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Time to Die – Stirb noch einmal

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Dieser Auftrag war wirklich zum Davonlaufen! Lexie Murrough wäre im Moment überall lieber gewesen als in Gadi. Sie sollte hier über die Feierlichkeiten berichten, die anlässlich der Machtübernahme durch Babu Tum veranstaltet wurden. Der neue Präsident des winzigen afrikanischen Landes war ein größenwahnsinniger Mann und grausamer Tyrann. Er war für den Tod zahlreicher seiner Landsleute verantwortlich. Doch die Welt sah weg.

Selbst der Fernsehsender UBC hielt Tums offizielle Ernennung wohl für nebensächlich: Man hatte nur Lexie – eine blutige Anfängerin – mit der Berichterstattung beauftragt und ihr einen einzigen Kameramann an die Seite gestellt. Ihr Personenschutz bestand aus einem Schlägertyp namens Kele, aber der trieb sich gerade irgendwo in der Menge herum. Bei seinem Anblick lief es Lexie allerdings sowieso kalt den Rücken hinunter. Immerhin hatte er eine Waffe bei sich und beherrschte die Landessprache.

“Da ist er! Das ist Präsident Tum. Versuch, so viele Nahaufnahmen wie möglich zu bekommen!”, rief Lexie ihrem Kameramann zu.

Marty Bearn und sie hatten sich erst auf dem Flug von Atlanta nach Gadi kennengelernt. Lexie hatte sich so lange über den ungeliebten Auftrag aufgeregt, bis ihr die Luft ausgegangen war. Woraufhin Marty ihr Fotos von seiner Hochzeit zeigte. Sherry, seine Braut, war eine zierliche Brünette mit großen braunen Rehaugen. Anfänglich wunderte sich Lexie noch, dass so ein hübsches Ding und der bullige rothaarige Haudegen Marty zueinander gefunden hatten. Doch als das Flugzeug schließlich auf dem schwarzen Kontinent landete, hatte Lexie bereits begonnen, Martys Vorzüge ihrerseits zu schätzen. Er war ein angenehmer, gelassener Mann mit einem überaus verlässlichen Wesen. Ganz zu schweigen davon, dass er seine Frau über alles liebte.

“Sieh nur, wie er zum Podium stolziert!”, bemerkte Marty. “Ich wette, er ist ohne diese Absätze nicht größer als eins fünfundsechzig. Der hat garantiert einen Napoleonkomplex.”

Lexie nickte. “Wenn du mich fragst: Er ist ein Monster!”, erwiderte sie.

Die Veranstaltung fand unter freiem Himmel statt, auf einem Platz etwa halb so groß wie ein Fußballfeld. Eine große Anzahl von Bürgern war hier versammelt worden, um dem neuen Staatsoberhaupt zu huldigen. Während Marty dieses Bild einfing, überlegte Lexie, wie ihr Bericht wohl beim Publikum ankommen würde. Vielleicht würde er es ja sogar in die Abendnachrichten schaffen. Aber er würde genauso schnell wieder vergessen sein.

Bedauerlicherweise verstand Lexie nur Bruchstücke von der Rede, zu der Präsident Tum gerade ansetzte. Wo steckte nur dieser Kele? Immer wenn man ihn brauchte, war er irgendwo in der Menge verschwunden. Sein Geld war er jedenfalls nicht wert.

Der Diktator hatte noch keine fünf Minuten gesprochen, als Lexie urplötzlich von einer bösen Vorahnung erfasst wurde. Ein Schauer lief ihr den Rücken herunter. Als hätte sie den sechsten Sinn, wusste sie intuitiv, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde.

Und dann knallte ein Schuss.

Babu Tums dunkle Augen weiteten sich, bevor sein Kopf nach vorne kippte und sein Körper zusammensackte. Die Kugel hatte ihn genau zwischen die Augen getroffen.

“Mein Gott!”, stammelte Marty. “Der Präsident ist gerade ermordet worden.”

Tums Bodyguards richteten ihre Waffen auf Tums Publikum. Bevor sie jedoch irgendjemanden in der hysterischen Menge ausmachen konnten, fielen drei weitere Schüsse und töteten Tums engste Berater. Die Leibwache schoss daraufhin wild um sich.

“Lass uns abhauen!”, rief Marty Lexie zu.

“Kommt gar nicht infrage!”, schrie sie zurück. “Halt die Kamera drauf! Wir dürfen nichts verpassen.”

“Verdammt noch mal, Lexie! Das ist doch Selbstmord!”

“Halt drauf!” Das könnte ihr Durchbruch sein!

Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich vier Maskierte auf, die Tums Leibwache unter Beschuss nahmen. Die geheimnisvollen Männer stürmten auf das Podium und nahmen es dort mit einer Überzahl regierungstreuer Soldaten auf. Besonders einer von ihnen stach Lexie ins Auge. Er überragte seine drei Kameraden um eine ganze Kopfeslänge.

“Wahrscheinlich sind das Spezialagenten”, rief sie ihrem Kameramann zu. “Oder …”

Im gleichen Moment stöhnte Marty laut auf. Er griff mit der linken Hand nach seiner Brust, während die rechte die Kamera umklammert hielt. Lexie sah an ihm herunter. Sein Hemd war getränkt von seinem Blut.

“Marty!”, schrie sie auf.

Sie ließ sich neben ihm auf die Knie fallen. “Um Himmels willen! Wie schlimm ist es?”, fragte sie und wollte seine Hand wegziehen.

Als er versuchte, ihr zu antworten, kam nur ein Schwall Blut aus seinem Mund.

“Marty! Wag es nicht, zu sterben! Hörst du mich?” Lexies Puls raste.

Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht sterben!

Sie nahm Martys Hand von der Wunde und erschrak. Sie hatten ihn genau über dem Herzen getroffen. Als sie wieder in Martys Gesicht sah, war er bereits tot.

Nein!

Sie fühlte den Puls.

Nichts.

Es war alles ihr Fehler. Sie hatte unvernünftigerweise darauf bestanden, zu bleiben.

Es tut mir so leid, Marty! Es tut mir so leid.

Sie wand die Kamera aus seiner Hand. Es war zu spät. Sie konnte nichts mehr für Marty tun.

Wie gelähmt bahnte Lexie sich einen Weg über den mit Leichen gepflasterten Platz. Was für ein Albtraum! Sie presste die schwere Kamera an ihre Brust, während sie sich nach einem Ausweg umsah. Direkt neben der Rednerbühne erspähte sie schließlich ein offenes Tor. Von Tums Männern schienen nur noch wenige am Leben zu sein. Wer auch immer die Männer dieser Spezialeinheit waren, sie verstanden ihr Handwerk.

Was sollte sie nur tun? Ausharren und riskieren, von einer Kugel getroffen zu werden? Oder um ihr Leben rennen? Sie folgte schließlich ihrem Bauchgefühl, als sie begann, auf allen vieren zum Tor zu kriechen. Kurz davor sprang sie auf und begann zu rennen, als sei der Teufel höchstpersönlich hinter ihr her.

Fast geschafft.

Nur noch ein paar Meter.

Gleich bist du in Sicherheit.

Die Kugel traf sie wie ein Donnerschlag und warf sie zu Boden. Schmerz durchströmte sie, brannte in jeder Faser ihres Körpers.

Sie war so nah dran gewesen! Beinahe wäre sie entkommen.

Als sie auf den Boden aufschlug, rutschte ihr die Kamera aus der Hand. Sie versuchte mit steifen Fingern, das Band zu entnehmen, aber es gelang ihr nicht. Alles war verloren. Sie hatte Martys und ihr eigenes Leben völlig umsonst aufs Spiel gesetzt. Er war tot, und sie würde ihm wahrscheinlich bald folgen.

Lexie fiel es schwer, bei Bewusstsein zu bleiben. Wie lange lag sie bereits hier, auf dem siedendheißen und blutbefleckten Platz? Fünf Minuten? Fünfzig Minuten? Oder fünf Stunden?

“Wir können sie nicht mitnehmen!”, hörte sie plötzlich eine Stimme mit britischem Akzent.

“Wenn wir sie hierlassen, stirbt sie!”, erwiderte eine andere mit Nachdruck. Ein Amerikaner?

Einen Augenblick später wurde sie von starken Armen hochgehoben. Ein Mann presste ihren verwundeten Körper an seine stahlharte Brust. Lexie blickte in das Gesicht ihres Retters, doch alles, was sie sah, waren seine stahlgrauen Augen. Dann wurde sie ohnmächtig.

Geoff Monday kam auf Deke Bronson zu. Er war Spezialagent wie Deke selbst. Er hatte die Operation in Gadi angeführt.

“Gibt es Neuigkeiten, was ihren Zustand angeht?”, fragte er.

Deke schüttelte den Kopf. Er wartete darauf, mit Lexie Murroughs Arzt zu sprechen.

“Es war nicht dein Fehler”, beteuerte Geoff. “Das weißt du doch. Sie war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.”

“Ja.” Verdammt! In seinem Beruf musste man immer damit rechnen, auch mal Zivilisten zu verwunden oder sogar zu töten. Diese UBC-Reporterin war nicht sein erstes unschuldiges Opfer. Warum nur war diesmal alles anders?

“Immerhin hast du dein Leben und deine Karriere riskiert, um sie zu retten”, fuhr Geoff fort. “Sie verdankt ihr Leben dir.”

“Sie ist meinetwegen querschnittsgelähmt. Meine Kugel hat genau ihre Wirbelsäule getroffen.”

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Zwei Militärärzte traten heraus, von denen einer geradewegs auf Deke zukam.

“Captain Bronson?”

Deke nickte.

“Miss Murrough ist nun bei Bewusstsein. Sie stellt viele Fragen”, erklärte der Arzt. “Sie möchte vor allem wissen, wer sie gerettet hat.”

Jeder Muskel in Dekes Körper verspannte sich.

“Sie können gern zu ihr hineingehen.”

“Nein. Sagen Sie ihr bitte, Sie wüssten nicht, wer der Mann war.”

Der Arzt sah Deke überrascht an. “Ich bin mir sicher, sie würde Ihnen gerne danken.”

“Ich will keinen Dank von ihr.” Deke drehte sich abrupt um und ging davon. Wie könnte er dieser jungen Frau unter die Augen treten? Schließlich war es seine Kugel, die sie getroffen hatte.

Er hatte ihr Leben zerstört.

1. KAPITEL

Zehn Jahre später

Lexie Murrough sah aus dem Fenster ihres Büros. Seit zwei Jahren war Chattanooga am Ufer des Tennessee Rivers nun schon ihre Heimat. Zusammen mit der Milliardenerbin Cara Bedell hatte sie eine Wohltätigkeitsorganisation namens Helping Hands gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, Armen und Schwachen auf der ganzen Welt zu helfen. Während Lexie als Präsidentin die Geschäfte der Organisation führte, versorgte Cara Helping Hands als Schirmherrin mit dem nötigen Kapital. Und sie stand Lexie mit Rat und Tat zur Seite. Die beiden Frauen waren inzwischen nicht mehr nur Mitstreiterinnen in der gemeinsamen guten Sache, sondern auch gute Freundinnen geworden.

Es hatte einmal eine Zeit in ihrem Leben gegeben, da hatte Lexie Freundschaft als selbstverständlich erachtet, wie so viele andere Dinge im Leben auch. Aber das war eine andere Lexie gewesen – eine dumme und unerfahrene Reporterin, die dachte, die Welt würde sich nur um sie drehen. Weniger als fünf Minuten hatten damals ausgereicht, um ihr Leben für immer zu verändern. Die hübsche und unbekümmerte junge Frau, die von allen bewundert werden wollte, war vor zehn Jahren an jenem verhängnisvollen Junitag in einem gottverlassenen afrikanischen Land gestorben. Doch im Gegensatz zu ihrem Kameramann Marty Bearn war ihr eine zweite Chance gewährt worden. Eine Art zweites Leben.

Lexie seufzte, dann drehte sie sich um und lächelte ihre Assistentin Toni Wells an, die gerade den Raum betrat. “Was für ein schöner Ausblick.” Lexie sprach mit ihren Kollegen und Freunden nie über ihre Vergangenheit. Ihre Therapeutin hatte ihr geholfen, zu begreifen, dass sie die Vergangenheit loslassen musste, um sich weiterentwickeln zu können. Und zwar alles. Nicht nur die verlorenen Hoffnungen und Träume. Sondern auch die Schuldgefühle und die Wut.

“Ich bringe Geschenke”, sagte Toni, während sie einen Pappbecher auf Lexies Schreibtisch abstellte. “Ein Caffè Mocha ohne Sahne.”

“Danke. Du bist ein Engel.” Lexie griff nach dem Becher, entfernte den Deckel und nahm einen vorsichtigen Schluck. “Genau das habe ich jetzt gebraucht.”

Toni ließ sich in den Sessel gegenüber von Lexie fallen und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem eigenen Getränk, das ohne jeden Zweifel Zucker und Sahne enthielt. Toni war nämlich eine jener Frauen, die essen konnten, was sie wollten, und dennoch nicht zunahmen. Die Glücklichen!

Mit Anfang zwanzig hatte Lexie sich auch keine Sorgen um ihr Gewicht gemacht, aber das war Jahre her. Mangelnde Bewegung und Frustessen hatten ihr im Laufe der Zeit dreißig überflüssige Pfunde beschert. Zwanzig war sie inzwischen wieder losgeworden; die Erinnerung daran war jedoch eine stetige Mahnung für sie.

Aufmerksam betrachtete sie ihre junge Assistentin. Antoinette Wells war fünfundzwanzig Jahre alt, groß und schlank, eine exotische Schönheit mit lockigem schwarzen Haar, dunklem Teint und großen braunen Augen. Tonis Mutter war eine afroamerikanische Dichterin, die sich bereits früh von Tonis Vater getrennt hatte. Er war ein weißer Südstaaten-Politiker.

“Schau mich nicht so vorwurfsvoll an”, sagte Toni. “Immerhin habe ich heute keinen Kuchen und kein Gebäck mitgebracht. Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich das Schlankheitsgen meiner Eltern geerbt habe, oder?”

Lexie lachte. “Ja, Gene können schon ganz schön gemein sein! Aber mit dir haben sie es offensichtlich gut gemeint.”

“Vielleicht was Äußerlichkeiten angeht”, erwiderte Toni. “Aber dafür muss ich mich mit der ganzen Mischlingskind-Sache herumschlagen.”

“Da hast du recht. Das Leben ist wohl für keinen von uns perfekt”, gab Lexie trocken zurück, während sie ihren Rollstuhl erneut drehte, um aus dem Fenster zu sehen. “Ich hatte heute meine halbjährliche Routineuntersuchung. Die Ergebnisse waren wie zu erwarten.”

“Keine Veränderung?” Aus Tonis Stimme klang etwas Mitleid.

Lexie schüttelte den Kopf "Keine Veränderung. Und nach so langer Zeit ist damit wohl auch nicht mehr zu rechnen.” Eine ganze Reihe von Gefühlen stieg bei diesem Gedanken in Lexie hoch und schnürte ihr beinahe die Kehle zu. Aber sie würde nicht weinen. Tränen waren reine Zeitverschwendung.

Toni kam zu ihr herüber und berührte sanft Lexies Schultern.

“Kein Grund, zu verzweifeln. Du bist jung, du bist schön, du hast einen tollen Job und Freunde, die dich über alles lieben. Du kannst vielleicht nicht rennen, aber du kannst gehen.” Sie drehte den Rollstuhl herum, um Lexie ins Gesicht zu sehen. “Und dass du keinen Mann in deinem Bett hast, liegt nur daran, dass du alles abblockst! Das ist der einzige Grund. Wie oft hat Lieutenant Desmond dich im letzten Jahr gefragt, ob du mit ihm ausgehst?”

“Fang mir bloß nicht mit Bain Desmond an! Soll mich das vielleicht aufmuntern?”, erwiderte Lexie mit einem schiefen Lächeln.

“Warum nicht?”, fragte Toni und setzte sich auf die Kante von Lexies Schreibtisch.

“Warum nicht? Du weißt ganz genau, warum nicht.”

“Erklär’ mir noch mal.”

“Weil Bain Desmond nicht der Typ Mann ist, mit dem ich zusammen sein möchte”, begann Lexie. “Er ist Polizist und trägt eine Waffe. Er schießt auf Menschen.” Sie hatte eine regelrechte Abneigung gegen Waffen und gegen ihre Besitzer – besonders, wenn das Tragen von Waffen zu ihrem Beruf gehörte. “Außerdem sind Bain und ich zu gut befreundet. Wenn ich mit ihm ausginge, würde dass nur alles kaputt machen.”

“Und was passt dir nicht an Farris Richardson? Er weiß nicht einmal, wie man eine Waffe hält.”

Lexie schüttelte den Kopf. “Wenn du auf Bilanzen stehst, geh doch du mit ihm aus.”

Toni grinste. “Ich bin jetzt mit Jafari zusammen! Warum sollte ich je wieder einen anderen wollen? Du bist es, die niemanden hat, der sie nachts warm hält!”

“Seit wann hast du es dir zur Aufgabe gemacht, einen Mann für mich zu finden?”

Toni seufzte verträumt. “Seit ich mich verliebt habe, wünsche ich mir einfach, dass alle meine Freunde so glücklich sind, wie ich es bin.” Dabei sah sie Lexie direkt in die Augen und fuhr fort: “Auch wenn es schwer wird, jemanden zu finden, der genauso wundervoll ist wie Jafari.”

“Ich mach dir einen Vorschlag”, feixte Lexie. “Wenn du in den nächsten paar Stunden nicht an Jafari denkst, vergesse ich meinen Besuch bei Dr. Burns. Vielleicht schaffen wir es dann ja, noch ein paar Dinge zu erledigen. Cara kommt um eins. Bestellst du Mittagessen für uns drei? Ich möchte, dass du bei unserem Termin dabei bist und Cara von deinen Ideen erzählst.”

“Gern. Ich bin zwar mit Jafari zum Mittagessen verabredet, aber wir sehen uns ja sowieso heute Abend.” Toni rutschte von Lexies Schreibtisch und ging zur Tür.

“Danke!” Als Toni schon halb draußen war, rief Lexie ihr hinterher: “Könntest du bitte Robert, Vega und Malik ausrichten, dass Cara heute vorbeikommt?”

“Wird erledigt. Die Arbeitsbienen werden darauf vorbereitet sein, dass ihre Königin heute erscheint.”

“Toni, was auch immer du von der Menschenrechts-Politik einiger weltweiter Partner der Bedell, Inc. hältst – bitte vergiss nicht, dass Cara Bedell deine Gehaltschecks unterschreibt, genauso wie meine. Außerdem hat sie die Leitung des Konzerns erst vor zweieinhalb Jahren übernommen. Sie kann schließlich nicht alles über Nacht ändern. Gib ihr ein wenig Zeit.”

Toni zuckte mit den Schultern. “In Ordnung.”

Als sie wieder allein war, griff Lexie nach ihrem Stock und zog ihren Körper mit seiner Hilfe langsam aus dem Rollstuhl hoch, bis sie schließlich aufrecht stand. Sie spürte die Anstrengung, aber keinen Schmerz. Das lag hinter ihr. Genau wie der Kampf, wieder laufen zu lernen. Unzählige Operationen und fünf Jahre Physiotherapie später konnte Lexie sich wieder völlig normal fortbewegen – wenn man vom starken Humpeln und der Abhängigkeit von ihrem Gehstock einmal absah. Toni hatte recht: Sie konnte zwar nicht rennen, aber immerhin konnte sie laufen. Es grenzte an ein Wunder, dass sie nicht querschnittsgelähmt war. Die Kugel war haarscharf an ihrem Rückenmark vorbeigeschrammt.

Lexie machte gerade ein paar Schritte durch den Raum, als ihr Handy klingelte. Mit einer Hand auf den Gehstock gestützt, lehnte sie sich jetzt vor und fischte es vom Schreibtisch, um nachzusehen, wer der Anrufer war.

Lächelnd klappte sie ihr Handy auf und sagte: “Guten Tag, Lieutenant Desmond.”

“Guten Tag, meine Schöne.”

“Vielen Dank, mein Herr. Sie wissen, wie man Frauen glücklich macht.”

“Das will ich doch hoffen”, erwiderte er amüsiert. “Hör zu, ich rufe an … weil, na ja, weil ich etwas Hilfe bei meinen Weihnachtseinkäufen gebrauchen könnte. Hast du heute Abend Zeit?”

“Nur, wenn du mich vorher zum Essen einlädst.”

“Klingt nach einem guten Geschäft.”

“Das wird aber kein Rendezvous, Bain”, warnte sie ihn. “Wir sind nur gute Freunde, die sich treffen, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen.”

“Ich weiß, ich weiß. Du und ich. Nur gute Freunde”, sagte Bain schmunzelnd. “Du musst mir wirklich nicht jedes Mal den gleichen Vortrag halten.”

Ohne auf seinen Kommentar einzugehen, sagte sie: “Und keine Waffen.”

“Ich bin nicht im Dienst, also kein Problem.”

“Gut. Dann hol mich um sechs ab und wir gehen Burger essen, bevor wir ins Einkaufszentrum fahren.”

“Ihr Wunsch ist mir Befehl, Gnädigste.”

Nachdem sie aufgelegt hatten, setzte Lexie ihre Gehübungen fort, bis sie es einmal quer durch den Raum zum Bücherregal geschafft hatte. Sosehr sie Bain auch mochte – sie beide waren wirklich nur gute Freunde. Auch wenn sie nicht darüber sprachen, spürten sie doch, dass sie beide insgeheim in jemand anderen verliebt waren. Bain in eine Frau, die er für unerreichbar hielt – und Lexie in einen Mann, den sie gar nicht kannte. Einen Mann mit geheimnisvollen grauen Augen.

Lexie hatte Bain Desmond zufällig kennengelernt. Vor etwa achtzehn Monaten waren Cara und sie ihm in einem Pub begegnet. Cara kannte ihn, weil er vor zweieinhalb Jahren die Ermittlungen im Todesfall Audrey Bedell, ihrer Halbschwester, geleitet hatte. Eine schreckliche Geschichte: Es war Edward Bedell, Caras Vater, der den Tod seiner Tochter verschuldet hatte, wenn auch ungewollt. Er nahm sich das Leben. Und Cara erbte von einem Tag auf den anderen den internationalen Konzern Bedell, Inc. mit allen dazu gehörigen Verpflichtungen. Lexie hätte blind sein müssen, um die sexuelle Anziehungskraft zwischen Cara und Bain nicht zu bemerken. Es war gleichzeitig aber auch nicht zu übersehen, dass beide sich allergrößte Mühe gaben, sich selbst und allen anderen vorzumachen, dass nichts dergleichen zwischen ihnen existierte.

Lexie lehnte ihren Gehstock ans Bücherregal und suchte einen Ordner heraus. Gadi. Ausgerechnet das Land, in dem sie dem Tod in letzter Sekunde von der Schippe gesprungen war, war heute ihr Lieblingsprojekt. Ihr Herz gehörte der gebeutelten und verarmten Bevölkerung dieses kleinen afrikanischen Staates. Immerhin lebten die Menschen dort heute nicht mehr in einer Diktatur. Seit der Ermordung von Präsident Tum war das Land in einen vierjährigen Bürgerkrieg verfallen, aus dem es inzwischen jedoch als Demokratie hervorgegangen war.

Helping Hands beschäftigte auf Lexies Betreiben hin gleich mehrere Gadinesen. Drei von ihnen arbeiteten im Hauptsitz in Chattanooga. Robert Luftis Praktikum würde allerdings noch dieses Jahr auslaufen. Er hatte vor, dann nach Hause zurückzukehren; ein anderer junger Mann aus Gadi würde seine Stelle besetzen. Malik Abdel und Vega Sharif hingegen waren fest bei der Hilfsorganisation angestellt und hatten sich um die amerikanische Staatsbürgerschaft beworben.

Lexie griff gerade nach dem Ordner, als ein ohrenbetäubendes Donnern das Bürogebäude erschütterte. Sie verlor das Gleichgewicht und schlug mit der Hüfte auf dem Boden auf. Ihr Gehstock flog quer durch den Raum. Er landete mit einem Knall neben ihrem Schreibtisch.

Um Himmels willen! Was war das? Ein Erdbeben? Aber doch nicht in Chattanooga! Aber was war es dann?

Er warf den Zünder in den großen Müllcontainer, der in einer kleinen Seitenstraße stand, fast neben der vierstöckigen Zentrale von Helping Hands. Dann zog er die Handschuhe aus und stopfte sie in seine Manteltaschen, bevor er auf den Gehweg hinaustrat. Dort hatte sich bereits eine Gruppe von Passanten versammelt. Er gesellte sich unauffällig dazu, wurde zu einem von ihnen. Er war nur ein weiterer neugieriger, besorgter Bürger, der sich fragte, was passiert war.

Die Bombe hatte er gestern Nacht im Waschkeller seines Apartmenthauses zusammengebastelt. Die langen Jahre im Dienste des Majeed hatten sich dabei ausgezahlt. Das kleine Bisschen Sprengstoff, das er verwendet hatte, hätte nur jemanden verletzt, der sich in unmittelbarer Nähe der Bombe befunden hätte. Diesmal hatte er niemanden töten wollen. Die Explosion war nur eine erste Warnung vor dem Terror, der folgen sollte.

Binnen weniger Minuten ertönten überall im Stadtzentrum von Chattanooga Sirenen: Polizeiautos, Feuerwehr und Krankenwagen beeilten sich, zum Ort des Geschehens zu kommen. Bevor die Situation brenzlig für ihn wurde, löste der Mann sich aus der Menge und huschte ins Bürogebäude, wo er sofort auf der Herrentoilette verschwand.

Nachdem er überprüft hatte, dass er dort auch wirklich allein war, zog er sein Handy aus der Tasche und wählte hastig. Das Telefon klingelte mehrmals, bevor sich der Anrufbeantworter einschaltete. Er wartete einen Augenblick, bevor er erneut wählte. Mailbox.

Geh schon dran, du Schlampe! Die Bombe ist schließlich nicht in deinem Büro hochgegangen. So leicht kommst du mir nicht davon! Du wirst noch richtig leiden, bevor du stirbst.

Beim dritten Versuch nahm sie schließlich ab. “Hallo?”

Ihre Stimme zitterte. Gut. Sie hatte sich immerhin ordentlich erschreckt.

Durch ein Taschentuch und mit verstellter Stimme raunte er: “Das war erst der Anfang. Der Anfang vom Ende, für dich und Cara Bedell und Helping Hands. Ich warne dich. Ich warne dich. Deine Zeit zu sterben ist schon bald gekommen.”

“Wer ist da? Wer sind Sie? Haben Sie …”

Er legte auf. Sie sollte sich ruhig Sorgen machen. Sie sollte lernen, was es hieß, um sein Leben zu fürchten.

Wann immer es seine Zeit erlaubte, versuchte Deke Bronson, am Mittwoch im Hauptquartier der Dundee Private Security and Investigation Agency im Zentrum von Atlanta vorbeizuschauen. Mittwochs brachte nämlich die Büroleiterin Daisy Holbrook meist ein selbst gekochtes Mittagessen für die gesamte Belegschaft mit in die Firma. Die Agenten nannten Daisy liebevoll Miss Multitasking: Sie tat immer mehrere Dinge gleichzeitig und erledigte trotzdem all ihre Aufgaben perfekt und pünktlich. Dabei war Daisy gar nicht der mütterliche Typ, den man vielleicht erwartet hätte. Im Gegenteil: Sie war jung und sehr attraktiv, ein wenig füllig, mit großen braunen Augen und einem gewinnenden Wesen. Jeder liebte Daisy, sogar Sawyer McNamara, der Geschäftsführer von Dundee. Und mit ihm war für gewöhnlich nicht gut Kirschen essen.

“Riecht es hier etwa nach Chili?”, fragte Lucie Evans, als sie die Mitarbeiterlounge betrat.

“Nach Chili und nach selbst gebackenem Maisbrot”, antwortete Deke, der sich gerade eine große Portion von Daisys liebevoll zubereitetem Mittagessen in eine Suppenschüssel schaufelte.

“Und Apfel-Streusel-Kuchen zum Nachtisch”, fügte Geoff hinzu.

“Im Gefrierfach steht Vanilleeis für den Kuchen”, warf Daisy ein. Sie schnitt gerade zwei große Laiber Maisbrot an – eines mit Chilis und eines ohne.

Geoff legte einen Arm um Daisys Schulter und küsste sie herzhaft auf die Wange. “Du weißt wirklich, wie man einen Mann glücklich macht, meine Süße.”

Daisy errötete. Jeder bei Dundee – jeder außer Geoff – wusste, dass Daisy bis über beide Ohren in den früheren Geheimagenten verliebt war. Deke hatte sich schon oft überlegt, ob er seinen ahnungslosen britischen Freund über die offensichtliche Zuneigung, die ihm entgegengebracht wurde, aufklären sollte. Da er aber nicht zu jener Art von Männern gehörte, die sich ins Privatleben anderer einmischten, hatte er nie etwas gesagt. Außerdem hätte Geoff dann wohl aufgehört, so hemmungslos mit Daisy zu flirten, und damit all ihre Hoffnungen und Träume zerstört. Die arme Daisy! Sie musste doch wissen, dass ein Mann wie Geoff sich niemals fest binden würde, auch nicht an so ein liebreizendes Geschöpf wie sie.

Deke wählte den kleineren der beiden runden Tische, stellte seine Schale mit Chili ab und machte es sich auf einem der gepolsterten Stühle bequem. Eigentlich war heute sein freier Tag, aber um nichts in der Welt hätte er Daisys Kochkünste versäumen wollen.

“Sind wohl nur wir heute”, stellte Geoff fest.

Tatsächlich waren Geoff und Lucy neben Deke die einzigen anwesenden Agenten. Alle anderen schienen unterwegs zu sein.

“Ich muss morgen früh los”, seufzte Lucie. “Zu einem dieser langweiligen Aufträge, die sonst keiner wollte.”

Geoff und Deke verdrehten die Augen, während Daisy Lucie mitleidig anlächelte.

Es war ein offenes Geheimnis, dass Sawyer ihr immer die unbegehrtesten Aufträge übertrug. Warum das so war und warum Lucie es hinnahm, wusste nur die beiden selbst. Alle bei Dundee wussten von dem Kleinkrieg zwischen dem Chef und der eigenwilligen Rothaarigen, aber niemand wusste, wann und warum er begonnen hatte. Vor Jahren waren sie beide FBI-Agenten gewesen. Wahrscheinlich war damals irgendetwas zwischen ihnen vorgefallen, das ihr Verhältnis für immer getrübt hatte.

Während Lucie und Geoff sich zu Deke gesellten, machte Daisy ein Tablett mit Mittagessen zurecht. Als sie damit auf die Tür zusteuerte, fragte Lucie: “Wo willst du denn hin?”

“Mr. McNamara hat gebeten, ihm etwas zu essen in sein Büro zu bringen”, antwortete Daisy.

“Der ist sich wohl zu gut dafür, mit dem einfachen Volk zu speisen”, empörte sich Lucie, sprang mit einer energischen Bewegung vom Tisch auf und streckte Daisy fordernd ihre Hände entgegen. “Lass mich das machen.”

Daisy schüttelte lachend den Kopf. “Kommt gar nicht infrage. Ich bin mir sicher, Mr. McNamara möchte das hier essen und nicht über sein Hemd gekippt bekommen. Glaub bloß nicht, ich wüsste nicht, was du vorhast.”

Damit drehte sich Daisy um und stolzierte zur Tür. Doch auf der Schwelle stand ihr ihr Chef plötzlich höchstpersönlich gegenüber.

“Ich wollte Ihnen gerade Ihr Essen bringen”, sagte Daisy ein wenig überrascht.

“Das muss warten”, erwiderte Sawyer. Seine Miene war ernst und geschäftlich, als er sich an ihr vorbeischob. Sein Blick schweifte zu seinen drei Mitarbeitern, die gerade begonnen hatten, sich über Daisys köstliches Chili herzumachen. “Gut, dass Sie alle hier sind.”

Deke wusste nur zu genau, was das bedeutete: Entweder würden sie das Mittagessen auf unbestimmte Zeit verschieben müssen, oder es würde gleich ganz ausfallen. Sawyer hatte wohl einen neuen Auftrag für sie.

“Ich gehe nirgendwohin, bevor ich nicht gegessen habe”, polterte Lucie los, ohne ihren Chef auch nur eines Blickes zu würdigen.

Sawyer war kurz davor, zu platzen. Deke bemerkte es sofort. Er besaß ein gutes Gespür für die Stimmungen anderer Menschen – eine Gabe, die ihm als Spezialagent und später als Söldner oft zum Vorteil gereicht hatte. Sawyers Gesicht wirkte wie versteinert. Seine Augen aber wurden ganz schmal, als er den Impuls unterdrückte, Lucie Evans zur Hölle zu schicken.

“Daisy?” Sawyer winkte seiner Büroleiterin. “Bringen Sie mir das Tablett hierher. Wir essen zusammen zu Mittag, während wir den neuen Auftrag besprechen.”

Nachdem Daisy das Tablett auf dem Tisch abgestellt hatte, ging sie rasch aus dem Raum und schloss die Tür leise hinter sich.

Sawyer sah seine Mitarbeiter nacheinander und dann schließlich auch sein Mittagessen an und räusperte sich. “Ich habe gerade mit Cara Bedell von Bedell, Inc. telefoniert”, sagte er schließlich.

“Hat endlich jemand ihren nichtsnutzigen Schwager aus dem Verkehr gezogen?”, fragte Deke. Er hatte Grayson Perkins bereits kennengelernt.

“Soweit ich weiß, geht es Mr. Perkins gut”, antwortete Sawyer. “Aber wie es scheint, hat jemand versucht, die Zentrale von Helping Hands in die Luft zu sprengen. Das Gebäude, in dem die Wohltätigkeitsorganisation untergebracht ist, liegt im Zentrum von Chattanooga. Die Bombe ging im Erdgeschoss hoch und hat drei Mitarbeiter teilweise schwer verletzt. Einer der Verletzten ist inzwischen gestorben.”

“Und warum wendet sich Miss Bedell an uns?”, wollte Geoff wissen.

“Kurz nach der Detonation ging ein Drohanruf bei Helping Hands ein.”

“Eine persönliche Drohung?”

“Gegen die Präsidentin.” Sawyer nickte. “Ja, die Drohung galt wohl sowohl ihr persönlich als auch Miss Bedell sowie der gesamten Organisation.”

“Warum sollte irgendjemand eine Wohltätigkeitsorganisation bedrohen?”, fragte Lucie kopfschüttelnd. “In was für einer kranken Welt leben wir eigentlich?”

“Wie scharfsinnig beobachtet von Ihnen, Evans”, erwiderte Sawyer spöttisch. “Bronson, ich möchte, dass Sie und Monday sich gleich nach dem Mittagessen auf den Weg nach Chattanooga machen. Ich überlasse es Ihnen, wer sich um Miss Bedell kümmert und wer die Präsidentin übernimmt.”

“Wer leitet die Ermittlungen?”, fragte Deke.

“Das Chattanooga Police Department”, erwiderte Sawyer. “Lieutenant Bain Desmond ist mit der Sache betraut. Und für Dundee …”

“Sie könnten mich schicken”, schlug Lucie vor.

“Könnte ich, mache ich aber nicht. Sie haben schon einen Auftrag, Evans, und der beginnt morgen. Ich werde Ty Garrett anrufen und ihn bitten, die Untersuchungen für uns zu übernehmen.” Sawyer sah seine beiden Agenten an. “Sie haben doch schon mal mit Ty gearbeitet? Er ist sehr gut in seinem Job.”

Geoff griff in seine Hosentasche und zog eine Münze heraus. Grinsend fragte er Deke: “Kopf oder Zahl? Wer gewinnt, bekommt die reiche Erbin.”

“Zahl.”

Geoff warf die Münze in die Luft und fing sie mit einer Hand auf dem Rücken der anderen auf. Als er die obere Hand lüftete, wurde sein Grinsen noch breiter. “Kopf. Tut mir leid, mein Freund, aber Miss Bedell gehört mir.”

Deke zuckte mit den Schultern. Ihm war das völlig egal. Für ihn war ein Klient wie der andere – und eine Frau wie die nächste.

Sawyer nickte den beiden zu. “Ich werde Daisy bitten, ein Dossier zusammenzustellen. Viel Glück.”

Als die zwei Agenten am Nachmittag bei Helping Hands ankamen, erwartete Bain Desmond sie bereits. Er war an die vierzig, groß und schlank mit einem ungezwungenen Lächeln.

“Was wissen Sie bisher?”, fragte Geoff den Lieutenant während der gemeinsamen Fahrt im Aufzug. Die Spurensicherung durchkämmte das Gebäude immer noch.

“Die Bombe war in einem kleinen Lagerraum versteckt. Wenn der Hausmeister sich nicht gerade darin aufgehalten hätte, um Werkzeug zu holen, wäre er noch am Leben. Wir glauben nicht, dass die Bombe jemanden töten sollte. Wahrscheinlich sollte das Ganze nur eine Warnung sein.”

“Eine Warnung an Helping Hands, an die Präsidentin und an Miss Bedell persönlich?”, fragte Deke.

“Nach dem, was der Anrufer gesagt hat, müssen wir davon ausgehen, ja.”

Lieutenant Desmond verließ als Erster den Aufzug, als die Türen sich öffneten. “Die Damen stehen ziemlich unter Schock. Ich habe Cara … Miss Bedell gesagt, dass es eigentlich nicht nötig ist, sie rund um die Uhr zu bewachen, aber sie bestand darauf. Und was Miss Bedell will, bekommt sie auch.” Er runzelte die Stirn. “Mit dem nötigen Kleingeld kann man sich eben alles erlauben.” Bain Desmond war selbst in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und misstraute reichen Menschen zutiefst.

“Uns hat ihr Kleingeld zumindest überzeugt”, warf Geoff vergnügt ein.

Desmond nickte. Ihm folgend, gingen sie den Korridor entlang auf einen Raum zu, dessen Tür weit offen stand. Drei Frauen befanden sich darin. Als die Männer eintraten, drehte sich nur eine der drei zu ihnen um. Die andere sah nur kurz über die Schulter, während die dritte regungslos sitzen blieb und halb von den anderen beiden verdeckt wurde.

Deke erkannte Cara Bedell sofort. Sie war groß, schlank und rotblond. Auch wenn sie nicht so hübsch war wie Lucie Evans, erinnerte sie ihn doch an seine Kollegin. Sie waren ungefähr gleich groß, aber Lucie war ein paar Jahre älter als Miss Bedell und ihr Haar war einige Nuancen dunkler.

Die Erbin des Bedell-Vermögens ging ein paar Schritte auf die Männer zu und streckte ihnen ihre Hand entgegen. “Sie kommen von Dundee Private Security and Investigation?”

“Richtig, Ma'am.” Deke schüttelte die ausgestreckte Hand. “Mein Name ist Deke Bronson.” Auf Geoff zeigend fügte er hinzu: “Und das ist mein Kollege Geoff Monday.”

“Ich nehme an, Sawyer hat Ihnen die Situation geschildert? Sie wissen, dass ich Sie beide so lange brauche, bis wir die Person haben, die hinter diesem Anschlag steckt?”, versicherte sich Cara.

“Ja, das ist uns bekannt.”

Sie wandte sich an Desmond. “Ich erwarte von der Polizei, dass sie mich täglich informiert. Und ich erwarte, dass alle Informationen, die herausgegeben werden dürfen, auch Mr. Bronson und Mr. Monday zur Verfügung gestellt werden. Ist das klar?”

“Ist es”, erwiderte Desmond mit einem Anflug von Verärgerung in der Stimme.

Cara Bedell drehte sich nun zu der schlanken Farbigen mit den großen braunen Augen um: “Nehmen Sie sich morgen frei, Toni. Ich will nicht, dass jemand zur Arbeit kommt, solange wir das Wachpersonal hier noch nicht aufgestockt haben.”

“Wird gemacht, Miss Bedell. Ehrlich gesagt, nach allem, was heute passiert ist, habe ich es nicht eilig, zurückzukommen.” Sie wandte sich an die dritte Frau. “Jafari wartet unten auf mich. Bist du sicher, dass du klarkommst? Du musst ganz sicher nicht ins Krankenhaus?”

“Die Notärzte haben mich untersucht”, erwiderte die Frau. “Ich habe nur einen Bluterguss am Knie und eine Beule auf der Stirn. Mir geht’ gut. Geh nach Hause und ruf mich morgen an. Bis dahin sollte ich auch wissen, ob wir am Freitag wieder arbeiten können.”

Deke und Geoff beobachteten, wie Toni den Raum verließ. Beide waren sich nur allzu gut bewusst, wie attraktiv diese Frau war. Dann wandte sich Deke der sitzenden Frau zu. Schön war nicht die richtige Beschreibung für sie. Sie war außergewöhnlich. Ihr blondes Haar lockte sich über ihre Schultern, die blauen Augen wurden von langen dunklen Wimpern umrahmt, und ihre Pfirsichhaut erstrahlte in einer leichten Sommerbräune. Deke blinzelte einmal, zweimal und schloss dann seine Augen für einen Moment. Das konnte nicht sein. Er musste sich täuschen!

Als er die Augen wieder öffnete, trafen seine Augen die der jungen Frau. Ihm stockte der Atem, und für einen kurzen Augenblick starrte er sie unverhohlen an. Es war zehn Jahre her, doch es kam ihm vor, als sei es gestern gewesen. Es war ihr Gesicht, das ihm fast jede Nacht in seinen Träumen erschienen war – seit diesem blutigen Tag in Gadi, als sie zwischen die Fronten von seinen und Babu Tums Leuten geraten war.

Sie erhob sich aus ihrem Stuhl, indem sie sich auf den bronzenen Knauf eines mit filigranen Schnitzereien verzierten Gehstocks stützte. Er war wie erstarrt, sprachlos. Sie aber bewegte sich auf ihn zu, streckte die Hand aus und sagte: “Ich bin Lexie Murrough, die Präsidentin von Helping Hands.”

2. KAPITEL

Lexie betrachtete den großen dunkelhaarigen Mann, der da vor ihr stand, und ein unerwarteter Schauer überlief sie. Sexuelle Anziehungskraft, kein Zweifel. Obwohl Deke Bronson streng genommen keine Schönheit war – dazu war er viel zu sehr ein ganzer Kerl –, warf seine ursprüngliche männliche Ausstrahlung sie völlig aus der Bahn. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals zuvor so auf einen Mann reagiert zu haben.

Bevor er ihre Hand schütteln konnte, trat der kräftig gebaute blonde Kerl zwischen sie und grinste Lexie an: “Hallo. Mein Name ist Geoff Monday. Ich bin ihr Bodyguard, Miss Murrough.”

Ehe er weitersprechen konnte, packte Bronson seinen Kollegen an der Schulter und zog ihn ein paar Schritte zur Seite: “Nein, du irrst dich. Ich werde Miss Murrough übernehmen.” Er nickte in Caras Richtung. “Miss Bedell untersteht deinem Schutz.”

“Bist du sicher?”, fragte Geoff.

“Absolut”, erwiderte Deke mit festem Blick.

Lexies Herz setzte einen Schlag lang aus. Ihr war klar, dass Deke Bronson sie gerade für sich beansprucht hatte, und die Bestimmtheit, mit der er das getan hatte, erschien ihr ebenso befremdlich wie besitzergreifend. Wenn es sich hierbei um einen Wettstreit zwischen den beiden Personenschützern handelte, verstand sie nicht, warum ausgerechnet sie der Hauptgewinn sein sollte. Immerhin war Cara Bedell die Milliardenerbin.

“Hören Sie! Wer auch immer mein Bodyguard ist – ich möchte jetzt gehen”, mischte sich Cara in genau dem autoritären Ton ein, den sie über Jahre perfektioniert hatte. Ihr war nicht bewusst, wie überheblich sie dabei wirkte. Und wie oft ihre Mitmenschen diesen Tonfall als Arroganz oder gar Unhöflichkeit missverstanden.

Die zwei Männer tauschten einen kurzen, aber vielsagenden Blick aus, bevor Geoff auf Cara zuging und eine einladende Handbewegung Richtung Tür machte: “Nach Ihnen, Miss Bedell.”

“Lexie, ich melde mich gleich morgen früh. Hoffentlich hat die Polizei”, bei diesen Worten warf Cara Bain Desmond einen strengen Blick zu, “bis dahin ein paar Ergebnisse für uns und wir können unsere weiteren Schritte planen.” Dann wandte sie sich an Deke Bronson. “Passen sie gut auf Lexie auf. Sie ist sprichwörtlich Gold wert.”

Deke nickte. “Das werde ich.”

Sobald Cara und Geoff das Zimmer verlassen hatten, lächelte Lexie ihrem Bodyguard zu und sagte: “Geben Sie mir eine Minute, und wir können auch gehen.”

Er nickte erneut.

“Er wird Tag und Nacht bei dir bleiben”, hatte Cara ihr erklärt. Sie hatte bereits alles organisiert, ohne Lexie vorher zu fragen. “Mir wäre wohler, wenn du vorerst bei mir einziehen würdest, aber da du das ohnehin nicht tun wirst, wirst du dir zumindest gefallen lassen müssen, rund um die Uhr bewacht zu werden. Bis wir wissen, mit wem oder was wir es hier zu tun haben, müssen wir schließlich davon ausgehen, dass dein Leben in Gefahr ist.”

Selbst jetzt, einige Stunden nach der Explosion, war Lexie immer noch ein wenig wackelig auf den Beinen. Vorsichtig ging sie auf Bain zu. Als sie ihm die Hand auf den Arm legte, spürte sie Deke Bronsons Blick auf sich. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er sie genau beobachtete.

Bild dir bloß nichts ein! Das ist rein geschäftlich. Er ist dein Bodyguard.

“Es tut mir leid wegen heute Abend”, sagte sie schließlich zu Bain. “Ich hatte mich schon auf die Burger und den Weihnachtseinkauf mit dir gefreut.”

“Das holen wir nach”, versicherte Bain und streichelte ihre Hand. Dann sah er zu Deke. “Geben Sie gut auf sie acht. Miss Bedell hat völlig recht! Ich würde sogar sagen, Lexie ist in Gold nicht aufzuwiegen.”

“Ich werde Miss Murrough unter Einsatz meines Lebens beschützen.”

Bain hob überrascht die Augenbrauen, während Lexie der Atem stockte.

Sie gab Bain einen Abschiedskuss auf die Wange. Als sie sich umdrehte, meinte sie auf Deke Bronsons Gesicht einen missbilligenden Ausdruck wahrzunehmen. Offensichtlich hielt er nichts davon, wenn Menschen ihre Zuneigung öffentlich kundtaten. Na ja, sein Pech. So war sie nun einmal. Sie umarmte und küsste ihre Freunde, wenn ihr danach war.

“Mein Wagen oder Ihrer?”, fragte sie Deke, als sie gemeinsam das Zimmer verließen.

“Ihrer. Wir sind mit einem Mietwagen aus Atlanta gekommen.”

Vor der Tür schnappte er sich einen dunklen Seesack und warf ihn sich über die Schulter. Als sie kurz darauf am Lift standen, griff er an ihr vorbei und drückte den Aufzugknopf. Bevor Lexie jedoch durch die aufgleitenden Türen eintreten konnte, hielt er sie zurück. Erst nachdem er den Innenraum des Lifts genau inspiziert hatte, schob er sie sanft hinein.

“Es wird wohl etwas dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe, einen Bodyguard zu haben.”

“Solange Sie sich klarmachen, dass alles, was ich tue, zu ihrer Sicherheit geschieht.”

“Hmm … Ich werde versuchen, daran zu denken.”

Sie bemühte sich, ihn nicht anzustarren, aber das verhinderte auch nicht, dass sie sich mit jeder Faser ihres Körpers seiner Gegenwart bewusst war. Er war gut zwei Köpfe größer als sie selbst und um einiges schwerer. Er schien die kleine Kabine völlig auszufüllen. Und da war noch sein Geruch. Er roch sauber und sinnlich zugleich. Nach Seife und Wasser, einem Hauch Aftershave und seiner ganz eigenen, männlichen Note.

Keiner von beiden sagte ein Wort, bis sie in der Lobby waren. Dann fragte er: “Wo steht Ihr Auto?”

“In der Tiefgarage.”

“Wie kommen wir dorthin?”

“Normalerweise würden wir den Hinterausgang nehmen”, erwiderte sie und spähte zu der Tür, die allerdings von der Polizei abgesperrt worden war.

Er griff nach ihrem Ellenbogen. “In diesem Fall nehmen wir den Vorderausgang.”

Als sie das Gebäude verlassen hatten, übernahm Lexie die Führung und er folgte ihr durch eine Seitenstraße, bis sie die schmale Gasse hinter dem Bürokomplex erreicht hatten. Es war November, die Sonne ging bereits unter. Im Schatten der hohen Häuser rechts und links wirkte die schmale Straße dunkel und unheimlich. Deke öffnete sein Jackett und umfasste Lexies Oberarm. Als er sie berührte, blickte sie ihn unvermittelt an, doch ihr Blick wurde nicht erwidert. Dekes gesamte Aufmerksamkeit galt der Umgebung. Konzentriert überprüfte er die Gasse, die Toreingänge sowie den Parkplatz. Lexies Blick jedoch glitt über sein markantes Gesicht, den Hals entlang zu seinen breiten Schultern und seiner muskulösen Brust. Als er sich bewegte, gab sein Jackett für einen kurzen Moment den Blick auf seine Waffe frei, die er in einem Holster um die Schulter trug.

Ihr stockte der Atem. Sie hasste Waffen. Das Einzige, was sie an Bain Desmond nicht leiden konnte, war, dass er sich einen Beruf ausgesucht hatte, bei dem er einen Revolver tragen musste.

Sie hätte wissen müssen, dass ein professioneller Bodyguard ebenfalls eine Waffe haben würde. Wenn sie ihn bitten würde, sie abzulegen und in ihrer Gegenwart nicht zu tragen, würde er sie wahrscheinlich für verrückt erklären. Und er würde sich garantiert weigern.

“Welcher ist Ihrer?”

“Der weiße Geländewagen.”

Sie öffnete ihre Handtasche und wühlte darin herum, bis sie ihre Schlüssel gefunden hatte. Er nahm sie ihr ab, führte sie zur Beifahrerseite und öffnete die Tür.

“Wollen Sie fahren?”, fragte sie erstaunt. “Da ich den Weg kenne, wäre es doch vielleicht einfacher, ich …”

“Ich fahre.” Sein Ton duldete keinen Widerspruch.

Sie nickte.

“Brauchen Sie Hilfe?” Er sah auf ihren Stock.

Sie schüttelte den Kopf, griff nach dem oberen Rand der Tür, lehnte den Stock zwischen Sitz und Handschuhfach und stemmte ihren Körper in den Wagen. Als sie saß, schloss er die Tür hinter ihr und öffnete den Kofferraum, um seine Tasche zu verstauen. Dann sprang er auf den Fahrersitz und fragte: “Wo wohnen Sie?”

“Wenn Sie mich fahren ließen, könnte ich uns direkt dorthin bringen und müsste Sie nicht durch den Feierabendverkehr leiten.”

“Und wenn ich Sie fahren ließe und jemand versuchen würde, uns von der Straße zu drängen, wüsten Sie dann, was zu tun ist?”

Seine Frage überraschte sie. Der Gedanke war ihr gar nicht gekommen. “Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ist das der Grund, warum …?”

“Ich habe Ihnen doch gesagt, dass es für alles, was ich tue, einen Grund gibt.” Er ließ den Motor an. “Unser Leben wird um einiges einfacher, wenn Sie das einfach akzeptieren, anstatt alles zu hinterfragen, was ich tue.”

“Es tut mir leid, aber es fällt mir nun mal sehr schwer, keine Fragen zu stellen. Ich war schon immer sehr wissbegierig. Ich muss einfach wissen wer, was, wann, wo und warum.” Es lag ein Hauch von Selbstironie in ihren Worten. Sie wollte die Stimmung um jeden Preis aufhellen. “Wissen Sie, in meinem früheren Leben war ich Journalistin.”

Er antwortete ihr nicht, lächelte nicht einmal. Stattdessen schienen seine großen Hände das Lenkrad noch stärker zu umgreifen. Dieser Mann hatte anscheinend überhaupt keinen Sinn für Humor.

“Ich wohne nicht weit von hier”, sagte sie schließlich. “Etwa zehn Minuten, in einem großzügigen Apartment, das Cara mir spottbillig verkauft hat, als ich nach Chattanooga gezogen bin.”

Deke setzte den Wagen zurück und lenkte ihn Richtung Ausfahrt. “Rechts oder links?”

“Rechts.” Sie nannte ihm die Adresse und rasselte die Wegbeschreibung zu ihrer Wohnung herunter. Ohne auch nur ein einziges Mal nachzufragen, fuhr er wortlos direkt zu ihrer Wohnung.

“Wo parken Sie?”, fragte er, als sie vor ihrem Zuhause anhielten.

“Auf der Rückseite des Gebäudes”, antwortete sie. “Sehen Sie das kleine Gässchen?” Sie deutete auf eine enge Durchfahrt zwischen ihrem und dem nächsten Gebäude, die gerade breit genug für ein Fahrzeug war. “Das führt direkt hinters Haus. Es ist einspurig. Man fährt den gleichen Weg zurück.”

“Gibt es einen Hintereingang?”, wollte er wissen.

“Ja.”

“Irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen?”

“Alle Bewohner benötigen einen Schlüssel, um das Haus durch die Vorder- oder die Hintertür zu betreten.”

“Und wie sieht’ mit Ihrer Wohnung aus? Haben Sie eine Alarmanlage?”

“Ja, habe ich.”

“Gut. Wie lautet Ihr Code?”

“Wie bitte?”

“Wie lautet Ihr Code?”, fragte Deke erneut. “Wir werden ihn ändern müssen. Und Sie dürfen den neuen Code niemandem verraten. Nur Sie und ich werden ihn kennen.”

“Muss das denn sein?”

“Sie stellen meine Entscheidungen ja schon wieder infrage.”

Sie stieß einen tiefen, leicht verärgerten Seufzer aus. “Na schön. Tut mir leid.”

Er parkte den Wagen, und noch bevor sie die Beifahrertür ganz geöffnet hatte, war er schon aus dem Auto gesprungen, hatte seine Tasche aus dem Kofferraum geschnappt und stand parat, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein.

Lexie aber wich vor seiner ausgestreckten Hand zurück und blickte ihn abweisend an, sodass er beide Hände entschuldigend hob. Seine Handflächen signalisierten ihr, dass er verstanden hatte, dass sie seine Hilfe weder wollte noch brauchte.

Er trat einen Schritt zurück, sodass sie sich selbst aus dem Autositz schälen konnte. “Es gibt einen Lieferantenaufzug”, rief sie ihm über die Schulter zu, während sie zur Hintertür ging.

Er folgte ihr. Als sie die Tür erreicht hatten, hielt er ihr ihren Schlüsselbund fragend entgegen. Sie zog kurz an dem richtigen Schlüssel, und er schloss auf. Als sie wenig später im karg beleuchteten Eingangsbereich des Gebäudes standen, murmelte er: “Ein kräftiger Stoß, und diese Türe fliegt auf, egal ob sie abgeschlossen ist oder nicht.”

“In den zwei Jahren, die ich bereits hier wohne, hat es jedenfalls noch keinen Einbruch gegeben.”

“Glück gehabt.”

“Sind Sie immer so ein Schwarzseher?” Sie drückte den Fahrstuhlknopf. Der alte Lastenaufzug war der einzige funktionierende Aufzug hier. Nur sie und Mr. Rafferty, ein älterer Herr aus dem dritten Stock, benutzten ihn regelmäßig. Die anderen Mieter nahmen meist die Treppe.

Deke reagierte nicht auf ihre Frage. Auf der gesamten Fahrt nach oben sprach er kein Wort. Bedell, Inc. hatte das alte Lagerhaus aus den Zwanzigerjahren in ein Apartmentgebäude umgebaut. Jedes Stockwerk war in eine großzügige Wohnung verwandelt worden. Als Lexie vor zwei Jahren nach Chattanooga gezogen war, hatte man ihr das Loft in der obersten Etage angeboten. Sie hatte es sehr genossen, den riesigen offenen Raum nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

“Der Schlüssel ist der kleine kupferfarbene, neben dem für die Hintertür”, erklärte sie Deke. Die Alarmanlage ist gleich rechts neben dem Eingang. Der Code ist drei-vier-drei-vier.”

Er runzelte die Stirn.

“Bevor Sie mir jetzt einen Vortrag darüber halten, dass es dumm sei, Zahlen zu wiederholen, lassen Sie’ … Ich ändere meinen Code jedes Jahr an meinem Geburtstag. Ich bin vierunddreißig Jahre alt, deshalb …”

“Ich werde ihn heute Abend ändern”, sagte Deke bestimmt, drehte den Schlüssel im Schloss herum, betrat die Wohnung und schaltete die Alarmanlage aus.

Verunsichert trat sie nach ihm über die Schwelle. Sie war es nicht mehr gewohnt, dass jemand anderes über ihr Leben bestimmte. Seit sie vor fünf Jahren ihre Physiotherapie beendet hatte, war sie besonders stolz darauf gewesen, für sich selbst sorgen zu können und von niemandem abhängig zu sein. Wie nur sollte sie diesem Kerl – diesem hoch dotierten Sicherheitsbeamten – erklären, dass seine Gegenwart in ihrem Leben sie gleich aus mehreren Gründen störte? Vor allem hasste sie es, auf seinen Schutz angewiesen zu sein. Aber es missfiel ihr auch, sich von einem Mann sexuell angezogen zu fühlen, den sie kaum kannte.

Deke war nicht sicher, was er erwartet hatte. Er hatte schon zahlreiche Loftwohnungen gesehen. Obwohl sie alle unterschiedlich eingerichtet gewesen waren, war der grundlegende Stil doch immer der gleiche gewesen: modern und minimalistisch. Lexies Wohnung war ganz anders. Deke ließ seinen Seesack auf den hölzernen Boden fallen, der tolle dunkle Patina entwickelt hatte, gleichzeitig aber vor Sauberkeit und Pflege glänzte. In der Mitte des großen offenen Raumes befand sich die Küche, die mit weißen Schränken und Edelstahlgeräten ausgerüstet war. Dann kam das Wohnzimmer, das in hellen Beigetönen eingerichtet war; ein schwarzes Klavier stand vor einem der drei Flügelfenster. Zu guter Letzt fand sich ein Essbereich mit einem riesigen Mahagonitisch, über dem ein Kronleuchter hing.

“Sehr beeindruckend”, sagte Deke. “Die Einrichtung muss ein Vermögen gekostet haben.”

“Die meisten der Möbel haben meiner Großmutter gehört. Ich war ihr einziges Enkelkind. Sie hat mir alles hinterlassen”, erklärte Lexie. “Außerdem habe ich ein wenig Geld. Nicht so viel wie Cara Bedell natürlich, aber doch mehr, als ich jemals brauchen werde.”

Natürlich wusste Deke, wie sie zu diesem Geld gekommen war, gab aber vor, überrascht zu sein, um sich nicht zu verraten. “Haben Sie im Lotto gewonnen?”

Sie schüttelte den Kopf. “Ich hatte vor einiger Zeit eine Art Arbeitsunfall …” Sie klopfte mit ihrem Stock auf den Parkettboden. “Meine Mutter und mein Stiefvater haben meinen Arbeitgeber verklagt. Man hat sich schließlich außergerichtlich auf eine Schadensersatzzahlung von drei Millionen Dollar geeinigt.”

Deke tat erstaunt und lief durch die Wohnung.

“Wie viele Schlafzimmer?”

Sie folgte ihm ins Wohnzimmer. “Zwei Schlafzimmer und zwei Bäder.”

Er studierte den Grundriss der Wohnung genau. “Die Schlafzimmer liegen nebeneinander, dort drüben auf der linken Seite.”

“Das stimmt. Ich wollte die Schlafzimmer und Bäder nicht offen haben, und mein Architekt und ich fanden, dass es am einfachsten wäre, eine Seite des Lofts dafür abzutrennen.”

“Zwischen den Schlafzimmern gibt es keine Verbindungstür.” Das war eine Feststellung, keine Frage.

“Nein, gibt es nicht. Warum?”

“Wie viele Fenster hat ihr Schlafzimmer?”

“Zwei.”

“Balkontüren?”

“Nein.”

“Gut.”

“Sie denken an die Sicherheit.”

“Das ist mein Job.”

“Die Feuerleiter führt zum Balkon, aber der einzige Zugang aus der Wohnung auf den Balkon sind diese drei Flügeltüren dort.” Sie zeigte auf die großen Fenster im Wohnzimmer. “Wer in die Schlafzimmer einsteigen will, muss entweder die Wände hochlaufen oder braucht eine sehr lange Leiter.”

Er nickte, sagte jedoch nichts. Während er die Wohnung aufmerksam durchschritt und dabei ab und an etwas vor sich hin murmelte, folgten ihm Lexies große blaue Augen aufmerksam. Deke bemühte sich, sie nicht direkt anzusehen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Sie konnte nicht ahnen, wer er war und was er ihr angetan hatte.

Hör auf, dir Sorgen zu machen. Sie weiß nicht, wer du bist!

Woher sollte sie auch wissen, dass ausgerechnet ihr Bodyguard der Mann war, dessen Kugel sie vor zehn Jahren so schwer verletzt hatte?

Kurz nach der Ermordung von Babu Tum nahm Deke seinen Abschied von der U.S. Army und ließ seine Spezialeinheit und seine Karriere hinter sich. Knapp drei Monate später quittierte auch Geoff Monday seinen Dienst. Die beiden Freunde gründeten zusammen mit anderen ehemaligen Spezialagenten eine Söldnertruppe. In den folgenden fünf wilden Jahren verfolgte Deke Lexie Murroughs langsame und schmerzhafte Genesung genau. Die Kugel, die sie im Rücken getroffen hatte, war zum Glück nicht tödlich gewesen, und die durch sie verursachte Lähmung zwar schwerwiegend, aber heilbar. Allerdings hatte es über ein Jahr gedauert, bevor Lexie überhaupt wieder ein wenig laufen konnte, und vier weitere Jahre voller Physio- und Psychotherapie, bis sie ein halbwegs normales Leben führte.

Danach – vor mehr als fünf Jahren – hatte er sie aus den Augen verloren.

“Hier ist mein Schlafzimmer”, unterbrach Lexie seinen Gedankengang.

Mit Schwung öffnete sie die Tür zu dem pastellblau gestrichenen Zimmer. Ein großes Doppelbett mit einer blau-weiß karierten Tagesdecke bildete den Mittelpunkt des Raumes. Über dem offenen Kamin hing eine schwarz-weiße Landschaftsfotografie, und die Fenster wurden von langen blauen Taftvorhängen eingerahmt. In einer Ecke stand ein kleiner weißer Tisch mit zwei blau-weiß bezogenen Polsterstühlen. Auch wenn der Raum nicht übertrieben weiblich wirkte, so waren der Veilchenstrauß auf dem Nachttisch und der blau-weiß geblümte Teppichboden doch klare Hinweise darauf, dass hier eine Frau lebte.

“Ich hoffe, Sie werden sich im Gästezimmer wohlfühlen. Es ist nicht ganz so groß wie mein Schlafzimmer. Das Bett ist hoffentlich lang genug für Sie.”

Sie führte ihn zur nächsten Tür, öffnete sie und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, einzutreten und sich umzusehen. Die Wände dieses Raums waren cremefarben gestrichen, und an den Fenstern befanden sich keine Vorhänge, sondern dunkelbraune Jalousien aus Holz. Das gusseiserne Bett wurde von zwei Nachtkästchen aus Walnussholz flankiert, deren Dunkelbraun mit der rostroten Tagesdecke und den Kissen harmonierte. Die gesamte Einrichtung bestach durch klare Linien und schnörkellose Eleganz.

Besonders die einzelne, leicht vergilbte Fotografie, die in einem Bronzerahmen über dem Kopfende des Bettes hing, stach Deke ins Auge. Sie zeigte einen kleinen Teich, der friedlich von ein paar Bäumen umgeben war. Er erkannte den Ort sofort – eine Oase ein paar ...

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