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Tod vor Borkum

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Tod vor Borkum

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

Berufsschullehrer Eilrich Buss betrat den Klassenraum. Die Prüflinge an den Tischen schauten ihn erwartungsvoll an.

»Ich hoffe, ihr seid alle gut in Form«, begrüßte sie der Pädagoge und erklärte noch einmal den Ablauf der Prüfung, die an diesem Mittag stattfinden würde. Die angehenden Angestellten im Gaststättengewerbe hörten ihm schweigend zu, und einigen von ihnen sah man ihre Nervosität deutlich an.

»Sind noch Fragen?« Buss schaute sich um. »Keine? Gut! Die Schülerinnen und Schüler der Kellnerklasse legen gleichzeitig ihre praktische Prüfung ab. Sie servieren den geladenen Gästen die Getränke und das Essen. Ich wünsche allen ein gutes Gelingen!«, sagte der Berufsschullehrer.

Die Schüler verließen die Klasse und gingen leise murmelnd zum Küchentrakt hinüber.

Im Übungsraum der Hotelfachschule in Emden speisten die geladenen Gäste, unterhielten sich glänzend und ließen es sich schmecken. Die anschließende Benotung durch die Probeesser fiel wohlwollend aus, diente aber den Prüfern nur als Hilfsmittel bei der Beurteilung der Prüflinge.

Nach dem Essen zogen sich die Juroren zurück, besprachen sich in einem Konferenzzimmer und einigten sich auf die Noten.

Einige Zeit später betrat Eilrich Buss mit guten Nachrichten die Küche, wo seine Schüler noch mit dem Abwasch beschäftigt waren.

»Niemand ist durchgefallen!«, verkündete er und freute sich sichtlich an der Begeisterung der jungen Leute, die er drei Jahre lang im Theorieunterricht betreut hatte. Er trat zu Attila Geecer, seinem Lieblingsschüler. »Hast du eigentlich schon eine Stelle?«, erkundigte er sich. »Wirst du übernommen?«

»Nein, mein Chef hat verkauft. Das Restaurant wird abgerissen«, antwortete der Jungkoch.

»Kennst du den Kaiserhof auf Borkum?«, fragte der Lehrer.

»Natürlich, ich komme ja von der Insel!«

»Ich weiß! Schicke deine Bewerbungsunterlagen doch einmal an die Chefin, Frau Dini Hoogelycht«, sagte der Berufsschullehrer. »Ich habe mit ihr über dich gesprochen.«

Attila bedankte sich überschwänglich, denn er hatte offensichtlich davon geträumt, wieder auf die Insel zurückkehren zu können und dort zu arbeiten.

***

Das Klappern der Rollos, gegen die der frische Ostwind blies, weckte die zweiundachtzigjährige Chefin des Hotels »Kaiserhof« aus dem Schlaf. Dini Hoogelycht stieg aus dem Bett, trat ans Fenster und zog die Rollos hoch. Der Himmel war an diesem Oktobermorgen bleigrau.

Mit Blick auf die Dünen, über die Nebelfetzen trieben, machte die noch immer sportliche alte Dame einige Kniebeugen und ließ einige Dehnübungen folgen. Dann zog sie ihr Nachthemd aus, ging ins Bad, stellte sich wie an jedem Morgen, solange sie zurückdenken konnte, unter die kalte Dusche und genoss die eisige Erfrischung.

Danach frottierte sie ihren Körper, betrat das Schlafzimmer, schlüpfte in ihre Wäsche, zog einen blauen Pulli über und entschied sich für ein teures Leinenkostüm, das sie sich zu ihrem achtzigsten Geburtstag gekauft hatte und das ihr sehr gut stand.

Sie setzte sich auf die Bettkante, streifte Seidenstrümpfe über ihre Beine und schlüpfte rasch in ihre Pumps. Auch ihre Füße machten ihr noch keine Schwierigkeiten.

Dini Hoogelycht betrachtete sich im Spiegel der Schranktür: Sie war zufrieden mit ihrem Äußeren. Die Frisörin hatte ihr am Abend zuvor das Haar gefärbt und neu gelegt, und ihre feinen Züge waren noch leicht gebräunt. Ihre grauen Augen blitzten vor Tatendrang. Nur als sie an ihre Schwiegertochter dachte, flog ein Schatten über ihre Züge. »Ulfert müsste härter durchgreifen!«, murmelte sie. »Tomma hat ihn voll im Griff! Ulfert und ich, wir verrichten die Arbeit, während sie aufgeputzt die Madame spielt. Dabei wirkt sie immer noch attraktiv, eigentlich kein Wunder. Ulfert dagegen sieht man sein Alter schon deutlich an!«

Dini Hoogelycht verließ ihre Wohnung, die zu ebener Erde im hinteren, zur Ostseite hinausgehenden Anbau lag. Es war kurz vor Saisonende, und bis Weihnachten blieb das Hotel geschlossen. Die letzten Gäste würden an diesem Morgen abreisen, und dann stand nur noch ein großer Hausputz auf dem Programm, bevor auch das Hotelpersonal nach Hause gehen konnte.

Von ihrem Platz an der Rezeption aus lächelte Maike Ammermann, die Sekretärin, der Hotelchefin zu, die direkt in den Speisesaal ging. Dort setzte sie sich an den runden Tisch, den sie für die Familie reserviert hielt. Ihr Sohn und die Schwiegertochter hatten bereits gefrühstückt, die beiden Gedecke waren schon abgeräumt.

Schiri, die türkische Serviererin, brachte ihr den Tee. Dini Hoogelycht aß ein Brötchen mit Sanddornmarmelade und beobachtete dabei verstohlen die Gäste. Das Geschäft war in dieser Saison hervorragend gelaufen, nur die Kurabteilung hatte ein leichtes Minus einstecken müssen.

Als die Gäste ihre Tische verließen, erhob sich die alte Dame und verabschiedete sich mit Handschlag und guten Wünschen von ihnen. Dann trommelte sie das Bedienungspersonal zusammen und gab Anweisungen für den großen Hausputz.

Schließlich betrat Dini Hoogelycht das kleine Büro hinter der Rezeption. Maike Ammermann saß an ihrem Schreibtisch vor dem Computer und bearbeitete die Unterlagen der abgereisten Gäste.

»Na, das war es dann mal wieder«, sagte die Chefin und setzte sich an ihren Schreibtisch.

»Vom sechsundzwanzigsten Dezember bis zum Dreikönigstag sind wir voll ausgebucht«, meinte die Sekretärin.

»Das lässt sich hören! Damit sind für Januar unsere Fixkosten bereits gedeckt. Druck mir bitte eine Personalliste aus – ich muss entscheiden, wen ich bis zur Vorsaison entlassen sollte«, sagte Dini Hoogelycht.

Während die Chefin sich mit ihrer Sekretärin besprach, trugen die Putzfrauen und Zimmermädchen die Matratzen auf die Balkone, rollten die Teppiche auf, nahmen die Gardinen ab und begannen, die Zimmer auf den Kopf zu stellen.

Mittags gab es für alle einen Eintopf im Speisesaal. Die Stimmung war gut, man kam gut voran. Dini Hoogelycht, überwältigt von der Arbeitsfreudigkeit ihrer Mitarbeiter, verkündete vor versammelter Truppe, dass sie trotz der allgemein rückläufigen Wirtschaftslage das Weihnachtsgeld in gleicher Höhe wie im Vorjahr zahlen werde. Zum Nachtisch gab es Eis aus der Truhe im Plastiktöpfchen.

Dini Hoogelycht wandte sich an ihren Sohn. »Wo steckt eigentlich Tomma?«, fragte sie gespielt beiläufig.

»Sie hat einen Termin beim Arzt«, antwortete Ulfert hastig. Ihm lag nicht daran, die Litanei von seiner Mutter wieder vorgebetet zu bekommen. Auch ihm hatte es nicht gepasst, dass seine Frau sich an diesem Morgen, noch bevor seine Mutter zum Frühstück erschienen war, mit viel Wirbel von den Gästen verabschiedet und rechtzeitig vor Beginn des Hausputzes das Haus verlassen hatte. »Ich bin nicht Mutters Putzfrau«, hatte sie ihm schnippisch erklärt.

»Sie wird dann wohl heute Nachmittag zum Tee zurück sein«, meinte die alte Dame.

***

Focko Hoogelycht verließ am Nachmittag im Emdener Hafen den Zug und ging zur Borkum-Fähre hinüber. Der anfallende Nordwestwind fegte kalt über den Kai. Focko hörte das Aufheulen eines Dieselmotors und bemerkte den MAN-Sattelschlepper, der, mit Baumaterialien beladen, der geöffneten Bugklappe des Schiffes entgegenfuhr. Im Führerhaus saßen zwei junge Fahrer, und der junge Mann beneidete sie für wenige Sekunden um ihren handfesten Job.

Das würde mir auch Spaß machen, dachte er: So ganz ohne das ständige Nörgeln eines Chefs einen schweren Lastwagen über die Autobahn zu steuern – ein Wunschtraum!

Focko näherte sich, umgeben von den Zugreisenden, der Passagierbrücke. Es waren meist ältere Menschen, und ihre harmlose Aufgeräumtheit, ihre albernen Bemerkungen über die Passage bei hohem Seegang störten ihn, ohne dass er sagen konnte, warum.

Focko nahm die Stufen der Eisentreppe; ein bärtiger Matrose knipste wortlos seine Fahrkarte. Er betrat das Schiff, stieg die Treppe zum Unterdeck hinab, schritt an der Cafeteria vorbei und suchte den Salon auf. Dort stellte er den Koffer ab, zog die teure Windjacke aus, hängte sie an den Garderobenhaken und zwängte sich auf die Sitzbank eines der Fenstertische.

Er hatte in der letzten Zeit nicht nur zugenommen, sondern war regelrecht dick geworden, doch das kümmerte ihn wenig. Schließlich befand er sich ja in guter Gesellschaft, wenn man an die vielen Politiker und Stars dachte, die ganz ungeniert ihren Bauch spazieren trugen!

Im Salon saßen nur wenige Fahrgäste. Er vernahm das schrille Klingeln, das von der Brücke her in den Salon drang, und schaute auf die Uhr: Das Schiff legte pünktlich ab.

Die Bedienung trat an seinen Tisch. Die junge Frau lächelte ihn freundlich an. »Ein Kännchen Kaffee und zwei Cognac«, bestellte er und schaute durch das Fenster auf den grünen Deich, auf dem Schafe grasten.

Das Schiff näherte sich durch die Fahrrinne dem offenen Wasser. Die hübsche, junge Schiffskellnerin brachte den Kaffee, stellte auch die bauchigen Cognacschwenker auf den Tisch und kassierte sofort.

Focko Hoogelycht legte einen Zwanzigmarkschein auf den Tisch. »Der Rest ist für Sie«, sagte er.

»Danke«, erwiderte die junge Frau erfreut.

Hoogelycht schob ihr einen Cognacschwenker zu und nahm den anderen in seine Hand.

»Bitte, stoßen Sie mit mir an«, bat er die junge Frau. Er lachte schallend, als er in das entsetzte Gesicht der Bedienung blickte.

»Doch nicht im Dienst!«, sagte sie leicht empört.

»Na, dann trinke ich eben mit beiden auf Ihr Wohl.« Hoogelycht grinste, setzte ein Glas an den Mund und leerte es, um dann das andere zu heben.

»Danke«, sagte die Kellnerin und ging davon.

Focko Hoogelycht war sehr zufrieden mit sich. Er steckte sich eine Zigarre an und rauchte genüsslich. Der Blick durch das Fenster auf den grauen Himmel und die kabbelige Nordsee gab ihm das Gefühl einer wiedergewonnenen Freiheit. Dabei besaß er kaum Anlass, mit sich zufrieden zu sein, im Gegenteil. Seine Eltern hatten ihm nach dem Scheitern an der Fachhochschule in Freiburg dank ihrer Beziehungen im renommierten Hamburger Hotel »Maple« eine Praktikantenstelle besorgt, aber auch dort hatte es Ärger gegeben.

Focko Hoogelycht trank den Kaffee, nippte am Cognacglas und rauchte die teure Zigarre. Dabei ließ er die turbulenten Ereignisse im Hotel »Maple« noch einmal vor seinem geistigen Auge Revue passieren.

Er hatte sich mit dem angesehenen Hoteldirektor – gelinde ausgedrückt – angelegt, danach sein Zimmer geräumt und sich auf die Reise nach Hause begeben. Jetzt sann er nach einer Version der Ereignisse, die ihn entlastete und die er seiner ihm zugeneigten Großmutter, dem skeptischen und oft enttäuschten Vater und der ihm alles verzeihenden Mama anbieten konnte, ohne in das Kreuzfeuer der Kritik zu geraten. Alle die Jahre über hatte er sich nicht allzu große Mühe gegeben, die hochgestochenen Pläne seiner Eltern zu erfüllen, die nach immer neuen Wegen sannen, ihm eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen, obwohl er schon oft versagt hatte.

Auch in Hamburg im Viersternehotel »Maple« war Focko Hoogelycht beileibe kein Aushängeschild gewesen. Tatsache war, dass der Hoteldirektor ihn dabei ertappt hatte, wie er am fortgeschrittenen Abend während des Dienstes am Tresen der Rezeption an einem Cognacschwenker nippte, eine Zigarre rauchte und eine junge amerikanische Mitarbeiterin der New York Times zu überreden versuchte, ihn nach seinem Dienst in seinem Appartement zu besuchen. Er hatte sich als Sohn einer vermögenden Hoteliersfamilie bezeichnet und angeboten, ihr mit fachkundigem Rat auf ihrer Deutschlandreise beizustehen.

Diese Entdeckung hatte dem Chef die Zornesröte ins Gesicht getrieben.

»Sie können gehen – und brauchen morgen nicht mehr zu erscheinen«, hatte er gesagt und den Dienst am Tresen selbst übernommen.

Focko hatte seelenruhig das Cognacglas geleert, seine Zigarre ausgedrückt, dem Chef Platz gemacht und ihn verächtlich angeschaut. »Ich habe sowieso die Schnauze voll von Ihrer Klitsche! Sie können mich mal …« hatte er gesagt, danach sein kleines Appartement aufgesucht und nicht einmal seinen Schrank ausgeräumt, sondern noch einige Hosen und teure Jacketts auf den Bügeln hinterlassen.

Die Fähre begann jetzt mit dem Anlegemanöver. Focko grinste in sich hinein, als er sich an die fassungslose Miene des »großen Hoteldirektors« erinnerte.

Diesem arroganten Schwein habe ich es gegeben, dachte er zufrieden. In der Hoffnung, dass seine Mutter nun endlich damit aufhören würde, ihn auf immer neue Schulen und Weiterbildungsinstitute zu schicken, verließ er das Fährschiff. Er verzichtete auf ein Taxi und stieg in den bereitstehenden Zug der Inselbahn, um direkt vor dem »Kaiserhof« auszusteigen.

Die Ruhe im Hause war ungewohnt – das Personal hatte bereits Feierabend. Der Speisesaal lag im Halbdunkel, und dort saßen Dini Hoogelycht, die Chefin, ihre Schwiegertochter Tomma und ihr Sohn Ulfert im Licht der herabgezogenen Schirmlampe am Familientisch. Auf dem Tisch stand das Teegeschirr mit dem Muster der ostfriesischen Rose. Im Stövchen brannte das Teelicht.

Die Chefin hatte sich nicht umgezogen und trug noch dasselbe Kostüm wie am Morgen. Ihre Schwiegertochter sah flott aus in der mit Perlen bestickten Jeansjacke. Ihr hübsches Gesicht war tief gebräunt von den regelmäßigen Besuchen im Solarium.

Ulfert Hoogelycht wirkte müde. Er trug ein buntes Flanellhemd und studierte durch seine randlose Lesebrille eine Computerliste. Schiri, die hübsche Türkin, brachte den Tee, stellte die Kanne auf das Stövchen und servierte eine Schüssel mit friesischem Teegebäck.

»Schiri, du kannst ruhig nach Hause gehen. Ich spüle die paar Tassen und Teller«, meinte Dini Hoogelycht.

»Ach, das hat keine Eile. In der Teeküche gibt es sowieso noch einiges zu tun«, antwortete Schiri und verschwand wieder in der Küche.

Die Familie bediente sich mit Kluntje. Dini Hoogelycht schenkte den Tee ein. Sie nahmen von der Sahne und knabberten das lockere Blätterteiggebäck.

»Eins muss ich sagen: Heute lief alles wie geschmiert. Das Wetter hat auch mitgespielt«, meinte die alte Dame erleichtert.

Ihre Schwiegertochter nippte an der Tasse und steckte sich eine Zigarette zwischen die geschminkten Lippen. »Gut, dass die Saison vorbei ist! Immer dieser Stress. Ich bin fertig! Ich muss mal runter von der Insel«, sagte sie und zündete die Zigarette an. Sie inhalierte und blies dann den Rauch erleichtert von sich. »Die Kur wird mir guttun!«

Ulfert stopfte seine Pfeife, steckte den Tabak an und paffte. »Die Saison war immerhin ein voller Erfolg!«, sagte er nur.

Etwas später schauten sie sich überrascht an. Jemand hatte die Glocke an der Rezeption betätigt.

»Ein Gast?«, fragte Dini Hoogelycht und blickte ihren Sohn fragend an. Ulfert legte die Pfeife auf den Aschenbecher, nahm noch einen Schluck von seinem Tee, stand auf, um im Flur nach dem Rechten zu sehen. Überrascht starrte er wenig später seinen Sohn an, der ihm ein wenig unsicher entgegenlächelte.

»Hallo Papa!«, sagte Focko bemüht herzlich. »Nehmt ihr mich wieder in eurer Mitte auf?«

»Focko, du hier?« Ulfert Hoogelycht ahnte sofort, dass sein Sohn wieder einmal in Schwierigkeiten steckte. Der Junge bleibt ein Versager, schoss es ihm durch den Kopf.

»Papa, nun schau mich bloß nicht so an! Es lag nur an deinem sogenannten Freund, diesem aufgeblasenen Idioten!«

Ulfert Hoogelycht schwieg für Sekunden und blickte den Sohn eindringlich an. Er wartete auf eine Erklärung.

»Er hat mir das Leben zur Hölle gemacht. Na ja, und irgendwann hat es mir eben gereicht!«, sagte Focko

Hoogelycht kämpfte mit seinen Gefühlen und bemühte sich, seine Enttäuschung zu unterdrücken. Dann ging er ohne ein weiteres Wort zur Tür des Speisesaales, öffnete sie und ließ den Sohn eintreten.

Focko eilte an den Tisch. Tomma stand auf und drückte ihren Sohn an sich.

»Junge, hast du Ärger gehabt?«, fragte sie voller böser Vorahnungen.

Focko gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange. Dann stieß er mitleidheischend hervor: »Mutter, dieser Phillip Gussmann ist ein Sadist!«

Jetzt erhob sich auch Dini Hoogelycht. Focko löste sich aus der Umarmung der Mutter und sah die alte Dame treuherzig an. »Es war einfach zu viel. Ich musste wie ein einfacher Boy Koffer schleppen. Außerdem hatten sie keinen Fahrer für den Bulli, also habe ich auch noch den Chauffeur gespielt und die Gäste zum Bahnhof und zurück kutschiert. Ständig wurde ich zum Nachtdienst eingeteilt, und dann klingelten um Mitternacht Gäste und wünschten sich Ölsardinen! Und das alles für das bescheidene Praktikantengehalt!« Focko hatte sich in echte Empörung geredet.

»Mein Junge, ich denke, dass du in meinem Hause Sinnvolleres leisten kannst. Es ist an der Zeit, dass dein Vater dich mit verantwortungsvolleren Aufgaben betraut«, sagte Dini Hoogelycht denn auch sofort und blickte ihren Sohn auffordernd an. Tomma hatte wieder Platz genommen.

»Focko, komm, setz dich zu uns. Papa holt dir sicher ein Gedeck. Schiri ist noch in der Teeküche«, sagte sie.

Ulfert Hoogelycht erhob sich wortlos und ging zur Teeküche hinüber. Mutter hat gut reden, dachte er und überlegte, wo er den Sohn im Hotel sinnvoll einsetzen konnte, ohne ihn vor seinen Angestellten bloßstellen zu müssen. Das würde zumindest sehr schwierig werden, wie er sehr wohl wusste. Sahen denn die beiden Frauen nicht, wie blenderisch und verantwortungslos der Junge sich gebärdete?

Ulfert seufzte leise auf, bevor er Schiri in der Küche um ein weiteres Gedeck bat und wieder in den Speisesaal zurückkehrte.

Dort hatte Focko mittlerweile die beiden Frauen vollkommen von seiner Sicht der Dinge überzeugt. Er war das Opfer eines neureichen Leuteschinders geworden, dem der wohlhabende zukünftige Erbe eines Inselhotels auf Borkum ein Dorn im Auge gewesen war.

Ulfert wusste, dass es keinen Sinn gehabt hätte, dagegenzureden.

Schiri brachte das Gedeck. »Hallo«, sagte sie nur und senkte den Blick, als der Junior sie erfreut musterte; dann ging sie zurück in die Küche. Der Enkel der Altchefin besaß kein hohes Ansehen bei den Angestellten. Tomma Hoogelycht legte Kluntje in die Tasse, schenkte Focko fürsorglich den Tee ein und gab Sahne dazu.

Focko trank einen Schluck, nahm aus seiner Westentasche eine Zigarre mit Bauchbinde, steckte sie an und blies den grauweißen Qualm von sich. Noch einmal ließ er sich zu Geschichten hinreißen, die seiner Großmutter und Tomma zu Herzen gingen.

Er trug dick auf, und als er geendet hatte, begannen die beiden Frauen wieder eifrig für ihn Pläne zu machen. Focko hörte zufrieden zu. Es hätte nicht besser laufen können. Großmutter kam ihm zu Hilfe, und das war die halbe Miete. Er schaute dem Vater zu, der die erloschene Pfeife in der Hand hielt und nachdenklich in den abgedunkelten Speisesaal blickte, als warte er auf Schiri, denn es war kein Tee mehr da. Ulferts gealtertes Gesicht war von Sorgenfalten durchzogen.

Er wird gleich Stellung beziehen und einen Vorschlag machen, wo man mich unterbringen kann, um mich vom Betrieb fernzuhalten, dachte Focko.

Jetzt erschien tatsächlich Schiri mit einer vollen Teekanne in der Hand am Tisch. Focko fiel auf, wie hübsch sie war mit ihren großen dunklen Augen. Ihr schwarzes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten. Ihre Jeans betonten ihre gute Figur.

»Ich dachte nur, die Kanne muss leer sein«, sagte sie freundlich und stellte den frischen Tee auf das Stövchen.

»Danke«, sagte Dini Hoogelycht. Als Schiri in die Teeküche zurückging, schaute Focko hinter ihr her. Immer noch stand der Vorschlag seiner Großmutter im Raum.

Ulfert Hoogelycht war tief in Gedanken versunken. Er hatte sich bei seinem Bekannten Gussmann für seinen Sohn eingesetzt und ihn gebeten, Focko trotz einer Vielzahl anderer Bewerber einzustellen. Wie stand er jetzt da? Er trank seinen Tee und schaute seine Mutter fragend an.

»Focko wird irgendwann unseren Betrieb übernehmen«, sagte diese. »Es wäre an der Zeit, dass er sich einarbeitet, schließlich ist er schon dreißig.«

Ulfert nickte. »Da gibt es sicher auch einiges, was er sich im Hause aneignen könnte. Ich denke zum Beispiel an den Umgang mit dem Computer. Frau Ammermann sprach von einem Programm, das speziell für die Gastronomie entwickelt wurde. Sie ist dabei, sich einzuarbeiten. Aber wir können Focko schlecht als Azubi in ihre Obhut geben«, sagte er.

Dini Hoogelycht hob die Stimme. »Wann hört ihr endlich auf, an Focko zu zweifeln? Er muss hier Gelegenheit bekommen, sich zu bewähren und Erfahrungen zu sammeln.«

»Danke, gnädige Frau«, erwiderte ihr Enkel kess. »Als Erstes muss heutzutage jedes Unternehmen seine Personalkosten senken, um in der Gewinnzone zu bleiben. Ein paar Erfahrungen habe ich immerhin doch schon gesammelt«, fügte er wichtig hinzu.

Ulfert Hoogelycht schaute den Sohn überrascht an. »Zuerst einmal muss Oma dir ein Gehalt zahlen, bevor du die Personalkosten abbauen kannst«, meinte er ironisch.

»Dazu bin ich gern bereit«, warf die alte Dame ein. »Die Kinder deiner Schwester Ulla haben ihre Ausbildung beendet. Swantje fängt in Hamburg bei einer Apotheke an, und Renke möchte sich nach dem praktischen Jahr im Emder Raum als Arzt niederlassen. Ich habe ihnen geholfen, und nun soll Focko in meinem Hause eine Zukunft haben.«

»Danke, Oma«, antwortete Focko. Er erhob sich, ging zu seiner Großmutter hinüber und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Ich denke, dass dein Vater und deine Mutter mit meiner Entscheidung verstanden sein werden«, sagte sie. »Du könntest dich um Personalfragen kümmern.«

»Und die Fachschule? Dort würdest du sicher auch reizende Töchter aus der Branche kennenlernen!«, warf Tomma Hoogelycht ein.

»Mama, ehrlich gesagt, darauf kann ich verzichten«, antwortete Focko verächtlich.

Ulfert Hoogelycht hatte sich zu einem Entschluss durchgerungen. Er setzte die Lesebrille auf, begann mit der Reinigung der Pfeife und sagte ruhig: »All up Stee! Du bist ab heute der Junior!«

»Danke, Papa, ich freue mich«, erwiderte Focko überrascht.

»Ist in Ordnung. Ich akzeptiere Mutters Entscheidung«, erklärte Ulfert schlicht.

Tomma Hoogelycht erhob sich und nahm ihren Sohn an die Hand. »Focko, komm, wir holen dein Gepäck und gehen nach oben.«

Dini Hoogelycht stand ebenfalls auf. »Ich helfe Schiri in der Küche«, sagte sie und begann abzuräumen.

Ulfert Hoogelycht ging zum Tresen und holte sich eine Flasche Bier. Dann stopfte er seine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich gedankenverloren in seinem Stuhl zurück.

Vieles war schiefgelaufen mit dem Jungen. Tomma hatte es versäumt, Focko eine Mutter zu sein. Sie kam aus einem bürgerlichen Haus vom Festland. Den Vater hatte sie früh verloren. Die Schwiegermutter hatte als Krankenschwester im Norder Krankenhaus gearbeitet und war im vorigen Jahr ebenfalls gestorben.

Tomma hatte in ihrem Drang nach Selbstverwirklichung und der Freude am Geschäft Focko meistens den Kindermädchen überlassen. Mit ihrem Charme, ihrer guten Figur und ihrem hübschen Aussehen hatte sie die Urlauber und Kurgäste schnell für sich eingenommen. Sie besaß immer noch alle Reize einer attraktiven Frau, während sein Körper schon Spuren des Alterns verriet. Damit jedoch konnte er leben. Störender fand er Tommas Bemühungen, seine alte Mutter aus der Leitung des Hotels zu verdrängen …

An diesem Abend dachte Ulfert beim Bier über einige Dinge nach. Erst spät leerte er den Aschenbecher, löschte die Lichter und ging ins Schlafzimmer hinauf.

Unter dem Schutzdach der Bushaltestelle standen die Menschen dicht gedrängt und schauten mürrisch in den Regen hinaus. Von den Fassaden der gegenüberliegenden Gebäude fiel das Licht der bunten Neonröhren in den tristen, späten Nachmittag. Ein böiger Wind fegte durch die Straße und über den Bahnhofsplatz.

Eilige Reisende hasteten die Straße entlang. Der Taxistand war verwaist. Swetlana Roederich hatte unter dem Schutzdach gelehnt und suchte Schutz vor dem kalten, nassen Wind. Ihr war kalt. Mit klammen Fingern hielt sie die Plastiktüte mit dem Einkauf umschlossen. Unter den Wartenden entdeckte sie einige Mitbewohner, doch sie mied ihre Blicke.

Jetzt kam der Bus aus der Schleife, die an den teuren Hotels entlangführte und für den Autoverkehr gesperrt war. Die Scheibenwischer bewegten sich im Takt. Die Scheinwerfer wirkten wie starre Augen, die kalt einem Ziel entgegenblickten. Die wartenden Menschen traten in den Regen. Regenschirme spannten sich gegen den Wind und die Nässe. Der Bus hielt an der Bordsteinkante. Der Motor dieselte im Leerlauf.

Swetlana hörte das Zischen des Türöffners. Insassen verließen den Bus und fanden den Weg durch die drängende Menge. Die wartenden Fahrgäste stiegen ein, und auch Swetlana entwertete ihren Fahrausweis. Im Bus roch es nach schalem Atem, Pommes frites und Putzmitteln. Immer mehr Menschen drängten in den Bus. Swetlana suchte mit der einen Hand Halt an einer Plastikschlaufe, mit der anderen hielt sie die Einkaufstüte.

Außer der Tatsache, dass sie zum Teil dasselbe Fahrziel hatten, verband sie an diesem Abend nichts mit den vielen Menschen um sie herum. An jeder Haltestelle stiegen mehr Fahrgäste aus als ein. Swetlana hielt sich weiter an der Schlaufe fest, obwohl es bereits freie Sitzplätze gab. Sie befand sich unter Aussiedlern, von denen sie einige schon öfter gesehen hatte. Die übrigen Fahrgäste waren junge Osteuropäer und Farbige.

Swetlana stieg am Pestalozzi-Platz aus. Der Regen hatte ihre Jacke und die Jeans durchnässt. Ihr Haar hing ihr in Strähnen um den Kopf.

Die Straßenlaternen warfen mattes Licht auf den Gehsteig. Jenseits davon lagen von Hecken umgrenzte Schrebergärten.

Die Ausländer schritten palavernd vor ihr her. Es waren junge Menschen wie sie, die vor etwas weggelaufen waren und wie sie hinter etwas herrannten, das nur schemenhaft in ihre Nähe gerückt war. Swetlana wünschte sich eine Wohnung in einem der Viertel, wo die Deutschen wohnten. Sie hasste den Blick auf die gardinenlosen Fenster, auf den verwahrlosten Rasen und die verschmutzten Eingangstüren. Allzu oft war die Polizei im Haus. Über Nacht standen öfter teure Wagen auf den Parkstreifen.

Der Regen hinterließ Pfützen auf den Betonplatten. Durch die Ahornbäume fuhr der Wind, spielte mit den knorrigen Zweigen und trieb die Blätter vor sich her, die der Herbst bunt gefärbt hatte.

Swetlana betrat das Haus. Kinder spielten im Korridor. Sie stieg die Treppe hinauf. Jugendliche hatten die kahlen weißen Wände mit Graffiti besprüht. Die Betonstufen waren ausgetreten, die Böden uneben und fleckig. Swetlana ging zu ihrer Appartementtür, nahm den Schlüssel aus ihrer Jacke, schloss auf und betrat den engen dunklen Flur. Sie stellte die Plastiktüte ab, zog die nasse Jacke aus und hängte sie an den Garderobenhaken.

Dann öffnete sie die Tür ihres kleinen kombinierten Wohn-Schlafzimmers. Sie hatte es möbliert übernommen. Nur den Fernseher hatte sie preiswert in einem Secondhandshop erstanden. Eine Wand wurde von einem Einbauschrank und einem kleinen Herd eingenommen, an der anderen Wand stand die Schlafcouch mit einem Bücherregal und einer Leselampe darüber.

Mitten im Zimmer stand der Tisch mit einem Stuhl. In der Zimmerecke hatte der Fernseher Platz gefunden. Für das nach Westen hinausgehende Fester hatte Swetlana eine Gardine gekauft und einen bunten Vorhang genäht, um die kahle Wohnung etwas heimeliger zu machen. Der kalte, nasse Oktobertag lastete schwer auf ihrem Gemüt. Sie zog sich aus, hängte die durchnässte Jeans über die Heizung, betrat das Bad, stellte die Dusche an und ließ das heiße Wasser auf ihren Körper prasseln.

Sie war sportlich und durchtrainiert, hatte in ihrer Heimat als Bodenturnerin Erfolge gefeiert und noch bis zu ihrer Ausreise als Trainerin eine Mädchenriege betreut.

Während sie die wohlige Wärme genoss, dachte sie an ihr Elternhaus in der Nähe von Kirkutsk, wo alles sehr einfach gewesen war. Dort hatten die Wände aus gekalktem Lehm bestanden. An kalten Herbst- und Wintertagen hatten sie und ihre Familie fröstelnd um den großen Tisch gesessen, obwohl sie den gusseisernen Ofen mit Holz bis zur Rotglut aufgeheizt hatten.

Swetlana spürte, dass das Wasser plötzlich salzig schmeckte – sie weinte, wie so oft, seitdem sie hier war. Ihr Freund Dimitri hatte versprochen, ebenfalls einen Antrag auf Aussiedlung zu stellen, um ihr zu folgen, doch inzwischen hatte ihre Großmutter ihr geschrieben, dass Dimitri in Ursk eine Anstellung als Ingenieur gefunden hatte und dort ein gutes Gehalt und zusätzliche Prämien erhielt. Er hatte aufgehört, auf ihre Briefe zu antworten, und das konnte nur bedeuten, dass er nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft dachte. Swetlana schluchzte bei dem Gedanken an ihre Großmutter, die sich wegen ihres Alters nicht mehr hatte entschließen können, das Dorf zu verlassen, und jetzt alleine in dem heruntergekommenen Häuschen lebte. Aber immerhin hatte sie ihre Nachbarn und Freunde, den eigenen Garten und ein paar Hühner.

Swetlana stellte die Dusche ab, hüllte sich in ein Handtuch ein und frottierte sich gründlich ab. Sie sehnte sich nach einer Schulter zum Anlehnen, einem Freund, nach Arbeit und einer Perspektive für die Zukunft! Vor allem aber musste sie Dimitri vergessen! Sie betrat das Zimmer, schlüpfte in frische Wäsche und zog eine trockene Jeans und einen Pullover über. Danach schlüpfte sie in ihre Pantoffeln, holte die Einkäufe und packte sie in den Kühlschrank. Dann ertappte sie sich erschrocken dabei, wie sie sehnsuchtsvoll Dimitris Namen aussprach. Ihr fiel ein Sprichwort ihrer Großmutter ein: »Was die Lippen so schnell von sich geben, das hat das Herz noch lange nicht vergessen!« Und doch – der Entschluss zur Ausreise war richtig gewesen!

Swetlana besaß einen deutschen Pass. Ihr Vater war deutscher Herkunft gewesen und im Afghanistankrieg als Zeitungsreporter gefallen.

Swetlana trug ihr schwarzes Haar zu einem Zopf geflochten. Sie hatte rehbraune Augen. Ihre hervortretenden Wangenknochen, ein Erbe ihrer kirgisischen Mutter, verliehen ihrem schönen Gesicht mit den vollen Lippen und der schmalen Nase einen Hauch von Fremdheit.

Sie nahm aus dem Pantryschrank einen kleinen Topf, füllte etwas Wasser ein, gab einen Schuss Rotwein hinzu und setzte den Topf auf die Kochplatte.

Sie machte sich einen Glühwein und setzte sich damit an den Tisch. Draußen regnete es noch immer. Swetlana rauchte eine Zigarette, trank den Wein in kleinen Schlücken und dachte an zu Hause.

Sie hatte als Angestellte im Büro einer Molkerei gearbeitet. Monatelang war das Gehalt ausgeblieben. Die Kolchosen hatten sich aufgelöst, die Milchlieferanten waren ausgeblieben, und schließlich hatte sie ihre Arbeit verloren. Kurz danach hatte ihre Mutter plötzlich über unerträgliche Schmerzen geklagt und war innerhalb weniger Monate an Krebs gestorben.

Swetlana spürte, wie ihr schon wieder die Tränen kamen. Um sich abzulenken, griff sie nach der Zeitung und studierte die Anzeigenbeilage des Abendblattes. Sie hätte so gern wieder gearbeitet, aber ihre Aussichten waren sehr schlecht!

Ihr Blick fiel auf die Heiratsanzeigen, und sie schmunzelte über die kessen Formulierungen. Eine Anzeige erweckte ihre Neugierde, sodass sie gleich mehrmals las:

»Dreißigjähriger Mitinhaber eines alteingesessenen Hotels auf einer ostfriesischen Insel sucht ›Sie‹, die bereit ist, sich den Aufgaben eines gutgehenden Betriebes zu stellen.

›Er‹ ist gebildet und gesellig und erwartete von ›Ihr‹ Einsatzbereitschaft und ein angenehmes Äußeres. ›Sie‹ sollte nicht älter als dreißig sein. Heirat nicht ausgeschlossen!«

Swetlana ging zum Herd und füllte ihr Glas wieder mit Glühwein. Dann setzte sie sich nachdenklich an den Tisch, zündete sich eine Zigarette an, nippte am Glas und rauchte.

Sie hatte bei der Übersiedlung Mädchen kennengelernt, die den Versprechungen windiger Typen Glauben geschenkt und sich bereit erklärt hatten, Jobs als Unterhalterinnen und Kellnerinnen anzunehmen. Sie waren direkt in bereitstehende Appartements in Frankfurt, Hamburg und anderen Großstädten eingezogen, und Swetlana hatte nie wieder etwas von ihnen gehört. Swetlanas Muttersprache war Russisch, und obwohl ihre Großmutter sich bemüht hatte, ihr Deutsch beizubringen, sprach sie nicht allzu gut.

Sie hatte auch nicht die geringste Ahnung, wo sich die Ostfriesischen Inseln befanden, und wusste noch einiges zu ergründen, weshalb diese Annonce sie so aufrüttelte.

Sie hatte Dimitri geliebt und ihm die Treue gehalten, doch inzwischen war ihr klar geworden, dass er niemals kommen würde, wahrscheinlich hatte er längst eine andere kennengelernt und dachte schon gar nicht mehr an sie.

Sie war also frei – doch wo sollte sie hier in Hamburg eine neue Liebe finden!

Entschlossen ging sie hinüber zum Bücherregal, nahm den Schreibblock, auf dessen Seiten sie noch die durchgedrückten Linien ihres ersten Briefes an die Großmutter erkannte; sie gab sich einen Ruck und verfasste einen kurz gehaltenen Lebenslauf, bemüht, die in der Volkshochschule erlernten Rechtschreibregeln zu beherzigen. Sie erklärte sich dem unbekannten Hotelier gegenüber bereit, den »gewünschten Anforderungen« gerecht zu werden, und legte ein Foto bei.

Dann las sie den Brief noch einmal durch, steckte ihn samt Foto in ein Kuvert, klebte den Umschlag zu und versah ihn mit der Chiffrenummer und der Adresse der Zeitung. Seufzend trankt sie den letzten Schluck Glühwein aus ihrem Glas und beschloss, schlafen zu gehen.

***

Frau Asyr Geecer drückte den Sohn an sich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, wünschte ihm auf Türkisch viel Glück und begleitete ihn zur Tür. Attila verschwand um die Hausecke herum, holte sein Fahrrad aus dem Schuppen und radelte los.

Nebel lag auf den Dünen und zog in dichten Bänken über der Reedestraße. Attila fühlt die nasse Kälte im Gesicht und trat mächtig in die Pedalen. In den trüben Herbstmorgen drang das Rauschen der Brecher, die auf dem Strand unterhalb der Kurpromenade ausrollten.

Die Spitze des Leuchtturms ragte in den Nebel hinein. Am Bahnhof stand niemand im milchigen Licht der hochstelzigen Leuchten.

Attila radelte der Lichterreklame des Kaiserhofs entgegen, die den Nebel grün färbte. Er stieg vom Fahrrad, stellte es in den Ständer und schaute auf seine Armbanduhr. Es war fünf vor neun. Er atmete tief durch und stieg die breiten Stufen der Steintreppe empor. Er griff nach der eisernen Klinke, und der stilisierte Fisch lag für Sekunden kalt in seiner Hand. Er öffnete die Tür und betrat die Empfangshalle. Auf die massive Holzplatte des Tresens fiel das Licht eines Deckenstrahlers. Seitlich standen Blumenkübel auf dem Steinboden.

Attila blickte sich im Flur um. An den Wänden hingen Bilder. Kleine Wandleuchten warfen schummriges Licht auf die Grastapete. In der Ecke befand sich eine Sitzgruppe mit Ledersofa, Ledersessel und einem Eichentisch. Eine blau lackierte Tür trug in goldenen Lettern die Aufschrift »Speisesaal«.

Attila trat an den Tresen und griff nach dem geflochtenen Seil der kleinen Schiffsglocke. Sie gab einen hellen dröhnenden Ton von sich.

Er musste nicht lange warten. Aus dem Halbdunkel des Flurs näherte sich ein schwergewichtiger Mann in Bundfaltenhosen und im eleganten Strickpullover, aus dessen Aufschlägen der Kragen eines Oberhemdes hervorlugte.

Der Mann hatte ein rundes, aber nicht gutmütig wirkendes Gesicht und schon ein wenig schütteres Haar. Seine Augen blickten den Ankömmling abschätzend an. Attila schätzte den Mann auf Mitte dreißig.

Der Mann lächelte jovial, reichte ihm die Hand. »Focko Hoogelycht! Ich bin der Juniorchef dieses Etablissements!«, sagte er und ließ ein selbstzufriedenes Lachen folgen.

»Mein Name ist Attila Geecer. Ich habe mich bei Ihnen als Jungkoch beworben. Hier sind meine Papiere.« Er hob die Tasche hoch.

»Haben Sie schon gefrühstückt?«, fragte der Juniorchef.

Attila nickte stumm.

»Na, dann kommen Sie mal mit«, sagte der Hotelier, ging auf die blau lackierte Tür zu, öffnete sie und ließ den Jungkoch eintreten.

Attila betrat den Speisesaal, der, das sah er auf Anhieb, für gut zahlende Gäste an Behaglichkeit nichts vermissen ließ.

Hoogelycht zeigte auf die Sitzecke. »Legen Sie am besten drüben am Familientisch die Tasche ab und begleiten Sie mich zur Teeküche. Ich denke, wir trinken zusammen eine Tasse Kaffee.«

Attila folgte dem Juniorchef in die Küche, wo dieser auf die Kaffeemaschine deutete. »Sie kennen sich ja aus mit diesen Geräten. Brühen Sie den Kaffee auf, dabei können wir uns unterhalten«, sagte Hoogelycht und schaute zu, wie Attila die Maschine bediente und sich schnell in der fremden Umgebung zurechtfand. Im Spülbecken stand Geschirr – die Eltern und seine Großmutter hatten bereits gefrühstückt, stellte Hoogelycht fest.

Der Jungkoch schien gut zurechtzukommen, denn nach Minuten floss der Kaffee in die bereitgestellten Kännchen.

»Warum haben Sie sich gerade bei uns beworben?«, fragte Focko Hoogelycht etwas später.

Attila blickte den Juniorchef überrascht an. »Das wissen Sie nicht?«, fragte er.

»Ich gehöre erst seit Kurzem zum Management des Hauses«, antwortete der Juniorchef.

»Mein Berufsschullehrer, Eilrich Buss aus Emden, hat mir den Hinweis gegeben«, sagte Attila unsicher.

Der Juniorchef lachte lauthals drauflos. »Ach ja, der gute alte Onkel Eilrich! Tja, Lehrer müsste man sein! Das ist ein bequemer Halbtagsjob!«

Attila stellte die Kännchen auf das Tablett. Im Kühlschrank fand er die Sahne. Er fragte sich verwundert, weshalb Herr Hoogelycht immer noch grinsend in der Teeküche stand, ohne ihm Anweisungen zu geben.

Doch schließlich fragte Hoogelycht:

»Sind Sie Türke?«

»Ja, das habe ich in meinem Lebenslauf erwähnt. Aber ich war noch nie in der Türkei. Ich bekomme bald einen deutschen Pass«, erwiderte Attila.

»Das ist Ihr Bier. Sie gefallen mir! Kommen Sie bitte mit zur Familienecke«, sagte der Juniorchef und schritt Attila voraus.

Eine halbe Stunde später hatte der Juniorchef die Unterlagen und Zeugnisse durchgesehen, die Attila Geecer mitgebracht hatte, und dem Jungkoch eine Anstellung und ein vernünftiges Gehalt angeboten.

Attila nickte hocherfreut. »Ich bin einverstanden«, antwortete er und schüttelte Hoogelycht die Hand.

»Dann sind wir uns also einig«, sagte dieser. »Ich lasse den Vertrag von unserer Sekretärin schreiben. Ach, und vom sechsundzwanzigsten Dezember bis zum sechsten Januar haben wir geöffnet – ich bitte Sie, uns gegen entsprechende Bezahlung zur Verfügung zu stehe. Ab dem Beginn der Vorsaison Anfang März gehören Sie voll zu unserem Team«, sagte Hoogelycht und trank seinen Kaffee aus.

Attila leerte den Rest aus seinem Kännchen in die Tasse und führte diese an den Mund. Er war überglücklich.

Hoogelycht drückte den Zigarettenstummel in den Ascher und erhob sich. »Ich rufe Sie an, wenn Frau Ammermann den Vertrag ausgestellt hat. Warten Sie, ich begleite Sie zur Rezeption«, sagte er.

Attila nahm seine Tasche und folgte ihm. Der Hotelier reichte ihm noch einmal die Hand. »Bis dann.«

»Herzlichen Dank, Sie werden es nicht bereuen, mich eingestellt zu haben«, erwiderte Attila und verließ beschwingt den »Kaiserhof«.

Kurz darauf betrat Focko Hoogelycht das Büro. »Moin«, sagte er und reichte Frau Ammermann die Hand. Sie mochte den Junior nicht sonderlich, bemühte sich aber sehr, ihre Abneigung nicht zu zeigen. Der süßliche Geruch seiner Zigarren setzte sich in die Gardinen und Vorhänge und drang selbst in die Stoffe ihrer Röcke und Blusen, und sein wichtiges Gehabe war ihr richtiggehend zuwider.

»Frau Ammermann, wir werden unserem Altkoch Onno Sandomir vorschlagen, einen Antrag auf vorgezogenen Ruhestand zu stellen«, sagte er.

Die Sekretärin schaute den Junior mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Onno ist seit mehr als zwanzig Jahren bei uns, und soweit ich weiß, hat er nicht die Absicht geäußert, in Rente zu gehen«, meinte sie erstaunt.

Focko Hoogelycht grinste. »Sparen ist zurzeit die Devise. Steuern und Personalkosten fressen den ganzen kläglichen Gewinn auf«, sagte er und nahm im Bürosessel seiner Großmutter Platz. Über seinem dicken Bauch spannte sich der Pullover. »Altgediente Kräfte sind zu teuer geworden!«

»Haben Sie mit Ihrem Vater oder Ihrer Großmutter darüber gesprochen?«, erlaubte sich Maike Ammermann zu fragen.

»Ich bin hier zuständig für alle Personalangelegenheiten, daran müssen Sie sich gewöhnen!« Focko drückte den Zigarrenstummel im Aschenbecher aus. »Ich habe hier die Unterlagen eines Jungkochs, den ich zum ersten März nächsten Jahres einstelle. Er hat die Prüfung mit ›Sehr gut‹ bestanden und besitzt die Empfehlung meines Onkels«, fügte er zufrieden hinzu. »Alles weitere entnehmen Sie diesem Schnellhefter. Wenn Sie nun bitte einen Vertrag vorbereiten werden …«

»Wird erledigt«, gab die Sekretärin knapp zurück.

»Lassen Sie sich Zeit, ich bin sowieso gleich aus dem Haus«, meinte Focko und verließ das Büro.

Frau Ammermann wunderte sich an diesem Morgen über nichts mehr. Sie hatte nur das Gefühl, dass der schwergewichtige Enkel der Chefin dabei war, für viel Wirbel zu sorgen.

Am Nachmittag betrat Dini Hoogelycht mit einem Tablett das Büro. Sie stellte das Stövchen auf den Schreibtisch, setzte die Teekanne ab, stellte zwei Gedecke auf den Tisch und rückte Kluntjebecher und Sahnetopf zurecht.

»Mein Sohn ist zum Bootsschuppen geradelt. Er will seine Jacht warten, nachdem nun endlich der letzte Handwerker das Haus verlassen hat. Meine Schwiegertochter bereitet sich auf ihre Reise nach Italien vor. Ich vermute stark, dass ihre Rückenschmerzen einen psychischen Hintergrund haben«, sagte sie und lächelte verschmitzt. »Von zu schwerer Arbeit rühren sie sicher nicht her.«

Die beiden Frauen schwiegen eine Weile. Dann meinte die Seniorchefin: »Mein Enkel ist nach Hamburg gefahren. Er hat sich mir nicht anvertraut, aber ich gehe davon aus, dass er dort eine Freundin hat. Es wird auch höchste Zeit. Der Bengel ist schließlich schon dreißig. Er muss endlich Tritt fassen«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Ich habe den Anstellungsvertrag bereits ausgestellt und das Schreiben an Onno Sandomir vorbereitet«, erklärte Maike Ammermann und reichte der Älteren mit ausdrucksloser Miene die Unterschriftsmappe.

Dini Hoogelycht nippte an ihrem Tee, nahm die Mappe und schlug sie auf. »Die Einstellung des jungen Türken geht in Ordnung. Aber nehmen Sie bitte das Schreiben an Onno Sandomir heraus. Ich habe da meine eigenen Vorstellungen, und mein Enkel ist noch nicht sehr erfahren«, sagte sie lächelnd und schenkte Tee nach. »Fürs Erste wollen wir ihm noch ein Recht auf die eine oder andere Fehlentscheidung zugestehen!«

Maike Ammermann atmete hörbar auf.

***

Tomma Hoogelycht trat vor die Tür. Es war kalt. Die Blätter der Ziersträucher waren weiß überhaucht, denn es hatte in der Nacht zum ersten Mal gefroren.

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