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Tochter der Elbe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Der Tag der unschuldigen Kindlein
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  1. Die Marketenderin
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  1. Der König
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  1. Kain und Abel
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  1. Alte Eide
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  1. David und Goliath
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Nachwort

Über die Autorin

Ricarda Jordan ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie wurde 1958 in Bochum geboren, studierte Geschichte und Literaturwissenschaft und promovierte. Sie lebt als freie Autorin in Spanien.

Unter dem Autorennamen Sarah Lark schreibt sie mitreißende Neuseeland- und Karibikschmöker, die allesamt Bestseller sind. Als Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser ins farbenprächtige Mittelalter.

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Verzeihung, Meister!«

Der Junge rief erschrocken eine Entschuldigung, während er gleichzeitig versuchte, sich mit seinem ganzen Gewicht der Ladung Reetbündel entgegenzuwerfen, die eben vom Wagen polterte. Hein hatte versucht, das zuoberst auf dem Leiterwagen liegende Bündel herunterzuziehen, und Meister Knud konnte ihn gerade noch davor retten, unter dem Baumaterial begraben zu werden, das nun überall auf dem Kirchplatz verstreut lag. Zwei der Bündel waren zu allem Überfluss auch noch aufgegangen.

»Du solltest doch auf mich warten, bevor du mit dem Abladen anfängst!«, herrschte der Meister seinen Lehrling an.

»Ich dachte, ich kann’s schon. Bei Euch sieht’s doch immer so einfach aus«, rechtfertigte sich der Junge.

Er war sehr eifrig und unzweifelhaft ein kluger Kopf. Aber Meister Knud ertappte sich an diesem Tag nicht zum ersten Mal bei der Überlegung, dass Hein Maltesen nicht der geschickteste Handwerker war. Nun konnte das ja noch werden. Der Junge stand erst sechs Wochen in seinen Diensten, und er war gerade mal zehn Jahre alt. Der Meister beschloss, nicht vorschnell zu urteilen. Ein anderer hätte Hein sicher für sein Ungeschick gezüchtigt.

»Dann hilf mir jetzt aber schnell, das alles wieder in Ordnung zu bringen«, sagte er versöhnlich. »Bevor Vater Thomas sich beschwert, dass wir seinen ganzen Kirchplatz blockieren.«

»Sicher, Meister, gleich!«

Beflissen begann Hein, die davongerollten Bündel einzusammeln. Er konnte sie kaum heben. Der Junge war schmächtig und selbst nicht größer als die Reetbündel, die Meister Knud gleich auf das Dach der Kirche wuchten würde. Reetdächer mussten alle paar Jahre ausgebessert werden – Sonne und Wind ließen die Spitzen austrocknen und abbrechen. Bei der Kirche in Friedrichsdorf fiel in diesem Jahr zum ersten Mal eine Instandsetzung an. Das Gotteshaus war, wie alle Häuser in der Haseldorfer Marsch, erst wenige Jahre zuvor, als Friedrichsdorf gegründet wurde, gebaut worden. Vorher hatte man so nah an der Elbe nicht gesiedelt, weil der Fluss immer wieder über die Ufer trat. Die Elbmündung war tideabhängig, und wenn bei Sturmflut obendrein die Nordsee einbrach, kam es zu schweren Überschwemmungen. Dann hatten sich jedoch fleißige Bauern und Handwerker gefunden, die bereit waren, das Land einzudeichen und so zu sichern. Friedrich von Haseldorf, der Lehnsherr, hatte ihnen das gern erlaubt und ihnen Baumaterial und Gespanne zur Verfügung gestellt. Zum Dank hatten die Siedler ihren Ort nach ihm benannt.

Inzwischen brauchten die Friedrichsdorfer die Hilfe ihres Landesherrn nicht mehr, wenn es galt, ihre Häuser und ihre Deiche instand zu halten. Das Land war fruchtbar, die Gemeinde reich, und sie florierte. Das Ausbessern eines Daches für ihre Kirche konnten sich die Friedrichsdorfer mühelos leisten.

»Was ist das denn? Wollt ihr den Kirchplatz mit Reet decken?« In die helle Stimme des Mädchens, das jetzt mit einem Korb am Arm aus einer Seitengasse trat, mischte sich ein Kichern. »O weh! Warst du das wieder, Hein?«

Hilke, Meister Knuds achtjährige Tochter, hatte längst die gleiche Beobachtung gemacht wie ihr Vater. Hein war ein braver Junge, brachte aber keine besondere Begabung für seinen erwählten Beruf auf. Nun hatte man ihn wohl auch nicht gefragt, ob er bei Meister Knud in die Lehre gehen wollte. Sein Vater Malte besaß nur einen kleinen Hof, und obendrein lag sein Land direkt an der Elbe, sodass ihn die Deichdienste, zu denen er verpflichtet war, viel Geld und Arbeit kosteten. Hein war der jüngere seiner beiden Söhne, er würde also nichts erben, und so hatte Malte ihn beim nächstbesten Meister in die Lehre gegeben. Er mochte sich von einem Dachdecker in der Familie auch Unterstützung beim Deichdienst erhoffen. Um die Grassoden, mit denen man die Deiche bedeckte, an ihrem Platz zu halten, bis sie fest verwurzelt waren, wurden sie mit Reet bestickt. Wenn Hein den Umgang mit der Deichnadel erlernte und diese Arbeit an seinen freien Tagen für seinen Vater tun konnte, würde seine Familie viel Geld sparen.

»Ich hab’s nicht absichtlich gemacht«, beteuerte Hein und sah Hilke mit ernsten Augen an.

Hein hatte seltsam helle Augen von einem blassen Grün, und er schaute daraus meist freundlich, wenn auch etwas verträumt in die Welt. Um sein rundes Gesicht lockte sich volles braunes Haar.

»Ach nein?«, neckte ihn Hilke. »Wolltest du nicht meinen Vater ärgern, damit er dir dann womöglich nichts zu essen gibt?« Sie zeigte auf ihren Korb, der die Mittagsmahlzeit für ihren Vater und seinen Lehrling enthielt. »Weil du vielleicht keinen Hunger hast?«

»Doch, ich hab Hunger!«, erklärte Hein und schaute begehrlich in den Korb.

Seit er bei Meister Knud arbeitete, hatte er eigentlich immer Hunger, und das, obwohl Hilkes Mutter Wiebke ihre Familie gut und reichlich ernährte. Doch Hein war im Wachstum, und die schwere Arbeit forderte zusätzliche Energie. Frau Wiebke pflegte zu scherzen, der neue Lehrling fresse ihr die Haare vom Kopf.

»Erst wird Ordnung geschaffen!«, ermahnte Meister Knud.

Er stapelte die Bündel, die Hein heranrollte, in einer Ecke des Kirchplatzes aufeinander. Das ging recht schnell, nur das verstreute Reet musste noch neu gebunden werden.

»Warte, ich helfe dir!«, bot Hilke sich an und begann, die einzelnen Rohre behände zusammenzusammeln und so aufzustellen, dass Hein sie binden konnte. »Wie hast du es bloß geschafft, dass die alle vom Wagen gepurzelt sind? Hat Vater sehr geschimpft?«

Hilke und Hein kamen gut miteinander aus. Für Hilke war es fast so, als wäre mit dem neuen Lehrjungen ein Bruder ins Haus gekommen. Meister Knuds vorheriger Lehrling, der zwei Monate zuvor seine Freisprechung gefeiert hatte, war viel älter gewesen und hatte Hilke kaum beachtet. Hein dagegen brachte nach der Arbeit noch genug Energie auf, um mit ihr herumzualbern. Die Kinder liefen über die Marschwiesen und schreckten die Schafe auf, oder sie halfen einander auf Meister Knuds riesige Kaltblutstuten. Die gutmütigen Pferde ließen sich von dem einen Kind führen, während das andere ritt – Hilke, die wagemutigere der beiden, rang Helle oder Lütje mitunter sogar einen schwerfälligen Trab ab.

»Nein, dein Vater war sehr nachsichtig«, sagte Hein dankbar. »Meiner hätte mich wahrscheinlich verhauen. Aber jetzt will ich auch wirklich aufpassen und gute Arbeit machen. Der Meister soll keinen Grund haben, mich zu schelten!«

Schließlich lag alles Baumaterial ordentlich bereit. Hein griff hungrig nach Brot und Käse, nachdem Hilke das Mittagsmahl für die Männer auf der Ladefläche des Leiterwagens gerichtet hatte. Derweil ihr Vater und der Junge aßen, streichelte sie die Pferde, die ihre Köpfe freundlich zu ihr herabsenkten – sicher auch, weil sich immer Brotreste in ihren Taschen befanden.

»Wenn ich ein Junge wäre, würde ich kein Dachdecker«, erklärte das Mädchen. »Ich würde Pferdeknecht!«

Meister Knud lachte. »Na, da habe ich ja Glück, dass du ein Mädchen bist, sonst müsste ich mich mit einem aufsässigen Sohn herumärgern«, neckte er sie. Es war allgemein üblich, dass die Söhne das Handwerk ihrer Väter erlernten, egal, ob sie eine Neigung dazu verspürten oder nicht. »Wir können dich ja mit einem Pferdezüchter verheiraten«, fügte er dann hinzu, wurde jedoch unterbrochen, bevor er seiner kleinen Tochter konkrete Vorschläge unterbreiten konnte.

»Da ist Mutter!«, bemerkte Hein. Käthe, Bauer Maltes Frau, eilte eben geschäftig über den Kirchplatz, in Gedanken offenbar ganz woanders. Sie hatte Meister Knuds Wagen und ihren Sohn noch gar nicht bemerkt. »Darf ich hinlaufen und sie begrüßen?«

Meister Knud nickte. Schließlich waren sie ohnehin noch beim Essen. In dem Moment sah Frau Käthe aber auch schon auf und erkannte ihren Jungen. Sie kam sofort auf ihn zu.

»Ja, guten Tag, Heinrich! Noch nicht auf dem Dach?«, fragte sie freundlich.

Käthe war eine kleine, sehr energische Frau mit rundem Gesicht und stets roten Wangen. Ihr dunkles Haar hätte sich wohl ebenso gelockt wie das ihres Sohnes, hätte sie es nicht streng aufgesteckt und unter dem Gebende verborgen. Auch Heins Mutter hatte grüne Augen, ihnen fehlte nur der verträumte Ausdruck. Frau Käthe spähte stets hellwach in die Welt.

»Und auch Euch einen guten Tag, Meister Knud, und dir, Hilke!«

»Frau Käthe!« Meister Knud lächelte.

Heins Mutter war allgemein wohlgelitten – und sie war eine erfreuliche Erscheinung in ihrem adretten, wenn auch schon etwas abgetragenen blauen Kleid, über dem sie eine frisch gestärkte blütenweiße Schürze trug. Sie war nicht mehr ganz schlank, doch beweglich und lebhaft.

»Geht’s zu einer Wöchnerin, jetzt, um die Mittagszeit?«

Frau Käthe nahm im Dorf die Pflichten einer Hebamme wahr und verstand sich auch allgemein auf die Heilkunst. Erst im letzten Jahr hatte sie Meister Knud nach einem unglücklichen Sturz den Arm wieder eingerenkt.

»Nein, die meisten Kinder kommen nachts, zum Leidwesen einer jeden Hebamme«, gab Frau Käthe freundlich Auskunft. »Bauer Sören bat mich, mir sein Pferd anzusehen. Den neuen Hengst. Er lahmt wohl, und Sören ist sehr besorgt …«

Die Bauern von Friedrichsdorf ließen Mensch und Vieh bei Krankheiten und Verletzungen ähnliche Behandlungen angedeihen.

Meister Knud lachte dröhnend. »Um den Fiete? Den schönen Schwarzen? Das glaub ich wohl, dass er um den besorgt ist. Der muss ein Vermögen gekostet haben. Also, strengt Euch an, Frau Käthe, und seid ja nicht zu bescheiden, wenn Ihr Euren Lohn fordert!«

Sören gehörte zu den reichsten Bauern in Friedrichsdorf, und der elegante schwarze Hengst war nicht für die Landarbeit gedacht, sondern hauptsächlich dazu, Sörens repräsentative Kutsche zu ziehen.

»Das wär doch was für dich, Hilke«, wandte Meister Knud sich gleich wieder scherzend an seine Tochter. »Du nimmst einen Sohn von Bauer Sören, und den schwarzen Hengst kriegst du gleich dazu. Wen magst du denn lieber, den Henrik oder den Hauke?«

Hilke verzog das Gesicht. »Die mag ich beide nicht. Aber ich kann ja gleich den Fiete heiraten!«

Frau Käthe lachte. »Das würd ich gern mal sehen, wie du am Arm von dem Gaul in die Kirche kommst. Was Vater Thomas dazu wohl sagen würde!«, meinte sie vergnügt. »Ihr werdet Eurer Tochter noch einiges über die christliche Ehe erklären müssen, Meister Knud, bevor Ihr sie dem reichsten Bauern gebt!«

Verschmitzt lächelnd grüßte sie in Richtung ihres Sohnes und seines Meisters und machte sich wieder auf den Weg. Daran, dass Meister Knuds Hilke eines Tages eine gute Partie machen würde, zweifelte niemand. Das Mädchen versprach außerordentlich hübsch zu werden mit seinen leuchtenden veilchenblauen Augen und dem blonden Haar mit dem leichten Rotstich, das wirkte, als hätte man Gold mit Kupfer gemischt.

»Nun aber an die Arbeit, Hein!«, forderte Meister Knud seinen Lehrling auf, der eben das letzte Stück Brot hinunterschlang. »Du machst den Außennäher, einverstanden? Und ich geh nach innen und näh gegen.«

Der Meister und Hein hatten die auszubessernden Stellen im Dach bereits am Tag zuvor abgedeckt, sodass nun nur noch neue Reetbündel an den Dachlatten zu befestigen waren. Dabei arbeitete man zu zweit, der Außennäher saß auf dem Dach und stach die Nadel mit dem Bindematerial ein, der Gegennäher nahm sie von innerhalb des Daches an und führte sie wieder nach außen.

Hein nickte strahlend. Bislang hatte Meister Knud ihn meist als Binnennäher im Dachstuhl eingesetzt, doch in der Kirche, dem höchsten Gebäude des Ortes, sollte der Dachboden als Abstellraum genutzt werden, und das stellte höhere Anforderungen an die Verarbeitung. Meister Knud wollte es deshalb selbst übernehmen, und Hein durfte zum ersten Mal die Außennähte setzen. Er betrachtete das offenbar als besondere Anerkennung. Zunächst half der Junge seinem Meister jedoch, die ersten Reetbündel, die er später entrollen sollte, aufs Dach zu ziehen.

»Das schaffst du doch, oder?«, fragte Meister Knud.

Wenn er den kleinen Kerl ansah, befielen ihn leichte Zweifel. Er hatte die Technik allerdings mit Hein geübt, eigentlich musste alles gut gehen.

Hilke sah noch zu, wie ihr Vater im Inneren der Kirche verschwand. Sie hätte Lust gehabt, zu Hein aufs Dach zu klettern – Hilke war beweglich und abenteuerlustig. Leider kam das für ein Mädchen jedoch nicht infrage. Sie ertappte sich dabei, Hein ein bisschen zu beneiden – auch wenn sie selbst natürlich noch lieber Pferde versorgte.

Die Dachdecker begannen mit ihrer Arbeit am unteren Teil des Daches, der Traufe, arbeiteten sich aber schnell weiter nach oben, da ja nicht das gesamte Dach erneuert werden musste.

Sehr bald winkte Hein seiner Freundin von einer wahrhaft schwindelerregenden Höhe aus zu, doch das schien ihm nichts auszumachen. Fleißig stach er die riesige Nadel immer wieder ein und ließ sich nicht anmerken, wie bald er dabei müde wurde. Besonders der Gebrauch des Klopfbrettes, mit dem das Reet in Form gebracht wurde, und das Festziehen der Bindung waren anstrengend. Doch Hein wollte, dass sein Meister mit ihm zufrieden war – gerade nach dem Debakel vom Vormittag.

Hein hatte bereits etliche Bunde verarbeitet und machte sich nun daran, einen weiteren zu öffnen. Die feste Schnur, mit der das Reet verbunden war, setzte dem Jungen dieses Mal Widerstand entgegen. Hein musste seine ganz Kraft einsetzen, um die Schnur zu lösen. Dann jedoch platzte das Bund plötzlich auf – und Hein merkte zu seinem Schrecken, dass es ihm zu entgleiten drohte.

»Pass auf!«, schrie Hilke entsetzt, als der Junge nach dem wegrollenden Bund griff.

Hein hörte nicht auf das Mädchen. Bloß nicht noch mal einen Bund fallen lassen! Der Junge bekam das Reet im letzten Augenblick zu fassen, doch er verlor den Halt.

»Halt dich fest!«

Hilke sah ihren Freund das Dach herunterrutschen und verstand nicht, warum er sich nicht an die zum Teil noch freiliegenden Dachlatten klammerte. Doch Hein hielt sich in seiner Panik eher an dem Reetbündel fest, das ihn nur noch schneller herunterzog.

Heins Fall konnte nur Augenblicke gedauert haben, aber Hilke erinnerte sich später an jede Einzelheit des Unfalls. Sie hörte Hein schreien, sah das Gesicht ihres Vaters, der zwischen den Dachlatten hindurch alarmiert nach seinem Lehrling ausschaute, und verfolgte dann, wie Hein stürzte und mit einem hässlichen Laut auf dem Kirchplatz aufschlug. Er lag auf dem Rücken, und er rührte sich nicht.

»Hein!« Hilke rannte auf den Jungen zu. »Hein, bist du …? Nicht tot sein, Hein, bitte sei nicht tot!«

Auf den ersten Blick wirkte Hein unverletzt, nur sein Gesicht schien schnell alle Farbe zu verlieren. Hilke rüttelte ihn verzweifelt, bis ihr Vater an der Kirchentür erschien, gefolgt von Vater Thomas, dem Pfarrer von Friedrichsdorf. Im Nu liefen auch all die Leute, die am oder auf dem Kirchplatz zu tun gehabt und die Schreie gehört hatten, zusammen.

Meister Knud legte sein Ohr an Heins Brust. »Er lebt noch«, murmelte er dann. »Hein! Hein, sag doch was!«

Vater Thomas, ein beleibter, freundlicher Mann, zeichnete Hein ein Kreuz auf die Stirn und fühlte seinen Puls. Dann begann er vorsichtshalber, ein Sterbegebet zu sprechen.

»Ich empfehle dich dem allmächtigen Gott …«

Der Wirt des der Kirche gegenüberliegenden Dorfgasthofs verlegte sich auf weltlichere erste Hilfeleistung. »Hier, flößt ihm das ein!«, rief er und führte gleich selbst einen Krug scharfen Branntwein an die blassen Lippen des Jungen.

Zu Hilkes und Meister Knuds Erleichterung schluckte Hein – und hustete.

»Er lebt! Hein, Hein, komm zu dir!«

Meister Knud nahm dem Wirt den Krug aus der Hand und versuchte seinerseits, dem Jungen noch mehr von dem scharfen Gebräu einzuflößen. Hein schlug darüber die Augen auf.

»Tut … tut weh«, flüsterte er. »Tut … tut so weh …«

»Wo tut es weh, Hein? Wo hast du dich verletzt?«

»Überall«, wimmerte der Junge. »Es tut so weh.«

»Pass auf, Hein …« Meister Knud fand seine Fassung wieder. »Du versuchst jetzt, dich zu bewegen. Erst den rechten Arm … gut so, da scheint nichts kaputt zu sein. Und jetzt den linken. Sehr gut …« Seine Stimme klang mit jedem Satz optimistischer. »Und jetzt das linke Bein.«

Hein schien es zu versuchen, doch es regte sich nichts.

»Es tut weh«, weinte er.

Vater Thomas wurde blass. Er unterbrach das Sterbegebet. »Was tut weh, Hein? Das Bein tut dir weh?«

Der Junge schüttelte den Kopf. Und in seinen Augen stieg Panik auf, als er langsam zu begreifen schien. »Nein, alles … mein Rücken … nicht die Beine. Die … sind die ab, die Beine?«, fragte er entsetzt. »Weil … ich kann sie gar nicht mehr fühlen …«

Vater Thomas biss sich auf die Lippen. »Holt Frau Käthe«, sagte er leise.

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DER TAG
DER
UNSCHULDIGEN KINDLEIN

Friedrichsdorf, Haseldorf, Neumünster
November 1248 – Januar 1249

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KAPITEL 1

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Was machst du denn hier?«, fragte Hilke verwundert und errötete gleich darauf ob ihrer mangelnden Höflichkeit.

Sie hatte fest damit gerechnet, dass sie die Tür Jens Hansen, dem Lehrling ihres Vaters, öffnete. Stattdessen stand Henrik Sörensen da. Der Bauernsohn hatte sich für den sonntäglichen Kirchgang sorgfältig gekleidet, er trug den Reichtum seiner Familie offen zur Schau. Zu schwarzen Beinkleidern aus wertvollem Tuch hatte er ein reinweißes Hemd mit Stehkragen, ein mit bunten Knöpfen besetztes Wams und ein dunkles Halstuch gewählt. Ein pelzbesetzter Umhang schützte ihn vor der Winterkälte in der Marsch.

Henrik Sörensen verzog kurz das Gesicht ob der unfreundlichen Begrüßung, bemühte sich dann aber um ein Lächeln. »Ich wollte dich …« Der junge Mann unterbrach sich, als er Hilkes Vater hinter ihr auftauchen sah. »Guten Morgen, Meister Knud! Und einen schönen Sonntag! Dir natürlich auch, Hilke.«

Er verbeugte sich leicht vor der jungen Frau und ließ den Blick dann über Hilkes schmucke Erscheinung schweifen. Auch sie war bereits in ihrem Sonntagsstaat, trug ein schwarzes Kleid aus Wollstoff, darunter ein reich besticktes leinenes Unterkleid und eine blaue, mit Borten geschmückte Surcotte, eine Art Mantelkleid. Ihr azurblaues Schultertuch verriet den Wohlstand ihrer Familie. Brüsseler Tuche kosteten auf dem Markt in Barmstedt ein Vermögen. Meister Knud verwöhnte seine einzige Tochter, und dieses Tuch passte so gut zu Hilkes tiefblauen Augen, dass er wohl einfach nicht daran vorbeigekommen war.

»Auch dir einen guten Tag, Henrik!«, grüßte der Meister zurück. »Komm doch herein. Es ist kalt draußen …«

Hilke gab widerstrebend die Tür frei, und Henrik betrat die Deele.

»Was führt dich her, noch vor dem Kirchgang?« Der Dachdeckermeister schritt seinem Besuch voraus, zwischen den Ständern der Pferde hindurch zur Feuerstelle.

Henrik richtete sich auf. »Eure Tochter, Meister Knud!«, erklärte er dann gelassen, bar jeder Verlegenheit. Er war ein gut aussehender junger Mann mit gleichmäßigen Gesichtszügen, strohblondem, kurz geschnittenem Haar und hellblauen Augen, in denen sich die Selbstsicherheit des reichen Bauernsohnes spiegelte. »Ich wollt Euch höflichst fragen, ob ich Hilke zur Kirche begleiten darf.«

Hilke musterte ihren Verehrer mit kühlem Blick. »Ich stehe hier vor dir, Henrik«, bemerkte sie. »Wenn du mich also etwas fragen möchtest, so kannst du das ohne Umschweife tun. Dafür brauchst du nicht die Erlaubnis meines Vaters!«

Knud lächelte nachsichtig, doch auch etwas entschuldigend. Offenbar missfiel ihm der rüde Ton, in dem Hilke mit dem Bauernsohn sprach.

»Da hörst du’s, Henrik«, meinte er versöhnlich. »Aber sicher wird Hilke dich nicht abschlägig bescheiden. Wir fahren ja sowieso zur Kirche. Wo ist Jens, Hilke? Hat er schon angespannt?«

»Er wird wohl dabei sein«, antwortete die junge Frau mit Blick auf die leeren Pferdeställe. Dann wandte sie sich an Henrik. »Wie mein Vater sagt, sind wir schon fast auf dem Weg. Ich habe also bereits Gesellschaft. Du könntest dich uns allenfalls anschließen.«

»Ich dachte eigentlich an einen Spaziergang«, unterbrach Henrik sie. »Es ist kalt draußen, doch nicht nass, womöglich kommt gar noch die Sonne heraus. Du und ich, wir könnten also gut zu Fuß gehen.«

Hilke nickte, wobei die Spitzen der kleinen schwarzen Sonntagshaube, die ihr kupferblondes Haar krönte, wippten. »Könnten wir«, gab sie zurück. »Aber Hein könnte nicht. Deshalb nehmen wir den Wagen. Und ich sehe nicht ein, warum wir zwei nebenherlaufen sollten. Oder hält dich das Vieh auf eurem Hof so wenig auf Trab von Montag bis Sonnabend, dass dir auch noch am Sonntag der Sinn nach Laufen steht?«

Henrik spielte verärgert mit der Fibel, die seinen Umhang zusammenhielt. Er gab jedoch noch nicht auf. »Mir steht nicht der Sinn nach Bewegung, sondern nach dem Zusammensein mit dir, Hilke. Einem traulichen Beisammensein. Ohne Jens und ohne Hein.«

Hilke senkte die Lider und blinzelte dann gespielt tugendhaft darunter hervor. »Und ohne meinen Vater und ohne Frau Käthe? Aber Henrik! Man könnte denken, du und ich … man könnte denken, du würdest um mich werben.«

»Und wenn es mir gar nichts ausmachte, wenn die Leute das dächten?« Henrik hielt Hilke auffordernd beide Hände entgegen. »Wenn’s mich stattdessen stolz machte?«

Meister Knud griff ein, bevor seine Tochter sich ein weiteres Mal im Ton vergreifen konnte.

»Das ehrt uns natürlich sehr, Henrik, dass du daran denkst, um meine Tochter zu freien. Doch schau, so eine Sache will wohlüberlegt sein. Die darf man nicht übers Knie brechen. Und ganz sicher kann Hilke sich nicht an einem Sonntag vor dem Kirchgang entscheiden. Zumal nicht heute, da der neue Pfarrer doch zum ersten Mal die Messe liest. Wenn du mit ihr in die Kirche kämest, in trauter Gemeinschaft, nach einem ›Spaziergang‹ – dann denkt der doch gleich, ihr wäret einander versprochen. Und wenn’s dann doch nichts wird, dann hält er Hilke womöglich für wankelmütig. Nein, Henrik, Hilke hat Recht. Du kannst dich meiner Familie gern anschließen, wenn wir gleich zur Kirche fahren – und du weißt, warum wir anspannen, statt den kurzen Weg zu Fuß zu gehen. Wir freuen uns auch, wenn du im Gotteshaus bei uns Platz nimmst.«

»Bei … Hein?«, fragte Henrik, verblüfft ob der Zumutung. »Ihr meint, ich soll neben dem Dorfdeppen sitzen?«

»Dem Dorfdeppen?«, empörte sich Hilke. »Wie kannst du Hein einen Deppen nennen? Der hat zwar lahme Beine, aber weitaus mehr im Kopf als …«

»Der Hein ist nicht dumm!«, fiel Meister Knud seiner Tochter ins Wort, und auch in seiner Stimme schwang Missbilligung mit. Allerdings hielt er es nicht für klug, diesen überaus betuchten Bewerber um die Hand seiner Tochter gleich bei der ersten Meinungsverschiedenheit zu beleidigen. »Im Gegenteil, der alte Pfarrer hat ihm sogar Lesen und Schreiben beigebracht. Wer kann das sonst? Und er war auch ein heller Kopf, damals, als ich ihn in die Lehre nahm …«

Meister Knud empfand nach wie vor tiefstes Bedauern, wenn er an seinen früheren Lehrjungen dachte. Aber niemand hatte etwas dafür gekonnt, dass der Knabe damals bei den Ausbesserungen am Kirchendach ausgerutscht und gefallen war. Die Dachdeckerei war ein gefährliches Gewerbe – gerade für Anfänger. Vielleicht hätte er den Jungen ja anleinen sollen. Andererseits hatte ihn selbst auch niemand gesichert, als er seine ersten Kletterpartien im Gefolge seines alten Meisters gewagt hatte. Und Jens, sein neuer Lehrling, war geschickt wie eine Katze und fiel auch wie eine solche, wenn er doch mal den Halt verlor. Vielleicht hatte Hein es ja damals schon eher im Kopf als in den Beinen gehabt. Doch wie auch immer, irgendetwas in seinem Rücken war kaputtgegangen. Zumindest hatte Frau Käthe, seine Mutter, das so erklärt. Er selbst hatte gedacht, der Junge hätte sich die Beine gebrochen, und zuerst auch gehofft, es würde heilen – Heins Verletzung heilte jedoch nicht. Zwar hatten die Schmerzen im Rücken irgendwann nachgelassen, aber seine Beine blieben gelähmt. Seit dem Unfall lag er hilflos auf seiner Bettstatt, ständig auf Pflege angewiesen.

Ein halbes Jahr nach dem verhängnisvollen Sturz hatte Heins Familie obendrein ein weiteres Unheil ereilt. Malte, Heins Vater, und Karl, sein Bruder, waren bei einem Brand in Uetersen umgekommen. Ein Familienfest, das tragisch geendet hatte – Frau Käthe war nur davongekommen, weil sie daheimgeblieben war, um Hein zu pflegen.

Heins Mutter hatte den Hof ihres Mannes dann nicht mehr halten können. Ihr Sohn war zwar der Erbe, doch selbstverständlich unfähig, die Felder zu bearbeiten. Herr Friedrich, der Landesherr, hatte Bauer Maltes Hof Sören zugeschlagen, der zwei gesunde Söhne hatte. Käthe blieb eine Kate am Deich – und etwas vom Land ihres Mannes. Von dem Pachtzins, den Bauer Sören ihr jährlich zahlte, hatte sie ein kleines Einkommen, zusätzlich zu ihrem Lohn als Hebamme. Auch Meister Knud unterstützte Hein und seine Mutter mit Almosen, und am Sonntag holte er die beiden ab und fuhr sie in die Kirche. Das, so erklärte er jedem, der es hören wollte, sei Christenpflicht.

»Hein ist ein Krüppel!«, erklärte Henrik unbeeindruckt. »Mein Vater sagt, er sollte nicht in die Kirche gehen, sein Anblick beleidigt Gottes Angesicht.«

»Dann hätte Gott ihn mal besser nicht vom Dach fallen lassen sollen!« Hilke griff entschlossen nach dem wollenen Umhang, der sie eher warm halten würde als das hübsche, jedoch leichte Tuch. »Komm, Vater, lass uns gehen. Jens müsste fertig sein mit den Pferden. Und Frau Käthe und Hein werden warten.« Damit ließ sie Henrik stehen und ging zur Tür.

Wie Hilke gehofft hatte, stand der Leiterwagen bereit. Jens hatte sie und ihren Vater wohl gerade rufen wollen. Nun, da Hilke schon ungerufen und vor allem allein aus dem Haus kam, strahlte er.

»Wie schön du wieder bist!«, bemerkte er, warf einen verstohlenen Blick auf die hinter Hilke ins Schloss fallende Haustür und schien entschlossen, der jungen Frau rasch einen Kuss zu rauben.

Hilke wehrte ab. »Nicht, Jens! Vater kommt gleich, und …«

In der Deele hörte man nun auch die Stimmen von Henrik und Meister Knud.

»… meint es nicht so …«

»… Kinderfreundschaft …«

»… Christenpflicht …«

»… könnt’ meinen, da wär was zwischen Hilke und Hein!«

Hilke und Jens verstanden nur Wortfetzen, aber Henrik schien nun doch ernstlich verärgert, und Meister Knud versuchte zu beschwichtigen.

»Da ist etwas zwischen dir und Hein?« Jens fand gerade noch Zeit, Hilke zu necken, bevor die Männer aus dem Haus traten. »Da wird er wohl bald auf eurer Hochzeit tanzen!«

»Sprich nicht so!«

Hilke blitzte den Lehrjungen an. Gereizt, wie sie war, ärgerte sie sich jetzt auch über Jens’ Spottreden. Dabei pflegte Jens eigentlich einen sehr freundlichen Umgang mit Hein. Er wusste schließlich genau, dass ein solcher Unfall auch ihn jederzeit treffen könnte, und er zeigte stets großen Respekt vor Meister Knuds Gunstbezeugungen seinem früheren Lehrling gegenüber.

»Warum sollte Hein nicht eines Tages eine Frau nehmen? Er ist doch ein guter Kerl und ein hübscher dazu. Wenn ich nicht zufällig einen gewissen Jens aus Uetersen lieben würde …«

Hilkes Zorn verrauchte, als sie in Jens’ zerknirschtes Gesicht blickte. Sie liebte ihn – sein weiches blondes Haar, das schneller zu wachsen schien, als er es kurz schneiden lassen konnte, seine lebhaften hellbraunen Augen, die Lachfältchen um seine sinnlichen Lippen, die so gut zu küssen verstanden … Schon ein Jahr zuvor hatten die beiden sich einander heimlich versprochen.

»Nun rede mal keinen Unsinn daher, natürlich ist da nichts zwischen Hilke und Hein!«, schimpfte Meister Knud ungeduldig. Er riss jetzt sichtlich ungehalten die Tür auf. »Der Hein ist krank, der kann sich kaum rühren, wie soll der je genug Geld aufbringen, eine Frau zu unterhalten? Sofern er überhaupt … Also, wahrscheinlich sind da ja nicht nur die Beine gelähmt. Er ist ein armer Krüppel, Henrik, und es spricht sehr für meine Hilke, dass sie sich um ihn bemüht. Wenn du das nicht einsiehst …« Er hielt inne, als er Jens und Hilke vor dem Fuhrwerk sah. »Fährst du jetzt mit uns, Henrik, oder nicht?«, fragte der Meister dann und machte Anstalten, den Bock zu erklettern. Hilke stieg hinten auf.

»Ich verzichte!«, erklärte Henrik mit majestätisch erhobenem Haupt. »Auf Wiedersehen, Hilke. Ich komme auf mein Angebot zurück, wenn du besserer Laune bist und wenn deine Christenpflicht dich gerade nicht bindet!« Damit schritt er davon.

»Was hat der denn?«, fragte Jens verwundert.

Henrik hatte ihn nicht einmal eines Grußes gewürdigt, was unhöflich war. Gut, Henrik war der Sohn eines reichen Bauern und Jens nur ein Lehrjunge, doch Letzteres würde sich schon in wenigen Tagen ändern. Jens’ Freisprechung stand kurz bevor, sein Gesellenstück lieferte er gerade ab: Das Haus des Schmiedes wurde neu gedeckt, und Jens erledigte die Arbeit ganz allein und zu Meister Knuds größter Zufriedenheit. Als ausgebildeter Handwerker war er Henrik danach mindestens ebenbürtig, auch wenn Jens natürlich noch lange am Hungertuch nagen würde. Er beabsichtigte, nach Weihnachten für ein paar Jahre auf Wanderschaft zu gehen und dann als Meister heimzukehren und um Hilke zu freien.

Hilke winkte ab. »Ach, du kennst doch Henrik. Er läuft rum wie ein Ritter und benimmt sich auch so. Demnächst wird er noch ein Schwert tragen, wenn er zur Kirche geht. Du meinst es nicht wirklich ernst, Vater, dass ich ihm erlauben sollte, um mich zu werben?«

Meister Knud seufzte. Jens und Hilke gaben sich stets größte Mühe, ihre Gefühle füreinander vor ihm zu verbergen, aber er war nicht blind und seine Frau Wiebke erst recht nicht. Beide hatten längst gemerkt, wie sehr Hilke und Jens einander zugetan waren, doch sie hatten stillschweigend entschieden, die Angelegenheit nicht anzusprechen. Im Grunde hätte gerade der Meister nicht allzu viel dagegengehabt, Hilke mit Jens zu verheiraten – er hatte keinen Sohn, und insofern lag es durchaus nahe, sie mit einem möglichen Nachfolger zu vermählen. Doch obwohl Jens gut einschlug, von einem Meisterbrief war er noch weit entfernt. Er wollte ja auch bereitwillig weiter lernen und dabei noch ein bisschen von der Welt sehen. Meister Knud fand das gut und richtig, musste jedoch auch seiner Frau zustimmen: Hilke war jetzt siebzehn Jahre alt und im heiratsfähigen Alter. Jens würde frühestens in fünf Jahren zurückkehren, dann wäre sie schon fast zu alt, um sich zu vermählen. Und wusste man, ob Jens überhaupt wiederkam? Die Welt war groß, er konnte sich anderweitig verlieben, und Hilke wartete dann vergeblich und vertat ihre Chancen.

»Er braucht dazu wohl weder deine noch meine Erlaubnis«, meinte der Meister nun ausweichend. »Wenn er dich anschmachten will, so soll er das tun. Du musst die Werbung ja nicht annehmen. Du musst ihn nicht einmal ermutigen. Dann werden wir ja sehen, wie ernst er es meint, wie viel Geduld er aufbringt. Und wer weiß, vielleicht änderst du irgendwann deine Meinung.«

»Ganz sicher nicht!« Hilke schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre Haube verrutschte. Rasch griff sie in ihr Haar, um sie erneut festzustecken. »Geht es so?«, fragte sie ihren Vater. »Nicht, dass Mutter schimpft, weil ich liederlich herumlaufe!«

Wiebke war schon vor Stunden aus dem Haus gegangen, um die Kirche mit anderen Frauen des Dorfes für die erste Messe des neuen Pfarrers zu schmücken. Der alte Priester, Vater Thomas, war in der letzten Zeit immer hinfälliger geworden und hatte fast zur Gänze sein Augenlicht verloren. Deshalb hatte er sich einige Wochen zuvor in ein Kloster zurückgezogen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Und nun hatte der Bischof die Pfarrstelle in Friedrichsdorf endlich neu besetzt. Seit drei Tagen wohnte Vater Jakobus im Pfarrhaus, und die Frauen der Dörfler gingen dort ein und aus, um es ihm heimelig zu machen. Wirklich zufrieden war Frau Wiebke allerdings nicht mit dem neuen Seelsorger.

»Er ist fest im Glauben, jedoch ein harter Mann«, hatte sie am Tag zuvor erst ihrem Mann und ihrer Tochter gegenüber geäußert. »Natürlich ist er noch jung, er mag später in vielem milder werden. Aber wie er die Käthe abgekanzelt hat, als sie ihm einen Sud gegen seine Magenschmerzen geben wollte! Gott habe sich schon etwas dabei gedacht, ihn damit zu strafen, meinte er. Sicher sei es Völlerei gewesen, den Schinken und die Gänsebrust von Bauer Sören anzunehmen und das Brot und die Butter von der Stine Klever. Auf jeden Fall werde er die Schmerzen mit Würde tragen. Und die Käthe hat er angeschaut, als wär sie eine leibhaftige Hexe!«

Nun war Käthes Ruf untadelig, niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, sie der Hexerei zu verdächtigen. Hilke machte sich allerdings ihre Gedanken darüber, was dieser neue Pfarrer wohl zu Hein sagen würde. Vater Thomas war stets sehr gütig zu ihm gewesen und hatte ihn nicht nur in der Kirche willkommen geheißen, sondern auch zu Hause besucht. Er hatte einen reisenden Korbflechter dazu gebracht, dem Jungen die Grundlagen seines Handwerks beizubringen, sodass Hein ein bisschen Arbeit hatte und gelegentlich etwas zum Lebensunterhalt beitrug. Dazu hatte er eines Tages bemerkt, dass der Junge sich für die Schrift in seiner Bibel interessierte und ihm zunächst halbherzig, dann mit immer größerer Begeisterung die Buchstaben erklärt. Inzwischen konnte Hein längst fließend lesen und schreiben, und auch das hatte Vater Thomas genutzt. Wenn irgendeine Urkunde ausgestellt werden musste, was sonst dem Priester als einzigem Schreibkundigen zugefallen war, sandte er die Bittsteller zu Hein und bat sie, den jungen Mann mit einem Brot, einem Stück Käse oder Schinken zu entlohnen.

Zurzeit arbeitete Hein an Jens’ Gesellenbrief. Ihr Vater Knud hatte sich ausbedungen, die Urkunde in besonderer Schönschrift abzufassen. Hilke fragte sich manchmal, was Hein wohl dabei fühlte. Wäre alles so gekommen wie geplant, hätte auch er längst seinen Gesellenbrief und wäre hinaus in die Welt gezogen, statt auf ewig an das Nachtlager in der Kate seiner Mutter gefesselt zu sein.

»Du bist schön genug!«, beschied Meister Knud jetzt seine Tochter nach einem flüchtigen Blick auf den Sitz ihrer Haube. »Nicht, dass dich der Pfarrer noch der Hoffart beschuldigt, wenn er so ein harter Hund ist. Und du fahr zu, Jens, wir sind spät dran. Wir sollten nicht erst nach Beginn der Messe kommen!«

Jens schnalzte Lütje und Helle aufmunternd zu, die daraufhin in flotteren Trab fielen. Er lenkte das Gespann aus dem Dorf hinaus, Käthe und ihr Sohn wohnten etwas abseits. Der Wagen passierte Felder, die auf die Frühjahrseinsaat warteten, und ordentlich eingezäunte Weiden, auf denen das Vieh sich im Sommer satt fressen konnte. In der Ferne erkannte man die Deiche, die den Fluss einfassten. Meister Knud brummte unwillig bei ihrem Anblick.

»Hier muss unbedingt was dran getan werden!«, erklärte er. »Da drüben ist der Wall fast weggespült. Da bricht beim nächsten Sturm Wasser durch, so wir den Schaden nicht beheben. Tut mir leid, Jens, wenn’s ein paar Tage länger dauert mit dem Gesellenstück. Doch wenn Deichdienst ansteht, muss ich dich dafür freistellen.«

Jens zuckte mit den Schultern. »Wenn’s mein Gesellenstück beim nächsten Sturm wegspült, wär auch keinem gedient«, meinte er gelassen. »Die Deiche gehen vor. Aber wartet ab, Meister, was Bauer Sören dazu sagt. Der baut gerade neue Schafställe, da wird’s ihm nicht recht sein, wenn er seine Knechte schicken muss. Und seine Söhne haben’s nicht so mit dem Sandschaufeln.«

Der Bau und die Verwaltung der Deiche sorgten immer wieder für Spannungen innerhalb der Einwohnerschaft des Dorfes. Es war teuer und aufwendig, sie zu unterhalten, und so mancher Bauer setzte lieber auf Gottvertrauen und Gebete, denn auf harte Arbeit. Vater Thomas hatte entsprechende Bittgottesdienste und Segnungen der Äcker jedoch immer nur nach vorheriger Inspektion der Deiche vorgenommen. Gott, so pflegte er zu sagen, hilft denen, die sich selbst helfen. Er hat euch die Kraft und das Wissen gegeben, Deiche zu bauen, um euch gegen die Fluten zu schützen. Tut das mit seinem Segen!

»Auch Sören muss einsehen, dass die Deiche instand gehalten werden müssen«, meinte Meister Knud. »Aber ich fürchte, wir schaffen es nicht, ihn dazu zu überreden, sie auch noch zu erhöhen. Dabei wäre das dringend nötig. Frau Käthes Land war schon beim letzten Hochwasser überspült, und da hat es nicht mal einen richtigen Sturm gegeben. Wenn es hart auf hart kommt, ist das ganze Dorf in Gefahr.«

Die nächste Versammlung der Dörfler war für diesen Sonntagnachmittag anberaumt, und Meister Knud machte sich dazu seit Wochen Gedanken. Bei der Gründung von Friedrichsdorf hatte man die Deiche schnell, jedoch ziemlich flüchtig errichtet. Nach Ansicht des Dachdeckers wäre es längst Zeit gewesen, sie gänzlich zu erneuern. Beim letzten Sturm war das Land direkt am Deich überspült worden, und der Meister sorgte sich. Nun hatte es in diesem Fall nur das Land getroffen, das Heins Mutter an Bauer Sören verpachtet hatte, und der ließ im Sommer Schafe darauf weiden, die sich bei dem Sturm im Stall befunden hatten. Bei der Überschwemmung war also nichts und niemand zu Schaden gekommen. Zerstörte Äcker oder ertrunkene Tiere hätten die Bauern alarmiert, so jedoch würden Sören und die anderen wieder auf die schnellste und billigste Lösung setzen. Wenn ihnen der Pfarrer nicht den Kopf zurechtrückte.

Ob Vater Jakobus allerdings genauso klug und entschieden argumentieren würde wie sein Vorgänger? Der Mann kam aus Schleswig. Meister Knud seufzte. Womöglich gab es da gar keine Sturmfluten, und der Gottesmann konnte sich nicht vorstellen, was eine solche für Schäden anrichtete …

KAPITEL 2

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Käthes kleines Haus lag inmitten des Marschlandes. Nur eine Hecke um das Anwesen schützte es vor der frischen Brise, die hier fast ständig wehte. Die Kate wirkte stets etwas sturmgebeutelt, zumal kein Mann da war, der Wände und Walmdach in Ordnung hielt. Die Dachtraufe lag so tief, dass das Haus fast nur aus Reetgeflecht zu bestehen schien, es sah aus, als duckte es sich vor dem Wind.

Äußerst gepflegt und ordentlich zeigte sich jedoch der im Windschatten des Hauses angelegte Gemüse-und Kräutergarten. Sein Ertrag trug selbst jetzt im Winter zu Frau Käthes und Heins Überleben bei. Hilke sah, dass der Grünkohl gerade zur Ernte anstand. Vor allem zog die Hebamme hier die Kräuter, aus denen sie ihre Salben und Heiltränke herstellte. Zurzeit sprossen diese zwar nicht, doch Käthe hatte die Beete sorglich mit Stroh abgedeckt. Einige Pflanzen mochten darunter überwintern.

Jens verhielt die Pferde vor dem Gartentor, und Hilke kletterte auf den Bock, um die Zügel zu übernehmen, nachdem die Männer abgestiegen waren. Sie hörte ihren höflichen Gruß beim Betreten der Kate und Frau Käthes fröhliche Erwiderung. Die Hebamme war ein freundlicher Mensch, der sich durch all die Schicksalsschläge, die sie im Laufe ihres Lebens hatte erdulden müssen, nicht brechen ließ. Sie scherzte selbst noch mit den Wöchnerinnen in der Stunde der Geburt, und sie ließ auch nicht zu, dass Hein an seinem Leiden verzweifelte.

»Gott will, dass wir frohgemut durchs Leben gehen!«, pflegte sie resolut zu sagen und hatte auch gleich eine Erklärung, als Vater Thomas sie lachend fragte, woher sie denn diese Erkenntnis habe.

»Nun, Vater, wenn Ihr des Sonntags in die Kirche kommt und Eure Pfarrkinder erwarten euch missmutig und griesgrämig, dann habt Ihr keine Freude an ihnen, nicht wahr? Und wie soll es da erst unserem Schöpfer gehen, der sich all die Mühe gemacht hat mit der Welt und der sie gestaltet hat, wie sie schöner nicht sein kann? Der will doch, dass wir uns daran freuen und ihm danken, statt immer nur zu schimpfen und zu klagen und uns zu beschweren!«

Vater Thomas hatte das so gefallen, dass er diese freundliche Weltsicht sogar einmal zum Thema einer Sonntagspredigt gemacht hatte. Und Käthe war darüber so stolz gewesen, als hätte sie die Predigt selbst geschrieben.

Nun kam sie den Männern voraus aus dem Haus und grüßte munter zu Hilke hinüber, während sie Jens und Meister Knud die Tür aufhielt, damit sie mit der Holztrage hindurchtreten konnten. Wie immer sah Käthe frisch aus, sie hielt ihre einfache Kleidung untadelig in Ordnung. Ihr glänzendes schwarzes Haar trug sie zum Knoten gewunden unter einer weißen Haube. Zum Kirchgang sollte sie eigentlich eine schwarze tragen, aber Käthe besaß nur eine Festtagstracht, in der sie zu Taufen und Beerdigungen ging und die sie auch als Sonntagskleid nutzte. Ihr Rock und ihre Schürze waren aus billigem Tuch und weitaus schlichter gestaltet als Hilkes Kleidung. Käthe und Hein mussten nicht hungern, für Spitze und Borten hatten sie jedoch kein Geld.

Meister Knud und Jens hievten die Trage nun auf die Ladefläche des Leiterwagens. Hein zog sich sofort an den Seiten des Wagens hoch, um in eine mehr sitzende Position zu kommen. Das gelang recht gut, seine Arme waren ja gesund und stark – und hätten noch stärker sein können, hätte er mehr Gelegenheit, sich im Stemmen von schweren Dingen zu üben. Hilke dachte nicht zum ersten Mal, dass es nicht gut für ihn war, ständig zu liegen und auch die gesunden Glieder seines Körpers nicht anzustrengen. Doch was außer dem Korbflechten und Schreiben könnte er tun?

Jetzt saß er stolz fast aufrecht im Wagen und lächelte Hilke zur Begrüßung zu. Sie erwiderte das Lächeln sofort, aber das hätte wohl jede junge Frau getan, zumindest sofern sie nicht gewusst hätte, dass die schönen, ebenmäßigen Züge und die sanften, irritierend hellgrünen Augen des jungen Mannes zu einem Krüppel gehörten, mit dem zu tändeln sich nicht lohnte.

»Guten Morgen, Hein!«, sagte sie freundlich, gab die Zügel an Jens zurück und kletterte rasch vom Fahrersitz.

Sie würde wieder hinten aufsteigen und sich die Ladefläche mit Käthe und Hein teilen. Ihr Vater bestand nicht darauf, die Zügel selbst zu führen, das überließ er gern seinem Lehrling. Er hatte jedoch gern den Überblick und thronte nun, als der Wagen wieder durchs Dorf rollte, stolz wie ein König auf dem Bock seines wertvollen, gut instand gehaltenen Wagens über seinen schmucken, starken Pferden.

»Einen schönen Sonntag wünsche ich«, sagte Hein artig, als Hilke sich ihm gegenüber niederließ. An der Wand des Leiterwagens gab es behelfsmäßige Sitze. »Und ich dank dir, Hilke, dass du den Männern nicht verwehrst, diesen Umweg zu fahren, um uns zur Kirche zu holen. Dabei musst du doch frieren in dem offenen Wagen an einem so kalten Tag.«

Hilke lachte und wehrte ab. »Ach, hör auf, Hein, red nicht so geschwollen! So schnell frier ich nicht, ich bin warm angezogen, und ihr seid uns auch keine Last! Aber du wirst frieren, wenn du da auf den kalten Planken liegst. Habt Ihr keine Decke für Hein, Frau Käthe?«

Sie wusste, dass Hein die Kälte in den Beinen nicht spürte. Es war trotzdem nicht gut für ihn, wenn sie ihm in die Knochen fuhr. Als Heins Mutter nicht gleich antwortete, griff Hilke selbst nach den Pferdedecken, die hinten im Wagen lagen. Hein mochte es eigentlich nicht, wenn Hilke ihn bemutterte. Andererseits war er es von klein auf gewöhnt. Wiebke schickte stets ihre Tochter, wenn sie Käthe und Hein an den Speisen aus ihrer Küche und am Bier aus ihrem Brauhaus teilhaben ließ, und so hatten die Kinder ihre Freundschaft weiter pflegen können. Hein hatte in den Wochen nach dem Unfall unter starken Schmerzen gelitten, aber Hilke hatte stets verstanden, ihn abzulenken, indem sie Neuigkeiten aus dem Dorf erzählte oder von ihrer Familie berichtete, in der Hein als Lehrjunge zu Hause gewesen war.

Kurz darauf, als sich abgezeichnet hatte, dass Hein nicht wieder würde arbeiten können, war dann zwar Jens in die Familie des Dachdeckermeisters gekommen, und Hilke hatte einen neuen Ziehbruder, Frau Wiebke schickte ihre Tochter jedoch nach wie vor mindestens einmal in der Woche mit Lebensmitteln zu Käthe und Hein, und Hilke ließ es sich niemals nehmen, mit dem Jungen zu plaudern. Dabei blieb es natürlich nicht aus, dass sie Käthe half, ihn umzubetten oder sein Hemd zu wechseln. Hilke tat das ganz selbstverständlich. Erst als sich seine kindliche Freundin zu einer bildschönen jungen Frau entwickelte, begann Hein, sich vor ihr zu schämen.

»Ich bin schon sehr gespannt auf unseren neuen Pfarrer.«, erklärte Hilke jetzt.

Sie stützte Hein, um eine Decke als Polster zwischen seinen Rücken und die harten Sprossen des Wagens zu schieben. Eine weitere legte sie ihm um die Schultern – sein grob gewebter Kittel und der alte schafwollene Mantel, der seinem Vater gehört hatte, konnten ihn nicht ausreichend wärmen.

»Meine Mutter sagt, er sei sehr streng.«

Käthe, die neben ihrem Sohn Platz genommen hatte, nickte. »Kein Mensch, der frohgemut durchs Leben geht«, sagte sie, und nur, wer sie kannte, wusste, dass dies wohl das härteste Urteil war, das Frau Käthe über einen Menschen fällen konnte.

Die Gemeinde war schon fast zur Gänze versammelt, als Jens das Gespann Meister Knuds endlich vor der Kirche verhielt. Er band die Fuchsstuten neben zwei nicht minder stattlichen Rappen an. Eigentlich konnte jeder Bewohner von Friedrichsdorf die Kirche zu Fuß erreichen, doch mancher spannte trotzdem an, um seine prachtvollen Pferde zu zeigen. Einige reiche Bauern leisteten sich sogar bunt bemalte zweirädrige Wagen allein für den Kirchgang. Vor der Kutsche des Bauern Sören scharrte der Hengst Fiete ungeduldig mit den Hufen.

Der hochgewachsene, sehr schlanke Mann in der schwarzen Soutane, der eben im Begriff schien, die Kirchentür hinter den letzten Gemeindemitgliedern zu schließen, ließ den Blick missmutig über die Anbindeplätze und die glänzend gestriegelten Pferde schweifen.

»Wartet, Herr Pfarrer!«, rief Meister Knud mit kräftiger Stimme. »Wir sind ein bisschen spät, aber ich denke, Ihr werdet uns doch noch einlassen!« Er rutschte, durchaus behände für einen schweren, nicht mehr ganz jungen Mann, vom Bock und stieg rasch die Stufen zur Kirchentür hinauf, um dem Pfarrer die Hand zu schütteln. »Knud Pedersen, Dachdeckermeister«, stellte er sich vor. Die schmale Hand des großen, mageren Geistlichen verschwand fast in seiner Pranke. »Meine Frau Wiebke kennt Ihr schon. Desgleichen die Frau Käthe, die wir zum Kirchgang abholen mussten, was heute auch die Verspätung verursacht hat. Und …«

»Die Frau Käthe konnte gestern durchaus auf eigenen Füßen zur Kirche kommen«, bemerkte der Pfarrer schmallippig. Er war blass, und sein Gesicht wirkte knochig – ein Asket, streng mit sich und seinen Gläubigen, genau wie Knuds Frau Wiebke gesagt hatte. »Doch hier treibt ja wohl jeden die Hoffart. Ich habe nur drei Familien gezählt, die nicht meinten, mit ihren Rössern vor der Kirchentür vorfahren zu müssen wie ein König zu einem Ball.«

Meister Knud zuckte mit den Schultern. »Das kann man durchaus so sehen«, räumte er ein. »Der Frau Käthe tut Ihr hier jedoch Unrecht und mir und meiner Familie desgleichen. Gestattet, dass ich Euch den Sohn der Frau Käthe vorstelle, der eben leider nicht auf eigenen Füßen zum Gottesdienst kommen kann.«

Frau Käthe, Hilke und Jens hatten Hein bereits wieder auf die Trage geholfen, und Meister Knud trat nun zu ihnen und half Jens, den Gelähmten vom Wagen zu heben. Hilke machte sich bereit, artig vor dem neuen Priester zu knicksen, als sie dessen unwillig verzogenes Gesicht sah.

»Was bringt Ihr mir da für einen Krüppel in die Kirche? Was hast du getan, junger Mann, dass Gott dich mit Lahmheit geschlagen hat? Und hast du deine Sünden ausreichend bereut, um dich wieder vor sein Angesicht wagen zu dürfen?«

In Frau Käthes rundem, sonst stets gütigem, freundlichem Gesicht stieg ein Ausdruck von Ärger auf, den Hilke noch nie an ihr gesehen hatte.

»Mein Sohn …«, begann sie, doch Hein gebot ihr mit einer Handbewegung Einhalt.

»Ich kann für mich selbst sprechen, Mutter«, unterbrach er sie sanft.

Hilke hatte den Satz oft von ihm gehört. Hein liebte seine Mutter und war ihr zweifellos dankbar, doch er war neunzehn Jahre alt und mochte nicht mehr wie ein Kleinkind behandelt werden.

»Guten Morgen, Herr Pfarrer«, wandte er sich nun an den Geistlichen, richtete sich auf, soweit die Trage das ermöglichte, und streckte dem Priester die Hand entgegen. »Mein Name ist Heinrich Maltesen, und ich denke, ich habe in diesem Leben nichts getan, was Gott sonderlich erbost haben könnte. Warum es ihm gefallen hat, mich in meinem ersten Jahr als Dachdeckerlehrling vom Dach seiner Kirche stürzen zu lassen, weiß niemand auf der Welt, aber er wird seine Gründe gehabt haben. Solange sie sich mir nicht offenbaren, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten und zu beten und meine Sünden zu bereuen wie jeder andere in diesem Dorf. Wobei sich, wenn man an seine Bettstatt gefesselt ist wie ich, nicht allzu viele Möglichkeiten zum Sündigen ergeben.« Hein lächelte, fast etwas um Verzeihung bittend für den leichten Spott, der in seiner Stimme gelegen hatte.

Der Priester war jedoch weit davon entfernt, das Lächeln versöhnlich zurückzugeben. Stattdessen stand nichts als Verachtung in seinen Zügen. »Hoffart!«, schnaubte er. »Vom reichsten bis zum geringsten Mitglied dieser Gemeinde. Da nennt sich der Kerl ohne Sünde, als hätte Gott ihn nicht schon genug gestraft für seine Untaten oder die seiner Väter! Deren Schuld Gott sühnt bis in die dritte und vierte Generation!«

Bevor Hein darauf noch etwas erwidern konnte, baute sich seine Mutter wutschnaubend vor dem Geistlichen auf. »Mein Malte«, erklärte sie so laut, dass jeder in der Kirche es hören konnte, »war ein anständiger Mann! Der hat keine Missetaten begangen, um derentwillen Gott meinen Heinrich hätte strafen müssen. Mein Sohn ist vom Dach gefallen, Herr Pfarrer! Und Gott hat ihn nicht gestoßen!«

Damit ließ sie den Pfarrer stehen und rauschte in die Kirche. Meister Knud und Jens nahmen Heins Trage auf und folgten ihr. Dabei schienen sie etwas unsicher, wohin sie den Gelähmten bringen sollten. Vater Thomas hatte ihm stets einen Lehnstuhl aus der Sakristei gebracht – und Hein hatte wenigstens einmal in der Woche aufrecht sitzen können wie die anderen Gemeindemitglieder. Er vermochte das durchaus, doch in der ärmlichen Kate seiner Mutter gab es nur niedrige Hocker. Gepolsterte Lehnstühle waren dem Adel und dem Klerus vorbehalten, und so manches Gemeindemitglied hatte Vater Thomas’ Handeln nicht gebilligt. Zu ihnen gehörte auch der Schreiner, und entsprechend hoch veranschlagte er den Preis für ein entsprechendes Möbel. Käthe hätte nie das Geld zusammenbekommen, ihrem Sohn einen Lehnstuhl anfertigen zu lassen.

An diesem Sonntag war natürlich nichts vorbereitet, und schließlich stellten die Helfer die Trage in einer Nische der Kirche ab, in der Hein sich wenigstens an die Wand lehnen konnte. Von der Kanzel aus war der Platz kaum zu sehen, und auch Hein konnte dem Gottesdienst nur mit den Ohren folgen. Meister Knud und Jens befanden das jedoch für besser, als weitere Aufmerksamkeit vonseiten des Pfarrers auf sich zu ziehen.

Hilke und Frau Käthe nahmen ihre Plätze im linken Kirchenschiff bei den Frauen ein und fingen gleich einen verständnisvollen Blick von Hilkes Mutter auf. Die hatte die Auseinandersetzung an der Kirchentür mitbekommen und missbilligte die Ansichten des neuen Pfarrers ebenso wie die Hebamme. Beruhigend legte sie Käthe die Hand auf den Arm.

»Nimm dir nichts davon an, Käthe. Wir alle wissen, dass Malte ein guter Mann war, und Hein war ein guter und kluger Junge.«

Dies waren jedoch die falschen Trostworte. Käthe blitzte Hilkes Mutter nicht minder aufgebracht an als eben den Pfarrer. »Mein Heinrich ist ein guter Junge!«, herrschte sie Wiebke an. »Sprich nicht von ihm, als wäre er tot! Oder blöde, was womöglich noch schlimmer wäre! Ich bin sicher, Gott hat noch viel mit ihm vor.«

KAPITEL 3

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Es war eine ziemlich kleinlaute und eingeschüchterte Gemeinde, die eine gute Stunde später die Kirche verließ und zu ihren schmucken Gespannen zurückkehrte. So manche Frau zog ihren für den Kirchgang gewählten dunklen Umhang scheu über ihre Silberkette, während die Männer ihre mit Schellen und bunten Knöpfen besetzten Wämser unter den Jacken verbargen.

Vater Jakobus hatte den Friedrichsdorfern in seiner Predigt gründlich die Leviten gelesen – er warf den Frauen ihre gottlose Putzsucht vor und den Männern ihre Protzerei mit teuren Pferden und Fuhrwerken. Der Priester verdammte die Völlerei, der die reichen Bauern um die Mittagszeit wieder frönen würden, ihren Hochmut und den Mangel an Tugend, den er schon nach drei Tagen im Dorf ausgemacht haben wollte. Dabei sparte er nicht mit Bibelzitaten, die den Gläubigen die Konsequenzen ihrer Taten drastisch vor Augen führten.

»Gott der Herr wird das nicht hinnehmen!«, predigte er und zitierte aus der Bibel. »›Ich will die Bosheit an der Welt heimsuchen und an den Gottlosen ihre Missetat und dem Übermut der Vermessenen ein Ende machen! Ja, schaue die Hochmütigen, wo sie sind, und beuge sie, und zermalme die Gottlosen! Und sie sollen erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich das Land ganz verwüstet habe, um all ihrer Gräuel willen, die sie üben!‹«

Die Dörfler duckten sich betroffen unter dem Donnergrollen des Jüngsten Gerichts. Vater Jakobus war ein mitreißender Prediger, dessen dunkle, dröhnende Stimme seine Worte beängstigend mit Leben füllte.

»Also beuget euch vor Gott unserem Herrn und tut Buße, solange er noch geduldig mit euch ist!«, schleuderte er seinen Schäfchen entgegen. »Gottes Langmut währt nicht ewig!«

Der rituelle Schluss der Messe schien bei Vater Jakobus dagegen nicht so recht von Herzen zu kommen. Sein »Gehet in Frieden, der Herr sei mit euch!«, klang fast so, als hegte er ernsthafte Zweifel, ob Gott sich wirklich die Mühe machen würde, dieser verdorbenen Herde zu folgen.

Der Auszug der Gemeinde aus der Kirche glich denn auch fast einer Flucht. Hilke und Heins Mutter halfen Meister Knud und Jens, den vor Kälte ganz steifen Hein zurück auf den Wagen zu betten.

»Ganz so«, brach der schließlich das angespannte Schweigen, »steht das gar nicht in der Bibel. Also all diese Drohungen …«

Frau Wiebke runzelte die Stirn. »Na, na, Hein! Nur weil du ein bisschen lesen kannst und Vater Thomas dich mal hat in die heiligen Bücher schauen lassen, brauchst du den Pfarrer nicht gleich der Lüge zu zeihen! Es wird schon alles seine Richtigkeit haben, und manche unserer Bauern übertreiben es ja wirklich mit der Protzerei.«

Sie wies auf Bauer Sören, der sich zum Kirchgang tatsächlich wie ein Ritter mit einem Schwert gegürtet hatte, und auf Schreiner Piet, dessen schellengeschmücktes Wams bei jeder Bewegung ein helles Klingeln abgab wie bei einem Gaukler.

»Ich zeihe ihn ja nicht der Lüge«, stellte Hein richtig. »Es steht schon alles so geschrieben, aber an ganz verschiedenen Stellen, und gemeint sind unterschiedliche Dinge.«

»Wir wollen aber doch nicht hoffen, dass Gott so streng mit uns armen Sündern sein wird, nur wegen ein paar Glöckchen und eines schmucken Rosses«, fügte Frau Käthe entschlossen hinzu. »Nein, nein, da hat der Herr Jesus sicher auch noch ein Wörtchen mitzureden, und der hat wohl ganz gern mal einen Schluck Wein getrunken und gut gespeist.«

Meister Knud, der über einen ausgeprägten Sinn für Humor verfügte, lachte über die resolute Bibelauslegung der Hebamme. »Nun, wenn Ihr es sagt, Frau Käthe, dann können wir uns unser Sonntagsessen ja wenigstens ohne schlechtes Gewissen schmecken lassen. Halt an bei meinem Haus, Jens, und dann schneidest du der Frau Käthe und dem Hein auch eine Scheibe vom Braten ab, Wiebke! Auf dass der neue Pfaffe nicht euch der Missgunst zeihe und uns des Geizes!«

Hilke brachte das Kochgeschirr mit dem Fleisch und ein halbes Brot für Hein und seine Mutter aus dem Haus, Jens sollte die beiden nach Hause fahren.

»Magst du nicht noch mitkommen?«, fragte der Lehrling mit einem Augenzwinkern, als Hilke Anstalten machte, sich von Frau Käthe und Hein zu verabschieden. »Es ist genügend Platz auf dem Bock. Und dann hab ich Gesellschaft auf dem Heimweg!«

Hilke schwang sich bereitwillig auf den Wagen, allerdings nicht, ohne Jens noch ein wenig zu necken. »Nun, auf dem kurzen Weg wirst du nicht vor Einsamkeit vergehen. Aber ich komme gern mit, dann kann ich auch helfen, Hein ins Haus zu bringen. Das ist doch zu schwer für Euch, Frau Käthe!«

Die Hebamme, der die verliebten Blicke zwischen Jens und Hilke während des ganzen Jahres natürlich nicht entgangen waren, verdrehte die Augen. »Na, wenn das mal gottgefällig ist, was ihr an Ausreden braucht, um ein bisschen allein zu sein und zu turteln!«, mahnte sie gutmütig. »Die Tugend, die Tugend, Hilke! Passt mir auf, dass unser neuer Herr Pfarrer euch nicht erwischt!«

Hilke lief umgehend rot an. Frau Käthe hatte sie durchschaut. Jens würde Hein und seine Mutter rasch heimbringen und dann auf dem Rückweg Zeit finden, den Wagen an einer einsamen Stelle anzuhalten und ein paar Küsse mit Hilke zu tauschen.

Hein, der ihre Verlegenheit bemerkt hatte, wechselte rasch das Thema. »Was wird denn nun mit der Versammlung wegen der Deiche heute Nachmittag?«, fragte er in Jens’ Richtung. »Ich mach mir da ein bisschen Sorgen, auch wegen Vater Jakobus. Wie mag der zum Deichbau stehen? Hilkes Vater meint, wenn an unserem alten Deich nichts getan wird, dann könnt’s beim nächsten Sturm nicht nur unser Land überfluten, sondern auch unser Haus!«

Hein fuhr sich besorgt durch sein volles Haar, das dringend mal wieder geschnitten werden musste. Aber vielleicht plagte ja auch ihn manchmal der Hochmut, und wenn er schon kein Schwert tragen und keine bunten Wämser zur Schau stellen konnte, so vermochte er doch wenigstens sein Haar wachsen zu lassen wie ein Ritter.

Hilke lächelte ihm aufmunternd zu. »Da mach dir mal keine Gedanken, Hein«, beruhigte sie ihn. »Der Vater wird schon drauf achten, dass der Deich um eure Weiden gerichtet wird.«

»Das Wasser könnt’ auch das ganze Dorf überfluten«, fügte Jens hinzu. »Die Deiche sind durchweg marode. Aber das sieht ja jeder ein. Da gehen wir noch vor Weihnachten dran, das ist sicher. Umstritten ist nur Meister Jörgs und Meister Knuds Vorschlag, ganz neu zu bauen und erheblich höher!«

Meister Jörg war ein Baumeister, der die Burg des Landesherrn konstruiert hatte, sich jedoch auch für Deichbau interessierte. Herr Friedrich hatte ihn deshalb nach Friedrichsdorf geschickt, wo er sich mit Meister Knud hervorragend verstanden hatte. Auch Vater Thomas hatte die Ansichten des Baumeisters so ernst genommen, dass er ihm die Kirche zur Verfügung gestellt hatte, um mit den Friedrichsdorfern zu reden. Weder Jörg noch Hilke hatten seine aufrüttelnden Worte vergessen: »Dass ihr der Elbe all das Land abringen konntet und es halten bis jetzt, das verdankt ihr sicher Gottes Gnade. Doch wenn’s euch mal wirklich trifft mit der Flut, dann werden zumindest all die Felder direkt am Fluss überschwemmt. Die solltet ihr nicht einsäen, so fruchtbar sie sein mögen. Es wäre sicherer, sie als Deichvorland unbestellt zu belassen. Das Vieh kann das Gras ja abweiden!«

Die Bauern, allen voran Henriks Vater, hatten sich darüber verständlicherweise geärgert. Schließlich hatte Bauer Sören gerade etliche Äcker am Fluss erschlossen, doch nur flüchtig eingedeicht.

»Die Hälfte der Deiche um die neuen Felder sind bestenfalls Sommerdeiche«, führte Jens jetzt aus. »Und die alten Deiche dahinter, die Winterdeiche, lassen Sören und die anderen verfallen. Man wird sie dazu anhalten müssen, ihre Pflicht zu tun und die Deiche zu pflegen. Und das setzt Meister Knud sicher durch. Aber ein Neubau …«

»Vater Thomas hat sich dafür ausgesprochen«, meinte Hein.

Jens nickte. »Doch Vater Thomas ist fort«, erklärte er bedeutsam.

Hilke begann sich zu langweilen. Die Friedrichsdorfer Deiche waren ein ständiger Streitpunkt, bislang hatten sie jedoch auch in ärgsten Sturmnächten gehalten. Und es gelüstete sie gerade nach der düsteren Predigt des neuen Pfarrers nicht nach weiterer Schwarzseherei. Insofern war sie ganz froh, als sie die Kate endlich erreichten, und sie machte ihr Versprechen wahr, Jens und Frau Käthe mit Heins Trage zu helfen.

»Das müsste doch leichter gehen«, murrte sie, als sie die schwere Holzpritsche glücklich im Haus hatten. »Das Beste wäre eine Art Sänfte. So was wie die Burgfräulein benutzen, wenn sie nicht reiten mögen.«

»Na, das wäre erst recht hoffärtig!«, amüsierte sich Jens. »Stell dir vor, Hein ließe sich wie ein Fürst auf seinem Thron in die Kirche tragen. Vater Jakobus würde der Schlag treffen. Kannst du dich selbst auf deine Bettstatt rüberziehen, Hein, wenn wir die Trage hochhalten?«

Hein schaffte es, war danach jedoch ziemlich erschöpft. Die Kirchgänge strengten ihn immer an. Natürlich gab er das nicht zu.

»Ich dank euch, Jens und Hilke! Und was deine Freisprechung angeht, Jens, die Urkunde ist fast fertig.« Hein lächelte bemüht.

Jens winkte ab. »Zeig sie mir bloß noch nicht, womöglich bringt das Unglück. Aber ich lade euch ein zum Festmahl, Hein und Frau Käthe, wenn ihr kommen mögt.«

Käthe nickte höflich, obgleich Hilke wusste, dass weder sie noch Hein die Einladung annehmen würden. Sie würden sich über Reste des Festmahls freuen wie auch heute an ihrem Anteil an dem Sonntagsbraten der Dachdeckerfamilie. In Gesellschaft begaben sie sich seit Heins Unfall nicht, und sie waren auch nicht wirklich erwünscht. Gerade die Baumeister und Gesellen, die zu Jens’ Freisprechung kommen würden, mochten sich die gute Laune sicher nicht durch den Anblick eines Krüppels verderben lassen. Schon, weil es sie daran erinnerte, dass es ebenso gut sie oder ihre eigenen Lehrjungen hätte treffen können.

Hilke und Jens traten schließlich erleichtert hinaus in den kalten, immer noch trockenen Novembertag. Sie hielten einander an den Händen, als sie zum Wagen zurückliefen, und dann lenkte Jens die Stuten ohne große Fragen hinaus zu den Deichen.

»Wir werden uns selbst von ihrem Zustand überzeugen«, erklärte er wichtig, worüber Hilke natürlich nur kicherte.

Jens mochte als Handwerker mehr vom Deichbau verstehen als die Bauern, doch in der Versammlung der Dorfbewohner würde er weder gehört werden, noch war er stimmberechtigt. Als Lehrling war er das Mündel seines Meisters, und niemand nahm ihn ernst. Der Ausflug an den Fluss diente insofern nur als Ausrede, um mit Hilke allein zu sein. Das war an diesem Sonntagmittag sicher gegeben, wer sollte schon um eine solche Zeit zum Deich fahren? Zudem bot die Flusslandschaft eine schöne Kulisse für Umarmungen – oder hätte sie zumindest geboten, wäre es nicht so kalt und ungemütlich gewesen. Schon jetzt zogen Nebel auf, das trockene Wetter würde sich bestimmt nicht mehr lange halten.

»Umso dringender müssen wir uns an die Arbeit mit den Deichen machen«, meinte Jens ganz ernst, als Hilke dies anmerkte. »Wenn’s erst nass und schlammig wird, kommen wir nicht voran.«

Dann vergaß er jedoch die Deiche. Jens lenkte den Wagen in den Windschatten eines der flacheren Wälle und hielt ihn an. Die Stuten knabberten an dem kargen Wintergras, und Jens zog Hilke in seine Arme. Die junge Frau erwiderte seine Küsse und Zärtlichkeiten leidenschaftlich. Sie genoss es, wenn seine Zunge mit der ihren spielte, ihren Gaumen kitzelte und an ihren kleinen Zähne entlangfuhr, sie erlaubte Jens’ geschickten Fingern sogar, ihr Schultertuch zur Seite zu streifen und ihre Brüste unter dem Mieder zu ertasten. Lustvoll spielte sie mit den Bändern seines Beinkleids, schob ihre kalten Hände unter sein Hemd und streichelte seinen Rücken, während er spielerisch erschauderte. Erst als Jens Anstalten machte, ihr Mieder zu öffnen, gebot Hilke ihm Einhalt.

»Nicht, Jens! Dafür ist es nun wirklich zu kalt.«

Jens lachte. »Ach komm, Hilke, du glühst doch! Und ich will dich wohl auch weiter wärmen. In ein paar Tagen bin ich fort, und dann …«

»Dann wäre ich schlecht dran, wenn ich feststellte, dass in mir ein Kindchen wüchse!«, erklärte Hilke und schob ihn bestimmt von sich fort. »Nein, Jens, darüber haben wir oft genug gesprochen. Solange wir noch nicht heiraten können, machen wir nichts, was uns später leidtun könnte. Also versuch nicht, mich zu übertölpeln. Küss mich lieber … Oh, ich weiß nicht, wie ich die nächsten Jahre überstehen soll ohne diese Küsse!« Sie schmiegte sich erneut an ihn und presste ihre Lippen auf die seinen.

»Hauptsache, du suchst dir keinen anderen, der dich küsst!«, bemerkte Jens, als sie sich endlich wieder voneinander lösten. »Den Henrik vielleicht. Oder den Hannes, den Lehrling vom Schreiner. Die schauen dich beide an, als würden sie dich gern küssen.«

Hilke schüttelte ernst den Kopf. »Nein, Jens, nein, ganz sicher nicht. Ich bin treu. Der Henrik mag um mich werben, und ich weiß wohl, dass dies meiner Mutter gut zupasskäme. Der reichste Hof weit und breit, da sähe sie mich gern als Bäuerin. Doch ich mag den Henrik nicht, und sonst mag ich auch keinen. Ich will dich, Jens, und ich wart’ auf dich. Das schwör ich dir gern hier und jetzt!«

»Jetzt ist es leicht«, meinte Jens. »Aber drei Jahre oder fünf Jahre, das ist eine lange Zeit. Und ob dein Vater mir die Meisterstelle hält, bis ich heimkomme?«

Hilke lächelte überlegen. »Oh, das wird er schon, wenn ich den Henrik nicht heirate und sonst auch keinen. Wer sollte mich denn nehmen, wenn ich auf dich gewartet hab? Dann bin ich längst eine alte Jungfer, und keiner wollte mich mehr haben – wenn da nicht die Dachdeckerei als Mitgift wär.«

Jens runzelte die Stirn. »So zeihst du mich einen Mitgiftjäger?«, fragte er, doch in seinen Augen blitzte der Schalk.

Hilke zuckte mit den Schultern. »Das hoff ich nicht. Aber wer weiß, wie viele schöne Töchter all die Meister haben werden, bei denen du auf der Wanderschaft unterkommst!«

Jens lachte. »Schönere Töchter können sie kaum haben«, neckte er sie, »höchstens größere Werkstätten! Dann könnte ich mir das mit der Heimkehr natürlich noch mal überlegen.«

Jens wurde schlagartig ernst, als Hilke nicht mitlachte, sondern ihn betreten ansah. »Du meinst es doch ernst mit mir?«, fragte sie mit ängstlicher Stimme. »Für dich ist das nicht nur ein Spiel, oder? Du wirst dich nicht wirklich nach anderen Mädchen umsehen? Denn sonst … Ich nehm keinen anderen, Jens. Da kannst du sicher sein. Und wenn du nicht wiederkommst …«

Jens verschloss ihr den Mund mit einem Kuss. »Ich liebe dich, Hilke«, sagte er dann feierlich. »Für mich bist du das schönste und klügste und einzigartigste Mädchen auf der Welt. Und das wärst du auch, wenn es keine Dachdeckerei gäbe. Ich würde dich immer und unter allen, allen Umständen zur Frau wollen, dich und nur dich allein. Ich werde auch immer an dich denken. Immer … immer wenn ich …« Er suchte nach Worten. »Vielleicht immer, wenn ich die Sterne seh oder …«

Hilke lächelte, sie hatte ihren Schalk wiedergefunden. »Nicht die Sterne, Jens, die stehen hierzulande zu selten am Himmel. Denk lieber an mich, wenn die Nebel aufziehen oder wenn die Regentropfen fallen. Das kommt öfter vor.«

Jens streichelte zärtlich über ihre Stirn und ihre Wangen und fuhr die Linien ihrer Lippen mit dem Finger nach. »Und jedes Mal, wenn ich dein schönes Gesicht dann wieder vor mir sehe, wird in mir die Sonne scheinen. Der Gedanke an dich wird mich wärmen, und niemals wird es für mich dunkel sein, wo immer ich auch bin.«

»Wo immer du auch bist!«, bestätigte Hilke und küsste ihn noch einmal.

Die Zeit des Wartens würde ihr lang werden, aber an seiner Liebe zweifelte sie nicht.

KAPITEL 4

Abbildung

Frau Wiebke sah gleich, wie es um die Laune ihres Gatten stand, als dieser am Abend von der Versammlung der Landbesitzer und Deichhalter heimkam. Wohlweislich sprach sie ihn nicht sofort auf die Ergebnisse an, sondern stellte zunächst mal einen Krug Bier und einen Becher Selbstgebrannten vor ihn hin, dazu ein gutes Nachtessen, bestehend aus kaltem Braten und Brot. Sie rief auch Hilke und Jens zum Essen und sprach ein Tischgebet. Ihre Fragen stellte sie erst, als Knud ein paar gute Schluck Bier genommen hatte und sich langsam zu beruhigen schien.

»Und was werdet ihr jetzt machen? Baut ihr neue Deiche oder nicht?«

»Nichts!«, antwortete ihr Gatte knapp und verbittert. »Wir machen einfach nichts! Dank dieses verdammten Pfaffen, der nichts, aber auch gar nichts über Deichbau weiß und Sturmfluten nur vom Hörensagen kennt. Dabei hat’s an sich gut angefangen. Klar, die Bauern wollten nichts hören von ganz neuen Deichen, andererseits brennen sie alle darauf, mehr Land zu bearbeiten. Und nachdem wir uns darüber ein bisschen gestritten hatten, schlug der Hinnerk vom Birkhof vor, dass wir neu und viel höher bauen sollten, jedoch näher am Flussufer, ohne großes Vorland. Also da, wo sie sonst Sommerdeiche anlegen. Nicht ganz das, was Meister Jörg und mir so vorschwebte, aber eine Lösung, der alle zustimmen konnten. Mehr Land für die Bauern, mehr Sicherheit für alle. Weshalb denn auch die Handwerker und Kaufleute bereit waren, sich zu beteiligen. Wir standen kurz vor der Abstimmung – der Pfarrer sollte nur noch ein Gebet drüber sprechen. Stattdessen fing er wieder an zu predigen. Über die Gier der Bauern nach Land und wie verwerflich es sei, Gott ins Handwerk zu pfuschen, nur um der höheren Erträge willen, und wie eitel überhaupt der Gedanke sei, den Fluss eindämmen zu wollen, den Gott doch so geschaffen habe, wie es ihm beliebte.« Meister Knud schüttelte den Kopf. »Wir haben ihn alle ein bisschen verwirrt angeguckt, und der Hinnerk hat auch gewagt, einzuwenden, dass es uns womöglich mal das ganze Dorf wegspült, wenn wir keine Deiche bauen. Doch der Pfaffe meinte, dem Hinnerk fehle es einfach an Gottvertrauen. Wir sollten besser beten und uns in Tugend und Demut üben, dann würde die Flut uns schon verschonen. Tja, und dann traute sich natürlich keiner mehr was zu sagen, man mag sich ja nicht vorwerfen lassen, ein Zweifler zu sein. Also bleibt alles, wie es ist, wir tun gar nichts.«

»Aber die Deiche müssen ausgebessert werden!«, warf Jens ein. »Heute Morgen sind Hilke und ich … äh … also Hein bat mich, einen Blick auf die Strecke zu werfen, für die er eigentlich Deichpflicht hat. Also sind wir da mal rausgefahren, und … Na ja, die Sommerdeiche von Bauer Sören – die halten nicht mal mehr einem leichten Sturm stand!«

Meister Knud nickte. »Natürlich werden die Bauern ihren Deichpflichten nachkommen. Gleich morgen fangen sie an, die Deiche auszubessern, und ich möchte dich auch rausschicken, Jens, dass du ein Auge hast auf meine Strecke und auf die von der Frau Käthe.« Meister Knud gehörte ein Stück Land am Fluss, das er an Bauer Hinnerk verpachtet hatte. Der Bauer übernahm damit auch die Instandhaltungspflicht, letztlich lag die Verantwortung jedoch beim Eigner des Landes. »Neu bauen werden sie jedoch nicht, und erhöhen werden sie die Deiche auch nicht. Obendrein mögen sich die größten Geizhälse aufs Ausbessern der Sommerdeiche beschränken – da haben sie ja jetzt eine wunderbare Ausrede, wo wir doch beinahe einstimmig beschlossen hätten, den Fluss einzudämmen. Die damit verbundene Erhöhung von knapp zwei Ellen auf die vorgeschriebenen mindestens sieben werden sie tunlichst vergessen.«

»Also können wir nur hoffen, dass der Pfarrer sich wenigstens aufs Beten versteht und uns Gott bei der nächsten Sturmflut gewogen hält«, bemerkte seine Frau bissig.

Meister Knud hob die Hände. »Eine kleine Sturmflut wäre gar nicht so schlecht, damit die Bauern mal einen Schrecken kriegen und der Pfaffe Respekt vor dem Fluss bekommt. In den letzten Jahren sind die Winter immer glimpflich verlaufen, höchstens auf den Marschwiesen war mal Land unter. Irgendwann ändert sich das! Und hoffentlich ist es dann nicht zu spät.«

In den nächsten Tagen wurde mit voller Kraft an der Erhaltung der Deiche gearbeitet. Auch Meister Knud und Jens stellten alle anderen Arbeiten zurück und fanden sich mit Spaten, Schubkarren und Deichnadeln an der Elbe ein. Allerdings machte sich niemand die Mühe, die Lehmdecke über dem Sandkern der Wälle abzunehmen und ihn zu verstärken. Stattdessen wurde nur weiterer Kleiboden über dem schon bestehenden Deich angehäuft. Und bereits in der Woche darauf erklärten die Landwirte den Deichbau für weitgehend abgeschlossen. Immerhin zahlten sie Meister Knud und Jens dafür, die Grassoden darauf mit Reet zu besticken.

Jens sagte es zwar nicht laut, da Meister Knud sich stundenlang darüber aufregen konnte, doch im Grunde war es ihm ganz recht, so wenig Zeit wie möglich auf den Deichen zu verbringen. Sein Gesellenstück war weitgehend abgeschlossen, und er plante nun ernstlich die Feier seiner Freisprechung, für die er seit Langem sparte. Der Brauch sah vor, dass der frischgebackene Geselle seine neuen Zunftgenossen zu Zeugen seiner Freisprechung und einem großen Festmahl einlud. Jens, der Waise war und für die Feier keine finanzielle Unterstützung seiner Eltern erwarten konnte, war Frau Wiebke herzlich dankbar, als sie vorschlug, das Fest im Haus seines Meisters stattfinden zu lassen. Allzu viele Mitglieder hatte die Zunft der Baumeister, der auch die Dachdecker angeschlossen waren, im Raum Haseldorf nicht. Für die wenigen Gäste konnte sie selbst kochen und brauen. Hilke würde natürlich helfen, glücklich, etwas dazu tun zu können, dass Jens seine Wanderschaft nicht mittellos antrat. Gemeinsam mit ihrem Freund rechnete sie ernsthaft aus, wie viel alles kosten würde und wo man vielleicht sparen konnte, ohne irgendjemanden zu brüskieren.

Und dann folgten für die Frauen geschäftige Tage in Küche und Brauhaus, während Jens letzte Hand an sein Gesellenstück legte und dabei ständig um gutes Wetter betete. Bei Regen und Sturm konnte er schließlich nicht aufs Dach. Gott schien dem jungen Handwerker allerdings wohlgesinnt. Es blieb eiskalt, aber trocken und weitgehend windstill, und am 18. Dezember nahm dann nicht nur Meister Knud die Arbeit lobend ab, sondern Schmiedemeister Kurt, der Besitzer des Hauses, zahlte Jens obendrein einen großzügigen Aufschlag auf den mit dem Meister vereinbarten Lohn.

»Damit deine Gäste bei der Freisprechung nicht darben müssen!« Er lachte und schlug dem Beinahegesellen wohlwollend auf die Schultern. »Die wollen sich doch an ein rauschendes Fest erinnern, wenn du einst mit deinem Meisterbrief wiederkehrst.«

»Es wird ein noch rauschenderes geben, wenn ich dann um die Hilke freie!«, erklärte Jens mit einem scheuen Seitenblick auf Meister Knud, doch der zuckte nur mit den Schultern.

»Der Jens wird uns allen als Meister willkommen sein«, meinte er knapp. »Und mir auch gern als Schwiegersohn, wenn denn die Hilke warten mag.«

An Jens’ großem Tag trugen Frau Wiebke und Hilke ihre Sonntagstrachten, und Meister Knud hatte es sich nicht nehmen lassen, auch Jens für seine Freisprechung neu einzukleiden. Hilke erschien ihr Liebster fast fremd, als er nicht mehr im leinenen Kittel vor ihr stand wie ein armer Lehrling, sondern in ein Wams aus gutem schwarzem Tuch gewandet zur Tür ging, um die Meister und Gesellen der Baumeisterzunft willkommen zu heißen. Mit großem Gejohle schleppten sie die schwere Zunfttruhe herein, die allen die Zunft betreffenden Dokumenten und Siegelstempel Aufbewahrung bot. Hilke stellte feierlich Kerzen daneben auf, bevor der Zunftmeister sie im Rahmen einer kleinen Zeremonie öffnete. Schließlich stellten Meister Knud und Jens sich davor auf und riefen die Zunft zum Zeugen der Lossprechung dieses Lehrlings auf. Der Zunftmeister setzte feierlich das Siegel unter den säuberlich von Hein aufgesetzten Gesellenbrief, und dann hallte das Haus wider von Hochrufen, Glückwünschen und gutmütigen Neckereien.

Hilke, Frau Wiebke und die Magd hatten alle Hände voll zu tun, den acht Meistern und Gesellen, die zur Feier erschienen waren, die Becher mit Bier und Branntwein zu füllen. Hilke rührte Brei, und Wiebke briet Fleisch an großen Spießen, es gab Fisch aus der Elbe und Rüben und Kraut mit Speck.

Mit fortschreitendem Schmausen und Trinken wurden die Hochrufe dann lauter, die Scherze zotiger, und die Männer forderten Jens zu albernen Trinkspielen auf. Irgendwann fand Frau Wiebke, dass ihre jungfräuliche Tochter von diesem Gelage doch besser entfernt werden sollte, und schickte sie mit einem Korb voller Leckereien zu Hein und seiner Mutter. Jens mochte sein Versprechen, die beiden zu seinem Fest einzuladen, vergessen haben, aber Meister Knud hatte daran gedacht. Auch sie sollten am Festmahl teilhaben. Hilke verließ, wenn sie ehrlich war, Jens’ Fest ganz gern. Auch jetzt, eine Woche vor Weihnachten, war das Wetter noch beständig in der Haseldorfer Marsch, und Hilke atmete gierig die frische, eiskalte Luft ein. Im Haus war es heiß und stickig gewesen, und am Ende hatte Hilke gemeint, in dem Dunst von der Hitze des offenen Feuers, dem Schweiß der zechenden Männer und den Düften des Festmahls kaum noch atmen zu können.

Über dem frisch aufgeschütteten Deich, der den Blick auf die Elbe verstellte, ging jetzt, am frühen Abend, schon der Mond auf. Hilke wanderte über das flache, friedliche Land, freute sich an den Silhouetten der Obstbäume in den Gärten und an den Schafen in den Pferchen. Dabei dachte sie über Jens nach und die Wanderschaft, die vor ihm lag. Sie war nie irgendwo anders gewesen als hier in Friedrichsdorf, und Jens ging es genauso. Was für ein Gefühl musste es wohl sein, wenn einem da plötzlich die Welt offenstand! Hilke lebte gern in der Haseldorfer Marsch, aber trotzdem beneidete sie ihren Freund.

Als sie die Kate erreichte, war ihr kalt, obwohl sie sich rasch bewegt hatte. In der Nacht würde es sicher frieren, und sie hoffte, dass Frau Käthe genug Holz vorrätig hatte, um es sich selbst und Hein behaglich zu machen.

Heins Mutter öffnete die Tür gleich auf ihr erstes Klopfen, und Hilke trat in eine warme und anheimelnde Stube. Frau Käthes Heim war notdürftig möbliert mit grob getischlerten einfachen Tischen und Stühlen, eine Ausnahme bildete nur ihre Aussteuertruhe. Die feinen Linnen und guten Kleider, die sich darin einmal befunden hatten, hatte die Hebamme inzwischen alle verkauft, nur die gedrechselte Truhe kündete noch von besseren Zeiten. Frau Käthe stammte aus dem Lippischen, sie war einst mit der Gattin des Landesherrn, Frau Jutta, in die Haseldorfer Marsch gekommen. Als die junge Magd sich dann in den Bauern Malte verliebt hatte, hatte ihre Herrin sie mit einer fürstlichen Ausstattung gehen lassen. Aus dieser Vergangenheit war außer der edlen Truhe nur noch Heins Vorname Heinrich geblieben. Haseldorf gehörte zu Dänemark, das Lipperland zum Heiligen Römischen Reich. Käthe hatte ihren beiden Söhnen Namen von Kaisern dieses Reiches gegeben und darauf bestanden, sie im Kirchenbuch korrekt einzutragen und nicht zu Henrik und Kalle werden zu lassen. Auch die Abkürzung Hein verabscheute die Hebamme.

Käthe und Hein besaßen nur wenige Becher und Schalen irdenen Geschirrs, doch alles war sauber und blank gescheuert, und das Haus duftete wie immer – im Sommer holte Heins Mutter Blumen aus dem Garten herein, und im Winter verbrannte sie getrocknete Kräuter. Nach dem lauten Fest im Haus ihres Vaters tauchte Hilke wohlig ein in den Duft und in die Stille.

»Wie schön, dich zu sehen!«, grüßte die Hebamme mit dem einladenden Lächeln, das ihr zu eigen war. »Dabei hatten wir heute nicht mit dir gerechnet. Jens feiert doch sicher noch. Aber komm, du musst ja frieren. Setz dich zu Hein, ich hab ihn ans Feuer geschoben, damit er es warm hat!«

In Käthes Häuschen gab es nur einen einzigen Raum, und Käthe hatte beide Betten rechts und links der Feuerstelle platziert, auf der sie notgedrungen auch kochte. Hein saß aufrecht auf seinem Lager, eine Flechtarbeit in der Hand, die er gleich beiseitelegte. Wenn es etwas für ihn zu tun gab, so erledigte er die Arbeit pflichtschuldig, doch wirklich Freude an der Korbflechterei fand er nicht. Wobei es ohnehin selten vorkam, dass jemand einen Korb in Auftrag gab. Die Frauen brauchten kaum mehr als einen, und der hielt jahrelang. Obendrein gab es billigen Ersatz auf dem Jahrmarkt in Haseldorf oder Uetersen. Häufiger gebraucht wurden die großen schweren Körbe, die etwa bei der Apfelernte Verwendung fanden, oder Kiepen, die man sich auf den Rücken schnallen konnte. Sie waren jedoch sperrig, und für Hein war ihre Herstellung zu schwierig und anstrengend.

»Hilke! Dass du noch kommst! So spät und an einem Tag wie heute!«

Ein strahlendes Lächeln erhellte Heins schmales, blasses Gesicht. Er streckte Hilke die Hand entgegen, und sie drückte sie selbstverständlich zum Gruß.

»So spät ist es noch gar nicht«, sagte sie dann und zog sich einen Schemel an seine Bettstatt. »Es wird nur so früh dunkel. Und sonst … ich bring euch Essen von Jens’ Feier.«

Über Heins Züge flog ein leichter Schatten, doch dann lächelte er gleich wieder. »Ja, ich weiß, heute ist es so weit. Er muss sehr glücklich sein. Wolltest du da nicht mit ihm zusammen sein? Wo er doch nun weggeht … Wann will er fort, morgen gleich?«

Hilke lachte. »Ich glaub, morgen geht von den Zechern niemand irgendwohin. Und ob ich da bin oder nicht, das merken die wohl auch nicht mehr. Viel Bier und viel Branntwein hat heute die Runde gemacht – hier, du sollst auch was davon haben! Meine Mutter hat mir zwei Krüge mitgegeben. Kommt, Frau Käthe, bedient Euch!« Sie wies auf ihren Korb, den sie auf dem Tisch abgestellt hatte, und nahm das Gebräu heraus.

Käthe holte drei Becher von einem Bord. »Du trinkst aber auch einen Schluck mit, keine Widerrede!«, sagte sie entschlossen und schenkte ihnen ein. »Am besten Branntwein, sonst holst du dir noch den Tod auf dem Rückweg durch die Kälte. Doch nun erzähl! Ist er zufrieden, dein Jens?«

Hein runzelte kurz die Stirn, als seine Mutter »dein Jens« sagte, lauschte dann jedoch genauso freundlich interessiert wie diese, als Hilke von der Freisprechung, den lauten Reden und wilden Spielen berichtete.

»Das ist gut und recht, das brauchen die Männer«, endete sie schließlich. »Aber ich bin lieber hier bei euch, wo’s ruhiger ist.«

»Ich bin auch ein Mann«, sagte Hein leise, als seine Mutter sich abwandte, um den restlichen Inhalt des Korbes zu inspizieren, die Leckereien zum Teil fürs Nachtmahl zu richten und den Rest für den nächsten Tag im Speiseschrank zu verstauen.

Hilke biss sich auf die Lippen. »Natürlich«, versicherte sie reumütig. »Ich wollte damit auch nicht sagen, dass du keiner bist. Nur …«, sie lächelte zögerlich, »… ich kann mir dich eigentlich nicht vorstellen, wie du mit einem Bierkrug auf dem Kopf auf allen vieren durch ein Zimmer kriechst oder …«

»Nicht, wenn ich stattdessen mit dir zusammensitzen kann.« Hein fand seine Fassung wieder. Es kam selten vor, dass er seiner Verbitterung Ausdruck gab, und nun versuchte er schon wieder zu scherzen. »Heute habe ich wohl mal den besseren Teil erwischt!« Er trank ihr zu. »Und nun werde ich dich öfter für mich haben, wenn Jens fortgeht. Es sei denn, du nimmst dir gleich einen anderen Liebsten. Im Ernst, Hilke – willst du wirklich warten?«

Hein war für Hilke immer ein Freund und Vertrauter gewesen. Vor ihm hatte sie nie ein Geheimnis aus ihrer Liebe zu Jens gemacht, im Gegenteil, er war von Anfang an der Einzige gewesen, den sie an den Höhen und Tiefen ihrer Verliebtheit hatte teilhaben lassen.

»Ganz sicher!«, erklärte sie jetzt zum wiederholten Mal. »Und es käme ja auch gar kein anderer infrage. In wen sollte ich mich denn verlieben? In Henrik vielleicht?« Sie winkte ab.

Über Heins Gesicht zog erneut ein Schatten. »Jens hat großes Glück«, flüsterte er. »Ich wünschte …«

»Also, jetzt werd mal nicht rührselig, Heinrich!«, mischte Frau Käthe sich mit ihrer kräftigen Stimme ein, sie musste die letzten Worte gehört haben. »Du weißt, Hilke, dass wir beide deinem Jens alles Glück der Welt wünschen, und dir natürlich auch. Aber heute ist heute, und was in fünf Jahren ist, das weiß Gott allein. Glück ist flüchtig, und wenn einer das wissen sollte, dann du, mein Sohn! Ich würd mich nicht festlegen, Hilke. Fünf Jahre sind lang. Ich würd dem Jungen nicht gleich Eide schwören.«

Hilke und Jens schworen einander natürlich trotzdem Eide, bevor sie sich am zweiten Tag nach dem Fest endgültig trennten. Am Abend vorher lockte der junge Geselle Hilke noch einmal heimlich aus dem Haus seines Lehrherrn. Sie liefen im Schatten der Deiche am Fluss entlang, küssten sich und erneuerten ihre Schwüre, niemals mit einem anderen zusammenzukommen.

»Ich werde dich entsetzlich vermissen! Komm bald, bald zurück!«, weinte Hilke schließlich, als Jens sein Bündel schnürte und seine Schritte entschlossen in Richtung Uetersen lenkte. Von dort aus wollte er gen Schleswig wandern, danach vielleicht nach Flensburg. Oder auch mal in den Süden, wo man Dächer ganz anders deckte und wo der Wind nicht so erbarmungslos wehte und weniger Regen fiel. »Und bleib lieber weg aus den Ländern, in denen dir eine andere Sonne scheint«, meinte Hilke traurig. »Da wirst du weniger an mich denken.«

Hilkes Eltern sahen dem Abschied der Liebenden mit gemischten Gefühlen zu.

»Wenn er sie wirklich so über alles liebte, hätte er auch hierbleiben können«, meinte Frau Wiebke mit schmalen Lippen. »Es hätten sich doch Meister in Uetersen oder Haseldorf und anderen umliegenden Gemeinden gefunden, wenn er nicht gleich bei dir hätte bleiben wollen. Du hättest ihn doch behalten, oder?«

Meister Knud zuckte mit den Schultern. »Sicher. Doch andererseits ist es ganz gut für die jungen Kerle, ein bisschen auf die Walz zu gehen. Sie lernen was – vom Handwerk und vom Leben. Und für unsere Hilke ist es auch nicht schlecht, dass er mal fort ist. Bislang hat sie doch nie einen Blick gehabt für andere junge Männer. Wer weiß, vielleicht findet sie ja doch noch einen, der ihr besser gefällt.«

»Du gibst das noch nicht gänzlich auf mit Henrik Sörensen?«, fragte Frau Wiebke begierig.

Meister Knud lachte. »Mit dem kann ich sie mir zwar nicht so recht vorstellen, aber möglich ist alles. Mal sehen, wer von den jungen Kerlen hier den nächsten Versuch macht, sie zur Kirche zu begleiten! Und was die Hilke dazu sagt …«

KAPITEL 5