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Tod ist nur ein Wort

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Die Menschen mochten noch so sehr vom Frühling in Paris schwärmen, dachte Chloe Underwood, während sie mit hochgeschlagenem Mantelkragen die Straße entlangging, doch es war der Winter, der in der Stadt der Lichter einfach unvergleichlich war. Jetzt, Anfang Dezember, waren die Bäume kahl, die Luft war klar und kühl, und genug Touristen hatten die Stadt verlassen, um das Leben erträglich zu machen. Im August fragte sie sich immer, warum um alles in der Welt sie alles hinter sich gelassen hatte und dreitausend Meilen von zu Hause fortgegangen war. Aber dann kam der Winter, und sie wusste es wieder nur zu gut.

Es wäre schön, wenn sie die Stadt im August den Touristen überlassen könnte, wie es alle Franzosen taten. Doch dazu musste sie noch einen Job finden, der solchen Luxus wie bezahlten Urlaub, eine Krankenversicherung und ein Gehalt oberhalb des Existenzminimums einschloss. Sie war froh, dass sie überhaupt einen Job gefunden hatte. So wie die Dinge lagen, war ihr Aufenthalt in Frankreich nur halb legal. Insofern empfand sie an den meisten Tagen allein die Tatsache, in Paris zu sein, als großes Glück. Auch wenn sie in einem winzigen Apartment ohne Fahrstuhl wohnte, das sie dazu mit einer anderen Ausländerin teilte, die wenig Verantwortungsbewusstsein zu verspüren schien. Sylvia dachte nur selten daran, ihren Teil der Miete zu bezahlen, hatte noch nie in ihrem Leben einen Boden gewischt und hielt jedes Möbelstück und jede Ablagefläche für den passenden Ort, um ihre erstaunlich umfangreiche Garderobe auszubreiten. Andererseits hatte sie die gleiche Konfektionsgröße wie Chloe und lieh ihre Sachen gern aus. Und sie hatte sich in den Kopf gesetzt, einen reichen Franzosen zu heiraten, weshalb sie die meisten Nächte außerhalb ihrer beengten Wohnung verbrachte, was Chloe mehr Bewegungsspielraum ließ.

Tatsächlich war es auch Sylvia gewesen, die Chloe ihren derzeitigen Job als Übersetzerin von Kinderbüchern verschafft hatte. Sylvia arbeitete seit zwei Jahren bei Les Frères Laurent, einem kleinen Verlagshaus, für das sie Spionagethriller und Krimis übersetzte. Sie hatte bereits mit allen drei frères, sämtlich im mittleren Alter, geschlafen und sich damit eine langfristige Anstellung sowie ein ordentliches Gehalt gesichert. Kinderbücher dagegen waren alles andere als ein Kassenschlager, und Chloe wurde dementsprechend bezahlt. Doch zumindest musste sie weder ihre Familie um Geld bitten noch das Treuhandvermögen angreifen, das ihre Großeltern ihr hinterlassen hatten. Nicht, dass ihre Eltern sie dazu ermutigen würden. Das Geld war für ihre Ausbildung bestimmt, und ein drittklassiger Job in Paris führte schwerlich zu einer Karriere.

Wenn Vorstellungsgespräche sie nicht völlig lähmen würden, könnte sie durchaus etwas Anspruchsvolleres finden. Nicht nur ihr Französisch war hervorragend, sie sprach auch fließend Italienisch, Spanisch und Deutsch, konnte sich auf Schwedisch und Russisch verständigen und beherrschte sogar ein paar Brocken Arabisch und Japanisch. Sie liebte Wörter, liebte sie fast so sehr wie das Kochen. Allerdings schienen ihre Talente außerhalb der Küche größer zu sein. Zumindest hatte man ihr das zu verstehen gegeben, als sie nach der Hälfte ihrer Ausbildung im berühmten “Cordon Bleu” gefeuert wurde. Zu viel Fantasie für eine Anfängerin, sagten sie. Zu wenig Respekt vor der Tradition.

Chloe war niemals sonderlich traditionsbewusst gewesen; das galt auch für ihren Beruf. Bis auf sie hatte jedes Mitglied ihrer Familie eine medizinische Ausbildung genossen. Ihre Eltern waren Internisten, ihre zwei älteren Brüder Chirurgen und ihre Schwester war Anästhesistin. Sie alle konnten noch immer nicht glauben, dass Chloe nicht darauf brannte, Medizin zu studieren. Wobei sie komplett ignorierten, dass niemandem auf der Welt beim Anblick von Blut so schnell übel wurde wie dem jüngsten Mitglied der Underwoods.

Nein, Chloe würde diesen ansehnlichen Batzen Geld so lange nicht anrühren dürfen, bis sie nachgab und ein Medizinstudium aufnahm. Und bevor sie das tat, musste ein Wunder geschehen.

Bis dahin aber zauberte sie aus Pasta und frischem Gemüse wunderbare Mahlzeiten. Da sie die meisten Wege zu Fuß zurücklegte, konnten die Kalorien nicht ansetzen – auch wenn sie eine gewisse Vorliebe für ihr Hinterteil entwickelt zu haben schienen. Mit dreiundzwanzig hatte sie selbstverständlich nicht mehr die Figur eines hoch aufgeschossenen Teenagers, und sie würde auch nie wie eine Französin aussehen. Ihr fehlte einfach jener Stil, den sogar ihre englische Mitbewohnerin im Überfluss besaß. Sie konnte zwar Sylvias Kleider tragen, doch nie würde sie diesen leicht arroganten, immer ein wenig amüsierten Gesichtsausdruck hinkriegen, den sie so bewunderte. Dann konnte sie ebenso gut noch dazu einen dicken Hintern haben.

Der Verlag der Gebrüder Laurent befand sich im dritten Stock eines Altbaus in der Nähe von Montmartre. Chloe war wie immer die Erste und setzte eine Kanne jenes starken Kaffees auf, den sie so liebte. Mit einer Tasse zwischen den kalten Händen stand sie am Fenster und sah hinunter auf die belebte Straße. Die Brüder schalteten über Nacht die Heizung aus, und ihr als jüngster Mitarbeiterin war es untersagt, den Thermostat zu berühren. Also hatte sie sich angewöhnt, immer einen Extra-Pullover in ihrer kleinen Arbeitsecke aufzubewahren. Es war ein herrlicher Tag, ein strahlend blauer Himmel spannte sich über den alten Gebäuden um sie herum, und aus irgendeinem Grund vermochten es die Abenteuer von Flora, dem putzigen kleinen Frettchen, noch nicht, sie an ihren Schreibtisch zu locken. Zu wenig Sex & Crime, dachte sie voller Wehmut. Stattdessen moralische Belehrungen von einem dürren Nagetier im pinkfarbenen Ballettröckchen mit den Wertvorstellungen eines Republikaners. Wenn Flora sich doch nur einmal ihr Röckchen runterreißen und sich auf das schelmische Wiesel stürzen würde, das ein Auge auf sie geworfen hatte. Aber so weit würde Flora niemals gehen.

Chloe nippte an ihrem Kaffee. Stark wie der Glaube, süß wie die Liebe, schwarz wie die Sünde. Solange sie dazu nicht rauchte, wäre sie niemals eine richtige Pariserin, doch so weit würde sie nicht einmal gehen, um ihre nervigen Eltern zu ärgern. Abgesehen davon, dass ihre Eltern umso weniger nervig waren, je weiter sie von ihnen fort war.

