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Tod auf Schloss Bremont

Mary L. Longworth

Tod auf Schloss Bremont

Ein Provence-Krimi

Aus dem Amerikanischen von Helmut Ettinger

Inhaltsübersicht

Saint-Antonin, Frankreich - 17. April, 00.05 Uhr

1. Kapitel

Saint-Antonin - 17. April, 17.30 Uhr

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Saint-Antonin, Frankreich

17. April, 00.05 Uhr

 

In der Deckenlampe des Dachbodens war die Glühbirne durchgebrannt. Das wollte er dem Verwalter Jean-Claude gleich am Morgen sagen. Étienne de Bremont wusste, dass Jean-Claude ihn nicht mochte. Vielleicht gab er sich ja auch deshalb so kühl, weil er den Klassenunterschied zwischen ihnen respektierte. Jean-Claude war immer höflich, doch er schaute seinem Arbeitgeber nie offen ins Gesicht. Solange Étiennes Eltern noch lebten, konnten sie sich leicht aus dem Wege gehen. Da aber Étienne nun der letzte Bremont war, der noch in Aix lebte, brachte es die viele Arbeit, die der Unterhalt des Schlosses erforderte, einfach mit sich, dass Besitzer und Verwalter sich häufiger trafen. Jean-Claude Auvieux war ein riesiger, ungelenker Kerl. Seine Größe hatte Étienne nie gestört, aber die Art, wie er ihn hin und wieder anblickte, bereitete ihm Unbehagen. Neuerdings ertappte sich der Comte dabei, dass ihn die riesigen Hände des Verwalters faszinierten. Wenn er die knappen Weisungen seines Herrn entgegennahm, hingen sie unbewegt herab, doch dann fingen seine dicken Finger plötzlich an zu zucken, erst langsam und dann immer schneller, als warteten sie auf ein Signal des Gehirns, um in Aktion zu treten. Es war, als dachten sie den langsamen Händen voraus.

Zum Glück hatte Étienne wie gewohnt eine Taschenlampe bei sich. Irgendwo gab immer eine Glühbirne in dem verfallenen Bau, den niemand mehr bewohnte und der mehr Ärger machte, als er wert war, ihren Geist auf. Er ließ den Lichtstrahl durch den staubigen Raum gleiten, einen der wenigen von über zwanzig, den er in guter Erinnerung hatte. In einer Ecke lehnte sein erstes Zehn-Gang-Fahrrad. Damit war er in fünfundvierzig Minuten bergab bis nach Aix-en-Provence gerast. Für den Rückweg hatte er fast die doppelte Zeit gebraucht. Wie fit er doch damals war! So fühlte er sich auch heute noch, dabei wurde er in fünf Jahren schon vierzig.

Neben dem Fahrrad hing seit ewigen Zeiten ein Rosenkranz am Pfosten eines Metallbetts aus dem 19. Jahrhundert. Ihr lachendes Gesicht und ihre grünen Augen kamen ihm in den Sinn. Sie fehlte ihm, aber sie anzurufen hätte keinen Zweck. Wie ungleich war doch ihr Leben, wie verschieden ihre Freunde. Besonders die Freunde.

Draußen schien der Vollmond, und Étienne trat ans Fenster. Es war mit einem hölzernen Laden von einem Meter Breite und zwei Metern Höhe verschlossen. Er stieß ihn auf und befestigte ihn sorgfältig mit der linken Hand an der Außenmauer, wobei er sich mit dem rechten Arm an der Innenwand festhielt. Das Fenster war den Elementen schutzlos ausgeliefert. Vor Jahren hatten sie durch diese Öffnung das Heu für den Winter hereingebracht. Niemand hatte je daran gedacht, Glasscheiben einzusetzen. Alle Bremonts lernten, wenn sie groß genug waren, um den schmiedeeisernen Riegel zu erreichen, wie man es öffnete, ohne hinauszufallen.

Der Mond schien nun herein und spendete genügend Licht, dass Étienne lesen konnte, weswegen er hier heraufgekommen war. Der Louis-Vuitton-Koffer stand vor seinem rechten Fuß am Boden. Er packte ihn und stellte ihn auf die Holzkommode voller Bettlaken, die längst die Motten zerfressen hatten. Das Schloss hatte jemand geöffnet, wahrscheinlich sein Bruder François. Rasch klappte er den Koffer auf und griff nach den ersten Papieren, die obenauf lagen. Eilig blätterte er sie durch. Er begriff gar nicht, was ihn plötzlich so trieb: der Verwalter war bereits vor eineinhalb Stunden weggefahren und kam erst am nächsten Morgen zurück. Aber er war trotzdem so erregt, dass ihm die Hände zitterten. Die Dokumente der Anwälte und Notare waren handgeschrieben – in der eleganten Schrift, die er und sein Bruder bereits in der ersten Klasse hatten lernen müssen – mit Füllfederhalter, die sein Vater bei Michel auf dem Cours Mirabeau gekauft hatte. Die Papiere lagen völlig durcheinander. Zwischen Rechtsdokumenten fanden sich irgendwelche Zettel, was die Verachtung seiner Adelsfamilie für Geld, Akten und Organisation im Allgemeinen demonstrierte. Kassenbelege hatte man in Mehldosen aufbewahrt, Einhundert-Franc-Noten unter dem abgewetzten Perserteppich in der Bibliothek versteckt. Die Elektrizitäts- und Telefongesellschaften standen regelmäßig vor der Tür, weil man wieder einmal nicht rechtzeitig gezahlt hatte. Aber das Château abzuschalten, hatte keiner gewagt.

Étienne begann die Papiere zu sortieren. Zwanzig Jahre alte Kontoauszüge und Einkaufslisten trennte er von wichtigen Rechtsurkunden. Als ihm eine vergilbte Quittung der besten Bäckerei von Aix in die Hände fiel, die heute der vierten Generation der Familie gehörte, musste er lachen. Darauf standen zwei Brioches1, die für ihn und François oder Marine hätten sein können. Nur stammte sie aus den 1950er Jahren, als sie alle drei noch gar nicht geboren waren. Mit der Quittung in der Hand beruhigte er sich ein wenig und gestattete sich, wieder an Marine zu denken, an ihren kindlichen Streit darüber, was besser schmeckte – Brioches oder Croissants, die Trinkschokolade von Banania oder von Quik. Mit ihrem Mundwerk hatte sie ihn immer geschlagen.

Das Lächeln gefror Étienne Bremont auf den Lippen, als er die Haustür gehen hörte. Instinktiv presste er sich gegen die Wand und verbarg seine schmale Gestalt im Schatten. Er nahm die Lesebrille ab und steckte sie in den V-Ausschnitt seines Pullovers. Mit raschem Schritt erklomm jemand die erste Treppe, lief über den Korridor, erreichte die nächste Etage und war schon auf den schmalen hölzernen Stufen, die zum Dachboden führten. Mit angehaltenem Atem überlegte Étienne, vielleicht war es Jean-Claude, der meinte, er dürfe das Château keine Nacht allein lassen. Seine blöden Pflanzen könnten ihn ja vermissen. Als die Bodentür aufging, richtete Étienne den Strahl der Taschenlampe auf die Gestalt, die in der Türöffnung erschien. Erleichtert seufzte er auf und sagte: »Was machst du denn hier?«

Der hölzerne Fensterladen klapperte an der Hausmauer, als Étienne mit seinem ungebetenen Gast sprach. Ein starker Wind war aufgekommen, der ihre Stimmen durch die offene Luke hinaustrug – über die Pinien hinweg und den Berg hinauf bis zu dem Lavendelfeld.

Mit dem Wind schwollen auch ihre Stimmen an, die jetzt wütend klangen. Étienne, dem die Beleidigungen, die er ausstieß, einen seltsamen Genuss bereiteten, glaubte Lavendel zu riechen. Allmählich wurde ihm der Streit jedoch zu viel. Für einen Augenblick wandte er sein Gesicht dem offenen Fenster zu, um die Nachtluft einzuatmen. Als er sich wieder umdrehte, hörte er rasche Schritte auf dem hölzernen Fußboden und spürte Hände auf seiner Brust. Der Mistral umwehte seinen Körper, als er fiel. Sein Blick erfasste noch das Bodenfenster und den schwachen Strahl seiner Taschenlampe. Der Wind pfiff nicht mehr, sondern stöhnte auf. Alles, woran Étienne de Bremont in den wenigen Sekunden vor seinem Tod noch denken konnte, waren die beiden Brioches und dass er sie Croissants immer vorgezogen hatte.

1. Kapitel

Saint-Antonin

17. April, 17.30 Uhr

 

Verlaque stand vor dem Quartier des Verwalters. Es war ein mittelalterliches kleines Haus, dessen dicke Mauern aus goldfarbenem, roh behauenem Stein in der Sonne dieses Spätnachmittags glühten. Die kleinen Fenster sollten die Sommerhitze abhalten, und die hölzernen Fensterläden waren mit blasser graublauer Farbe gestrichen. Hinter Verlaque ragte der Berg auf. Ihm fiel ein, was Paul Cézanne über den Mont Sainte-Victoire gesagt hatte: Er brauche seine Staffelei nur einen halben Meter zu verrücken und schon sehe er einen ganz anderen Berg. Das probierte Verlaque nun und schob seinen schweren Körper ein wenig nach rechts. Es funktionierte. Die Spitze eines der vielen Kalksteinhöcker des Berges, dessen Südhang an den Rücken eines Dinosauriers erinnerte, kam in Sicht. Plötzlich glitt ein Schatten über den Gipfel und wandelte dessen Farbe von einem blassen Rosa zu Grau.

Er drehte sich um und blickte auf das Schloss, eigentlich ein Landhaus, wie es sich die reichen Bürger von Aix-en-Provence im 17. Jahrhundert hatten bauen lassen, als sie jeden Juli aus ihren Stadtvillen flüchteten, um sich mitsamt der Dienerschaft in die kühlere Umgebung zurückzuziehen. Im Moment fühlte es sich hier oben regelrecht kalt an. Von Aix bis Saint-Antonin waren es kaum zehn Kilometer, aber der Ort lag fünfhundert Meter über dem Meeresspiegel, und Verlaque merkte nun, dass er sein Jackett im Wagen liegengelassen hatte.

Das Château war aus dem gleichen goldfarbenen, nur sorgfältiger behauenen Stein erbaut wie das kleinere Nebengebäude. Riesige Tontöpfe mit gelber und grüner Glasur, jetzt aber angeschlagen und gesprungen, säumten den Kiesweg zur Haustür. Ihm fiel auf, dass in jedem Topf ungeachtet des schlechten Zustandes ein gesunder Oleanderstrauch kurz vor der Blüte stand. Ein weiterer mit Kies bestreuter Weg, zu dessen beiden Seiten Lavendel wuchs, lief über den sorgfältig geschnittenen Rasen bis zu einem jahrhundertealten, mit Ornamenten geschmückten Wasserbassin. Als Verlaque ihn entlangging, spürte er seine frisch erworbenen Kilos, denn sein Bauch drückte stark gegen den italienischen Ledergürtel. Allein zu leben bedeutete nicht, dass er nun weniger aß, wie er es sich bei Junggesellen nach dem Ende einer Beziehung vorstellte. Seufzend schwor er sich, am nächsten Morgen mit dem Laufen zu beginnen. Dabei grübelte er darüber nach, wo seine Joggingschuhe sein könnten. »The trainers«, sagte er laut vor sich hin und musste lächeln. Seine englische Großmutter hatte die Schuhe so genannt, während jene aus Frankreich ihn nie darin aus dem Haus gehen ließ. »Seulement pour le tennis«, pflegte sie zu sagen.

Das Wasser im Bassin war grün und trübe. Blätter schwammen darin herum, die von den hohen Platanen abgefallen waren. Am Rand gegenüber gab es einen Springbrunnen aus dem Marmor, in leuchtendem Orange und Gelb, den der Berg lieferte. Ein Löwenkopf spie einen Wasserstrahl ins Bassin. Als Verlaque in die Provence kam, hatte er den Marmor vom Mont Sainte-Victoire gar nicht gemocht. Er fand ihn zu grell, fast kitschig, aber jetzt liebte er ihn. Das Waschbecken in Marines Bad war aus diesem Stein gemacht. Er beugte sich hinab und hielt die Hand in den Wasserstrahl. Zeilen aus einem Gedicht von Philip Larkin2, dem Lieblingsdichter seiner Lieblingsgroßmutter, kamen ihm in den Sinn:

Ich legte meine Lippen

An das strömende Wasser:

Fließ nordwärts, fließ südwärts,

Es wird dir nichts nützen,

Denn Liebe findest du nicht.3

Bei Marine hatte er Liebe gefunden, aber keine Zufriedenheit, und hatte die Liebe ziehen lassen. Seine Vergangenheit war zu kompliziert, um sie Marine zu erklären. Je mehr sie Verlaque drängte, darüber zu reden, umso mehr zog er sich zurück. Es fiel ihm leichter, allein zu sein in seinem Loft, bei seinen Büchern, Bildern und Zigarren. Seit über sechs Monaten hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen.

»Monsieur le Juge!«, rief eine Stimme vom Haus her. Der Verwalter stand in der Türöffnung, die er mit seiner Größe und Breite vollständig ausfüllte. »Der Kaffee ist fertig!« Während Verlaque auf ihn zuging, ließ er die Hand in eine Hosentasche gleiten und schaltete den Recorder ein.

Als er in der kalten Küche stand, musste er einen Schauer unterdrücken. Der Verwalter Jean-Claude Auvieux goss für beide Kaffee ein. Richter Verlaque schaute sich in dem karg eingerichteten, aber blitzsauberen Raum um und nahm sich Zeit, die perfekt gepflegten Bodenfliesen zu bewundern. Der Herd beherrschte die Küche, ein alter dunkelroter La Cornue, von dem ein Freizeitkoch wie Verlaque nur träumen konnte. So einen mit zwei Kochplatten hätte er gern in Aix gehabt, aber dann hätte er die ganze Wohnung umbauen müssen. Er rieb seine großen Hände und widerstand der Versuchung, in sie hineinzuhauchen.

Auvieux wandte sich vom Herd ab und sagte zu Verlaque, als spüre er dessen Unbehagen: »Tut mir leid, dass es hier drinnen so kalt ist. Ich habe die Heizung abgedreht, als ich übers Wochenende weggefahren bin. Bei Tage geht es schon, aber über Nacht sollte man wahrscheinlich die Heizung noch ein wenig laufen lassen, nicht wahr? Doch es wird gleich warm werden.« Auvieux war älter als Verlaque, vielleicht Ende vierzig, und sein wettergegerbtes Gesicht gab noch ein paar Jährchen hinzu. Er war von mächtiger Gestalt – hochgewachsen, breitschultrig, mit wulstigen Lippen und großen braunen Augen. Er trug die für einen Provenzalen seines Standes übliche Kleidung: einen blauen Overall und eine gesteppte grüne Jägerweste.

»Sie hatten einen schlimmen Sonntag«, sagte Verlaque, zog sich einen hölzernen Stuhl heran und setzte sich ohne Aufforderung. »Was genau ist passiert?«

Auvieux schaute zu Boden, dann auf Verlaque, der ihn mit seinen dunklen Augen fest anblickte. »Tja … Ich habe die Leiche gefunden, sofort die Polizei gerufen, und dann …«

»Waren Sie allein?«, unterbrach ihn Verlaque. Der Verwalter stockte. »Ja«, antwortete er und wischte mit dem Fuß nicht vorhandenen Staub beiseite.

Mit einem Seufzer meinte Verlaque: »Ich kann mir vorstellen, dass es ein Schock für Sie gewesen sein muss, als Sie den Comte de Bremont so gefunden haben. Ich weiß nicht, ob Sie ihm sehr nahestanden, aber Sie sind ja hier mit ihm und seiner Familie aufgewachsen. Können Sie mir genau sagen, was Sie getan haben, als Sie aus dem Var4 zurückkamen? Aber bitte so ausführlich wie möglich.«

»Ich bin heute so gegen Mittag in Saint-Antonin zurück gewesen«, antwortete Auvieux nach kurzem Nachdenken. »Allein. Das Haus meiner Schwester bei Cotignac im Var habe ich gegen halb elf verlassen.«

»Namen und Adresse Ihrer Schwester brauche ich dann noch für die Akten«, unterbrach ihn Verlaque.

»In Ordnung.« Auvieux schluckte, holte tief Luft und fuhr dann fort: »Ich habe meinen Wagen neben dem Häuschen rechts vom Château geparkt. Dort steht er immer noch. Ich habe meinen Koffer hereingebracht und dann angefangen, mir etwas zum Mittag zu kochen.«

»Was genau?«, fragte Verlaque.

»Meinen Sie das Essen?« Auvieux starrte den Richter einige Sekunden an, wie um zu begreifen, worauf dieser hinauswollte, und zuckte dann die Achseln. Er hatte es schon lange aufgegeben, Menschen zu verstehen. Mit Pflanzen war das viel einfacher. Verlaque hatte natürlich längst die Schüssel Erdbeeren und die dünnen grünen Spargelstangen bemerkt, die für das Abendessen bereitstanden. Als Auvieux den Kühlschrank öffnete, um Milch herauszunehmen, hatte Verlaque den Inhalt überflogen: Eier, ein Stück Ziegenkäse, eine in Zellophan verpackte Salami, Butter, Mineralwasser und Weißwein. Fast genauso sah es in seinem eigenen Kühlschrank aus. Wenn man den Champagner von Pol Roger nicht rechnete. Schließlich bequemte der Verwalter sich zu einer Antwort: »Hm, ich habe mir ein Steak gebraten, ein Entrecôte, dazu grünen Salat. Plus zwei Gläser Rotwein. Den kaufe ich kistenweise bei der Genossenschaft in Puyloubier. Der ist nicht schlecht, glauben Sie mir.«

Auf Verlaques Gesicht erschien ein breites, warmes Lächeln. Den Wein dieser Genossenschaft kannte er, und der Verwalter hatte recht. Für nicht einmal drei Euro der Liter war er wirklich gut. »Wann haben Sie Ihre Mahlzeit beendet?«, fragte Verlaque.

»Gegen 14.00 Uhr. Nach dem Mittagessen habe ich meine Arbeitskluft angezogen und bin ein Stück gegangen. Das mache ich gern nach dem Essen – schon fünfzehn Minuten sind gut für die Gesundheit. Meine Schwester hat das aus dem Fernsehen. Fünfzehn Minuten reichen völlig aus.«

»Ja, so sagt man«, gab Verlaque zurück und wurde langsam ungeduldig.

»Ich bin in diese Richtung gegangen«, erklärte Auvieux und wies mit der Hand auf das Schloss, das durch das Küchenfenster zu sehen war, »und dann durch den Olivenhain. Ich brauchte ein paar Minuten, um die Bäume zu kontrollieren, die ich im Februar zurückgeschnitten habe. Comte de Bremont, ich meine M. Étiennes Großvater, hat immer gesagt, die Zweige sollten so kurz gehalten werden, dass man durch die Bäume den Mont Sainte-Victoire noch sehen kann.«

Der Verwalter hielt inne und blickte den Untersuchungsrichter an, als warte er auf eine Reaktion.

»Das habe ich schon einmal gehört«, warf Verlaque ein. Er brauchte ein paar Sekunden, um sich zu erinnern, dass Marine dies gesagt hatte, als sie an einem sonnigen Morgen den Olivenbaum auf ihrer Terrasse stutzte. Von ihrer Stadtwohnung konnte man den Berg gar nicht sehen, aber im frühen 20. Jahrhundert, bevor die riesigen Appartementhäuser hochgezogen wurden, hatte es herrliche Ausblicke gegeben, und die Redensart war geblieben. Cézannes viele Studien des Berges, angefertigt im Atelier des Malers auf einer Anhöhe nördlich von Aix kamen ihm in den Sinn. Heute versperrten auch dort quaderförmige Wohnblöcke aus Beton die Sicht. Dazu passte, dass nicht nur Cézannes Berg vom Atelier des Malers nicht mehr zu sehen war, sondern dass auch die Stadt nur zwei oder drei kleine Bilder ihres berühmten Sohnes besaß, der als einer der Großen der Kunstgeschichte gilt. Verlaque musste an das kleine Musée Granet in Aix denken, wo er sich nicht erinnern konnte, je einen Cézanne gesehen zu haben. Im Aix des 19. Jahrhunderts hatte man sich über die Arbeiten dieses Malers lustig gemacht, weil der Provinzgeschmack sie für zu modern hielt. Offenbar hat sich daran auch im 21. Jahrhundert nichts geändert, dachte Verlaque bei sich. Obwohl in Aix-en-Provence viel altes und neues Geld war, fehlten dort immer noch die modernen Galerien und Restaurants, die man in Städten wie Toulouse oder Lille in großer Zahl finden konnte.

Verlaque schaute aus dem Fenster zum Schloss hinüber und fragte plötzlich: »Wem gehört der Wagen dort mit der Nummer von der Côte d’Azur?«

Auvieux musste sich bücken, um aus dem kleinen Fenster zu schauen. »Das ist ein altes Auto, das Étiennes Bruder François gehört. Der lebt an der Riviera. Er und Étienne haben es gemeinsam benutzt, wenn sie nach Aix hineinfahren oder etwas erledigen wollten.«

»In Ordnung«, sagte Verlaque. »Fahren Sie fort.« Als er sah, dass der Verwalter verdutzt dreinblickte, fügte er hinzu: »Sie waren beim Olivenhain stehengeblieben.«

»Ach ja, danke. Im Olivenhain bin ich etwa fünfzehn Minuten gewesen. Dann bin ich hinter das Schloss gegangen, weil ich zu dem Pinienwäldchen südlich des Hauses hinaufgehen wollte. Kurz vor dem Anstieg habe ich nach links geschaut und M. Étienne dort am Boden liegen sehen.«

»Das war also zwischen 14.15 Uhr und 14.30 Uhr. Dann haben Sie uns gerufen, nicht wahr?«

»Ja. Ich habe ihn mir angesehen, aber natürlich nichts angerührt. Ich wusste, dass er tot war. Ich bin nach Hause gerannt und habe sofort die 18 gewählt.«

»Wann sind Sie am Freitag aus Saint-Antonin abgefahren?«, erkundigte sich Verlaque.

Bevor Auvieux antwortete, nahm er einen Schluck Kaffee. »Es war kurz vor dem Abendbrot, denn meine Schwester hatte mir ein Kalbsfrikassee versprochen. Das muss gegen 17.00 Uhr gewesen sein.«

»Und Ihnen ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen?«

Der Verwalter fuhr herum, kniff die Augen zusammen und gab zurück: »Was meinen Sie damit?«

Verlaque registrierte Auvieux’ Reaktion. »Also …«, sagte er bedächtig, »ich weiß, dass die Polizei Sie bereits befragt hat, ob etwas fehlt. Ich möchte wissen, ob etwas nicht an seinem Platz stand, als sie abgefahren oder auch als Sie wieder aus dem Var zurückgekommen sind.«

»Nein«, erwiderte der Verwalter nach einer Weile.

»Hat es Einbrüche in das Schloss gegeben?«

Der Verwalter rieb sich ärgerlich die Nase. »Nur einen, vor zwei Jahren. Das waren drei Jungs aus Marseille. Sie haben versucht, einen Fensterladen zu öffnen und in das Esszimmer einzusteigen. Ich hörte den Lärm, den sie machten, und habe sie mit meinem Jagdgewehr verscheucht. Am nächsten Tag habe ich M. Étienne angerufen, und er hat den Laden wieder reparieren lassen.« Verlaque fragte nicht nach, woher Auvieux wusste, dass die Jungen aus Marseille waren, aber vielleicht hatte ja deren Hautfarbe etwas damit zu tun.

Schon im Gehen wies Verlaque auf den Spargel und die Erdbeeren. »Haben Sie das bei dem Obst- und Gemüsestand an der Route Nationale gekauft?«

Der Verwalter machte große Augen, blickte erst auf den Tisch, dann zu Verlaque und meinte: »Ja, auf dem Nachhauseweg.«

»Wie ist die Qualität?«, fragte Verlaque.

»Sehr gut!«, sagte der Verwalter. »Und es ist billiger dort als auf dem Markt in Aix.«

Verlaque verdrehte die Augen. »Ja, es ist schon komisch, warum ein Apfel auf dem Markt in Aix doppelt so viel kostet wie in Gardanne.« Gardanne war ein altes Bergarbeiternest kaum fünfzehn Minuten südlich von Aix. Die Grube war längst geschlossen, aber der imposante Schornstein des Kraftwerkes, das jetzt mit Kohle aus China betrieben wurde, war südlich der Straße zu sehen, wenn man nach Aix hineinfuhr. Es war ein trüber, hässlicher Ort, dessen Häuser, ja selbst manche Bewohner wie von einer feinen Rußschicht bedeckt schienen. Verlaque hätte dort bestimmt nichts gekauft. Er wusste nicht einmal, ob es dort billiger war, aber das behauptete jeder in Aix.

Da das Thema Essen nun abgehakt war, stellte Verlaque eine ganz andere Frage: »Haben Sie Étienne de Bremont gemocht?«

Das schien den Verwalter zu überraschen. »Er war mein Chef.«

»Schon«, meinte der Richter, »aber war er Ihnen sympathisch?«

Auvieux blickte zu Boden. »Nein, Monsieur, wenn ich ehrlich sein soll. Nicht sehr.«

Verlaque sah, dass der Verwalter müde und erschöpft war. Er trank noch seinen Kaffee aus und verabschiedete sich. Dabei wies er Auvieux darauf hin, dass die Polizisten noch eine Weile auf dem Dachboden zu tun hätten. Sie würden ihm Bescheid geben, wenn sie fertig seien, damit er abschließen könne. »Soll ich Sie hinausbegleiten, Monsieur le Juge?«, erkundigte sich Auvieux.

»Das ist nicht nötig, aber ich danke Ihnen.«

Auvieux bat den Richter, dafür zu sorgen, dass seine Leute nichts in Unordnung brachten und beim Gehen alle Lampen löschten. Das sagte ihm Verlaque zu, dankte ihm für seine Zeit und den guten Kaffee.

 

Obwohl es der adligen Familie an Geld fehlte, schien der Verwalter Auvieux auf das Anwesen und seine Arbeit sehr stolz zu sein, ging es Verlaque durch den Kopf, als er wieder in Richtung Château ging. Eine solche Einstellung hätte er sich von manchem Beamten im Palais de Justice gewünscht. Untersuchungsrichter war er noch nicht lange – seit knapp zwei Jahren. In Rekordzeit war er vom Staatsanwalt zum Obersten Richter eines Bezirkes aufgestiegen, und das in sehr jungen Jahren: Bei seiner Ernennung war er kaum neununddreißig gewesen. Er galt als unbestechlich, sprach fließend Englisch und nahm kein Blatt vor den Mund. Verlaque stellte von Anfang an klar, dass er auf seinem neuen Posten persönlich in die Ermittlungen eingreifen werde. Das stand Untersuchungsrichtern zwar zu, wurde aber nur von wenigen genutzt. Erst im Juli hatten ihn mehrere Zeitungen, darunter Le Monde und Le Figaro, interviewt. Sein Bild war auf dem Titelblatt der Marseiller Ausgabe des L’Express erschienen. Die verrückteste Werbung aber war ein kurzer Artikel im Magazin Elle gewesen. Ein sehr bekannter junger tschechischer Fotograf aus Paris hatte ein Bild in Schwarz-Weiß von ihm gemacht. Das Foto, das von unten aufgenommen war, hob Verlaques breite Schultern und kräftige Brust hervor, während es seinen Bauch und die Tatsache kaschierte, dass er nur 1,76 Meter groß war. Mit seinen dunkelbraunen, fast schwarzen Augen blickte er direkt in die Kamera. Seine dicke schwarze, leicht graumelierte Mähne war wie immer zerzaust. »Mir gefällt Ihre Nase, Mann«, hatte der Fotograf zu ihm gesagt. Während seines Jurastudiums hatte Verlaque bei einer Club-Mannschaft in Château de Vincennes Rugby gespielt. Dabei hatte man ihm die Nase gebrochen, die seitdem ziemlich krumm war. Bei einem Gerangel war er mit dem Kopf eines anderen Spielers zusammengeprallt. Als er dann spät am Abend über seinen Büchern saß, stellte er zu seinem Schrecken fest, dass sein Blickfeld eingeschränkt war. Die Sehstörung hielt nur ein paar Stunden an, aber mit dem Rugbyspielen war sofort Schluss. Die Redaktion der Elle hatte seine krumme Nase offenbar nicht gestört. Der Artikel über ihn trug dann schließlich die Überschrift: »Wir ergeben uns!« Der plötzliche Ruhm brachte ihm nicht viel, wohl aber die Macht, die ein Untersuchungsrichter besaß: das ausschließliche Recht, Hausdurchsuchungen zu genehmigen, Zwangsvorladungen und das Abhören von Telefonen anzuweisen – Maßnahmen, deren Ergebnisse in Strafverfahren verwendet werden konnten.

Er stapfte die Steinstufen des Schlosses hinauf und hörte die Polizisten auf dem Dachboden reden und lachen. Für sie war dies ein Routinefall. Offenbar war der junge Graf aus dem Fenster gefallen und hatte sich den Hals gebrochen. Verlaque interessierte vor allem, weshalb Étienne de Bremont sich dort hinausgelehnt hatte. Er war ihm mehrfach begegnet; seitdem mochte und achtete er ihn. Er fühlte sich gegenüber dem Grafen, dessen Frau und Kindern verpflichtet, den Ort, wo ihn der Tod ereilt hatte, selbst gründlich in Augenschein zu nehmen. Außerdem war ihm Jean-Claude Auvieux’ Unsicherheit bei der Befragung aufgefallen, sein langes Zögern, als er wissen wollte, ob im Château etwas nicht an seinem Platz gestanden hatte.

Die Polizisten verstummten augenblicklich, als Verlaque in der Bodentür erschien. Es war später Nachmittag, und das Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel, verblasste bereits. »Warum ist das Licht nicht eingeschaltet?«, fragte er.

»Die Birne ist kaputt«, antwortete einer der Polizisten.

Verlaque ging quer durch den großen Raum. Als er den Kommissar erblickte, erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. Sechs Monate war er fort gewesen – einen beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, einen auf Urlaub in England und vier zu einem Studienaufenthalt in Paris. Zwar hatte er mit dem Kommissar erst ein, zwei Mal zusammengearbeitet, aber Bruno Paulik, ein nüchterner, sachlicher Mann mit starkem südfranzösischem Akzent, war bereits einer seiner liebsten Kollegen geworden. Paulik galt als der wandelnde Widerspruch. Aus einer Bauernfamilie in einem kleinen Dorf des Luberon stammend, war er inzwischen einer der besten Kommissare von Aix und trat zugleich als Opernbuffo auf. Seine Frau Hélène war Oberkellermeisterin eines renommierten privaten Weingutes nördlich von Aix. Wenn in Aix-en-Provence die Opernfestspiele stattfanden, nahm Paulik in der Regel eine ganze Woche Urlaub. Seine Tochter hatte mit neun Jahren bereits Gesangsunterricht am angesehenen Konservatorium der Stadt. Wie Verlaque hatte Paulik früher Rugby gespielt und brannte noch immer für diesen Sport.

»Hallo, Commissaire«, sagte Verlaque und streckte Paulik die Hand entgegen.

»Willkommen zu Hause!« Der Kommissar lächelte, dann runzelte er die Brauen. »Das Dossier der Staatsanwältin haben Sie also noch nicht erhalten? Sie ist gerade gegangen.«

»Simone Levy aus Marseille? Ist Roussel noch nicht zurück?«

»Nein, er hat noch Urlaub, kommt aber bald wieder.«

Verlaque suchte seine Enttäuschung zu verbergen, dass er die attraktive Staatsanwältin Levy aus Marseille verpasst hatte, ebenso, dass Roussel, der Staatsanwalt von Aix, bald zurück sein würde. »Die Familie hat offiziell eine Untersuchung beantragt, deshalb bin ich hier.«

»Ach so«, kam es von Paulik. »Die Witwe?«

»Nicht ganz. Charles und Eric Bley, die beiden Cousins des Toten.«

»Die Anwälte? Ich wusste gar nicht, dass sie mit den Bremonts verwandt sind. Hat die Witwe den Antrag auch unterschrieben?«

»Nein, sie hat es abgelehnt«, antwortete Verlaque, wobei er eine Augenbraue hob. Er schaute sich in dem Raum um. »Haben Sie etwas gefunden?«

»Nichts, Juge«, erwiderte Paulik. »Der Fußboden vor dem Fenster ist frisch gefegt worden. Der Verwalter hat mir versichert, er kehre häufig hier oben. Wir konnten ihn gar nicht wieder loswerden. Er ist hinter mir hergetappt wie ein verirrtes Schaf.«

In einer Ecke sah Verlaque einen Besen stehen. »Der muss auf jeden Fall nach Fingerabdrücken untersucht werden«, sagte er.

»Das habe ich schon angewiesen. Bislang haben wir nichts Besonderes gefunden. Die Bodentür stand weit offen, und der Schlüssel lag hier auf diesem Koffer. Von dem nehmen wir gerade Fingerabdrücke. Der Verwalter hat uns einen seiner Schlüssel gegeben, und ich habe ihn gebeten, niemanden hereinzulassen.«

»Gut«, sagte Verlaque und blickte auf den Koffer. Es war ein altmodischer Louis Vuitton, wahrscheinlich aus den dreißiger Jahren. Er trug noch ein Etikett des Hotel Ritz in London und einen Anhänger, auf den man mit schwarzer Tinte den Namen Comte Philippe de Bremont geschrieben hatte. Das war wohl der Großvater des Toten, den der Verwalter erwähnt hatte, fiel Verlaque ein.

»Was für ein großer Raum, nicht wahr? Hier steht mehr Zeug herum, als ich im ganzen Hause habe«, sagte Paulik, blickte sich um und kratzte sich am Kopf.

»Dem französischen Adel geht es nicht so schlecht, wie er uns glauben machen will, was?«, witzelte Verlaque. Er wollte bei den Polizisten den Eindruck vermeiden, dass er aus begüterten Kreisen kam. Das war allerdings ziemlich offensichtlich, denn kaum ein Richter im Staatsdienst konnte es sich leisten, einen alten Porsche zu fahren und fast jeden Abend auswärts zu essen. Aber adliger Herkunft war er nicht, ganz im Gegenteil.

Paulik reagierte nicht auf die Bemerkung, denn er lehnte sich gerade mit gerunzelter Stirn aus dem offenen Fenster. Dabei summte er etwas vor sich hin, das eine Opernarie sein konnte, wovon Verlaque jedoch nichts verstand. Schließlich hörte Paulik auf zu summen und sagte den anderen Beamten, sie könnten den Dachboden nun verlassen. Den Richter fragte er mit düsterem Blick: »Glauben Sie, dass Bremont einfach nur das Gleichgewicht verloren hat und aus diesem Fenster gefallen ist?«

Verlaque schüttelte heftig den Kopf. »Nicht sehr wahrscheinlich, schließlich ist er hier aufgewachsen. Diesen Laden muss er tausend Mal geöffnet haben. Das hat mir Eric Bley am Telefon gesagt. Es ist auch der Grund, weshalb er und sein Bruder eine Untersuchung verlangen. Haben Sie schon eine Theorie?«

Paulik dachte eine Weile nach. »Er kann gestoßen worden sein, aber nichts deutet auf einen Kampf hin. Oder er ist überrascht worden – so etwas geht sehr schnell.« Dann fügte er noch hinzu: »Wenn es einen Kampf gegeben hat, dann hat jemand die Spuren beseitigt. Oder ein Selbstmord?«

»Wie ich den Grafen kannte, scheint mir Selbstmord ausgeschlossen. Aber diese unangenehme Frage müssen wir seinen Angehörigen stellen. Die beiden Bleys halten ihn kaum für möglich. Außerdem hat man Bremonts Brille neben seiner Leiche gefunden. Würden Sie Ihre Brille nicht abnehmen, wenn Sie springen wollten?«, fragte Verlaque und griff nach seiner Lesebrille, die ihm permanent um den Hals hing, seit er Anfang dreißig war.

Paulik nickte und murmelte: »Ich verstehe, was Sie meinen. Es ist wie bei den Selbstmorden am Mittelmeer. Solche Leute legen in der Regel ihre Sachen sorgfältig am Strand zusammen und gehen dann in aller Ruhe ins Wasser.«

Gedankenverloren schwiegen beide Männer eine Weile. Dann ließ sich Verlaque wieder hören: »Diebstahl scheidet auch faktisch aus. Der Verwalter ist das ganze Schloss gründlich durchgegangen, und alles scheint an Ort und Stelle zu sein. Sprechen Sie morgen mit ihm und lassen ihn alles noch einmal erzählen, man weiß nie. Ich habe ihn schon vernommen. Seine Schwester im Var müssen wir ebenfalls aufsuchen. Wenn ich richtig verstanden habe, sind beide hier aufgewachsen.«

»Was ist mit dem Bruder des Grafen?«, wollte Paulik wissen. Der hatte seine Hausaufgaben gemacht, bevor er am Tatort erschien, dachte Verlaque bei sich.

»François de Bremont wird morgen hier erwartet«, erklärte der Richter. »Sagen Sie mir Bescheid, sobald er da ist. Er war vor der korsischen Küste segeln und kommt mit dem Wagen aus Toulon.«

»Wie steht es mit Comte de Bremonts Arbeit? Hat er sich mit einem seiner Dokumentarfilme vielleicht einen Feind gemacht?«

Étienne de Bremont war ein bekannter Filmemacher. In den vergangenen fünf Jahren waren mehrere seiner Dokumentarfilme auf Festspielen gelaufen, darunter einer über das organisierte Verbrechen in der Provence. Bei den Aufnahmen dazu hatte Verlaque seine Bekanntschaft gemacht.

Er musste an diesen Film und den ernsten jungen Mann hinter der Kamera denken. Étienne – hochgewachsen und schlank, mit zurückgekämmtem schwarzem Haar, das immer ein wenig fettig wirkte, hatte ihn interviewt. Bei einem ihrer Gespräche hatte er eine Art Safari-Weste getragen, wie sie die Fotografen von National Geographic zu bevorzugen scheinen. Das hatte Verlaque ein wenig seltsam gefunden, bis das Interview begann und Bremont den offenen Blick seiner grauen Augen auf ihn richtete. Seine Fragen stellte er vorsichtig, und Verlaque antwortete so wahrheitsgetreu er konnte, ohne Namen zu nennen. Regisseur und Richter wussten beide, dass das Verbrechen in Marseille seinen Ursprung auf Korsika hat, aber keiner von ihnen konnte und wollte das direkt aussprechen. Der Film gefiel Verlaque sehr. Er war glänzend aufgenommen – bei so scharfem Licht, dass der Betrachter unwillkürlich die Augen zukniff. Zur korsischen Mafia und der Welt des Verbrechens im Allgemeinen schien das Verlaque gut zu passen. Die Vorbehalte des Richters gegen adlige Herren mit Titel, aber ohne seriösen Beruf waren dahingeschmolzen, nachdem Bremont ihn drei Mal interviewt hatte, besonders aber, als er den Film sah, der gerade erst einen Preis erhalten hatte.

Auf Pauliks Frage antwortete er: »Das ist möglich. Schicken Sie einen Beamten, vielleicht Flamant, um den Direktor der Filmgesellschaft Souliado Films zu befragen, für die Bremont gearbeitet hat. Die sitzt in einer sanierten alten Fabrik im Marseiller Viertel Belle de Mai. Aber wie wär’s, wenn Sie morgen früh gleich selber hinfahren?«

Paulik schüttelte den Kopf. »Ich kann leider nicht. Morgen und Dienstag muss ich vor Gericht als Zeuge aussagen.«

»Merde! Na schön. So dringend ist es auch wieder nicht. Sie können das ja noch in der zweiten Wochenhälfte erledigen.«

Die beiden Männer wurden aus ihren Gedanken gerissen, als Schritte die hölzerne Bodentreppe heraufpolterten und gleich darauf ein junger Beamter in den Raum stürzte. Verlaque hatte den rothaarigen, sommersprossigen Kerl bereits im Präsidium gesehen, aber seinen Namen vergessen.

»Verdammt noch mal!«, stieß er hervor und wischte sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. Als er seinen Vorgesetzten und den Untersuchungsrichter erblickte, fuhr er erschrocken zusammen und entschuldigte sich. »Tut mir leid, Monsieur le Juge, aber vor der Haustür steht ein Haufen Reporter und will herein.«

»Sagen Sie ihnen, ich bin gleich unten und spreche mit ihnen«, wies Verlaque den jungen Mann an.

Der stürzte hinaus. Auf der Treppe ließ er Stift und Notizbuch fallen und sammelte beides fluchend wieder auf. Paulik, der sich ein Lächeln kaum verkneifen konnte, hüstelte und fragte den Richter: »Was wollen Sie denen denn sagen?«

Verlaque zuckte die Achseln. »Tod durch zufälligen Sturz aus dem Fenster. So hat es der Rechtsmediziner gesagt. Und bevor ich nicht mit Bremonts Frau gesprochen und erfahren habe, was er Samstagabend hier oben wollte, habe ich nichts anderes in der Hand.« Dann fügte er noch hinzu: »Wenn Sie hier fertig sind, dann können wir ja gehen und die Tür verschließen.«

Die beiden Männer schlossen die Bodentür ab und gingen hinunter, vorbei an Schlafzimmern, die Paulik und dessen Team bereits inspiziert hatten. Bevor Verlaque die Haustür öffnete, wandte er sich im Parterre noch einmal an den Kommissar und fragte: »Sind in diesem Bau in der letzten Zeit überhaupt irgendwelche Zimmer benutzt worden?«

»Die Bibliothek und ein Schlafzimmer mit Bad im ersten Stock. Das ist alles. Zur Bibliothek im hinteren Teil des Hauses geht es durch den Salon.«

»Lassen Sie uns die gemeinsam anschauen. Die Reporter können ruhig noch ein bisschen warten.« Die Möbel im Salon waren abgedeckt, aber nicht mit frischen weißen Tüchern wie jene, die jetzt das Mobiliar im Hause von Verlaques Großmutter schützten, sondern mit geblümten Laken, zweifellos kratzendes Polyester, dachte Verlaque, wie es in den 1970er Jahren in Frankreich Mode war. Er zuckte zusammen, als ihm klar wurde, wieso er diese Laken so hasste: An Aude hatte er seit Monaten nicht mehr gedacht, und das bedrückte ihn.

Eine Doppeltür führte in die Bibliothek, deren Regale zwei ganze Wände einnahmen. Die Bücher waren eine Mischung aus ledergebundenen Klassikern in französischer, englischer, russischer und deutscher Sprache sowie Tausenden Paperbacks auf Englisch und Französisch, meist Kriminal- und Wildwestromane.

»Was ist in dem Schreibtisch?«, fragte Verlaque.

»Fast nichts. Ein bisschen Papier, ein paar Stifte, Klebeband und ein Tacker. Keinerlei Dokumente.«

»Gibt es einen Safe?«

»Nein, Monsieur.«

Verlaque trat an den Schreibtisch heran. Eine kleine Sammlung von Fotos in silbernen Rahmen war auf der hölzernen Platte aufgebaut. »Dieser Raum ist blitzsauber, selbst die Bilderrahmen blinken. Wer putzt hier?«

»Der Verwalter. Ich habe kein bisschen Staub entdeckt und ihn danach gefragt. Er hat gesagt, er putzt die Bibliothek immer selbst, den Rest erledigt ein Mädchen aus dem Dorf, wenn François de Bremont hierherkommt. Das ist jedoch nur wenige Male im Jahr und zu Weihnachten der Fall.«

Verlaque beugte sich vor und setzte die Lesebrille auf. »Das ältere Paar, das vor dem Haus aufgenommen wurde, müssen die Großeltern sein.«

»Ja, Philippe und Clothilde de Bremont. Die beiden auf dem anderen Bild aus den 1970er Jahren sind, nach der breiten Krawatte des Mannes und der Frisur der Frau zu urteilen, Étiennes und François’ Eltern, beide ebenfalls bereits verstorben.«

»Und das dritte Bild sind die Brüder als Teenager, so zwischen fünfzehn und siebzehn«, stellte Verlaque fest. »Der magere Kerl links ist Étienne de Bremont. Der hübsche mit den breiten Schultern und dem Lächeln erinnert an einen Kennedy. Das muss François sein. Aber wer ist das Mädchen in der Mitte? Ich denke, die Familie hatte nur zwei Söhne.«

»Da haben Sie recht. Im Bericht ist keine Tochter erwähnt. Es muss eine Cousine oder eine Freundin sein.«

Verlaque reckte den Hals, um das lachende Mädchen mit dem dichten kastanienbraunen Haar, den grünen strahlenden Augen und schlanken sommersprossigen Armen, die sie beiden Jungen um die Schultern gelegt hatte, genauer in Augenschein zu nehmen. Gegen seinen Willen musste er lächeln. »Schauen Sie sich das Mädchen mal genau an«, sagte er zu Paulik. »Ich denke, wir kennen es beide.«

Verlaque löste sich vom Schreibtisch und trat an ein Regal heran, das von einer Sammlung in Leder gebundener französischer Klassiker eingenommen wurde. Seine Augen leuchteten, während er die Titel las. Er wollte sie so bald wie möglich anrufen, wenn er diesen kalten alten Kasten erst einmal verlassen hatte. Sie hatte ihn zum Lächeln und zum Lachen gebracht, was nicht vielen Frauen gelungen war. Bei ihr hatte er sich wohlgefühlt. Erst vor einigen Tagen hatte ein gemeinsamer Freund ihm erzählt, sie treffe sich zur Zeit mit einem sehr gutaussehenden jungen Arzt. Das hatte ihm Magenschmerzen bereitet, wie er sie noch nie wegen einer Frau gehabt hatte. Anfangs war es ihm bei all der Arbeit und den Reisen leichtgefallen, ihre Abwesenheit zu ignorieren. Vier Monate lang hatte er in Paris seine Nase in Büchern vergraben. Aus Erfahrung wusste er, dass das Begehren mit der Zeit schwand. Aber statt sie zu vergessen, was ihm bei anderen Geliebten stets gelungen war, musste er immer öfter an sie denken. Da halfen weder Gedichte noch Whisky. Eines späten Abends war er quer durch die Stadt zu ihrer Wohnung gegangen und hatte geklingelt. Aber niemand hatte ihm geöffnet.

»Also?« Paulik betrachtete das Foto mit prüfendem Blick. »Wenn Sie sagen, dass wir beide sie kennen, dann muss sie ja noch in Aix wohnen«, bemerkte er. Sie hatte gelacht, obwohl man sie fotografierte, und ihr Lachen wirkte ansteckend. Dann klickte es bei ihm. »Das ist Professor Bonnet, nicht wahr?« Marine Bonnet, die immer gut war, um die stockkonservative Juristische Fakultät der Universität von Aix durcheinanderzuwirbeln. Sie lud gern Gastreferenten in ihre Vorlesungen ein, und Verlaque erinnerte sich, dass einer ihrer erfolgreichsten Gäste der Kommissar gewesen war. Paulik hatte es Spaß gemacht, zu den Studenten zu sprechen. Er hatte es genossen, dass die künftigen Juristen ihn danach umringten wie einen Rockstar. Verlaque und Marine waren auch einmal zu einem Essen von Hélène Pauliks Chef, dem Besitzer des Weingutes, eingeladen, wo der Kommissar und seine Frau kurz auftauchten. Hélène hatte eine aufkommende Grippe vorgetäuscht, und sie waren bald wieder gegangen. Tatsächlich aber hatte sich Bruno Paulik nicht wohlgefühlt, gemeinsam mit seinem Vorgesetzten, dem Untersuchungsrichter, auf einer solchen Veranstaltung zu sein.

»Ja, ich denke, es ist Marine Bonnet. Ich rufe sie an und bitte sie, morgen früh hierherzukommen. Offenbar steht oder stand sie der Familie nahe.«

Bei der Vorstellung, eine Außenstehende, auch wenn sie Juraprofessorin war, sollte den Tatort betreten, hob Paulik leicht die Augenbrauen, sagte aber nichts. Verlaque, dem dies nicht entgangen war, warf dem Kommissar über seine Lesebrille einen scharfen Blick zu. »Der Untersuchungsrichter bin ich. Ich kann hinzuziehen, wen ich will.« Er suchte das Thema zu wechseln, weil er spürte, dass ihm aus einem anderen Grund die Stimmung verdorben war. »Lassen Sie uns jetzt zu den Reportern gehen. Die armen Kerle sind von ihrem Sonntagsvergnügen mit Grill und Pastis weggeholt worden.«

»Ja, Monsieur.« Paulik hielt viel von Verlaque und hatte bisher stets weggehört, wenn andere Polizisten in Aix ihn einen Snob nannten. Der Richter war gründlich, kannte das Recht in- und auswendig. Zwar war auch Paulik kein blutiger Anfänger, aber bei jedem Fall, den er gemeinsam mit Verlaque bearbeitete, lernte er etwas hinzu. Sie kamen gut miteinander aus, und er wusste, dass der Richter auch so dachte. Verlaque hatte keine Scheu vor Kriminellen, die er mit großer Zähigkeit stundenlang verhören konnte. Das tat auch Paulik, dessen beeindruckende körperliche Erscheinung ihm zusätzlichen Respekt verschaffte. Verlaque verlor keine Zeit mit deftigen Witzen oder abfälligen Bemerkungen über Frauen. Was war also dabei, wenn er einen teuren Wagen fuhr und erlesene Weine trank? Aber mit seiner Bemerkung über das Sonntagsvergnügen spottete er über die Gewohnheiten anderer Leute. Das gefiel Paulik gar nicht, denn auch ihn hatte man vom Essen mit seiner Familie, von Grill und Pastis aus dem Luberon weggeholt.

2. Kapitel

Die Glocken von Saint-Jean-de-Malte hatten wie jeden Morgen um 7.50 Uhr zu läuten begonnen. Früher sollten sie die Kirchgänger daran erinnern, dass sie noch zehn Minuten hatten, um pünktlich zur Messe zu erscheinen. Für Marine waren sie das Signal, sich auf den Weg zu machen, um rechtzeitig in der Universität oder wenn ihr Unterricht später begann, in ihrem Lieblingscafé zu sein.

Als das Geläut endlich verklungen und Marine angezogen war, öffnete sie ihr Schlafzimmerfenster. Ein Windstoß fuhr herein und wirbelte die Blätter der Zeitung durch den Raum, die sie gerade gelesen hatte. Sie beugte sich hinaus und befestigte die Läden an der Außenwand. Der Wind flaute wieder ab, und sie schaute zu den vier Steinfiguren hinauf, die hinter den Ecken des mittelalterlichen Turmes von Saint-Jean-de-Malte hervorlugten. Nur mit ihren Hinterpfoten hielten sie sich an der Kirche fest und fuhren mit ihren Leibern zum Himmel auf, als wollten sie jeden Augenblick aus ihrer Halterung springen. Manchmal machte sich Marine Sorgen um sie, besonders bei Mistral, der um Mitternacht wieder eingesetzt hatte. Achthundert Jahre hingen die Wasserspeier nun schon dort, aber in einem Augenblick konnten sie fallen und als ein Häuflein Trümmer auf dem gepflasterten Platz liegen. Beruhigt, dass die Steinfiguren noch sicher befestigt schienen, sah Marine, dass ihre Nachbarin auf der anderen Seite des Hofes auch gerade Fenster und Läden geöffnet hatte. Bevor Marine sich zurückziehen konnte, hatte Philomène Joubert bereits über die fünfzig Meter, die sie trennten, und durch den pfeifenden Wind »Hallo, Mlle. Bonnet!« gerufen. Ohne eine Antwort von Marine abzuwarten, setzte Mme. Joubert oder Mme. Saint-Jean-de-Malte, wie Marine sie bei sich nannte, denn sie sang im Chor der Kirche, seit Marine ein kleines Mädchen war, ihren Morgenruf fort und hängte dabei geschwind ihre Wäsche an Drähten auf, die unter ihren Wohnungsfenstern gezogen waren.

»Dieser Wind kann ja einem Glatzkopf die Haare wegblasen!«, rief sie und lachte herzlich dazu. Marine lächelte und wartete auf den nächsten Spruch, der unweigerlich kommen musste. »Allerdings bläst er nicht so heftig wie früher, als ich noch ein Kind war! Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich die Rue de l’Opéra hinaufschieben musste, so stark war der Wind. Doch das Wetter ändert sich, wissen Sie. Klimawandel heißt das heute. Aber unsere Wäsche wird dabei immer noch trocken, nicht wahr, Mademoiselle?« Diesmal nickte Marine heftig und konnte rasch noch ein »Ah oui!« nachschieben, da war die alte Frau bereits mit ihrer Wäsche fertig, hatte ihr ein Abschiedswort zugerufen und ihre Fenster mit geübtem Griff zugeworfen. Mme. Joubert war offenbar noch nie aufgefallen, dass Marine selten Wäsche nach draußen hing. Statt dessen hatte sie einen Trockner aufstellen lassen, als ihre Wohnung renoviert worden war. Sie entschuldigte sich damit, dass sie keine Zeit habe, Wäsche aufzuhängen. In Wirklichkeit hasste sie Hausarbeit, fand es aber peinlich, ein Hausmädchen zu engagieren. Mme. Joubert dagegen war so gut organisiert, dass sie ihre Kleidung nach Sorten wusch. Heute war Nachthemd- und Pyjamatag. Das bedeutete, sechs Paar Männerpyjamas aus Baumwolle und drei oder vier fast durchsichtige weiße Nachthemdchen hingen akkurat in einer Reihe. Was war morgen dran? Wahrscheinlich die Geschirrtücher. Marine hatte nie richtig gelernt, wie man einen Haushalt führte. Sie glaubte, während andere Frauen alle Geheimnissee des Wäschewaschens, Bügelns und Möbelpolierens kannten, wisse sie als Einzige nichts von alledem. Mme. Jouberts System schien ihr ein Alptraum von Organisation zu sein. Hatte sie etwa sieben oder acht Wäschekörbe, für jede Sorte einen?

Marine schaute hinunter zu dem Mandelbäumchen, dessen Blüten sich gerade öffneten. Mit einem Seufzer der Erleichterung dachte sie daran, dass sie die Wohnung gekauft hatte, als die Preise noch annehmbar waren und Aix-en-Provence noch nicht als »das 21. Arrondissement von Paris« galt. Seit über zehn Jahren wohnte sie nun schon hier. Irgendwie verband sich für sie Antoine Verlaque mit diesem Ort, als habe er ebenfalls all die zehn Jahre hier verbracht und nicht nur eines. Er hatte diese Zeit genossen, da war sie ganz sicher. Nachdem sie sich sechs Monate lang getroffen hatten, war er mit dem größten Teil seiner Sachen hierhergezogen, hatte sein Loft auf der anderen Seite von Aix aber weiter behalten. Wenn die beiden auch nicht offiziell zusammenlebten, so hatten sie doch in diesem Appartement ein paar wundervolle Monate verbracht – ganze Sommerabende lang auf der Terrasse gesessen, verzaubert von dem beleuchteten Kirchturm, oder im Winter vor dem Kamin im Wohnzimmer gehockt, wo Antoine Zigarren rauchte, sie Armagnac miteinander tranken, über Rechtsfragen debattierten oder anderes taten. Er hat mir immer über den Bauch gestrichen, dachte sie, selbst wenn wir miteinander stritten.

Marine verwünschte sich selbst, diesmal hörbar und laut. Zu lange starrte sie schon in diesen Hof, und nun blieb weniger Zeit für einen Kaffee mit Sylvie und anderen Freunden im Le Mazarin, ihrem Lieblingscafé, das den Namen dieses eleganten Wohnviertels aus dem 18. Jahrhundert trug. Sie griff nach Handtasche, Schlüsseln und Portemonnaie und stürzte zur Tür, nachdem sie noch einmal umgekehrt war, ihr Handy vom Ladegerät genommen und in die Tasche geworfen hatte. Als sie die Tür verschlossen hatte, hüpfte sie die drei Treppen bis zur Haustür hinunter und rief Sami, der jeden Morgen um 8.15 Uhr dort die Straße sprengte, einen Morgengruß zu. Der sagte hallo und kam mit dem Wasserschlauch ihren Absätzen gefährlich nahe, sodass sie kichernd davonlaufen musste. Das gehörte inzwischen zu ihrem morgendlichen Ritual, das beide immer wieder zum Lachen brachte, wofür sie dankbar war.

Rasch ging sie die Rue Frédéric Mistral hinauf und hielt inne, wie sie es immer tat, wenn sie den Cours Mirabeau, Aix’ berühmte Hauptstraße, erreichte. Vor über hundert Jahren hatte man zu beiden Seiten Doppelreihen von Platanen angepflanzt, die im Sommer der Straße und den Gehsteigen Schatten spendeten. Aber jetzt war der Cours eine einzige Baustelle oder besser ein Abrissplatz, wie Sylvie, Marines beste Freundin, eine Fotografin und Kunsthistorikerin, zu sagen pflegte. Kaum waren die Bauarbeiter am oberen Ende fertig, begannen sie am unteren wieder das Pflaster aufzureißen. Dann überlegte es sich jemand im Rathaus anders, die Bauarbeiten unten wurden gestoppt, damit oben wieder begonnen werden konnte. So ging das nun schon vier Jahre lang. Einmal hatte Marine eine amerikanische Touristin zu ihrem Ehemann sagen hören: »Ich kriege einfach kein gutes Bild von dieser Straße, von welcher Seite ich es auch versuche!«

Marine wollte der Frau schon sagen, sie habe noch Glück, dass sie den Cours letztes Weihnachten nicht gesehen habe. Da hatte die neue Bürgermeisterin Yvette Tamain es einer Privatfirma, die ihrem Schwager gehörte, gestattet, längs der einen Straßenseite Holzbuden im elsässischen Stil zu errichten. Das wäre ja noch angegangen, hätte man dort weihnachtliches Kunstgewerbe verkauft wie auf dem Weihnachtsmarkt von Strasbourg. Aber eine Bude war kitschiger als die andere gewesen und voll von Tand, den man auf jedem beliebigen Fastnachtsmarkt finden konnte. Sylvie war fuchsteufelswild geworden, und Marine musste stets einige Schritte Abstand zu ihr halten, weil ihr die lästerlichen Beschimpfungen peinlich waren, die sie gegen die Bürgermeisterin ausstieß. Die Krone des Ganzen, die selbst Marine ein paar Kraftausdrücke entlockte, wenn auch nicht so laute und saftige wie die von Sylvie, war eine riesige orangefarbene Kinderrutsche aus Plastik, die am oberen Ende des Cours prangte. Sie verdeckte komplett die Sicht auf das wunderschöne Hôtel du Poët, ein aus dem berühmten goldfarbenen Stein erbautes Palais aus dem 16. Jahrhundert. Während Sylvie sich mit den Betreibern der Rutsche anlegte, blickte Marine mitleidig auf die Statue von König René, Aix’ berühmtem mittelalterlichem Herrscher, der, eine Weintraube in der Hand, weiter lächelte, weil er zum Glück nicht mitbekam, was die gute Bürgermeisterin Tamain mit seiner schönen Stadt anstellte.

An diesem Morgen kam Marine der Cours merkwürdig still vor. Die Bauarbeiter hatten ihr geräuschvolles Werk noch nicht begonnen, und es schienen auch weniger Autos unterwegs zu sein als sonst. Rasch lief sie über den breiten Boulevard, hielt ihren Rock fest, den der Wind aufblies, und war froh, als ihr Café in Sicht kam. Cafés säumten die Westseite der Straße, die in der Morgensonne lag. Gegenüber hatten sich Banken und Maklerbüros niedergelassen. Die eine Seite spendete Freude, die andere dagegen interessierte nur das Geld der Leute. Sie ging über die Terrasse des Le Mazarin, stieß die schwere hölzerne Tür auf, und wieder nahm sie das Interieur des Cafés gefangen – die verrußten ockerfarbenen Wände, der schwarz-weiß geflieste Fußboden mit einem Hauch von Sägespänen, der lange hölzerne, mit verbeultem Messing verkleidete Tresen. Le Mazarin – das war ihr morgendliches Vergnügen, selbst als sie mit Antoine zusammen gewesen war. Sie liebte diesen verräucherten geräuschvollen Raum, wo es nach Espresso roch und wo Menschen saßen, die die Gesellschaft anderer suchten, bevor sie an ihr Tagwerk gingen. Den Tag hier zu beginnen, das wusste sie, war ein Privileg derer, die flexible Arbeitszeiten oder das Glück hatten, in der Innenstadt von Aix tätig zu sein. Aber heute stimmte etwas nicht, das spürte sie sofort. Im Café ging es ungewöhnlich gedämpft zu – wie bereits draußen auf der Straße. Die Kellner sprachen leise mit den Gästen, anstatt sie anzublaffen, und ihre Freunde, die bereits in der angestammten Ecke saßen, stritten nicht lautstark über europäische Politik oder die Fußballmannschaft von Marseille.

»Was ist denn los?«, fragte Marine, als sie an den Tisch trat, wo zwischen Croissantkrümeln dicke Kaffeetassen standen, Zigarettenpäckchen, Handys und Zeitungen herumlagen. Sie lächelte ihren beiden besten Freunden zu. Hab ich ein Glück, dachte sie dabei.

»Hast du es denn noch nicht gehört?«, gab Jean-Marc, Jurist wie sie, zurück. Er nahm Marine beim Arm und deutete auf den Platz neben sich.

»Was soll ich denn gehört haben?«, fragte Marine zurück.

»Von Étienne de Bremont«, antwortete Sylvie, nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette und schaute blasiert drein. »Gute Frisur, übrigens.« Marine warf einen Blick in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand und sah, dass der Mistral ihr Haar aufgeplustert hatte. Sie drückte es mit den Händen glatt, stellte ihre Handtasche auf den Tisch und ließ ihren Blick von Sylvie zu Jean-Marc gleiten. »Nein, ich habe nichts gehört. Was ist mit ihm?«, fragte sie und fürchtete bereits die Antwort.

»Er ist tot«, flüsterte Jean-Marc, der an diesem Morgen offenbar den Überbringer schlechter Nachrichten zu spielen hatte. Sylvie zog die Augenbrauen hoch, klopfte ihre Zigarette geschickt über dem Aschenbecher ab und kreuzte die sonnengebräunten Arme über der Brust.

Jean-Marc rückte dicht an Marine heran und fuhr fort: »Sturz auf Château Bremont aus einem Fenster, irgendwann am späten Samstagabend oder am frühen Sonntagmorgen.

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