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Tod im Hafen

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die »Schwarze Serie« in der amerikanischen Kriminalliteratur.

Seit seinem Debüt »Spenser und das gestohlene Manuskript« im Jahr 1973 hat er über 50 Bücher veröffentlicht. 1976 erhielt er für den Titel »Auf eigene Rechnung« den Edgar-Allan-Poe-Award für den besten Kriminalroman des Jahres. Neben den überaus erfolgreichen »Spenser«- und »Jesse-Stone«-Reihen veröffentlichte Parker auch einzelne Krimis, darunter »Wildnis«.

Am 18. Januar 2010 verstarb Robert B. Parker in
Massachusetts. www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Tod im Hafen

Ein Fall für Jesse Stone

Übersetzt von Bernd Gockel

PENDRAGON

Sie segelten bereits im offenen Meer hinter Stiles Island, als das Wetter plötzlich umschlug. Der Himmel hatte sich schlagartig verdunkelt. Die steife Brise peitschte ihnen die ersten Regentropfen ins Gesicht. Die Weinflaschen waren geleert, die Gespräche verstummt – es gab keinen Grund mehr, den Ausflug noch weiter zu verlängern.

„Ich hab den Eindruck, als sei was mit dem Kiel nicht in Ordnung“, rief der Mann an der Pinne. „Kannst du mal nachschauen?“

Florence stand auf, beugte sich runter und zog das Kielschwert nach oben. Es ließ sich problemlos bewegen. Das Boot kippte leicht zur Seite. Sie drückte das Schwert wieder ins Wasser. Das Boot stabilisierte sich, schlug dabei aber so hart gegen eine Welle, dass der Baum seitwärts über die kleine Kajüte sauste und voll ihren Brustkorb erwischte. Der Schlag nahm ihr den Atem. Sie torkelte rückwärts und stürzte ins schwarze Wasser. Die eisige Kälte raubte ihr fast den Verstand. Sie schnappte nach Luft und schluckte Wasser, schaffte es aber, den Kopf über Wasser zu halten. Als sie sich umschaute, konnte sie sehen, dass das Segelboot bereits wendete und wieder zurückkam. Sie schlug noch immer wild um sich und war außer Atem, bemühte sich aber, ihre Gedanken langsam zu ordnen. In der Ferne sah sie die Häuser von Paradise, die sich eng an den Hügel über dem Hafen drängten. Sie sah den Turm der ältesten Kirche im Ort, die genau auf der Spitze des Hügels stand. Das Boot kam direkt auf sie zu. Sie strampelte verzweifelt. In spätestens einer Minute würde es hier sein. Halt durch! Halt nur noch ein bisschen durch! Durch den Grauschleier des Regens sah sie bereits die Gischt am Bug, sah den Mast mit dem stählernen Spannschloss, sah sogar schon den Schutzlack auf der Unterseite des Bootes.

In wenigen Sekunden würde der Steuermann das Segel einziehen und sich gegen den Wind stellen, damit sie sich an der Reling hochziehen konnte. Sie strampelte mit den Beinen und hielt sich halbwegs über Wasser, um regelmäßig atmen zu können. Doch das Boot stellte sich nicht gegen den Wind! Es kam direkt auf sie zu! Der Bug rammte ihren Oberkörper und drückte ihn unter Wasser. Halb bewusstlos kämpfte sie sich wieder nach oben. Doch das Boot segelte weiter und ließ sie zurück. Sie versuchte zu schreien, verschluckte sich aber. Sie tauchte unter und schluckte noch einmal. Und verlor das Bewusstsein.

Das kleine Boot, das Segel voll am Wind, nahm Kurs auf den Hafen. Ohne sie.

1

Als Jesse Stone eintraf, war der Türsteher des „Dory“ gerade damit beschäftigt, ein feuchtes Handtuch auf seine blutende Nase zu drücken. Suitcase Simpson, wie immer in Jesses Schlepptau, trug seine Uniform, während Jesse den Dienst in Jeans und einem kurzärmligen Hemd versah. Sein Revolver saß auf der rechten Hüfte, die Polizeimarke steckte in der Brusttasche, doch der Stern auf der aufgeklappten Vorderseite war problemlos sichtbar.

„Du ziehst doch sonst nie den Kürzeren, Fran“, sagte Jesse.

Der Rausschmeißer zuckte die Schultern. Sein rechtes Auge war völlig geschwollen.

„Eine Nummer zu groß für mich, Jesse. Würd mich nicht wundern, wenn ihr den Typen nur abknallen könnt.“

„Na dann schaun wir doch mal“, sagte Jesse.

Er ging hinein. Obwohl die Bar gut besucht war, sprach niemand ein Wort. Auf dem Tresen stand ein hünenhafter Mann und trank „Wild Turkey“ aus einer Flasche, auf der eine Trinktülle saß. Der Mann hielt die Flasche schräg über seinen Kopf und ließ den Whiskey einfach in sich hineinlaufen. Judy, die Barkeeperin, hatte schon ihre Stellung geräumt und sich beim Eingang in Sicherheit gebracht. Sie hatte einen blonden Pferdeschwanz und trug Turnschuhe, Shorts und ein knappes Oberteil.

„Haben Sie uns angerufen?“, fragte Jesse.

Sie nickte.

„Er war schon hackevoll, als er reinkam“, sagte sie.

Jesse nickte.

„Er machte ein paar dumme Sprüche, worauf ich ihm sagte, dass ich ihn nicht bedienen würde. Als er noch mehr dumme Sprüche machte, versuchte Fran zu helfen …“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Weißt du, wer das ist?“, flüsterte Simpson in Jesses Ohr.

