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Tödliche Ewigkeit

DENIS MARQUET &
ELISABETH BARRIÈRE

TÖDLICHE    
EWIGKEIT

Thriller

Übersetzung aus dem
Französischen von Barbara Reitz
und Eliane Hagedorn

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Erster Teil

So rudern wir weiter,
stemmen uns gegen den Strom
und treiben doch stetig zurück,
dem Vergangenen zu.

Francis Scott Fitzgerald

Der große Gatsby

PHUOC LONG, FEBRUAR 1965

Meine Geliebte für alle Ewigkeit,

ich schreibe Dir aus einem Erdloch im trüben Schein einer Kerze. Hier haben die Menschen die Hölle erschaffen. Wozu braucht es Kriege? Bill ist gestern gestorben. Ein zweistündiger Todeskampf. Und ich konnte nur zusehen.

Ohne Dich … Fern vom Duft Deines Atems weicht das Leben aus meinem Körper, und eine Leere bleibt in mir zurück.

Darin sollst Du wohnen.

Drei Tage und drei Nächte haben wir gekämpft. Ich bin von den Granatsplittern verschont geblieben. Eine Kraft beschützt mich. Zittere nicht um mich. Dieser Krieg wird zu Ende gehen. Alles wird sein wie vorher. Wir werden uns wieder lieben.

Unter Deiner Zunge fließen Milch und Honig, Deine Brüste sind zwei Schalen, aus denen sich der süße Wein der Liebe ergießt. Dein Körper fehlt dem meinen, als wäre er ein Teil von ihm.

Als ich Dich das erste Mal sah, hat sich mir augenblicklich der Sinn der Worte ›ich liebe dich‹ erschlossen. Sie waren schon immer in mir, haben nur auf Dich gewartet. Die Liebe kennt keinen Anfang und kein Ende. In alle Ewigkeit sind wir eins.

Meine Geliebte, spende mir Kraft. Ich werde diesen Krieg überleben. Nichts kann uns trennen.

Denn die Liebe ist stärker als der Tod.

NEW YORK, AUGUST 2007

Mit zitternder Hand legt Lucie Milton das Reagenzglas beiseite. Sie hat es geschafft. Es hat fast die ganze Nacht gedauert, doch nun hat sie die Zusammensetzung der chemischen Substanz herausgefunden, von der sie bei Henry Buchanan eine Probe entwendet hat.

Sie fröstelt. Mechanisch zieht sie ihren Blouson über den weißen Kittel und stützt sich auf einen Arbeitstisch, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ist es die Müdigkeit?

Oder ein Schwindel angesichts des unfassbaren Abgrunds, der sich vor ihr auftut?

Die Ergebnisse ihrer Analyse übersteigen alles Vorstellbare.

Was sie beinhalten, entsetzt sie.

Sie lässt sich auf einen Stuhl sinken. Sie muss nachdenken, was sie nun tun soll.

Sie weiß nicht, dass diese Entdeckung, die sie niemals hätte machen dürfen, sie in weniger als einer Stunde das Leben kosten wird.

NEW YORK, EINEN MONAT ZUVOR

Das Polizeirevier des 19. Distrikts war eines der ältesten Gebäude von Manhattan. Auf der schmutzigen Fassade war das Baujahr zu lesen: 1887. Bewegt blieb Ann Lawrence stehen und betrachtete den hohen, schmalen Bau. Sobald sie den diensthabenden Polizisten begrüßt und die Tür durchschritten hatte, würde sie an ihrem neuen Arbeitsplatz sein. Endlich wurde ihr Traum wahr: Sie würde Detective am New York Police Department werden.

Dafür hatte sie gekämpft. Ihre Familie hatte ihr klarzumachen versucht, dass es nicht der Wunsch einer Lawrence sein konnte, zur Polizei zu gehen. Ann hatte sich nicht beirren lassen. Sie hielt sich zwar für aufgeschlossen und hatte ein offenes Ohr für andere, doch was ihr eigenes Leben betraf, war sie niemandem Rechenschaft schuldig. Alles hatte mit dem Entschluss angefangen, Psychologie statt Jura zu studieren. Angesichts dieser Neuigkeit, in seinen Augen ein Verrat, den er sehr persönlich nahm, hatte ihr Vater einen Wutanfall bekommen, an den sich die ganze Familie noch heute mit Schrecken erinnerte. Dann schien er sich damit abgefunden zu haben, dass seine brillante Tochter nicht seine Nachfolge in der renommierten Anwaltskanzlei antreten würde. Ende des ersten Akts. Doch kaum hatte sie innerhalb kürzester Zeit mit Bravour ihr Diplom in Psychologie absolviert, hatte sie den Wunsch geäußert, die Polizeiakademie zu besuchen. Das war zu viel für Robert Lawrence, und er hatte sechs Monate lang kein Wort mehr mit seiner Tochter gesprochen. Selbst nachdem sich sein Ärger allmählich gelegt hatte, waren nur noch oberflächliche Gespräche möglich. Was ihre sanfte und zuvorkommende Mutter anging, so lag stets ein versteckter Vorwurf in ihren Augen. Die Schuld, ihren Vater enttäuscht zu haben … »Ich denke nicht daran, den Rest meines Lebens damit zu verbringen, meine Eltern wegen meiner Entscheidung zu trösten«, dachte Ann. Als sie die wenigen Stufen hinaufstieg, die zu ihrem neuen Leben führten, achtete sie aufmerksam auf jede Regung ihres Körpers. Ihr Traum …

Entschlossen schritt sie durch die hohe Tür.

Sie hatte es geschafft.

Sogleich wurde ihre Aufmerksamkeit von einer seltsamen Tafel am Eingang angezogen. Da sie zu früh dran war, trat sie näher. Unter dem eingerahmten Wappen des NYPD war eine Inschrift angebracht, die vor dreißig Jahren zwei Polizisten gestaltet hatten: Ich bin die Dienstmarke eines Officer der New Yorker Polizei, nur ein einfaches Stück Metall, das aber einem außergewöhnlichen Menschen dient, der seine Pflichten kennt. Mag man ihn auch mit allen möglichen Namen betiteln, so ruft man ihn doch stets, wenn man in Schwierigkeiten ist. Er ist unterbezahlt, hat ständig wechselnde Dienstzeiten und lebt mit der Gefahr, doch das ist seine Arbeit, und er liebt sie. Ich bin eine Dienstmarke, und ich bin stolz, von einem Angehörigen des New York Police Department getragen zu werden. Ann betrachtete die Plakette. In wenigen Minuten würde ihr der befehlshabende Lieutenant die ihre überreichen, verziert mit der goldenen Waage, dem Symbol der Gerechtigkeit. Der Polizeidienst, dachte sie, ist eine Berufung. Sie hätte Anwältin in einer der angesehensten Kanzleien von Manhattan werden können. Doch das war nicht ihr Wunsch gewesen. Sie wollte dem Gesetz dienen.

In der riesigen, hohen Halle drängten sich Männer und Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und Alterstufen zur Wachablösung. Ann überkam plötzlich Angst. Sie senkte den Kopf, da sie befürchtete, man könne sie entdecken und erklären, sie sei hier fehl am Platze. Ann Lawrence? Die Tochter von Robert Lawrence? Ein schlechter Scherz! Doch dann fasste sie sich wieder. Sie ballte die Hände in den Taschen, hob den Kopf und zwang sich, die Kollegen ringsumher zu betrachten. Die meisten trugen die Uniform der Streifenbeamten, eine Minderheit war in Zivil – das heißt Sakko und Krawatte, der vorgeschriebene Dress der Detectives.

