Logo weiterlesen.de
Tod nach Schulschluss

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PROLOG
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. EPILOG
  30. DANKSAGUNG
  31. Unsere Empfehlungen

Über die Autorin

Schon während ihres Studiums arbeitete Christine Drews für diverse TV-Produktionen. Mittlerweile schreibt sie Drehbücher oder wirkt als Autorin bei Showformaten mit. Mit ihrem Debütroman SCHATTENFREUNDIN begeisterte sie etliche Krimifreunde im In- und Ausland.

PROLOG

Was für ein arrogantes Arschloch, dachte er, als er mit hoher Geschwindigkeit vom Parkplatz fuhr. Der Schotter spritzte laut gegen die Türen seines nagelneuen BMW X5, aber das war ihm in diesem Moment egal. Scheißegal. Bekam der Lack halt Macken. So was hatte ihn noch nie gestört. Er war stocksauer.

»Geben Sie doch zu, dass Sie das Geld unterschlagen haben!«, hatte dieses Schwein zu ihm gesagt. »Ich möchte wetten, dass man sich von dem Sümmchen einen hübschen neuen Wagen leisten kann.«

Was bildete sich dieser Schnösel eigentlich ein? Eine Frechheit war das, eine bodenlose! Als wenn er es nötig hätte, Geld zu unterschlagen, um sich ein neues Auto zu kaufen. Was konnte er denn dafür, wenn die Dämmmaterialien der alten Turnhalle asbestverseucht waren und aufwendig entsorgt werden mussten? Das trieb die Kosten nun mal in die Höhe. So was konnte man vorher nicht kalkulieren. Das waren Risiken, die bei einem Abriss und anschließenden Neubau nun mal bestanden. Und überhaupt. Es ging hier um die Kosten einer läppischen Turnhalle und nicht um den verdammten Berliner Flughafen. Als wenn die paar tausend Euro irgendjemandem wehgetan hätten …

»Und dann wagt er es auch noch, mir zu drohen!« Er merkte, dass sich seine Stimme fast überschlug. Obwohl er allein im Auto saß, brüllte er.

»Du wirst in letzter Zeit so schnell laut, Alex«, schossen ihm die Worte seiner Frau durch den Kopf. Kein Wunder, wenn er nur von Idioten umgeben war.

Er lenkte seinen Wagen auf die Landstraße, die auf einer schnurgeraden Linie durch ein Meer von Wiesen und Feldern führte. Blühender Raps und goldfarbenes Korn wechselten sich immer schneller ab, während der BMW Fahrt aufnahm. Aber Alex hatte dieses Mal keinen Blick für die Schönheit der Natur, die er sonst immer so genoss. Er war immer noch auf hundertachtzig und spürte, wie das Adrenalin durch seinen Körper rauschte. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er tatsächlich aufbrausender war als früher. Vielleicht, ja, konnte schon sein. Na und? Viel zu oft hatte er doch auch allen Grund dazu. Und das nicht nur wegen irgendwelcher arroganter Kunden.

»So ein Wichser! Penner! Vollidiot!«, rief er aufgebracht, und der ganze Ärger über diesen Wichtigtuer, mit dem er sich gerade hatte herumschlagen müssen, kochte wieder in ihm hoch. Was sollten diese Drohungen?

»Wenn Sie das nicht in Ordnung bringen, wird das Konsequenzen haben. Dann werde ich Ihren Ruf zerstören, lassen Sie sich das gesagt sein«, hatte er zu ihm gesagt.

Ha! Das war ja lächerlich. Wie wollte dieses Würstchen das bitte anstellen? Alex war eine Instanz im Münsterland. An ihm und seiner Firma kam niemand vorbei. Kein Mensch konnte ihm etwas anhaben. Auch nicht dieses Arschloch mit seinen einflussreichen Freunden. Absurd!

Alex drosselte das Tempo. In der Ferne glaubte er, eine Person am Straßenrand stehen zu sehen. War das ein Polizist? Hier, mitten in der Pampa? Er schien irgendetwas hochzuhalten, fast so, als würde er auf ihn zielen.

Dann sah Alex den roten Lichtstrahl. Geschwindigkeitskontrolle, dachte er noch, als der Laser seine Augen traf. Von einer Sekunde auf die andere konnte er nichts mehr sehen. Alles war schwarz. Reflexartig riss er die Hände hoch, um seine schmerzenden Augen zu schützen. Er spürte, wie der Wagen von der Straße abkam und über das Feld raste, wie das Korn gegen die Karosserie schlug. Klack, klack, klack.

Dann überschlug er sich. Einmal, zweimal.

Beim dritten Mal verlor Alex das Bewusstsein.

Als er die Augen wieder aufschlug, hing er kopfüber in den Anschnallgurten. Langsam gewöhnten sich seine Augen wieder an das normale Licht. Er brauchte einen Moment, um zu verstehen, was passiert war, warum das Getreide und die Bäume in der Ferne auf dem Kopf standen.

»O Gott«, stöhnte er leise.

Alle Scheiben waren zerborsten, und er merkte, wie Blut aus einer Wunde an seinem Kopf floss. Alex glaubte, jeden einzelnen Tropfen Blut beim Aufprall auf den Boden hören zu können. Die Verletzung war anscheinend stärker, als er zunächst angenommen hatte, denn plötzlich hatte er den Eindruck, ein kleines Rinnsal würde auf das Feld fließen, so sehr plätscherte es. Oder kam das Geräusch woandersher?

Blinzelnd sah er sich um. Der Wagen war komplett hinüber. Aber was war das für ein Geruch? Benzin. Verdammt, der Tank lief aus! Daher also das Plätschern. Und war das Rauch? Scheiße, ja. Aus der Motorhaube qualmte es. Nur ganz wenig, aber es reichte aus, um Alex in Panik zu versetzen. Auch wenn er wusste, dass ein Auto nicht so schnell in Brand geriet, wie man es aus dem Fernsehen kannte, war ihm trotzdem klar, welche Gefahr ein zerborstener Tank und eine kokelnde Stelle im Motorraum darstellten. Über kurz oder lang würde sein schöner neuer SUV in Flammen aufgehen. So viel war sicher. Also nichts wie raus hier.

Alex versuchte sich abzuschnallen und schrie nur eine Sekunde später auf vor Schmerz. Wie ein abgebrochener Hühnerknochen stach die Elle seines rechten Armes aus der Haut heraus, während ihm der linke schlaff auf der Brust hing, unfähig, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

Beide gebrochen, dachte Alex und überlegte fieberhaft, wie er den Anschnallgurt lösen sollte. Durch das zerborstene Fenster sah er, dass sich inzwischen eine richtige Benzinlache um sein Auto gebildet hatte. Das ist der Nachteil an einem SUV, dachte er, der Tank ist extrem groß. Der Wagen, der Boden, das abgeknickte Korn, alles war bereits von Benzin durchtränkt. Er musste so schnell wie möglich hier raus. Aber wie?

Gerade als er ein weiteres Mal die Zähne zusammenbiss und unter schier unmenschlichen Schmerzen versuchte, mit dem rechten Arm an den Anschnallgurt zu kommen, hörte er Schritte. Gott sei Dank! Der idiotische Bulle, der ihn geblendet hatte, würde ihn jetzt wenigstens hier rausholen. Wahrscheinlich hatte er schon den Notarzt alarmiert. In einer guten Stunde würde Alex auf irgendeinem OP-Tisch liegen, und man würde seine Arme wieder zusammenflicken.

Auch wenn er stocksauer auf den Polizisten war, beruhigte es ihn ungemein, als er ein paar dunkle Stiefel neben der Fahrertür auftauchen sah. Wenigstens hatte der Albtraum jetzt ein Ende.

Alex sah, wie der Mann in die Hocke ging. Er hielt irgendetwas Glänzendes in der Hand, das das Sonnenlicht reflektierte. Was war das?

»Holen Sie mich hier raus, Mann!«, stöhnte Alex. »Schnell.«

Es dauerte einen Moment, bis der Andere reagierte. »Nein«, sagte er dann mit fester Stimme und klappte ein silbernes Feuerzeug auf.

1

Ein Jahr später

Den Abgabetermin für Osteuropäische Geschichte würde sie nicht einhalten können, das wusste Dina jetzt schon. Sie wollte unbedingt noch ein Kapitel zur aktuellen Krise in der Ukraine schreiben, und das würde sie in der Kürze der Zeit nicht schaffen. Aber sie kam gut mit der Professorin klar, und vier Wochen Aufschub waren normalerweise kein Problem. Außerdem wusste die Frau um ihre Situation.

Dina tunkte den Wischmopp in den Eimer und drückte das Wasser in der dafür vorgesehenen Halterung aus. Dann wischte sie weiter über den langen Flur, immer im gleichen Rhythmus, wobei sie sich langsam rückwärtsbewegte.

