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Tödliche Freundschaft

Raven Cross

Tödliche Freundschaft

PROLOG

Die Leiche der jungen Frau lag auf Sumpfpflanzen gebettet zwischen Mangrovenbäumen. Ihre Hände waren gefaltet. Ihr langes Haar umrahmte malerisch ihre Schultern. Sie sah aus, als schliefe sie. Nur ihre fahle Haut und die rotblauen Würgemale an ihrem Hals verrieten, dass sie nie mehr atmen und die Augen aufschlagen würde.

Im Dickicht neben der Toten raschelte es. Mit behäbigen Bewegungen näherte sich ein Alligator dem Mädchen. Das Tier hatte den Geruch der Leiche gewittert. Es roch an ihr. Seine Schnauze berührte ihren Hals und ihr Gesicht. Es schritt an ihrem Körper entlang und begutachtete seine Beute. Dann öffnete es sein Maul, schlug die Zähne in ihre Taille und zog sie in das trübe Sumpfwasser – und verschleierte damit einen Mord.

1. KAPITEL

„Ich habe es geschafft! Mein Traum wird wahr“, murmelte Emily Miller, als sie in ihrem alten Ford durch die palmengesäumte Villengegend Coral Gables fuhr. In dem Ort, in dem vor allem Leute mit sehr viel Geld lebten, lag die University of Miami, von den Studenten kurz „U“ genannt, an der Emily ab jetzt studierte.

An der „U“ zu studieren war so ungefähr das Angesagteste, was man machen konnte – außer vielleicht in einem Musikvideo aufzutreten, mit einem Schauspieler zusammen zu sein oder gleich eine Karriere als Hollywood-Starlet zu haben.

Das pompöse Coral Gables – und erst recht die nur fünfzehn Kilometer entfernte schillernde Party-Metropole Miami – kamen Emily im Vergleich zu ihrer verschlafenen Heimatstadt Findlay in Ohio vor wie von einem anderen Planeten. Miamis Bewohner allerdings auch.

Die meisten von ihnen schienen eine Hälfte des Tages am Strand, die andere im Fitnesscenter zu verbringen. Noch nie hatte Emily so viele attraktive, braun gebrannte junge Menschen gesehen, die ihre schlanken Körper in teurer Markenkleidung zur Schau trugen und lässig in fabrikneuen Sportflitzern am Meer entlangfuhren.

Dagegen fühlte sich Emily in ihren Kaufhausklamotten und dem gebrauchten Ford, den ihre Eltern ihr damals zum 18. Geburtstag geschenkt hatten, nahezu schäbig.

Aber egal! Schließlich war sie gerade erst in Florida angekommen und musste sich zuerst einmal an ihr neues Leben gewöhnen. Auf diesen Tag hatte sie lange gewartet. Ihr Vater war sehr krank gewesen, und Emily hatte nach dem Highschool-Abschluss ihre Mutter dabei unterstützt, ihn zu pflegen. Nun ging es ihm wieder besser, und Emily konnte endlich mit dem Studium in ihrer Traumstadt beginnen.

Sie würde Miami und die „U“ schon erobern, nette Freunde finden und jede Menge aufregende Dinge erleben. Ihre Freunde und Bekannte in Findlay würden vor Neid platzen!

Ihr Enthusiasmus ließ sich nicht bremsen. Auch nicht, als sie eine halbe Stunde später vor einem tristen Gebäude in der öden Seitenstraße eines sozial schwachen Stadtviertels den Ford vor ihrem neuen Zuhause parkte: Es war ein möbliertes, zwanzig Quadratmeter großes Einzimmerapartment mit fleckigem Teppichboden und Aussicht auf den Hinterhof.

Nachdem Emily sich in der Wohnung umgesehen hatte, packte sie ihren Koffer aus, stopfte ihre wenigen Sachen in den Schrank und saß keine zehn Minuten später wieder im Auto. Sie fuhr zum Campus der „U“, um die Kurse für ihr Betriebswirtschaftsstudium zusammenzustellen. Danach plante sie, inmitten der hippen Studenten in der Universitätscafeteria einen Caffè Latte zu trinken.