„Carl Radborn“, sagte Jesse. „Profi-Footballer. Wollen wir ihn um ein Autogramm bitten?“

„Ich wollt’s ja nur gefragt haben“, murmelte Simpson.

Jesse bahnte sich den Weg durch die stumme Menge, Simpson in seinem Windschatten.

„Hey“, rief Radborn. „Rette sich, wer kann. Die Paradise-Cops laufen ein.“

Radborn war mindestens 1,95 Meter groß und wog um die drei Zentner. Angesichts seiner Ausmaße wirkte die Bar wie ein niedliches Miniatur-Modell. Jesse grinste ihn an.

„Hätte wohl besser meine Großwild-Büchse mitbringen sollen“, sagte er.

„Scheiße aber auch“, sagte Radborn und sprang vom Tresen herunter, die Flasche noch immer in der Hand. „Weißt du überhaupt, wer ich bin, mein Junge?“

„Eine Frage, die ich immer besonders schätze“, sagte Jesse. „Klar weiß ich, wer Sie sind. Als Sie im letzten Jahr gegen die Baltimore Ravens spielten, hat Jonathan Ogden aus Ihnen Kleinholz gemacht.“

„Fick dich ins Knie“, sagte Radborn.

„Oh“, sagte Jesse, „an diese Variante hatte ich bislang noch gar nicht gedacht.“

Ein paar Leute in der Bar kicherten.

„Ist mir scheißegal, ob du ein Cop oder sonst was bist“, sagte Radborn. „Ich reiß dir den Arsch auf – und den von deinem fetten Bübchen hier gleich mit.“

Simpsons Gesichtsfarbe wurde sichtbar dunkler.

„Wenn Sie sich da mal nicht täuschen“, sagte Jesse. „Das sind mehr Muskeln als sonst was.“

„Ich spiel Football“, sagte Radborn, „und wer Football spielt, lässt sich von niemandem auf der Nase tanzen. Bist du bereit für ein Tänzchen?“

„Wär vielleicht besser, wenn wir das Tänzchen nach draußen verlegen“, sagte Jesse.

„Fick dich.“

„Ich interpretiere das als ein Nein“, sagte Jesse. „Suit, gib mir doch mal deinen Knüppel.“

Simpson nahm den Gummiknüppel aus seiner Halterung und reichte ihn Jesse.

„Und du glaubst, der verdammte Zahnstocher würde dir helfen?“, höhnte Radborn.

Er war etwa 15 Zentimeter größer als Jesse und sicher 50 Kilo schwerer. Jesse nahm den Knüppel, zog ihn in einer nahtlosen Bewegung durch und donnerte ihn in Radborns Hoden. Radborn stöhnte und beugte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorne. Jesse trat blitzschnell einen Schritt hinter ihn und verpasste ihm einen Schlag in die Kniekehlen. Die Beine knickten ein, Radborn ging auf die Knie. Jesse griff mit einer Hand in seine Haare und riss Radborn weiter herunter, bis er mit dem Gesicht auf dem Fußboden lag. Dann schaute er sich zu Simpson um.

„Und ich hab Baseball gespielt“, sagte er. „Leg ihn in Ketten, Kollege.“

Simpson legte ihm die Handschellen an. Mit Hilfe des Rausschmeißers schafften sie es, Radborn halbwegs auf die Beine zu stellen und nach draußen zum Streifenwagen zu zerren. Er hatte offensichtlich den ganzen Tag gebechert und war kaum noch bei Sinnen. Als sie ihn auf den Rücksitz bugsiert hatten, wippte er halb ohnmächtig auf seinem Sitz hin und her – und der ganze Streifenwagen wippte mit. Plötzlich lehnte er sich gegen den Sitzgurt nach vorne und übergab sich. Die zahlreichen Barbesucher, die nach draußen gekommen waren, johlten und applaudierten.

Die beiden Cops und der Rausschmeißer schauten Radborn für einen Moment sprachlos an.

„Die Rennwoche halt“, sagte der Rausschmeißer.

„Und heute ist gerade mal der erste Tag“, sagte Jesse.

Simpson setzte sich hinters Steuer, während Jesse auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Sie ließen umgehend ihre Fenster herunter. Jesse schaute durch das Schutzgitter nach hinten. Just in diesem Moment übergab sich Radborn erneut.

„Einer der Vorteile, Polizeichef zu sein“, sagte Jesse. „Mit dem Säubern des Streifenwagens hat man nichts mehr am Hut.“

„Übernimmt das immer der Fahrer?“, fragte Simpson.

„Sieht ganz so aus.“

2

Jenn und Jesse hatten sich auf die Terrasse des „Gray Gull“ gesetzt, um den Blick über den Hafen genießen zu können.

„Drehen die Leute bei der Rennwoche immer so durch?“, fragte sie.

„Zumindest in den Jahren, seit ich hier meine Zelte aufgeschlagen habe“, sagte Jesse.

„Und das alles nur, um ein paar Segelbooten beim Rennen zuzusehen?“

„Und zu saufen, prassen und huren“, sagte Jesse. „Vielleicht ziehen sie sich auch ein weißes Pülverchen durch die Nase oder gehen ins Wettbüro. Und die oberen Zehntausend kommen hierher, um ihre Deals zu machen und vielleicht einen dicken Fisch an Land zu ziehen. Die großen Boote trudeln sogar schon einen Monat vor dem Rennen hier ein. Viele kommen zur Rennwoche, ohne je ein Rennen zu sehen.“

Er trank Eistee, während Jenn einen Daiquiri bestellt hatte. Sie trug eine modische Sonnenbrille von Oakley – die mit einem futuristisch gewölbten Gestell. Die Terrasse war nach Osten hin ausgerichtet, während die Sonne im Westen bereits unterging und durch das Restaurant völlig verdeckt wurde. Jenn arbeitete als Wetterfee bei einer Fernsehstation in Boston und wurde auch in Paradise von Passanten regelmäßig erkannt. Ihre Sonnenbrille half dabei herzlich wenig, dachte Jesse, aber das war wohl auch kaum der Grund, warum sie die ausgefallene Brille trug. Sie bemerkte, dass er sie ansah, und streckte ihre Hand über den Tisch.

„Wie geht’s uns denn?“, fragte sie.

„So weit, so gut“, sagte Jesse.

Im Hafen drängten sich die Rennsegelboote, während gleich hinter der Hafenausfahrt, im tieferen Wasser des Ozeans, die großen Jachten vor Anker gegangen waren.

„Beteiligen sich die großen Boote auch an den Rennen?“, fragte Jenn.

„Einige schon“, sagte Jesse. „Am Ende der Rennwoche segeln einige von ihnen bis runter nach Virginia Beach. Man hat mir erzählt, dass die Rennjachten anders aussehen als die üblichen Segelboote, aber ich bin nun mal eine Landratte und kann keine Unterschiede feststellen.“

Die Kellnerin brachte ihnen zwei Portionen Hummersalat und ein Glas Weißwein für Jenn.

„Auf unserem News-Ticker kam die Nachricht, dass du gestern diesen Football-Hünen verhaftet hast“, sagte Jenn. „Einer unserer Sportredakteure machte mich darauf aufmerksam.“

„Er randalierte im ‚Dory‘“, sagte Jesse. „Zerlegte die Nase des Türstehers in Einzelteile.“

„Der Redakteur erzählte, du hättest ihn mit dem Knüppel zur Strecke gebracht.“

„Stimmt. Musste mir allerdings den Knüppel von Suit ausleihen“, sagte Jesse.

„Ich war mit … wie heißt er noch gleich? Redford?“

„Radborn“, sagte Jesse.

„Ich hab Radborn mal auf einer Benefiz-Veranstaltung kennengelernt“, sagte Jenn. „Er ist ja wirklich ein echter Riese. Hattest du keinen Schiss? Nicht mal ein klein bisschen?“

„Je größer sie sind, umso …“

„Oh nein, erzähl mir nicht diesen Schmu“, sagte Jenn.

Jesse grinste. „Wie wär’s mit: Wenn Hunde kämpfen, kommt’s nicht auf die Größe …“

„Nein, ernsthaft. Es interessiert mich. Es interessiert mich, wie du funktionierst.“

„Wenn du mal ein Cop warst, vor allem ein Großstadt-Cop wie ich, dann lernst du halt nach ’ner Weile, mit solchen Situationen richtig umzugehen.“

„Aber er ist zweimal so groß wie du.“

„Es geht nicht um dein Gegenüber“, sagte Jesse. „Entscheidend bist du selbst.“

„Okay, was ist denn dein Geheimnis?“

Jesse grinste.

„Normalerweise die Gewissheit, dass du noch ein paar Kollegen in der Hinterhand hast.“

„Und diesmal?“

„Nun, Suit hätte eingreifen können, aber der Laden war rappelvoll. Und Radborn lief Amok und …“

„Und riskierte obendrein noch die dicke Lippe.“

„Genau. Wenn du’s also über die Bühne bringen musst, mach’s zügig. Einen Typen wie Radborn erwischst du entweder sofort – oder kannst ihn dir nur noch mit der Knarre vom Leib halten.“

„Und was hast du gemacht?“

„Ich haute ihm mit Suits Gummiknüppel in die Eier.“

„Autsch“, sagte Jenn. „Und das war alles?“

„Im Prinzip ja.“

„Bevor du kamst, unterhielt ich mich mit unserem Barkeeper hier“, sagte Jenn.

„Doc“, sagte Jesse.

„Ja. Er erzählte mir, du wolltest den Fall nicht weiter verfolgen.“

Jesse trank einen Schluck Eistee und grinste sie an, als er das Glas wieder abstellte.

„Heute Morgen, als er aus seinem Koma wieder erwachte, stellten wir ihn vor die Wahl: Er konnte die Bekanntschaft des Amtsrichters machen oder den Streifenwagen putzen.“

„Den Streifenwagen putzen?“

„Er hatte reingekotzt.“

„Guten Appetit“, sagte Jenn. „Das war’s dann wohl mit dem Abendessen.“

„Nun tu nicht so. Du bist doch so sensibel wie ein Stacheltier.“

„Aber erheblich schnuckeliger“, sagte Jenn. „Und –hat er’s wirklich gemacht?“

„Hat er“, sagte Jesse. „Und wir ließen ihn laufen.“

„Und das alles mit seinem Kater.“

„Und es war ein ausgewachsener Kater, soweit ich das ermessen konnte.“

„Du bist ja in solchen Dingen bewandert“, sagte Jenn.

„Bin ich.“

Für eine Weile aßen sie schweigend ihren Hummersalat. Er schmeckte mäßig. Jesse kam eigentlich immer zum gleichen Urteil, wenn er im „Gray Gull“ aß, doch der Laden war unkompliziert und freundlich – und im Sommer, wenn man auf der Terrasse sitzen konnte, hatte man einen göttlichen Blick auf den Hafen. Davon abgesehen: Jesse machte sich nicht übermäßig Gedanken, was er nun gerade in seinen Mund schob.

Nach dem Abendessen machten sie einen kleinen Bummel am Kai. Die kleinen Gässchen, die zum Hafen führten, waren gut besucht. Viele der Passanten waren angetrunken, einige schon auf Krawall gebürstet. Jesse tat so, als würde er sie gar nicht sehen.

„Ich hab meine Sachen mitgebracht“, sagte Jenn.

„Zum Übernachten?“

„Ja“, sagte Jenn. „Ich werd erst morgen Nachmittag wieder im Studio gebraucht.“

„Hast du sie schon ins Haus gebracht?“

„Ja, ich hab sie im Schlafzimmer deponiert.“

„Klingt vielversprechend“, sagte Jesse.

„Es ist vielversprechend“, sagte Jenn, „aber erst muss ich mein Abendessen abspazieren.“

„Du warst nie das ‚Liebe-auf-den-vollen-Magen-Girl‘“, sagte Jesse.

„Ich mag’s eben, wenn alles perfekt passt“, sagte Jenn.

„Kein Problem“, sagte Jesse.

Die Straßen wurden stiller, je weiter sie sich vom Hafen entfernten. Statt Bars und Restaurants gab es hier nur noch die alten Wohnhäuser, die von beiden Seiten auf die Bürgersteige zu drücken schienen. Es waren schmale Gässchen mit Kopfsteinpflaster, verwitterten Fassaden, Bleiglasfenstern, Wetterfahnen und Balkonen mit schmiedeeisernen Brüstungen. Da auch die Straßenbeleuchtung aufs Notwendigste reduziert war, hatte man fast das Gefühl, sich im Stadtkern einer alten europäischen Stadt zu befinden. Jenn griff beim Gehen nach Jesses Hand.

„Diesmal“, sagte sie, „könnten wir’s wirklich packen.“

„Vielleicht“, sagte Jesse. „Wenn wir nur pfleglich miteinander umgehen.“

In vielen Häusern waren die Fenster erleuchtet. Hinter den Vorhängen sahen sie Leute, die vor dem Fernseher saßen, ein Buch lasen, sich miteinander unterhielten oder alleine tranken – alles nur ein paar Handbreit vom Bürgersteig entfernt.

„Seit wann hast du nicht mehr getrunken?“, fragte Jenn.

„10 Monate und 13 Tage.“

„Vermisst du’s?“

„Ja.“

„Vielleicht schaffst du’s ja irgendwann, dir gelegentlich einen Drink zu genehmigen“, sagte Jenn. „Wenn du in Gesellschaft bist, meine ich.“

„Mag sein“, sagte Jesse.

„Vielleicht könnten wir’s bald ja auch wagen, mehr als nur einen Tag zusammen zu verbringen.“

„Mag sein“, sagte Jesse.

Sie waren inzwischen in einer Gegend angekommen, in der die Fenster nur sporadisch erleuchtet waren. Die Straßen wurden dunkler. In der lautlosen, salzhaltigen Luft waren ihre Fußtritte laut und deutlich zu vernehmen.

„Seit unserer Scheidung hast du mit vielen Frauen geschlafen“, sagte Jenn.

Jesse grinste in die Dunkelheit hinein.

„Man kann halt nie genug kriegen“, sagte er.

„Doch, kann man“, sagte Jenn. „Und das weißt du auch ganz genau.“

„Ja, weiß ich.“

„Und in meinem Leben gab es auch viele Männer.“

„Ich weiß.“

„Beschäftigt dich das?“

„Ja.“

„Möchtest du drüber reden?“

Jesse schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er. „Noch nicht.“

„Noch nicht?“

„Erst wenn ich die Hintergründe besser verstehen kann.“

Jenn nickte.

„Sprichst du noch immer mit Dix?“

„Manchmal.“

„Sprecht ihr dann auch über dieses Thema?“

„Manchmal“, sagte Jesse. „Beschäftigen dich denn die Frauen in meinem Leben?“

„Hält sich in Grenzen“, sagte Jenn. „Hauptsächlich, weil ich gar nicht erst über sie nachdenken will.“

Ihr ausgedehnter Bummel hatte sie erst am Hafenkai vorbeigeführt, dann in die Altstadt hoch und nun wieder zurück zum Hafen, wo sich Jesses Apartment befand. Vor seiner Haustür blieben sie stehen.

„Fest steht nur eines“, sagte Jenn. „Der Mann in meinem Leben bist nun du.“

„Ja“, sagte Jesse.

„Willst du auf der Terrasse noch was fummeln?“, fragte Jenn. „Oder sollen wir lieber gleich ins Bett?“

Jesse nahm sie in seine Arme.

„Es gibt keinen Grund zur Eile“, sagte er.

„Das liebe ich an einem Mann“, flüsterte Jenn und gab ihm einen langen Kuss.

3

Die Leiche lag auf dem Bauch und schwappte leicht gegen die Kaimauer. Sie trieb auf dem dunklen Wasser des Hafens, das an dieser Stelle einen öligen Film hatte – umgeben von zerbrochenen Krabbenpanzern, toten Fischen und Styropor-Fetzen, die offenbar durch nichts kleinzukriegen waren. Im Kielwasser eines Motorbootes schaukelte die Leiche sachte hin und her. Die Seemöwen hatten bereits ein Auge auf den Körper geworfen – und unter dem Seetang konnte Jesse auch einen Schwarm kleinerer Fische erkennen.

„Muss eine Frau sein“, sagte Simpson. „Trägt ein Kleid.“

„Noch kein narrensicherer Beweis“, sagte Jesse, „aber gehen wir der Einfachheit halber mal davon aus.“

Das Boot hatte einen Wasserwirbel ausgelöst, der die Leiche um ihre eigene Achse drehte. Ihre Füße stießen gegen die Kaimauer.

„Wir müssen sie irgendwie rausholen“, sagte Jesse.

„Sie muss schon eine Weile im Wasser gewesen sein“, sagte Simpson. „Man kann schon von hier sehen, wie aufgedunsen sie ist.“

„Besorgt ein Segeltuch“, sagte Jesse. „Arthur, Peter Perkins und du holt sie raus. Deckt sie dann mit dem Tuch ab. Wir wollen ja nicht, dass unsere Segler noch vor dem Rennen seekrank werden.“

„Und was ist mit uns Cops?“, fragte Simpson.

„Versuchs runterzuschlucken“, sagte Jesse. „Alles andere wär schlecht fürs Image der Polizei.“

Jesse hatte schon genug Wasserleichen gesehen und verspürte nicht das Bedürfnis, sich heute noch eine weitere anzutun. Er schaute zu den kleinen Segelbooten hinüber, die langsam den Hafen verließen, um draußen vor Stiles Island an den Start zu gehen. Am hinteren Ende der Insel konnte er ein paar weiße Schaumkronen erkennen. Würde bestimmt kein Zuckerschlecken sein, unter diesen Bedingungen zu segeln. Hinter ihm war der Wagen der Gerichtsmediziner eingetroffen. Sie holten eine Bahre heraus und rollten sie die Rampe zum Wasser hinunter. Einer der Mediziner, eine Frau, ging vor der Leiche in die Hocke und schlug das Segeltuch zurück. Jesse bemerkte, dass seine drei Cops geflissentlich wegsahen. Er grinste. Die Medizinerin hatte offensichtlich keinen empfindlichen Magen, sondern sah sich die Leiche eingehend an. Als sie fertig war, schlug sie das Tuch wieder zurück und gab ihren Kollegen ein Zeichen. Sie kamen, legten die Leiche auf die Bahre und schoben sie wieder zum Wagen zurück. Ein paar Schaulustige, überwiegend Teenager, verfolgten die Prozedur. Dann und wann kicherte einer von ihnen.

„Irgendwas Interessantes?“, fragte Jesse die Frau.

„Wir müssen sie unters Messer nehmen“, sagte sie. „Sie ist zu aufgedunsen, um jetzt schon was sagen zu können.“

„Gibt’s Hinweise auf ihre Identität?“, fragte Jesse.

„Noch nicht.“

„War sie schon lange im Wasser?“

„Ja“, sagte die Frau. „Sieht so aus, als hätten die Krabben an ihr geknabbert.“

„Krabben?“

„Hmm.“

„Was bedeuten würde, dass sie auf dem Meeresboden gelegen hat“, sagte Jesse.

„Oder an der Küste angespült wurde.“

Jesse nickte. „Sonst noch was?“

Sie schüttelte ihren Kopf.

„Wir wissen mehr, wenn wir sie auf den Tisch gelegt haben“, sagte sie.

„Haben Sie was dagegen, wenn mein Spurensicherungs-Experte mitkommt?“, fragte Jesse.

„Nicht die Bohne“, sagte die Frau. „Wir werden ihm schon ein paar appetitliche Sachen zeigen können.“

„Herr im Himmel“, stöhnte Peter Perkins.

Simpson verfolgte, wie der Wagen abfuhr. Er hatte ein rundes, blasses Gesicht mit rosigen Pausbacken, doch momentan war jegliche Farbe aus seinem Gesicht verschwunden.

„Wenn man so was sieht“, sagte er betroffen, „wenn man hautnah mitbekommt, wie ein angefressener, aufgedunsener, stinkender Körper aussieht, dann kommen einem unweigerlich die Fragen nach Leben und Tod.“

Jesse nickte.

„Schwer vorzustellen, wie so ein Körper in den Himmel kommen soll“, sagte Simpson.

„Da haben die sterblichen Körper sowieso nichts verloren“, sagte Arthur.

„Ja, ich weiß.“

Die drei Männer schwiegen für eine Weile.

„Denkst du jemals über solche Sachen nach, Jesse?“, fragte Simpson.

Jesse nickte.

„Und – zu welchem Ergebnis kommst du dann?“

„Zu dem Ergebnis, dass ich nichts weiß.“

„Das ist schon alles?“, fragte Simpson.

„Das ist alles“, sagte Jesse. „Was nicht bedeutet, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Es bedeutet aber auch nicht, dass es ein ewiges Leben gibt. Es bedeutet nur, dass ich nichts weiß.“

„Und das reicht dir, Jesse?“

„Muss halt reichen. Für mich ist das Universum zu groß und zu kompliziert, um’s kapieren zu können.“

„Das ist eben der Punkt, wo der Glaube ins Spiel kommt“, sagte Arthur.

„Wenn er denn kommt“, sagte Jesse.

„Für mich jedenfalls tut er’s“, sagte Arthur.

Jesse nickte.

„Hauptsache, es funktioniert“, sagte er. „So, und nun beschäftigen wir uns mal mit der Frage, wer unsere Wasserleiche in ihrem früheren Leben wohl war.“

4

Jesse hatte sich den Obduktionsbericht gleich zur Hand genommen, als er am nächsten Morgen um 8 Uhr 40 das Revier betrat. Molly saß hinter der Telefonzentrale, hatte momentan aber nichts zu tun.

„Glaubst du, dass sie von einer der großen Jachten gefallen ist?“, fragte sie.

Jesse konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Mit ihrem überdimensionalen Polizeigürtel sah Molly immer eine Nummer zu klein aus. Wobei ihre Körpergröße eigentlich nie ein Problem war. Es gab herzlich wenig, wofür Molly zu klein war. Sie war dunkelhaarig, hübsch und besaß vor allem eine unstillbare Neugier und wilde Entschlossenheit.

„Dann muss sie sich aber schon vor der Rennwoche hier aufgehalten haben“, sagte Jesse. „Laut Obduktionsbericht hat sie schon länger im Wasser gelegen.“

„Irgendwelche Verletzungen?“

„Nichts, aber mit Sicherheit lässt sich das schwer sagen. Krabben-Spuren deuten wohl darauf hin, dass sie auf dem Meeresboden gelegen haben muss. Was bedeuten könnte, dass sie mit einem Gewicht beschwert wurde. Der körperliche Zerfall, die Strömung oder was auch immer führten dann dazu, dass sich der Körper losriss und an die Oberfläche trat. Andererseits könnte sie auch die ganze Zeit im flachen Wasser gelegen haben.“

„Es könnten aber auch Hummer gewesen sein, die an ihr geknabbert haben“, sagte Molly.

„Danke für den Hinweis“, sagte Jesse. „Ich werd dran denken, wenn ich beim nächsten Mal im ‚Gray Gull‘ Hummer bestelle.“

Er bemerkte, dass er „Gray Gull“ inzwischen wie die Einheimischen aussprach – als wäre es ein einziges Wort, mit Betonung auf „Gray“ statt auf „Gull“. Bin schon ’ne ganze Weile hier, dachte Jesse. Werd langsam zum Einheimischen.

„Und Seemöwen können’s nicht gewesen sein?“, fragte Molly.

„Nein.“

„Woher wissen sie das denn so genau?“

„Sie wissen’s eben“, sagte Jesse. „Es gibt zwar Hinweise, dass sie von einem stumpfen Gegenstand getroffen wurde, was aber auch damit erklärt werden kann, dass der Körper von der Flut gegen die Felsen geschleudert wurde.“

„Ich verstehe. Nun, falls sie wirklich von einer der großen Jachten fiel, hätten wir doch eigentlich eine Vermisstenmeldung bekommen müssen.“

„Aber niemand wurde als vermisst gemeldet, Jacht oder nicht Jacht.“

„Es gibt immerhin fünf vermisste Personen im Nordosten der USA“, sagte Molly. „Theoretisch könnte sie eine davon sein. Nur blöde, dass es bei den Zahnabdrücken keine Übereinstimmungen gibt.“

Jesse trug Jeans, Turnschuhe und ein weißes, kurzärmliges Polizeihemd. Die Polizeimarke steckte über der Brusttasche. Er trug die kurze .38er, die er aus Los Angeles mitgebracht hatte. Molly wusste, dass sich seine Dienstwaffe, eine 9mm-Halbautomatik, in der rechten Schublade seines Schreibtisches befand. Er war braun gebrannt, trug kurze Haare und war kräftig gebaut. Auch wenn er nicht übermäßig groß war, blieb Molly nie verborgen, dass sein gesamter Oberkörper wohl völlig austrainiert sein musste.

Das Telefon klingelte. Molly nahm ab und sagte: „Ja, gnädige Frau, wir werden umgehend jemanden schicken.“ Sie machte sich keine Notizen und unternahm auch nichts, als das Telefonat beendet war.

„Mrs. Billups?“, fragte Jesse.

Molly nickte.

„Sie sagt, dass ein ihr unbekannter Mann an ihrem Haus vorbeigegangen sei. Er sehe unheimlich aus.“

„Wie oft hat sie uns in diesem Monat schon angerufen?“

„Vier Mal“, sagte Molly.

„Und im gesamten Jahr?“

„Oh mein Gott“, sagte Molly. „Ich kann’s nicht zählen.“

„Mrs. Billups scheint wohl zu viel Zeit zu haben“, sagte Jesse. „Wer ist gerade auf Streife?“

„Suit.“

„Dann soll er doch mal langsam an ihrem Haus vorbeifahren“, sagte Jesse.

„Es gibt keinerlei Vorkommnisse, Jesse.“

„Ich weiß es und du weißt es. Aber Mrs. Billups weiß es nicht.“

„Für jemanden, der Carl Radborn den Knüppel in die Eier gehauen hat, hast du eine erstaunlich sentimentale Ader“, sagte Molly.

„Wenn sie den Streifenwagen sieht, wird sie bestimmt aus dem Fenster schauen. Sag Suit, dass er ihr zuwinken oder das ‚Daumen-hoch‘-Zeichen geben soll.“

Molly schüttelte missbilligend den Kopf, tat aber, wie ihr befohlen.

„Mach doch mal einen kleinen Ausflug zu Mrs. Billups“, sagte sie, als sie Simpson über Funk erreicht hatte.

„So ’ne Scheiße, Molly. Das Muttchen sieht doch hinter jedem Strauch böse Verbrecher.“

Jesse lehnte sich zum Mikro hinüber.

„Die Polizei, dein Freund und Helfer, Suit.“

Für einen Moment war es still, bis Simpson sagte: „Aye, aye, Käpt’n.“

Jesse ging ins Besprechungszimmer, holte zwei Kaffee und brachte einen zu Mollys Schreibtisch.

„Wenn man in der Stadt verschütt geht, fällt das so schnell niemandem auf“, sagte er. „Aber auf einer Jacht?“

„Dann war’s wohl keine Jacht, auf der sie sich befand.“

„Oder wenn doch, wollten es die Besitzer nicht an die große Glocke hängen“, sagte Jesse.

„Was bedeuten würde, dass sie ermordet wurde.“

„Oder dass jemand verschweigen möchte, dass sie sich auf der Jacht befunden hat.“

Molly nickte.

„Eine Geliebte beispielsweise“, sagte sie.

„Oder eine Nutte, ein Schöffe in einem laufenden Prozess oder irgendetwas, das wir uns nicht vorstellen können.“

„Es gibt nichts, was wir beide uns nicht vorstellen könnten“, sagte Molly.

„Die Frage ausgenommen, wer denn wohl die Wasserleiche ist.“

„Und die Gerichtsmediziner können dir keinerlei Anhaltspunkte geben?“

„Natürlich können sie das.“

Er schaute wieder auf den vorläufigen Obduktionsbericht.

„Die Frau war etwa 35 Jahre alt, 1,70 Meter groß, circa 60 Kilo schwer. Braune Augen, braune Haare. Sie trug ein teures Kleid und seidene Unterwäsche. Sie hatte Alkohol im Blut und auch Spuren von Kokain. Sie war Raucherin. Sie hatte eine Brustvergrößerung vornehmen lassen. Sie war am Leben, als sie im Wasser landete. Und sie war keine Jungfrau mehr.“

„Was du nicht sagst.“

„Ich les nur von der Liste ab, Moll“, sagte Jesse. „Und sie hatte bislang auch noch kein Kind zur Welt gebracht.“

„Wir könnten ja bei Schönheitschirurgen anfangen und nachfragen, ob eine Patientin mit Brustvergrößerung verschwunden ist“, sagte Molly.

„Falls sie überhaupt von einem Schönheitschirurgen operiert wurde“, sagte Jesse. „Heute macht doch schon jeder dahergelaufene Doktor diese Operationen.“

„Aber intelligentere Leute würden sich wohl kaum von einem Allergie-Spezialisten operieren lassen“, sagte Molly. „Würdest du das?“

„Eine Brustvergrößerung machen lassen?“, sagte Jesse.

„Du weißt genau, was ich meine.“

Wieder klingelte das Telefon. Molly antwortete und schrieb sich diesmal eine Adresse auf.

„Okay, Mr. Bradley“, sagte sie, „ich werde umgehend jemanden vorbeischicken. Rufen Sie uns ruhig nochmal an, sollte es Probleme geben. Und kommen Sie dem Tier nicht zu nahe.“

„Tollwütiges Tier?“, fragte Jesse.

„Stinktier. Ein Typ, der gerade auf einem Dach am Sterling Circle arbeitet, sagt, dass es im Kreis über die Straße laufe. Er rief von seinem Handy an.“

„Suit sollte Mrs. Billups inzwischen glücklich gemacht haben. Sag ihm, dass er hinfahren und das Stinktier erschießen soll.“

„Und wenn’s nicht Tollwut ist?“

„Dann kann uns die Stinktier-Familie ja verklagen.“

Molly rief Simpson an. Nachdem sie die Nachricht überbracht hatte, wandte sie sich wieder Jesse zu.

„Stimmt es denn wirklich, dass Leute wie Urologen auch Schönheitsoperationen machen?“

„Rechtlich sind sie dazu in der Lage“, sagte Jesse. „Und es gibt genug Leute, die einen Doktor nicht vom anderen unterscheiden können. In ihren weißen Kitteln sehen sie doch alle gleich aus.“

„Eine Frau mit seidener Unterwäsche wüsste das aber“, sagte Molly.

Jesse grinste.

„Hängt davon ab, wer die Unterwäsche gekauft hat“, sagte er.

„Trotzdem, die Wahrscheinlichkeit spricht für einen Schönheitschirurgen. Ich kann mich ja mal hinters Telefon klemmen.“

„Klar“, sagte Jesse. „Wenn wir Glück haben, hat sie die Operation ja hier in der Gegend gemacht.“

„Was denn sonst?“, sagte Molly. „Oder glaubst du etwa, sie sei aus Grand Junction in Colorado angereist, habe ihren Wagen irgendwo am Damm geparkt und sei dann ins Wasser gesprungen?“

„Dagegen spricht, dass wir keine Meldung über ein führerloses Fahrzeug haben“, sagte Jesse.

„Oder jemand hat sie dorthin gefahren, ins Wasser geworfen und ist dann alleine weggefahren.“

„Oder sie kommt von einem anderen Stern“, sagte Jesse.

„Ach, halt doch den Mund“, sagte Molly.

„Ich bin der amtierende Polizeichef von Paradise/Massachusetts“, sagte Jesse. „Und damit auch Ihr Vorgesetzter. Ich darf wohl ein Mindestmaß an Respekt erwarten.“

„Selbstredend“, sagte Molly. „Halten Sie bitte Ihren Mund, Sir.“

„Ich danke Ihnen.“

„Haben sie ihre Untersuchung denn bereits abgeschlossen?“, fragte Molly.

„Die Gerichtsmediziner? Nein, das hier ist nur der vorläufige Bericht. Sie schnipseln noch immer rum.“

„Igitt.“

„Cops sagen nicht ‚Igitt‘.“

Molly lachte, beugte sich über den Schreibtisch und küsste Jesse auf die Stirn.

„Ist das denn den Polizisten erlaubt?“, fragte sie.

„Absolut“, sagte Jesse. „Jedenfalls tun’s die meisten.“

Das Telefon klingelte. Molly sagte: „Paradise Police“, während sich Jesse mit dem Obduktionsbericht in sein Büro verzog.

5

Dix sieht immer so unglaublich sauber aus, dachte Jesse. Das Weiß seiner Hemden war ein strahlendes Weiß. Sein kahler Schädel glänzte, als hätte er ihn gerade rasiert. Das Aftershave auf seinem Gesicht schien frisch aufgetragen zu sein.

„Jenn fragte mich neulich, ob es mir was ausmache, dass sie andere Männer hatte.“

Dix nickte. Er hatte seine Ellbogen auf die Armlehnen gestützt und die Hände vor der Brust gefaltet. Es waren große, zupackende, fast schon quadratische Hände.

„Ich sagte ihr, dass es mir sehr wohl auf der Leber liege.“

„Möchten Sie darüber heute reden?“, fragte Dix.

„Ja.“

„Liegt Ihnen was auf der Zunge?“

„Nun ja, es treibt mich halt auf die Palme“, sagte Jesse. „Andererseits ist das ja wohl nicht gerade ungewöhnlich.“

„Dass sie Sex mit anderen Männern hatte?“

„Dass sie gemeinsam Liebe machten“, sagte Jesse.

Dix nickte. Beide schwiegen. Vom Telefon und einem Notizblock abgesehen war Dix’ Schreibtisch völlig leer. Seine Urkunden hingen an der Wand, vor der sich auch eine Couch befand, die Jesse aber nie benutzt hatte.

„Macht es Sie fertig, wenn Sie daran denken dass sie intim redeten, dass sie zusammen lachten, Insider-Witze hatten, gemeinsames Essen genossen oder sich Sportübertragungen anschauten?“

„Alles. Aber ist es nicht – um eine hochgestochene Psychiater-Phrase zu bemühen – eine völlig adäquate Reaktion, wenn man bei einem Seitensprung seiner Frau eifersüchtig wird?“

„Es ist sicher eine sehr menschliche Reaktion“, sagte Dix. „Ist Ihre Reaktion auf diese Beispiele denn genauso intensiv wie bei der Vorstellung, dass sie gerade mit einem anderen Mann Sex hat?“

„Nein.“

„Betrügt sie Sie momentan noch immer?“

„Nein, im Moment ist alles im Lot.“

„Also?“, fragte Dix.

Jesse wollte eine Antwort geben, schluckte sie aber runter und lehnte sich zurück. Dix blieb stumm.

„Es sieht so aus, als könne ich das Thema einfach nicht abhaken“, sagte Jesse.

„Welchen Aspekt können Sie nicht abhaken?“

„Wie sie Sex mit einem anderen Mann hat. Ich stell es mir plastisch vor. Wenn ich mit ihr zusammen bin, kann ich die Vorstellung einfach nicht abschütteln.“

Dix hatte seinen Kopf leicht zur Seite geneigt und wartete. Jesse starrte auf die Hände, die Dix vor seiner Brust gefaltet hatte. Nach einer Weile schaute er wieder zu seinem Gesicht hoch.

„Es ist fast so, als wolle ich mich von der Vorstellung überhaupt nicht verabschieden.“

An Dix’ Gesichtsausdruck glaubte Jesse ablesen zu können, dass er mit dem Verlauf des Gesprächs zufrieden war.

„Was für einen gottverdammten Nutzen beziehe ich bloß daraus?“, sagte Jesse.

„Irgendwas muss es wohl sein“, sagte Dix, „weil Sie’s sonst einstellen würden.“

„Sieht so aus.“

Und wieder waren sie für eine Weile still. Außer dem Summen der Klimaanlage war kein Geräusch zu hören. Man konnte sich Dix eigentlich nie verschwitzt, übermüdet oder ratlos vorstellen, dachte Jesse. Niemand beherrschte das Schweigen so meisterhaft wie er. Es war sein natürliches Element. Jesse hingegen fühlte sich zunehmend angespannt. Er holte einmal tief Luft.

„Sie waren nach Ihrer Trennung und Scheidung doch auch mit einer Menge Frauen zusammen“, sagte Dix.

„Klar.“

„Haben Sie sich in diesen Fällen auch vorzustellen versucht, wie die Frau mit einem anderen Mann im Bett war?“

„Nicht wirklich“, sagte Jesse. „Aber Jenn ist nun mal die Frau, die ich liebe. Die anderen Frauen mochte ich, aber ich liebte sie nie so, wie ich Jenn liebe.“

„Was bedeutet?“

„Was bedeutet, dass es mir egal war, mit wem sie sonst noch schliefen.“

„Entschuldigen Sie das Klischee“, sagte Dix, „aber dreht sich da nicht alles um Sie selbst – wie Sie sich fühlen – und weniger um Jenn und die anderen Frauen?“

Jesse starrte ihn für einen Augenblick ausdruckslos an.

„Was zum Teufel läuft da nur falsch in meinem Kopf?“, sagte er schließlich.

„Sie sind ein Mensch“, sagte Dix. „Was durchaus ein gängiges Krankheitsbild ist.“

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