Nach der Polizeiakademie war Ann ein Jahr lang in der Dienstkleidung der Polizeianwärterin Streife gegangen. Dann war dank ihres Psychologiestudiums am Hunter College und ihrer hervorragenden Arbeit ihr Antrag auf Versetzung zu den Detectives positiv beschieden worden. Eine Anerkennung, die nur wenigen so rasch zuteil wurde. Nach einer zusätzlichen Ausbildung, bei der man sie mit dem Strafrecht, mit Einsätzen und Zeugenverhören vertraut gemacht hatte und der Kunst, sich unauffällig auf der Straße zu bewegen, hatte sie ihre Uniform an den Nagel gehängt. Für immer, wie sie hoffte. Denn der Dienst auf der Straße war nicht ihr Ziel. Sie wollte ermitteln, Verbrechen aufklären, dem Gesetz dienen.

Die Einheit des 19. Reviers, der sie zugeteilt war, hatte ihre Büros im fünften Stock. Ann trat in den Aufzug. Dort traf sie auf einen jungen Mann in Zivil.

»Guten Tag. Möchten Sie Anzeige erstatten? Dann müssen Sie im zweiten Stock aussteigen.«

Er war stämmig, einen Kopf größer als sie, und seine schönen blauen Augen hatten einen freundlichen, selbstsicheren Ausdruck. Sie sah ihn ruhig an.

»Ich komme, um meinen Dienst anzutreten.«

»Oh, Entschuldigung. Zu welcher Abteilung gehören Sie?«

»Zu den Detectives.«

»Ach, dann sind Sie die Neue«, rief er aus und drückte den Knopf zum fünften Stock. »Wunderbar! Ich bin Frank Millar. Wir sind Kollegen.«

Sie entspannte sich ein wenig und ergriff die Hand, die er ihr entgegenstreckte. Männlich und neutral sollte seine Geste wirken. Doch sein Blick streifte kurz ihre Brüste, ehe er ihr ins Gesicht sah.

»Ann Lawrence«, antwortete sie und musste innerlich lächeln.

Es belustigte sie stets aufs Neue, wie sich die Männer in diesem lange Zeit rein maskulinen Milieu bemühten, ihre weiblichen Kollegen als Menschen wie alle anderen zu betrachten.

»Lawrence? Der Name sagt mir etwas.«

Wieder überkam sie Angst.

»Er ist sehr verbreitet«, erwiderte sie hastig.

»Sie sind etwas nervös, aber es wird schon klappen, Sie werden sehen.«

Ann zwang sich, tief durchzuatmen. Als sich die Türen öffneten, stieg sie als Erste aus und verabschiedete sich mit einem vagen »bis später«.

Lieutenant Woodruff würde etwas später kommen. Seine Assistentin bat Ann, Platz zu nehmen und zu warten. Diese versuchte sich zu erinnern, was sie über den Mann wusste, der den Ermittlern des Kommissariats vorstand. Mit dreißig Jahren war er noch ziemlich jung für einen solchen Posten. Doch die Aufklärungsrate seiner Abteilung war hervorragend und hatte einen ausgezeichneten Ruf. Ann hoffte, einen guten Eindruck zu machen, der erste war entscheidend … Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie wurde hereingebeten.

Lieutenant Woodruff hatte ein pausbäckiges Gesicht, wodurch er noch jugendlicher wirkte, als sie erwartet hatte.

»Guten Tag«, sagte er knapp.

Er kompensiert sein jungenhaftes Aussehen durch einen markigen Ton, analysierte sie sofort.

»Sie sind Ann Lawrence«, fuhr er fort, die Augen auf seine Akte geheftet. »Vierundzwanzig Jahre, Bachelor in Psychologie?«

»Ja.«

»Interessant …«

Er hob den Blick und sah sie an.

»Ihr Name … kommt mir irgendwie bekannt vor.«

Sie zuckte zusammen. Hoffentlich stellte er keine Verbindung her. Das war nicht der geeignete Augenblick … Einer NLP-Technik folgend, versuchte sie, sich mit ihrem Gegenüber zu synchronisieren. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und strich mit der Hand über sein Kinn. Sie tat es ihm gleich und bemühte sich, ihren Atemrhythmus dem seinen anzupassen.

»Es gab einen Senator in unserer Familie …«

»Das wird es vermutlich sein. Aber egal. Sie wissen sicher, wie man die Angehörigen des NYPD nennt?«

»Die Besten …«

»Seit zwei Jahren hat unsere Einheit bei der Verbrechensvorbeugung die besten Ergebnisse der Stadt. Ihnen sollte klar sein, dass Sie hier bei den Besten der Besten sind.«

Er lächelte ihr zu.

»Willkommen im Team, Miss Lawrence.«

Ann entspannte sich.

»Sie scheinen mir ein guter Neuzugang«, fügte er hinzu, während er in seiner Schreibtischschublade kramte. »Fürs Erste teile ich Sie meinem besten Mann zu. Jeff Mulligan. Bei ihm lernen Sie Ihr Handwerk.«

Er reichte ihr einen Gegenstand.

»Ihre Dienstmarke.«

Bewegt nahm sie die Plakette der Detectives entgegen, von der jeder Polizist träumte.

»Ich werde mich ihrer würdig erweisen, Sir.«

Woodruff hatte sich schon wieder in seine Akten vertieft und schenkte ihr keine weitere Beachtung.

»Was! Sie sollen mit Mulligan arbeiten?«

»Ja, und?«

»Ach nichts, Sie werden schon sehen … Am besten warten Sie hier auf ihn.«

Ann befand sich in der Cafeteria des Reviers. Ein Ermittler hatte ihr geraten, dort ihr Glück zu versuchen. Seit einer halben Stunde suchte sie vergeblich nach ihrem neuen Vorgesetzten.

»Aber wo bleibt er denn?«

»Das weiß niemand.«

Der Mann, der ihr das sagte, war ein Detective um die vierzig. Auf seinem Gesicht lag ein desillusioniertes Lächeln mit merkwürdig nach unten gezogenen Mundwinkeln.

»Hat sein Dienst nicht um acht Uhr begonnen?«

»Wenn man es genau nimmt, tritt Sergeant Mulligan seinen Dienst nie an. Man könnte die Auffassung vertreten, dass er immer im Dienst ist. Oder nie.«

»Und was soll ich jetzt tun?«

»Da der Lieutenant Sie ihm direkt unterstellt hat, warten Sie seine Befehle ab.«

»Aber wenn er doch nicht da ist?«

»Warten Sie, bis er kommt. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, ich habe noch Papierkram zu erledigen. Sie wissen ja, wie das ist.«

»Noch nicht.«

»Ja, natürlich …«

Wieder dieses schmallippige Lächeln.

»Wie heißen Sie?«

»Bert Garner. Nennen Sie mich Bertie.«

Cafeterien sind der beste Ort, um Bekanntschaften zu schließen. Nach zwei Stunden hatte Ann ein Dutzend Kollegen kennengelernt, das heißt fast die Hälfte der Truppe. Doch noch immer keine Spur von ihrem Vorgesetzten.

»Was, Sie sind Mulligan zugeteilt?«

Jedes Mal bekam die frischgebackene Ermittlerin des 19. Reviers denselben Ausruf zu hören. Doch die Gründe schienen nicht immer die gleichen. Ein Sergeant hatte bei der Nennung des Namens sogar auf den Boden gespuckt. Ein Detective, der älteste von allen, hatte bewundernd geseufzt: »Der beste Cop von New York!« Die anderen hatten nichts weiter gesagt. Manche hatten das Gesicht verzogen, was alles heißen konnte, oder auch das Gegenteil. Nur eins stand fest: Jeff Mulligan wurde gefürchtet … Frank Millar, der es ihr offensichtlich nicht weiter übel nahm, dass sie ihn an der Aufzugtür hatte stehen lassen, flüsterte ihr zu:

»Jeff Mulligan ist der größte Dreckskerl in der Geschichte des NYPD.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es ist ein offenes Geheimnis, dass er eine Nutte aushält und Schutzgelder erpresst. Aber er wird protegiert.«

»Von wem?«

»Ich habe nichts gesagt.«

Also wartete Ann verwirrt. Mehrmals hatte sie die Cafeteria verlassen, war durch die Abteilung gelaufen, hatte hier und da den Kopf durch eine Tür gesteckt und sich überall nach ihrem Vorgesetzten erkundigt. Sie saß auf einer Bank und trank gerade ihren fünften schlechten Kaffee, als sie ein entferntes Brüllen aus ihrer Benommenheit riss:

»Lawrence!«

Sie sprang auf und hörte sich »ja« antworten, so als stünde der Rufer ihr gegenüber …

Sie lief hinaus.

»Lawrence!«

Ann beschleunigte ihr Tempo. Als sie um eine Ecke bog, prallte sie gegen einen kräftigen Körper.

»Lawrence?«

»Ja …«

»Ich suche Sie schon seit einer halben Stunde! Um wie viel Uhr hätten Sie Ihren Dienst antreten sollen?«

»Aber …«

»Das fängt ja gut an.«

Der Mann schob sie in den Aufzug und drückte den Knopf zum Untergeschoss. Während die Kabine langsam hinabglitt, musterte Ann verstohlen den Mann, der niemand anders als Mulligan sein konnte. Reglos stand er ihr gegenüber, ohne eine der in solchen Momenten üblichen Posen: Er blickte weder auf seine Schuhspitzen noch zur Decke, und er pfiff auch nicht mit lässiger Miene vor sich hin. Seine Augen ruhten auf Ann, ohne dass er sie angestarrt hätte oder ihrem Blick ausgewichen wäre. So als wäre sie ihm gleichgültig, oder schlimmer noch: als würde sie gar nicht für ihn existieren. Er war nicht besonders groß, doch von seinem stämmigen Körper, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand, ging eine beeindruckende Kraft aus, verstärkt durch die seltsame Undurchdringlichkeit seiner Züge. Sein Gesicht war nicht besonders attraktiv: Die Nase war platt, Schlupflider verdeckten einen Teil der mandelförmigen Augen, das Kinn war zu kantig. Doch das Zusammenspiel der einzelnen Züge, von denen keiner wirklich schön war, hatte etwas Wildes, das sie verwirrte.

Die Türen des Aufzugs öffneten sich auf den Parkplatz des NYPD. Mulligan schob Ann in den zivilen Streifenwagen und ließ den Motor an.

»Wohin fahren wir?«, fragte sie.

»Einen Dreckskerl verhaften.«

Der Ford fuhr über die Park Avenue und bog dann in die 136th Street Richtung Harlem ein. Ann brach das Schweigen:

»Das ist nicht mehr unser Bezirk …«

Mulligan machte vor einem Haus eine Vollbremsung.

»Die Anzeige ist aber bei uns erstattet worden.«

»Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?«

»Steigen Sie aus.«

Er wies sie an, die Eingangshalle zu überwachen, und verschwand im Treppenhaus. Also wartete sie und fragte sich, was genau das unter diesen Umständen zu bedeuten hatte. Die wenigen Passanten auf der Straße schenkten ihr keine Beachtung. Sollte sie den Zutritt untersagen, solange ihr Vorgesetzter oben war? Das Gebäude hatte keinen Hausmeister und wirkte ziemlich heruntergekommen. Die Wände mit Graffitis übersät, der Boden schmutzig. Plötzlich ertönte ein erstickter Schrei im Treppenhaus, gefolgt von Kampfgeräuschen. Schritte, die herunterkamen. Ann war sofort in Alarmbereitschaft, zog ihre 6.35 Automatik und richtete den Lauf auf die Metalltür. Ein dumpfes Scharren, als würde ein Körper über den Boden geschleift … Den Finger am Abzug, rief sich Ann die Verhaltensregeln in Erinnerung. Nur im äußersten Notfall schießen … Plötzlich tauchte Mulligan auf, den linken Vorderarm um den Hals eines hochgewachsenen weißen Mannes gelegt. Mit der anderen Hand hielt er ihm den Mund zu, um ihn am Schreien zu hindern. Sofort senkte sie die Waffe. Der Sergeant lockerte seinen Griff und versetzte dem Mann einen heftigen Stoß, sodass dieser zu Boden fiel. Wütend sprang der wieder auf und stürzte sich auf den Ermittler.

»Aufhören!«, brüllte Ann und hob erneut ihre Waffe. Doch schon lag der Mann am Boden, in einer sich langsam vergrößernden Blutlache. Niedergestreckt von einem Kinnhaken, der ihm die Nase gebrochen hatte. Ihr Vorgesetzter legte dem Opfer unverzüglich Handschellen an. Als er sich aufrichtete, musterte er sie mit durchdringendem Blick.

»Widerstand gegen die Staatsgewalt: Sie sind Zeugin, er hat mich angegriffen.«

»Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?«, fragte sie verwirrt.

»Brauche ich nicht. Die Eingangshalle eines Hauses gilt als öffentlicher Ort.«

»Aber Sie haben ihn mit Gewalt hergeschleppt.«

»Ganz und gar nicht!«

»Sie haben ihn am Hals gepackt!«

»Eine freundschaftliche Geste.«

»Sie haben ihn aus seiner Wohnung geholt, diese Verhaftung ist illegal.«

Er blickte sie unerschüttert an.

»Was wissen Sie denn davon? Sie haben hier in aller Ruhe Wache geschoben, und das Einzige, was Sie bezeugen können, ist, dass er mich an einem öffentlichen Ort angegriffen hat. Das reicht, um ihn festzunehmen, und jeder Richter wird mir einen Haussuchungsbefehl ausstellen. Wer sich gegen die Gesetzeshüter auflehnt, hat in jedem Fall etwas zu verbergen. Und ich weiß auch was.«

Er zog seinen Gefangenen hoch und hielt den taumelnden Mann, der kaum die Augen öffnen konnte, am Kragen fest.

»Lesen Sie ihm seine Rechte vor.«

»Wie bitte?«

»Tun Sie Ihre Arbeit. Lesen Sie ihm seine Rechte vor.«

»Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, zu jeder Vernehmung einen Rechtsanwalt hinzuzuziehen …« Geistesabwesend und mechanisch klärte Ann diesen Typen, der zu k.o. war, um irgendetwas zu begreifen, über seine Rechte auf, während Mulligan ihn nach draußen zerrte.

Nachdem er ihn in den Fond des Wagens bugsiert hatte, befahl er ihr:

»Setzen Sie sich neben ihn und passen Sie auf ihn auf.«

Er schaltete Sirene und Blaulicht ein und fuhr mit quietschenden Reifen los.

Man brachte den Beschuldigten auf die Wache des 19. Reviers und sperrte ihn in eine Zelle.

»Ich schreibe den DD-5 selbst«, erklärte der Sergeant. »Ab dann sind Sie für den verflixten Papierkram zuständig.«

Klar, dachte Ann, er wollte seine Version der Dinge verkaufen …

Während der Sergeant im Justizpalast vor dem stellvertretenden Staatsanwalt den Fall schilderte, schwieg Ann. Von Zeit zu Zeit massierte sie ihren Bauch, um den Schmerz zu lindern, der ihren Magen zusammenkrampfte. Sie konnte unmöglich die Wahrheit sagen und sich an ihrem ersten Arbeitstag als Detective gegen ihren Vorgesetzten stellen. Außerdem hatte Mulligan dafür gesorgt, dass sie nicht direkt Zeugin des Vorgangs wurde. Resigniert und wütend hörte sie ihn also seine Version der Geschichte vortragen, wie er sie auch in seinem offiziellen Bericht dargelegt hatte: Sie hatten den Mann in der Eingangshalle seines Hauses angesprochen, um ihm einige Fragen über Videos mit pornographischem Inhalt zu stellen, dieser hatte sich der Staatsgewalt widersetzt, sie hatten ihn festgenommen und beantragten jetzt einen Durchsuchungsbefehl für seine Wohnung. Der Justizbeamte wandte sich an Ann:

»Sie bestätigen die Darstellung natürlich?«

»Detective?«

Man hatte sie in die Enge getrieben. Und sie wusste, dass auch Mulligan es wusste.

»Ja«, hörte sie sich antworten.

Ihre Karriere bei der Polizei begann mit einer Lüge. Mulligan lächelte ihr zu. Zum ersten Mal, seit sie ihm zugeteilt worden war.

Der Justizbeamte verließ den Raum und kam nach wenigen Minuten mit dem Papier zurück, das der Richter ohne weiteres ausgestellt hatte. Als sie den Justizpalast verließen, strich ihr Mulligan übers Haar.

»Sie werden bald verstehen, Kleine.«

Sie wich mit einer heftigen Bewegung zurück.

Betroffen starrte Ann auf den Bildschirm. Sie wollte den Blick abwenden, doch irgendetwas hinderte sie daran. War es eine Art Respekt für das Leid dieses jungen Mädchens, das die Kamera in Großaufnahme zeigte?

»Eine Minderjährige?«, murmelte sie.

»Schwer zu sagen.«

»Glauben Sie, man kann die Vergewaltiger identifizieren?«

»Ein Video wird von den Geschworenen nicht als Beweismittel anerkannt«, erklärte Jeff Mulligan. »Und es gibt keine Aufnahme von den Gesichtern. Aber es ist eine Arbeitsgrundlage für die Ermittlungen.«

Tränen verschleierten Anns Blick. Ein zweiter Mann tauchte auf. Auch er vergewaltigte das Opfer. Das Mädchen war noch sehr jung und hatte langes schwarzes Haar. Vermutlich eine Mexikanerin. Dann griffen die Verbrecher zu verschiedenen Metallinstrumenten, die sie selbstgefällig vor der Kamera präsentierten. Es folgte eine Folterszene. Ann spürte, dass sie nicht in der Lage war, sich die Bilder weiter anzusehen, und zum Glück schaltete Jeff Mulligan das Gerät ab.

Sie schwiegen eine Weile. Als Ann schließlich ihre Gefühle einigermaßen wieder unter Kontrolle hatte, stammelte sie:

»Natürlich ist keiner der beiden Männer der, den wir festgenommen haben?«

»Nein, er ist nur der Verkäufer. Aber ich schwöre, er wird die Namen ausspucken. In seiner Wohnung gab es Unmengen von diesen ekelhaften Snuff Movies. Hinter ihm steht ein gut funktionierender Ring. Und Sie wollten ihn frei herumlaufen lassen!«

»Ich wollte nur, dass das Gesetz befolgt wird.«

Mulligan lachte auf.

»Das Gesetz!«

Wieder stieg Wut in ihr auf. Doch sie zwang sich, die Distanz der Analytikerin zu wahren:

»Das Gesetz, ja. Der Beruf des Polizisten besteht darin, für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen. Wenn Sie es selbst übertreten, verstoßen Sie gegen die Grundsätze, die Sie eigentlich verteidigen sollten.«

Sie suchte seinen Blick.

»Und das«, fuhr sie fort, »egal, ob Sie einen Dreckskerl dingfest machen wollen … oder ob Sie aus persönlichem Interesse handeln.«

Die Anspielung war eindeutig. Doch sie schien an Mulligan abzuprallen. Er nahm die DVD aus dem Rekorder und ließ sie vorsichtig mit behandschuhten Fingern in eine Plastikhülle gleiten.

»Meine Kleine, ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen, die Sie interessieren dürfte. Vor zehn Jahren war ich ein junger Polizist, der gerade seine Prüfungen abgelegt hatte und zum Sergeant ernannt worden war. Ausgezeichnete Noten. Mit fünfundzwanzig war ich der jüngste Sergeant des NYPD. Ich glaubte an die Polizei, wie auch Sie es offenbar tun. Ich war davon überzeugt, etwas gegen das Verbrechen ausrichten zu können, und ich liebte das Gesetz. Ich war ein junger Idiot. Ich ermittelte damals in einer Reihe von Mordfällen an Prostituierten. Ich war sicher, dass es sich um einen Serienkiller handelte, doch die Profiler behaupteten das Gegenteil, weil sie nicht genug Parallelen bei den Fällen fanden. Ich war wie besessen von der Geschichte. Tag und Nacht war ich vor Ort, stellte überall Fragen. Ein Informant erzählte mir von einem Verdächtigen. Ich überwachte ihn jede Nacht nach Dienstschluss. Eines Abends sprach er ein Mädchen an. Als er mit ihr in ein Stundenhotel gehen wollte, nahm ich ihn fest. In seinem Mantel fand ich einen Strick und ein Teppichmesser. Er hätte sie umgebracht. Haussuchung. Dieser Mistkerl kam aus einer Familie, die ein Penthouse an der Park Avenue bewohnte. Man fand bei ihm Fotos von den Leichen all seiner Opfer. Er legte ein umfassendes Geständnis ab. Der Typ war reif, bis an sein Lebensende Autokennzeichen im Staatsgefängnis zu stanzen. Aber dann vor Gericht … Der Vater dieses Schweins hatte einen skrupellosen Staranwalt engagiert. Und wissen Sie, wie er es angestellt hat, die Beweisführung zu Fall zu bringen?«

Ohne es wirklich zu wollen, lauschte Ann gebannt.

»Nein …«

»Er hat behauptet, die Verdachtsmomente seien nicht ausreichend gewesen, um den Mantel des Kerls zu durchsuchen … Können Sie sich das vorstellen? Ich hatte in der Innentasche Gegenstände gefunden, mit denen er sein Opfer erwürgen wollte! Aber die Verdachtsmomente waren nicht ausreichend, also hatte ich nicht das Recht, ihn zu durchsuchen. Ihrem ehernen Gesetz zufolge hätte das Mädchen sterben müssen!«

Mulligan verstummte und sah sie eindringlich an. Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten.

»Und wie lautete das Urteil des Richters?«, fragte sie.

»Freispruch. Der Kerl schlug erneut zu, aber es mussten erst zwei weitere Frauen sterben, ehe er ein für alle Mal hinter Gitter kam.«

Ann sprang auf.

»Sie zwingen mich zu einer falschen Aussage vor einem Justizbeamten, und dann kommt die klassische Story vom desillusionierten Cop, dessen Jugendideale an der traurigen Realität zerbrochen sind. Aber ich …«

»Sie kennen die Polizeiarbeit nur aus Büchern, und Ihre Meinung ist mir gleichgültig. Mit Ihren Methoden hätte ich den Mistkerl heute nicht festnehmen können, weil mir kein Richter einen Durchsuchungsbefehl ausgestellt hätte.«

»Ich werde nie so werden wie Sie.«

»Daran, meine Kleine, hege ich keinen Zweifel. Wir gehören nicht derselben Welt an. Wissen Sie übrigens, wie der Anwalt hieß, von dem ich gesprochen habe?«

Ann zuckte zusammen. Mulligans Lächeln entblößte seine Eckzähne.

»So ein Zufall, was? Er hatte denselben Namen wie Sie.«

Ann zerquetschte wütend eine Schabe auf dem Küchenboden, entdeckte zwei weitere, die unter den Spülstein flüchteten, riss die Schränke auf der Suche nach einem Insektenvernichtungsspray auf, fand es schließlich im Schlafzimmerschrank und stellte fest, dass die Dose leer war. Sie schleuderte sie an die Wand und ließ sich auf ihr Bett fallen.

Sie hatte eine Wohnung in einem alten, fast baufälligen Stadthaus in der 88th Street gemietet, einen Block von der Amsterdam Avenue entfernt. Vierter Stock ohne Aufzug. Als Berufsanfängerin verdiente sie knapp fünfunddreißigtausend Dollar im Jahr, bezahlten Urlaub und Nachtschichten eingeschlossen. Doch abzüglich aller Steuern und Abgaben würde ihr nicht genug bleiben, um die zwanzigtausend Dollar jährlich zu bezahlen, die ihre Vermieterin verlangte – selbst wenn sie sich von Konserven ernährte und Secondhand-Klamotten trug. Also unterstützte sie ihr Vater. Sie hatte seinen triumphierenden Gesichtsausdruck nicht vergessen, als er ihr dieses Angebot gemacht hatte: Er wusste, dass sie nicht ablehnen konnte. Sie saß in der Falle. Wie am Nachmittag bei Mulligan. Dieser hatte Gemeinsamkeiten mit ihrem Vater: Beide warteten nur darauf, dass sie kündigen würde. Oder aufgab. Dass sie zu Kreuze kroch. Dass der Anspruch des unerfahrenen, verwöhnten Kindes an der harten Realität zerbrach. Beide waren der Überzeugung, dass Ann, da sie eine Lawrence war, nichts bei der Polizei verloren hatte.

In ihren Augen brannten Tränen, die sie mit einer heftigen Geste fortwischte. Sie musste sich zusammenreißen. Sie legte sich hin, schloss die Augen, konzentrierte sich auf ihre Atmung und versuchte sich ihre Lieblingspflanze vorzustellen – die Sonnenblume. Doch stattdessen erschien das Gesicht von Jeff Mulligan, der sie sarkastisch musterte.

Das Klingeln des Telefons schreckte sie auf.

»Frank Millar. Störe ich?«

Sie war erstaunt, wie sehr dieser Anruf sie freute.

»Nein, Frank, ganz und gar nicht.«

»Wie war Ihr erster Tag als Detective?«

»Super …«

»Und Mulligan?«

»Etwas sonderbar. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, ihn zähmen zu können.«

»Viel Glück.«

»Sie mögen ihn nicht.«

»Niemand mag Mulligan. Man fürchtet oder braucht ihn.«

»Und Sie?«

»Wenn er die erste Nacht im Knast verbringt, lasse ich die Champagnerkorken knallen. Übrigens, wollen Sie nicht ein Gläschen mit mir trinken gehen?«

Sie zögerte kurz. Nach Sergeant Mulligans widerwärtigem Verhalten tat ihr die Herzlichkeit des jungen Kollegen gut. Aber sie war müde.

»Das würde ich gerne tun, aber ich fange morgen früh an …«

»Verstehe. Dann ein andermal. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Frank.«

»Ach, übrigens …«

»Haben Sie etwas mit dem Anwalt Robert Lawrence zu tun?«

Ann schloss die Augen, eine maßlose Bitterkeit überkam sie. Wie gerne hätte sie ihre Arbeit bei der Polizei völlig anonym angetreten, wie jeder andere auch. Doch sie trug einen Namen, der sie, ohne dass man sie kannte, mit verabscheuungswürdigen Praktiken in Zusammenhang brachte. Eine Vergangenheit, die nicht die ihre war.

»Er ist mein Vater.«

Sie legte auf.

Die nächsten drei Tage verbrachte Ann in einem zivilen Streifenwagen mit der Überwachung eines Hauseingangs, an dem sich absolut nichts Interessantes ereignete. Hier sollte der Anführer einer der Erpressung verdächtigten Bande wohnen, der sich allerdings nicht blicken ließ. Sie wusste, dass es zu den Aufgaben eines Detective gehörte, sich bei solchen Gelegenheiten in einem Auto zu langweilen. Besonders unangenehm wurde die Sache freilich, da ihr Vorgesetzter, von dem sie schließlich lernen sollte, kein Wort von sich gab. Mehrmals hatte sie versucht, das drückende Schweigen zu brechen. Sie hatte ihn gefragt, wo er geboren war, was seine Eltern machten, ob es eine Frau in seinem Leben gab … Vergebliche Liebesmüh, der Mann war ein Betonklotz, der nichts Persönliches preisgab. Mit einer Ausnahme: Als sie ihn schließlich ermattet und nicht ohne Selbstironie gefragt hatte, welches Sternzeichen er sei.

»Stier.«

Überrascht und ermutigt zugleich hatte sie sich nach seinem Aszendenten erkundigt.

»Pitbull.«

»Wie bitte?«

»Stier, Aszendent Pitbull.«

Er machte sich über sie lustig, doch auch das ohne das kleinste Lächeln.

Am Morgen des vierten Tages begann das Funkgerät plötzlich zu knistern.

»Zentrale an alle Wagen: 10–30–3 in einem General Store Trader Joe’s Ecke Lexington und 76th Street, ich wiederhole 10–30–3 …«

Mulligan griff zum Mikro.

»Wagen 3–0 Edward an Zentrale: Nachricht erhalten, wir fahren hin.«

»Wagen 3–0 Edward. 10–4.«

Der Sergeant fuhr mit quietschenden Reifen, Blaulicht und heulender Sirene los und schlängelte sich durch den dichten Verkehr. Ann klammerte sich fest und versuchte sich zu erinnern, was 10–30–3 bedeutete. Auf der Polizeiakademie hatte sie alle Funkcodes gelernt, und normalerweise kannte sie sie auswendig, doch nun hatte sie im falschen Moment einen Aussetzer. Absurd. Mit gerunzelter Stirn ging sie alle Kombinationen durch. Vergeblich, 10–30–3 wollte ihr nicht einfallen. Sie konnte doch nicht völlig ahnungslos am Tatort ankommen! Gerade wollte sie sich überwinden und nachfragen, als sie plötzlich hörte:

»Zentrale an 3–0 Edward.«

Mit dem Kinn wies Jeff Mulligan sie an abzuheben.

»Bewaffneter Raubüberfall beendet. Verdächtiger wird überprüft. Zwei Streifenpolizisten vor Ort.«

»Sollen wir trotzdem hinfahren?«, fragte Ann ins Mikro.

Mit einer abrupten Bewegung schaltete der Sergeant das Funkgerät aus. Sie sah, wie sich sein Mund verächtlich verzog, so als würde er einen stummen Fluch ausstoßen. Sofort warf sie sich ihre Naivität vor. Man brauchte ja Detectives für die Zeugenaussagen und all den Routinekram, das wusste sie genau. Aber Sergeant Mulligan besaß die Gabe, sie völlig zu verunsichern.

Zwei Blocks weiter sahen sie eine Menschenmenge und zwei Polizeiwagen, einer von beiden mit Blaulicht. Mulligan bremste, sein Gesicht hatte plötzlich einen konzentrierten Ausdruck angenommen.

»Sie werden meine Anweisungen haargenau befolgen.«

»Was ist los?«

»Die Lage hat sich verändert.«

Ann war nichts Besonderes aufgefallen. Der Sergeant hielt und machte ihr ein Zeichen auszusteigen. In diesem Augenblick bemerkte sie, dass das Polizeiauto mit dem Blaulicht von Kugeln durchlöchert war. Ein Stück weiter entfernt hielten zwei Streifenpolizisten die Schaulustigen hinter dem gelben Plastikband zurück, mit dem die Sicherheitszone abgetrennt war. Seine Dienstmarke in der Hand, bahnte sich Mulligan einen Weg durch die Menge und ging auf den ersten Uniformierten zu.

»Was ist passiert?«

Der Mann versuchte sich selbstsicher zu geben, doch in seinen Augen las Ann Emotionen, die er kaum zu beherrschen vermochte. An seiner Dienstwaffe waren noch Schmauchspuren zu erkennen.

»Wir sind in eine Schießerei geraten. Die Zentrale hatte uns gesagt, die Sache sei unter Kontrolle! Und während des Beschusses hat ein Querschläger …«

Er wandte sich ab, tat, als wolle er auf etwas zu seiner Linken deuten.

»… ein Kind getötet.«

Ann drehte sich um. Der zweite Cop hatte die Neugierigen zurückgedrängt. Rund zwanzig Meter entfernt lag auf dem Bürgersteig ein kleiner Körper in einer Blutlache. Mechanisch folgte sie Jeff Mulligan.

Ein großkalibriges Geschoss hatte den Schädel zerfetzt, doch das Gesicht hatte auch im Tode noch einen schmollenden, kindlichen Ausdruck. Der Junge war von weißer Hautfarbe und höchstens acht Jahre alt. Der Körper war zusammengekrümmt, die Hände waren verschmiert vom Malen. Ann trat zur Seite, um sich zu fassen, doch plötzlich musste sie sich übergeben. Jeff reichte ihr ein Taschentuch. Er wirkte seltsam abwesend.

»Wenn es Ihnen wieder besser geht, befragen Sie die beiden Cops und alle eventuellen Zeugen. Notieren Sie alles.«

Er kniete sich neben den Körper des Kindes. Aber er untersuchte ihn nicht. Reglos betrachtete er ihn, als suche er nach einer Erklärung für ein Mysterium.

Der zweite Polizist trat näher.

»Nach ersten Zeugenaussagen ist es dem Mörder gelungen, einen der beiden Kollegen, die ihn verhaftet hatten, zu entwaffnen. Den anderen hat er umgebracht, dann hat er die Waffe auf ihren Besitzer gerichtet und diesen schwer verletzt. Anschließend hat er beim Verlassen des General Store unseren Wagen mit seinem Sturmgewehr unter Beschuss genommen. Dabei hat der Junge eine Kugel abbekommen.«

»In welche Richtung ist er geflohen?«, wollte Mulligan wissen.

»Alles ging so schnell … Er ist die Straße hinaufgelaufen und dann …«

»Wenn er in der Menge untergetaucht ist, erwischen wir ihn nicht«, warf Ann ein.

Zwei Schüsse ließen sie zusammenzucken. Unter den Schaulustigen ertönten Schreie, die Menge wich panikartig zurück.

»Er ist dort oben«, sagte der Sergeant und deutete auf ein Gebäude.

Im sechsten Stock wurde ein Fenster geöffnet und reflektierte kurz einen Sonnenstrahl.

»Das ist keine Wohnung«, stellte Mulligan fest. »Er ist im Treppenhaus …«

Ein weiterer Schuss knallte, gefolgt von den Schreien der Umstehenden. Mit Hilfe ihrer eben eingetroffenen Kollegen drängten die Cops die Menschen außer Reichweite der Kugeln.

»Was macht er da?«, fragte Ann.

Mulligan, der sonderbar ruhig war, hielt den Blick starr auf das Kind gerichtet.

»Wenn man auf Sie schießt, suchen Sie Schutz. Er ist in das erstbeste Haus gerannt und wagt sich nicht mehr heraus.«

»Und warum schießt er?«

»Ich werde ihn fragen«, antwortete er spöttisch und wandte sich ab.

Wut überkam sie. Wie konnte er es wagen, sich unter solchen Umständen über sie lustig zu machen? Sie lief zu ihm, um ihn zur Rede zu stellen. Doch sie sah ihn nur fassungslos an. Jeff überprüfte die Trommel seiner Waffe.

»Das … ist nicht Ihr Ernst, oder?«

Ganz auf sich selbst konzentriert, schien er ihr keine Beachtung zu schenken.

»Jeff, er sitzt in der Falle. Warten Sie, bis Verstärkung eingetroffen ist.«

»Er schießt auf die Menge.«

»Rechtlich gesehen ist er ein gefährlicher Irrer. Dafür ist die Anti-Terror-Brigade zuständig.«

»Und wo ist Ihre Brigade?«

»Jeff, seien Sie vorsichtig. Vielleicht haben Sie es nicht mit einem einfachen Verbrecher zu tun …«

»Tatsächlich?«

Auf dem Gesicht des Sergeant lag noch immer der seltsame Ausdruck totaler Konzentration. Er sah zu dem Haus und atmete langsam durch.

»Er ist nicht geflohen«, fuhr sie fort, »er zielt auf die Masse … das nennt man in der Psychologie eine nicht angepasste Persönlichkeit.«

»Was Sie nicht sagen …«

»Diese Art Menschen verüben Verbrechen, damit man sich um sie kümmert. Er hat eine Bühne gefunden, von der aus man ihn sehen und hören kann. Man muss mit ihm sprechen, ihm zu verstehen geben, dass man sich für ihn interessiert … Hören Sie mir zu?«

Jeff erhob sich.

»Nein.«

Zwei weitere Schüsse. Eine Kugel traf den Wagen der ersten Streife, der vor Trader Joe’s stand.

In der jetzt fast unheimlichen Stille auf der Straße ertönte die Stimme des Mörders:

»Beschafft mir ein Auto!«

In diesem Augenblick ging Mulligan inmitten all der von ihren Besitzern verlassenen Wagen los.

»Stehen bleiben!«, schrie der Mörder.

Der Befehl beeindruckte Mulligan nicht. Ein weiterer Schuss. Ann unterdrückte einen Schrei. Jeff war unversehrt.

»Ich habe gesagt: keinen Schritt weiter!«, brüllte der Mann.

Der Sergeant nahm seine Pistole, die er so sorgfältig überprüft hatte, und warf sie weit weg.

»Ich bin unbewaffnet.«

Der Mann feuerte erneut zwei, drei Schüsse ab. Ann sah, wie eine Kugel zwei Meter vor Jeff in den Boden einschlug. Hatte der Verbrecher ihn absichtlich verfehlt? Mehrere Polizeiwagen parkten nun an der Stelle, von der aus Ann die Szene beobachtete. Die Kollegen stiegen aus und suchten hinter den Rädern Deckung.

»Was willst du?«, rief Mulligan. »Dass ich mich ausziehe?«

Langsam begann er sein Hemd aufzuknöpfen und zog es aus, ohne damit die geringste Reaktion zu erreichen. Mit nacktem Oberkörper ging er weiter. Seine Muskeln waren äußerst beeindruckend. »Der Kerl spinnt ja«, sagte ein Streifenpolizist in der Nähe von Ann.

»Einen Schritt weiter, und ich blase dir das Hirn weg!«, brüllte der Irre.

»Worauf wartest du?«, gab Mulligan zurück, ohne stehen zu bleiben.

Ein erneuter Schuss verfehlte ihn. Zielte der Schütze wirklich auf ihn, oder wollte er die Reaktion des Sergeant testen? Ungerührt und ohne den Schritt zu verlangsamen, machte sich dieser daran, seine Hose zu öffnen. Er war jetzt nur noch wenige Meter von dem Haus entfernt, direkt unter dem Fenster des Schützen. Aus dieser Entfernung hätte ihn ein fünfjähriges Kind treffen können.

Doch der Irre schoss nicht.

Als Mulligan das Haus betrat, war er in Unterhosen.

In diesem Augenblick kam mit quietschenden Reifen ein Mannschaftswagen zum Stehen. Zehn Männer mit kugelsicheren Westen und Sturmgewehren sprangen heraus. Als letzter stieg ein korpulenter Typ mit elegantem Jackett, breiter Krawatte und einer roten Baseballkappe aus.

»Captain Murray, Antiterroreinheit. Was ist hier los?«

Ann stellte sich vor und zeigte ihre Dienstmarke.

»Ein Verrückter hat sich im sechsten Stock dieses Gebäudes im Treppenhaus verschanzt. Er hat zwei Personen getötet.«

»Hat er eine Geisel genommen?«

»Offenbar nicht.«

»Also, dann los!«

»Captain … Mein Vorgesetzter ist schon drin.«

»Was?«

Sie fasste die Lage zusammen. Der Mann fluchte.

»Und er ist unbewaffnet raufgegangen? Das ist ja, als würde man dem Kerl eine Geisel auf dem Silbertablett präsentieren! Wenn dieser Idiot davonkommt, ist seine Karriere beendet, das schwöre ich.«

Er kehrte ihr den Rücken zu, um sich seinen Männern zu widmen. Ann hatte plötzlich das Gefühl, von einem Strudel von Farben und Geräuschen aufgesogen zu werden. Sie schloss die Augen und lehnte sich an den Mannschaftswagen.

»Ist Ihnen nicht gut?«

Ein uniformierter Polizist stand vor ihr.

Sie zwang sich, gerade zu stehen, und lächelte ihm zu.

»Soll ich Ihnen etwas Wasser holen?«

»Nein, danke.«

Jeff … Man hörte keine Schüsse mehr. Hatte er den Irren erreicht? Im Schutz des Polizeiwagens gab der Captain seinen Männern leise Anweisungen. Man brachte ihm ein Megaphon. Vermutlich wollte er zunächst verhandeln. Eine Panikattacke, deren Heftigkeit Ann überraschte, schnürte ihr den Magen zusammen.

Plötzlich richteten mehrere Polizisten ihre Waffen auf das Fenster, das sie die ganze Zeit überwacht hatten. Es öffnete sich einen Spaltbreit, und eine Gestalt tauchte auf. Von der Sonne geblendet, konnte Ann sie nicht erkennen.

»Es ist vorbei!«, rief der Mann.

Es war die Stimme von Mulligan.

Die Männer der Antiterroreinheit verharrten in ihrer Position. Der Sergeant stand mit nacktem Oberkörper am Fenster.

»Wer ist dieser Kerl?«, brüllte der Captain mit der Baseballkappe.

»Sergeant Mulligan!«, rief Ann, »mein Chef!«

»Sind Sie ganz sicher?«

Ann verließ ihr Versteck und lief zu dem Haus. Unterwegs sammelte sie einige der Kleidungsstücke auf, die Jeff Mulligan hatte fallen lassen. Hinter ihr wurde ein Befehl gebellt, und die Männer des Einsatzkommandos folgten ihr. Ann trat ins Haus.

»Warten Sie!«, rief man ihr nach.

Ohne sich weiter um die Aufforderung zu kümmern, stürzte sie die Treppe hinauf. Ein Mann rempelte sie an, als er sie überholte. Sie drückte sich an die Wand, um die Einheit vorbeizulassen.

Auf dem Treppenabsatz des sechsten Stocks stand Sergeant Mulligan in Unterhosen und rauchte eine Zigarette. Zu seinen Füßen lag der reglose Körper des Mörders in einer Blutlache.

»Er hat sich zur Wehr gesetzt«, erklärte er. »Sie erlauben?«

Er nahm die Kleidungsstücke, die Ann ihm reichte, und zog sich langsam an. Drohend trat der Captain näher.

»So kommen Sie mir nicht davon!«

»Ein Strumpf fehlt.«

Ein Polizist, der die Socke unterwegs aufgesammelt hatte, reichte sie ihm.

»Das werden Sie mir büßen, Mulligan.«

»Haben Sie mein Hemd?«

»Es liegt noch unten«, sagte Ann.

Wütend machte der Captain auf dem Absatz kehrt, seine Männer folgten ihm.

Als Jeff Mulligan hinter der Unfallbahre mit dem Mörder das Haus verließ, wurde er von Bravorufen empfangen, die ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken schienen. Ann fragte sich, ob er diese Gleichgültigkeit nur spielte oder ob es ihm wirklich egal war, was die anderen von ihm dachten. Unter den Neugierigen waren schon die ersten Journalisten. Der Sergeant schob sie beiseite und stieg in den Wagen. Während er sein Hemd fertig zuknöpfte, nahm Ann auf dem Beifahrersitz Platz.

Als sie sich einen Weg durch das Gewühl bahnten, brach sie das Schweigen:

»Ich bewundere die Art, wie Sie diesen Fall gelöst haben.«

»Sie haben ein unglaubliches psychologisches Geschick bewiesen.«

»Dieser Mann suchte in seinem tödlichen Wahn offensichtlich nach einem Gefühl der Allmacht. Indem Sie vorgaben, noch verrückter zu sein als er, haben Sie ihn destabilisiert und um diesen Kick gebracht. Daher hatte er auch nicht die Kraft, Sie zu erschießen.«

Der Sergeant parkte den Wagen vor dem Revier. Bevor er ausstieg, beugte er sich zu ihr und flüsterte ihr zu:

»Meine kleine Intellektuelle, die sich für einen Cop hält, eine Hypothese haben Sie vergessen.«

Sie erstarrte.

»Welche?«

»Und wenn ich wirklich verrückt wäre?«

Er stieg aus und schlug die Tür hinter sich zu.

AM NÄCHSTEN MORGEN

Dieser Kerl ist seiner Dienstmarke nicht würdig!«
Ann machte sich ganz klein. Keiner der Männer im Büro von Lieutenant Woodruff schien das Schweigen brechen zu wollen. Gerade hatte Captain Murray eine äußerst heftige Tirade gegen Sergeant Mulligan vom Stapel gelassen. Er warf ihm vor, seine Befugnisse überschritten und sich in einen Fall eingemischt zu haben, der eindeutig in die Zuständigkeit der Antiterroreinheit fiel. Mulligan, dessen Gesicht keine Regung zeigte, schien sich nicht angesprochen zu fühlen. Der Lieutenant saß an seinem Schreibtisch und kaute nachdenklich an einem Stift. Schließlich ergriff er das Wort.

»Sergeant, was haben Sie dazu zu sagen?«

»Der Kerl hatte einen Cop und ein Kind getötet. Ich habe ihn festgenommen.«

»Das war nicht Ihre Aufgabe! Sie haben die Vorschriften übertreten«, brüllte Murray.

»Sollte ich ihn im Namen der Vorschriften auf die Menge schießen lassen?«

»Sobald er in dem Haus war, hat er in die Luft geschossen. Das haben die ballistischen Untersuchungen ergeben.«

»Ich habe ihn unschädlich gemacht.«

»Ihre Methoden sind die eines gefährlichen Irren. Bei der Polizei brauchen wir keine Helden! Es ist mir egal, ob Sie Ihr Leben beim russischen Roulett riskieren, aber Sie dürfen die öffentliche Sicherheit nicht gefährden! Was wäre passiert, wenn der Kerl Sie als Geisel genommen hätte?«

»Er hat es nicht getan.«

»Wenn jeder x-beliebige Ermittler solche Maßnahmen ergreifen würde, könnte ich meine Einheit ja gleich auflösen, und es gäbe bei jeder Geiselnahme Tote.«

»Wenn ich schneller war als Sie, dann deshalb, weil Sie nicht rechtzeitig gekommen sind. Und dafür gibt es einen einfachen Grund.«

»Und zwar?«

»Ihre Abteilung ist nicht effizient.«

»Dich kriege ich, du Hurensohn!«

Lieutenant Woodruff griff ein.

»Sergeant, was können Sie zu Ihrer Rechtfertigung sagen?«

»Er hat geschossen.«

»In die Luft«, bellte Murray.

»Das behaupten Sie!«

»Die ballistischen Untersuchungen …«

Zu ihrer eigenen Überraschung fiel Ann ihm ins Wort:

»Lieutenant, ich kann bezeugen, dass zumindest ein Schuss auf die Straße abgefeuert wurde. Er hat den ersten Streifenwagen getroffen, der etwa zehn Meter von uns entfernt stand. Das dürfte leicht nachzuweisen sein. Der Handlungsbedarf war für alle Anwesenden eindeutig.«

Murray warf ihr einen wütenden Blick zu und wandte sich an Mulligan.

»Ich werde ein Untersuchungsverfahren gegen Sie einleiten. Das ist nicht Ihr erster Übergriff. Ich hetze Ihnen die Interne Dienstaufsicht auf den Hals, das wird Sie Ihre Dienstmarke kosten.«

»Bei allem Respekt, Captain«, unterbrach ihn Lieutenant Woodruff mit übertrieben sanfter Stimme, »aber dieser Mann untersteht mir. Demnach liegt es in meinem Ermessen, ein solches Verfahren einzuleiten oder nicht.«

Als der Captain seinen schweren Körper emporwuchtete, waren seine Fäuste so fest geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten.

»Ich hoffe, Sie treffen die richtige Entscheidung, Lieutenant.«

»Ich werde mein Bestes tun, um Sie zufrieden zu stellen.«

Grußlos verließ Murray das Büro.

»Und jetzt zu uns, Mulligan.«

Ann fragte sich, ob sie sich zurückziehen sollte, doch da Woodruff sie nicht dazu aufforderte, blieb sie einfach sitzen. Der Sergeant strahlte eine teilnahmslose Gelassenheit aus, die nicht einmal gespielt wirkte. Der Lieutenant schaltete einen Fernseher ein. Auf dem Bildschirm erschienen leicht blaustichige Schwarz-Weiß-Bilder, offenbar von einer Überwachungskamera aufgenommen. Ann erkannte im Treppenhaus sofort Jeffs stämmigen, sehnigen Oberkörper. War er womöglich ganz nackt? Das ließ sich aus dieser Perspektive nicht feststellen. Er näherte sich dem Irren. Der hielt die Waffe auf ihn gerichtet und schien wie erstarrt. Mulligan schob sie zur Seite und entriss sie ihm mit einer heftigen, präzisen Bewegung. Der Lieutenant hielt das Video an.

»So weit, Mulligan, ist alles in Ordnung. Sie setzen Ihr Leben und Ihre Karriere aufs Spiel, das ist Ihr Problem. Sie gewinnen, sehr gut. Dieser Idiot Murray kann Ihnen nichts anhaben, solange ich Sie schütze, und das weiß er auch. Aber bitte erklären Sie mir das …«

Er schaltete das Band wieder ein. Der Sergeant ging auf den Schützen zu. Mit erschreckender Schnelligkeit und Brutalität schlug er ihn systematisch zusammen. Dann durchsuchte er den reglos daliegenden Mann, zog eine Zigarette aus der Tasche seines Opfers und zündete sie sich in aller Seelenruhe an. Woodruff schaltete das Gerät ab.

»Sie haben auf ihn eingedroschen, nachdem Sie ihn entwaffnet hatten, und das vor einer laufenden Überwachungskamera!«

»Den zweiten Punkt bedauere ich.«

»Das ist alles andere als komisch! Ich habe für heute Nachmittag 15.00 Uhr eine Pressekonferenz bei der Polizeidirektion einberufen. Sie werden mich natürlich begleiten. Stellen Sie sich bitte vor, die Aufzeichnung gerät in die Hände eines Journalisten …«

»Ein Cop müsste sie ihm zuspielen.«

»Haben Sie etwa den Eindruck, Sie hätten viele Freunde in dieser Abteilung? Von den Ermittlern, die mit der Untersuchung des Falls beauftragt sind, haben zwei die kleine Szene gesehen. Das heißt, das ganze Revier ist auf dem Laufenden. Ihre Heldentaten zu decken wird mich noch meine Karriere kosten!«

Mit einem kleinen ironischen Lächeln hielt Jeff Mulligan dem Blick seines Vorgesetzten stand. Ann begriff sofort die Bedeutung: »Immerhin waren meine ›Heldentaten‹, wie Sie es nennen, nicht ganz unbeteiligt an Ihrer Karriere …« Das entging auch Woodruff nicht.

»Sparen Sie sich Ihre Arroganz! Sie tragen maßgeblich zu unseren hervorragenden Ergebnissen bei, aber da Sie pausenlos die gelbe Markierungslinie überschreiten, könnten Sie uns auch mit in den Abgrund reißen. Also raus mit der Sprache, Mulligan: Welche Notwendigkeit gab es, diesen Typen brutal zusammenzuschlagen?«

»Keine, Chef. Nur Spaß an der Freude.«

»Wenn sich diese Sache herumspricht, kann ich Sie nicht mehr schützen. Seit heute gibt es einen weiteren Cop in New York, der Ihren Kopf fordert, und das ist nicht irgendwer. Bald könnten meine Beziehungen zum Präsidium nicht mehr genug Gewicht haben. Sie sind ein Polizist auf Zeit, Mulligan.«

Der Lieutenant griff nach einer Akte und tat so, als wäre er allein in seinem Büro. Der Sergeant erhob sich und verließ den Raum. Ann folgte ihm.

Draußen drehte er sich um und legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Danke, dass Sie mich unterstützt haben. Das war sehr mutig.«

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