Als ich hereinkam, drohte die Situation bereits zu eskalieren.« Das Versäumnis wurmte sie trotzdem.

»Richtig. Broders hat den Raum hinter der Tür übersehen. Die Übung ist insgesamt nicht optimal verlaufen. Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal hier, Broders?«

»Ist Jahre her …«

»Im Oktober gibt’s noch einmal ein Extratraining … Zumindest sollten Sie sich aber das nächste Mal früher wieder bei uns anmelden. Was ist mit Ihrer Schulter, Frau Korittki?«

»Geht schon.«

Nachdem Pia ihren Frust über das verpatzte Einsatztraining später im Schießkino wieder einigermaßen kompensiert hatte – sie hatte die virtuellen Geiselnehmer mehrmals durch gezielte Schüsse außer Gefecht gesetzt, während die Geiseln jedes Mal unverletzt geblieben waren –, überredete sie Heinz Broders, sich zu einem verspäteten Mittagessen auf dem Markt an einen der vielen Tische in die Sonne zu setzen. Pia war von einem der Kellner aufmerksam begrüßt worden.

»Du isst wohl jeden Mittag hier«, sagte Broders. »Die kennen dich ja schon mit Kosenamen. Ich gönne mir nur alle Jubeljahre mal eine richtige Essenspause.«

»Dafür spare ich mir den Kuchen«, konterte Pia, da Broders’ wöchentliche Kuchengelage bei seiner Mutter in der Abteilung allseits bekannt waren. Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, musterte Pia ihren Kollegen. Blass war er, mit neuerdings recht ausgeprägten Tränensäcken unter den Augen. Er zappelte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. »Entspann dich, Broders, du hast es hinter dir«, sagte sie leise.

»Ja, schon. So schnell sehen die mich bestimmt nicht wieder. Von wegen Extraschulung … Die können mich mal!«

»Sei doch froh. Es wird zu wenig Geld in diese Art von Schulungen gesteckt.«

»Dass dir das Schießen Spaß macht, hat man gesehen.«

»Ich finde es wichtig«, sagte Pia. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Um welche Uhrzeit ist heute noch mal die Einsatzbesprechung angesetzt worden?« Sie musste vor der Besprechung noch einen Bericht schreiben und hatte außerdem ein paar Telefonate zu erledigen.

»Du weißt es noch nicht?«, fragte Broders in dem inquisitorischen Tonfall, mit dem er seine Mitmenschen gern traktierte.

»Was soll ich wissen?«

»Ich habe vorhin in der Pause kurz mit Gabler telefoniert. Er hat da so eine Andeutung gemacht. Ich glaube, du bist da gar nicht mehr eingeplant …« Horst-Egon Gabler war ihrer beider Chef, der Leiter des K1. Heinz Broders als dienstältester Mitarbeiter in der Abteilung unterhielt einen besonders intensiven Kontakt zu ihm. Vielleicht kompensierte er so die heimliche Enttäuschung, nicht selbst für diesen Posten ausgewählt worden zu sein.

»Davon weiß ich nichts. Was genau hat er denn gesagt?«, fragte Pia, darauf bedacht, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen. Sie forschte in ihrem Gedächtnis nach etwaigen Versäumnissen oder Fehlern, die ihr in den letzten Tagen unterlaufen sein könnten, wurde aber nicht fündig. Da war nur dieses permanente schlechte Gewissen, wie es Menschen mit hohem Arbeitspensum und großer Verantwortung häufig mit sich herumschleppen.

»Keine Ahnung. Ich dachte, du wüsstest es …« Broders gab sich unbeteiligt, doch Pia sah, wie es hinter den halb geschlossenen Augenlidern neugierig glitzerte, und das lag nicht nur daran, dass er sein Gesicht in die Sonne hielt. Sie griff zu ihrem Wasserglas, trank ein paar Schlucke und ließ den Blick über den belebten alten Marktplatz schweifen … Gerade trat eine Gruppe Touristen aus dem dunklen Arkadengang des Kanzleigebäudes ins Sonnenlicht und zerstreute sich. Links von ihr befand sich das Rathaus, dessen Fassade sich von den roten Backsteinbauten der Altstadt abhob. Hinter ihr ragten die Türme der Marienkirche in den blauen Julihimmel. In der Sonne war es warm, aber durch die Markttwiete in ihrem Rücken blies immer mal wieder ein frischer Luftzug, der sie frösteln ließ. Oder war es der Anblick des Kaak, des wieder aufgebauten historischen Prangers, der ihr diesen Schauer verursachte?, fragte sich Pia, während sie ein Paar beobachtete, das dort neckisch posierte …

Wie schnell war man früher wohl denunziert worden? Wie schnell hatte man am Pranger gestanden? Und auch wenn das Ding nur noch zu Dekorationszwecken dort stand – das Wesen der Menschen hatte sich nicht geändert. Pia konnte sich zumindest keinen Reim auf Broders’ Äußerung machen. Seit ungefähr vier Wochen beschäftigten sie sich mit einem brutalen bewaffneten Raubüberfall und standen nun kurz vor dem Abschluss der Ermittlungen. Warum sollte sie nicht mehr dabei sein?