Da die anderen Kollegen erst in einer Stunde eintrafen, würde es wohl kaum jemand bemerken, wenn sie noch einige kostbare Minuten vor sich hin träumte, bevor sie sich der langweiligen Flora zuwandte. Kein Wunder, dass diese Figur sie dermaßen frustrierte. Auch sie selbst brauchte ein bisschen mehr Sex & Crime in ihrem Leben.

Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, meldete sich eine Stimme in ihrem Kopf, die Chloe aber sogleich verscheuchte, indem sie ihren Kaffee trank. Bemerkenswert an ihrem Sex war nur seine inzwischen zehnmonatige Abwesenheit. Und ihre letzte Affäre war so glanzlos verlaufen, dass sie keinerlei Motivation verspürte, sich um einen Ersatz zu bemühen. Nicht, dass Claude ein besonders schlechter Liebhaber gewesen war. Aber er pries seine diesbezüglichen Fähigkeiten etwas zu sehr und erwartete von der linkischen Américaine, dass sie dementsprechend beeindruckt sei. Was sie nicht war.

Und wahrscheinlich konnte sie auch gut ohne Crime leben, das ja gewöhnlich mit Blut einherging, was ihr wiederum den Magen umdrehte. Nicht, dass sie in ihrem Leben schon viel Erfahrung mit Verbrechen gesammelt hätte. Sie war behütet aufgewachsen und beherzigte bestimmte Vorsichtsmaßnahmen. Sie spazierte niemals nachts durch verrufene Stadtteile, sie verschloss ihre Türen und Fenster und sie schaute jedes Mal nach links und rechts und betete inbrünstig, bevor sie eine Straße in Paris überquerte.

Nein, sie konnte sich auf einen weiteren ruhigen Winter freuen, in dem sie ständig fror, Pasta aß und Flora, das mutige Frettchen übersetzte und danach Bruce, die Mandarine. Auch wenn sich ihr bislang noch nicht erschlossen hatte, wie eine Mandarine ein eigenständiges Leben führen konnte. Vielleicht war das der Grund, warum sie so lange an Flora saß – weil sie wusste, dass danach eine Zitrusfrucht auf sie wartete.

Früher oder später käme ein neuer Liebhaber. Vielleicht würde Sylvia ja tatsächlich ihren Millionär finden und ausziehen, und Chloe träfe einen hübschen freundlichen Franzosen mit Brille, einem knochigen Körper und einer Vorliebe für die experimentelle Küche.

Bis dahin aber musste sie sich mit dem beherzten kleinen Frettchen beschäftigen – und mit der frustrierenden Aufgabe, das französische Äquivalent für “beherzt” zu finden.

Sie hörte Sylvia schon, bevor sie oben war – hörte das unvermeidliche Klackern der Absätze ihrer teuren Schuhe auf den Treppenstufen, die gemurmelten Flüche. Fragte sich nur, warum Sylvia drei Stunden vor ihrem üblichen Arbeitsbeginn auftauchte.

Die Eingangstür schwang auf und knallte wieder zu, und Sylvia stand da: keuchend, aber perfekt frisiert und mit makellosem Make-up. “Da bist du ja!”, rief sie.

“Da bin ich”, antwortete Chloe. “Möchtest du einen Kaffee?”

“Wir haben keine Zeit für Kaffee! Chloe, Liebste, du musst mir helfen. Es geht um Leben und Tod.”

Chloe blinzelte. Glücklicherweise war sie an Sylvias dramatische Ausbrüche gewöhnt. “Ach, tatsächlich?”

Für einen Moment beleidigt, erstarrte Sylvia. “Ich meine es ernst, Chloe! Wenn du mir nicht aus der Patsche hilfst, dann … dann weiß ich nicht, was ich tun soll.”

Sie hatte einen riesigen Koffer mit hochgeschleppt – kein Wunder, dass sie so laut gewesen war. “Wohin möchtest du, und was muss ich tun, um dir aus der Patsche zu helfen?”, fragte Chloe ergeben. Die meisten Menschen würden den riesigen Koffer in einen zweiwöchigen Urlaub mitnehmen; bei Sylvia reichte sein Volumen gerade mal, um drei bis vier Tage angemessen gekleidet zu sein. Drei bis vier Tage, an denen Chloe die Wohnung für sich hatte und hinter niemandem herräumen musste. Sie konnte die Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen, ohne dass gleich jemand wegen der Kälte jammerte. Dafür half sie gerne aus der Patsche.

“Ich fahre nirgendwo hin. Du fährst”, erklärte Sylvia.

Chloe blinzelte erneut. “Der Koffer?”

“Den habe ich für dich gepackt. Deine Klamotten sind furchtbar, und das weißt du. Ich habe alles eingepackt, was an dir gut aussieht. Mit Ausnahme meines Pelzmantels, aber du kannst nicht von mir verlangen, mich davon zu trennen.”

“Ich verlange gar nicht, dass du dich von irgendwas trennst. Und ich kann nirgendwo hinfahren. Was sollen die Laurents sagen?”

“Überlass die mir. Ich decke dich”, sagte Sylvia und musterte sie von oben bis unten. “Immerhin bist du zur Abwechslung mal ordentlich angezogen, auch wenn ich an deiner Stelle den Schal ein wenig lockern würde. Dann wirst du da ganz gut hinpassen.”

Eine dunkle Ahnung stieg in Chloe auf. “Wohin passen? Atme erst mal durch und erzähl mir, worum es geht, und ich schaue, ob ich dir helfen kann.”

“Das musst du”, entgegnete Sylvia tonlos. “Ich sagte dir ja, es geht um …”

“… Leben und Tod”, ergänzte Chloe. “Was soll ich für dich tun?”

Sylvias Aufregung legte sich ein wenig. “Gar nichts Schwieriges. Verbringe ein paar Tage auf einem wunderschönen Château auf dem Land, wo du für eine Gruppe von Geschäftsleuten als Dolmetscherin arbeitest, haufenweise Geld verdienst und von einer ganzen Schar von Angestellten bedient wirst. Herrliches Essen, eine herrliche Umgebung. Der einzige Haken sind die langweiligen Geschäftsleute, mit denen du zu tun hast. Du machst dich schick fürs Abendessen und flirtest mit jedem, der dir gefällt. Eigentlich solltest du mir dankbar sein für diese einmalige Gelegenheit.”

Typisch Sylvia, dass sie den Spieß in ihrem Sinne umdrehte. “Und wie komme ich zu dieser einmaligen Gelegenheit?”, fragte Chloe.

“Weil ich Henry versprochen habe, das Wochenende mit ihm im Hotel Raphael zu verbringen.”

“Henry?”

“Henry Blythe Merriman. Einer der Erben von Merrimans Fertigsuppen. Er ist reich, gut aussehend, charmant, ein guter Liebhaber und er vergöttert mich.”

“Wie alt ist er?”

“Siebenundsechzig”, entgegnete Sylvia ohne das geringste Anzeichen von Verlegenheit.

“Und, ist er verheiratet?”

“Natürlich nicht! Ich habe Prinzipien!”

“Hauptsache, sie sind reich, alleinstehend und atmen noch”, stellte Chloe trocken fest. “Und wann genau soll ich abreisen?”

“Der Wagen ist bereits unterwegs, um dich abzuholen. Tatsächlich denken sie, dass sie mich abholen, doch ich habe angerufen und die Situation erklärt und ihnen angekündigt, dass du für mich einspringst. Sie brauchen nur jemanden, der vom Französischen ins Englische und wieder zurück übersetzt, was für dich ein Kinderspiel ist.”

