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Todessymphonie

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des
Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form,
sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Für Scott und Linda.

Ihr seid ein Risiko eingegangen und dafür werde ich euch auf ewig dankbar sein.

Und, wie immer, für Randy.

Mit Verständnis kann man das Böse nicht heilen, aber es ist definitiv insofern eine Hilfe, als dass man eine nachvollziehbare Dunkelheit besser bewältigen kann.

– Carl Gustav Jung –

1. KAPITEL

Gavin Adler zuckte zusammen, als ein kurzer Ton aus seinem Computer erklang. Er schaute überrascht auf die Uhr; es war schon sechs Uhr abends. Während der Wintermonate erinnerte ihn die einsetzende Dunkelheit daran, dass es an der Zeit war, den Laden zu schließen, aber nach der Umstellung auf Sommerzeit musste er sich einen Wecker stellen, um daran erinnert zu werden. Ansonsten würde er sich in seinem Computer verlieren und nie nach Hause gehen.

Er stand von seinem Stuhl auf, reckte sich, fuhr den Computer herunter und griff nach seiner Kuriertasche. Was für ein Tag. Was für ein langer und glorreicher Tag.

Er nahm seinen Abfall mit, die Überreste seines Mittagessens. Es gab keinen Grund, die Bananenschalen über Nacht im Papierkorb zu lassen. Er machte das Licht aus, schloss die Tür ab, warf den Plastikmüllbeutel in die Mülltonne und machte sich auf den Weg zu dem zwei Straßenecken entfernt liegenden Parkplatz. Sein weißer Prius war eines von wenigen Autos, die dort noch standen.

Auf dem Weg aus der Stadt heraus hörte Gavin Musik auf seinem iPod. Wie immer war viel los auf den Straßen, und so kroch er geduldig durchs West End, nahm dann die Ausfahrt zur I-40 und fuhr langsam weiter Richtung Memphis. Hinter der White Bridge klarte der Verkehr auf und er kam gut durch. Die Fahrt dauerte zweiundzwanzig Minuten, er hatte es gestoppt. Nicht schlecht.

Er verließ den Highway an der McCrory Lane und ging in sein Fitnessstudio. Das YMCA war voll wie immer. Er checkte ein, zog sich in der Umkleidekabine um, rannte fünfundvierzig Minuten, ging danach zwanzig Minuten auf den Stepper, machte einhundert Sit-ups und legte zum Ende noch zehn Minuten Schattenboxen drauf. Dann trocknete er sich ab. Er nahm seine Kuriertasche, ließ die Sportschuhe im Spind und schlüpfte wieder in seine orangefarbenen Crocs, die er schon den ganzen Tag getragen hatte. Er ließ seine Trainingsklamotten an – sie würden zu Hause direkt in die Waschmaschine gehen.

Er ging über die Straße zu Publix, kaufte ein Hähnchen-Cordon bleu und eine Fertigmischung für Kartoffelpüree, eine Packung herzhafte Buttermilchbiskuits, frische Bananen und Katzenfutter. Mit seinen Einkäufen kehrte er zu seinem Auto zurück und fuhr in die Nacht hinaus. Er hatte keine Menschenseele gesehen. Seine Gedanken waren ganz mit dem beschäftigt, was zu Hause auf ihn wartete.

Dunkel. Einsam. Leer.

Gavin fuhr um Punkt 20:30 Uhr vor dem im Ranchstil gebauten Haus vor. Sein Kater, ein grauer Burmese namens Art, empfing ihn an der Tür und beklagte laut seinen leeren Napf. Bevor er irgendetwas anderes tat, gab er als kleines Schmankerl ein paar Löffel Nassfutter in die Futterschüssel, also kein Grund für Art, übellaunig zu sein. Der Kater fraß mit steil hochgestrecktem Schwanz und schnurrte und knurrte dabei leise.

Gavin schaltete die Stereoanlage ein, und Dvořák erfüllte das Wohnzimmer. Einen Moment lang ließ er die Musik über sich hinwegrauschen, sein rechter Arm bewegte sich im Gleichklang mit dem Bass. Die Musik erfüllte ihn, machte ihn vollständig und ganz. Art kam und stellte sich neben ihn, schlang seinen Schwanz um Gavins Bein. Er lächelte ob der Unterbrechung und kratzte den Kater hinter den Ohren. Art bog vor Vergnügen seinen Rücken durch.

Nachdem er das abendliche Ritual absolviert hatte, stellte Gavin den Ofen an, sprenkelte etwas Olivenöl in eine Glasform, legte das Hühnchen darauf und ließ es fünfundvierzig Minuten backen.

In der Zwischenzeit duschte er, schaute auf dem iPhone nach seinen E-Mails und aß dann. Er ließ sich Zeit. Das Hühnchen war heute Abend besonders gut. Dazu trank er ein eiskaltes Corona Light direkt aus der Flasche, in deren Hals er eine Zitronenspalte gesteckt hatte.

Er spülte das Geschirr ab. Es war jetzt 22:00 Uhr. Er gab sich selbst die Erlaubnis. Er war ein sehr guter Junge gewesen.

Das Vorhängeschloss an der Tür zum Keller glänzte vor Versprechungen und Schmierfett. Er steckte den Schlüssel hinein und hielt ihn beim Drehen fest, damit er nicht klapperte. Er nahm das Schloss mit sich, wobei er achtgab, mit dem Öl nicht an seine Kleidung zu kommen, denn die Flecken gingen nie wieder heraus. Er schaute sich um, dass Art nicht in der Nähe war. Er mochte es nicht, wenn der Kater in den Keller ging. Doch er sah ihn auf dem Küchentisch sitzen und sehnsüchtig auf den Platz starren, auf dem eben noch Gavins Teller gestanden hatte.

Hinter der Tür führten die Stufen in totale Schwärze. Er betätigte einen Schalter, und Licht flutete die Treppe. Er steckte das Schloss durch den Riegel an der Innenseite der Tür und drückte es zu. Es hatte keinen Sinn, ein Risiko einzugehen.

Sie schlief. Er war still, um sie nicht zu wecken. Er wollte sie sowieso nur anschauen.

Der Käfig aus Plexiglas hatte die Form eines Sargs, der durch eine längs verlaufende Trennwand in zwei gleich große Abteile geteilt wurde. Löcher im Boden dienten dem Abfluss und Löcher im Deckel der Luftzufuhr. Er stand auf einer erhöhten Plattform, die Gavin selber gebaut hatte. Der Betonfußboden hatte einen Ablauf; er musste nur Wasser durch die Öffnung strömen lassen und voilà, alles sauber. Er ließ das Wasser ein paar Minuten laufen, um die Rückstände wegzuspülen, und schaute dann wieder zu seinem Liebling hinüber.

Ihre Lippen waren aufgerissen, ihre Haare fielen aus. Sie hatte jetzt eine Woche lang kein Essen und Wasser erhalten und verbrachte immer mehr Zeit schlafend. Ihre Lethargie war erwünscht. Er freute sich schon auf den Moment, wenn ihr Leiden ein Ende hatte. Er verspürte kein wirkliches Bedürfnis, sie zu quälen. Ihr Herz musste nur einfach aufhören zu schlagen. Dann könnte er sie haben.

Er leckte sich über die Lippen und schämte sich wegen seiner Erektion.

Er atmete ihren Duft tief ein, aalte sich in der moschusartigen Süße ihres sterbenden Fleisches und ging dann zu dem Tisch in der Ecke. In dem Keller gab es weder Spinnen noch Staub, noch die übliche Muffigkeit. Gavin ließ es nicht zu. Dieser Ort war sauber. Makellos.

Der Computer, ein Mac Air, den er sich als verspätetes Weihnachtsgeschenk gegönnt hatte, erwachte zum Leben. Ein paar Tastenkombinationen auf der Tastatur, dann sprang das WiFi-System an und er war online. Bevor er die Möglichkeit hatte, seine Lesezeichen durchzugehen, klingelte sein iChat. Der Username, der auf dem Monitor erschien, lautete IlMorte69. Er und Gavin waren sehr gute Freunde. Gavin antwortete. Sein eigener Nickname hot4cold poppte rot in zehn Punkt Arial auf.

Mein Puppenhaus ist beinahe fertig, Hot. Wie steht’s bei dir?

Hey, Morte. Meins ist auch fast komplett. Ich bin gerade hier für einen Zwischencheck. War deine Reise gut?

Mein Freund, unbeschreiblich. Was für eine tolle Zeit. Aber es ist gut, wieder zu Hause zu sein.

Neue Puppen?

Eine. Köstlich. Leichter Fang. Wie eine Ratte im Keller.

Gavin zuckte zusammen. Manchmal war Morte ein wenig unsensibel. Aber was sollte man machen? Es war schwer für Gavin, mit Leuten zu reden. Die Onlinewelt war seine Auster, sein Ventil. Er hatte andere Freunde, die nicht ganz so grob waren wir Morte. Apropos … er schaute auf seine Kontaktliste und sah, dass Necro99 ebenfalls online war. Er schickte ihm ein kurzes Hallo und wandte sich dann wieder seinem Chat mit Morte zu.

Was meinst du, wann du fertig bist?

Morte antwortete beinahe sofort.

In zwei Tagen. Hast du es so gemacht, wie wir es besprochen haben? Bei der Entsorgung warst du vorsichtiger als beim Einfangen, oder?

Gavin spürte Ärger in sich aufsteigen, entspannte sich dann aber wieder. Morte hatte recht, ihn zu schelten. Er hatte immerhin einen Fehler gemacht. Er hatte schnell gelernt, dass es wichtig war, Mortes Instruktionen genau zu folgen. Sehr, sehr wichtig.

Ja, es war perfekt. Ich schicke dir ein Foto.

Er lud die Bilder hoch, und bei ihrem Anblick beschleunigte sich sein Atem. So wunderschön. Morte reagierte nach wenigen Sekunden.

Mein Gott. Das ist perfekt. Zauberhaft. Du bist ein wahrer Künstler geworden.

Danke.

Gavin errötete. Komplimente anzunehmen gehörte nicht zu seinen Stärken. Er warf einen Blick über seine Schulter, wusste, dass er zum Ende kommen musste.

Morte, ich muss los. War ein langer Tag heute.

Das denk ich mir. Pass auf dich auf. Vergiss nicht, nur noch zwei Tage. Ich erwarte Fotos!

Bye.

Ein Bild tauchte auf seinem Monitor auf – Morte hatte ihm ein Geschenk geschickt. Gavin betrachtete das Foto; seine Ohren brannten. Oh, Morte war erstaunlich gut mit der Kamera. So viel besser als er selber.

Mortes Puppe zeigte keine Animation, keine Bewegung. Ihre Augen waren geschlossen. Gavin drehte seinen Stuhl herum, damit er sein eigenes Puppenhaus sehen konnte, seine eigene Puppe, die in der Dunkelheit lag. Allein. Er musste ihr eine Freundin suchen, und zwar bald. Wenn Mortes Mädchen doch nur schwarz wäre. Mit weißem Fleisch konnte er nichts anfangen.

Ein weiteres Klingeln – dieses Mal war es die Antwort von Necro. Er fragte Gavin, wie es ihm ginge, ob es in der Community irgendwelche Neuigkeiten gäbe. Gavin sagte Nein, er habe nichts gehört. Er hatte sein Ohr aber auch nicht so sehr am Pulsschlag wie Morte – Morte war der Architekt ihrer Onlinewelt. Gavin hatte seine Freunde tief in einem verschlafenen Sex-Messagebord gefunden und war so froh, sie zu haben. Sie machten sein Leben erträglich.

Er chattete ein paar Minuten mit Necro, las eine weitschweifige Beschreibung eines perfekten Exemplars, das Necro an irgendeinem weißen Karibikstrand entdeckt hatte, und loggte sich dann aus. Er starrte auf das Foto, das er von Morte heruntergeladen hatte. Er war unglaublich erregt und konnte sich nicht länger zurückhalten. Mit einem letzten Blick auf seine Puppe stieg er die Treppe hinauf, öffnete die Tür, schloss sie hinter sich ab und kehrte in sein Leben zurück. Es war an der Zeit für eine weitere Dusche, dann ab ins Bett. Vor ihm lag ein anstrengender Tag. Mehrere anstrengende Tage. Sein Plan war in Bewegung gekommen.

Er war stolz auf sich. Während der Nacht überprüfte er die Atmung der Puppe nur drei Mal.

2. KAPITEL

Taylor Jackson konnte es kaum glauben, als sie auf der Hälfte der Thirty-second Avenue einen freien Parkplatz sah. Heute Abend war das Glück auf ihrer Seite. In Nashville zu parken war schwierig, vor allem hier im West End. Der Junge vom Parkservice lächelte schon erwartungsvoll, als sie vor dem Tin Angel auf die Bremse trat, doch sie konnte ein Fahrzeug, das dem Staat gehörte, nicht in die Hände eines Kindes geben, das nicht einmal alt genug aussah, einen Führerschein zu haben – zumindest nicht, ohne sich damit ordentlich Ärger einzuhandeln. Sie fuhr an ihm vorbei, parkte in einem Rutsch ein und ging den leichten Hügel zum Eingang des Restaurants hinunter. Sie freute sich auf den Mädelsabend mit ihrer besten Freundin Sam und ihrer Kollegin Paula Simari. Keine Morde. Keine Tatorte. Nur ein kleines Essen, etwas Wein, ein Hähnchenschnitzel. Ein freier Abend.

Sie war früh, ihre Freundinnen waren noch nicht da. Sie folgte der Kellnerin zu einem Tisch für vier direkt neben dem gemauerten Kamin. Die Holzscheite waren ordentlich aufeinandergeschichtet und brannten langsam vor sich hin, wobei sie eine angenehme, rauchige Wärme abgaben. Auch wenn die Temperaturen draußen langsam wärmer wurden, lag morgens und spät am Abend immer noch ein eisiger Hauch in der Luft.

Sie bestellte eine Flasche Coppola Merlot, nahm dankend die Speisekarte entgegen und begann sich in ihren Gedanken zu verlieren. Der Umschlag, den sie noch adressiert hatte, bevor sie hierher aufgebrochen war, brannte ein Loch in ihre Tasche. Sie nahm ihn heraus und starrte auf die Buchstaben, wünschte sich, sie würde die Handschrift nicht erkennen. Wünschte, sie müsste keine Briefe an staatliche Strafanstalten adressieren, auch wenn ihre Insassen Chinos und Golfhemden trugen.

Winthrop Jackson, IV

FCI MORGANTOWN

FEDERAL CORRECTIONAL INSTITUTION

P.O. BOX 1000

MORGANTOWN, WV 26507

Die Ecken des Umschlags fransten langsam aus. Sie musste sich endlich entscheiden, ob sie den Brief abschicken wollte oder nicht.

Mit dem Finger fuhr sie die Adresse entlang; ihr Kopf schrie immer noch gegen die Realität an. Ihr Vater im Gefängnis. Und sie war diejenige, die ihn dorthin gebracht hatte. Mit einem Blick vergewisserte sie sich, dass niemand guckte, und zog dann das handbeschriebene Blatt aus seinem Nest.

Lieber Win,

es tut mir leid. Ich weiß, du verstehst, dass ich nur meinen Job gemacht habe. Ich hatte keine Wahl. Ich würde es sehr zu schätzen wissen, wenn du aufhörst, mit mir Kontakt aufnehmen zu wollen. Ich finde, unsere Beziehung ist unmöglich aufrechtzuerhalten, und ich möchte mit meinem Leben weitermachen. Mom ist immer noch in Europa, aber sie hat ihr Handy dabei. Sie kann dir das Geld schicken, das du benötigst.

Was auch immer es dir bedeuten mag, aber ich vergebe dir. Ich weiß, du konntest nicht anders. Das hast du noch nie.

Taylor.

„Was liest du da? Du siehst traurig aus.“

Taylor zuckte zusammen. Sam setzte sich ihr gegenüber, stellte ihre Birkin-Bag unter dem Tisch auf dem Boden ab und streckte ihre Finger, sodass ihre Gelenke leise knackten. Sie zog eine Grimasse.

„Das kommt davon, wenn man den ganzen Tag ein Skalpell hält. Was ist das?“

Taylor wedelte leicht mit dem Blatt. „Ein Brief an Win.“

„Wirklich? Ich dachte, du hättest mit deinem so liebenswerten Vater gebrochen. Hast du schon einen Wein bestellt?“

„Ja. Er kommt sicher gleich. Wo ist Paula?“

„Sie ist zu einem Fall gerufen worden und lässt sich entschuldigen. Wir holen es nächste Woche nach. Also nur wir zwei Hühner heute Abend.“

Sam ließ sich in ihren Stuhl sinken. Das Licht der Flammen aus dem Kamin glitzerte rot auf ihrem dunklen Haar. Taylor hatte sich immer noch nicht an den stumpf geschnittenen Pony gewöhnt, der sich über Sams Stirn zog. Sie hatte ihre Locken zu einem stilvollen Bob geschnitten – eine Frisur, die sie selber ihren Mommyschnitt nannte. Taylor fand jedoch, dass sie mit dem Schnitt weniger aussah wie eine Mutter und mehr wie Betty Page, doch wer war sie schon, das zu beurteilen?

„Was schaust du mich so an?“

„Tut mir leid. Deine Haare. Das sieht so anders aus. Ich brauche eine Minute, um mich daran zu gewöhnen.“

„Du hast keine Ahnung, wie viel einfacher diese Frisur ist. Auch wenn ich mein langes Haar vermisse – genau wie Simon.“

„Ich habe auch darüber nachgedacht, meine Haare abzuschneiden. Doch als ich es erwähnt habe, hat Baldwin einen Anfall gekriegt.“

Der Wein wurde gebracht und sie gaben ihre Bestellungen auf. Dann stießen sie miteinander an. Sam sagte: „Hoch damit, runter damit.“

Taylor lachte. Mit diesem Trinkspruch hatten sie in der achten Klasse angefangen. Hoch damit, runter damit, verdammt sei der Mann, der das nicht kann … Der Rest des Spruchs war eine grobe Anspielung an die mangelnden Fähigkeiten ihrer zukünftigen Liebhaber, auch wenn sie damals noch nicht gewusst hatten, was das eigentlich bedeutete. In der Highschool hatte Taylor sich bei einer der vielen Dinnerpartys ihrer Eltern lächerlich gemacht, indem sie diesen Toast ausgesprochen hatte. Als die Männer dröhnend lachten und die Frauen erröteten, hatte ihre Mutter Kitty sie zur Seite genommen und ihre erklärt, dass das kein angemessener Trinkspruch für ein junges Mädchen aus gutem Hause war. Sie wollte ihr jedoch nicht sagen, warum, und Taylor und Sam hatten tagelang darüber nachgegrübelt. Jetzt, als Frau, verstand sie es und musste bei dem Gedanken an ihre Blamage jedes Mal lachen.

Leider sorgte die Erinnerung dafür, dass sie an Win dachte, und sofort verflog ihre gute Laune.

„Ich versuche, Win aus meinem Leben auszuschließen, Sam. Er schreibt mir noch, ruft mich an. Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er ist wie ein schleichendes Gift, und ich möchte ihn nicht mehr in meinem Leben haben. Was, wenn Baldwin und ich eines Tages Kinder haben? Kannst du dir vorstellen, dass Granddad, der alte Knastvogel, an Weihnachten lustige Geschichten erzählt? Er wird sie entweder korrumpieren oder blamieren.“

„Ihr denkt darüber nach, Kinder zu bekommen?“

„Konzentrier dich, Frau. Es geht hier um meinen Dad.“

„Du wärst eine großartige Mutter.“

Taylor starrte ihre beste Freundin an. „Warum sagst du das?“

„Bitte. Du bist total der mütterliche Typ. Du weißt es nur noch nicht. Du wärst wie die Bärin mit ihren Jungen, oder wie eine Tigerin. Nichts und niemand würde deinem Kind auch nur ein Haar krümmen. Vertrau mir, du wirst dich da so natürlich reinfinden wie ein Fisch ins Wasser. Wann könnte dieses großartige Ereignis denn ungefähr stattfinden?“

„Du meinst, meine jungfräuliche Empfängnis?“

Sam lachte. „Ich nehme an, das heißt, Baldwin ist noch in Quantico?“

„Ja. Er kommt heute Nacht zurück. Deshalb wollte ich mich mit dir Downtown treffen. Nach dem Essen fahre ich direkt zum Flughafen.“

„Du vermisst ihn, wenn er nicht da ist, oder?“ Sam lächelte, in ihren Augen blitzte Verständnis auf. Taylor hatte noch nie einen Mann gebraucht, um sich komplett zu fühlen, aber seitdem sie sich mit John Baldwin eingelassen hatte, spürte sie jeden Augenblick ohne ihn sehr deutlich. So hatte sie noch für keinen Mann vor ihm empfunden. Als sie ihrer Freundin verwundert erzählt hatte, was sie empfand, hatte Sam ihr erklärt, dass genau das Liebe war.

Taylors Handy klingelte, ein dezentes Summen in ihrer rechten vorderen Hosentasche. Sie zog das Telefon heraus und warf einen Blick aufs Display.

„Mist.“

„Zentrale?“

„Ja. Entschuldige mich eine Sekunde.“ So viel zu einem ruhigen Dinner mit Freundinnen vor dem heiß ersehnten Wiedersehen mit Baldwin. Sie schaute auf ihre Uhr. Sein Flugzeug würde bald landen. Sie konnte es nicht ändern. Wenn die Zentrale anrief, konnte das nur eines bedeuten: Irgendjemand war tot. Sie hielt das Telefon ans Ohr.

„Detective Jackson, hier ist die Zentrale. Wir brauchen Sie am 1400 Love Circle. Wir haben einen 10-64, Mord, am 1400 Love Circle. Möglicherweise ein 10-51, ich wiederhole, 10-51. Man wartet vor Ort auf Sie. Vielen Dank.“

„Ich bin heute nicht im Dienst, Zentrale. Rufen Sie jemand anderen an.“

„Tut mir leid, Detective, aber es wurde ausdrücklich nach Ihnen verlangt.“

Taylor seufzte. Klar, ich stehe ja auch jederzeit auf Abruf bereit.

„10-4. Zentrale, ich bin auf dem Weg.“

Eine Leiche. Vermutlich erstochen. Eine schöne Art, den Tag abzuschließen.

„Musst du los?“, fragte Sam.

„Jupp. Kommst du nicht mit? Ich bin sicher, dass du auch gleich einen Anruf bekommst.“

Sam hob ihr Glas. „Anders als du, meine Liebe, bin ich immer noch Kapitän auf meinem eigenen Schiff. Ich bin heute Abend nicht im Dienst. Die Gerichtsmedizin kann in diesem Fall gut auf mich verzichten. Richte dem Jungen vom Parkservice meine Grüße aus; er ist wirklich süß.“

Nur Sam kam damit durch, Taylor wegen ihrer Degradierung aufzuziehen. Und zwar nur Sam.

„Oh, danke“, sagte Taylor, lächelte aber. Wieder zum Detective zurückgestuft zu werden war peinlich und frustrierend gewesen, die Seitenblicke und das Geflüster hatten sie eine ganze Weile lang verstört. Aber sie war entschlossen, das Beste daraus zu machen. Karma versteht keinen Spaß, und diejenigen, die Taylor Unrecht getan hatten, würden ihre gerechte Strafe schon noch bekommen. Vor allem wenn sie den Prozess gewann, den ihr Gewerkschaftsvertreter für sie angestrengt hatte.

Das Essen kam in dem Moment, in dem Taylor aufstand, um zu gehen. Sie warf einen sehnsüchtigen Blick auf das perfekt gebratene Hühnchen. Sam sah es.

„Ich lasse es einpacken und lege es auf dem Heimweg in deinen Kühlschrank.“

Taylor beugte sich vor, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. „Du bist die Beste. Danke.“

„Ja, ja. Vergiss nur nicht, dass du mir ein ungestörtes Essen schuldig bist. Und jetzt ab mit dir. Du zitterst ja förmlich vor Ungeduld.“

Taylor holte ihr Auto, schaffte alle Ampeln im West End bei Grün und wurde erst vor dem Maggiano’s von einem auf Gelb springenden Licht aufgehalten. An der nächsten Kreuzung musste sie abbiegen, und hier wurde es gerade in dem Moment rot, wo ihr Reifen die weiße Linie überrollte.

Zu ihrer Linken wand sich der Love Circle um einen windigen Hügel inmitten des West Ends. Diese Straße hielt zu viele Erinnerungen für sie bereit.

Sie nahm ihre Sonnenbrille ab; die brauchte sie jetzt nicht. In letzter Zeit hatte sie sich angewöhnt, sie aufzusetzen, sobald sie sich draußen aufhielt – vor allem auf ihrem Weg von und zu ihrem Büro. Das half ihr, den mitleidigen Blicken der Kollegen auszuweichen, mit denen sie immer noch bedacht wurde.

Sie betastete den Hubbel auf ihrer Nase, der sich direkt unterhalb der Stelle befand, wo der Steg ihrer Sonnenbrille aufsaß. Mit vierzehn hatte sie sich die Nase das erste Mal gebrochen, auf dem Love Hill, beim Footballspielen mit ein paar Jungs, die in den einsamen Park gekommen waren, um zu rauchen und zu quatschen. Ihre Mutter war sichtbar zusammengezuckt, als sie das Malheur am nächsten Morgen am Frühstückstisch gesehen hatte, und hatte sie sofort zu einem befreundeten plastischen Chirurgen geschleppt. Er hatte den Knorpel gerichtet, wobei er sich die ganze Zeit angeregt mit ihrer Mutter unterhalten hat, um dann die Nase mit einer dummen weißen Schiene zu stabilisieren, die Taylor sofort abgerissen hatte, sobald ihre Mutter außer Sichtweite gewesen war. Der Haarbruch war nie richtig verheilt und führte zu dem kleinen Hubbel, der ihrem Profil den einzigen Makel verlieh.

Das zweite Mal hatte man ihr die Nase gebrochen. Verdammter David Martin. Ihr Expartner hatte sie ziemlich übel zugerichtet, nachdem er in ihr Haus eingebrochen war. Es gab keinen anderen Ausweg für sie, und so hatte sie ihn in dieser Nacht schließlich erschießen müssen.

Das Auto hinter ihr hupte, und Taylor merkte, dass sie eine ganze Ampelphase auf der Linksabbiegerspur gestanden hatte. Jetzt war wieder grün. Guter Gott. Vollkommen in Gedanken verloren. Das war es, was dieser Hügel mit ihr anrichtete.

Sie bog links auf den Orleans Drive ab, kurz danach rechts auf die Acklen Avenue, dann gleich wieder links auf den Love Circle. Es war eine steile, schmale Straße, die schwer zu befahren war. Die Architektur war vielseitig und reichte von einfachen Bungalows aus den 1920er Jahren zu modernen Villen, die erst vor fünf Jahren errichtet worden waren. Viele der Häuser hatten keine Auffahrten; die Bewohner ließen ihre Autos normalerweise auf der Straße stehen. Taylor folgte dem gewundenen Lauf und war überrascht, wie sehr sich alles hier verändert hatte. Ein riesiges, postmodernes Glashaus stand auf dem Gipfel des Hügels, hell erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Sie erinnerte sich, dass es heftige Kritik an diesem Bau gegeben hatte. Es gehörte einem Country-Star, und irgendwie hatte es wegen des Helikopterlandeplatzes auf dem Dach Ärger gegeben. Sie fuhr daran vorbei und bewunderte die ausgefallene Bauweise.

Oben auf dem Hügel angekommen, blieb sie einen Moment stehen und schaute aus dem Fenster über die lebendige Skyline. Der Himmel im Osten war dunkel und kein Mondlicht fiel auf die Straße. Die grellen Lichter von Nashville lockten. Kein Wunder, dass der einsame Park auf dem Hügel immer noch ein Lieblingsplatz für Teenager war. Außerdem hatte der Name was. Es war ziemlich romantisch, bei Sonnenuntergang hier heraufzukommen und zu sehen, wie die Lichter von Nashville eines nach dem anderen langsam angingen, ein feuriges Lichtermeer, das sich immer weiter in der Stadt ausbreitete.

Taylor war in den gut behüteten Enklaven Forest Hill und Belle Meade aufgewachsen und musste manchmal aus dem sorgfältig aufgebauten sozialen Konstrukt ihrer Eltern ausbrechen, um ein wenig Spaß zu haben. Ihre honigblonden Haare und die farblich unterschiedlich grauen Augen zogen immer Aufmerksamkeit auf sich, ob sie das nun wollte oder nicht. Zusammen mit ihrer Größe – bereits mit dreizehn war sie fast einen Meter achtzig groß – wurde sie unweigerlich von Mitschülern, Freunden und Feinden beachtet. Daher war es nicht verwunderlich, dass sie hier und da ein wenig Unfug angerichtet hatte.

Einen Sommer lang war sie regelmäßige Besucherin auf dem Hügel gewesen, zusammen mit Sam Owens – jetzt Dr. Sam Loughley, Nashvilles führende Gerichtsmedizinerin. Sie hatten sich in die vornehmen Schwierigkeiten gebracht, die man von gebildeten Teenagern erwartete: gestohlene Gauloises rauchen, eklig schmeckenden billigen Whisky trinken, mit Jungen abhängen, die ihre Haare zu Irokesen rasierten und große Reden über Anarchie und Gitarrenriffs schwangen. Es hielt nicht lange an. Das permanente Gepose wurde auf Dauer langweilig.

Es machte Taylor traurig, an ihre Jugend zu denken; die Dinge, die man damals „Schwierigkeiten“ nannte, waren nach heutigem Standard geradezu zahm. Kaum zu glauben – sie war gerade erst sechsunddreißig geworden und fühlte sich schon alt, wenn sie es mit Teenagern zu tun hatte.

Mit fünfzehn hatte sie dem Circle den Rücken gekehrt und war erst mit achtzehn zurückgekommen – ein nostalgischer Ausflug mit ihrem ersten Liebhaber, dem Professor. Er war mit seinem Jeep hier heraufgefahren und hatte geparkt, seine Hände hatten ihren Körper erkundet. Als sie mit ihrem Knie gegen die Schaltung gekommen war, wären sie beinahe über die Klippe gerollt. An diesem Abend hatte er sie das erste Mal mit zu sich nach Hause genommen, entjungferte sie dort erfahren und doch behutsam.

Sie lächelte, wie immer, wenn ihr eine Erinnerung an James Morley durch den Kopf schoss. Der Gedanke führte zu ihrem Vater, einem engen Freund Morleys, und das Lächeln erstarb.

Sie musste den Brief abschicken. Win Jackson war nur acht Stunden entfernt, und in wenigen Monaten würde er entlassen werden – was er verschiedenen Deals verdankte, die ihm eine vorzeitige Entlassung garantierten. Seine Schreiben kamen mit alarmierender Regelmäßigkeit, und in jedem bat er sie um Vergebung. Seine halbseidenen Geschäfte mit einem kriminellen Geschäftsmann aus New York lägen hinter ihm. Er würde von jetzt an den ehrlichen Weg einschlagen.

Sie fragte sich, wie oft sie das schon gehört hatte. Geldwäsche war nicht das schlimmste Verbrechen, dessen man ihn hätte anklagen können, aber es war das, womit der Staatsanwalt durchgekommen war. Ein wenig Zeit blieb ihr noch, bis sie sich mit Win persönlich herumschlagen musste. Nicht so viel, wie ihr lieb wäre, aber doch genug, um sich erst einmal um dringendere Angelegenheiten zu kümmern.

Sie überquerte den höchsten Punkt des Hügels, und da sah sie es auch schon. Der Tatort lockte sie mit blau-weißen Lichtern, die ihr den Weg wiesen. Vier Streifenwagen standen nebeneinander vor einem Maschendrahtzaun. Die K-9-Einheit mit ihren Hunden parkte etwas abseits. Taylor erkannte Officer Paula Simaris Deutschen Schäferhund Max, der seine Nase gegen die Scheibe drückte und nach seinem Frauchen Ausschau hielt. Ah, das also war der Tatort, der sie von ihrem gemeinsamen Abendessen ferngehalten hatte. Es musste schon etwas ganz Besonderes sein, wenn sie sogar Officer und Detectives anforderten, die heute dienstfrei hatten.

Taylor ließ ihr Fenster herunter und sprach beruhigend auf den Hund ein. „Alles okay, Baby. Sie ist gleich wieder bei dir.“ Max hörte auf zu jaulen und setzte sich hechelnd hin.

Taylor fuhr weitere zwanzig Meter den Hügel hinunter. Die gesamte Aufmerksamkeit war auf ein zweistöckiges Haus gerichtet, das ungefähr fünfzig Meter von der Straße entfernt stand. Es handelte sich um ein originales Craftsman-Haus aus den 1930er Jahren, wenn sie das richtig einschätzte. Die breiten, pyramidenförmigen Säulen und das abfallende Dach waren sehr gepflegt. Die Fassade wurde vom künstlichen Licht der aufgestellten Scheinwerfer erhellt. Die Holzschindeln schienen in einem weichen, moosigen Grün gestrichen zu sein, die Umrandungen der Fenster und Türen in einem etwas dunkleren Ton. Das ganze Haus passte sich perfekt seiner waldigen Umgebung an. Vier Mansardenfenster im ersten Stock schauten wie aufmerksame Wächter in die Nacht hinaus.

Sie war überrascht, dass der Rasen und die Veranda voller Leute waren – so einen Level an Desorganisation hatte sie an einem Tatort in Nashville selten gesehen. Die Kriminaltechniker waren dabei, Fotos und Videos zu machen und Beweise zu sammeln; zwei Streifenpolizisten standen etwas abseits und unterhielten sich in leisem Ton. Techniker in Uniform und Zivilkleidung gingen außen um das Haus herum. Nachbarn hatten sich versammelt und schauten stumm auf das bunte Treiben.

Taylor stellte ihr Auto neben einem Van der Spurensicherung ab. Die Seitentür stand offen, Teile der Ausrüstung quollen heraus, als wenn der Techniker es eilig gehabt hatte, zum Tatort zu kommen. Paula Simari stand ungefähr zwanzig Meter weit weg. Sie fing Taylors Blick auf und gab ihr mit dem Kopf ein Zeichen. Triff mich drinnen, sagte der Blick. Taylor stieg fasziniert aus.

„Detective!“

Ein junger Mann bedeutete ihr, zu ihm zu kommen. Er stand auf dem Rasen, der in dem künstlichen Licht eine tief smaragdgrüne Farbe hatte; er war frisch gemäht worden. Der Geruch nach grünen Zwiebeln und frischem Gras fühlte sich so vertraut, so richtig an. Normal und unbedrohlich, einfach ein weiterer Abend in der Vorstadt.

Aber das war es nicht. Sie schloss die Tür ihres Wagens und versuchte, die Szene in sich aufzunehmen. Der Mann winkte immer noch, gestikulierte so wild, als hätte sie ihn noch nicht gesehen.

Ihr neuer Partner. Renn McKenzie. Ganz netter Kerl, aber sie war nicht gewillt, ihn kennenzulernen. Es war noch zu früh. Sie trauerte immer noch, erholte sich von dem Verlust ihres Teams, ihrer Karriere. Ihrer Zukunft.

Er kam atemlos auf sie zugerannt. Sie nickte ihm zu und versuchte, ihm ein wenig Ruhe zu vermitteln. „McKenzie.“

„Nenn mich einfach Renn, Taylor.“

„Jackson ist in Ordnung, McKenzie.“

„Ich wünschte, du würdest mich einfach Renn nennen.“

Einfach Renn. „Heute habe ich eigentlich frei. Ich nehme an, dass du mich aus einem bestimmten Grund hast rufen lassen. Kannst du mich auf den neuesten Stand bringen?“

Sie sah, wie eine leichte Röte in seine Wangen stieg. Einfach Renn war aus dem Revier im Süden der Stadt hierher versetzt worden. Er und ihr ehemaliges Teammitglied Marcus Wade hatten ihre Plätze tauschen müssen. Captain Delores Norris, Chefin des Office of Professional Accountability, wie die Dienstaufsichtsbehörde offiziell hieß, hatte diese Umstrukturierung höchstpersönlich beaufsichtigt.

Taylor würde dafür töten, jetzt Marcus an ihrer Seite zu haben. Oder ihren ehemaligen Sergeant Pete Fitzgerald. Oder Lincoln Ross. Aber ihr gesamtes Team war auseinandergerissen worden, und sie spürte den Verlust schmerzhaft mit jeder Faser ihres Seins. Sie war sicher, dass Einfach Renn ein guter Detective war, aber er hatte seinen eigenen Rhythmus, sein eigenes Verhalten, einen Eifer, der die grauen Strähnen an seinen blonden Schläfen Lügen strafte und an den sie sich nur schwer gewöhnen konnte. Er war schlaksig, hatte überall harte Kanten, keinerlei Raffinesse in seinen Bewegungen oder seinem Benehmen. Braune Augen, dünne Lippen, einen goldenen Dreitageflaum. Kein schlecht aussehender Mann, wenn man auf den enthusiastischen Typen stand. Aber er war erst seit einem Monat aus der Uniform raus, was ihr etwas Angst machte. Unerfahrenheit konnte der Tod einer jeden Ermittlung sein. Sie war daran gewöhnt, mit erfahrenen Profis zusammenzuarbeiten. Profis, denen sie beigebracht hatte, auf ihre Weise zu arbeiten.

Um ehrlich zu sein, ein kleiner Teil von ihr genoss es, ihn außen vor zulassen. Das gab ihr das Gefühl, dass die Sache mit ihrem Team vielleicht nicht endgültig wäre.

„Natürlich. Jackson. Ein großer Name. Ich nehme an, ihr seid verwandt?“ Er schaute sie an, sein Gesicht wurde blau, dann weiß, dann blau.

„Verwandt mit?“

„Andrew Jackson natürlich.“

Offensichtlich kannte dieser Knabe die Geschichte des Staates nicht, in dem er lebte. Es gab keine direkten Verwandten von Old Hickory – auch wenn der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten elf Kinder aufgezogen hatte, war keines davon sein eigenes. Allerdings gab es eine familiäre Verbindung durch den Sohn von Jacksons Frau Rachel … Sie biss sich auf die Lippe und unterdrückte den Drang, zu schreien. Nichts davon hatte irgendetwas mit ihrem Job zu tun.

„McKenzie?“

„Ja?“

„Wer ist tot?“

„Oh. Ja, tut mir leid. Wir wissen es nicht.“ Er machte keine Anstalten, sich auf das Haus zuzubewegen, sondern stand einfach nur da.

„Können wir vielleicht hineingehen und uns die Leiche anschauen?“

„Ja, sicher. Klar. Sie ist im Wohnzimmer oder im Salon oder wie immer man den großen Raum in der Mitte des Hauses nennt. Man kann sie von der Eingangstür aus sehen, aber den besten Blick hat man von der Küche. Nicht viele Wände im Erdgeschoss, da ist alles offen, bis auf ein paar Säulen. Sie ist … nun ja. Du wirst es ja sehen.“

Na endlich.

Sie erreichten die Stufen zur Eingangstür. Taylor nahm zwei auf einmal. Einfach Renn war direkt hinter ihr. Sie hatte es sich nicht eingebildet, die Kommandozentrale war tatsächlich auf der vorderen Veranda eingerichtet worden.

„McKenzie? Warum schlägst du den Leuten nicht vor, dass sie den Kommandostand ein wenig weiter nach hinten verlegen? Normalerweise haben wir nicht so viele Aktivitäten so nah am Tatort, weil es zu Verunreinigungen kommen könnte. Tatorthandbuch Kapitel 1, Kumpel.“

Er schaute verunsichert zu Boden. Taylor fühlte sich schlecht, weil sie so zickig gewesen war, und versprach sich, in Zukunft behutsamer zu sein. Er war noch grün hinter den Ohren und musste noch viel lernen. Sie war auch mal an seiner Stelle gewesen.

„Ist okay. Wir machen alle mal Fehler“, sagte sie. Es war natürlich nicht okay, aber der Schaden war ja bereits angerichtet.

Trotz all der Menschen, die sich hier tummelten, fühlte sich das Innere des Hauses erstaunlich geräumig an. Teakholzboden, freiliegende Deckenbalken, weiß gekalkte Wände, Designermöbel und Skulpturen. Elegante abstrakte Bilder hingen in einer Reihe vor einem neutralen Hintergrund und führten direkt zu einem großen, aus Backsteinen erbauten Kamin.

Die Stimmung des Tatorts störte Taylor. Der Mangel an Sorgfalt außerhalb des Hauses, das Gewusel an Menschen, die simple Tatsache, dass man sie gerufen hatte – das alles ließ das Schlimmste vermuten. Etwas war passiert, etwas, das mehr war als ein üblicher Mord. Sie spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Magen bildete.

Über das Dröhnen der Stimmen hinweg hörte sie Musik. Sanfte Klänge einer klassischen Komposition … was war das? Sie verspürte einen Hauch von Wiedererkennen und suchte in ihrem Kopf nach dem Namen … Dvořák. Das war es. Symphonie Nr. 9. In E-Moll. Jahrelanges Training und noch mehr Jahre als Liebhaberin klassischer Musik, und dennoch hatte es einen Moment gebraucht, bis sie es erkannt hatte. Seltsam, wie das Gehirn arbeitete. Wie von selbst bogen sich ihre Finger leicht und bewegten sich im Einklang mit den Noten. Sie hatte als Kind und Jugendliche Klarinette gespielt; als Kind war sie stolz auf ihre wachsenden Fähigkeiten gewesen, als Teenager war es ihr einfach nur peinlich und sie hatte lieber auf dem Love Circle nach etwas Spaß gesucht.

Im Rückblick tat es ihr leid, dass sie aufgehört hatte, zu spielen. Als Kind hatte sie sich gewünscht, einmal in einem Orchester mitzuspielen, doch nach einem kleinen Zusammenstoß als Teenager mit dem Gesetz war dieser Wunsch durch die Verlockungen der Arbeit bei der Polizei ersetzt worden. Jetzt erkannte sie, wie befriedigend das Klarinettespielen hätte sein können. Es war ein Spiel, das sie nur selten spielte: Wenn du kein Cop wärst, was wärst du dann? Sie war nie in der Position gewesen, darüber nachdenken zu müssen, was sie täte, wenn sie keine Polizistin mehr wäre. Doch jetzt, wo sie die Gefahr wie eine Katze im Nebel heranschleichen spürte, hatte sie damit angefangen.

Taylor konzentrierte sich auf die Musik. Die letzten Klänge des allegro con fuoco verklangen, dann fing die Eröffnungsmusik an. Eine Endlosschleife von Aus der Neuen Welt, wie die Symphonie betitelt war. Kühn und aggressiv, gefühlvoll und atemberaubend. Sie hatte ihr immer gefallen.

Taylor schaut sich nach der Stereoanlage um, konnte aber keine entdecken. Die Musik war überall um sie herum; es musste sich um ein fest installiertes Lautsprechersystem handeln. Es war schwer, ihre Aufmerksamkeit von der Musik zu lösen. Sie fing den Blick eines Technikers auf, den sie kannte. Tim Davis. Zumindest er war hier – auf ihn konnte sie zählen, wenn es darum ging, so viele Beweise wie möglich zu sammeln.

„Tim, kannst du die Musik ausmachen?“

Er nickte. „Ja. Die kommt von einem eingebauten CD-Player. Die Steuerung ist in der Küche. Ich habe auf dich gewartet, damit du es hörst. Die Schleife macht uns alle wahnsinnig. Weißt du, was das ist?“

Dvořák. Neunte Symphonie. Aber behalt das für dich, ja? Ich will sichergehen, dass dieses Detail nicht an die Presse durchsickert. Sie stürzen sich dann nur darauf und geben dem Typen einen seltsamen Namen.“

Sie hatte die Leiche noch nicht gesehen und rechnete mit dem Schlimmsten. Was nicht verwunderlich war, denn die gesamte Stimmung des Tatorts schrie förmlich „ungewöhnlich“.

„Wo sind die überhaupt?“

Tim schaute aus dem Fenster. „Channel Five ist gerade vorgefahren. Die anderen können auch nicht weit sein.“

Sie nickte ihm zu und machte sich auf die Suche nach Paula. Die stand in dem offenen Wohnzimmer und schaut in Richtung Hintertür. Der große Raum war durch drei Säulen von der Küche getrennt, die genauso geformt waren wie die Säulen draußen. Eine kleine Gruppe Menschen hatte sich um die Mittelsäule versammelt, eine surreale Ansammlung aus Polizisten und Technikern, die nur auf sie warteten. Drei Dinge fielen ihr auf: Sie sah keine Leiche. Die Gesichter, die sich ihr zuwandten, sahen ernsthaft verstört aus. Und es lag der übel riechende Gestank nach Verwesung in der Luft.

Sie ging mit vorsichtigen Schritten auf die Gruppe zu und gab dabei acht, nicht auf irgendetwas Wichtiges zu treten. Als sie an der Säule vorbeikam, nickte Paula mit hochgezogener Augenbraue in die Richtung. Taylor drehte sich um und hielt den Atem an.

Das Opfer war jung, nicht älter als zwanzig, schwarz, nackt, die Knochen stachen hervor, als wenn sie seit einer ganzen Weile nichts gegessen hätte, die Haare waren kurz und spröde. Sie hing an der Mittelsäule.

Präziser gesagt, sie war mit einem großen Jagdmesser an die Mittelsäule geheftet worden. Eine lange Klinge mit einem polierten Griff aus Holz und Perlmutt, der bis zum Schaft in ihrer Brust steckte. Sie war so dünn, dass die Klinge, die aussah, als wäre sie mindestens zwanzig Zentimeter lang, durch ihren Körper in das Holz gefahren war. Ihre Arme waren über ihren Kopf gezogen und so festgebunden worden, dass ihre Hände im Nacken wie zum Gebet aneinanderlagen, allerdings mit den Handflächen nach außen. Ihre Füße waren an den Knöcheln gekreuzt, sittsam, unschuldig.

Angeheftet. So wirkte es zumindest. Auf den ersten Blick sah es so aus, als wäre das Messer das Einzige, was sie in der Position hielt. Taylor schüttelte den Kopf; es hatte einer Menge Kraft oder starker Wut bedurft, um das Messer durch das Brustbein des Mädchens in das dahinterliegende Holz zu rammen.

Sie ließ den Strahl ihrer Maglite an der Säule hoch und runter gleiten. Das gebündelte Licht reflektierte von beinahe unsichtbaren Drähten, die um das Mädchen herumführten und sie scheinbar in der Luft hängen ließen. Clever gemacht. Eine Art Angelsehne hielt das Mädchen an der hölzernen Säule. Sie schnitt in ihr Fleisch; das Opfer hing schon so lange, dass die Rillen tiefer geworden waren, als die frühe Verwesung eingesetzt hatte.

Die Schultern des Mädchens waren offensichtlich ausgerenkt. Ihre Haut war schuppig und aschfarben, ihre Lippen gesprungen. Sie war jeder Würde beraubt worden, und dennoch fühlte sich ihre Pose beinahe … liebevoll an. Bedauern auf ihrem Gesicht, ihr Mund in einem Schrei geöffnet, ihre Augen geschlossen. Keine Gnade. Taylor hasste es, wenn die Toten sie anstarrten.

Sie hatte die Szenerie richtig gedeutet. Es würde eine sehr lange Nacht werden.

Paula trat an ihre Seite und spielte mit einem kleinen Notizbuch. „Tut mir leid, dass ich nicht zum Essen kommen konnte. Und es tut mir auch leid, dass ich dir ebenfalls den Abend versaut habe. Aber ich war der Meinung, dass du das hier sehen musst. Es gibt nichts, womit wir sie identifizieren können. Ich habe weder eine Handtasche noch sonst etwas gefunden. Dieses Haus ist sauber. Die Nachbarn sagen, der Besitzer ist nicht da.“

„Das ist nicht ihr Zuhause?“ Taylor zeigte auf die Leiche.

„Nein. Eine der Nachbarinnen, Carol Parker, passt auf das Haus auf, füttert die Katze, holt die Post herein. Der Besitzer soll noch die ganze Woche über fort sein. Parker kam herein, sah nach dem Rechten, gab der Katze zu fressen und frisches Wasser, wollte dann gehen und sah die Leiche. Natürlich ist sie schreiend davongelaufen und hat uns angerufen. Sie schwört, dass sie das Mädchen noch nie hier in der Gegend gesehen hat. Im Glas der Hintertür ist ein kreisrundes Loch, durch das jemand die Tür von innen geöffnet hat. Der Griff wurde auf Fingerabdrücke untersucht, aber es konnten keine verwertbaren Spuren gefunden werden. Die Jalousien waren schon zugezogen, deshalb hat die Nachbarin nicht gesehen, dass hier was nicht stimmte. Die Alarmanlage war ausgeschaltet; die Nachbarin kann sich nicht erinnern, ob sie sie gestern angestellt hat oder nicht. Der süße Rechtsmediziner Dr. Fox? Er war vorhin hier und hat sie für tot erklärt. Er sagt, wir sollen sie zu ihm bringen, entweder er oder Sam werden sich gleich morgen früh als Erstes um sie kümmern.“

„Okay. Ich würde gerne mit der Nachbarin sprechen. Ist sie noch irgendwo in der Nähe?“

„Sie ist in ihrem Haus nebenan. Ein Streifenbeamter ist bei ihr. Gott, die werden ja jeden Tag jünger. Diese hier kann nicht älter als achtzehn sein. Wir haben die Katze mit rübergenommen, damit sie hier keine Spuren zerstört. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hat die Streife sie im Arm gehalten und auf sie eingeredet, als wäre sie ein Baby. Na ja, er ist ja selber kaum dem Kinderalter entwachsen, was will man da erwarten.“

Taylor lächelte abwesend und trat dann ein paar Schritte zurück, um das volle Bild in sich aufzunehmen. Es war beeindruckend, das musste sie dem Mörder lassen. Das Mädchen an der Säule aufzuspießen wie einen Schmetterling auf einem Stückchen Korken war protzig, sollte schockieren. Und das Opfer erniedrigen.

Taylor sehnte sich nach der guten alten Zeit, als es noch einfach war, wenn man zu einem Tatort gerufen wurde – irgendein Junkie hatte versucht, einen anderen bei einem Crackdeal über den Tisch zu ziehen und war erstochen worden. Oder ein Zuhälter hatte eines seiner Mädchen verprügelt und ihr den Schädel eingeschlagen. So unsinnig diese Tode auch erschienen, sie basierten auf grundlegenden Motiven, die sie verstand: Gier, Lust, Drogen. Seitdem Dr. John Baldwin, Ausnahmeprofiler des FBI, in ihr Leben getreten war, waren die Morde, mit denen sie zu tun hatte, immer grausamer, immer bedeutungsvoller geworden. Und es gab mehr Serientäter. Als wenn die Irren ihm alle nach Nashville gefolgt wären. Dieser Gedanke erschreckte sie zu Tode. Sie hatte bereits einen Mörder, der davongekommen war. Ein Mann, der sich der Pretender nannte und in ihrem Namen tötete. Was war nur in ihrer Stadt los?

Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Es hatte hier keinen Empfang, also trat sie auf die Veranda. Drei Balken, das reichte, um einen Anruf zu tätigen. Sie fing an zu wählen, da spürte sie McKenzie neben sich. Sie hoffte, dass er jetzt nicht an jedem Tatort an ihrem Rockzipfel hängen würde. Vielleicht brauchte er nur ein paar klare Instruktionen. Sie klappte das Telefon zu und wandte sich zu ihm um.

„Hey, Mann, tu mir einen Gefallen. Bring die …“

McKenzie schüttelte den Kopf, die Lippen fest aufeinandergepresst. Sein Blick schoss über ihre Schulter und zurück zu ihren Augen. Sie verstand das Zeichen. Jemand war hinter ihr.

Sie drehte sich um und stieß mit einem kleinen Mann zusammen, dessen braune Haare in einen sorgfältigen Seitenscheitel gekämmt waren. Seine Haare waren dick und beinahe buschig und standen am Hals und über den Ohren vom Kopf ab. Ihr erster Gedanke war: Toupet. Er war älter, bestimmt schon in den Sechzigern. Sie erkannte ihn nicht, was keine große Überraschung war. Seit der Aufräumaktion von Captain Norris und dem Chief gab es viele neue und unbekannte Gesichter an den Tatorten, auf den Fluren und in der Cafeteria. Die Kriminaltechniker waren noch dieselben, aber unter den Detectives hatte es ein großes Stühlerücken gegeben.

Der kleine Mann schaute zu ihr auf. Sie sah, dass er seinen Mund öffnete, dann wieder schloss, sodass die Backenzähne aufeinanderknallten.

„Sie sind?“, verlangte er zu wissen.

„Detective Taylor Jackson. Mordkommission. Und Sie?“

„Haben Sie ein Problem mit meinem Aufbau, Detective?“

Mein Aufbau? Wer war der Kerl?

„Ich habe Ihren Namen nicht verstanden“, sagte sie.

„Lieutenant Mortimer T. Elm. Sie können mich Lieutenant Elm nennen. Ich gehöre zur New Orleans Police.“

„Was macht die Polizei von New Orleans an einem Tatort in Nashville?“

Er sah einen Moment verwirrt aus, dann sagte er: „Wer hat was von New Orleans gesagt? Ich gehöre zur Metro Nashville.“

Taylor starrte ihn eine Sekunde lang an, dann zuckte sie mit den Schultern. „Lieutenant Elm, nett, sie kennenzulernen. Ja, es gibt ein Standardprotokoll, wenn es um statische Tatorte geht. Normalerweise versuchen wir, den Kommandoposten weiter entfernt vom eigentlichen Tatort aufzubauen, um eine mögliche Kontamination der Beweise zu verhindern, die bei einer zu großen Nähe durchaus passieren kann.“ Sie merkte, dass sie klang wie ein Lehrbuch und hasste sich einen Moment lang dafür. Das war das Problem mit ihrer Degradierung – sie war jetzt wieder in den Kreisen, wo es hieß „es gibt nur einen Weg, wie die Dinge hier gemacht werden“. Großartig.

Er winkte abschätzig ab. Die Nägel an seinen pummeligen Fingern waren bis auf das Fleisch abgebissen. Ihr Magen drehte sich. Die Hände eines Mannes waren das Fenster zu seiner Seele. Lieutenant Elms Finger sahen sehr gequält aus.

„Das dürfte hier kein Problem sein. Das Verbrechen hat eindeutig innerhalb des Hauses stattgefunden, nicht außerhalb. So, wie es jetzt ist, ist es für alle bequemer. Ich hörte, dass es bald regnen soll. Wenn wir uns beeilen, kann der Tatort in einer Stunde abgewickelt sein.“

Taylor hätte beinahe laut aufgelacht. Einen Mord in einer Stunde abwickeln. Dieser Kerl war vom Mars. Oder von Liliput.

Als sie nicht sofort reagierte, machte er einen Schritt zurück. Er starrte sie an, seine Augen traten leicht hervor, sein Kiefer war nach vorne gereckt. Er erinnerte sie an einen Frosch. Sie sprach sehr leise.

„Ich bin da anderer Ansicht, Lieutenant Elm. Der äußere Bereich ist genauso wichtig wie der innere. Wir müssen einen Einstiegsort ausmachen, müssen nach Fußabdrücken suchen, nach Faserspuren oder anderen Dingen, die er vielleicht hinterlassen hat. Es ist alles andere als okay, sich an diesem Tatort so zu benehmen, wie es bisher geschehen ist.“

„Alles geschieht genau so, wie ich es will!“ Wut brodelte in seinen Augen auf.

Sie hörte ein Zischen in ihrem Ohr und spürte eine Berührung am Ellenbogen.

„Er ist der neue Lieutenant der Mordkommission, Taylor. Unser Boss“, flüsterte McKenzie panisch.

Taylor musste sich eine Hand vor den Mund halten, um nicht laut loszulachen. Diese, diese Kröte war ihr neuer Chef? Elm war der neue Lieutenant der Mordkommission? Oh, das war ein guter Witz.

Elms Ton veränderte sich, wurde schärfer. „Sie werden feststellen, dass der Aufbau vollkommen akzeptabel ist. Ich muss mich um andere Dinge kümmern. Ich vertraue darauf, dass sie das hier im Griff haben. Mit ihrem Ungehorsam werde ich mich morgen früh beschäftigen“, sagte Elm selbstgefällig; offensichtlich war er der Meinung, er hätte ihre Auseinandersetzung für sich entschieden. Aber sie war in den letzten Monaten genug herumgeschubst worden, es reichte langsam.

„Ungehorsam? Ich habe lediglich auf das Offensichtliche hingewiesen“, sagte sie. Leises Getuschel verbreitete sich auf der Veranda. Die Officer, die ihrem Schlagabtausch zugehört hatten, amüsierten sich über den neuen Lieutenant, der vor Zorn zitterte.

Elm zeigte mit dem Finger auf sie. „Tun Sie Ihren Job, Detective. Ich weiß, wie ich meinen zu tun habe.“ Er verließ die Terrasse und ging auf die wartende Presse zu. McKenzie tauchte wieder an Taylors Seite auf.

„Ich habe versucht, dich zu warnen.“

Taylor hörte den melodramatischen Ton in seiner Stimme. Ein Kaninchen. Ein Kaninchen vor der Schlange, verängstigt und erschrocken, das war Einfach Renn. Sie lächelte ihren jungen Kollegen an.

„Das, mein Freund, ist ein Mann, der mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden ist. Vergiss ihn. Ich habe schon Schlimmere erlebt. Kümmern wir uns um den Fall.“

Da fiel ihr wieder ein, was sie hatte tun wollen, bevor der kleine Mann aufgetaucht war. Sie klappte ihr Handy auf und drückte die Kurzwahltaste für Baldwin.

Er antwortete mit einem fröhlichen: „Hey, meine Schöne. Mein

Flugzeug ist gerade gelandet. Bist du schon unterwegs?“

„Leider nein. Ich bin zu einem Tatort gerufen worden und glaube, dass du das auch sehen solltest.“

Er stöhnte. „Wo bist du?“

„Sag dem Fahrer, 1400 Love Circle. Du kannst es nicht verfehlen. Ach ja, und halte dich fern von einem kleinen Mann mit einem toten Tier auf dem Kopf.“

„Will ich wissen, warum?“

„Nein. Wir sehen uns!“

Sie legte auf und ging zurück ins Haus. Das Opfer rief nach ihr, die Szene, der Fall. Sie hatte sich bereits hineinziehen lassen, war fasziniert von dem Tatort. Totes Mädchen, im Haus eines Fremden an eine Säule gespießt. Klassische Musik im Hintergrund. Es war eine Nachricht geschickt worden. Aber von wem und für wen? Taylor spürte, wie die Faszination sich anschlich und sie packte. Sie würde zu beschäftigt sein, um sich über die ganzen Veränderungen der letzten Zeit Gedanken machen zu können, und das war gut so.

Zurück im Wohnzimmer umkreiste sie die Leiche noch einmal und schaute sich die Schnur genauer an, mit denen die Arme, Beine, der Körper und der Kopf des Mädchens in Position gehalten wurden. Die Schnur war auf der Rückseite der Säule mit kleinen Knoten verschnürt worden. Der Mörder hatte sich Zeit genommen, die durchsichtige Angelsehne am Holz festzutackern, um ihr mehr Halt zu geben. Das alles war wohlüberlegt und im Vorhinein geplant. Es musste gedauert haben, das Mädchen an die Säule zu kriegen. Was bedeutete, wer auch immer diesen Mord begangen hatte, musste gewusst haben, dass dieses Haus leer steht und er somit einen ungestörten Spielplatz haben würde. Entweder das, oder sie würden noch eine weitere Leiche finden, und zwar den Eigentümer.

Taylor trat drei Schritte von der Säule zurück und schaute sich den Rest der Inszenierung an. Die Säulen teilten die beiden Räume; Kriminaltechniker liefen herum und störten in der Szene.

„Hey, können alle mal eine Minute mit ihrer Arbeit innehalten? Ich würde hier gerne ein paar Fotos machen.“

Da alle seit langer Zeit daran gewöhnt waren, dass Taylor das Sagen hatte, machten sie ihr Platz.

Sie fischte ihre Digitalkamera aus ihrer Jackentasche und machte ein paar Fotos. Irgendetwas fühlte sich seltsam an, aber sie konnte nicht sagen, was. Vielleicht später, wenn sie Zeit hatte, die Szenerie in ihrem Kopf noch einmal durchzugehen, würde sie sehen, was nicht ins Bild passte. Oder Baldwin würde es erkennen.

Sie schaltete die Kamera aus. McKenzie kam zu ihr, blieb aber durch den Anblick des grauenhaften Antlitzes vor ihnen dankenswerterweise still. Paula stellte sich auf die andere Seite neben Taylor, und zu dritt hielten sie einen friedvollen Moment lang inne, beobachtend, ehrfürchtig. Die Nacktheit des Opfers war McKenzie peinlich. Aus dem Augenwinkel sah Taylor, dass er wie ein kleiner Junge von einem Fuß auf den anderen trat.

Sie ignorierte ihn und betrachtete stattdessen genauer das Messer, mit dem das Mädchen an die Säule geheftet war. Tim Davis gesellte sich zu ihnen.

„Wir werden den Hausbesitzer ziemlich sauer machen, fürchte ich. Ich denke, ich muss ein Stück aus der Säule herausschneiden“, sagte er.

„Warum?“, fragte McKenzie erstaunt.

„Weil es keine Möglichkeit gibt, das Messer herauszuziehen, ohne den Wundkanal zu zerstören.“ Tim trat näher an die Leiche heran, legte seinen Daumen flach auf das Ende des Messergriffs und übte vorsichtig Druck aus. Es rührte sich nicht im Geringsten. „Das Ding ist bis zum Anschlag ins Holz gedrückt worden. Wir müssen sie samt einem Stück der Säule in die Rechtsmedizin bringen. Anders geht es nicht.“

„Klar, natürlich. Wir müssen sie rausschneiden.“ McKenzie nickte, als hätte er dieselbe Idee gehabt.

Taylor ließ ihre Fingergelenke knacken und umkreiste die Säule noch einmal. „Das Ding muss mindestens drei Meter hoch sein. Glaubst du, sie ist tragend?“, fragte sie Tim.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Siehst du die Linie da oben? Die Säule ist rein dekorativ, man hat sie festgeklebt und dann da oben angenagelt. Wenn es eine der anderen beiden wäre“, er zeigte auf die rechts und links stehenden Säulen, „hätten wir ein Problem. Diese hier ist frei stehend und sollte problemlos zu ersetzen sein.“

„Okay, Tim, tu, was du tun musst. Versuch nur, noch ein paar Minuten für mich herauszuschinden. Baldwin ist auf dem Weg. Ich würde gerne, dass er einen Blick darauf wirft, solange alles noch intakt ist.“

Er nickte. „Ich geh mal die Säge holen.“

Taylor trat zurück und betrachtete noch einmal das Opfer. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, das hier schon einmal gesehen zu haben. Abgesehen davon schien eine offensichtliche Ungereimtheit sie geradezu anzuschreien.

Sie wandte sich an die links von ihr stehende Streifenbeamtin. „Eine Frage habe ich, Paula.“

„Schieß los“, sagte sie.

Taylor zeigte auf das tote Mädchen. „Wo ist das Blut?“

3. KAPITEL

John Baldwin stieg zehn Minuten später aus dem Taxi. Perfektes Timing.

Taylor schaute sich um, konnte Elm aber nirgendwo entdecken. Sie würde ihm Baldwin vorstellen müssen, und angesichts ihres kurzen Wortwechsels vorhin hatte sie keine Ahnung, wie er auf einen FBI-Beamten am Tatort reagieren würde. Als Lieutenant war es immer ihre Entscheidung gewesen, und sie hatte gerne jemanden vor Ort, der einen frischen Blick auf den Tatort hatte. Elm kam ihr jedoch eher wie die Art Polizist vor, die sehr schnell territorial werden. Sie würde die Brücke einfach überqueren, wenn es so weit war.

Taylor sah zu, wie Baldwin die Auffahrt entlangkam. Seine lebhaften grünen Augen nahmen alles in sich auf, bis er seinen Blick schließlich auf ihr ruhen ließ. Sie fragte sich manchmal, was er dann sah. Er war ein Veteran, was Tatorte anging, war in vielen Hundert Fällen der führende Profiler gewesen. Er wusste Bescheid. Wusste, welche Monster in ihrem Kopf lauerten, denn sie lauerten auch in seinem.

Ihre Gedanken wandten sich von dem Verbrechen ab. Wenn er fort war, vergaß sie immer, wie groß er war. So hochgewachsen sie auch selber war, zu ihm musste sie trotzdem aufschauen. Das gefiel ihr. In der Dunkelheit sahen seine schwarzen Haare aus wie Mitternacht, seine kantigen Kieferknochen betonten durch ihre Schatten seinen Mund. Als er näher kam, sah sie, dass er sich nicht rasiert hatte. Die weichen Stoppeln wuchsen in alarmierender Geschwindigkeit. Hmm.

Er küsste sie nicht, auch wenn sie es gerne gehabt hätte. Das war nicht professionell, das wusste sie, aber sie hatte ihn seit zwei Wochen nicht gesehen und vermisste das Gefühl, ihn an ihrer Seite zu haben. Er streichelte jedoch kurz ihren Arm, direkt über dem Handgelenk, und die Berührung brannte noch wie Feuer, als sie ihn zu dem Tisch führte, wo er sich eintragen konnte, um ihn dann ins Haus zu begleiten.

„Mach schnell“, sagte sie. „Wir müssen ihre Leiche herunternehmen, damit die Kriminaltechniker hier zu einem Ende kommen. Und irgendwo ist auch der neue Lieutenant. Er könnte einen Anfall kriegen, wenn er sieht, dass du hier bist.“

Baldwin nickte. Er hatte bisher noch keinen Ton gesagt, sondern verarbeitete nur das, was er sah. Das mochte sie so an ihm. Es gab keinen unnötigen Bullshit, nur die unaufhörliche Neugierde herauszufinden, was Menschen dazu trieb, böse Dinge zu tun. Das war etwas, das sie gemeinsam hatten – ein tief sitzendes Bedürfnis, herauszubekommen, was hinter einem Verbrechen steckte.

Sie begleitete ihn zu der Leiche und trat dann zur Seite, damit er sich alles in Ruhe anschauen konnte.

Seine Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Taylor sah die dunklen Ringe unter seinen Augen. Er war erschöpft. Wie immer, wenn er an einem Fall arbeitete. Sein Job als Leiter der Behavioral Analysis Unit, kurz BAU Two, des FBI war es, die verschiedenen Profiler, die für ihn arbeiteten, zu führen und den verschiedenen Strafverfolgungsbehörden, die um Hilfe baten, einen umfangreichen Überblick über das zu geben, womit sie es zu tun hatten. Taylor wusste, dass es für ihn tiefer ging. Er wollte mehr tun, als sich Tatortfotos anzuschauen und dann einen Bericht zu schreiben. Er mochte es, rauszugehen, den Tatort zu riechen, das Verbrechen an Ort und Stelle zu sehen. Nun, hier gab sie ihm genau das, was sein Herz begehrte.

Baldwin brach sein Schweigen. „Wo ist das Blut?“, fragte er.

Taylor lächelte. „Das habe ich auch gefragt. Da ist noch etwas, das total bizarr ist. Über die Lautsprecheranlage des Hauses spielte ein klassisches Stück von Dvořák.“

„Wirklich? Hmm.“

„Der Besitzer des Hauses ist angeblich nicht in der Stadt. Aus der Hintertür ist ein Stück Glas herausgeschnitten worden, damit unser Täter das Schloss öffnen konnte. Die Nachbarin von nebenan kümmert sich um die Katze – die kam rüber und fand die Leiche. Sie konnte nicht sagen, ob die Musik an war oder nicht, als sie herkam – sie hat nicht darauf geachtet. Wir haben die CD zu den Beweismitteln genommen. Der Mangel an Blut, die Musik, die Position der Leiche … Ich habe das Gefühl, dass es sich hier um ein Ritual handelt. Deshalb wollte ich, dass du es siehst.“

Er ignorierte sie für einen Moment und wanderte zwischen der Säule und der Wand hin und her. Dann sprach er wie abwesend. „Der Verdächtige könnte die Musik angemacht haben, um den Lärm zu übertönen, den er vielleicht verursacht hat. Taylor, komm mal kurz zu mir herüber. Sieh dir den gesamten Raum an.“

Sie ging so weit zurück, wie das Haus es erlaubte, zu dem Erkerfenster auf der Westseite der Küche. Er kam mit und stand still neben ihr, während sie schaute. Sie hatte vorhin ein Foto von diesem Blickwinkel gemacht; ein Weitwinkelbild des Raumes mit direktem Blick auf die Leiche.

„Okay. Was entgeht mir?“

„Sieh dir das Gemälde an der Wand bei der Tür an, im oberen linken Quadranten, in direkter Sichtlinie zu der Säule.“

Das war es. Das seltsame Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, dass sie etwas übersah. Es war die ganze Zeit direkt hier vor ihrer Nase gewesen.

„So ein Mistkerl. Sie ist genauso arrangiert wie auf dem Bild. Was ist das, ein Picasso?“

„Ja. Desmoiselles d’Avignon. Die Arme des Opfers sind über ihrem Kopf, eine perfekte Imitation der mittleren Figur auf dem Gemälde. Und das ist das berühmteste Bild aus Picassos Afrikaperiode. Dein Opfer ist schwarz. Er hat das Bild akkurat nachgestellt. Es gibt kein Blut. Aber die Hautfarbe …“

Seine Stimme verebbte.

„Was ist?“, fragte sie.

„Taylor, glaub mir, du willst nicht wissen, was ich denke. Es fällt mir ja selber schwer, es zu glauben.“

„Es ist noch zu früh, um zu mutmaßen, dass wir es mit einem Serienmörder zu tun haben.“

„Darum geht es nicht. Es ist noch viel schlimmer.“

„Was denn?“

„Ich glaube, du könntest es mit meinem Serienmörder zu tun haben.“

4. KAPITEL

Baldwin wartete, bis Taylors Gehirn das Gesagte verarbeitet hatte. Zum Teufel, er musste es ja selber erst mal verarbeiten.

„Wovon redest du?“, fragte sie.

Er sprach leise. „An was erinnerst du dich noch über einen Mörder namens Il Macellaio?“

„An gar nichts. Nicht viel. Nur das, was du mir erzählt hast. Er ist ein Serienmörder aus Florenz und dort schon seit mehreren Jahren tätig. Bedeutet sein Name nicht ‚Der Schlachter‘?“

„Ja. Il Macellaio treibt ungefähr seit dem Jahr 2000 sein Unwesen. Er ist gnadenlos und sehr, sehr gut in dem, was er tut. Er arrangiert seine Opfer so, dass sie berühmte Bilder nachahmen, und hinterlässt immer eine Postkarte mit dem Originalbild, damit wir wissen, wen er imitiert. Natürlich geschieht das erst, nachdem er sie gefoltert hat. Er behält sie eine Weile als lebendes Spielzeug, bevor er sie umbringt. Die Todesursache bei seinem ersten Opfer war Verhungern, die letzten hingegen hat er hungern lassen und dann stranguliert, als wenn er es leid gewesen ist, zu warten. Er hat Sex mit den Leichen, ein letzter Abschiedsgruß, bevor er die Fundorte herrichtet. Bisher haben wir keine großartigen physischen Beweise, mit denen wir etwas anfangen können. Weißt du schon die Todesursache deines Opfers?“

„Uh, Nekrophilie?“

„Schlimmer, viel, viel schlimmer. Nekrosadismus. Il Macellaios Krankheitsbild hat sich dahin entwickelt, dass ihm Sex mit der Leiche nicht mehr reicht. Inzwischen muss er die Frauen, an denen er seine Fantasien auslebt, auch selber fangen und töten. Das ist ein sehr, sehr seltenes Verhalten. Jemanden verhungern zu lassen ist eine grausame Art der Tötung. Es ist passiv-aggressiv, was irgendwie faszinierend ist, wenn man bedenkt, dass er von dem Verlangen getrieben wird, zu töten. Ich bin mir jedoch nicht ganz sicher, wieso er das tut. Ich habe allerdings ein paar Ideen. Und sieh dir dieses Mädchen an. Sie hat garantiert eine Weile nichts zu essen bekommen.“

„Ein Traum. Ich sorge dafür, dass Sam über den Hintergrund informiert wird. Die Todesursache ist nicht offensichtlich, aber du hast recht, sie ist grotesk dünn. Ihre Knochen stechen überall hervor. Ist dir aufgefallen, dass das Messer einmal komplett durch ihren Brustkorb bis in die Säule gerammt worden ist?“

„Ja. Ihr müsst …“

„… einen Teil der Säule heraussägen, ich weiß“, unterbrach sie ihn und gab ihrem Kriminaltechniker ein Zeichen. Der junge Mann mit den ernsten Augen, von dem Baldwin wusste, dass er Tim Davis hieß, nickte ernst und macht sich mit seiner Bügelsäge ans Werk.

Taylor lief unruhig auf und ab. Baldwin führte sie ein paar Schritte zur Seite, damit sie in Ruhe sprechen konnten.

„Baldwin, ist es möglich, dass Il Macellaio aus Italien hierhergekommen ist? Und warum? Nashville liegt nicht gerade auf dem Weg der meisten Weltenbummler. New York, Los Angeles, das sähe ich noch ein. Aber Nashville?“

Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar, weil es ihm beim Denken half. Es war ihm egal, dass seine Haare danach in alle Richtungen abstanden. „Ein Teil von dem, womit ich mich in Quantico beschäftigt habe, ist ein Bericht aus London. Die Metropolitan Police von New Scotland Yard hat drei Morde, die eine erschreckende Ähnlichkeit zu den Fällen aus Florenz aufweisen. Wenn ich recht habe und Il Macellaio nach London gereist ist, dann liegt es auch durchaus im Bereich des Möglichen, dass er hierherkommt.“

„Was treibt einen Serienmörder von Florenz nach London und dann nach Nashville?“

„Das ist eine sehr gute Frage. Letzte Woche hatten wir im Florenzfall einen Durchbruch. Endlich haben wir eine DNA-Spur. Wir warten noch darauf, ob die Datenbank von Interpol einen Treffer ergibt, und lassen sie danach durch CODIS laufen. Ich schätze, dass wir die Ergebnisse morgen im Laufe des Tages bekommen sollten. Vielleicht kriegen wir einen Namen, vielleicht müssen wir aber auch weiter im Nebel herumstochern. Falls wir einen Namen kriegen, werde ich vermutlich wieder nach Quantico müssen.“

CODIS. Die Wundermaschine. Die kombinierte DNA-Datenbank konnte Übereinstimmungen bei Morden und Mördern finden. Baldwin hatte ein kleines Dankgebet an Sir Alec Jeffreys ausgestoßen für die Entdeckung des genetischen Fingerabdrucks. Eines Tages würde es von jedem Kriminellen in jedem Land eine DNA-Probe geben, sodass Verbrechen in null Komma nichts aufgeklärt werden könnten.

Taylor war angemessen beeindruckt. „Das ist ja super, Schatz. Wie seid ihr nach all den Jahren an DNA gekommen?“

„Lange oder kurze Version?“

Sie deutete mit einer Hand auf ihre Umgebung. Tim, der fluchend an der Säule sägte – verfluchtes Miststück, beinahe hätte ich dich schon gehabt, stell dich nicht so an –, und Baldwin unterdrückte ein Lächeln. Ihre Blicke trafen sich, und in den stürmischen Tiefen ihrer Augen sah er Fröhlichkeit aufblitzen. Sie mochte diesen Tim.

„Ich habe Zeit“, sagte sie. „Erzähl mir von den Morden.“

„Das ist das Romantischste, was du je zu mir gesagt hast.“

„Ich wusste, dass es einen Grund gibt, warum du mich liebst“, flüsterte sie.

„Ich liebe dich wirklich. Unglaublich sogar!“, flüsterte er zurück. Er spürte eine Hand auf seinem Arm. Ein kleiner Mann, der vor Entrüstung schier zu platzen schien, starrte ihn an.

„Wer ist das, Detective?“

Taylor verdrehte kurz die Augen, aber so, dass nur Baldwin es sehen konnte, dann stellte sie die Männer einander vor.

„Lieutenant Elm, das ist Supervisory Special Agent John Baldwin, Leiter der Abteilung für Verhaltensforschung in Quantico.“

„Und wären Sie so gut, mir zu verraten, was das FBI an meinem Tatort verloren hat?“ Elms Gesicht lief rot an, glühend vor Wut. Baldwin streckte ihm seine Hand hin.

„Ich war gerade in der Gegend, und da hat Detective Jackson vorgeschlagen, dass ich mir das Ganze mal ansehe. Es handelt sich hier ja nicht gerade um einen alltäglichen Fall.“

„Ich kann mich nicht erinnern, Sie eingeladen zu haben, Mister Baldwin.“

„Doktor Baldwin, wenn ich ehrlich bin. Entschuldigen Sie bitte mein Eindringen, aber ich muss Ihnen sagen, dass es aussieht wie das Werk eines organisierten Mörders, und ich wäre nicht überrascht, wenn er noch einmal zuschlagen würde. Ich wäre mehr als bereit, mich mit Ihnen zusammenzusetzen und ein Profil zu erstellen.“

„Ein Profil erstellen.“ Elm spuckte die Wörter förmlich aus. „Voodoo, Hellseherei, alles vollkommener Unfug, wenn Sie mich fragen. Ich denke, wir kommen auch ohne Ihre Hilfe prima zurecht, Doktor. Das ist dann auch alles.“

Elm marschierte davon. Baldwin schaute Taylor an. Ihr Gesicht war knallrot und sie presste die Lippen zusammen. Er hatte diesen Ausdruck schon mal an ihr gesehen; sie war hin und her gerissen zwischen lautem Lachen und wildem Fluchen.

„Das ist dein neuer Lieutenant?“

Sie nickte.

„Tja, das kann lustig werden. Zumindest hat er nicht versucht, mich unter Einsatz von körperlicher Gewalt vom Tatort zu entfernen.“

„So was gibt’s?“, fragte sie.

„Du würdest dich wundern“, erwiderte er leichthin. „Wo waren wir stehen geblieben?“

„Florenz. Wo ich im Moment auch lieber wäre.“

Er lächelte sie an. „Versuch nicht, mich abzulenken, das funktioniert nicht. Okay. Drei Leichen früher, 2004 in Florenz, hat der sehr aufmerksame Kriminaltechniker der örtlichen Carabinieri ein Haar mit einem intakten Hautfetzen daran in einer Wasserlache in der Küche des Hauses entdeckt, in dem das Opfer gefunden worden war. Es passte nicht zu ihrer DNA. Sie haben es ins System eingegeben und für den Fall der Fälle in der Abgleichroutine belassen. Letzte Woche erhielten wir einen Anruf von der Metropolitan Police. Sie hatten eine Reihe von Morden, bei denen sie fest überzeugt waren, dass es sich um das Werk eines Serienmörders handelt, und baten ...

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