»Das wird sich schon klären«, sagte Pia ruhiger, als sie sich fühlte.

»Wenn du meinst.« Broders hob abwehrend die Hände. »Du solltest ja wissen, ob es Probleme gibt oder nicht.«

Zwei große, reichhaltig belegte Baguettes wurden vor ihnen abgesetzt, was Pia zunächst einer Antwort enthob. Sie zuckte mit den Schultern und griff nach ihrem Käse-Schinken-Baguette. Sie war sich keiner Schuld bewusst und ärgerte sich, dass sie sich durch Broders’ Äußerung verunsichert fühlte.

Pia liebte ihren Beruf, der für sie Sinn und Aufgabe darstellte in einer Welt, die ansonsten chaotisch und sinnlos schien … Einzig dass Hinnerk, ihr Freund, ihren Beruf so kritisch sah, war ein Wermutstropfen. Dies war der Punkt, der Pia manchmal zu schaffen machte, wenn sie Prioritäten setzen und ihre Beziehung hintanstellen musste. Aber die Arbeit beim Kommissariat 1 war für sie mehr; das K1 war fast eine Art Familie. Sogar Broders, derb, manchmal sogar brutal in seinen Äußerungen, der immer mal wieder die Konfrontation mit ihr suchte, kam ihr inzwischen unverzichtbar vor.

»Vielleicht hat Gabler dein Vorgehen bei dem Tankstellenpächter nicht gefallen?«, ließ Broders nicht locker. »Er sah nicht gerade vergnügt aus, als er davon erfuhr.« Er biss herzhaft in sein Baguette, und ein paar Krümel blieben in seinem Bart hängen.

»Du machst dir zu viele Gedanken, Broders.«

»War schon immer mein Hobby«, versetzte er säuerlich. Er sah verstimmt aus, weil sie nicht auf seine pessimistischen Mutmaßungen einging. »Du dagegen scheinst dir überhaupt keine Gedanken zu machen.«

»Das sieht nur so aus. Willst du gleich noch einen Cappuccino?«

Eine halbe Stunde später zeigte sich, dass Heinz Broders mit seiner Vermutung richtig lag. Der Leiter des Kommissariats fing Pia ab, als sie gerade auf dem Weg zur Einsatzbesprechung war.

»Frau Korittki? Warten Sie mal«, rief er, als sie den Besprechungsraum betreten wollte. Pia versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, doch sie sah nur Unbehagen und Eile.

»Was ist denn los?«, fragte sie, während sie demonstrativ den dicken Aktenordner zum aktuellen Fall auf dem Arm balancierte.

Er wich ihrem Blick aus. »Sie sind ab heute nicht mehr hier dabei, Frau Korittki. Die anderen können allein weitermachen.«

»Wie bitte?«

»Kommen Sie gegen fünf in mein Büro. Es hat sich eine Änderung ergeben«, forderte er sie mit spröder Stimme auf.

»Was für eine Änderung?«

»Das erkläre ich Ihnen dann.«

Pia starrte ihn verblüfft an. Diese Neuigkeit aus seinem Mund zu hören war noch einmal eine andere Nummer als eine Andeutung ihres Kollegen Broders. Gestern noch hatte sich Gabler beklagt, sie hätten zu wenig Leute für die aktuellen Ermittlungen, und heute wollte er sie nicht mehr dabeihaben? Er nickte ihr noch einmal zu und verschwand ohne ein weiteres Wort im Besprechungsraum, wo die anderen Kollegen schon auf ihn warteten. Als sich die Tür vor ihrer Nase schloss, wurde Pia wütend. Sie zuckte verärgert mit den Schultern, was ihr zusätzlich zu dem Gefühl, übergangen worden zu sein, einen scharfen Stich im Schulterblatt eintrug. Es erinnerte sie daran, dass sie ohnehin noch hatte nachschauen wollen, was es mit der Verletzung auf sich hatte.

Auf der Damentoilette zog sie sich vor dem Waschbecken mit zusammengebissenen Zähnen das T-Shirt über den Kopf. Es war nicht ganz leicht, das eigene Schulterblatt in dem kleinen Spiegel zu betrachten, doch sie konnte dort, wo sie gegen die Kante des Couchtisches geprallt war, ein eindrucksvolles, sich gut entwickelndes Hämatom erkennen. Ausgerenkt war das Schultergelenk wohl nicht, das fühlte sich anders an. Sie zog das T-Shirt wieder an, wusch sich mit kaltem Wasser Hände und Gesicht und ging zurück in ihr Büro. Sie teilte es sich seit Längerem mit Oswald Heidmüller, doch jetzt war es leer. Ossie war, wie ihre anderen Kollegen auch, bei der aktuellen Einsatzbesprechung.

3. Kapitel

Eine warme Brise wehte den Hügel hoch, erfüllte die Gassen und Plätze in der Altstadt Perugias mit ozonreicher, staubiger Luft. Der Wind brachte die Blätter der Bäume des Giardini Carducci zum Rascheln und strich über Matthias Nowaks schweißnasse Stirn. Er saß auf der Terrasse der Collins C.A.R. Caffè American Bar des Guarini Palace und sah ungeduldig zum Eingang des Hotels hinüber. Irgendwann würde seine Schwester das Gebäude schon verlassen. Es war kurz nach vier am Nachmittag und immer noch brütend heiß. Die Geschäfte entlang des Corso Vanucci, Boutiquen, Schuhgeschäfte und Souvenirläden, öffneten jetzt, nach der Siesta, wieder ihre gläsernen Eingangstüren. Das zumindest musste Annegret doch aus dem Hotel locken. Aber Matthias Nowak ahnte bereits, dass er sich etwas vormachte. Er hatte seine Schwester seit vorgestern, als Rizzo ihn zu einem Geschäftstermin nach Rom geschickt hatte, weder gesehen noch mit ihr telefoniert. Irgendetwas war in der Zwischenzeit schiefgegangen, das spürte er, aber er konnte sich nicht vorstellen, was es war. Die Übergabe, die heikelste Phase ihres Plans, stand ihnen ja noch bevor.

Eine Frau trat aus dem Hotel. Nowak fuhr hoch, doch es war nicht Annegret, die unter dem roten Vordach stand und ungeduldig auf ihre Armbanduhr sah. Was ihn zusätzlich beunruhigte, war die Tatsache, dass auch Bernhard Löwgen, der wie Annegret im Guarini wohnte, seit Tagen nicht mehr an sein Mobiltelefon ging. Warum zum Teufel? Hatten Annegret und Bernhard kalte Füße bekommen? Waren sie nach Deutschland zurückgeflogen, ohne ihm Bescheid zu sagen? Was konnte in den zwei Tagen, die er in Rom verbracht hatte, Dramatisches passiert sein? So dramatisch, dass es die beiden zum sofortigen Abflug genötigt hatte, gleichzeitig so unbedeutend, dass seine Frau Caterina und auch ihr Onkel, Gisberto Rizzo, der angeblich immer alles wusste, was in Perugia vor sich ging, nichts davon erwähnt hatten.

Das brachte Nowak zu der nächsten unangenehmen Annahme: Caterina und Rizzo verschwiegen ihm etwas. Seit der Stunde X, wie er den Einbruch in Paolo Sassones Haus insgeheim nannte, misstraute er sogar seiner eigenen Familie. Solange die gestohlenen Kunstgegenstände noch in dem Haus in Tuoro lagerten, schnürte ihm die Angst vor der Polizei den Brustkorb zusammen. Er wollte mal wieder richtig Luft holen können. Es war höchste Zeit, dass sie die Ware wieder loswurden.

Der Kellner schlenderte an ihm vorbei und fragte höflich, ob er noch einen Wunsch habe. Klar, er saß jetzt seit einer halben Stunde hier. Einer Laune nachgebend, orderte Nowak einen Martini. Die schrill ausstaffierten Engländer, die, Martini schlürfend und Stadtpläne studierend, am Nebentisch saßen, hatten ihn auf die Idee gebracht. Die Petit Fours und Mini-Sandwiches mit Gurke, gekochtem Schinken und Mayonnaise, die ihm mit dem zuvor bestellten Cappuccino serviert worden waren, hatte er aus Langeweile alle aufgegessen. Zu dem trockenen Martini gab es nun Brotchips und geröstete Erdnüsse. Nowak trank einen Schluck und genoss es, wie die kühle, etwas ölige Flüssigkeit, die ihn an Hustensaft erinnerte, seine Kehle hinunterlief. Er lehnte sich in den cremeweißen Polstern zurück und versuchte, wenigstens entspannt auszusehen.

