Logo weiterlesen.de
Tod in Saint Merlot

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Der Absturz
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35

Über dieses Buch

Bei einem Urlaub in der Provence verliebt sich die Britin Penelope Kite in einen alten Bauernhof. Kurzerhand erwirbt die Frührentnerin das Gehöft und zieht um. Doch kaum angekommen, erlebt sie den Schreck ihres Lebens: Im Swimmingpool schwimmt eine Leiche! Es ist Manuel Avore, der ehemalige Besitzer des Hofes, der diesen wegen Spielschulden verkaufen musste. Die Polizei geht von einem Unfall aus, doch Penelope ist sich da nicht so sicher. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln …

Über die Autorin

Serena Kent ist das Pseudonym des Autorenehepaars Deborah Lawrenson und Robert Rees. Deborah wuchs in Kuwait, China, Belgien, Luxemburg und Singapur auf. Sie studierte am Trinity College in Cambridge und arbeitete als Journalistin für verschiedene Zeitungen, u. a. für The Daily Mail, Mail on Sunday und Woman’s Journal. Sie hat bereits acht Romane veröffentlicht, die in zwölf Sprachen übersetzt wurden. Robert studierte erst am Eton College, anschließend ebenfalls am Trinity College in Cambridge. Nach einer Karriere als Banker entschloss er sich, sich seiner Leidenschaft, der Musik, zu widmen. Heute komponiert und dirigiert er Musik für Theaterstücke. Das Ehepaar lebt gemeinsam mit der Tochter Madeleine in Kent. Seit etwa zehn Jahren besitzen sie zudem einen alten Hof an den Hängen des Luberons in der Provence, den sie selbst renoviert haben.

SERENA KENT

TOD IN SAINT MERLOT

Ein Provence-Krimi

Aus dem Englischen von
Linda Budinger und Alexander Lohmann

Der Absturz

Penelope Kite stand in der Tür ihres Traumhauses und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Die Wärme des Vormittags hing feucht und schwer über dem Land. Der August war eine einzige, niemals nachlassende Hitzewelle.

Das Gras im Hof reichte ihr bis zur Hüfte, und der penetrante Singsang Tausender Zikaden erfüllte die Luft. Dann und wann löste sich eine große Wespe aus dem Schwarm beim Feigenbaum, um wie ein kleiner, aber unheimlicher Kampfhubschrauber eine Runde durch die Küche zu drehen.

Wieder einmal ließ sie die kaputte Fliegenklatsche auf die dicke allgegenwärtige Staubschicht knallen, und wieder einmal verfehlte sie ihr Ziel.

»Was habe ich mir dabei gedacht?«

Die Steinfliesen in der Küche gaben keine Antwort.

Sie setzte sich auf einen Holzstuhl, der unheilvoll ächzte. Sie musste sich ganz eindeutig bei den Croissants zurückhalten.

»Was habe ich nur getan?«, klagte sie den Wänden.

Nun, zum einen hast du gestern eine ganze Flasche billigen Rosé gekippt, schienen diese zu spotten. Das war nicht sehr schlau.

Sie hatte fürchterliche Kopfschmerzen.

Allmählich befürchtete sie, dass sie sich mit dieser Bruchbude mehr zugemutet hatte, als sie schaffen konnte, und sie war ganz allein selbst schuld.

In den Tagen und Wochen danach grübelte sie immer wieder über diese entscheidenden Stunden nach, bis sie ihr ganz unwirklich vorkamen. Und dann dachte sie jedes Mal, dass diese von Hitze und Kopfschmerz vernebelte Panik in der Küche gar nichts war im Vergleich zu dem, was noch folgen sollte.

Denn einer Sache war Penelope sich gewiss: Sie hatte das Haus zu diesem Zeitpunkt nicht verlassen und sich dem grellen Tageslicht des Gartens erst Stunden später gestellt. So hatte sie unmöglich wissen können, was dort kopfüber in ihrem Schwimmbecken trieb.

1

Im Frühling war alles so anders gewesen.

Penelope hatte sich unter dem wolkenlos blauen Himmel Südfrankreichs so energiegeladen gefühlt. Nach einem besonders furchtbaren Weihnachtsfest im Kreise ihrer beiden Kinder und deren unerträglichen Familien war sie vor den Osterfeiertagen geflüchtet, da sich, nur mit ein paar Schokoeiern, dasselbe zu wiederholen drohte. Diese zwei traumhaft ruhigen Wochen im April weckten in ihr die Sehnsucht, länger zu bleiben.

Die Côte d’Azur war längst zu einem Wimbledon-sur-Mer geworden, aber das Luberon-Tal war bezaubernd. Während ihrer Ehe hatte Penelope die Provence häufiger besucht und sich in dieser sonnigen Landschaft stets entspannen können – selbst wenn ihr Exmann so kühl und distanziert geblieben war wie der zackige Bergrücken, der wie eine blaue Kulisse hinter den uralten Hügeldörfern aufragte. Kirchen, zerfallene Burgen und enge Gassen, die den warmen Süden versprachen, dazu üppige Obstgärten und Weinberge. Das Leben wirkte so viel entspannter hier, ohne lärmende Dauergäste – vor allem ohne Engländer aus dem Londoner Umland.

Am Ende der ersten Woche hatte sie sich süßen Tagträumen hingegeben und Verkaufsangebote in den Fenstern der Maklerbüros studiert. Ein paar Tage später, nach einer besonders guten Karaffe Rosé zum Mittagessen, betrat sie schließlich eine Immobilienagentur im hübschen Dorf Ménerbes.

Die Frau hinter dem Schreibtisch nickte Penelope zu und setzte in aller Ruhe ihr Telefongespräch fort. Sie war der Inbegriff einer eleganten Pariserin in den Vierzigern. Blondes Haar wippte lässig bei jeder Bewegung und umspielte ein perfekt geschminktes Gesicht – zweifellos das Ergebnis der ungemein wirksamen französischen Elixiere und Hautcremes. Die schmal geschnittene marineblaue Jacke sah aus wie original Chanel. Penelope fühlte sich bei diesem Anblick dick und schlampig angezogen.

Mit einer schwungvollen Handbewegung, bei der Anhänger des vergoldeten Armbands klimperten, legte die Frau schließlich den Hörer auf und musterte ihre potenzielle Kundin. Es war diese Art von Blick, mit dem man Leute in die Flucht schlug, die einem nur die Zeit stahlen. Davon gab es hier vermutlich eine ganze Menge.

Penelope setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf. »Bonjour, Madame.«

»Bonjour. Comment je peux vous aider?«

Ein hübsches Natursteinhaus, erklärte Penelope in stockendem Französisch, danach suche sie. In Hanglage, mit Aussicht und einem Garten – aber nicht zu viel Grundstück. Drei Zimmer und zwei Badezimmer. Ein Swimmingpool oder den Platz, um einen zu bauen.

Meine Güte, dachte sie dabei. Ihre Tagträume waren ja schon sehr konkret.

»Ich habe verschiedene Angebote, die Sie interessieren könnten«, erwiderte die Französin in perfektem Englisch.

Penelope wusste nicht, ob sie erleichtert sein sollte oder verärgert. »Ah, gut«, sagte sie.

»Ich heiße Madame Valencourt. Sie können entweder einen Termin zur Besichtigung vereinbaren. Oder – Sie kommen gleich mit mir.« Sie hielt einen rot lackierten Fingernagel in die Höhe. »Vous avez de la chance, Madame. Sie haben großes Glück.«

»Habe ich?«

»Mais oui, Madame.«

Penelope hatte keine Ahnung, was dieser Glücksfall sein sollte, während sie aus dem Büro zu einem glänzend roten Mini Cooper geführt wurde, der farblich zu den lackierten Nägeln passte. Vielleicht hätte sie nicht all den köstlichen Rosé trinken sollen. Er machte sie übermütig.

»Wir müssen uns beeilen.« Ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer raste die Maklerin los und schoss durch die schmalen Gassen aufs Land hinaus, vorbei an Gärten mit blühenden Mandelbäumen, die aussahen wie eine Schneelandschaft. Die ersten grünen Triebe sprossen an den knorrigen Weinranken. Hier und dort standen Menschen vornübergebeugt auf den Feldern und prüften die Aussaat.

Ruckartig scherte der Wagen zur Seite aus. Penelope umklammerte mit der linken Hand den Sicherheitsgurt, die rechte umkrallte den Türgriff. Sie bewegte instinktiv den Fuß zum Bremsen, als sie einen Mercedes überholten, geradewegs auf einen entgegenkommenden Traktor zu.

Madame Valencourt ignorierte sämtliche Radfahrer und Touristen, die sich fluchtartig in Sicherheit brachten, und führte eine geschäftsmäßige Konversation, in der sie beiläufig Penelopes Referenzen als Käuferin auslotete (offenbar zufriedenstellend), sie nach bisherigen Aufenthalten in Frankreich befragte, Familienstand und den Verlauf der Scheidung abklärte (ebenfalls zufriedenstellend) sowie die frühere berufliche Laufbahn (deutliche Anzeichen von Respekt). Das Auto sauste derweil die schmaler werdenden Straßen die Luberon-Gebirgskette hinauf, fort von den schicken Dörfern, die bei französischen Kabinettsmitgliedern, deren Geliebten und Fotografen der Paris Match so beliebt waren, und hinein in eine Landschaft aus Pinien und Steineichen.

Es herrschte weniger Verkehr, sodass sich Penelopes Herzschlag allmählich beruhigte.

»La belle Provence!«, verkündete Madame Valencourt, als sie auf einen mit Schlaglöchern übersäten Pfad einbogen, der an einem dichtem Gestrüpp und dornigen Wacholdersträuchern vorbeiführte. Sie zog an einem rostigen Traktor vorbei, der auf einem verwilderten Feld stand, brachte das Auto vor einem steinernen Torbogen zum Stehen und machte eine ausladende Geste.

»Voilà. Le Chant d’Eau. ›Das Lied des Wassers‹ – so heißt das Anwesen. Es ist ein alter Bauernhof.«

Penelopes Blick folgte dem manikürten Finger ihrer Begleiterin.

Das Anwesen wirkte heruntergekommen. Ein paar größere Nebengebäude lagen unter dickem Efeu begraben. Das zweistöckige Bauernhaus selbst war aus dem in dieser Gegend üblichen hellen Naturstein errichtet. Von den hölzernen Fensterläden blätterte violette Farbe ab. Einige hingen schief in den Angeln. Penelope konnte sich sofort ausmalen, wie sich das Anwesen wieder herrichten ließe. Ein luftiges Wohnzimmer, eine Terrasse, auf der man abends unter einem Sternenhimmel essen konnte.

Nein, ermahnte sie sich selbst, hör auf damit! Bleib am Boden. Sie hatte nur Kaufinteresse vorgetäuscht, um nicht sofort abgefertigt zu werden.

Aber … ein heruntergekommenes Bauernhaus in der Provence, sinnierte Penelope, als die Maklerin mit einem großen Schlüssel die Tür entriegelte. Was ich daraus machen könnte!

Der dunkle Flur roch muffig und nach Mäusen. Penelope atmete flacher. Madame Valencourt schritt auf ihren hochhackigen, klackernden Sandalen voran. Penelope folgte, sich Schritt für Schritt vorantastend. In einem geräumigen Zimmer, das sich als Küche entpuppte, öffnete die Maklerin das Fenster und stieß mit einem schauerlichen Knarren die Fensterläden auf. Licht strömte herein und beleuchtete die staubigen Oberflächen.

Das Haus stand offensichtlich schon seit einiger Zeit leer. Penelope betätigte den Lichtschalter, aber nichts geschah.

Madame Valencourt öffnete die Hintertür, und Penelope hielt den Atem an. Von der Rückseite des Hauses aus blickte sie über das weitläufige Panorama des Luberon-Tals hinweg. In der Nähe thronte Saignon wie eine verzauberte Burg auf einem Felsvorsprung. Unten im Tal lag die Stadt Apt. Weiter entfernt ragte der große rote Monolith empor, auf dem Roussillon lag, und dahinter erhob sich stolz das berühmte Dorf Gordes auf einem Felsausläufer. Auf der einen Seite erstreckten sich die Berge des Kleinen Luberon bis zur Rhône, auf der anderen ragte hinter den Hügeln der kahle Gipfel des Mont Ventoux mit seiner schneeweißen Kalksteinspitze in die Höhe.

»Schauen Sie, Madame, Sie haben Glück! Das Anwesen ist noch nicht auf dem Markt. Sie sind die Erste, die es besichtigen kann.«

»Es ist wunderschön.« Penelope schnürte es die Kehle zu. Die Lage war unglaublich.

»Natürlich gibt es ein paar Schönheitsfehler.« Madame Valencourt zuckte mit den Achseln, als wollte sie damit andeuten, dass es kein original provenzalisches Anwesen wäre, wenn es keine original provenzalischen Probleme dazu gäbe. »Doch die lassen sich beheben. Sie könnten selbstverständlich einen Neubau kaufen, aber eine solche Atmosphäre finden Sie dort nicht, kein altes Mauerwerk oder diese Aussicht. All das lässt sich nicht einfach einbauen, wenn es erst gar nicht existiert.«

»Nein. Allerdings nicht.«

»Sehen Sie sich um. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen.«

»Danke.«

Die Holzbalken und Fliesenböden im provenzalischen Stil waren intakt. Die Schlafzimmer im Obergeschoss – es gab drei – waren gut geschnitten und hatten hohe Decken. Das Badezimmer war ein Schandfleck, aber der Ausblick auf das Tal über das verdreckte Waschbecken hinweg glich das mehr als aus. Penelope fragte sich, ob es dekadent wäre, eine Dusche so einzubauen, dass sie die Aussicht schon morgens genießen konnte. Dann rief sie sich zur Ordnung: Sie war nur aus Neugierde hier.

Hinter dem Haus wucherte üppiges Gras. Pflaumenbäume standen in voller Blüte. Ein kleiner Baum, vielleicht eine Quitte, trug büschelweise rosarote Blüten.

Sie schlenderten zu einer tiefer gelegenen Terrasse, wo die silberfarbenen Blätter von ein paar Olivenbäumen in der sanften Brise raschelten. Madame Valencourt führte Penelope zu den Überresten einer Tür in einer efeubewachsenen Mauer. Mit einiger Mühe konnte die Maklerin das Türblatt schließlich gegen den Widerstand eines modernden Laubhaufens aufdrücken. Penelope blickte durch die Öffnung und unterdrückte einen Freudenschrei.

Eine Mauer umgab einen verfallenen, aber dennoch beeindruckenden rechteckigen Swimmingpool. Eine Römische Treppe führte zum Grund des Beckens, der sich im trüben und mit Blättern bedeckten Wasser kaum ausmachen ließ. Einstmals elegante Zypressen standen braun und tot an den vier Ecken des Pools. In einem Winkel befand sich ein baufälliges Pumpenhäuschen mit einer Halbtür, die an den Resten der Scharniere baumelte. Bogenförmige Öffnungen im hinteren Teil der Mauer, die den Pool umschloss, gewährten Ausblick auf das Tal.

Es war perfekt.

Auf dem Rückweg nach Ménerbes war Penelope so tief in Gedanken versunken, dass sie kaum zusammenzuckte, als Madame Valencourt in einer unübersichtlichen Kurve zum Überholen ausscherte und einem Pizzawagen so knapp auswich, dass man die Hand nach einem Stück Margherita hätte ausstrecken können.

»Was halten Sie davon?«, fragte die Maklerin, als sie mit kreischenden Bremsen vor ihrem Büro zum Stehen kamen.

»Dass ich unmöglich das erste Haus kaufen kann, das ich mir angesehen habe«, entgegnete Penelope. »Das wäre einfach dumm.«

In den nächsten Tagen bewies Madame Valencourt, wie mühelos sie durch alte Bauernhäuser schreiten konnte, ohne sich ihre makellose Kleidung oder die Frisur zu ruinieren. Penelope konnte nur neidvoll zuschauen, während sie selbst mit hochrotem Gesicht und schwitzend nach einer halsbrecherischen Fahrt durch die alte Eichentür des nächsten Anwesens an den Hängen des Luberon-Tals stolperte.

Keines war so schön wie das erste.

Nach einem weiteren Vormittag voll sinnloser Bemühungen, im weißen Wohnzimmer eines Hauses, das für die Bedürfnisse eines Minimalisten ausgestattet war – das Badezimmer war ein weißer Würfel, der begehbare Kleiderschrank enthielt nur weiße Kleidung und in der strahlend weißen Küche gab es keinen Hinweis auf etwas so Gewöhnliches wie einen Herd –, wandte sich die Französin an sie und erklärte: »Das ist nichts für Sie.«

»Nein, allerdings nicht.«

»Es ist zu sauber, zu schick. Le Chant d’Eau in St Merlot – das ist das Richtige für Sie.«

Ganz schön unverschämt. Oder einfach nur aufrichtig? Penelope streckte sich, auch wenn sie in ihrem Wickelkleid von Marks & Spencer gewiss wenig Eindruck schindete. Zweifellos hatte Madame Valencourt mit ihren Laseraugen bereits ihr Urteil gefällt – über den notwendigen Elastananteil ebenso wie über die unmöglichen, aber bequemen – und sehr preiswerten – Wildlederstiefel, die sie trug.

