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Todesrosen

Über den Autor

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung. Heute schreibt er mit sensationellem Erfolg seine Kriminalromane, die sich weltweit einer großen Fangemeinde erfreuen. Sie werden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und sind mit Preisen wie dem CWA Gold Dagger, dem Nordischen Krimipreis und dem Prix Mystère de la Critique ausgezeichnet worden.
Arnaldur Indriðason lebt mit seiner Familie in Reykjavík.

ARNALDUR
INDRIÐASON

TODESROSEN

Island Krimi

Übersetzung aus dem Isländischen
von Coletta Bürling

BASTEI ENTERTAINMENT






Wo haben die Tage deines Lebens ihre Farbe verloren? Und die Lieder, die von Traum zu Traum durchs Blut dir rasten, wo fielen sie dem Wetter zum Opfer, o Kind, wie du glaubtest, geboren mit des Wundersamen eigenem endlosen Brunnen in deiner Brust! Wo …?


Aus dem Gedicht »Söknuður« von Jóhann Jónsson (1896–1932)

Eins

Sie fanden die Leiche auf dem Friedhof an der Suðurgata auf dem Grab von Jón Sigurðsson. Sie bemerkte sie zuerst, weil sie gerade oben auf ihm saß.

Sie hatten im Hotel Borg gegessen und getanzt und waren von dort aus Händchen haltend die Suðurgata hochgegangen. Er hatte seinen Arm um sie gelegt und sie geküsst, was sie zuerst sanft, dann leidenschaftlicher und schließlich ungestüm erwiderte. Gegen drei Uhr hatten sie das Lokal verlassen und sich ihren Weg durch die Menschenmenge in Reykjavíks Innenstadt gebahnt. Der längste Tag des Jahres lag nur ein paar Tage zurück, und das Wetter war herrlich.

Er hatte sie zum Abendessen eingeladen. Sie kannten sich nicht besonders gut, es war erst ihre dritte Verabredung. Sie war Teilhaberin eines Software-Unternehmens, in das er sich eingekauft hatte. Beide waren, seit sie zurückdenken konnten, fasziniert von Computern, und sie fanden sich auf Anhieb sympathisch. Nach ein paar Wochen trafen sie sich auf seine Initiative hin zum ersten Mal außerhalb der Arbeit, indem er sie zum Essen einlud. Das Spiel hatten sie danach noch zwei weitere Male wiederholt, aber bereits als sie sich an diesem Abend zu Tisch setzten, war klar, dass er anders ausklingen würde als die anderen, an denen er sie nur im Auto nach Hause gefahren und sich von ihr verabschiedet hatte. Sie waren beide ohne Auto gekommen, denn sie hatte am Telefon vorgeschlagen, dass sie anschließend zu Fuß zu ihr nach Hause gehen und einen Kaffee trinken könnten. Kaffee!, dachte er im Stillen und musste grinsen.

Beim Tanzen war ihnen in der Menschenmenge sehr warm geworden. Sie hatte blonde, kurz geschnittene Haare und ein ovales Gesicht. Ihre schlanke Figur kam in dem beigefarbenen Kostüm und den farblich darauf abgestimmten Nylonstrümpfen gut zur Geltung. Er hatte sich einen Seidenschal um den Hals gelegt, was in ihren Augen ein Zeichen von Eitelkeit war, und trug einen Anzug von Armani, den er tagsüber bei einem Herrenausstatter erstanden hatte, um sie zu beeindrucken. Das war ihm gelungen.

Nachdem sie den Trubel in der Innenstadt hinter sich gelassen hatten, schlug sie überraschenderweise vor, über den Friedhof zu gehen, um den Weg zu ihr nach Hause abzukürzen. Es war ihm peinlich, dass er beim Küssen eine Erektion bekam, und er hatte Angst, dass sie es merken würde. Es entging ihr auch nicht. Es erinnerte sie an Schulbälle, als sie jünger war, und die Jungs die ganze Zeit, wenn sie mit ihnen tanzte, einen Ständer hatten. Wie wenig es bei ihnen braucht, hatte sie damals gedacht, und derselbe Gedanke beschlich sie jetzt auch wieder. Auf der Suðurgata war so gut wie kein Verkehr. Sie kletterten über das niedrige Tor an der Nordostecke des Friedhofs, wo der Thoroddsen-Clan tot und begraben lag, und schlängelten sich zwischen Büschen und Grabsteinen durch, wobei er die ganze Zeit Angst um seinen neuen Anzug hatte.

Auf dem Friedhof ruhten die Angehörigen der ärmeren Schichten Seite an Seite mit respektablen Bürgern, Dichtern, Beamten, Kaufleuten, die alte dänische Familiennamen trugen, sowie Politikern und Ganoven. Sie empfand den Friedhof als eine grüne Oase mitten im Stadtgetümmel, besonders jetzt im Sommer, wenn die Bäume in vollem Laub standen. Sie hatte nichts weiter im Sinn gehabt, als den Weg abzukürzen, doch nun schien ihr plötzlich etwas anderes ganz besonders naheliegend. Die Nacht war warm und hell, sie war beschwipst und er ganz offensichtlich bereit. Sie schlug vor, sich hinzusetzen und sich etwas auszuruhen. Er fiel sichtlich aus allen Wolken. Ihr war nicht deswegen die Idee gekommen, weil sie auf dem Friedhof waren, so war sie nicht. Himmel, sie war doch nicht nekrophil! Aber sie hatte oft Lust verspürt, es irgendwann einmal in einer Sommernacht draußen in der Natur unter freiem Himmel zu machen, erklärte sie später dem unangenehmen Kriminalbeamten mit dem Hut, diesem Erlendur. Dort herrschte einfach Frieden, hatte sie ihm erklärt, und ein Friedhof sei ja schließlich auch Natur.

Der Mann überlegte nicht lange, obwohl ihm für einen kurzen Augenblick wieder der neue, teure Anzug einfiel. Sie legten sich im Schutz eines hochgewachsenen Baums ins Gras, aber zogen sich nicht aus. Sie öffnete den Reißverschluss an seiner Hose, zog sich den Schlüpfer aus und setzte sich auf ihn. Mein Gott, wie komisch, es zwischen all diesen Leichen zu treiben, dachte er. Mein über alles geliebter Mann, las sie auf einem bemoosten Grabstein ihr direkt gegenüber. Ruhe in Frieden.

Sie sah die Leiche nicht sofort. Nach kurzer Zeit, kaum mehr als ein, zwei Minuten, kam es ihr so vor, als höre sie seitlich in einiger Entfernung ein Geräusch, und sie warf einen raschen Blick in die Richtung. Sie legte dem Mann die Hand auf den Mund, um sein Stöhnen zu unterdrücken, saß bewegungslos auf ihm und lauschte. Sie starrte angestrengt in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, und glaubte, jemanden zum Friedhofstor wegrennen zu sehen. Von der Friedhofsmauer glitt ihr Blick nach rechts über die Gräber und blieb an etwas Weißem hängen, einem weißen Fleck, der sich von der Umgebung abhob und der halb verdeckt zu sein schien.

Sie rollte sich von ihm herunter und schlüpfte wieder in ihren Slip. Er zog den Reißverschluss hoch und stand auf. 

»Was ist los?«, fragte er flüsternd.

»Da ist jemand«, sagte sie leise. Sie klang ängstlich. »Lass uns gehen.«

Während sie über den Friedhof hasteten, behielt sie das Weiße im Auge und machte den Mann darauf aufmerksam. Sie überlegten, um was es sich wohl handeln könnte und ob sie hingehen und sich das näher ansehen oder einfach wie geplant zu ihr nach Hause gehen sollten.

»Lass uns das machen«, sagte er.

»Was? Uns das ansehen?«

»Nein, lass uns zu dir nach Hause gehen.«

»Kann es sein, dass da …? Liegt da vielleicht ein Mensch? Kann das sein?«

»Ich kann nichts erkennen.«

Ihre Neugier war jedoch geweckt. Später wünschte sie, sie hätte sich da herausgehalten, doch sie konnte nicht anders, sie musste einfach nachsehen, was da lag. Vielleicht war da ja jemand, der Hilfe brauchte. Sie ging auf das Weiße zu, und er folgte ihr. Beim Näherkommen nahm es deutlichere Konturen an, und ihr stockte der Atem, als sie sah, um was es sich handelte.

»Das ist ein Mädchen«, sagte sie wie zu sich selber. »Ein nacktes junges Mädchen.«

Sie traten näher heran und standen nun ganz dicht vor der Leiche.

»Ist sie tot?«, fragte er. »Hallo«, rief er, »hallo! Fräulein, hallo!«

Für sie klang es so, als würde er nach einer Kellnerin rufen. Das hatte er an diesem Abend auch im Restaurant schon einige Male gemacht. Ihr war das unangenehm gewesen, weil es sich in ihren Augen um nichts weiter als um Imponiergehabe handelte. Sie hatte es aber geflissentlich überhört, doch jetzt störte es sie total.

Das Mädchen war ganz offensichtlich tot, das sah und spürte sie. Sie trat ganz dicht heran, bückte sich und blickte der Toten ins Gesicht. Dick aufgetragener, dunkelblauer Lidschatten unter schwarzen Augenbrauen, sehr viel Rouge auf den Wangen, flammend roter Lippenstift. Das Mädchen war vielleicht knapp über zwanzig. Die Augen waren geschlossen.

Alles an ihr wirkte tot. Der schmale, kreidebleiche Körper lag leicht gekrümmt halb auf der Seite, mit dem Rücken ihnen zugewandt. Die Arme, zart wie Blumenstängel, lagen neben dem Kopf. Man hätte ihre Rippenknochen unter der gedehnten Haut zählen können. Das schwarze, schulterlange Haar war wirr und schmutzig. Sie hatte lange, dünne Beine, und auf einer Pobacke befand sich etwas Rotes, eine Tätowierung, die wie der Buchstabe J aussah.

Sie standen eine Weile wortlos neben der Leiche. Das arme Mädchen, dachte sie. Aus dem Kaffee wird heute Abend also nichts, dachte er.

»Weißt du, wer das ist?«

»Ich? Wieso denn? Ich kenn die doch überhaupt nicht!«, antwortete er verwundert. »Wie kommst du auf die Idee?«

»Ich meine nicht das Mädchen, sondern ihn«, sagte sie und deutete auf die Grabstele. »Jón Sigurðsson. Islands Ehre, Schwert und Schild. Präsident Jón.«

Das Mädchen lag auf dem Grab des isländischen Freiheitskämpfers und Wegbereiters der Unabhängigkeit. Die Grabstätte war umzäunt mit einem niedrigen kleinen Gitter, und das Grabmal bestand aus einer drei Meter hohen Stele aus bräunlichem Marmor. Mitten darauf war eine kupferne runde Platte mit Jón Sigurðsson im Profil. Ihr kam es so vor, als schiele er verächtlich zu ihnen herunter. Die Friedhofsverwaltung war für die Grabpflege und die Blumenbepflanzung zuständig, und so kurz nach dem Nationalfeiertag war der große Kranz, den der isländische Staatspräsident jedes Jahr am 17. Juni dort niederlegte, noch nicht entfernt worden. Das Mädchen lag nackt und weiß in einem Blumenmeer, das zu welken begonnen hatte. Ein leichter Geruch von Moder lag in der Luft.

»Hast du dein Handy dabei?«, fragte sie.

»Nein, ich hab es heute Abend gar nicht mitgenommen«, entgegnete er.

»Ich glaube, ich hab meins dabei.« Sie fischte ein zierliches Handy aus ihrem schicken Handtäschchen und schaltete es ein.

»Scheiße, unter welcher Nummer erreicht man noch mal die Polizei? Die soll sich doch schon wieder geändert haben. Ist es noch die 11166, oder muss man schon die neue wählen, die 112?«

»Keine Ahnung«, sagte er.

Was für ein Armleuchter ist das eigentlich?, dachte sie, der ist völlig von der Rolle.

»Ich versuch’s mal mit der 112«, sagte sie laut und tippte die Nummer ein.

»Notruf«, war die Antwort.

Plötzlich kamen ihr Bedenken, denn ihr fiel ein, dass die Nummern von eingehenden Anrufen bestimmt registriert würden. Sogar die simpelsten Handys konnten mindestens ein Dutzend, wenn nicht mehr, Rufnummern speichern. So ein System gab es bestimmt auch bei der Notrufzentrale. Sie war sich aber keineswegs sicher, ob sie in diesen Leichenfund verwickelt werden wollte, nicht noch mehr, als es bereits der Fall war.

»Notruf«, hieß es wieder.

»Äh, hier auf dem Friedhof in der Suðurgata liegt eine Leiche auf dem Grab von Jón Sigurðsson«, sagte sie und brach das Gespräch abrupt ab.

Aber damit war die Sache nicht ausgestanden, das wusste sie nur zu gut. Der Mann, den sie zum Friedhofstor hatte hinaushuschen sehen, ging ihr nicht aus dem Kopf. Das Tor befand sich ganz in der Nähe von Jón Sigurðssons Grab. Sie war Zeugin, und das war ihr gar nicht recht. Trotzdem drückte sie auf Wahlwiederholung.

»Notruf«, hieß es ein weiteres Mal.

Zwei

Das Telefon schrillte vor sich hin.