Das Einfachste wäre, sich an der Rezeption nach dem Verbleib von »Mrs. Dreyling«, wie seine Schwester ja nun hieß, zu erkundigen. Doch sie alle waren ja übereingekommen, dass er sich nicht mit Bernhard oder seiner Schwester im Hotel treffen sollte. Wenn Annegret nicht langsam mal auftauchte, würde er trotzdem nachsehen gehen. Ja – ungeachtet ihrer Vorsätze und Pläne beschloss er in diesem Moment, genau das zu tun.

Er wusste, wie er unbemerkt ins Hotel gelangen konnte, denn er hatte diesen Weg schon mehrmals heimlich genommen, als er Annegret unbedingt hatte sehen müssen. Auch dieses Mal wartete er ab, bis der Kellner seinen Posten vor dem Eingang der Bar aufgegeben hatte, und schlenderte hinein. Rechts von der Bar befand sich eine Treppe hinunter zu den Toiletten. Von dort gelangte Nowak durch eine Glastür in einen Gang und weiter eine Treppe hinunter in den Wellness-Bereich des Hotels. Von dort konnte er mit dem Fahrstuhl nach oben bis kurz vor Annegrets Hotelzimmer fahren. Auf diesem Weg musste er die Hotelhalle mit dem Empfangstresen im Erdgeschoss gar nicht passieren. Nowak griff sich im Vorbeigehen einen der grünen Äpfel, die in einer ausladenden Schale auf dem Treppenabsatz dargeboten wurden, und betrat den Fahrstuhl.

Zum Glück stieg keiner zu. Matthias Nowak erreichte unbehelligt den dritten Stock. Mit einem leisen »Pling« glitt die Fahrstuhltür zur Seite und entließ ihn in einen Gang mit weichem, dunkelblauem Teppichboden. Weit und breit war niemand zu sehen. Als er um die Ecke bog und auf die schallisolierte, doppelte Tür von Annegrets Hotelzimmer zusteuerte, erstarrte er mitten in der Bewegung. Was war hier passiert? Die Tür war von der italienischen Polizei versiegelt worden! Ein Seitenblick nach rechts bestätigte seine Vermutung, dass mit Bernhard Löwgens Zimmertür daneben genauso verfahren worden war. Er hörte sich keuchen, und das Nächste, was er registrierte, war, dass er mit zitternden Knien an der Wand lehnte und mit dem Hinterkopf dagegen hämmerte. Der angebissene Apfel war ihm aus der Hand gefallen und rollte über den königsblauen Teppich. Was hatte das zu bedeuten? Wo war seine Schwester, verdammt noch mal? Was er sah, machte ihm Angst. Warum hatte die Polizei die Zimmer abgesperrt und versiegelt? Waren Annegret und Bernhard verhaftet worden? Das ergab keinen Sinn. Oder waren sie abgehauen, ohne ihre Hotelrechnung zu bezahlen?

Er kam nicht dazu, diese Gedanken in ihrer letzten Konsequenz zu Ende zu denken, denn er hörte das Geräusch der sich öffnenden Fahrstuhltür und kurz darauf gedämpfte Schritte. Ein Gast, Hotelpersonal oder die Polizei? Eine dicke, hochgewachsene Frau mit einem Turban auf dem Kopf bog um die Ecke, gefolgt von einem Herrn, der neben ihr wie ein Spielzeugmännlein aussah. Die Frau stieß mit der Fußspitze gegen den angebissenen Apfel, der daraufhin zur Seite rollte, und rief etwas aus, das auf Unmut oder Ekel schließen ließ. Dann erst entdeckte sie Nowak, der immer noch mit dem Rücken an der Wand lehnte, und starrte ihn aus winzigen, türkisfarben umrandeten Augen misstrauisch an.

Wie musste er sich verändert haben, dass er nicht mehr ohne Weiteres als Gast eines Fünf-Sterne-Hotels durchging!, dachte er. In seinem früheren Leben war er oft in Hotels wie diesem abgestiegen. Er war ordentlich angezogen, jedenfalls nicht schlechter als der exotische Haufen anderer Gäste, die hier ein und aus gingen. Zugegeben, sein Haar war inzwischen etwas länger als früher, aber viele Italiener trugen es so. Lag es an seiner Blässe und den zu muskulösen Oberarmen, die man sah, wenn er, wie jetzt, ein Hemd mit kurzen Ärmeln trug? Oder fiel den Leuten die kleine Tätowierung auf, die ihm sein Knast-Aufenthalt eingebracht hatte? War er … gezeichnet?

Matthias Nowak riss sich zusammen und versuchte, sich an den beiden vorbeizudrängeln. Die dicke Frau schnalzte empört mit der Zunge, und das Männlein in ihrer Begleitung stellte sich ihm in den Weg. Immer mit der Ruhe!, ermahnte sich Matthias Nowak, die denken wahrscheinlich, du willst hier was klauen. Er hatte schon gefährlichere Situationen gemeistert. Wichtig war, keine weitere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Gibt es ein Problem?«, fragte er. Bestimmt verstanden die beiden kein Wort Deutsch, sie schienen Franzosen oder Belgier zu sein. Aber der Ton und sein entschlossener Blick sollten trotzdem Wirkung zeigen. Die Frau keifte etwas Unverständliches und zog ihr Mobiltelefon hervor. Nowak schob ihren Begleiter mit sanfter Gewalt zur Seite. Er sah seinen Fluchtweg schon vor sich liegen, als sich plötzlich sein linker Fuß verhakte. Das Männlein hatte es tatsächlich gewagt, ihm ein Bein zu stellen!

Nowak stolperte, fing sich jedoch ab, indem er einen Ausfallschritt machte, den er als stechenden Schmerz in der Leiste spürte. Er musste sich mit einer schweißfeuchten Hand an der Wand abstützen und lief dann mit großen Schritten in Richtung Treppenhaus. Hinter sich hörte er die Frau lamentieren. Matthias Nowak sprang in großen Sätzen die Stufen hinunter bis ins Kellergeschoss. In seiner Eile hätte er fast den Durchgang zu den Toiletten verpasst. Als er am Fuß der Treppe stand, die zur Bar hinaufführte, versuchte er, seinen keuchenden Atem in den Griff zu bekommen. Er schwitzte wie in der Sauna. In der gediegenen Atmosphäre der Hotelbar, wo sich Selbstgefälligkeit und Langeweile wohl tagtäglich ein Stelldichein gaben, würde er sofort auffallen. Nichts wie raus!

Draußen fiel das warme Licht der Nachmittagssonne auf die ockerfarbenen Fassaden der alten Häuser Perugias und die Baumkronen des Giardini Carducci. Und auch sein Martini-Glas stand noch, nur zur Hälfte geleert, auf dem Tischchen auf der Terrasse. Er drückte dem verdutzten Kellner einen Zwanzigeuroschein in die Hand und überquerte die Straße. Im Hotel wurde jetzt bestimmt gerade die Polizei verständigt, doch sie würde zu spät kommen – er hatte gewonnen.

Innerhalb weniger Minuten war Matthias Nowak über die Rolltreppen in den dunklen Gängen der Rocca, den Überresten des etruskischen Perugias unterhalb der Stadt, verschwunden.

Um halb sechs fand Horst-Egon Gabler endlich Zeit, sich mit Pia zusammenzusetzen. Sie hatte inzwischen all ihre Telefonate erledigt und ein paar Formulare ausgefüllt, trotzdem war genug Zeit für die nicht immer erfreulichen Grübeleien darüber gewesen, was ihr Chef ihr wohl mitzuteilen hatte. Ihr war nicht besonders wohl, als sie in Gablers zerfurchtes, vom Dauerstress gezeichnetes Gesicht sah. Er blätterte ein paar Papiere durch und seufzte leise.

»Sie fragen sich sicher, warum ich Sie vom aktuellen Fall abgezogen habe«, begann er.

»Richtig.«

»Wir haben die Ermittlungen ja nahezu abgeschlossen. Insofern sind Sie jetzt frei für eine Aufgabe, die gerade erst hereingekommen ist.« Er schob ihr ein Fax hinüber. »Das ist Ihre neue Aufgabe, Frau Korittki. Ich bin selbst erst heute Mittag darüber informiert worden. Und es ist eine gewisse Eile geboten«, sagte er und klickte mit der Mine seines Kugelschreibers. Pia nahm das Fax zur Hand. Es trug den Briefkopf einer italienischen Polizeibehörde. Pia versuchte, den italienischen Text darunter zu entziffern, was ihr nur ansatzweise gelang. Ganz unten auf dem dünnen Papier befanden sich zwei Namen und Adressen sowie eine schwungvolle, aber unleserliche Unterschrift.

»Was bedeutet das?«, fragte sie. Den Sinn des italienischen Textes konnte sie unter Zuhilfenahme ihrer nahezu verschütteten Lateinkenntnisse gerade so erahnen.

»Ich habe schon mit unserem Verbindungsbeamten in Italien gesprochen: Wir werden hier zunächst einmal auf dem kleinen Dienstweg um unsere Mithilfe gebeten. In Perugia in Italien ist in einem Hotel eine ermordete Person aufgefunden worden, die höchstwahrscheinlich eine Deutsche ist. Die Frau hatte sich unter dem Namen Annegret Dreyling in einem Hotel namens Guarini Palace eingemietet, als Heimatadresse hatte sie Lübeck angegeben.«

»Oje«, sagte Pia.

»Ja. Oje. Die italienischen Behörden kommen mit ihren Ermittlungen vor Ort wohl nicht so recht weiter. Die Frau hatte einen deutschen Begleiter, der seit dem Mord verschwunden ist. Der Mann wohnte in einem Hotelzimmer direkt neben dem der Ermordeten, und der Name, den er bei der Anreise angegeben hat, lautet Bernhard Löwgen. Angeblich wohnt er in der Nähe von Ratzeburg. Sie sehen also, Lübeck und Herzogtum Lauenburg – wir sind in jedem Fall involviert. Es geht zunächst darum, die Ermordete zweifelsfrei zu identifizieren und die Angehörigen zu informieren. Außerdem müssen wir überprüfen, ob sich Bernhard Löwgen inzwischen wieder in Deutschland aufhält. Alles Weitere wird sich dann finden. Es dauert den Italienern verständlicherweise zu lange, das alles über offizielle Anfragen laufen zu lassen. Die Formalitäten können auch später noch erledigt werden.«

»Warum übertragen Sie mir diese Aufgabe?«, wollte Pia wissen. Sie galt im Kommissariat als ausdauernd und hartnäckig, war jedoch nicht gerade für ihre herausragenden diplomatischen Fähigkeiten bekannt. Der neue Auftrag würde aber ein Tanz auf rohen Eiern werden, denn es war immer schwierig, wenn man sich mit ausländischen Behörden auseinandersetzen musste. Dazu kam die Übermittlung der Todesnachricht an die Angehörigen. Eine Aufgabe, bei der sich auch nie jemand vordrängte …

»Ich halte Sie für geeignet«, sagte Gabler vage. Das Gesuch der italienischen Behörden behagte ihm nicht, so viel war klar. Als er das Stirnrunzeln seiner Mitarbeiterin sah, setzte er hinzu: »Außerdem sprechen Sie doch fließend Französisch und Spanisch, wenn ich die Angaben in Ihrer Personalakte richtig im Kopf habe. Das könnte nützlich sein.« Aus Gablers Mund klang die Tatsache, dass Pia über etwas weiter reichende Fremdsprachenkenntnisse verfügte, als hätte sie einen angeborenen geistigen Defekt.

»Wenn ich das Fax richtig verstehe, ist der Mord in Perugia in Italien begangen worden. Dort spricht man meines Wissens Italienisch.«

»Perugia liegt mitten in Italien, in Umbrien, um genau zu sein«, bestätigte Gabler. »Aber diese romanischen Sprachen haben doch alle eine gewisse Ähnlichkeit, nicht wahr?« Er malträtierte erneut seinen Kugelschreiber.

»Also gut.« Pia faltete das Fax in der Mitte zusammen. »Ist das hier alles, oder bekomme ich noch mehr?«

»Das ist vorerst alles. Uns wird noch ein Fragenkatalog aus Italien zugesandt, wenn wir Glück haben, in deutscher Übersetzung. Aber bis es so weit ist, sollten Sie keine Zeit verlieren.« Gabler schaute sie erwartungsvoll an.

Pia erhob sich langsam und sah, dass ihr Chef offensichtlich erleichtert war, weil sie nun mit ihrem neuen Auftrag von dannen ziehen wollte. »Wenn etwas unklar ist, können Sie sich jederzeit an mich wenden, Frau Korittki.«

Eigentlich ist nichts klar, dachte Pia. Der Widerwille, den Gabler der Anfrage aus Italien entgegenbrachte, ließ sich wohl nicht nur auf die Sprachbarriere zurückführen. Es steckte mehr dahinter. Als sie die Türklinke in der Hand hatte, räusperte sich Gabler.

Pia drehte sich noch einmal um. »Ja?«

»Ich vertraue darauf, dass Sie mit viel Fingerspitzengefühl an die Sache herangehen, Frau Korittki. Sie kennen doch Frage eins?«

»Frage eins – ist das meins?«, zitierte Pia den alten Spruch der Kriminalbeamten mit einem schwachen Lächeln.

»Genau. Im Grunde ist das nicht unser Fall.« Er schien noch etwas hinzuzusetzen zu haben, würgte aber an dem Brocken wie eine Katze an einer Handvoll Gras.

»Ich werde es berücksichtigen«, sagte Pia ungeduldig. Das dünne Thermo-Faxpapier klebte inzwischen an ihren Fingern.

»Der Name Dreyling gibt mir etwas zu denken«, brach es endlich aus Horst-Egon Gabler heraus. »Sie haben bestimmt schon mal was von der Dreyling-Stiftung gehört, Frau Korittki?«

»Sie meinen, die Ermordete gehörte zu den Dreylings?«, fragte Pia, die sich in diesem Moment ähnlich elend fühlte, wie Gabler aussah. Die Dreylings waren eine der bekannteren Lübecker Familien. Sie hielten sich im Hintergrund, trotzdem wusste man, wer sie waren.

»Ich möchte es nicht ausschließen«, war die unbefriedigende Antwort, mit der Pia vorerst entlassen war.

4. Kapitel

Das Kommissariat 1, ja das gesamte Polizeihochhaus, lag bereits im Dämmerschlaf, als Pia gegen acht Uhr ihr Büro verließ und mit dem Fahrstuhl nach unten fuhr. Nur im Erdgeschoss beim Kriminaldauerdienst wurde noch leise diskutiert. Pia hob grüßend die Hand und trat hinaus in den lauen Sommerabend. Während ihre Kollegen noch ihre Einsatzbesprechung abgehalten hatten, von der sie ausgeschlossen worden war, und dann einer nach dem anderen nach Hause gefahren war, hatte sie in ihrem Büro gesessen und versucht, sich eine sinnvolle Herangehensweise für diesen neuen, eher ungewöhnlichen Auftrag zu überlegen.

Zunächst hatte sie bei den Kollegen in der Dienststelle in Ratzeburg angerufen und sie gebeten nachzuprüfen, ob Bernhard Löwgen vielleicht schon wieder zu Hause war. Es passierten weit ungewöhnlichere Dinge, als dass ein Tatverdächtiger in seiner Wohnung saß, während die Polizei ihn sonst wo in der Weltgeschichte suchte. Danach hatte Pia im Internet nach dem Hotel Guarini in Perugia gesucht, um ein Gefühl für den Tatort und das Umfeld ihres neuen Falles zu bekommen. Nachdenklich hatte sie die Seite des Hotels auf ihrem Bildschirm betrachtet. Es handelte sich um ein Fünf-Sterne-Hotel, angeblich eines der Leading Small Hotels of the World. Die Fotos zeigten einen beeindruckenden alten Bau von 1884, der sich im Zentrum Perugias befand. Die Zimmer und Suiten, die auf den Fotos abgebildet waren, hatten Decken mit Stuck oder alten Dachbalken, seidenbespannte Wände, in gleichmäßigen Bögen drapierte Vorhänge und antike Möbel. Eines der Restaurants befand sich auf der Dachterrasse, mit Ausblick auf die darunterliegende Stadt und die umliegenden Hügel. Im Untergeschoss des Hotels gab es einen Wellness-Bereich mit Schwimmbad, wo man durch einen transparenten Glasboden die Überreste etruskischer Bauwerke sehen konnte. Alles sah luxuriös, stilvoll und … teuer aus. Hier wohnte man wohl nicht, wenn man auf den Euro achten musste. Gablers Sorge, die Dreylings könnten in den Fall verwickelt sein, schien gar nicht so weit hergeholt zu sein.

Fast zur selben Zeit, als Pia das Polizeihochhaus verließ, traf Matthias Nowak müde und verschwitzt in einer Wohnung in der Via Romana in Perugia ein. Er hatte die Scala mobile, die Rolltreppen, benutzt, die aus dem Stadtzentrum auf dem Hügel hinunter zur Piazza Partigiani führten, und war den Rest des Weges zu Fuß gelaufen. Auf seinem Weg hatte er sich mehrmals umgesehen und ein paar Umwege durch kleine Seitenstraßen gemacht, bis er sich sicher gewesen war, dass ihm niemand folgte.

Seine Frau Caterina hatte die Vierzimmerwohnung in dem unauffälligen Mietshaus in der Via Romana für einen begrenzten Zeitraum über das Internet gemietet. Sie gehörte einem Paar, das für ein paar Monate in Singapur arbeitete. Es war ein kostspieliges, aber komfortables und vor allem ungestörtes Arrangement. Die Nachbarn in den Wohnungen darüber und darunter hatten kaum mehr als beiläufiges Interesse gezeigt, als Caterina ihnen erläutert hatte, dass sie ihren Mann begleitete, der Geschäftsbeziehungen zu Olivenöl- und Weinproduzenten in der Umgebung aufbauen wollte. Es war nur natürlich, dass Matthias Nowak zu diesem Zweck recht häufig mit dem kleinen Lieferwagen, den sie gekauft hatten, durch die Gegend fuhr. Bisher war alles nach Plan verlaufen, so, wie es Caterinas Onkel, Gisberto Rizzo, minutiös für sie ausgearbeitete hatte. Doch seit ein paar Tagen war Stillstand eingetreten – ein quälender, ungesunder Stillstand. Der Geschäftstermin, den Rizzo für ihn in Rom arrangiert hatte, war zwar erfolgreich verlaufen, hatte den Fortgang ihrer eigentlichen Unternehmung aber nicht beschleunigt. Beim Öffnen der Wohnungstür dachte Nowak wieder an die versiegelte Tür im Guarini. Unerklärlich war das, unerklärlich und … beängstigend.

»Caterina!« Sein suchender Blick flog über den glänzenden grauen Granitboden, der sich durch den gesamten Wohnbereich bis hin zum Küchentresen erstreckte. »Caterina, wo bist du denn?«

Sie kam aus dem Schlafzimmer, ein paar Oberhemden über dem Arm, die sie offensichtlich bügeln wollte. »Ach, da bist du ja endlich, Matthias! Alles gut verlaufen in Rom?«

»Bestens. Hast du was von Annegret gehört?«

»Äh … nein. Komm erst mal rein. Möchtest du etwas trinken? Einen kalten Weißwein oder einen Averna?« Sie warf die Hemden im Wohnzimmer über die Sessellehne und öffnete den Schrank, in dem die Gläser standen.

»Ich will nichts trinken, Caterina!« Er musterte seine Frau misstrauisch. Sie waren seit fünf Jahren verheiratet, doch auf diese Art und Weise hatte sie ihn noch nie begrüßt. Sie standen zwar schon während des gesamten Italienaufenthalts unter Strom, was sich immer wieder in heftigen Diskussionen oder leidenschaftlichem, wenn auch irgendwie distanziertem Sex entladen hatte, doch die Anspannung, die er jetzt spürte, war eine andere, lähmende … »Ich will wissen, was los ist. Ich war eben im Guarini!«, sagte er drohend.

»Was? Du weißt doch, was wir mit Rizzo besprochen haben. Das Hotel ist tabu. Wie kannst du nur …« Sie verstummte und sah ihn mit einem elenden Ausdruck in den sonst so lebhaften braunen Augen an.

»Es ist etwas passiert, als ich weg war. Das weiß ich. Und ich will sofort von dir wissen, was es ist!«

Ihr Gesichtsausdruck, Angst und Entschlossenheit, die miteinander zu kämpfen schienen, traf ihn wie ein Hieb in die Magengrube. Er ballte die Fäuste.

»Annegret ist tot«, sagte sie und wandte den Blick ab.

Er hatte es geahnt. Ja, er hatte es so gut wie gewusst, doch diese Ungeheuerlichkeit aus ihrem Mund zu hören, klar und verständlich formuliert, weckte nur das zornige Verlangen, sie zu bestreiten. Der Muskel in seinem rechten Arm zuckte, die Wut schickte Blitze in sein Blickfeld, und ehe er sich’s versah, hatte er Caterina gepackt und schüttelte sie grob. »Du lügst! Annegret ist nicht tot. Sie kann nicht tot sein, nicht meine Schwester!«

»Du tust mir weh.«

»Du hast sie nie gemocht, nicht wahr, Caterina? Und jetzt lügst du auch noch, erzählst mir, dass sie tot sein soll …«

»Lass mich los, Matthias«, sagte sie; ihre Zähne schlugen dabei aufeinander. »Komm wieder zu dir. Es ist die Wahrheit.«

Er ließ sie abrupt los, sie stolperte und fiel rückwärts in die ausladende Ledergarnitur. Caterina schrie auf und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. »Mein Onkel hat mich gewarnt, dass du es schlecht aufnehmen würdest. Er wollte es dir selbst sagen, aber ich wollte das nicht. Ich fand es besser, wenn du es von mir erfährst«, fügte sie hinzu. Caterina hatte sich erstaunlich schnell wieder gefasst. Sie rieb sich den linken Oberarm, dort, wo er sie so grob gepackt hatte, und musterte ihn, wie um nach weiteren Anzeichen unkontrollierter Trauer und Wut zu suchen.

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