Logo weiterlesen.de
Todestörn vor Juist

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

Pitt Hänneschen betrat über die Gangway die Frisia II. Im fast leeren Restaurationsdeck suchte er sich einen Fensterplatz aus, stellte seinen Rucksack auf den Boden und nahm aufatmend auf der Sitzbank Platz.

Er bestellte bei der Bedienung Kaffee und schaute auf den Tannenbaum, der in der Mitte des Decks im Licht elektrischer Kerzen erstrahlte.

Seine Mitschüler waren bereits am Mittwoch, direkt nach Schulschluss, in die Ferien aufgebrochen.

Sie sehnten sich alle nach zu Hause. Im Spätherbst und im Winter fiel über Juist die Einsamkeit, dann waren die Straßen wie leer gefegt, und nur wenige Pinten und Cafés blieben geöffnet. Oft regnete es tagelang, und man konnte sich kaum draußen aufhalten. Aber die Schüler waren ohnehin mit Lernen beschäftigt, denn vor dem Ende des Schulhalbjahres im Januar wurden zahlreiche Klassenarbeiten geschrieben.

Pitts Mitschüler kamen aus allen Bundesländern. Sie waren wie er Töchter und Söhne aus reichen Elternhäusern. Schöne, junge Menschen, denen das Glück förmlich in die Wiege gelegt worden war.

Auch Pitt sah gut aus. Er war groß und schlank, nur sein Gesicht wirkte etwas streng und knochig. Sein Haar war blond und kurz geschnitten.

Er schaute durch das Bordfenster auf Juist, als die Frisia II ablegte, und erblickte den Dachwinkel der Schule, der hinter dem Kirchturm hervorlugte. Das große Backsteingebäude war ihm zur Heimat geworden, nachdem seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war und sein Vater vor nicht allzu langer Zeit auf dem Boot einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Er fuhr mit gemischten Gefühlen nach Neuss. In Begleitung seiner Freundin Schagüll hatte er einige Geschenke eingekauft, ohne Liebe, nur so, weil eben Weihnachten war. Es war ihm schwergefallen, in den wenigen Geschäften etwas für seine Verwandten zu finden.

Pitt nahm ein Taschenbuch aus seiner Rucksacktasche und begann zu lesen. Doch schon wenig später wurde er aus der Konzentration gerissen, denn die Frisia II hatte die Fahrrinne erreicht und fuhr der Mole in Norddeich entgegen. Auch hier war der Himmel grau in grau. Der Wind trieb nassen Schnee, vermischt mit Nieselregen, gegen das Schiff. Durch das Fenster sah Pitt den bereitgestellten Interregio nach Koblenz am Bahnsteig stehen.

Er nahm seinen Rucksack auf, schaute noch einmal auf den mit Kerzen geschmückten Tannenbaum und verließ das Schiff.

Pitt mochte das Gästezimmer im Haus seiner Verwandten nicht sonderlich. Es war mehr eine Abstellkammer mit einem alten Schrank und einer Konsole mit Nachttischlampe. Es hatte zwar ein eigenes Klo, entbehrte aber sonst jeder Behaglichkeit. Durch das Fenster blickte er in das kleine anliegende Birkenwäldchen.

Pitt packte seinen Rucksack aus, legte Wäsche, Pullover und bunte Oberhemden in den Schrank und hängte seine Cordhose und sein Jackett auf einen Bügel.

Dann zog er sich aus, duschte. Anschließend frottierte er sich trocken, zog frische Wäsche an, stieg in seine Jeans, ein buntes Oberhemd und schlüpfte in das modische Jackett.

Wenig später betrat er das Wohnzimmer. Tante Cecilia und Onkel Gottfried saßen in den Ledersesseln am Couchtisch. Die Köchin deckte den Tisch mit dem feinen Delfter Porzellan.

»Hallo, Pitt«, sagte sie erfreut und reichte ihm die Hand.

»Tante Poschmann, gut siehst du aus.« Pitt betrachtete die Köchin, die genauso alt war, wie seine Mutter jetzt gewesen wäre.

»Pitt, immer noch der höfliche, nette Junge«, scherzte sie und strich dem Besucher mit der Hand über das kurz geschnittene Haar.

Tante Cecilia hatte zugenommen. Ihr hübsches, ernstes Gesicht war voller geworden. Sie trug eine Trachtenbluse, darüber ein bayrisches Jäckchen und dazu passend einen grünen Lodenrock. Sie hatte ihr Haar wachsen lassen. Es war immer noch dunkel, während Onkel Gottfried mittlerweile fast ergraut war.

Tante Cecilia lächelte Pitt freundlich an. Onkel Gottfried erhob sich und drückte den Neffen an sich. »Großartig siehst du aus«, sagte er und klopfte Pitt auf die Schulter. »Bodybuilding?«, fragte er lächelnd.

»Juist ist ein Dorf. Dort ist wenig los. Da bleibt nur der Sport, um zwischen anstrengenden Klausuren zu überleben«, antwortete Pitt.

»Nimm doch Platz«, forderte ihn Tante Cecilia auf. Pitt setzte sich in den Sessel.

»So schlimm wird eure Schule doch nicht sein«, griff Onkel Gottfried das Thema wieder auf. »Da gibt es doch sicher auch hübsche Mitschülerinnen, die Muskeln mögen?«

Pitt lachte. »Kann schon sein«, erwiderte er.

»Und du hast doch gewiss eine Freundin?«, fragte Tante Cecilia und bemühte sich, ihre Neugier zu unterdrücken. »Besuch uns doch im Frühjahr mit ihr!«

»Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter, Tante. Aber wenn du es genau wissen willst, ja, ich habe eine Freundin. Ihr Vater betreibt in Hamburg einen gut gehenden türkischen Supermarkt.«

Tante Cecilia blickte ihn überrascht an. »Eine Türkin?«, fragte sie. Ihr Gesicht verriet Unmut.

»Ja, eine Schönheit, ein südländischer Typ wie du, verzeih, aber jünger«, scherzte Pitt.

Offenbar verspürte Cecilia keine Lust, dieses Thema weiter zu erörtern. »Wir warten auf Arnold«, erklärte sie stattdessen. »Der Bengel hält sich wieder bei seinen Freunden auf. Kein Wunder, er ist so selten in Neuss und als Künstler für die anderen gewiss auch sehr interessant. Die studieren ja alle Jura, Wirtschaftswissenschaften, das Lehramt oder Technik!«

Tante Poschmann betrat das Zimmer. Sie zündete den Kamin an.

»Warten Sie noch mit dem Kaffee. Mein Sohn kann jeden Moment kommen«, sagte Tante Cecilia.

Onkel Gottfried wandte sich wieder an den Neffen. »In wenigen Wochen schlägt die Stunde der Wahrheit. Dann stehst du im Abitur. Wie stehen die Aktien?«, wollte er wissen.

»Ich hoffe, es wird reichen, um Medizin zu studieren«, sagte er.

Tante Cecilia streckte sich und strich mit der Hand über den Lodenrock, der ihren Bauch etwas zu eng umspannte. »Ich dachte, du wolltest Meeresbiologe werden?«, fragte sie.

Pitt blickte in ihre fragenden Augen. »Tante, die Grünen, Greenpeace und die Umweltorganisationen haben sich auf dem Sektor mit großen Erfolgen eingenistet. Da kann ich mein Schwarzbrot nicht verdienen.«

»Na, das ist ja eine gewaltige Kehrtwendung«, murmelte die Tante.

»Nach dem Abitur werde ich weitersehen«, antwortete Pitt.

»Wie du dich auch entscheidest, an finanziellen Mitteln wird es dir nicht fehlen«, sagte sie.

Die Tür wurde unsanft geöffnet. Arnold betrat das Zimmer.

»Na, die Kaufleute unter sich?«, fragte er und grinste. Sein langes, ungepflegtes Haar hing ihm über den Kragen seiner abgetragenen Lederjacke. Er trug ausgefranste Jeans mit Löchern an den Knien.

Er trat neben Pitt und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. »Vetter, hüte dich vor Mama und Papa! Sie kennen nur Bilanzen, Gewinne und Geldanlagen. Sie verkaufen Steine, Zement und Sand, über die der Wind der Zukunft hinwegbrausen wird«, sagte er und setzte sich in den noch freien vierten Sessel.

»Arnold, ohne Geld läuft nichts. Nur die, die es besitzen, können deine späteren Werke kaufen«, erwiderte Pitt ironisch.

Er mochte seinen Vetter. Doch dessen versponnene Ideen und Vorstellungen hatten ihn stets irritiert. Er fand auch Arnolds lässige Schlabberkleidung, die dieser wie das Statussymbol einer elitären, bürgerfeindlichen Minderheit provozierend trug, unangebracht.

»Lieber Vetter, Geld verdirbt den Charakter. Ich gehe davon aus, dass euer Elitegymnasium auf Juist dich motiviert, dein Studium nach irgendwelchen Schaltstellen in unserer herz- und wertlosen Gesellschaft auszurichten. Hand aufs Herz, Pitt, Jura oder Wirtschaftswissenschaften?«, fragte er.

»Das habe ich noch nicht entschieden, Arnold. Aber zum Glück brauche ich mich um die Finanzierung des Studiums nicht zu kümmern. Das Geld fließt aus den Gewinnen, die die Firma abwirft«, sagte Pitt ernst. Er besaß auf Juist eine Eigentumswohnung, die er gewinnbringend von einem Makler vermieten ließ. Und er hatte sich von dem Geld, was ihm aus der Firma zufloss, ein kleines Segelboot gekauft.

»Du weißt, dass Pitt sparsam und bescheiden lebt, was wir von dir nicht sagen können«, sagte Tante Cecilia vorwurfsvoll zu ihrem Sohn.

Arnold, der Künstler, verzog sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Kein Wunder. Er ist ja schließlich euer Chef«, sagte er.

»Das geht denn doch zu weit«, empörte sich Onkel Gottfried – und rief nach Frau Poschmann, die auf das Zeichen gewartet hatte, denn sie betrat prompt das Wohnzimmer, schenkte den Kaffee aus, trug danach eine Schüssel mit frischen Berlinern herein und stellte sie auf den Tisch.

»Ich bin in der Küche, falls Sie mich brauchen«, sagte sie, blickte noch einmal kontrollierend über die Kaffeetafel und verließ das Zimmer.

Sie tranken Kaffee und aßen Berliner.

»Morgen ist Heiligabend. Ich denke, dass ihr Jungs den Tannenbaum schmücken solltet. Mutter hat bereits Kugeln, Kerzen und Lametta bereitgelegt«, sagte Onkel Gottfried.

Tante Cecilia und Onkel Gottfried bewunderten den geschmückten Baum. Die elektrischen Kerzen spendeten ein anheimelndes Licht. Im Kamin loderten die Flammen, und aus dem Lautsprecher klang klassische Musik. Die Bescherung hatten sie schnell hinter sich gebracht. Es hatte einige Überraschungen gegeben, und niemand war zu kurz gekommen.

Um neunzehn Uhr servierte Frau Poschmann auf dem Kamintisch das Abendbrot. Es gab Lachsscheiben, Krabben, Aal und Krebse, außerdem Salate und Weißbrot. Dazu tranken sie Wein. Nach dem Essen ging es witzig zu, als Arnold über seine Erlebnisse in London berichtete.

Er hatte sich am Piccadilly Circus, in der Oxford Street und an anderen markanten Plätzen als Pflastermaler betätigt, die Mona Lisa, den Mann mit dem Goldhelm und andere bekannte Kunstwerke mit bunter Kreide auf die Steinplatten gemalt und dabei nicht nur tüchtig kassiert, sondern auch noch die Aufmerksamkeit der Lady Di auf sich gelenkt, die bei ihrem Einkaufsbummel Gefallen an seinen Bildern gefunden hatte und ihm zehn Pfund in die Mütze geworfen hatte. Dabei hatten die Passanten ihr Beifall gezollt. Auch sonst hatte Arnold lustig gelebt und die Mädchen, wie er gestand, öfter als seine Unterwäsche gewechselt.

Pitt dachte ein wenig wehmütig an seine verstorbenen Eltern. Wie schön war Weihnachten stets gewesen, als sie noch gelebt hatten …

Als störend empfand Pitt allerdings das Verhalten seines Vetters, der sich wie ein zukünftiger Baselitz oder Penk verhielt.

Vielleicht war es auch eine in ihm aufkeimende Eifersucht, die ihn missmutig stimmte. Er sehnte sich nach Schagüll, die den Abend vermutlich einsam im Internat verbrachte.

Onkel und Tante lauschten bewundernd den Worten ihres Sohnes. Pitt fühlte sich ausgeschlossen. Unvermittelt entschied er, am ersten Weihnachtstag abzureisen. Er sehnte sich nach Juist, nach den Dünen und einsamen Stränden und den Möwen, die leise im Wind segelten.

Pitt verließ das Restaurationsdeck der Frisia II und betrat über die Gangway die Mole. Der Mond schien. Juist lag unter einem wolkenfreien Abendhimmel. Pferdedroschken warteten auf Gäste. Hotelangestellte luden Koffer auf ihre Fahrradanhänger. Der aufgebriste Ostwind war beißend kalt. Pitt ging schnellen Schrittes im Licht der Hafenleuchten dem Deichtor entgegen. Die Fenster der Häuser waren hell erleuchtet. Die Insulaner feierten Weihnachten. Auch in der Hausmeisterwohnung brannte Licht.

Pitt näherte sich der Tür des Internats. Er nahm den Schlüssel aus seiner Tasche und drückte den Lichtschalter. Seine Wohnung lag im dritten Stock. Er stieg über die Treppe nach oben, steckte den Schlüssel ins Schloss seiner Apartmenttür und öffnete sie. Die Tür klemmte ein wenig. Überrascht entdeckte er einen Brief, der unter der Tür gelegen hatte und hob ihn auf. Gleich darauf schaltete Pitt das Licht an und setzte seinen Rucksack im Korridor des Apartments ab. Erleichtert blickte er um sich. Er war wieder zu Hause. Er betrat sein Zimmer, schaltete das Licht an, setzte sich in den Sessel und betrachtete das Kuvert. Doch es trug keine Anschrift und keinen Absender. Pitt öffnete den Umschlag und zog die beschrifteten Seiten hervor. Ihm verschlug es den Atem, als er erkannte, von wem der Brief stammte. »Schagüll«, entfuhr es ihm, und er fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg.

Dann begann er zu lesen:

Lieber Pitt,
ich bin sehr traurig und fühle mich sehr einsam. Bevor Du mehr erfährst, sage ich Dir, was ich Dir schon so oft während unvergesslicher Stunden gestanden habe, nämlich, dass ich Dich liebe. Was auch immer geschieht, vergiss das bitte nicht. Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammen sein können.

Auf das Abitur, so nah und greifbar, kann ich verzichten, aber nicht auf Dich. Ich werde ewig an Dich denken.

Für Dich war ich die kleine Türkin, die in geordneten Familienverhältnissen lebte. Ich habe Dir, um Dich nicht zu verunsichern, verschwiegen, dass mein Vater den Supermarkt in Hamburg nur zum Schein unterhielt, ihn führte und leitete. Mein Vater ist in Wirklichkeit Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes. Seine Aufgabe bestand darin, die Machenschaften der nun auch in Deutschland verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei auf deutschem Boden zu beobachten.

Er erhielt am Tag vor dem Heiligabend ernst zu nehmende Morddrohungen. Auch auf mein Leben haben es fanatische Kurden abgesehen, die mich als Geisel nehmen wollten.

Wir mussten den Drohungen der gewalttätigen Kurden zuvorkommen. Doch das ist nicht alles. Aus Sicherheitsgründen bedrängen meine Brüder meinen Vater und mich, einer Heirat mit einem Mann zuzustimmen, den ich nicht kenne, der sich als Gegenleistung für meine Sicherheit verbürgt. Ich verlasse das Internat und werde mich bis zu meinem Tod weigern, einen Mann zu heiraten, den ich nicht liebe. Pitt, ich liebe nur Dich! Warte auf mich! Denn erst einmal muss ich Vater folgen, um mich in Sicherheit zu bringen.

Ich weiß, dass Du mich liebst und auf mich warten wirst. Meine Familie versteht nicht, dass ich mich als eine Deutsche fühle. Ich habe nur deutsche Schulen besucht und hätte gerne mit Dir gemeinsam studiert. Ich kenne die Türkei nicht. Für mich gab es bis vor wenigen Tagen kein Kurdenproblem. Ich hoffe, dass ich mit Dir in Deutschland eine gemeinsame Zukunft haben werde. Lieber Pitt, vernichte den Brief und habe Geduld mit mir. Deine Dich ewig liebende Schagüll.

Pitt weinte. Es war sinnlos, bei Tante Cecilia, bei Onkel Gottfried und Arnold Trost zu suchen. Das ging nur ihn etwas an! Er erhob sich und holte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier. Er öffnete die Flasche, trank und las den Brief noch einige Male. Anschließend legte er die Nachricht in die Schublade seines Schreibtisches und ging zu Bett.

Jupp Broichler war der stellvertretende Direktor des Juister Inselinternats, das auch Pitt besuchte. Broichler war neunundfünfzig Jahre alt, wirkte aber jünger. Er besaß Autorität, aber war ehrlich und fair, und die Schüler mochten ihn. Er forderte Leistungen und honorierte sie, und er half großzügig, wenn Schüler sich ernsthaft um die Kenntnisse der Mathematik bemühten.

Am zweiten Weihnachtstag betrat er die kleine Inselkirche, kniete sich in eine Bank und nahm am Gottesdienst teil. Er richtete seinen Blick auf die brennenden Kerzen, fand Gefallen an den schlanken Tannen, in denen elektrische Lichter blinkten, und gedachte seiner verstorbenen Frau. Nur gelegentlich fiel er in ein Gebet ein und sang einige Strophen der Weihnachtslieder mit.

Nach dem Gottesdienst ging er zu dem kleinen Inselfriedhof, der vor den Dünen lag. Er legte Blumen auf das Grab, steckte eine Kerze in die Laterne und zündete sie an. Das Grab trug frisches Grün. Er sprach ein Gebet und schritt, in wehmütige Gedanken vertieft, in die Dünen. Dort sah er den Möwen zu und spazierte am Strand entlang zu seiner Wohnung.

Zu Hause bereitete sich Jupp Broichler, der während der Schulzeit im Restaurant ›Inselnestchen‹ sein Abendessen einzunehmen pflegte, einen Hasenrücken zu, den er mit Kroketten, Apfelmus und Preiselbeeren zu sich nahm.

Nach dem Essen spülte er das Geschirr ab, setzte sich in den Sessel und schaltete den Fernseher ein.

Als die Türglocke läutete, fuhr er überrascht hoch. Er ging in den Korridor und bediente die Sprechanlage.

»Broichler«, sagte er und horchte.

»Pitt Hänneschen«, klang es ihm blechern entgegen.

Broichler drückte die Taste, öffnete die Wohnungstür und blickte in das Treppenhaus. Seine Wohnung lag im zweiten Stock des Apartmenthauses Möweneck. Er vernahm eilige Schritte.

Pitt liebte wie er das Jogging. Sie trafen sich oft am Strand bei der Ausübung ihres Hobbys. Auch sonst mochte Broichler den jungen Hänneschen. Er und seine Leistungen in Mathematik lagen über dem Durchschnitt.

Hinzu kam ihre gemeinsame Herkunft. Broichler war in Stürzelberg, einem Dorf am Niederrhein in der Nachbarschaft von Dormagen aufgewachsen. Er hatte einige Jahre am Quirinus-Gymnasium in Neuss unterrichtet, das auch Pitt besucht hatte, bevor er nach Juist an das Internatsgymnasium gekommen war.

Broichler begrüßte Pitt, bat ihn einzutreten und abzulegen. Der Schüler hängte seinen Anorak über den Bügel und folgte dem Lehrer in das Wohnzimmer. Broichler zeigte auf den Sessel der Sitzecke. »Pitt, setz dich«, sagte er und nahm ihm gegenüber auf der Couch Platz.

Pitt sah blass und verhärmt aus. Er schaute auf den Tannenbaum. »Ich hoffe, Sie haben einen angenehmen Heiligabend verlebt«, sagte er verlegen.

»Wie man’s nimmt. Ich habe an meine verstorbene Frau gedacht, gut gegessen, gelesen und mir einen teuren Wein gegönnt«, sagte Broichler.

Pitt wirkte nervös.

»Warum hast du denn Schagüll nicht mitgebracht?«, fragte Broichler. »Sie ist doch sicher in der Schule geblieben.«

»Als ich gestern Abend aus Neuss zurückgekommen bin, befand sich Schagüll nicht mehr im Internat«, sagte Pitt, den Tränen nahe.

»Und wo ist sie?«, fragte Broichler überrascht.

»Auf der Flucht«, murmelte Pitt.

»Wie bitte?«, fragte Broichler ungläubig.

»Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Sie wissen, dass ich Schagüll liebe. Hier, lesen Sie!«, sagte Pitt und reichte Broichler den Brief. Pitt rutschte unruhig auf dem Sessel hin und her, während Broichler las.

Schließlich legte der Lehrer das Schreiben nieder und schüttelte fassungslos den Kopf. »Ich weiß nicht, was wir da tun können«, sagte er. »Eigentlich nur warten. Schagüll ist achtzehn oder wird es in Kürze. Sie wurde nicht entführt.«

»Ich sorge mich um sie«, erklärte Pitt.

»Das kann ich verstehen. Ihr liebt euch, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie den fremden Mann heiraten wird. So weit kenne ich sie. Was die Drohungen der Kurden betrifft, kann ich die Lage nur schlecht beurteilen. Die Polizei einzuschalten wäre wohl nicht sinnvoll.«

Broichler zögerte kurz, dann fuhr er fort: »Falls Schagüll nach den Ferien nicht zurückkommt, verletzt sie ihre Schulpflicht. Dann können wir etwas unternehmen.«

Pitt blieb skeptisch.

Dennoch beruhigte ihn der Lehrer irgendwie. Broichlers Art erinnerte ihn an seinen Vater.

»Denk an das Abitur, bereite dich vor, und warte auf die Dinge, die da kommen werden«, sagte Broichler.

»Ich weiß, dass es verfrüht ist, Schagüll jetzt schon aufzugeben«, murmelte Pitt nachdenklich.

»Ich schlage vor, dass wir uns einen Tee gönnen«, sagte Broichler. »Damit erhob er sich und ging hinüber in die Küche.

Tatsächlich schaffte Pitt es einigermaßen, sich auf die Abiturvorbereitungen zu konzentrieren. Er löste Mathematikaufgaben, las englische Kurzgeschichten, übte neue Vokabeln, paukte Latein und las Homo Faber von Max Frisch, zu dem er erst, seit er sich um Schagüll sorgte, den richtigen Zugang fand.

Der ersehnte Telefonanruf blieb aus. Jeden Morgen blickte er mit klopfendem Herzen in sein Postfach. Vergeblich.

Am frühen Abend zog er die Turnschuhe an, lief selbst bei schlechtem Wetter wie gewohnt am Strand entlang, um sich körperlich fit zu halten.

Auf sein Bodybuilding musste er verzichten. Die Turnhalle und die Fitnessräume blieben während der Ferien geschlossen. Abends trank er Tee, gelegentlich auch ein Bier beim Fernsehen. Morgens schlief er lange.

In Köln hatte es Krawalle gegeben. Kurden hatten das Büro einer türkischen Fluggesellschaft gestürmt und zertrümmert.

Auch in anderen westdeutschen Großstädten war es zu Übergriffen gekommen. Die Polizei hatte hart durchgreifen müssen.

Die hohe Arbeitslosigkeit, die Orientierungslosigkeit der Jugend, besonders in den neuen Bundesländern, führten zu verabscheuungswürdigen Übergriffen auf Asylanten.

Vor diesem Hintergrund war Pitt zu der Einsicht gekommen, dass Schagüll sich aus ihrem Versteck noch nicht melden konnte.

Am Silvesterabend schälte Pitt Kartoffeln, schnitt sie in Scheiben, ließ sie abtropfen. Er hackte eine Zwiebel klein, würfelte einige Schinkenscheiben. Er bräunte die Zwiebeln und den Schinken in der Pfanne leicht an, gab die Kartoffeln dazu, pfefferte und salzte, legte den Deckel auf die Pfanne und ließ das Gericht bei kleiner Hitze brutzeln.

Dann deckte er den Tisch, stellte eine Kerze in den Ständer und zündete sie an. Anschließend öffnete er ein Glas mit Bratfischröllchen und gab sie in eine Schüssel.

Als die Kartoffeln weich, die Zwiebelstückchen fast schwarz und die Schinkenwürfel knusprig waren, nahm er die Pfanne vom Zweiplattenherd und gab den Inhalt in eine Schüssel.

Während er aß, sah er sich Fotos an, die er vor gar nicht langer Zeit von Schagüll gemacht hatte.

Schagüll lachte glücklich. Ihr Körper war von der Sonne gebräunt, das lange schwarze Haar hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. Sie fielen über das Oberteil ihres Bikinis. Sie hatte eine großartige Figur und ein schönes Gesicht. Eine gerade Nase, dunkle Augen und volle rote Lippen. Pitt aß und betrachtete dabei weiter die Fotos, die unzählige Erinnerungen in ihm wachriefen – wehmütige und gleichzeitig wunderschöne.

Er hatte Schagüll in den Dünen nach dem Baden nackt fotografiert. Er betrachtete ihren Po, den sie ihm entgegenstreckte, als sie nach einem Handtuch griff. Pitt spürte Sehnsucht und Verlangen in sich aufkeimen. Wie sehr er Schagüll vermisste!

Nach dem Essen schaltete er den Fernseher an und erledigte den Abwasch.

Der Bundeskanzler hielt seine Neujahrsansprache. Er hatte nach amerikanischem Vorbild die Fahne der Bundesrepublik in die Nähe seines Schreibtisches rücken lassen. Pitt hörte sich die Rede an, dann stellte er den Fernseher leise. Im Internat war alles ruhig. Selbst den Hausmeister hatte Pitt noch nicht zu Gesicht bekommen.

Plötzlich verspürte Pitt den Wunsch, mit irgendjemandem zu sprechen. Seinen Lehrer wollte er nicht schon wieder stören. Vielleicht Onkel Gottfried und Tante Cecilia? Er nahm den Telefonhörer von der Gabel und wählte die vertraute Nummer. Doch keiner nahm ab. Die essen heute Abend Rehkeule, und Arnold wird seine Silvesterschau abziehen, dachte er und legte den Hörer wieder auf die Gabel.

Pitt holte eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, öffnete sie und wartete auf die im Fernsehen angekündigte Komödie.

Er trank das Bier, schaute zu, doch die Gags und Pointen gingen an ihm vorbei. Er fand die Sendung albern, schaltete um, doch fand nirgendwo etwas nach seinem Geschmack.

Es war besser, noch einmal rauszugehen!

Also trat er an den Schrank, zog ein hübsches Oberhemd über sein T-Shirt und band sich sogar eine Krawatte um. Darüber zog er das graue Jackett und den blauen Trenchcoat, dann verließ er sein Zimmer und das Internat, in dem er vermutlich der einzige Gast war.

Aus den Lokalen klang ihm Musik entgegen, in die sich das Stimmengewirr feiernder Menschen mischte.

Silvesterknaller, die Jugendliche vorzeitig zündeten, klangen wie Schüsse aus Jagdgewehren und erinnerten ihn an seinen Vater, den er früher im Herbst in die Eifel zur Hubertusjagd begleitet hatte.

Kinder warfen Knallfrösche auf die Straße. Er roch den Pulverdampf.

Vom Viersternehotel ›Alte Barke‹, in dem verwöhnte Bundesbürger aus Wirtschaft, Politik und Kultur sich wohlfühlten, fiel das grüne Licht der Neonreklame einer Brauerei auf den Bürgersteig. Aus dem von dem Hotel betriebenen Kellerlokal ›Grabbschen‹ drang ihm laute Oldie-Musik und Stimmengewirr entgegen.

Pitt blieb vor der Treppe stehen. Die Tür des Lokals stand offen, und er fühlte den Wunsch, sich unter die Menschen zu mischen. Er ging die Treppe hinunter, und Alkoholdunst und schaler Rauch stiegen ihm entgegen. An der angelehnten Tür prangte ein Schild, ›geschlossene Gesellschaft‹.

Ungehindert betrat er den Bierkeller. Die Tische waren besetzt. Eine Blaskapelle spielte alte Schlager, die er aus seiner Kindheit kannte. Die Gäste gehörten den älteren Jahrgängen an, aber die fröhliche Stimmung im Lokal gefiel ihm. Er schritt an den besetzten Tischen vorbei und näherte sich der Bar, hinter der eine attraktive Kellnerin, möglicherweise eine Spanierin oder Italienerin, Gläser spülte.

Nur eine junge Frau saß vor der Theke auf einem Barhocker im Schummerlicht der Glockenlampen.

Pitt entledigte sich seines Trenchcoats, legte ihn über einen freien Hocker und nahm neben der jungen Frau Platz.

»Sie gestatten?«, fragte er.

Die Frau war hübsch und nur wenige Jahre älter als er. Sie schaute ihn überrascht an.

»Wo kommen Sie denn her? Hier feiern sonst nur Gruftis«, sagte sie erstaunt.

»Sie übertreiben. Sie könnten meine Schwester sein«, antwortete Pitt charmant.

Die junge Frau lächelte. Ihre Hände spielten mit einem leeren Sektglas.

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, sagte sie.

»Wenn Sie es genau wissen wollen, ich bin Strandgut. Der Sturm und die Flut haben mich angetrieben. Doch vorher haben sie etwas von mir mitgenommen, das ich heute Abend vermisse«, antwortete Pitt zynisch. Er blickte in das Gesicht der jungen Frau. Sie gefiel ihm ausnehmend gut.

»Da stehen Sie nicht alleine da. Hier im Haus befindet sich heute Abend mehr Strandgut als an der gesamten ostfriesischen Küste«, sagte sie und kicherte.

Pitt schaute in das Lokal und betrachtete die Gäste. Einige kamen ihm bekannt vor; er hatte sie schon im Fernsehen gesehen. Es waren Moderatoren, die dem Fernsehpublikum gelegentlich prominente Gäste vorführten. In einer Ecke entdeckte er eine Ministerin mit ihrem Mann.

»Und, habe ich recht?«, fragte die Frau an seiner Seite ironisch.

»Nein, die Leute, die hier feiern, wissen, wo sie hingehören. Ihr Platz in der Gesellschaft steht fest, sie haben etwas geleistet.«

Seine Nachbarin schaute ihn nachdenklich an. »Ja, ich gebe Ihnen recht. Aber es hört sich an, als ob Sie diese Leute bewundern würden.«

»Vielleicht tue ich das. Weil auch ich etwas leisten will. Und Sie? Sind Sie eine Strandnixe? Die anwesenden Herren scheinen mir jedenfalls blind. Gibt es keinen, der Sie während der letzten Stunden des Jahres in die Arme nehmen möchte?«, fragte Pitt.

Die junge Frau lächelte verlegen. »Ich habe mich selbst dafür entschieden, hier an der Bar zu sitzen und nicht an den Tischen der Prominenten. Können Sie das verstehen?«, fragte sie.

Pitt nickte. »Für die meisten Tische sind Sie viel zu jung«, sagte er.

Die hübsche Südländerin hinter der Theke wandte sich ihm zu. »Was möchten Sie?«, fragte sie. »Es gibt alle Getränke außer Milch, sie ist nicht im Ausschank.«

»Italienerin?«, wollte Pitt kess wissen.

»Si«, antwortete sie.

»Zwei Gläser Sekt von der Hausmarke«, bestellte Pitt.

Die Musik der Blaskapelle lockte einige Gäste auf die Tanzfläche. Die Bardame füllte die Sektkelche und stellte sie auf den Tresen.

»Prost«, sagte sie.

Pitt stieß mit der jungen Frau an. Er fand nichts an ihr, was ihn an Schagüll hätte erinnern können. Natürlich, sie war ebenfalls schön, aber ein ganz anderer Typ. Blond, nur leicht gebräunt und sehr elegant in ihrem Samtkleid und mit dem glänzenden Goldschmuck an ihren Händen und Handgelenken.

Sie prosteten sich zu und nippten an den Gläsern.

»Ein Jahr geht so schnell dahin. Die Plackereien und Freuden, und den letzten Tag verbringt man allein. Da geht es Ihnen wie mir, oder?« Sie blickte Pitt fragend an.

»Ich bin seit einer Woche allein und befürchte, auch im neuen Jahr mit meiner Einsamkeit leben zu müssen«, sagte er und dachte an Schagüll.

»Bei mir sind es oft Monate. Mein Mann ist Geiger, ein Vollblutmusiker. Er hat es mit seinem ungarischen Temperament weit gebracht. Er gehört den Münchner Symphonikern an. Sie sind auf Tournee und spielen heute in Tokio. Janosh verdient viel Geld. Er hat mich gebeten, für längere Zeit hier auf Juist in unserer Wohnung zu bleiben und hier im ›Grabbschen‹ zu feiern, weil er weiß, dass es im ›Hotel Barke‹ sittsam zugeht. Hier verkehren seine Freunde. Da ist nichts drin mit ›Bäumchen wechsel dich‹«, sagte sie und lächelte Pitt vergnügt an.

Pitt hob sein Sektglas. »Trinken Sie mit mir auf Ihren Janosh und auf meine Freundin Schagüll, die mich wegen politischer Intrigen verlassen musste«, sagte er.

Sie tranken sich zu und fühlten auf Anhieb, dass sie sich mochten. Dann setzte die schöne Frau des Musikers das Glas ab und lächelte Pitt an. »Und was machen Sie?«, fragte sie.

Die Hauskapelle ließ die ›Blaue Donau‹ aufleben.

»Ich bin das, was man ein Leben lang bleibt, nämlich ein Schüler. Ich denke, dass ich im neuen Jahr das Abitur mache, um anschließend Volkswirtschaft zu studieren. Auf mich wartet ein Betrieb, der mehr als zweihundert Menschen den Arbeitsplatz sichert. Leider lebt mein Vater nicht mehr. Ich denke, dass ich in seine Fußstapfen treten werde, wie man so schön sagt«, antwortete Pitt.

Die junge Frau hob ihr Sektglas. »Ich heiße Barbara«, sagte sie.

»Und ich heiße Pitt«, antwortete er. Sie stießen miteinander an und küssten sich auf das Du.

»Eigentlich bin ich gelernte Bürokauffrau«, begann Barbara aus ihrem Leben zu erzählen. »Ich bekam auf Umwegen eine Stelle in einer Kölner Künstleragentur. Irgendwann suchte Janosh unsere Agentur auf. Er sah gut aus und bezeichnete sich als Teufelsgeiger von Budapest. Er hatte mit einigen Kompositionen Erfolg gehabt, die im Ostblock immer wieder aufgeführt worden waren. Mir gelang es, ihn an das Gürzenich-Orchester in Köln zu vermitteln. Kurz zuvor hatte sich mein Verlobter mit seinem Motorrad in Bergheim auf dem Weg zum Nürburgring zu Tode gerast. Meine Eltern lebten in armen Verhältnissen in Ostberlin. Janosh, der viele Jahre älter ist als ich, lud mich ein, verwöhnte mich und griff auch meinen Eltern unter die Arme. Ich wurde seine Frau«, schloss sie einfach.

»Signora«, wandte Pitt sich erneut an die Bedienung.

Die Sektgläser wurden wieder gefüllt.

An den Tischen entstand Bewegung. Paare kamen von der Tanzfläche zurück. Die Prominenz feierte friedlich, alles mutete fast ein wenig nostalgisch an.

»Und deine Liebe zu deinem älteren Janosh erwies sich als Einbahnstraße«, folgerte Pitt frech.

»Nein, Janosh gibt mir viel. Er verwöhnt mich«, sagte sie und nahm das Sektglas in die Hand. »Er ist ein glänzender Solist und komponiert. Er setzt Themen aus dem Leben in unserer Zeit in Musik um. Ich fördere seine Kreativität. Oft ist er für Monate auf Tournee, aber dann auch wieder lange zu Hause. Durch ihn habe ich viele berühmte Leute kennengelernt«, sagte sie, als ziehe sie ein Fazit ihrer Jahre mit Janosh.

»Und du bereust nicht, dass du ihn geheiratet hast?«, fragte Pitt einfach.

Barbara hob ihr Sektglas, prostete Pitt zu und trank. Ihre Augen strahlten.

»Nein«, antwortete sie. »Janosh ist ein herrlicher Mann. Die Fachwelt und das Publikum bewundern ihn. Ich liebe ihn, und ich habe alles, was ich will. Das Apartment auf Juist haben wir gekauft, um dem Rummel zu entfliehen. So gesehen bin ich glücklich«, sagte Barbara.

Sie trank das Glas leer.

Die Kellnerin hastete mit vollem Tablett an die Tische. Das Geschäft im ›Grabbschen‹ lief.

»Signora, für uns noch einmal die Hausmarke«, bat Pitt, als sie zurückkam.

Die dunkle Schönheit füllte die Gläser.

»Trinken in Ruhe. Bene. Wenig Zeit, wenn ist neues Jahr, helfen Kolleginnen, dann ist an Bar Teufel los«, sagte sie lächelnd.

Pitt schaute auf seine Armbanduhr. Er stellte erstaunt fest, dass die letzte Stunde des alten Jahres sich bereits dem Ende neigte.

»Ist es nicht aufregend, wenn man berühmt ist?«, fragte Pitt.

»Daran liegt uns nichts. Ich kenne hier viele Gäste. Als ich mit Janosh meine erste Party besuchte, trug ich einen Autogrammblock bei mir, so beeindruckte mich diese Nobelgesellschaft. Darüber muss ich heute lachen. Aber heute Abend ist mir deine Unterschrift auf einem Bierdeckel lieber, Pitt«, sagte Barbara. Wieder stießen sie miteinander an. Sie sah ihm in die Augen.

»Es war schön, dich kennenzulernen«, sagte sie. »Ich danke dir. Ich habe mich hier anfangs sehr einsam gefühlt. Doch verzeih, ich habe bisher nur von mir erzählt. Was ist mit deiner Schagüll? Warum ist sie nicht bei dir?«, fragte sie mitfühlend und legte ihre Hand auf seine.

Pitt spürte die Wärme ihrer Haut. Auch er war froh darüber, dass er Barbara getroffen hatte.

»Schagüll ist meine Mitschülerin«, erzählte er. »Wir lieben uns. Sie war nicht mehr im Internat, als ich von einem Besuch bei meinen Verwandten zurückkam. Sie ist mit ihrem Vater untergetaucht, weil kurdische Separatisten sie verfolgen«, berichtete Pitt.

Barbara sah ihn an. »Und die Polizei?«, wollte sie wissen. »Ist die nicht eingeschaltet?«

»Das könnte zu Komplikationen führen und alles noch schwieriger machen.«

Barbara nickte.

Im Lokal wurde es lauter. Die Zeiger der Uhr näherten sich dem neuen Jahr.

»Signora, ich möchte zahlen«, sagte Pitt und zückte seine Brieftasche.

Die Italienerin rechnete ab. Pitt reichte ihr einen Hundertmarkschein und überließ ihr das Wechselgeld.

»Grazie«, sagte sie dankbar.

»Und nun wohin?«, fragte Barbara verwirrt.

»Zurück in unsere Einsamkeit«, scherzte Pitt und langte nach seinem Trenchcoat.

»Aber Pitt, wir wollen doch nicht ohne Neujahrswünsche auseinandergehen«, murmelte Barbara enttäuscht.

»Warum nicht? Du kannst Janosh nicht in die Arme nehmen und ihn küssen, und ich muss das neue Jahr ohne Schagüll beginnen«, sagte Pitt.

Die Hauskapelle spielte einen Walzer, während die Kellner für Getränke und frische Kerzen sorgten.

Die Gäste bereiteten sich auf die letzten Minuten des alten Jahres vor.

»Pitt, ich mag den Rummel nicht. Begleite mich nach draußen«, bat Barbara.

Pitt nickte.

Die Musik spielte weiter. Der Kapellmeister zählte laut den Countdown zum Jahresende.

Barbara hastete zur Garderobe und zog ihren Mantel an.

»Komm«, sagte Pitt.

Gemeinsam verließen sie das ›Grabbschen‹. Sie stiegen die Treppe hinauf und gingen in Richtung Wilhelmstraße davon. Als die Knallerei losging, hielten sie sich an den Händen und betrachteten das Feuerwerk, das sich Farben sprühend über Juist ergoss.

Der Direktor Dr. Bommrank nahm die Lesebrille ab und hob den Kopf. Sein Haar war schütter, sein Gesicht rund und freundlich. Er musste etwa fünfzig Jahre alt sein.

Pitt saß nervös auf dem Stuhl in der Nähe des Besuchertisches.

»Herr Hänneschen, ich habe mich an die türkische Botschaft gewandt, nachdem ich einige Telefonate mit dem Dezernenten der Bezirksregierung geführt habe. Schagüll ist türkische Staatsbürgerin. Ihr Vater, der ebenfalls die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, wie Ihnen bekannt ist, führt in Hamburg einen Supermarkt, in dem er türkische Lebensmittel verkauft.«

Pitt nickte.

»Ich habe mit seinem Geschäftsführer telefoniert. Nach dessen Aussagen verbringt sein Chef mit seiner Tochter einen privaten Urlaub in der Türkei, weil Schagüll dort heiratet. Er und auch die Botschaft bedauern es, dass Herr Güyzcük mich nicht, wie erforderlich, um die notwendige Schulbefreiung der Tochter gebeten hat.«

»Das entspricht nicht den Tatsachen«, sagte Pitt.

»Um der Sache eventuell nachgehen zu können, bat die türkische Botschaft mich, ihr Material zur Verfügung zu stellen, das einen Verdacht gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei erhärten könnte«, sagte Dr. Bommrank.

»Herr Direktor, die lügen Ihnen ins Gesicht«, rief Pitt empört. »Schagülls Vater ist ein wichtiger Mann für sein Land. Und ich denke nicht daran, den Brief, der auch private Mitteilungen enthält, sozusagen an die Öffentlichkeit zu geben!«

»Herr Hänneschen, Sie mögen recht haben. Doch als Schulleiter kann ich Ihre Argumentation nicht akzeptieren – und schon gar nicht vor den türkischen Behörden vertreten. Schagüll fehlt seit Schulbeginn unentschuldigt. Wenn Sie mir diesen Brief zur Verfügung stellen, kann ich bei der Bezirksregierung einen Antrag stellen, Schagüll für die bevorstehende Abiturprüfung als entschuldigt zu betrachten. Ansonsten gilt sie trotz guter Vorleistungen als durchgefallen«, sagte Dr. Bommrank.