“Aber Sylvia …”

“Bitte, Chloe! Ich flehe dich an! Wenn ich sie hängen lasse, bekomme ich nie wieder einen Dolmetscher-Auftrag, und noch kann ich nicht auf Henry zählen. Ich muss diese Wochenendjobs annehmen, um ein bisschen dazuzuverdienen. Du weißt, wie schlecht die Gebrüder zahlen.”

“Dir ungefähr doppelt so viel wie mir.”

“Umso dringender brauchst du das Geld”, erwiderte Sylvia ungerührt. “Na los, Chloe, tu es! Sei zur Abwechslung mal wild und unberechenbar. Ein paar Tage auf dem Land sind genau das Richtige für dich.”

“Wild und unberechenbar mit einer Gruppe von Geschäftsleuten? Irgendwie kann ich mir das nicht so recht vorstellen.”

“Denk an das Essen.”

“Miststück”, lachte Chloe auf.

“Und wahrscheinlich haben sie auch einen Fitnessraum. Die meisten dieser alten Anwesen sind zu Tagungs- und Konferenzhotels umgebaut worden. Auch für deinen Hintern ist somit gesorgt.”

“Super-Miststück”, sagte Chloe und bedauerte, dass sie jemals über ihre Figur gejammert hatte.

“Na los, Chloe”, bettelte Sylvia. “Du willst es doch tun. Du wirst dich großartig amüsieren. Es wird nicht halb so langweilig, wie du denkst, und vielleicht können wir meine Verlobung feiern, wenn du zurückkommst.”

Das bezweifelte Chloe. “Also gut”, seufzte sie.

Sylvia entfuhr ein triumphierender Aufschrei. Nicht, dass sie ernsthaft gezweifelt hatte, ihren Willen zu bekommen. “Du bist ein Schatz. Also, wenn du angekommen bist, meldest du dich bei einem gewissen Mr. Hakim, und er wird dir sagen, was zu tun ist.”

“Hakim? Mein Arabisch ist lausig.”

“Ich sagte dir doch, es geht nur um Französisch und Englisch. Zwar sind Handelskonferenzen meist international, aber alle sprechen entweder Englisch oder Französisch. Ein Kinderspiel, Chloe. In mehr als einer Beziehung.”

“Granaten-Miststück”, sagte Chloe. “Habe ich Zeit, um …?”

“Nein. Es ist acht Uhr dreiunddreißig, und die Limousine sollte um acht Uhr dreißig hier sein. Diese Leute sind meist sehr pünktlich. Schmink dich nur ein bisschen, und dann gehen wir runter.”

“Ich bin schon geschminkt.”

Sylvia seufzte verzweifelt. “Nicht genug. Komm mit, und ich richte dich ein bisschen her.” Sie nahm Chloes Hand und zog sie in Richtung Badezimmer.

“Ich muss nicht hergerichtet werden”, protestierte Chloe und befreite sich aus dem Griff.

“Sie zahlen siebenhundert Euro pro Tag, und alles, was du dafür tun musst, ist reden.”

Chloe nahm Sylvias Hand. “Richte mich her”, resignierte sie und folgte Sylvia in das winzige Bad am Ende des Flurs.

Bastien Toussaint, auch bekannt als Sebastien Toussaint, Jean-Marc Marceau, Jeffrey Pillbeam, Carlos Santeria, Vladimir der Fleischer, Wilhelm Minor sowie unter einem halben Dutzend weiterer Namen und Identitäten, zündete sich eine Zigarette an und inhalierte genießerisch. Bei seinen letzten drei Aufträgen war er Nichtraucher gewesen, eine Rolle, die er mit der ihm eigenen kühlen Professionalität ausgefüllt hatte. Er ließ sich von seinen Schwächen nicht beherrschen – er reagierte vergleichsweise unempfindlich auf Suchtmittel, Schmerzen, Folter oder Zärtlichkeiten. Er konnte Mitleid zeigen, wenn die Situation es erforderte. Wenn nicht, übte er Gerechtigkeit, ohne mit der Wimper zu zucken. Er tat, was er tun musste.

Doch ob er die Zigarette nun brauchte oder nicht, er genoss sie ebenso, wie er die guten Weine beim Essen und die Single Malt Whiskys genossen hatte, die ihn unvorsichtig und indiskret machen sollten. Genau so würde er sich verhalten: Er würde gerade genug ausplaudern, um die anderen zufriedenzustellen und seine Pläne voranzutreiben. Er könnte dasselbe bei Wodka tun, doch er bevorzugte Scotch und genoss ihn zusammen mit den Zigaretten. Und er konnte auf beides verzichten, wenn dieser Job vorbei war.

Er dauerte bereits länger als die meisten seiner Aufträge. Mehr als zwei Jahre lang hatten sie seine Tarnung aufgebaut, und als er vor elf Monaten in seine Rolle geschlüpft war, hatte er es kaum erwarten können. Dabei war er ein geduldiger Mensch, der wusste, wie viel Zeit es kostete, Dinge in Bewegung zu setzen. Doch der Erfolg stand kurz bevor, und dieses Wissen erfüllte ihn mit Befriedigung. Auch wenn er Bastien Toussaint vermissen würde. Er hatte sich an ihn gewöhnt – an seinen unaufdringlichen gallischen Charme, seinen scharfzüngigen Zynismus, sein Faible für Frauen. Als Bastien hatte er mehr Sex als sonst. Sex war ein weiterer Genuss, den er auskostete, auf den er aber auch verzichten konnte, ein weiteres Vergnügen, das er mitnahm, wenn es sich anbot. Er gab vor, daheim in Marseille eine Frau zu haben, doch das machte keinen Unterschied. Die meisten Männer, mit denen er zu tun hatte, hatten Frau und Kinder zu Hause, nette kleine Kernfamilien. Frauen und Kinder, die glücklich und ahnungslos von dem Gewinn aus der Beschäftigung ihrer Männer lebten.

Dem Handel. Dem Handel mit Früchten aus dem Mittleren Osten. Dem Handel mit Fleisch aus Australien. Dem Handel mit Waffen, die an den Meistbietenden verkauft wurden.

Immerhin ging es diesmal nicht um Drogen. Beim Heroinschmuggel hatte er sich nie recht wohlgefühlt. Eine dumme sentimentale Anwandlung – schließlich entschieden sich Menschen, Drogen zu nehmen, wohingegen sie sich nicht entschieden, von einer der Waffen erschossen zu werden, die er verkaufte. Wahrscheinlich ein Rückfall in sein früheres Leben, das schon so lange hinter ihm lag, dass er sich kaum mehr daran erinnern konnte.

Es war ein kühler klarer Wintertag. Ein entfernter Geruch von Äpfeln lag in der Luft und man hörte das beruhigende Scharren der Gärtner, die vor dem lang gestreckten Anwesen die Blätter zusammenharkten. Die meisten Bediensteten trugen Waffen unter ihrer weiten Kleidung. Halb automatische Gewehre, unter Umständen Uzis. Möglicherweise Waffen, die er geliefert hatte.

Welche Ironie, wenn er durch eine davon getötet würde.

Er ließ die Zigarette fallen und trat sie aus. Irgendjemand würde kommen und die Kippe entsorgen, irgendjemand, der auch ihn entsorgen würde, wenn ihm das befohlen wurde. Seltsamerweise berührte ihn das nicht im Geringsten.