Es hatte sie verletzt, was die Schüler zu ihr gesagt hatten. Normalerweise war es ihr egal, was diese verzogenen und arroganten Blagen für einen Müll von sich gaben, und eigentlich war sie auch ganz gut darin, die Sprüche zu ignorieren. Aber das …

»Grundgütiger, die Moslemhure putzt wieder«, hatte der eine gesagt, und die anderen hatten laut gelacht. Dann war er ganz nah an sie herangekommen und hatte sich in gebrochenem Deutsch über sie lustig gemacht. »Du bessär putzen, verstähst du?« Wieder hatten alle gelacht. Schließlich hatte er sich von ihr abgewandt. »Lasst uns gehen. Hier stinkt’s nach Kümmel.«

Sie hatte kurz überlegt, dem Idioten die Meinung zu geigen, hatte es dann aber lieber gelassen. Dina brauchte das Geld dringend, das sie durch die Putzstelle im Internat verdiente. In zwei Semestern würde sie ihren Abschluss in Geschichte und Germanistik in der Tasche haben, und dann würde sie alles dafür tun, ein Volontariat bei den Westfälischen Nachrichten zu ergattern. Sie hatte schon zwei Praktika bei der Zeitung gemacht und wusste, dass der Chefredakteur ihre Schreibe schätzte. Er hatte Dina bereits signalisiert, dass sie einen der begehrten Plätze bekommen konnte. Ihr Kopftuch war kein Thema für ihn, und dafür war Dina ihm sehr dankbar.

Aber bis es so weit war, musste sie noch Geld verdienen. Wegen der Vorlesungen und Seminare konnte sie nur abends arbeiten, und da gab es nicht besonders viele Alternativen für sie. Zumal ein Job in einer Kneipe für Dina nicht infrage kam. Also nahm sie den langen Anfahrtsweg auf sich und fuhr dreimal die Woche von Münster auf Schloss Lemburg, um hier zu putzen.

Rückwärts feudelte sie den Gang entlang, damit sie mit ihren Schuhen das Gewischte nicht wieder verschmutzte. Am Anfang war es ihr unheimlich gewesen, allein im Keller zu sein, aber heute war sie eigentlich ganz froh darüber. Hier unten traf sie wesentlich seltener auf Schüler, als es bei ihren Kollegen der Fall war, die für die Klassen- und Aufenthaltsräume zuständig waren. Im Keller hatte sie wenigstens ihre Ruhe vor den widerlichen Typen, die sie wegen ihres Jobs und ihres Kopftuchs wie einen Menschen zweiter Klasse behandelten. Deshalb war sie gern hier unten, auch wenn es manchmal trotzdem ein wenig gruselig war.

Sie stellte den Wischmopp in den Eimer, nahm einen Lappen aus dem Putzwagen und staubte eine der alten Ritterrüstungen ab, die an der linken Seite des Flures standen. Dicke Spinnenweben hingen über dem alten Metall, obwohl sie es erst letzte Woche gesäubert hatte. Dina zuckte erschrocken zusammen, als eine dicke, behaarte Spinne aus den Augenschlitzen der Rüstung gekrabbelt kam. Sie mochte keine Spinnen, schon gar nicht diese schwarzen haarigen, also beschloss sie, das Krabbeltier dort zu lassen, wo es war. Musste sie nächste Woche halt wieder alle Spinnweben wegmachen.

»So, jetzt noch den Flur und die Folterkammer, dann ist es geschafft«, murmelte Dina, kippte eine ordentliche Portion Putzmittel in das Wasser und tunkte den Wischmopp erneut in den Eimer. Sie zog den Putzwagen hinter sich her in die historische Folterkammer und wischte dann weiter den Boden, während sie noch mal über den Abgabetermin für ihre Hausarbeit nachdachte. Vielleicht brauchte sie doch keine vier Wochen Aufschub, in zweien würde sie es auch schaffen. Mit ein paar Nachtschichten könnte das eigentlich klappen.

Plötzlich hielt sie irritiert inne. Was war das denn? Hatte sie ein falsches Putzmittel genommen? Anstatt auf dem Boden den vertrauten feuchten Glanz zu sehen, den der Wischmopp normalerweise hinterließ, blickte Dina jetzt auf braunrote Schlieren, die sich wie ein Fächer von links nach rechts ausgebreitet hatten. Wie versteinert starrte sie auf die Flecken. Dann begannen ihre Hände zu zittern, erst wenig, dann immer stärker, bis ihr der Mopp entglitt und laut scheppernd in die dunkle Lache fiel, in der sie stand. Die Flüssigkeit auf dem Boden spritzte an ihr hoch und beschmutzte den unteren Rand ihres grauen Kittels. Sie merkte, wie ihr Herz zu rasen begann, als sie langsam an sich herunterschaute.

»Das … ist doch … nicht …«, stammelte sie fassungslos, und als ihr klar wurde, dass sie mit ihrer Vermutung richtiglag, rannte sie laut schreiend aus dem Raum.

*

»Wie siehst du denn aus?«, fragte Käfer, als Charlotte zu ihm in den Wagen stieg. »Hast du etwa schon geschlafen?«

»Wäre das so ungewöhnlich um diese Uhrzeit? Wir haben fast Mitternacht.« Sie merkte, wie vorwurfsvoll sie klang. Dabei konnte ihr Kollege nun wirklich nichts dafür, dass sie so spät noch rausmussten.

»Ich fände es auch besser, wenn die Leute nur zwischen neun und siebzehn Uhr ermordet würden, aber leider halten sich die Täter nicht daran«, sagte er grinsend.

Charlotte lächelte schief. »Wo ist denn dieses Internat?«, fragte sie.

»Halbe Stunde Fahrt. Auf dem platten Land in der Nähe von Burgsteinfurt.«

»Was wissen wir bisher?«

»Nicht viel. Ein siebzehnjähriger Schüler ist in der Folterkammer tot aufgefunden worden.«

»In was für einer Folterkammer denn bitte?«

»Das Internat ist in einem Schloss untergebracht, Schloss Lemburg. Ein Teil des Anwesens ist als Museum zu besichtigen, inklusive einer historischen Folterkammer. Vor einer Stunde haben sie einen Toten in der eisernen Jungfrau entdeckt. Die Identität ist noch nicht geklärt, aber anhand der gefundenen Ausweispapiere müssen wir im Moment davon ausgehen, dass einer der Schüler in dem Ding steckt.«

»Ach du Scheiße. Kein schöner Tod.«

»Ich befürchte nicht.«

Charlotte spürte, wie die Übelkeit erneut in ihr aufstieg. Die Vorstellung, was sie gleich im Internat erwarten würde, verstärkte dieses Gefühl noch. Sie wusste, wie eine eiserne Jungfrau aussah, und konnte sich deshalb auch denken, in welchem Zustand die Leiche sein würde, die sie gleich zu Gesicht bekommen würde.

»Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Sache schon bis zu den Eltern herumgesprochen hat. Ich bin gespannt, wer von denen schon vor Ort ist. Schloss Lemburg ist ja nicht irgendein Internat. Da ist das Who-is-Who des Münsterlands untergebracht, oder vielmehr: dessen Nachwuchs. Ich schätze, auf Lemburg wimmelt es gleich von besorgten SUV-Muttis.«

Charlotte zuckte mit den Achseln. Ihr war es egal, ob ein Schüler einer normalen Schule oder eines Schickimicki-Internats tot aufgefunden worden war. Beides war schlimm, Elite hin oder her.

Als die beiden Kommissare vor dem Internat vorfuhren, war der Parkplatz zu ihrer größten Überraschung fast leer. Bis auf zwei Streifenwagen, dem Auto der Spurensicherung und einem Notarzt parkte dort niemand.

Käfer lenkte den Wagen in die Lücke zwischen den Polizeiautos und schaltete den Motor ab. »Sieht nicht so aus, als wären schon allzu viele besorgte Eltern hier.«

Charlotte zwängte sich aus der Beifahrertür heraus und ärgerte sich, dass Käfer ausgerechnet in diese enge Lücke hatte hineinfahren müssen. Fünf Meter weiter, und er hätte den Parkplatz mehr oder weniger für sich allein gehabt. Aber nein, bloß nicht unnötig viel laufen, lieber die erste Lücke nehmen, und sei sie noch so eng. Typisch.

Sie seufzte. »Ja, komisch. Die Schüler werden doch ihre Eltern angerufen haben, oder etwa nicht? Seltsam. Vielleicht wohnen die meisten zu weit weg vom Internat. Aber dass überhaupt niemand hier ist … schon merkwürdig. Vielleicht ist drinnen mehr los.«

Das Schloss wurde von allen Seiten angestrahlt. Im Scheinwerferlicht sah es beinahe aus wie eine Filmkulisse. Über eine geschwungene Außentreppe konnten Charlotte und Käfer das große Portal erreichen, das zum historischen Teil des Internats führte. Auf der anderen Seite des Parkplatzes standen zwei moderne Gebäude, eines war offensichtlich eine Turnhalle, und in dem anderen schienen Klassenräume untergebracht zu sein.

Berthold Wolske von der Spurensicherung kam ihnen mit langen Schritten auf der Freitreppe entgegen. Er trug einen weißen Schutzoverall und eilte die Stufen zu seinem Wagen hinunter. »‘n Abend«, sagte er im Vorbeigehen.

Charlotte blieb stehen. »Wo müssen wir hin?«

»Durch die Eingangshalle, dann rechts, zweite Tür links, die Treppe runter. Ich komme sofort. Brauche nur noch ein paar Sachen aus dem Wagen. Ist eine unglaubliche Sauerei da unten«, rief ihr Wolske über die Schulter zu.

»Ist die Gerichtsmedizin schon da?«

Er hob als Zeichen der Zustimmung die Hand, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen.

»Ist es Krane?«

Charlotte schätzte die Arbeit von Dr. Lars Krane, dem Gerichtsmediziner. Er war es gewesen, der ihnen bei ihrem letzten Fall den entscheidenden Hinweis geliefert hatte. Lange hatten sie über den mysteriösen Tod des verbrannten Demenzkranken gerätselt, bis sie schließlich – dank Kranes Hilfe – Puzzleteil für Puzzleteil zusammengesetzt hatten und den brutalen Mord aufklären konnten. Auch zwischenmenschlich waren sie sich durch den Fall nähergekommen, seit Neuestem duzten sie sich.

»Ja, Krane ist da«, rief Wolske, dann war er im Inneren seines weißen Kastenwagens verschwunden.

»Der hat doch schon wieder zugelegt«, flüsterte Käfer grinsend und nickte in Richtung des Parkplatzes.

»Du weißt doch«, sagte Charlotte und grinste, »wer im Glashaus sitzt …«

»Ich?« Käfer machte ein empörtes Gesicht. »Seitdem ich regelmäßig jogge, habe ich schon zwei Kilo abgenommen.«

Er strich sich über den Bauch, der nicht einmal eine leichte Wölbung vorwies. Obwohl Käfer in Charlottes Augen geradezu süchtig nach Schokolade und ständig am Naschen war, hatte er seine relativ schlanke Figur halten können. Gemein, irgendwie.

»Aber du bist jetzt mit einer echten Konditormeisterin zusammen. Da kann man sich doch ausrechnen, wie du in ein paar Jahren aussiehst«, ärgerte sie ihn.

»Papperlapapp! Das trainiere ich alles wieder ab.«

Demonstrativ nahm er auf den letzten Metern gleich zwei Stufen auf einmal. Charlotte lächelte. Es war schön zu sehen, wie sich ihr Kollege verändert hatte, seitdem er verliebt war. Dabei war es vor allen Dingen Charlotte gewesen, die am Anfang der Beziehung große Bedenken gehabt hatte. Immerhin hatte Annette in ihrem letzten Fall keine unbedeutende Rolle gespielt. Aber obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie während der Ermittlungen fast ums Leben gekommen war, waren die beiden jetzt unzertrennlich, und Charlotte gönnte ihrem Kollegen diese Liebe von ganzem Herzen.

Käfer pfiff anerkennend, als sie die großzügige Eingangshalle des Internats betraten. Der alte Parkettboden war zwar ziemlich abgelaufen und knarrte bei jedem Schritt, aber das schien das Einzige zu sein, das keinen einwandfrei gepflegten Eindruck machte. Die Wände waren weiß verputzt, große Gemälde früherer Schlossherren zierten die hellen Flächen. Dazwischen waren bodentiefe Sprossenfenster ins Mauerwerk eingelassen, durch die das helle Mondlicht in die Halle fiel. Große antike Holzschränke mit allerlei Verzierungen standen neben bauchigen Kommoden, die alle mindestens zweihundert Jahre alt waren, schätzte Charlotte. Wahrscheinlich sogar älter.

»Wolske! Ich brauche Licht.« Kranes Stimme hallte durch das Treppenhaus.

»Bin auf dem Weg!«, rief der Kollege von der Spurensicherung, der nur einen Augenblick später an Charlotte und Käfer vorbeieilte, einen tragbaren Scheinwerfer unter dem Arm.

»Warum ist hier eigentlich niemand?«, fragte Käfer, als sie Wolske nach unten folgten. Ihre Schritte hallten auf der weißen Steintreppe, die in großzügigem Bogen in den Keller führte. »Das ist immerhin ein Internat, es müsste von aufgeregten Schülern und Lehrkräften doch nur so wimmeln.«

»Vielleicht schlafen die meisten?« Charlotte wusste selbst, wie unwahrscheinlich das war.

Inzwischen waren sie im Untergeschoss angekommen und standen in einem Raum, von dem zwei Flure abgingen. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt, die Lampe schimmerte im orange-gelben Dämmerlicht vor sich hin. Den Bereich zur linken Seite wies ein Schild als Vorratskeller aus, während ein weiteres Hinweisschild rechts in den historischen Teil des Kellergewölbes verwies.

»Schlafen? Wenn hier so ein Alarm ist? Kann ich mir nicht vorstellen.«

Sie bogen in den rechten Flur ab, der mit Ritterrüstungen und alten Wappen dekoriert war.

»Es sei denn …« Käfer hielt mitten im Satz inne. »Was ist das denn für eine Sauerei?«, sagte er dann. Irritiert fuhr er sich durch die dunklen Locken.

Der helle Steinfußboden vor ihnen war mit blutigen Fußabdrücken übersäht. Die Spuren kamen aus einem Raum, der von zwei künstlichen Fackeln nur notdürftig erhellt wurde, wodurch die blutigen Abdrücke noch unheimlicher wirkten.

»Wird noch besser«, rief ihnen Wolske aus dem Raum am Ende des Ganges zu.

Vorsichtig und darauf bedacht, keine Spuren zu zerstören, betraten sie die Folterkammer. Charlotte brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, das noch schummriger war als das im Flur. Der Raum wirkte dank der Beleuchtung wie eine Höhle und erinnerte an ein Verlies – was ihn gleichzeitig ziemlich unheimlich erscheinen ließ. Charlottes Blick fiel auf die verschiedenen Geräte an den Wänden und an der gegenüberliegenden Seite des Raums, die sie zunächst aber nicht richtig einordnen konnte. Folterinstrumente, dachte sie beim zweiten Hinsehen. Der Raum war im mittelalterlichen Stil gehalten, die Wände bestanden aus nacktem Stein, nur unterbrochen von ein paar alten Wandteppichen und Schwertern.

»Allmächtiger!«, stöhnte Käfer.

Krane und ein junger Assistent der Spurensicherung knieten in weißen Overalls neben einem mannshohen eisernen Sarkophag, der offenbar auf die Seite gefallen war. Wolske versuchte, den Scheinwerfer aufzubauen und so mehr Licht in den düsteren Kellerraum zu bekommen, der im Moment nur von kleinen fackelähnlichen Wandlampen beleuchtet wurde. Aber selbst das wenige Licht reichte, um Charlotte einen ersten Eindruck von dem Grauen zu vermitteln.

Neben der eisernen Jungfrau hatte sich eine riesige Blutlache gebildet. Einige Kollegen mussten bereits durch die Lache gelaufen sein, denn die blutigen Fußspuren waren auch hier im Raum zu sehen. Doch Charlotte sah ein, dass sich die Leute von der Spurensicherung kaum bewegen konnten, ohne ständig in die Lache zu treten. Ihre weißen Anzüge waren bereits von rotbraunen Flecken übersät. Angesichts der großen Menge, die sich am Boden ausgebreitet hatte, schätzte Charlotte, dass das Opfer nahezu ausgeblutet sein musste.

Das gleißende Licht des plötzlich eingeschalteten Scheinwerfers riss sie aus ihren Gedanken.

»Je später der Abend, desto netter die Gäste.« Krane nickte ihnen freundlich zu. »Hallo ihr beiden. Ich versuche gerade dieses Ding aufzukriegen. Ist schwieriger, als ich dachte. Scheint so einen Schnappmechanismus zu haben. Ich will es nicht aufbrechen, sonst zerstöre ich womöglich Spuren. Aber jetzt mit dem Licht müsste ich eigentlich …«

Konzentriert pfriemelte Krane weiter an dem Schloss herum. Mit einem feinen Schraubenzieher versuchte er, es vorsichtig zu öffnen.

Im Hellen sah das Szenario fast noch unheimlicher aus als im Dunkeln. Die braunrote Blutlache auf dem Boden glänzte metallisch, und in ihrer Oberfläche spiegelten sich die Foltergeräte im Raum. Gegenüber der eisernen Jungfrau stand eine Streckbank, über der eine dunkle Lederjacke lag.

»Gehört die Jacke dem Opfer?«

»Vermutlich. Oder sagen wir so: Sie gehört einem Max Wenke, siebzehn Jahre alt. So steht es auf dem Ausweis, der in der Innentasche steckt. Und er ist der einzige Schüler, den der Internatsleiter und die Erzieher bisher nicht finden konnten. Ist also leider zu befürchten, dass er in diesem Ding steckt«, antwortete Wolske.

»Wer hat ihn gefunden?«

»Die Putzfrau. Der Notarzt kümmert sich oben um sie. Kannst dir vorstellen, was die für einen Schock hat.«

»Ja. Habt ihr außer dem Ausweis was in der Jacke gefunden? Portemonnaie? Handy?«

»Eine Geldbörse mit über fünfhundert Euro. Aber kein Handy.«

»Das ist ‘ne Menge Geld, selbst für einen Sohn reicher Leute. Vielleicht hat er das Handy bei sich. Einen Siebzehnjährigen ohne Handy dürfte es in diesem Land ja kaum geben.«

Käfer sah sich in dem kleinen Raum um. »Da fällt mir ein, wo sind eigentlich die ganzen Schüler und Lehrer? In der Eingangshalle war es so erstaunlich ruhig.«

»Die Lehrer kommen erst morgen früh zum Unterricht, sie wohnen nicht im Internat«, erklärte Krane, während er immer noch mit dem Schraubenzieher hantierte. »Die Schüler sind auf ihren Zimmern und werden da von den Erziehern betreut. Dr. Berg, der Leiter der Einrichtung, wird gerade von einem Kollegen vernommen.« Er sah kurz vom Schloss auf und warf einen Blick auf Charlotte. »Schicke Frisur. Neu?«

»Nein. Das ist der berühmte Out-of-Bed-Look.«

Sie strich sich über die kurzen dunklen Haare und beschloss dann, sich noch einmal ganz in Ruhe in der Folterkammer umzusehen. Neben jedem der historischen Geräte hing eine kleine Tafel mit einer Beschriftung darauf. »Daumenschraube«, »Judaswiege« und »Spanischer Bock« las Charlotte und überflog die Erklärungen, die darunter standen. Einige Foltergeräte seien Nachbildungen aus dem 19. Jahrhundert, so auch die eiserne Jungfrau, über deren tatsächliche Nutzung im Mittelalter es keine Beweise gebe, erfuhr sie. Für einen Augenblick fand Charlotte das fast tröstlich. Die Vorstellung, dass unzählige Menschen vor langer, langer Zeit genauso ums Leben gekommen waren wie der arme Junge vor ihr, fand sie unerträglich.

Zwischen den Folterinstrumenten standen einige Ritterrüstungen, Waffen hingen an den Wänden, eiserne Hand- und Fußfesseln, außerdem antike Teppiche und Zeichnungen, auf denen die Vergangenheit von Lemburg und das alltägliche Leben im Schloss dargestellt wurden.

Plötzlich ertönte ein knackendes Geräusch.

»Endlich!« Krane hatte das Schloss der eisernen Jungfrau geöffnet. Nun wurde die Tür nur noch von den Scharnieren auf der anderen Seite und von dem Gerichtsmediziner selbst gehalten, fast so, als hätte er Angst, sie könnte mit lautem Scheppern auf den Boden krachen.

»Wolske, haben Sie Ihre Kamera bereit? Ich will, dass Sie direkt nach dem Öffnen fotografieren. Es ist durchaus möglich, dass sich die Leiche ganz anders darstellt, wenn die Eisenklingen erst mal rausgezogen sind.«

»Ich bin bereit.«

»Gut.« Krane sah Charlotte und Käfer fragend an, als wollte er sicherstellen, dass den beiden klar war, was sie als Nächstes erwarten würde.

»Wir wissen, wie eine eiserne Jungfrau funktioniert«, sagte Charlotte deshalb.

Ihr war bewusst, dass der Sarkophag in seinem Inneren mit langen spitzen Dolchen ausgestattet war. Schloss man den Deckel, wurde der Körper darin sprichwörtlich aufgespießt. Von Kopf bis Fuß, überall drangen die scharfen Klingen in das Opfer ein und ließen es unvorstellbare Qualen erleiden. Da die eiserne Jungfrau auf die Seite gefallen war, durften die Dolche noch viel tiefer in den Körper in ihrem Inneren gestoßen worden sein als im Stehen. Je nachdem, wo sie feststeckten, konnte das Öffnen der Tür und das unweigerlich folgende Herausziehen der Dolche eine unschöne Angelegenheit werden.

Vorsichtig öffnete Krane die Klappe. Es erklang ein schmatzendes Geräusch, als einige der Klingen aus dem Fleisch des Opfers gezogen wurden. Das war das Erste, was Charlotte bemerkte, und ein kalter Schauer rieselte ihren Rücken hinab.

Das Nächste, was ihr auffiel, war der Geruch, der aus dem eisernen Sarkophag strömte. Es war nicht nur der unverwechselbare Duft von Eisen, der ihr zu schaffen machte und den sie bei verbluteten Opfern schon häufig erlebt hatte. Nein, es war vielmehr ein fauliger Geruch, der ihr entgegenschlug und sie dazu zwang, durch den Mund zu atmen. Die Mischung aus Exkrementen und Körpersäften erinnerte sie an den Gestank, der von einem geöffneten Gully ausging. Da sich im Sterben die Blase des Jungen offenbar entleert hatte, wurde darüber hinaus alles in eine streng riechende Wolke aus Ammoniak gehüllt.

Krane schien ihr unterdrücktes Stöhnen bemerkt zu haben. »Tja, die Bauchdecke ist leider ziemlich perforiert. Bei einer so mannigfaltigen Organverletzung ist die Geruchsbildung viel stärker als bei einer normalen Leiche.«

Käfer sah Charlotte erstaunt an. »Ich riech gar nichts. Bist du schwanger, oder was?«

»Sehr witzig.«

Sie hielt sich die Nase zu und beobachtete, wie Krane und sein Assistent den Deckel des Folterinstruments weiter öffneten. Die Dolche hatten sich zum Teil in den Knochen des Toten verhakt und ließen sich nur mit viel Kraft herausziehen. Die Geräusche, die dabei entstanden, konnte Charlotte kaum ertragen. Es war ein Knirschen, als würde man einen Truthahn mit einer Geflügelschere aufschneiden. Offenbar hatte der Tote die Arme schützend vor seine Brust gehalten, da sich Unterarm- und Handknochen besonders in den Dolchen verhakt hatten.

Als der Gerichtsmediziner endlich fast alle Klingen aus dem Toten gezogen hatte, begann er automatisch in sein Diktiergerät zu sprechen, während Charlotte Mühe hatte, ruhig zu atmen.

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass es Käfer nicht besser ging. »‘ne normale Leiche wäre auch mal wieder schön«, murmelte er.

»Der Tote ist männlich, circa ein Meter fünfundachtzig groß und von sportlicher, schlanker Statur. Auf den ersten Blick zähle ich …« Krane drückte auf die Pausentaste seines Diktiergeräts und zählte die Spitzen, die im Inneren des Deckels angebracht waren. Bis auf eine Klinge, die noch im Schienbein des Jungen steckte und sich nicht hatte lösen lassen, lagen alle frei und reflektierten den hässlichen Schein des Baustrahlers. Krane löste den Pausenknopf wieder. »Ich zähle sechsundzwanzig Klingen, die überwiegend den Rumpf, aber auch Beine, Arme und Hals getroffen haben. Keine Einstiche auf der Rückseite, wie es aussieht.«

»Sehe ich richtig, dass das Ding absolut tödlich ist, sobald die Klappe erst mal geschlossen ist?«, unterbrach Käfer die Ausführungen des Gerichtsmediziners.

Krane drückte erneut den Pausenknopf. »Weiß ich noch nicht genau. Eigentlich beschert die eiserne Jungfrau einen langsamen Tod, ein allmähliches Verbluten, weil die Klingen ja noch im Körper feststecken – es sei denn, man trifft sofort das Herz oder das Hirn. In unserem Fall könnte ich mir gut vorstellen, dass die Dolche erst durch das Umfallen des Foltergeräts richtig tief in den Körper eingedrungen sind. Dann muss es allerdings ziemlich schnell gegangen sein. Auf den ersten Blick scheint es zwar keinen direkten Herzstich gegeben zu haben, aber die Lunge des Toten ist durchlöchert. Allzu lange dürfte er nicht gelitten haben.«

»Kannst du ihn da rausholen?« Charlotte wusste selbst nicht, warum ihr der Anblick des toten Jungen so zu schaffen machte. Sie hatte schon viele grausam entstellte Leichen gesehen und war eigentlich immer einigermaßen gut damit klargekommen. Aber dieser Anblick berührte sie mehr als sonst. Vielleicht lag es an dem jugendlichen Alter des Toten oder an der makabren Art und Weise, wie er ums Leben gekommen war.

Und wie er da lag … Die Augen halb geschlossen, der Mund geöffnet, als hätte er noch etwas sagen wollen. In seinem gesamten Oberkörper, in seiner Schulter, ja selbst seinem Hals hatten Dolche gesteckt. Blut musste ihm in großen Mengen aus dem Mund gelaufen sein, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass seine Lunge perforiert worden war. Charlotte wollte sich gar nicht vorstellen, wie sehr der Teenager gelitten hatte. Doch was sie sah, brachte sie zu der Überzeugung, dass der Todeskampf des Jungen schrecklich gewesen sein musste.

»Bitte, hol ihn da raus«, sagte sie noch einmal leise.

»Sobald wir die Fotos haben«, erwiderte Krane und warf Berthold Wolske einen fragenden Blick zu.

»Ich hab alles im Kasten.«

»Okay. Sascha, hilfst du mir mal? Nimm du die Arme, ich die Füße. Wir legen ihn auf die Plane.«

Der junge Assistent des Gerichtsmediziners nickte. Er war blass im Gesicht. Charlotte hoffte, dass es nicht sein erster Einsatz war, sonst bekam der Kerl vermutlich gerade einen Schock fürs Leben.

Nachdem Berthold Wolske auf dem Boden eine Plane ausgebreitet hatte, versuchten Krane und sein Assistent, die Leiche vorsichtig aus der eisernen Jungfrau zu heben. Aber es ging nicht. Das rechte Bein des Opfers war beim Öffnen des Deckels mit nach vorn gesackt, als sich der Dolch nicht gelöst hatte.

»Hier steckt eine Klinge so tief im Schienbein …«, murmelte Krane, ließ die Füße des Toten sinken und versuchte, das rechte Bein von der Klinge abzuziehen, die tief im Unterschenkel des Opfers steckte. »Mann, das bewegt sich ja keinen Zentimeter!« Er zog immer stärker. Es knirschte und knackte, verbunden mit dem Quietschen des eisernen Dolches.

Charlotte musste den Blick abwenden.

»Jetzt aber!« Das Bein war frei. Krane blies Luft aus den Backen. Vorsichtig legten er und sein Assistent den zerschundenen Körper auf die Plane.

Einige Fleisch- und Textilreste waren an den spitzen Klingen des Sarkophags hängengeblieben, aber wenigstens war der Tote nun aus seiner unwürdigen Position befreit. Der Geruch war allerdings noch intensiver geworden, und ganz anders, als Charlotte ihn kannte. Weniger süßlich als sonst, eher faulig, wie verdorbenes Fleisch roch, das man im Kühlschrank vergessen hatte.

Käfer war blass geworden. »Wie hat man ihn in das Ding reingekriegt?«

»Kann ich überhaupt noch nichts zu sagen«, antwortete Krane. »Ich muss die Leiche genau untersuchen, und den Apparat hier natürlich auch. Vielleicht finden wir heraus, dass er vorher zusammengeschlagen worden ist, Drogen konsumiert hat oder das Schloss manipuliert wurde, ob die Tür mit Gewalt zugedrückt worden oder zugefallen ist. Ich habe keine Ahnung. Du kannst allerdings davon ausgehen, dass es ein wenig Kraft braucht, so eine Tür zuzudrücken, wenn jemand in dem Ding da drinsteckt. Ich hoffe, auch anhand der Einstiche etwas über die Geschwindigkeit sagen zu können, mit der die Klingen den Körper trafen. All das wird Auskunft darüber geben, was sich hier heute Abend abgespielt hat. Rein theoretisch kann er sich natürlich auch einfach reingestellt haben, und dann hat jemand die Tür zugeworfen und die ganze Apparatur umgeschmissen. Die Dolche sind ja nur vorn an der Deckelinnenseite angebracht. Wenn der offen steht, kann man sich relativ normal in das Teil reinstellen, schätze ich.«

»Also könnte sich der Tote auch bei einer Mutprobe hineingestellt haben, und dann ist was schiefgelaufen?«, wollte Käfer wissen.

Krane zuckte mit den Achseln. »Vielleicht. Dann wäre allerdings ganz schön was schiefgelaufen, würde ich sagen.«

»Selbstmord?«

»Kann auch sein. Wenn ich eine Möglichkeit finde, wie er das Ding von innen selbst schließen konnte, wäre auch Suizid denkbar. Auf den ersten Blick würde ich sagen, das hier ist ein Schnappmechanismus.« Er zeigte auf einen metallenen Riegel, der außen an der Tür des Foltergerätes angebracht war. »Wenn er den betätigen konnte, könnte es auch Selbstmord gewesen sein. Andererseits …« Krane betrachtete nachdenklich die Leiche.

»Was?«

»Die Arme. Beim Öffnen des Deckels konnte man deutlich sehen, dass er sie vor seinen Oberkörper gehalten hatte, als wollte er sich schützen. Das kann man auch hier an den Einstichen erkennen.« Er wies auf einige blutige Löcher, die auf der Innenseite der Unterarme zu sehen waren. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er in dieser Position den Mechanismus betätigen konnte. Aber wie gesagt, das ist alles Spekulation. Das muss ich mir ganz in Ruhe anschauen, bevor ich eine definitive Aussage machen kann.«

Käfer nickte. »Wie lange ist er schon tot?«

»Höchstens drei Stunden, schätze ich.«

»Kannst du ihm bitte die Augen zudrücken?«, fragte Charlotte, die immer noch gegen die Übelkeit kämpfte.

Was war nur los mit ihr? Sie war doch sonst nicht zimperlich. Eigentlich machten ihr solche Tatortsituationen gar nichts aus.

»Natürlich.« Krane schloss die Augen des Jungen.

»Hat er ein Handy dabei?«

Der Gerichtsmediziner tastete die Kleidung des Toten ab und schüttelte den Kopf. »Nein. Ich sage euch Bescheid, sobald ich was Brauchbares habe. Im Moment kann ich nichts ausschließen: Mord, Unfall, Selbstmord – alles ist möglich.«

»Okay. Kannst du uns morgen schon was sagen?«

»Frühestens am Nachmittag.«

»Gut. Wo finden wir diesen Dr. Burg?«

»Berg. Im ersten Stock. Da hat er irgendwo sein Büro.«

Plötzlich drehte Käfer den Kopf nach rechts und schrie: »Hey!«

Charlotte zuckte erschrocken zusammen.

Er machte einen großen Satz, rannte aus der Folterkammer und bog rechts in den dunklen Flur ab. »Bleib stehen. Bleib sofort stehen!«, rief er.

Sie hatte keine Ahnung, wen oder was er gesehen hatte, denn Käfer hatte ihr die Sicht auf die Tür zur Folterkammer versperrt, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Mit großen Schritten hastete er durch den dunklen Gang, und sie hatte Mühe, mit ihm mitzuhalten. Sein Lauftraining schien sich bereits auszuzahlen.

»Kripo Münster. Stehen bleiben!«, schrie er ein ums andere Mal.

Sie passierten einen Gartenzugang, der jedoch mit einem altertümlichen Holzriegel verschlossen war, und eilten weiter. Charlotte konnte immer noch nicht erkennen, hinter wem sie eigentlich herrannten, dafür war es viel zu dunkel. Der düstere Kellerflur wurde immer schmaler und niedriger, längst befanden sie sich in einem Bereich, der nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich war, wie Charlotte an den an ihr vorbeifliegenden Verbotsschildern erkennen konnte. Hier gab es nur noch eine Notbeleuchtung, und sie musste aufpassen, dass sie nicht mit dem Kopf gegen die Decke stieß und sich verletzte. Einige alte Teppiche hingen an den Wänden. Sie rochen muffig und feucht.

Plötzlich blieb Käfer stehen und drehte sich verwirrt einmal um seine eigene Achse. Auch Charlotte verlangsamte das Tempo.

»Was ist denn los?«, keuchte sie, als Käfer den kleinen Raum, in dem sie sich befanden, mit weit ausholenden Schritten abmaß. Sie stützte sich auf den Knien ab und schnappte nach Luft.

»Scheiße, wo ist er?« Käfer sah sich suchend in dem fensterlosen Keller um, der an ein kleines Gewölbe erinnerte. Es gab keine Tür, die von dem Raum abging, der Flur endete in dieser finsteren Sackgasse. War hier früher ein Weinkeller gewesen? Es sah fast so aus. An den Wänden hingen leere verstaubte Regale.

»Käfer.« Charlotte atmete tief durch und richtete sich wieder auf. »Klär mich bitte auf!«

»Das gibt es doch nicht«, murmelte er gedankenverloren und stemmte die Arme in die Seite. »Der hat doch keine zehn Meter Vorsprung gehabt! Der muss doch hier irgendwo sein.«

»Wer denn?«

»Da war jemand. Eben, als Krane den Jungen aus diesem Ding gezogen hat, da war noch jemand!« Die Aufregung in Käfers Stimme war nicht zu überhören.

»In der Folterkammer?«

»Ja. Jemand hat uns beobachtet, verdammt. Wo ist er nur hin? Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Ich war nur ein paar Meter hinter ihm. Ist hier irgendwo eine Tür?« Käfer tastete mit den Händen die Regale ab.

»Vielleicht hast du dich von einer dieser Ritterrüstungen täuschen lassen? Aus dem Augenwinkel können die ja manchmal ziemlich echt aussehen.«

Käfer zog spöttisch die Augenbraue hoch. »Charlotte! Da war jemand. Hundertprozentig. Ich bin doch nicht blöd. Ich verstehe nur nicht, wo er hin ist …« Wieder sah er sich um. »Vielleicht gibt es hier eine Falltür? In alten Schlössern gibt es doch dauernd irgendwelche geheimen Türen … Verdammt!« Ratlos ließ er die Arme sinken. »Wie vom Erdboden verschluckt.«

»Was hast du von ihm erkennen können? War es überhaupt ein Er?«

»Kann ich dir nicht sagen, könnte auch eine Frau gewesen sein. Die Person hatte einen langen Mantel an oder einen Umhang, irgendwie so was. Dunkel, mit Kapuze. Ich habe nur diesen fliegenden Mantel gesehen, und dann bin ich hinterhergerannt.«

Langsam gingen sie den dunklen Gang zurück.

»Vielleicht ein neugieriger Schüler?«, überlegte Charlotte, die immer noch um Luft rang. »Der mal gucken wollte, wie so ‘ne Leiche aussieht? Das wäre doch nicht so ungewöhnlich.«

»Kann schon sein. Aber warum rennt er dann weg?«

»Na ja, beim Gaffen lässt sich keiner gern erwischen.«

»Und wie löst er sich plötzlich in Luft auf?«

»Keine Ahnung. Wir sollten den Direktor fragen, ob er was über irgendwelche versteckten Türen weiß.«

Als sie wieder bei der Folterkammer ankamen, blieben sie kurz stehen und sahen durch die Türöffnung in das Verlies. Krane und Wolske waren immer noch mit der Untersuchung der Leiche beschäftigt.

»Habt ihr jemanden gesehen?«, fragte Käfer in den Raum hinein.

»Leider nicht. Ich habe mich hierauf fokussiert, wie du dir denken kannst«, sagte Krane und wies auf den zerschundenen Körper.

Auch Wolske schüttelte den Kopf.

Käfer seufzte. »Mann, Mann. Armer Junge.«

Schweigend gingen sie nach oben. Charlotte sah Käfer an, dass er sich darum bemühte, seine Gedanken zu sortieren.

»Wie ist dein erster Eindruck von der Auffindesituation?« Sie hielt sich oben am Treppengeländer fest und atmete tief ein und aus. Nein, sie fühlte sich heute alles andere als fit, und das hatte nicht nur was mit dem neuen Fall zu tun. Wahrscheinlich wurde sie krank.

»Ich weiß es nicht. Was ist nur passiert? Hat jemand den Jungen mit vorgehaltener Waffe gezwungen, in das Ding zu steigen?«

»Möglich. Aber was auch immer da unten geschehen ist, kann eigentlich nicht unbemerkt abgelaufen sein«, gab Käfer zu bedenken. »So ein Tod, so ein furchtbarer Todeskampf … Und es muss doch einen ziemlichen Krach gemacht haben, als das Ding umgefallen ist. Nein, das muss jemand mitbekommen haben. Für diesen Mord muss es irgendeinen Zeugen geben, da lege ich meine Hand ins Feuer.«

2

Verdammt, jetzt würde das Schloss schon wieder in die Schlagzeilen geraten. Morgen würde den ganzen Tag das Telefon klingeln, das wusste er jetzt schon. Dr. Thomas Berg hatte die Schnauze voll von Berichten über sein Internat, jedenfalls solange sie nicht positiv waren – und in letzter Zeit waren sie das nur noch äußerst selten gewesen.

War es falsch, wenn er für seine Schule nur das Beste wollte? Wohl kaum. Er hatte sich dieser Einrichtung mit Leib und Seele verschrieben, selbst seine Ehe hatte er Schloss Lemburg geopfert. Er empfand es als seine Berufung, ja womöglich als den Sinn seines Lebens, Kinder und Jugendliche mit Disziplin und Strenge auf das Leben vorzubereiten. Seine Pensionierung rückte immer näher, und er wollte nicht, dass sein Lebenswerk auf den letzten Metern noch Risse bekam. Thomas Berg war davon überzeugt, dass jeder Schüler auf Schloss Lemburg mit dem idealen Fundament ausgestattet wurde, um ein erfolgreiches Leben darauf aufbauen zu können. Auch wenn seine Exfrau der Meinung war, er würde es mit der Disziplin übertreiben und wäre zu einem unerträglichen Despoten geworden, so wusste er es doch besser. Schließlich hatte er am eigenen Leib erlebt, was Disziplin aus einem Menschen machen konnte. Er hatte wahrlich keine Lust, dass diese von Vorurteilen getriebenen Boulevardreporter mit ihren Lügen und Verleumdungen alles kaputtmachten, was er so mühevoll aufgebaut hatte.

Am liebsten wollte er gar nicht mehr mit der Presse reden. Als vor nicht allzu langer Zeit in anderen Elite-Einrichtungen der Republik reihenweise Schüler missbraucht worden waren, hatten die Reporter dauernd bei ihm vor der Tür gestanden und ihn gefragt, wie die Situation auf Schloss Lemburg war. Perfekt sei sie, hatte er immer gesagt. Hier gebe es keine Probleme, hatte er beteuert.

So war es ja auch, im Großen und Ganzen. Und die überdurchschnittlich wohlhabenden Eltern würden ihm den Garaus machen, falls es hier jemals einen Skandal geben würde. Die Kinder waren ja ihr höchstes Gut, ihre Nachfolger, die Erben, die die Familientradition weiterführen würden. Ob der Nachwuchs dabei glücklich war, war da doch erstmal zweitrangig. Da waren sich Thomas Berg und die meisten der Eltern, die ihre Kinder nach Schloss Lemburg schickten, einig.

Glück wurde seiner Meinung nach sowieso total überschätzt. Das wusste er aus eigener Erfahrung. War ich vielleicht ein glückliches Kind?, dachte er. Nein, natürlich nicht. Der Dickwanst der Schule war er gewesen, fette Qualle hatten sie ihn genannt, ihn regelmäßig in den Müllcontainer gesteckt und fertiggemacht, wo sie nur konnten.

Auch wenn es damals nicht leicht gewesen war, den Druck seiner Eltern auszuhalten, hatte er es doch einzig und allein ihren Drills und ihrer Strenge zu verdanken, dass er die überflüssigen Pfunde losgeworden war. Hätte er sonst jemals diese Karriere machen können? Wohl kaum. Wer gab schon einem Fettwanst eine Führungsposition? Niemand. Dicksein war in seinen Augen fleischgewordene Schwäche. Nur durch Disziplin und Ehrgeiz hatte Berg es geschafft, ein schlanker und erfolgreicher Mensch zu werden – und diese Werte gab er seit Jahrzehnten an seine Schüler weiter.

Er riss das Fenster auf und atmete die kühle Nachtluft ein. Immer diese bescheuerten Diskussionen über Leistungsdruck. Irgendwo in Bayern hatte sich ein Schüler umgebracht, weil er mit dem Druck nicht mehr klargekommen war, und schon hatte wieder jemand von der Zeitung bei ihm im Büro gestanden. Ob Leistungsdruck auch hier ein Thema sei, hatte der Reporter wissen wollen. Himmel! Was dachten sich diese Idioten eigentlich? Glaubten die, die Eltern seiner Schüler wären bereit, fast viertausend Euro im Monat zu zahlen, wenn ihr hochwohlgeborener Nachwuchs nur seinen Namen tanzen lernen würde? Lemburg war eine Kaderschmiede, so war es nun mal. Und ohne Leistungsdruck keine Elite.

Nächste Woche war er zu einer Podiumsdiskussion an der Uni Münster eingeladen. Direktoren von anderen Internaten aus ganz Norddeutschland würden vor Ort sein. »Neue Disziplin« war das Thema, und er, Dr. Thomas Berg, würde als einer der Hauptredner auf der Bühne sitzen, sollte die Diskussion sogar eröffnen. Da galt es, sein Internat zu repräsentieren, ohne den Hauch eines Zweifels aufkommen zu lassen, und was er da gar nicht gebrauchen konnte, waren Negativschlagzeilen. Er musste alles dafür tun, damit die Sache mit Max aus der Presse rausgehalten wurde.

Er hielt kurz inne. Und wenn ihm das nicht gelingen würde? Egal, bei der Podiumsdiskussion würde er einfach behaupten, es sei ein tragischer Unfall gewesen. Über die Umstände würde er sich ausschweigen, ja genau. »Aus ermittlungstechnischen Gründen darf ich mich dazu nicht äußern«, würde er behaupten. Das war gut. Vielleicht war es ja sogar möglich, die Öffentlichkeit komplett aus der Sache rauszuhalten. Das würde er auf jeden Fall mit den Polizisten besprechen. Für den Ruf des Internats war dieser unangenehme Zwischenfall wahrlich nicht förderlich.

Berg blickte in den Nachthimmel und dachte an seinen toten Schüler. Er spürte nicht die geringste Betroffenheit in sich. Im Gegenteil, er war froh, dass das Problem aus der Welt war. Denn Max Wenke hatte Probleme gemacht, genau wie sein Vater. Beide hatten die Werte der Schule verraten. Wie konnte man nur so undankbar sein? Wer es hierher schaffte, hatte schließlich eine große Karriere vor sich, das war die logische Konsequenz nach einem Lemburg-Abitur. Macht, Ansehen und Geld, das waren die drei Dinge, die jeder Absolvent irgendwann sein Eigen nennen konnte. Natürlich war das Niveau extrem hoch, und es wurde viel von den Schülern verlangt, aber wer ganz nach oben wollte, der musste eben auch Leistung bringen. Und Opfer. Schlechte Schüler tolerierte man auf Schloss Lemburg nicht, und Probleme konnte niemand gebrauchen. Wem das nicht passte, der konnte eine staatliche Schule besuchen. Er zwang niemanden hierzubleiben. Zumal es neben dem hohen schulischen Niveau mindestens genauso wichtig war, dass die Elite von morgen unter sich blieb. Hier entstanden die Freundschaften, die den Schülern auch später noch nützlich sein würden, hier fanden erfolgreiche Manager von morgen ihre ebenso erfolgreichen Karrierefrauen, die sie heiraten konnten. Standesgemäß, versteht sich. Das perfekte Netzwerk gab es auf Lemburg eben als Dreingabe zum tadellosen Lebenslauf und dem bestmöglichen Notendurchschnitt, es war sozusagen im Preis inbegriffen, und Berg wusste genau, wie wichtig das den Eltern seiner Schüler war. Keiner von denen wollte, dass sein Sprössling mit einem Hartz-IV-Kind um die Aufmerksamkeit des Lehrkörpers buhlen musste – oder es gar mit nach Hause brachte.

Nur das Beste vom Besten, all das hätten Max und Alexander Wenke haben können. Aber sie haben es mit Füßen getreten, dachte Berg. Dafür hatten beide ihre gerechte Strafe bekommen.

*

Sie gingen ein weiteres Mal durch die Eingangshalle und folgten dem Schild mit der Aufschrift »Internatsleitung«.

Käfer sah sich in dem menschenleeren Flur um. »Ich weiß nicht. Wenn hier vor ein paar Stunden genauso viel los war, bin ich mal gespannt, wie viele Zeugen wir finden.«

Ein leises Wimmern ließ Charlotte innehalten. Es kam aus einem Zimmer, dessen Tür nur angelehnt war und auf der »Sekretariat« stand.

»Ich kann Ihnen natürlich noch etwas Stärkeres geben, aber ich möchte Sie ungern sedieren. Sie müssen noch eine Aussage machen, und dafür wäre es nicht ratsam, wenn Sie unter derart starken Beruhigungsmitteln stünden.«

Die Putzfrau, dachte Charlotte und betrat den Raum.

Eine schmale, vielleicht fünfundzwanzigjährige Frau mit Kopftuch und grauem Kittel saß in der Ecke und weinte. Der Saum ihres Kittels war mit Blut bespritzt, und als Charlotte die rotbraun verschmierten Schuhe sah, war ihr klar, wer die Fußabdrücke im Keller hinterlassen hatte.

Vor der Frau kniete der Notarzt und klebte ihr ein Pflaster in die Armbeuge, wo er ihr vermutlich gerade eine Spritze gesetzt hatte. Ein uniformierter Beamter stand neben ihm und nickte Charlotte und Käfer zu.

Charlotte stellte sich vor und erkundigte sich, ob die Frau in der Lage sei, ihnen ein paar Fragen zu beantworten.

Unter Tränen nickte sie, und als sie sich etwas beruhigt hatte, begann sie schließlich in aktzentfreiem Deutsch zu sprechen. »Mein Name ist Dina Arrat«, antwortete sie auf Käfers Frage nach ihren Personalien. »Ich bin vierundzwanzig Jahre alt und wohne in Münster.«

»Erzählen Sie uns bitte, wie Sie die Leiche gefunden haben. Versuchen Sie, sich an jedes Detail zu erinnern, auch wenn es Ihnen noch so unwichtig vorkommen mag.«

»Dass ausgerechnet heute so etwas passieren musste …« Dina Arrat hatte Mühe, die Fassung zu wahren. »Wissen Sie, ich putze den Kellerbereich nicht täglich. Die Folterkammer kann man nur an zwei Tagen in der Woche besichtigen, ansonsten ist sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Nur Dienstag und Freitag, dann ist sie nachmittags geöffnet.« Sie atmete hörbar aus.

»Und nur an den Tagen putzen Sie dort?« Käfer machte sich eine Notiz.

»Genau.« Dina Arrat zitterte immer noch, aber langsam schienen die Beruhigungsspritze zu wirken und der erste Schock etwas nachzulassen. »Freitags bin ich immer etwas später dran, weil es oben so viel zu tun gibt. Meistens komme ich gegen halb zehn nach unten. So auch heute. Ich habe wie immer die Treppe geputzt, den Flur und mich weiter bis zur Folterkammer vorgearbeitet.«

Charlotte musste an die Unmengen von Spuren denken, die die fleißige Putzfrau dadurch vernichtet hatte.

»Ich bin in den Museumsbereich rein, habe zuerst in der Ahnengalerie geputzt, dann bin ich zur Folterkammer. O Gott …« Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als könnte sie immer noch nicht fassen, was sie eben gesehen hatte. »Ich … ich hatte den Wischmopp in der Hand, habe konzentriert den Boden gewischt, immer von links nach rechts und wieder zurück. Und genauso bin ich auch in die Folterkammer gegangen. Ich weiß noch, wie ich dachte, mit meinem Putzmittel würde etwas nicht stimmen … und … irgendwas riecht komisch, dachte ich noch. Dann habe ich nur noch geschrien und bin nach oben zum Direktor gelaufen.«

»War an diesem Abend etwas anders als sonst? Haben Sie jemanden gesehen oder gehört?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe niemanden bemerkt. Alles war so wie immer. Bis … auf das Blut.« Sie verschluckte sich, musste husten.

»Kennen Sie die Schüler hier im Internat?«

Dina Arrat putzte sich die Nase, bevor sie weitersprechen konnte. »So gut wie gar nicht. Die meisten bemerken mich überhaupt nicht oder wollen mich nicht bemerken. Und wenn, machen sie nur abwertende Sprüche. Ehrlich gesagt ist der Job nicht gerade einfach für mich. Sobald Sie in Deutschland ein Kopftuch tragen, werden Sie stigmatisiert. Und wenn noch ein Putzkittel hinzukommt …« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Von den Leuten hier wechselt niemand ein normales Wort mit mir. Ich glaube, ich habe mich in der ganzen Zeit, in der ich hier arbeite, erst ein- oder zweimal mit einem Schüler unterhalten. Die meisten glauben, dass ich gar kein Deutsch spreche, dass ich minderbemittelt oder dumm bin. Bin ich aber nicht.«

»Natürlich nicht. Wie viele Putzstellen gibt es im Internat?«

»Wir sind insgesamt zu viert. Aber ich bin die Einzige, die freitagabends hier putzt. Die Kolleginnen sind für die Wohn- und Aufenthaltsräume zuständig, eine putzt nur die Klassen. Und ich mache halt noch den historischen Teil.«

»Kennen Sie die Strukturen unter den Schülern?«, fragte Käfer. »Also, sind Ihnen Freundschaften, Paare oder Cliquen bekannt?«

Die junge Frau zog die Augenbrauen hoch und atmete noch mal tief durch. Jetzt schien die Beruhigungsspritze endgültig zu wirken, und sie konnte wieder mit gefasster Stimme sprechen.

»Freundschaften? Hier? Ich weiß nicht. Natürlich gibt es Gruppen, kichernde Mädchen, die auf ihr Handy starren, und Jungs, die heimlich Bier trinken. Aber Freundschaften? Nein. Freundschaften gibt es hier nicht. Hier denkt jeder nur an sich und seinen Vorteil. Ich habe schon häufig beobachtet, wie sich zwei Schüler angefeindet haben, obwohl sie gerade noch die besten Freunde waren. Eine Bande neureicher Egomanen wird hier großgezogen, nicht mehr und nicht weniger.« Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. »Trotzdem. So einen Tod hat niemand verdient. Selbst so einer nicht.«

*

Käfer fielen die Worte sofort ins Auge, als sie das Zimmer des Direktors betraten. »Disziplin ist der Grundpfeiler, und eine strenge Aufrechterhaltung eine Wohltat für alle« stand in großen Buchstaben über dem Schreibtisch von Dr. Berg. An der Wand darunter befand sich eine Glasvitrine, in der einige historische Jagdwaffen ausgestellt waren.

Erst der Keller mit den Foltergeräten, dann das halbe Büro voller Waffen – wirklich eine hübsche Umgebung für Heranwachsende, dachte Käfer.

Blass und müde sah der Mann hinter dem Schreibtisch aus, den Käfer auf Anfang sechzig schätzte. Vielleicht war er auch etwas jünger, so genau konnte er das nicht sagen. Er fand es schwierig, das Alter von glatzköpfigen Männern richtig einzuschätzen. Obwohl sein Gesicht von Müdigkeit gezeichnet war, saß der Direktor kerzengerade auf dem schwarzen Ledersessel. Seine Miene war ernst, aber entschlossen und erinnerte Käfer an einen abgekämpften Krieger, der sich keine Schwäche anmerken lassen wollte.

»Helmuth Graf von Moltke.« Direktor Berg war Käfers Blick wohl nicht entgangen. »Von ihm stammt das Zitat.«

»Ah. Ich glaube, ich habe früher im Deutschunterricht mal was von dem gelesen«, murmelte Käfer ahnungslos.

Der Direktor zog spöttisch die Augenbrauen hoch. »So? Von einem preußischen Generalfeldmarschall? Muss eine interessante Schule gewesen sein.«

»Schneidmann, Kripo Münster«, half ihm Charlotte aus der Bredouille. »Das ist mein Kollege Kommissar Käfer.«

»Thomas Berg, Dr. Thomas Berg, ich leite diese Einrichtung. Wissen Sie bereits, wie der Unfall passiert ist?«

»Nein. Wir wissen im Moment noch nicht mal, ob es überhaupt ein Unfall war. Mord oder eine Selbsttötung können wir zu diesem Zeitpunkt nicht ausschließen.«

Berg sah sie ernst an. »Es kann nur ein Unfall gewesen sein, und ich möchte Sie auch bitten, das so zu kommunizieren. Keiner meiner Schüler würde sich jemals das Leben nehmen.«

Käfer zog die Augenbrauen zusammen. »Was macht Sie da so sicher?«

»Hier ist niemand suizidgefährdet. Das sind alles sehr stabile und zukunftsorientierte Charaktere. Ich kenne meine Schüler, glauben Sie mir, wir sind hier wie eine große Familie. Einen Suizid halte ich für ausgeschlossen.«

Käfer bemühte sich, seine Abneigung gegen den Mann nicht allzu deutlich zu zeigen. »Nun, das kann man wohl nie genau wissen. Und bei Teenagern schon mal gar nicht. Die sind doch in einem Alter, in dem sie von einer Sekunde auf die andere himmelhochjauchzend und dann wieder zu Tode betrübt sind.«

»Das mag für normale Jugendliche gelten, aber nicht für die Schülerinnen und Schüler, die hier leben.«

Berg lächelte sie an, und Käfer fand, dass der Mann dabei mehr als bemüht wirkte. Mit einer bemüht unaufgeregten Stimme sprach er weiter.

»Wir bilden hier die wirtschaftliche und gesellschaftliche Elite von morgen aus. Wer in unserer Einrichtung aufgenommen wird, ist nicht labil oder psychisch angeschlagen. Sonst würde er es hier gar nicht aushalten.«

»Vielleicht hat Max Wenke es ja nicht mehr ausgehalten? Vielleicht war der Druck zu groß für ihn?«

Direktor Berg schüttelte den Kopf. »Max Wenke? Nein, mit Sicherheit nicht. Er war ein ausgesprochen guter Schüler. Es muss ein schrecklicher Unfall gewesen sein. Ich wäre Ihnen übrigens dankbar, wenn Sie die Umstände seines Todes für sich behalten könnten. Die Öffentlichkeit muss von der unappetitlichen Sache mit der eisernen Jungfrau nichts erfahren.«

»Sie wissen, dass das utopisch ist. Wenn zweihundert Schüler und ihre Familien von den Todesumständen wissen, können Sie sich vermutlich ausmalen, wie schnell die Details in der Presse landen.«

»Aber wenn die Polizei solche Presseanfragen nicht bestätigt?«

»Herr Berg …«

»Dr. Berg.« Der Direktor lächelte. »So viel Zeit muss sein.«

»Wir unterliegen der Informationspflicht, Herr Dr. Berg. Überlassen Sie bitte uns, was wir der Öffentlichkeit mitteilen und was nicht.« Charlotte warf Käfer einen Seitenblick zu, der ihm zu verstehen gab, dass sie die Befragung übernahm. »Beschreiben Sie uns Max Wenke etwas genauer. Was war er für ein Typ? Eine Art Anführer oder Klassensprecher?«

»Ich habe Ihrem Kollegen doch schon alles gesagt, was ich weiß.«

»Würden Sie es für uns noch einmal wiederholen? Bitte?«

Berg lächelte gequält. »Max hatte Potenzial. Aus ihm hätte was werden können. Er hatte Führungsqualitäten, die anderen folgten ihm. Es ist dieses besondere Etwas, das einen guten Leader ausmacht. Max war liebenswürdig und charmant und deshalb bei seinen Mitschülern sehr beliebt. Gleichzeitig wusste er aber auch genau, was er wollte, und konnte sich durchsetzen. Er wäre später mit Sicherheit ein guter Chef geworden.«

Was für ein beschissener Typ, dachte Käfer. Da kam ein Siebzehnjähriger bestialisch ums Leben, und das Einzige, was diesem Widerling dazu einfiel, waren die vermeintlichen Führungsqualitäten des jungen Opfers.

»Hatte Max eine Freundin?«, fragte Charlotte.

»Soviel ich weiß, ja. Marie Sandlund heißt das Mädchen. Sie geht in die gleiche Klasse.«

»Wissen Sie, ob er irgendwelche Feinde hatte?«

»Ach, Feinde. Was heißt das denn schon heutzutage? Erst recht in dem Alter. Soweit ich weiß, war Max wie die meisten seiner Altersgenossen viel in sozialen Netzwerken unterwegs. Irgendwann hat er sich mal damit gerühmt, die meisten Facebook-Freunde der Schule zu haben. Kann schon sein, dass er da auch mal Anfeindungen ausgesetzt war. Mehr kann ich Ihnen aber nicht sagen.«

»Und hier im Internat?«, hakte Charlotte nach. »Kam es da mal zu Problemen?«

»Nun, es gab sicherlich die einen oder anderen Neider. Ein Typ wie Max geht nun mal nicht durchs Leben, ohne dass es jemanden gibt, der ihm das alles missgönnt. Er sah blendend aus, war beliebt, alles schien ihm zuzufallen. Natürlich gab es auch Mitschüler, denen das nicht passte.«

»Können Sie die namentlich benennen?«

»Nein. Da fragen Sie am besten seinen Klassenlehrer Herrn Kotte. Oder den Vertrauenslehrer Herrn Franke. Die Erzieher dürften über solche Sachen auch besser informiert sein als ich.«

Charlotte machte sich eine Notiz.

»Können Sie uns etwas über Max’ familiären Background sagen? Wissen Sie, wie das Verhältnis zu seinen Eltern war?«, wollte Käfer wissen.

Berg nickte. »Haben Sie schon mal etwas von Wenkebau gehört?«

»D

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tod nach Schulschluss" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen