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Tina Turner - Die Biografie

Danksagung

Der Autor möchte den folgenden Menschen für ihre Hilfe und Ermutigung bei der Arbeit an diesem Buch danken:

Anne Bego, Robert und Mary Bego, Angela Bowle, Rick Colarelli, Hector DeJean, Michael Dorr, Jan Kalajian, John Klinger, Monika Koch, Ulrike Lelickens, Charles Moniz, Ross Plotkin, Tony Seidl, Barbara Shelley, Andy Skurow, Derek Storm, Beth Wernick.

Inhalt

Prolog

The Queen of Rock & Roll

Bildstrecke 1

Einleitung

She’s Got Legs

Kapitel 1

Nutbush City Limits

Kapitel 2

Teenage Ann

Kapitel 3

Ike Turner

Kapitel 4

Sexy Ann

Kapitel 5

Just A Fool In Love

Kapitel 6

River Deep – Mountain High

Kapitel 7

Bold Soul Sister

Kapitel 8

Proud Mary

Bildstrecke 2

Kapitel 9

I’ve Been Loving You Too Long

Kapitel 10

Acid Queen

Kapitel 11

The Last Straw

Kapitel 12

Die neue Tina: Puttin’ On The Ritz

Kapitel 13

Private Dancer

Kapitel 14

Break Every Rule

Kapitel 15

Foreign Affair

Bildstrecke 3

Kapitel 16

What’s Love Got To Do With It?

Kapitel 17

Wildest Dreams

Kapitel 18

Twenty Four Seven

Quellenangaben

Bibliografie

Diskografie

Filmografie

Über den Autor

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Manchmal fragt man sich, welche Bedeutung dem Glück im Leben zukommt – what’s luck got to do with it? Die Antwort lautet: Gelegentlich spielt es sogar eine sehr wichtige Rolle. Ich selbst hatte in den 1980ern großes Glück, weil ich in einer Wohnung in der East 11th Street/Ecke Broadway in New York wohnte. Damals befand sich der Club The Ritz sozusagen direkt vor meiner Haustür, lediglich anderthalb Häuserblöcke von meiner Wohnung entfernt. Er war buchstäblich mein Rockclub an der Ecke. Einmal arbeitete ich sogar dort, und zwar als PR-Agent, als The Who ein riesiges Konzert-Special präsentierten, das per Satellit übertragen wurde, und im Club eine Party veranstalteten, auf der das Konzert gezeigt wurde.

Ich erinnere mich noch an meine Begeisterung, als ich erfuhr, dass die unvergleichliche Tina Turner 1983 im Ritz als Headliner auftreten sollte. In England hatte sie mit dem Song „Let’s Stay Together“gerade einen riesigen Hit gelandet und der New Yorker Radiosender WBLS spielte ihn die ganze Zeit rauf und runter. Ich liebte diesen Song so sehr, dass ich mich extra aufmachte, die 12-Zoll-Import-Single des britischen Hits zu erstehen. Das Lied war großartig und ganz besonders gefiel mir das Foto von Tina und ihren sexy Tänzerinnen, das auf dem Cover zu sehen war. Schon ihr Album Acid Queen von 1975 hatte mir wahnsinnig gut gefallen, genau wie ihre grandiosen Versionen von Stücken der Rolling Stones, von The Who und Led Zeppelin. Ich weiß noch, dass ich damals schon dachte: „Tina Turner ist einfach die geborene Rock & Roll-Sängerin.“

Sofort schmiedete ich Pläne, zu Tinas Konzert im Ritz zu gehen. Die Vorfreude der Zuschauer war spürbar an diesem Abend. Sie waren gespannt darauf, was sie erwartete. Wie würde Tina aussehen? Würde sie so großartig klingen wie auf dieser neuen Import-Single? Im Ritz gab es keine festen Sitzplätze. Sobald die Lichter für den Beginn der Show gedimmt wurden, würden also alle nach vorne an die Bühne drängen. Weil ich das wusste, holte ich mir schnell einen Cocktail und stellte mich danach nur ca. zwei Meter von der Bühne entfernt hin. Diesen idealen Platz wollte ich dann nicht mehr hergeben.

Ich weiß noch ganz genau, wie dann die Musik einsetzte und das Publikum freudig losjubelte, als Tina Turner die Bühne betrat. Sie sprühte vor Energie und sah in ihrem schwarzen Ledermini einfach atemberaubend aus. Man konnte ihr die Begeisterung förmlich ansehen, als sie in die Zuschauermenge blickte, die sich zu ihrem großen Comeback in New York versammelt hatte. Nie werde ich vergessen, wie Tina Turner und ihre Tänzerinnen sich an jenem Abend zu „Let’s Stay Together“ bewegten und wie sehr mich ihr Auftritt, bei dem sie einfach alles gab, zu fesseln vermochte.

Im Jahr 2000 lebte ich dann in Los Angeles und arbeitete für einen Verlag. Wieder einmal war es pures Glück, dass ich einen Tag vor Tinas Auftritt am 6. Dezember im Arrowhead Pond in Anaheim an eine Konzertkarte kam. In den 1980ern war ich bei einem von Tinas Comeback-Konzerten im Ritz gewesen und nun sollte ich dem Abschlusskonzert ihrer ausverkauften „Abschieds“-Tournee, ihrer „Twenty Four Seven“-Tour, beiwohnen. Auch dieser Abend wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Acht Jahre später, zu Beginn ihrer energiegeladenen „50th Anni­versary“-Comeback-Tour anlässlich ihres 50-jährigen Bühnenjubi­läums, war ich ebenfalls dabei. Die Tournee dauerte vom Herbst 2008 bis zum Frühjahr 2009 und begeisterte Zuschauer an ausverkauften Veranstaltungsorten in den USA, Kanada und Europa.

Als sich für mich die Gelegenheit ergab, dieses Buch zu schreiben, sagte ich sofort zu. Seit Tinas eigenes Buch und der darauf basierende Film erschienen waren, hat sich in ihrem Leben noch so viel ereignet. Wieder empfand ich es als großes Glück, dass ich die Chance bekam, die Geschichte ihrer sieben bisher erlebten Jahrzehnte erzählen zu dürfen.

Tina ist nicht nur eine fabelhafte Sängerin, Tänzerin, Schauspielerin und Performerin, sondern auch unglaublich inspirierend. Durch glückliche Zufälle habe ich zwei der wichtigsten Konzerte ihrer Karriere miterlebt. Ich habe mich gefreut und es als sehr aufregend empfunden, in diesem Buch ihre gesamte Lebensgeschichte aufzuschreiben. Tina Turner ist ein Mensch, der seine Träume nie aufgegeben hat. Man kann es nicht anders sagen: Sie ist tatsächlich die Königin des Rock & Roll!

Mark Bego

Bildstrecke 1

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Jetzt, da sie frei war und die Gewaltausbrüche ihres Ex-Mannes nicht länger erdulden musste, versuchte Tina ihr Glück als Solo-Künstlerin. In den frühen 1980ern führte sie ihre aufregende Bühnenshow in Tanzclubs wie z.B. der hauptsächlich von Homosexuellen besuchten Disco „The Saint“ in New York auf.

(Fotos: Charles Moniz)

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Tinas großer Durchbruch als Solostar gelang ihr in dem Manhattaner Rock & Roll-Club „The Ritz“. Ihre Garderobe für dieses Engagement wurde von Bob Mackie entworfen. Im Publikum befanden sich unter anderem David Bowie sowie Keith Richards und Ron Wood von den Rolling Stones.

(Fotos: Charles Moniz)

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Mittwoch, 6. Dezember 2000 in Anaheim, Kalifornien. Die gewaltige Halle des Arrowhead Pond ist heute ausverkauft. Das Publikum besteht aus 18.000 jubelnden Fans jeden Alters. Es ist der letzte Abend der, wie angekündigt wurde, „letzten“ Stadiontournee der legendären Tina Turner. Die weltweite Konzerttournee heißt, wie auch ihr aktuelles Album, Twenty Four Seven. Der Titel passt genau, denn Tina Turner gelingt es tatsächlich, vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche eine der erotischsten Frauen auf diesem Planeten zu sein.

Eine andere Rock & Roll-Legende – Joe Cocker – ist gerade mit der ersten rasanten Aufwärmphase, in der er schon einige Rock & Roll-Hits präsentiert hat, durch. Doch die Zuschauer sind heute Abend hierhergekommen, um diese eine zu sehen, live zu erleben und zu feiern, die als „tüchtigste Frau des Rock & Roll“ gilt – die einzigartige Tina Turner.

David Bowie bemerkte einmal, dass Tina jede Bühne zum „heißesten Ort im ganzen Universum“ macht. Heute wird sie beweisen, dass das auch hundertprozentig stimmt.

Endlich geht die Pause zwischen den beiden Auftritten zu Ende und die Lichter im Stadion werden wieder gedämpft. Als das Licht im Zuschauerraum völlig erlischt und die Musik zu spielen beginnt, wird dies von der erwartungsvollen Menge mit frenetischem Beifall quittiert. Im Stadion ist es plötzlich ganz dunkel und aus den Lautsprechern tönt die volle und markante Stimme von James Earl Jones: „Arbeite so, als bräuchtest du nichts, liebe so, als hätte man dich nie verletzt, tanze so, als sähe dir niemand zu. Meine Damen und Herren: Tina Turner!“

Der Vorhang geht auf und gibt den Blick auf eine Bühne frei, die aus drei durch Rampen und Treppen verbundenen Ebenen besteht. Auf der mittleren Ebene steht – überlebensgroß – Tina Turner, umgeben von ihren fünf geschmeidigen Tänzerinnen. Und schon bricht ihre aktuelle Tourband unter der Leitung von John Miles mit den ersten Tönen des Songs „I Want To Take You Higher“ los. Die Diva selbst befindet sich sechs Meter über der Bühne und wiederholt immer wieder das Wörtchen „Higher!“ – so als wollte sie ihre 18.000 Mann starke Zuhörerschaft, die ihr Tun ehrfürchtig mitverfolgt, an jenem Abend mit nach oben in luftige Höhen entführen.

Mit ihrem hautengen Hosenanzug, der aus Knickerbockern und einem Bustier aus schwarzem Vinyl und Stahlketten besteht, sieht sie einfach perfekt aus. Ihr schulterfreies Top gibt den Blick frei auf ihre makellose hellbraune Haut und ihren schlanken und straffen Körper. Als sie anfängt zu singen, sieht sie aus, als hätte sie den Körper einer 35-Jährigen – obwohl sie die Woche zuvor gerade 61 geworden ist. Sie trägt ihr Markenzeichen: schwarze hochhackige Schuhe, in denen sie äußerst agil und geschickt auf der Bühne hin- und herstolziert.

Sie stimmt die Strophen einer Partyhymne aus den 1970ern an und ist in ihrem Element. Als die Zuschauer unisono aufgeregt losjubeln, strahlt sie über das ganze Gesicht. Das sich über mehrere Ebenen erstreckende Bühnenlabyrinth aus Plattformen und Treppen nutzt sie den Abend über voll aus und ist die nächsten zwei Stunden permanent in Action. Wenn sie hinunter auf die Hauptbühne tanzt, vergisst sie keinen einzigen Schritt ihrer ausgefeilten Choreografie, bei der auch ihre fünf Tänzerinnen ihr Können unter Beweis stellen.

Schon in den ersten Minuten ihrer Bühnenshow ist Tina unbestritten der Star des Abends. Alle Blicke ruhen auf ihr und sie strahlt die ganze Zeit, in der sie im Rampenlicht steht, Wärme und Begeisterung aus. Das heutige Programm nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch Tinas Vergangenheit und Gegenwart. Zu hören sind auch Songs wie „Fool In Love“ und „Proud Mary“ aus den Zeiten, als sie noch die eine Hälfte des Duos Ike & Tina Turner war. Außerdem singt sie die Hits ihrer Filmkarriere: „Acid Queen“ und „We Don’t Need ­Another Hero“. Ihr phänomenales Comeback Mitte der 1980er wird mit Liedern wie „Private Dancer“ und „What’s Love Got To Do With It“ gefeiert. Von ihrem aktuellen Album sind als Highlights Songs wie „Absolutely Nothing’s Changed“ und „Twenty Four Seven“ mit dabei.

Die heutige Show ist mehr als nur ein normales Konzert, sie ist ein ergreifendes Rock & Roll-Spektakel mit einem ausgefeilten Bühnenaufbau, grellen Lichteffekten, beeindruckenden Songdarbietungen und wartet darüber hinaus mit so einigen Überraschungen auf. Als eine der theatralischsten Nummern erweist sich Tinas Version des Motown-Klassikers „I Heard It Through The Grapevine“. Bei diesem Song brechen die einzelnen Plattformen des Bühnenaufbaus auseinander und geben den Blick frei auf ein simuliertes Flammenmeer, das auf riesigen Videoleinwänden vor sich hin lodert. Tina und ihre Tänzerinnen kommen herausstolziert. Alle sind sie in schwarzes Nietenvinyl gekleidet und wirken wie Rockerbräute auf Beutefang. Und natürlich ist die resolute Ms. Turner die Anführerin dieser Rockergang.

Am Ende von „We Don’t Need Another Hero“ löst sich die Plattform, auf der sie steht, plötzlich von der zweiten Bühnenebene und Tina wird auf einer etwas merkwürdig anmutenden Vorrichtung, die eine Weile in der Luft schweben bleibt, auf die unterste Bühnenebene hinuntergelassen. Als sie dort ankommt, geht ein Feuerwerk los – ein theatralisches Spektakel aus Flammen und Licht.

Während sie in einem sexy aussehenden, mit weißen Fransen verzierten Hosenanzug „Nutbush City Limits“ singt, tanzt Tina einen Gang entlang, hin zu etwas, das wie ein kleiner Käfig mit hüfthohen Gitterstäben aussieht. Plötzlich schwenkt der gesamte 15 Meter lange Laufsteg aus und befindet sich nun über den Köpfen in den ersten drei Dutzend Zuschauerreihen. Jetzt ist sie nicht mehr nur der Mittelpunkt der Party, sondern schwebt auch noch sechs Meter über ihrer Festgesellschaft. Die Menge bricht in Begeisterungsstürme aus. Sie singt weiter und läuft den Laufsteg hinunter zur Bühne hin – ohne Geländer und in gefährlich hohen Pumps. Nichts für Diven mit Höhenangst. Aber Tina hat schließlich ihr gesamtes Leben in gefährlichen Höhen verbracht. Diese Frau ist einfach unbesiegbar. Nicht einmal Rockstars, die vierzig Jahre jünger sind, können es mit ihr aufnehmen.

Es geht nicht allein darum, mit großer Leidenschaft heiße Rocksongs zu singen, möglichst viel Energie in Tanzeinlagen zu investieren oder mit den tollsten Lichteffekten aufzuwarten. Wenn diese Rock & Roll-Diva auf der Bühne steht, passiert noch viel mehr. Sie strahlt Herzenswärme, Aufrichtigkeit und Entschlossenheit aus. Tina Turner macht nie etwas nur auf die nette, seichte Tour, immer bringt sie auch eine gehörige Portion Rauheit mit ein – so lieben sie ihre Fans. Sie lieben sie genau aus diesem Grund. Seit sechs Jahrzehnten gelingt es ihr, ihre Zuschauer weltweit in Staunen zu versetzen. Keiner der heute Anwesenden will deshalb, dass dieser Abend zu Ende geht, denn dies bedeutet nicht bloß das Ende eines Rockkonzerts, sondern gleichzeitig auch das Ende einer ganzen Ära von Rockspektakeln.

In der Welt des Showbusiness gibt es niemanden, der mit Tina Turner vergleichbar wäre. Natürlich gab es auch andere Frauen in der Musikwelt, deren Karriere lange währte, aber nur wenigen ist es gelungen, eine so energie- und spannungsgeladene Stimmung zu verbreiten und so viel Begeisterung zu wecken wie das bei Tina der Fall ist.

Auch andere Frauen, deren Karriere von der Öffentlichkeit mitverfolgt wurde, haben in ihrem Leben so manches Unglück und tragische Ereignisse überstanden. Doch Tina befreite sich mit einer solchen Würde und Spiritualität aus ihrem von Unterdrückung und Erniedrigung geprägten Leben mit Ike Turner, dass sie für viele zu einer Art Vorbild wurde.

In den 1960ern und 70ern waren Tina und ihr damaliger Mann Ike zu Legenden des Rhythm & Blues und Rock & Roll geworden. Zu ihren zahlreichen Hits gehörten „It’s Gonna Work Out Fine“, „River Deep – Mountain High“ und „I Idolize You“. In der Musikwelt waren sie bekannt für ihre ausgiebigen Clubtourneen rund um den Globus. Sie wurden schließlich gar zu wahren Superstars, was sie vor allem den ausgedehnten Tourneen als Vorgruppe der Rolling Stones verdankten. Tina galt als der Star und die treibende Kraft der Bühnenshow und Ike als genialer Kopf des Duos. Sehr oft wurden sie in den Medien als glückliches, sich liebendes Ehepaar dargestellt.

Wenn man den Texten aus Tinas Songrepertoire der 1970er Glauben schenkt, wie z.B. dem von Ike komponierten „Contact High“, oder Tina als Drogenguru „Acid Queen“ in dem Film Tommy sieht und dies für bare Münze nimmt, könnte man meinen, sie habe den Drogenkonsum befürwortet oder sei eine wilde Partylöwin gewesen.

Wenn man sich anhört, wie sie absolut überzeugend Songs wie „Fool For You“, „Poor Fool“ und „It’s Gonna Work Out Fine“ sang, könnte man dies ohne Weiteres für Liebesbekundungen von Tina an ihren liebevollen Ehemann Ike halten. Und wenn man Gelegenheit bekäme, sich Ikes & Tinas Showprogramm zu Beginn der 1970er anzusehen, wie sie das Lied „I’ve Been Loving You Too Long“ zum Besten gaben, bei dem Tina mit ihrem phallusartigen Mikrofon Fellatio simulierte, könnte man vielleicht auf die Idee kommen, sie sei so eine Art hemmungslose Sexgöttin gewesen.

Abend für Abend wirbelte sie über die Bühne und zeigte Tanzeinlagen mit schnellen Schrittkombinationen, bei denen ihrem Publikum allein vom Zuschauen schon schwindlig wurde. Tina strotzte nur so vor Energie, so dass man sie für den Inbegriff der absolut befreiten Frau halten mochte, die ihr aufregendes Leben als Star in vollen Zügen genoss.

Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Keines dieser Bilder entsprach der Realität. Tina drückte es so aus: „Tina Turner – jene Frau, die auf die Bühne ging, war jemand anderes. Ich selbst war nur ihr Schatten.“ (1) 1976 war die echte Tina bereits in einer Ehe gefangen, die ihr Leben zur Hölle werden ließ. Das, was sie auf der Bühne als ihr Leben ausgab, war nichts als Show und das Leben hinter den Kulissen zur reinen Folter geworden.

Und die Drogen und die Partys? Nun, das war Ikes Leben. Tina nahm nie irgendeine Art von Drogen und wollte auch nichts damit zu tun haben.

Was ihre Ehe anging, so bestand diese nur auf dem Papier. Ike war ihr nie treu. Mehr als einmal war sie in ihr Wohnzimmer gekommen und hatte dort gesehen, wie eine Frau gerade vor Ike kniete und ihn oral befriedigte.

Ihr glückliches, freudenreiches Leben? Nichts hätte der Lebenswirklichkeit, in der sie gefangen war, weniger entsprechen können. Nicht genug, dass Ike sie wie seine Dienstbotin behandelte, die immer zur Stelle sein musste, wenn er nach ihr rief. Wenn sie ihn verärgerte oder sich beschwerte, verprügelte er sie gnadenlos. Mit der Zeit nahm Ikes exzessiver Drogenkonsum immer mehr zu und seine tätlichen Angriffe ebenfalls. Niemand – außer ihrem engsten Kreis – wusste, dass Ike Tina in Wahrheit total unter Kontrolle hatte, da sie sich vor ihm fürchtete.

Was das Kaschieren von „Veilchen“ mit Hilfe von festem Puder-Make-up anging, war Tina zu einer echten Expertin geworden. Oft trat sie mit aufgeplatzten Lippen, blauen Flecken oder gar mit gebrochenen Knochen vor jubelnden Zuschauermengen auf. Sie fühlte sich einsam und wie gefangen. Selbst ihr verzweifelter Selbstmordversuch misslang.

Doch dann machte sie eine Freundin mit etwas vertraut, das ihr zu innerer Stärke verhalf und sie dazu ermutigte, für sich selbst einzustehen: dem Buddhismus. Tina wusste jetzt, welche Spiritualität und Lebenskraft in ihr steckte. Nun beherrschte sie den buddhistischen Rezitationsgesang, war in der Lage, in ihre eigene Seele hineinzuschauen und brachte so den Mut auf, Ike zu verlassen.

Als sie sich 1976 endlich dazu entschloss, sich von Ike zu trennen, gab es kein Zurück mehr. Es wurde nicht gerade ein einfacher Kampf. Zuerst war es eine körperliche Auseinandersetzung, dann wurde es zu einem Rechtsstreit. Bald merkte sie, dass sie nicht allein war und tatsächlich echte Freunde hatte, die ihr halfen. Cher sprach Tina Mut zu, indem sie ihr davon erzählte, wie sie durch die Trennung von ihrem damaligen Mann Sonny Bono wieder Herrin über ihr eigenes Leben geworden war. Ann-Margret, die mit ihr zusammen in dem Film Tommy gespielt hatte, half ihr nach ihrer Zeit mit Ike dabei, ihre Karriere als Solo-Star aufzubauen. Und über Olivia Newton-John lernte sie den Manager kennen, der ihr zu ihrem Durchbruch in der Welt der Superstars verhalf und ihr dabei behilflich war, ihren Traum von der eigenen Karriere zu verwirklichen.

Ihr Weg zurück ins Showgeschäft erwies sich als beschwerlich, doch sie genoss den anstrengenden Aufstieg und ihre Freiheit. Nachdem sie sich kurz als glitzerndes Las Vegas-Sternchen versucht hatte, bewegte sie sich in die Richtung, die sie so liebte: hin zum Rock & Roll. 1984 brachte sie das Album heraus, das für sie den absoluten Wendepunkt markierte und außerdem den aufsehenerregenden Hit „What’s Love Got To Do With It“ lieferte. Auf der ganzen Welt freuten sich Zuhörer darüber, wie keck und selbstbewusst Tinas Stimme klang. Jeder Song auf ihrem Album Private Dancer schien ihr Image wieder völlig neu zu formen. In „I Might Have Been Queen“ preist sie ihre festen Überzeugungen, was Glauben, Schicksal und Reinkarnation angeht. „Show Some Respect“ und „Better Be Good To Me“ waren musikalische Zeugnisse ihrer Stärke und Entschlossenheit. Und mit ihrer Version von David Bowies „1984“ meldete sie ihre Ansprüche auf eben jenes Jahr an, in dem sie zur allseits anerkannten Diva in der Welt der Rockmusik wurde.

Auf dem Gipfel ihres Comebacks mit „What’s Love Got To Do With It“ blickte sie zwanzig Jahre in die Zukunft und sagte, damals in ihren Vierzigern: „Eine Sechzigjährige kann gar nicht so aussehen wie ich.“ (2) Jetzt, da sie ihr siebtes Lebensjahrzehnt vollendet, sieht sie noch genauso aus wie in ihren Vierzigern. Auf der Bühne und privat ist sie immer noch genauso sexy und energiegeladen wie damals in den 1960ern, als sie in TV-Shows wie American Bandstand, Top of the Pops und Shindig ihr Publikum beeindruckte. Im Jahr 2000, als sie sich mit 60 als Headliner auf Welttournee begab, galt dies als die Konzertreihe, die in jenem Jahr den meisten Umsatz erwirtschaftete – die Einnahmen lagen bei über 80 Millionen Dollar.

Als sich ihr Erfolg als Solokünstlerin einstellte, sang Tina nur noch Lieder über Stärke und Machtgewinn. Die Songs, die sie kreierte, hatten es wirklich in sich: „Break Every Rule“, „The Best“, „Steamy Windows“, „Look Me In The Heart“, „We Don’t Need Another Hero“, „Whatever You Need“, „Absolutely Nothing’s Changed“ – und viele mehr.

Mitte der 1980er begriffen ihre Fans immer noch nicht, warum sie Ike verlassen hatte. Da sie es leid war, in Interviews über ihn zu sprechen, schrieb sie 1986 ihre Autobiografie Ich, Tina. Mein Leben – um alle Unklarheiten auszuräumen. 1993 diente das Buch als Grundlage für einen Film, der für den Oscar nominiert wurde: Tina – What’s Love Got To Do With It?

Ihr Buch, das vieles aufdeckt, und der Film über ihr Leben zeichnen Tinas faszinierende Geschichte bis zu ihrem Comeback im Jahr 1984 nach. Doch seitdem ist in ihrem Leben noch sehr viel mehr passiert. Sie stieg von einer Nachtclub-Attraktion zum Superstar auf, der ganze Stadien füllt. 1985 räumte sie bei den Grammy Awards kräftig ab und veröffentlichte danach mehrere Solo-Hit-Singles und Alben. Tina hat ihre Schauspielkarriere weiterverfolgt und wurde in die Rock & Roll-Hall of Fame aufgenommen. Sie hat Millionen von Platten verkauft, die wahre Liebe gefunden, ist nach Europa gezogen und führt mit dem Mann ihrer Träume nun ein wahrhaft glamouröses und harmonisches Leben in Südfrankreich. Obwohl sie die „Twenty Four Seven“-Konzerttournee als ihre letzte Stadion-Tour ankündigte, war sich ihr Publikum, das sie so verehrte, bewusst, dass da noch eine ganze Menge kommen sollte.

Nach 2001 hielt sich Tina eher im Hintergrund und trat nur ab und zu einmal wieder in Erscheinung. 2004 brachte sie dann ein Hit-Album heraus, das sich millionenfach verkaufte, nahm 2005 einen Preis für ihr Lebenswerk – die „Kennedy Center Honors“ – von US-Präsident Bush entgegen und erschien schließlich gemeinsam mit Beyoncé im Rahmen der Fernsehübertragung der Grammy-Verleihung. Da sie es letztlich nicht schaffte, sich noch weiter vom Rampenlicht fernzuhalten, startete sie eine Konzerttournee im Zeitraum 2008/09.

Obwohl die breite Öffentlichkeit dank ihrer Musik, ihrer Autobiografie und des Films über ihr Leben schon viel über Tinas spannende Vita weiß, steckt in ihrer wahren Lebensgeschichte doch so viel mehr drin, ist ihr Leben doch so viel komplexer gewesen, als das etwa ein zweistündiger Film darzustellen vermag.

Rückblickend mag man es kaum glauben, dass sie mit dem Gefühl aufwuchs, sie gehöre nirgendwo so richtig hin. Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass ihr Leben sehr facettenreich ist und sich nicht nur auf die Gefangenschaft in einer nicht funktionierenden Ehe und die Befreiung daraus reduzieren lässt, an die sich ihr plötzlicher Aufstieg zu einer Rocklegende anschloss.

Sie glaubt fest an Astrologie und Übersinnliches und ihr wurde einmal gesagt, ihre Bestimmung sei es, zu einem der größten Stars im Showbusiness aufzusteigen, während Ikes Karriere den Bach hinuntergehen würde. Als sie auf der Spitze ihres wiedererlangten Erfolges war, wurde Ike festgenommen und kam ins Gefängnis. Nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hatte, versuchte Ike Turner 1999 seinen Ruf in seiner eigenen Autobiografie Takin’ Back My Name wiederherzustellen. Doch der Schuss ging nach hinten los. Er stritt es nicht nur nicht ab, Tina gnadenlos verprügelt zu haben, sondern wollte den Lesern auch noch glaubhaft vermitteln, dass Tina selbst schuld daran gewesen sei – denn sie habe ihn schließlich dazu getrieben. 2007, nach einer Nacht exzessiven Drogenkonsums, fand sein Leben ein trauriges Ende, das in scharfem Kontrast zu seinem einstigen Ruhm stand.

Von Wahrsagern erfuhr Tina etwas, das sie ihr ganzes Leben lang vermutet hatte: Ihre Mutter, Zelma Bullock, hatte sie nicht gewollt. Als sie Zelma kurz vor deren Tod damit konfrontierte, wurden ihre letzten Zweifel ein für allemal beseitigt. Was ihr an mütterlicher Liebe fehlte, glich sie später sowohl im Privatleben als auch in ihrem Berufsleben aus. Heute, im 21. Jahrhundert, ist sie eine der beliebtesten Frauen im Showgeschäft. Tina ist immer noch gut in Form und sieht fabelhaft aus – und feiert 2009 ihren 70.Geburtstag. Sie ist zugleich eine lebende Legende und eine unheimlich tolle Frau.

Ihr Leben bleibt weiterhin eine erstaunliche Geschichte, die von Stärke und der Fähigkeit zu überleben handelt. „Niemand hat so ein Leben hinter sich wie ich – noch nicht einmal Joan Collins!“, sagt sie selbst lachend dazu. (1)

Nach all dem, was sie durchlebt und in triumphaler Weise überlebt hat, haben die Leute immer noch so einige illusionäre Vorstellungen von ihr im Kopf. Zum Beispiel hält man sie für eine große und imposante Frau. Tatsächlich ist sie aber gerade einmal 1,62 groß und wiegt um die 57 Kilo. Und was für einen bemerkenswerten Körper sie hat – sie gilt als eine der schönsten und meistbewunderten Frauen der Welt.

Trotz ihrer ganzen Platin-Schallplatten, der ausverkauften Konzerte und Auszeichnungen begreift sich Tina immer noch als jemand, dessen Arbeit noch lange nicht beendet ist: „Auf der ganzen Welt werde ich gefragt, wann ich denn mal einen Gang runterschalte – aber ich fange doch gerade erst richtig an!“ (1)

Was geht in Tina Turner vor? Wie hat sie es geschafft, sich aus einem Leben zu befreien, das die meisten Menschen nicht überstanden hätten? Welche Rolle spielten Mick Jagger, David Bowie, Keith Richards und Rod Stewart bei ihrem triumphalen Comeback? Wie häufig musste sie Ike Turners Schläge erdulden und wie war ihr Verhältnis in der Zeit vor seinem Tod? Und welche Rolle spielt für Tina denn nun die Liebe oder vielmehr der Mangel daran? All dies sind Fragen, die ihr Publikum brennend interessieren. Wenn Tina in ihrem Lied davon singt, dass sie „never ever“ etwas „nice and easy“ macht, dann meint sie es auch. Sie wählte den schwierigen Weg und wurde schließlich vom „Opfer“ zur glorreichen „Siegerin“.

In ihrem Leben hat sie gemäß ihrem Lied „Break Every Rule“ auch wirklich jede Regel gebrochen und sich letztendlich in der Welt einen Platz erkämpft, der nur ihr gehört. Tina Turner ist einzigartig. Um diese legendäre Sängerin ganz zu verstehen, muss man sehr weit zurückgehen. Zurück in ein winziges

Städtchen namens Nutbush, Tennessee. Denn dort begann sie, die Geschichte einer Legende …

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Ca. 80 km nordöstlich von Memphis, Tennessee, und etwa 30 km vom Mississippi entfernt an der Grenze zum Bundesstaat Arkansas liegt am Highway I-19 eine kleine Stadt inmitten von Baumwollfeldern. Dort gibt es einen kleinen Kurzwarenladen namens „Gause’s“ mit einer Zapfsäule vor der Tür, durch die Kraftfahrzeugfahrer angelockt werden sollen – und das ist auch fast schon alles. Tina Turner setzte der winzigen Stadt später mit ihrem Song „Nutbush City Limits“ ein Denkmal. Außer einer Kirche, einem Haus, in dem Baumwolle entkörnt wurde (einem sogenannten „Ginhouse“), einer Schule und einem Toilettenhäuschen gab es dort nicht viel. Dies war das Land der Egreniermaschinen und Whiskeydestillerien und es erscheint kaum als würdiger Geburtsort für eine Rock & Roll-Legende, doch hier kam Tina Turner her. Zu sagen, sie habe Nutbush zu großer Bekanntheit verholfen, wäre wohl etwas übertrieben, denn man muss den Ort auch heute noch auf der Karte quasi mit der Lupe suchen.

So bescheiden dieses Städtchen auch sein mag, so war es doch der Ort, an dem Tina aufwuchs. Am 26. November 1939 erblickte sie im Kellergeschoss des Haywood Hospitals – im 16 Kilometer von Nutbush entfernten Brownsville – das Licht der Welt.

Ihr Vater Floyd Richard Bullock war Laien-Diakon in der Woodlawn Baptist Church und wurde von allen „Richard“ genannt. Er lebte mit seiner Frau und der gemeinsamen dreijährigen Tochter Alline in einem „Shotgun House“ mit vier Zimmern, einer besonders für die Südstaaten typischen Art von Einfamilienhaus, das aus Holz gebaut war. Mit im Haushalt lebte außerdem die vierjährige Evelyn, die aus einer früheren Beziehung stammende andere Tochter seiner Frau Zelma. Richard arbeitete als „Aufseher“ auf der Pointdexter-Farm, auf deren Land ihr kleines Haus stand. Er überwachte für die weißen Farmeigentümer die dortigen Arbeiter.

Tinas Mutter Zelma Bullock hatte schwarze und indianische Wurzeln. Zelmas Vater war zu drei Vierteln Navajo, obwohl genau diese Ecke von Tennessee vor allem das Land der Cherokee-Indianer war. Und ihre Mutter war zu drei Vierteln Cherokee. Beide waren sie nur zu einem Viertel schwarz.

Allen Erzählungen nach war Zelma nicht gerade begeistert, als sie merkte, dass sie ein weiteres Kind erwartete. Sie war eine frustrierte junge Frau, die überhaupt nicht glücklich darüber war, noch ein hungriges Maul in der Familie stopfen zu müssen.

Das Kind, das später weltweit unter dem Namen „Tina Turner“ bekannt werden sollte, wurde als Anna Mae Bullock geboren. Anna Mae wuchs im Kreise vieler anderer Kinder und Familienmitglieder auf. Ihre Großeltern mütterlicherseits, Josephus und Georgianna, von denen sie ihre unverkennbar indianischen Züge erbte, wohnten ganz in der Nähe.

In einer Nebenstraße des Highway 19 lebten Richards Eltern Alex und Roxanna Bullock. Sie wohnten mit Annas Onkel Gill unter einem Dach. Er war das einzige der sieben Bullock-Kinder, das noch zu Hause wohnte. Zu ihrem Haushalt gehörten außerdem zwei ihrer Enkelkinder, Margaret und Joe Melvin Currie. Deren Vater, Richards Bruder Joe Sam, war kurze Zeit vorher verwitwet und konnte die Kinder nicht alleine großziehen. Margaret sollte Annas Lieblingscousine und eine heißgeliebte Freundin werden.

Das winzige Häuschen der Bullocks lag nicht weit entfernt vom Backsteinhaus ihrer weißen Arbeitgeber Ruby und Vollye Poindexter. Die Poindexters waren mit den Bullocks befreundet. Ruby liebte Zelmas Vanillepuddingkuchen und sie fühlten sich eher wie Verwandte als wie Arbeitgeber und Angestellte. Anna Mae erinnert sich noch daran, wie „einfach und selbstverständlich“ die Zuneigung war, die die Poindexters für einander zu empfinden schienen. Auch die Wärme und ganz offenkundige Liebe bei beiden Großelternpaaren zu Hause blieben ihr ein großes Rätsel. Dies war etwas, das irgendwie bei ihr daheim fehlte. Der Ton, der bei ihren eigenen Eltern vorherrschte, war alles andere als harmonisch, geprägt von ständigen Auseinandersetzungen und emotionaler Kälte. Schon früh lernte Anna Mae in sich selbst hineinzuschauen, um ihren Frieden zu finden. Bereits in ihren frühen Lebensjahren war sie damit vertraut, sich in ihrem eigenen Zuhause oft allein zu fühlen.

Liebte Zelma ihre jüngste Tochter Anna? Die erwachsene Tina meinte: „Nein. Ich war nicht gewollt. Als sie mit mir schwanger war, war sie gerade dabei, meinen Vater zu verlassen. Sie war eine sehr junge Frau, die nicht noch ein weiteres Kind wollte.“ (3)

Waren sie sich irgendwann einmal in ihrem Leben sehr nahe? „Nie“ behauptet Tina. „Schon als kleines Mädchen wusste ich, dass sie mich nicht lieb hatte. Als ich noch sehr jung war, fragte ich mich, warum wir einander nicht nah waren, aber ich war immer eine Eigenbrötlerin und dann stand ich irgendwann auf eigenen Beinen und mir war es egal.“ (3) Und doch liebte Anna ihre Mutter und hoffte, dass Zelma eines Tages anfangen würde, ihre Liebe zu erwidern. „Meine Mutter war nicht gemein zu mir, aber ihr fehlte die Wärme, sie war mir nicht nah.“ (4)

Sie erklärt dies so: „Meine Mutter war keine Frau, die Kinder wollte. Sie war keine richtige Mutter, sondern eine Frau, die Kinder bekam.“(5) Als Kind fand Anna trotzdem Dinge, die sie glücklich machten. Sie war viel allein und vertrieb sich die Zeit damit, durch die Felder von Tennessee zu streifen.

Auch von ihrem Vater fühlte sie sich nie geliebt. Ihr war bewusst, dass er sie nicht in seiner Nähe haben wollte. Durch die kleine Anna wurde er immer wieder schmerzvoll daran erinnert, dass seine Ehe sehr unglücklich war. Sie weiß noch genau, wie ihre Mutter und ihr Vater miteinander stritten. Im Ort gingen zudem Gerüchte um, Anna sei in Wirklichkeit gar nicht Richards Kind. Vor Annas Geburt lebten Richards Schwester Martha Mae und ihr Mann bei Richard und Zelma. Anscheinend hatte Martha Mae, als sie dort wohnte, eine Affäre mit einem anderen Mann. Aus diesem Grund gab es einige Leute, die dachten, dass in Wirklichkeit Zelma fremdging und Anna aus dieser Liaison heraus entstanden sei. Ob nun wahr oder erfunden – die Gerüchte trugen jedenfalls nicht gerade zur Verbesserung der Situation bei.

Liebe bekam sie zu Hause von ihrer Schwester Alline, die Anna ihrerseits ebenfalls immer sehr gernhatte. So lange Alline um sie war, war sie froh über ihre Gesellschaft. Allerdings empfand Anna Alline als „langsam“ und „still“, wohingegen Anna es liebte, durch die Felder zu rennen und mit den Tieren auf der Farm zu spielen.

Obwohl es in dieser Familie recht lieblos zuging, konnten die Bullocks in vielerlei Hinsicht dankbar für das sein, was sie hatten, vor allem, wenn man es mit den damals dort vorherrschenden Verhältnissen verglich. Tina erinnert sich noch daran, wie es bei anderen schwarzen Familien im Ort zu Hause aussah: Das ganze Haus war voller Kinder, man schlief auf schmutzigen und durchgelegenen Matratzen und es roch förmlich nach Schmutz. „Ich wusste, dass wir nicht arm waren“, erzählte sie später über das Leben in ihrem Elternhaus. (1)

Das Haus der Bullocks war sauber und aufgeräumt und sie wuchs in dem Wissen auf, wie es ist, ein harmonisch aussehendes und ordentliches Umfeld zu haben: „Wir hatten immer schöne Möbel und in unserem Haus sah es immer schön aus. Wir hatten unser eigenes separates Schlafzimmer und ein Esszimmer, und außerdem besaßen wir Schweine und andere Tiere. Ich kannte Leute, die das alles nicht hatten, und wusste um den Unterschied. Arm waren wir nicht.“ (6)

Tina lebte auf einer Farm und erinnert sich noch gern an das herzhafte Farmer-Essen ihrer Kindheit. Das Frühstück bestand für gewöhnlich aus gepökeltem Schweinefleisch, Keksen und Sirup. Im Garten der Bullocks wuchsen Zwiebeln, Tomaten, Rüben, Süßkartoffeln, Kohl und Wassermelonen. Sie hatten viele Hühner, die Eier legten, und die frische Milch stammte von ihren eigenen Kühen. In den Weihern des Ortes konnte man im Frühling, Sommer und Herbst Barsche fangen. Im Winter gab es kein frisches Schweinefleisch, aber dafür viele Würste aus Schweinefleisch, die im Herbst hergestellt und dann eingelagert worden waren.

1942 begannen Richard und Zelma den Wunsch zu verspüren, die Farm zu verlassen. In der Großstadt Knoxville, Tennessee, Hunderte von Kilometern entfernt, gab es Arbeit. Richard boten sich Jobs auf dem Bau und Zelma konnte als Putzfrau in privaten Haushalten ihr Geld verdienen. Man beschloss, dass Anna und Alline bei ihren Großeltern leben sollten. Alline musste zu ihrer Oma Georgie und Anna zu Oma Roxanna und Opa Alex – der ein gewaltiges Alkoholproblem hatte. Anna war eifersüchtig, da sie auch bei ihrer Oma Georgie, ihrer Cousine Margaret und ihrem Cousin Joe Melvin leben wollte.

Tina hat noch Erinnerungen an die ersten Kontakte mit Musik in ihrer Kindheit. Oma Roxanna schleppte sie jeden Sonntagmorgen zur Kirche. Dort angekommen, bekam sie die Musik des Gospelchors zu hören. Auch im Radio hörte sie fantastische Gospelsänger. Auf die Frage, was denn ihre ersten musikalischen Einflüssen gewesen seien, antwortete sie: „Nun ja, am Anfang war es jemand aus der Kirche: Mahalia Jackson. Und auch Rosette Tharpe. Diese spirituellen und sehr kraftvollen Stimmen. Ich wusste bloß, dass sie Identifikations­figuren für die Schwarzen waren, man erkannte sie wieder und brachte ihnen Respekt entgegen. Aber ich muss zugeben, dass ich immer Songs von Männern gesungen habe. Ich habe nicht verfolgt, was die Frauen so machten, und auch nicht sonderlich viel Musik gehört, die von Frauen gemacht wurde.“ (7)

Tina erinnert sich, dass sie als ein echtes Mädchen vom Lande aufwuchs (1). Für ein Kind, das gern in der Umgebung herumstreunte, hatte das Leben auf einer Farm in Nutbush so seine Vorteile: „Also, durch die grünen Wiesen von Tennessee zu streifen, war wundervoll. Ich war nie aufzufinden. Immer war ich da draußen. Wissen Sie, für mich war dies das Universum. Es war einfach toll. Ich saß dann immer dort herum und aß Tomaten direkt vom Strauch und brach mir eine Wassermelone auf, die ich dann ebenfalls verzehrte. Ich weiß, wie die Sachen schmecken müssen. Das Leben war gar nicht so schlecht. Man kümmerte sich um mich. Eine Hand und ein Auge passten stets auf mich auf.“ (8)

Als sie größer wurde, nahm sie ihren Körper sehr negativ wahr: als groß, schlaksig und ungelenk: „Ich hasste meinen Körper. Ich hatte einen kurzen Hals und einen ebenfalls kurzen Rumpf und bestand praktisch nur aus Beinen.“ (9)

Sie ahnte wohl kaum, dass aus diesem „hässlichen Entlein“ einmal ein schöner Schwan werden sollte, eine Frau, die von allen Seiten Bewunderung erntete. „Mein Körper ist ziemlich ungewöhnlich“, erklärt sie. „Ich habe einen sehr kräftigen Körper. Es gab Zeiten, da mochte ich ihn nicht … Als Mädchen sah ich aus wie ein kleines Pony. Mit diesen langen Beinen – nichts passte so richtig zusammen.“ (8)

Zur gleichen Zeit geriet Annas Onkel Gill in Konflikt mit dem Gesetz. Anscheinend hatte es irgendwie wegen einer Frau Streit gegeben. Gill nahm sich ein Gewehr und tötete den anderen Mann in dieser Dreiecksgeschichte. Er kam dafür ins Gefängnis und das Ganze wurde in Nutbush zu einem richtigen Skandal.

Im zweiten Sommer, den Richard und Zelma in Knoxville verbrachten, zogen Anna und Alline zu ihnen. Anna war von der Großstadt Knoxville total fasziniert. Dort waren die Straßen gepflastert und die Häuser aus Backstein und es gab so viel Aufregendes zu sehen. Manchmal, wenn Zelma Anna mit zum Einkaufen nahm, sang Anna den Verkäuferinnen Lieder vor. Als Belohnung für ihren Gesang gaben sie ihr 1- oder 5-Cent-Stücke. Damit drückten sie ihre Anerkennung aus. Diese Frauen ahnten wohl damals kaum, dass sie die ersten Tina Turner-Konzerte miterleben durften.

Tina erzählt darüber: „Ich weiß noch, dass ich einige Songs von den McGuire Sisters sang. Ich hatte eine kleine Schatulle, in der ich all die glänzenden Münzen sammelte, und ich war untröstlich, als sie mir weggenommen wurde. Da wird mir wieder bewusst, wie lange ich tatsächlich schon singe. Gesangsunterricht hatte ich aber keinen.“ (10)

Während Richard und Zelma tagsüber arbeiteten, blieben Anna und Alline bei Mrs. Blake, der Frau, bei der die Bullocks in Knoxville wohnten. Anna erinnert sich noch daran, wie sie mit Mrs. Blake in die Pfingstgemeinde ging und zum ersten Mal den lebhaften „heiligen“ Gottesdiensten der Kirche beiwohnte, den jubilierenden Gesang hörte und das Händeklatschen und Tanzen quer durch die Reihen miterlebte, das sich immer dann Bahn brach, wenn die Menschen dort Gottes Wort spürten. Einmal tanzte die kleine Anna in der Kirche so wild, dass ihr die Unterhose bis auf die Knöchel hinunterrutschte.

Anna war sich nicht sicher, warum die Leute eigentlich so tanzten, als gäbe es kein Morgen mehr, aber irgendwie gefiel ihr das: „Es war so wild. Ich wusste nicht, worum es ging, und dachte mir nur, dass die wohl wirklich glücklich sein müssen.“ (1)

Bald ging der Sommer zu Ende und Anna und Alline kehrten nach Nutbush zurück, um wieder bei ihren jeweiligen Großeltern zu wohnen. Richard und Zelma kamen schließlich ebenfalls zurück in die Gegend um Nutbush, weil ihre Arbeit in Knoxville beendet war und sich die Aufmerksamkeit der gesamten Nation plötzlich auf den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg richtete.

Die Familie Bullock war nun wieder vereint und ließ sich im nahe Nutbush gelegenen Flagg Grove nieder. Anna sah ihre geliebte Cousine Margaret und den ebenso geliebten Cousin Joe Melvin nun nicht mehr so oft wie früher, als sie noch näher beieinander wohnten. Allerdings sah sie sie immer noch an den Wochenenden. Dann trafen sich die Curries und die Bullocks im nicht weit entfernten Ripley, einer Gegend, die liebevoll „The Hole“ (das Loch) genannt wurde. Eigentlich war „The Hole“ eine Grillrestaurant- und Kneipenzeile, die sich in einem Kopfsteinpflastergässchen befand, welches von der Washington Street abging. Da bekamen Anna, Alline, ihr Cousin und ihre Cousine immer Geld fürs Kino, während die Erwachsenen sich beim Spiel vergnügten.

Die Stimmung im „Hole“ faszinierte Anna: „Im ‚Hole‘ schien mir die Atmosphäre immer irgendwie sexuell aufgeladen zu sein. Das Kino, in das wir gingen, lag ganz in der Nähe.“ (4)

Um 22 Uhr herum war die Vorstellung dann aus und die Kinder gingen wieder zurück zu ihren Eltern. Diese waren allerdings nie wirklich bereit, ihre Abendaktivitäten zu beenden. Tina erinnert sich daran, wie sie mit etwa neun Jahren im „Hole“ war. Sie trug dann für gewöhnlich flache Schuhe und ihr Baumwollkleidchen. Obwohl dies ein vorwiegend schwarzes Stadtviertel war, hielten sich auch Weiße dort auf, die sich mit großer Faszination den Freizeitspaß und das ausgelassene Treiben anschauten. Gelegentlich wurde sie auf der Straße oder in den „Juke Joints“ genannten Kneipen, in denen sich ihre Eltern aufhielten, Zeuge von Schlägereien.

All die Frauen, die sich für den Samstagabend in der Stadt herausgeputzt hatten, übten auf Anna eine große Faszination aus. Sie trugen exotisch anmutende zweifarbige Stöckelschuhe, enge Röcke und maßgeschneiderte Hosenanzüge. Anna schaute auch durch die beschlagenen Scheiben parkender Autos, in denen Erwachsene ganz offensichtlich irgendetwas Sexuelles miteinander machten. Das „Hole“ wirkte auf sie gefährlich und zugleich auf wundervolle Art faszinierend.

Sie freute sich auch immer darauf, ins Kino zu gehen. Schon als kleines Mädchen in Tennessee träumte Anna davon, eines Tages, wenn sie groß wäre, im Showgeschäft Karriere zu machen. Inspiriert von den Filmen im örtlichen Kino, begann sie, sich in neuen Tagträumen zu verlieren: „Als ich klein war, wollte ich Schauspielerin werden. Ich ging ins Kino, und als ich nach Hause kam, spielte ich die Filme dann meinen Eltern vor“, entsinnt sie sich. (11)

Zelma erinnerte sich später daran, dass ihre Tochter Anna beim Verlassen des Kinos die Lieder nachsang, die sie im Film gehört hatte. Ihrer Mutter zufolge hatte Anna bereits in jenem frühen Alter eine kräftige und klare Singstimme.

Als es sich herumgesprochen hatte, dass sie tatsächlich singen konnte, fragte man Anna, ob sie nicht dem örtlichen Kirchenchor beitreten wolle. Und hier war es nun, dieses magere kleine Mädchen mit der kräftigen und markanten Stimme. Sie liebte es, die Lieder zu singen, und manchmal, bei einem richtig schnellen Song, übernahm sie gelegentlich die Rolle der Leadsängerin. So war sie sozusagen im Alter von neun oder zehn Jahren bereits ein Headliner.

Als Kind wurde sie in der Erntezeit außerdem zu Feldarbeiten herangezogen. Die örtlichen Bauern heuerten alle Kinder zum Erdbeer- und Baumwollpflücken an, wenn die jeweiligen Pflanzen reif zum Ernten waren. Das Erdbeerpflücken machte ihr sehr viel Spaß, man konnte die Früchte direkt von der Pflanze weg essen. Bei der Baumwolle sah das jedoch ganz anders aus: „Ich hasste Baumwolle, weil ich die Spinnen und Würmer darin nicht mochte. Ich hatte große Angst vor diesen ganzen – Insekten. Und ich bekam meinen Sack nie genauso voll wie die anderen. Ich schaffte es einfach nicht, da so viel hineinzubekommen, weswegen ich mit meiner Leistung eigentlich nicht zufrieden war. Ich war echt froh, wenn das Ganze dann vorbei war. Andere Sachen machte ich aber gern, z.B. mochte ich es, Erdbeeren zu pflücken, und auch die Arbeit in den Obstgärten gefiel mir.“ (12)

Tina erinnert sich immer noch an die von der Gemeinde in den Sommermonaten veranstalteten Picknicks, bei denen es frischen Obstkuchen, ein Barbecue und Limonade gab. Häufig spielten dazu ortsbekannte Legenden wie Bootsy Whitelaw, ein in dieser Gegend bekannter Posaunist.

Damals gab es für ein Kind alles Mögliche zu entdecken und zu erleben. Relativ bald erhielten Anna und Alline eine recht gründliche sexuelle Aufklärung: Sie lugten durch die Spalten zwischen den Holzlatten eines der Schuppen hindurch, die sich auf dem Farmgrundstück befanden. Als sie einmal dabei zuschauten, wie sich ein Teenagerpärchen darin vergnügte, war ihnen klar, dass sie gerade Zeuge von etwas wurden. Anna war sich nicht so sicher, was genau die beiden da taten, aber es sah schon irgendwie spannend aus.

1950, Anna war gerade erst zehn, passierte etwas Furchtbares: Ihre Mutter, die von ihrer Ehe die Nase voll hatte, packte eines Tages ihre Sachen und verließ die Familie, ohne sich zu verabschieden. Am Abend kam Richard nach Hause und Zelma war schlicht und einfach nicht mehr da. Sie war nach St. Louis gezogen und kam nicht mehr zurück.

Der kleinen Anna war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie ihre Mutter liebte – bis diese dann plötzlich weg war. Nachdem Zelma fortgegangen war, hörte Anna gar nicht mehr auf zu weinen. Sie war innerlich zerrissen. Sie liebte ihre Mutter sehr, hasste sie aber andererseits dafür, dass sie weggegangen war. Was die Gefühle für ihre Mutter anging, so sollten diese von nun an ständig hin- und herschwanken. „Ich war so tief verletzt, dass ich unaufhörlich weinte. Aber das half nichts. Eigentlich wird es dadurch nie besser“, sagt Tina (1). Ihre Tränen wollten so bald nicht trocknen. Doch eines Tages sagte sie sich schließlich: „Ach, hol dich doch der Teufel, Mutter!“ (4) Wer in ihrem Leben später auch noch so kam und ging, nichts konnte sie mehr so sehr verletzen wie diese eine Erfahrung. Tief in ihrem Herzen wusste Anna also bereits jetzt, dass sie eine echte Überlebenskünstlerin war.

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Da er fest dazu entschlossen war, seine Familie, bestehend aus den drei Töchtern, aufrechtzuerhalten, ließ sich Richard mit einer ganzen Reihe von Frauen ein, die er bei sich in das kleine Haus in Spring Hill einziehen ließ. Unter den ersten war eine geschiedene Frau mit Namen Essie Mae, die aus dem nahegelegenen Ripley stammte – und die er heiratete. Ihre Tochter Nettie Mae zog auch mit ein.

Anna und Alline und ihre Halbschwester Evelyn mochten die beiden eigentlich von Anfang an nicht. Es war sogar so, dass sie Essie Mae den Spitznamen „Frog“ (Frosch) gaben und Nettie Mae bei ihnen „Pig“ (Schwein) hieß. Tina sind die breiten Hüften des „Froschs“ und ihr Mund mit den vielen Goldkronen noch gut in Erinnerung. Und sie weiß noch, wie neidisch sie auf die umfangreiche Garderobe von „Schwein“ war.

Da „Frosch“ darauf bestand, zog die Familie ins nahegelegene Scott’s Hill in ein Haus neben dem örtlichen Friedhof. Die Harmonie im Bullock’schen Heim war allerdings nicht von langer Dauer. Richard und Essie Mae begannen sich zu streiten. Mehr als einmal kam es gar zu Handgreiflichkeiten. Eine ihrer schlimmsten Auseinandersetzungen endete damit, dass Essie Mae Richard Bullock ein Messer zwischen die Beine rammte.

Es dauerte dann nicht mehr lange, bis „Frosch“ und „Schwein“ ihre Sachen packten und für immer fortgingen. Zu diesem Zeitpunkt hörte Richard damit auf, seine Kinder mit in die Kirche zu nehmen. Das zog eine ganze Reihe von Babysittern und Haushälterinnen nach sich. Unter den Frauen, die sich um Anna und ihre Schwestern kümmerten, waren Miss Jonelle und Ella Vera, die Schwiegermutter von einem von Richards Brüdern.

Entweder kamen die Leute zu Anna, Alline und Evelyn nach Hause und betreuten sie dort oder die Mädchen mussten zu diesen Babysittern gehen. Eine Weile lebte Miss Jonelle sogar mit bei den Mädchen im Zimmer. Doch bald begannen sich auch Richard und Miss Jonelle zu streiten. Wieder dauerte es nicht lange, bevor Miss Jonelle ebenfalls ihre sieben Sachen packte und ging.

Ihr Leben verlief derart zwar nicht gerade glücklich, aber Anna gelang es trotz dieser ständig wechselnden Bezugspersonen und der ebenso häufig wechselnden Partnerinnen ihres Vaters, sich ihre eigene Identität zu bewahren. „Wenn sich irgendjemand um mich kümmerte, dann war das meine Schwester“, so Tina. (1)

Als sie 13 war, passierte ihr etwas Unangenehmes. Irgendwie erfuhr Ella Vera davon, dass Anna ihre Periode noch nicht bekommen hatte. Ella Vera machte sich Sorgen, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte und wandte sich aus diesem Grund an Richard und erzählte ihm davon. Dieser ging mit Anna dann zum Arzt, um das abklären zu lassen. Anna empfand diese ärztliche Untersuchung als entsetzlich. Wenig später bekam sie dann ihre erste Periode. Das schockierte Anna noch viel mehr. In ihrem Teenagerkopf machte sie den Arzt dafür verantwortlich, dass diese monatliche Plage nun zu einem wiederkehrenden Teil ihres Lebens wurde.

Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was als Nächstes kam. Ganz plötzlich verließ ihr Vater die Familie und zog in den Norden, nach Detroit. Nur drei Jahre, nachdem ihre Mutter weggegangen war, wurden Anna und Alline nun sozusagen zu Waisen – denn man ließ sie allein.

„Ich konnte es einfach nicht glauben“, sagt Tina. „Da war ich nun – dreizehn Jahre alt und ohne Mutter. Und nun war auch noch mein Vater weg.“ (1)

Sie wurden zu Ella Vera abgeschoben. Obwohl diese nett zu ihnen war, zeigte sich Anna von der neuen Wohnsituation nicht allzu begeistert. Eine im Ort lebende Frau namens Florence Wright passte ebenfalls auf die Mädchen auf. Florence war Kosmetikerin gewesen, die Richard, in der Zeit, bevor er die Familie verließ, angeheuert hatte, um Annas und Allines Haare zu machen. Auch sie kümmerte sich oft um die Bullock-Mädchen.

Auf diese Lebensphase zurückblickend, erzählt Tina: „Ich wurde immer herumgeschoben, von einem Verwandten zum anderen. In meinem Leben gab es keine Stabilität.“ (5)

Eine Weile schickte Richard Ella Vera regelmäßig Geld für den Unterhalt, doch nach nicht allzu langer Zeit hörten die Zahlungen auf. Anna war äußerst frustriert wegen ihrer schwierigen Lebenssituation und der schmerzhaften Tatsache, dass beide Elternteile sie im Stich gelassen hatten.

Um Geld zu verdienen, besorgte sich Anna selbst einen Job und arbeitete für ein weißes Ehepaar, die Hendersons. Dies vermittelte ihr ein Zugehörigkeitsgefühl und gab ihrem chaotischen Leben ein gewisses Maß an Kontinuität. Bei der Arbeit im Haushalt von Guy und Connie Henderson lernte sie auch eine Menge fürs Leben: „Ich begann für eine weiße Familie als Hausmädchen zu arbeiten. Dort lernte ich viel für mein Leben als Frau – außer das Kochen –, denn ich war wie ihre jüngere Tochter. Ich lernte, mich um ihr Baby zu kümmern, so dass ich, als ich mein eigenes Kind bekam, in allem Bescheid wusste.“ (1)

Guy Henderson war Eigentümer eines Chevrolet-Handels in Ripley, Tennessee, und seine Frau Connie war, bevor sie geheiratet und den Beruf aufgegeben hatte, Lehrerin gewesen. Ihr Baby, David, kam, während sie bei ihnen beschäftigt war, in Annas Obhut. In der Zeit, als sie bei den beiden arbeitete, lernte sie, wie man ein Haus sauber und ordentlich hält, und eignete sich zudem alle Aspekte der Babypflege an. Annas Arbeit umfasste alles – vom Windelnwechseln bis zum Erledigen der Wäsche –, sie fühlte sich wie ein vollwertiges Mitglied der Familie und wurde auch so behandelt. Eine Weile lang hatte sie das Gefühl, dass sie einen Ort besaß, wo sie hingehörte.

Als sie bei den Hendersons wohnte, bekam sie auch mit, was eine richtige Familie ausmachte: ein Zuhause, in dem es keine körperlichen Auseinandersetzungen gab, man nicht bedroht wurde und keiner der beiden Partner außereheliche Affären hatte. Außerdem zeigten Guy und Connie einander offen ihre gegenseitige Zuneigung und Liebe. Indem sie einfach sie selbst und für Anna da waren, öffneten sie ihr die Augen für die Möglichkeit, ein völlig anderes Leben zu führen. Sie zeigten ihr, wie eine Ehe funktionieren konnte. Was ihr hier vorgelebt wurde, unterschied sich sehr stark von dem, was für sie inzwischen zur Normalität geworden war. Es weckte in ihr den Wunsch nach einem Zuhause, das so harmonisch war wie das der Hendersons. Ihr Leben in dieser Familie gab Anna ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

Da sie immer noch in der Gegend wohnten, wo sie aufgewachsen waren, lebten Anna, Evelyn und Alline noch ganz in der Nähe von ihren Verwandten. Es gab also eine Art von Familienzusammenhalt – auch wenn sie von ihren eigenen Eltern verlassen worden waren. Bis zum Jahr 1954 hatte es in der Welt der nun vierzehnjährigen Anna viele Veränderungen gegeben. Opa Alex war gestorben und hatte Oma Roxanna als Witwe zurückgelassen. Onkel Gill war aus dem Gefängnis entlassen worden – er hatte sein Haftstrafe für die Erschießung seines Rivalen abgebüßt. Oma Roxanna lebte nun bei Onkel Gill, der inzwischen geheiratet hatte.

Annas Halbschwester Evelyn entdeckte, dass sie von einem wohlhabenden Jungen aus der Gegend, der noch zur High School ging, schwanger war. Als er ihr vorschlug zu heiraten, lehnte sie ab. Sie war in einen anderen Jungen verliebt und wollte mit dem Vater ihres Kindes nichts mehr zu tun haben. Stattdessen bekam sie ihr Kind, dem sie den Namen Dianne Curry gab, und lebte bei Onkel Gill.

Evelyn und ihre Cousine Margaret wurden sehr enge Freundinnen. Es war sogar so, dass Oma Georgie immer sicherstellte, dass die beiden Mädchen ständig zusammen waren, so dass sie nicht in allzu große Schwierigkeiten gerieten. Anna sah sie jeden Samstag in Ripley und freute sich, wenn die beiden sie besuchen kamen.

Da sie etwas älter war als die anderen Mädchen, verhielt sich Evelyn Anna gegenüber ein wenig kühl und reserviert. Sie tat so, als wäre sie lieber mit jungen Erwachsenen als mit jungen Mädchen zusammen. Doch Margaret begleitete sie auf Schritt und Tritt und Anna liebte ihre Cousine einfach über alles. Im Grunde freute sie sich die ganze Woche darauf, Margaret wiederzusehen.

In vielerlei Hinsicht wurde Margaret für Anna zu einer Art Ersatzmutter. Sie redete mit ihrer jungen Cousine über das Leben, sprach mit ihr über Gott und die Welt. Margaret klärte Anna über Liebe und Sex auf. Margaret sprach mit ihr über Jungs und das Küssen und erzählte ihr, wer mit wem schlief. Anna war von Margarets Geschichten über ihre Verwandten und vom ganzen örtlichen Tratsch begeistert.

Im gleichen Jahr wurde dann auch Margaret von einem Jungen aus der Gegend schwanger. Darüber war sie sehr bestürzt und tat alles, was sie konnte, um ihren Körper dazu zu bringen, das in ihr wachsende Kind abzustoßen.

Anna war der einzige Mensch, dem Margaret von ihrem Dilemma erzählte. Noch heute erinnert sie sich an den letzten Tag, an dem sie Margaret lebend sah. Es war der Besuch, bei dem ihr Margaret auch von ihrer Schwangerschaft verriet. Margaret hatte gehört, dass, wenn man schwarzen Pfeffer mit heißem Wasser vermischt trank, dies eine Fehlgeburt auslöste, weshalb sie dieses fürchterliche Gebräu zu sich nahm und damit verzweifelt versuchte, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

Nach diesem Besuch ereignete sich ein sehr tragischer Vorfall. Margaret und Evelyn wurden, gemeinsam mit einer anderen Cousine namens Vela Evans, von einem Mann mit dem Auto zu einem Basketballspiel im Ort mitgenommen. Leider hatte der Mann sehr viel getrunken und seine Fahrtüchtigkeit war stark eingeschränkt. Als er die Spur wechselte, um ein langsames Fahrzeug zu überholen, fuhr er direkt in einen entgegenkommenden Diesellaster. Sowohl Margaret als auch Evelyn verstarben noch an jenem Abend.

Anna war bei den Hendersons, als das Telefon klingelte und sie die schreckliche Nachricht erhielt. Als sie es gesagt bekam, fiel sie in Ohnmacht. Bis dahin hatte sie immer angenommen, dass nur Weiße es fertigbrächten, ohnmächtig zu werden, wenn man ihnen eine furchtbare Neuigkeit überbrachte. Sie dachte, Schwarze nähmen Tragödien einfach als gegeben hin und kämpften sich tapfer durch alle Härten, die ihnen das Leben auferlegt. An jenem Abend entdeckte sie, dass der Körper eines jeden Menschen unter Schock kollabieren konnte. Als Anna von Margarets Tod erfuhr, spürte sie förmlich, wie ihr die Beine ihren Dienst versagten.

Anna war bei der Beerdigung von Opa Alex gewesen. Sie hatte gesehen, wie friedlich er in seinem Sarg lag – er hatte so ausgesehen, als wäre er in einen tiefen und wohlverdienten Schlaf gefallen. Doch Margarets und Evelyns Beerdigung zeigten eine andere, kältere und furchtbarere Seite des Todes. Da lag ihre geliebte Cousine Margaret in ihrem Sarg, ihr Kopf war durch den Unfall plattgedrückt worden und über ihr Gesicht verlief eine riesige Schnittwunde. Man hatte sich kaum bemüht, die Auswirkungen des Unfalls kosmetisch zu kaschieren – es war ein schrecklicher und herzzerreißender Anblick.

Anna sah sich ihre jungen und leblosen Körper an und schrie: „Margaret! Evelyn!“ Doch die beiden sollten für immer schweigen. Ein weiteres Mal hatte Anna eine wertvolle Lektion über das Leben gelernt und wie schnell es für manch einen zu Ende sein kann. Nun war ihre Halbschwester nicht mehr da und ihre Kusine Margaret hatte sie ebenfalls verlassen. Sie hatte das Geheimnis ihrer Schwangerschaft mit ins Grab genommen – nur Anna wusste davon.

Anna empfand die Ereignisse als sehr schmerzvoll und spürte eine innere Leere. Sie dachte, dass der Schmerz, den sie gefühlt hatte, als zuerst ihre Mutter und dann ihr Vater sie verließ, schon furchtbar gewesen sei.

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