Hinter ihm öffnete sich eine Tür, und Gilles Hakim trat hinaus ins Freie. “Bastien. Wir nehmen den Kaffee in der Bibliothek. Wollen Sie uns nicht Gesellschaft leisten? Wir warten nur noch, bis die Dolmetscherin auftaucht.”

Bastien wandte sich um und folgte Hakim ins Haus.

2. KAPITEL

Chloe hatte viel zu viel Zeit, über ihre Unbesonnenheit nachzudenken. Der livrierte Chauffeur hielt die Scheibe zwischen ihnen geschlossen, es war zu früh, um ihre Nerven mit einem Drink zu beruhigen, und Sylvia hatte so zur Abfahrt gedrängt, dass Chloe vergessen hatte, ein Buch mitzunehmen. Die einzige Gesellschaft während der scheinbar endlosen Fahrt waren ihre Gedanken.

Automatisch wollte sie ihre langen braunen Haare hinters Ohr streichen, als ihr einfiel, welches Wunder Sylvia innerhalb kürzester Zeit an ihr vollbracht hatte – nur mit einer Bürste und etwas Make-up. Erneut griff sie in die Hermès-Handtasche von Sylvia und nahm Sylvias metallene Puderdose heraus, in der sie sich verstohlen anschauen konnte. Noch einmal wollte sie einen Blick auf jene fremde Frau werfen, die ihr aus denselben braunen Augen entgegenblickte wie immer – nur, dass diese jetzt mit Kajal und Lidschatten betont waren und in ihrem blassen Gesicht geradezu glühend wirkten. Auch das lange braune Haar hing ihr nun nicht mehr kraftlos ins Gesicht – Sylvia hatte es innerhalb nur einer Minute so geknetet, toupiert und zurechtgezupft, dass es sich von einem glatten Vorhang in eine wilde Mähne verwandelt hatte. Ihr blasser Mund glänzte jetzt groß und rot in ihrem Gesicht, und der geliehene Schal umschmeichelte elegant ihre Schultern.

Die Frage war nur, wie lange sie diese Illusion aufrechterhalten konnte. Weniger als fünf Minuten hatten Sylvia gereicht, um Chloe von einem unscheinbaren Zaunkönig in einen prachtvollen Pfau zu verwandeln. Chloe hatte sich mehrmals um das gleiche Ergebnis bemüht, es jedoch nie erreicht. “Weniger ist mehr”, predigte Sylvia, aber das Weniger schien jedes Mal noch zu viel.

Doch diese Gedanken waren müßig. Man hatte schließlich eine Dolmetscherin engagiert und kein Model, und wenn sich Chloe mit irgendwas auskannte, dann mit Sprachen. Sie würde ihren Job erledigen und den Rest der Zeit so tun, als gehöre sie in ein Château und nicht in ihr winziges Apartment, das immer ein wenig nach Kohl roch.

Drei oder vier Nächte im Château, dann wäre sie zurück und hätte etwas gut bei Sylvia. Und wenn sie auch nicht Sex & Crime erwarteten, war das Wochenende doch immerhin eine Abwechslung. Und wer weiß, vielleicht wurde einer dieser langweiligen Geschäftsmänner von einem jungen, gut aussehenden Assistenten begleitet, der ein Faible für Amerikanerinnen hatte. Alles war möglich.

Auf Château Mirabel schienen strengere Sicherheitsvorkehrungen zu gelten als in Fort Knox, dachte sie eine halbe Stunde später, als der Wagen reihenweise Tore und Checkpoints passierte, die von bewaffneten Wächtern mit angeleinten Hunden beaufsichtigt wurden. Je tiefer sie auf das Gelände vordrangen, desto beklommener wurde Chloe zumute. Reinzukommen war schwer genug gewesen. Rauszukommen aber schien unmöglich zu sein, wenn man sie nicht gehen lassen wollte.

Doch warum sollte man sie nicht gehen lassen wollen? Der Gedanke war einfach lächerlich. Als die Limousine endlich vor der breiten Eingangstreppe hielt, hatte sie ihre Neugier und ihre Fantasie so weit unter Kontrolle, dass sie mit einer ansehnlichen Nachahmung von Sylvias träger Eleganz aus dem Wagen steigen konnte.

Der ältere Herr, der sie empfing, war groß gewachsen und besser gekleidet als die meisten Franzosen, was im Klartext hieß, dass er ausgesucht gut gekleidet war. Ganz offensichtlich stammte er aus dem Mittleren Osten, und Chloe schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. “Monsieur Hakim?”

Er nickte und schüttelte ihre Hand. “Und Sie sind Miss Underwood, der Ersatz für Miss Whickham. Ich habe gerade eben erst erfahren, dass Sie kommen. Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich Ihnen die Reise ersparen können.”

“Die Reise ersparen? Soll das heißen, Sie brauchen mich nicht?” Eine mindestens zweistündige Fahrt zurück in die Stadt gehörte nicht zu den Dingen, nach denen sie sich am meisten sehnte. Und das Honorar, von dem Sylvia gesprochen hatte, minderte ihre Bereitschaft zurückzukehren noch mehr.

“Wir sind weniger Personen als erwartet, und ich gehe davon aus, dass wir uns auch ohne Hilfe von außen verständigen können”, sagte Hakim mit sanfter wohlmodulierter Stimme. Sie sprachen Englisch, und Chloe wechselte sofort ins Französische.

“Wie Sie wünschen, Monsieur, doch ich bin sicher, dass ich Ihnen eine große Hilfe sein kann. Ich habe für die nächsten Tage nichts anderes vor und wäre wirklich sehr erfreut, bleiben zu dürfen.”

“Wenn Sie nichts anderes vorhaben, können Sie auch nach Paris zurückfahren und ein paar Ferientage genießen”, schlug er ebenfalls auf Französisch vor.

“Ich fürchte, mein Apartment ist kein guter Ort für Ferien, Monsieur Hakim.” Sie wusste selbst nicht genau, warum sie ihn überreden wollte, sie nicht wegzuschicken. Dabei hatte sie anfangs gar nicht herkommen wollen – nur Sylvias Bettelei hatte sie dazu gebracht. Das und der Gedanke an die siebenhundert Euro pro Tag.

Aber nun, da sie hier war, wollte sie nicht wieder zurück. Auch wenn es vielleicht das Klügere wäre.

Mr. Hakim, der Widerspruch von Frauen nicht gewöhnt zu sein schien, zögerte. Und nickte darauf. “Also gut. Wir werden Sie schon zu beschäftigen wissen”, sagte er. “Und es wäre eine Schande, wenn Sie die lange Fahrt vergebens gemacht hätten.”

“Es war tatsächlich eine lange Fahrt”, bestätigte Chloe. “Ich dachte schon, dass der Fahrer sich verirrt hätte – an einigen Orten sind wir mehr als einmal vorbeigekommen. Beim nächsten Mal sollte er eine Straßenkarte bei sich haben.”

Hakim lächelte dünn. “Ich werde es veranlassen, Mademoiselle Underwood. In der Zwischenzeit kann sich das Personal um ihr Gepäck kümmern, während ich Ihnen die Gäste vorstelle, für die Sie dolmetschen werden. Das sollte keine allzu schwere Aufgabe sein, und wenn keine Besprechungen anstehen, können Sie die wunderbare Umgebung genießen. Natürlich kann die Anwesenheit einer solch zauberhaften jungen Dame unserer Arbeit nur förderlich sein.”