Da sie vor allem Pflichtkurse belegen musste, dauerte es nicht allzu lange, bis ihr Stundenplan fertig war. Endlich konnte sie sich auf das konzentrieren, worauf sie sich schon die ganze Zeit gefreut hatte: das Studium ihrer Kommilitoninnen. Und bei deren Anblick stockte Emily der Atem.

Sie hatte bereits auf der Fahrt durch Coral Gables und Miami den Eindruck gewonnen, dass es in dieser Gegend von Schönen und Reichen nur so wimmelte. An der „U“ traf sie nun auf die ultimative Kombination von beidem. Hier lebte offensichtlich die Elite.

Die Mädchen in der Cafeteria, in der Emily sich einen Platz am Fenster gesucht hatte, schienen direkt aus einer Casting-Show für Topmodels entstiegen zu sein. Perfekt gestylt und selbstbewusst stolzierten sie durch den Raum und waren sich der bewundernden Blicke zweifellos bewusst.

Emily vermutete, dass diese Mädchen sich um nichts Gedanken machen mussten. Ihre reichen Väter versorgten sie sicher mit ausreichend Geld, und der Rest ergab sich dank ihres überdurchschnittlichen Aussehens von selbst.

Seufzend stützte Emily die Ellenbogen auf. Wie sollte sie da mithalten? Ihre Eltern waren keine Millionäre. Sie musste sich spätestens im nächsten Semester einen Job suchen, um ihre Ausbildung mitzufinanzieren.

Damit nicht genug, hatte nicht mal ein Junge sie angesehen und mit ihr geflirtet! Eine Unverschämtheit! Zu Hause in Findlay gehörte sie zu den hübschesten Mädchen und konnte sich vor Verabredungen kaum retten. Aber hier war die Konkurrenz groß. Hatte sie sich zu viel vorgenommen?

Nein! Sie würde es schaffen! Schwungvoll warf sie ihre langen braunen Haare zurück und blickte sich unauffällig danach um, ob jemand sie anschaute. Als sie feststellte, dass keiner der anwesenden Studenten von ihr Notiz nahm, murmelte sie leise in sich hinein: „Na wartet! Euch werde ich es zeigen!“

Sie verdrängte die letzten Zweifel, nippte an ihrem eisgekühlten Caffè Latte und ergriff den „Miami Herald“, den jemand auf dem Tisch vergessen hatte. Wenn sie ganz entspannt Kaffee trank und Zeitung las, würde jeder denken, sie studiere schon länger an der „U“ und stehe über den Dingen.

Auf der Titelseite der Tageszeitung prangte, wie kaum anders zu erwarten, das Gesicht eines wunderschönen Mädchens. Zuerst dachte Emily, der Artikel handele von einer lokalen Berühmtheit, einem Model oder einer aufstrebenden Schauspielerin. Doch dann zeigte sich, dass auch das Paradies seine Schattenseiten hatte.

Das Mädchen hieß Donna Mead, war – wie Emily – 21 Jahre alt und studierte Betriebswirtschaft an der „U“. Donna wurde seit dem letzten Wochenende vermisst. Kommilitonen hatten sie zuletzt beim Verlassen ihres Studentenwohnheims gesehen. Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens trug sie einen hellblauen Versace-Minirock und ein weißes, ausgeschnittenes Top von Dolce & Gabbana. Die Polizei bat um Hinweise aus der Bevölkerung, die über den Verbleib der jungen Frau Aufschluss gaben.

Emily betrachtete Donna, die auf dem Bild bezaubernd lächelte und mit großen Augen erwartungsvoll in die Kamera blickte – und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Ihr Gefühl sagte ihr, dass das Mädchen tot war.

Sie hatte genug Krimi-Serien im Fernsehen geschaut, um zu wissen, dass es kein gutes Zeichen war, wenn eine Person länger als 24 Stunden verschwunden blieb. Gleichzeitig wünschte sie inständig, sich zu irren. Donna schien genauso ein Mädchen wie sie selbst zu sein: lebenshungrig, neugierig, fröhlich. Ihren Gesichtsausdruck auf dem Foto hatte Emily oft an sich selbst im Spiegel gesehen. Donna studierte sogar das gleiche Fach wie sie. Möglicherweise hätten sie sich in einem Seminar kennengelernt, und die Verschwundene wäre ihre Freundin geworden.

Emily mochte den Gedanken nicht weiterspinnen. Die Vorstellung, dass jemand womöglich so jung hatte sterben müssen, stimmte sie traurig und verdarb ihr die Vorfreude auf die „U“.

Sie legte die Zeitung mit Donnas Konterfei nach unten auf den Tisch, trank ihren Caffè Latte aus und verließ die Cafeteria. Sie schlenderte zum Uni-Laden, in dem neben Schreibartikeln und Büchern Campusmode angeboten wurde. Sie wählte ein rotes Kapuzensweatshirt mit dem Universitätsemblem und hatte durch den Kauf das Gefühl, schon ein bisschen mehr zur Studentenschaft zu gehören.

Als sie aus dem Geschäft trat, blinzelte sie in den Sonnenuntergang. Sie hatte zwar keine Lust, in ihr hässliches Apartment zurückzukehren, aber da sie in Miami noch niemanden kannte, wusste sie nicht, was sie sonst hätte machen sollen. Auf der Suche nach einem Club, der ihr gefiel, allein kreuz und quer durch die Stadt zu fahren schien ihr ziemlich sinnlos zu sein.

Außerdem war die Anreise anstrengend gewesen. Trotz des Kaffees wurde sie langsam müde. Sie hatte ihrer Familie noch nicht Bescheid gesagt, dass sie heil angekommen war, und im Übrigen begann am nächsten Morgen um neun Uhr ihr erstes Seminar. Sie wollte nicht verschlafen und sich am ersten Tag verspäten.

Sie hatte außerhalb des Universitätsgeländes geparkt, um Parkgebühren zu sparen. Auf dem Weg zu ihrem Wagen lief sie an einem Diner vorbei. Sie hatte das Restaurant auf dem Hinweg gar nicht bemerkt, was sie wunderte, denn das Lokal war ganz nach ihrem Geschmack. Es war altmodisch eingerichtet und erinnerte sie mit der Soda-Fontäne neben dem Tresen an die Eiscafés und Burger-Imbisse aus alten Hollywoodfilmen der 1950er-Jahre.

Während sie durch das Fenster in den Laden spähte, fühlte sie sich auf einmal beobachtet. Sie wandte den Kopf ein wenig zur Seite, und ihr Blick begegnete dem eines sehr attraktiven Jungen, der hinter dem Tresen einen Eisbecher füllte.

Er musterte sie von oben bis unten.

Emilys Herz begann zu rasen. Der Junge sah wirklich außerordentlich gut aus. Er hatte strahlend blaue Augen, sandfarbene, von der Sonne gebleichte Haare und leicht gebräunte Haut.

Er grinste sie breit an und winkte ihr zu.

Emily wurde puterrot, wandte sich schnell ab und machte sich eilig auf den Weg zu ihrem Auto. Nach ein paar Laufschritten kam ihr ihre Reaktion kindisch vor. Aber wenn sie nun kehrtmachte und durchs Fenster winkte, blamierte sie sich noch mehr.

Verdammt! Sie hatte die Chance, einen gut aussehenden Jungen kennenzulernen, vertan. Und warum?

Weil die Studenten in der Cafeteria ihr überhaupt keine Beachtung geschenkt hatten, sodass sie jetzt gar nicht glauben konnte, dass sich ein attraktiver Typ für sie interessieren könnte.

Noch mal verdammt!

Nun ja, morgen war auch noch ein Tag. Und da würde sie richtig loslegen! Schließlich gab es noch jede Menge hübsche Jungs zu erobern.

Aber das Lächeln des Kellners ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie dachte die ganze lange Fahrt zu ihrem Apartment an ihn und entschied, sein Lächeln als gutes Omen für ihre Zukunft an der „U“ zu betrachten.

Am nächsten Morgen saß Emily zwanzig Minuten vor Beginn des Kurses als Erste im Seminarraum. Sie hatte einen strategisch günstigen Platz an der Wand gewählt, von dem aus sie die Tür bestens im Blick hatte und jeden, der den Raum betrat, unauffällig mustern konnte.

Beinahe überrascht stellte sie fest, dass an der „U“ auch ganz normale Jugendliche studierten und diese sich anscheinend alle in ihrem Kurs versammelten.

Emily war gleichzeitig erleichtert und enttäuscht. Erleichtert, weil sie im optischen Vergleich mit den anderen Kursteilnehmerinnen ziemlich gut abschnitt. Enttäuscht, weil sie gehofft hatte, sich gleich am ersten Tag aus einem Kreis von Supermodels ihre neue beste Freundin aussuchen zu können.

Sie schämte sich für derart oberflächliche Wünsche. Aber sie war felsenfest davon überzeugt, dass diese Schönheiten aus reichem Elternhaus ein spannenderes Dasein als die anderen führten, und sie wollte unbedingt wissen, wie sich ein solches Leben anfühlte.

Der Seminarleiter erschien, schloss die Tür und schrieb seinen Namen an die Tafel. Er hieß Dr. Andrew Anderson.

Emily gab die Hoffnung auf, dass noch jemand Interessantes an ihrem Kurs teilnahm. Sie warf ihrer Tischnachbarin einen vorsichtigen Blick zu. Das Mädchen hatte die schlimmsten vorstehenden Zähne, die Emily jemals bei einem Menschen gesehen hatte. Die Hauer erinnerten sie an ein Pferd. Die Kommilitonin tat Emily richtig leid, und sie wollte sich gerade vorstellen, als die Tür aufgerissen wurde und eine atemberaubende Schönheit den Raum betrat.

Die Studentin war über 1,80 Meter groß, besaß klassische Gesichtszüge, einen honigfarbenen Teint, lange naturblonde Haare und grüne Katzenaugen. Mit ihrem Outfit, das aus der neuesten Gucci-Kollektion stammte, wie Emily gleich erkannt hatte, schien sie direkt vom Modeolymp der New Yorker Fashion Week herabgestiegen zu sein.

Die Klamotten kosteten mehr als Emilys Studiengebühren für ein ganzes Jahr. Und sein blendendes Aussehen machte das Mädchen unerreichbar – zumindest glaubte Emily das.

Die Studentin war sich offenbar ihrer umwerfenden Erscheinung bewusst, denn ohne nach rechts und links zu gucken, warf sie lässig ihre Mähne zurück und strebte auf mörderisch hohen Absätzen die freie erste Reihe an.

Dort blockierte sie drei Plätze, indem sie ihre Collegetasche und das Gucci-Jäckchen auf die Sitze neben sich legte. Sie setzte sich, schlug die langen Beine elegant übereinander und lächelte Dr. Anderson herausfordernd an.

Der Professor hatte den filmreifen Auftritt genauso staunend verfolgt wie die anderen Anwesenden. Nun räusperte er sich, um die Kursteilnehmer zu begrüßen, kam aber nicht dazu.

Erneut flog die Tür auf, und zwei weitere Schönheiten betraten den Seminarraum. Sie schienen Kopien ihrer Vorgängerin zu sein. Sie hatten dieselben Modelmaße und trugen ebenfalls Designerkleidung, nur dass die Haare der einen kastanienrot, die der anderen schwarz waren.

Die blonde Gucci-Trägerin winkte die Mädchen zu sich, nahm Tasche und Jacke von den reservierten Sitzen und wartete, dass sich die beiden neben sie setzten. Dabei sahen Emily und sie sich an.

Der Blick der grünäugigen Blondine ging Emily durch Mark und Bein. Sie spürte, wie sie in einer Tausendstelsekunde abgeschätzt, bewertet – und für unzureichend befunden wurde. Der üppige, perfekt geschminkte Mund des schönen Mädchens verzog sich zu einem kaum wahrnehmbaren herablassenden Grinsen. Gelangweilt wandte sich die Blonde von Emily ab und ihren Freundinnen zu.

Emily saß stocksteif auf ihrem Stuhl. Sie fühlte sich gedemütigt, und ihr kam der unangenehme Gedanke, dass das Mädchen später mit seinen Freundinnen über sie lästern würde.

Dr. Anderson erlöste Emily aus ihren düsteren Überlegungen, indem er das Trio in der ersten Reihe mit wohlklingender, autoritärer Stimme zurechtwies.

„Meine Damen. Wir befinden uns hier in der Universität und nicht in irgendeinem Club, in dem man zwecks Schaulaufen so spät wie möglich auftaucht.“

Unter den Studenten setzte allgemeines Gekicher ein. Doch das Trio gab sich unbeeindruckt.

„Für die Zukunft bedeutet das: Sie sitzen pünktlich zum Seminarbeginn um neun Uhr auf Ihren Plätzen“, fuhr der Dozent fort. „Kommen Sie auch nur eine Minute zu spät, brauchen Sie den Raum nicht mehr zu betreten. Sollten Sie es dennoch wagen, schicke ich Sie umgehend hinaus. Verspäten Sie sich dreimal, erhalten Sie keine Teilnahmebescheinigungen. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?“

Das Trio nickte.

„Gut“, sagte Anderson. „Und jetzt Ihre Namen. Ich weiß gerne, wem ich die Leviten lese.“ Er deutete mit seinem Kugelschreiber auf die Rothaarige.

„Crystal. Crystal Bouvier.“

„Und Sie?“ Der Dozent richtete den Stift auf die Schwarzhaarige.

„Isabelle Darcel.“

Wortlos wandte sich Anderson an die Blonde und zeigte mit dem Stift auf sie. Er wartete.

Sie antwortete nicht. Stattdessen musterte sie den Professor. Ihr Blick blieb an dem Kugelschreiber hängen, und sie hob skeptisch die Augenbrauen. Ein eindeutiges Zeichen, dass sie den Ton des Mannes missbilligte.

„Treiben Sie es nicht zu weit“, sagte Anderson ruhig. „Der Kurs ist ohnehin zu voll.“

Die blonde Studentin warf verächtlich den Kopf in den Nacken. „Chloé“, beantwortete sie schließlich seine Frage. Ihre rauchige Stimme verursachte Emily eine Gänsehaut. „Chloé Davenport.“

Anderson nickte und ging zu seinem Pult. „Selbstverständlich möchte ich auch die anderen Teilnehmer meines Seminars kennenlernen. Also schreiben Sie bitte alle Ihre Namen auf einen Zettel, und stellen Sie ihn vor sich auf. Dann öffnen Sie Ihre Bücher auf Seite zehn.“

„Chloé Davenport ist das ‚It Girl‘ Miamis und die ungekrönte Prinzessin von Coral Gables“, raunte Emilys Sitznachbarin, das Mädchen mit dem Pferdegebiss, ihr in der Seminarpause zu. „Ihr Vater ist Multimillionär mit Wohnsitzen auf der ganzen Welt. Ihre Mom war mehrfach Floridas Schönheitskönigin und hat vor dreißig Jahren an der Wahl zur Miss America teilgenommen und den dritten Platz belegt. Chloé vereint alle Vorzüge ihrer Eltern: die Schönheit und den Ehrgeiz ihrer Mutter sowie das Selbstbewusstsein und das Durchsetzungsvermögen ihres Vaters. Sie verkehrt nur mit den wichtigsten Leuten und besucht ausschließlich die angesagtesten Clubs. Keine Party, keine Modenschau, kein gesellschaftlicher Anlass steigt ohne sie und ihre Zetas.“

„Ihre was?“, hakte Emily nach. „Zetas?“

„Zeta Tau Alpha ist der vollständige Name ihrer Studentinnenverbindung. Chloé steht der Verbindung seit drei Semestern vor und hat dort ordentlich für Wirbel gesorgt. Chloé meinte, die ‚Schwestern‘ bräuchten einen hipperen Namen, und nennt seither sich und ihre engsten Vertrauten die Zetas. Das Kürzel identifiziert sie als Mitglieder der Zeta Tau Alpha-Verbindung und bezieht sich gleichzeitig auf Catherine Zeta Jones. Chloé verehrt die Hollywood-Schauspielerin.“

„Woher weißt du das alles?“

„Chloé und die Zetas sind Stadtgespräch. In jeder Montagsausgabe des ‚Miami Herald‘ kannst du unter der Rubrik ‚Leute‘ ihre Abenteuer und Exzesse vom Wochenende nachlesen. Die drei sind berühmt!“

Als sei „berühmt“ ihr Stichwort, kehrten die Zetas aus der Pause in die Klasse zurück. Ohne die anderen Studenten im Raum eines Blickes zu würdigen, schritt Chloé vorweg. Crystal und Isabelle folgten ihr.

Während Emily sie beobachtete, spürte sie einen Stich in ihrem Herzen, und eine Mischung aus Neid und Verlangen keimte in ihr auf. Sie wollte so gern zu den Zetas gehören, doch ihr fehlten das Selbstvertrauen, der Stil und die Arroganz der Mädchen. Außerdem hatte sie bereits eine Abfuhr von Chloé bekommen. Ihr abfälliger Blick war eindeutig gewesen.

Emily kaute auf ihrer Unterlippe herum. Ließ sie sich von Chloés kühler Art abschrecken? Nein, bestimmt nicht! Sie war nur einmal jung! Und diese Zeit wollte sie genießen. Koste es, was es wolle. Und wenn sie durch einen brennenden Reifen springen musste, um Chloé zu gefallen. Dann würde sie es tun!

Am Ende der Stunde bemühte Emily sich, die Zetas nicht anzugaffen, als sie den Raum verließen. Stattdessen sah sie demonstrativ in eine andere Richtung. Sie lehnte das Angebot des Mädchens mit dem Pferdegebiss, zusammen in der Cafeteria einen Mokka zu trinken, freundlich ab und ging in die Bibliothek. Dort durchforstete sie im Internet sämtliche Montagsausgaben des „Miami Herald“ aus den letzten sechs Monaten.

Bis zum Beginn des nächsten Kurses hatte sie eineinhalb Stunden Zeit. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, die Hausaufgaben für Dr. Andersons Seminar zu erledigen. Doch nun lernte sie den Stoff, den sie für ihr angestrebtes Sozialleben im sonnigen Miami brauchte.

Chloés Einfluss beruhte neben ihrem Aussehen und der Macht ihrer Familie auf ihrem Naturtalent, sich zur Geltung zu bringen. Sie wusste, sich in Szene zu setzen: Ihre Kleidung, ihr Benehmen und vor allem, wie sie sich mit den Zetas präsentierte – alles war perfekt. Allein dieses Namenskürzel … Genial! Chloé war ein PR-Profi!

Emily fühlte sich weder als PR-Profi noch kam sie aus einer bedeutenden Familie. Aber sie besaß ein hübsches Gesicht und eine gute Figur. Also musste sie daraus etwas machen. Dazu gehörte erst mal die richtige Kleidung, und dann musste Emily an ihrem Image arbeiten.

Aus den Artikeln über die Zetas ging hervor, was für Klamotten die Mädchen am liebsten trugen. Kein Kleidungsstück kostete unter 300 Dollar.

Emily überschlug ihr monatliches Budget. Davon ließ sich kein Dollar für überflüssigen Luxus erübrigen.

Aber es gab noch das Sparbuch, auf das ihre Patentante Louise seit Emilys Geburt monatlich 50 Dollar eingezahlt hatte und das sie ihr zum Abschied aus Findlay in die Hand gedrückt hatte. Inzwischen hatte sich mit Weihnachtsgeld, Geburtstagsgeld, Barem für gute Noten und Zinsen eine stattliche Summe von über 15.000 Dollar auf dem Konto angesammelt. Das Geld sollte nach Tante Louises Wunsch für Emilys Aussteuer verwendet werden. Ein Anlage, die in Tante Louises Augen von außerordentlicher Wichtigkeit war.

Aber wer in Gottes Namen legte im 21. Jahrhundert noch Geld für Geschirr, Bettlaken und Tischwäsche für den Fall einer Hochzeit zurück? Außerdem würde Emily das Geld für etwas ähnlich Wichtiges ausgeben: für ihren sozialen Aufstieg!

Die Finanzierungsfrage war somit geklärt. Auch wenn Emily ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Patentante verspürte.

Als Nächstes notierte sie aus den Klatsch- und Tratschspalten die Namen der Clubs und Bars, in denen die Zetas am häufigsten feierten. Ein Laden stach besonders heraus: Im „Jungle“, einer Lounge an der Promenade von Miami Beach, verbrachten die Zetas die längsten Nächte.

Der Eintrittspreis war horrend – 30 Dollar –, aber gut investiert, wenn Emily es schaffte, nach ein, zwei Besuchen Freundschaft mit Chloé zu schließen. Die Zetas standen auf der VIP-Gästeliste, und das wollte Emily auch.

Mit allen notwendigen Infos versorgt, verließ sie die Bibliothek und eilte in ihr Seminar über Rechnungswesen. Der Unterricht zog sich in die Länge wie Kaugummi. Ungeduldig rutschte Emily auf ihrem Stuhl hin und her und sah alle drei Minuten auf die Uhr.

Als die Stunde endlich zu Ende war, schwänzte sie den darauffolgenden Kurs, fuhr nach Hause, holte das Sparbuch und machte sich auf den Weg zur Shopping-Meile nach Coral Gables.

Drei Stunden später und 3.000 Dollar ärmer schleppte sie ein halbes Dutzend Tüten mit den tollsten Designerfetzen zurück zu ihrem Ford.

Zu Hause flanierte sie in ihrer edlen Garderobe vor dem Spiegel auf und ab. Ihr neues Ich war geboren. Nun musste sie nur noch Chloé auf sich aufmerksam machen.

2. KAPITEL

Am Samstagabend, kurz vor Mitternacht, reihte Emily sich in die Schlange der Partysüchtigen vor den Türen des „Jungle“ ein. Der rechte Eingang war für die normalen Gäste, der linke für die VIPs. Emily stand rechts.

Um 1:30 Uhr wartete Emily immer noch auf Einlass, während die VIPs und Stammgäste links an ihr vorbeizogen.

Um 2:00 Uhr erreichte sie die Spitze der immer länger werdenden Schlange.

Um 2:05 Uhr teilte ihr der Türsteher mit: „Kein Einlass. Der Club ist voll.“

Um 3:00 Uhr verließen die ersten Gäste den „Jungle“, und Emily durfte eintreten. Sie bezahlte 30 Dollar und stolperte auf ihren extrem hohen Schuhen, die ihr nach der Wartezeit unangenehme Rückenschmerzen bereiteten, durch den Gang, vorbei an der ...

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