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Todeswächter

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Erster Teil
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. Zweiter Teil
  36. 1
  37. 2
  38. 3
  39. 4
  40. 5
  41. 6
  42. 7
  43. 8
  44. 9
  45. 10
  46. 11
  47. 12
  48. 13
  49. 14
  50. 15
  51. 16
  52. 17
  53. 18
  54. 19
  55. 20
  56. 21
  57. 22
  58. 23
  59. 24
  60. 25
  61. 26
  62. 27
  63. 28
  64. 29
  65. 30
  66. 31
  67. Dritter Teil
  68. 1
  69. 2
  70. 3
  71. 4
  72. 5
  73. 6
  74. 7
  75. 8
  76. 9
  77. 10
  78. 11
  79. 12
  80. 13
  81. 14
  82. 15
  83. 16
  84. 17
  85. 18
  86. 19
  87. 20
  88. 21
  89. 22
  90. 23
  91. 24
  92. 25
  93. 26
  94. 27
  95. 28
  96. 29
  97. 30
  98. 31
  99. 32
  100. 33
  101. 34
  102. 35
  103. 36
  104. 37
  105. Dank
  106. Fußnoten
  107. Leseprobe – Killer’s creek
  108. Leseprobe – Im Keller des Killers

Über den Autor

Veit Etzold, geboren 1973 in Bremen, studierte Anglistik, Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und General Management in Oldenburg, London und Barcelona. 2005 promovierte er zum Kinofilm »Matrix«. Während und nach seinem Studium arbeitete er für Medienkonzerne, Banken, in der Unternehmensberatung und in der Management-Ausbildung. Veit M. Etzold lebt in Berlin.

Prolog

Ye subterraneous gods! Whose awful sway
The gliding ghosts, and silent shades obey:
O Chaos hoar! and Phelethon profound!
Whose solemn empire stretches wide around;
Give me, ye great, tremendous powers to tell
Of scenes and wonders in the depth of hell;
Give me your mighty secrets to display
From those black realms of darkness to the day.

– Christopher Pitt, Aeneid VI, 371–378

Die Augen bewegten sich.

Doch die Frau, der diese Augen gehörten, konnte sich nicht bewegen.

Ihr brach der Schweiß aus. Anfangs war es nur ein dünner Film auf der Haut, dann liefen ihr dicke Tropfen übers Gesicht.

Der Mann wusste, warum sie schwitzte.

Er wusste auch, warum ihr Gesicht unter der Maske sich allmählich blau verfärbte. Er blickte in ihre weit aufgerissenen Augen – das Einzige, was er von ihrem Gesicht sehen konnte, weil alles andere von der schwarzen Maske verdeckt wurde. Wie bei einem chirurgischen Eingriff, bei dem nur der Operationsbereich zu sehen ist.

Der Druck in ihrem Schädel ließ die Blutgefäße platzen. Ihr Augenweiß färbte sich rot. Wie die Augen eines Dämons, dachte der Mann und beobachtete, wie sie sich mit aller Kraft gegen das Unvermeidliche auflehnte. Sie zerrte an den Fesseln, bis ihre Handgelenke blutig waren und rote Rinnsale an ihren Fingern hinunterliefen. Verzweifelt versuchte sie, den Körper anzuheben, doch die Fesseln hielten sie in unbarmherzigem Griff.

Entgeistert sah der Mann, wie ein Ausdruck des Begreifens in ihren Augen erschien, während Panik über ihr Gesicht huschte. Sie erkannte die Aussichtslosigkeit ihrer Situation.

Du wirst es nicht schaffen, dachte der Mann, auch wenn du es versuchst. Niemand kann sich gegen die Macht des Schicksals stemmen. Und niemand kann dir helfen.

Fassungslos schaute er zu, wie die Frau sich quälte. Er musste zuschauen, er konnte nicht anders. Er wartete auf jenen Augenblick, in dem es passierte. Deshalb nahm er keine Sekunde den Blick von den blutroten Augen, obwohl es besser gewesen wäre, sich dieses Bild zu ersparen. Aber manche Dinge tut man, obwohl man weiß, dass man sie nicht tun sollte. Auf gar keinen Fall. Wie bei einem Horrorfilm, bei dem man hinschaut, obwohl man weiß, dass man die ganze Nacht Albträume hat.

Aber das hier war kein Film. Das hier war Wirklichkeit.

Wie gebannt blickte er in die Augen der Frau. Blutrote Augen.

Dämonenaugen.

Wobei er nicht wusste, wer von ihnen beiden der Dämon war.

Mittlerweile zuckte die Frau in heftigen Krampfanfällen. Er hörte ihre verzweifelten Laute, dumpf, erstickt, weil ihr Mund und die Nase von der Maske verschlossen wurden.

Mit einem Mal bebte ihr Körper so heftig, als wollte sie den Tod abschütteln, der immer mehr, immer schneller Besitz von ihr ergriff.

Jetzt sind es nur noch Sekunden, dachte der Mann.

Die wenigen Sekunden, in denen der Überlebenswille sich noch gegen die Macht des Todes behaupten konnte.

Ein letztes qualvolles Stöhnen, dann brach der Blick der Frau.

Es war jener unbeschreibliche Moment, den zu erleben der Mann an diesen Ort gekommen war.

Der Moment, in dem er sich wünschte, selbst zu sterben.

Der Augenblick des Todes.

Doch es war noch nicht zu Ende.

Der Tod ist erst der Anfang, hatte man ihm gesagt.

Erster Teil

Mein Platz ist eine stinkende Vertiefung in einem alten Grab, als Schreibtisch dient mir die Rückseite eines umgestürzten Grabsteins, und mein einziges Licht ist das Licht der Sterne und einer hellen Mondsichel. Und doch kann ich so deutlich sehen, als wäre es heller Tag.

– H. P. Lovecraft, Die geliebten Toten

1

Ich bin in der Hölle.

Anders konnte Clara Vidalis sich ihre Situation nicht erklären.

Sie war nackt und gefesselt. Eine einzige Wunde. Geschändet und zerfleischt, Arme und Beine zerschnitten von einer riesigen Klinge, die sich langsam ihrem Hals näherte. Der blutige Stahl blitzte matt im Schein der Deckenleuchte wie das Licht über einem Sektionstisch.

Nur dass Clara nicht tot war. Vivisektion nannte man Obduktionen, bei denen der Mensch noch lebte. Im Zweiten Weltkrieg hatte man solche Experimente gemacht. Und gehofft, so etwas würde sich nie wiederholen.

Aber das Grauen lebte weiter. Es lässt sich nicht töten.

Auch Clara war nicht tot. Und wurde trotzdem seziert.

Vivisektion.

Der Begriff hallte in ihrem Kopf wie ein Echo aus der Hölle.

Du bist nicht tot. Und sie werden dafür sorgen, dass du noch lange nicht stirbst.

In jede Körperöffnung hatten ihre Peiniger etwas hineingeschoben, auch tief in den Rachen. Clara schluckte, würgte, keuchte. Ein grässlicher Gedanke durchfuhr sie: Wenn du dich jetzt übergeben musst, erstickst du am eigenen Erbrochenen.

Sie lag auf Nägeln und Klingeln. Geschmolzenes Plastik tropfte auf sie, hinterließ schwarzrote Spuren auf ihrer Haut. Sie war schweißgebadet. Oder war es kein Schweiß? War es ihr Blut, das an Armen und Beinen herunterströmte und ihre Augen verschleierte, sodass sie die Welt nur noch als blutrote Leinwand sah?

Eine Welt, in Blut gemalt.

Plötzlich wusste sie, was geschah.

Sie wurde gefoltert, zu Tode gequält von den Mördern, Vergewaltigern und Kinderschändern, die sie hinter Gitter gebracht hatte. Sie hatte diese Scheusale gejagt, damit sie niemanden mehr töten konnten, damit es keine weiteren Opfer mehr gab, kein weiteres Leid.

Nun aber hatten diese Ungeheuer den Spieß umgedreht. Nun war Clara selbst das Opfer. Und niemand wusste besser als sie, wozu diese Bestien fähig waren.

Sie, Clara Vidalis, Chefin der Abteilung für Pathopsychologie am LKA Berlin, hatte sich ihr halbes Leben lang mit Dämonen in Menschengestalt beschäftigt. Mit den gähnenden Abgründen ihrer Seele, den nachtschwarzen Schatten ihrer Persönlichkeit.

Nun war sie selber an diese Dämonen geraten, die sie hinunterzerrten in ihre Hölle aus Schmerz und Qual, um ihr die unaussprechlichen Dinge anzutun, mit denen sie all jene bestraften, die ihrem grausamen Treiben im Weg stehen.

Und sie würden entscheiden, wie lange Clara sich quälen musste.

Sie würden entscheiden, wie groß der Schmerz war.

Sie würden entscheiden, ob ihr Opfer Hoffnung schöpfen durfte und wann diese Hoffnung sich wieder zerschlug.

Sie würden entscheiden, wann Clara sterben musste und wie qualvoll. Sie wollten Kontrolle über ihr Opfer, sein Leben, sein Leiden.

Es würde so sein wie immer. Nur dass diesmal sie den Sieg davontragen würden. Diesmal war Clara in ihrer Gewalt.

Sabbernd, mit gierigen Blicken umstanden sie ihr nacktes Opfer und begafften es mit fiebrigen Augen.

Schaudernd blickte Clara auf die Werkzeuge ihrer Peiniger: Messer, Nadeln, Bunsenbrenner, Lötkolben. Das Handwerkszeug von Metzgern, Klempnern, Tischlern und Chirurgen, die hier eine ganz neue Verwendung fanden.

Die der Folter.

Der Schmerz war unerträglich, trotzdem war Clara bei vollem Bewusstsein und würde es bleiben. Diese Kreaturen würden unbarmherzig weitermachen. Wenn sie das Bewusstsein verlor, würden ihre Peiniger sie aufwecken und weiter foltern. Stundenlang, tagelang. Sie würden Clara spüren lassen, wer hier die Macht besaß.

Und je mehr Clara um Gnade flehte, je lauter sie schrie und weinte, betete und bettelte, umso mehr würde sie die düsteren Fantasien dieser Brut anheizen. Ihr Blut und ihre Tränen waren der Treibstoff, der die Foltermaschine am Laufen hielt.

Das ist die Quittung, dachte Clara. Die Quittung für zehn Jahre Jagd auf den schlimmsten und scheußlichsten Abschaum der Menschheit. Serienkiller. Kindermörder. Triebtäter.

Und wenn sie dann irgendwann nach ihrer Mama schrie wie ein achtzehnjähriger Soldat an der Front, würden ihre Folterer wissen, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Dann hatten sie ihr Opfer zerbrochen. Dann hatte das Böse doch noch gesiegt. Sie würden jubeln und grölen vor perverser Freude.

Und erst recht weitermachen.

Das Böse, ging es Clara verschwommen durch den Kopf, ist nicht fassbar. Nur in seinen Taten. Und in seinen Gesichtern.

Man hatte versucht, dem Bösen Gesichter zu geben. Satan, Luzifer, der Teufel – das waren die unsichtbaren Gesichter. Doch es gab auch sichtbare: Hitler, Stalin, Pol Pot.

Die wahren Gesichter des Bösen jedoch waren all jene, die nun auf die nackte, blutige Clara starrten und ihren Körper in eine einzige offene Wunde verwandelten.

Claras Herz schlug rasend schnell. Sie zuckte vor Schmerz zusammen, als ihr etwas Hartes, Spitzes tief in den Hals eingeführt wurde. Sie spürte, wie heißes Blut ihre Speiseröhre hinaufschoss, um dann träge an den Mundwinkeln hinunterzurinnen, während ihre Magensäure sich mit Blut vermischte, sodass sie in einem Hustenanfall schieren Ekels blutiges Erbrochenes ausspie.

Lieber Gott, betete sie, lass mich sterben. Lass mich das nicht zu Ende durchstehen müssen. Lass mich bewusstlos werden und sterben. Bitte, bewahre mich vor den Qualen der Hölle!

Doch die Qualen hielten an.

Ich muss schon in der Hölle sein, dachte Clara. Die Hölle, wenn es sie denn gibt, kann schlimmer nicht sein.

Dann sah sie das Licht – ein helles Licht, das sie von der Seite anstrahlte und sie mit lautem, rhythmischem Lärm begrüßte.

Bin ich endlich tot? Ist dieses Licht das Leben nach dem Tod? Ist es der Himmel?

Das Licht flackerte und wurde dunkler, im gleichen Rhythmus wie der seltsame Ton, der in stetem Wechsel anschwoll und verebbte, während die lüsternen Fratzen, die gaffenden Augen, die Folterinstrumente und das Blut langsam hinter einem Vorhang aus Stille verschwanden.

***

Das Licht des Displays pulsierte in der Dunkelheit, als das Handy schrill klingelte.

Clara schreckte schweißgebadet aus dem Schlaf. Das schwarze Haar klebte ihr am Kopf wie ein Helm, die Boxershorts und das T-Shirt hafteten wie eine zweite Haut an ihrem Körper. Ihr Atem, ein heiseres Stakkato, ging so schnell und laut, dass er selbst das Klingeln ihres Handys auf dem Nachttisch übertönte.

Panikerfüllt strampelte sie die Decke weg. Schaute auf ihre Beine. Ihre Arme. Zog das T-Shirt hoch und blickte über ihren Bauch und ihre Brüste. Tastete über die Haut auf ihrem Rücken.

Nichts.

Die Messer, Sägen, Bohrer, Lötkolben. Sie hatten nicht wirklich existiert.

O Gott, danke, es war nur ein Albtraum!

Aber er konnte wahr werden. Dinge verschwanden nicht, indem man sie verdrängte.

Clara nahm den Anruf an. Ihr Atem rasselte noch immer.

»Vidalis.«

»Guten Morgen, Señora«, sagte Kriminaldirektor Winterfeld, Claras unmittelbarer Vorgesetzter, seines Zeichens Leiter der Mordkommission 113 am LKA. Die Abteilung für die besonders schweren Fälle, in der auch Clara arbeitete.

Winterfelds Worte holten sie zurück in die Realität. Selten war sie so glücklich gewesen, seine Stimme zu hören.

»Wir haben einen Fundort, scheint aber eher ein Tatort zu sein. Hubertusallee. Eine Frau. Ermordet, wie es aussieht. Ein qualvoller Tod, meinen die Kollegen.«

»Was Sie nicht sagen.« Ein qualvoller Tod. Die Bilder des Albtraums erschienen wieder vor Claras Augen.

»Können Sie schon mal hin und die Spurensicherung überwachen?«, fragte Winterfeld. »Von Weinstein ist ebenfalls unterwegs. Ich komme so schnell wie möglich nach.«

»In Ordnung. Bis gleich.«

Clara beendete den Anruf und blinzelte in die Morgendämmerung.

Ein qualvoller Tod.

Diesmal war es kein Traum, es war Realität. Jeder Traum konnte Wirklichkeit werden, ganz besonders Albträume.

Clara schwang die Beine aus dem Bett, zog sich die schweißnassen Sachen aus und ging mit unsicheren Schritten in die Dusche.

2

Zwanzig Minuten später stieg Clara aus dem Wagen und blinzelte in den dunkelgrauen Morgenhimmel.

Es war sechs Uhr früh, und sie war noch nicht ganz wach.

Sie blickte zu dem Haus hinüber. Drei Polizisten standen mit dampfenden Kaffeebechern vor dem Eingang. Das Haus stand ein wenig abgelegen in einer der besseren Gegenden der Stadt. Es schmiegte sich an den Waldrand, als wollte es unbedingt erfahren, wie die Besucher auf die Schrecken reagierten, die es im Inneren bereithielt.

Eine der besseren Gegenden, dachte Clara. Das hatte nicht immer etwas zu bedeuten. Wie Kriminaldirektor Winterfeld sich auszudrücken pflegte: »Die schmutzigsten Leitungen führen durch die saubersten Viertel.«

Clara hatte schon so viele Tatorte gesehen, dass sie ein Gespür dafür entwickelt hatte, ähnlich ihrem sechsten Sinn für die Opfer selbst. So wie die Toten sie mit klagenden Augen anstarrten und durch ihre nächtlichen Träume geisterten, schienen auch die Tatorte zu Clara zu sprechen.

So wie dieses Haus.

Ich habe da etwas in meinem Bauch. Ihr werdet es finden, und ihr werdet es mitnehmen, und ich werde so sein wie vorher. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht werden Kinder schreien und Katzen miauen, wenn sie mich betreten, weil sie riechen, dass hier etwas Grauenhaftes geschehen ist. Vielleicht werden schmierige Makler in billigen Anzügen mich weitervermieten oder verkaufen und niemandem erzählen, was sich hier abgespielt hat. Das weiß nur ich. Und ich behalte es für mich, bis die Wahrheit ans Licht kommt und die Leute vor Angst schreien. Dann saugen meine Wände ihre Schreie auf. Denn ich war vor ihnen da und werde nach ihnen da sein.

Clara ging ein paar Schritte in Richtung Gartenpforte. Und ertappte sich dabei, wie sie mit dem Haus sprach: Was für Geheimnisse hast du, die nie jemand erfahren wird?

In einem der Zimmer brannte Licht. Ein schwaches Leuchten, das gegen die Dunkelheit der sterbenden Nacht ankämpfte, als würde das Haus selbst gerade erst erwachen.

Die Eingangstür stand offen. Die Bereitschaftspolizisten grüßten Clara mit einem Nicken. Auf den Take-away-Kaffeebechern, die sie in der Hand hielten, erkannte Clara das Logo der Bäckerei, an der sie vorhin vorbeigefahren war. Einen Moment ärgerte sie sich. Sie hätte sich auch einen Kaffee besorgen sollen, denn der Albtraum in der Nacht zuvor hatte ihr das letzte bisschen Schlaf geraubt. Sie war zum Umfallen müde.

»Hauptkommissarin Vidalis?«, fragte einer der drei Polizisten, drehte die Abdeckung seines Kaffeebechers nach vorne und nahm vorsichtig einen kleinen Schluck. Der Mann hatte einen beängstigenden Bauch. Clara fragte sich, wie es wohl aussah, wenn er jemanden verfolgte.

Sie nickte. »Die Kollegen?«, fragte sie dann.

»Sind schon drin.«

»Und?«

Der Dicke zuckte die Schultern und zupfte an seiner Dienstmütze. »Eine Tote.«

»Schlimm?«

»Sagen wir mal so«, antwortete der Dicke in gedehntem Berlinerisch und versuchte, den Bauch einzuziehen. »Eine hässliche Tat in schöner Umgebung.«

***

Das Zimmer war abgedunkelt, das Fenster gekippt. Ein Fliegenschwarm umschwirrte die Leiche, die in ein weißes Nachthemd gehüllt auf dem Bett lag. Auf einem weißen Laken. Clara trat näher und versuchte, den Geruch zu ignorieren, der sich bereits im ganzen Zimmer ausgebreitet hatte. Über dem Bett hing ein großformatiges Foto. Es zeigte eine etwa vierzigjährige Frau und einen Mann in ungefähr gleichem Alter, vielleicht ein bisschen älter. Waren das die Eheleute, die hier gewohnt hatten? Es war kein Hochzeitsbild, aber die Art Foto, die man beim Fotografen mit der Bemerkung »Es soll romantisch aussehen« in Auftrag gibt. Ob die Frau damals geahnt hatte, dass dieses Bild einmal auf ihre Leiche hinunterschauen würde? Claras Blick huschte vom Foto zu der Toten. Mit Sicherheit ein und dieselbe Frau, dachte sie.

Vor dem Bett ein Sessel.

Der Sessel war mit Absperrband markiert, denn es bestand die Möglichkeit, dass sich Spuren des Täters daran befanden. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Ermittler wichtige Spuren zerstörte, indem er sich unbedarft auf einen Sessel setzte.

»Weiblich, um die vierzig«, sagte von Weinstein, der seinen Dienstkoffer ausgepackt hatte und das Gesicht der Leiche untersuchte. Zwei Kriminaltechniker in weißen Papieranzügen stapften mit ihren ebenfalls weißen Überschuhen durchs Zimmer, klebten Faserproben ab, tupften mit Grafitpinseln auf der Oberfläche des Nachttisches und machten Aufnahmen. Die Blitze ihrer Kameras ließen Sterne vor Claras Augen tanzen.

Dr. von Weinstein war der stellvertretende Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Berlin. Sein gebräunter Teint und die silberne Designerbrille unter den gegelten Haaren entsprachen so gar nicht dem Klischee des graugesichtigen Rechtsmediziners, wie er häufig in Filmen auftaucht.

»Todeszeitpunkt?«, fragte Clara.

»Da ihre Körpertemperatur sich bereits der Umgebungstemperatur angeglichen hat«, antwortete von Weinstein, »lässt sich keine genaue Leichenliegezeit mehr berechnen.« Aus seiner rauen Stimme schloss Clara, dass auch er vor Kurzem erst aufgestanden war.

Sie verdrehte die Augen. »Wann ungefähr ist der Tod eingetreten?«

»Vor zwei bis drei Tagen. Der Körper weist bereits Grünfäulnis auf.« Grünfäulnis begann in der Regel als grünlicher Fleck im rechten Unterbauch, da hier der Darm direkt unter der Haut lag.

Clara fixierte das Bett, auf dem die Leiche lag, dann die Tote selbst. Die Augen waren rötlich und geweitet, das Gesicht blau angelaufen, was in bizarrem Kontrast zum knallroten Lippenstift stand, mit dem sie geschminkt war. Rechts und links neben der Toten standen große erloschene Kerzen. Clara stellte sich vor, wie sie noch gebrannt und den flackernden Schatten der Leiche an die Wände geworfen hatten, als würde die Seele der Frau im Zimmer umhergeistern und sich anschauen, was mit dem Körper geschehen war, den sie so lange bewohnt hatte.

Von Weinstein drehte mit einer Pinzette die Augenlider der Leiche um, sodass die Bindehaut sichtbar wurde.

»Petechien«, sagte er.

Punktblutungen, dachte Clara. Punktblutungen in den Augenbindehäuten, die dann auftraten, wenn hoher Druck auf die Gefäße ausgeübt wurde. Solche Blutungen an Prädilektionsstellen wie den Augenlidern, der Mundschleimhaut oder der Haut hinter den Ohren waren ein Hinweis darauf, dass jemand durch Gewalteinwirkung auf den Hals – zum Beispiel durch Erwürgen – ermordet worden war.

»Also ist sie …«, begann Clara.

»Entweder erstickt oder stranguliert worden.« Von Weinstein nickte. »Der Hals sieht allerdings unauffällig aus.«

Erstickt.

Der Tod der Frau musste qualvoll gewesen sein. Die Angst vor dem Ersticken ist eine tief sitzende Urangst. Wenn man kein Kohlendioxid mehr ausatmen kann, sodass der CO2-Gehalt des Blutes steigt, kommt es zur Panik, da das Gehirn auf einen CO2-Anstieg im Blut mit Todesangst reagiert. Wer so stirbt, leidet grausam, bis der Tod eintritt.

Clara riss sich von diesem Gedanken los und ließ den Blick wieder über den Tatort schweifen. Die Kerzen rechts und links, das weiße Nachthemd, der knallrote Lippenstift. Die Hände der Leiche waren zu beiden Seiten ausgestreckt und mit Fesseln fixiert.

Clara trat näher heran.

»Was ist da in ihrer rechten Hand?«

Von Weinstein folgte ihrem Blick. »Wie es aussieht, ein Handy.«

»Ein Handy?« Clara schaute auf die Leiche. »Ihr Handy?«

Von Weinstein zuckte die Schultern. »Hellsehen kann ich nicht.«

Clara streifte einen Handschuh über und hob die Hand der Toten ein paar Millimeter. »Hat sie versucht, jemanden anzurufen?«

Erneutes Schulterzucken seitens von Weinstein. »Möglich. Dann muss die IT das Handy knacken. Das könnte Hermann übernehmen.«

Hermann arbeitete ebenfalls mit Clara im LKA 113. Das Knacken von Passwörtern war eines seiner Hobbys.

Clara schaute wieder auf das Handy.

Jemanden anrufen, dachte sie. Aber wie hätte die Frau das anstellen sollen? Sie ist gefesselt. Wie soll sie da das Handy ans Ohr halten? Und warum sollte der Täter ihr das Mobiltelefon in die Hand legen?

Draußen an der Tür sah sie den dickbäuchigen Polizisten, ein Handy am Ohr. »Jawoll, Herr Winterfeld«, hörte sie ihn sagen, »sind alle schon da. Dann sehen wir uns in zehn Minuten.«

Clara trat einen Schritt zurück und wäre dabei fast über den seltsamen Ledersessel gestolpert, der vor dem Bett stand. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, der irgendwie mit dem Sessel zu tun hatte, aber er war sofort wieder verschwunden, verscheucht von der stillen und zugleich grässlichen Szenerie, die sie vor Augen hatte, und von den Bildern, die der Anblick in ihr auslöste.

Sie trat noch einmal näher an das Bett heran.

Es passte nicht zusammen.

Der grauenvolle Tod des Erstickens, gleichzeitig dieses friedliche, durch die Kerzen beinahe feierliche Herrichten der Leiche im Bett. Als wäre sie aufgebahrt worden.

Clara schaute in das Gesicht der Toten. »Könnte es sein, dass sie stark geschminkt ist?«

Von Weinstein nickte. »Ja, sieht so aus.«

»Könnte der Täter das getan haben?«

»Möglich.«

»Haben Sie eine Erklärung dafür?«, fragte Clara.

»Vielleicht wollte er seine Tat rückgängig machen, indem er die unnatürliche blaue Farbe aus dem Gesicht verschwinden ließ.«

»Die Blaufärbung der Haut, die durch den Erstickungstod hervorgerufen wurde?«

»Ganz recht.« Von Weinstein nickte erneut.

»Das hier lag unter dem Bett«, erklang die Stimme eines Kriminaltechnikers.

Clara blickte sich um. Ein Beamter von der Spurensicherung hatte einen schwarzen Gegenstand vom Boden aufgehoben. Jetzt hielt er ihn in seinen weißen Gummihandschuhen.

»Was ist das? Eine Kappe?«, fragte Clara.

Der Mann legte das formlose schwarze Etwas auf eine Asservatentüte. »Es hat einen Schlitz. Und unten zwei Löcher und noch einen Schlitz, aber die sind beide von der anderen Seite mit Plastikfolie zugeklebt. Nur der obere Schlitz ist offen.«

Clara blickte angestrengt auf das Latexgebilde.

»Das ist eine Maske«, sagte sie. »Wie man sie in SM-Kreisen findet.«

Auch von Weinstein betrachtete die Maske nun eingehend. »Ja, stimmt. Erinnern Sie sich an den Typen in dem Sexclub vor ein paar Monaten, der bei Würgespielen mit einer Domina draufgegangen ist? Der hatte auch so ein Ding.«

Clara erinnerte sich. Es war eine bitterkalte Winternacht gewesen. Und es hatte fast eine halbe Stunde gedauert, bis der Clubbesitzer endlich das UV-Licht aus- und das normale Licht eingeschaltet hatte. Im UV-Licht hatte der Boden an vielen Stellen weiß geleuchtet. Und da Clara wusste, um welche Art Club es sich handelte, war es nicht schwer zu erraten, was da leuchtete. Eiweißverbindungen kamen unter UV-Bestrahlung besonders gut zur Geltung.

Was ist dieses klebrige Zeug da auf dem Boden?, hatte einer der jungen Polizisten sie gefragt. Ist das Cola?

Ich glaube nicht, dass Sie diese Cola trinken möchten, hatte Clara geantwortet.

»Ja, der Mann damals hatte auch so eine Maske«, sagte sie nun. »Aber hier.« Sie zeigte mit der Linken, an der sie den Gummihandschuh trug, auf die Maske. »Hier wurden die Löcher für Nase und Mund zugeklebt. Das bedeutet, wenn man die Maske aufsetzt …«

Von Weinstein beendete den Satz. »Erstickt man, und zwar jämmerlich. Es sei denn, man setzt das Ding schnell wieder ab.«

»Könnte es sein, dass die Frau sich die Maske selbst aufgesetzt und dann die Polizei verständigt hat?«

»Der klassische Hilferufsuizid?«, fragte von Weinstein. »Wo jemand sich bei vollem Haus halbherzig die Pulsadern anritzt, damit alle wissen, wie dreckig es ihm geht?«

»Wäre doch möglich.«

»Die Frau selbst wird dazu kaum in der Lage gewesen sein.« Von Weinstein wies auf die Hände der Toten. »Die Fesselspuren sprechen dagegen.«

Clara biss sich auf die Lippe. »Dann hat sie sich die Maske nicht freiwillig aufgesetzt. Und«, sie versuchte, gleichzeitig die Leiche, das Handy, die Maske und die Kerzen im Blick zu behalten, »jemand wollte, dass das Ganze nicht so schrecklich aussieht, wie es gewesen ist.«

Allmählich wurde ihr klar, was hier passiert war. Sie trat einen Schritt zurück und hielt die schwarze Latexmaske in die Höhe. »Aber der Reihe nach. Das hier ist die Mordwaffe, richtig?«

Von Weinstein nickte. »Richtig. Der Mörder hat die Frau gefesselt, hat ihr die Maske aufgezogen, sodass sie keine Luft mehr bekam …«

»Und dann ist sie von alleine gestorben, ohne dass er noch Hand anlegen musste.« Clara blickte blinzelnd auf die Szenerie. »Aber warum dieser Aufwand? Er hätte sich die Sache doch viel leichter machen können.«

Von Weinstein zuckte die Schultern. »Vielleicht hat er sich nicht getraut, den Mord … nun ja, direkter, unmittelbarer zu begehen. So wie dieser Kerl vor drei Wochen, der den Besoffenen im Bett mit Benzin übergossen und Feuer gelegt hat und dann abgehauen ist.« Von Weinstein untersuchte im Licht der Taschenlampe die blutigen Handgelenke der Leiche und wandte sich dann wieder dem Gesicht zu. »Manche Täter wollen töten, ohne das Sterben mit ansehen zu müssen, auch wenn sie genau dafür verantwortlich sind.«

Clara konzentrierte sich auf die Szene vor ihren Augen. Die Frau auf dem Bett. Die Latexmaske. Die Kerzen.

Die Kerzen, dachte Clara. Friedlich, beinahe feierlich. Zugleich befremdlich und erschreckend in dieser Umgebung. So befremdlich und erschreckend wie die gesamte Szenerie.

Weshalb dann die Kerzen? Damit andere sahen, dass der Mord nicht so grausam hatte sein sollen? Dass es nicht so gemeint war? Dazu würde auch die Schminke im Gesicht passen, um die Blaufärbung der Haut zu übertünchen, so, als wollte der Mörder die Tat rückgängig machen.

Ein Wort ging Clara durch den Kopf.

Undoing.

Was nichts anderes bedeutete als den Versuch, eine Tat ungeschehen zu machen.

Die meisten Tötungsdelikte, das wusste Clara, geschahen nicht aus Berechnung, sondern aus Wut und Kontrollverlust. In fünfundneunzig Prozent der Fälle war der Täter nicht viel nervenstärker als sein Opfer. Fälle von Undoing hatte Clara schon öfter gesehen. Ein junger Mann, zum Beispiel, hatte seine Mutter im Streit erschlagen. Irgendwann wurde ihm bewusst, was er Schreckliches getan hatte. Daraufhin hatte er die Leiche seiner Mutter auf die Couch gelegt, auf ihr Lieblingskissen, hatte ihr ein Glas mit ihrem Lieblingstee hingestellt und die Fernbedienung dazugelegt, als wollte er sagen: »Ich hab’s nicht so gemeint.«

Undoing.

3

Der Regen prasselte auf die aufgeweichte Erde, als der Sarg an vier Seilen in die Tiefe gelassen wurde. Der kleine Junge, der an der Hand seiner Mutter neben dem Grab stand, blickte dem Sarg mit einer Mischung aus Furcht und Gleichgültigkeit hinterher, als sähe er etwas, das er zwar vermissen sollte, aber nicht vermissen würde.

Er schaute auf den Grabstein. Lesen hatte er gerade erst in der Schule gelernt.

Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, las er.

Hoffentlich nicht, dachte der kleine Junge. Schlafen kannst du, aber wach ja nie wieder auf!

Es war sein Vater, der in dem Sarg lag. Und viel größer als die Trauer über den Tod dieses Mannes, den er nie geliebt hatte, war die Angst des Jungen, Papa könnte den Sarg öffnen und wieder zurückkommen. Aber das, so hatte seine Mama ihn gelehrt, war unmöglich.

Wenn die Eltern sterben, hatte sie ihm gesagt, ist man erwachsen.

Der kleine Junge hatte seine Zweifel, ob man überhaupt jemals erwachsen wurde. Vor allem, wenn sich die eigenen Eltern alles andere als erwachsen benahmen.

Sein Vater hatte getrunken, viel getrunken.

Er hatte Mama geschlagen. Und ihn.

Mit der Zeit war Papas Bauch angeschwollen. Immer mehr, jeden Tag, jede Woche. Keiner wusste warum. Und Papa hatte weitergetrunken.

Eines Tages hatten sie aus dem Badezimmer ein schreckliches Geröchel und Geschrei gehört. Papa hatte auf dem Boden gelegen und Blut gespuckt. Er lag in einer roten Pfütze und sah aus wie ein riesiger zappelnder Fisch, den man aus einem blutigen Ozean gezogen hatte. Es war, als hätte sich all der Alkohol, den er in den vielen Jahren in sich hineingeschüttet hatte, in Blut verwandelt. Er hatte geschrien und gezuckt, bis er irgendwann still in seinem eigenen Blut lag.

Es war dunkelrotes, von schwarzen Körnchen durchsetztes Blut. Papa hatte es in so hohem Bogen ausgespuckt, dass die weißen Fliesen des schäbigen Badezimmers wie die Kacheln an den Wänden eines Schlachthauses aussahen, wo man es mit der Hygiene nicht so genau nahm.

Eigentlich sollte ein kleiner Junge so etwas nicht sehen, aber es hatte ihn nicht allzu sehr gestört. Im Gegenteil. Er war beinahe froh, dass es so war.

Sein Vater war auf so schreckliche Weise gestorben, wie er gelebt hatte.

Nachdem die Ambulanz gekommen war, hatte der Junge seinen Vater auf der Bahre liegen sehen, so friedlich, als würde er gleich wieder aufstehen. Aber das würde er nicht. Nie mehr. Das hatte man dem Jungen versprochen.

Doch meist sah er nicht das Bild, wie sein Papa auf der Bahre lag. Meist sah er ihn in seinem Blut, auf dem Boden des Badezimmers, mit geplatzten Äderchen in den weit aufgerissenen Augen, die ihm wie große weiße Murmeln aus dem knallroten Gesicht zu springen schienen.

Und dann sah der Junge das andere Bild.

Mama auf dem Fußboden des Schlafzimmers.

Und über ihr Papa, der sie gewürgt hatte.

Ich bring dich um, du Schlampe!, hatte Papa gebrüllt, hatte Mamas Hals umklammert und ihren Kopf immer wieder auf den Boden des Schlafzimmers gerammt, bis Mamas Schreie verstummt waren.

Der Junge war ins Treppenhaus und nach draußen gerannt, so schnell er konnte, denn er wusste, er war der Nächste, dem Papa wehtun würde, so wie vor ein paar Jahren, als Papa ihm den Arm gebrochen hatte. Damals hatte der Junge noch keinen Schlüssel gehabt, als er ins Treppenhaus geflüchtet war. Und Papa hatte weitergetrunken und darüber ganz vergessen, dass sein Sohn draußen im Treppenhaus stand. Mama hatte bewusstlos auf dem Schlafzimmerboden gelegen. Der Junge hatte die ganze Nacht im Vorraum des Kellers zugebracht, unter dem Treppenhaus der Mietskaserne in Reinickendorf.

Morgens hatte er Mama dann im Treppenhaus gesehen und war mit ihr in die Wohnung geschlüpft. Mama hatte rote Stellen am Hals, und ihre Stimme war brüchig und heiser. Sie hatte sich irgendwann aufgerappelt, ihr zerschlagenes Gesicht verdeckt und sich mit einem Glas von irgendeinem Fusel wimmernd in eine Ecke des stockfleckigen Wohnzimmers der elterlichen Bruchbude gesetzt.

Dein Vater war sehr krank, hatte der Arzt dem Jungen gesagt. Und der Junge hatte genickt, denn der Arzt hatte recht. Allerdings hatte er dem Jungen nichts Neues erzählt. Krank war Papa schon immer gewesen. Nur hatte er noch nie in hohem Bogen Blut gespuckt.

Und jetzt war er tot.

Du wirst einen neuen Papa finden, hatte eine entfernte Tante zu dem Jungen gesagt, als der Sarg in der Erde war und die Arbeiter das Grab zuschaufelten.

Und wenn nicht, hatte der Junge gesagt, ist es auch nicht schlimm. Keinen Papa zu haben ist besser als so einen.

4

Kriminaldirektor Winterfeld ging mit Clara in sein Büro, warf sein Sakko in die Ecke, lockerte die Krawatte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Verdammt heißer Tag für Juni«, sagte er mürrisch.

Es war in der Tat ein schwüler, heißer Tag, an dem die Luft sich wie ein nasses Handtuch über den Körper legte. Clara kam sich vor wie in einem verfluchten Gewächshaus, in dem giftige Blumen des Bösen wuchsen.

Claras »Blumen« jedoch waren in dieser Jahreszeit die Wasserleichen, die bei den steigenden Temperaturen nach und nach an die Wasseroberflächen der Berliner Seen ploppten. Nicht, dass es furchtbar viele gewesen wären, aber es waren mehr als genug. Oder erstickte Frauen, die in ihrem Schlafzimmer verwesten.

Mit neunundfünfzig Jahren war Winterfeld nicht mehr der Jüngste, aber hatte er sich erst an einem Fall festgebissen, hatten die Täter meist nichts zu lachen. Die Kollegen auch nicht unbedingt.

Winterfeld wies Clara einen Platz vor seinem großen, mit Papieren übersäten Schreibtisch zu, ließ seine blauen Augen und die große Adlernase wie einen Radar durchs Büro schweifen, griff nach der La-Paz-Zigarilloschachtel, klappte sie auf, klappte sie wieder zu und legte sie zurück auf den Tisch. Zwar hatte der Arzt ihm das Rauchen untersagt, doch alle im LKA waren froh, dass Winterfeld rückfällig geworden war. Ohne seine Zigarillos war er unausstehlich.

»Manche sind Stressesser«, sagte er immer. »Ich bin Stressraucher.«

»Aber Sie rauchen doch auch, wenn Sie nicht im Stress sind«, hatte Clara dazu bemerkt.

»Da können Sie mal sehen, wie flexibel ich bin«, hatte Winterfeld erwidert.

Auf dem Tisch lag die Fallakte samt Fotos, daneben ein Schreiben des Bundeskriminalamts. Winterfeld ließ sich in seinen Schreibtischsessel sinken und öffnete den Umschlag, den seine Sekretärin ihm auf den Tisch gelegt hatte und der den Stempel des BKA trug. Gemächlich faltete er den Brief auseinander.

»Nun hören Sie sich das an«, sagte er und blickte Clara an. »Das BKA macht eine Studie im Vogelpark Walsrode und will wissen, ob wir mitmachen.« Es war eine von Winterfelds Marotten, selbst unter Zeitdruck das Thema zu wechseln, auch wenn andere Dinge, wie die tote Frau auf dem Bett, viel wichtiger waren. Das Beste war dann, man ließ ihn gewähren; meist fand er schnell zum Thema zurück.

»Mitmachen heißt Geld zuschießen?«, fragte Clara.

Winterfeld zog eine Augenbraue hoch. »Was sonst! Alle schreien nach Geld!«

»Und was machen wir im Vogelpark? Lernen, wie man Verdächtige schneller zum Singen bringt?«

»Nicht ganz. Die haben da eine seltene Vogelart, sogenannte Truthahngeier.«

»Und?«

»Die Viecher sind Aasvögel, wie alle Geier, können aber noch aus tausend Meter Höhe Aas riechen, selbst dann, wenn es tief in der Erde verscharrt ist. Sogar, wenn es sich nur um eine tote Maus handelt.«

Er schaute Clara an, lächelte ein Lächeln, das es gerade noch bis zu seinen Augen schaffte, und nestelte wieder an der Zigarilloschachtel. »Die Geier werden darauf dressiert, Leichen aufzuspüren. Wenn man denen einen GPS-Sender umhängt, ist ein einziger Geier zehnmal effektiver als eine ganze Staffel Spürhunde.«

»Erinnert mich an den Zoll«, sagte Clara. »Die setzen mittlerweile abgerichtete Wespen ein, wenn sie Rauschgift in Autos suchen. Auch Wespen haben einen viel besseren Geruchssinn als die Hunde.«

»Arme Hunde«, sagte Winterfeld, »werden alle arbeitslos!« Er nahm die Fallakte zur Hand und lehnte sich zurück. »Aber zurück zum Thema, Señora. Was halten Sie von dem Fall?«

Clara überlegte kurz. »Allzu viel wissen wir ja noch nicht. Weder, wer verdächtig ist, noch was das Motiv sein könnte. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass es eine Beziehungstat war. Und dass das Opfer den Täter kannte.«

Winterfeld betrachtete sie aufmerksam. »Warum?«

»Die Leiche ist so hergerichtet, als wollte der Täter etwas wiedergutmachen. Das Make-up, das Foto, die Art und Weise, wie die Frau auf dem Bett lag, die Kerzen …«

Clara legte einige der Fotos auf den Tisch. Das blaue, geschminkte Gesicht der Leiche mit den grellroten Lippen starrte sie und Winterfeld an.

»Undoing.« Winterfeld kaute auf seinem Bleistift. »Stimmt’s?«

»Genau«, sagte Clara.

Es klopfte an der Tür.

»Ja?«, rief Winterfeld.

Hermann steckte den Kopf ins Zimmer. Er war die rechte Hand von Winterfeld und leidenschaftlicher Passwort-Knacker. Mit seinen eins neunzig und dem kahlrasierten Kopf konnte er einem Angst einjagen, wenn er wollte. Für Clara war Hermann eher ein Grizzlybär, der immer genug Honig bekommen musste, um ein braver Teddy zu bleiben.

»Wir haben die Personendaten«, verkündete er.

»Und?«

»Die Frau heißt Barbara Färber, Sekretärin in einer Unternehmensberatung. Wir sprechen gerade mit denen.«

»Und ihr Mann?«, fragte Clara und dachte an das Foto, das sie hinter der Leiche über dem Bett gesehen hatte. Wenn es sich tatsächlich um eine Beziehungstat handelte, war Barbara Färber höchstwahrscheinlich von einem ihr nahestehenden Menschen umgebracht worden, vielleicht sogar von ihrem Ehemann.

»Ihr Mann heißt Jochen Färber. Polizist.«

»Polizist?« Winterfeld stand auf. »Habt ihr schon mit ihm geredet?«

Hermann räusperte sich. »Wir finden ihn nicht. Wir haben bisher nur mit seinen Vorgesetzten gesprochen. Färber ist wie vom Erdboden verschluckt.«

5

Clara las den Bericht.

Ein ehrbarer Polizist als Mörder?

Sie erinnerte sich an eine Story aus den Siebzigerjahren, die Geschichte des amerikanischen Killers John Wayne Gacy. Er war Bauunternehmer gewesen. Als Clown verkleidet hatte er in seiner Freizeit Kinder zum Lachen gebracht. Er hatte sich sogar als Lokalpolitiker versucht. Und das alles, während er in seinem Keller Dutzende von Jugendlichen vergewaltigt und zu Tode gefoltert hatte.

Hunde, die bellen, beißen nicht, sagte man.

Aber Hunde, die nicht bellen, beißen.

Clara schaute auf die Akte.

»Hier steht, dass Jochen Färber verreist ist.«

»Ja«, sagte Hermann, »aber das gilt für beide. Für Jochen Färber und seine Frau. Kann aber ein plumpes Alibi sein, das Färber selbst eingefädelt hat, wozu ist er schließlich Bulle.« Er schaute in die Akte. »Jedenfalls, laut Auskunft der Nachbarn wollten Barbara und Jochen Färber für drei Wochen in Urlaub.«

»Sie ist jedenfalls häuslich und hütet die Wohnung«, meinte Winterfeld pietätlos und schaute auf ein Foto der Leiche.

Clara blickte ihn strafend an. »Aber wo ist der Ehemann? Allein im Urlaub?«

»Das weiß keiner. Wie gesagt, er ist wie vom Erdboden verschluckt. Niemand weiß, wo er steckt.« Er zuckte die Schultern. »Auch seine Vorgesetzten nicht.«

»Vielleicht wollte jemand, dass alle glauben, die Färbers sind nicht da. Damit niemand stört«, sagte Clara.

»Genau. Dieser Jemand könnte zum Beispiel Färber selbst sein«, warf Hermann ein.

Winterfeld hob den Kopf. »Warum?«

»Wir haben den Bericht des Labors«, sagte Hermann. »Jochen Färbers Fingerabdrücke sind am Tatort.«

»Nicht allzu verwunderlich«, erwiderte Winterfeld. »Der wohnt da schließlich.«

»Ja«, sagte Hermann, »aber laut erster Analyse sieht es so aus, als seien die Fingerabdrücke auch auf der schwarzen Maske, mit der das Opfer offenbar erstickt wurde. Das müssen wir aber noch genau untersuchen.« Er überlegte einen Moment. »Ich weiß nicht, auf was für Praktiken die beiden standen, aber Masken aufsetzen, die die Atmung unterbinden, gehört für mich nicht unbedingt zum Ehealltag.«

Clara blickte zu Winterfeld.

»Polizisten sind auch nur Menschen«, sagte der. »Es kommt vor, dass einer durchdreht.« Er schaute Hermann an. »Kannst du uns Färbers Polizeiakte holen?«

Hermann nickte. »Hab schon angefragt. Bin gleich wieder da.«

Er sprang auf und verschwand.

Ein Polizist als Täter, dachte Clara. Konnte das sein?

Das kam nicht allzu häufig vor. Und wenn, dann nicht in Beziehungstaten, so wie es hier der Fall zu sein schien. Im Extremfall konnte es geschehen, dass ein Polizist die Nase voll hatte und den Drogendealer, den er zehnmal verknackt hatte und der zehnmal per Gerichtsbeschluss wieder laufen gelassen wurde, über den Haufen schoss. Aber dass ein Polizist seine Frau auf eine solche Art und Weise tötete?

Polizisten und Serienkiller.

Clara hatte während ihres Studiums von Serienkillern gelesen, die gerne Polizeikleidung anzogen. Den Grund dafür vermutete man in der Sehnsucht nach Ordnung in der gestörten, chaotischen Seelenwelt dieser Täter. Vielleicht aber lag es auch nur daran, dass die Uniform eines Polizisten Vertrauen und Autorität signalisiert. Und weil die Killer ihre künftigen Opfer dann leichter einwickeln können. Clara hatte mit Martin Friedrich, dem Leiter der Abteilung für Operative Fallanalyse am LKA, darüber gesprochen. Viele Serienmörder in den USA und in Europa träumten davon, Polizisten zu sein. Clara dachte an den Fall des BTK-Mörders. BTK stand für »Bind Torture Kill«, was so viel wie »Fesseln, Foltern, Töten« bedeutete. Dieser Irre hatte es genossen, vor dem Spiegel in einer Polizeiuniform zu posieren. Das Ganze war rätselhaft. Wahrscheinlich waren manche Täter fasziniert von der Macht, die der Beruf eines Polizisten ihnen verschaffen könnte.

