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Tod und Schinken

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. VORBEMERKUNG
  6. PROLOG
  7. I. FLEISCH AM STIEL
  8. 1.
  9. 2.
  10. 3.
  11. 4.
  12. 5.
  13. 6.
  1. II. DURCH DEN WOLF GEDREHT
  2. Zwischenspiel
  3. 7.
  4. 8.
  5. 9.
  6. 10.
  1. III. GUT ABGEHANGEN
  2. Zwischenspiel
  3. 11.
  4. 12.
  5. 13.
  6. 14.
  1. IV. EISBEIN
  2. Zwischenspiel
  3. 15.
  4. 16.
  5. 17.
  6. 18.
  7. 19.
  8. 20.
  9. 21.
  10. 22.
  11. 23.
  12. 24.
  13. 25.
  14. 26.
  1. EPILOG
  2. PERSONENREGISTER
  3. Aus der Speisekarte des Rübezahl Mit Weintipps von Carsten Sebastian Henn
  4. Cordon bleu vom Lamm mit Stilton von Ralf Zacherl
  5. Flammkuchen (mit westfälischem Schinken) von »Genießerin«
  6. Croque Monsieur - 2 Portionen von Erika Weigele
  7. Schweinefilet auf Rhabarber von Carola Wendt
  8. Rezept für die Lake
  9. Schinkenabschied von Anne Eikmeier
  10. Westfälische Schinkenplatte von Uwe Voehl
  11. Pastagericht »Westfälin küsst Italiener« von Gisela Greving-Vöhl
  1. ANHANG
  2. DANK
  3. Über den Autor
  4. Fußnoten

Widmung

DER METZGEREI MEINES VERTRAUENS
GEWIDMET

Wenn das Schwein am fettesten ist,
so hat es den Metzger am meisten zu fürchten.

(Abraham a Santa Clara)

VORBEMERKUNG:

»Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei«, lehrte uns einst Stephan Remmler.

Und da es in diesem Buch um Schinken und Wurst geht, hat auch dieser Krimi zwei Enden.

Und zwei Anfänge.

Oder drei.

Auf die Wurst übertragen: sechs Enden.

Wie kommen wir da jetzt wieder raus?

Indem wir einfach mit einem Anfang beginnen.

Genauer gesagt:

mit einem Anfang vor dem Anfang:

Als ich die Augen öffnete, stellte ich fest, dass ich blind war.

Vielleicht war es auch nur Nacht, und die Vorhänge waren zugezogen.

Ich überlegte, wo ich war.

Nicht in meinem Schlafzimmer, nicht in meinem Bett.

Es war kalt, und ich lag auf dem Boden.

Ich lauschte. Nur ein leises, allgegenwärtiges Brummen war zu hören.

Ich versuchte, mich zu erinnern, aber die Erinnerung war ein noch schwärzeres Loch als die Gegenwart.

Die einzige Erklärung, die mir einfiel, war, dass ich plötzlich umgefallen sein könnte. Schlaganfall. Herzattacke …

Aber für ein Krankenhausbett war meine Unterlage eindeutig zu unbequem. Oder ich lag in einer Art Röntgenröhre. Das würde den Brummton erklären.

Dagegen sprach jedoch, dass ich eindeutig zu viel Platz hatte. Ich streckte die Hände nach oben und stieß auf kein Hindernis.

Langsam setzte ich mich auf. Mein Kopf schmerzte, als würde eine Kreissäge darin wüten.

Als ich endlich saß, sah ich noch immer nichts. Normalerweise gewöhnen sich die Augen nach ein paar Minuten an die Dunkelheit. Von irgendwoher dringen immer ein paar Lichtfetzen herein. Hier nicht.

Bei dem Gedanken, dass ich wirklich blind war, klopfte mein Herz heftiger. Das Gefühl der Hilflosigkeit verstärkte sich. Ich spürte Panik aufkommen.

Ich wagte nicht, mich aufzurichten, sondern kroch über den kalten Boden, doch ich stieß sofort gegen eine Wand. Ich versuchte die andere Richtung. Auch dort ging es nicht weiter. Drei Meter, mehr waren es nicht.

Ich bekam Platzangst.

Langsam richtete ich mich nun doch auf. Und stieß schmerzhaft mit dem Kopf gegen ein Hindernis. Ich konnte mich nur gebückt vorwärtsbewegen.

Es wurde immer kälter. Wenn ich etwas hätte sehen können, so wäre mein Atem als weiße Wolke sichtbar gewesen. Meine Finger waren schon eiskalt. Ich zog meine Ärmel weiter herunter, sodass sie meine Hände bedeckten. Dann tastete ich mich an der Wand entlang.

Nach zwei Minuten hatte ich mein Gefängnis erkundet. Es war ungefähr drei Meter lang, zwei Meter breit und einen Meter siebzig hoch. An einigen Stellen war es höher, und ich konnte aufrecht stehen.

Ich fragte mich, woran ich mir den Kopf gestoßen hatte, und tastete danach. Es waren längliche bis kugelförmige Gebilde. Manche waren rau, andere fast glitschig.

Ich roch Leberwurst und Schinken, Mettwurst und andere Köstlichkeiten.

Und plötzlich wusste ich, wo ich war.

In einer Kühlkammer.

PROLOG

Es gibt Verbrechen ohne Sühne.

Es gibt aber auch Verbrechen ohne Schuld.

Massentierhaltung ist ein Verbrechen, ohne dass jemand im juristischen Sinne schuldig ist, also rechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann.

Ich fühle mich selten schuldig, wenn ich Fleisch esse, gekauft beim Metzger meines Bauches. Ich lade meine Schuld ab bei ihm.

Lotte Unverzagt, geb. Schneider, wurde am 4. 8. 1920 in Hagen/Westfalen geboren. Gestorben ist sie am 24. 5. 2012 in Horn. An der Wand über dem Bett ihres Zimmers im Pflegeheim hing ein gestickter Spruch: »Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.«

Manche Pflegeheime sind ein Verbrechen. Trotzdem heißen sie »Waldesruh«, »Fürstenwald« oder »Buchenhof«, haben ein »Schloss« im Namen oder – für die Frommen – ein »Stift«. Oder sie suggerieren mit ihrem Namen eine scheinbare Idylle wie »Am Weinberg« oder »Am Volksgarten«. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, als die Insassen der Heime noch rüstig zu Fuß waren.

»Zur weißen Taube« heißt eines. Wenn ich meine Eltern in Dortmund besuche, komme ich jedes Mal dort vorbei. Und dann muss ich lächeln, denn bei den weißen Tauben denke ich gleich an Beerdigung. Überhaupt: Manche der Namen – vor allem die mit »Ruh« – bereiten in ihrer Einfalt schon auf die letzte Fahrt im schwarzen Wagen vor: zur letzten Ruhestätte sozusagen.

Auch hier laden wir unsere Schuld oder wenigstens unser schlechtes Gewissen ab. Unsere Alten werden es schon irgendwie gut haben in diesen Residenzen des schleichenden Sterbens.

Während ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass wir früher einfach Altenheim gesagt haben. »Die Omma kommt ins Altenheim.« Und das war für uns Kinder nichts Schlimmes. Wir haben sie besucht, und sie hatte dort ihr kleines eigenes Zimmer mit all den Erinnerungsstücken, die wir aus ihrer alten Wohnung kannten. Gut, ein bisschen anders gerochen hat es als bei ihr zu Hause. Ein bisschen wie beim Zahnarzt.

Heute kommen die Alten ins Pflegeheim, und wir zucken zusammen. Wir verdrängen die Bilder, die wir aus dem Fernsehen und aus den Nachrichtenmagazinen kennen: von den verdurstenden Alten, die gefesselt, fixiert, sagt man, in ihren Metallbetten krepiert sind. Von vollgeschissenen Windeln und Beruhigungsmitteln, die man den Demenzkranken verabreicht, damit sie einfacher zu handhaben sind.

Ins Pflegeheim will niemand.

Deswegen nennen sich manche dieser Anstalten Seniorenheim. Das hört sich anständiger an. Oder Seniorenpark. Da kauft man gleich die Idylle mit im Sack. Oder gar Seniorenresidenz. Für die, die sich auch im Alter noch ein bisschen besser fühlen als Lieschen Müller.

Aber zurück zu Lotte Unverzagt. Lotte Unverzagt wohnte in keiner dieser Residenzen. Sie wohnte in einem ganz normalen Pflegeheim.

Am Morgen des 10. 5. 2012 stieg sie mit ihrem Rollator in den Aufzug, der sie vom ersten Stock ins Erdgeschoss brachte. Von dort gelangte sie an der unbesetzten Rezeption vorbei ins Freie und ward von da an offiziell nicht mehr gesehen. Zumindest nicht lebend.

I. FLEISCH AM STIEL

Gute Herkunft – Gutes Fleisch

(Werbeslogan einer Detmolder Metzgerei)

1.

»Oh Gott, er bringt mich um!«

Die blonde toupierte Dame in Pelz und schwarzen Strümpfen erinnerte an eine Filmdiva. Irgendwie überkandidelt und aufgedreht.

Sie reichte mir höchstens bis zur Brust, und dennoch strahlte sie eine quirlige Präsenz aus, die im Gegensatz zu ihrer Körpergröße stand. Mit dieser Stimme hätte sie in jedem Edgar Wallace-Reißer die jeweilige Scream-Queen ersetzen können.

Keine Ahnung, ob sie das bezweckt hatte, aber spätestens jetzt drehten sich sämtliche Kunden zu ihr um.

»Keine Sorge, Frau Heuwinkel«, erklärte die Fachfrau hinter dem Tresen. »Die Kümmelsülze ist zwar aus, aber die Hausgemachte isst Ihr Mann genauso gern.«

»Woher wollen Sie das denn wissen?«

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen«, erklärte Frau Schlüter ruhig. »Besonders in Mathe war er schlecht. Ich hab ihn immer abschreiben lassen …«

Ein paar Kunden schmunzelten. »Also gut, geben Sie mir die Hausgemachte. Wenn’s Herbert nicht schmeckt, schicke ich ihn vorbei, und Sie haben die Konsequenzen zu tragen.«

Sie sagte es so, dass man sie nicht ernst nehmen konnte. Ihre theatralische Art amüsierte mich.

»Wenn nicht, bestellen Sie ihm schöne Grüße«, erwiderte Frau Schlüter. »Er hat noch was gutzumachen bei mir.« Sie blinzelte der Kundin zu, schnitt ein Stück ab, wog es und sagte: »Zweihundert Gramm, was meinen Sie, reicht das zum Frühstück?«

Frau Heuwinkel war sich plötzlich nicht mehr sicher. »Ich hasse Sülze. Dieses glibberige Zeug finde ich einfach nur eklig. Ich habe keine Ahnung, wie viel Herbert davon zum Frühstück vertilgt. Aber vielleicht hat er Ihnen das ja auch schon damals auf der Schulbank verraten?«

»An seine Pausenbrote erinnere ich mich nicht mehr so genau«, erwiderte Frau Schlüter. Im Gegensatz zu der künstlichen Diva wirkte sie umso bodenständiger. Sie war etliche Jahre älter als diese; ein paar graue Strähnen in ihrem ansonsten dunklen Haarschopf zeigten es geradeheraus. Und sie war nicht mehr geschminkt, als es für eine Fleischermeisterin vonnöten war. Sie war etwas füllig, ohne dass sie jedoch dick wirkte. Sie hatte ein hübsches Gesicht. Trotzdem musste ich bei ihrem runden Kopf immer an die Wurst mit Gesicht denken, die der Hit bei ihren minderjährigen Kunden war. Ihre Wangen waren gerötet, wodurch sie noch pausbäckiger wirkten und an eine Putte erinnerten. Ein Zeichen dafür, dass sie sich im Moment ziemlich ärgerte.

Ich ließ meine Gedanken schweifen. Warum war ich überhaupt hier?

Ich betrachtete die Auslage hinter dem Glas. Genau, ich wollte ein Schaschlik machen. Zwar bot Schlüter bereits fertiges an, aber ich wollte es selbst zubereiten: mit Speck, Paprika, Zwiebeln und Gurken …

»Im Übrigen ist das kein Glibber an der Sülze, sondern Gelee«, hörte ich Frau Schlüter sagen. »Wissen Sie überhaupt, wie aufwendig unsere hausgemachte Sülze hergestellt wird? Also, ich erklär’ Ihnen das gerne mal …«

Es konnte also noch länger dauern, bis ich an der Reihe war. Zumal vor mir noch drei weitere Kunden geduldig anstanden.

In diesem Moment sah ich die schwarze Gestalt draußen vor dem Schaufenster. Sie war wirklich schwarz: von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Das einzig Bunte war die rote Zunge seiner schwarzen Puma-Sneakers mit grauem Raubkatzenemblem. Das Gesicht war mit einer Sturmhaube vermummt.

Die Gestalt holte einen Stiel hervor. An dem Stiel war ein Beil. Im nächsten Moment schwang sie die Waffe wie ein Tomahawk. Noch konnte ich nicht recht fassen, was ich da sah, doch spätestens, als das Beil durch die Luft flog und die Scheibe in tausend glitzernde Einzelteile splitterte, reagierte ich. Ich warf mich nach vorn, bekam Frau Heuwinkel zu fassen, und gemeinsam landeten wir auf dem Boden. Das Beil segelte über unsere Köpfe hinweg und zerteilte die Schale mit der Sülze in zwei Hälften.

Ein oder zwei Sekunden lang herrschte eine unnatürliche Stille. So als hätte jemand plötzlich das Radio abgedreht. Doch dann erschallte es umso lauter: Die ungefähr zehn Kunden und die drei Verkäuferinnen im Laden redeten wild durcheinander, eine Frau schrie um Hilfe, ein Kind weinte.

»Ich glaube, Sie können mich jetzt wieder loslassen«, sagte Frau Heuwinkel unter mir. Sie klang plötzlich gar nicht mehr so künstlich arrogant. Das ganze Gehabe war von ihr abgefallen wie eine synthetische Wurstpelle. Ihr toupiertes Haar war in Unordnung geraten. Ein paar blonde Strähnen fielen ihr in die Stirn und verliehen ihr etwas Verwegenes.

Ich sah sie plötzlich mit ganz anderen Augen. Konnte sie etwas dafür, dass sie halb so alt war wie der alte Heuwinkel? Und wahrscheinlich auch nur halb so reich? Oder überhaupt nicht reich? Manche kolportierten, sie wäre arm wie eine Kirchenmaus gewesen, als ihr zukünftiger Ehemann sie, die sich zwar Schauspielerin schimpfte, es aber noch nicht einmal in eine Vorabendserie geschafft habe, draußen in einem Schlafsack vor der Roten Flora aufgelesen habe. Früher war das Flora tatsächlich einmal ein Theater gewesen, heute beherbergte es das Autonome Zentrum im Hamburger Schanzenviertel. All das wusste man zu erzählen, und es war irgendwie auch bis zu mir gedrungen.

Ich nickte und rappelte mich auf. Danach half ich Frau Heuwinkel auf die Beine. Ihre schwarze Strumpfhose hatte bei dem Zwischenfall einen Riss davongetragen.

»Was starren Sie so?«, zischte sie.

»Ein schlichtes Dankeschön hätte gereicht«, lächelte ich zurück.

»Dafür, dass Sie mir die Strumpfhose zerrissen haben?«

»Wahrscheinlich wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn Ihr hübscher Kopf skalpiert worden wäre.«

»Skalpiert?«

Ich wies auf den Tomahawk. »Es hätte uns fast erwischt.«

Erst jetzt schien sie zu begreifen, was überhaupt geschehen war. Einen Moment lang malte sich der Schrecken auf ihrem Gesicht ab. Dann schob sie wieder die Maske davor. Diesmal die des trotzigen Kindes.

Doch plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck abermals. Ich las Panik darin.

»Paule!«, schrie sie auf. »Gehen Sie mir aus dem Weg!«

Sie rannte an mir vorbei, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie jetzt nicht schauspielerte. Ich sah mich kurz um. Bis auf die Sülze hatte niemand etwas abbekommen. Allen saß noch der Schreck in den Knochen. Das Kind weinte. Die Mutter tröstete den Kleinen. Die anderen Kundinnen redeten noch immer wild durcheinander.

Ich folgte der Frau nach draußen. Gestikulierend stand sie am Geländer, das die drei Stufen zum Laden säumte.

»Er ist weg! Paule ist weg!«, sagte sie atemlos. Sie machte keine Szene. Ihre Sorge war wirklich echt.

»Mein Dackel!«, erklärte sie mir. »Ich habe ihn hier angebunden.«

Eine echte Träne lief ihr über die linke Wange.

In diesem Augenblick tat sie mir leid. »Wir finden ihn schon wieder«, sagte ich. »Er kann ja nicht weit sein. Wahrscheinlich hat er einen Schreck bekommen, hat sich losgerissen und …«

»Paule hat sich noch nie losgerissen. Das hätte er gar nicht geschafft. Es war ein Lederhalsband. Und, wo bitte, ist die Leine abgeblieben?«

Ich hielt es für müßig zu antworten. Inzwischen hatte sich bereits eine Handvoll Schaulustiger eingefunden.

»Was das kostet!«, entrüstete sich ein Rentner. »Eine Scheibe von dieser Größe ist nicht billig!«

Er sah mich so misstrauisch an, als hätte ich den Schaden verursacht.

Unschlüssig sah ich mich um. Ich schaute in die Richtung, in die der Vermummte verschwunden war. Es war nichts mehr von ihm zu sehen.

»Jetzt stehen Sie hier nicht rum, wir müssen Paule suchen!«

Paule suchen? Irgendwie hatte davon nichts im Drehbuch gestanden. Ich bückte mich und hob einen orangefarbenen Einkaufschip auf. »Gehört der Ihnen?«, fragte ich.

Sie sah mich an, als wäre ich übergeschnappt. Dann schien sie endlich zu begreifen, dass sie und ich auf zwei verschiedenen Planeten unterwegs waren.

»Ach, Sie können mich mal!«, rief sie mir freundlichst zu und lief davon. Dabei rief sie immer wieder den Namen ihres Dackels. Sie hatte keine wirklich schöne Stimme, und auch Paule zauberte sie damit nicht wieder herbei.

»Jetzt warten Sie doch!«, rief ich ihr hinterher und spurtete los. Vielleicht waren unsere zwei Planeten ja doch nicht so weit entfernt, wie ich gedacht hatte. Sie lief nämlich in dieselbe Richtung, in der der Tomahawk-Attentäter verschwunden war.

Noch immer rief sie mit ihrer hohen, unnatürlichen Stimme, die auch mich eher vergrault als angezogen hätte.

»Versuchen Sie’s doch mal mit einer ganz normalen Tonlage«, schlug ich vor.

»Ach, Sie schon wieder.« Sie warf mir einen unfreundlichen Blick zu.

Ich versuchte, mich in den Täter hineinzudenken. Wohin mochte er nur so schnell geflüchtet sein? Die Häuser in der Einkaufsstraße standen nicht dicht an dicht. Dazwischen war meistens ein schmaler Durchgang. Manche waren mit hohen Türen verschlossen, andere nur mit einem Holztor oder mit einem Maschendrahtzaun vom Bürgersteig abgetrennt. Einige wenige boten freien Zugang in den Hinterhof. Es gab mehr Möglichkeiten, als ich Finger hatte, um hier schnell irgendwo zu verschwinden. Erst recht, wenn man sich auskannte. Die nächste Querstraße war nur fünfzig Meter entfernt. Auch da wäre er jetzt längst über alle Berge gewesen.

Zumindest schloss ich aus, dass er in eines der anderen Geschäfte geflüchtet war. Die waren so klein, dass er sich dort nicht lange hätte aufhalten können, ohne aufzufallen: eine Apotheke, eine Schneiderei, ein Fotokopiergeschäft, ein Pizza-Service …

Dann fiel mein Blick auf die Kneipe auf der anderen Straßenseite. »Zum Letzten Heller« stand in Fraktur auf einem hölzernen Schild über dem Eingang. Eine schmale Treppe führte hinunter. Vor der Kneipe parkte ein weißer Sprinter mit Warnblinklicht. Der Fahrer lud gerade die Ware aus.

Frau Heuwinkel war inzwischen weitergelaufen. Ich überquerte die Straße und sprach den Fahrer des Sprinters an. Es war ein junger Türke. Er kam mir mit seinen pomadig nach hinten gekämmten schwarzen Haaren und den mädchenhaften Gesichtszügen irgendwie bekannt vor. Wo hatte ich dieses Babyface schon mal gesehen?

Dann hatte ich ihn in die richtige Ecke gesteckt: Özal, Özil … Mesut Özil, der Fußballer, der bei Real Madrid spielt. Allerdings war dieser Özil viel schwergewichtiger, und er trug einen schmutzigen Overall. Er war gerade dabei, ein paar weiße Styroporkisten auf einer Sackkarre zu transportieren. Als er meinen Blick bemerkte, verfinsterte sich seine Miene. »Was guckst du, eh?«, herrschte er mich an.

Ich wies auf die Metzgerei vis-à-vis, vor der sich immer mehr Schaulustige versammelten. »Haben Sie gesehen, wer die Scheibe dort eingeworfen hat?«, fragte ich freundlich.

»Nix gesehen«, sagte der Bursche mit einem grimmigen Gesichtsausdruck. Er wandte sich um und schob die Sackkarre zur Treppe.

Ich zuckte die Achseln. Da konnte man nichts machen. Der freundliche Osmane verschwand im Kellerloch der Gaststätte. Als ich an dem Lieferwagen vorbeiging, konnte ich trotzdem meine Neugierde nicht bezähmen. Ich klappte eine der nur angelehnten Flügeltüren auf und schaute auf die Ladefläche. Es war dunkel da drin, und muffige Luft schlug mir entgegen. Ich konnte noch ein paar weitere Styroporkisten ausmachen. Das war’s. Einen Moment lang hatte ich tatsächlich gedacht, der Vermummte könnte hier Unterschlupf gesucht haben.

Frau Heuwinkel mit ihrer blonden Mähne war inzwischen fast bei den Bahngleisen. Diese teilten die Geschäftsstraße in zwei Hälften. Der obere Teil wurde allein schon deshalb mehr frequentiert, weil es eine Einbahnstraße war. Die Schranken waren heruntergelassen. Wenn der Tomahawkschwinger es gerade noch darunter durch geschafft hatte, wäre er jetzt auch über alle Berge gewesen.

Ebenso gut hätte er aber auch vor der Schranke nach links abbiegen können. Dort lag das Reisebüro, dem sich gleich die Post anschloss, und dahinter ging es zu einem Parkplatz und zu einem Kanuverleih.

Rechter Hand führte ein kleiner Weg an den Bahngleisen entlang. Mir wurde einmal mehr bewusst, dass es tausendundeinen Fluchtweg gab. Das hier war der ideale Ort, um eine Bank zu überfallen. Aber der Täter war kein Bankräuber gewesen. Er hatte es nicht auf Geld abgesehen. Er hatte nur ein Beil geworfen, eine Schaufensterscheibe damit zertrümmert und eine Sülze zerteilt. Dabei hatte er es in Kauf genommen, Menschen zu verletzen.

Das war sein Fehler gewesen. Vielleicht hätte ich mich sonst nicht für ihn interessiert.

Vielleicht hätte diese Geschichte dann einen ganz anderen Verlauf genommen …

So aber dachte ich daran, dass das Beil uns fast erwischt hätte. Besser gesagt: mich – wenn ich mich nicht über Frau Heuwinkel geworfen hätte.

Die Frage war: Hatte es jemand auf mich abgesehen?

Wie alle Menschen war ich in dieser Hinsicht sehr einfach gestrickt: Wer glaubt schon, dass es da draußen irgendwelche Zeitgenossen gibt, die einem schaden wollen? Gut, ein bisschen ärgern vielleicht, indem sie dir die Reifen zerstechen oder dir Drohbriefe schicken, dich bei der Polizei anschwärzen, weil du angeblich falsch geparkt hast …

Doch seit dem letzten Jahr war ich in dieser Hinsicht vorsichtiger geworden. Abends schloss ich die Eingangstür zweimal ab. Ich schaute mich nach allen Seiten um, wenn ich die Mülltonne den langen Weg vom Haus zur Straße brachte. Ich zucke noch immer zusammen, wenn ich plötzlich ein unerwartetes Geräusch hinter mir höre. Und ich war froh, Luna an meiner Seite zu haben. Luna ist meine Mischlingshündin, die eifrig über mich wacht.

Ich sah, wie der Zug heranraste und am Bahnhof hielt. Die Schranken waren noch immer geschlossen. Die Autos standen davor. Alles war wie erstarrt.

Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, als würde die Zeit sich unendlich dehnen. Der Axtwerfer musste noch in der Nähe sein, das spürte ich. Ich musste mich nur in den Flüchtenden hineindenken …

Vielleicht würde er auch plötzlich hinter mir auftauchen und …

Ein Schwarm Krähen kreiste über dem Kirchturm und riss mich in die Wirklichkeit zurück. Im selben Augenblick sagte eine Stimme hinter mir: »Die Wut ist eine äußerst jähe Leidenschaft. Man sagt in der Tat, sie sei ein Kochen des Jähzorns und eine Regung gegen den, der einem Unrecht getan oder vermeintlich getan hat.«

Ich fuhr herum und gewahrte einen Geistlichen. Er trug eine schwarze Mönchskutte und lächelte mich hinter seinem dunklen Vollbart freundlich an. Sein runder Kopf war kahl rasiert, was ihm etwas Grobschlächtiges verlieh. Seine blauen Augen blitzten, als hätte es ihm einen diebischen Spaß bereitet, mich zu erschrecken.

Unwillkürlich verglich ich ihn mit dem Axtwerfer, kam aber nach ein paar Sekunden zu dem Schluss, dass er es nicht war. Der Attentäter war kleiner gewesen, dieser Mönch war bestimmt eins neunzig groß. Außerdem hatte der Maskierte Turnschuhe getragen, die unbestrumpften Füße des Geistlichen steckten in Sandalen.

Dennoch, ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren.

»Was ist denn los mit Ihnen?«, fragte er freundlich. »Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.«

»Ich sehe Sie, das reicht.«

»Ich habe Sie doch nicht etwa erschreckt? Das tut mir leid.«

Ich glaubte ihm nicht. Aber gut, ich hatte andere Sorgen. Wieder sah ich mich nach Frau Heuwinkel um. Der Blondschopf war verschwunden. Die Schranken waren immer noch geschlossen.

»Suchen Sie jemanden?«, erkundigte sich der Mönch.

Ich hatte keine Lust, ihm mehr auf die Nase zu binden als nötig, daher schwieg ich.

»Falls ich Sie erschreckt habe, entschuldige ich mich. Manchmal sticht mich der Hafer.«

Ich sah ihn scharf an. »Sie geben es also zu?«

Er nickte. »Sie sind zusammengefahren, als hätten sie ein schlechtes Gewissen. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?«

»Wie kommen Sie darauf?« Ich blickte ihn verwirrt an.

»Vielleicht wegen der blonden Dame?«, fragte er. »Sie haben Sie verfolgt …«

»Ich habe sie nicht verfolgt, ich habe sie begleitet. Sie sucht ihren Hund.«

Der Mönch rieb sich den Bart. »Ach, das war ihr Hund … Allmählich verstehe ich …«

Plötzlich wurde mir klar, dass er alles gesehen haben musste. Ich riss mich zusammen und fragte geduldig: »Was haben Sie gesehen?«

»Sind Sie Polizist?«, fragte er.

»Nein, aber mir wurde vor ein paar Minuten mit einer Axt fast der Kopf gespalten.«

»Also suchen Sie gar nicht den Hund?«

»Nein, verdammt …«

»Bitte fluchen Sie nicht …«

»Ich weiß, die Wut ist eine äußerst jähe Leidenschaft«, zitierte ich ihn.

»In der Tat. So beginnt Evagrius seine äußerst lebendige Beschreibung des Dämons des Zorns.«

»Grüßen Sie ihn von mir«, sagte ich und ließ den Mönch stehen.

Irgendetwas stimmte nicht. Es war nur so ein Gefühl, das ich nicht wirklich begründen konnte. Die Ahnung, dass etwas noch viel Schlimmeres in der Luft hing.

Während ich mich der Schranke näherte, hielt ich weiter nach Frau Heuwinkel Ausschau. War sie der Grund für meine Sorge? Was war, wenn sie ihren Hund gefunden hatte? Und derjenige, der ihn entführt hatte, identisch war mit dem Axtwerfer?

Ich blickte zum Bahnhof hinüber. Der Zug fuhr an. Ich spürte den warmen Luftzug, als er vorüberfuhr. Als sich die Schranken endlich öffneten, drehte ich mich um und ging zur Metzgerei zurück. Die Menschentraube vor dem Eingang war womöglich sogar noch weiter angewachsen.

Eine schmale Gasse, in der höchstens ein Lieferwagen Platz hatte, führte zur Seitenmauer des Hauses. Mir fiel auf, dass eine Tür offen stand. Wahrscheinlich führte sie zum Kühlhaus.

Aus irgendeinem Grunde weckte die Tür meine Neugier. Spontan bog ich in die Gasse ab. Meine Gedanken überschlugen sich. Was war, wenn der Vermummte gar nicht so weit gelaufen war, wie ich gedacht hatte. Wenn er nur bis hierher in die Gasse gerannt und durch die geöffnete Tür in die Metzgerei geschlüpft war?

Die Hauswände standen hier so dicht zusammen, dass ich nur die Arme hätte ausbreiten müssen, um sie berühren zu können. Es war ziemlich dunkel hier, wie gemacht für jemanden, der sich verstecken wollte. Aber welchen Sinn sollte das haben?

Der Lärm der Hauptstraße drang nur gedämpft zu mir, so als hätte ich Watte in den Ohren.

Dann hörte ich eine Frau schreien.

Sie schrie sich die Seele aus dem Leib.

Ich ging in die Richtung, aus der der Schrei kam. Ich rannte in die Einfahrt, lief durch die geöffnete Tür, die von der Seite in die Metzgerei führte, und hastete den Korridor dahinter entlang.

Ich wäre fast auf sie geprallt.

Sie stand vor der Kühlkammer und schaute hinein. Der Schrei war in ein Schluchzen übergegangen.

Ich drängte mich an ihr vorbei und blickte ebenfalls in die Kammer.

Wir hatten Paule gefunden.

Sein winziger blutender Körper hing an einem Fleischerhaken von der Decke. Man hatte ihn fachgerecht aufgeschnitten und ausgeweidet. Sein Inneres lag auf dem Fliesenboden verteilt in einer Lache aus Blut und Eingeweiden.

Der berüchtigte Metzger hatte wieder zugeschlagen.

2.

Das war ein gutes Omen: Ein Storchenpaar nistete auf dem Schlossturm des Braker Schlosses. Vor Jahren hatte man dort ein Wagenrad angebracht, in der Hoffnung, die Störche würden dort ihr Nest bauen. Nun hatten sie es tatsächlich getan.

Steffi Klug von Radio Teuto Eins verkündete es wie das Lippische Weltwunder.

Seitdem ich die Moderatorin im letzten Jahr persönlich kennengelernt hatte, hatte ich mich sogar an ihre Stimme gewöhnt, die ich vorher immer ein bisschen nervtötend gefunden hatte.

Aber Steffi hatte noch mehr gute Nachrichten zu bieten:

In einer Bad Meinberger Klinik kredenzte der Küchenchef für die Patienten, die unter Schluckbeschwerden litten, eine geschäumte Bratwurst. Angerichtet wurde in Tassen, damit die Schaumkost nicht zerfloss. Irgendwie verging mir der Appetit auf mein Frühstück, wenn ich an Eiermus und Schinkenschaum dachte …

Bezüglich des geplanten lippischen Nationalparks hatte sich jetzt ein wichtiger Minister dafür ausgesprochen. Ich wettete, dass die tausend lippischen Jäger schon jetzt eine Kugel für ihn polierten.

Bei Ausgrabungen auf der Falkenburg war eine aus Knochen geschnitzte Schachfigur gefunden worden. Sie stellt einen Bischof dar, der auf einem Thron sitzt. Kopf und Thron waren verschwunden. Gar nicht so schlecht, dachte ich, wenn die Symbole der Macht auch in der Wirklichkeit verschwinden würden. Dann musste ich wieder an gestern denken. Hatte ein autonomer Fleischhasser das Beil geschwungen? Aber wieso war ein unschuldiger Dackel auf bestialische Weise getötet worden?

Wie auch immer, das ging mich nichts an. Nicht wirklich.

Unten hörte ich einen Motor aufheulen. Spätestens jetzt war ich putzmunter.

Es war kurz nach sieben. Ich schwang mich aus dem Bett und schaute aus dem Fenster.

Ollie saß in seinem Morgan. Er trug einen beigen Overall und eine lederne Pilotenkappe, so als wollte er an einem Rennen teilnehmen. Neben ihm saß die Gräfin und klammerte sich fest. Ich wusste, dass sie seinem Gefährt mit Misstrauen begegnete, und bis vor einigen Monaten hatte sie sich strikt geweigert, in diesem »roten Teufelswagen« mitzufahren.

Seit zwei Monaten schien sie ihre Meinung jedoch geändert zu haben. Jeden Morgen pünktlich um fünf nach sieben, nachdem Steffi Klug ihre Lokalnachrichten verlesen hatte, traten die beiden vor die Haustür, setzten sich in den Wagen und fuhren davon.

Am Anfang hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Erst als ich eher beiläufig gefragt hatte, wohin sie denn jeden Morgen fuhren, reagierten sowohl Ollie als auch die Gräfin äußerst merkwürdig, und mein Interesse war erwacht.

Ollie hatte herumgestottert, und die Gräfin war rot angelaufen. Dann hatte Ollie etwas von »Shopping« erzählt, während die Gräfin schnell das Thema gewechselt hatte.

Dass die zwei shoppen gingen, konnte ich mir so früh am Morgen nicht vorstellen. Die meisten Geschäfte hatten noch zu – außer Bäckereien und Metzgereien. Außerdem kamen die beiden immer ohne Einkäufe zurück. Auch danach konnte man die Uhrzeit stellen. Meist kündete Punkt eins ein lautes Motorknattern ihre Rückkehr an.

Ollie schaute kurz hoch und sah mich am Fenster stehen. Er hob kurz die Hand zum Gruß. Die Gräfin tat so, als würde sie mich nicht sehen. Als wäre es ihr peinlich, dass ich sie beide ertappt hatte.

Einmal mehr fragte ich mich, was die zwei zu verbergen hatten.

»Moritz, Sie ahnen ja nicht, was passiert ist! Sie müssen unbedingt rüberkommen! Beeilen Sie sich!«

Das klang nicht wie eine Bitte. Das war ein Befehl! Wie lange hatte ich diesen Ruf nicht mehr vernommen? Eine Woche? Ein paar Tage? Oder war es erst vorgestern gewesen, dass mich die Gräfin zu sich hinübergebeten hatte?

Sie hatte ein ernsthaftes Problem gehabt, das angeblich nur ich zu lösen in der Lage war. Duffy, ihr Butler, hatte seinen freien Tag gehabt, und sie hatte nicht gewusst, wo dieser den Schlüssel zum »Chinesischen Salon« hingelegt hatte. Ich hatte eher den Verdacht, dass ihr langweilig gewesen war und sie unbedingt Gesellschaft brauchte. Und da auch Ollie unterwegs gewesen war, war ihre Wahl auf mich gefallen. Es hatte mich nicht weiter gewundert, dass der Schlüssel wundersamerweise plötzlich wieder aufgetaucht war. Zufällig war auch gerade der Tee fertig geworden, und zusammen mit den noch ofenwarmen Scones und der selbst gemachten Zitronenkonfitüre bildete er den Auftakt zur einstündigen High-Tea-Zeremonie.

Ich war also auf alles gefasst, als ich meine Wohnung, die im Westtrakt des malerischen Anwesens liegt, verließ und über den Hof Richtung Osttrakt stiefelte. Merkwürdig war, dass sowohl Ollies feuerroter Morgan als auch Duffys quietschgelbe Ente in der Parkbucht standen. Diesmal schien die Gräfin mich also nicht aus purer Langeweile angerufen zu haben.

Ich ahnte Schlimmes. War vielleicht wieder einer ihrer geliebten Möpse, Muff und Potter, ausgebüxt? Vor ein paar Monaten war Muff in einem Fuchsbau stecken geblieben. Mithilfe der Feuerwehr hatten wir ihn schließlich aus seiner Zwangslage befreien können.

Muff und Potter waren die dicksten Möpse, die ich je gesehen hatte. Kein Wunder – fütterte die Gräfin sie doch bevorzugt mit Delikatessen, aus denen ihre eigenen Mahlzeiten bestanden. Als Betthupferl bekamen sie jeder eine Praline. Eigentlich war es ein Wunder, dass sie noch nicht geplatzt waren.

Ich musste plötzlich wieder daran denken, was sich in der Fleischerei zugetragen hatte. Hätte es Muff oder Potter erwischt, die Gräfin würde nicht darüber hinwegkommen.

Bevor ich klopfen konnte, wurde die Eingangstür auch schon aufgerissen, und unversehens stand ich Duffy gegenüber.

Mein Verhältnis zu Duffy war in etwa so wie das zwischen Tom und Jerry, Donald Duck und Gustav Gans oder noch besser: zwischen Donald und dessen Onkel Dagobert.

Zu Anfang hätte er mich am liebsten vom Hof gejagt, weil ich in seinen Augen schon äußerlich nicht in die »feine Gesellschaft« seines geliebten Herrn, des verstorbenen Majors, passte. Ich trug lieber T-Shirt und Jeans als Uniform und Anzug. Und auch mit dem Paisley-Hausmantel des Majors konnte ich nicht mithalten. Der war zwar ebenso verschlissen wie mein Frottee-Bademantel, aber aus chinesischer Seide.

Seit wir im letzten Jahr Seite an Seite gewisse Widrigkeiten aus dem Weg geräumt hatten, war mir Duffy nicht mehr ganz so feindlich gesonnen. Allerdings sah er noch immer auf mich herunter, wähnte er sich doch auf der Gewinnerseite. Dabei übersah er geflissentlich die Tatsache, dass er seinen Job allein meinen regelmäßigen Geldeinlagen verdankte.

Duffy war ein Butler vom alten Schlag. So jemanden wie ihn gab es heute wahrscheinlich nur noch im Panoptikum oder in England. Für mich war er das Faktotum des Hauses. Er selbst wäre über diese Bezeichnung wahrscheinlich entsetzt gewesen.

Dabei hieß Duffy mit richtigem Namen Dieter. Dieter Grabowski. Aber er war britischer als jeder Zugereiste von der Insel. Er hatte den Beruf des Butlers in London von der Pike auf gelernt. Seine dunkle Livree wirkte stets wie frisch aus der Reinigung. Seine Schuhe glänzten, als würde er sie mit Klarlack veredeln. Inzwischen war er eigentlich in einem Alter, in dem er bei manchen Tätigkeiten selbst einen Diener brauchen könnte – aber in stoischer Treue dachte er nicht ans Abdanken.

Er färbte sich die Haare pechschwarz und glättete sie mit Pomade, sodass er auf den ersten Blick tatsächlich ein paar Jährchen jünger wirkte. Duffy hatte nur einen Fehler – wenn man denn eine gewisse Vorliebe von ihm so bezeichnen wollte. Er hatte stets ein Kaugummi im Mund. Er entschuldigte das damit, dass er drei Jahre lang bei einem texanischen Milliardär in Dienst gewesen sei. Dort hatte er es sich angewöhnt – und war seitdem nicht mehr davon losgekommen. Außerdem behauptete er, Kaugummikauen fördere das Denkvermögen.

»Da sind Sie ja endlich«, begrüßte er mich tadelnd.

Seit ich den Telefonhörer aufgelegt hatte, waren gerade mal fünf Minuten vergangen, aber ihm konnte ich es nie recht machen. Das war es, was ich mittlerweile als unsere Donaldund-Dagobert-Phase bezeichnete. In der Regel zitiert Dagobert Duck seinen nichtsnutzigen Neffen zu sich und betraut ihn mit einer meist sehr undankbaren Aufgabe. Genauso behandelte mich Duffy. Obwohl nicht er, sondern in der Regel die Gräfin mir die Aufgabe zuwies.

»Um was geht es diesmal, Duffy?«, fragte ich grußlos. »Sind Muff und Potter endlich verwurstet worden? Hat Ollie die Masern? Oder hat die Gräfin ihren Teebeutel verlegt?«

»Ihnen wird das Scherzen noch vergehen«, erwiderte Duffy böse. »Warten Sie nur ab!«

Das klang tatsächlich nach Ärger. Und dieser Ärger hatte stets mit Geld zu tun.

Als ich den Salon betrat, blickte mir die Gräfin bereits besorgt entgegen. Sie saß in einem hohen Lehnstuhl und wirkte darin tatsächlich so vornehm wie eine Von und Zu. Dabei war sie gar keine richtige Gräfin. Die Gräfin war noch nicht einmal eine Von und Zu. Ihr Name war Lisa Maier. In der Schule wurde sie nur Lieschen genannt. Nicht Lieschen Müller, nein, Lieschen Maier. Der ständige Mangel an Respekt, was ihren Namen betraf, muss sie bestärkt haben in ihrer nach außen gezeigten Rolle als Tochter aus bestem Hause. Mit zehn Jahren, so hatte mir eine ihrer Freundinnen aus dem Landfrauenklub verraten, ließ sie sich nur noch Elisabeth nennen – nicht nach Elisabeth II., die da noch gar nicht den Thron bestiegen hatte, sondern nach Elisabeth I., auch »die jungfräuliche Königin« genannt.

Die Gräfin besitzt mehr Tiegel, Cremedosen und Tuben gegen Falten und sonstige Spuren des Alters als irgendjemand sonst, den ich kenne. Nicht, dass es etwas helfen würde. Die Jahre hatten sich in ihr Gesicht gezeichnet wie tiefe Kraterrisse. Manchmal verglich ich sie insgeheim mit der unvergessenen Agnes Windeck, obwohl die Gräfin eindeutig die jüngere Ausgabe war.

Sie behauptete, sie sei Anfang sechzig, und niemand wagte es, ihr zu widersprechen.

Wer sie nicht kannte, mochte dem Irrtum verfallen, dass sie etwas durch den Wind war. Dafür konnte sie einem in anderen Momenten mit ihren Argumenten messerscharf besagten Wind aus den Segeln nehmen.

In puncto Stil und Gastfreundschaft machte ihr niemand etwas vor, und so fanden in ihren Räumen allwöchentlich Soireen aller Art statt. Manchmal frage ich mich, ob sie nicht einen heimlichen Zwilling hat, der ihr einen Teil ihrer Aktivitäten abnimmt. Denn auch tagsüber pflegt sie nicht etwa zu ruhen, sondern wieselt zumeist in unserer gemeinsamen Gaststätte, dem Rübezahl, herum und bewirtet die Gäste. Zudem ist sie Mitglied des erwähnten Landfrauenklubs und eines Bridgevereins. Beide setzen sich im Großen und Ganzen aus denselben Mitgliedern zusammen.

Diesmal schien tatsächlich etwas Schlimmeres passiert zu sein, denn die Gräfin war nicht am Telefonieren – eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Seit Ollie ihr zum letzten Geburtstag ein Handy geschenkt hatte, konnte sie nun endlich beide Leidenschaften miteinander verbinden: telefonieren und gleichzeitig allgegenwärtig sein.

Sie sah mir mit einer Miene entgegen, die mindestens eine Woche Regenwetter ankündigte. Muff, der sensiblere der beiden Möpse, hatte sich verdrückt und war nicht mehr zu sehen, während Potter ganz in der Nähe, vor dem Kamin, die Ohren spitzte.

»Ah, endlich sind Sie da, Moritz!«, begrüßte sie mich erleichtert. Mit zitternden Händen reichte sie mir ein Bündel Papiere. Stirnrunzelnd nahm ich es entgegen. Es handelte sich um Rechnungen. Das war nichts Neues. Was also hatte der Aufruhr zu bedeuten?

Schweigend schaute ich die Rechnungen durch. Sie kamen von den Stadtwerken, von der Versicherung, von der Telekom und von weiteren, noch viel unangenehmeren Blutsaugern. Auch einige Mahnungen und letzte Aufforderungen waren darunter. Recht befremdlich erschienen mir die Rechnungen ihres Frisörs und sogar eine Aufforderung des Landfrauenklubs, doch endlich die Mitgliedsbeiträge der letzten beiden Jahre zu überweisen.

»Ist das nicht infam?«, beschwerte sie sich. »Ausgerechnet Hedwig Bollhöfer! Diese Schnepfe, die damals ihren Hans-Peter nur deswegen rumgekriegt hat, weil ich ihr meinen Lippenstift geliehen habe! Sie selbst war arm wie eine Kirchenmaus!«

Wie sich herausstellte, hatte Hedwig Bollhöfer besagten Hans-Peter im zarten Alter von vierzehn Jahren das erste Mal geküsst. Seitdem waren die beiden ein Paar, und aus Hans-Peter wurde ein vermögender Spediteur. Und das alles hatten die beiden irgendwie der Gräfin zu verdanken und standen seitdem auf ewig in deren Schuld. Jedenfalls war es eine Unverschämtheit, dass ausgerechnet Hedwig, in ihrer Funktion als Kassenwart, die Freundin zur Zahlung aufforderte.

Wie dem auch sei – viel dringlicher erschienen mir die anderen Mahnungen, darunter die mehrerer Versandhäuser. Daher also die Pakete, die der Postbote in den letzten Monaten ins Haus geschleppt hatte. Ich hatte mich schon gewundert.

Die Gräfin sank ein wenig auf ihrem Stuhl zusammen, als ich sie nach den Bestellungen fragte. »Ich habe nur das Nötigste bestellt!«, verteidigte sie sich. »Ich kann doch unseren Gästen nicht in Lumpen gegenübertreten!«

Mir war noch nie aufgefallen, dass ausgerechnet sie Bedarf an neuer Kleidung hatte. Die Gräfin war einem Stil verhaftet, den man auch mit wohlwollender Einschätzung nur als »old fashioned« bezeichnen konnte, doch zeugte die Wahl ihrer Kleidung zumeist von einem gewissen Geschmack und von teuren Schneidern.

»Otto Gourmet …«, las ich. »Was haben Sie dort bestellt? Schinkenkleider?«

»Unsinn!«, zischte sie. »Woher, glauben Sie, mein lieber Moritz, stammten wohl die Wagyu-T-Bone-Steaks, die Sie letztens so genüsslich verspeist haben?«

Entsetzt sah ich auf die Rechnung: Die belief sich auf einen vierstelligen Betrag. »Ich dachte, Sie hätten die Wagyu-Steaks preiswert über die Fleischerei Schlüter bezogen?«, erinnerte ich sie.

»Leider konnte ich Frau Schlüter von meiner Idee, einheimische Gaumen mit Spitzenfleisch zu verwöhnen, nicht überzeugen«, erwiderte sie kleinlaut.

»Ich will die Wahrheit hören!«, verlangte ich. »Und zwar die ganze!«

»Nun ja, um ein wenig aus den Miesen herauszukommen, hatte ich den Plan, diese Wagyu-Steaks zum Auftakt der Grillsaison anzubieten, um die Spitzen der Gesellschaft ins Rübezahl zu locken …«

Ich hatte so meine Zweifel, ob die Gräfin dabei wirklich nur an die Rettung der Finanzen gedacht hatte. Zu gern bewegte sie sich in den »oberen Kreisen«, die ihr jedoch meistens die Tür vor der Nase zuschlugen.

»Weiter im Text!«, drängte ich.

»Wie Sie wissen, lieber Moritz, hatte ich Einladungen an den gesamten lippischen Adel und an die Hochfinanz geschickt.«

Sie hatte mich nicht eingeweiht, also konnte ich mich auch nicht erinnern. Außer dem Sparkassendirektor und dessen Gattin war das Lokal jedenfalls leer gewesen. Noch tagelang hatten wir uns von Steaks ernährt. Die letzten Reste hatten Muff und Potter verspeist. Ich hatte nicht geahnt, dass es Wagyu-Fleisch gewesen war, das mir die Gräfin vorgesetzt hatte.

»Ich hatte Frau Schlüter, diesem Aas, vorgeschlagen, das Fleisch gemeinsam einzukaufen. Unverwertete Reste sollte sie nach dem Event in ihrer Metzgerei verkaufen …«

»Wäre das überhaupt legal gewesen?«, wunderte ich mich. »Ich meine, die hygienischen Auflagen …«

Sie unterbrach mich mit einer herrischen Handbewegung. »Sie hat sich von Anfang an geweigert. Sie hielt meinen Plan für größenwahnsinnig und hat mir stattdessen angeboten, uns mit Schweinesteaks zu beliefern! Schweinesteaks! Außerdem hat sie darauf bestanden, dass wir zunächst unsere Schulden bei ihr bezahlen sollten …«

»Schulden? Und wieso unsere Schulden?«

»Na, Ihr Geld steckt doch schließlich auch im Rübezahl!«, erwiderte die Gräfin tadelnd.

»Ganz genau: mein Geld!«, bestätigte ich. Ich hatte ihr und Ollie im letzten Jahr mit einem Teil meiner Ersparnisse unter die Arme gegriffen. So ganz nebenbei hatte ich dadurch dem guten Duffy auch noch den Job gerettet. Eigentlich war die Rückzahlung des Geldes längst fällig gewesen, doch bisher hatte sich die Gräfin stets geschickt aus der Affäre gezogen.

»Sie haben sogar beim Metzger Schulden?«, fragte ich entsetzt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass das Rübezahl ganz gut lief.

»Also musste ich die Steaks bei diesem Gourmet-Versand bestellen«, beantwortete sie indirekt meine Frage. »Schließlich waren die Einladungen schon verschickt. Hätte ich mich vielleicht blamieren sollen?«

Ich antwortete nicht. Der Klumpen in meinem Magen wurde größer, während ich die Rechnungen weiter durchsah. Eines stand fest: Trotz ihrer Beteuerungen verstand die Gräfin nichts, aber wirklich gar nichts von solider Haushaltsführung. Kein Wunder – hatte sie doch zu Zeiten, als der Major noch lebte1, stets aus dem Vollen schöpfen können. Und wenn es noch nicht einmal für den eigenen Haushalt reichte, wie sollten ihre Finanzkünste dann erst für das Restaurant reichen?

Mit einem mehr als unguten Gefühl legte ich die Rechnungen schließlich zur Seite.

»Ich weiß nicht, wie ich da helfen kann«, sagte ich. »Ich bin Journalist, kein Steuerberater. Wenngleich Ihnen selbst ein gewiefter Finanzjongleur kaum mehr helfen kann …«

»Ollie und ich haben sogar morgens gearbeitet, um weiteres Kapital zu erschließen.«

»Sie haben gearbeitet?«

»Jeden Morgen in der Schlemmer-Filiale in Detmold. Ich an der Kasse, und Ollie hat im Lager geschuftet.«

Jetzt wusste ich, warum die beiden jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe das Haus verlassen hatten!

»Heute Morgen haben wir die Kündigung bekommen. Insolvenz! Ist das nicht die Höhe? Wir wissen noch nicht einmal, ob sie uns unseren restlichen Lohn noch auszahlen!« Sie schaute mich an, als wäre ich für ihre Lage verantwortlich. »Sie haben uns doch schon einmal aus der Patsche geholfen«, erinnerte sie mich, während sie mich mit einem treuherzigen Augenaufschlag zu überzeugen versuchte.

»Ja, aber das wird diesmal nicht reichen. Sie haben über Ihre Verhältnisse gelebt!«

»Also gut, dann zwingen Sie mich, zum letzten Mittel zu greifen, mein lieber Moritz«, seufzte sie.

Da war ich aber mal gespannt!

»Ich werde Ihnen die Miete erhöhen müssen.«

Aus den Augenwinkeln sah ich Duffy befriedigt grinsen. Na warte, Bürschchen, dachte ich.

»Das haben Sie schon im letzten Jahr«, erinnerte ich die Gräfin. »Sie haben die Erhöhung bis zum Äußersten ausgeschöpft!«

»Daran sehen Sie, dass ich mich in solchen Dingen einfach nicht auskenne!«

»Ich habe eine bessere Idee, als dass sie mir die Miete erhöhen. Abgesehen davon, wie gesagt, dass es nicht rechtens wäre und ich sie dann verklagen müsste. Warum entlassen Sie nicht endlich Duffy?«

Das Grinsen verschwand augenblicklich aus dem Gesicht des alten Burschen.

»Ich protestiere!«, mischte er sich ganz unbutlerhaft in unser Gespräch ein. Seine Kaubewegungen verrieten, dass er äußerst aufgebracht war. »Ich bin unkündbar. Der Major hat es mir sogar schriftlich gegeben!«

»Ja, aber jetzt stehen Sie in Diensten der Gräfin, mein Lieber. Da sind die Verträge eines Toten leider null und nichtig.«

»Jetzt reicht es aber!«, fuhr die Gräfin dazwischen. »Moritz, seien Sie nicht so fies zu Duffy. Und Sie, Duffy, schlucken Sie bitte diesen entsetzlichen Kaugummi hinunter!«

Duffy gehorchte stumm.

»Wenn Sie uns schon nicht mit Ihrem eigenen Geld helfen wollen, dann müssen Sie uns wenigstens fremdes Geld verschaffen!«, verlangte die Gräfin und lenkte damit die Aufmerksamkeit wieder auf ihr Problem.

»An was haben Sie denn da gedacht? Soll ich eine Bank ausrauben?«

»Nicht ganz. Aber Sie könnten bei Ihrem Freund, dem Sparkassendirektor, ein gutes Wort einlegen …«

»Erstens ist Krautkrüger nicht mein Freund«, erwiderte ich. »Er hat uns nur zufällig im letzten Jahr zur Seite gestanden. Und zweitens wird es nicht reichen, ein gutes Wort einzulegen. Sie brauchen entweder einen Bürgen, oder Sie müssen dieses Anwesen weiter beleihen.«

»Das habe ich schon«, sagte sie kleinlaut.

»Was? Einen Bürgen?«

»Hypotheken aufgenommen. Die Sparkasse hat den Hahn zugedreht.«

Ich atmete laut aus. Alles war noch viel schlimmer, als ich dachte.

In diesem Moment vernahm ich Schritte, die polternd die hölzernen Stufen herabklickten. Ein paar Sekunden später stand Ollie im Raum.

Sein eigentlicher Name lautete Oliver Dylan Dickens. Seine früh verstorbenen Eltern waren sowohl Charles Dickens-Fans als auch den Balladen Bob Dylans zugeneigt. Ollie war Engländer, mit sämtlichen Spleens und Macken, aber auch mit den positiven Eigenschaften, die man gemeinhin mit diesem Inselvölkchen verbindet. Er war hochgewachsen, sah gut aus, und wenn sich seine Wangen rötlich färbten, erinnerte er irgendwie an Prinz William. Allerdings waren Ollies Haare von dichtem Wuchs und recht störrisch. Vor einem Jahr war Ollie mit seinem Morgan im Lipperland erschienen wie ein Komet, hatte sämtliche Eingeborenen verwirrt und gleich sein Herz an eine Rundfunkmoderatorin verloren, nämlich an besagte Steffi Klug.

Das Anwesen gehörte ihm. Er hatte es von seinem verstorbenen Großonkel Reginald geerbt, den alle Welt nur den Major genannt hatte. Zumindest auf dem Papier gehörte es ihm. Allerdings war sowohl das Haus als auch der Grund und Boden derart mit Hypotheken belastet, dass der eigentliche Besitzer die Sparkasse war.

Dennoch hatten er, die Gräfin und Duffy mit meiner bescheidenen Hilfe eine Gaststätte wiedereröffnet, das Rübezahl – in der Hoffnung, es möge Ollie Ruhm und Reichtum bescheren.

»Tante Liza, alte Schachtel!« Er strahlte und küsste sie auf die Wangen. »Hi, Duffy, altes Haus!« Der Butler nickte pikiert. »Moritz, alter Schwede!« Er schüttelte mir die Hand.

Ollie konnte perfekt Deutsch. In letzter Zeit nervte er jedoch mit gewissen Redewendungen und aufgeschnappten Anreden, die seltsam unpassend erschienen.

»Setz dich, mein lieber Junge«, sagte die Gräfin. Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause, ehe sie fortfuhr: »Ich habe Herrn Moritz bereits unsere momentane finanzielle Situation erläutert. Er wird uns helfen …«

»Moment!«, protestierte ich, aber Ollie war bereits aufgesprungen, kam zu mir herüber und schlug mir auf die Schulter. »Dann ist ja alles im Ruder, dear friend! Wir zusammen werden den Laden schon schaukeln. Wie wär’s mit einem Schluck Whisky, um das Abkommen zu beflügeln?«

»So weit ist es leider noch nicht!«, stoppte ihn Tante Lisa. Ollie schaute verwundert drein.

»Aber warum nicht?«

»Weil ich nicht daran denke, meine letzten Ersparnisse in ein sinkendes Schiff zu stecken«, erklärte ich. »Ich weiß, dass ihr Engländer da ein bisschen anders tickt …«

Er wich einen Schritt von mir zurück und sagte stolz: »Jawohl, mein Freund. Es waren zumeist männliche Engländer, die beim Untergang der Titanic ertranken. Weil Erziehung und Ehrgefühl ihnen verboten, sich vor den anderen in die Rettungsboote zu drängen. Zuerst ließen sie den Frauen, Kindern und Alten den Vortritt. Einer meiner Vorfahren war so jemand. Er soll laut ›God save the Queen‹ geschmettert haben, als die kalten, tödlichen Finger des Atlantik bereits nach seinem Herzen griffen …«

»Meines Wissens war es aber auch ein Engländer, der die Titanic gegen den Eisberg gefahren hat«, sagte ich ungerührt und brachte seinen poetischen Erguss zum Schmelzen.

»Wie dem auch sei«, fuhr die Gräfin dazwischen. »Ich habe hier ein paar interessante Angebote, die wir uns anschauen sollten.« Duffy beugte sich neugierig vor, was ihm sofort einen strengen Blick eintrug. »Duffy, bitte bereiten Sie uns einen Tee, während ich die beiden Herren informiere. Lassen Sie ihn sehr lange ziehen …«

Die Botschaft war eindeutig, und Duffy verließ pikiert den Raum.

»Er muss nicht alles wissen«, lächelte die Gräfin unschuldig.

»Und um was für Angebote handelt es sich diesmal?«, fragte ich skeptisch.

Unwillkürlich musste ich an die Ereignisse des letzten Jahres denken. Damals wollte ein amerikanisches Gen-Mais-Konsortium das Anwesen kaufen. Fast hätten wir alle dabei ganz schön draufzahlen müssen. Wir hatten zumindest Lehrgeld bezahlt …

»Die ›Hühnermeier – macht Hühner glücklich‹-GmbH fragt an, ob wir Interesse haben, zwanzigtausend Quadratmeter zu verkaufen, damit sie darauf eine ihrer bundesweit geplanten Hähnchenmastanlagen errichten. Es handelt sich um hunderttausend putzige Hähnchen …«

»Stopp!«, bestimmte ich und fuhr fort: »… die eingepfercht auf engstem Raum erbärmlich dahinvegetieren. Industrielle Massentierhaltung ist nichts anderes als Tierquälerei, die einfach zum Himmel stinkt!«

Ich sah das Lächeln auf ihren Lippen und erkannte, dass sie mich reingelegt hatte. Natürlich würde sie nie dulden, dass Ollie einen solchen Deal eingehen würde. Ihre Bielefelder Zwerg Kennhühner laufen frei auf dem Hof herum, und sie kennt ein jedes mit Namen. Den Hahn nennt sie Charles, und seine Lieblingsdame, wenn man ein Huhn so bezeichnen darf, heißt natürlich Camilla. Camilla hatte im letzten Jahr sagenhafte einhundertzweiundachtzig Eier gelegt.

»Außerdem«, bekräftigte die Gräfin, »führen die hohe Ammoniakkonzentration, die wegen des Hühnerkotes entsteht, und die Antibiotika-Rückstände zu einer Belastung des Trinkwassers …«

»Ich bin entzückt über dein umfassendes Wissen, Tante Liza!«, staunte Ollie.

Die Gräfin winkte milde lächelnd ab. »Weiß ich alles von Hertha Däubling. Die hat im Landfrauenklub einen Vortrag über Hähnchenmast gehalten, dass uns allen schlecht geworden ist. Der Hertha wollen sie so ein Hühner-KZ direkt vor ihren Bio-Hof in Pottenhausen bauen.«

»Nein, das kommt für uns auf keinen Fall infrage«, bekräftigte Ollie.

Die Gräfin seufzte. »Tja, dann bleibt nicht mehr viel übrig. Ferdi Petig fragt an, ob er für seine Schwäbisch Hallischen ein Stück Weide pachten kann …«

»Ferdi Petig?«, erkundigte sich Ollie.

»Ferdi hat seinen Hof in Bega«, erklärte ich. »Er hat sich auf Ferkelzucht spezialisiert, aber er ist einer von den Bauern, bei dem es die Schweine noch einigermaßen gut haben. Die haben in ihren Ställen genügend Platz und frisches Stroh unter dem Hintern. Und dann züchtet er noch die Schwäbisch Hallischen; die laufen bei ihm auf der Weide herum. Aber allein vom Verkauf der Tiere kann er nicht leben …«

»Und hier habe ich noch eine Anfrage vom WDR. Sie möchten das Rübezahl in einer neuen Sendereihe vorstellen …« Sie blickte in die Runde.

»Das wär’s doch!«, sagte Ollie begeistert. »Wir kommen ins Fernsehen und die Gäste anschließend zu uns.«

»Nicht, wenn wir weiterhin so dilettantisch wirtschaften und kochen.«

»Dann kocht eben Ihr Freund Rolf noch einmal für uns«, schlug die Gräfin vor.

»Das wäre unredlich«, widersprach ich. »Vor den Fernsehzuschauern würden wir uns mit Rolfs Kochkünsten schmücken und nachher den Gästen Duffys Mohrrübeneintopf vorsetzen.«

»Dann bleiben uns nur noch zwei Möglichkeiten«, seufzte die Gräfin: »Wir geben auf – oder Sie sprechen doch mit Ihrem Freund, dem Sparkassendirektor!«

3.

Als ich mein Domizil erreichte, passierten zwei Dinge auf einmal. Luna, meine Labrador-Mischlingshündin, sprang mir entgegen, sodass ich fast wieder in den Hausflur zurückfiel. Und zweitens klingelte das Telefon Sturm. Während ich mich an Luna vorbeikämpfte, die das Ganze für ein großartiges Spiel zu halten schien, hatte der Anrufer aufgelegt.

Ich schaute auf das Display. Eine Hamburger Nummer, die mir nicht ganz unbekannt vorkam. Also nahm ich den Hörer auf, tippte die Rückruftaste und wartete geduldig, bis am anderen Ende wieder abgenommen wurde.

»Hier Morgenstern«, meldete ich mich.

»Hier Abendroth«, tönte mir eine sonore Stimme entgegen. Mit der Stimme hätte er auch Politiker, Synchronsprecher oder Sportreporter werden können. Aber Phillip Abendroth hatte sich für eine andere Laufbahn entschieden. Er hatte als Laufbursche angefangen und es bis zum Chefredakteur eines Hamburger Magazins gebracht. Normalerweise langweilte er sich in diversen Workshops, auf Sitzungen und Empfängen zu Tode. Ganz selten stach ihn jedoch noch der Hafer und er schrieb brillante Leitartikel.

Er besaß eine Villa in Winterhude, war in dritter Ehe mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau verheiratet, spielte Golf und sammelte Sportwagen und Originale von Andy Warhol. Wir kannten uns aus der Zeit, als ich mich als Journalist auf die Aufklärung spektakulärer Mordfälle spezialisiert hatte. Schon damals war er fett gewesen. Seine fünfte Leidenschaft, neben jungen Frauen, schnellen Wagen, echten Warhols und dem Schreiben, war das Essen. Er war das, was man einen Gourmand nannte. Er aß viel, und das mit Leidenschaft. Nach jedem Treffen mit ihm, die selbstverständlich in diversen Lokalen stattfanden, war ich ein paar Kilo schwerer.

Und Abendroth war tatsächlich sein richtiger Name. Wir machten uns einen Spaß daraus, Morgenstern und Abendroth klingen zu lassen ...

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