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Todesrufe

Myrina Black

Todesrufe

PROLOG

Ein Lichtstrahl blendete erst ihr linkes, dann das rechte Auge. Es tat höllisch weh. Sie wollte blinzeln oder wenigstens den Kopf wegdrehen, doch es gelang ihr nicht. Hatte man sie festgebunden? An ihren Armen und Beinen spürte sie allerdings nichts, zumal sie den Eindruck hatte zu schweben. Wenn ihr dabei nur nicht so schwindelig wäre. Außerdem fühlte sich ihr Kopf an, als hätte sie hintereinanderweg zwei Tage und Nächte durchwacht. Und dann dieser Schmerz in den Augen. Wieso taten ihr diese Leute das an? Sie mussten doch wissen, wie unangenehm es war, wenn einem jemand ins Gesicht leuchtete.

Sie versuchte zu sprechen, aber kein Ton kam ihr über die Lippen. Angst kroch in ihr hoch.

„Keine Reaktion der Pupillen“, vernahm sie eine Stimme.

Es war so kalt. Wo war denn die Sonne? Sie vermisste ihre warmen Strahlen und auch die sanfte Brise. Nicht eine einzige Wolke war am Himmel gewesen. Sie hätte es bestimmt gemerkt, wenn ein Gewitter aufgezogen wäre, was um diese Jahreszeit schnell geschehen konnte. Nein, Donner war nicht zu hören.

Auch der Geruch hatte sich verändert. Sie konnte ihn zwar nicht einordnen, aber irgendwie kam er ihr bekannt vor, und sie verband nichts Angenehmes damit. Ihre Furcht wuchs. Etwas stimmte hier nicht.

Eine andere Person sagte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstand, Englisch war es jedenfalls nicht. Eine weitere mischte sich nun ein, dann war wieder die erste an der Reihe. Worüber diskutierten diese Leute? Und was hatte das mit ihr zu tun? Sie sollten sie in Ruhe lassen und dorthin zurückbringen, wo sie gewesen war. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie gemacht hatte. Doch es gelang ihr nicht, sondern verstärkte nur ihre Kopfschmerzen. Warum ließ ihr Gedächtnis, das sonst so gut war, sie jetzt im Stich? Zum Einkaufen nahm sie nie einen Zettel mit, und wenn sie irgendwohin fuhr, benötigte sie keine Straßenkarte oder gar ein Navigationsgerät.

Sie war ganz sicher, dass sie diesen Ort, an dem sie sich nun befand, nicht selbst aufgesucht hatte. Irgendetwas musste geschehen sein. Nur was?

Der Lichtstrahl erlosch. Ein wenig ließ der Schmerz nach. Das dumpfe Gefühl in ihrem Kopf jedoch blieb, ja, nahm sogar noch zu.

Erneut sagte jemand etwas. Es klang wie ein Befehl und betraf irgendetwas, das sie bekommen sollte. Was, wusste sie nicht, denn das Wort hatte sie nie zuvor gehört.

Wer waren diese Menschen, und was hatten sie mit ihr vor? Erneut versuchte sie zu sprechen, Fragen zu stellen. Doch dann spürte sie, wie sie ins Bodenlose fiel, mit einer Leichtigkeit, die sie als wohltuend empfand.

1. KAPITEL

„Na, Heaven, schwebst du mal wieder in himmlischen Sphären?“

Heaven verdrehte die Augen. Während ihrer gesamten Schulzeit waren laufend Witze über ihren Vornamen gemacht worden, und es hatte sie schrecklich genervt. Würde das etwa auch im Berufsleben ewig so weitergehen? In der ersten Zeit hatte sie das ja noch einigermaßen hingenommen, aber jetzt, im dritten Ausbildungsjahr, hatte sie kein Verständnis mehr dafür. „Von dir habe ich sicher nicht geträumt.“

Kenny lachte, dass seine weißen Zähne aufblitzten. „Du kennst mich nur noch nicht richtig.“

Um eine kesse Antwort war er wirklich nie verlegen, das musste Heaven ihm lassen. Allerdings wusste sie bei ihm nie so genau, ob er etwas ernst meinte oder sie auf den Arm nehmen wollte. Erst seit drei Wochen arbeitete er hier im Fahrdienst. Wenn er das Essen auf die Station brachte oder dort andere Sachen zu erledigen hatte, plauderte er gern noch ein bisschen mit Heaven oder den anderen Schwestern.