»Wer sagt eigentlich, dass es Mord war?« Clara schaute Winterfeld an.

»Was sollte es sonst sein? Ein Unfall?«

»Zum Beispiel«, sagte Clara. »Vielleicht haben sie irgendwelche Erstickungsspielchen getrieben, wie sie in der SM-Szene vorkommen.«

Sie dachte an den Tatort in dem Club, wo der Fußboden im UV-Licht so verräterisch geleuchtet hatte.

Winterfeld tippte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Tja, auf dem Gebiet bin ich kein Experte«, sagte er. »Ich weiß nur, dass Ersticken zu Panik, Erhängen hingegen zu Glücksgefühlen führt. Aber da sollte von Weinstein uns mehr erzählen können. Wie weit ist der eigentlich?«

Clara blickte auf die Uhr. »Die Obduktion läuft gerade. Ich nehme an, wir hören bald von ihm.«

»Gut«, sagte Winterfeld. »Aber wenn das hier kein Unfall war und kein Mord, was dann?«

»Suizid vielleicht.« Clara merkte, dass ihr diese Erklärung selbst unwahrscheinlich vorkam.

»Kommen Sie, Señora«, sagte Winterfeld, »das glauben Sie doch selber nicht. Suizid mit so einer Maske? Das ist ein zu schrecklicher Tod. Der Selbsterhaltungstrieb sorgt dafür, dass man sich das Ding runterreißt, egal wie dringend man ins Jenseits will.«

»Es sei denn, man bekommt die Maske nicht mehr ab.«

Winterfeld wackelte mit dem Kopf. »Kann sein. Aber wie ist es dann hier abgelaufen? Der Mann findet die Frau tot mit der Maske auf dem Gesicht, nimmt sie ihr ab und legt sie dann ins Bett, wo sie ruhig und friedlich daliegt?«

Clara zuckte die Schultern. »Wieso nicht?«

»Kommen Sie«, sagte Winterfeld, »der Mann ist Polizist. Er entdeckt die Leiche und ruft sofort seine Kollegen. Der Mann wusste doch eh, dass alles andere keinen Sinn macht.«

»Kommen Sie«, entgegnete Clara und lächelte. »Wir wissen beide ganz genau, dass Menschen in Extremsituationen gerne das rationale Denken vergessen. Dass die eigene Frau sich umbringt, ist in seinem Kosmos vielleicht nicht vorgesehen. Er schämt sich dafür. Richtet die Leiche so her, dass alles … na ja, nicht so erschreckend aussieht. Und dann verschwindet er.«

»Oder er hat sie gleich umgebracht«, sagte Winterfeld. »Und ist dann abgehauen.«

Hermann kam zurück.

»Die Akte kriegen wir gleich«, verkündete er. »Die Kollegen fügen noch ein paar Dokumente ein. Der Mann war nämlich in polizeipsychologischer Behandlung!«

»Hört, hört«, sagte Winterfeld.

Clara blickte auf die Ermittlungsakte. »Da sind noch ein paar Dinge«, sagte sie und schaute Hermann an. »Was ist mit dem Handy, das die Frau umklammert hatte? Hat sie damit jemanden angerufen?«

Hermann schüttelte den Kopf. »Nein, das Guthaben von zwanzig Euro ist noch vollständig vorhanden. Ist ein Prepaidhandy. Wurde vor sechs Tagen aktiviert.«

»Was soll das Handy dann?«, fragte Clara.

Hermann musterte sie, als hätte sie ihn gerade nach dem Verbleib der Watergate-Protokolle gefragt. »Frag mich was Leichteres.« Er wühlte in seiner Mappe.

In das Schweigen hinein klingelte das Telefon auf Winterfelds Schreibtisch.

»Winterfeld. Ja, sind alle hier. In Kompaniestärke. Fertig? Sehr gut! Wir sind gleich da.« Er knallte den Hörer auf die Gabel, stand auf und griff nach seinem Sakko. »Von Weinstein. Sie sind durch mit der Leiche. Lassen Sie uns kurz hinfahren, Señora. Wenn wir zurück sind, haben wir hoffentlich Färbers Polizeiakte.« Er schaute Hermann an. »Okay?«

»Heißt das, ich soll hierbleiben und hinter der Polizeiakte her telefonieren?«

Winterfeld kniff ein Auge zu. »Irgendeiner muss sich darum kümmern.«

»Irgendeiner heißt auf Deutsch wohl ich?« Hermann zog ein gespielt langes Gesicht.

»Nicht nur auf Deutsch«, sagte Winterfeld. »Auf Berlinerisch auch.«

Hermann warf ihnen ein Radiergummi hinterher.

6

Barbara Färbers Leiche lag noch auf dem Obduktionstisch im rechtsmedizinischen Institut der Berliner Charité. Es herrschte angenehme Kälte, und das Abluftaggregat dröhnte auf vollen Touren. Dennoch hatte Clara den süßlichen Geruch des Todes bereits wahrgenommen, als sie von der Birkenstraße aus zum Nebeneingang des Instituts in Moabit gegangen waren.

Ein Sektionsassistent stand neben dem Obduktionstisch und hielt Nadel und Faden in der Hand, um die Brust- und Bauchhöhle wieder zuzunähen. Plastikgefäße und Röhrchen mit Gewebe- und Blutproben standen neben dem Sektionstisch, während von Weinstein gedankenverloren in der Ermittlungsakte blätterte und seine silberne Brille zurechtrückte.

»Barbara Färber ist erstickt«, sagte er schließlich. »Wir haben Punktblutungen in den Augenbindehäuten, in den Mundschleimhäuten, in der Gesichtshaut und hinter den Ohren. Außerdem unter der Herzaußenhaut und den Lungenüberzügen. Das ist immer dann zu beobachten, wenn Gefäße unter Druck stehen.« Er ließ die Akte sinken. »Durch den Todeskampf beim Ersticken entstehen diese äußeren und inneren Erstickungsblutungen. Außerdem sind durch den hohen Druck im Kopf die Gefäße im Augenweiß geplatzt, was dazu geführt hat, dass die Augen blutrot sind. So wie hier.«

Er drehte eines der Lider um. Clara blickte in das blutrote Auge und sah die roten Punkte in der Bindehaut. Es erinnerte sie an die fiebrigen Augen aus ihrem Albtraum vergangene Nacht. Die Augen eines Dämons.

»Und das ist mithilfe der Maske geschehen?«, fragte Winterfeld, der sich so nahe wie möglich über die Leiche beugte, ohne dabei zu riskieren, dass der Saum seines Sakkos oder seine Krawatte die Tote oder den Tisch berührten.

Von Weinstein nickte. »Wir haben hier schon alles Mögliche gehabt. Leute, die an Speisen erstickt sind, mit einer Tüte über dem Kopf oder mit einem Kissen. Passiert besonders häufig bei alten Erbtanten, deren Ableben die Angehörigen ein bisschen beschleunigen wollen, und das möglichst leise. Sie ersticken Tantchen mit einem Kissen oder spritzen ihr Luft in die Vene. Hier in Deutschland wird ja beim Tod sehr alter Menschen so gut wie nie obduziert, es sei denn, sie liegen ohne Kopf da. Ein Paradies für Erbschleicher und Mörder.«

»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«, sinnierte Winterfeld.

»Was das angeht, ja«, sagte von Weinstein. »Der Hausarzt stellt den Totenschein aus, und Oma wird verbuddelt und ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Und der Mörder macht dolce vita.« Er zuckte die Schultern. »Wie auch immer. Barbara Färber ist höchstwahrscheinlich nicht mit einem Kissen erstickt worden, dann gäbe es Abschürfungen, wo das Kissen oder was auch immer auf die Atemöffnungen gepresst wurde.« Er zeigte auf Mund und Nase der Leiche.

»Hier kann man aber nicht so viel sehen«, entgegnete Clara. »Das Gesicht ist total blau angelaufen.«

Von Weinstein zuckte die Schultern. »Ja, aufgrund der massiven Blutstauung hat sich alles blau verfärbt. Das macht es in der Tat schwierig. Aber es gibt keine Abschürfungen, das können wir auch so feststellen.«

Clara blickte aus dem Fenster. Durch den nicht abgeklebten Fensterbereich sah sie den Garten des benachbarten Altenheimes, wo mehrere Bewohner im Schatten Karten spielten. Dass ein Altenheim neben der Rechtsmedizin lag, wie hier in Moabit, hatte schon etwas Makaberes.

»Und was ist mit Tüten?«, fragte sie.

»Dazu kommen wir gleich. Schauen Sie mal hier.« Winterfeld zeigte auf die Leiche. Die Bauchhöhle war aufgeschnitten, und aus der ebenfalls geöffneten Brusthöhle ragten die von der Rippenschere durchtrennten Rippenknochen wie die Planken eines Schiffes. »Hier«, er wies mit einem Metallstab auf die Stelle, wo sich die Lunge befand, die unter den Rippen bläulich rot schimmerte, »hier haben wir Punktblutungen unter der Pleura, den sogenannten Lungenüberzügen. Und hier«, der Stab wanderte weiter zum Herzen, »Punktblutungen unter der Herzaußenhaut. Das heißt, wir sprechen hier von inneren Erstickungsblutungen.«

»Ersticken ist schlimmer als Erhängen?«, fragte Clara.

»Ja«, sagte von Weinstein. »Es gibt im Gehirn zwei Atemzentren. Das eine reagiert auf den Verlust von Sauerstoff. Seltsamerweise gibt es dabei keine Panikattacken, sondern Glücksgefühle, so eigenartig es klingt.«

»Deshalb hängen sich manche Leute bei autoerotischen Experimenten auf … beziehungsweise, sie würgen sich mit dem Seil?«, fragte Clara.

»So wie David Carradine.« Das war Winterfeld. »Der aus Kill Bill. Der hat sich 2009 in einem Hotelschrank in Thailand aufgehängt und ist dabei hopsgegangen.«

Von Weinstein nickte. Ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen. »Genau. Obwohl sein Vater ihm früher immer gesagt hatte: Junge, mach nichts, wobei du nicht tot erwischt werden willst. Tja, das hat wohl nicht ganz geklappt.«

Clara wunderte sich immer, mit was für seltsamen Geschichten sich von Weinstein und Winterfeld befassten und dass sie offenbar in der Lage waren, sich solche komischen Storys auch noch zu merken.

»Zur Sache, Leute«, sagte sie. »Erhängen erzeugt also Glücksgefühle?«

Von Weinstein nickte. »Ja, es klingt seltsam, zugegeben, aber es ist so. Man weiß nicht genau, warum das Gehirn so reagiert. Wahrscheinlich ist ihm alles egal, solange Kohlendioxid abgeatmet werden kann. Und genau das ist beim Erhängen der Fall, da nur die Arterien durch den Strang blockiert sind. Die Atemwege sind frei. Es wird kein Sauerstoff zum Gehirn transportiert, aber es gibt die Illusion, dass es so ist. Man ist erst glücklich, dann bewusstlos, dann tot.«

»Könnte schlimmer kommen. Aber beim Ersticken ist das anders?«

»Ja. Man kann, wie hier bei der Maske«, von Weinstein zeigte auf den schwarzen, teuflischen Gegenstand, »kein Kohlendioxid mehr abatmen, und das löst Todesangst und Panik aus. Das Ding hier«, wieder wies er auf die Maske, »hat so fest gesessen wie ein Kondom. Die Frau konnte nicht mehr ausatmen und starb in Panik.«

»Und wenn es eine Tüte gewesen wäre?« Das war Winterfeld.

»Eine Tüte über dem Kopf?« Von Weinstein schaute ihn an. »Wäre auch nicht schlimm. Man atmet so lange Kohlendioxid in die Tüte aus, bis man davon – und vom Sauerstoffmangel – schläfrig wird. An Letzterem erstickt man dann, ohne es zu merken. Friedlich und schmerzlos.«

»Ach?«, sagte Winterfeld. »Erhängen oder eine Tüte über den Kopf sind die angenehmsten Suizidmethoden?«

Von Weinstein nickte. »Ja. Aber lasst euch damit bitte noch Zeit. Ich habe keine Lust, mich mit neuen Kollegen herumzuärgern. Okay, habt ihr hier genug gesehen?«

Beide nickten.

Von Weinstein blickte zu seinem Sektionsassistenten und wies mit dem Kopf auf die Leiche. »Kannst sie wieder zunähen. Danke.«

Clara schaute dem Sektionsassistenten zu, als er sämtliche Organe, einschließlich Gehirn, als blutige Masse in die Bauchhöhle stopfte und dann die Bauchdecke zunähte. Clara kannte diese Vorgehensweise und wusste auch, weshalb das Gehirn nicht zurück in den Schädel verfrachtet wurde. Zu leicht konnten durch die offene Schädeldecke Blut und Flüssigkeit auf das Leichenhemd tropfen, was im Falle einer Aufbahrung seltsam aussehen würde. Unappetitlich obendrein.

»Sie ist also durch die Maske erstickt«, sagte Clara.

Von Weinstein nickte. »Ich fürchte, ja.«

»Wie lange kann so etwas dauern?«

»Drei Minuten. Fünf.«

Clara schaute Winterfeld an. »Dann wollte der Mörder vielleicht in Ruhe zusehen, wie sie leidet. Er wollte miterleben, wie sie stirbt. Es war sein persönlicher Gewaltporno.«

»Und was schließen wir daraus?«

»Entweder, er ist Sadist …«

»Oder?«

»Oder er wollte sich rächen. Für was auch immer.«

7

Der Mann schaute in die Augen, die er so viele Male gesehen hatte.

Wahrscheinlich hatte er in seinem Leben als Erstes diese Augen gesehen. Damals, vor vielen Jahren, als er das Licht der Welt erblickt hatte.

Umso größer war nun der Schmerz.

Er saß auf dem kalten Betonboden des Raumes, den die Hitze des Sommers noch nicht erobert hatte, und betrachtete ihr Gesicht. Die Augen waren geschlossen, sie schien friedlich zu schlafen. Doch er wusste, dass sie nicht schlief. Er wusste auch, dass sie nicht tot war. Sie war irgendwo dazwischen. Und er hatte die Macht zu bestimmen, ob sie lebte oder starb.

Er sah die Flasche mit dem Mittel, das er in den Tee gemischt hatte – den Nachmittagstee, den er ihr gebracht hatte.

Sie hatte vorher noch mit ihm geredet, erst zusammenhängend, dann immer langsamer und lallender, bis ihre Stimme erstarb, bis sie nur noch den Mund bewegte und schließlich einschlief.

Von diesem Moment an sah er sie anders.

Ganz anders, als er sie sonst gesehen hatte.

Sie hing vor ihm.

Sie hing von der Decke, den Kopf in der Schlinge.

Sie zuckte nicht, strampelte nicht. Und quälte sich hoffentlich auch nicht.

Er schaute weiter in ihr Gesicht, das wie im tiefsten Schlaf aussah, der bald zum ewigen Schlaf werden würde.

Sie hing da, sanft hin und her schwingend wie das Pendel der großen Standuhr, die früher in ihrem Wohnzimmer gestanden hatte. Und so wie bei der Standuhr mit jedem Pendelschlag eine Sekunde verging, verrann mit jeder Sekunde ihre Lebenszeit. Nur war es hier viel endgültiger und gnadenloser.

Er schaute in ihr Gesicht, auf ihren Mund, der sich öffnete, auf die dünnen Speichelfäden, die ihr übers Kinn liefen, die geschlossenen Augen, die noch immer den Eindruck vermittelten, als würde sie friedlich schlafen.

Dann zuckte sie. Einmal, dann noch einmal. Dann liefen Krämpfe durch ihren ganzen Körper. Es war ein grässlicher Anblick; er musste die Augen schließen.

Genau so plötzlich, wie die Krämpfe gekommen waren, endeten sie wieder.

Sie pendelte hin und her, ein letztes Mal.

Da wusste er, sie war tot.

Tränen schossen ihm in die Augen, und er erbrach sich würgend auf den Boden.

8

Winterfelds schwarzer Mercedes glitt durch die Sommerhitze. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Clara blätterte durch den Obduktionsbericht, als Winterfelds Handy klingelte, das in einer Dockingstation steckte.

Hermann, stand auf dem Display.

»Gehen Sie mal ran, Señora, ist eh für uns beide.«

»Muss ich das dafür rausnehmen?«

»Nein, das ist die Freisprechanlage!« Winterfeld drückte auf den Knopf. »Dachte immer, ihr jungen Leute kennt euch mit technischem Kram besser aus … ja, Hermann, was gibt’s?«

»Wir haben noch ein paar von den Nachbarn und Verwandten befragt«, drang Hermanns Stimme aus dem Lautsprecher. »Dabei haben wir noch einiges über Barbara Färber herausgefunden.«

»Schieß los.«

Clara zog ein Blatt Papier hervor, um sich Notizen zu machen.

»Die Dame schien ziemlich narzisstisch gewesen zu sein und hat sehr auf ihr Aussehen geachtet.«

Winterfeld nickte. »Sieht man ja auch auf den Fotos im Schlafzimmer. Jedenfalls, bevor sie zum Blauen Engel mutierte.«

Clara blickte Winterfeld strafend an. Doch da sprach Hermann schon weiter.

»Ein Bekannter sagte, die Frau konnte zwar ohne Essen und Trinken überleben, aber nicht ohne ihren Personal Trainer und ihre Cremes. Der Spaß dürfte einiges gekostet haben. Maniküre, Pediküre, Schönheitsbehandlungen und so weiter.«

»Aber bringt man deswegen seine Frau um?« Das war Clara.

»Vielleicht, wenn man selbst nichts davon hat, weil die Schönheit nur einem anderen nutzt.« Hermann machte eine kurze Pause. »Nun ja, es gibt offenbar noch einen anderen Grund. Einer Freundin zufolge hatte Barbara Färber schon seit einiger Zeit eine Affäre. Ich zitiere: ›Weil ihr Mann es nicht mehr brachte, weder als Mann noch finanziell.‹«

Winterfeld kniff die Augen zusammen. »Genau das, was man als Ehemann hören will.«

Winterfeld, das wusste Clara, war zweimal geschieden, allerdings aus gegenteiligen Gründen. Er konnte sich nicht für die Familie entscheiden, wenn die Wahl zwischen Familie und Arbeit stand. Jetzt war er mehr oder weniger alleinstehend und froh über sein Kriminaldirektorengehalt, das es ihm ermöglichte, trotz Unterhalt für drei Töchter aus zwei Ehen gut zu leben.

»Die Freundin«, fuhr Hermann fort, »hätte die Affäre nie verpfiffen, das war sie Barbara wohl schuldig. Aber in diesem Fall hielt sie es für klüger, wenn sie auspackt.«

»Vermutet sie, dass Jochen Färber der Täter war?«

»Ja, und sie hat Angst vor ihm.«

»Berechtigterweise?«

»Momentan nicht«, antwortete Herrmann, »der Typ ist ja nach wie vor über alle Berge.«

»Aber er könnte wieder auftauchen.«

»Könnte er. Das ist ein freies Land.«

»Haben wir eigentlich vom Abschnitt endlich die Akte?«, fragte Winterfeld.

»Ist auf dem Weg hierher. Ich dachte nur, ihr wollt vielleicht vorher mit dem Liebhaber sprechen.«

»Wer ist der Glückliche?«

»Michael Brunner, Partner in einer großen Unternehmensberatung am Potsdamer Platz. Ich habe sogar seine Handynummer.«

»Das ging aber schnell.«

»War auf Barbara Färbers iPad.« Hermanns Stimme hörte sich an, als wäre es die einfachste Sache der Welt. »Das Passwort war ihr Geburtstag. Vier Stellen. Tag und Monat. Achter Oktober. Dann haben wir die Mails gefunden, in ihrem Gmail-Account. Die beiden haben sich nur per Mail verabredet. Brunner wohnt in der Nähe der Färbers, in Zehlendorf, allerdings ein bisschen luxuriöser.«

Hermann gab ihnen Brunners Verbindungsdaten durch.

***

Als sie durch den Tiergartentunnel fuhren, hoffte Clara, dass nicht in der nächsten Sekunde der Empfang weg war, aber noch stand die Verbindung. Nach wie vor beschäftigte sie die Frage, welche Rolle das Mobiltelefon spielte, das die Leiche in der Hand gehalten hatte. Das Handy hatte eine Prepaidkarte, war aber nie benutzt worden. Wieso nicht? Wer eine Affäre hatte, würde doch ein geheimes Handy zur Verständigung benutzen. Aber das war offenbar nicht der Fall gewesen.

»Woher kennen sich die beiden?«, fragte Winterfeld.

»Barbara Färber hat eine Zeit lang halbtags als Sekretärin bei dieser Beraterfirma gearbeitet, damit sie sich auch mal was leisten konnte. Brunner hat sie als seine rechte Hand bezeichnet. Und irgendwann war seine rechte Hand dann wohl in ihrem Höschen.«

»Verstehe.« Winterfeld schaute Clara an. »Wollen wir gleich mal hinfahren? Der Potsdamer Platz ist nur drei Minuten von hier.«

Clara nickte.

»Okay, Hermann«, sagte Winterfeld, »wir sprechen mal mit diesem Brunner. Sehen uns dann gleich am T-Damm.«

Der T-Damm war der Tempelhofer Damm, der den Süden Berlins von Kreuzberg bis fast nach Mariendorf durchschnitt. Dort stand auch das Gebäude des LKA Berlin.

Winterfeld beendete das Gespräch und blickte Clara an. »Was halten Sie davon?«

Sie zuckte die Schultern. »Der Mann sieht sich als Versager, die Frau piesackt ihn, und dann geht sie auch noch fremd.«

»Und der Mann bringt sie um.«

Clara nickte. »Auf ziemlich brutale Art und Weise. Und durchgeplant, also nicht im Affekt.«

»Passt dieser Modus Operandi zu einem frustrierten Ehemann?«

Clara überlegte. »Wenn er frustriert und sadistisch genug ist, ja.«

9

Die Unternehmensberatung Emerson & Partner war im Kohlhoff-Tower am Potsdamer Platz untergebracht. Die rote Klinkerfassade hätte ein wenig vom New Yorker Flair der Zwanzigerjahre nach Berlin bringen können, wäre das Hochhaus nicht vergleichsweise bescheidene 100 Meter hoch gewesen. Aber in dieser Stadt, überlegte Clara, war es offenbar nicht erlaubt, dass irgendetwas allzu sehr herausragte. Fast alle modernen Hochhäuser in Berlin, sah man vom Potsdamer Platz ab, ähnelten umgekippten Kisten und verbeulten Umzugskartons, die sich in wirrer Unordnung und abstoßender Hässlichkeit aus der tristen grauen Landschaft erhoben.

»Übernehmen Sie das, Señora«, sagte Winterfeld, »ich melde mich nur zu Wort, wenn Sie mich brauchen. Okay?«

»Kein Problem.«

Sie betraten die Lobby des Kohlhoff-Tower.

»Guten Tag«, sagte Clara zu dem Herrn am Empfang, der von seinem Sudoku aufblickte. »Mein Name ist Clara Vidalis. Das ist mein Kollege Walter Winterfeld. Wir möchten mit Herrn Michael Brunner von Emerson & Partner sprechen.«

»Haben Sie einen Termin?«

»Jederzeit.« Clara zeigte ihre LKA-Marke. »Hier ist die Bestätigung.«

Der Mann zog die Augenbrauen hoch, blickte in seinen Kalender und griff zum Telefon. »Etwas Schlimmes?«, wollte er wissen.

»Schlimm ist relativ, oder?«

Der Mann schaute sie an. »Ich sage Bescheid, dass Sie da sind. Einen Moment.«

Clara blickte sich um. Anzugträger strömten in den Tower und hinaus. Diejenigen, die das Gebäude verließen, taten dies offenbar in freudiger Erwartung der Mittagspause, während die anderen, die hereinkamen, den obligatorischen Take-away-Pappbecher von Starbucks in der Hand hielten. Eine Gruppe japanischer Touristen, angeführt von einer Reiseleiterin, die einen kleinen Regenschirm hielt, pilgerte draußen an der Glasfassade vorbei.

»Frau Vidalis? Herr Winterfeld?«, sagte der Rezeptionist.

Clara drehte sich um. »Ja?«

»Nehmen Sie Aufzug vier.« Der Mann zeigte auf den Fahrstuhl, dessen Türen sich gerade öffneten. »Bringt Sie direkt in den zwanzigsten Stock. Dort wird man Sie in Empfang nehmen.«

»Danke.«

Clara warf einen Blick auf die Glasoberfläche des Empfangstresens, auf der sich ihr Abbild spiegelte. Für einen Moment kam der Albtraum von gestern Nacht zurück, doch resolut verscheuchte sie die Erinnerung.

Im zwanzigsten Stock wartete eine untersetzte Frau mit Hornbrille und Hochsteckfrisur auf dem Flur, als die Lifttür sich öffnete.

»Die Herrschaften vom LKA?«

»Das sind wir«, antwortete Clara.

»Herr Brunner ist gleich für Sie da. Kommen Sie bitte mit. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Gerne«, sagte Clara, deren Nacht ja alles andere als erholsam gewesen war. Da konnte ein bisschen Koffein nicht schaden. Sie ließ den Blick schweifen. Der Warteraum entsprach den Erwartungen, die sie an den Wartebereich einer Unternehmensberatung gestellt hätte. Stylishe Ledersessel, bonbonfarbener Teppichboden, eleganter flacher Glastisch, auf dem die Financial Times, die Frankfurter Allgemeine und das Handelsblatt lagen. Auf dem 75-Zoll-Fernseher, der mit gedämpfter Lautstärke n-tv zeigte, zogen die Börsenkurse über den unteren Rand des Bildschirms.

»Bisschen anders als bei uns«, sagte Winterfeld, »aber rauchen darf man hier sicher auch nicht.«

Nach zwei Minuten ging die Tür auf. Ein untersetzter Mann mit gebräunter Haut und blonden Haaren betrat den Raum. Er trug ein weißes Hemd zur grauen Anzughose; seine rote, mit weißen Punkten gesprenkelte Krawatte hatte er gelockert. Die Kleidung war elegant und teuer, genau wie die Brille, die er in die Hemdtasche gesteckt hatte, und die Rolex, die er am Handgelenk trug.

Er empfing Clara und Winterfeld im Meetingraum, nicht in seinem Büro, obwohl es im Vergleich zum Durchschnittsbüro eines Berliner Polizeibeamten mit seinem Linoleumfußboden und dem alten Pressholzschreibtisch sicher um Welten besser abgeschnitten hätte. Doch Leute wie Brunner schienen die ständige Befürchtung zu haben, fremde Besucher könnten zwischen all den Diplomen und VIP-Einladungen, die gewichtig an den Wänden hingen oder auf dem Tisch lagen, irgendetwas Persönliches entdecken. Schließlich verriet jedes Büro etwas über das Wesen, wenn nicht gar über die Seele des Menschen, der darin arbeitete, und sei es nur ein kleines bisschen. Ein Meetingraum hingegen war so neutral und antiseptisch, wie er nur sein konnte. Wenn ein solcher Raum eine Seele verkörperte, dann die eines Roboters.

»Michael Brunner?« Clara erhob sich. »Ich bin Kriminalhauptkommissarin Clara Vidalis vom LKA. Das ist mein Kollege, Kriminaldirektor Winterfeld.«

»Habe ich schon gehört«, sagte Brunner. Er drehte sich so schnell um, als wäre jemand hinter ihm her, und schloss die Tür, ehe er sich wieder den Besuchern zuwandte. »Ist es etwas Schlimmes?«

»Leider ja«, antwortete Clara. »Ich glaube, Sie sollten sich erst einmal setzen.«

»Ach du lieber Himmel«, sagte Brunner und nahm Platz. »Was ist denn passiert?«

Es war immer schwierig, einem Menschen mitzuteilen, dass jemand gestorben war, der dem Betreffenden etwas bedeutet hatte. Manche rasteten aus und mussten mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden. Andere blieben gefasst, weinten allenfalls leise und bedankten sich manchmal sogar bei den Ermittlern für die Information.

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