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Tochter des Nordens

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Zitat
  5. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  6. I. - NORVEGUR - DAS HEUTIGE NORWEGEN FRÜHLING 910
  7. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  8. II. - LAON SOMMER 911
  9. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  10. III. - SAINT-CLAIR-SUR-EPTE SEPTEMBER 911
  11. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  12. IV. - ROUEN SEPTEMBER 911
  13. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  14. V. - NORDMÄNNERLAND SEPTEMBER 911
  15. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  16. VI. - WESTFRANKENREICH HERBST 911
  17. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  18. VII. - NORDMÄNNERLAND HERBST 911
  19. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  20. VIII. - NORDMÄNNERLAND HERBST/WINTER 911
  21. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  22. IX. - NORDMÄNNERLAND FRÜHJAHR 912
  23. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  24. X. - NORDMÄNNERLAND FRÜHLING 912
  25. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  26. XI. - NORDMÄNNERLAND FRÜHLING/SOMMER/HERBST 912
  27. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  28. XII. - NORDMÄNNERLAND HERBST 912
  29. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  30. XIII. - NORDMÄNNERLAND HERBST/WINTER 912 - FRÜHJAHR 913
  31. KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936
  32. NACHWORT
  33. Über die Autorin

Julia Kröhn

TOCHTER
DES NORDENS

Historischer Roman

Höre Krähen krächzen und Raben,

Adler jauchzen der Atzung froh,

und Wölfe heulen um deinen Helden.

Aus der »Edda«

KLOSTER SAINT-AMBROSE IN DER NORMANDIE HERBST 936

Die Äbtissin betrachtete den schwer verletzten jungen Mann. Sie hielt ihn für tot. So viel Blut war aus der großen Brustwunde gesickert; an den Rändern war es zu schwarzen Krusten erstarrt. Mit ihm musste sämtlicher Lebensodem entschwunden sein. Sie wollte schon befehlen, die Fensterluke zu öffnen, damit die heimatlos gewordene Seele den Weg zum Himmel finden konnte, als sie plötzlich stutzte. Der Brustkorb des Verletzten hob sich kaum merklich; sein Mund öffnete sich, und er schnappte röchelnd nach Luft.

Nicht nur sie, auch zwei der Nonnen schreckten erblasst zurück. Die eine schlug ein Kreuz.

Ihre verstörten Rufe hatten die Äbtissin in der Kapelle gestört, wo sie Zwiesprache mit Gott gehalten und sich von ihm Kraft für das höchste Amt im Kloster erbeten hatte. Manchmal war sie dankbar für die vielen Pflichten, die sie vor trüben Gedanken bewahrten, manchmal war es ihr eine Last, Entscheidungen treffen zu müssen - so auch, als sie erfahren hatte, was geschehen war: Vor der Pforte war ein Verletzter zusammengebrochen. Offenbar hatte er sich mit letzter Kraft nach Saint-Ambrose gerettet. Zunächst hatte niemand gewagt, ihn zu berühren, weil er ein Mann und überdies ein Fremder war. Dann aber hatte sich die Schwester Portaria, die Pförtnerin, ein Herz gefasst und ihn in die Aderlassstube bringen lassen - ein niedriges, kreisrundes und fensterloses Gebäude gleich neben Bad und Kräutergarten. Die Krankenstube mit dem Steinboden wäre der wärmere Ort gewesen, doch die Aderlassstube lag näher an der Pforte.

Wenn es auch nur wenige Schritte zu überwinden gegolten hatte - die Nonnen hatten sich gewiss damit geplagt, den Verletzten herzuschleppen. Nicht nur mit der Last seines Körpers hatten sie fertig zu werden, sondern auch mit dem Gefühl, Verbotenes zu tun: Für gewöhnlich betrat kein Mann je den Klausurbereich, die Mönche des Nachbarklosters ausgenommen, und diese nur, um die Messe zu lesen und die Beichte abzunehmen. Bei Letzterer musste aus der Ferne stets eine weitere Nonne die Beichtende beobachten, auf dass sie - und sei es nur, um ihre Sünden zu benennen - nicht allein mit einem Mann war. Nur kranke Schwestern durften mit dem Priester allein sein - wohl weil ihr Körper zu geschwächt war, um zu sündigen.

Zu geschwächt, um die Keuschheit der Schwestern zu bedrohen, war auch dieser Verwundete, der genau besehen die Klausur nicht eigenmächtig betreten hatte, sondern hineingetragen worden war.

»Was sollen wir nun tun?«, fragte eine der beiden Nonnen, Mathilda mit Namen, mit zarter Stimme. Ihr Körper bebte.

So bin ich einst auch gewesen, dachte die Äbtissin. Hilflos, weltfremd, schwach. Sie straffte die Schultern, um das eigene Unbehagen nicht zu zeigen.

»Er lebt. Vielleicht nicht mehr lange, aber noch lebt er«, stellte sie fest. »Wir müssen den Blutfluss stillen und die Wunde nähen. Und wir müssen zusehen, dass der Leib zu Kräften kommt.« Sie blickte vom Verletzten hoch. »Ruft die Krankenschwester, damit sie sich seiner annehmen kann! Und sagt der Schwester Cellerarin, dass sie Brombeerwein mit etwas Honig erwärmen soll!«

Gewiss war der Verletzte zu schwach, um auch nur einen Schluck zu trinken, aber die Schwester Pförtnerin nickte eifrig und ging.

Die Äbtissin beugte sich tiefer über den Mann. Seine Lider waren einen winzigen Spalt weit geöffnet, und seine Stirn war gerunzelt - vielleicht der Schmerzen wegen, die diese erbarmungswürdige Kreatur beutelten, vielleicht, weil die Ohnmacht nicht schwarz und abgründig genug war, um böse Träume zu schlucken.

Woher nur die Wunde stammt?, überlegte die Äbtissin. Ein Tier könnte ihn angegriffen haben oder - und dieser Gedanke war noch beängstigender - ein Mensch. Sein Anblick, wie er da reglos am Boden lag, war erbärmlich, doch wäre er ihr aufrecht entgegengetreten, das sah sie sofort, er wäre ein stattlicher Mann gewesen, einer der größten, den die Äbtissin in ihrem Leben gesehen hatte, wenn auch nicht so kräftig und breitschultrig wie jene, die schwer zu arbeiten oder zu kämpfen hatten. Sein Gesicht war elend blass, die Nase fein geschnitten, die Lippen voll. Als die Äbtissin vorsichtig die Kapuze zurückzog, die den Kopf des jungen Mannes bedeckte, stellte sie fest, dass sein braunes Haar von kräftigem Wuchs war. Und sie sah noch mehr.

»Gütiger Himmel!«, stieß Mathilda aus und deutete auf seinen Hinterkopf, staubig, schweißverkrustet - und kreisrund rasiert.

»Er muss ein Mönch sein! Oder zumindest ein Novize!«, rief die Äbtissin, voreiliger, als ihr zu reden und zu entscheiden zu eigen war.

Bekräftigend nickte Mathilda, doch sie konnte ebenso wenig wie die Äbtissin erklären, warum der Verletzte zwar die Tonsur eines Klerikers, aber nicht dessen Kleidung trug. Diese glich der eines Bauern - leinerne geflickte und nun blutbesudelte Hosen, raue Strümpfe und stramm sitzende Beintücher, die an den Unterschenkeln mit Binden verschnürt waren. Ein Marderfell war unterhalb des Halses mit einer glanzlosen Nadel zusammengehalten, die Taschen am Gürtel aus brüchigem Leder gefertigt, die Sohle des Schuhwerks durchlöchert. Bevor er vor der Pforte Saint-Ambrose' zusammengebrochen war, musste er stundenlang gelaufen sein.

Die Äbtissin seufzte und sehnte sich insgeheim nach der Stille in der Kapelle.

»Denkt Ihr, er war auf der Flucht vor … vor … vor …«, setzte Schwester Mathilda an und geriet ins Stottern.

Die wenigen Jahre ihres noch kurzen Lebens hatte sie im Kloster zugebracht, an dessen Pforte sie einst als Kleinkind abgegeben worden war. Doch wenn die Welt ihr auch fremd war, so war sie nicht taub für die Geschichten über mordende Männer, die aus fernen heidnischen Ländern kamen, über viele Jahre das Frankenland heimgesucht hatten und Nordmänner genannt wurden. Viele von ihnen waren in dem Landstrich längst heimisch geworden, tüchtige Bauern und gläubige Christen, doch in der benachbarten Bretagne, so hieß es, tummelten sich gewalttätige Banden, die Klöster überfielen und sich mit ihrer Beute in den Höhlen der rauen Klippen versteckten.

»Wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen«, erklärte die Äbtissin gleichmütiger, als ihr zumute war.

Mathilda ließ sich nicht beruhigen. »Wenn er vor Nordmännern geflohen ist, werden sie womöglich bald hier vor dem Kloster stehen!«, rief sie aufgeregt.

»Es herrscht seit vielen Jahren Frieden zwischen den Nordmännern und dem Frankenreich«, gab die Äbtissin streng zurück. »Wer wüsste es besser als ich? Zeigst du deine Angst und Verzagtheit so deutlich, öffnest du deine Seele dem Teufel, und der wartet nur darauf, dass dein Gottvertrauen wankt.«

Was sie dem Mädchen verschwieg, war, dass sie selbst Angst hatte - weniger vor wilden Nordmännern als davor, etwas falsch zu machen. Wenn sie noch lange auf die Krankenschwester warten mussten, würde der Mann verbluten.

Obwohl eine Überwindung, kniete die Äbtissin sich schließlich seufzend auf den kalten Boden. Sie vermied zwar, die Haut des Fremden zu berühren - die vielleicht noch erhitzt war vom schnellen Laufen, vielleicht auch schon vom eisigen Hauch des nahen Todes erkaltet -, aber zog vorsichtig an dem zerrissenen Hemd. Begleitet von einem neuerlichen Blutschwall löste es sich und gab den Blick auf die klaffende Wunde in ihrer Gänze frei.

Ein Schrei ertönte, schrill und lang. Kurz glaubte die Äbtissin, Mathilda hätte so geschrien; wer, wenn nicht ein weltfremdes Mädchen, könnte derart die Beherrschung verlieren? Aber dann spürte sie, wie ihre Kehle schmerzte und ihre Brust dröhnte. Nein, nicht Mathilda hatte geschrien, Mathilda bekreuzigte sich nur, vom Anblick der Wunde nicht annähernd so verstört wie davon, dass der stets gefassten, ruhigen Äbtissin ein ebenso kläglicher wie entsetzter Laut entfahren war.

Deren Blick war starr auf das Amulett gerichtet, das auf der Brust des Mannes lag, nur wenige Fingerbreit von der Wunde entfernt, eben noch vom Leinen bedeckt. Sie hatte es auf den ersten Blick erkannt.

Er war nicht irgendein Amulett.

Es war … ihr Amulett.

Die Äbtissin verkrampfte ihre Hände wie zum Gebet und biss sich auf die Lippen, um kein zweites Mal zu schreien.

Das Amulett der Wölfin.

»Wie ist Euch, Mutter Äbtissin?«, fragte Mathilda.

Der Boden schien unter ihren Knien nachzugeben, nicht länger gestampfter Lehm, sondern ein Morast der Vergangenheit. Und das niedrige, heimelige Dach - es bot nicht länger Schutz vor der feindlichen Welt, sondern schien auf sie zu fallen und sie zu begraben, erdrückend wie die Bilder, die vor ihrem inneren Auge aufstiegen.

»Mutter Äbtissin?«, fragte Mathilda wieder.

Sämtliche Kraft hatte sich im Schrei erschöpft - nun fehlte diese, um die verlorene Fassung wiederzugewinnen und vor Mathilda die Wahrheit zu verbergen.

»Ich … ich glaube, ich kenne diesen Mann«, stammelte die Äbtissin. »Ich denke, ich weiß, wer er ist.«

I.

NORVEGUR - DAS HEUTIGE NORWEGEN FRÜHLING 910

Eiskaltes Wasser schlug über Runa zusammen und nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie war von einem kleinen Felsen in den Fjord gesprungen, den Körper gestrafft und die Arme weit ausgebreitet, als würde sie fliegen. Für einen Augenblick glaubte sie, dass sie es tatsächlich könnte. Vollkommen frei fühlte sie sich, und die Wasseroberfläche schien von oben betrachtet nicht dunkel und bedrohlich, sondern wie ein weiches Tuch. Doch die Kälte versetzte ihr einen Schlag, der noch schmerzhafter als der einer Faust war. Das Herz schien auszusetzen, der Körper auf immer gelähmt. Nicht nur das Tageslicht wurde vom Wasser verschluckt, sondern jeder Laut.

Ja, still war das Reich vom Meeresgott Njörd und seine Umarmung sanft und gewaltig zugleich. Kurz dachte Runa, er würde sie nicht mehr loslassen, sie stattdessen in die Tiefe reißen, um alle Wärme aus ihr zu saugen. Doch mit gleicher Wucht, mit der die Kälte sie getroffen hatte, kehrte Leben in ihre Glieder zurück. Sie begann mit den Beinen gegen das Wasser zu treten, machte mit den Armen kreisende Bewegungen, und als sie auftauchte, stieß sie einen juchzenden, triumphierenden Schrei aus, der von den umliegenden schneebedeckten Bergen widerhallte. Weiter unten war der Schnee schon geschmolzen. Ein schmaler Streifen Wiese trennte den grauen Fels vom schwarzen Wasser, bräunlich und schlammig noch, ein zaghaftes Zeichen, dass der Winter vorüber war - der Winter, dessen Umarmung so leise sein konnte wie die von Njörd. Und ebenso tödlich.

Trotz aller Gefahr: Runa mochte die Kälte, und sie mochte es, im Fjord zu schwimmen. Sobald keine Eisschollen mehr auf dem Wasser trieben und vor sich hin grummelten, als wären sie lebendige Wesen, sprang sie hinein. Ihre Großmutter Asrun klagte im Frühjahr stets, es sei noch zu kalt und zu gefährlich, und stand dann doch am Ufer, um ihr stolz zuzuwinken. Runa juchzte erneut, machte einige kräftige Schwimmstöße, blickte sich um.

Niemand stand am Ufer.

Runa erschauderte. Sie mochte nicht nur die Kälte und das Wasser, sondern auch die Einsamkeit des Fjords, doch nun stieg Unbehagen in ihr hoch. Warum war ihre Großmutter Asrun nicht hier? War sie ihr nicht eben noch nach draußen gefolgt und hatte auf sie eingeredet?

Rasch schwamm Runa zum Ufer. So leicht es gewesen war, ins Wasser zu springen - so überaus mühsam erwies es sich, sich wieder aus den Fluten zu kämpfen. Runa rutschte auf den schlickigen Steinen aus, versank, kaum dass sie das Land erreicht hatte, im sumpfigen Gras. Beim Hochklettern klammerte sie sich an kleine Büsche, doch deren Äste waren brüchig oder faulig und hielten ihrem Gewicht nicht stand. Mitsamt der erdigen Wurzel rissen sie aus und ließen sie mehrmals zurück ins Wasser purzeln. Ihr Rücken und ihre Knie waren aufgeschürft, als Runa endlich den Felsvorsprung erreicht hatte.

Ihre Kleidung lag unberührt dort, wo sie sie zurückgelassen hatte, und dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, dass sich irgendetwas verändert hatte. Der Fjord, die Berge und die Siedlung waren die einzige Welt, die sie kannte, und manchmal vermeinte sie, ihren Herzschlag spüren zu können und ihren Atem zu hören. Beides ging nun unruhiger und schneller, so, als würde das Land wie sie erbeben. Ihre Haut war krebsrot und begann, in der kalten Luft zu brennen, ihr langes schwarzes Haar klebte schwer auf ihrem Rücken. Die Glieder, sehnig und muskulös, schienen wie steif gefroren. Rasch schlüpfte sie in die Kleidung - die Kleidung eines Mannes.

Seit Runa mit Asrun ganz allein in der Siedlung lebte, weil die anderen Bewohner entweder auf Viking - auf Raub- oder Handelszügen - waren, verhungert oder vor Missernten geflohen, trug sie nicht länger das, was die Sitten vorschrieben, sondern was bei Jagd und Fischfang am wenigsten störte: eng anliegende Hosen und eine Tunika aus Wolle, Strümpfe mit Ledersohlen und darüber Schuhe aus Robbenhaut. Ihren knielangen Umhang befestigte sie an der rechten Schulter mit einer Brosche, ein kleines Messer an dem handbreiten Ledergürtel um die Taille. Ihre Hand fuhr zu dem Amulett, das sie um den Hals trug. Seit dem Tod ihrer Mutter, die es selbst ihr Leben lang getragen hatte, hatte sie es nie wieder abgelegt - auch nicht zum Schwimmen.

Beunruhigt schlich Runa zurück zur Siedlung. Sie lebte mit Asrun in einem Langhaus, dem einzigen der Häuser, das nicht verfallen war. Vor kurzem noch vom Schnee begraben zerrte nun pfeifender Wind am Flechtwerk zwischen den mit Lehm beschichteten Holzpfosten. Kein Fenster hatte das Haus, nur eine winzige Luke und ein Abzugsloch im Dach, durch das der Rauch hochstieg, den der Wind in alle Himmelsrichtungen blies. Runa stutzte. Ungewohnte Laute, die der Wind nicht übertönen konnte, drangen an ihr Ohr: Gemurmel, Getrappel, schließlich ein unmenschliches Brüllen. Es musste ihre einzige verbliebene Kuh sein, die so erbärmlich schrie.

Das Mädchen beschleunigte den Schritt, sah nun die ganze Siedlung vor sich liegen, auch den Stall für das Vieh, der viel zu groß für nur eine Kuh war, das Speicherhaus für Getreide, das sie seit Jahren nicht mehr bis zum Dach gefüllt hatten, Werkstätten und Bootsschuppen, Aborthäuschen und Badehaus.

All das war ihr vertraut, die siebzehn Jahre, die ihr Leben nun währte, hatte sie ausschließlich hier verbracht - die Augen hingegen waren nicht vertraut, Augen, die starr auf sie gerichtet waren. Sie waren Teil eines kunstvoll geschnitzten Drachenkopfes, und dieser saß auf dem Steven eines Schiffes, das lautlos in den Fjord gesegelt war. Unweit der Siedlung wurde es eben an Land gezogen - von einem halben Dutzend Männer, die wie zuvor Runa mit dem sumpfigen Untergrund zu kämpfen hatten. Das Gras wuchs, glatten Strähnen gleich, die den Meeresgott Njörd kitzelten, bis ins Wasser. Fluchend fanden die Männer schließlich Halt.

Runa duckte sich im Schatten eines der Häuser. Ein Drachenschwanz wuchs vom Heck des Schiffes aus ins Wasser. Das Eichenholz, aus dem er geschnitzt war, war morsch, die vielen kleinen Schuppen vom Seewind zerfressen, von Möwen verdreckt und dort, wo sie aus dem Wasser ragten, teilweise von Algen überwuchert. Blank gescheuert hingegen und prächtig bunt waren die Schutzschilde der Mannschaft, die am Schandeckel des Schiffes hingen, und obwohl sein Holz so brüchig schien wie das vom Drachenschwanz, reckte sich der Kiefernmast stolz in den Himmel und trug mühelos das Großsegel, das sich im Wind blähte und knatterte. An der Spitze des Mastes flatterte eine Wetterfahne - auch sie zeigte ein Tier, jedoch nicht den Furcht erregenden Drachen, sondern einen Raben, Odins Raben.

Ein spitzer Aufschrei wollte Runa entfahren, doch es gelang ihr, ihn zu unterdrücken. Auf der Jagd nach wilden Tieren, Mardern und Fischottern, aber auch Wildvögeln wie Lumme, Kranich oder Kiebitz hatte sie gelernt, jede Regung ihres Körpers zu kontrollieren. Das Leben in der kargen Natur war hart; es erteilte nur wenige Lektionen, aber diese standen wie in Stein gemeißelt da: Wer Lärm machte, vertrieb Tiere; wer nichts jagte, hatte nichts zu essen; wer nicht aß, verhungerte.

Runa wagte es, ein paar Schritte weiter vorzuschleichen. Jetzt konnte sie die Gesichter der Männer erkennen. Zwei waren damit beschäftigt, das Schiff mit schweren Tauen an Bäumen festzubinden; einer hockte am Ufer, um sich auszuruhen, ein anderer schleppte Kisten auf das Schiff. Und zwei weitere zerrten die Kuh aus dem Stall - die Kuh, die Runa so oft gemolken hatte, für die sie im Sommer ein Stück flache Sommerweide gesucht hatte, die sie über schlammige Wege inmitten von Sümpfen dorthin gezerrt und deren Heu sie streng rationiert hatte, um sie über den Winter zu bringen. In den letzten kalten Wochen hatte sie immer weniger Milch gegeben. Sie war abgemagert, hatte aber überlebt, und Runa war stolz darauf gewesen.

Früher, als sie noch mehr Kühe besessen hatten, waren diese von Sklaven gemolken worden - den gleichen Sklaven, die in den Mooren Torf gestochen und die Felder gedüngt hatten. Doch die meisten Sklaven waren noch vor den anderen Bewohnern der Siedlung verhungert, und die, die nicht verhungert waren, hatte die Großmutter schließlich freigelassen. Der Vater war wütend gewesen, ändern konnte er es nach der Rückkehr von einer seiner vielen Handelsreisen, die ihn nach Vik, nach Skiringssal oder noch viel weiter in den Süden führten, jedoch nicht. Und was hätte er den Worten der Großmutter auch entgegenhalten können?

»Es gibt doch jetzt nur mehr Runa und mich«, hatte sie erklärt. »Zu zweit überleben wir eher als in Gesellschaft dreier Sklaven, die nur darauf warten, uns im Schlaf zu töten.«

Nun war er also wieder einmal nach Hause gekommen, der Vater, den der Verlust der Sklaven mehr verärgert hatte als der Verlust von Schwestern und Brüdern, Basen und Vettern. Doch warum ließ er nun Kisten aufladen, wo er doch gewöhnlich Waren mitbrachte? Und warum war er jetzt schon hier, wo doch seine Heimkehr erst für den Sommer geplant war, um rechtzeitig zur Ernte zurück zu sein?

Die beiden Männer zerrten die Kuh in die Mitte des Hofs. Den Strick hielten sie in der einen Hand, große Messer in der anderen. Die Kuh schien ihren Tod zu ahnen, denn sie brüllte durchdringend, wie sie noch nie gebrüllt hatte. Wenn Runa sie molk, redete sie mit sanfter Stimme auf das Tier ein, und dieses beglotzte sie dann mit seinen farblosen Augen, stand aber ganz ruhig da.

Nicht!, wollte Runa am liebsten schreien. Tut ihr nichts!

Doch wieder unterdrückte sie den Aufschrei und biss sich auf ihre Lippen. Wahrscheinlich hatte der Vater befohlen, die Kuh zu schlachten, und wenn die Großmutter in seiner Abwesenheit auch eigenmächtige Entscheidungen fällte, fügte sie sich seinen Befehlen, sobald er wieder da war.

Jedes Mal, wenn der Vater heimkehrte, lächelte Runa ihn an, aber zählte insgeheim die Tage, bis er wieder mit seinen Männern ablegte - im Frühjahr nach der Aussaat, im Herbst nach der Ernte. Seine Geschenke nahm sie dankbar entgegen, aber sie konnte nichts davon brauchen: Was fing sie mit Bernstein von der Ostsee an, wenn es niemanden gab, dem sie gefallen musste, was mit Tauen aus Seehundhäuten, wo sie doch selbst auf keinem Schiff lebte, was mit Walrosszähnen und Walknochen, aus denen sich Männer, aber doch keine Frauen Pfeifen schnitzten? Gewiss, die Zobelpelze waren weich und warm, der Honig süß, die Kerzen, die man aus dem mitgebrachten Wachs formen konnte, rochen gut. Aber aus den gekauften oder erbeuteten Gläsern tranken nur die Männer den gekauften oder erbeuteten Wein, nicht die Frauen.

Nun suchte Runa den Vater vergebens im Kreise seiner Männer. Auf manch vertrautes Gesicht stieß sie, auf seines nicht. Mit einigen der Männer war sie aufgewachsen und schon als Kind im Fjord geschwommen, und sie hatten ihr nicht nur gezeigt, wie man sich auf der Wasseroberfläche hielt, sondern auch, wie man ein Messer benutzte, Fische briet und Hasen enthäutete. Was sie ihr nicht beigebracht hatten, war die Sehnsucht nach Fremde und Weite und den Hunger, andere Länder zu erforschen. Die jungen Männer hatten es kaum erwarten können, im Alter von zwölf Jahren erstmals mit auf Viking zu gehen. Runa hingegen fühlte sich im heimatlichen Fjord am wohlsten.

Ein letztes Mal schrie die Kuh erbärmlich auf, dann riss der Schrei ab wie brüchig gewordenes Leder. Der mächtige Leib sackte zusammen, blieb warm und bebend liegen. Eine Blutlache ergoss sich über den schlammigen Boden, und die farblosen Augen, die Runa stets vertrauensselig angesehen hatten, starrten gebrochen ins Nichts. Einer der beiden Männer lachte. Er hatte der Kuh mit dem Messer die Kehle durchschnitten, und Blut war auf ihn gespritzt, doch das schien ihn nicht zu stören, vielmehr zu amüsieren. Sein Gesicht war Runa fremd. Weder war sie mit ihm im Fjord geschwommen noch hatte er von fernen Ländern geschwärmt, reichen und üppigen und fruchtbaren. Wahrscheinlich hatte der Vater ihn irgendwo im Süden auf sein Schiff genommen. Im Süden, so sagte der Vater, seien nicht nur tüchtige Männer zu finden, dort läge auch die Zukunft. Im heimatlichen Fjord stehe nichts anderes zu erwarten als Hunger und Tod und lange, bittere Winter, in denen die Pässe zugeschneit waren.

Er begriff nicht, dass es noch so viel mehr gab: die Stille, die Klarheit, die Weite - zumindest, wenn keine Männer mit ihren Schiffen Lärm und Unruhe brachten.

Die beiden Fremden stiegen achtlos über die geschlachtete Kuh hinweg und traten dabei grob gegen eines ihrer Hörner. Runa grub die Nägel in ihre Haut und schluckte mit Mühe die aufkommenden Tränen. Eine Kuh war kein Mensch, aber was zählte das, wenn man zu zweit in der Einsamkeit lebte und sonst keine Gefährten hatte? Und warum lachte dieser eine Mann, als wäre es lustig, Kühe zu töten? Blitzschnell begann er nun, sie zu enthäuten - mit einer Kraft, die ihm nicht anzusehen war. Sein Leib war dürrer und schmächtiger als der der anderen, sein Rücken gekrümmter, sein Haar, das bis in den Nacken fiel, schütter. Ihr Vater, das wusste Runa, hatte eine große Narbe auf der Schulter - bei diesem Fremden war das ganze Gesicht davon entstellt, als hätte irgendwann jemand versucht, ihm die Haut abzuziehen, so wie er es nun bei der Kuh tat. Er musste sich rechtzeitig dagegen gewehrt haben, und er musste trotz seiner schmächtigen Statur den Respekt der anderen gewonnen haben, denn er trug die prächtigste Kleidung von allen: eine Tunika, blau-grün kariert, mit einem Saum aus roter Seide und mit metallisch glänzenden Fäden durchwebt. Der Stoff schien widerstandsfähiger als das löchrige Leinen, das sie am eigenen Körper trug.

Runa konnte den Anblick der geschlachteten Kuh nicht länger ertragen, schlich leise weiter und lugte nun durch die winzige, mit einer Schweinsblase bespannte Luke ins Langhaus. Ihr Leib bebte - nicht nur vor Kälte, auch vor Furcht, in die sich das Unbehagen gewandelt hatte: Furcht vor Männern, die kamen, wenn sie nicht kommen sollten, die Kisten auf das Schiff ihres Vaters brachten, anstatt es zu entladen, und die ihre Kuh schlachteten.

Das Stimmengemurmel jener Männer wurde von der Hauswand gedämpft - stattdessen hörte Runa nun die Großmutter rufen: »Was hast du vor? Was hast du nur vor?«

Ihre Großmutter Asrun war eine nüchterne, bestimmte Frau, die ihrem Alter und ihrem Geschlecht trotzte, die sich Kälte, Erschöpfung und Hunger nicht anmerken ließ, die nicht um Tote trauerte, weil es keinen Sinn machte, aber um jeden Überlebenden ihrer Sippe kämpfte, weil dies das Einzige war, in dem sie einen Sinn sah. Doch jetzt lag Panik in ihrer Stimme, und als Runa nun sah und hörte, was drinnen vor sich ging, begann sie zu ahnen, warum.

Im Langhaus war es finster. Rauchschwaden, die vom offenen Herdfeuer aufstiegen, stauten sich an der hölzernen Decke. Um die Feuerstelle herum standen niedrige Erdbänke, die des Nachts, mit Fellen bedeckt, zur Schlafstätte wurden, und gleich daneben gab es eine Mahlmulde aus Speckstein, in der Asrun für gewöhnlich Getreide und Senfsamen rieb. Runa meinte, ihre Großmutter an der Fischöllampe hantieren zu sehen, wenig später wurde das Langhaus erhellt. Asrun stellte die Lampe auf einer der Bänke ab und trat auf Runolfr, Runas Vater, zu - ein Riese verglichen mit der kleinen, hageren Alten. Diese stand jedoch mit strammem Rücken da, während er den Kopf gesenkt hielt und ihr nicht ins Gesicht sehen konnte.

Er konnte kaum jemandem ins Gesicht sehen, nachdem vor vielen Jahren seine Frau, Runas Mutter Aesa, gestorben war. Runolfr zog seitdem immer öfter auf Viking und blieb viel länger fort. Als Aesa noch gelebt hatte, hatte Runa manchmal auf seinem Schoß gesessen und seinen rotblonden Bart zerrauft, während er ihr kleine Knochen auf eine Schnur zog oder Tiere, Schiffchen und Götterfiguren für sie schnitzte. Später hatte sie den Mann, der für sie ein Fremder geworden war, meist nicht wiedererkannt, wenn er plötzlich von einer seiner Reisen zurückkehrte.

»Es ist vorbei«, erklärte er eben, überdrüssig und trotzig zugleich. »Es ist lange vorbei. Ihr führt hier ein erbärmliches Dasein! Einst waren wir eine große Sippe - mein Vater war mächtig wie ein Jarl. Doch du weißt, wie es gekommen ist: Das Jarlsgeschlecht derer, die hier in der Nähe von Nidaros leben, wurde von Harald bezwungen, der aus dem Süden kam. Und Harald begnügte sich nicht damit, ein Stammesführer zu sein, sondern wollte König heißen, und er wollte kein König unter vielen sein, sondern der einzige. Die meisten unserer Männer sind in der großen Schlacht gestorben, und die, die nicht gestorben sind, führen ein erbärmliches Leben wie unsereins. Von allem gibt es zu wenig: zu wenig fruchtbares Weideland, zu wenige Sommer, zu wenige Sklaven. Vor allem zu wenige Männer. Warum sonst lebt ihr nur zu zweit hier?«

Runa konnte das Gesicht der Großmutter nicht sehen, denn sie hielt ihr den Rücken zugewandt. Ihre grauen Haare waren unter einer Haube verborgen, und die beiden Spangen hielten an den Schultern ein Kleid, das ihr viel zu weit war. Asrun behauptete, dass das Alter den Menschen auszehre und jeder an Körperumfang verliere. Runa wusste, dass es nicht das Alter, sondern der Hunger war, der Asrun so mager und sie selbst so sehnig hatte werden lassen, aber über den Hunger sprachen sie nicht. Sie sprachen auch nicht über den Krieg, den König Harald gegen die Jarls von Nidaros geführt hatte.

Wenn Asrun ihr etwas über jenen Harald erzählt hatte, so nicht, dass er besessen von Macht und Landgewinn war, sondern von Gyda, um deren Hand er warb, die ihn jedoch ablehnte, weil er ihr nicht reich genug war. Da schwor sich Harald, den man auch Schönhaar nannte, weil seine glänzenden blonden Locken ihm bis über den Rücken fielen, dass er alle anderen Jarls unterwerfen würde, kein anderer mehr für sie bliebe und sie ihn dann heiraten müsste. Bis dahin wollte er kein Bad mehr nehmen und seine Haare nicht mehr schneiden. Diese wurden grau und struppig - trotzdem glückte die Eroberung, und Gyda nahm ihn endlich zum Mann.

Runa schreckte aus ihren Gedanken hoch. Eben hatten sich Vater und Großmutter angeschwiegen, nun ergriff Asrun das Wort.

»Wir leben nur deshalb so einsam, weil du alle Männer fortgelockt hast. Du hast sie fortgelockt, weil du vor deinen Erinnerungen fliehst. Und diese Erinnerungen haben nichts damit zu tun, dass Harald die stolzen Männer dieses Landes unterwarf, sondern damit, dass du die Frau verloren hast, die du liebtest.«

Der ängstliche Ton, der Runa eben noch beunruhigt hatte, war aus Asruns Stimme geschwunden. Sie musste ihre Fassung wiedergefunden haben.

Der Vater schüttelte den Kopf, aber blickte immer noch nicht auf. »Das ist nicht wahr, und das weißt du auch. In unserer langen Ahnenreihe gab es immer Männer, die es nicht zuhause hielt, die fortzogen, um zu kämpfen, um zu handeln und um neues Land zu erforschen. Aber es gab stets auch solche, die zurückblieben, und wenn ich früher heimkam, habe ich sie hämmern und sägen und stampfen und klopfen gehört: unseren Weber, den Schmied, den Ledergerber und den Zimmermann. Nun höre ich nichts mehr. Was ist mit ihnen? Sind sie erfroren oder verhungert?«

»Die meisten von ihnen sind nicht tot, sondern in den Süden gegangen«, gab Asrun kleinlaut zu. Doch sogleich straffte sie wieder die Schultern und fuhr energisch fort: »Wir brauchen keinen von ihnen. Alles, was sie hergestellt haben, können wir selbst machen. Runa ist geschickt! Erst kürzlich hat sie einen Webstuhl geschnitzt und …«

»Runa ist ein Mädchen … eine Frau! Und du lässt sie in der Kleidung eines Mannes herumlaufen und den Stuhl, um diese zu weben, selbst fertigen? Im Nordmännerland, jenem Gebiet im Norden des Frankenreichs, das nunmehr uns gehört, wird sie es besser haben, sie …«

»Wir brauchen auch dich nicht«, unterbrach Asrun ihn, ohne auf seine Worte einzugehen. »Du wirst keine Entscheidung über unser Leben treffen.«

Runa war zusammengezuckt, als der Vater vom fernen Frankenreich sprach, und nickte zu den Worten der Großmutter bekräftigend. Sie konnte sich kein anderes Leben denken als das friedvolle an Asruns Seite. Was zählte der Hunger, solange sie einander hatten, auf dem Schlafplatz gemeinsam einschliefen, morgens miteinander erwachten und dann der stillschweigenden Übereinkunft folgten, dass eine jede tat, was sie für richtig hielt? Manchmal runzelte Asrun die Stirn, wenn Runa zu früh im Fjord schwimmen wollte, aber sie verbot es nicht, so wie sie ihr nichts verbot. Wenn sich Runa zur Jagd rüstete, so stand keine Angst in Asruns Gesicht, weil die Jagd gefährlich war - nur Stolz, wenn sie mit Beute wiederkehrte. Und wenn Schnee und Eis sie nicht im Langhaus einsperrten, wanderten sie gemeinsam, meist einträchtig schweigend, die Ufer des Fjords entlang, manchmal so weit, dass man die Siedlung nicht länger sehen konnte, nur das offene, weiß schäumende Meer. Asrun sammelte dann die Eier und Daunen aus den Nestern der Eiderenten, und Runa fischte Getier, das nicht nur aus Gräten und zäher Haut bestand, sondern aus weichem, saftigem Fleisch, das - roh wie gebraten - im Mund zerging.

Ob es das beste Leben war, das man hier in Midgard, der Welt der Menschen, haben konnte, vermochte Runa nicht zu sagen, weil sie kein anderes kannte. Ein gutes musste es sein, sonst würden sie und ihre Großmutter sich nicht so wohlfühlen. Und in jedem Fall war es ihr Leben, nur das ihre.

»Hör zu«, fuhr der Vater fort. »Es scheint, du hast mich eben nicht richtig verstanden. Ich will Runa nicht einfach in die Fremde verschleppen, ich will sie in ein Land bringen, in dem man nicht hungert und friert, in dem die Weizenfelder üppig stehen und die Häuser aus Stein gebaut sind, in dem der Blick nicht von verschneiten Bergen verstellt wird, sondern auf fruchtbare Wiesen und Weiden und Weinberge fällt. Und wo das Wasser nicht schwarz ist wie die Augen Hels, sondern in der Sonne türkisfarben schimmert.«

»Aber das Land unserer Ahnen ist es nicht!«, hielt Asrun dagegen. »Willst du Runa und mich unter Menschen leben lassen, die nicht wissen, wer wir sind und von wem wir abstammen?«

Der Vater knirschte mit den Zähnen, hob nun erstmals den Kopf, aber starrte an Asrun vorbei. »Unsere Ahnen hätten liebend gern im Nordmännerland gelebt, hätten sie es damals selbst erobert! Denk dir unseren Anführer mächtiger als jeden Jarl in dieser erbärmlichen Einöde. Hrólfr heißt er oder vielmehr Rollo.«

Asrun lachte bitter auf - nie hatte Runa die Großmutter so lachen gehört, verzweifelt und zornig zugleich. »Er leugnet seinen Namen, damit die Franken ihn besser aussprechen können?«

»Spotte nicht! Rollo ist ein mutiger Mann. Sein Vater Ragnval, der Jarl von Möre, wurde von Harald ermordet, er selbst hingegen trotzte Harald, indem er auf dessen Land jagte. Dass Harald ihn daraufhin hat verbannen lassen, hat ihm nur die Heimat geraubt, nicht den Stolz. Er hat das Land auf einem Schiff verlassen, das von einer hölzernen Schlange und von einem Drachen gekrönt wurde, und giftig wie eine Schlange, feurig wie ein Drache schlug er fortan auf seinen Raubzügen zu. Ich kenne ihn seit vielen Jahren, noch von den Feldzügen nach Friesland, Schottland und Irland, auf denen ich ihn manchmal begleitet habe. Er hat viele Stämme und Sippen aus unserem Land vereint und die nördliche Spitze des Frankenreichs erobert.«

»Von welchen Ländern du auch sprichst - keines will ich sehen.«

»Aber Runa wird. Denn ich nehme sie mit.«

Diesmal trotzte die Großmutter nicht mit Worten, sondern mit ihren Händen, die sie zu Fäusten ballte und abwehrend erhob. Runa hielt nichts mehr. Sie stürzte zur Tür, riss sie auf und stolperte ins Langhaus. Das Holz knarrte, als sie sich gegen eine der Wände stemmte, um das Gleichgewicht zu halten; Torf rieselte vom Dach.

»Ich bleibe hier!«, verkündete sie ebenso gruß- wie atemlos und funkelte Runolfr mit ihren dunklen Augen an. »Ich bleibe hier bei der Großmutter! Ich werde niemals in die Fremde gehen!«

Ihr Vater sah aus, als hätte er verdorbenen Met getrunken. »Du weißt doch gar nicht, wovon ich rede!«

Er spuckte die Worte mehr aus, als dass er sie sprach, und ansehen konnte er seine Tochter so wenig wie zuvor Asrun.

Wie will er denn überhaupt wissen, dass ich Männerkleidung trage, wenn er mich nicht ansieht?, fragte sich Runa.

Doch auch wenn sein Blick unsicher geriet, seine Worte waren fest. »Dieser Hrólfr oder vielmehr Rollo, wie man ihn nennt, ist so groß, dass kein Pferd ihn tragen kann und er auf eigenen Beinen marschieren muss, wenn andere reiten. Als Sohn eines Jarls zu Möre im Westen Norwegens ward er geboren, jedoch gewillt, es weiter zu bringen als dieser, und er hat es geschafft: Alles Land nördlich der Epte ist letztlich in seiner Gewalt.«

Runa wusste nicht, was die Epte war, und noch weniger, warum so viel Bewunderung in der Stimme ihres Vaters lag. Dieses Nordmännerland, von dem er als ihre Zukunft sprach, war, so sie ihn recht verstanden hatte, doch nichts weiter als ein kleines Land inmitten eines größeren.

Ohne auf seine Worte zu antworten, trat Runa zur Großmutter, die ihre Fäuste wieder hatte sinken lassen und sich nun an ihre Hand klammerte. Nie hatte Asrun sie so festgehalten - und Runa ahnte, dass es weniger ein Zeichen von Stärke war als von Ohnmacht. Den Rücken hielt sie dennoch stolz gestrafft, und Runa tat es ihr gleich.

»Ich bleibe hier!«, wiederholte sie.

Runolfr starrte die beiden Frauen jetzt erbost an. Er deutete auf das Ledersäckchen, das an seinem breiten Gürtel hing.

»Seht ihr nicht, wie reich ich geworden bin? Ich habe jahrelang für Rollo Waffen gestohlen und sie ihm und seinen Kriegern verkauft! Nun braucht er Männer, tüchtige Männer, die das Nordmännerland besiedeln und beackern.«

Er hob die rechte Hand, um die goldenen Armreife zu zeigen, die sein Handgelenk schmückten.

Die Großmutter ließ Runa los. »Und kann man einen davon essen?«, fragte sie.

Runolfr runzelte die Stirn. »Du dummes altes Weib!«, brüllte er wütend und ballte seinerseits die Hand zur Faust.

Großmutter!, wollte Runa schreien, doch die Silben blieben ihr im Hals stecken. Sie wollte sich dazwischenwerfen, als ihr Vater auf Asrun losging, aber ehe sie einen Schritt machen konnte, sauste seine Faust auf das alte Gesicht nieder. Asrun versuchte nicht, Runolfr auszuweichen, erzitterte nicht, reckte ihm nur herausfordernd den Kopf entgegen. Sie hatte Runa ihre Furcht spüren lassen, als sie ihre Hand umklammerte - Runolfr zeigte sie diese Furcht nicht.

Die Faust war so schwer und der alte, zähe Körper so leicht. Als sie getroffen war, fiel Asrun nicht nur, sie wurde durch das Langhaus geschleudert, prallte mit dem Kopf gegen die Wand und ging polternd zu Boden. Ihre Haube hatte sich gelöst, das graue Haar, fein wie Spinnweben, stand wirr nach allen Seiten ab, aus dem Mund floss ein dünnes Rinnsal Blut.

»Großmutter!«

Diesmal konnte Runa schreien, aber die Großmutter hörte sie nicht mehr, sah sie nicht mehr an. Runa rüttelte den dürren Leib, dessen Arme und Beine merkwürdig verdreht neben dem Rumpf lagen, als gehörten sie nicht mehr zu ihr. Ihr Mund öffnete sich, ihr Atem hingegen war nicht zu hören, das Herz schlug nicht mehr gegen die knöchrige Brust, die Augen blieben geschlossen.

»Großmutter!«

Runa streichelte und liebkoste den hageren Körper, zerrte daran und hämmerte schließlich auf ihn ein. Nichts brachte die alte Frau dazu, aufzustehen.

»Das … das wollte ich nicht …«, murmelte der Vater, nicht länger zornig jetzt, sondern hilflos und betroffen.

Runa ließ vom Körper Asruns ab und wandte sich Runolfr zu. »Wie konntest du …«, setzte sie tonlos an.

Sie kam nicht weiter. Polternd wurde die Tür geöffnet, und drei Männer standen im fahlen Nachmittagslicht.

»Das Vieh ist zerlegt«, erklärte der Mann mit dem vernarbten Gesicht, der die Kuh geschlachtet hatte, noch immer grinsend, »sonderlich mehr konnten wir nicht finden, was nützlich wäre. Ein Wunder, dass hier jemand den Winter überleben konnte.«

Er ließ seinen Blick neugierig kreisen, sah dann Asrun an der Wand liegen. Sein Grinsen erlosch nicht, und Runa konnte nicht entscheiden, wen sie mehr hasste - diesen Fremden oder ihren Vater.

»Ich gehe nicht mit!«, schrie Runa erneut. »Ich werde hierbleiben! Ich werde bei Großmutter bleiben!«

Wieder begann sie den leblosen Leib zu stoßen, zu schütteln, zu streicheln, zu küssen, wieder blieb jedes Lebenszeichen aus. Sie sah nicht, wie Runolfr sich ihr mit schweren Schritten näherte, kurz zögernd stehen blieb, dann aber ihre Taille umfasste und sie hochhob.

Runa schlug um sich und strampelte mit den Füßen. »Ich gehe nicht von hier fort!«, schluchzte sie.

Runolfr warf sich die junge Frau über die Schultern. Sie war stark, aber nicht so stark wie er. Die Luft blieb ihr weg, die Augen begannen zu tränen.

»Lass mich!«, schrie sie, als er sie zur Tür trug.

Sie rammte ihr Knie in seinen Leib, der sehr dick war. Es musste viel zu essen und zu trinken geben in diesem fernen Frankenreich, dessen Norden nun den Männern unter Rollos Führung gehörte. Er ächzte und hielt ihr die Beine fest, damit sie sich nicht mehr rühren konnte.

»Lass mich los!«

»Halt dein Maul!«, brüllte Runolfr ungehalten, hob wieder seine Faust und drosch auf Runa ein.

Sie trotzte ihr, anstatt ihr auszuweichen, genauso wie es zuvor Asrun getan hatte.

So soll er eben auch mich töten, dachte Runa, ehe ihre Welt, die Welt des schwarzen Fjords, der weißen Berge und des verrauchten Langhauses in Dunkelheit versank.

Runa wurde von einem Glucksen geweckt, als fiele ein Stein ins Wasser. Sie glaubte, jemanden nach ihr rufen zu hören, nicht laut, nicht eindringlich, sondern erschöpft, und lauschte konzentrierter. Aus dem Glucksen wurde das Greinen eines Kindes, das zu schwach für ein raues Leben war, vielleicht auch die Klage eines Alten, der seine letzten Tränen auf der Welt vergoss.

Ihre Großmutter … gewiss war es die Großmutter, die nach ihr rief!

Runa fuhr ruckartig hoch - ihr Kopf schien zu zerspringen. Ein Greifvogel schien in ihrem Nacken zu sitzen, die Krallen tief in ihrer Haut versenkt; er trug sie durch die Lüfte zu seinem Nest, um sie seinen Jungen zum Fraß vorzuwerfen.

Doch dann gewahrte sie, dass sie nicht durch eiskalte Lüfte flog, sondern in einem niedrigen, stickigen Raum hockte. Und dass das Glucksen, das sie vernommen hatte, kein menschlicher Laut war und schon gar kein Hilferuf ihrer Großmutter Asrun, sondern von einem hölzernen Gegenstand stammte, der die Wasseroberfläche durchschnitt, in die Tiefe tauchte, dann wieder nach oben drängte.

Ruder. Sie war auf einem Schiff.

Auf dem Schiff ihres Vaters?

Das Knirschen unter ihr kam von den Holzbohlen, die der unruhigen See zu trotzen versuchten. Runa betastete den schwankenden Boden; Holzsplitter bohrten sich in ihre Haut. Sie griff in ihren Nacken und fühlte eine Schwellung und eine nässende Wunde. Doch trotz der Schmerzen, mehr gleißender Blitz nun als Krallen eines Raubvogels, konnte sie aufrecht sitzen, ohne zur Seite zu sinken, konnte tiefe Atemzüge machen, ohne dass ihre Brust zersprang, konnte Beine wie Arme strecken. Nichts war gebrochen, nichts gezerrt.

»Vater? Großmutter?«

Ihre Stimme klang rau, als wäre sie zu lange im kalten Fjord geschwommen oder als hätte sie im Winter an Eiszapfen gelutscht, die vom Dach des Langhauses wuchsen. Allerdings war ihr nicht kalt - vielmehr heiß. Ihr brach Schweiß aus, als plötzlich ganz dicht neben ihr eine Stimme antwortete - weder die ihres Vaters noch die der Großmutter, ein scheues Flüstern nur.

»Du bist erwacht«, stellte die Stimme fest.

Runa drehte den Kopf und wurde erneut von stechendem Schmerz bestraft. Trübes Licht fiel durch die Ritzen der Wände und eines Dachs, das unmittelbar über Runas Kopf zusammenzuwachsen schien. Unmöglich, dass man in dieser winzigen Kammer, die nichts mit dem vertrauten Langhaus gemein hatte, stehen konnte. Anstatt zu erkunden, aus welchem Mund die Stimme erklungen war, kroch Runa auf allen vieren zu einer der Ritzen zwischen den Holzbalken und lugte hinaus. Weder sah sie einen Teil des Schiffes noch Ruder, nur das Meer, weit wie der Himmel, glatt und schwarz, dann und wann vom Schaum sich kräuselnder Wellen zerrissen. Das Schwanken hatte etwas nachgelassen. Runa kroch weiter, blickte durch einen anderen Spalt. Auch von hier sah sie nicht mehr - weder das weiße Glitzern des Fjords noch das matte Grün der Wiesen, nirgendwo Häuser und Menschen. Nirgendwo Land.

»Großmutter …«

Der Vater hatte sie aus der Heimat verschleppt, und ihre Großmutter war tot. Inmitten aufsteigenden Schwindels und plötzlicher Übelkeit überkam Runa diese Gewissheit so heftig wie ein Schlag ins Gesicht.

»Ich soll mich um dich kümmern.«

Runa hatte nicht bemerkt, dass sie schwer zurückgefallen war, der Last nicht standgehalten hatte - der Last des eigenen Körpers und des Wissens darum, was sie verloren hatte.

Eine Frau beugte sich über sie, nein, eigentlich noch ein Mädchen, wohl einige Jahre jünger als sie, ein dünnes Geschöpf mit apfelroten Wangen und zu zwei festen Zöpfen geflochtenem Haar, so farblos wie Hanf. Die Brosche aus Schildpatt, die ein weiches graues Wolltuch an den Schultern zusammenhielt, war das Einzige in der Kammer, was glänzte.

»Das …«, sagte sie, »… das soll ich dir geben.«

Sie hob ihre Hände so ehrfürchtig, als würde sie nicht nur einer Fremden ein Geschenk übergeben, sondern den Göttern ein Opfer darbringen, um sie gnädig zu stimmen. »Es ist von deinem Vater …«

Runa presste die Augen zusammen; der Schmerz in ihrem Nacken wanderte zur Brust, nahm wieder die Gestalt des Raubvogels ein, der jetzt mit spitzem Schnabel auf sie einhackte. Ein Mal würde dort bleiben, wenn er endlich von ihr abließ, ein Mal, das nie vernarbte.

Mein Vater hat mich verschleppt, und meine Großmutter ist tot.

Runa blickte auf die Gaben des Mädchens. In einer Hand hielt es zwei Kämme - aus dem Geweih eines Hirsches geschnitzt und mit runden Ornamenten verziert, die zwei Schlangen glichen, ineinander verschlungen und bestrebt, sich zu erwürgen -, in der anderen einen Umhang aus Ziegenleder und eine Kordel, die ebenfalls einer Schlange glich und wohl dafür gemacht war, sich die Taille zu schnüren. Das Ziegenleder war fein und edel, doch Runa befühlte nicht des Mädchens Gaben, sondern umkrampfte den eigenen Kittel, rau und voller Flicken und mit Asruns Blut besudelt.

»Ich will nichts davon!«, brach es aus ihr hervor.

Das Mädchen zuckte zusammen, und augenblicklich tat es Runa leid, so schroff mit ihm geredet zu haben. Sie wollte es nicht kränken, ihm keinen Schmerz zufügen, wollte nur den eigenen irgendwie ertragen, den hungrigen, gierigen Vogel loswerden, der unablässig auf sie einhackte.

»Mein Vater ist ein Mörder«, rief sie, weniger wütend als verzweifelt und weil sie sonst erstickt wäre.

Runa schloss die Augen. Sie wollte nichts sehen - weder das bestürzte Gesicht des Mädchens noch die hoffnungslose Weite draußen, wo sich in der Ferne Himmel und Meer trafen.

Als Runa wieder erwachte, hockte nicht das Mädchen, sondern der Vater bei ihr. Sein Gesicht war grau, und in seinen Augen stand Unbehagen. Vielleicht dachte er an seine tote Mutter, vielleicht wappnete er sich gegen Runas Vorwürfe. Sie blieben aus. Weder konnte sie ihm ins Gesicht sehen noch darüber sprechen, was geschehen war.

Ob das Mädchen ihm wohl gesagt hatte, wessen sie ihn angeklagt hatte?

Kurz wünschte Runa sich, er würde es abstreiten - dann bliebe Hoffnung, dass die Großmutter wider besseres Wissen noch lebte. Er tat es nicht. »Wir werden viele Tage unterwegs sein. Sieh zu, dass du genügend isst«, murmelte der Vater stattdessen.

Erst jetzt erkannte sie die hölzerne Schüssel mit Essen in seinen Händen. Sie musste würgen, noch ehe sie es roch - Hafermus und ein Stück Brot, das aus Gerste, Kleie und Asche gebacken worden war. Als sich Widerwille in ihrem Gesicht ausbreitete, hob Runolfr eine zweite Schüssel - diese mit geräuchertem Fleisch, einigen Scheiben Speck und einem Stück gesalzenen Aal gefüllt.

Ihre Augen tränten vor Übelkeit.

»Bald machen wir Halt in Vik«, erklärte der Vater und ließ die Schüsseln sinken, ohne dass sie sich etwas genommen hatte.

Runa seufzte erleichtert. Vik war ein Hafen, und wenn sie dort hielten, bedeutete es, dass sie wieder Land betreten konnte. Doch die Erleichterung währte nicht lange. Ja, sie konnte es betreten, aber dieses Land war nicht ihre Heimat, und sie würden nicht dort bleiben können. Der Vater wollte immer weiter in den Süden, in das reiche, saftige, fruchtbare Nordmännerland, wo früher nur Franken gelebt hatten, jetzt jedoch auch ihresgleichen.

Sie hasste dieses Land.

»Solange wir in der Nähe der Küste segeln«, fuhr Runolfr fort, »verbringen wir die Nächte an Land. Wenn der Boden flach genug ist, um Zelte aufzustellen, schläfst du dort, ansonsten hier.«

Runa sagte weiterhin nichts. Um ihren Vater nicht ansehen zu müssen, blickte sie sich um und erkundete den Raum eingehender. Bis jetzt wusste sie, dass er klein, stickig und ihr Gefängnis war - nun erkannte sie, dass die Wände an manchen Stellen mit Fellen bedeckt waren und der Boden mit Teppichen ausgelegt. In der einen Ecke standen Kisten und Fässer, in der anderen messingbeschlagene Bottiche. Runolfr schien ihren suchenden Blick als Frage aufzufassen.

»Dies ist der einzige überdachte Ort auf dem Schiff - gleich hinter dem Mast. Hier bist du vor Wind und Regen geschützt.« Er klopfte gegen das Dach, als wollte er beweisen, dass es stabil war und den Gezeiten trotzen konnte. »Aus halben Baumstämmen gebaut«, fügte er hinzu.

»Das andere Mädchen …«, setzte Runa an.

Noch während sie die Worte sagte, bereute sie sie. Eigentlich hatte sie ihrem Vater gegenüber schweigen wollen - wo sie doch kein anderes Mittel als dieses hatte, um ihn zu strafen.

»Sie heißt Ingunn, und sie wird dir alles geben, was du brauchst.«

War sie Sklavin, die Frau eines seiner Männer, vielleicht gar seine eigene?

Im Grunde zählte es nicht, zählte nur, was sie selbst war: eine aus der Heimat Verschleppte. Der Schweiß brach ihr aus, und Runa presste ihr Gesicht gegen einen Holzspalt, um nach frischer Luft zu schnappen. Der Himmel war nicht länger grau, sondern rot und grün. Nein, berichtigte sie die müßigen Gedanken. Nicht der Himmel war rot und grün, sondern die Segel des Schiffes, die im Wind flatterten, waren es. Die Ruder klatschten gleichmäßig aufs Wasser.

Eine Weile hörte sie nur das, den eigenen Atem und das Seufzen des Vaters. Dann näherten sich Schritte, energischer als die des Mädchens Ingunn. Der Vater fuhr herum, und auch sie musterte den Mann, der sich wie alle anderen bücken musste, um die niedrige Kammer zu betreten - der Mann, der ihre Kuh geschlachtet hatte. Deren verzweifeltes Röhren hallte noch in Runas Ohren nach - viel eindringlicher als der letzte Schrei ihrer Großmutter.

Im fahlen Licht wirkten seine Narben nicht so beängstigend und seine Kleider nicht bunt, sondern grau, aber sein Grinsen war unheimlich, und seine Augen funkelten silbrig und kalt. Vielleicht war Silber gar nicht ihre Farbe, vielleicht reflektierten sie nur, was sie sahen. Und wenn er mich ansieht, dachte Runa, werden seine Augen schwarz. Schwarz wie ihr Haar und schwarz wie die Trauer um die verlorene Heimat. Er musste noch etwas anderes an ihr sehen.

»Du hast eine schöne Tochter«, stellte der Mann fest.

Sein Blick erforschte ihre Gestalt, lästig und aufdringlich wie Ungeziefer.

»Halt's Maul, Thure«, fuhr der Vater ihn an. »Wag nicht, sie anzustarren!«

Runa war dem Vater dankbar - und wieder nicht. Nichts, was er tat oder sagte, konnte wiedergutmachen, dass er die Großmutter getötet hatte. Herausfordernd blickte sie auf diesen Thure, bekundend, dass sie des Vaters Fürsprache nicht brauchte und dass sie jede Anzüglichkeit ertragen konnte - nur seine Nähe nicht.

Doch da hatte sich Thure bereits dem Befehl gebeugt, den Kopf gesenkt und war aus der Kammer gekrochen, und Runolfr folgte ihm ohne ein weiteres Wort.

Kaum war sie allein, stürzte sich Runa auf die Schüssel mit dem Essen. Der Hunger hatte die Übelkeit jäh vertrieben. Das Brot schmeckte wie Asche, das Fleisch wie Leder - und die Tränen, die sie vergoss, während sie aß, salzig.

Am Abend des ersten Tages schob sich der Eichenkiel des Schiffes lautlos auf das sandige Ufer einer Bucht. Dort verbrachten sie die Nacht. Am nächsten Abend ankerten sie in der Nähe von Vik. Anfangs war sie noch starr vor Angst und Schock und Wut gewesen - doch als Runa erneut festen Boden unter den Füßen spürte, überwältigte sie der Drang, wegzulaufen. Sie kam fünf Schritte weit, dann wurde sie von ihrem Vater an ihren Haaren gepackt und zurückgezerrt.

»Wenn du dich störrisch zeigst, bleibst du künftig über Nacht auf dem Schiff!«, brüllte er.

Als sie später am Lagerfeuer saßen, verweigerte Runa aus Trotz das Essen. Erst nach einer schlaflosen Nacht war der Hunger größer als die Wut. Sie ließ sich von Ingunn den mit Butter bestrichenen Trockenfisch reichen und einen Humpen aus poliertem Kuhhorn, der mit Met gefüllt war, und aß und trank gierig. Als sie sich an ihrer Tunika die Hände abwischte, fühlte sie das kleine Messer an ihrem Gürtel.

Runa hielt es fest in den Händen, als sie am dritten Tag das Schiff bestiegen. Sollte sie sich damit selbst Gewalt antun? Oder einem anderen? Am Ende schnitt sie sich ihre Haare in Höhe ihrer Ohrläppchen ab. Sie wollte das Messer gegen keinen Menschen erheben, aber sie schwor sich, dass der Vater sie nie wieder an den langen Strähnen festhalten sollte.

Als Ingunn sie so erblickte - das verbliebene Haar war schief geschnitten und stand widerspenstig wie ein Igelfell nach allen Seiten ab -, schrie sie entsetzt auf. Thure hingegen lachte, als Runa zwei Tage später aus der kleinen Kammer ins Freie trat. Sie hatte darauf gewartet, dass sie wieder an Land anlegten und sich eine neue Möglichkeit zur Flucht ergeben würde - doch stattdessen waren sie die ganze Nacht weitergesegelt, und jetzt sah sie auch, warum: Sie hatten die Küste hinter sich gelassen, der nordischen Heimat endgültig den Rücken zugewandt.

Runa verkniff sich die Tränen - die Freiheit, über ihr Handeln zu entscheiden, mochte sie verloren haben, der Kummer gehörte ihr allein, niemand sollte ihn sehen. Anstatt zurückzuschauen, starrte sie auf das riesige Rahsegel, das für den Vortrieb sorgte. Zu ihrer Überraschung flatterten nicht weit von dem einen ein zweites und drittes. Sie gehörten zu anderen Schiffen, die mit dem des Vaters vertäut waren und sein Tempo hielten. Offenbar hatte er sich in Vik mit Männern gleichen Zieles zusammengeschlossen. Runa blickte hinüber, konnte aber nur vertraute Drachenköpfe auf den Steven erkennen, keine Frauen und Kinder, die wie sie von Männern und Väter gezwungen worden waren, in ein neues Leben aufzubrechen. Oder die ihnen freiwillig gefolgt waren.

»Was machst du hier?«, bellte der Vater; sämtliche Blicke, nicht mehr nur der des lachenden Thure, fielen auf sie. »Hinein!«

Runa presste die Lippen zusammen und bückte sich, um in die enge Kammer zurückzukehren. Sie hockte sich zu Ingunn, die damit beschäftigt war, Stoffbahnen zusammenzunähen. Runa wollte nicht wissen, was es war, sich erst recht nicht an der Arbeit beteiligen, doch das Mädchen schien begierig auf Austausch oder war dazu verpflichtet worden, sie nicht nur mit Speisen, sondern auch mit Worten zu versorgen.

»Das Segel eines Schiffes ist so groß, dass man es nicht mit Webstühlen fertigen kann«, erklärte Ingunn. »Man muss viele kleine Stücke aneinandernähen.« Als Runa nicht reagierte, fuhr sie fort: »Willst du dir auch die Zeit vertreiben?«

Zuhause hatte meist die Großmutter gewebt und genäht. »Ich kann Fische fangen und Tiere jagen, alles andere kann ich nicht«, gab Runa knapp zurück.

Es stimmte nicht, was sie sagte. Sie hatte sich auch um die Kuh gekümmert, hatte Haus und Dach instand gehalten, hatte den Hauptraum gefegt und Feuer gemacht. Alles, alles hatte sie getan, was Asrun von ihr verlangte.

Jetzt verschränkte sie die Arme vor den Beinen, und Ingunn verstummte.

Seetag reihte sich an Seetag. Noch einmal machten sie Halt an einem Hafen, diesmal in Aggersborg in Dänemark, doch danach war keine Küste mehr zu sehen, nur das Meer. Die Männer orientierten sich an Sternen, am Flug der Vögel, an ihrem Peilstein - aber nicht mehr am Land.

Kein Kummer, kein Trotz konnten alsbald die Langeweile vertreiben, und mehr als einmal war Runa versucht, Ingunn doch beim Nähen zur Hand zu gehen. Dann jedoch nahm sie ihr Messer und begann, von dem Mädchen misstrauisch beäugt, zu schnitzen. Bald zierten Runen und Ornamente die hölzernen Balken der Kammer.

Oft lugte Runa auch durch die Dachspalten nach draußen. Manchmal, wenn die See stürmisch war, tropfte es kalt von dort herunter. Die Holzbalken knackten, der Boden schaukelte, und sie kämpfte mit der Übelkeit. Dann wieder herrschte Flaute, und das Schiff kam nur dank seiner Ruder, nicht seines Segels voran.

Die Männer wurden von Tag zu Tag grimmiger. Obwohl ihre Lederkleidung in Öl getränkt war, hielt sie der Feuchtigkeit - Regen und Spritzwasser - nicht stand. Selbst Runa, obwohl von einem Dach geschützt, vermeinte an regnerischen Tagen, nie wieder Trockenheit spüren und nie wieder die Haut vom juckenden Salz reinwaschen zu können. Auf dem Schiff ließ sich kein Feuer machen, sodass es nur Dörrfleisch gab, das Tag für Tag weniger und zäher wurde. Das Wasser schmeckte so abgestanden, dass sie es bald nicht mehr trinken konnte und den Durst mit Met stillen musste. Den, den die Großmutter gebraut hatte, hatte Runa gut vertragen - von diesem nun, vielleicht aber auch nur von der Eintönigkeit der Reise, bekam sie Kopfweh.

Tagsüber schwitzte sie unter der oft brütenden Sonne, nachts zitterte sie vor Eiseskälte. Die Männer schliefen zu zweit in einem Schlafsack, der halbwegs warm hielt. Ingunn lud sie ein, zu ihr zu schlüpfen. In der ersten Nacht verweigerte es Runa. In der zweiten gab sie weniger der Kälte nach als dem Mitleid mit dem bebenden Mädchen. Ingunn traf keine Schuld an ihrem Geschick, und überdies tat es gut, jemanden zu halten, einen fremden Atem auf dem eigenen Gesicht zu spüren und zu wissen, dass sie nicht allein auf der Welt war. An Ingunns Seite schlief sie ohne die finsteren Träume, die sie immer wieder heimsuchten - Träume, in denen sich die Großmutter mit blutendem Mund erhob und wie die Kuh vor der Schlachtung schrie.

Der Vater hielt sich von ihr fern, seit Runa sich die Haare geschnitten hatte. Sie erwartete, dass das Schweigen bis zu dem Tag andauerte, da sie im Nordmännerland anlegten, doch eines Abends kam er in die Kammer gekrochen. Er verscheuchte Ingunn mit knapper, unwilliger Geste. Runa hätte sie gern zurückgehalten, wusste sie doch mittlerweile, dass das Mädchen die Männer fürchtete und dass Thures Blick, der selbst Runa unheimlich war, sie tief verstörte. Doch Ingunn gehorchte Runolfr, ehe Runa etwas sagen konnte.

Schwerfällig ließ der Vater sich neben sie fallen. Während der Fahrt hatte sie sich nicht nur geweigert, mit ihm zu reden, sondern ihn auch nie angesehen. So eng wie der Raum war, blieb ihr nun nichts anderes übrig, als ihn zu mustern. Der Bart war etwas gewachsen, das Haupthaar auch, beides war vom Salz verkrustet und so schief geschnitten wie ihre schwarzen Strähnen. Der Lederumhang klebte auf seinen Armen wie eine zweite, lästige Haut; die Lippen waren vor Trockenheit weiß und das Gesicht vom scharfen Wind gerötet. Bläuliche Äderchen auf der wuchtigen Nase verrieten, dass er zu viel getrunken hatte - und offenbar war er auch jetzt nicht willens, damit aufzuhören.

»Hier!«, rief er.

Anstelle eines Humpen Mets warf er einen Weinschlauch vor ihre Füße. Dieser gab gluckernde Geräusche von sich, als er vom Schiff hin und her geschaukelt wurde, und der rote Tropfen, der austrat, erinnerte sie an Blut.

Runa schüttelte nur den Kopf.

»Sauf, Mädchen! Das wird dir guttun!«

Wieder schüttelte sie den Kopf.

Drohend hob Runolfr die Hände, zum Zeichen, dass er ihr den Wein notfalls gewaltsam einflößen würde, wenn sie sich weiterhin bockig gab, und da erst redete Runa wieder mit ihm.

»Willst du mich schlagen?«, fragte sie kühl. »So wie du Großmutter geschlagen hast? Willst du mich vielleicht sogar töten wie sie?«

Runolfr ließ nicht nur die Hand sinken, sondern auch den Kopf. Sämtliche Kraft schien aus seinen Gliedern zu weichen, als wären sie nicht mit Fleisch und Blut gefüllt, sondern wie der Schlauch mit Wein. Regelrecht zu schrumpfen schien er.

»Du bist mein Mädchen, Runa, du bist doch Aesas Tochter. Wie sollte ich dir etwas zuleide tun können?« Seine Stimme klang hoch und verzagt wie die einer Frau.

Das Mitleid, das in ihr aufstieg, konnte Runa schlucken, nicht jedoch die Erinnerung, die darauf folgte. Sie sah sich selbst, wie sie als kleines Mädchen auf seinen Knien gehockt und durch diesen Bart gefahren war, damals noch dicht und weich. Kurz war ihr, als könnte sie nicht nur seine Stimme vernehmen, freudiger und kräftiger, sondern auch den Singsang ihrer Mutter. Später hatte es ihre Großmutter getan, doch in den ersten Lebensjahren war es Aesa gewesen, die ihr Geschichten von den Göttern und den Helden erzählt hatte.

»Ich will, dass du ein gutes Leben hast«, murmelte Runolfr.

»Dann bring mich zurück.« Sie hatte schroff klingen wollen, doch heraus kam ein flehentlicher, zittriger Ton.

»Es ist zu spät, Runa. Und versteh doch! Dort im Norden des Frankenreichs - dort liegt unsere Zukunft.«

»Meine nicht«, erwiderte sie knapp.

Sie wollte noch etwas hinzusetzen, aber begriff, dass sie mit Trotz nicht weiterkam, und auch, dass Wut und Verbitterung ihr während der eintönigen Tage abhandengekommen waren. Plötzlich war es leicht, zum Vater zu kriechen, die schmale Hand auf seine Pranke zu legen, ihn dazu zu bewegen, sie anzusehen.

»Bitte, Vater«, flehte sie. »Wenn dir mein Wohl am Herzen liegt, dann bring mich zurück!«

Er starrte sie an, ratlos und zerrissen. Während sein Körper immer schlaffer wurde, war jede Faser des ihrigen gespannt, als sie seiner Antwort harrte. Anstatt sie zu erlösen und endlich etwas zu sagen, griff er nach dem Weinschlauch, schnürte ihn auf und schüttete das Gesöff in sich hinein.

»Bitte, Vater«, wiederholte Runa, »bring mich zurück.«

Als er sie ansah, war sein Blick glasig. Rot war sein Gesicht schon zuvor gewesen, nun breiteten sich dunkle Flecken auf der Haut aus. Er rülpste, fiel dann schwer wie ein Stein zur Seite. Sie glaubte, er würde gleich zu schnarchen beginnen, doch stattdessen begann er zu murmeln.

»Es ist zu spät. Vor einer Weile haben wir einen Raben ausgesendet, und als er zurückkam, trug er einen grünen Zweig im Schnabel. Dort vorne kannst du schon die Küste sehen. Die Küste deiner künftigen Heimat.«

Er hob die Hand, deutete in eine Richtung.

Runas Blick folgte ihr nicht.

Es ist nicht meine Heimat, wollte sie sagen, aber da begann seine Hand zu zittern und sich dann zu einer Faust zu verkrampfen. Ein Ächzen ertönte plötzlich aus dem schwerfälligen Leib, schwoll zu einem Schrei an, röhrend wie der eines brünstigen Hirsches. Runa sprang auf und schlug sich den Kopf an der niedrigen Decke an.

»Vater!«

Sein Gesicht war nun so rot, als würde es platzen, die Augen, eben noch zu Schlitzen verzogen, schienen überzuquellen.

»Vater, was ist mit dir?«

Er klopfte mit der Faust auf seine Brust, als hockte dort ein wildes Tier, das er töten musste, wollte er weiterleben. Doch das Tier entkam ihm, drehte sich behände im Kreis, und jede Bewegung schien ihm unendlichen Schmerz zu bereiten. Er japste nach Luft. Die Farbe des Gesichts wandelte sich von Rot in Blau.

»Runa …«

Noch mehr wollte er sagen, doch jede Silbe wurde vom Röcheln verschluckt. Weißer Schaum trat ihm vor den Mund. Krämpfe schüttelten Runolfrs Glieder, ebbten plötzlich ab. Die Arme fielen auf den Boden, danach regte er sich nicht mehr. Sämtliches Leben war aus dem aufgedunsenen Leib gewichen.

Runa kniete bei ihrem Vater und hörte Thure nicht kommen. Mit lautlosen Schritten und geschmeidig wie eine Wildkatze war er in den kleinen Raum gekrochen. Er hockte schon dicht neben ihr, als sie herumfuhr und in seine Augen blickte, die jetzt nicht grau waren, sondern von kaltem Gelb.

»So schnell?«, raunte er, bückte sich über ihren Vater und musterte ihn eingehend. Kein Entsetzen stand in seinen Zügen, nur waches, ehrliches Interesse.

Verständnislos starrte Runa Thure an, konnte eine Weile nichts tun, als stumm neben ihm zu hocken. Erst nach einer Weile wurden ihre Gedanken von einer jähen Erkenntnis aufgescheucht.

Er ist nicht überrascht, dass Vater tot ist. Er hat seinen Tod erwartet. Laut aussprechen konnte sie den Verdacht nicht.

So wie ihr Hast und Panik fehlten, so seelenruhig griff Thure nach dem leeren Weinschlauch, schüttelte ihn leicht und roch daran, als entströmte ihm der liebliche Geruch von Frühlingsblumen.

»Ich war mir nicht sicher, ob es zu viel oder zu wenig war«, begann er. »Zu viel wäre recht gewesen, denn noch toter als tot kann man nicht sein. Aber hätte ich zu wenig genommen, so hätte mich das in Schwierigkeiten gebracht.« Er lachte auf.

»Was … was …«

Die Kammer schien Runa nie so eng und klein gewesen zu sein wie in diesem Augenblick. Kurz vermeinte sie, die Wände würden rund um sie zusammenwachsen und die Decke auf sie fallen, um sie zu begraben. Aber sie war nicht tot - der Vater war es.

»Du hast ihn vergiftet«, stieß sie hervor.

Thures Miene blieb fröhlich. Er widersprach nicht, zuckte nur schweigend die Schultern.

»Ich … ich …«, stammelte Runa, »ich hätte auch davon trinken können!«

Sie biss sich auf die Zunge. Eben noch hatte sie nicht einmal schreien können, waren ihr die Worte in der Kehle stecken geblieben - diese aber nun waren viel zu schnell, zu gedankenlos aus ihr herausgeplatzt, verrieten ihm, wie träge ihre Gedanken arbeiteten und wie leichtgläubig und unschuldig ihr Herz war.

»Dies war der Plan«, murmelte er.

Runa sagte nichts mehr, führte ihre Hand nur vorsichtig zu dem kleinen Messer, das sie am Gürtel trug.

Sie hatte den Knauf noch nicht ertastet, als Thure mit tödlichem Ernst drohte: »Tu es lieber nicht!«

Sie erstarrte.

Auch wenn er keine Anstalten machte, auf sie loszugehen - sie wusste, wie schnell er sein konnte und wie stark. Sie wusste auch, dass er ihren Vater getötet hatte und sie selbst hatte töten wollen und dass er es nun, da sie nichts vom vergifteten Wein getrunken hatte, auf andere Weise erneut versuchen würde. Unter den bunten Gewändern sah sie weder Messer noch Schwert. Waren seine Hände, verglichen mit Runolfrs Pranken eher schmal, seine einzige Waffe?

Gemächlich begann Thure zu sprechen: »Du musst wissen - ich habe nichts gegen Runolfr, nur dagegen, wie er die Welt sieht. Er denkt tatsächlich, im Land der Franken wird man als Bauer reich. Aber Männer wie er und ich sind für das Schwert gemacht, nicht für den Pflug. Ich will kein Feld beackern, sondern mir die Ernte holen, nachdem andere sie eingebracht haben. Früher, als er noch jung war und ungebrochen, wollte er das auch.«

Runa starrte ihn fassungslos an. »Du hast ihn vergiftet, weil du mit seinen Plänen nicht einverstanden warst?«

Wieder zuckte er die Schultern, als würde er ernsthaft überlegen, ob ihm noch eine andere Möglichkeit geblieben wäre. Schließlich schüttelte er ebenso verneinend wie bedauernd den Kopf. »Runolfr dachte, eine Zeit des Friedens würde beginnen - ich hingegen denke, der Krieg hört niemals auf. Ich mochte ihn, aber auf unterschiedlichen Seiten standen wir trotzdem. Und ich habe genügend Kämpfe erlebt, um zu wissen, dass Worte niemals Einigkeit schaffen, sondern einzig das Schwert eine klare Entscheidung darüber treffen kann, wer Recht hat und wer nicht.«

»Aber du hast nicht gegen ihn gekämpft!«, schrie Runa auf. »Nicht auf ehrbare Weise! Du hast nicht das Schwert gegen meinen Vater erhoben, sondern ihn vergiftet! Nichts ist verwerflicher als ein Mord, wenn einer wehrlos auf dem Boden liegt!«

Achtlos ließ Thure den Weinschlauch fallen, der sich kurz aufblähte, dann schrumpfte. Er griff zu einem Bündel, das er am Gürtel trug, schüttete etwas von dessen Inhalt - schwarze Körnchen, so groß wie Samen - auf seine Handfläche, roch erst daran und leckte sie dann auf.

»Was tust du da?«, rief Runa.

»Freu dich nicht zu früh«, höhnte er. »Daran werde ich nicht sterben. Wohldosiert sind diese Pilze kein Gift, das den Tod bringt, sondern eins, das die Welt bunter und heller erscheinen lässt. Dass es sich so verhält, scheint mir kein Zufall zu sein. In der Nähe des Todes ist die Welt immer bunter und heller, wusstest du das? Öde und grau ist der Alltag, in dem ein Augenblick dem anderen gleicht. Eintönig und langweilig alle Pflichten, bei denen man sich den Rücken krümmt. Aber stehst du einem Feind gegenüber und weißt, dass am Ende du tot bist oder er, so beginnt die Erinnerung an dein Leben zu leuchten und zu glühen. Das letzte Stück Brot, das du gegessen hast, schmeckt saftig in deinem Mund nach. Du siehst Blumen, die du vorher nicht gesehen hast, und hörst Vögel singen, denen du dich taub gestellt hast. Du bist dankbar für jedes Mal, da du im Badehaus gehockt, im Meer geschwommen, dich am Lagerfeuer betrunken und bei einer Frau gelegen hast. Ja, ich habe gelebt, denkst du dir, und wenn du erregt das Schwert hebst, wenn dein Blut in dein Gesicht steigt, ist dein Blick auf die Welt nicht grau, sondern rot. Der Tod schenkt dir Farben, wenn du nicht vor ihm wegläufst, sondern ihm mutig entgegentrittst. Und kommt er in der Gestalt eines anderen Kriegers auf dich zu, lockt er mit der Einladung zum schrillsten und lautesten und berauschendsten aller Feste - dem Fest in Walhall.«

Runa hörte Thures Worte, aber das Einzige, was sie begriff, war, dass sein Kopf krank und seine Seele verkommen waren.

»Kein Mann mit Ehre tötet einen anderen mit Gift«, stieß sie aus. »Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als einen guten Ruf. Er ist das, was bleibt.«

Er widersprach nicht. »So mag es sein«, gab er freimütig zu. »Doch um seine Ziele zu erreichen, gilt es manchmal, etwas zu opfern. Du kennst doch die Geschichte unseres Göttervaters Odin, der nach Weisheit suchte und sein Auge als Pfand gab, um einen Schluck aus Mimirs Brunnen zu erheischen. So wie er sein Auge für seherische Kräfte gab, gab ich meine Ehre, um mich nicht länger führen zu lassen, sondern selbst zu führen. Weißt du, Runa, dir kann ich's verraten«, er beugte sich vertraulich vor, »hätte ich die Wahl, würde ich immer wieder auf die Ehre verzichten, ungern jedoch auf ein Auge. Einmal hätte ich beinahe ein Auge verloren - in einer Schlacht im Friesenland. Willst du wissen, was geschehen ist? Und willst du wissen, woher ich meine Narben habe?«

Thure ließ das Säckchen sinken und fuhr sich bedächtig über Wangen und Stirn. Seine Haut war fahl wie der Mond, seine Augen nun abgründig schwarz wie die Nacht. Ganz gleich, was er über den Tod und seine Farben gefaselt hatte, das Feuer, das in ihm brannte, so war sich Runa gewiss, spuckte nur schwarzen Rauch, nicht das kleinste rötlich gelbe Flämmchen.

»Also«, wiederholte er, »willst du wissen, woher ich meine Narben habe?«

»Ich will wissen, was du nun mit mir tun wirst«, flüsterte sie.

Er blickte sie freundlich an, beinahe mitleidig, strich weiter, fast behutsam, über seine Wangen. Ihr war, als könnte sie diese Berührung auf der eigenen Haut spüren. Dann schrie er plötzlich auf, verzweifelt und hasserfüllt wie nie.

»Du verfluchtes Weib!«, kreischte er. Sie zuckte zusammen, und er biss sich auf die Lippen, um zwischen den wüsten Anklagen, die er nun aneinanderreihte, nicht in hysterisches Lachen auszubrechen. »Verfluchtes Weib! Du hast Runolfr getötet! Du hast deinen eigenen Vater vergiftet! So schändlich kann nur eine Frau sein! Kommt alle her und seht! Runa hat ihren Vater vergiftet, aus Rache, weil er sie aus der Heimat verschleppt hat.«

Thure schnappte gierig nach Luft, während Runa der Atem stockte. Starr vor Entsetzen ließ sie die Flut an Worten über sich ergehen. Erst als sie endlich abriss, handelte sie - blitzschnell und ohne zu überlegen. Eben noch hockte sie

mit krummem Rücken da, jetzt beugte sie sich nach vorn. Es hatte den Anschein, als würde sie über dem Vater zusammenbrechen, und tatsächlich kam sie auf seinem schweren, weichen Leib zu liegen. Doch das tat sie nicht, um sich an ihn zu klammern, sondern um mit ihrem Fuß nach Thure zu treten. Den Augenblick, da er überrascht zurückwich, nutzte sie, aufzuspringen, um an Thure vorbei nach draußen zu stürmen. Vergebens griff er nach ihren Beinen, bekam jedoch ihren Arm zu fassen. Runa spürte seine Kraft, die nicht an ihm zu vermuten war und die sie doch erahnt hatte. Er zerrte sie auf den Boden, drückte ihren Kopf auf das Holz. Ganz dicht beugte er das bleiche Gesicht über ihres; riesengroß schienen ihr die Narben jetzt. Als sie sich wehrte, schlug er ihr ins Gesicht. Runa verkrampfte sich, schrie auf.

Und dann fühlte sie nichts, rein gar nichts mehr; sie tat so, als würde der Schmerz ihr das Bewusstsein rauben, und tastete zugleich nach ihrem Messer. Sie bekam es an der Klinge zu fassen, spürte, wie diese ihr ins eigene Fleisch schnitt, doch auch jener Schmerz erreichte sie nicht. Runa umschloss nun den Knauf und schlug wild um sich. Ob das Messer Thure traf oder nur die Luft zerschnitt, wusste sie nicht, nur, dass er sie freigab. Blitzschnell rollte sie sich auf den Bauch und sprang auf.

Kein zweites Mal versuchte Thure, sie zu packen - es war nicht mehr notwendig. Als sie ins Freie stürzte, schloss sich bereits ein Kreis von Männern um sie.

»Sie hat Runolfr umgebracht!«, schrie Thure hinter ihr. »Sie hat ihren eigenen Vater vergiftet, dieses schändliche Weib!«

Aus den Augenwinkeln nahm Runa Ingunn wahr. Sie schlug die Hände vors Gesicht und lugte dann zwischen den Fingern hindurch, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen.

Sie glaubt es auch, durchfuhr es Runa. Wir haben in den Nächten Seite an Seite geschlafen, und doch glaubt sie nun, ich hätte meinen Vater getötet …

Dann achtete sie nicht länger auf Ingunn. Einer der Männer hatte sich aus dem Kreis gelöst, trat auf sie zu, gemächlich, sich der eigenen Übermacht bewusst. Wieder handelte Runa blitzschnell und ohne nachzudenken, vertraute den Instinkten, die ihr bisher immer geholfen hatten. Behände stützte sie sich auf dem Dach der Kammer ab und sprang hinauf, noch ehe Thure ins Freie trat. Drei unsichere, wankende Schritte später vermeinte sie, die Welt rollte ihr unter den Füßen weg. Dann hatte sie das Ende des Dachs erreicht und sprang ins Nichts. Nein, nicht ins Nichts, sondern ins Meer, kalt, tief und schwarz.

Einen kurzen Augenblick dachte Runa an die Küste, die der Vater am Morgen gesehen haben wollte, und ob sie nahe genug war, dorthin zu schwimmen. Als die Fluten über ihr zusammenbrachen, dachte sie an gar nichts mehr. Kälte verbiss sich in ihren Gliedern wie ein hungriges Tier. Sie ergab sich ihr wehrlos, versteifte, sank tiefer und tiefer in Njörds Reich. Nun machte es sich bezahlt, dass sie so oft im eiskalten Fjord geschwommen war: Der Meeresgott kannte sie und wusste, dass sie ihm nicht feindlich gesinnt war. Seine Hände liebkosten sie nur, aber rissen sie nicht ganz in die Tiefe.

Runa begann, mit den Füßen zu treten. Vielleicht kam ihr nicht nur Njörd selbst, sondern auch Ran zu Hilfe, die Göttin, die mit ihrem Netz die Ertrinkenden aus dem Wasser fischte. Spuckend und prustend kam sie an die Oberfläche und holte tief Atem. Sie drehte sich nach allen Seiten, hielt Aussicht nach den Schiffen, deren schweres Holz ihren Schädel zerbersten lassen würde, wenn es sie mit ganzer Wucht träfe. Doch das schien nicht die größte Gefahr.

»Dort ist sie!«

Thures Stimme wurde gedämpft vom Wasser, das in Runas Ohren gedrungen war. Viel deutlicher vernahm sie das Zischen, das seinen Worten folgte. Ehe sie hochblicken konnte, schoss ein Pfeil haarscharf an ihrem Kopf vorbei. Noch einmal schöpfte sie Luft, versank erneut in die schwarze Kälte, tauchte schließlich, als sie es nicht länger aushielt, wieder auf. Kaum sah sie Licht, ging ein neuer Pfeil auf sie herab, nein, nicht nur einer, sondern ein Regen gar aus Holz und Erz. In ihrer Brust hämmerte es.

»Dort ist sie!«, schrie Thure wieder.

Sie würde ihm nicht entkommen, würde entweder von einem Pfeil getroffen werden oder ertrinken, und während sie verzweifelt strampelte, dachte sie, dass es vielleicht auch besser war, wenn sie ihrer Großmutter nach Niflheim folgte - ihr und dem Vater. Viele Übel hatte sie ihm gewünscht, den Tod jedoch nicht, und anstatt den Mann zu verfluchen, der sie verschleppt hatte, flehte sie nun innerlich um die Hilfe des Vaters. Als erneut Pfeile auf sie herabstoben, sie wieder in das dunkle Reich des Meeresgottes versank, hörte sie plötzlich seine Stimme, laut und klar.

Du musst überleben. Wer sonst kann die Geschichten unserer Ahnen erzählen. Wer sonst kann einen Becher Wein auf uns trinken. Wer sonst kann Runen in einen Stein ritzen, die an unsere Namen und unsere Geschichten erinnern.

Vielleicht war es auch gar nicht seine Stimme, sondern die Asruns.

Runa blickte nach oben, sah den dunklen Leib des Schiffes und gleich daneben das Steuerruder, das in die Tiefe ragte. Sie schwamm darauf zu, zog sich daran hoch, spürte, wie die Muscheln, die am Holz hafteten, unter ihren Händen brachen, und rutschte an den glitschigen Algen ab. Aber sie gab nicht auf. Irgendwann gelang es ihr, sich ans Ruder zu klammern und den Kopf aus dem Wasser zu heben, so dicht neben dem Schiff nun, dass man sie von dessen Deck aus nicht sehen konnte. Unverwandt schossen die Pfeile ins Wasser - jedoch weit von ihr entfernt. Sie hörte die Männer enttäuscht brüllen, dann befriedigt murmeln.

»Ihr müsst sie getroffen haben«, verkündete Thure.

Ganz nüchtern klang er, er lachte nicht. Runa schloss erschöpft die Augen.

Als Ruhe eintrat, öffnete sie sie wieder und blickte sich um. Sie sah die anderen Schiffe, doch nirgendwo war die Küste auszumachen. Entschlossen ließ sie das Ruder los, schwamm so lautlos wie möglich von den Schiffen fort, drehte sich wieder im Kreis. In der einen Richtung traf weißer Himmel auf das schwarze Meer, in der anderen war ein grauer Streifen zu erahnen. Das konnten Wolken sein, milchig und kraftlos, vielleicht aber auch Klippen.

Ihr blieb keine andere Wahl, als es zu versuchen.

Runa tauchte unter, schwamm, tauchte wieder, niemand hatte sie gesehen. Das Meer lag ruhig da, dann kräuselte sich die Oberfläche. Wellen spritzten ihr ins Gesicht, jede Bewegung, ob von Beinen oder Armen, begann zu schmerzen. Eine Weile schwamm sie blind, als sie die Augen wieder aufschlug, war der graue Streifen etwas breiter - nicht mehr fadendünn, sondern dick wie ein Finger.

Zu weit, dachte sie … es ist viel zu weit.

Und doch schwamm sie unermüdlich weiter, nichts anderes blieb ihr noch. Die Wellen schlugen erst immer höher über ihrem Kopf zusammen, ließen schließlich von ihr ab. Der diesige Himmel leuchtete im letzten Tageslicht orangerot auf und wurde dann schwarz wie das Meer. Der Mond erschien am Nachthimmel, von Wolkenfetzen umwoben wie von einem Spinnennetz. Er und die Sterne allein wiesen ihr den Weg.

Wie breit die Klippen sich nun vor ihr erhoben, ließ sich im Dunkel nicht länger erahnen. Runa schwamm ins Nichts. Dann ließen die Schmerzen in den Gliedern nach - gefühllos wurde die Haut, der ganze Leib. Sie hätte nicht einmal beschwören können, ob sie überhaupt noch schwamm, doch es musste so sein, denn schließlich hielt sie den Kopf über Wasser. Mondlicht glitzerte auf den spitzen Wellen, ein schönes, aber kaltes Licht. Es bewies, dass Thure gelogen hatte: Der nahe Tod schenkte keine Farben, schenkte nur Weiß und Schwarz - und vielleicht ein wenig Silber.

Aber vielleicht war sie dem Tod auch nicht nahe genug. Noch schwamm sie, atmete sie, lebte sie.

Irgendwann stießen ihre Füße auf Widerstand.

Irgendwann lag sie auf festem Grund.

Das Erste, was Runa bewusst wurde, als sie zu sich kam, war der Geschmack von Sand. Ihre Kehle fühlte sich so an, wie die des Vaters sich angefühlt haben musste, nachdem er von Thures Gift getrunken hatte. Eine Weile konnte sie nur liegen, ausgelaugt und erschöpft, dann stützte sie ihre Hände auf und versuchte sich zu erheben. Schmerzen peinigten den Leib. Jedes Glied schien zu schreien.

Runa zitterte, aber sie gab keinen Schmerzenslaut von sich. Nicht der Klang ihrer Stimme, einzig der Sand in ihrem Mund und das Weh in ihren Gliedern waren Zeichen dafür, dass sie noch lebte. Nebel waberte um sie herum - seltsam tröstlich. Von dem fruchtbaren Land, das der Vater versprochen, aber das sie bis jetzt noch nicht gesehen hatte, hätte sie sich verspottet gefühlt. Die grauen Felsen hinter dem farblosen Dunst waren ihr hingegen vertraut. Nein, Heimat war es nicht, würde es niemals sein, aber auf diesem Fleckchen Sand inmitten schroffer Klippen und rauer See, schwor sie sich, auch weiterhin nicht zu sterben: nicht unter Thures Pfeilen, nicht in den eisigen Fluten.

Keuchend raffte Runa sich auf. Ihre Knie bebten schon beim ersten Schritt, aber irgendwie gelang es ihr, Fuß vor Fuß zu setzen, bis sie es zu einem kleinen, runden Stein geschafft hatte. Dort ließ sie sich fallen, hockte eine Weile gekrümmt und begann, die Umgebung abzusuchen. Wenn sie leben wollte, nicht nur irgendwann wieder in der verlorenen Heimat, sondern einfach nur bis zum nächsten Tag, brauchte sie trockene Kleidung und etwas zu essen.

Und wenn sie gar nicht lebte, sondern gestorben war? Vielleicht war dies hier nicht der nördliche Zipfel des Frankenreichs, den man Nordmännerland nannte, sondern Niflheim, das Reich der Toten inmitten der gähnenden Leere des gefrorenen Nordens. Nein, das war nicht möglich - in Niflheim war stets Nacht, hier aber war der Himmel von einem blassen Blau.

Ich lebe, dachte Runa, und diese Gewissheit verhieß Triumph und Sehnsucht zugleich. Triumph über Thure und Sehnsucht nach Wärme.

Nicht mehr ganz so schmerzhaft zog sich ihre Kehle zusammen, als sie sich vom Stein erhob. Runa drehte sich nach sämtlichen Richtungen, um einen Weg in die Welt hinter den Klippen zu finden. Sie waren zu steil, um einfach hochzuklettern, aber der Sandstreifen wurde hinter einem der Felsentürme breiter. Sie ging am Meer entlang, und in der Ferne erahnte sie das Grün wogender Gräser. Oder war es nur das Trugbild ihres verwirrten Geistes?

Gewiss kein Trugbild war das Geräusch, das Runa im nächsten Augenblick vernahm. Zum steten Rauschen der Wellen und dem Gekreisch der Möwen gesellte sich plötzlich das Getrappel von Pferdehufen.

Runa zuckte zusammen, versteckte sich hastig zwischen zwei Felsen. Die Wellen leckten an ihren Füßen, so wie einen kurzen Augenblick die Todesangst an ihrer Lust zu überleben.

Unwillkürlich fuhr ihre Hand zur Brust und umfasste das Amulett der Mutter, das ihr die Großmutter nach deren Tod umgelegt hatte. Seit Tagen hatte sie es nicht berührt, und doch hatte es ihre Flucht vom Schiff heil überstanden. Sie schloss die Augen, und wenn sie sich auch nicht an das Gesicht ihrer Mutter erinnern konnte, stand das von Asrun deutlich vor ihr: gütig und vertrauensvoll, tröstend und ermutigend, trotzig und entschlossen.

Runa atmete tief durch, ehe sie sich vorwagte, um zu sehen, wie viele Pferde auf sie zukamen, wer auf ihrem Rücken ritt und ob diese Reiter bedrohlich schienen oder nicht. Vielleicht würde sie vor ihnen davonlaufen, vielleicht sich vor ihnen verstecken, vielleicht sogar gegen sie kämpfen müssen.

Nur aufgeben - aufgeben würde sie nicht.

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