Penelope hatte ihren Stolz. »Ich weiß nicht recht.«

»Es ist alt und braucht Zuwendung.«

Das war jetzt definitiv unhöflich. Penelope versuchte, den Bauch einzuziehen.

»Aber es könnte wieder aufblühen«, fuhr Madame Valencourt leichthin fort.

»Gut zu wissen.«

»Es wurde jahrelang vernachlässigt. Die Besitzer lebten in Lyon und schauten in den letzten Jahren kaum noch vorbei.«

»Warum in aller Welt haben sie das nicht getan?«

»Sie waren alt, und jetzt sind beide verstorben, und die Kinder wollen es verkaufen. Ich bringe Sie hin, damit Sie es sich noch einmal ansehen können.«

*

Zurück in England beglückwünschte Penelope sich selbst zu den beiden interessanten Wochen im Luberon. Sie hatte einiges mehr vom örtlichen Leben gesehen, als wenn sie nur von ihrem gemieteten gîte in Ménerbes aus zum nächsten Restaurant gewandert wäre und Rosé getrunken hätte. Sie hatte spannende Ausflüge erlebt und – nun, da sie es überlebt hatte und davon erzählen konnte – auch eine gehörige Portion Gefahr, für die Madame Valencourts halsbrecherischer Fahrstil gesorgt hatte.

Mit großem Vergnügen berichtete sie von der aufregenden Suche nach alten Häusern, der Schönheit des Tales und ihren Abenteuern. Für die Familie mochte es außerdem heilsam sein, wenn sie den Eindruck erweckte, dass sie einfach ins Ausland ziehen und ihre Kinder sich selbst um ihre Probleme kümmern konnten. Seit sie vorzeitig in Rente gegangen war, nahmen sie sie viel zu selbstverständlich als allzeit bereite, unbezahlte Babysitterin, als Chauffeuse oder Köchin in Anspruch.

All das tat sie gern und aus Liebe – aber etwas mehr Dankbarkeit wäre schon angebracht.

»Typisch«, bemerkte Justin. »Du denkst nur an dich selbst.«

Mit seinen neunundzwanzig Jahren war er ein bedenklich genaues Abbild seines Vaters geworden. Er war genauso egozentrisch und ebenso leicht bereit, ihr für alles die Schuld zu geben. Kein Wunder, dass seine Freundin Hannah immer griesgrämiger wirkte. Und ihr zweijähriger Sohn Rory war die reinste Plage.

»Würde ich nur an mich selbst denken, würde ich mich dieses Wochenende kaum um Rory kümmern, während du und Hannah euch eine Auszeit gönnt«, erinnerte ihn Penelope. »Oder ihn donnerstags von der Spielgruppe abholen und ihm seinen Tee machen, wenn Hannah zum Pilates geht.«

»Ich dachte, Großmütter mögen Zeit mit den Enkeln. Wir tun dir einen Gefallen.«

»Vielen Dank dafür.«

»Für ein paar Pfund finden wir leicht einen Babysitter. Kein Problem.«

Er hatte auch die Arroganz seines Vaters in Sachen Geld geerbt. Jedenfalls, seit es so aussah, als würde er in seinem Job bei einer Investmentbank Karriere machen.

Seine ältere Schwester Lena war nicht ganz so grob, vor allem, weil sie wieder schwanger war und Penelopes Unterstützung brauchte. Lenas Mann James gründete gerade ein Start-up für Abenteuerurlaub und war kaum zu Hause. Dazu steckte er eine Menge Geld in die Firma. Penelope wurde oft gebeten, auf Zack und Xerxes aufzupassen, die mit ihren vier beziehungsweise drei Jahren schon richtige kleine Diktatoren waren. Xerxes! Wie um Himmels willen würde das nächste heißen – Dschingis?

»Was soll ich ohne dich machen? Du kannst nicht fortziehen!«, jammerte Lena. »Ist es wegen der Teller, die die Jungs zerschlagen haben, weil du sie nicht in deiner Küche Fußball spielen lassen wolltest?«

Die Streitereien gingen weiter und führten zu nichts. Lena versprach, ihre Jungs in Zukunft zurechtzuweisen. Justin entschuldigte sich und versicherte ihr, Hannah habe es nicht so gemeint, als sie Penelope eine »hypernervöse, gemeine Spießerin aus dem Londoner Hinterhof« nannte, »die keine Ahnung von der modernen Welt hat«.

Das hatte wehgetan. Vor allem, wenn Penelope an die Jahre zurückdachte, in denen sie selbst noch jung gewesen war und nach ihrer Heirat mit David – einem charmanten Witwer mit traurigem, verwirrtem Lächeln und zwei kleinen Kindern – alles gab, um eine gute Mutter zu sein. Auf der anderen Seite hatte der Spruch sie auch veranlasst, bei einem teuren Londoner Friseur einen Termin zu buchen und sich gründlich verschönern zu lassen.

Sie kehrte mit einem fransigen Bob zurück, der die Fülle ihres rotgoldenen Haares viel besser zur Geltung brachte. Seit sie im vergangenen Jahr fünfzig geworden war, hatte das Alter seine Spuren an ihrem Körper hinterlassen, doch Penelope war stolz darauf, dass sie noch keine einzige graue Strähne hatte. Nicht, dass nur eine ihrer Freundinnen ihr das glaubte, aber es stimmte.

Anschließend ging sie einkaufen. Das war ein seltenes Ereignis geworden. Der Kauf von Kleidung konnte eine traumatisierende Erfahrung werden, wenn der Körper mit der Zeit auseinanderging und der Spiegel das schonungslos zeigte. Diesmal munterte es Penelope auf. Ungeachtet des Aussehens fühlte sie sich im Herzen so jung wie schon seit Langem nicht. Zwanzig Jahre lang hatte sie versucht, sowohl eine gute Ehefrau und gute Mutter zu sein, obwohl sie ziemlich oft dabei unglücklich war. Doch vor fünf Jahren hatte sie David nach einer weiteren Affäre verlassen. Seine Affären, natürlich. Sie selbst war ihm bis zur Trennung vollkommen treu geblieben.

Penelope traf sich mit Freundinnen zum Mittagessen im Café Rouge, versuchte, Interesse am Bridgespiel aufzubringen, sie war für Lena und Justin und deren Familien da und ertrug all die kleinen Unannehmlichkeiten, die das Leben in Südengland mit sich brachte: In der Nähe von London zu leben hatte ebenso viele Nachteile wie Vorteile – endlose Staus und Baustellen; unfreundliche junge Verkäufer in den Geschäften; das Gemecker der Leute, die dann stets hinzufügten: »Aber ich sollte nicht meckern«; Regen, Kälte und deprimierend graue Tage; die Casting-Shows im Fernsehen.

Aus dem ewigen Nieselregen war gerade ein Sturzbach geworden, als das Telefon klingelte und ein Anruf aus Frankreich kam.

»Allo? Madame Kite?«

»Oui«, antwortete Penelope.

»Clémence Valencourt von der Agence Hublot in Ménerbes. Ich dachte, Sie würden gern erfahren, dass Le Chant d’Eau nun zum Kauf steht.«

Penelope war überrumpelt und wusste nicht, was sie sagen sollte. Draußen klapperten die Regenrinnen, während der Wind den Wolkenbruch unbarmherzig durch den Bolingbroke Drive trieb.

»Madame? Sind Sie noch am Apparat?«

»Ja, ja … Verzeihen Sie bitte, ich habe Sie nicht ganz verstanden. Sie meinen das Anwesen in St Merlot? Ich dachte, das wäre bereits zu verkaufen gewesen, als wir es besichtigt haben.«

»Ja … und nein. Rein rechtlich gesehen konnte es nicht veräußert werden, da die Besitzrechte an einem kleinen Teil des Grundstücks ungeklärt waren.«

»Nun … wie sieht es jetzt aus?«

»Die Besitzrechte wurden geklärt und rechtsgültig ins Grundbuch eingetragen. Das Land kann nun problemlos verkauft werden. Es gibt weitere Kunden, die sich dafür interessieren. Aber ich weiß genau, dass dieses Haus perfekt zu Ihnen passt. Und bei so was liege ich immer richtig.«

Na, diese Französin hatte Nerven.

»Ja, es ist alt und schäbig, genau wie ich«, gab Penelope gereizt zurück. »Mir ist schon klar, was Sie sagen wollen.« Selbst am Telefon schaffte es diese Französin, dass sie sich plump und riesig fühlte, obwohl sie mit 1,67 Meter nicht gerade eine amazonenhafte Statur hatte und die harte Diät zumindest etwas Wirkung zeigte.

»Überhaupt nicht«, erwiderte Madame Valencourt. »Das Haus wurde bedauerlicherweise vernachlässigt, aber es ist etwas ganz Besonderes, eine große Schönheit, die nur ein wenig Liebe und Zuwendung benötigt, um wieder zu erstrahlen.«

Penelope zog die Strickjacke fester um sich. »Ich glaube, ich verstehe, was Sie ausdrücken möchten.« In Gedanken sah sie die Aussicht aufs Tal vor sich, diesen außerordentlichen Blick auf die Felsenburg von Saignon, die gezackten Berge und kurvenreichen Straßen. Der blaue Himmel und die warme Sonne. Ein Glas Rosé auf einem kleinen schmiedeeisernen Tisch auf der Terrasse, vielleicht mit einer handbemalten Terrakottaschale voll schwarzer Oliven daneben, bestreut mit herbes des Provence …

»Der Preis ist überaus annehmbar. Die Bausubstanz ist gut. Und ich kann Ihnen bei der Suche nach Handwerkern helfen, die das Haus ganz nach Ihren Vorstellungen renovieren.« Die Stimme der Französin wurde zu einem liebenswürdigen Schnurren.

Ungebeten stiegen weitere Bilder aus Penelopes verlockenden Tagträumen auf … lange Sommertage, an denen sie endlich malen lernen konnte. Wunderbar frisches Obst und Gemüse zum Anbauen und Kochen. Die Gelegenheit, neue und interessante Menschen kennenzulernen. Der kleine Schreibtisch vor dem offenen Fenster. Und natürlich ihre Musik. Sie könnte wieder Cello spielen. Eine neue Umgebung würde ihr den Schwung verleihen, der ihr hier in Esher fehlte … hier, wo sie den Sinn für die Musik verloren hatte. Ein Neuanfang …

Mit aller Gewalt verdrängte sie diese Träumereien. »Auf keinen Fall. Auf so eine Sache kann ich mich unmöglich einlassen. Allein die Vorstellung ist absurd!«

2

Das Haus und das Grundstück wurden ordnungsgemäß erworben und der Besitz übertragen; ein Notar in Avignon prüfte all die komplizierten Rechtsfragen. Penelope flog für zwei Tage nach Südfrankreich. Einen Großteil dieser Zeit verbrachte sie in der Kanzlei des Notars und hörte zu, wie er eine Art Hausbesitzer-Version von »Krieg und Frieden« vorlas und dabei jeden Aspekt aus der Geschichte Le Chant d’Eaus aufzählte, einschließlich des aktuellen Zustands in Bezug auf Energieverbrauch, Bleifarbe und Insektenbefall. Das Haus in Esher, das plötzlich wie ein Musterbeispiel sorglosen Grundbesitzes erschien, wurde vermietet, und der größte Teil ihrer Habseligkeiten landete in einem Lagerraum.

»Ich mache das nicht, um euch zu ärgern!«, beteuerte sie noch einmal gegenüber den Kindern. »Ich tue das für mich, weil ich auch ein Leben habe.«

Erst redeten sie gar nicht mehr mit ihr, dann stritten sie weiter. Justin hielt ihr einen Vortrag über familiäre Verpflichtungen und gab ihr die Adresse eines Facharztes, der auf Hormontherapie und Beratung bei Wechseljahresproblemen spezialisiert war. Lena war außer sich. Zack und Xerxes jammerten und heulten und traten Penelope gegen die Schienbeine, als sie mit ihnen schimpfte.

Penelope liebte ihre Familie, aber sie war überzeugt, dass es ihnen guttäte, eine Weile ohne sie auskommen zu müssen.

Als sie zum Umzug bereit war, war es August. Die perfekte Zeit, um ein altes Haus in der Provence zu beziehen. Sie musste sich noch keine Gedanken um die Heizung machen, und es blieb lang genug hell. Penelope hatte sich einen fast neuen dunkelblauen Range Rover gekauft, um sich auf den Straßen sicher zu fühlen und sich keine Gedanken über den ausgefahrenen Weg zu ihrem Haus machen zu müssen oder darüber, im Winter in den Bergen festzusitzen. Außerdem war der Wagen groß genug für all die lebensnotwendigen Dinge, die sie mitgebracht hatte.

Drei Tage lang fuhr sie durch Frankreich. Unterwegs verwöhnte sie sich mit Übernachtungen in Wellness-Hotels, und die erste Nacht in der Provence verbrachte sie in einer erstklassigen Pension in Avignon. Sie wusste nicht, wann sie das nächste Mal so komfortabel schlafen würde.

Am nächsten Morgen fuhr sie als Erstes nach Ménerbes, wo sie Madame Valencourt in der Agence Hublot die Hand schüttelte und den Schlüssel zu ihrem Anwesen abholte. Die übrigen Schlüssel sollten in einem Holzkasten in einer Küchenschublade liegen.

Trotz der Müdigkeit nach der langen Fahrt packte Penelope die Aufregung. Sie hatte es geschafft! Sie steuerte den Range Rover nach Osten entlang der D900, der Hauptstraße im Tal, mit dem imposanten Bergpanorama des Luberon zu ihrer Rechten. Apfel- und Pflaumenbaumplantagen säumten die Route. Alte steinerne Mühlen und Bauernhöfe standen zwischen Feldern mit geschnittenem Lavendel und Weingärten. Auf den kleineren Hügeln klebten Steingebäude, Burgen und Kirchen wie Zuckergusskleckse auf einem Kuchen. Silbrige Olivenbaumblätter wehten wie zur Begrüßung in einer leichten Brise.

St Merlot war ein verschlafenes Dorf am weniger angesagten Ende des Luberon-Tals, aber genau das machte seinen Reiz aus. Die Straße führte verborgen durch felsige Einschnitte hinab über den Felsvorsprung von Saignon und wand sich dann weiter bergauf durch die hügelige Landschaft.

Penelope bemerkte ein kleines heruntergekommenes Haus, das den Abzweig zum Le Chant d’Eau markierte. Aber sie fuhr erst einmal weiter ins Dorf hinauf. St Merlot war ein ursprünglicher und unberührter Ort abseits der gängigen touristischen Routen, ein Flecken aus sonnig goldenem Stein auf einem sanften Hügel, umgeben von Trockenmauern und Wildblumen. Hier gab es weder eine Burgruine noch eine große Kirche.

Die Straße durchquerte ein kleines Wäldchen und dann einen Kirschbaumhain. Der ältere Teil des Ortes mit seinen verwinkelten Straßen und versteckten Gassen, lag auf der linken Seite. Penelope fuhr nach rechts und parkte in der Nähe eines großen Platzes, der von Platanen gesäumt war. An zwei Seiten standen hinter den Bäumen helle, ockerfarben verputzte Häuser mit bunt bemalten Fensterläden. An einer weiteren Seite lief die Straße entlang, und die vierte öffnete sich zu einem atemberaubenden Blick ins Tal.

Der Platz war leer, abgesehen von einem alten Mann, der auf einer Bank im Schatten saß und La Provence las. Am Rand stand ein lavendelfarbener Oldtimer-Bus mit der Aufschrift »Bibliobus« und dem Bild eines Bücherregals. Hinzu kam eine kleine Tankstelle mit einer einzelnen Zapfsäule, wo ein Mann in Overall und mit Sonnenbrille sich gerade um ein Auto kümmerte. Schön zu sehen, dachte Penelope – guter altmodischer persönlicher Service.

Die fruiterie-épicerie auf der anderen Straßenseite bot ebenfalls einen willkommenen Anblick. Vor dem Laden lagen Pfirsiche und Nektarinen aufgestapelt, die verführerisch reif waren und einen süßen Duft verströmten. Penelope betrat das Geschäft. Sie hatte allmählich das Gefühl anzukommen.

Sie kaufte einige Stücke frischen Ziegenkäse, jambon cru, Tomaten, Oliven, Pfirsiche, eine orangefarbene Cavaillon-Melone und eine Flasche des regionalen Rosé. Das würde für Mittag- und ein Abendessen reichen.

Als sie nach Brot fragte, wies die Frau hinter dem Tresen auf die andere Ecke des Platzes. Penelope dankte ihr und blinzelte gegen die Helligkeit an, während sie hinüberwanderte. Die boulangerie war ein schmales gelbes Gebäude mit ein paar Stühlen und Tischen unter einer mit wildem Wein bewachsenen Pergola. Sie kaufte ein Baguette mit goldener Kruste und bestellte spontan ein Stück Aprikosenkuchen hinzu. Es sah so appetitlich aus, dass sie unmöglich widerstehen konnte. Das konnte künftig zu einem Problem werden.

Als sie schließlich das Ende der von Schlaglöchern übersäten Zufahrt zum Le Chant d’Eau erreichte, sank ihre gute Laune abrupt.

Der alte Bauernhof war kaum wiederzuerkennen.

Seit ihrem letzten Besuch im Frühling war das Gras in ungeahnte Höhen emporgeschossen. Als sie die massive Eichentür öffnete, löste sich ein großer Klumpen Putz von der Decke, landete auf dem Fliesenboden, zerplatzte und wirbelte weiteren Staub auf, der bereits schwer in der Luft hing.

Sie atmete tief durch. Ruhig bleiben. »Das ist mein Abenteuer«, sprach sie sich Mut zu. Sie musste sich zusammenreißen und etwas draus machen.

Sie ging zum Auto zurück und holte Mineralwasser, einen Petroleumkocher, ein Campingbett, Kerzen, Streichhölzer, Putzgeräte sowie Wein und weitere Notvorräte ins Haus. Sie legte Schalter um und drehte an den Wasserhähnen mit mehr Hoffnung als Glaube. Nichts geschah.

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wünschte sie sich, sie wäre nicht alleine. Dass sie jemanden an ihrer Seite hätte, mit dem sie die Verantwortung teilen – und dem sie vielleicht Mitschuld an diesem Wahnsinn geben könnte. Sie zupfte sich ein Stück Putz aus den Haaren, die inzwischen nicht mehr ganz so glänzten wie nach dem Besuch beim Friseur, aber immer noch genug, um Madame Valencourt ein wohlwollendes Nicken zu entlocken, als sie die Schlüssel abgeholt hatte.

Ihr Handy summte.

»Sind Sie angekommen?« Es war Madame Valencourt.

Penelope war geradezu absurd erfreut über den Anruf, obwohl sie hoffte, dass man es ihr nicht allzu deutlich anhörte. »Das bin ich.« Ich habe den ganzen Weg von England bis hierher geschafft, dachte sie. Da sollte man davon ausgehen, dass ich auch von Ménerbes bis St Merlot komme.

»Benötigen Sie einen Mann, Madame?«

»Entschuldigung, wie bitte?«

»Ein Mann, der Ihnen beim Garten hilft. Das Gras ist sehr hoch, nicht wahr?«

Penelope hatte plötzlich das höchst willkommene Bild eines kräftigen Kerls vor Augen, der eine riesige Sense schwang. Sie ging zum Fenster und schaute nach draußen. Ein Meer von sanft wogendem Gras bot einen verlockenden Blick auf den ummauerten Garten und den Pool dahinter. »Sie haben ganz recht, Madame. Ich brauche allerdings ein wenig Hilfe. Ich hatte nicht erwartet, dass der Garten so zuwuchern würde.«

»Ich kenne vermutlich jemanden, der Ihnen helfen kann, Madame. Er bietet auch weitere Dienstleistungen an. Wünschen Sie, dass ich ihn vorstelle?«

»Ich denke, das sollten Sie tun«, gab Penelope schwach zurück. »Möglichst bald.«

»Ich komme morgen mit ihm vorbei.«

»Ach, übrigens! Ich werde wohl auch Strom und Wasser benötigen.«

»Selbstverständlich. Ich kümmere mich darum.«

Penelopes Stimmung hob sich wieder. Einen solchen Service nach dem Kauf hatte sie nicht erwartet. Sie war beeindruckt.

Es war nach sechs, als Penelope schließlich mit Fegen und Staubwischen aufhörte und sich ein Basislager im Haus eingerichtet hatte. Sie überlegte kurz, sich mit einer Tasse Tee zu belohnen. Stattdessen trat sie in den Garten hinaus. Ihr tat der Rücken weh, als sie sich aufrichtete. Ein Adler oder irgendein anderer Greifvogel schraubte sich gemächlich in den Himmel. Alles war still, bis auf das Zirpen der Zikaden.

Penelope inhalierte den Geruch von Pinien und Thymian und entspannte sich. Wie immer schlug die unglaubliche Aussicht sie in den Bann. Le Chant d’Eau lag hoch genug, dass die Hügelflanken an den Seiten des großen Tals wie in einem viktorianischen Diorama ausgeschnitten und hintereinander gestaffelt wirkten.

Alles würde gut werden. Eines Tages, sehr bald schon, würde sich dieser Garten in einen hinreißenden Ort voller Düfte und Blüten verwandelt haben. Sie und ihre Freundinnen würden in weißem Leinen umherschlendern, Lavendelzweige pflücken und an Gläsern mit eiskaltem Rosé nippen. Ein wenig harte Arbeit – ziemlich viel harte Arbeit –, und schon hätte sie sich sowohl einen Rückzugsort geschaffen als auch den perfekten Platz, um Gäste zu empfangen.

»S-ss-salaud!«

Der Ruf riss sie jäh zurück in die Gegenwart.

Es folgte ein Schwall französischer Schimpfwörter, deren Sinn sie sich erschließen konnte. Er schien aus einem Bambusdickicht in der Nähe zu dringen. Das Gehölz schwankte wild hin und her, dann trat ein kleiner drahtiger Mann hervor. Er torkelte ein wenig, eine durchweichte, handgedrehte Zigarette klebte an seiner Unterlippe.

Penelope starrte ihn an und wusste nicht recht, was sie tun sollte. Verschwinden Sie von meinem Grundstück, wäre gewiss keine angemessene Reaktion gewesen.

Der Mann stolperte auf sie zu. Er starrte Penelope aus rattenartigen Knopfaugen an. Asche fiel von der Zigarettenspitze. Sie hoffte, dass er kein Feuer im hohen trockenen Gras entfachte.

»C’est à moi!«

Penelope fiel immer noch nichts ein, was sie sagen sollte.

»Ce terrain – c’est à moi!«

Dieses Land gehörte ihm? Sie fühlte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, und suchte dabei nach einer geeigneten französischen Erwiderung auf diese lächerliche Behauptung.

Der Mann machte eine weitschweifende Geste, die den gesamten Garten umfasste, und hielt sich dabei unsicher auf den Beinen. »Mon terrain!«

»Entschuldigen Sie«, antwortete Penelope, von oben herab und auf Englisch, um deutlich zu machen, dass sie sich nicht auf eine Diskussion einlassen wollte. Sie wies auf sich selbst. »Ma maison maintenant.«

Die Aussage, es sei ihr Haus, führte nur zu einem weiteren unverständlichen Ausbruch. Der Mann stieß mit dem Daumen gegen seine Brust und warf dann beide Arme so heftig in die Höhe, dass er fast das Gleichgewicht verlor.

Penelope rührte sich nicht vom Fleck.

Sie standen einander mehrere Minuten schweigend gegenüber. Penelope fand genug Zeit, sich die grobe blaue Jacke und die schmutzige Hose des Mannes anzusehen. Er trug völlig verschlissene Arbeitsschuhe aus Leder. Das Haar stand in Büscheln vom Kopf ab, als hätte er es nach dem Aufstehen nicht gekämmt. Sein Blick schien zu verschwimmen, nur um sich mit frisch auflodernder Wut erneut auf sie zu konzentrieren.

Keiner von beiden sagte etwas, sie starrten einander nur an. Dann, voll gallischer Entrüstung, tat der Mann einen bedrohlichen Schritt auf sie zu. Sie wich zurück.

Ohne ein weiteres Wort wedelte er ein letztes Mal mit den Armen und machte auf dem Absatz kehrt. Er verschwand durch das Bambusdickicht, und sie konnte beobachten, wie er sich zur Zufahrt durchschlug und dort von einer Seite des Weges zur anderen davontorkelte.

Penelope fühlte sich zittrig und verzichtete auf die weitere Erkundung des Gartens. Stattdessen machte sie sich auf den Weg in den Keller, wo sie ihre Flasche Rosé untergebracht hatte. Bis sie sich einen Kühlschrank besorgt hatte – und den nötigen Strom –, musste sie ihr abendliches Glas Wein weniger kalt genießen, als sie es vorgezogen hätte. Aber in der Not … Sie schenkte sich einen ordentlichen Schluck in einen Kunststoffbecher ein.

Mon terrain! Ma maison maintenant! Der wütende Wortwechsel hallte ihr noch in den Ohren wider.

Sie stellte sich einen Campingstuhl vor die Küchentür auf die Terrasse und trank langsam, während der atemberaubende Ausblick ins Tal seinen Zauber wirkte.

Allmählich beruhigte sie sich und fühlte erneut freudige Erwartung in sich aufsteigen. Nur ein einzelner komischer Kauz. Womöglich ein Landstreicher – gab es so etwas noch in der Provence? Vielleicht hatte er sich hier eingenistet und war wütend, weil er nun ihretwegen weiterziehen musste. Wie aus dem Nichts stieg plötzlich ein Satz in ihr auf. Gefühle, die man in einem Moment der Ruhe erinnert und gestaltet.

Zunächst konnte sie sich nicht erinnern, woher die Worte kamen. Dann lächelte sie. Es war eins von Camroses Zitaten. Natürlich von seinem geliebten Wordsworth.

Sie konnte im Geiste hören, wie Camrose es sagte, mit einem Pathologiebericht vor sich auf dem Mahagoni-Schreibtisch. Wie er die Brille abnahm und sich die rechte Schläfe rieb. Die Anspannung in den kornblumenblauen Augen – der Preis für die Enthüllung der schmerzhaften Wahrheiten, die eine Leiche nach einem gewaltsamen Tod zu erzählen hatte. »Gefühle, die man in einem Moment der Ruhe erinnert und gestaltet, Penny. Das ist alles, was ich den Toten bieten kann. Der Rest bleibt den Gerichten überlassen.«

Vermutlich hatte er gerade selbst einen Berghang vor sich und spazierte nach einem langen Nachmittag über Grasmere den Hügel hinab: ein Buch mit Wainwrights Wanderungen in der einen Tasche, ein Gedichtband in der anderen; den neuen Richtlinien des Innenministeriums entflohen, der Bürokratie und der politischen Korrektheit, die ein Gräuel waren für Camrose Fletcher – dem bedeutenden und individualistischen Professor für Rechtsmedizin. Er hatte sich für den Ruhestand entschieden, die Freiheit auszusprechen, was er für richtig hielt, und für die Wanderwege in seinem geliebten Lake District.

Zehn Jahre lang war er ein wunderbarer Chef gewesen, ein treuer Freund und, für die Dauer einer Konferenz in Stockholm, auch ein Liebhaber. Nicht, dass sich dadurch in London etwas geändert hätte. Penelope hatte weiterhin glücklich und zufrieden als seine persönliche Assistentin gearbeitet, denn sie beide waren Anhänger jener altmodischen Lebenseinstellung, der zufolge alles, was im Ausland geschah, auch im Ausland blieb.

Penelope hob ihr Glas Richtung Norden.

Er würde wahrscheinlich nie erfahren, wie sehr seine Rechtschaffenheit und sein Glaube an die menschliche Natur ihr geholfen hatten.

*

Das Brot, die Oliven und der Käse ergaben ein köstliches Abendessen an der frischen Luft, und allmählich überwältigte sie die Müdigkeit. Der Pegel in der Weinflasche war erschreckend tief gesunken. »Du bist ja ein spritziges Tröpfchen.« Penelope kicherte vor sich hin. »Davon muss ich mir mehr besorgen!« Sie merkte sich den Weinbauern und, ganz dem Leichtsinn folgend, der sie überhaupt erst hierhergebracht hatte, kippte den Rest in ihren Becher.

Gerade sinnierte sie darüber, wie wunderbar ruhig dieser Ort doch war, als das dumpfe Röhren eines Automotors die Stille durchbrach, aufdrehte und mit hohem Tempo davonschoss. Ein verschwommener roter Fleck blitzte auf der Straße unter ihr kurz in der Kurve auf und verschwand gleich wieder unter Donnergrollen. Penelope runzelte die Stirn. Sie hoffte, dass hier keine der Rennstrecken langführte, auf denen verrückte Fahrer regelmäßig für Krawall sorgten.

Aber so abrupt, wie sie unterbrochen worden war, legte sich die Stille wieder über das Land.

In dieser Nacht schlief Penelope auf ihrem schmalen Campingbett nicht wie ein Stein, sondern sogar wie ein ganzer Felsbrocken.

3

Anmutig schritt Madame Valencourt über den heruntergefallenen Putz an der Haustür hinweg und führte einen kleinen alten Mann ins Haus, der aussah, als wäre er geradewegs den Seiten eines Pagnol-Romans entsprungen. Zwischen den nikotingefleckten Fingern hielt er eine Baskenmütze, die einst blau gewesen sein mochte.

»Bonjour, Madame Kite.«

Penelope war nicht gerade in Bestform. Sie hatte den Küchenwänden ihr Leid geklagt, Die Wespen, die in dieser unerträglichen Hitze umhersummten, machten die Sache auch nicht besser. Der Kopfschmerz mahnte sie eindringlich, in Zukunft bei Perrier zu bleiben und diesen speziellen Rosé von der Einkaufsliste zu streichen. Sie hoffte, dass sie nicht gerade den ersten verhängnisvollen Schritt auf dem Weg zum lebenden Klischee getan hatte: das der weinseligen britischen Ausländerin in mittleren Jahren.

»Bitte, Sie können mich jetzt Penny nennen.«

»Selbstverständlich. Penny. Und Sie können mich Madame Valencourt nennen …« Sie hielt inne und lächelte. »… ein kleiner Scherz, Penny!« Penelope war nicht so überzeugt davon, denn die Französin fuhr fort: »Ich möchte Ihnen Monsieur Charpet vorstellen. Er ist der Gärtner, der bereits für die Vorbesitzer gearbeitet hat.«

Penelope blickte auf das provenzalische Urgestein, das ihr gegenüberstand. Dem walnussfarbenen Teint und den knorrigen Händen nach zu urteilen, hatte der Mann sein ganzes Leben im Freien verbracht. Sein Alter war schwer zu schätzen, aber er konnte unmöglich jünger als fünfundsiebzig sein. Ein großer herabhängender Schnurrbart verlieh ihm einen Ausdruck tragikomischer Melancholie, die ihn liebenswert machte. Sie stand auf und reichte ihm die Hand.

»Bonjour, Monsieur Charpet.«

Fast hätte sie die Hand erschrocken zurückgerissen, als er die Finger ergriff und rasch, mit einer eleganten Verbeugung, einen Kuss auf den Handrücken hauchte.

»Enchanté, Madame.« Es folgte ein Strom unverständlichen französischen Dialekts in Richtung Madame Valencourts. Penelope blickte die Maklerin fragend an.

»Er meint, Penny, dass er nicht gewusst hätte, dass englische Frauen so hübsch sein können, und das in Ihrem Alter.«

Autsch. Penelope wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte. Die Schicklichkeit verlangte, dass sie es als Kompliment annahm. »Enchantée de faire votre connaisance, Monsieur Charpet.«

Wieder ein Schwall französischer Worte an Madame Valencourt gerichtet.

»Er will wissen, wann er anfangen soll.«

»Aber es gab doch noch gar kein Vorstellungsgespräch – wir müssen die Referenzen klären, das Gehalt!« Penelopes Ansicht zur Stellenvergabe war von der Praxis ihres früheren Arbeitgebers geprägt. »Und dann sind da noch die Arbeitszeiten, Feiertage, der Papierkram, oder?« Wie alle Briten im Ausland hatte sie sich bereits voll und ganz auf den legendären Umfang der französischen Bürokratie eingestellt.

Madame Valencourt lächelte. »Papierkram?«

»Ja, Papierkram – die Stapel amtlicher Vordrucke, die man – wie jeder weiß – in Frankreich ausfüllen muss, bevor irgendetwas geschieht! Was ist mit den Sozialabgaben und den Arbeitgeberanteilen, auf die der Notar in Avignon so deutlich hingewiesen hat?«

»Die werden in diesem Fall nicht notwendig sein.«

»Aber der notaire sagte – immer die Belege aufbewahren!«

»In der Tat. Doch nicht im Falle von Monsieur Charpet. Da genügt ein einfacher Handschlag. Er ist vertrauenswürdig und honorabel.«

Monsieur Charpets schwermütiges Gesicht hellte sich plötzlich auf, als ein Wort fiel, das er kannte. Er umfasste Penelopes Hand.

»L’honneur, Madame, l’honneur«, wiederholte der neue Angestellte klangvoll und zeigte ein breites und zahnloses Lächeln.

»Gehen wir in den Garten«, sagte Penelope.

Draußen im Freien sog Monsieur Charpet prüfend die Luft ein, stöberte schweigend auf dem Grundstück umher und schaffte es in weniger als zehn Minuten, den Absperrhahn für die externe Wasserversorgung und den Stromzähler zu finden, die unter einer dicken Efeuschicht verborgen lagen.

»Il faut tout nettoyer, Madame«, merkte er an, zerrte lange Ranken zur Seite und enthüllte eine Steinmauer darunter.

Er wollte den Garten putzen? Er musste roden meinen, nahm sie an.

In ihrem stetig besser werdenden Französisch erkundigte sich Penelope nach Strom und Wasser.

»Ah – l’électricité – il faut téléphoner à l’EDF, et pour l’eau, SIVOM

»Wie lange wird es dauern?« Penelope wandte sich an Madame Valencourt.

Monsieur Charpet verzog den Mund zu einem unglücklichen Ausdruck, der an einen Clown denken ließ. »Beh … une semaine, peut-être deux, Madame.«

Zwei Wochen? Penelope verlor den Mut. »Et la piscine – der Swimmingpool? Ist er benutzbar?«

Behutsam bahnten sie sich ihren Weg an einem wilden Dornengestrüpp vorbei. Irgendwann, dachte Penelope, wird der Pool in dem ummauerten Gärtchen einen wundervollen Anblick bieten. Im Geiste stellte sie bereits antike Tonkrüge am Beckenrand auf und bepflanzte sie mit Geranien. Vielleicht ließen sich ein paar hergerichtete Statuen auftreiben, die man an den vier Ecken aufstellen konnte, sobald er wieder im alten türkisfarbenen Glanz erstrahlte. Der Blick durch die Bogenöffnungen war eine wahre Freude.

Sie war ganz in ihren Tagträumereien versunken, als sie die Pforte in der Mauer öffneten und die Wirklichkeit betraten. Die alten Zypressen am Becken wirkten brauner und toter denn je. Penelope blickte auf das, was von ihrem Pool übrig war, auf das schmutzige Regenwasser und das verrottete Laub, die das Becken fast komplett ausfüllten. Zumindest ließ sich daraus schließen, dass es nicht undicht war. Das Haus in der sengenden Sommerhitze wieder instand zu setzen, würde harte Arbeit sein. Aber es wäre erträglich, wenn sie wenigstens einen Pool hätte, in dem sie sich abkühlen konnte.

Ein unangenehmer und nicht gerade vielversprechender Geruch stieg aus dem trüben Wasser auf.

Sie blickte Monsieur Charpet fragend an.

Der Gärtner sah finster drein. Er nahm seine Baskenmütze ab und schüttelte den Kopf. Ein rascher Wortwechsel auf Französisch mit Madame Valencourt schloss sich an.

»Was meint er?«, fragte Penelope betont heiter. Vielleicht sprang die Zuversicht auf ihn über.

»Da ist … er möchte nur etwas überprüfen«, erklärte die Maklerin zurückhaltend.

Charpet betrat das Pumpenhaus und kam mit einer großen Stange zurück. Er tauchte sie in den Klumpen durchweichter Blätter und schien auf etwas Festes zu stoßen.

»Was ist das?«, fragte Penelope.

»Es könnte ein sanglier sein – ein Wildschwein. Manchmal stürzen die Tiere nachts in den Pool, wenn er nicht abgedeckt wird.«

Penelope dachte bei sich, dass das Tier schon sehr entschlossen auf der Suche nach Wasser gewesen sein musste, denn der einzige Zugang waren die Bogenfenster, hinter denen ein schmaler Vorsprung lag.

Von Charpets Stange angestoßen, schien sich das mysteriöse Ding im Wasser aufzublähen wie eine mit Luft gefüllte Stoffbahn. Er schob die Blätter beiseite.

Sie alle schrien unwillkürlich auf.

»Aye! Mon Dieu!«

»Iiiih!«

»Verdammte Scheiße!«

Der Körper gehörte nicht zu einem Tier. Es war ein Mensch.

In fassungslosem Schweigen standen sie um das Becken herum. »Mon Dieu«, wiederholte Monsieur Charpet mehrmals. Der Körper trieb mit dem Gesicht nach unten im trüben Wasser. Er war mit so etwas wie einer dunklen Jacke bekleidet, die jetzt wieder über dem Rücken in sich zusammensank, während ein Arm vom Körper wegtrieb und frei durch das Vorjahreslaub schwamm.

Madame Valencourt brach abrupt das Schweigen. »La police. Il faut téléphoner aux gendarmes!« Sie zog ihr Handy aus der Tasche und sprach im nächsten Moment schon in so schnellem Stakkato hinein, dass Penelope ihr nicht folgen konnte.

Ihr wurde wieder furchtbar übel, dennoch konnte sie den Blick nicht von der Leiche abwenden. Ein plötzlicher Schwindel befiel sie, und sie taumelte. Die Immobilienmaklerin griff nach ihrem Arm.

»Madame … Penny, quelle horreur!«

Worte konnten nicht ausdrücken, was Penelope empfand. Eine Leiche, in ihrem Swimmingpool. Sie trieb in einer Suppe aus modrigen Ästen und Blättern neben Wasserpflanzen, einem Plastikbecher und sogar einer alten Spielkarte. Das Pik-Ass schwamm ganz unpassend knapp außer Reichweite der verschrumpelten Hand des Toten, ganz so, als wäre sie gerade ausgespielt worden, um ein Spielchen mit ein paar Teichfröschen zu gewinnen.

Penelope ließ sich in den Schatten der Gartenmauer führen und setzte sich dort ins hohe Gras. Die Maklerin stand vor ihr und wischte mit einem lackierten Nagel auf dem Bildschirm ihres Smartphones herum. Monsieur Charpet wartete ein Stück abseits und umklammerte immer noch die Stange, mit der er die Leiche angestupst hatte. Er murmelte vor sich hin.

Niemand wagte, den Ort zu verlassen.

»Wie lange liegt sie schon da?«, brachte Penelope endlich heraus. Madame Valencourt warf ihr einen sonderbaren Blick zu. »Madame, ist Ihnen gestern etwas aufgefallen, als Sie hier eintrafen?«

»Nein, natürlich nicht!«

Penelope sah sie aufgebracht an. All diese juristischen Angaben über das Haus, die der Notar in seinem Büro so laut vorgetragen hatte, all die Prüfungen auf Asbest und Insektenbefall, Tests auf Metallermüdung und Umwelt- und Energiegutachten zur Immobilie … und nicht bei einer davon war auf Leichen geachtet worden?

»Okay, okay … wir beruhigen uns alle«, sagte die Maklerin. Penelope fühlte sich ganz und gar nicht ruhig, aber sie wusste, dass sie die Panik im Zaum halten musste. Zweifellos würde die Polizei genau die gleiche Frage stellen. Sie überlegte gründlich. Hatte sie gestern Abend in den Pool geschaut und nicht darauf geachtet, dass etwas ungewöhnlich war?

Sie hatte Kopfschmerzen.

Es dauerte nicht lange, bis sie in der Ferne Sirenen hörten. Die ersten Polizeibeamten trafen innerhalb von zwanzig Minuten ein. Der Feldweg füllte sich mit blauen Fahrzeugen und Uniformen; sämtliche Polizisten der Umgebung schienen sich auf den Tatort zu stürzen. Penelope saß da wie betäubt, während Gendarmen durch die Pforte in der Gartenmauer zu ihrem Schwimmbecken strömten.

Das alles kam ihr ganz unwirklich vor. In all den Jahren, in denen sie für Professor Fletcher gearbeitet hatte, bei der Abteilung für Rechtsmedizin im Innenministerium und am University College in London, hatte sie zumeist mit detaillierten bebilderten Berichten zu tun gehabt, aber selten ein Opfer leibhaftig vor sich gesehen. Ganz gewiss hatte sie nicht damit gerechnet, dass ihr das ausgerechnet im Ruhestand in der Provence passierte. Sie saß ruhig da und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren, da man sie sicherlich befragen würde.

Madame Valencourt war intensiv in ein Gespräch mit einem kräftigen uniformierten Polizisten vertieft. Ein elegant gekleideter Mann in dunklem Anzug traf ein und beteiligte sich sofort an der Unterhaltung. Sie blickten dabei in Penelopes Richtung. Es war offensichtlich, dass man über sie redete.

Penelope schloss die Augen und wünschte sich, das alles möge sich in Luft auflösen. Der Mann im Pool tat ihr leid, wer auch immer er gewesen sein mochte, dazu fühlte sie sich schuldig, weil er ausgerechnet in ihrem Pool hatte sterben müssen.

»Madame Kite?«

Penelope blickte auf. Die Maklerin hatte den Mann im Anzug zu ihr geführt.

»Madame Kite, ich möchte Ihnen Inspektor Paul Gamelin aus dem Hauptquartier der Gemeindepolizei in Cavaillon vorstellen. Er wird untersuchen, ob hier ein Verbrechen begangen wurde.«

Penelope erhob sich und stand ein wenig wackelig auf den Beinen.

Inspektor Gamelin schüttelte ihr die Hand. Er war ein Mann in den Vierzigern, mit schmalem, gebräuntem Gesicht und grauem Haar. Er blickte ernst drein, als er in ausgezeichnetem Englisch zu ihr sprach.

»Soweit ich verstanden habe, sind Sie erst gestern auf diesem Anwesen angekommen, Madame.«

»Das ist richtig, ja.«

»Ich werde Sie zu gegebener Zeit bitten, auf der Wache eine offizielle Aussage zu Protokoll zu geben.«

Penelope nickte.

»Aber ich möchte, dass Sie mir jetzt schon alles sagen, was Ihnen zu dieser Sache einfällt. Was haben Sie gehört, was haben Sie gesehen?«

»Nichts. Es gibt gar nichts, was ich Ihnen sagen könnte!«

»Können Sie bestätigen, dass gestern bei Ihrer Ankunft noch kein Mann in Ihrem Schwimmbecken lag?«

Sie atmete tief ein. »Es tut mir leid, aber das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.«

Gamelin kniff die Augen zusammen. »Warum nicht?«

»Weil ich gestern den Garten mit dem Pool gar nicht betreten habe. Ich hatte es vor – ich bin hinaus in den Garten gegangen, nachdem ich im Haus ein wenig geputzt und meine Sachen aus dem Auto ausgeladen hatte. Wie Sie sehen können – wie Madame Valencourt Ihnen bestätigen wird –, ist das Haus nicht im besten Zustand. Nach meiner Ankunft habe ich als Erstes versucht, es halbwegs bewohnbar zu machen. Staub wischen, fegen. Es war bereits sechs Uhr durch, als ich damit aufgehört habe.«

Und vielleicht war es auch besser so, dass ich den Poolgarten nicht betreten habe, dachte Penelope. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich die Leiche allein gefunden hätte. Auf jeden Fall wäre es äußerst unangenehm gewesen. Es war schon besser so, dass es auf diese Weise geschah.

»Ich ging nach draußen, aber ich kam nicht weiter als bis zu diesem Bambusgestrüpp«, fuhr sie fort, »weil dort ein Mann auftauchte, der …« Eine Reihe von Rufen aus Richtung des Pools unterbrach das Gespräch.

Sie eilten zurück in den Poolgarten, wo ein uniformierter Polizist, der anscheinend das Kommando hatte, Anweisungen gab. Der Leichnam wurde bereits von einigen Männern in weißen Overalls aus dem Becken gezogen, während ein weiterer den Tatort fotografierte.

Penelopes erster Gedanke war, dass sie das Ganze anscheinend nicht als Verbrechen ansahen. Andernfalls wären sie sicher sorgfältiger zu Werke gegangen, um keine Spuren zu vernichten. Sie schienen sicher zu sein, dass es sich um einen Unfall handelte.

Abgestoßen und fasziniert zugleich beobachtete Penelope, wie die Leiche aus dem Wasser gehoben wurde.

Schlammtropfen platschten auf die steinerne Einfassung des Beckens und hinterließen Flecke wie von getrocknetem Blut.

Penelope schnappte nach Luft.

»Was ist los?«, fragte Madame Valencourt.

Sie schien Penelope genau im Auge zu behalten.

»Der Mann … Ich glaube, ich habe ihn schon einmal gesehen.«

Inspektor Gamelin musterte sie eindringlich.

»Ich bin ihm gestern Abend begegnet … Er kam von der Zufahrt durch das Bambusdickicht aufs Grundstück und schrie mir gleich entgegen, dies wäre sein Haus!«

Die wilden Haarbüschel waren nun mit modernden Blättern an den Kopf geklebt, doch er trug genau die Kleidung, an die Penelope sich erinnerte, und dieselben Schuhe. Sie achtete bei Männern stets auf die Schuhe. Sein unflätiger Mund stand offen, die handgedrehte Zigarette fehlte, aber ganz sicher war er es.

»Obwohl …« Penelope schüttelte den Kopf. »Um die Augen und an den Schläfen sind so viele Prellungen, dass es schwer ist, ganz sicher zu sein.«

Schmieriger und übel riechender Unrat aus dem Pool tropfte vom Haaransatz des Toten und verstärkte die Verfärbungen im Gesicht.

»Ich bin mir jedenfalls so sicher, wie man nur sein kann, dass der Mann, dem ich gestern Abend begegnet bin, diese Kleidung getragen hat. Und ich glaube, dass ich das Gesicht wiedererkenne, aber das kann ich nicht ganz ohne Zweifel sagen.« Sie hatte lang genug an Professor Fletchers Fällen gearbeitet, um zu wissen, dass alles, was man nicht kriminaltechnisch nachweisen konnte, auch nur unter Vorbehalt vorgebracht werden sollte.

Madame Valencourt übersetzte, während Penelope ausführlich erzählte, was am Vorabend geschehen war. Gamelin blickte immer ernster drein. Ein weiterer Beamter gesellte sich ihnen zu. Die Immobilienmaklerin entfernte sich schließlich und telefonierte mit ihrem Handy.

»Was geht hier eigentlich vor? Wer ist – wer war – dieser Mann?«, fragte Penelope, nachdem Madame Valencourt zurückgekehrt war.

»Ich habe mit le maire gesprochen. Er kommt gleich vorbei.«

»Der Bürgermeister?«

»Der Bürgermeister des Dorfes weiß alles, was hier vor sich geht, und er kennt jeden, der hier lebt. Er wird die Leiche identifizieren können.« Madame Valencourt zuckte mit den Achseln. »Sie hätten ihm ohnehin bald vorgestellt werden müssen – aber es sollte ein erfreulicher Anlass werden. Was für eine Schande, dass es unter diesen Umständen geschieht.«

»Warum hätte ich ihm vorgestellt werden müssen?« Penelope widerstrebte der Gedanke. Nach ihren Erfahrungen mit englischen Bürgermeistern waren das meist aufgeblasene, kleinstädtische Wichtigtuer, die sich gern mit Zeremonienketten behängten. Sie hatte nicht das geringste Interesse an einer Diskussion über Verkehrsmanagement oder städtisches Budget. Darum ging es doch bei der ganzen Reise nach Frankreich, nicht mehr tun zu müssen, was von ihr erwartet wurde.

»Alle müssen sich beim Bürgermeister vorstellen.«

Das alles klang ziemlich formell in Penelopes Ohren. Der Gedanke, in die mairie zu marschieren, um sich als neueste Mitbürgerin vorzustellen, atmete eindeutig den Geist der englischen Grafschaften. Umso weniger wollte sie so etwas unter solch widrigen Umständen tun, wie eine Leiche in ihrem neuen Haus zu finden, während sie sich vom Kater ihrer Einzugsfeier erholte.

»Wirklich?« Sie verlieh dem Wort eine gewisse Schärfe, die in der Übersetzung anscheinend verloren ging.

»Es ist unumgänglich.«

»Aber …«

»Le maire de St Merlot … Sie werden ihn unbedingt kennenlernen wollen. Er ist sympa

»Sympa?«

»Sympathique – nett. Und außerdem …« Madame Valencourts machte große Augen.

»Ja?«

»Sie werden sehen.«

Weniger als zehn Minuten später schritt ein hochgewachsener Mann von etwa fünfundvierzig Jahren auf sie zu und schlug sich dabei wie Indiana Jones durchs hohe Gras. Penelope verstand sofort, was die Maklerin hatte ausdrücken wollen.

Während ihres Studiums an der Universität von Durham hatte sich Penelope den »Freunden des Französischen Films« angeschlossen, einem Club, der vor allem aus ziemlich selbstgefälligen ehemaligen Privatschülern bestand, die ihre Rebellion durch enge schwarze Anzüge ausdrückten, Gitanes rauchten und nachts dunkle Sonnenbrillen trugen. In den trüben und nebligen Straßen der Stadt führte Letzteres häufig zu Kollisionen mit Fahrrädern, Laternenmasten oder Schlimmerem. In der Gestalt, die nun vor ihr stand, erkannte Penelope jenen gallischen Glamour, den diese Studenten angestrebt hatten. Nur war dies hier das Original. Längeres, sonnengebleichtes Haar. Karamellfarbener Teint. Wangenknochen. Er war atemberaubend.

Der Bürgermeister küsste Madame Valencourt dreimal abwechselnd auf die Wangen und stellte sich dann Penelope in fließendem, wenn auch von starkem Akzent durchsetzten Englisch vor.

»Madame Kiet. Was soll ich sagen? Das muss ein furchtbarer Schock für Sie sein.«

Penelope wurde ein wenig schwummrig. Sie brachte nichts weiter als ein schwächliches »Ja« heraus.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Und der Polizei.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tod in Saint Merlot" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen