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Tod am Altar

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Delectable Mountains
  8. PROLOG
  9. KAPITEL 1
  10. KAPITEL 2
  11. KAPITEL 3
  12. KAPITEL 4
  13. KAPITEL 5
  14. KAPITEL 6
  15. KAPITEL 7
  16. KAPITEL 8
  17. KAPITEL 9
  18. KAPITEL 10
  19. KAPITEL 11
  20. KAPITEL 12
  21. KAPITEL 13
  22. KAPITEL 14
  23. KAPITEL 15
  24. KAPITEL 16
  25. KAPITEL 17
  26. Anmerkungen der Autorin
  27. DANK

Über dieses Buch

Als die Organistin von San Celina das beschauliche kalifornische Städtchen plötzlich verlassen muss, erklärt Benni Harpers energische Großmutter Dove sich bereit, gemeinsam mit Benni die Proben an deren Kindertheaterstück fortzusetzen. Die Proben kommen allerdings abrupt zum Stillstand, als das Faktotum der Kirche, Walt Adams, ein freundlicher älterer Herr, grausam ermordet aufgefunden wird. Die einzige Zeugin des Mordes ist ein kleines Mädchen – und das weigert sich, etwas zu sagen. Bennis Mann Gabe warnt seine neugierige Frau, sich in den Fall einzumischen, aber die kann das Ermitteln einfach nicht lassen und findet bald heraus, dass der nette alte Mann eine dunkle Geschichte hatte …

Über die Autorin

Earlene Fowler lebt mit ihrem Mann, einer Unmenge von Quilts und dreiundzwanzig Paar Cowboystiefeln im kalifornischen Fountain Valley. In Amerika hat die Benni-Harper-Serie Kultstatus. Besuchen Sie auch die Website der Autorin: www.earlenefowler.com

Earlene Fowler

Tod am Altar

Ein Benni-Harper-Krimi

Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Häusler

Für meine Nichten und Neffen in Liebe: Lance, Sarah, Jason, Jennifer, Chris, Matt und Samantha. Auf dass ihr alle wohlbehalten euren Weg in die Himmlische Stadt findet.

Delectable Mountains

Viele Quilts beziehen ihre Anregungen aus religiösen Quellen. So wird das Muster Delectable Mountains, das sich in der Geschichte des Quiltens bis 1840 zurückverfolgen lässt, gern mit der berühmten allegorischen Prosaerzählung »Pilgerreise zur seligen Ewigkeit« des englischen Baptistenpredigers John Bunyan aus dem Jahr 1678 in Verbindung gebracht. Die »lieblichen Berge« in dieser Geschichte sind voll herrlicher Gärten, Obstfelder, Weinberge und Wasserquellen. Von ihren Höhen aus können die Pilger auf ihrem christlichen Glaubensweg die Tore zur Celestial City – der Himmlischen Stadt – sehen. Das Muster wird oft aus versetzten Dreiecken gearbeitet, um ein Design zu schaffen, das an Berggipfel erinnert. Es gilt als eines der am häufigsten zu findenden amerikanischen Quilt-Muster und ähnelt den Mustern Kansas Troubles und Indian Trail (etwa: Mühen in Kansas und Indianerpfad), Variationen davon werden auch World’s Fair und Solomon’s Temple (Weltfest und Salomos Tempel) genannt.

PROLOG

Ich war sechs, als meine Mutter starb. Noch lange danach durchdrang ihr süßer, schwerer Magnolienduft meine Träume. Egal was ich träumte, Schönes oder Erschreckendes, der Geruch meiner Mutter begleitete meine nächtlichen Abenteuer, erfüllte sie mit ihrer unsichtbaren Anwesenheit und gab mir selbst in dunkelsten Momenten Sicherheit. Ich habe nie jemandem davon erzählt. Ich spürte, dass meine Mutter irgendwie einen Weg gefunden hatte, vom Himmel aus mit mir zu kommunizieren, auch wenn ich eigentlich aus dem Unterricht meiner sehr nüchternen und sachlichen baptistischen Sonntagsschule wusste, dass dies ziemlich unwahrscheinlich war. Doch hatte ich dort auch mehr als einmal gehört, dass bei Gott nichts unmöglich wäre. Ist es also wirklich so unvorstellbar, dass Er in Seinem unendlichen Erbarmen ein verängstigtes kleines Mädchen eine Zeitlang mit dem vertrauten Duft seiner Mutter tröstete?

Als ich neun war, musste eines meiner Lieblingspferde getötet werden, ein sanftmütiger, lehmfarbener Wallach namens Jonesy. Einer der unerfahrensten Ranchhelfer meines Vaters hatte ihn geritten, und dabei hatte Jonesy das Gleichgewicht verloren und war eine Böschung hinabgestürzt. Der Rancharbeiter kam mit ein paar Schrammen davon, doch Jonesy brach sich die Vorderbeine. Und obwohl es meilenweit entfernt von unserem Ranchhaus geschah, schwöre ich bis heute, dass ich den Knall des Gewehrs hörte, als mein Vater Jonesy von seiner Qual erlöste.

In jener Nacht träumte ich, wie ich auf Jonesy über die üppige grüne Wiese hinter unserer Scheune ritt, und zum ersten Mal seit drei Jahren blieb der Duft meiner Mutter meinem Traum fern. Schluchzend erwachte ich in dem dunklen Zimmer und empfand eine Verzweiflung wie nur noch ein einziges weiteres Mal in meinem Leben – Jahre später, als mein erster Mann Jack bei einem Autounfall ums Leben kam.

Mein achtjähriger Cousin Emory aus Arkansas war zu Besuch und schlief im Doppelbett neben mir. Seine allumfassende Liebe zu mir ließ ihn seine Angst vor den unter dem Bett lauernden Ungeheuerhänden überwinden, und er flitzte über den langen, unheimlichen Flur unseres Ranchhauses, um meine Großmutter Dove zu holen. Das war eine Heldentat, und der Gedanke daran schnürt mir noch heute die Kehle zu.

»Sie ist fort«, wimmerte ich, als Dove mich in ihre warmen, starken Arme schloss. »Ich kann sie nicht mehr riechen.« Ich schluchzte auf diese den ganzen Körper schüttelnde Weise, zu der offenbar nur Kinder fähig sind.

Dove fragte mich nicht, was ich meinte. Ich vermute, sie wusste es, da sie damals selbst schon etliche Menschen verloren hatte, darunter auch ihren geliebten Mann Jake. Sie wiegte mich in den Armen und versicherte mir mit ihrer rauen Stimme, meine Mutter sei keineswegs fort, sondern säße gerade mit ihrer eigenen Mutter und meinem Opa Jake auf der Himmelsveranda und knackte Pekannüsse für einen Kuchen.

Tröstete sie sich auf diese Weise auch selbst, nachts alleine im Bett, wenn sich ihr Herz und ihre Arme nach ihrem Ehemann sehnten? Ich hatte sie immer als alt erlebt, zeitlos wie die Hügel, die unsere Ranch umgaben. Wenn ich heute zurückblicke, wird mir klar, dass sie erst sechsundvierzig war, als sie Witwe wurde, und Anfang fünfzig, als sie nach Kalifornien kam, um mich großzuziehen. Das war noch ziemlich jung, zu jung jedenfalls, um den Rest seines Lebens alleine zu verbringen. Ich habe sie nie um Granpa weinen sehen, obwohl ich sicher bin, dass sie es oft tat. Dove war, das fand ich in den Jahren heraus, in denen sie mich aufzog, bei all ihrer Offenherzigkeit und Liebe auch ein äußerst diskreter Mensch. Ihre Trauer war eine verschwiegene, private Angelegenheit, die sie selten nach außen zeigte. War es die ständige Beanspruchung durch mich, meinen Vater und ihre fünf weiteren Kinder, die sie davon abhielt, uns an ihren Gefühlen teilhaben zu lassen? Oder war ihr Kummer das Einzige, das sie ganz für sich behalten wollte in ihrem hektischen, von Leuten bevölkerten Leben, etwas, das nur ihr allein gehörte?

Dieser Moment, eingehüllt von Doves süßem Mandelduft, war der erste wirkliche Abschied von meiner Mutter. Bis dahin hatte ich in meinem kindlichen Gemüt geglaubt, Mama streife wie Christian in der »Pilgerreise zur seligen Ewigkeit« oder wie Dorothy im »Zauberer von Oz« durch die gefährliche, von Schlaglöchern übersäte Welt und versuche, nach Hause zurückzufinden. In dieser Nacht begann ich zu begreifen, dass sie bereits zu Hause war.

Endlich schlief ich wieder ein, Emory lag eingerollt wie ein erschöpfter Welpe neben mir, und sein Geruch nach kleinem Jungen und Popcorn war ein Trost. Ich schlief traumlos. Und auch wenn ich hin und wieder von meiner Mutter träume, ihr Geruch ist nie wieder zurückgekehrt.

Wissenschaftler meinen, der Geruchssinn sei der stärkste unserer fünf Sinne und am stärksten mit jener Hirnregion verbunden, in der unsere Erinnerungen gespeichert werden. Sie sagen, dass Mütter ihre Babys am Geruch und Neugeborene ihre Mütter auf die gleiche rätselhafte Weise erkennen. Einige Forscher glauben, dass das Gehirn länger braucht, Düfte und Gerüche zu identifizieren, als etwas zu sehen oder zu hören. Sie meinen allerdings auch, dass ein Duft länger gespeichert bleibt als alles andere. Irgendwo habe ich gelesen, das menschliche Gehirn könne zehntausend verschiedene Gerüche erkennen. Manche, wie Pfefferminze oder Zitrone, sollen uns anregen. Andere, wie Kürbiskuchen und Lakritz, wach machen. Und wieder andere, wie Lavendel und Muskat, beruhigend wirken. Nur eine Handvoll Gerüche kann uns zum Weinen bringen, und die sind so individuell wie Fingerabdrücke.

Auch wenn Wissenschaftler über all diese faszinierenden Fakten und Theorien verfügen, stoßen doch immer die Dichter unerwartet auf die eigentlichen Wahrheiten. So schrieb Marcel Proust in »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«: »Aber wenn von einer lang zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr übrig ist, nach dem Tode der lebendigen Wesen, nach der Zerstörung der Dinge, verweilen ganz alleine, viel fragiler, aber lebenskräftiger, immaterieller, ausdauernder, treuer, der Geruch und der Geschmack noch lange Zeit, wie Seelen, entsinnen sich, warten, hoffen, auf den Ruinen von allem Übrigen, und tragen, ohne zu wanken, auf ihren kaum wahrnehmbaren Papillen den ungeheuren Bau der Erinnerung.«

Mir gefällt der Gedanke, dass wenn ich einmal sterbe und den Jordan überquere, um meine Lieben im Himmel zu treffen, noch bevor wir einander sehen können, uns ein Erinnerungsblitz einander wieder riechen lässt. Und ich werde alles wiederfinden: das Nelkenaroma des Kaugummis meines ersten Mannes; das Magnolienparfüm meiner Mutter; den strengen Geruch nach Leder meines Vaters; Doves feiner Mandelduft; den stechenden, erdigen Geruch von Jonesy mit wieder heilen Beinen; und sollte mein jetziger Mann Gabe vor mir gehen, dessen einzigartigen Ingwerduft, einen Geruch, den ich selbst bei einem Unwetter in der finstersten Nacht des Jahres wiedererkennen würde. Und im Augenblick des Wiedererkennens werden wir lächeln und lächeln und lächeln und durch dieses herrliche, ewige Wasser mit ausgebreiteten Armen so rasch wie möglich aufeinander zulaufen.

KAPITEL 1

Das Läuten des Telefons schreckte mich aus dem Schlaf. Noch bevor der zweite Klingelton verstummt war, grabschte Gabe, mein Mann, nach dem Apparat. Er ist Polizeichef und schaltet deshalb bei Anrufen zu ungewöhnlichen Zeiten augenblicklich auf Dienstbetrieb.

»Ortiz hier.« Er hörte ungefähr zwanzig Sekunden zu. »Für dich.« Er gab das Telefon an mich weiter und schlief sofort wieder ein. Eine weitere Fähigkeit, die er in seinem etwas mehr als zwanzigjährigen Polizistenleben erworben hatte.

»Hilf mir«, forderte eine heisere alte Stimme.

Ich liege gemütlich unter Flanelllaken und unserem dicken Winter-Quilt und denke: Hört dieses Déjà-vu eigentlich nie auf?

»Was ist denn nun schon wieder, Dove?«, fragte ich meine Großmutter verschlafen und blinzelte mit einem Auge auf den Nachttischwecker. Sieben Uhr morgens. Ich seufzte dramatisch. Es war Samstag und damit früh für uns »Stadtvolk«, wie Dove uns gern nannte, aber schon die zweite Arbeitsstunde für Landmenschen wie sie und meinen Vater. Sie lebten eine halbe Stunde außerhalb von San Celina, einer Mischung aus College-‍, Rentner- und Agrarstadt an der Central Coast von Kalifornien, wo Gabe Polizeichef und ich Kuratorin am örtlichen Volkskunstmuseum bin. Daddy gehört die Ramsey Ranch seit sechsunddreißig Jahren, seit meinem zweiten Lebensjahr.

Gabe grummelte etwas, drehte mir seinen breiten Rücken zu und zog sich sein Daunenkissen über den dunklen Schopf.

»Lilys Tochter bekommt ein Kind«, sagte Dove und räusperte sich. »Nun, eigentlich zwei.« Im Hintergrund hörte ich das Gackern hungriger Hühner. Sie musste mit dem schnurlosen Telefon unterwegs sein. »Hört auf, euch ums Futter zu streiten, Mädels!«, brüllte sie.

Jetzt war ich endgültig wach. Ich setzte mich auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. »Ich hab nicht die geringste Ahnung von Geburtshilfe.«

»Sehr lustig«, erwiderte sie. »Sie muss nach Kentucky fliegen, weil sich ihre Tochter den Fuß verrenkt hat und nicht das Allergeringste machen kann.«

»Autsch«, sagte ich.

»Und du weißt, was das bedeutet.« Ihr Ton ließ nichts Gutes ahnen.

Lily Sander leitete unsere Gottesdienste an der San Celina First Baptist Church und war für das Musikprogramm zuständig. Sie hatte dichte, rostrote Locken, eine unglaubliche Gesangsstimme, die einem bei besonders hohen Tönen die Nebenhöhlen durchpusten konnte, und ein Herz für den Herrn und seine Schäfchen, das so groß wie Texas und halb Oklahoma zusammen war. Sie war sehr beliebt in der Gemeinde, und mit ihrer mitreißenden Art und ihren lebhaften Gospelsongs brachte sie sogar griesgrämige alte Käuze in der vorletzten Reihe zum Mitklatschen. Niemand konnte ihr auch nur im Geringsten etwas Negatives nachsagen, das reinste Wunder in einer baptistischen Gemeinde, in der bei den monatlichen gemeinsamen Essen, zu denen jeder etwas beiträgt, die Lieblingsbeilage zu Brathuhn und Buttermilchkuchen der Klatsch ist.

»Es bedeutet, dass wir jetzt jeden Sonntag wieder ›Amazing Grace‹ und ›Just As I Am‹ singen, bis die Kühe in den Stall zurückmüssen«, erwiderte ich.

Nicht, dass ich diese alten Kirchenlieder nicht mag, doch bevor Lily kam, hatten sich diverse Freiwillige beim sonntäglichen Musikprogramm abgewechselt, und alles war in einen ziemlichen Trott verfallen. Die Leute kannten diese Lieder, und Menschen halten nun mal gerne an Gewohntem fest.

»Schlimmer«, sagte sie. »Es bedeutet, dass es keinen gibt, der das Kindermusical leitet.«

Lily hatte in den vergangenen Jahren sowohl einen Erwachsenen- als auch einen Kinderchor aufgebaut und mit beiden an Weihnachten und Ostern erfolgreiche Konzerte gegeben. Vor ein paar Monaten hatte sie beschlossen, es mit einer Aufführung außerhalb der üblichen Feiertagstermine zu versuchen und etwas für den Gottesdienst am Wochenende vor dem Erntedankfest einzustudieren. Lily war als Autorin ebenso begabt wie als Musikerin, und ich hatte von Dove erfahren, dass sie John Bunyans »Pilgerreise zur seligen Ewigkeit« für ein Kindermusical bearbeitete, das bereits mitten in den Proben steckte. Da heute der 1. November war, blieben bis zur Aufführung nur noch wenige Wochen.

»Wie schade«, meinte ich. »Da werden die Kinder bestimmt enttäuscht sein, aber es gibt ja noch ein nächstes Jahr.« Ich schwang meine Beine herum und stieg aus dem Bett. Dies war das Zeichen für meinen Hund Scout, halb Labrador, halb Schäferhund, aus seinem Hundekorb zu kriechen. Ein edler Korb mit Monogramm und Schottenkarodecke, für den ich viel zu viel Geld ausgegeben hatte. Er tapste zu mir, um mich zu begrüßen, und ich streichelte seinen hellbraunen Kopf. Dann beugte ich mich hinunter und küsste das Tattoo einer knurrenden Marine-Bulldogge auf dem weichen, braunen Rücken meines Mannes und deckte ihn mit dem Quilt zu.

»Ich mach Kaffee, Chief«, verkündete ich und zog eine graue Trainingshose und eins von Gabes T-Shirts mit dem Aufdruck San Celina Police Department über.

Unter der Decke drang so etwas wie ein »Danke« hervor.

»Also, und wobei brauchst du nun meine Hilfe?«, fragte ich Dove, während ich nach unten in die Küche ging. »Willst du stellvertretend eine Babyparty für Lilys Tochter geben?«

»Vielleicht. Aber dafür brauche ich deine Hilfe nicht. Eigentlich hast du gar keine Wahl. Ich hab dich nämlich schon als Freiwillige angemeldet.«

Ich blieb am Fuß der Treppe stehen und war kurz davor, das Telefon ins nächstbeste Zimmer zu feuern.

»Wofür?« Der Klang meiner Stimme war dem eines ihrer sizilianischen Hofhühner nicht unähnlich. »Also jetzt hör mal, Dove, ich habe sehr, sehr viel zu tun. Am Folk Art Museum haben wir eine neue Ausstellung. Ich bin schon in zwei Kirchenkomitees und Führerin beim Kulturrundgang am Samstag. Außerdem helfe ich, den neuen Museumsshop in der Stadt einzurichten.«

»Ich bitte dich doch bloß um ein paar Nachmittage in der Woche. Soviel hast du an deinen Nachmittagen nun auch nicht vor.« Dann fuhr sie schweres Geschütz auf. »Es ist für den Herrn, Honigbienchen.«

Ich holte tief Luft und zählte bis fünf. Sie wusste genau, dass ich nicht mit der Frau streiten wollte, die mich, seit ich sechs und meine Mutter an Krebs gestorben war, großgezogen hatte. Ganz zu schweigen davon, Gott im Stich zu lassen. Nein, ich würde keins von beidem tun. Jedenfalls nicht vor meiner ersten Tasse Kaffee.

»Okay«, sagte ich. »Ich hör dir zu, lasse mich aber auf nichts festnageln.«

»Ich habe Lily gesagt, dass wir beide das Musical übernehmen, und sie war begeistert.«

»Was hast du?«, entfuhr es mir, und meine Phantasie ging bereits mit mir durch. Ich sah kreischende Kinder vor mir, die mit Wasserpistolen durch den Altarraum schlittern und Papierflieger aus Gesangbuchseiten durch die Gegend sausen lassen. In der Ferienbibelschule hatte ich sowohl Zeit als Schülerin als auch als Lehrerin verbracht und kannte das Chaos, das große Kindergruppen veranstalten konnten.

»Ich soll dir ausrichten, dass du ein Engel bist, den Gott geschickt hat. Jetzt müsse sie sich um nichts mehr Sorgen machen, abgesehen von ihrer armen kleinen Tochter. Na ja, offenkundig nicht mehr ganz so klein.« Dove kicherte aufgekratzt und klang ein wenig wie ihre Hühner.

»Dove«, jammerte ich, ihren Namen dabei auf drei Silben dehnend.

»Sei still! Wir werden uns bestens amüsieren. Du hast nicht mal die Verantwortung. Ich hab dich nur als meine freiwillige Assistentin angemeldet. Geprobt wird mittwoch- und samstagnachmittags im Altarraum, diese Woche hab ich aber den Montag und Dienstag mit dazugenommen, weil wir die Kinder kennen lernen müssen. Erste Probe ist heute. Wir sehen uns dann in der Kirche. Die Kinder sollen um halb eins da sein.«

Sie legte auf, bevor ich noch etwas sagen konnte.

»Warum lass ich mir das bloß gefallen?«, fragte ich Scout, während ich Futter in seinen Metallnapf füllte. »Kannst du mir das mal erklären?« Scout wedelte mitfühlend mit dem Schwanz und machte sich begeistert über sein Frühstück her.

»Was erklären?«, erkundigte sich Gabe beim Betreten unserer frisch renovierten rot-weißen Küche. Wir hatten unseren kalifornischen Bungalow neu tapeziert, und das Muster mit den winzigen, fröhlichen Kirschen stimmte mich immer wieder heiter.

»Dove spielt mal wieder die Retterin«, sagte ich und gab Kaffeepulver in die Maschine. »Und hat mich mit reingezogen.«

»Was ist es diesmal?«, fragte er grinsend, und seine blaugrauen Augen blitzten amüsiert. Selbst mit wirr abstehenden Haaren, in grauer Trainingshose und einem ausgeleierten weißen T-Shirt war er immer noch der attraktivste Mann, dem ich je begegnet bin.

»Lily Sander aus der Gemeinde. Du weißt schon, die Frau, die sich um die Musik kümmert.«

»Die mit der Dynamitstimme.«

Obwohl er Katholik war und in der Mission von San Celina in der Innenstadt zur Messe ging, besuchte er viele Veranstaltungen der Baptistengemeinde und kannte daher die meisten Mitglieder. Er und unser Pfarrer Mac, ein Freund aus Kindertagen von mir, versuchten einander regelmäßig mittels äußerst herausfordernder Racketballpartien an den Rand eines Herzinfarkts zu treiben.

»Richtig. Ihre Tochter in Kentucky erwartet Zwillinge und hat sich gerade den Fuß verstaucht.«

»Autsch«, bemerkte Gabe und verzog teilnahmsvoll das Gesicht.

»Genau meine Worte«, sagte ich, füllte Wasser in die Kanne und goss es in die Kaffeemaschine. »Lily steckt mitten in den Proben ihres Kindermusicals ›Pilgerreise zur seligen Ewigkeit‹, also hat Dove sich erboten, an ihrer Stelle weiterzumachen, und mich als ihre freiwillige Assistentin vorgeschlagen.«

»Das klingt nach Spaß«, meinte er, machte den Kühlschrank auf, blieb davor stehen und wartete darauf, dass Doves frische Eier heraushüpften und sich selber aufschlugen. Die Plastikschüssel mit den Eiern in der Hand, drehte er sich um und fing unvermittelt an zu lachen. »Du solltest mal dein Gesicht sehen.«

»Du musst loco sein, wenn du glaubst, mit einem Haufen Kinder zwischen vier und zwölf ein Musikstück auf die Beine zu stellen hätte irgendwas mit Spaß zu tun.«

Er lachte wieder und nahm eine Pfanne, in der weisen Entscheidung, heute Morgen besser selbst die Eier zu machen. »Ich werde diese Woche eine Kerze anzünden, dass sie nicht mich als Freiwilligen gemeldet hat.«

»Ich hab viel zu viel zu tun für so was«, sagte ich, wohl wissend, dass meine Nörgelei vergebens war. Irgendwie würde ich schon Zeit finden, Dove zu unterstützen. Es gab nichts auf der Welt, das ich ihr hätte abschlagen können. Das wusste sie und nutzte es mit schöner Regelmäßigkeit aus.

»Du wirst das schon deichseln«, erklärte er überzeugt und schlug Eier in eine rot-weiße Keramikschüssel. »Ich kann mich um die Sicherheit kümmern, wenn du das für nötig hältst.«

Ich ging zu ihm, schlang ihm die Arme um die Taille und lehnte meinen Kopf an seinen warmen Rücken. »Glaub bloß nicht, dass ich das nicht in Anspruch nehme. Je mehr Erwachsene, die für Ruhe sorgen, desto besser. Unsere erste Probe ist heute um halb eins.«

»Tut mir leid, ich muss ein paar Stunden ins Büro. Der Papierkram hat meinen Schreibtisch als Geisel genommen.«

»Deine Entschuldigung bei jeder lästigen Pflicht, der du aus dem Weg gehen willst.«

Er drehte sich nicht um. »Es funktioniert immer, weil es die Wahrheit ist. Ich schwöre, ich geh dir zur Hand, wenn ich kann. Und mal ehrlich, wie schwer kann es schon werden?«

Bevor ich zu einer ausführlichen Erläuterung ansetzen konnte, wie schwierig es sein konnte, so viele Kinder zu beaufsichtigen, geschweige denn, ihnen Texte und Lieder beizubringen, klingelte es an der Tür.

»Rettung durch Klingel«, sagte er und verquirlte die Eier mit einer Gabel.

»Aufschub durch Klingel«, gab ich zurück. »Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, Mister.«

»Was es auch ist, wir kaufen nichts«, rief mir Gabe hinterher, als ich zur Haustür lief.

Normalerweise schaue ich durch den Spion, eine bis zum Gehtnichtmehr wiederholte Sicherheitsmaßnahme meines beschützerischen Mannes. Diesmal tat ich es nicht, weil er sich nebenan befand. In der Annahme, es sei ein Nachbar, riss ich die Tür auf.

Und stieß einen entsetzten Schrei aus.

Vor mir auf der Vorderveranda stand eine schlaksige Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet und mit einer grinsenden Totenschädelmaske.

»Benni?«, fragte eine tiefe Stimme.

KAPITEL 2

Bevor ich einen zweiten Schrei ausstoßen konnte, war Gabe an meiner Seite, neben ihm Scout, der ein tiefes Knurren vernehmen ließ. Gabe packte ihn am Halsband und stellte sich vor mich.

Der Mann nahm die Maske ab. »Nicht schießen«, sagte er. Seine dunklen Wangenknochen hatten Konturen wie bei einer primitiven Holzschnitzerei, und abgesehen von den tief liegenden schwarzen Augen und einer etwas breiteren Nase hätte er ein Zwilling von Gabe sein können. »Froher Dia de los Muertos.«

»Du Blödmann«, sagte Gabe lachend, ließ Scout los und tätschelte ihm die Seite. »Alles okay, Scout. Der Kerl ist ein Freund. Nun, eigentlich ein Verwandter.«

Jetzt dämmerte mir, wer er war. »Luis! Endlich lerne ich den berüchtigten Luis Ortiz kennen.«

»Den Mann, der deinem Gatten alles beigebracht hat, was er übers Leben weiß, über cerveza und Frauen«, erklärte er mit einer leichten Verbeugung.

»Pendejo loco«, sagte Gabe herzlich.

»Vielleicht sollte ich dich gar nicht reinlassen«, meinte ich und lächelte seinen Cousin an. »Ich hab ihm die Machoallüren fast ausgetrieben.«

Die Ähnlichkeit von Gabes und Luis’ Lachen war frappierend. »Ich mach grade Frühstück, compa«, sagte Gabe und zog die Tür weiter auf. »Komm rein und leiste uns Gesellschaft.«

Im Laufe unserer dreijährigen Ehe hatte Gabe oft über seinen Cousin Luis gesprochen. Als Gabe sechzehn war, war sein Vater an einem Herzinfarkt gestorben und Gabe eine Zeitlang außer Kontrolle geraten. Nach einigen Zusammenstößen mit der Polizei in Derby, Kansas, schickte ihn seine Mutter in einem Anfall von Verzweiflung zum älteren Bruder seines Vaters nach Santa Ana in Kalifornien, eine Stadt etwa sechs Stunden südlich von San Celina. Von seinem ersten Jahr an der Highschool bis zu seinem Eintritt bei den Marines einige Monate nach dem Schulabschluss wohnte Gabe dort bei Onkel Tony und Tante Maria. Sein Onkel Tony befand sich nach dreißig Jahren als Lieutenant des Polizeireviers von Santa Ana im Ruhestand. Onkel, Tante und ihre drei anderen Söhne, alle jünger als Gabe und Luis, die sechs Monate auseinander sind, hatte ich schon kennen gelernt. Doch Luis war bei unseren rund sechs Besuchen in Santa Ana jedes Mal auf Geschäftsreise gewesen. Er war nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten, sondern hatte einen Marketingabschluss gemacht und war in diversen lukrativen Verkaufsjobs tätig gewesen. Das Letzte, das wir von Luis gehört hatten, war, dass er sich ein Haus in Newport Beach gekauft hatte. Dort lebte er mit seiner dritten Frau Paige und ihrer gemeinsamen einjährigen Tochter.

»Luis könnte einem Eisbären einen Kühlschrank verkaufen«, sagte Gabe immer kopfschüttelnd und lächelnd. »Die Damen flippen auch völlig aus bei ihm.«

Ich hatte bei Gabes Bemerkung geschnaubt. Als ob er nicht wüsste, wie er wirkte. Ich konnte mir schon denken, wie die zwei zusammen gewesen waren.

»Was treibt dich in den Norden?«, erkundigte sich Gabe, nachdem ihm Luis gegenübersaß. Ich schenkte seinem Cousin eine Tasse Kaffee ein.

Mein Angebot von Milch und Zucker quittierte Luis mit einem Kopfschütteln. »Nur ein bisschen Urlaub. Hatte in Santa Barbara ein Treffen mit einem Klienten und dachte, ich schnei kurz rein und seh mal, wie mi primo diese Stadt im Griff hat.«

»Mir geht’s bestens«, sagte Gabe. »Wie willst du deine Eier? Als Rührei oder als Rührei?«

Luis ließ sich auf dem Küchenstuhl zurückkippen und zwinkerte mir zu, während ich den Speck in die Mikrowelle stellte. »Du hast el hombre zum Kochen gekriegt? Caramba! Wenn das bloß seine tia Maria sehen könnte. Sie würde ihm wahrscheinlich eine Schürze nähen.« Sein herzhaftes Lachen dröhnte durch unsere luftige Küche.

Gabe schüttelte den Kopf und öffnete den Kühlschrank, um nach seinen Lieblingszutaten Ausschau zu halten – Käse, Speckwürfel, Schnittlauch, Knoblauchsalz, aromatisierter Pfeffer und Tapatio, eine scharfe Würzsauce.

Beim Tischdecken ergriff ich die Gelegenheit, Luis auszufragen, wie Gabe als Teenager gewesen war.

»Stimmt es, dass ihr mal an einem Abend mit sechs Mädchen verabredet wart?«, fragte ich und schob Muffins in den Toaster. Dann holte ich einen Krug Orangensaft aus dem Kühlschrank.

»Wer hat dir das denn erzählt?«, wollte Luis wissen.

»Ist alles gelogen«, sagte Gabe.

»Deine Mama«, antwortete ich Luis und stellte den Krug auf den Tisch. »Sie behauptet, ihre grauen Haare stammen alle aus euren letzten zwei Jahren auf der Highschool.«

»Es waren nur fünf Mädchen«, erklärte Luis. »Gabes dritte Verabredung hat ihn wegen des Center-Spielers aus der Basketballmannschaft nämlich abblitzen lassen.«

Gabe drehte sich um und drohte seinem Cousin mit dem Pfannenwender. »Das war nicht mein Rendezvous, sondern deins. Ich bin noch nie in meinem Leben versetzt worden.«

»Hey, sein Ego ist immer noch ungebrochen«, meinte Luis und zwinkerte mir wieder zu. »Manche Dinge ändern sich eben nie.«

»Stimmt überhaupt nicht«, sagte ich, während ich ein paar Erdbeeren kleinschnitt, die ich auf dem Bauernmarkt gekauft hatte. »Ich hab ihn mal bei einer Verabredung versetzt.« Damals hatte ich einer Kuh bei deren besonders schweren ersten Geburt geholfen und die Zeit vergessen. Er hatte gesagt, es sei das erste Mal, dass er wegen einer Kuh versetzt worden sei.

»Aha, da kommt die Wahrheit ans Tageslicht!«, erklärte Luis und ließ seine Stuhlbeine mit einem Rums zurück auf den Küchenfußboden fallen. »Deswegen hat er dich auch geheiratet, weißt du. Er konnte nicht riskieren, dass dieser Vorfall bekannt wird und seinen Ruf als Playboy ruiniert.«

»Iss deine Eier, du Plüschtier«, sagte Gabe und setzte ihm den rot-weißen Teller vor. »Erzähl mir den gesamten Familientratsch.«

Während wir frühstückten, verfolgte ich schweigend den Schlagabtausch zwischen den beiden, der alles abdeckte, von ihren Jobs über die Arthritis von Tante Maria bis zu Luis’ zwei Söhnen aus erster Ehe und seiner einjährigen Tochter aus der dritten.

»Ich fass es nicht, dass ich deine Tochter noch nie gesehen habe«, meinte Gabe und betrachtete das Foto, das Luis aus seiner Brieftasche gezogen hatte. »Muy bonita.«

»Genau wie ihre Mutter«, sagte Luis nickend. »Auch wenn ich hoffe, dass sie nicht Paiges Vorliebe für teure Schuhe geerbt hat.«

»Was verscheuerst du derzeit?«, fragte Gabe.

»Wertvolle Metalle«, erwiderte Luis.

»Gold und Silber?«

»Und Platin. In Metall steckt ’ne Menge Geld. Die einzig sichere Sache heutzutage neben Drogenhandel und Sozialhilfebetrug.«

»Wem sagst du das«, meinte Gabe.

»Erzähl mir bloß nicht, ihr habt in eurem kleinen Paradies hier oben Drogenprobleme«, sagte Luis und strich sich Marmelade auf seinen Muffin.

»Die gibt’s überall«, erwiderte Gabe seufzend. Er stand auf und nahm Luis’ leeren Teller. »Was hältst du von einer Stadtrundfahrt?«

»Darf ich in einem Polizeiwagen sitzen und die Sirene ausprobieren?«, fragte Luis.

»Nein, aber ich leg dir Handschellen an.« Er spülte Luis’ Teller ab und stellte ihn in die Geschirrspülmaschine. »Ich geh mich anziehen. Und ich hoffe, dass du ein paar Tage bleibst. Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen.«

»Wohl wahr, primo«, bestätigte Luis kopfnickend. »Wohl wahr.«

Nachdem Gabe gegangen war, um sich anzuziehen, begann ich, den Rest des Tischs abzuräumen. Luis sprang auf und half mir dabei.

»Das musst du nicht«, sagte ich und legte den Deckel auf die Butterschale. »Setz dich hin. Und trink noch einen Kaffee.«

»Nein, das macht mir gar nichts. Ich wollte Gabe nur aufziehen. In Wirklichkeit bin ich nach drei Ehen perfekt abgerichtet wie eine Katze.«

Ich lächelte. »Katzen kann man bekanntlich nicht abrichten.«

Statt zu antworten, grinste er.

Nachdem wir den Tisch abgeräumt hatten, bot ich ihm noch eine Tasse Kaffee an.

»Okay, überredet«, sagte er und hielt mir seinen Becher hin.

»So«, sagte ich und setzte mich ihm gegenüber an den Küchentisch. »Wie gefällt dir denn euer neues Haus?«

Er zuckte die Achseln, nippte an seinem Kaffee und vermied es, mich anzusehen. »Es ist ein Haus. Paige ist ausgebildete Dekorateurin, also ist es wunderschön, eine echte Sehenswürdigkeit. Die Zeitschrift Orange Coast will was darüber bringen.« Er sah sich in unserer freundlichen, nach Speck duftenden Küche um. »Kein bisschen wie hier.«

Ich richtete mich auf. »Wie bitte?«

Seine kantigen Wangenknochen überzogen sich mit Röte. »Entschuldigung, so hab ich das nicht gemeint. Ich meine, das Haus, so wie Paige es eingerichtet hat, ist schön, aber es hat kein vida, kein corazon. Du verstehst, kein Leben … kein Herz. Bei dir und Gabe, euer Haus …«, er lächelte mich zaghaft an, »ist ein Zuhause, weißt du?«

»Ja«, erwiderte ich und entspannte mich wieder. »Tu ich.«

»Gabe war immer der Glückspilz«, bemerkte er sanft, und der Blick seiner schwarzen Augen mit den dichten Wimpern schweifte hinter mir aus dem Fenster.

»Ich bin auch ziemlich glücklich«, sagte ich leichthin. »Aber jetzt mach ich mich besser auch mal fertig. Hab um halb eins eine Probe.«

»Spielst du in einem Stück mit?«

»Nein, ich helfe bei der Inszenierung. Ein Kindermusical in der Kirche, das auf Bunyans ›Pilgerreise zur seligen Ewigkeit‹ basiert.«

»Klingt nach Spaß«, meinte er lächelnd.

»Du hörst dich an wie Gabe. Mal abwarten.« Ich schüttete etwas Reinigungspulver in den Geschirrspüler.

»Ich bin viel rumgereist, als meine Jungs noch klein waren«, sagte er mit leicht nach unten gezogenen Mundwinkeln. »Leider hab ich all das verpasst. Sogar ihre Erstkommunion. Jetzt sind sie erwachsen und auf dem College, und es ist ihnen egal, ob ich aufkreuze, außer wenn sie Geld brauchen.«

»Ich bin sicher, das stimmt nicht«, entgegnete ich, erinnerte mich aber daran, was ich seinen Vater, Gabes Onkel Tony, einmal hatte über ihn sagen hören.

»Luis ist ein guter Mann und sorgt für seine Familie mit Geld«, hatte Onkel Tony in traurigem und resigniertem Ton erklärt. »Aber seine Zeit behält er für sich selbst.«

Auf meine Nachfrage hin hatte Gabe seinen Cousin verteidigt. »Onkel Tony erwartet immer so viel von Luis. Es ist schwer, in einer mexikanischen Familie der Älteste zu sein, vor allem, wenn deine Eltern nicht hier geboren sind. Sicher, Luis ist irgendwie egoistisch, aber wer ist das nicht? Onkel Tony war früher auch viel bei der Arbeit. Außerdem erwartet er von Luis viel mehr als von seinen anderen Söhnen. Das ist unfair.«

Ich hatte nichts erwidert. Es war ein heikles Thema für Gabe, der sich immer noch schuldig fühlte, viele Jahre lang seine eigene Arbeit und seine Wünsche über seinen mittlerweile neunundzwanzigjährigen Sohn Sam gestellt zu haben.

Ich konzentrierte mich wieder auf Luis’ Stimme und bekam gerade noch das Ende eines Satzes über dessen jüngeren Sohn mit, der über einen College-Wechsel nachdachte.

»Erzähl mir von deinen Kindern«, sagte ich, ein bewährtes Gesprächsthema für Leute, die man nicht gut kennt.

»Luis jr. ist im letzten Studienjahr an der Long Beach State. Er wird Mathelehrer. Juan ist im zweiten Studienjahr in Fullerton und studiert im Hauptfach noch Mädchen und Basketball. Und letzte Woche hat Catherine was gesagt, das wie Daddy klang.«

Ich lächelte. »Das muss schön für dich gewesen sein.«

Luis nickte und musterte seine Kaffeetasse. »Es sind gute Kinder. Ihre Mütter leisten ganze Arbeit bei der Erziehung, angesichts der Tatsache, dass ich nicht viel da bin. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob sie es überhaupt merken, wenn ich weg bin.«

Zum Glück kam Gabe mit Scout im Schlepptau zurück in die Küche. Ich wusste nicht, wohin meine Unterhaltung mit Luis geführt hätte.

»Wie lange bleibst du?«, fragte Gabe und zog ein Sweatshirt über.

Luis zuckte die Achseln. »Hab ich mir noch nicht überlegt.«

»Hast du ein Quartier?«

Sein Gesichtsausdruck war unbestimmt. »Ich hab auf dem Weg in die Stadt ein paar Motels gesehen …«

»Quatsch«, sagte Gabe und sah mich mit hochgezogenen Brauen fragend an. Ich nickte zustimmend. »Du bleibst bei uns. Wir haben ein prima Gästezimmer.«

»Auf keinen Fall, Mann«, erwiderte er und senkte den Blick, um die Tischplatte zu studieren. »Das macht viel zu viel Mühe.«

»Tut es nicht«, widersprach ich. »Ehrlich, Luis, wir freuen uns, wenn du bleibst, solange du nicht drei regelmäßige Mahlzeiten am Tag erwartest. Wir gehören zu diesen Zwischen-Tür-und-Angel-Essern.«

»Das bin ich gewöhnt«, sagte er und sah mich an, dann Gabe. »Ich freue mich über euer Angebot und nehme an.«

»Gut«, sagte Gabe. »Dann beziehst du jetzt dein Zimmer, und anschließend zeig ich dir meine Stadt.«

Luis stand auf und schüttelte den Kopf. »Hört euch den an – seine Stadt. Der klingt wie Matt Dillon.«

»Mann, haben wir ›Rauchende Colts‹ als Kinder geliebt, stimmt’s?«, sagte Gabe.

Bis ich angezogen war, hatte Gabe Luis das Gästezimmer im Erdgeschoss schon gezeigt, und die beiden verließen gerade das Haus.

»Vergiss nicht, dass ich heute Nachmittag mit Elvia und ihrer Familie auf den Friedhof gehe«, rief ich ihnen nach. »Wir schmücken Gräber.« Der Tag der Toten wurde in der Familie meiner besten Freundin Elvia immer groß gefeiert, und seit meiner Grundschulzeit hatte ich sie zum Dekorieren ihrer Familiengräber begleitet.

»Was machen wir mit dem Abendessen?«, rief Gabe zurück.

»Wie wär’s um sechs bei Liddie’s? Undenkbar, dass Luis nicht bei Liddie’s isst.«

»Undenkbar, dass nicht?«, wiederholte Gabe lachend. Er liebte es, wenn ich hin und wieder in die doppelte Verneinung meines Südstaatendialekts verfiel.

»Geh spielen, du dicker mocoso«, entgegnete ich und scheuchte ihn mit einer Handbewegung fort.

Luis lachte und versetzte ihm einen spielerischen Stoß. »Na, die durchschaut dich.«

Gabe grunzte und schubste zurück, was mich an einen Zwölfjährigen erinnerte. Jetzt rempelte Luis ihn wieder an, Gabe musste lachen und hieß ihn auf Spanisch irgendeine Gemeinheit. Ihre Stimmen wurden schwächer, während sie die Verandatreppe hinunterstiegen und auf Gabes himmelblaue Corvette zugingen, ihr ungezwungenes Necken hörte sich an, als seien seit ihrer letzten Begegnung nur ein paar Tage und nicht Jahre vergangen.

Obwohl Gabe nie darüber klagte, stimmte es mich manchmal traurig, dass er seine Familie nicht so oft sah. Gewiss, er hatte sich hier in San Celina ein gutes Leben aufgebaut, womit er, wie er zugab, nie gerechnet hatte, als er vor vier Jahren vorübergehend von seinem Freund Aaron den Job als Polizeichef übernommen hatte. Auch wenn es ihm nichts auszumachen schien, bestand sein neues Leben aus mir, meiner Familie und der Stadt, in der ich aufgewachsen war, und ich fragte mich oft, ob er sich je einsam fühlte und sich nach seiner Familie in Kansas oder Santa Ana sehnte. Gabe sprach nie darüber, doch der Ausdruck purer Freude auf seinem Gesicht vorhin mit Luis in der Küche, zeigte mir, dass er sie vermisste. Es schien Zufall zu sein, dass Luis gerade jetzt im Leben meines Mannes aufkreuzte. Ich schwor mir, Luis seinen Besuch so angenehm wie möglich zu machen, damit er Lust bekam, häufig wiederzukommen.

»Fertig zum Aufbruch, Scout?«, fragte ich meinen Hund, der die letzten zehn Minuten geduldig an der Haustür gesessen hatte. Ich beschloss, ihn als eine Art Eisbrecher zu dieser ersten Probe mitzunehmen. Auch wenn ich ein paar der Kinder aus der Gemeinde kannte, kamen viele von ihnen aus der Nachbarschaft und waren vielleicht ein wenig schüchtern, da nun Dove und ich Lilys Platz einnahmen. Scout mit seinem freundlichen Wesen und seinem einen kecken Schäferhund- und dem anderen schlappen Labradorohr war genau das Richtige, um die Kinder von Lilys plötzlichem Weggang abzulenken.

Ich konnte mich nicht erinnern, wann die First Baptist Church von San Celina nicht ein fester Bestandteil meines Lebens gewesen wäre. In einer meiner frühesten Erinnerungen sitze ich in der überheizten Sonntagsschule und lerne anhand von Bildergeschichten Noah und seine Arche oder Jonah und diesen hungrigen Wal kennen, vorgetragen von Miss Velma Jacobson in ihrem rhythmischen Singsang. Seit Präsident Kennedy hatte die inzwischen Einundachtzigjährige fünf- und sechsjährige Kinder der Gemeinde unterrichtet.

Um zwölf Uhr fünfunddreißig, also nur fünf Minuten zu spät, fuhr ich auf den Parkplatz der flachen Stuckkirche, gestrichen in einem zarten Navajo-Weiss mit braunen Verzierungen. Ich parkte meinen lila Ford Ranger direkt neben Doves fast identischem rotem Truck. Obwohl ihr Isaac, seit nun fast zwei Jahren ihr zweiter Ehemann, einen todschicken Chevy Halbtonner gekauft hatte, der imstande war, ein zweistöckiges Haus hinter sich herzuschleppen, zog sie es vor, in der Stadt mit etwas herumzugurken, was sie ihr kleines »Puttputt« nannte. Auf dem Parkplatz standen nur noch zwei weitere Wagen, was Befürchtungen in mir weckte. Das hieß nämlich, dass die meisten Eltern ihre Kinder bereits abgesetzt hatten und geflohen waren.

»Du bleibst im Truck, Scooby-Doo«, befahl ich Scout, während ich meine wollgefütterte Wranglerjacke überzog. Die im November normalerweise noch warmen Temperaturen waren heute plötzlich gefallen. »Ich hole dich in der Erfrischungspause.« Ich kurbelte beide Scheiben hinunter, füllte seinen Reisenapf mit Wasser und rubbelte ihm tüchtig die Brust.

Vor der Doppeltür, die in den Altarraum führte, kniete Walt Adams, eine der Ganztagskräfte der Gemeinde, und beschnitt die Rosenbüsche unter den beiden Buntglasfenstern der Kirche. Obwohl die Türen geschlossen waren, konnte ich Kinderlärm herausschallen hören.

»Hallo, Walt«, sagte ich und blieb stehen, um ihm bei seinem sorgfältigen Beschnitt zuzusehen und den Moment hinauszuzögern, in dem ich mich ins Getümmel stürzen musste. »Wie geht’s?«

»Sehr gut, vielen Dank«, antwortete er und sah zu mir hoch, die grauen Augen wegen der Mittagssonne halb zugekniffen. »Und Ihnen?«

»Prima.«

Heute sah er älter aus als seine zweiundsiebzig Jahre. Ich wusste nur deshalb, wie alt er war, weil Dove und ein paar andere Frauen der First Baptist’s Women’s Missionary Union vor zwei Monaten zu seinem Geburtstag eine Überraschungsparty für ihn gegeben hatten. Wie üblich trug er seine graue Arbeitskluft, bestehend aus Hemd und Hose sowie schwarze Red-Wing-Pilotenstiefel, und war sich vermutlich überhaupt nicht im Klaren, dass er damit modisch auf dem allerneuesten Stand war.

»Klingt ja schaurig da drinnen«, sagte ich und deutete auf die braunen Eingangstüren.

Er stand auf und nickte mit einem angedeuteten Lächeln. Sein sommersprossiges Gesicht war verschwitzt und sonnengerötet. »Dove wird froh sein, Sie zu sehen.«

»Zweifellos«, erwiderte ich, mir immer noch Zeit lassend. »Wie hat Ihnen denn das Buch gefallen, das ich Ihnen gegeben habe?«

Auf seiner Party hatten Walt und ich über einen Zettelkasten gesprochen, den er für die Talentauktion der Gemeinde gebaut hatte, für die alle »Talente« wie Kuchenbacken, Quilten, Hundepflege und viele weitere Fähigkeiten spendeten. Der Erlös ging an unsere Obdachlosenmission. Walt hatte einen kleinen, handgefertigten Kasten gestiftet, auf dessen Deckel und Seiten kleine Holzteile in einem quiltartigen Muster verleimt waren. Ich bot mit und bekam den Zuschlag. Die Arbeit erinnerte mich an die Holzarbeiten der Tramp Art, eine Art Volkskunst, die zwischen 1870 und 1930 sehr beliebt war. Ein paar Tage später entdeckte ich bei Blind Harry’s, dem Buchladen meiner besten Freundin Elvia, ein Buch über Tramp Art. Ich hinterlegte es nebst einer Notiz für Walt im Gemeindebüro, in der ich ihm schrieb, dass mich seine Box stark daran erinnerte.

»War wirklich interessant, das Buch«, sagte er mit leuchtenden Augen. »Hat was, diese Tramp Art. Wusste nicht mal, dass das einen Namen hat, was ich da mache.«

»Ist es nicht interessant, wie die Künstler alte Orangen- und Zigarrenkisten verwendet haben? Das waren originelle Recycler.«

Er kicherte leise. »Recycling haben sie’s damals in den Dreißigern wohl nicht genannt. Eher Broterwerb. Oder wenigstens den Versuch eines solchen.«

»Im Ernst, in dem Buch steht, dass sich eine Menge Männer von der Anfertigung solcher Stücke ernährt haben.«

»Danke, dass Sie an mich gedacht haben.«

»Gern geschehen«, sagte ich lächelnd. »Aber ich habe einen Hintergedanken. Ich fänd’s schön, wenn Sie sich der Künstlerkooperative anschließen und für unseren neuen Museumsshop in der Stadt ein paar von diesen Kästen bauen würden.« Dies war das zweite Mal, dass ich ihn aufforderte, der an das Folk Art Museum angeschlossenen Kooperative beizutreten. Beim ersten Mal vor etwa sechs Monaten hatte er höflich abgelehnt, mit dem Hinweis, er habe in der Gemeinde zu viel zu tun.

Seine sonnengebräunten Lippen, rau wie zwei Holzsplitter, erwiderten das Lächeln. »Ich weiß nicht, ob tatsächlich jemand sein sauer verdientes Geld für einen von meinen Kästen ausgeben würde.«

»Darauf können Sie wetten. Vergessen Sie nicht, ich habs getan.«

»Ja, Sie …« Er schüttelte mit einem leisen Tststs den Kopf, womit er wohl andeuten wollte, dass ich nicht ganz dicht sei.

»Jetzt hören Sie schon auf. Ich erkenne gute Kunst, wenn ich welche sehe.«

»Ich überleg’s mir. Müsste das Buch aber noch ein bisschen behalten, damit ich mir diese Tramp Art genauer anschauen kann.«

»Behalten Sie’s, so lange Sie mögen. Ich wollte es ohnehin der Präsenzbibliothek des Museums schenken. Und bitte, denken Sie über einen Eintritt in die Kooperative nach. Ich wette, Sie werden die anderen Holzarbeiter mögen.«

Offenkundig war ihm meine Einladung peinlich, und er wandte sich wieder den Rosen zu. »Ich hab schrecklich viel zu tun hier.«

»Okay, ich meine ja bloß, dass Sie jederzeit willkommen sind.« Ich ließ meinen Blick über die Blumenbeete, den makellosen Rasen und das frisch gestrichene neue Schild vor der Kirche schweifen. »Wissen Sie, hier war alles ganz schön runtergekommen, bevor Sie aufgetaucht sind und uns gerettet haben.«

Er sah verlegen zu Boden. Seit zehn Jahren war er nun schon für die Wartungsarbeiten in der Gemeinde zuständig, nachdem er zuvor etwa ein Jahr lang den Gottesdienst besucht hatte. Laut Mac, unserem Pfarrer, war er die beste Kraft auf dem Posten, die wir je hatten. Er reparierte Sachen schon, bevor irgendwer mitbekam, dass sie überhaupt kaputt waren.

»Ich tu mein Bestes.« Er betrachtete weiter ausführlich die Spitzen seiner schwarzen Arbeitsstiefel. Der Duft der wenigen noch blühenden Rosen lag süß in der Luft.

»Ich wollte ja nur sagen, dass wir verdammt froh sind, Sie zu haben«, sagte ich.

Bevor er etwas erwidern konnte, ertönte aus dem Inneren der Kirche lautes Getöse, und Körper prallten gegen die geschlossenen Türen. Wir schreckten beide auf und starrten zu ihnen hinüber. Von drinnen drang Jungsgelächter durch das dunkle Holz.

»Du lieber Himmel!«, meinte ich. »Ich geh lieber mal rein, bevor sich noch jemand lebenswichtige Körperteile bricht.«

»Am besten steigen Sie in eine Rüstung«, sagte er und griff nach seiner kleinen Schaufel.

»Ganz zu schweigen vom Zücken meines Schwerts«, gab ich zurück.

Ich betrat das nun leere Foyer. Die beiden Schwingtüren zum Altarraum bewegten sich noch leicht. Durch die beiden schmalen Sichtfenster konnte ich den Tumult sehen. Wie Wyatt Earp beim Betreten eines Westernsaloons stieß ich die Türen auf.

An der Stirnseite der Kirche versuchte Dove, sich mit zwei ungefähr Fünfjährigen, die plappernd an ihrer Bluse zerrten, fortzubewegen. Auf der Chorempore schubsten und stießen sich etwa zwanzig Kinder im Alter zwischen sechs und elf gegenseitig herum. Meine Feststellung bezüglich des leeren Parkplatzes erwies sich als zutreffend. Keine weiteren Erwachsenen waren anwesend. So respekteinflößend Dove auch sein mochte, derart viele Kinder zu bändigen dürfte für jede Einzelperson schwierig sein. Extreme Situationen erforderten extreme Maßnahmen.

Ich legte die Hände an den Mund und stieß meinen lautesten, kehligsten Tarzanschrei aus. Die Lautstärke, mit der er von den hohen Kirchendecken zurückhallte, und seine Plötzlichkeit ließen sämtliche Kinder augenblicklich verstummen und ungläubig einen Erwachsenen anstarren, der tatsächlich lauter brüllen konnte als sie.

Mac kam aus seinem Büro geschossen, auf seinem bärtigen Holzfällergesicht stand Fassungslosigkeit. Er war eins zweiundneunzig groß, hatte einen gewaltigen Brustkorb und einen Vollbart in der Farbe gerösteter Mandeln. Heute trug er ein blau-schwarz kariertes Flanellhemd, Jeans und Wanderstiefel mit roten Schnürsenkeln. Er sah tatsächlich eher aus wie ein Waldarbeiter als wie ein Geistlicher.

»Was um alles in der Welt ist denn hier los?«, fragte er perplex und kam durch den Altarraum auf mich zu.

Ich schenkte den Kindern ein süßes Lächeln und sagte laut: »Jetzt, wo ihr mir zuhört: Alle setzen sich und verhalten sich ruhig, damit wir an diesem Stück arbeiten können. Ansonsten keine Einkäufe im Laden für gutes Betragen.«

Dove hatte mir zuvor von diesem Laden erzählt. Abhängig davon, wie gut die Kinder sich betragen und gehorcht hatten, bekamen sie Gutscheine, die sie dort gegen Kleinspielzeug, Comics und Süßigkeiten einlösen konnten.

Hinter mir ertönte das tiefe, wohlbekannte Lachen eines Mannes und Applaus. »Sehr beeindruckend, Ms Harper.«

Ich drehte mich um und stand einem Menschen gegenüber, von dem ich nie, nicht in einer Million Jahren, angenommen hätte, dass er je die Schwelle der First Baptist Church übertreten würde: Detective Ford »Hud« Hudson vom San Celina Sheriff Department.

Er trug einen Tweedmantel im Westernstil, dunkelblaue Jeans und einen hellbraunen Stetson mit Rodeo-Falte. Neben ihm stand ein kleines rothaariges Mädchen, in dem ich seine Tochter Maisie erkannte, und suchte nach seiner Hand. Wenn ich mich recht erinnerte, war sie jetzt etwa sieben.

Die Worte platzten aus mir heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte, wie unfreundlich sie klangen. »Was zum Kuckuck treiben Sie denn hier?«

KAPITEL 3

Hud und ich kannten uns. Wir waren zusammen an der Aufklärung einiger Mordfälle beteiligt gewesen, der letzte lag etwa acht Monate zurück. Er war jemand, den ich abhängig von meiner jeweiligen Stimmung entweder ganz gern mochte oder aber am liebsten erwürgen würde. Er hatte mir zu verstehen gegeben, dass es ihm mit mir ähnlich ging, und mir unumwunden erklärt, meine religiösen Überzeugungen seien ungefähr so viel wert wie ein Haufen frischer Kuhdung. Ihn hier mit seiner Tochter zu sehen, von der ich wusste, dass er sie vergötterte, war das Letzte, was ich erwartet hätte.

»Ist das vielleicht ’ne Art, einen suchenden Pilger zu begrüßen?«, fragte er. »Und das von Ihnen, der hingebungsvollen Christin.«

Dove, zu weit entfernt, um unsere Unterhaltung hören zu können, räusperte sich und befahl den Kindern in ihrem schönsten Besser-du-legst-dich-nicht-mit-mir-an-Ton, sich hinzusetzen und Ruhe zu geben. Klugerweise gehorchten sie ihr.

»Hallo, ich bin MacKenzie Reid«, sagte Mac und trat hinter mir hervor. »Mac. Ich bin der Pfarrer hier. Willkommen in der First Baptist Church.« Mac legte mir eine seiner riesigen Hände auf die Schulter und drückte leicht zu, um mir zu signalisieren, ihn übernehmen zu lassen. Offensichtlich hatte er meinen wenig einladenden Ton mitbekommen und missbilligte ihn wohl. Sicher würde er mich später deswegen sanft schelten.

Nun ist Mac mein Pfarrer, und ich habe außerordentliche Hochachtung vor ihm. Doch er ist auch jemand, den ich seit meiner Kindheit kenne, da er auf der Ranch neben der unsrigen aufgewachsen ist. Ich erinnere mich an seine stürmischen und nicht sonderlich frommen Jahre auf der Highschool, wo er und Onkel Arnie, der jüngste Bruder meines Vaters, dicke Freunde gewesen waren. Mac und meine Familie hatten eine Beziehung, die manchmal nicht ganz dem typischen Verhältnis zwischen Pfarrer und Gemeindemitglied entsprach. Deutlich gesagt: Er und ich zankten uns manchmal wie Geschwister. Ich gebe mir alle Mühe, seine Position und Autorität anzuerkennen und zu respektieren, ungeachtet der Tatsache, dass ich mich daran erinnere, wie er einmal einen Schwung Goldfische ins Taufbecken gekippt und unter den kleinen Kindern, die an jenem Morgen getauft werden sollten, das Gerücht verbreitet hatte, es handele sich um fleischfressende Piranhas. Aufgrund seiner Position schüttelte ich seine Hand also nicht ab, auch wenn mir danach war.

Er lächelte und streckte Hud die andere Hand hin. Huds freundliches Junge-von-nebenan-Gesicht wurde wachsam, und er zögerte einen Moment, bevor er Macs Hand ergriff.

»Ford Hudson«, sagte er. Seine grauen Augen blickten skeptisch. »Hud.«

»Nett, Sie kennen zu lernen, Hud.« Mac ließ meine Schulter los und ging in die Hocke auf Augenhöhe mit Maisie, seine Grizzlybärstatur verschwand dabei hinter seiner Freundlichkeit. »Hallo, und wie heißt du?«

»Maisie Hudson«, flüsterte sie, sich fest an die Hand ihres Vaters klammernd.

»Das ist wirklich sehr nett, Sie kennen zu lernen, Miss Hudson«, sagte Mac lächelnd und hielt ihr die Hand hin. Sie starrte in seine sanften, zinnfarbenen Augen und legte ihre winzige Hand in seine.

»Wir sind wegen der Probe hier«, erklärte Hud. »Maisie hatte Grippe und war ein paar Mal nicht dabei, aber jetzt will sie wieder mitmachen.«

Obwohl ich darauf brannte zu fragen, wie ausgerechnet Huds Tochter bei diesem Kinderstück gelandet war, hielt ich den Mund.

»Ich glaube, sie fangen gerade an«, sagte Mac und warf mir einen amüsierten Blick zu. »Benni ist eine unserer neuen und sehr engagierten Leiterinnen.«

»Habe ich bereits vernommen«, erwiderte Hud lachend.

»Lacht so viel ihr wollt, ich hab mir jedenfalls Gehör verschafft«, sagte ich und streckte die Hand nach Maisie aus. »Komm, Kleine, lass deinen Dad sich ein bisschen mit Pfarrer Mac unterhalten. Sie können in zwei Stunden wiederkommen, Hud.«

»Okay«, sagte sie und kam zu mir.

Hud wirkte leicht panisch. Bei allem Draufgängertum war die Aussicht, einem Baptistenpfarrer in die Klauen zu geraten, vermutlich sein schlimmster Albtraum.

Vorne im Kirchenraum hatte es Dove endlich geschafft, die Kinder dazu zu bringen, sich hinzusetzen und einigermaßen ruhig zu sein. Sie reichte mir ein Manuskript mit Lilys Stück: »Pilgerreise zur seligen Ewigkeit – Die freudige Reise«.

Ich überflog das zerfledderte, fotokopierte Manuskript, das zahlreiche Lieder enthielt. »Haben wir jemanden fürs Klavier?«

Dove griff nach einem schwarzen Ordner und begann, ihn durchzublättern. »Hier steht, Beth Cochran, die jüngste Tochter von Burt Cochran, macht die Klavierbegleitung. Sie hat dieses Jahr ihren Abschluss an der San Celina Highschool gemacht und gerade ein Musikstipendium an der Fachhochschule bekommen.«

»Ich kenne sie. Wo sie bloß bleibt?«

Eines der älteren Kinder, ein etwa zehnjähriger Junge, auf dessen Namensschild »Salvador« stand, meldete sich zu Wort: »Miss Beth kommt immer zu spät. Sie hat einen Freund. Der spielt manchmal Gitarre mit ihr.«

»Er heißt Jason«, bekundete ein anderer Junge mit platinblonden Haaren und strahlend blauen Augen. Laut Namensschild hieß er »Travis«. »Er hat ein Tattoo von diesem großen alten Adler – über den ganzen Rücken.« Ehrfürchtig senkte er die Stimme. »Krass.«

Dove verdrehte die Augen. »Das ist ja alles schön und gut, aber bis Beth und ihr tätowierter Freund aufkreuzen – wenn sie überhaupt aufkreuzen –, können wir an den Sprechrollen arbeiten. Ich kann ja auf dem Klavier rumklimpern, wenn nötig.« Dove hatte es sich selbst beigebracht, und ihr Spiel war ganz passabel, wir wussten jedoch beide, dass wir den musikalischen Sachverstand von Beth brauchten.

Sie beugte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: »Honigbienchen, ausgeschlossen, dass wir zwei das ohne Unterstützung schaffen. Wir müssen noch ein paar Freiwillige rekrutieren, oder diese Aufführung wird nicht stattfinden.«

»Ich rede mit Mac.« Ich blickte auf das Manuskript. »Hier ist eine Notiz von Lily, danach können sie das erste Stück schon ziemlich gut. Lass sie das doch ein paar Mal singen, dann teilen wir sie in Gruppen ein und fangen mit den Sprechrollen an.«

Ich ging durch den Altarraum zu Mac und Hud zurück, die sich ganz offensichtlich in einem ernsthaften Gespräch befanden. Ich hasste es, irgendeine Form geistlicher Diskussion zu unterbrechen, aber wir brauchten Hilfe, und zwar schnellstens.

»Er ist nicht erste Wahl«, hörte ich Mac sagen, als ich näher kam. »Aber ich denke, er wird sie überraschen. Ich habe ihn einen Pass spielen sehen – zum Weinen schön. Baylor kann froh sein, dass sie ihn haben.«

So viel zum Thema ernsthaftes geistliches Gespräch. Sie unterhielten sich über den neuen Quarterback in der Footballmannschaft der Baylor University in Texas, Macs Alma Mater. Er hatte dort als Verteidiger gespielt und war sogar in der ersten Auswahlrunde für die Profiliga gewesen, die er aber zugunsten seines Theologiestudiums sausen ließ.

»Hey, Benni«, sagte Mac. »Wir haben hier einen alten Green-Wave-Spieler von der Tulane University in New Orleans! Er war Runningback.« Sein Lächeln war breit und aufrichtig. Macs Leidenschaften waren, neben dem Herrn, Football und das Zureiten von Pferden.

Hud hatte seinen Stetson abgenommen und hielt ihn locker zwischen den Fingern. »Meine Footballbilanz ist lange nicht so imponierend wie die von Mac. Den Großteil meiner drei Jahre in der Mannschaft hab ich die Bank angewärmt. Hat mich Geduld gelehrt, immerhin.«

»Zweifellos ein Vorteil in Ihrem Beruf«, meinte Mac nickend. Offenbar hatten sie schon über Huds Job als Mordfallermittler gesprochen.

»Zwingend notwendig«, erwiderte Hud.

»Ich störe euer Privatgespräch nur ungern«, sagte ich, »aber wir stecken hier in Riesenschwierigkeiten.« Ich sah zu Mac hoch. »Wenn dieses Stück bis Sonntag vor Erntedank stehen soll, brauchen wir Hilfe. Es sind nur noch ein paar Wochen. Kennst du andere Freiwillige, die schon damit zu tun hatten? Lily war bei ihrem Aufbruch so durch den Wind, dass Dove nicht viel von ihr erfahren hat.«

»Normalerweise kommen ein paar Teenager, die den Kindern mit ihren Texten helfen«, antwortete Mac. »Beth Cochran und Jason Meadows haben mit Lily zusammengearbeitet.«

»Tja, aber die sind heute nicht aufgetaucht. Vielleicht wussten sie nicht, dass wir proben.«

»Absolut möglich«, meinte Mac. »Und schließlich ist heute Samstag.« Hinter uns ließ Dove die Kinder ein Lied mit dem Titel »City of Destruction« anstimmen. Darin ging es um Christian, die Hauptfigur der »Pilgerreise«, der am Anfang des Buchs über die Stadt spricht, in der er lebt.

It’s the City of Destruction,
We built it on the sand.
It’s the City of Destruction,
No future and no plan.
It’s the City of Destruction,
We scurry our way,
But what will happen in the end,
Nobody dares to say.

Sie sangen ein bisschen falsch, machten aber ihre Sache, angesichts des Umstandes, dass Dove bei jedem zweiten Ton danebenhaute, ziemlich gut. Es war ein jazziges, sehr rhythmisches Lied, und die Kinder sangen es voller Inbrunst, ohne genau zu begreifen, was der Text bedeutete.

Ich sah die beiden Männer an und zog die Augenbrauen hoch. »Das Lied trifft die Sache im Moment ja ganz gut.«

Mac klopfte mir auf den Rücken. »Keine Sorge, Benni. Das wird schon. Gott hat den gesamten Kosmos unter Kontrolle und unser kleines Stück ebenfalls. Und denk dran, was Jesus bei Lukas sagt: ›Wer ist unter euch, der, wie sehr er sich auch darum sorgt, seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte? Wenn ihr nun auch das Geringste nicht vermögt, warum sorgt ihr euch um das andre?‹«

»Ich weiß«, sagte ich seufzend. »Aber im Augenblick interessiert mich eine Spanne trotzdem herzlich wenig. Ich wünsch mir bloß ein paar lebendige Wesen, die mit den Kindern ihre Texte durchgehen.«

Mac blickte zu Hud. »Stehen bei Ihnen in den nächsten zwei Stunden irgendwelche dringenden Mordermittlungen an, Hud?«

Hud lächelte und schüttelte den Kopf.

Mac wandte sich wieder an mich. »Zwei willige Knechte zu deinen Diensten.«

»Toll«, sagte ich, überrascht, aber dankbar. »Ich sag’s Dove.«

Wir teilten die achtundzwanzig Kinder in vier Gruppen ein, um in verschiedenen Bereichen der Kirche mit ihnen zu proben. Dove nahm ihre Gruppe in den Chorsaal mit, Mac seine in den Freizeitraum, ich kommandierte meine in den vorderen Teil des Altarraums ab, und Hud belegte die hinteren Kirchenbänke. Sobald sie in kleine Gruppen aufgeteilt und voneinander getrennt waren, war es einfacher, ihre Aufgedrehtheit zu bändigen, und auch der Geräuschpegel sank beträchtlich.

Meine sechs saßen im Kreis auf dem blaugrauen Teppich vor dem Altar, und ich ließ sie mir ihre vollständigen Namen und ihr Alter nennen, um sie besser kennen zu lernen.

Die Hauptrolle des Stücks, Christian, war mit Salvador Rodriguez besetzt. Als geborener Anführer machte er den Anfang. »Salvador Jaime Rodriguez. Ich bin zehn.«

Ich kannte ihn aus der Ferienbibelschule im letzten Sommer. Er war von hier, seine Eltern besaßen in San Celina ein kleines mexikanisches Restaurant.

»Okay, Salvador, schön, dass du da bist«, sagte ich. »Nächster?«

»Susan Bea Ballard«, meldete sich ein hinter vorgehaltener Hand kicherndes Mädchen mit Pferdeschwanz. Sie sah zu Salvador hinüber, ganz offensichtlich in ihn verknallt. »Ich bin zehneinhalb.« Ihre Eltern waren Klassenkameraden von mir auf der Highschool von San Celina gewesen. Sie waren zum süßesten Pärchen gewählt worden und noch immer derartig süß, dass einem die Zähne wehtaten.

Salvador verdrehte die Augen. »Lügnerin, ich bin einen Monat älter als du.«

»Na und?«, erwiderte das Mädchen und streckte ihm die Zunge heraus. »Ich bin trotzdem zehneinhalb.«

»Dann sag doch einfach zehn«, meinte er. »Halb zu sagen, ist blöd.«

»Gar nicht«, gab sie zurück und streckte die Hand aus, um ihn zu kneifen.

»Hey! Behalt deine Läuse bei dir!« Rutschend wich er ihren Fingern aus. Nun fingen alle im Kreis an zu kichern.

»Okay, okay«, ging ich dazwischen. »Lasst uns weitermachen.«

»Brian und Brianna Winner. Wir sind Zwillinge«, sagte ein schwarzes Mädchen mit helllila Fingernägeln. »Wir sind vorgestern acht geworden. Aber ich bin zwei Minuten älter.« Ihr Bruder grinste und zeigte dabei eine doppelte Zahnlücke, zufrieden, dass er seiner Schwester das Reden überlassen konnte. Sie kamen regelmäßig in die First Baptist, ihre Mutter war Vorsitzende der Frauenmissionsvereinigung und sie nähte wunderschöne Quilts mit ...

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