„Was macht ihr denn hier, etwa schon Kaffeepause?“ Samira Castillo kam in den Raum und klatschte in die Hände. Das Funkeln in ihren dunklen Augen und ihr breites Lächeln verrieten jedoch, dass sie Spaß machte. Es fiel aber auch wirklich schwer, auf jemanden böse zu sein, der ein so liebenswert-freches Grinsen besaß wie Kenny. „An die Arbeit, Heaven.“

Kenny stand ebenfalls auf. „Die Aufforderung gilt sicher auch für mich. Hier habe ich keine Aktien mehr drin, hab schon alles abgeliefert.“

„Dann mach dich mal auf die Socken. Die haben bestimmt noch reichlich für dich zu tun.“ Samira wollte ihn mit einer Handbewegung aus dem Raum scheuchen, was Kenny erneut zum Lachen brachte.

„Bis morgen, Himmlische und …“

„Untersteh dich!“, rief Samira ihm nach, bevor er sich auch für sie eine zweifelhafte Bezeichnung überlegen konnte.

Kenny grinste und lief zum Aufzug. Dort tänzelte er herum, bis die Türen sich öffneten.

„Dieser Spinner!“ Samira schüttelte den Kopf. „Lass dich bloß nicht von ihm beeindrucken.“

„Keine Sorge. Aber einen knackigen Hintern hat er schon, oder?“

„Auf so kleine Jungs achte ich nicht. Der ist mir noch viel zu schmächtig“, befand Samira. „Ich will einen großen, starken, gut aussehenden Mann, der imstande ist, mich mit Leichtigkeit hochzuheben, und bei dem ich guten Gewissens auch mal ein zweites Stück Torte verdrücken kann.“

„Das kannst du ohnehin. Deine Figur ist doch prima. Und die Jungs stehen auf dich.“

„Nur nicht mein Traummann.“ Sie seufzte und sah an sich hinab.

„Wie heißt er denn?“

„Wer?“ Samira zog die dunklen Augenbrauen hoch.

„Na, dein Traumtyp.“

„Ach so. Der hat keinen Namen. Hab ihn ja noch nicht gefunden.“ Sie lächelte schalkhaft, wurde aber sofort wieder ernst. „Nun komm, deine Patientin wartet.“

Heaven konnte sich vor Aufregung kaum beherrschen. Endlich durfte sie auf der Intensivstation arbeiten. Bisher hatte sie vor allem im Überwachungsraum gesessen, eine der Schwestern begleitet und geholfen, Formulare auszufüllen. Davon gab es auch auf dieser Station reichlich. Jede Behandlung, jede Zustandsänderung wurde genau festgehalten.

„Wir haben eine neue Patientin hereinbekommen, eine junge Frau, gerade mal neunzehn Jahre alt. Sie liegt nach einem Sturz von einem Dach im Koma“, erklärte Samira, während sie mit Heaven den breiten Gang entlangging.

„Was hat sie für Verletzungen?“, erkundigte sich Heaven.

„Die Computertomographie ergab ein Schädel-Hirn-Trauma mit Hirnblutung. Außerdem hat sie einen gebrochenen Knöchel, der uns jedoch die geringste Sorge bereitet.“ Samira ging voran in das Krankenzimmer.

Der vertraute Geruch von Desinfektionsmitteln empfing Heaven. Neben dem Aufenthaltsbereich der Schwestern durchdrang er hier jeden Raum.

Auch wenn sie bisher noch keine Patienten auf der Intensivstation betreut hatte, wusste sie natürlich, welche Funktionen die einzelnen Geräte dort erfüllten. Zur Beatmung hatte man der verunglückten jungen Frau einen Tubus gelegt. Hinter ihrem Bett befand sich ein Monitor, auf dem ständig der Blutdruck, der Sauerstoffgehalt des Blutes und ihre Herzfrequenz angezeigt wurden. Über einen Venenkatheter erhielt sie Infusionen, unter anderem mit Schmerzmitteln.

Angeschlossen an zahlreiche Schläuche, war die Patientin kaum zu sehen. Ihr Kopf war bandagiert, und ihr Gesicht war so bleich, dass die Haut fast durchscheinend wirkte.

Heaven schluckte. Die Patientin war genauso alt wie sie. Zwar hatte sie gelernt, sich nicht mit den Kranken zu identifizieren, aber nun überlief sie doch ein Schauder.

