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Tod in Tanger

Alfred Bekker

Tod in Tanger

Ein Thriller um Liebe und Mord: Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Tod in Tanger

Thriller von Alfred Bekker

© 1990 by author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die deutsche Studentin Elsa reist nach der für sie schmerzlichen elterlichen Scheidung nach Tanger, um Abstand zu gewinnen. Dort lernt sie den 38jährigen Robert kennen, einen attraktiven, indes einigermaßen undurchsichtigen Mann scheinbar dänischer Herkunft, in den sie sich verliebt und in dessen Villa sie bald darauf einzieht. Zunächst glaubt sie ihm bedingungslos und vertraut ihm etliches aus ihrer bedrückenden Vergangenheit an, doch als sie bemerkt, dass Robert Schminkutensilien benutzt und über mehrere Pässe verfügt, beginnt sie, sich über den Charakter von Roberts Geschäften Gedanken zu machen. Wenig später begibt sich Robert auf eine seiner sogenannten Geschäftsreisen nach Spanien und Frankreich, und Elsa bleibt zusammen mit dem arabischen Hausdiener in der Villa zurück.

Es stellt sich heraus, dass Robert als professioneller Auftragsmörder tätig ist - eine schreckliche Entdeckung, die Elsa macht. Robert kann sie nun nicht mehr am Leben lassen…

1.

Das erste Mal traf Elsa mit Robert Jensen im Postamt von Tanger zusammen.

Alles in allem war es nur eine sehr kurze Begegnung. Robert hatte sie fast umgerannt und schien sehr in Eile zu sein.

„Pardon!“, zischte es zwischen seinen dünnen Lippen hindurch.

„Macht nichts“, erwiderte Elsa. Sie sagte das instinktiv und ohne viel nachzudenken auf Deutsch, obwohl sie ja eigentlich nicht so ohne weiteres davon ausgehen konnte, dass ihr Gegenüber sie auch verstand.

Dann wechselten sie einen kurzen Blick miteinander. Elsa sah in hellblaue Augen.

Der Mann war blond, und sein Haar lichtete sich an manchen Stellen bereits. Dennoch, sein Alter war schwer zu schätzen. Zwischen 25 und 40 schien alles möglich.

Aber da waren diese Augen, die einfach zu einem älteren Mann besser zu passen schienen.

Bei dem Zusammenprall war ihm der Pass heruntergefallen. Er bückte sich, um das Dokument wieder an sich zu nehmen; aber es gelang Elsa noch, einen Blick darauf zu werfen. Es war ein dänischer Pass, soviel konnte sie sehen.

Er nahm das Dokument und steckte es sofort in die Innentasche seines hellbraunen Sommerjacketts. Dann ging er an Elsa vorbei. Sie sah ihm nach, aber er drehte sich nicht zu ihr um, sondern wandte sich geradewegs zu einem der Schalter.

Dort hörte sie ihn in - soweit sie das beurteilen konnte - ziemlich fließendem Französisch reden. Sie verstand kaum etwas davon. Nur einzelne Wörter, die keinen Sinn ergaben. Das nächste Mal, dass sie ihm begegnete, war am darauffolgenden Abend.

Der Muezzin hatte sein Abendgebet bereits per Lautsprecher über die Stadt gerufen und es war dunkel. Vom Meer her stiegen Nebel auf. Es wurde feucht und auch ziemlich kalt.

Sie zog sich ihre dünne Jacke enger um die Schultern und schlug den Kragen etwas hoch, aber diese feuchte Kühle ging durch alles hindurch. Es schien kein Mittel dagegen zu geben.

Sie wusste, dass es kaum wärmer sein würde, wenn sie sich in ihrem Hotel in die Decke rollte. Die Heizung war außer Betrieb. Da stand noch ein Elektro-Heizkörper - aber das schwache Stromnetz im Haus hatte schon Mühe, einen Haarföhn zu verkraften.

Elsa ließ sich in dem abendlichen Tanger treiben und sah den Menschen zu, die durch die Straßen drängten.

Wenn man mit dem Schiff hier herkam, dann sah die Stadt von weitem fast wie ein Ameisenhaufen aus. Ein Ameisenhaufen, der an einem Hang klebte.

Und sie war jetzt mitten drin. Inzwischen wusste sie, dass sie die aggressiven Straßenhändler und angeblichen Fremdenführer nicht beachten durfte.

„Voulez-vous visiter ma shop?“

Sie schüttelte sie ab, wie lästige Fliegen. Sie wollte nichts kaufen. Weder eine Lederjacke, noch einen Teppich oder eine 'original-marokkanische Handarbeit'.

Vielleicht sogar 'Made in Taiwan', dachte sie.

Aber wie dem auch immer war, sie hatte kein Geld für so etwas. Sie schlenderte an der Strandpromenade entlang. Eine Weile blieb ihr Blick an einem Mann hängen, der einen Eselskarren lenkte.

Das Meer war ruhig. Nebelschwaden hingen tief über der schier endlosen Wasserfläche.

Eine Filmkulisse, dachte sie plötzlich. Es ist wie in einem Film.

Kurz entschlossen ging sie noch etwas an den Strand. Sie zog sich die Schuhe aus und ließ das kalte Salzwasser um ihre Füße herumspielen. Sie lief ein Stück über den nassen Sand und träumte vor sich hin. Das Meer rauschte. Die Straße etwas weiter oberhalb rauschte auch, aber hier unten am Strand war das Meer lauter. Sie sah sich um.

Kein Mensch war um diese Zeit noch hier. Sie sah nur Dunkelheit und Nebel und das Meer... Und etwas weiter entfernt, als schwarze, düstere Schemen, die Verkaufsbuden und Strandrestaurants, die aber um diese Jahreszeit noch allesamt geschlossen waren. Auch tagsüber. Es waren einfach noch nicht genug Touristen da, als dass es sich gelohnt hätte, sie zu öffnen.

Das Mondlicht kam jetzt fahl durch den Nebel und tauchte alles in ein seltsames Licht. Plötzlich mischte sich das Meeresrauschen mit Stimmen, die bald näherkamen. Im ersten Moment erschrak Elsa, dann lauschte sie. Es waren arabische Stimmen. Männerstimmen.

Sie stand wie erstarrt da, als die Gestalten aus der Dunkelheit ins fahle Mondlicht traten. Sie hörte sie reden, aber natürlich verstand sie kein Wort.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte.

Es waren drei junge Männer. Vielleicht 20, vielleicht 25 Jahre alt. Von der traditionellen Kleidung der Marokkaner schienen sie wenig zu halten. Sie trugen Jeans und dunkle Lederjacken. Und wäre da nicht der dunkle Teint ihrer Haut gewesen, man hätte sie nicht von Gleichaltrigen irgendwo in Westeuropa unterscheiden können.

Elsa erinnerte sich an den Eselstreiber, den sie kurz zuvor noch gesehen hatte. Alles das im selben Land zur selben Zeit...

Die Männer musterten sie auf eine Art und Weise, die ihr unangenehm war.

Sie blickte sich um. Aber da schien nirgendwo eine Menschenseele zu sein. Niemand außer diesen drei Typen.

Die Männer lachten.

Elsa hatte die instinktive Ahnung, dass es in ihrem Gespräch um sie ging. Mochte sein, dass sich ihr Gefühl manchmal täuschte, hier war sie sich ziemlich sicher.

Sie wollte gehen.

Einfach weg.

Sie fühlte sich in dieser Lage nicht wohl, wandte sich um und lief ein paar Schritte. Dann geschah das, was sie die ganze Zeit über schon befürchtet hatte. Sie sprachen sie an. Erst auf Französisch, dann kurz danach auf Englisch. Schließlich auf Deutsch.

„Woher kommst du?“, fragte einer von ihnen.

Sie blieb stehen und wandte sich zu ihnen um. Die drei kamen näher.