Pitt hatte über die rechtlichen Konsequenzen noch nicht nachgedacht. Er liebte Schagüll, alles andere war egal. Ob sie das Abitur ablegte oder nicht, das war ihm gleichgültig.

»Und die Bezirksregierung wird eine Akte Schagüll Güyzcük anlegen?«, fragte Pitt.

»Ja. Herr Attila Güyzcük muss nachweisen, dass er nach Abwägung aller Möglichkeiten die richtige Entscheidung für das Wohlergehen seiner Tochter getroffen hat. Seine Rolle im Kampf gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei wird auch deutsche Gerichte interessieren«, sagte Dr. Bommrank.

»Nur das nicht. Ich möchte Schagüll gesund wiedersehen«, murmelte Pitt.

»Das möchten wir doch alle. Ende Januar beginnen die Abiturprüfungen. Offiziell habe ich noch keine Entschuldigung. Halten auch Sie sich bitte zurück. Der Fall wäre ein Fressen für die Medien«, sagte Dr. Bommrank.

»Es wäre schon unangenehm genug, wenn meine Mitschüler davon erfahren würden«, erklärte Pitt.

»Herr Hänneschen, Sie können mit meiner Unterstützung rechnen«, beruhigte ihn Dr. Bommrank.

Pitt verließ das Büro des Schulleiters. Dessen Sekretärin blickte ihn aufmunternd an.

Pitt ging hinüber zu seinem Klassenraum und trat ein. Broichler stand vor der Tafel. Er nickte Pitt kurz zu und skizzierte die Fläche einer gelösten Integralaufgabe.

Wenige Tage später, es war ein Freitag, fegte der Orkan ›Lore‹ mit der Windstärke 11 über Norddeutschland. Eine extrem starke Sturmflut bedrohte die ostfriesische Küste, und mehrere Reedereien stellten den Schiffsverkehr ein. Die Mole in Norddeich war überflutet. Auf Juist spritzte das vom Sturm aufgestaute Wasser über die Deiche. Hohe Wellen türmten sich auf und rollten gegen die Dünen.

Um zwölf Uhr endete für Pitt der Unterricht. Er hatte jede Verabredung mit seinen Klassenkameraden für heute abgelehnt und verzichtete auf das Mittagessen in der Mensa, denn dort gab es freitags einen Eintopf, den er nicht sonderlich mochte. Stattdessen brühte er sich einen Tee auf und aß dann einige Schnitten. Gegen dreizehn Uhr klingelte das Telefon. Pitt dachte an Tante Cecilia, doch es war Barbara, die er Silvester kennengelernt hatte.

»Hallo«, sagte er erfreut, als sie sich meldete.

»Pitt, das Unwetter schafft mich. Man kann nicht nach draußen gehen, ist wie eingeschlossen. Sogar die Winterbepflanzung unseres Balkons hat der Orkan aus den Kästen gerissen«, sagte sie ängstlich.

»Barbara, die Deiche halten dicht. Aber wenn du dich alleine ängstigst, komme ich vorbei und hole dich ab. Zu zweit ist es sicher angenehmer.«

Pitt verließ das Internat und stemmte sich gegen die Sturmböen, die ihn wie einen Betrunkenen torkeln ließen.

Barbaras Wohnung befand sich in der Loggerstraße.

Vor dem mehrgeschossigen Klinkerbau hatte der Sturm Fahrräder aus den Halterungen gerissen und sie gegen die Wand gefegt. Glasscherben bedeckten den Bürgersteig.

Um das Haus heulte der Wind. Pitt hörte das Dröhnen anrollender Wellen und sah, wie Möwen im Tiefflug über die Dünen schossen. Am Himmel trieben schwarze Wolkenfetzen dem Festland entgegen.

Pitt trug seinen grünen Wettermantel, der die Kälte abfing. Die Kapuze hatte er sich fest um das Gesicht gezogen.

Er drückte den Klingelknopf. Aus der Sprechanlage kam der Summton, dann vernahm er Barbaras Stimme. »Ich komme.« Ihre Stimme klang blechern.

Wenig später trat sie aus der Tür. Ihr hübsches Gesicht war umrandet von der Kapuze ihres Anoraks. Sie trug Jeans und Stiefel.

Sie schüttelte sich, als der Sturm sie erfasste. Dann neigte sie sich zu Pitt, und er küsste sie auf die Wange.

»Janosh ist in Peking, und bei dem Wetter ängstige ich mich allein«, sagte sie, hakte sich bei Pitt ein und schmiegte sich an ihn, als suche sie Schutz.

Sie schritten über die Sandhove am Kiosk und am Andenkenladen vorbei, dessen Fenster mit Brettern vernagelt waren, und betraten die Promenade. Der Sturm riss sie fast von den Beinen. Sie verharrten auf der Stelle, stemmten sich gegen die Böen und hielten einander umschlungen. Ihre Augen tränten. Schaumfetzen flogen ihnen entgegen. Der Orkan ›Lore‹, der seit dem Mittag eine Geschwindigkeit von mehr als hundert Stundenkilometern erreicht hatte, wühlte die Wassermassen auf.

Vor dem düsteren Horizont wirbelten und sprangen die weißen Gischtkronen alles verschlingender Wellen.

Barbara und Pitt hielten sich an den Händen und kämpften sich vor bis zum Pirstenweg.

Dort verließen sie die Promenade.

Die beiden ließen sich vom Rückenwind treiben. Sie lachten wie Kinder, wenn sie den Schrittrhythmus verloren hatten. Sie vergaßen die Bedrohung der Sturmflut und vertrauten den Feuerwehrmännern, die vor der verschlossenen Schleuse Sandsäcke aufeinanderschichteten und sich das Ende der Flut herbeiwünschten. Es gab Entwarnung, wie sie vom Dorfpolizisten erfuhren, der sein Fahrrad an ihnen vorbeischob.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Todestörn vor Juist" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen