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Todespfad

Da ist keiner, der gerecht ist,
auch nicht einer.

Brief des Paulus an die Römer, Kap. 3, 10

Was immer einem einfallen mag – erfunden ist nichts.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen et cetera, bla bla – sind sie wirklich nur zufällig? Aber wir halten uns an die Gesetze! Wenn etwas bekannt vorkommt in diesem Buch, dann ist das wohl der Lauf der Dinge. Wie immer hat er recht, über alle Zeiten hinweg, Hafiz, unser Leib- und Magendichter: Schlimme Zeit, irre Welt, verhexte Sachen …

Weiter flussaufwärts
war irgendetwas nicht in Ordnung.

Joseph Conrad, Herz der Finsternis

Als die Flughunde erwachten, zischelte und raschelte es in dem alten Kapokbaum an der Gabelung des Pfades. In der schnell herabsinkenden Dämmerung schlugen sie mit ihren zarten Flughäuten. Die Hütte des Priesters stand wie eh und je an diesem Weg, der sich Richtung Sonnenuntergang teilte – ein Ort, geeignet, die Knöchelchen, die Nussschalen, die Kauris auszuwerfen, Krabben oder Mäuse laufen zu lassen, um das Orakel zu deuten. Hier war die Stätte der Ahnen, der Sitz Legbas, des Mittlers zwischen Göttern und Menschen, über dem das Tuscheln der Geister im Blattwerk des Baumes nie endete.

Ächzend hockte sich der Babalawo dicht an das Feuer und blickte auf die Sternbilder über dem östlichen Horizont. Von dort war immer die Wahrheit gekommen.

Der Alte, der sich ihm gegenüber niederließ, trug alle Insignien eines Würdenträgers, die perlenbestickte Kappe auf dem Kopf und der kostbare Stoff seines Boubou glänzten im Feuerschein. Den Stab mit dem Schwanzende eines Bullen hatte er demütig neben sich auf den Boden gelegt. Auf dem Platz vor dieser Hütte endete seine Macht. Seine Stimme war drängend: »Babalawo, höre mich an! Ich erflehe die Hilfe der Ahnen, denn mir ist Unrecht geschehen!«

Der junge Mann hinter dem Alten wagte kaum, den Blick auf die bullige Gestalt des Trickster-Gottes Legba zu heben, der mit erigiertem Penis die Kultstätte schützte. Das Huhn, traditionell das erste Opfertier, hing bewegungslos in seiner Hand, die Flügel halb geöffnet, die Krallen verkrümmt.

Der Priester hielt die Augen geschlossen, die Hände auf den Knien.

Beschwörend erklang die Stimme des Alten: »Der Frieden zwischen den Dörfern ist in Gefahr!«

Der Babalawo stieß einen rauen Laut aus.

Am Eingang der Hütte erschien ein Knabe, einen großen, flachen Korb im Arm. Der Priester nahm den Wahrsagekorb entgegen und begann, ihn zu rütteln und zu schütteln. Die Gegenstände darin sollten sich in einer Weise anordnen, die ihm Aufschluss geben würde über das, was geschehen war. Die Pflanzensamen, die Hörner, die Knochen und Zähne der Tiere der Wildnis, die geschnitzten Ahnenfiguren und Fetische, die Glasperlen und metallenen Fingerringe, sie alle bildeten seinen Kosmos, und dessen Geschicke würden die Geister ihm offenbaren. Mit dem reich verzierten Orakelklopfer schlug er mehrere Male an den Rand des Korbes. Die Jenseitigen würden sich zeigen.

Aber das hier war keine der Anordnungen, die zu sehen und zu deuten er gelernt hatte, für die es einen von den Geistern übermittelten Vers der Prophezeiung gab.

Er holte einen kleinen Spiegel aus den Falten seines Lendenschurzes und legte ihn in den Korb zu den anderen Teilen. Er wiederholte das Rütteln und Schütteln, rief den Schutzgeist seines Ahnen an, ihm Einsicht zu schenken. Vergeblich. Auch der Spiegel offenbarte ihm keine der ihm bekannten Anordnungen.

»Legba treibt Schabernack mit uns, Dugutigi. Du wirst ihm das Huhn opfern, um ihn gnädig zu stimmen.«

Der Alte erhob sich und nahm dem Sohn das Tier ab. Dann zog er unter seinem Boubou einen langen Dolch hervor. Mit einem schnellen Stich in den Hals tötete er das kreischend aufflatternde Huhn und hielt es über die Gestalt Legbas.

Der Babalawo nahm das Blatt einer Staude auf, formte eine Tülle daraus und gab aus einem schmalen Tongefäß ein wenig klare Flüssigkeit hinein, die er aus gepressten Pflanzen gewonnen hatte. Er tröpfelte sich die Medizin in die Augen. Wenn schon der Spiegel im Korb nicht in der Lage war zu sehen, dann würde ihm der glasige Film, der sich nun auf seinen Augäpfeln bildete, Einsicht in die Pläne der Geister verleihen.

Zum dritten Mal schüttelte der Priester den Wahrsagekorb, hielt ihn in alle Himmelsrichtungen und setzte ihn vor dem Feuer ab. Er kniff die Augen zusammen und starrte auf die Anordnung der Teile.

Nichts.

Vor ihm lag nur sinnloses Durcheinander. Das, was der Alte ihm da eröffnet hatte, war nicht auf Weisung der Ahnen, der Geister und der Götter geschehen.

Seine Stimme zitterte: »Etwas Ungeheuerliches hat sich ereignet. Die Jenseitigen haben das Opfertier nicht angenommen. Ich werde beim Wechsel des Mondes an dieser Weggabelung das Orakel befragen und in den Geist der Ahnen eindringen, um eine Lösung für dich zu finden.«

Der Dorfälteste und sein Sohn verneigten sich vor der Wegscheide, traten zurück und verschmolzen mit der Nacht.

Mit feinem Zischen sausten die Flughunde knapp über das verlöschende Feuer hinweg, zurück in den Schutz des Baumes.

Die erste Kauri

Jeder hat so viel Recht, wie er Macht hat.

Spinoza, Politischer Traktat II, 8

MONTAG, 4. FEBRUAR 2008, 14 UHR 25
ESSEN-NORD, SIEDLUNGSHAUS, KELLER

Er ballte die Faust. Diesmal würde er es ihnen zeigen. Endlich würden sie sehen, dass er Manns genug war, dieses ganze dreckige Gesocks so richtig fertigzumachen. Weg musste das. Die Fotze da sowieso. Auch wenn sie in seine Klasse ging.

Warum hatte die sich plötzlich so angestellt? Sie war doch sofort mitgegangen, als er sie angesprochen hatte. Aber immer schneller war sie gelaufen, und immer wieder hatte sie sich umgedreht. Die hatte das doch so gewollt, die Schlampe. Aber dann hatte sie sich mit Händen und Füßen und Zähnen gewehrt. Ein Schlag in die Magengrube, und schon war sie eingeknickt.

Keuchend kauerte sie vor ihm auf dem stinkenden Strohkissen, auf dem schon sein Opa gefickt hatte, widerlich. Aber wo hätte er denn sonst hingehen sollen?

Er hatte sich Kondome besorgt, so viel Geld hatte er noch gehabt. Und wenn er das jetzt brachte hier, dann würde er die Packung in null Komma nichts aufbrauchen, dann war alles möglich, alles, Alter …

Trotzdem, er ekelte sich vor ihr. Bestimmt war sie ein bisschen jünger als er, mit ihren vielen perlenverzierten Zöpfchen sah sie fast noch aus wie ein Kind, aber – wusste er, was diese Nutte für Krankheiten mitgebracht hatte von ihren vielen Freiern? Die anderen hatten die wildesten Geschichten losgelassen, alle waren sie schon mal dran gewesen, Ilja, Hamid, Amr, Boris – alle, nur er nicht …

Sein Vater würde ihn totschlagen, wenn er das erfuhr. Aber eigentlich konnte nichts schiefgehen. Er hatte alles genau geplant. Die anderen warteten schon auf die Vollzugsmeldung …

Hitze schoss ihm ins Gesicht. Was für ein Gefühl, sie vor sich hocken zu sehen, zitternd, halb nackt schon! Er hatte ihr die Bluse zerrissen, als er sie die Treppe hinuntergedrängt und ihr gleichzeitig den Mund zugehalten hatte. So große Augen hatte er noch nie gesehen. Grellweiß leuchteten die Augäpfel im Halbdunkel des Kellers.

Da, da war sie doch! Wie immer hing sie an ihrem Hals. Das war eine der Sachen, die er hinterher vorzeigen musste. Mit einem Ruck riss er die Kette mit der seltsam geformten Muschel ab.

Das Mädchen fasste sich erschrocken an den Hals und begann zu wimmern. »Sakpata, Sakpata …«

Es war einfach megageil. Noch nie hatte jemand Angst vor ihm gehabt.

»Sakpatas Bruder, a bє na, er wird kommen …«

Was redete die da für einen Scheiß.

Er hatte das Gefühl, sein Schwanz würde jeden Augenblick explodieren. Aber wieso tropfte plötzlich Blut auf das Laken?

Scheiße. Jetzt erst spürte er den brennenden Schmerz auf seinem Gesicht, etwas Warmes lief ihm über die Wange. Die Fotze da unter ihm hatte doch tatsächlich ihre Fingernägel durch sein Gesicht gezogen.

Dafür würde sie büßen. Für alles. Sie war schuld. Alle hatten auf ihm rumgehackt, hatten sich lustig gemacht über ihn, weil er sich noch nicht getraut hatte. Dein Pimmel hat noch nirgendwo dringesteckt, höchstens in deiner hohlen Hand, du Wichser … Ausgelacht hatten sie ihn. Dafür sind die ja schließlich da, und die von da unten ganz besonders … Die da vor ihm, das war auch so eine, die überhaupt nicht hierher gehörte. Seine Faust schlug ein zweites Mal zu.  

Der Kiefer des Mädchens knirschte, fast flog ihr Körper nach hinten auf das Stroh. Reglos lag sie da, mit ausgebreiteten Armen.

So.

Eigentlich war es viel leichter gewesen, als er gedacht hatte.

Er nahm die kleine Digitalkamera aus der Jackentasche und sah durch den Sucher. Alles sollten sie zu sehen bekommen. Alles. Dann würden sie endlich aufhören.

Er nestelte am Reißverschluss, schob die Jeans ein Stück hinunter, griff in die Boxershorts, holte seinen Schwanz heraus. Stöhnend kniete er sich über sie, gleich war es so weit, er hielt die Luft an, riss die Kamera hoch und drückte auf den Auslöser. Der Blitz tauchte den staubigen, mit Gerümpel vollgestellten Verschlag für einen Moment in grelles Licht.

Das Mädchen fuhr auf, riss die Arme hoch und schlug wild um sich. Als sie seinen Schwanz traf, schrie er auf vor Schmerz. Diese Hurenratte! Er beugte sich vor und schlug auf ihr Gesicht ein, immer wieder. Sie spuckte ihn an, er zerrte sein Taschentuch aus der Hose und stopfte es ihr in den Mund, sie spuckte es aus, schrie irgendwas. Wieder schlug er zu.

Plötzlich war sie still. Ihr Kopf fiel zur Seite.

Endlich.

Er musste sie ausziehen, das war der zweite Beweis. Er zog die Fetzen der aufgerissenen Bluse auseinander, riss ihren BH auf. Kleine Brüste, die aussahen wie Birnen, und große dunkle Brustwarzen … Das war besser als die Fotos aus Iljas Heften, besser als die Bilder im Internet. Los, schneller. Er zerrte und zerrte an ihrem Rock, endlich, jetzt der Slip … Wo waren die Gummis …

Die Kleine regte sich nicht, gut so. Mühelos spreizte er ihr die Beine, hielt dabei die Kamera hoch. Dann legte er sich auf sie und versuchte, in sie einzudringen.

Aber irgendwas passte nicht. Wieso ging das nicht? Das musste doch jetzt … Er stieß und drückte, dann richtete er sich auf. Was war da los?

Er erstarrte. So was hatte er noch nirgendwo gesehen, nicht mal im Internet.

Hatten die ihn verarscht?

Als er sah, dass Samen von seinem Schwanz tropfte, überkam ihn Übelkeit wie eine riesige Welle, und er kotzte auf den Unterleib des Mädchens. Taumelnd kam er auf die Beine, zog sich instinktiv die Hose hoch und griff nach seiner Jacke.

Wenigstens hatte er die Beweise.

DIENSTAG, 5. FEBRUAR 2008, FRÜHER MORGEN
BERLIN, TREPTOWER PARK

Als Beate aus der Halle der S-Bahn-Station Treptower Park ins Freie trat, legte sich Nieselregen wie ein Film über ihr Gesicht. Kälte zog in ihr hoch. Mussten die beiden Tage bei ihren Eltern so enden? Es war ein Elend, genau wie diese Gegend hier vor ihr, öde und still wie ein verlassener Friedhof. Verärgert zerrte sie ihren Trolley durch Furchen und Pfützen hinter sich her. Sie hatte ihn geschnappt und war einfach gegangen, mitten in der Nacht, das war immer noch besser, als sich stundenlang schlaflos im Bett ihres einstigen Kinderzimmers zu wälzen.

Wie wütend sie immer noch war! Ihr Vater hörte nur auf ihren Bruder, diesen Aufschneider, dessen Geschwätz sie noch nie hatte ertragen können. Einmal im Jahr, zwischen Weihnachten und Neujahr, fiel der Bruder mit seiner Familie in die elterliche Wohnung in Potsdam ein, jedes Mal hinterließ er Chaos.

Beate sah sich um. Morgennebel hing in den Bäumen. Ihr Ziel musste irgendwo dort drüben liegen. Sie war so früh aufgebrochen, um dem Vater nicht mehr begegnen zu müssen. Kurz hatte sie erwogen, ihre Mutter zu wecken, um sich zu verabschieden, doch sie hatte es nicht getan. Sie hatte von Potsdam aus die Bahn zum Westkreuz genommen und war dort in die Ringbahn gestiegen, die sie zu diesen riesigen dunklen Klötzen da vorn im Dunst gebracht hatte, den Treptowers. Jedes Mal dieser Ärger, dabei musste sie gleich hoch konzentriert sein.

Ihr Bruder hatte sich dem Vater bei seinem Besuch zwischen den Jahren als Finanzberater angedient. Schließlich war er ja Filialleiter einer großen Handelskette in der Dresdener Innenstadt, der jeden Abend sechsstellige Einnahmen zur Bank brachte. Völlig antiquiert sei das, sein Geld auf mickrigen Sparbüchern schrumpfen zu lassen. In Papieren amerikanischer Finanzgiganten, da steckten zweistellige Erträge … Sie hatte ihren Vater gebeten, es sich noch einmal zu überlegen, das Risiko wenigstens auf verschiedene Papiere zu verteilen. Wie immer war er in Rage geraten.

Jedes Mal diese Streiterei mit ihrem Vater, wenn sie nach Hause kam! Es war im Grunde gar nicht mehr um den Bruder gegangen. Die alten Wunden würden sich wohl nie schließen. Er hatte ihr nicht verziehen, dass sie damals geflohen war, einfach so, von heute auf morgen, ohne vorher mit ihm zu sprechen.

Über zwanzig Jahre war das jetzt her, und ihr Vater hatte es immer noch nicht verwunden! Seit fast zwölf Jahren lebte sie jetzt schon in Essen am Baldeneysee mit ihrer großen Liebe Rainer, einst schüchterner Freund aus dem Westen, den sie während einer Friedenswache in der Leipziger Nikolaikirche kennengelernt hatte. Er war über sich hinausgewachsen, um ihr bei der Flucht zu helfen.

Mittlerweile waren sie verheiratet und hatten Kinder. Melanie und Madeleine, Zwillinge, elf schon, mussten wieder einmal für einige Wochen auf ihre Mutter verzichten, aber sie akzeptierten es, genauso wie Rainer, der es von Anfang an verstanden hatte.

Übermorgen schon würde sie in eine andere Welt aufbrechen und in den Dörfern des Tschad, in Niger, in Mali, im Senegal und in Mauretanien die Familien aufsuchen, die ihre Söhne auf gefährlichsten Wegen ins Gelobte Land schickten. Sie würde die Transporte mit den jungen Leuten begleiten, sie wollte teilen, was jene erlebten, auch deren Schmerz, deren Misserfolg …

Von irgendwoher kam ein lang gezogener Signalton. Die Spree war ganz in der Nähe.

In den Treptowers war sie mit Mitarbeitern des GASIM verabredet. Hinter dem komplizierten Namen des Gemeinsamen Analyse- und Strategiezentrums illegale Migration verbarg sich ein politischer Sprengsatz, so kommentierten es nicht nur etliche Flüchtlingshilfsorganisationen. Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz waren im GASIM vertreten, die Bundespolizei, das Bundeskriminalamt, das dafür seine Räume in den Treptowers zur Verfügung stellte, dazu der Zoll, das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und schließlich das für die Visa-Vergabe zuständige Auswärtige Amt. Sie hatte schon mit vielen anderen Organisationen gesprochen, politischen wie karitativen. Ihr Besuch beim GASIM bildete den Abschluss der Vorbereitungen, bevor sie für ihre Reportagen-Serie zum Thema Migration in und aus Afrika, über Bootsflüchtlinge im Besonderen, auf große Reise ging. Sie hatte die Fahrt nach Berlin mit einem Besuch bei ihren Eltern in Potsdam verbinden können, um dort nach dem Rechten zu sehen.

Es war nicht leicht gewesen, den Termin beim GASIM zu bekommen. Jens Anders persönlich, der Herausgeber des berühmten MAGAZIN, hatte ihr mithilfe des zuständigen Staatssekretärs des Innern diesen Besuch möglich gemacht. Ihre bevorstehende Reise war ein Auftrag, ein gut bezahlter noch dazu. Lange schon schätzte Jens Anders ihre journalistische und literarische Arbeit, ihr Engagement für diesen so schwierigen Kontinent.

Sie spürte die Nässe durch ihren Mantel dringen. Irgendwo musste sie sich aufwärmen. Vielleicht war das Stehcafé, das sie am S-Bahnhof gesehen hatte, jetzt geöffnet?

Sie wandte sich um und stolperte. Herrje, der Trolley hakte, er hing an der Bordsteinkante fest. Beate zog und zerrte. Auch das noch, jetzt war eines der kleinen Rädchen abgebrochen. Seufzend nahm sie den Koffer in die Hand.

Die Sache mit der Geldanlage ging ihr nicht aus dem Kopf, gerade jetzt, wo sie für Wochen weg sein würde. Mit hochrotem Kopf hatte der Vater sie angeschrien. Misch dich nicht in Dinge, von denen du nichts verstehst, kümmere dich lieber um deine Schreiberei!

Der Hieb hatte gesessen.

Nie hatte er ihre schriftstellerischen Projekte ernst genommen. Dabei war sie mittlerweile eine der gefragtesten Reporterinnen in Deutschland, mit Aufträgen, die sie in den Irak, nach Afghanistan oder Nepal geführt hatten. Für ihre Serien etwa über 9/11 oder über den Tsunami in Südostasien an Weihnachten 2004 hatte sie sogar Preise bekommen. Und sie war eine anerkannte Lyrikerin: Ihre Veröffentlichungen wurden nicht nur in Insiderkreisen gehandelt …

Trotzig riss Beate die Tür zu dem Stehcafé auf. Ein starker Kaffee würde ihren Kopf frei machen.

DIENSTAG, 5. FEBRUAR 2008, AM FRÜHEN MORGEN
MALI, PAKOTOMONI

Diakaridia hatte sich mit den anderen hinter seinen Vater, den Dorfältesten, gestellt. Der Babalawo, Orakelpriester und Heiler ihres Dorfes, hatte zur nächtlichen Zeremonie gerufen und außer ihm noch fünf andere junge Männer aus seinem Initiationsjahrgang herbestellt, je einen gesunden, kräftigen Mann für jede der sechs Kauris. Sie waren die Stärksten ihrer Gemeinschaft, ein unauflösbarer Bund, seit sie als Knaben nach der Beschneidung in die Gesetze ihrer Gemeinschaft eingeführt worden waren.

Ein Versprechen musste eingehalten werden, so lautete das Gesetz, zumal wenn es dem Oberhaupt der Gemeinde von Diallassagou gegeben worden war, zur Ehre ihrer beiden Dörfer, zur Festigung des Friedens untereinander. Sie hatten überall gesucht, im Dorf, in jedem der Höfe, auf den Feldern, in den umliegenden Weilern. Sie hatten keine Spur gefunden. Krank war der Dugutigi durch diese Schande. Krank war das Dorf durch dieses Unglück. Doch sie wussten nicht, wofür sie bestraft wurden.

Der Priester holte das Orakelbrett hervor und streute etwas von dem weißen Holzmehl des heiligen Baumes darüber. Vor ihm im Sand lagen sechs Kaurischnecken. Er nahm sie auf und hielt sie dem Dorfältesten auf seiner offenen Hand hin.

»Erzähle mir die Geschichte dieser Kauris, Dugutigi. Dann werde ich die Ahnen befragen.«

»Wir leben in Angst, Babalawo!« Die Stimme des Dorfältesten klang gepresst. »Ich kann dir nicht sagen, was geschehen ist. Meine einzige Tochter ist dem Würdenträger einer verwandten Familie versprochen. Seit alter Zeit besteht Vetternschaft zwischen den Coulibaly und den Haïdara.« Wild tanzten die Schatten seiner Hände um das Feuer. »Diese Kaurischnecken in deiner Hand, Babalawo, Zeichen von Macht und Fruchtbarkeit, haben Mädchen auf dem Pfad zum Brunnen vor dem alten Baobab gefunden, daneben den Gürtel, an dem sie befestigt waren.« Der Alte zog ein breites Band aus Leder unter dem Boubou hervor. »Er ist geschmückt mit den Zeichen unseres Volkes. Sieh nun den Frevel: Der Gürtel, der einen unschuldigen Leib beschützen sollte, ist zerrissen!«

Diakaridia seufzte. Was hatten sie in den letzten Tagen nicht alles versucht, um herauszufinden, was geschehen war! Sie hatten die Wahrsagetafel, yurugu goro, in den Sand geformt, Samen und Aststücke ausgelegt und Erdnüsse gestreut, um den Fuchs anzulocken. Der Fuchs irrte nie. Sie würden seine Spuren zu lesen wissen. Sie hatten die Verse gesprochen, aber der Fuchs war nicht gekommen.

Er sah, wie der Priester jetzt die sechs Kauris auf das Orakelbrett warf und versunken auf die Anordnung starrte, die sich ihm bot. Alle Kauris lagen mit dem gezähnten Schlitz nach unten auf dem Brett.

»Sind die Götter durch Blut beleidigt worden?«

Der Dugutigi schüttelte den Kopf. »Nein, Babalawo, unter dem Baobab war kein Zeichen von Gewalt zu sehen, keine Spur, die uns erklären könnte, was geschehen ist. Und es gibt ein noch größeres Rätsel …«

Der Priester fachte mit dem Palmwedel das Feuer an, warf getrocknete Pflanzenteile hinein und starrte wieder auf die Anordnung der sechs Kauris.

»Die siebte Kauri, größer noch als die anderen, durch ein Opferzeichen der Gnade der Götter übergeben und somit als Zeichen künftiger Macht über dem Nabel am Gürtel getragen – sie ist nicht mehr da. Nur die sechs Kauris lagen im Sand, dazu der vom Leib gerissene Gürtel. Die siebte, die geweihte Kauri fehlt. Sage uns, Babalawo, ist das ein Zeichen – für das Leben? Für den Tod? Für den Verfall der Macht?«

Der Priester hob den Kopf und sah den Alten an. »Sieh hier die Lage der Kauris auf dem Brett – ich sehe darin ein Bild. Wenn ein Vogel durch die Wolken stößt, fällt auf manches Geschick helles Licht. Ein bislang verborgenes Unrecht ist wie dieser Vogel ins Licht gerückt. Sage, Dugutigi, wofür erbittest du die Hilfe der Ahnen?« Er nahm die Kauris hoch und schüttelte sie auf seiner Handfläche. »Für dich, der du ein Versprechen, das du einem verwandten Würdenträger gegeben hast, nicht einhalten kannst? Für diesen Würdenträger aus Diallassagou, der auf Rache drängt und dir den Frieden aufkündigt? Für eure Gemeinschaft, die die Regeln der Verwandtschaft nicht einhalten kann? Für den Menschen, der in Gefahr ist, weil er den Schutz der Reinheit verloren hat? Für das Recht deines Volkes, das verletzt wurde?«

»Das, was geschehen ist, hat mein Leben und das unserer Gemeinschaft vollständig verändert. Die Geister haben mich geschlagen. Es gelingt mir nicht mehr, die Frauen meines Hofes mit meiner Männlichkeit zu bannen. Mir droht der Fluch der Kraftlosigkeit.«

Diakaridia senkte den Blick vor Scham.

Zischend sog der Priester die Luft ein und warf die sechs Kauris ein zweites Mal in das Mehl auf dem Orakelbrett. »Die Kauris werden uns sagen, warum deine Schwäche Teil dieses zerrissenen Gürtels ist. Gab es im Dorf etwas, das die Gemeinschaft verwirrt hat?«

Was würde der Vater sagen? Als der sich fragend zu ihm umwandte, antwortete Diakaridia für ihn: »An der Grenze des Dorfes, Babalawo, haben Bauern vor einigen Tagen einen Mann gesehen, der uns wohlbekannt ist, der aber geächtet das Dorf verlassen musste. Er hat die Ehre meines Vaters verletzt und damit die Ehre der Familie und des ganzen Dorfes.«

»Berichte diesen Fall, Dugutigi, damit ich die Geister befragen kann.«

Der Vater richtete sich auf, seine Stimme klang trotzig: »Unter dem Baobab habe ich als Dorfältester Gericht gehalten über Issa, den Sohn von Mamadou Tolofoudié. Er hatte sein Auge auf Sata geworfen, meine jüngste Frau, die schönste Blüte meines Gehöftes. Nichts hielt ihn von Sata fern, nein, er ließ nicht ab von ihr. Das, Babalawo, hat mich beleidigt! Ich habe mit der Härte des Gesetzes unserer Gemeinschaft geurteilt: Ich habe ihn verstoßen. Er hat meine Macht angezweifelt und meinen Frieden gestört.«

Der Priester wiegte den Oberkörper vor und zurück, Diakaridia hörte ihn murmeln: »Du hast streng geurteilt, Dugutigi, weil dein Nebenbuhler dir zu nahe kam. Hat nun Issa Tolofoudié an der Grenze des Dorfes den bösen Blick auf dich geworfen, um sich zu rächen? Hat er das Dorf krank gemacht, indem er dich kraftlos gewünscht hat? Das Urteil unserer Ahnen ist deutlich: Du hast das Gesetz für dich missbraucht und Unrecht gesprochen.«

Der Dugutigi beugte demütig den Rücken vor dem Priester und bat: »Zeige uns einen Weg, Babalawo, damit Ehre, Frieden und Ordnung wieder in die Seelen unseres Dorfes einkehren können.«

Die fünf jungen Männer drängten sich um ihn. Für Diakaridia gab es keinen Zweifel: Sie alle würden bedingungslos jede ihnen auferlegte Pflicht erfüllen. Fruchtbarkeit war Leben, ihr Verlust war der Tod. So war das Gesetz.

Der Priester hob die Hände über das Orakelbrett. »Dugutigi, die Ahnen haben ein Bild geschickt. Erst wenn der Gürtel wieder zusammengefügt ist, wird dein Leiden aufgehoben werden, denn du selbst hast Unrecht an den Ahnen verübt. Höre die Antwort des Orakels: Das Wasser, das nicht strömt zurück oder vor, wird zum Pfuhl, der stinkt. Doch das Wasser, das weiterzieht, trägt fort ein jedes Ding, und das Wasser, das zurückströmt, bringt es wieder mit neuen Farben. Der odu des Lebens, Dugutigi – oder des Todes.«

Dann wandte sich der Babalawo den auserwählten Brüdern zu.

»Geht hinaus. Sucht den, der euer Recht verletzt hat. Holt das Unrecht zurück in euer Dorf, damit Recht gesprochen und die Ordnung wiederhergestellt werden kann. Lasst uns prüfen, ob die Ahnen das Opfer annehmen und so unseren Beschluss gutheißen.«

Diakaridia ging zu dem schwarzen Widder, der an dem Kapokbaum an der Weggabelung festgebunden war, und stach mit einem Dolch in die Halsschlagader. Die gebrochenen Hörner legten sie auf Legbas Haupt. Dann hockten sie sich nieder und warteten. Knaben zogen das Fell ab und teilten das Fleisch.

Orion stand über ihnen, das Schwert in der Scheide. Als nur noch eine dünne weißliche Rauchsäule vom Feuer aufstieg, hob der Priester sein Haupt. »Die Götter haben das Opfer angenommen. Reinigt euch von dem, was euch an eurer Pflicht hindern könnte.«

Frauen trugen Kalebassen herbei, in denen heißer Kräutersud dampfte. Sie tauchten Ballen aus trockenem Gras hinein, rieben Diakaridia und seine Brüder ab und wuschen ihnen die Augen mit einem Sud aus Samen aus. Diese Reinigung würde ihnen den klaren Blick bewahren, der sie Gefahren erkennen ließ.

Der Priester mischte unterdessen aus mit Blut verschmierter Erde, Lehm und zerkochten Kräutern einen schwärzlichen Brei und knetete ihn in seiner Hand. Er nahm die sechs Kauris auf, ritzte mit einem schmalen Dolch Linien neben den gezähnten Schlitz und füllte die rückseitigen Öffnungen der abgeschlagenen Höcker mit der Masse. Dann griff er eine Hühnerfeder und strich damit mehrere Male über die sechs Schnecken.

Knaben brachten die große Trommel und die kleinen Djembés, um mit ihrer Hilfe die Nachricht zu verbreiten. Der Priester nahm aus dem Ahnenkorb eine kleine hölzerne Figur, die mit Pfeilschäften umwickelt war, und hielt sie in die Höhe.

»Wie hier die bösen Mächte eingeschlossen sind, damit die Ahnen sie vernichten können, so soll auch euer Bund den Feind stellen.«

Die Alten des Dorfes traten aus dem Schatten des Haines, griffen zu den Trommeln und begannen, mit einem gekrümmten Stab einen schnellen, harten Takt zu schlagen.

Diakaridia nahm seine Brüder bei der Hand. Sie bildeten einen Kreis und schritten um das Feuer, wurden mit dem Anschwellen der Rhythmen immer schneller und stampften die Botschaft in den lehmigen Boden:

Die Jagd war eröffnet.

DIENSTAG, 5. FEBRUAR 2008, 9 UHR 33
BERLIN, TREPTOWERS, KONFERENZRAUM DES GASIM

Beate saß in dem kahlen Konferenzraum mehr als einem halben Dutzend Männern in unauffälligen grauen und blauen Anzügen gegenüber. Was für ein Aufwand um ihre Person!

In der letzten halben Stunde hatte man ihr eine PowerPoint-Präsentation über die wichtigsten Flüchtlingsströme auf der Welt und Diagramme von zu erwartenden künftigen Migrationsverläufen gezeigt und die Probleme erläutert, die damit verbunden waren. Nach seriösen Schätzungen wurde in Europa durch Menschenschmuggel inzwischen ein höherer Jahresumsatz erzielt als im internationalen Drogenhandel. Hier ging es um zweistellige Milliardensummen. Unter den weltweit operierenden Schleuser-Syndikaten war ein harter Kampf um Einflussbereiche und nützliche Migranten entbrannt. In Deutschland hatte die Schleuserkriminalität bereits einen Anteil von zehn Prozent an der gesamten organisierten Kriminalität, Tendenz steigend.

Der stellvertretende Leiter der Behörde, der sich als Dr. Rüdiger Mittwald vorgestellt hatte, las mit neutraler Stimme vorbereitete Antworten auf ihre Fragen ab: »Es sind ja nicht nur PRO ASYL oder ähnliche Gruppierungen, die uns kritisieren, wir spüren Gegenwind auch aus den Parteien, von den Linken und den Grünen insbesondere, von den Gewerkschaften, aus liberalen Kreisen und sogar von Leuten aus der Koalition, die meinen, unser Zweckbündnis infrage stellen zu müssen. Wir nehmen das alles sehr ernst.«

Beate sah sich um. Die Runde der Männer am Tisch nickte synchron, die Blicke wie Kompassnadeln auf den Vorgesetzten gerichtet.

»Wir müssen, um unsere Arbeit effizient zu gestalten, die Schleuserbanden ernst nehmen, denn diese sind viel besser organisiert als die nationalen und europäischen Polizei- und Sicherheitsbehörden. In Deutschland wird seit 2001, um exakt zu sein, seit 9/11, mit Hochdruck daran gearbeitet, ähnlich wirksame Netzwerke zu etablieren, wie sie auf der anderen Seite des Atlantiks seit Langem bestehen. Die verschiedenen Sicherheitsbehörden und maßgebliche Teile der Politik haben endlich erkannt, dass Terrorismus und illegale Migration eng miteinander verknüpft sind.«

Beate seufzte. Seit ein paar Jahren ließen sich mit dem Verdacht auf Terrorismus praktisch alle politischen Maßnahmen, Verwaltungsakte und Gesetze begründen. Auch das GASIM verdankte al-Qaida seine Existenz.

»Das Geschäftsfeld internationaler Schleuserorganisationen besteht nicht nur aus Kinderhandel, Zwangsprostitution oder Drogen- und Waffenschmuggel«, fuhr Dr. Mittwald fort, »sie unterstützen auch Terroristen bei ihren Bewegungen über Grenzen hinweg. Es werden Gruppierungen gegründet, die das Ziel verfolgen, Geld für terroristische Zwecke zu sammeln und mit den geschleusten Flüchtlingen auch den einen oder anderen potenziellen Selbstmordattentäter einzuführen.«

Beate fragte betont höflich: »Ich nehme an, die Zusammenarbeit der Kriminellen mit den Terroristen und umgekehrt macht Ihre Aufgabe noch schwieriger …«

Der Vertreter des Bundeskriminalamtes beugte sich vor. »Natürlich, Frau Rehbein, so ist es, stellen Sie sich das nicht so einfach vor. Doch die offene Organisationsstruktur des GASIM hier in Treptow hat sich bewährt. Angesichts der Netzwerke international agierender krimineller Ringe müssen wir unsere Kräfte bündeln.«

Dr. Mittwald erteilte einem Vertreter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg das Wort. »Das Problem illegaler Einwanderung, Frau Rehbein, hat sich in letzter Zeit in Deutschland keineswegs entschärft, auch wenn der Eindruck in der Öffentlichkeit ein anderer ist, weil es die Containerlager aus den neunziger Jahren ja zum Glück nicht mehr gibt.« Er breitete die Arme aus. »Flüchtlingsboote und Flüchtlingslager sind keinesfalls nur ein Problem der Mittelmeeranrainer, wie viele Medien ihren Lesern und Zuschauern weismachen wollen. Wir haben erst kürzlich von den französischen Behörden gehört, dass achtzig Prozent der Menschen auf einem vor der südfranzösischen Küste abgefangenen Flüchtlingsschiff inzwischen in Deutschland untergetaucht sind. Und wie die Italiener mit ihren Flüchtlingen umgehen, das wollen Sie gar nicht wissen. Verstehen Sie die Brisanz, Frau Rehbein?« Mit seinem Zeigefinger stach er in ihre Richtung.

Natürlich verstand sie. Die Dunkelziffer der afrikanischen Flüchtlinge, die den Weg nach Deutschland fanden, war mit Sicherheit viel höher als die offiziellen Zahlen.

Der bayrische Migrationsexperte bestätigte das: »Lassen Sie sich von den in den letzten Jahren rückläufigen Zahlen der Asylbewerber nicht blenden, sie zeigen nur einen Teil des Bildes. Mit dem GASIM hoffen wir, die illegale Migration auf Dauer wirksamer bekämpfen zu können.«

Bekämpfen? Beate entschloss sich, die Männerrunde zu provozieren. »Aber warum ist die europäische Flüchtlingspolitik denn so rigide? Warum reden Sie immer nur von verhindern, abwehren, zuvorkommen und – bekämpfen? Die Bootsflüchtlinge, die vielen Toten an den EU-Grenzen, sind sie nicht der einkalkulierte Preis für diese Politik der Abschottung?«

Der Mann vom BKA, der sich als Hubert Brock vorstellte, räusperte sich und setzte ein bedauerndes Lächeln auf. »Frau Rehbein, mit dieser Frage sind Sie hier am falschen Ort. Das müssen Sie die Politiker fragen. Wir sind nur ausführende Organe.«

»Aber was ist mit FRONTEX, der Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen? Wurde sie nicht 2004 von der EU ins Leben gerufen?«

»Stimmt, aber was soll damit sein? Die Agentur koordiniert doch lediglich die Aktionen der einzelnen Staaten zum Schutz der Außengrenzen. Sie stärkt so die Sicherheit der ganzen Gemeinschaft.«

»Aber dadurch werden nur noch mehr Barrieren aufgebaut. Die Zahl der Bootsflüchtlinge geht zurück, die der Toten auf den Meeren nimmt zu. Auch das Rote Kreuz macht die verstärkte Abschottung durch FRONTEX für die Zunahme an Opfern verantwortlich. Europa ist für die Flüchtlinge eine nahezu unzugängliche Festung geworden. Ich denke …«

»Frau Rehbein, wir vertreten hier GASIM, nicht FRONTEX«, warf Dr. Mittwald ein.

»Aber das lässt sich doch nicht trennen!«

»Ich kann nur für GASIM sprechen. Und wir sehen das so: Freien Zugang für Afrikaner nach Europa kann es aus vielen Gründen nicht geben. Es gibt reichlich Programme für Afrika, konkrete Projekte, abgestimmt mit unseren Partnern aus Übersee und mit der UNO, denken Sie nur an die Gründung von CIGEM in Mali, auch finanzielle Hilfe …«

»Sie meinen, Europa kauft sich frei, gibt …«

»Frau Rehbein, müssen wir nicht in erster Linie daran arbeiten, den Menschen in Afrika Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten? Das ist nicht leicht, aber nur dieser Weg führt zum Erfolg …«

In diesem Moment stürmte Klaus Reichwein, der Staatssekretär des Innern, herein. »Entschuldigen Sie meine Verspätung. Schön, Frau Rehbein, dass ich Sie noch treffe. Mein Freund Jens Anders vom MAGAZIN hat mir erzählt, was Sie vorhaben. Toll, ich bin schon jetzt gespannt auf Ihre Serie. Afrika ist die Wiege der Menschheit, von dort ist die Besiedlung Europas ausgegangen! Wir werden die Afrikaner nicht im Stich lassen! Wenn man es genau nimmt, sind das doch unsere nächsten Verwandten …«

Reichwein lachte, die anderen Männer im Raum stimmten verhalten ein und nickten, nickten …

Wie Nickneger, kam es Beate in den Sinn. Wie diese bunt angemalten Negerkinder auf den Spardosen, die es noch nach dem Zweiten Weltkrieg in westdeutschen Kirchen gegeben hatte. Und immer, wenn man eine Münze in die Dose geworfen hatte, hatte der kleine schwarze Junge genickt.

Reichwein setzte eine ernste Miene auf. »Frau Rehbein, das, was Sie da vorhaben, ist kein Honigschlecken.«

Beate ballte innerlich die Fäuste, aber sie riss sich zusammen. Schließlich war sie diejenige, die etwas wollte …

»Sagen Sie, Herr Reichwein, gibt es eine Möglichkeit, am Ende meiner Reise auf den Kanaren Zugang zu den Lagern zu erhalten? Ich möchte dort mit Flüchtlingen sprechen, denen die Überfahrt gelungen ist. Sie haben doch sicherlich Möglichkeiten, Verbindungen …«

»Wenden Sie sich an Herrn Brock. Vielleicht kann er Ihnen helfen. Was ist mit Ihrer Reiseroute, kennen Sie sie schon im Einzelnen? Wir können Sie vielleicht auch in dieser Hinsicht unterstützen.«

»Danke vielmals.«

»African dreams …« Reichwein lächelte. »Nennen Sie Ihre Reportage doch African dreams …«

SONNTAG, 10. FEBRUAR 2008, EINBRECHENDE NACHT
MALI, GEHÖFT IN SÉVARÉ

Hundert, hundertfünfzig, zweihundert … Die sechs kleinen Häufchen im Sand wuchsen nur langsam. Diakaridia hatte Mühe, die Münzen in einem Beutel aus Ziegenleder, die sein Vater ihm anvertraut hatte, gleichmäßig zu verteilen. Das war alles gewesen, was der Dugutigi besessen hatte.

Diakaridia blickte auf. Erwartungsvoll und besorgt zugleich sahen sie ihn an, Hassana, der immer fröhliche Jäger, Habibou, ihr Frauenheld, neben ihm der stämmige Jakuba, dem keine Arbeit zu lästig war, ihm gegenüber Mamoudou, ihr Nimmersatt, der das Fleisch erst mürrisch teilte, wenn Daouda, der jetzt grimmig auf die Geldstücke starrte, ihn lachend dazu aufforderte – eine Runde von Brüdern, auf die er sich blind verlassen konnte.

Fünfhundert, sechshundert, siebenhundert … Wie weit würden sie damit kommen?

An dieser Kreuzung hier in Sévaré würden sie sich trennen müssen, noch heute Nacht. Das würde allen schwerfallen. Aber die Buschgeister würden sie leiten.

Diakaridia suchte unter seinem Boubou nach dem Lederband mit der Kauri und betastete die raue Oberfläche der gezähnten Öffnung. Er schämte sich für die Verfehlung seines Vaters. Aber die verletzte Ordnung musste wiederhergestellt werden. Die große Trommel hatte gesprochen: Das Wild wurde gejagt.

Hassana war es gewesen, der Issa Tolofoudié, den Geächteten, hatte um das Dorf streunen sehen. Das war ihre einzige Spur. Und so hatten sie beschlossen, ihr Bündel zu packen, den Sack aus Ziegenfell für das Wasser vorzubereiten, sich unter dem großen Fromager-Baum auf dem Marktplatz zu sammeln und gemeinsam aufzubrechen, nach Bandiagara, wohin sonst? Dort war die Asphaltstraße. Dort würden sie die Fährte aufnehmen können.

Eintausendeinhundertfünfzig, eintausendzweihundert … Es lagen kaum noch Münzen im Beutel. Sechs größere Haufen waren es geworden, aber was waren sie wert?

Er selbst würde mit dem taxi brousse, dem Buschtaxi, nach Abidjan fahren, das ging zwar langsam, aber es war billig, auf diesen überladenen Peugeots, die sich von Markt zu Markt bewegten, mitzureisen. Für die Elfenbeinküste brauchte ein Malier keinen Pass. Und in Abidjan hatte er einen Cousin, der im Hafen arbeitete und Frachtschiffe belud. Er würde Sirafo finden, und dann …

»Diakaridia, du träumst!« Jakuba lachte ihn aus.

Er verteilte die letzten Münzen. Ja, sie mussten aufbrechen.

Er dachte noch einmal zurück an Pakotomoni, das sie im Morgengrauen verlassen hatten. Lange hatten sie auf Hassana gewartet und ihn gerufen. Schließlich war er angelaufen gekommen und hatte diese Frau mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm hinter sich her gezerrt. Zuerst hatten sie sich weigern wollen, sie hatten einen klaren Auftrag. Hassana hatte sehr unglücklich ausgesehen, aber er hatte sich nicht weigern können, diese Frau nach Frankreich zu ihrem Mann zu begleiten, zu seinem ältesten Bruder. Sie alle konnten sich nicht weigern. So lautete das Gesetz.

Die Frau war ihnen schweigend auf ihrem langen Weg gefolgt. Wann immer ihnen auf den heißen sandigen Wegen zwischen den Feldern ein Karren begegnet war, hatte sie sich ein Stück mitnehmen lassen und dem Kind die Brust gegeben. Wie alt mochte sie sein? Achtzehn, neunzehn?

Nun gut, sie hatten zugestimmt, aber Hassana würde sich um Yagalé und das Kind kümmern müssen: Es war seine Pflicht. Sand, Hitze, all die drohenden Gefahren … Sie wussten, wie schwer der Weg war. Kinder würden in Europa immer aufgenommen, hieß es. Dennoch, Diakaridia war nicht wohl dabei.  

Nach ihrer Ankunft in Diallassagou hatten sie erschöpft an der Wasserleitung am Markt eine Rast eingelegt. In allen Dörfern und kleinen Städten, in Massakana, in Coumbériba, in Tori hatte man ihnen Wasser und Essen gereicht, denn überall hatte man die Jagdtrommeln gehört. Wo war Issa Tolofoudié? Wieder und wieder hatten sie sich umgehört. Er habe nach einer Mitfahrgelegenheit nach Bandiagara gefragt, hieß es, einige wollten ihn in Begleitung eines Kindes gesehen haben. Aber das war schon einige Zeit her, in den Tagen des letzten Mondwechsels. Eilig habe er es gehabt, hatte der Schneider gemeint, der im Schatten des Marktplatzes hinter seiner Nähmaschine saß.

Auf einem Lastwagen waren sie – durchgeschüttelt und rot vom Staub der Piste – in Bandiagara angekommen. Mamoudous Vetter führte das kleine Restaurant am Markt; bei ihm hatten sie essen und, in eine Decke gehüllt, im Hof übernachten können. Yagalé war, das Kind auf dem Arm, klaglos niedergesunken.

Diakaridia liebte die Nächte im Freien, die Sterne standen so tief, als könnte man sie greifen. Noch immer steckte Orions himmlisches Schwert in der Scheide. Aber ihre Mühe hatte sich gelohnt. Gestern früh hatten sie die Spur aufnehmen können, die Geister der Jagd hatten ihnen den Weg gewiesen!

Er hing seinen Gedanken nach. Die Spur führte nach Europa, in das Gelobte Land, da war er sicher. Sie waren in Bandiagara durch das trockene Flussbett zur katholischen Missionsstation gegangen, denn dort hatte man Issa Tolofoudié des Öfteren gesehen. Vor dem Tor hatten sie einen Wagen mit laufendem Motor beobachtet, das Logo auf beiden Seiten hatte er mühsam entziffert: SOS Enfants Dogon. Ein Kinderhilfswerk, das wusste er. Issa Tolofoudié hatte lässig an der Tür gelehnt.

Auch Issa musste den tiefen Klang der Trommel gehört haben. Als er die sechs Brüder hatte näher kommen sehen, war er eingestiegen, mit hohem Tempo losgefahren und in den engen Gassen von Bandiagara untergetaucht. War das nicht verdächtig genug? Als sie sich an den Priester am Tor der Mission wandten, um mehr über SOS Enfants Dogon zu erfahren, hörten sie, dass Issa ein Cousin des Leiters dieser Organisation war und ab und zu von ihm als Fahrer oder für andere kleinere Arbeiten beschäftigt wurde; aber der Leiter sei ständig unterwegs, häufig müsse er Kinder in das Krankenhaus von Mopti oder die schweren Fälle sogar bis nach Bamako bringen, erst vor einigen Tagen habe Issa ihn dorthin chauffiert … Also hatten sie eine Mitfahrgelegenheit nach Sévaré gesucht, um an der großen Kreuzung die Fährte zu verfolgen.

Jedermann an diesem wichtigen Schnittpunkt kannte den Wagen des Kinderhilfswerks und seinen Leiter, und so hörten sie, der Wagen sei das letzte Mal vor etwa zehn Tagen gesehen worden: Er habe hier gehalten, Issa Tolofoudié habe am Steuer gesessen, der Leiter sei ausgestiegen und in die Papeterie von Sékou Tapo gegangen. Bei dem dicken Sékou Tapo, ya allahu, da bekomme man mehr als nur Zeitungen, Hefte und Bücher, da gebe es Papiere, die man woanders nicht bekomme, nach einer Nacht schon, für sehr viel Geld … Und dann habe der Leiter selbst das Steuer übernommen und sei auf die Straße nach Bamako gefahren. Für die umliegenden Länder brauche man so etwas doch gar nicht, und dieser Bruder des Sakpata, lachten sie, der fliege doch regelmäßig weit weg.

Als sie in der Dämmerung auf dem Hof von Hassanas Onkel um das Feuer saßen, wussten alle: Sie würden sich trennen müssen. Zusammen waren sie zu auffällig, zu unbeweglich. Jeder von ihnen würde mit seinen Mitteln versuchen müssen, nach Europa zu gelangen, um der Fährte zu folgen. Sie waren jung, sie waren stark.

Der Muezzin rief von der nahen Moschee. Diakaridia ließ sich eine der bunten Plastikkannen neben der Hütte reichen und begann als Erster mit der vorgeschriebenen Waschung. Er rollte die große Matte aus, stellte sich vor die Reihe seiner Brüder und sprach das Allahu akbaru, wieder und wieder.

Das Feuer war heruntergebrannt, und die Glut warf einen letzten schwachen Schein in die Runde.

»Nehmt eure Kauri«, sagte Diakaridia leise, »und versteckt das hier in der Öffnung.« Er gab jedem der fünf einen schmalen Streifen Papier. »Ich habe lange darüber nachgedacht, wie unser Bund bestehen bleiben kann. Ich habe die Sprache des Propheten gewählt, wie sie euch der Marabout gelehrt hat. Al-hamdu lillāh!«

Jeder Bruder nahm sein Messer zur Hand, das er in einem Lederreifen am Oberarm unter seinem Boubou trug. Sie hoben die Kauri ein wenig an, schoben den winzigen aufgerollten Zettel in die Höhlung und drückten die Schnecke wieder auf den Lederfleck.

»Hinter den Worten des Propheten werden wir einander wiederfinden. Vergesst niemals die Weisung des Babalawo!«, murmelte Diakaridia. »Das Wasser, das nicht strömt zurück oder vor, wird zum Pfuhl, der stinkt …«

Er erhob sich, und die Brüder bildeten einen Kreis um ihn. Schweigend umarmten sie einander, dann verschwanden sie in der Nacht.

DIENSTAG, 19. FEBRUAR 2008, ABENDS
ESSEN-HEISINGEN, PRIVATHAUS

Das junge Mädchen lag halb auf einer schmutzigen, mit einem zerknüllten Laken bedeckten Matratze und halb auf dem kahlen Betonboden, die Beine gespreizt, irgendetwas stand dazwischen, der Slip zerrissen daneben, der Unterleib nackt, auf dem Bauch glänzende Flecken, ein Schildchen mit Nummer 1 davor, ein großes Tuch mit ungewöhnlichem Muster daneben, darauf eine kleine Digitalkamera. Aufgerissene Augen, grell schimmernd auf der schwarzen Haut, die vielen geflochtenen Zöpfe zu einem kunstvollen Gebilde geformt und mit bunten Perlen verziert, darunter eine Blutlache, Nummer 2, nicht groß. Mitten auf der Brust ein, ein … Was war das? Mein Gott, eine Stichwunde auf Höhe des Herzens, Nummer 3. Das war nicht einfach ein Stich, es sah vielmehr aus wie ein Muster, als hätte jemand ein Messer hineingestoßen und es auf eine bestimmte Art wieder herausgezogen. So, als wollte er ein Tier schächten …

Jugendrichter Gerd Meiselbach zog ein zweites Foto hervor, es zeigte die gespreizten Beine des Mädchens, in der Mitte die geöffnete Scham, Nummer 4, weiß vor schwarzer Haut.

»Mein Gott! Was soll denn das, Gerd, warum zeigst du mir das? Das sind doch …«

»Ich weiß, eigentlich darf ich das gar nicht, aber ich gehe einfach mal davon aus, dass du mir den Freundschaftsdienst erweist, um den ich dich gleich bitten werde.«

Rainer Rehbein zog die Augenbrauen zusammen, aber Meiselbach bedeutete ihm, erst einmal zuzuhören.

»Es ist nicht das, wonach es auf den ersten Blick aussieht. Es geht um die Art des Einstichs. Ungewöhnlich, wirklich ungewöhnlich.« Meiselbach stellte das Rotweinglas ab, stand auf und ging Richtung Küche. »Ich glaube, wir können beide einen Cognac vertragen …«

Rainer nahm die Fotos noch einmal in die Hand. Ja, das war starker Tobak. Er spürte, wie der gerade mit Genuss verspeiste Wildschweinrücken mit dieser hervorragenden Sauce in seinem Magen zu rumoren begann. Nach dem letzten Bissen hatte Meiselbach unvermittelt begonnen, von einem seiner Fälle zu erzählen, von einem jugendlichen Verdächtigen namens Maik Kraskowiak, und ebenso plötzlich hatte er ihm diese schrecklichen Tatortfotos vorgelegt.

Er versuchte, seine Betroffenheit abzuschütteln. »Also, Gerd, du hast mir diese Bilder nicht ohne Grund gezeigt. Raus mit der Sprache.«

Meiselbach setzte sich wieder. »Ich bin der für diesen Mord zuständige Richter am Essener Jugendgericht, aber dieser Fall hier«, er zeigte auf die Fotos, »ist mir überhaupt nicht klar. Dabei läuft uns die Zeit davon, schließlich handelt es sich um einen Jugendlichen. Rainer, du hast doch früher auch schon das eine oder andere Mal als sozialpädagogischer Gutachter …«

»Oh nein, Gerd!« Er hob abwehrend die Hände, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. »Das ist schon sehr lange her. Wenn du meinen Arbeitsalltag kennen würdest! Und dann … Beate ist in Afrika, und, Himmel, die Zwillinge, die werden mit ihren elf Jahren auch nicht einfacher …«

Beate war noch nicht einmal zwei Wochen weg, und genau jetzt hatten Madeleine und Melanie sich entschieden, so richtig auf die pubertäre Pauke zu hauen. Sie stritten nicht nur wegen jeder Kleinigkeit miteinander, sondern auch mit ihm. Ihr neues Thema zu allen Tages- und Nachtzeiten: Jungen. Diese Eitelkeiten und Eifersüchteleien – grässlich! Er war ausgebildeter Sozialpädagoge und leitete in Essen seit Jahren eine der größten Sozialeinrichtungen für Kinder und Jugendliche im Ruhrgebiet. Aber was half das gegen aufmüpfige Mädchen, die sich gegen ihn verbündeten? Er fühlte sich hilflos.

Der Richter ging hinaus und kam mit einem prall gefüllten Aktendeckel zurück. Er nahm ein Schachspiel von einem der Beistelltische, stellte ihn vor den Kamin, in dem ein gemütliches Feuer prasselte, und legte die Akte darauf ab.

Na gut, er würde sich das Ganze wenigstens anhören. Das konnte er seinem Freund Meiselbach nicht abschlagen.

Meiselbach goss ihm von dem exzellenten Cognac nach, setzte sich ihm gegenüber und wartete. Rainer hob den Aktendeckel an und ließ ihn sofort wieder zurückfallen. Furchtbar … Er trank einen Schluck und hielt eine Weile die Luft an.

Widerwillig öffnete er erneut den Ordner. Das Foto, das ganz oben lag, war offenbar auf dem Seziertisch des Pathologen aufgenommen worden. Die Genitalien des schwarzen Mädchens in Großaufnahme. Die Scheide war mit groben Stichen zugenäht. Eine winzige Öffnung, kaum zu erkennen, unterbrach die wulstige Naht. Wieder spürte er sauer das Essen aufsteigen. Fragend sah er den Freund an.

»Eine Infibulation. Das ist eine Verengung der Vaginalöffnung«, Meiselbach nahm einen Zettel aus der Akte und las vor: »Es wird ein deckender Verschluss gebildet, indem die kleinen und/oder die großen Schamlippen beschnitten und zusammengenäht werden, mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris. In diesem Fall und und mit.«

»Aber du willst doch jetzt nicht sagen … Das wäre ja …«

Meiselbach hob abwehrend die Hände. »Offenbar hat man diese Infibulation schon vor einigen Jahren vorgenommen. Die Tote heißt laut Aussage des Vaters Aminata Dramé. Sie soll von der Elfenbeinküste stammen. Auf welchem Weg sie nach Essen gekommen ist, weiß man noch nicht. Die Familie hat derzeit ein Aufenthaltsrecht, bis über den Asylantrag entschieden ist. Gültige Dokumente gibt es offenbar nicht. Tatort, Wohnort, Spuren, Ermittlungen … Steht alles in dieser Akte. Nimm dir mal den vorläufigen Bericht des Rechtsmediziners vor.«

Rainer versuchte sich zu sammeln. Wo lag das Problem des Jugendrichters? Der hatte ihm von Maik Kraskowiak erzählt, von einem sechzehnjährigen Jugendlichen aus dem Essener Norden, aufgewachsen in Vogelheim, wohnhaft in Altenessen, ja, er kannte das Viertel mit den Brücken über Fluss und Kanal, extrem hoher Migrantenanteil, hohe Jugendarbeitslosigkeit. Ein bisschen alt für das achte Schuljahr Hauptschule. Der Junge war über DNA-Spuren und seine am Tatort hinterlassene Kamera gefasst, der Vergewaltigung und des Mordes an Aminata Dramé verdächtigt und sofort in Untersuchungshaft genommen worden. Er hatte sich widerstandslos verhaften lassen und auch in Gegenwart des Jugendhelfers und des Pflichtverteidigers kein Wort gesagt.

Rainer schlug den Autopsiebericht auf. Der Junge hatte offenbar versucht, das Mädchen zu vergewaltigen. Die Infibulation hatte die Penetration verhindert, aber die Spermaflecken hatten ihn verraten. Zudem waren auf der Speicherkarte der Kamera zwei Fotos, die seinen Versuch deutlich genug in Großaufnahme dokumentierten. Was hatte sich der Junge bloß dabei gedacht? Der Unterkiefer des Mädchens war gebrochen, außerdem gab es mehrere nur schwer erkennbare Hämatome. Die Kopfverletzung war offenbar durch einen Sturz verursacht worden. Am Hals hatte man eine kleine Scheuerwunde entdeckt, Ursache unklar, möglicherweise eine versuchte Strangulation mit einem dünnen Seil.

»Wenn ich das Gutachten erstellen soll … Also, ich müsste viel mehr Material haben, das ganze soziale Umfeld, Schule, Elternhaus, die Freunde, wie er sich bisher verhalten hat … Ohne Einsicht in die Akten geht das nicht.«

»Komm mit.«

Meiselbach nahm die Unterlagen und führte Rainer in die Bibliothek gegenüber dem Wohnzimmer. Er legte die Akte auf den Schreibtisch, neben eine teuer aussehende Computeranlage.

»Ich gehe jetzt mal in die Küche. Du möchtest doch bestimmt auch einen Espresso, oder?«

Während Rainer sich die wichtigsten Dokumente kopierte, überflog er den Bericht des Rechtsmediziners. Erstaunlich: Unter den Fingernägeln der Toten hatte man Hautfetzen gefunden, die von mindestens zwei Menschen stammten. Die eine DNA gehörte zu dem Jungen, die andere war bisher nicht zuzuordnen. Die tödliche Verletzung, den Stich mit einem scharfen Gegenstand, so lautete das Fazit, konnte der Junge dem Mädchen nicht beigebracht haben.

Gerade als er die kopierten Seiten in der Innentasche seines Jacketts verstaute, kam Meiselbach zurück, zwei Espressotassen in der Hand.

Rainer sah ihn fragend an: »Der Junge hat das Mädchen offenbar nicht …«

»Das ist es ja. Eine furchtbare Geschichte.« Meiselbach zuckte mit den Schultern. »Der Mörder läuft noch frei herum.«

MITTWOCH, 27. FEBRUAR 2008, NACHMITTAGS
MAURETANIEN, KÜSTE BEIM FISCHERDORF TIOUILÎT

Sie wusste genau, was hinter dieser letzten blendend weißen Dünenlinie auf sie wartete, und doch war sie wie im Rausch. Beate trieb den schlingernden Allrad-Jeep durch den knöcheltiefen Sand der ausgefahrenen Piste. Sie hatte den Wagen für eine horrende Summe in Nouakchott gemietet. Es war der letzte Tag ihrer Reise: Nach drei Wochen harter Arbeit in Staub und Hitze nahte Erlösung, Befreiung!

Das Dörfchen Tiouilît lag hinter dieser letzten Düne, deren nie versiegender Sandstrom sich unaufhaltsam ins Meer ergoss und die Brecher über den gefährlichen Untiefen auslöste, gegen die die offenen Holzboote der Fischer nur schwer ankamen.

Im ersten Gang und mit heulendem Motor fuhr sie den weichen Dünenhang hinauf. Sie riss das Steuer nach rechts und links, damit der Wagen nicht im Sand versank. Plötzlich gab es einen Ruck, und der Jeep saß auf der Kuppe der Düne auf. Seufzend nahm sie die Schaufel von der Rückbank und stieg aus. Autos freizuschaufeln war ihr nur allzu vertraut.

Der schwüle Seewind packte sie. Vor ihr öffnete sich der Atlantik, hohe Wellen krachten auf den Strand. Ihr stockte der Atem, sie musste sich setzen. Bunt bemalte Boote kämpften sich durch die Brandung hinaus aufs Meer, andere schossen, schwer beladen, herauf auf den Sand. Jungen stemmten die enormen Seefische auf die Schultern, und Frauen wälzten sie im Sand, um sie frisch zu halten für den Transport ins Inland.

Beate atmete tief ein. Sie schmeckte Salz auf den Lippen. Es gab keine Grenze zwischen Himmel und Meer. Tränen stiegen in ihr auf, trieben mit den bedrängenden Bildern der letzten Wochen auch die Worte hervor:

an diesem Ende der Welt

an diesem Eingang zur Hölle

Quand tu reviendras … – Sie hörte sie wieder singen, sah wieder das Weiß ihrer Augäpfel nachts in der Bar du Destin am Rande der Wüste, Sammelstelle all dieser Menschen, die im Morgengrauen auf die LKWs stiegen, um nach Norden zu fahren, immer nur nach Norden …

so jung die Stimmen

die Hand, die den zerschlissenen

Geldschein hält, zittert

dem Glück entgegen

auf diesem Todespfad

Niemals würde sie das vergessen, was der junge Flüchtling aus Sierra Leone in dem Kontaktbüro der Schleuser erzählt hatte: Ein Vater hatte seinen ältesten Sohn auf die lange Reise durch die Wüste geschickt, der hatte es nach Europa geschafft, fand sich aber überhaupt nicht zurecht und konnte den Erwartungen seiner Familie nicht entsprechen. Er schrieb dem Vater von seinen Qualen und bat ihn, heimkehren zu dürfen, sonst müsse er sterben. Die Antwort lautete cadavre attendu. Erwarten deinen Leichnam …

All diese jungen Männer, fast noch Kinder, auf dem Lastwagen Richtung Libyen, von den Zöllnern und Polizisten gnadenlos ausgenommen – hatten sie es geschafft? Oder waren sie festgenommen und zurückgeschickt worden?

Wie anders war damals ihr eigener großer Aufbruch verlaufen!

Da drüben, nördlich von dieser Düne hier, lag Kap Bojador, Sinnbild der wichtigsten Entscheidung in ihrem Leben – nach der spontanen Flucht aus Leipzig, eingerollt in den Teppich der Tante aus Nattwerder. Wie verrückt sie doch gewesen waren, Rainer und sie! In der barbarischen Hitze an der Küste Mauretaniens spürte sie auf einmal die Kälte des Novembertags vor mehr als zwanzig Jahren, sah den Wirbel der Blätter über sich, fühlte Rainers Hände, die sie entblätterten, das erste Mal, im Wald, auf dem kühlen Boden, in Sicherheit hinter der Grenze …

Sie musste lächeln. Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen weg. War das wirklich die wichtigste Erinnerung? Nicht die entwürdigende Behandlung im Leipziger Institut für Afrikanistik, wo es ihr nie gelungen war, ein Praktikum in Mali zu bekommen? Nicht die ewigen Sticheleien wegen ihres Engagements bei den Friedenswachen in der Nikolaikirche, nicht einmal die fruchtlosen Streitereien mit ihrem Vater in Potsdam, die sie letztlich aus dem geliebten Nest vertrieben hatten?

Wie sie im Wald entblättert worden war, das war es …

Ihre Sehnsucht war so stark, so schmerzhaft, dass sie die Arme um den Oberkörper schlang und den Kopf auf die Knie legen musste. Eine gute Woche nur noch, dann würde sie nach Hause fahren, zu Rainer, zu den Kindern!

Sie dachte ja plötzlich wieder auf Deutsch! Sie hatte in den letzten Wochen die Sprachen gesprochen, die sie studiert hatte: Arabisch mit den Tuareg in Niger, im Norden des Tschad und hier mit den Mauren, Französisch mit den Behörden in West- und Zentralafrika, Bambara bei ihren Freunden im malischen Coumbériba …

Ja, sie würde nach Hause zurückkehren von der langen, schweren Reise, von derselben Sehnsucht getrieben, die sie immer wieder in die Ferne hinausfahren ließ. Hier, vor Kap Bojador, hatte alles angefangen, nachdem sie mit Rainer ein neues, ein freies Leben begonnen und ihre Studien in Bochum, Köln und Paris abgeschlossen hatte: reisen, reisen, endlich reisen!

Sie hatte es geschafft, ganz allein in Antwerpen auf einem Stückgutfrachter anzuheuern, der über Nouakchott und Dakar bis nach Kamerun fuhr …

Beate schob die Erinnerungen beiseite, sie musste sich auf den Rückweg machen. Der ständig neu heranwehende Sand würde es immer schwieriger machen, den Wagen freizuschaufeln. Sie schlang sich ihren Shesh nach Art der Tuareg um den Kopf und griff nach dem Spaten. Sie würde ihren Auftrag zu Ende bringen.

Es war kein Zufall gewesen, dass Jens Anders sofort zugegriffen hatte, als sie ihm ihre Idee vorgetragen hatte. Nicht nur das MAGAZIN schätzte ihre Sachkenntnis und ihr ausgewogenes Urteil, die Schärfe ihrer Argumentation und die Wärme ihrer Sprache … Anders wusste, dass er von ihr etwas anderes bekam als die allseits bekannten Statistiken über die Verhältnisse in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, etwas anderes als abstrakte Analysen und schon gar keine dramatisch bebilderten Schilderungen von Überfahrten oder Mitleid heischende Berichte über Einzelschicksale. Sie hatte mit den Menschen in diesen Ländern gelebt, sie war auf den Lastwagen mitgereist, kannte Schleuser, gescheiterte Rückkehrer, gefoltert und krank, und sie kannte auch die, die es voller verzweifelter Hoffnung immer wieder versuchten …

Die Sonne stand glühend rot über dem Horizont. Aus einem Schuppen da unten war eine größere Gruppe gekommen, junge Männer zumeist, aber Beate sah auch einige Frauen und Kinder. Es waren wohl an die dreißig Menschen, die sich unter der Führung eines Mannes mit einem gelben Regenhut auf dem Kopf auf ein abseits am Strand liegendes Boot zu bewegten. Es war so bemalt wie all die Fischerboote hier, hatte aber am Heck einen Motor, vor dem ein gelber Plastikkanister stand. Beate griff nach dem Fernglas auf dem Beifahrersitz des Jeeps. Sie würden doch jetzt nicht hier vor ihren Augen …

Mit herrischer Geste wies der Anführer die Menschen auf ihre Plätze im Boot. Sie verstauten Bündel, kauerten sich auf dem Boden und auf den wenigen schmalen Sitzbalken zusammen. Zwei Männer in gelben Gummistiefeln und wasserfesten Jacken begannen das Boot anzuschieben und traten zurück, als es ganz im Wasser lag und in den Wellen heftig zu schaukeln begann. Beate riss die Kamera aus der Tasche auf dem Boden des Wagens und fotografierte die Szene. Als das Boot in die Brecher der flachen Sande geriet, glaubte sie im Donnern der Brandung die Entsetzensschreie der Menschen zu hören.

Selbst wenn sie es schafften … Was dann? Cadavre attendu?

Sie war müde. Sie war es leid. Sie hatte zu viel gesehen.

Die Dämmerung brach herein. Beate grub den Wagen frei, rollte rückwärts die Düne hinunter, wendete, als sie den festen Boden der Piste Richtung Nouakchott unter sich spürte, und fuhr unter ihrem himmlischen Wächter Orion zurück in die Stadt.

Morgen würde sie einen Flug nach Casablanca buchen und von dort aus irgendwie nach Gran Canaria weiterreisen. Ausruhen, sich verwöhnen lassen, nein … sich suhlen im Luxus, das stand jetzt an. Schwimmen, Massagen, Bars … Ja, auch das Material sichten, es für die Reportagenserie strukturieren, ein paar abschließende Recherchen vor Ort, aber vor allem: ein Ende finden. Abstand gewinnen.

Es war nicht leicht, von einer solchen Reise zurückzukehren.

FREITAG, 29. FEBRUAR 2008, MITTAGS
ESSEN-WERDEN

Rainer hupte, zweimal, dreimal. Allmählich wurde er nervös. Warum fuhr der bloß nicht los? Abgewürgt, natürlich. Vor ihm, das war ein Fahrschulwagen …

Er war spät dran. Dabei wollte er zum ersten Gespräch mit Maik Kraskowiak unbedingt pünktlich sein! Der Junge stand immerhin nicht mehr unter Mordverdacht. Ob das seine Position als Gutachter jetzt leichter machte?

Am 19. Januar findet einer der Bewohner des Hauses Heßlerstraße 78b auf dem Weg zu seinem Keller in einem Verschlag ein lebloses vierzehn- bis fünfzehnjähriges Mädchen afrikanischer Herkunft.

So stand es im Bericht der Polizei.

Todesursache war laut Obduktionsbericht der Stich ins Herz. Eine passende Tatwaffe war allerdings weder bei Maik noch im weiteren Umfeld des Tatorts gefunden worden. Als er verhaftet wurde, hatte Maik ein Taschenmesser in einer der Beintaschen seiner Cargo-Hose bei sich gehabt, es war unbenutzt.

Die Ermittler hatten Maiks Tagesablauf genau überprüft. Bis mittags um eins war er in der Schule, laut Aussage der Eltern jedoch erst gegen fünfzehn Uhr zu Hause gewesen. Der Junge konnte nur in den zwei Stunden nach Schulschluss mit dem Mädchen zum Tatort in den Keller gegangen sein. Schulkameraden konnten bezeugen, dass die beiden zusammen in Richtung dieses Hauses gegangen waren. Der Rechtsmediziner hatte den Todeszeitpunkt auf circa fünfzehn Uhr festgelegt, vielleicht etwas früher. Dennoch glaubten die Ermittler nicht, dass Maik als Täter infrage kam.

Der Beweis dafür, dass es eine zeitliche Differenz gab zwischen den Verletzungen, die möglicherweise zwei verschiedenen Tätern zuzuschreiben waren, stand zwar noch aus, aber die Analyse der tödlichen Wunde hatte ergeben, dass ein solches Stichwerkzeug nicht in Europa hergestellt wurde. Die doppelte Schneide war ungleichmäßig dick und breit, offenbar manuell geschmiedet, nicht geschliffen, sehr scharf. Restpartikel im Stichkanal enthielten Rostspuren. Solche Messer, so hatten Nachforschungen ergeben, wurden in kleinen ländlichen, mit Holzkohle betriebenen Schmieden Westafrikas hergestellt. Bei aufgegriffenen Flüchtlingen waren schon mehrere solcher Exemplare gefunden worden.

Deutlicher noch war die Form der Wunde. Ihr Sinn war bislang nicht klar, aber die Anordnung der Schnittlinien stellte unbestritten ein Muster dar. War es ein Zeichen, eine Botschaft? Der Rechtsmediziner hatte vorgeschlagen, einen Ethnologen hinzuzuziehen.

Angenommen, Maik war nicht Aminatas Mörder … Hatte er dann vielleicht etwas gesehen, hatte man ihn bedroht, schwieg er deswegen so beharrlich? Wie würde die Staatsanwaltschaft überhaupt die Anklage formulieren? Vergewaltigung? Versuchte Vergewaltigung? Nötigung? Leichte, schwere oder gefährliche Körperverletzung? Entgleisung eines Pubertierenden? Die politisch motivierte Tat eines Verwirrten? Rassismus?

Deswegen war es Meiselbach so wichtig, Maik zum Reden zu bringen. Er wollte, dass es ein gerechtes Urteil gab.

Endlich, der Verkehr rollte wieder. Doch das Fahrschulauto kroch immer noch vor ihm her. Keine Chance zu überholen.

Der Junge war am Tag nach der Tat in der Schule verhaftet worden und sofort in Untersuchungshaft gekommen. Da er offensichtlich unter schwerem Schock stand, war der Jugendpsychiater der JVA hinzugezogen worden. Dem war es allerdings nicht gelungen, dem apathisch dasitzenden Jungen auch nur ein Wort zu entlocken. Als Maik dann vom Tod des Mädchens erfuhr, war er zusammengebrochen. So konnten die Ermittlungen nicht beendet werden, und auch der seelische Zustand des Beschuldigten ließ sich nicht abschließend beurteilen. Der Jugendpsychiater hatte nach mehreren Gesprächsversuchen aufgegeben und dem Jugendgericht nahegelegt, eine andere Lösung für Maik Kraskowiak zu finden.

An jenem Abend hatte Rainer verstanden, wo das Problem seines Freundes lag: Maik muss möglichst schnell aus der U-Haft entlassen werden, oder?

Das ist sogar schon geschehen, hatte der Freund geantwortet. Sobald auch nur der geringste Zweifel an einem Mordverdacht besteht, müssen nach deutschem Recht Jugendliche aus der U-Haft entlassen werden, mal ganz abgesehen davon, dass er sich bei dem schweren Schock, den er hat, ja auch etwas antun könnte. Wir haben ihn in eines der geschlossenen Heime gebracht. Überfüllt, zu wenig Personal, das Übliche, du kennst das ja. Auch der zweite Gutachter hat aufgegeben, niemand scheint mit dem Jungen zurechtzukommen. Die wenigen guten Einrichtungen sind ja ständig überbelegt.

Rainer hatte den Kopf geschüttelt. Er ahnte schon, worauf der Freund hinauswollte:

Wir müssen schnellstens eine der Situation angemessene Unterbringung finden. Die Fristen bei jugendlichen Delinquenten sind knapp, vier, höchstens sechs Wochen bis zur Hauptverhandlung. Jemand muss den Jungen zum Sprechen bringen und etwas über Motive, Entwicklungsstand, Schuldeinsicht herausfinden! Du kennst das. Wir brauchen eine fachlich gut begründete Einschätzung seiner Erziehbarkeit. Einfühlsame Gutachter sind selten. Meiselbach war aufgestanden und hatte sich vor ihm aufgebaut: Ich habe heute angeordnet, dass er in deine Einrichtung überwiesen wird. In Essen-Werden habt ihr doch seit einiger Zeit ein neues pädagogisches Angebot, das genau passt. Dein Einverständnis vorausgesetzt.

Er hatte nicht widersprechen können. Warum auch. Seit etwa drei Monaten gab es in der Evangelische Kinderheim & Jugendhilfe gGmbH Essen, deren Geschäftsführer er war, eine spezielle Arbeitsform, die geeignet war, die U-Haft für straffällig gewordene Jugendliche zu verkürzen oder ganz zu vermeiden. Rainer hatte selbst an der Entwicklung des Konzepts für delinquente männliche Jugendliche mit starker Aggressivität mitgearbeitet.

Der Fahrschüler bog endlich ab, jetzt hatte er freie Fahrt.

In fünf Minuten würde er Maik sehen, der seit einigen Tagen in der neuen Außenwohngruppe – allerdings komplett abgesperrt, mit vergitterten Fenstern – untergebracht war. Es war damals nicht einfach gewesen, ein geeignetes Grundstück zu finden.

Er wusste, er würde sehr viel Zeit investieren müssen. Er hatte versucht, sich gegen die Pläne seines Freundes zu wehren, seine chronische Arbeitsüberlastung, Beate in Afrika, die Mädchen im ersten Jahr auf dem Gymnasium …

Afrika, hatte Meiselbach ausgerufen, ein Grund mehr, den Fall zu übernehmen! Aminata, eine junge afrikanische Migrantin, beschnitten und zugenäht, Ziel eines möglicherweise rassistischen Anschlags, von Anfang an Opfer – Beate interessiert das doch bestimmt auch …

Er hatte sich gut vorbereitet auf die erste Begegnung mit Maik, er hatte die Fakten im Kopf, die Akten neben sich. Maik musste Gewalt angewendet haben, als er Aminata in den Keller gebracht hatte. Sie hatte sich offensichtlich gewehrt, sie hatte Haut und Blut des Jungen unter den Fingernägeln der linken Hand. Den Fotos in seiner Digitalkamera nach zu urteilen, hatte Maik die Vergewaltigung von vornherein geplant. Aber sie war eben nur versucht und nicht vollendet worden. Dann war er geflüchtet. Warum hatte Maik die Kamera am Tatort zurückgelassen? Warum war er in Panik geraten?

Bei dem ersten Treffen konnte er wahrscheinlich keine Antworten auf seine Fragen erwarten. Er musste sich den Jungen erst einmal genau ansehen.

Rainer fuhr vor die Schranke des Heimgeländes und führte die Karte ein. Als der Schlagbaum sich hob, suchte er sich einen Parkplatz auf dem Hof der geschlossenen Einrichtung. Gerade noch rechtzeitig.

FREITAG, 29. FEBRUAR 2008, 13 UHR 00
GRAN CANARIA, LAS PALMAS, BEATES APPARTEMENT

Es brauste, es schwoll an, es schlug krachend auf und verlor sich, wieder und wieder. Die Kraft dieses Taktes zog sie aus den Tiefen der Erschöpfung. Beate schreckte hoch. Wo war sie nur?

Das Appartement! Gott sei Dank. Es lag zur Meerseite hin, und wenn die Flut kam, brachen sich die Atlantikwellen an der Mauer der Promenade, gerade einmal zwanzig Meter Luftlinie von ihrem Bett entfernt.

Sie ließ sich zurückfallen und schnupperte genussvoll am Laken. Es roch so rein und frisch, wie Leinen nur riechen konnte. Sie war im Paradies, gebettet in das Himmelreich sauberer Bettwäsche. Es gab eine funktionierende Dusche und eine Toilette mit dreilagigem roséfarbenem Soft-Toilettenpapier! Wochenlang hatte sie ihre Notdurft im Sand oder in engen Lehmverschlägen hinter den Hütten verrichten müssen.

Nur noch ein kleines Weilchen, nur noch einen Moment auf den Wolken liegen bleiben, ein wenig träumen … von Rainer, von ihrem Spiel hinter der Grenze, von dem Teppich, den Blättern, er streichelte sie, sie küsste ihn, zog ihn herab, sie wälzten sich, lachten, seufzten …

Als sie sich wieder aufrichtete, stachen die grellen Strahlen einer heißen Mittagssonne in das Appartement. Sie schielte auf ihr Handy. Himmel, ein Uhr mittags!

Sie setzte sich auf die Bettkante. Ein leichtes Ziehen im Hinterkopf erinnerte sie daran, dass sie und ihr Freund Erich bis weit in den Morgen hinein durch die Straßen und Bars von Las Palmas gezogen waren. Über Gott und die Welt hatten sie geredet, so lange hatten sie sich nicht gesehen. Was dieser Gemütsmensch mit Baskenmütze, Buch unter dem Arm und der ewig gleichen schlabberigen Cordhose so alles vertragen konnte! Seine Nase glänzte so rot über seinem grauen Schnauzbart, dass nicht einmal die Dauerbräune Gran Canarias es überdecken konnte.

Sie kannte Erich schon fast zwanzig Jahre. 1990 war Beates erster Lyrik-Band herausgekommen, fremde laute gegen worte. Die Gedichte handelten von vergessenen Völkern, deren Stimmen in der Ersten und Zweiten Welt nicht gehört wurden. Das Literarische Colloquium in Berlin-Wannsee hatte ihr bei ihrer ersten Lesung damals den erfahrenen DDR-Essayisten Erich Meister an die Seite gestellt. Auch er hatte gerade ein neues Buch herausgebracht, Versäumte Welten, ein fiktives Reisebuch, das von Ländern erzählte, die er niemals hatte besuchen dürfen. Nach der Wende hatte es auch für ihn nur noch eines gegeben: reisen, reisen, reisen … Er hatte ein paar Bücher veröffentlicht und Reise-Essays für Zeitschriften geschrieben, aber niemals wirklich den Durchbruch geschafft.

Der kleine Laptop auf dem Tisch fiel ihr ins Auge. Neben anderen nützlichen Dingen des täglichen Lebens hatte ihr der liebenswert aufmerksame Erich das Gerät samt Surf-Stick fürs Internet geliehen. Erich war ein IT-Freak, er beschaffte sich immer als Erster den neuesten Computer, das aktuellste Navi, das teuerste iPhone. Und dann seine aufwendigen Reisen. Manches Mal schon hatte sie sich gewundert, wie er sich das als Schriftsteller, der sein letztes Buch vor acht oder neun Jahren veröffentlicht hatte, leisten konnte, aber das ging sie ja wohl nichts an.

Eigentlich hatte sie gleich heute damit beginnen wollen, die handschriftlichen Notizen ihrer Recherche in sechs Ländern auszuarbeiten. Sie hatte mehr als genug Material gesammelt. Wie sollte sie ihren Bericht beginnen? Der Laptop starrte sie an, als machte er ihr Vorwürfe. Schlug sogar hier und jetzt ihre calvinistisch-sozialistische Erziehung durch, das Erbe ihres Vaters? Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das Motto verfolgte sie wie ihr eigener Schatten.

Beate zog einen frischen Slip an, schlüpfte durch die Ärmel eines sauberen T-Shirts und trat auf die Terrasse hinaus. Sie reckte sich und seufzte vor Wonne. Was für ein herrlicher Ausblick über die Promenade und den Strand zu den Wellen hinüber, die sich schon am Kalkriff La Barra brachen! Heute tummelten sich dort nur ein paar todesmutige Surfer.

Gab es einen Deutschen, gab es überhaupt jemanden, der sich hier besser auskannte und bessere Verbindungen pflegte als Erich Meister? In Las Palmas wohnte er seit ewigen Zeiten in diesem ideal gelegenen Appartementhaus am Paseo de Las Canteras, hier hatte er auch Beate die schlichte, aber schöne Unterkunft besorgt.

Richtung Süden entdeckte Beate ein großes Gebäude, moderne Architektur traf dort harmonisch auf maurische Tradition, interessant. Das konnte nur das Auditorio Alfredo Kraus sein, Philharmonie und Opernhaus von Las Palmas. In höchsten Tönen hatte Erich von der Akustik geschwärmt, erlesene Solisten würden sich um Auftritte reißen, sogar der berühmte chinesische Pianist Lang Lang würde in den nächsten Tagen auftreten! Erich hatte laut aufgelacht, als sie nach Karten gefragt hatte: Seit Wochen ausverkauft!

Beates Magen grummelte. Bevor sie zum Strand ging, würde sie sich an der Promenade ein kleines Café suchen und etwas essen. Aber dann gab es nur noch eins, trotz ihrer Erziehung: Strand und Meer genießen. Die Arbeit konnte warten.

Nachdem sie geduscht hatte, war ihr kleiner Rucksack schnell gepackt. Mit Melanie, Madeleine und Rainer hatte sie sofort nach ihrer Ankunft telefoniert. Heute Abend würde sie sich wieder bei ihnen melden. Und auch bei ihren Eltern würde sie endlich anrufen müssen, bei ihrer Mutter … Hoffentlich war der Vater doch noch einsichtig geworden. Nach ihrer Rückkehr würde sie auf jeden Fall mit den Mädchen nach Potsdam fahren, wie geplant. Das würde ihnen allen guttun. Vielleicht schaffte es Rainer ja, mitzukommen, trotz dieses Gutachtens, von dem er erzählt hatte.

Eine fürchterliche Geschichte, das mit dem afrikanischen Mädchen …

FREITAG, 29. FEBRUAR 2008, 13 UHR 15
ESSEN-WERDEN, EVANGELISCHE KINDERHEIM &
JUGENDHILFE GGMBH ESSEN

»Mein Name ist Rainer Rehbein.« Ostentativ warf er die Akten vor sich auf den Tisch.

Der Betreuer hatte mit einem knappen Kopfnicken seinen Gruß erwidert und dann den Raum verlassen. Rainer zog sich einen Besucherstuhl heran, setzte sich dem Jungen gegenüber und begann, die Akten akkurat übereinanderzustapeln.

»Ich bin der Leiter dieses Heims. Ich habe die Aufgabe, dem Gericht für deinen Prozess ein Gutachten vorzulegen.«

Keine Anbiederei, keine Kumpanei. Erst einmal klare Verhältnisse schaffen. Er öffnete die oberste Akte und tat, als studierte er die erste Seite.

Dem Jungen nicht ins Gesicht sehen. Der brauchte erst mal eine Chance, ihn einzuordnen, ohne sich eine Blöße geben zu müssen. Rainer würde leise sprechen, aber klar und bestimmt.

»Das bedeutet, dass wir miteinander reden müssen, Maik.«

Er sah auf und schaute dem Jungen ins Gesicht. Der zuckte heftig zusammen, schlug die Augen nieder und senkte schnell den Kopf. Die langen dunkelblonden Strähnen fielen ihm ins Gesicht.

»Ich möchte von dir erfahren, was genau du getan hast und warum du es getan hast.«

Jetzt sanken auch die Schultern nach vorn, und die Oberarme bewegten sich – er schien unter dem Tisch die Hände zu ringen.

»Möchtest du mir etwas dazu sagen?«

Nichts. Nicht einmal der Brustkorb bewegte sich, als hätte der Junge sogar das Atmen eingestellt. Gern hätte Rainer gewusst, welche Stellung Maiks Beine und Füße eingenommen hatten. Verkrampft, geschlossen? Die Füße nach innen gedreht?

So viel konnte man an der Körpersprache erkennen: Angst, Rückzug, Minderwertigkeitsgefühle …

Rainer wartete. Der Junge brauchte Zeit, kein Fragengewitter. Eine Minute, zwei Minuten. Die Stille lastete wie dichter Nebel auf ihnen. Was hatte er in diesem Raum nicht schon alles hören müssen …

»Du weißt doch, warum du hier bei uns bist?«

Irgendeine Reaktion musste jetzt kommen. Ein Hauch löste sich, ein »Ja«, gepresst aus zugeschnürter Kehle. Unter dem Tisch hervor vernahm Rainer ein heftiges Schaben und Scheuern: Der Junge versuchte sich die Arme aufzukratzen. Er stand es nicht durch, so nicht.

»Schmeckt dir das Essen hier?«

Der Kopf des Jungen fuhr hoch, entsetzt starrten ihn blaugraue Augen an, in denen Tränen standen.

»Was hat es denn zum Nachtisch gegeben?«

Rainer lächelte und schloss die Akte.

Langsam stand der Junge von seinem Stuhl auf, blieb aufrecht vor ihm stehen und sah zur Tür.

SAMSTAG, 1. MÄRZ 2008, TAGSÜBER
ATLANTIK, FLÜCHTLINGSBOOT

Nur langsam löste Hassana seine verkrampfte Hand von der Kauri auf seiner Brust. Vorsichtig hob er den Kopf. Sie lagen jetzt ruhiger im Wasser, das Boot hob und senkte sich sanft zwischen langen Wellen. Auch die anderen richteten sich aus ihrer geduckten Haltung auf. Hassana nahm das tuckernde Geräusch einer schwachen Maschine wahr.

Allahu akbar stand in schwungvoller Schmuckschrift an Bug und Heck, und Hassana murmelte wieder und wieder das Allahu yusallimunā, Allah möge uns alle segnen.

Er hatte versucht, auf diesem schlingernden Zebu-Bullen unter ihm auf die Knie zu sinken, aber auf dem Boden stand Wasser, ungenießbar salzig und eiskalt für einen Mann der sandigen Felder. Wie sollte er auf die vorgeschriebene Art beten? Da war keine Matte, nichts. Sein Geld hatten sie ihm am Strand abgenommen, er besaß nichts mehr außer dieser Kauri um den Hals und dem Messer am Oberarm.

Er kannte die Gefahr von Hitze und Staub, von wanderndem Sand, von Schlangen und Skorpionen, aber dieses Wasser hier kannte er nicht. Er hasste es, und wenn er nicht die Kauri auf seiner Brust immer wieder hätte berühren können, so hätte er nicht mehr gewusst, weshalb er sich hier befand, hilflos auf offener See, in einer hölzernen Schale.

Um Diakaridia machte er sich keine Sorgen, der konnte lesen, der konnte Französisch sprechen, der kam immer irgendwie durch. Aber wie erging es Daouda? Und Jakuba? Habibou? Wo waren seine Brüder jetzt? Hatte Mamoudou etwas zu essen gefunden?

Und dann dieser Wind, der an den Hemden und den dünnen Jacken zerrte, der die Wellen aufpeitschte, sodass das Wasser auf der schwarzen Haut weiße Kristalle hinterließ. Wenn er sich die brennenden Lippen leckte, wurde der Durst nur noch schlimmer.

Das Wasser, das nicht strömt zurück oder vor, wird zum Pfuhl, der stinkt. Doch das Wasser, das weiterzieht, trägt fort ein jedes Ding …

Yagalé und er hatten sich im Schutz der Bordwand einen Platz gesichert und bald bemerkt, dass sich Wasser zu ihren Füßen sammelte. Im Boot lagen Blechdosen, und so hatten sie sich stundenlang abgewechselt mit dem Schöpfen. Das Kind schlief jetzt in Yagalés Arm, sie hatte ihm die Brust gegeben. Erschöpft lehnte sie an seiner Seite.

Viele hatten sich in dieses schlingernde Ungeheuer erbrochen. Ihre Notdurft mussten sie vor aller Augen über den Rand verrichten. Hassana wusste, er würde es durchstehen, aber Yagalé und ein so kleines Kind?

Man hatte ihnen gesagt, sie seien Illegale, nach ihrer Überfahrt müssten sie sich verbergen und versuchen, Verwandte zu erreichen, sie würden das Gesetz der Europäer brechen.

Was sollte ihm das anhaben können? Das Gesetz, unter dem er stand, war stärker, dafür hatte er den Männern diesen furchtbaren Preis bezahlen müssen … Niemals durften seine Brüder das erfahren. Er hätte wissen müssen, dass das Geld des Dugutigi niemals ausreichen würde, um auf ein Boot zu kommen.

Die Männer hatten versprochen, auch Yagalé und das Kind unterzubringen, wenn er sich das Geld für die Überfahrt verdienen würde. Verdienen, das hieß, Geld, viel Geld zu machen mit dem eigenen Körper, auch wenn der Prophet das verboten hatte. Es gab etliche Touristenclubs an der senegalesischen Küste, und dort gab es Dinge, die er noch nie im Leben gesehen hatte, deren Sinn er nicht erkennen konnte. Und die weißen Frauen, die ihn auszogen mit ihren Blicken, wenn er, in lächerlich bunte kurze Hosen gekleidet, in der Anlage herumstolzieren musste, Frauen, die ihn ansprachen, ihn berührten. Sie zogen ihm die Kleidung aus, belächelten seine Schmucknarben, fassten ihn an, überall, und dann – wieder und wieder, tagelang, nächtelang. Und immer wieder hatten die Männer gesagt: Noch einmal, noch einmal, du hast noch nicht genug verdient …

Er schluckte schwer. Selbst der Speichel schmeckte salzig.

Vor dem Mann an der Pinne standen zwei große gelbe Kunststoffkanister wie die an den Brunnen von Pakotomoni. Hassana kroch auf allen vieren über die anderen hinweg darauf zu, stieß an Beine, Arme, Köpfe. Als er einen der Behälter erreicht hatte, versuchte er, den Verschluss aufzudrehen. Der Steuermann trat nach ihm.

»Wasser!«, schrie er. »Hier ist Wasser!«

Er hielt den Verschluss mit beiden Händen fest und führte seinen Mund an die Öffnung. Das Boot begann stark zu schwanken, der Mann an der Pinne schrie, hinter sich spürte Hassana, wie andere Männer sich aufrappelten und hinter ihm her krochen, aufeinander einschlugen, Wasser, Wasser! Er verschüttete ein wenig Flüssigkeit, dann hatte er den Kopf unter der Öffnung und riss den Mund auf.

Benzin! Es brannte wie Feuer auf der Zunge, er keuchte und würgte. Hustend und spuckend versuchte er, Kehle und Rachen zu befreien. Die Männer fielen über ihn, griffen nach dem Kanister, trinken, nur trinken … Plötzlich ein Schrei, ein Mann war ins Wasser gefallen. Das Boot fuhr weiter.

Sie hatten Angst. Sie konnten nicht schwimmen. Sie konnten ihn nicht zurückholen.

»Auf eure Plätze!«, schrie der Steuermann. »Sonst knalle ich euch ab!« Wie kam plötzlich die Waffe in die Hand dieses Mannes?

Hassana kauerte sich neben Yagalé, die ihn stumm aus riesigen Augen ansah. Der Steuermann fluchte. Der Kanister war im Handgemenge umgekippt und ausgelaufen.

Wieder und wieder fuhr Hassana mit der Hand über die salzverkrusteten Augen. Diese brennenden Schmerzen! Yagalé hielt das Kind fest in beiden Armen. Wie sollte sie es stillen, wenn sie selbst nichts zu sich nahm? Der Kopf des Mannes neben ihm war nach hinten gefallen, der Mund stand weit offen, die Augen waren aufgerissen. Hassana beugte sich zu ihm. Der Mann atmete nicht.

»Er ist tot!«, schrie er. »Ya allahu, tut doch etwas …«

Der Steuermann machte eine wegwerfende Handbewegung. Die Männer um ihn herum packten den Körper an Schultern und Beinen und warfen ihn ins Wasser.

Gegen Abend setzte der Motor aus, er keuchte noch einige Male, dann gab er keinen Laut mehr von sich.

Das Kind saugte schwach an Yagalés leerer Brust.

Eine Sirene riss Hassana hoch. Das Heulen zerschnitt seinen Kopf. Etwas bewegte sich vor einem zerklüfteten Horizont, er konnte es nicht erkennen, seine Augen waren so trübe. Ein Gebirge war das, Land, Land! Sie trieben Richtung Land! Seine Ohren mussten ihm wohl einen Streich spielen, und er war so furchtbar durstig … Da schoss etwas direkt auf sie zu, wurde größer und größer. Ein Schiff, ein Schiff!

Er griff nach der Kauri an seinem Hals. Wenn sie verloren ginge, was würden die Brüder …

DONNERSTAG, 6. MÄRZ 2008, 17 UHR 00
GRAN CANARIA, LAS PALMAS, HOTEL REINA ISABEL

–  El Matorral, auf Fuerte zum Lager umgebaute ehemalige Kasernen des Verteidigungsministeriums, versteckt, von Touristen kaum zu erkennen

–  Touristenbranche hat Angst davor, dass Migranten Geschäft kaputt machen

–  von der Aussichtsterrasse des Fährterminals in Los Cristianos aus kann man ausgehungerte, kranke, halb tote Afrikaner beobachten, gefällt Tourismusverantwortlichen der Insel überhaupt nicht

–  vor eineinhalb Jahren in El Matorral Aufstände wegen Überfüllung; Zustände heute akzeptabel, aber hygienische Bedingungen z.T. unzumutbar

–  Frage, ob Behörden und Politik überhaupt Interesse daran haben, Lager menschenwürdig auszustatten

Natürlich hatte sie Gran Canaria als Abschluss ihrer Tour nicht zur Erholung ausgesucht. Es gab wohl kaum einen zweiten Platz, an dem Europa und Afrika so hart aufeinanderprallten wie dieses pulsierende Las Palmas. Wenn man die Calle de Nicolás Estévanez nur wenige Schritte Richtung Osten zur Plaza und zum Hafen hinunterging, kreuzte man schnell dunkle, schmutzige Gassen und dubiose Querstraßen mit versteckten und offenen Bordellen und heruntergekommenen Häusern, in denen Migranten aus Dutzenden von Ländern hausten. Und noch ein paar Meter weiter fühlte man sich wie in Afrika selbst.

Nirgendwo konnte sie besser mit denen sprechen, die es auf europäisches Territorium geschafft hatten. Aber um wirklich in die Lager hineinzukommen, brauchte man besondere Beziehungen. Nicht umsonst hatte sie ihren Aufenthalt auf Las Palmas lange im Voraus geplant. Als sie im GASIM angefragt hatte, ob man ihr helfen könne, hatte der Staatssekretär Bereitschaft signalisiert. Und dann hatte es doch nicht geklappt. Sie hatte irgendwann eine knappe Mail erhalten, dass die spanischen Behörden keine individuellen Besuche der Lager durch Journalisten zuließen, man werde es zwar weiter versuchen, aber sie solle sich nicht allzu viele Hoffnungen machen.

Da war ihr schließlich nur Erich mit seinen unzähligen Verbindungen geblieben. Und der hatte sie am Sonntagnachmittag im Schwedischen Klub einem Millionär vorgestellt, der mit Möbeln handelte und angeblich erstklassige Kontakte hatte: Bo Hjemdal. Seinen Namen hatte sie schon einmal gehört, sie erinnerte sich schwach daran, vor langer Zeit einmal eine Reportage über ihn und seine angeblich unsauberen Geschäfte gelesen zu haben, die man ihm allerdings vergeblich nachzuweisen versuchte. Erich hatte ihr das nicht verschwiegen, auch nicht, dass der reiche Skandinavier als Frauenheld galt. Ach, da würde sie sich zu wehren wissen, das hatte sie nun wirklich nicht nötig.

Sicherheitshalber hatte sie in Berlin bei Hubert Brock, ihrem BKA-Kontaktmann, nachgefragt, ob er vielleicht doch noch etwas bei den spanischen Behörden erreicht habe. Er hatte nicht.

Erich hatte ihr zugeredet: Beate, der Schwede kann dir Tür und Tor öffnen!

Warum also nicht? Ein gewisses Risiko war bei all ihren Recherchen dabei …

Sie bemerkte seine Nähe an der plötzlichen Aufmerksamkeit der anderen Gäste des Cafés. Beate schaute über den Rand ihrer Sonnenbrille, und wieder fand sie Gefallen an dem, was da gerade die Terrasse betrat. Genug gearbeitet! Vorläufig wenigstens. Sie klappte ihren Laptop zu. Die beeindruckende Gestalt – fast zwei Meter groß, muskulös, sportlich-elegant gekleidet – zog automatisch die Blicke der Menschen auf sich. Der Mann wusste um seine Wirkung, ohne damit kokettieren zu müssen. Als er stehen blieb und sich suchend umsah, duckte sie sich.

Der blonde Riese nahm mehrere Meter von ihr entfernt an einem der Tische Platz, ein kurzes Anheben des Kinns versetzte den müßig an einer Säule lehnenden Kellner in Trab.

Da er mit dem Rücken zu ihr saß und den Blick auf das bunte Treiben auf der Playa de las Canteras richtete, konnte er sie nicht entdecken. Die Palmenkübel auf der großzügigen Terrasse des Hotel Reina Isabel boten Schutz genug, um seine interessante Erscheinung ganz ungestört zu beobachten.

Dieses Profil! Trotz seiner halblangen, in der Mitte gescheitelten flachsblonden Haare und seiner herrlich blauen Augen, die sie von Anfang an bewundert hatte, war Bo keineswegs ein Schönling, im Gegenteil. Es war gerade das Zusammenspiel von nicht zueinanderpassenden Merkmalen, das Beate so verführerisch fand … Das markante, ein wenig schiefe Kinn mit der tiefen Narbe auf der Seite und die hohen, slawisch anmutenden Wangenknochen verloren ihre Schärfe in dem offenen Blick, in den spitzbübischen Grübchen, wenn er auf umwerfende Art lächelte. Die sanfte Gestik seiner Hände verriet ein zuvorkommendes Wesen – seine Hilfsbereitschaft hatte Beate schon kennengelernt.

Bo hatte sie sofort gemocht, er hatte sie auf seine Jacht eingeladen, um ein paar Stunden vor der Küste zu kreuzen. In den Tagen danach hatte Bo ihr die versteckten Strände der Insel gezeigt und war mit ihr ins Theater gegangen. Eine herrliche Zeit mit einem kultivierten Menschen …

Erich hatte recht behalten, Bo Hjemdal war eine hervorragende Quelle für Kontakte. Er hatte ihr tatsächlich ein paar Interviews mit Flüchtlingen und deren Bewachern verschafft. Ganz wohl hatte sie sich dabei nicht gefühlt, nicht umsonst hatte man sie beim GASIM vor den oft skrupellosen Methoden der Schleuser gewarnt. Aber das gehörte dazu, sonst wäre sie für Recherchen in der Höhle des Löwen fehl am Platze.

Bo hatte ihr versichert, dass er nie jemanden in eine Situation schicken würde, die er nicht kontrollieren könne. Wer war er, dass er das einfach so behaupten konnte?

Er hatte sich einiges einfallen lassen, um ihr zu helfen. Auf Gran Canaria selbst gab es kein Lager, nur das Centro de Acogida, das Sammellager, in dem Kinder, Jugendliche und Familien allerdings rund um die Uhr bewacht wurden. Bo hatte einen Hubschrauber besorgt, damit Beate an einem einzigen langen Tag zwei richtige Lager der Inselgruppe besuchen konnte, zuerst das Aufnahmelager La Hoya Fría, unweit von Teneriffas Hauptstadt Santa Cruz de Tenerife gelegen. Es war umgeben von vier Meter hohen, mit Scheinwerfern und Lautsprechern versehenen Betonmauern. Beate war unklar, wie er es geschafft hatte, sie danach noch in das Lager El Matorral auf Fuerteventura zu bringen. Nur gute Beziehungen? Bestechung? Sie hatte ihn gestern Abend noch einmal danach gefragt, obwohl er schon mehrmals betont hatte, dass er sich da nicht in die Karten schauen lasse. Als sie später noch einmal nachzuhaken versuchte, verschwand das Lächeln, der Blick wurde plötzlich kalt.

Okay, um der Reportage willen musste sie das hinnehmen. Ein Aufschneider war Bo jedenfalls nicht, und Geheimnisse erhöhten schließlich die Anziehungskraft.

Zug um Zug!

Du kennst doch das Spiel, hatte er gesagt, als sie ihm für seine große Hilfe dankte. Sein Lächeln hatte nicht seine Augen erreicht. Eines Tages wirst du vielleicht auch etwas für mich tun können … So kryptisch das auch klingen mochte, sie hatte nicht nachgefragt. Aber sie war gewarnt.

Ganz zufrieden war Beate dennoch nicht, ja, sie ärgerte sich sogar. Das von Hjemdal arrangierte Treffen gestern mit der kleinen afrikanischen Familie in der versteckten Berghöhle bei Mogán war zwar spannend, aber letztlich wenig ergiebig gewesen. Zwei Männer hatten sie und Erich, der sie unbedingt begleiten wollte, zu Fuß zu einer versteckten Felshöhle am Rande eines Barranco gebracht, einem dieser vielen ausgetrockneten Flussbetten im Südwesten der Insel. Auf dem letzten Teil des Weges zur Höhle hatte man Erich und ihr die Augen verbunden.

Der Geruch von abgestandener Nahrung und qualmender Holzkohle, der sich im Hauptraum des kleinen Höhlensystems ausgebreitet hatte, stach Beate sofort wieder in die Nase, wenn sie an die Begegnung zurückdachte. Eine eigenartige Mischung aus Angst und Stolz war ihr vonseiten der Flüchtlinge entgegengeschlagen. Verschüchtert hatte die junge Frau mit Namen Yagalé dagesessen und das Kind an sich gedrückt. Der Mann hingegen hatte sie mit trotzigem Blick gemustert und nur widerwillig seinen Namen genannt, Hassana.

Nur sehr wenig hatte sie von ihnen und ihren Bewachern erfahren können. Hassana, Yagalé und ihr Kind waren demnach mit ungefähr fünfzig weiteren Afrikanern vor etwa acht Tagen an der senegalesischen Küste aufgebrochen. Klar, es überlebten halt nicht alle, das kannte man doch, Wassermangel, die schlechte Konstitution … Das Rote Kreuz habe sich um die Flüchtlinge gekümmert, die Kranken seien in Krankenhäuser eingewiesen und auf Isolierstationen gebracht worden, der Rest sei nach amtlicher Registrierung und Ausgabe neuer Kleidung ins Sammellager gebracht worden. Hassana, Yagalé und ihr Kind seien zusammen mit anderen Flüchtlingen schon am Tag nach ihrer Ankunft freigekauft worden. Warum und von wem? Die Männer, die sie in die Höhle geführt hatten, hatten nur gegrinst, als sie nach Namen oder Organisationen gefragt hatten …

Bos Aufmerksamkeit tat ihr so gut! Rainer hatte für gemeinsame kulturelle Unternehmungen zu Hause nur selten Zeit. Mit seiner Heimgesellschaft und immer neuen pädagogischen Konzepten, um deren Finanzierung er ständig kämpfen musste, hatte er schon genug zu tun. Doch seit einem halben Jahr gehörte er auch noch dem Sachverständigenausschuss für Jugendliche mit Migrationshintergrund des Landes Nordrhein-Westfalen an, er hatte sich zum Vorsitzenden wählen lassen. Wenn Rainer eine Aufgabe übernahm, dann kniete er sich mit einer solchen Energie hinein, dass Beate mitunter angst und bange wurde. So wie jetzt mit dem Gutachten über diesen Jugendlichen. Er komme einfach nicht an den Jungen heran, hatte er am Telefon gesagt. Wie gern hätte sie ihm von ihren Erkundigungen auf der Insel berichtet … Keine Chance!

Aber liebte sie an Rainer nicht gerade diese kompromisslose Unbedingtheit, dieses Übernehmen von Verantwortung?

Innerlich kichernd griff sie nach dem stillen Wasser vor sich auf dem Tisch. Warum ging sie nicht einfach zu Bo hinüber und fragte ihn nach den Tickets? Gestern hatte sie spontan die Bemerkung fallen lassen, wie gern sie einmal Lang Lang erleben würde.

Was bekomme ich, Bea, wenn ich Karten auftreibe?, hatte er gefragt.

Meine Begleitung, hatte sie lachend geantwortet.

Bo sprach sie immer mit der Kurzform ihres Namens an. Eigentlich mochte sie das nicht, aber während dieses traumhaften Essens in einem abgelegenen Bergdorf hatte er ihr gestern Abend gesagt: Bea, weißt du, Bea, das klingt wie eine Schlange, und ich denke, diese Schlange Bea ist schön, sie ist wendig. Eine Boa, die ist fett und träge, aber eine Bea, die ist aufmerksam, intelligent, grazil. Bisher wusste ich gar nicht, dass es eine Bea überhaupt gibt. Aber jetzt weiß ich es, die Bea ist eine Königin unter den Schlangen. Eine Bea zu besitzen muss etwas Wunderbares sein.

Ja, das mag ja sein, hatte sie geantwortet, aber eine Schlange kann auch giftig sein, und vor dem Biss einer Bea muss man sich in Acht nehmen …

Sie hatte sich wunderbar leicht gefühlt bei diesem Spiel mit Worten. Und jetzt saß Bo da vor ihr, trank nichtsahnend einen Café solo und las in einer schwedischen Zeitung.

Ein Handy klingelte. Bo legte die Zeitung zur Seite und holte ein Mobiltelefon aus der Hosentasche. Zuerst hörte er nur zu, dann sprach er, am Anfang leise, später erregter. Plötzlich wandte er sich um und schaute in ihre Richtung. Instinktiv duckte sie sich. Doch sein Blick schien durch die Palme und durch sie hindurchzugehen. Seine Stirn legte sich in Falten, seine Schultern waren angespannt.

Er sprach Französisch, das hörte sie am Klang. Einige Fetzen wie à tout prix oder tout compris konnte sie aufschnappen, das war alles. Um jeden Preis oder alles im Preis enthalten … Was sollte das heißen? Unvermittelt stand Bo auf und ging erregt hin und her, immer noch das Handy am Ohr, er gab offenbar Befehle. Sie wollte eigentlich nicht lauschen. Mort. Hatte sie richtig verstanden? Ja, er wiederholte das Wort: mort. Mein Gott, tot!

Er beendete das Gespräch, ging zu seinem Tisch, legte einen Zwanzigeuroschein unter die Tasse und verließ das Lokal.

Noch auf der Terrasse kam ihm ein Mann entgegen, der gerade sein Handy wegsteckte, ein Afrikaner, europäisch gekleidet, in weißem Hemd und schwarzem Anzug. Bo wirkte verärgert, als er den Mann begrüßte. Irgendetwas entstellte dessen Gesicht, auf die Entfernung konnte sie es nicht genau sehen, seine Haut wirkte wie durchlöchert.

Der Mann übergab Bo die Tüte eines sündhaft teuren italienischen Modelabels für junge Frauen. Was wollte er denn damit? Das ging sie nichts an. Sie wandte sich wieder dem Laptop zu und notierte weitere Stichpunkte:

–  Recherche Lagerleitung. Wichtig: Illegale Einwanderer dürfen in den Auffanglagern nur vierzig Tage festgehalten werden. In diesem Zeitraum muss ihre Herkunft festgestellt werden können.

–  Wenn das nicht gelingt oder es keine Rückführungsabkommen mit den Herkunftsländern gibt – das ist die Regel –, werden die Flüchtlinge freigelassen; mit der Auflage, das Land unverzüglich zu verlassen.

–  Wer kehrt einfach in sein Heimatland zurück, nachdem er zuvor alles aufs Spiel gesetzt hat?

Beate spürte eine Hand auf ihrer Schulter.

»Warum versteckst du dich vor mir? Soll ich dich in Handschellen abführen oder kommst du freiwillig mit?«

Bo Hjemdal strahlte sie an. Triumphierend hielt er zwei Karten in die Luft.

»Aber ich habe nichts anzuziehen, ich habe drei Wochen Afrika hinter mir!«

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