„Deutschland? Germany? Holland? Woher?“

„Deutschland“, sagte sie. Und ihre eigene Stimme klang ihr fremd.

„Deutschland - gut. Mein Bruder lebt dort. In Düsseldorf. Kennst du Düsseldorf?“

„Ja.“

„Ich war auch schon in Deutschland. In Hamburg. Und in Stuttgart. Mein Vater war beim Zirkus.“

Sie wandte sich erneut zum Gehen. Aber sie kam nicht weit. Ein paar Schritte nur.

„Hey, bleib hier!“

Sie sah in ein etwas ärgerliches Gesicht.

„Ich kann etwas Deutsch. Ich will mich nur unterhalten“, erklärte er. Die beiden anderen sahen gespannt zu. Einer grinste ziemlich frech.

„Nur etwas unterhalten“, meinte er. „Nichts verkaufen!“

„Das sagen alle!“, entfuhr es ihr - eine Spur unfreundlicher, als sie geplant hatte. Aber nun war es einmal heraus.

„Deutschland gut“, sagte er davon unbeeindruckt. „Gut im Fußball und gute Autos.“ Er schien gut Wetter machen zu wollen. Dann veränderte sich sein Gesicht ein wenig. „Bist du allein hier?“

Sie zögerte mit der Antwort.

Sie öffnete zwar den Mund, aber es kam nichts über ihre Lippen. Sie wollte keinen Fehler machen. Auf keinen Fall.

„Es ist niemand hier“, stellte er fest. „Hast du einen Mann?“

Daher wehte also der Wind. Er wollte die Besitzverhältnisse abklären und von ihr wissen, ob er bei ihr landen konnte - ohne dabei in die Rechte eines anderen einzugreifen.

„Nein“, sagte sie. „Ich meine, also...“ Sie stammelte etwas zusammen und wusste sofort, dass ihre Antwort ein Fehler gewesen war. Sie hatte es einfach so gesagt, ohne darüber nachzudenken.

Er lächelte, aber sie erwiderte sein Lächeln nicht.

Der junge Mann kam einen Schritt näher.

„Nicht verheiratet?“, fragte er.

Es schien sehr wichtig für ihn zu sein, sonst hätte er sich nicht noch einmal vergewissert.

Er trat einen weiteren Schritt an sie heran, und ehe sie zurückweichen konnte, hatte er sie am Arm gepackt.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er. Aber sie hatte Angst. Sie zitterte sogar. Sie machte ihren Arm frei und wich erneut ein paar Schritte zurück. Die drei folgten ihr.

„Nur etwas reden...“

„Lasst mich in Ruhe!“

„Wir sind ein gastfreundliches Land! Und wir sind zu jedem freundlich, der zu uns freundlich ist...“

Das war schon eine Art Drohung

„Ihr sollt mich zufrieden lassen!“

Sie begann zu laufen. Keuchend hetzte sie vorwärts, während die drei ihr folgten.

Sie spielten mit ihr. Mit ihr und ihrer Furcht. Sie ließ die Schuhe fallen, die sie in der Hand gehalten hatte, und setzte zu einem Spurt an. Sie rannte, so schnell ihre Beine sie zu tragen vermochten.

Die Männer lachten und kamen hinter ihr her.

Elsa wusste kaum, wohin sie rannte. Sie lief einfach in die Dunkelheit hinein, weg vom Meer, weg vom Strand, dorthin, wo Menschen waren.

Möglichst viele Menschen. In der Masse wäre sie vielleicht sicher.

In dem weichen Sand stolperte sie über etwas. Treibholz vielleicht, das die Flut herangespült und die Ebbe nicht wieder mitgenommen hatte. Es lag einiges davon hier am Strand. Sie fiel zu Boden.

Sie fühlte den Sand, der in ihre Kleider drang.

Hinter ihr waren die drei Verfolger zu hören. Sie trugen Turnschuhe und kamen schnell heran. Verzweifelt versuchte sie, wieder auf die Beine zu kommen.

Sie betrachten mich als Freiwild!, schoss es ihr durch den Kopf.

Die Kerle schienen sich vollkommen sicher zu fühlen. Hier am Strand, wo es dunkel war und wo kein Mensch wartete...

Das Rauschen des Meeres und der Lärm der Straße, die am Meer entlangführte, betäubten gemeinsam die Ohren. Auf der Strandpromenade würde niemand etwas hören, wenn die drei jetzt über sie herfielen.

Da sah Elsa eine Gestalt aus der Dunkelheit treten. Sie kam aus genau der Richtung, in die sie wollte. Sie kam von der Straße; dorther, wo das Leben war und die Menschen...

Zuerst erschrak sie, aber dann fiel das Mondlicht so, dass sie ein Gesicht sehen konnte. Es war der Däne, der sie auf der Post fast umgerannt hatte.

Er stand da und schien die Situation sofort zu erfassen. Seine Züge waren ruhig und gelassen. Sie waren sogar kalt. Völlig kalt.

Sie blickte zu ihm auf, dann zurück zum Wasser, dorthin, wo die drei Männer waren.

Dann stand sie auf. Sie stand wie angewurzelt da - und dasselbe galt für die drei, die hinter ihr hergelaufen waren.

Sie blickten stirnrunzelnd auf den Mann, der aus der Dunkelheit getreten war und dessen Absicht es ganz offensichtlich zu sein schien, ihnen den Weg zu verstellen.

Elsa setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, bis sie hinter dem Dänen stand. Sie atmete tief durch.

Die drei versuchten es mit dem Dänen auf Englisch, schließlich war nicht zu übersehen, dass er Europäer war. Aber der Mann antwortete auf Arabisch.

Elsa verstand kein Wort. Aber es schien nicht gerade freundlich zu ein, was er ihnen zu sagen hatte. In Augen der drei Marokkaner blitzte es giftig.

Der Däne blieb so kalt wie zu Anfang. Aber er war aufmerksam. Kein Detail in den Bewegungen seiner Gegner schien ihm zu entgehen. Er durchbohrte sie förmlich mit seinem Blick.

Ein paarmal ging der Wortwechsel hin und her.

Und dann blitzte plötzlich ein Messer im Mondlicht. Die Typen grinsten. Ein zweites Messer wurde gezogen. Ein Springmesser. Gefährlich schnellte die Klinge aus dem Griff heraus, so wie die lange Zunge eines Leguans, der seine Beute blitzschnell erlegt und verspeist.

Leichte Beute - dafür schienen die drei den Dänen auch zu halten. Das Zahlenverhältnis sprach für sie, außerdem wirkte der Däne in seinem eleganten Jackett nicht wie ein geübter Straßenkämpfer, der bereit war, sich mit seinen Gegnern im Dreck zu wälzen.

Das erste Messer schnellte drohend vor, die beiden anderen Männer hielten sich noch zurück. Sie schienen erst einmal abwarten zu wollen. Aber in ihren Gesichter stand ein zuversichtliches Grinsen.

Der Däne packte den rechten Arm seines Gegenübers und drehte ihn brutal herum. Mit einem Schrei ließ er das Messer in den Sand fallen.

Schon Sekundenbruchteile später befand sich der Marokkaner im Würgegriff des Dänen.

Die beiden anderen drängte er mit ein paar unfreundlichen Sätzen auf Arabisch zurück. Sie zögerten, und schienen erst etwas verunsichert und nicht recht schlüssig darüber, wie sie sich verhalten sollten, aber dann entfernten sie sich schnell.

Mit einem rauen Stoß beförderte der Däne den Angreifer dann in den Sand. Mit ungläubigen, weit aufgerissenen Augen machte er sich davon.

Das Messer blieb im Sand liegen.

Elsa hatte die ganze Zeit über wie angewurzelt dagestanden.

„Mein Gott!“, entfuhr es ihr.

Der Däne sah sie an.

Sein Gesicht wirkte entspannt und gelassen. Immer noch schien er ein wenig unterkühlt zu sein.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

Sie nickte.

„Ja.“

„Dann ist es ja gut...“

„Ja... Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn Sie nicht gewesen wären.“

Sie wussten beide, was geschehen wäre.

Aber das war im Moment nicht so wichtig.

Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass er akzentfreies Deutsch gesprochen hatte. Bestes Hochdeutsch. Keinerlei landschaftlicher Einschlag festzustellen. Jedenfalls nicht für Elsa.

Sein Pass war der eines Dänen, aber er hätte auch als Deutscher durchgehen können. Ohne weiteres. Er wäre nirgends als Fremder aufgefallen.

Sie dachte daran, dass sie ihn auch Arabisch und Französisch hatte sprechen hören. Er musste sehr sprachbegabt sein.

„Kommen Sie mit?“

Er runzelte die Stirn.

„Wohin?“

„Zur Polizei.“

„Was wollen Sie dort?“

Sie blickte ihn verständnislos an.

„Aber... Ich meine, diese Typen...“

„Glauben Sie mir, Sie werden mehr Probleme bekommen, als die.“

„Aber es geht doch um... Gerechtigkeit. Ich meine, da kann doch nicht einfach jemand hergehen und einen... „

Er zuckte mit den Schultern und schien ziemlich ungerührt zu sein.

„Hat irgendjemand behauptet, dass es in der Welt gerecht zugeht?“

„Nein, natürlich nicht...“

„Sie können selbstverständlich tun und lassen, was Sie wollen, aber ich gebe Ihnen den Rat, nicht zur Polizei zu gehen. Fehlt Ihnen denn was?“

„Nein...“

„Sind Sie verletzt? Ist irgend etwas Ernsthaftes passiert?“

„Nein, Sie sind ja gerade noch rechtzeitig dazwischen gekommen!“

„Dann sollten sie die Sache auf sich beruhen lassen! Glauben Sie mir. Ich lebe schon eine ganze Weile hier...“

„Aber Sie haben doch alles gesehen! Wenn Ihre Aussage...“

„Sie stellen sich das falsch vor“, meinte er. „Dies ist ein sehr bürokratisches Land. Und eines, in dem Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Vor allem verwandtschaftliche. Wissen Sie was passiert, wenn Sie einen Polizisten nach dem Weg fragen?“

„Nein.“

„Er wird Sie an einen Fremdenführer vermitteln. An irgendeinen entfernten Vetter. Dieser Fremdenführer macht das natürlich nicht umsonst. Er gibt dem Polizisten was, der die Sache vermittelt, hat und bringt Sie dann an Ihr Ziel. Aber nicht auf direktem Wege. Er geht davon aus, dass Sie sich hier nicht auskennen und wird Sie erst einmal an ein paar Geschäften vorbeibringen, mit deren Besitzern er entweder verwandt oder befreundet ist und von denen er vermutlich auch etwas dafür bekommt, dass er Touristen zu ihnen ins Geschäft lockt.“ Er lächelte jetzt ein wenig. „So funktioniert das Leben hier. Das gilt für alle Bereiche. Begreifen Sie jetzt, weshalb ich es nicht für sinnvoll halte, zur Polizei zu gehen?“

„Ich weiß nicht...“

„Eine ordnungsliebende Deutsche, die es gewohnt ist, dass alle Beamten unbestechlich sind und alles gut organisiert ist!“

„Machen Sie sich nicht über mich lustig!“

„Das tue ich nicht. Ganz bestimmt nicht.“

„Wie heißen Sie?“ Es interessierte Elsa auf einmal, was das für ein Mann war, der hier vor ihr stand. Es hatte sie schon gestern in der Post interessiert, aber da war es ihr nicht so bewusst gewesen.

„Ich heiße...“ er schien einen Moment zu zögern, bevor er weitersprach. Elsa konnte sich dieses Zögern nicht erklären. Sie dachte auch nicht weiter darüber nach. Später, viel später sollte es ihr verständlich werden.

„Jensen“, sagte er. „Robert Jensen.“

Er war Däne, sie hatte seinen Pass gesehen. Und sein Name klang wie ein dänischer Name jedenfalls soweit sie das beurteilen konnte. Es war ein Allerweltsname. Dieser Name konnte ebenso gut einem Deutschen, einem Holländer oder einem Belgier flämischer Zunge gehören. Nicht zu vergessen die anderen skandinavischen Länder.

Sie maß dieser Tatsache kaum eine Bedeutung bei, sie dachte einfach so darüber nach.

„Und Sie?“, fragte er dann. „Wie ist Ihr Name?“

Man konnte wirklich keinen Akzent hören. Nicht einmal eine gewisse Unsicherheit in der Auswahl von Wörtern.

„Elsa“, sagte sie. „Elsa Karrendorf.“

„Woher kommen Sie in Deutschland?“

„Osnabrück.“

„Nicht gerade eine Weltstadt. Aber ich war schon einmal dort.“

„Sie sprechen gut Deutsch.“

„Danke.“

„Sie scheinen überhaupt recht sprachbegabt zu sein... Französisch, Arabisch...“

„Ja, es ist besser, man versteht, was die Leute sagen. Sie bescheißen einen dann nicht so leicht. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.“

„Fremdsprachen waren mir immer ein Gräuel.“

„Das ist schade.“

„Ein bisschen Englisch in der Schule. Es ist gerade genug hängengeblieben, dass ich mich durchschlagen kann...“

„Na ja, es gibt so viele deutsche Touristen... Man liest jetzt auch hier Schilder mit der Aufschrift 'Man spricht Deutsch' und 'Dortmunder Kronen'!“

„Ja!“ Sie lachte. „Und 'Wiener Schnitzel'!“

Er lachte jetzt auch und entblößte dabei zwei Reihen makelloser Zähne.

Dann fragte Sie: „Woher kommen Sie - in Dänemark?“

Er runzelte etwas die Stirn. Dann schmunzelte er etwas.

„Mein Deutsch scheint doch nicht so gut zu sein, wenn man gleich hört...“

„Nein, ich habe gestern auf der Post Ihren Pass gesehen.“

„Ich verstehe...“

„Also, woher?“

„Kleines Nest. Kennen Sie bestimmt nicht. Und ich war auch schon lange nicht mehr dort. Schon sehr lange... Wahrscheinlich würde ich es gar nicht wiedererkennen.“

Sie stand vor ihm und fühlte sich plötzlich etwas verlegen. Ein paar Augenblicke lang hielt das unangenehme Schweigen an.

Dann meinte er plötzlich: „Soll ich Sie zu Ihrem Hotel bringen?“

Sie nickte. Er vermittelte ihr das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit; ein Gefühl, nachdem sie gerade jetzt, nach diesem unangenehmen Vorfall, ein großes Verlangen hatte.

Also sagte sie: „Ja.“

Sie sagte es schnell und ohne auch nur einen Moment zu zögern, denn sie hatte das Gefühl, dass sie diesem Mann vertrauen konnte.

„Gut, dann gehen wir.“

„Ja, aber ich will erst noch zum Wasser zurück.“

„Warum?“

„Meine Schuhe - ich habe sie verloren, als ich vor den Dreien davongerannt bin...“

„Sehen wir mal nach. Aber ich glaube nicht, dass wir sie wiederfinden.“

Sie fanden sie doch wieder. Gegen alle Wahrscheinlichkeit. Sie lagen im Sand, und Elsa hob sie auf, schüttelte sie aus und streifte sie über ihre nackten Füße.

Es waren billige Textilschuhe. Einer hatte bereits ein Loch an der Seite.

Unwillkürlich kamen ihr die Schuhe ins Blickfeld, die Robert Jensen trug. Es waren Leder-Slipper.

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