Aus irgendeinem Grund wirkten die französischen Manieren an Hakim ein wenig ölig, sodass Chloe das Bedürfnis verspürte, sich die Hände zu waschen. Sie schenkte ihm das mütterliche Lächeln, das sie für den aufdringlichsten der Laurent-Brüder reserviert hielt, und murmelte ein “Sehr freundlich”, während sie ihm die Marmortreppe hinauf folgte.

Viele dieser alten Schlösser waren mittlerweile in Luxushotels und Tagungsstätten umgewandelt worden; aus den kleineren hatte man Pensionen gemacht. Château Mirabel aber war eleganter als sämtliche Anwesen, die Chloe vom Sehen oder auch nur von Erzählungen kannte. Kein Wunder, dass sie sich bereits ziemlich unbehaglich fühlte, als Hakim sie in eine riesige Bibliothek führte.

Immerhin war sie nicht die einzige Frau. Mit einem kurzen Blick erfasste sie die acht Personen, die sich zum Kaffee in dem Raum versammelt hatten und ihr nacheinander vorgestellt wurden. Die beiden Frauen hatten außer ihrem guten Aussehen wenig gemeinsam. Madame Lambert war hoch gewachsen, mittleren Alters und trug Lagerfeld-Kleidung, wie Chloe dank Sylvias Schule erkennen konnte. Die andere Frau war mit Anfang dreißig etwas jünger und einen Tick zu schön und zu lebhaft. Die Vorstellung verlief reibungslos – da war Mr. Otomi, ein älterer würdevoller Japaner, der glücklicherweise ein hervorragendes Englisch sprach und von einem stahläugigen Assistenten namens Tanaka-san begleitet wurde; außerdem Signore Ricetti, ein eitler Mann mittleren Alters, dessen hübscher junger Assistent zweifellos auch sein Liebhaber war, dazu der Baron von Rutter – alles Menschen, wie sie sie erwartet hatte, niemand von besonderem Interesse. Außer …

Außer ihm. Überrascht von ihrer eigenen Reaktion senkte sie den Blick. Sie mochte keine Männer in Anzug, auch nicht in Armani. Sie mochte keine Geschäftsmänner – die meisten besaßen keinerlei Humor, und ihre Gedanken kreisten nur um Geld. Es gab vieles, was Chloe an den Franzosen schätzte, doch ihr Faible für Finanzen gehörte nicht dazu. Zu schade, dass er einer von ihnen war. Gemein, dass sie sich zu jemandem hingezogen fühlte, der von vornherein nicht in Betracht kam.

Madame Lambert, Signore Ricetti, der Baron und die Baronin von Rutter, Otomi und Toussaint.

Bastien Toussaint. Zumindest schien er an ihr keinerlei Interesse zu haben – er nickte, als sie ihm vorgestellt wurde, und nahm sie einen Moment später nicht mehr zur Kenntnis. Sie konnte sich ihre Reaktion selbst nicht erklären – er war keineswegs der bestaussehendste Mann, den sie kannte. Er war ein wenig größer als die meisten Männer, schlank, und hatte ein schmales hartes Gesicht mit einer markanten Nase. Seine Augen waren von einem undurchdringlichen Schwarz, und sie bezweifelte, dass sie sie überhaupt wahrnahmen. Die dichten schwarzen Haare trug er lang, was nicht ganz ins Bild passte. Vielleicht eine kleine Eitelkeit? Ja, gewiss war er schrecklich eingebildet.

Sie wandte ihre Augen von ihm ab, als ein italienischer Wortschwall von Signore Ricetti an ihr Ohr drang.

“Was macht die hier?”, wollte er wütend wissen. “Diese dumme Britin sollte kommen. Woher wissen wir, dass wir der hier trauen können? Sie ist vielleicht nicht ganz so naiv wie die andere. Werden Sie sie irgendwie los, Hakim.”

“Signore Ricetti, es ist unhöflich, in der Gegenwart einer Person, die Ihre Sprache nicht versteht, Italienisch zu sprechen”, entgegnete Hakim missbilligend auf Englisch. Er blickte zu Chloe. “Sie sprechen kein Italienisch, Mademoiselle Underwood, oder?”

Sie wusste selbst nicht, warum sie log. Hakim machte sie nervös, und die eindeutige Ablehnung vonseiten Ricettis verbesserte die Lage nicht gerade. “Nur Englisch und Französisch”, antwortete sie strahlend.

Ricetti war nicht zu beruhigen. “Ich denke immer noch, dass es zu gefährlich ist, und ich bin sicher, dass die anderen mir zustimmen werden. Madame Lambert, Monsieur Toussaint, meinen Sie nicht auch, dass wir diese junge Frau lieber fortschicken sollten?” Er sprach noch immer Italienisch, und Chloe bemühte sich, verständnislos zu wirken.

“Seien Sie kein Dummkopf, Ricetti.” Madame Lamberts Italienisch hatte überraschenderweise einen britischen Akzent. Ähnlich wie Sylvia war es ihr gelungen, sich diesen undefinierbaren Chic französischer Frauen anzueignen – etwas, das Chloe bislang vorenthalten geblieben war.

“Oh, ich finde, sie sollte bleiben”, meldete sich Bastien Toussaint träge zu Wort. “Sie ist zu hübsch, um sie fortzuschicken. Wie sollte sie uns schaden? Ihr fehlt jedes Wissen und das Verständnis.” Sein Italienisch war perfekt, nur ein kleiner französischer Akzent klang durch und etwas, das Chloe nicht definieren konnte. Seine Stimme war tief, schleppend und sexy. Das machte es nicht einfacher.

“Ich behaupte noch immer, dass sie eine Gefahr darstellt”, sagte Ricetti und setzte seine Kaffeetasse ab. Chloe bemerkte, dass seine Hände bebten. Vielleicht zu viel Kaffee? Oder etwas anderes?

“Nun, Sie müssen sich nicht wiederholen”, ergriff der Baron das Wort. Er war untersetzt und wirkte mit seinen weißen Haaren geradezu großväterlich, sodass Chloes Beklemmung ein wenig nachließ. “Willkommen auf Château Mirabel, Mademoiselle Underwood”, sagte er auf Französisch. “Wir freuen uns sehr, dass Sie im letzten Moment einspringen konnten.”

Sie brauchte den Bruchteil einer Sekunde, um sich zu erinnern, dass sie diese letzten Worte verstehen sollte und man eine Reaktion von ihr erwartete. “Merci, Monsieur”, dankte sie, wobei sie versuchte, sich ganz auf den netten alten Herrn zu konzentrieren und Bastien Toussaint zu ignorieren, der rechts hinter ihr stand. “Ich verspreche, dass ich mein Bestes geben werde.”

“Davon bin ich überzeugt”, sagte Hakim mit leichter Schärfe in der Stimme. Ricetti lief rot an, schwieg jedoch. “Für heute sind wir mit unseren Besprechungen fertig”, fuhr Hakim fort, “und ich gehe davon aus, dass Sie zuerst einmal auspacken möchten. Den Aperitif nehmen wir gegen sieben, Dinner gibt es um neun. Ich hoffe, Sie leisten uns Gesellschaft. Normalerweise besprechen wir abends keine geschäftlichen Angelegenheiten, doch da wir alle unsere Schwächen haben, wäre es hilfreich, wenn Sie verfügbar wären.”

“Wie verfügbar wird sie sein?”, sagte Bastien, diesmal auf Deutsch. “Vielleicht könnte ich eine kleine Entspannung vertragen.”

“Holen Sie Ihr Hirn wieder aus der Hose, Bastien!”, wies Madame Lambert ihn zurecht. “Ihre Verführungskünste sind hier fehl am Platz. Männer haben einen bedauerlichen Hang, zwischen den Beinen einer Frau alles auszuplaudern.”

Chloe blinzelte und versuchte, keinerlei Regung zu zeigen, als Bastien in ihr Blickfeld trat. Ein geheimnisvolles, unglaublich erotisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. “Meine Frau sagt immer, ich ficke absolut lautlos”, entgegnete er.

“Das müssen Sie hier nicht unter Beweis stellen”, sagte Hakim. “Nach diesem Wochenende können Sie ihr gerne nach Paris folgen und sie bis zur Erschöpfung durchvögeln. Doch bis dahin haben wir hier Wichtigeres zu erledigen.” Dann wechselte er wieder ins Englische. “Entschuldigen Sie bitte dieses ganze Gerede, Mademoiselle. Wie Sie sich vorstellen können, verstehen wir nicht alle die gleiche Sprache, was zu Komplikationen führt. Doch von jetzt an sprechen wir nur noch Französisch und Englisch. Haben das alle verstanden?”

Bastien warf ihr unter den gesenkten Lidern einen Blick zu. “Laut und deutlich”, antwortete er auf Englisch. “Ich kann warten.”

“Warten, Monsieur?”, fragte Chloe unschuldig.

Ein Fehler. Er schaute sie direkt an, und die Wirkung war durchschlagend. Er hatte sehr dunkle Augen, und Chloe fragte sich, ob ihre undurchdringliche Oberfläche überhaupt irgendetwas widerspiegelte. Sie hoffte, dass sie niemals in die Lage käme, es herauszufinden. Sie hoffte, dass sie nicht auch den letzten Funken gesunden Menschenverstand verlor. Er war zweifellos ein unglaublich attraktiver Mann. Und er spielte zweifellos in einer anderen Liga als sie.

“Auf ein spätes Abendessen warten, Mademoiselle”, erwiderte er gelassen auf ihre Frage. Bevor sie ahnte, was er vorhatte, nahm er ihre Hand und zog sie an seinen Mund. Es war nicht ihr erster Handkuss – sogar im heutigen Europa war er nicht ungewöhnlich. Doch sie hatte ihn immer bei höflichen älteren Herren erlebt, die mit dieser Geste lediglich einen Flirt andeuteten. Bastien Toussaints Mund auf ihrer Hand aber fühlte sich weder höflich noch bedeutungslos an. Doch bevor sie ihre Hand zurückziehen konnte, gab er sie schon frei.

“Sie sind sicher hungrig, Mademoiselle”, sagte Hakim. “Marie wird Sie zu Ihrem Zimmer führen und dafür sorgen, dass man Ihnen einen Imbiss bringt. Wenn Sie das Gelände erkunden möchten, müssen Sie nur Bescheid sagen, und einer der Gärtner wird Sie rumführen. Zum Schwimmen ist es vielleicht ein bisschen kalt, doch der Pool ist geheizt, und Amerikaner sollen ja sportlich sein.”

“Ich weiß gar nicht, ob ich einen Badeanzug mithabe”, erwiderte Chloe und fragte sich, was in aller Welt Sylvia für sie eingepackt haben mochte.

“Sie können auch ohne schwimmen gehen”, sagte Bastien seidenweich.

Ihr schien zum ersten Mal, dass er sich doch für sie interessierte. Auch wenn sie sich nicht erklären konnte, warum, zumal er sie bei der Vorstellung kaum wahrgenommen hatte. Vielleicht hatte er entschieden, dass er angesichts der mageren Auswahl mit ihr vorliebnehmen musste.

Aber sie würde sich von ihm nicht aus der Fassung bringen lassen. “Dafür ist es eindeutig zu kühl”, erwiderte sie fröhlich. “Wenn mir nach Bewegung sein sollte, werde ich ein wenig spazieren gehen.”

“Da sollten Sie vorsichtig sein, Mademoiselle Chloe”, meldete sich Ricetti zu Wort. Er sprach Französisch mit starkem Akzent. “Wir haben Jagdsaison, und man weiß nie, ob nicht von irgendwoher eine verirrte Kugel angeflogen kommt. Ganz zu schweigen von den Hunden der Wächter, die abends und nachts frei umherlaufen und äußerst angriffslustig sind. Wenn Sie spazieren gehen möchten, sollten Sie immer jemanden bei sich haben. Sie wollen doch sicher nicht irgendwo landen, wo es … zu gefährlich ist.”

War das eine Warnung oder eine Drohung oder gar beides? Und was zum Teufel ging hier vor? In was hatte Sylvia sie da hineingezogen?

Sex & Crime, rief sie sich in Erinnerung. Für Ersteres reichte es schon, Bastien anzuschauen, Letzteres war eigentlich nicht ihr Ding. Doch für ein Wochenende wäre das alles zumindest unterhaltsam, und es war lächerlich anzunehmen, dass sie irgendwie in Gefahr war. Schließlich war dies das Frankreich des 21. Jahrhunderts, und sie befand sich in der Gesellschaft von gesetzten, durchschnittlichen Geschäftsleuten. Sie hatte zu viele von den Thrillern gelesen, die Sylvia übersetzte.

“Ich werde darauf achten, wo ich hingehe”, sagte sie.

“Sicher werden Sie das”, sagte Hakim kühl. Er hatte etwas Eigenartiges an sich, etwas leicht Finsteres, das wahrscheinlich ihre überreizte Fantasie angekurbelt hatte. Er war einschüchternd, aber zugleich leicht unterwürfig, und Chloe konnte seine Rolle zwischen den Geschäftspartnern nicht einordnen. Und kein Wunder, dass sie Merkwürdiges vermutete, wenn diese sich aufgeregt in Sprachen unterhielten, die sie nicht verstehen sollte. Letztlich aber waren sie einfach nur eine Handvoll Menschen, die man zusammengesteckt hatte und die nach Abwechslung suchten. “Wir sehen Sie um sieben.”

Eine Frau mittleren Alters in gestärkter schwarzer Kleidung tauchte auf. Sie erinnerte weniger an Mary Poppins als vielmehr an Mrs. Danvers, die unheimliche Haushälterin aus Daphne Du Mauriers “Rebecca”. “Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Mademoiselle”, sagte sie in einem Französisch, das offenbar Fremdsprache für sie war, dem Chloe jedoch nicht entnehmen konnte, woher sie stammte.

Sie wusste, dass Bastien sie beobachtete, und brauchte ihre ganze Willenskraft, um seinen Blick zu meiden. Schließlich sollte sie nichts davon mitbekommen haben, dass er ein Frauenheld und nur darauf aus war, jeden weiblichen Neuankömmling ins Bett zu bekommen. Außerdem war er verheiratet und verstieß damit gegen das einzige Prinzip, das sie mit ihrer ansonsten wenig prinzipientreuen Mitbewohnerin teilte. Allerdings beschränkte sich Sylvia nur deshalb auf alleinstehende Männer, weil sie einen reichen Ehemann wollte. Chloe aber war auf der Suche nach etwas anderem. Wonach genau, wusste sie selbst nicht. Sie wusste nur, dass es nicht Bastien Toussaint war.

“Um sieben”, bestätigte sie, wobei sie sich insgeheim fragte, in welchem Zustand man sich beim Dinner einfand, wenn bereits zwei Stunden vorher die ersten Drinks serviert wurden. Aber das ging sie nichts an. Nichts hiervon ging sie an, nicht einmal Bastiens halbherzige Andeutungen. Er hatte es nicht wirklich auf sie abgesehen – sie war nicht sein Typ. Er bevorzugte sicher große langbeinige Models, Frauen mit Stil und dieser leicht hochnäsigen Ausstrahlung. An der arbeitete Chloe seit Jahren; doch obwohl das Leben in Paris dabei half, war sie noch weit entfernt vom gewünschten Ergebnis.

In diesem verfluchten Wirrwarr von Räumen konnte sie sich nur verlaufen, dachte sie, als sie Marie durch die Halle folgte. Ihr Zimmer befand sich ganz am Ende eines der vielen Korridore, die von der Halle abgingen. Kaum hatte sie es betreten, schwanden ihre Bedenken. Der Raum wirkte wie aus dem Museum – ein Bett mit einem wunderschönen grünen Seidenüberwurf, Marmorfliesen auf dem Boden, ein üppiges Sofa und das größte Badezimmer, das sie seit ihrer Abreise aus den USA gesehen hatte. Einen Fernseher konnte sie nicht entdecken, was sie kaum überraschte. An einem Ort wie diesem würde sie sicher etwas zu lesen finden. Auf dem Tisch in der Halle hatten diverse bekannte Zeitungen gelegen – die konnte sie stibitzen und sich über die Kreuzworträtsel hermachen. Kreuzworträtsel waren eine angenehme sprachliche Herausforderung und boten ihr wahrscheinlich genug Freizeitbeschäftigung für die nächsten Tage. Sie musste nur daran denken, die italienischen und deutschen Zeitungen liegen zu lassen.

Plötzlich hatte sie keinen sehnlicheren Wunsch, als sofort in etwas Bequemes zu schlüpfen und ein wunderbares langes Nickerchen zu halten. “Wo ist mein Koffer?”, fragte sie.

“Er wurde bereits ausgepackt”, erwiderte Marie. “Ich gehe davon aus, dass Monsieur Hakim Ihnen bereits gesagt hat, dass beim Dinner Abendkleidung erwünscht ist. Ich denke, das silberne Spitzenkleid wäre passend.”

Wenn Sylvia ihr das silberne Spitzenkleid eingepackt hatte, musste dieser Job wirklich wichtig für sie sein. Außer in Notfällen ließ sie dieses Kleid nie aus den Augen.

Chloe würde es über der Brust und am Po etwas zu eng sein, doch keinesfalls würde sie ihr Schicksal herausfordern, indem sie überlegte, was man zu solch einem Anlass anderes anziehen könne. Marie kannte sich auf dem Gebiet aus, und da sie so freundlich gewesen war, ihr einen Wink zu geben, würde Chloe diesen Vorteil nutzen.

“Danke, Marie.” Panisch fragte sie sich, ob von ihr Trinkgeld erwartet wurde. Bevor sie überhaupt zögern konnte, ging Marie schon zur Tür – von der linkischen Amerikanerin erwartete sie offensichtlich nichts. Sie wandte sich um und fragte: “Wann möchten sie geweckt werden? Um fünf? Halb sechs? Sie werden genug Zeit haben wollen, um sich zurechtzumachen.”

Marie musste dieses Vorhaben für wahrlich mühsam halten. “Halb sechs wird mir völlig reichen”, erwiderte Chloe fröhlich.

Marie sah sie mit einer perfekten Mischung aus Missbilligung und Sorge über ihre lange Nase hinweg an. “Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie nur Bescheid”, bot sie nach kurzem Zögern an. “Ich verfüge über einige Erfahrung mit Haar wie dem Ihren.” Aus ihrem Mund klang es, als handle es sich bei Chloes Haar um mistverklebtes Stroh.

“Vielen Dank, Marie. Ich bin sicher, ich komme zurecht.”

Marie zog nur die Augenbrauen hoch, und schlagartig meldeten sich Chloes Bedenken wieder zurück.

3. KAPITEL

Irgendjemand hatte einen schweren Fehler begangen, indem er diese Frau in die Höhle des Löwen geschickt hatte, dachte Bastien. Sie war keinesfalls eine professionelle Agentin, wie man sie in solch einer angespannten Situation brauchte. Er hatte innerhalb weniger Sekunden erkannt, dass sie jede Sprache verstand, die in dem Raum gesprochen wurde – und wahrscheinlich noch einige mehr. Das zu verbergen war ihr nicht gelungen. Wenn er sie innerhalb weniger Sekunden durchschaut hatte, würden einige der anderen nicht viel länger brauchen.

Die eigentliche Frage jedoch war, wer sie geschickt hatte und aus welchem Grund. Eine Möglichkeit bestand darin, dass sie den Auftrag hatte, ihn auszuspionieren. Soweit er wusste, hatte ihn niemand in Verdacht, aber man durfte sich auf nichts verlassen. Die Rolle, die er spielte, war die eines passionierten Frauenhelden – eine attraktive junge Frau wäre der perfekte Köder. Als ob man ein junges Reh in den Dschungel trieb, um einen hungrigen Panther hervorzulocken. Es entsprach seiner Rolle, sich auf sie zu stürzen.

Sie war auf beunruhigende Weise unangepasst. Die Weltgewandtheit war nur aufgesetzt – ein Blick in ihre braunen Augen, und er konnte ganz andere Dinge darin lesen. Nervosität, sogar Schüchternheit, und das Glimmen ungewollter sexueller Anziehung. Sie war auf dem besten Weg, in Schwierigkeiten zu geraten.

Andererseits mochte sie auch raffinierter sein, als sie schien. Ihre unsichere, leicht linkische Art konnte auch gespielt sein, um ihn von der richtigen Fährte abzulenken.

War er der Grund für ihre Anwesenheit oder jemand anders? Wollte das Komitee ihn kontrollieren? Das war immer möglich – er hatte sich keine Mühe gegeben, zu verbergen, dass er der Sache überdrüssig war, sie ihm gleichgültig wurde. Leben oder Tod schienen kein großer Unterschied mehr zu sein. Doch war man einmal beim Komitee in Dienst getreten, ließen sie einen nicht wieder gehen. Irgendwann würde er getötet werden, wahrscheinlich früher als später. Vielleicht von Mademoiselle Underwood mit ihren schüchternen Augen und dem weichen Mund.

Und es stellte sich nur eine Frage: Würde er das zulassen?

Wahrscheinlich nicht. Er war erschöpft, ausgebrannt und innerlich leer, aber er würde nicht wehrlos gehen. Noch nicht.

Oberflächlich betrachtet war seine Mission einfach. Auguste Remarque war letztes Jahr durch eine Autobombe ermordet worden – angeblich das Werk einer versteckt operierenden Antiterrororganisation, die wenigen Eingeweihten als “das Komitee” bekannt war. Tatsächlich aber hatte das Komitee absolut nichts damit zu tun. Auguste Remarque war ein Geschäftsmann, dem es ausschließlich um Profit ging. Die Machthaber im Komitee zeigten dafür Verständnis und stellten sich darauf ein. Es reichte, Remarque und die Waffenhändler zu beobachten und auf dem Laufenden zu bleiben, wer was wohin verkaufte, um dann ganz pragmatisch zu entscheiden, wann man eingreifen musste. Die Lieferung modernster Maschinengewehre in afrikanische Entwicklungsländer mochte auch zivile Opfer bedeuten, doch man musste das Gesamtwohl berücksichtigen, und diese armen Länder hatten wenig Bedeutung für die Supermächte. So ähnlich hatte es ihm sein Vorgesetzter, der ehrwürdige Harry Thomason, erklärt.

Natürlich wusste Bastien, warum das so war. In diesen Ländern gab es kein Öl, daher waren sie von geringer Bedeutung für das Komitee beziehungsweise die mächtigen Privatleute, die dahinter standen.

Es war Bastiens Aufgabe gewesen, die Waffenhändler im Auge zu behalten, indem er sich als einer der ihren ausgab. Doch die Ermordung Remarques hatte alles verändert. Hakim als Remarques rechte Hand hatte dieses Treffen anberaumt, um die Gebiete neu aufzuteilen und einen neuen Führer zu bestimmen. Nicht, dass diese Leute mit offenen Karten spielen würden, doch der Anführer des Waffenkartells kümmerte sich um manch ermüdende Geschäftsdetails, sodass sich die anderen auf den Ankauf und die Verschiffung der Waffen konzentrieren konnten.

Zu Hakims Aufgaben hatte es gehört, sich um die unbedeutenden Details zu kümmern, doch er war ein wenig zu ehrgeizig geworden. Er wollte Remarques Platz einnehmen, inklusive dessen lukrativem Gebiet. Und genau da lag das Problem. Mehrere Jahrzehnte voller Profit, Mord und Bestechung hatte Auguste Remarque einen Großteil aller Waffentransporte in den Mittleren Osten kontrolliert – ein unerschöpflicher Markt. In Gebieten wie Chile, dem Kosovo und Nordirland oder bei religiösen Fanatikern in Japan war die Nachfrage nach Waffen unbeständig, der Mittlere Osten jedoch bekam niemals genug. Seit sich die Amerikaner eingemischt hatten und von Zeit zu Zeit gewaltsam versuchten, die Kontrolle zu gewinnen, war die Lage nur schlimmer geworden.

Die Mitglieder des Kartells wollten nun einen gerechten Anteil an diesem reichen Profit. Und Hakim war entbehrlich.

Bastien hatte es nicht eilig, zu verfolgen, ob sein Plan aufging – er konnte einen oder zwei Tage warten, die Dinge beobachten. Die Mitglieder des Kartells hatten einer nach dem anderen erfahren, dass Hakim für Remarques Ermordung verantwortlich war, und das lag ihnen im Magen. Irgendjemand würde ihn in den nächsten Tagen beseitigen. Wenn es ihnen nicht gelang, musste Bastien es tun.

Es war ein Leichtes gewesen, das Gerücht von Hakims Verrat zu streuen. Interessant, wie unterschiedlich die Gegenspieler reagierten – zumal Hakim nichts mit Remarques Tod zu tun hatte, auch wenn er gewillt war, davon zu profitieren.

Ein anderes Mitglied des Waffenkartells steckte hinter dem Anschlag. Jemand, der bereits hier war oder noch kommen würde. Diese Person dürfte vermutlich erfreut sein, dass jemand anderes als Mörder galt, doch bislang hatte das Komitee nicht aufdecken können, wer es wirklich getan hatte. Am naheliegendsten war Baron von Rutter. Hinter seinem jovialen Gehabe verbarg sich ein rücksichtsloser unduldsamer Mensch, dessen Methoden eher brutal als raffiniert zu nennen waren. Ganz zu schweigen von seiner Geschäftspartnerin, seiner jungen Frau Monique.

Eine von Bastiens Kolleginnen hatte Geld auf Mr. Otomi verwettet, den reservierten älteren Yakuza-Boss. Ricetti mit seinen Verbindungen zur Mafia aber kam ebenso in Betracht. Und Madame Lambert durfte man sowieso niemals außer Acht lassen.

Jeder von ihnen wäre fähig gewesen, Remarques Ermordung anzuordnen, und wenn einer von ihnen es tatsächlich getan hatte, wäre das Komitee nicht weiter besorgt.

Doch Bastien setzte auf den letzten Gast, der ihre kleine Runde noch vervollständigen sollte. Christos Christopolous war auf den ersten Blick keine wichtige Figur. Die griechische Verbindung war immer nebensächlich gewesen. Doch Bastien wurde dafür bezahlt, misstrauisch zu sein. Und in den elf Monaten, die er schon als Bastien Toussaint lebte, hatte er sich überzeugen können, dass Christos gefährlicher als alle anderen war. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er die Autobombe bestellt, die Remarque gemeinsam mit seiner Frau, seiner Tochter und den drei kleinen Enkeln getötet hatte.

Thomason hatte sich überzeugen lassen und ihm den Auftrag erteilt: Hakim musste sterben. Denn egal wer die Verantwortung trug – der Anschlag auf Remarque hätte niemals ohne seine Hilfe durchgeführt werden können.

Und wenn Christos zum Anführer des Kartells gewählt wurde, musste er ebenfalls sterben. Mit den anderen konnte man leben – aber nicht mit dem Griechen.

Möglich, dass Christos gar nicht gewählt wurde und Bastien ein weiteres Mal verschwinden konnte, um unter einem anderen Namen und mit einer anderen Nationalität auf einem anderen Kontinent aufzutauchen. Nicht, dass das eine Rolle spielte – es schien alles egal, die Guten und die Bösen waren austauschbar.

Nur eins war gewiss: Er konnte nicht das Geringste tun, wenn diese frisch eingetroffene Unschuld ihm ein Messer zwischen die Rippen stieß.

Er machte sich keinerlei Illusionen darüber, dass er hier auf sich allein gestellt war. Signore Ricettis junger Liebhaber hieß eigentlich Jensen und war ein junger britischer Agent, der seiner Frau erzählte, dass er als Vertreter einer pharmazeutischen Firma viel auf Reisen war.

Doch Bastien hatte sich angewöhnt, niemandem zu vertrauen, auch nicht seinen Kollegen. Vielleicht hatte Thomason entschieden, dass Bastien selbst entbehrlich war. Jensen würde ihn erledigen, wenn man ihm das befahl. Aber er hätte eine größere Erfolgschance als das Mädchen. Was keine große Kunst war. Wenn sie ihn tatsächlich loswerden wollten, brauchten sie einen echten Profi.

Jemanden, der geeigneter war als die niedliche Mademoiselle Underwood.

Sie hatte es entweder auf ihn oder auf eine andere der anwesenden Personen abgesehen. Vielleicht wollte sie nur Informationen sammeln, vielleicht wollte sie eine unbequeme Figur aus dem Weg räumen. Er musste sich nur an Hakim wenden, und schon wäre sie es, die man aus dem Weg räumte. Sogar wenn Hakim selbst sie engagiert hätte, würde man sie kühl und professionell beseitigen.

Doch auch wenn das der sicherste Weg schien, war er noch nicht ganz bereit dazu. Schließlich hatte ihn nicht sein Sicherheitsdenken in diese Branche geführt, und Mademoiselle mochte lebend von größerem Wert sein als tot. Er würde herausfinden, wer sie geschickt hatte und warum, und je früher ihm das gelang, desto besser. Umsichtige Planung war wichtig, Zögern aber katastrophal. Er würde herausfinden, was er herausfinden musste, und dann bei Hakim eine entsprechende Bemerkung fallen lassen. Es wäre eine Schande, solch eine vielversprechende junge Frau beseitigen zu müssen, doch sie sollte um die Gefahren ihres Jobs gewusst haben, als sie den Auftrag annahm. Den letzten Rest von Sentimentalität hatte er schon lange verloren.

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