Erlendur Sveinsson war geschieden und lebte allein, ein Mann um die fünfzig, der es zutiefst hasste, mitten in der Nacht geweckt zu werden, vor allem, wenn er – wie in dieser Nacht – Probleme mit dem Einschlafen gehabt hatte. Die verdammte Mitternachtssonne ließ ihn keinen Schlaf finden, und gegen sie schien es kein Mittel zu geben. Erlendur hatte es mit schweren Vorhängen im Schlafzimmer versucht, um die nächtliche Helligkeit draußen zu halten, aber sie schaffte es trotzdem, sich hineinzuschmuggeln. Sein neuester Versuch, sich der Helligkeit zu entziehen, war eine mehr als peinliche Aktion gewesen. Ihm waren diese Augenklappen eingefallen, die vornehme alte Damen in Hollywoodfilmen immer im Bett trugen, aber er hatte keine Ahnung, wo es so was zu kaufen gab. Er erkundigte sich bei seiner Kollegin Elínborg.

»Eine Augenklappe?«, fragte sie erstaunt.

»Ja, für beide Augen«, antwortete Erlendur mit gedämpfter Stimme.

»Meinst du die Dinger, die diese reichen alten Schachteln in den Schwarz-Weiß-Filmen tragen?«, fragte sie und weidete sich sichtlich daran, dass Erlendur das so peinlich fand.

»Wegen der verdammten Mitternachtssonne«, sagte er.

Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen und schickte ihn in ein Geschäft für Trikotagen und Dessous auf dem Laugavegur. Die Verkäuferin, eine ältere, streng aussehende Dame, war so unverschämt zu fragen, was er mit so einer Augenklappe wolle. Und außerdem führten sie Augenklappen gar nicht.

»Was meinst du eigentlich mit Augenklappe?«, fragte sie so laut, dass es im ganzen Geschäft zu hören war. »So was, was diese alten Schachteln in Kinofilmen tragen?«

Als er wieder ins Büro kam, war Elínborg bereits weg, hatte ihm aber einen Zettel hinterlassen, unter dem eine spitzenumsäumte Schlafmaske aus weichem, zartrosa Satin lag.  

Das verdammte Teil war aber schlimmer als jegliche Mitternachtssonne. Nachdem Erlendur die Vorhänge zugezogen hatte, legte er sich ins Bett und setzte sich das Ding auf. Das Gummiband war viel zu eng für Erlendurs dicken Schädel und schnitt ein. Er setzte sie zuerst verkehrt herum auf, aber auch nachdem er sie umgedreht hatte, ließ der Steg über der Nase das Sonnenlicht durch. Er plagte sich eine ganze Weile damit herum, bevor er endlich, von Müdigkeit übermannt, in den Schlaf fiel.

Es kam ihm so vor, als hätte er nur für ein paar Sekunden geschlafen, als das Telefon klingelte. Sigurður Óli war am Apparat.

»Auf dem Friedhof an der Suðurgata ist eine Leiche gefunden worden«, sagte Sigurður Óli, der wahrscheinlich auch gerade erst aus dem Schlaf gerissen worden war. Er gehörte zu Erlendurs engsten Mitarbeitern bei der Kriminalpolizei. Die meisten anderen Kollegen im Dezernat trauten sich nicht, Erlendur mitten in der Nacht anzurufen.

»Wo würdest du denn lieber eine Leiche finden?«, entgegnete Erlendur übellaunig. Er begriff nicht, wieso er nichts sehen konnte, obwohl er doch ganz bestimmt die Augen geöffnet hatte. Er fasste sich an die Augen, fühlte die Maske und riss sie herunter. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es ihm gelungen war, eine Stunde zu schlafen.

»Es handelt sich nicht um eine verbuddelte Leiche, sondern um ein junges Mädchen, verstehst du? Willst du wissen, wo sie liegt?«, fragte Sigurður Óli.

»Hast du nicht gerade gesagt, sie läge auf dem Friedhof?« 

»Auf dem Grab von Jón Sigurðsson. Du weißt schon, Islands Ehre, Schwert und so weiter.«

»Auf dem Grab von Jón Sigurðsson?«

»Wenn ich es richtig verstanden habe, ist sie dort hingelegt worden. Sie ist nackt, und die Frau, die sie fand, glaubt, gesehen zu haben, wie ein Mann zum Friedhofstor hinaushuschte, kurz bevor sie die Leiche fand.«

»Wieso Jón Sigurðsson?«

»Gute Frage!

»Heißt sie womöglich Ingibjörg?«

»Wer? Die Zeugin?«

»Das Mädchen.«

»Wir wissen noch nicht, um wen es sich handelt. Wieso Ingibjörg?«

»Warum weißt du nie etwas, was von Belang ist?«, sagte Erlendur boshaft. »Jón Sigurðssons Frau hieß Ingibjörg. Bist du schon auf dem Friedhof?«

»Nein. Soll ich bei dir vorbeikommen?«

»Gib mir fünf Minuten.«

»Wie hat die Schlafmaske gewirkt?«

»Schnauze!«

Erlendur lebte seit seiner Scheidung vor vielen Jahren in einer nicht sehr großen Wohnung im ältesten Teil des Breiðholt-Viertels. Seine Kinder besuchten ihn dort manchmal, wenn sie eine Zuflucht brauchten. Beide waren bereits über zwanzig, seine Tochter war rauschgiftsüchtig und sein Sohn Alkoholiker. Erlendur bemühte sich zwar nach besten Kräften, ihnen beizustehen, hatte aber nach zahllosen Versuchen die Erfahrung machen müssen, dass es wohl ein hoffnungsloser Kampf war. Deswegen hielt er sich jetzt an die einfache Philosophie, dass das Leben einfach seinen Gang geht. Die beiden hatten im Laufe der Zeit herausgefunden, dass ihre Mutter nicht bei der Wahrheit blieb, wenn sie über ihren Vater herzog und kein gutes Haar an ihm ließ. Seit der Scheidung war er ihr schlimmster Feind, und gleichzeitig der schlimmste Feind ihrer Kinder. Sie machte ein Scheusal aus ihm.

Als Erlendur und Sigurður Óli beim Friedhof eintrafen, hatte die Polizei das Gelände bereits mit einem gelben Absperrband umgeben und die Suðurgata für den gesamten Verkehr gesperrt. Spürhunde schnüffelten am Friedhofstor herum. Etliche Schaulustige, der Bodensatz des Reykjavíker Nachtlebens, standen bei den Absperrbändern und verfolgten neugierig alles, was sie auf die Entfernung erkennen konnten. Die Leute von der Spurensicherung machten sich am Grab von Jón Sigurðsson zu schaffen, einer fotografierte die Leiche aus unterschiedlichen Perpektiven. Zeitungsreporter hatten sich auch bereits eingefunden und richteten ihre Kameras auf die Szenerie, die sich ihnen darbot, aber der Zutritt zum Friedhof war ihnen verwehrt. Es war kurz nach vier Uhr morgens, und die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Polizei- und Krankenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht parkten in einer langen Reihe auf der Suðurgata. Weil die Nacht so strahlend hell war, fielen die zuckenden Blitze jedoch kaum auf.

Erlendur und Sigurður Óli gingen zu der Grabstätte, wo ihnen ein schwacher Modergeruch von dem verwelkenden Nationalfeiertagskranz entgegenschlug. Der weiße, knochige Körper des jungen Mädchens wurde von Sonnenstrahlen umspielt. Sie lag noch genauso da, wie sie aufgefunden worden war. Elínborg und Þorkell, ein weiterer Mitarbeiter der Kriminalpolizei, standen neben der Leiche.

»Ein richtiges Stillleben«, sagte Erlendur, ohne zu grüßen. »Weiß man schon etwas?«

»Wir haben noch keinen Namen, aber der Arzt hat sie sich angeschaut und erste Schlüsse gezogen«, meldete sich Elínborg zu Wort. »Es scheint sich um einen Mord zu handeln.«

Ein Mann in Erlendurs Alter stand über die Leiche gebeugt und richtete sich jetzt auf. Er hatte einen Rauschebart und trug eine dicke Hornbrille. Erlendur kannte ihn recht gut und wusste, dass er immer noch sehr unter dem Tod seiner Frau litt, die vor zwei Jahren an Krebs gestorben war. Sie arbeiteten schon lange zusammen und kamen gut miteinander aus, sprachen aber nie über Privates. Erlendur vermied es möglichst, sich in die Privatangelegenheiten anderer einzumischen, er fand, dass er genug mit seinen eigenen Problemen und denen seiner Kinder zu kämpfen hatte.

»Ich muss sie mir natürlich noch genauer anschauen, aber ich tippe auf Tod durch Ersticken. Sie ist misshandelt, möglicherweise auch vergewaltigt worden. Ich glaube, dass da Sperma an der Scheide ist, aber ansonsten gibt es keine Anzeichen von Gewalt da unten.«

»Da unten«, schnaubte Elínborg.

»Sie ist ein Junkie«, fuhr der Arzt fort, »und zwar vermutlich schon seit geraumer Zeit. Das kann man deutlich an den Armen sehen, und auch an anderen Stellen des Körpers gibt es Einstiche. Wir werden mit Sicherheit Rückstände von Drogen in ihrem Körper finden, ich nehme an, Heroin. Die Leiche ist noch nicht völlig ausgekühlt, ich vermute deswegen, dass der Tod vor ein bis anderthalb Stunden eingetreten ist. Länger ist es auf keinen Fall her.«

»Bestimmt ein Mädchen von der Straße«, warf Elínborg ein. »Sie ist mit Sicherheit auf den Strich gegangen.«

»Gibt es irgendwelche Vermisstenmeldungen über ein Mädchen in ihrem Alter?«, fragte Erlendur.

»Bei uns liegt nichts vor«, antwortete Elínborg. »Aber wenn es sich um die übliche traurige Geschichte handelt, dann ist sie vor ein paar Jahren von zu Hause abgehauen, stammt entweder aus gutem Hause oder schlechten Verhältnissen, lebt seitdem auf der Straße und hat ihren Körper verkauft. Vielleicht war sie ab und zu in einer dieser Auffangstellen und musste sich dort einer Entziehungskur unterziehen. Dann geht das Ganze wieder von vorne los, sie landete gleich wieder auf der Straße und auf dem Strich, um an Stoff heranzukommen. Wir kennen solche Fälle zur Genüge. Möglicherweise hat sie auch was mit Einbruchsdiebstählen und sonstigen kleineren Delikten zu tun gehabt. Und ihr Kundenkreis bestand bestimmt aus fiesen, alten Kerlen. Ich vermute, dass es bei uns im Computer eine ziemlich große Datei über sie gibt. Sie müsste eigentlich problemlos zu identifizieren sein.«

Sie standen zu viert zusammen und beobachteten den Arzt, der sich wieder über die Leiche beugte. Außer Erlendur hatte niemand viel Erfahrung mit Mordfällen, doch sie versuchten, sich nichts anmerken zu lassen. Die wenigen Morde, die in Reykjavík geschahen, wurden meist im Alkoholrausch verübt und waren schnell aufgeklärt. Der Unglücksmensch wurde dann verhaftet und ins Gefängnis nach Litla-Hraun geschafft. Ganz selten einmal kam es vor, dass man den Mörder erst nach einigen Tagen fand. Normalerweise stellten sie sich selber oder konnten nach kurzer Ermittlung aufgespürt werden. Gefunden wurden sie immer. Es gab so gut wie keine Morde, die kaltblütig geplant und ausgeführt wurden oder bei denen die Täter versucht hatten, die Spuren zu verwischen. 

Ganz anders verhielt es sich bei Vermisstenfällen, die kamen häufiger vor und konnten nur selten aufgeklärt werden.

»Islands Ehre und Schild, unser Jón Sigurðsson wird wohl kaum sehr erfreut darüber gewesen sein«, sagte Erlendur, der zu Jón Sigurðssons Grünspanprofil an der Stele aufblickte.

»Ob das wohl etwas mit ihm zu tun hat?«, fragte Elínborg.

»Ich bezweifle stark, dass das arme Ding aus purem Zufall hier liegt«, erklärte Erlendur.

»Vielleicht heißt sie ja tatsächlich Ingibjörg, wie du gesagt hast«, bemerkte Sigurður Óli.

»Wieso Ingibjörg?«, fragte Þorkell.

»Jón Sigurðssons Frau hieß Ingibjörg«, antwortete Sigurður Óli herablassend.

»Hieß die nicht Áslaug?«

»Áslaug?«, schnappte Erlendur. »Nicht zu fassen! Wie kommst du denn darauf?«

»Okay, dann hieß sie eben Ingibjörg«, lenkte Þorkell schnell ein.

»Du liebe Güte«, stöhnte Erlendur.

»Was ist das da auf ihrem Po?«, fragte Sigurður Óli und bückte sich. »Sie hatte womöglich einen Liebhaber, dessen Name mit J anfing«, beantwortete er selbst seine Frage. »Wo kann man sich eigentlich so eine Tätowierung machen lassen? Es gibt doch bestimmt nicht viele in der Stadt, die so etwas können.«

»Vielleicht beginnt ihr eigener Name ja mit J«, gab Þorkell zu bedenken.

»Wenn man sich deinen genialen Schlussfolgerungen anschließt, stammt sie also aus Reykjavík und ist nie aus der Stadt herausgekommen, ganz zu schweigen davon, dass sie jemals im Ausland gewesen sein könnte«, entgegnete Erlendur sarkastisch.

»Ich wünschte, die Leute würden damit aufhören, sich nachts umzubringen, dann bräuchte ich dich nicht zu wecken, Maske!«, sagte Sigurður Óli und warf Elínborg einen vielsagenden Blick zu.

»Es liegt eigentlich auf der Hand, dass sie hierhin gebracht worden ist«, sagte Elínborg. »Es gibt keinerlei Anzeichen für einen Kampf, und von ihren Klamotten gibt’s auch keine Spur. Es hat fast den Anschein, als hätte jemand sie hier mit Absicht zur Schau gestellt.«

»Vielleicht hat unser alter Jón sie beschützen sollen«, sagte Sigurður Óli. »Vielleicht sollte er sie wieder zum Leben erwecken.«

»Wo ist die Frau, die sie gefunden hat?«, fragte Erlendur. 

»Wir haben sie nach Hause bringen lassen«, antwortete Elínborg. »Ich dachte, das sei in Ordnung. Sie erwartet dich.« 

»War sie allein?«

»Das hat sie ausgesagt, und sie will außerdem einen Mann beobachtet haben, der aus dem Friedhofstor hinaus auf die Straße lief.«

»Kümmert euch darum, ob irgendjemand in den umliegenden Häusern zufällig diese Gestalt gesehen hat«, sagte Erlendur, drehte sich um und ging zum Friedhofstor. Sigurður Óli folgte ihm.

»Hast du gewusst, dass die Suðurgata früher einmal Liebesstieg genannt wurde?«, fragte Erlendur, als er in der gleißenden Morgensonne auf die Straße hinaustrat. Zwischen den beiden kam es manchmal zu einem geradezu kindischen Gerangel darum, wer mehr wusste. Erlendur litt unter Minderwertigkeitskomplexen, weil er nur einen Mittelschulabschluss hatte, während Sigurður Óli sich einiges auf sein Universitätsstudium und sein amerikanisches Diplom einbildete. Das kehrte er immer wieder selbstgefällig heraus. Er konnte einem damit den letzten Nerv töten.

»Genau«, antwortete er auf Erlendurs Frage, obwohl es ihm vollkommen neu war. »Hast du gewusst, dass die Suðurgata früher auch manchmal Leichenstieg genannt wurde?«

»Ja, natürlich«, versicherte Erlendur, obwohl er das ebenfalls zum ersten Mal hörte.

Drei

Ihr Name war Bergþóra. Sie hatte sich etwas Bequemeres angezogen, als Erlendur und Sigurður Óli bei ihr vorsprachen. Der Armleuchter hatte sich aus dem Staub gemacht, kurz nachdem sie die Polizei angerufen hatte, mit der Begründung, er habe nicht die geringste Lust, in diese Sache verwickelt zu werden – auf gewisse Weise verstand sie ihn sogar. Aber was für ein Kavalier, der einen einfach in der Scheiße sitzen ließ! Er hatte ihr noch geraten, sich, so gut es ging, aus der Sache rauszuhalten. Dazu war sie fest entschlossen. Durch den Leichenfund war sie wieder stocknüchtern geworden, und jetzt hatte sie den Moralischen. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemandem diese Nummer vom Friedhof zu erzählen, weder der Polizei noch irgendeinem anderen. Am liebsten hätte sie die letzte Stunde aus ihrem Leben einfach getilgt. Hoffentlich würde der Typ bloß bei der Arbeit die Klappe halten. Was für ein Albtraum! Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? Auf dem Friedhof! War sie total übergeschnappt?

Bergþóra wohnte in einem hellen Appartment am Aflagrandi. Sie hatte es geschmackvoll mit Möbeln aus Antiquitätenläden eingerichtet, und kleine Perserteppiche lagen hier und da auf dem Buchenparkett. An den Wänden hingen Nachdrucke, darunter Marilyn Monroe von Andy Warhol. Da sie Erlendur nicht gestattete, in ihrer Wohnung zu rauchen, musste er die Schachtel wieder einstecken. Genau die Traumwohnung für aufstrebende, karrieregeile junge Leute …, dachte er, und für einen kurzen Augenblick sah er sein eigenes Zuhause vor sich, wo alle Gegenstände und Möbelstücke bunt zusammengewürfelt waren, ohne Rücksicht auf Stil und Geschmack.

Zuerst versuchte sie es mit Lügen, sie hatte aber nicht genug Zeit gehabt, sich vorzubereiten und sie einzuüben.

»Viel gibt’s da eigentlich nicht zu erzählen«, begann sie, als Erlendur und Sigurður Óli sich gesetzt hatten, und versuchte, ihren Bericht so normal wie möglich klingen zu lassen.

»Selbstverständlich nicht, in diesem Stadtteil ist es sicher gang und gäbe, dass man auf Leichen stößt«, sagte Erlendur.

»Ich meine ja nur, dass ich euch da nicht groß weiterhelfen kann«, erwiderte sie. »Ich hab in der Innenstadt gefeiert, und so gegen drei kam ich die Suðurgata entlang, also auf dem Weg nach Hause, und da sah ich, wie der Mann aus dem Friedhof herausgerannt kam, die Straße überquerte und um die nächste Ecke rannte. Als ich näher kam, habe ich über die Friedhofsmauer geguckt und das Mädchen da auf dem Grab von Jón Sigurðsson gesehen. Ich hab sofort die Polizei angerufen.«

»Du hast zweimal angerufen. Wieso eigentlich?«, fragte Sigurður Óli.

»Ich war so durcheinander. Gestresst. Meine erste Reaktion war, die Polizei zu holen, aber ich wollte nicht in die Sache reingezogen werden. Ich wollte nicht als Zeugin auftreten. Dann hab ich es mir aber anders überlegt.«

»Wie sah der Mann aus, der da wegrannte?«, fragte Erlendur.

»Den habe ich nur ganz undeutlich gesehen und kann ihn absolut nicht beschreiben. Er war aber dunkel gekleidet.«

»Dunkel gekleidet? Hast du nichts anderes bemerkt? Wo genau warst du auf der Suðurgata, als du ihn gesehen hast?«

»Verhältnismäßig weit unten«, sagte Bergþóra und sah Erlendur in die Augen. Sie war keine geübte Lügnerin, deswegen klappte es auch jetzt nicht. Sie war müde, und ihr lag vor allem daran, die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um endlich ins Bett gehen zu können. Sie war angestrengt darum bemüht, das zu verschweigen, was nicht ans Licht kommen sollte. Ihr entging nicht, dass Erlendur das spürte.

»Du hast ihn also nicht sehr gut sehen können?«, fragte Sigurður Óli, der sich jedoch keineswegs den Kopf über irgendwelche Details zerbrach, die den Fall betrafen, sondern einzig darum bemüht war, vor den Augen dieser schönen jungen Frau Eindruck zu schinden. Sie sieht verdammt gut aus, dachte er, der sich selber auch durchaus für attraktiv hielt. Ein vulgärer Ausdruck, den er erst kürzlich bei einem sich mit Frauengeschichten brüstenden Bekannten aufgeschnappt hatte, fiel ihm ein. Stechen.

»Ich habe ihn nicht gut gesehen, und er rannte ziemlich schnell weg, er war eigentlich im nächsten Augenblick schon um die Ecke gebogen. Ich habe aber auch nicht besonders auf ihn geachtet, denn da wusste ich ja noch nichts von der Leiche.«

»Du bist sicher, dass es sich um einen Mann gehandelt hat?«, fragte Erlendur.

»Ja, absolut.«

»Du nimmst das Ganze erstaunlich gelassen hin. Warst du denn nicht entsetzt, als du mitten in der Nacht, ganz allein, die Leiche entdeckt hast?«, fragte Erlendur, vorsichtig nachhakend. »Außerdem heißt es doch, dass es auf dem alten Friedhof spukt.«

»Ich glaube nicht an Gespenster, und um diese Jahreszeit kann man ja wohl kaum von Nacht reden«, erklärte sie mit einem Lächeln. »Natürlich war ich geschockt, und eigentlich habe ich mich auch davon überhaupt noch nicht erholt. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Leiche gesehen, und es ist schrecklich, wenn ein so junges Mädchen stirbt und einfach von irgendwem irgendwo hingeworfen wird. Wisst ihr denn eigentlich schon, woran sie gestorben ist?«

»Zum gegenwärtigen Zeitpunkt möchten wir so wenig wie möglich dazu verlauten lassen«, antwortete Sigurður Óli. 

»Sie wurde doch ermordet, oder nicht?«

»Hast du dieses Kostüm angehabt, das da auf dem Stuhl liegt, als du sie gefunden hast?«, fragte Erlendur, ohne auf ihre Frage einzugehen. Seine Blicke waren auf den Esszimmerstuhl gefallen, wo sie die Sachen nach dem Umziehen in aller Eile abgelegt hatte. Sie war nicht dazu gekommen, sie wegzuhängen. »Bist du hingefallen? Ich glaube, da sind Flecken.«

»Ja, ich bin hingefallen.«

»Du hast dich dabei hoffentlich nicht verletzt?«

»Nein.«

»Sind das nicht Grasflecken? Bist du auf dem Austurvöllur hingefallen?«

»Nein, das sind … Also gut«, seufzte sie. »Er hat mich gebeten, ihn da rauszuhalten, aber eigentlich ist es mir scheißegal, was er will. Er hat mich einfach alleine da zurückgelassen! Wir waren zu zweit auf dem Friedhof. Er und ich besitzen zusammen mit einigen anderen eine Firma. Er hat mich ins Hotel Borg eingeladen, und wir waren auf dem Weg nach Hause, als mir plötzlich einfiel, dass wir eine Abkürzung über den Friedhof nehmen könnten. Wir sind dann aber stehengeblieben, haben uns ins Gras gelegt und ein bisschen rumgemacht, aber dann hörte ich ein Geräusch, und wir haben aufgehört.«

»Macht’s dir Spaß, auf Friedhöfen … rumzumachen?«, fragte Erlendur.

»Macht’s dir Spaß, danach zu fragen?«, entgegnete sie.

»Wir versuchen, uns ein Bild …«

»Was soll ich darauf antworten? Dass ich es geil finde, es auf dem Friedhof zu machen? Okay. Ich find’s geil, draußen in der Natur zu vögeln, und ein Friedhof ist ja auch so etwas wie Natur. War es nicht das, was ihr hören wolltet? Damit hat sich’s aber auch. Es hat nichts mit Leichen zu tun, verstanden? Ich möchte, dass das klar ist.«

»Und der Don Juan ist einfach abgehauen, als ihr die Leiche gefunden habt?« Erlendur ließ nicht locker. Er hatte eine Tochter, die ihm wesentlich schlimmere Geschichten aus der Gosse erzählte als dieses hübsche kleine Friedhofsabenteuer der Yuppie-Dame.

Hat er es ihr etwa auf dem Friedhof besorgt?, dachte Sigurður Óli, der nicht umhinkonnte, sich diese Szene auszumalen, und deswegen für einen Augenblick mit seinen Gedanken ganz woanders war. Er war unverheiratet, und es war bereits geraume Zeit her, seit er das letzte Mal mit einer Frau im Bett war.

»Mein Don Juan hat überhaupt nicht mitgekriegt, dass da einer aus dem Tor herausgelaufen ist«, sagte sie und stand auf. Sie fand es unangenehm, diesen beiden Männern gegenüberzusitzen und ihnen zu sagen, was sie gemacht hatte. Der Ältere wandte seine Blicke nicht von ihr ab, und der Jüngere machte im Augenblick den Eindruck, als sei er komplett weggetreten. Attraktiv ist er ja, dachte sie, aber momentan guckt er schafsdumm aus der Wäsche.

»Du warst also ein ganzes Stück entfernt, mitten auf dem Friedhof, und hast wahrscheinlich etwas Dunkles zum Tor rausrennen sehen, bevor du die Leiche bemerkt hast. Kannst du versuchen, dich genauer daran zu erinnern? Hast du irgendetwas bemerkt, was uns weiterhelfen könnte? Alter? Haarfarbe? Kleidung? Du hast auf keinen Fall sehen können, dass er in den Skothúsvegur einbog, wie du vorhin gesagt hast, oder ob er nicht doch mit einem Auto da war. Ist doch sehr unwahrscheinlich, dass er sie nackt über eine längere Strecke bis hin zum Friedhof getragen hat, um sie dort abzulegen. Du hättest eigentlich ein Auto sehen müssen. Eine Lüge will gut vorbereitet sein, verstehst du?«

»Ich habe nicht gesehen, wohin er lief, nachdem er den Friedhof verlassen hatte. Das mit dem Skothúsvegur war ein Fehler. Aber ich habe weder ein Auto gesehen noch gehört. Als wir die Suðurgata entlanggingen, war fast überhaupt kein Verkehr mehr.«

»Nur noch eins zum Schluss«, sagte Erlendur lächelnd. »Du bist uns sehr behilflich gewesen. Alles, was du uns mitgeteilt hast, wird vertraulich behandelt und bleibt unter uns, da kannst du unbesorgt sein. Wir haben nicht das geringste Interesse an deinem Privatleben. Hast du eine Ahnung, ob er dich gesehen hat?«

»Wer?«

»Der Typ, der da vom Friedhof weggerannt ist.«

»Großer Gott, hältst du das für möglich?«

Vier

Gegen Mittag war es ihnen immer noch nicht gelungen, das Mädchen zu identifizieren. Ebenso wenig hatten sich Anwohner an der Suðurgata oder am Skothúsvegur gefunden, denen irgendwelche Personen auf dem Friedhof aufgefallen waren, denn sie hatten alle in dieser Nacht den Schlaf der Gerechten geschlafen. In den Rundfunknachrichten am nächsten Morgen wurde ständig über den Leichenfund berichtet. Der Sommer war wie immer Sauregurkenzeit für die Medien, und die Leiche auf dem Grab von Jón Sigurðsson schlug in allen Nachrichtenredaktionen wie eine Bombe ein. In einer Nachrichtensendung hatte man der Toten bereits einen überaus feinsinnigen Namen gegeben, sie wurde die Präsidentenleiche genannt, und in einer anderen wurde vom Jón-Sigurðsson-Mord gesprochen, was sich so anhörte, als sei Jón Sigurðsson selber das Opfer gewesen.

Kein einziger Freund oder Bekannter hatte sich gemeldet, der ein junges, dunkelhaariges Mädchen mit einem kleinen Tattoo auf dem Po vermisste. Keine Mutter, die sich Sorgen um ihre Tochter machte, kein Vater, der nach seinem kleinen Mädchen suchte. Keine Geschwister, die ihre Schwester vermissten. Vielleicht war es auch noch zu früh für derartige Anfragen von Angehörigen. Vielleicht vermisste sie ja auch niemand. Die Leiche war ins Leichenschauhaus am Barónsstígur gebracht worden, wo sie nun auf einem kalten Stahltisch lag. Und der obduzierende Arzt sie in Arbeit hatte, wie es hieß. Ein vorläufiger Bericht war schon bald zu erwarten.

Die Mitarbeiter der Kriminalpolizei stellten sich am nächsten Mittag übernächtigt und übel gelaunt in ihrem Gebäude mit den Alkalischäden ein, das sich in einem Gewerbegebiet in Kópavogur befand. Erlendur war der Meinung, dass das Haus kurz vor dem Einsturz stand. »Ein winziges Erdbeben, und das Ganze zerbröselt zu Staub und Asche«, hatte er einmal in einer Kaffeepause behauptet und hoffnungsvoll geklungen.

Es war Sonntag, und die meisten Mitarbeiter der Kripo waren extra in den Dienst beordert worden. Auf dem Friedhof an der Suðurgata waren die Leute von der Spurensicherung immer noch mit dem Grab von Jón Sigurðsson und der näheren Umgebung beschäftigt, hatten aber noch nicht den geringsten Hinweis darauf gefunden, um wen es sich bei dem Mädchen handelte oder wie ihr Schicksal besiegelt worden war. Im Lauf des Morgens hatte man die Suðurgata wieder für den Verkehr freigegeben, und viele Schaulustige machten einen Schlenker und fuhren am Friedhof entlang ins Stadtzentrum. Fahrer und Beifahrer reckten die Hälse, um einen Blick über die Friedhofsmauer zu erhaschen und die Polizei und die Techniker bei der Arbeit zu sehen.

»Was kann ein Mann, der die Leiche eines jungen Mädchens auf das Grab von Jón Sigurðsson legt, möglicherweise damit ausdrücken wollen?«, fragte Erlendur nachdenklich hinter seinem Schreibtisch. Sigurður Óli saß ihm gegenüber. Das Büro war holzvertäfelt, und an den Wänden befanden sich Regale voller Ordner mit vergilbten Protokollen von gelösten und ungelösten, längst in Vergessenheit geratenen Fällen. In einer Ecke des Büros stand ein grauer Stahlschrank, in dem weitere alte Fälle alphabetisch geordnet aufbewahrt wurden. Auf dem Boden lag ein Teppich, der ursprünglich wohl grün gewesen sein musste, inzwischen aber abgewetzt, grau und verblichen war. Erlendur hatte keinerlei persönliche Gegenstände in seinem Büro, keine Familienbilder oder Fotos von sich auf dem Golfplatz, mit Bridgefreunden oder vom Urlaub in Spanien. Ein persönliches Foto von Erlendur hätte allerdings nur zu Hause aufgenommen werden können, wo er die Abende und die Wochenenden im verdunkelten Zimmer mit Lesen verbrachte, es hätte ihn im Sessel gezeigt mit einem Buch in der Hand oder eingeschlafen vor dem flimmernden Fernseher. Er lebte ein einsames, wenig abwechslungsreiches Leben. Seit Jahren schon hatte er keinen Urlaub mehr genommen. Er hatte wenig Freunde und pflegte kaum andere Kontakte als die zu seinen Kollegen bei der Kriminalpolizei. Er vermisste jedoch nichts, für Freunde verspürte er keinen Bedarf.

»Was fällt einem zuerst ein, wenn man den Namen Jón Sigurðsson hört?«, überlegte Sigurður Óli laut.

»Der Unabhängigkeitsheld«, sagte Erlendur, auf seine Kenntnisse aus der Mittelschule vertrauend. »Der isländische Freiheitskämpfer. Sozusagen eine heilige Figur, ein integrer Charakter durch und durch. Es ist bislang nicht gelungen, ihn mit Dreck zu bewerfen. Er war genauso, wie er redete und handelte. Hat den Isländern geholfen, hat ihre Anliegen in Kopenhagen vertreten. Unser Nationalfeiertag ist an seinem Geburtstag. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass das Ganze etwas mit der Politik der Unabhängigkeitsbewegung im neunzehnten Jahrhundert zu tun hat.«

»Und was ist mit seinem Privatleben?«, fragte Sigurður Óli. »Jón stammte aus den Westfjorden, er wurde in Hrafnseyri am Arnarfjörður geboren.«

»Am bekanntesten ist die Geschichte von ihm und seiner Frau Ingibjörg«, sagte Erlendur. »Sie war mit ihm verlobt und hat zwölf Jahre hier in Island auf ihn gewartet, während er in Kopenhagen herumgeschäkert hat. Die hatte mehr Ausdauer als die meisten Frauen heutzutage, die würden sich so etwas nicht bieten lassen. Daher stammt wohl auch das Gerücht, dass Jón einen ziemlich lockeren Lebenswandel führte.«

»Falls das Mädchen eine Nutte war, könnte es doch sein, dass das die Verbindung ist. Hat sich Jón nicht angeblich in Kopenhagen mit Freudenmädchen herumgetrieben?«

»Viel zu weit hergeholt. Ich plädiere eher für die Politik. Jón war doch in erster Linie Politiker. Wer auch immer das Mädchen auf seine Grabstätte gelegt hat, will damit etwas Politisches signalisieren. Da steckt irgendeine augenfällige Bedeutung dahinter, eine Botschaft. Wir sollten uns vielleicht mal mit einem Historiker unterhalten.«

»Ein patriotischer Mörder.«

»Ein patriotischer Mörder ist vielleicht gar nicht mal so abwegig. Ein romantischer Patriot. Vielleicht mag er die Änderungen nicht, die Island in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren durchlaufen hat, und das Mädchen ist irgendwie ein Symbol dafür. Ich habe auch was gegen diese Veränderungen, genau wie viele andere aus meiner Generation, auch wenn du und die anderen Yuppies alles mit offenen Armen aufnehmt, was von den Amis kommt. Island entwickelt sich langsam, aber sicher zu einer Art Klein-Amerika.«

»Fang doch nicht schon wieder mit dieser Leier an«, stöhnte Sigurður Óli, der Erlendurs Ansichten zu allem, was amerikanisch war, nur zur Genüge kannte. Sigurður Óli hatte seine Ausbildung in Amerika absolviert, fühlte sich nirgends wohler als dort und konnte stundenlang darüber reden, wie er in Atlanta bei sich zu Hause auf dem Sofa gelegen und sich Baseball angesehen hatte. Er erklärte jedem, der es wissen wollte, aber auch denen, die es nicht wissen wollten, dass er Baseball und amerikanischen Football und Eishockey und die unzähligen Fernsehstationen vermisste. »Du hast eine Phobie vor der Außenwelt«, sagte Sigurður Óli. »Du willst dich abschotten, das Licht ausmachen und dir eine Schlafmaske aufsetzen. Du hast dir sogar schon so ein Ding zugelegt.«

»Im letzten Winter habe ich eine Anzeige gesehen«, entgegnete Erlendur, der sich inzwischen mit den spöttischen Bemerkungen über seine Schlafmaske abgefunden hatte. »Eins von den gehobenen Restaurants hat das traditionelle Þorrablót-Büfett inseriert, mit allem, was dazugehört, sauren Widderhoden, Walspeck, gesäuerter Grützwurst, gesengten Schafsköpfen und so weiter. Die Angestellten des Lokals hatten sich hinter diesem köstlich aussehenden patriotischen Büfett mit traditionellem isländischem Essen aufgestellt und trugen samt und sonders rotkarierte Hemden, Jeans und einen weißen Cowboyhut auf dem Kopf.« Erlendur beugte sich über den Schreibtisch und sagte mit grimmiger Miene zu Sigurður Óli: »Was hat der Wilde Westen mit einem isländischen Winterfest zu tun?, habe ich nur gedacht. Was soll denn so eine Geschmacklosigkeit? Und dann habe ich es auf einmal kapiert. Saure Hammelhoden und Schafsköpfe erhalten erst dann einen Wert, wenn man sie mit Amerika in Verbindung bringt. Auf Island ist alles erst dann ›cool‹ oder ›smart‹, wenn es auf irgendeine Weise amerikanisiert ist. Düsenjets und Computer sind die bedeutendsten Erfindungen des zwanzigsten Jahrhunderts, aber nicht weniger toll sind die Wörter, die dafür im Isländischen geprägt wurden, þota und tölva. Leider interessiert sich aber niemand mehr dafür, isländische Denkweise und Sprachkultur zu bewahren, das geht alles den Bach runter.«

»Ich glaube nicht, dass es irgendwas speziell mit Amerika zu tun hat, es liegt wahrscheinlich einfach daran, dass die Welt kleiner geworden ist«, sagte Sigurður Óli, der genau wusste, dass Erlendur niemals einen McDonalds betreten würde. »Die Amis sind bloß meist den anderen meilenweit voraus, wenn es um Lifestyle geht. Die anderen äffen es dann immer nur nach. Und was soll denn eigentlich diese Forderung nach Bewahren von isländischer Denkweise und Sprachkultur, die du immer stellst? Die Franzosen sind enorme Patrioten, aber guck dir doch an, wie überheblich und stinklangweilig sie sind. Du möchtest vielleicht, dass wir so werden wie die Franzosen? Meiner Meinung nach hat so eine Politik der Isolierung keinerlei Zukunft. Die Isländer werden es nie lernen, Geschmack und Stil zu entwickeln, was sich nicht zuletzt an einem so schauerlichen Fraß wie gesäuerten Hammelhoden und abgesengten Schafsköpfen zeigt. Wer kriegt denn so ein Zeugs runter? Und ich bin mir auch nicht sicher, ob die jungen Leute heutzutage Jón Sigurðsson überhaupt noch kennen oder der Meinung sind, dass er irgendeine Bedeutung für sie hat.«

»Alle kennen Jón Sigurðsson. So dämlich sind die Isländer doch wohl noch nicht.«

»In Reykjavík gibt es fünf Stellen, wo man sich tätowieren lassen kann«, sagte Elínborg, die in diesem Augenblick Erlendurs Büro betrat. Die Tür stand wie gewöhnlich offen, nur wenn Erlendur jemanden in seinem Zimmer vernahm, schloss er sie. Elínborgs Alter war schwer einzuschätzen, wahrscheinlich irgendwo zwischen vierzig und fünfzig. Sie war etwas mollig, aber nicht dick, kleidete sich geschmackvoller als alle anderen weiblichen Mitarbeiter und war für ihre Kochkünste bekannt. Ihre Rezepte waren sehr gefragt, und sie rückte sie auch bereitwillig heraus, obwohl sie ansonsten manchmal etwas schwierig im Umgang war. Hühnchen waren ihre Spezialität, sie kannte wer weiß wie viele Zubereitungsarten. Ihre drei Kinder wussten das zu schätzen, und auch bei ihrem Ehemann, der eine kleine Autowerkstatt besaß, ging die Liebe zunächst einmal durch den Magen.

»Die klapperst du zusammen mit Þorkell ab. Beschreibe diesen Leuten das Mädchen, und finde heraus, ob sie irgendwer kennt«, sagte Erlendur. »Die von der Spurensicherung haben bestimmt ein Foto von ihrem Hintern gemacht, besorg dir einen Abzug, und stell fest, ob einer dieser Typen seine künstlerische Handschrift wiedererkennt. Hat inzwischen jemand nach ihr gefragt?«

»Noch nicht«, entgegnete Elínborg und war schon fast wieder aus der Tür. »Ob die wohl auch sonntags tätowieren?«

»Keine Ahnung«, sagte Erlendur.

»Ich mach mich lieber allein auf den Weg. Þorkell ist dieser Tage ziemlich unerträglich.«

»Wieso?«, fragte Sigurður Óli.

»Probleme mit den Frauen. Seine Blondine, diese Zahnärztin, hat ihm den Laufpass gegeben. Sie hat auf einer Tagung in London über Implantologie jemanden kennengelernt, und im gleichen Augenblick war Þorkell weg vom Fenster. Er hat’s mir gestern Abend gesagt. Ich hatte ein Tandoori-Hühnchen im Backofen, das hat er ruiniert, weil er sich unbedingt bei mir ausheulen musste. Ich habe keine Lust, mir noch mehr Gejammer von ihm anzuhören«

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