„Ab sofort wirst du für sie zuständig sein, und zwar zusammen mit mir“, erklärte Samira. „Waschen, umbetten, die Werte kontrollieren, Infusionen vorbereiten, was eben alles gemacht werden muss.“

Aufmerksam hörte Heaven zu. Im Unterricht war das Thema „Pflege von Komapatienten“ bereits behandelt worden. Dennoch war sie froh, dass Samira noch einmal alles mit ihr besprach. Nun wirklich einen Menschen versorgen zu müssen war eben doch etwas ganz anderes als nur in der grauen Theorie.

„Sie heißt übrigens Angela Cloud.“ Samira lächelte.

„Ich schätze, sie hat sich ebenso viele Witze über ihren Namen anhören müssen wie ich in meiner Zeit auf der Highschool.“ Heaven wusste nur zu gut, wie Angela sich gefühlt haben musste.

„Erzähl ihr davon. Auch wenn sie dich vermutlich nicht hören kann, so wird sie vielleicht spüren, dass jemand bei ihr ist.“

„Was ist mit ihren Eltern?“

„Die Polizei kümmert sich darum, dass sie schnellstmöglich informiert werden. Es ist immer gut, wenn Angehörige da sind. Manchmal dauert es allerdings etwas, bis jemand erreicht wird. Angela Cloud lebte offensichtlich allein, denn unter ihrer Anschrift ist nur sie gemeldet. Zumindest wissen wir ihren Namen und einige andere Daten. Das macht es einfacher, Verwandte von ihr zu finden.“ Samira deutete mit dem Kopf zur Patientin. „Nun stell dich ihr vor. Mich kennt sie schon.“

„Hallo, Angela, ich bin Heaven Highwood“, wandte Heaven sich daraufhin an die junge Frau im Bett. Dabei lächelte sie und achtete darauf, ihre Stimme freundlich und beherrscht klingen zu lassen. Es war wichtig, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Das hatte sie schon am Anfang ihrer Ausbildung gelernt. Außerdem war Samira ihr ein großes Vorbild, denn auch in kritischen Situationen strahlte sie Gelassenheit aus. Heaven war davon überzeugt, dass die Patienten so etwas sofort spürten. Mit Sicherheit auch Angela Cloud, obwohl sie nicht die leiseste Reaktion zeigte, dass sie Heavens Anwesenheit überhaupt wahrnahm. Das war kein Wunder, denn ihre Werte waren niederschmetternd. Angela wurde nur noch durch Maschinen am Leben erhalten.

„Du kannst ruhig ein bisschen bei ihr bleiben.“ Samira legte ihrer Kollegin kurz eine Hand auf den Arm. „Keine Angst, ich bin in Rufweite, und falls sich ihr Zustand verschlechtert, wird sofort Alarm ausgelöst. Bleib einfach bei ihr, und rede ein bisschen mit ihr.“

Heaven schaute noch kurz Samira hinterher, als diese davoneilte, dann wandte sie sich wieder der jungen Patientin zu. „Ich weiß gar nicht so recht, was ich dir nun erzählen soll. Über mich sagt man nämlich, dass ich wie ein Wasserfall plappern und kein Ende finden würde. Aber was soll ich machen, wenn mir immer wieder etwas Neues einfällt und ich von einem Thema auf das andere komme und dabei den Überblick verliere? Es passiert mir schon jetzt, wie du vielleicht merkst, und ich wette, wenn du wach wärst, würdest du die Augen verdrehen und genervt seufzen. Oder mich auffordern, endlich die Klappe zu halten.“

Sie schwieg kurz und warf einen Blick auf die angezeigten Werte. Nichts hatte sich verändert. Das war gut. Denn durch die Maschinen wurde Angelas kritischer Zustand stabilisiert. Aus einem Tropf floss eine Nährlösung in den Katheter an ihrem Hals.

„Ich bin Krankenschwester im dritten Ausbildungsjahr“, fuhr Heaven fort zu berichten, während sie sich einen Hocker heranzog und sich vor das Bett setzte. „Du bist hier übrigens im St. Marys Hospital.“ Sie nannte ihr den Namen der Oberärztin und beschrieb die anderen Schwestern. Auch wenn Angela nun ihre und Samiras Patientin war, würde sie von anderen Kolleginnen mitbetreut werden.

Als Samira wenig später wieder bei ihr hereinschaute, schwieg Heaven unvermittelt und sah sie fragend an. Gerade eben hatte sie Angela erzählt, dass sich zurzeit ein berühmter junger Sänger in Boston aufhielt und Scharen von Mädchen das Hotel belagerten, in dem er residierte.

„Du machst das ganz toll“, lobte Samira sie.

„Danke. Ich habe doch gar nichts gemacht“, murmelte Heaven verlegen, denn so ein Lob hatte sie ihrer Meinung nach nicht verdient.

„Doch, das hast du. Du sprichst mit ihr, als könnte sie dich wirklich hören.“ Sie ging zum Tropf, kontrollierte, wie viel Flüssigkeit er noch enthielt, und warf einen Blick auf die anderen Werte.

„Hilfe“, flüsterte in diesem Moment eine Stimme.

Heaven sah auf. „Wobei soll ich helfen?“

„Oh, das kannst du leider noch nicht. Doch guck ruhig zu, was ich tue. So lernst du auch sehr viel, du kannst mir aber bald einiges anreichen. Zum Beispiel die nächste Infusion vorbereiten.“

Heaven stellte sich neben sie. „Hast du denn nicht gerade gesagt, ich solle helfen?“

„Machst du doch schon, indem du mit ihr gesprochen hast. Im Moment kannst du nur zuschauen, was ich kontrolliere. Morgen werden wir sie dann gemeinsam waschen. Gleich ist übrigens die Übergabe an die Nachtschwestern fällig. Das wirst du diesmal allein machen, schließlich musst du das auch lernen.“

Heaven verfolgte, wie Samira den venösen Zugang unterband. Die Anschlüsse wurden abgeschraubt, desinfiziert und an ihrer Stelle ein Blindstopfen auf die Öffnungen gedreht. In der Theorie kannte Heaven diesen Ablauf in- und auswendig, doch nun war sie froh, dass Samira ihr noch einmal alles zeigte.

„Hilfe“, erklang es erneut so leise, dass es kaum zu verstehen war.

Sofort wandte Heaven sich der bewusstlosen Patientin zu. Sie konnte unmöglich etwas gesagt haben. Aber wer sonst sollte gesprochen haben?

„Heaven?“ Samira berührte sie leicht am Arm. „Ist alles in Ordnung?“

„Ja, ich …“ Wie sollte sie ihr bloß erklären, dass sie glaubte, gerade etwas gehört zu haben? Selbst wenn Angela wach geworden wäre, hätte sie aufgrund der künstlichen Beatmung gar nicht sprechen können.

„Das Ganze hat dich wohl doch etwas mitgenommen.“ Samira streichelte ihren Arm. „Na komm, in wenigen Minuten ist unser Dienst vorbei, und dann gehen wir uns erst mal stärken. Wie wäre es mit einem Besuch der neuen Eisdiele, die letzte Woche am Shoppingcenter aufgemacht hat?“

„O ja“, stimmte Heaven zu. Das würde sie mit Sicherheit etwas ablenken.

Doch als sie den Raum verlassen wollte, meinte sie erneut, einen Hilferuf zu vernehmen. Heaven blieb stehen und wandte den Kopf.

„Was ist?“, wollte Samira wissen.

„Können wir sie denn wirklich allein lassen?“

„Sie wird doch überwacht.“ Samira zog Heaven an ihrem langen Shirt. „Nun komm schon. Es ist gut, wenn du so aufmerksam bist und dir Gedanken über deine Patienten machst. Du musst aber auch lernen, nach Dienstschluss abzuschalten. Nur wenn du gut zu dir selbst bist, kannst du auch anderen helfen. Das solltest du eigentlich schon längst verinnerlicht haben.“

„Ja, natürlich“, murmelte Heaven, die schon wieder diesen seltsamen Hilferuf zu vernehmen glaubte.

Heaven konnte ihren nächsten Dienst kaum erwarten. Im Moment gab es nur wenige Patienten auf der Intensivstation, sodass sie in der Lage war, sich Angela ganz zu widmen. Sie ging Samira zur Hand, als diese die immer noch im Koma liegende Frau wusch.

„Du solltest wieder bei ihr bleiben“, sagte die Kollegin, als sie fertig war und alle Werte überprüft hatte.

„An ihrem Zustand hat sich nichts verändert, oder?“

„Nein. So schnell geht das meist auch nicht.“

Heaven zog sich wieder einen Hocker ans Bett und setzte sich. „Hallo, Angela“, begann sie und erzählte ihr dann, wie sie mit Samira Eis essen gewesen war, dass Kenny vorhin wieder nur herumgealbert hatte und es heute für Anfang September in Boston ziemlich kalt war.

Je mehr sie redete, desto lockerer wurde sie dabei. Auch wenn Angela nicht antworten konnte, hatte Heaven doch das Gefühl, das Richtige zu tun. Nachdem Samira und sie am Abend zuvor nach dem Besuch des Eiscafés noch ins Kino und anschließend zu Fuß zum Schwesternwohnheim gegangen waren, hatten sie sich dabei über Komapatienten unterhalten. Eigentlich waren Gespräche über die Arbeit in ihrer Freizeit, wenn es nach Samira ging, tabu. Doch sie hatte Heavens Fragen geduldig beantwortet und ihr gestanden, dass sie während ihrer ersten Tage auf der Intensivstation ebenso unsicher wie sie gewesen sei. Samira hatte ihr Examen erst vor wenigen Wochen abgelegt. Sie war sehr stolz darauf, was Heaven nur zu gut verstand. Selbst konnte sie es ja auch kaum erwarten, ihre Ausbildung abzuschließen.

Bis dahin würde es allerdings noch ein weiter Weg sein. Jetzt betrachtete sie Angela nachdenklich und fragte sich, was diese junge Frau wohl für berufliche Pläne hatte. Ging sie noch aufs College, oder hatte sie bereits einen Job?

„Hilfe“, flüsterte plötzlich wieder eine Stimme.

Heaven zuckte zusammen und blickte sich um. „Hallo?“, rief sie leise.

Doch niemand antwortete. Natürlich nicht, denn außer ihr und der Patientin befand sich ja niemand im Raum.

Heaven stand auf, ging zur Tür und spähte auf den Flur. Niemand war zu sehen. Vielleicht hatte sie sich ja nur etwas eingebildet. Schließlich war es aufgrund der Geräusche der Geräte um sie her nicht still.

„Hilfe.“

Da war es wieder. Nun war Heaven sich sicher, etwas vernommen zu haben. Woher kam aber dieser leise, flehend klingende Hilferuf?

Sie richtete den Blick auf Angela. Nein, von ihr konnte er unmöglich sein. Sie lag ja im Koma, hatte die Augen geschlossen und hatte, wie Samira ihr erklärt hatte, eine verminderte Hirnfunktion. Außerdem wäre sie durch den Tubus am Sprechen gehindert gewesen, wenn sie tatsächlich plötzlich aufgewacht wäre.

Heaven ging die möglichen Ursachen für ihre seltsame Wahrnehmung durch. Nicht immer war eine Psychose der Grund. Im Unterricht hatten sie etliche weitere Auslöser erklärt bekommen.

Entweder bin ich verrückt oder todkrank, dachte Heaven und schauderte. Das waren die schlimmsten Szenarien. Vielleicht war sie auch einfach nur überarbeitet und kurz eingenickt. Und schon konnte ihr die Fantasie einen Streich gespielt haben.

Sie versuchte sich zu beruhigen. Leider erwies es sich nun als Nachteil, im Unterricht und bei der Arbeit einiges an Diagnosen mitbekommen zu haben. Prompt dachte sie an all die schlimmen Krankheiten und überlegte, welche sie davon möglicherweise hatte.

„Hilfe“, erklang es wieder, und diesmal schien die Stimme in ihrem Kopf widerzuhallen.

Heaven presste die Hände, die sie zu Fäusten geballt hatte, gegen ihre Schläfen. „Nein“, flüsterte sie, „bitte nicht.“ Mühsam hielt sie die Tränen der Verzweiflung zurück. Sie war nicht verrückt. Und wenn sie krank war, dann konnte man die Ursache ganz sicher behandeln. Sie hatte doch in ihren ersten beiden Ausbildungsjahren viele Patienten gesehen, die einen Hirntumor überlebt hatten und wieder ganz gesund geworden waren, und zwar ohne körperliche Einschränkungen oder Wesensveränderungen.

Falls es sich bei ihr überhaupt um eine so schwerwiegende Erkrankung handelte. Zunächst musste sie sich einem Mediziner anvertrauen und von ihrem Verdacht erzählen. Was unweigerlich die Frage aufwerfen würde, wie sie darauf kam.

Nein, unmöglich, sie konnte nicht einfach zur Oberärztin gehen und ihr ihre Befürchtungen mitteilen. Zwar würde Dr. Wilcox sie sicherlich ernst nehmen, aber sie würde alles wissen wollen. Und dann würden mir zahlreiche Tests bevorstehen, und falls keine körperliche Ursache gefunden werden konnte, würde man wahrscheinlich annehmen, dass ich einen Psychiater benötige, überlegte sie.

Heaven schauderte. Niemand wird eine Krankenschwester mit psychischen Problemen arbeiten lassen, schoss es ihr durch den Kopf.

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