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Tilla und der tote Schäfer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Epilog

Über dieses Buch

Tilla sucht eigentlich nur ihre verschwundene Katze Miau Tse-tung, als sie plötzlich in einer Herde Schafe steht, die herrenlos durch ihr Eifeldörfchen wuselt. Schnell ist das ganze Dorf in Aufruhr – was ist passiert, wo ist der Schäfer? Wenig später findet man ihn, in einer Höhle, mausetot. Als dann auch noch die agile Seniorin Rosel an »Tillas rollendem Gemüsegarten« eine Pistole kaufen will, am nächsten Tag aber ziemlich plötzlich »entschlafen« ist, hat Tilla den Salat: Sie muss auf Mörderjagd gehen.

Über den Autor

Jan Westmann ist gebürtiger Eifler mit schwedischen Wurzeln. Als Redakteur war er jahrelang in einem süddeutschen Verlag tätig, bis es ihn aus familiären Gründen nach zehnjähriger Abstinenz zurück nach Mayen, dem Tor zur Eifel, geführt hat. Schon in Zeiten seiner hauptberuflichen Verlagslaufbahn hat Westmann mit dem Schreiben von Romanen begonnen und bereits einige Bücher im Kinder- und Erwachsenenbereich veröffentlicht. Die Begegnung mit einem Hirten bei einem Survival-Trip durch die Wildnis brachte ihn schließlich auf die Idee zu seinem ersten Vordereifel-Roman. Mittlerweile lebt Westmann als freier Autor und leidenschaftlicher Hobbyfotograf mit seiner Familie im Maifeld und nutzt jede freie Gelegenheit, um in den Eifler Wäldern auf Recherche für weitere Romanideen zu gehen.

J A N  W E S T M A N N

TILLA
UND DER TOTE
SCHÄFER

E I F E L - K R I M I

Kapitel 1

Sie hasste Tse-tung. Nicht bloß, weil er die untreueste Kreatur auf der ganzen Welt war und einfach mit jedem anbandelte, der seinen Weg kreuzte, nein. Viel schlimmer als das war, dass er nun schon seit drei Tagen nicht mehr nach Hause gekommen war. Drei Tage, in denen Tilla ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Dass er mal eine Nacht nicht nach Hause kam, war nichts Ungewöhnliches. Zwei Tage am Stück ließen Tilla ebenfalls nicht nervös werden. Aber drei? Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihr Kater jemals so lange verschwunden gewesen war.

Dabei fürchtete sie gar nicht so sehr, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Tse-tung war ein cleverer Kater. Viel zu schlau, um von Traktorrädern überrollt zu werden, und die Mähdrescher kamen erst im Spätsommer. Außerdem war er zu bösartig und mit seinen sieben Kilo Lebendgewicht überdies zu fett, um sich von einem anderen Kater davonjagen zu lassen. Auch nicht von einem Marder oder Frettchen. Schon gar nicht von einem Hund. Die suchten eher das Weite, wenn sie Tse-tungs Weg kreuzten. Tse-tung hasste Hunde. Mehr noch als Zeckenkämme, Wurmkuren und Billig-Katzenfutter. Und mit seiner Abneigung hielt er nicht hinterm Berg, wenn sich ein Hund näherte.

Nein, sie fürchtete sich davor, dass er einfach so vom Erdboden verschluckt worden war oder ihn die Katzenmafia in die Fänge bekommen hatte.

Tilla fröstelte, was weniger der Sorge um den Kater zuzuschreiben war, sondern vielmehr der aufkommenden Kälte des späten Abends. Es war zwar schon Ende Mai, und eigentlich hätte man erwarten können, dass man es mittlerweile auch ohne Jacke draußen aushielt. Doch sobald sich die Sonnenstrahlen des Tages verabschiedeten und die Nacht anbrach, wurde es ziemlich schnell lausig kalt. Selbst die dichten Häuserreihen, die den Marktplatz umschlossen, schafften es noch nicht, die Wärme des Tages zu speichern. Tilla wollte das hier so rasch wie möglich zu Ende bringen und dann in ihrem geliebten Citroën HY zurück zur Mühle zu fahren. Sie hoffte, dass Joos genügend Weitsicht besessen und den Kamin in ihrem Zimmer angestochert hatte.

Außerdem tat ihr noch der Rippenbogen von dem Tattoo weh, das sie sich gestern frisch hatte stechen lassen. Eine bunte Lotusblütenranke, durchzogen mit maorischen Schriftzeichen, deren Bedeutungen ihr ganz persönliches Geheimnis war.

Verdammter Kater!

»Was machen Sie denn da?«

Tilla zuckte vor Schreck zusammen und hätte sich beinahe in den Zeigefinger getackert. Verunsichert sah sie sich um, konnte aber niemanden sehen.

»Ja, genau Sie meine ich!«

Sie drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme zu kommen schien.

In diesem Moment trat eine hochgewachsene, knochige Gestalt ins Laternenlicht, in dem ein halbes Dutzend fetter Nachtfalter wild umherflatterte. Eine ältere, dunkel gekleidete Frau, die in Tilla den dringenden Drang weckte, ihr etwas zu essen zu geben.

»Sie können doch nicht einfach so Ihre Zettel an die Bäume tackern. Das sind auch Lebewesen, wissen Sie?!«

Ihr Blick richtete sich auf den Tacker in Tillas Hand.

»Bitte was?«, fragte Tilla.

Dann verstand sie.

»Ach so, die Vermisstenzettel.«

Sie hielt der aufgebrachten Frau eines der Blätter unter die Nase.

Deren Stirn legte sich in Falten, als sie zu lesen begann.

»Tse-tung?«, fragte sie ungläubig. »Miau Tse-tung?«

Tilla nickte.

»Mein Kater. Ist seit drei Tagen nicht mehr nach Hause gekommen.«

Sie hielt kurz inne. Wie leicht es ihr auf einmal über die Lippen ging. Dieses nach Hause. Hätte man ihr das vor anderthalb Jahren gesagt, hätte sie es nicht geglaubt, dass sie sich hier so wohl fühlen würde. Und doch war es so. Die alte Mühle war mittlerweile für sie das, was einem Zuhause am nächsten kam.

Die Frau hob den Arm, aber nicht, um nach dem Zettel zu greifen, sondern um ihn mitsamt Tillas Hand zur Seite zu schieben.

»Sie können doch hier nicht so einfach Sachen an die Bäume tackern!«, wiederholte sie.

»So? Und warum nicht?«

Tilla musste sich zusammenreißen, damit ihre Zähne nicht klapperten. Es war wirklich unglaublich, wie kalt es noch war. Sie richtete sich auf und presste die Kieferknochen zusammen, um das Klappern zu unterbinden. Sie wollte der Frau auf keinen Fall das Gefühl geben, sie würde sie einschüchtern.

»Wieso? Wieso? Weil das Wildplakatiererei ist!«

Fassungslos und völlig überrumpelt starrte Tilla die Frau an.

»Aber das machen doch alle so.«

»Schlimm genug!«

Tilla neigte den Kopf zur Seite, um ihr Gegenüber argwöhnisch zu mustern.

»Und wer sind Sie, dass Sie sich dafür verantwortlich fühlen?«

»Die Frau des Bürgermeisters …«, sagte die Frau zwei Nuancen lauter, als sie vorhin gesprochen hatte, und fügte dann nach einer kurzen Pause und wieder leiser hinzu: »… bin ich nicht.«

Tilla neigte den Kopf noch ein Stück schräger.

»Aber ich bin die Schwester von der Frau des Bürgermeisters.«

»Ach?!«

»Nun ja. Die Halbschwester.«

Diese Ergänzung kam nur ganz leise über ihre Lippen.

»Also sind Sie die Halb-Schwägerin des Bürgermeisters?«, fragte Tilla verächtlich.

Das Herz sprang ihr jedoch zwei Schläge lang hart gegen die Brust. Allein der Gedanke an Bürgermeister Adenbach konnte sie in Aufruhr bringen. Dabei wusste sie wirklich nicht, was er gegen sie hatte. Aber er ließ keine Gelegenheit aus, ihr das Leben schwer zu machen. Jüngst hatte er ihr ohne Nennung eines Grundes die Standort-Genehmigung für das Kurzzeit-Pflegezentrum in Elzbach entzogen. Und was sie ganz bestimmt am allerwenigsten brauchen konnte, war ein weiterer Grund, ihn gegen sich aufzubringen. Deshalb lenkte sie ein und versuchte es bei der Frau auf die Mitleidstour.

»Mein Kater ist verschwunden, und ich hätte ihn wirklich, wirklich gerne wieder bei mir. Deshalb …«

»Schön und gut. Aber doch nicht mit dem Tacker!«

Tilla wollte gerade zu einer Gegenfrage ansetzen, als die Frau loslegte.

»Die Bäume sind Stadteigentum, und genau genommen habe ich Sie bei einer mutwilligen Sachbeschädigung erwischt.«

Mutwillige Sachbeschädigung? Tilla schnaubte innerlich. Wer sprach denn bitte so? Bestimmt war diese Person in einem früheren Leben Anwältin gewesen. Oder noch schlimmer: Politesse.

»Was ist eigentlich Ihr Problem? Das Tackern oder das Aufhängen der Zettel?«

Sie wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern ging schnurstracks zu ihrem HY.

»Und obendrein stehen Sie mit diesem Monstrum von Gefährt im absoluten Halteverbot«, hörte sie die Frau in ihren Rücken rufen.

Vor Wut stöhnend schloss Tilla die geteilte Hecktür auf und verschwand mit dem Oberkörper im Inneren des uralten Transporters. Zwischen Zeitschriften, Süßigkeiten und Konserven fand sie schnell, wonach sie gesucht hatte.

»Es geht doch nichts über eine gute Grundordnung!«

Mit triumphal gereckter Faust, in der sie das Paketband fest umschlossen hielt, kehrte sie zurück und machte sich ohne ein weiteres Wort daran, den nächsten Vermisstenzettel mit dem Paketklebeband am Baum zu befestigen, was wider Erwarten erstaunlich gut klappte. Da sie auf die Schnelle keine Schere zur Hand hatte, riss sie das Band einfach mit den Zähnen ab.

Der Frau schien das allerdings noch immer nicht zu passen, da sie weiter schrill hinter ihr aufmeckerte.

Tilla schloss die Augen und besann sich auf die Entspannungstechniken, die sie beim Autogenen Training gelernt hatte. Damals, an der VHS in der Elzbacher Schulaula. Viele Übungen waren es nicht, die sie kannte, da sie den Kurs nach zwei Sitzungen abgebrochen hatte, weil sie mit den Frauen nicht klargekommen war. Oder sie nicht mir ihr – je nach Betrachtungsweise.

Dabei wollte sie doch nichts weiter als endlich ankommen. Dazugehören und nicht wie eine Aussätzige behandelt werden.

Nach dem Autogenen Training hatte sie es mit Zumba versucht. Damit musste sie aber aufhören, als der Zumbalehrer ihr schöne Augen gemacht und sie sich damit den Zorn der anderen – ausnahmslos weiblichen – Kursteilnehmer auf sich gezogen hatte.

Die Elzbacher Frauen und sie waren noch nicht zu einer Einheit zusammengewachsen. Aber Tilla gab die Hoffnung nicht auf.

Die beiden Doppelstunden Autogenes Training hatten dennoch Spuren bei ihr hinterlassen. Hielt sie sich an die Übungen, wurde sie tatsächlich ein wenig ruhiger. Und sie verband das Mosern der unangenehmen Frau mit einem Schaf, was sie albern aufkichern ließ, als sich das passende Bild dazu hinter ihren geschlossenen Augen manifestierte. Dieses Gemeckere klang aber auch wirklich wie ein Schaf, das stetig lauter wurde. Das war witzig. Zumindest eine volle Sekunde lang.

Tilla war impulsiv und temperamentvoll. Sie war es schon immer gewesen. Und bei derartigen charakteristischen Eigenschaften reichte das aus zwei Stunden zusammengeklaubte Wissen bei Weitem nicht aus, um den zart gesponnen Geduldsfaden nicht doch zum Reißen zu bringen. So holte sie in der zweiten Sekunde tief Luft und pfiff auf ihre Ruhe und Gelassenheit.

»Jetzt hören Sie endlich auf, sich zu beschweren! Das kann dem Baum ja wohl nicht mehr wehtun!«

»Ich hab doch gar nichts gesagt.«

»Nun tun Sie nicht so!«

Wütend drehte Tilla sich um und war doch etwas verstört, als neben der Frau tatsächlich ein Schaf stand und sie mit großen Augen ansah und, nun ja, anblökte.

»Möööäääh!«

Das dichte Fell wirkte im Schein der Laterne rosa.

»Da steht ein Schaf neben Ihnen«, sagte Tilla wenig intelligent und nickte mit dem Kinn sicherheitshalber in Richtung des Tieres.

Das gaffte so dämlich zurück, wie es nur ein Schaf konnte.

»Ja«, sagte die Frau, als sie den Blick zum Schaf wandte. »Das sehe ich auch.«

Tilla seufzte und schüttelte resigniert den Kopf. Wie sehr ihr das Landleben manchmal den letzten Nerv raubte …

»Was will das Schaf?«

Die schmalen Schultern der Frau hoben sich kurz.

»Woher soll ich das wissen?«

Dann wandte sie sich wieder Tilla zu.

»Das ist trotzdem noch Wildplakatiererei, was Sie da veranstalten!«

Ihre Blicke trafen sich, und in diesem Moment erkannte Tilla, dass ein Streit mit dieser Person keinen Sinn hatte. Energisch stapfte sie an der Frau und dem Schaf vorbei zum nächsten Baum.

»Haben Sie um diese Uhrzeit wirklich nichts Besseres zu tun, als mir auf die Nerven zu gehen?«

Die Frau folgte ihr.

»Einer muss sich schließlich für das Wohl der Bäume einsetzen. Alleine verteidigen können sie sich ja leider nicht.«

»Hören Sie, ich bin mir ziemlich sicher, dass die kleinen Pikser den Bäumen keinen Schaden zufügen.«

»Das können Sie gar nicht wissen.«

»Sie können aber auch nicht wissen, ob es ihnen wehtut.«

»Ich kann Ihnen ja mal ins Bein tackern. Würde Ihnen sicherlich auch nicht gefallen, nicht wahr?«

»Aber jetzt nehme ich ja Paketband. Geben Sie also endlich Ruhe!«

Doch von Ruhe konnte gar keine Rede sein. Im Gegenteil. Das Gemecker nahm kein Ende.

Wieder drehte Tilla sich ruckartig rum.

»Verdammt noch mal …«

Weil sie nicht fassen konnte, was sie da sah, drehte sie sich ganz schnell wieder um, hantierte ungelenk mit dem Handzettel herum und versuchte zu verarbeiten, was sie da gerade gesehen hatte.

Es gelang ihr nicht, weshalb sie sich noch einmal umdrehte.

Langsamer. Vorsichtiger.

Nein, es war keine Einbildung gewesen.

»Was zum …?«

Auf einmal war alles voller Schafe. Unzählige Köpfe hatten sich ihr zugewandt. Die friedvollen Augen stierten sie interessiert an. Die rosafarbenen Nasen blähten sich auf. Schafe. Überall Schafe. Der ganze Marktplatz von Elzbach war voll von diesen Tieren.

Tilla zuckte erschrocken zusammen, als sie von etwas Wolligem gestreift und ihr mit einem entschiedenen Ruck der Vermisstenzettel aus der Hand gerissen wurde.

»Das Schaf frisst meinen Zettel auf.«

Die Frau sah Tilla abschätzig an.

»Sie sind ja schon eine ganz schön schrille Gestalt. Diese Tätowierungen überall und diese bunten Haare. Sind neu hier, nicht wahr? Ich kenne Sie nicht.«

Tilla spürte, wie der Blick der Frau an den gedehnten Löchern ihrer Ohrläppchen haften blieb. Sie mochte ihre Flesh-Tunnels und wäre in einer Stadt nicht weiter damit aufgefallen. Aber hier auf dem Dorf gaben ihr Begegnungen wie diese immer wieder aufs Neue das Gefühl, Ehrenmitglied einer Kuriositätenshow zu sein, die auf Durchreise war.

»Neu? Na ja. Ich wohne eigentlich schon seit anderthalb Jahren in …«

»Eine Zugezogene?«

Tilla nickte und war überrascht vom schiefen Grinsen, das sich im Gesicht ihres Gegenübers breitmachte. Ihr fiel auf, dass die selbst ernannte Hilfspolizistin denselben blöden Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte wie die Schafe.

»Richtig, ich habe schon von Ihnen gehört.«

Die Frau reckte ihr Kinn in Richtung des Transporters.

»Sie sind die mit dem fahrenden Gemüsegarten, richtig?«

Tilla nickte.

»Tja, willkommen auf dem Maifeld.«

»Danke.«

»Mein Schwager kann Sie übrigens nicht ausstehen.«

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und bahnte sich einen Weg durch die Schafe.

Kapitel 2

Sie war so unendlich müde. An diesem Morgen rächte es sich, dass sie ihre Zeit bis spät in die Nacht damit verbracht hatte, diese verdammten Vermisstenzettel für ihren noch mehr verdammten Kater in der ganzen Umgebung verteilt zu haben.

Danach war sie in einen unruhigen Schlaf voller wirrer Träume gefallen, in denen ihr Kater immer wieder vorgekommen war.

Natürlich hatte sie verschlafen und musste deshalb in Windeseile sich selbst und den HY herrichten. Denn die Kunden verziehen nichts: weder Zuspätkommen noch ein ungepflegtes Äußeres und schon gar keinen Verkaufswagen, der nichts zum Verkaufen dabeihatte.

Sie hatte es nicht mehr geschafft, ihre Haare zu waschen, und sie deshalb zu einem lockeren Knoten aufgesteckt. Dazu trug sie ein geblümtes blaues Petticoat-Kleid, dem ein Bügeleisen gut zu Gesicht gestanden hätte. Zumindest würde die Verkaufsschürze später die tiefsten Falten verdecken.

Das Radio voll aufgedreht, fuhr sie viel zu schnell die Landstraße entlang. Bei jedem Schlagloch hüpften die beiden Plüschwürfel, die sie als Glückbringer an der Sonnenblende befestigt hatte, ausgelassen hin und her. Wobei es bei ihrem ein halbes Jahrhundert alten Citroën HY mit seinen siebenundfünfzig Pferdestärken vielmehr ein rasantes Tuckern als ein schnelles Rasen war. Dennoch: Sie liebte diesen Oldtimer. Vielleicht sogar so sehr wie ihren Kater. Stellte er doch die Existenzgrundlage ihres neuen Lebens dar. Eines unabhängigen Lebens, in dem sie ihr eigener Boss war.

Übrigens ein guter Grund, um es sich mit ihrer Stammkundschaft nicht zu verscherzen.

Sie hatte das riesige Lenkrad fest im Griff und fühlte sich wie der Steuermann eines Kreuzfahrtriesen. Obwohl sie die Strecke in- und auswendig kannte, musste sie sich konzentrieren, da die enge Straße nicht für einen Wagen mit diesen Ausmaßen gemacht war. In jeder Kurve hoffte sie, dass ihr niemand entgegenkam.

Obendrein war es eine gefährliche Straße, davon zeugten die vielen Holzkreuze am Wegesrand. Jedes davon erzählte eine eigene tragische Geschichte.

Doch sie hatte Glück.

Zumindest bis zur nächsten Kurve.

Es war zwar kein Wagen, der ihr entgegenkam, aber eine Wandergruppe spazierte hinter der schneidigen Biegung plötzlich halb auf der Straße herum.

Entsetzt zog sie das Lenkrad scharf nach links, trat mit ihrem ganzen Gewicht in die Eisen und hörte es hinter sich unheilvoll rumpeln und poltern, als sie endlich zum Stehen kam.

»Tilla!«

Ein groß gewachsener Mann hastete an ihre Fensterscheibe und riss die Fahrertür auf.

»Herrje! Du kannst doch hier nicht wie eine Wilde um die Kurve geschossen kommen!«

Tilla hing noch immer über dem Steuer und versuchte, sich zu beruhigen. Langsam richtete sie sich auf und wischte sich eine rote Strähne aus dem Gesicht.

»Hölzi?«, fragte sie erstaunt. »Dachte, ihr wärt noch auf dem Hof.«

»Nein, wir sind ganz früh aufgebrochen.«

Er setzte den gewachsten Regenhut ab und rieb sich über den Kopf.

Ihn so zu sehen war für Tilla ein noch immer sehr ungewohnter Anblick. Seit Neuestem waren seine Haare raspelkurz, weil er sich bei einem seiner Wildnisausflüge mit einer Kindergartengruppe Läuse eingefangen hatte.

Wie so oft trug er seine klassische Outdoor-Kleidung, die ihn ein wenig wie die Eifelversion von Indiana Jones aussehen ließ. Beigefarbene Cargo-Hose mit vollgestopften Taschen, ein olivgrünes Hemd mit ebenso vielen Ausbuchtungen, eine Weste mit noch mehr Taschen und diesen gekrempelten Hut mit Kinnschnürung. All dies stand ihm nicht schlecht und verlieh ihm tatsächlich etwas verwegen Autoritäres.

Tilla neigte den Kopf ein wenig, während sie ihn musterte. Vielleicht doch mehr Crocodile Dundee als Indiana Jones, dachte sie und musste grinsen.

»Wir wollen unbedingt vor Mittag den Wald erreichen.«

Tilla blickte in die bereits mächtig schwitzenden Gesichter der anderen Wanderer, die sich um den HY herum versammelt hatten. Es war Hölzis neue Survival-Tour-Gruppe, die sie bereits gestern Nachmittag kennengelernt hatte, weil sie die erste Nacht des Erlebnistrips auf Joos’ Hof verbrachte.

Das Geschäftsmodell hatte sich Hölzi einfallen lassen. Mittlerweile startete er all seine Survival-Touren von der Mühle aus. So konnten seine Gäste in Ruhe anreisen und noch eine gemütliche Nacht in einem Bett verbringen, bevor es für zwei Tage in die raue Wildnis ging.

Joos war die Übereinkunft recht, bekam er so zumindest zeitweise Gäste in seine Mühlenpension.

Tilla mochte es, wenn sich das alte Gemäuer mit Leben füllte.

Da sie gestern jedoch mit ihrem rollenden Gemüsegarten viele Seniorenheime abzuklappern hatte, war ihr diesmal nicht viel Zeit geblieben, die vier Männer näher kennenzulernen. Erst bei der Zubereitung des gemeinschaftlichen Abendessens fand sich Gelegenheit zu einem Plausch bei einer Flasche feinherben Riesling-Kabinetts, den Joos Stunden zuvor kistenweise von seinem Lieblingsweingut in Winningen besorgt hatte.

Dabei erfuhr sie, dass die vier Kollegen und bei einem großen Bonner Telekommunikationsunternehmen angestellt waren. Jeder von ihnen hatte ihr ausführlich erklärt, welche Zuständigkeitsbereiche ihm oblagen. Theo war für die telekommunikationstechnischen Anlagen und Anwendungen verantwortlich. Frank leitete die Planung und Realisierung komplexer Videosicherheitssysteme, Beschallungsanlagen und Übertragungstechnik.

Tilla hatte bereits bei den ersten Sätzen das Interesse verloren und sich mit voller Hingabe dem Schälen der Kartoffeln gewidmet.

Die vier Herren wirkten auf sie wie eine Gruppe Männer im besten Alter, die es noch einmal wissen wollten. Die es sich selbst – und vermutlich ihren Kollegen und Frauen – beweisen wollten, dass sie nicht nur im Bürodschungel bestehen konnten, sondern in ihnen das Blut echter Abenteurer steckte. Eine gnadenlose Selbstüberschätzung, wie Tilla auf den ersten Blick erkannt hatte.

Optisch waren die vier Herrschaften nämlich das absolute Gegenteil von Hölzi. Zwei von ihnen waren ordentlich aus dem Leim gegangen, die anderen beiden waren so dünn, dass es beinahe kränklich aussah. Typische Bürohengste eben.

Micha, Bernd, Frank und Theo. Tilla verfügte über ein ausgeprägtes Namensgedächtnis. Frank war der Älteste von ihnen. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, eine insgesamt sehr gedrungene Gestalt und einen ausladenden Speckgürtel um seine Hüfte. Um ihn machte sie sich am meisten Sorgen. Doch auch Micha, Bernd und Theo schienen alles andere als in Form zu sein. Vermutlich hatten sie allesamt ein Ergometer im Keller stehen, auf das sie sich zweimal die Woche für eine halbe Stunde draufschwangen, um das schlechte Gewissen zu beruhigen.

Sie hörte Hölzi, der sich wieder über ihren Fahrstil erging, nur halbherzig zu, da sie noch immer ein ungutes Gefühl beschlich. Das Geräusch beim Bremsen hatte nichts Gutes verheißen. Sie hoffte, dass das kratzende Geraschel aus dem Laderaum gekommen war. Vor allem hoffte sie, dass nicht schon wieder etwas mit der hinteren Achsaufhängung war, die Joos erst kürzlich repariert hatte – unter lautstarkem Fluchen und Gezeter, wobei er sich mehr als einmal ziemlich unflätig über ihre Fahrweise geäußert hatte. Aber was konnte sie denn schon dafür, wenn sie von einem Termin zum nächsten hasten musste?

»Das ist ein altes Schätzchen«, hatte sie seine mit starkem niederländischen Akzent gefärbte Stimme in den Ohren. »Damit muss man sorgsam umgehen. Den kannst du nicht fahren wie einen Neuwagen. Der hat Seele.«

Sie wusste ja, dass er recht hatte. Aber meistens hatte sie es eben eilig, wenn sie unterwegs war.

Mit einem Hops sprang sie vom Sitz und stand vor Hölzi, der sie um eine Kopflänge überragte.

Tilla nickte der gesamten Gruppe kurz zu.

Die Herren aus Bonn waren ebenfalls sportlich gekleidet. An ihnen sah es jedoch so aus wie eine Kostümierung. Überall prangten die Etiketten teurer Marken. An den Schuhen, den Hemden und den Schirmkappen. Die Männer wirkten blass und kraftlos und alles andere als für die wilde Eifelnatur geschaffen.

Hölzi machte einen Schritt auf sie zu, wollte sie drücken, doch Tilla tauchte unter ihm ab und marschierte zum Wagenheck.

»Ihr werdet euch beeilen müssen, wenn ihr noch vor Mittag im Wald sein wollt.«

Bereits am frühen Morgen hatte sich eine schwüle Hitze verbreitet, die ihr das Gefühl gab, alles würde an ihr kleben. Vielleicht hätte sie sich anstelle des engen Petticoat-Kleides doch für die luftige Marlene-Hose entscheiden sollen.

Als sie das hintere Rad erreichte, ging sie auf die Knie, um einen Blick auf die Hinterachse erhaschen zu können.

»Hui, das ist aber schnuckeliges Gestell!«, hörte sie jemanden rufen.

»Meinst du den Wagen oder das Mäuschen?«, fragte ein anderer.

Tilla hörte geflissentlich darüber hinweg, fegte sich den Straßenstaub von den Knien und den Handflächen, als sie sich wieder aufrichtete, und zupfte den Saum ihres Blumenkleides nach unten.

Hölzi kam auf sie zu.

»Alles okay mit dem Wagen?«

Sie sah ihn an. Vielleicht eine Spur zu lange.

Er war braun gebrannt, und dichte Bartstoppeln standen in seinem Gesicht, was ihm ein draufgängerisches Aussehen verlieh. Dabei war Hölzi genau das nicht. Und vermutlich war genau das wiederum der Grund, warum aus ihnen nichts Festeres geworden war. Er war einfach zu nett und fiel damit automatisch durch Tillas Raster.

Hölzi hieß eigentlich Thomas Weiler. Den Spitznamen hatte man ihm in seiner Försterausbildung verpasst, weil »Baumflüsterer« zu lang war. Denn nichts anderes war Hölzi. Ein Mann, der wie kein Zweiter mit der Natur verbunden und felsenfest davon überzeugt war, dass Bäume lebten und sogar miteinander kommunizierten.

Tilla hatte keine Meinung dazu, lauschte aber gerne den ausschweifenden Erklärungen, mit denen er seine These stützte. Diese Leidenschaft, mit der er Dinge tat, schätzte sie sehr an ihm.

»Weiß noch nicht«, sagte sie. »Da war ein komisches Geräusch beim Bremsen.«

Sie öffnete die doppelseitige Hintertüre und betrachtete den Inhalt des Wagens. Vieles lag auf dem Boden, wo es eindeutig nicht hingehörte. Und dann sah sie es: Glasscherben und eine grünliche Flüssigkeit. Dazu ein essigartiger Geruch.

»Es waren die Gurken. Nicht die Achsaufhängung!«

Sie lachte befreit auf.

Und dann noch mehr, als sie sah, dass Hölzi mitlachte.

»Apropos, wie kommst du mit deiner Gurkentruppe voran?«, raunte sie ihm zu.

Hölzi trat einen Schritt näher an sie heran.

»Großstädter eben.«

Auch er flüsterte.

So dicht an seinem Körper roch sie sein würziges Deodorant. Er verwendete noch immer dieselbe Sorte.

»Groß im Sprücheklopfen. Wollen endlich mal was erleben. Ein echtes Männerabenteuer. Du verstehst? Aber Theo pfeift schon jetzt aus dem letzten Loch. Den muss ich im Auge behalten.«

Tilla nickte. Und wie sie verstand. Und auch wieder nicht. Was trieb erwachsene Männer bloß dazu, ein Wochenende in der Wildnis ohne jeglichen Komfort zu verbringen? Schlimmer noch, Hölzi lieferte seinen Kursteilnehmern eine Survival-Erfahrung, die selbst Hartgesottene an ihre Grenzen bringen konnte. Völlig auf sich allein gestellt in der urigen Natur der alten Eifeler Wälder. Nichts dabei, außer den Klamotten, die man am Leib trug.

Unzählige Male hatte er versucht, sie dazu zu überreden, sich gemeinsam mit ihm auf dieses Abenteuer einzulassen. Nur für ein Wochenende. Doch Tilla hatte jedes Mal dankend abgelehnt. Sie war kein verwöhntes Luxusweibchen. Aber fließendes kaltes und warmes Wasser und ein Bett waren doch Dinge, auf die sie äußerst ungern freiwillig verzichtete.

»Wir wollen an der Elz entlang zum Felsensteig und uns von dort in den Wald hineinschlagen.«

»Hui, klingt ja aufregend.«

»Ist es auch. Tief im Wald werden wir eine Quelle ausfindig machen und uns dort mit einem Wasservorrat eindecken. Ich werde ihnen zeigen, wie man das Wasser aufbereitet und dann –«

Tilla legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie schenkte ihm ihr charmantestes Lächeln.

»Nicht böse sein, aber ich muss wirklich los, bin schon wahnsinnig spät dran.«

»Wo musst du denn hin?«

»Nach Kempenich, zum Seniorenstift Soleo

Hölzi zuckte mit der Augenbraue.

»Kempenich?«

Er wirkte etwas unbeholfen, als er erst ihren Transporter, dann sie ansah.

»Hältst du es wirklich für eine gute Idee, mit der fahrenden Wellblechhütte so weite Strecken zurückzulegen?«

Sie drehte sich um und tätschelte den türkisfarbenen Kotflügel. Unter ihren Fingerkuppen spürte sie eine raue Rostblase, die drauf und dran war, sich durch den dicken Lack hervorzudrücken. Sie machte sich eine gedankliche Notiz. Ein klarer Fall für Alles-Ganz-Macher Joos. Tilla wüsste gar nicht, was sie ohne diesen Mann tun sollte, der nicht nur zu einer Art Vaterersatz, sondern auch zum WG-Partner und besten Freund für sie geworden war.

»Ist doch bloß Landstraße. Außerdem ist der Wagen zuverlässiger als jeder Mann, mit dem ich mich bislang eingelassen habe.«

Hölzi ging nicht auf die Spitze ein – vielleicht, weil ihn das miteinschloss.

»Gut, aber Kempenich liegt in der anderen Richtung.«

»Danke für diese Information«, erwiderte Tilla fröhlich-sarkastisch. »Ich muss vorher noch zum Hof. Gemüse einkaufen. Und so.«

Hölzis Kopf neigte sich zur Seite.

»Zu Florians Hof?«

Seine Stimme klang auf einmal ungewohnt scharf.

»Ja.«

Sie hatte den Namen extra vermieden, aber es war klar, dass Hölzi sofort wusste, welcher Hof gemeint war.

»Von ihm beziehe ich nun mal mein Gemüse.«

Hölzi gab einen verächtlichen Laut von sich.

»Genau. Und was sonst noch alles.«

Wieder einmal bereute sie es, dass er von ihrem kleinen Geheimnis wusste. Nicht, weil sie ihm nicht vertraute, sondern weil ihr der unterschwellige vorwurfsvolle Ton so unendlich auf die Nerven ging.

»Es sind allesamt erwachsene Menschen. Sie wissen, was gut für sie ist«, zischte sie.

»Mag sein.«

Hölzi trat noch ein Stück näher an sie heran.

»Aber weißt du es denn auch?«

Sie stemmte die Fäuste in die Hüfte, überlegte kurz, ob sie es auf einen Streit mit ihm ankommen lassen sollte. Aber warum eigentlich? Sie waren kein Paar mehr, und somit war sie ihm zu nichts verpflichtet.

Und dass er Florian nicht leiden konnte, war nicht sonderlich verwunderlich. Schließlich war der nicht ganz unschuldig daran, dass sie kein Paar mehr waren. Das jedenfalls vermutete Hölzi. Aber Tilla wusste es besser. Vor allem kannte sie sich besser. Auch ohne Florian hätte sie sich von ihm getrennt. Mit Florian war es bloß … einfacher gewesen. Dabei hatte sie nur ein bisschen mit ihm geflirtet und sich kaum weiter auf ihn eingelassen. Gut, hier und da war es mal zu einer kleinen Knutscherei gekommen. Doch Tilla zog die Reißleine, bevor mehr draus hätte werden können. Eine Beziehung mit Florian war für sie unvorstellbar. Dafür waren sie einfach zu unterschiedlich.

Plötzlich schraubte sich ein scharfer, ohrenbetäubender Ton zwischen sie und Hölzi. Tilla fuhr erschrocken zusammen.

Es war ein aufheulendes Martinshorn, das genau einmal betätigt worden war. Ein Streifenwagen kam unmittelbar neben ihnen zum Stehen.

Die Fensterscheibe wurde heruntergelassen, und das Profil eines Mannes, den Tilla bislang noch nicht hier gesehen hatte, kam zum Vorschein. Er trug eine Pilotenbrille und war unrasiert.

»Guten Tag die Herrschaften, gibt es ein Problem?«

»Nö. Wieso?«, fragte Hölzi.

Er schirmte die Stirn mit der Hand ab, um den Mann im Streifenwagen erkennen zu können.

Auch Tilla musste gegen die Sonne anblinzeln, um mehr als nur die Silhouette des Mannes zu sehen.

»Sie stehen mitten auf der Straße, das ist Ihnen schon bewusst?«

»Das ist der Wagen der Dame«, hörte sie einen der Wanderer hinter sich sagen.

Es war Frank, wie sie erkannte, als sie sich umdrehte. Er deutete sogar mit dem Finger auf sie.

Als der Polizist sich die Sonnenbrille abstreifte, sah sie in ein Paar dunkelbrauner Augen, die sie interessiert musterten. Er war jung, vermutlich nur wenig älter als sie selbst.

»Einen schönen Wagen haben Sie da.«

Tilla war irritiert, weil er in diesen wenigen Sekunden den Wagen mit keinem Blick gewürdigt hatte. Stattdessen hatte er die ganze Zeit sie im Fokus.

»Ähm, danke.«

Der Polizist lächelte sie ziemlich einnehmend an, wie Tilla fand. Sie konnte gar nicht anders, als das Lächeln zu erwidern.

»Aber Sie stehen da wirklich ziemlich ungünstig in einer schwer einzusehenden Kurve.«

»Oh.«

Hölzi trat dicht neben sie und lachte auf.

»Aber um diese Uhrzeit kommt kaum ein Auto vorbei. Wir sind hier doch mitten im Nirgendwo.«

»Trotzdem, man kann nie wissen. Seien Sie einfach bitte etwas vorsichtiger und achten Sie auf den Verkehr.«

Er schob seine Hand aus dem Wagen und fuchtelte damit an ihnen vorbei.

»Dort ist ein Gehweg. Auf dem sind Sie wahrlich besser aufgehoben.«

Hölzi wollte gerade etwas erwidern, als das Funkgerät im Inneren des Polizeiwagens ansprang.

»Wagen dreizehn, bitte kommen. Wagen dreizehn.«

Erst jetzt wandte der Polizist den Blick von Tilla ab, fixierte kurz das aufblinkende Gerät und zögerte einen Augenblick.

»Wagen dreizehn. Bitte kommen. Hallo, Seliger? Sind Sie da?«

Der Polizist schaute noch einmal aus dem Fenster und sah Tilla direkt in die Augen.

»Seliger, verdammt noch mal! Gehen Sie ran!«

Er setzte sich mit einer lässigen Geste die Sonnenbrille auf, sodass nur noch sein breites Lächeln zu sehen war.

»Also dann, einen schönen Tag, die Herren und die Dame.«

Tilla und die Männer starrten dem Streifenwagen noch eine ganze Weile schweigend hinterher, bis Hölzi verächtlich die Nase hochzog.

»Was war das denn für ein aufgeblasener Wichtigtuer?«

»Och, ich fand ihn eigentlich ganz … nett.«

Sie spürte, dass sie noch immer ein leichtes Grinsen im Gesicht hatte.

Sie wollte gerade zurück in den Wagen steigen, als Hölzi sie am Arm festhielt.

»Und … ist dein Kater wieder da?«

Tilla schüttelte langsam den Kopf. Sie spürte, wie sich ein Kloß in ihrer Kehle bildete.

Hölzi zwinkerte ihr zuversichtlich zu.

»Der wird schon wieder auftauchen.«

Sie versuchte sich an einem Lächeln.

»Wenn du das sagst.«

Sie blickten beide gedankenversunken ins Nirgendwo.

Dann raffte Tilla sich auf.

»Hey, ich kann euch ein Stück mitnehmen.«

Tilla blickte steil nach oben. Kein einziges Wölkchen zeigte sich am Himmel.

»Sonst schafft ihr es nie bis Mittag in den Wald.«

Kapitel 3

Die Fahrt nach Kempenich war eigentlich sehr angenehm. Lediglich die vielen Motorradfahrer, die sie in waghalsigen Situationen überholten und damit nicht nur ihr eigenes Leben riskierten, zerrten an ihren Nerven.

Dabei machte es ihr überhaupt nichts aus, selbst mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von achtzig Stundenkilometern über das Maifeld und durch die Schluchten zu flitzen. Eigentlich war es ein gemütliches Tingeln, aber der Wellblech-Truck rumpelte und wackelte bei seiner Höchstgeschwindigkeit so arg, dass ihr die Fahrt hinter dem Steuer faktisch doppelt so schnell vorkam.

Die meisten Strecken, die sie zurücklegte, waren wunderschön, führten sie vorbei an unendlich erscheinenden Feldern, die davon zeugten, dass hier die Landwirtschaft eine wichtige Einnahmequelle war, aber auch an Tälern mit Weiden und Wäldern. Es gab viele Kurven und steile Anstiege und Gefälle. Strecken, die sich zu jeder Jahreszeit anders präsentierten.

Eigentlich ein Traum.

Das Einzige, was sie ein wenig störte, war die enorme Geräuschkulisse. Ihr HY war laut. Sehr laut. Bei Vollgas – wenn man das überhaupt so nennen konnte – hörte sie nicht einmal mehr das Radio, wenn sie es laut aufdrehte. Aber was das Radio nicht schaffte, machte Tilla wett, indem sie alle Songs ihres im Kassettendeck befindlichen Lieblings-Tapes The Very Best of Elvis Presley lautstark mitschmetterte. Joos hatte ihr bereits des Öfteren einen Hörsturz und bleibende Schäden prophezeit. Doch das kümmerte Tilla nicht.

Hinter dem Steuer ihres faltigen Schnuckelchens fühlte sie sich frei. Außerdem war der Wagen hübsch, nein, außerordentlich schön sogar – zumindest auf den zweiten Blick. Rustikal und kantig. Wie ein unförmiges, übergroßes Insekt, jedoch mit putziger Schweinsnase. Gänzlich anders präsentierte sich das Innenleben. Joos hatte ihr in unzähligen Stunden Fleißarbeit ein Interieur gezaubert, das einem französischen Tante-Emma-Laden im Fifties-Style in nichts nachstand. Mitsamt ausladendem Tresen und bis zur Decke reichenden Regalen in den Farben Creme und Beige.

Tilla hatte sich sofort in den HY verliebt, als Joos damit angekommen war. Dabei war er damals bloß ein Schatten seiner selbst gewesen. Angefressen von Rost. Ein Scheinwerfer hatte gefehlt, die geteilte Frontschreibe war gesprungen und das Innenleben komplett vermodert gewesen.

Gemeinsam mit dem Holländer hatte sie unzählige Stunden an diesem Oldtimer geschraubt und gehämmert und lackiert und geschweißt. Sie hatte zwar bloß die Handlangertätigkeiten erledigt, aber es fühlte sich für sie trotzdem so an, als hätte sie diesem Wagen ein zweites Leben geschenkt. Ein Leben, das sie nun mit ihm teilen durfte.

Tilla erreichte Kempenich mit einer Viertelstunde Verspätung.

Das war zu verkraften, fand sie. Vor allem, weil sie sich auf Florians Hof auch noch um das Gurken-Malheur hatte kümmern müssen.

Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, dreimal zu hupen, wenn sie die Auffahrt zum Altersheim nahm. Doch meist standen ihre Kunden schon auf dem Parkplatz und warteten ungeduldig auf ihre Ankunft.

So auch heute.

Kaum war sie um die Ecke des kleinen Sträßchens gebogen, winkte ihr bereits ein halbes Dutzend Gehstöcke zu.

Wahrscheinlich waren die Leutchen über jede Abwechslung froh, die ihr Leben ein wenig unterhaltsamer machte.

Mit einem beherzten Ruck schaltete sie in den zweiten Gang und schob sich tuckernd die geschwungene Einfahrt des Seniorenheims hinauf.

Zwei Herren ließen es sich nicht nehmen, ihr beim regelkonformen Einparken behilflich zu sein. Schließlich musste alles seine Ordnung haben.

Sie stellte den Motor ab, rutschte vom Fahrersitz, schnürte sich beim Betreten des Verkaufsraums die braune Schürze um und schob die große Seitenklappe auf.

Jedes Mal aufs Neue genoss sie diesen Augenblick, wenn das Tageslicht in den hinteren Bereich ihres Wagens strömte und all ihre Waren mit hübschem Glanz überzog.

Sie war stolz auf die Inneneinrichtung ihres kleinen fahrbaren Tante-Emma-Ladens: pastellige Farben, Retro-Schriften, eine runde, verchromte Kühltheke, die an die Form eines klassischen Cadillacs erinnerte. Dazu eine alte Registrierkasse, eine knallrote Blechwaage und überall Metallschilder von teilweise längst vergessenen Waschmittel-, Zigaretten- und Getränkemarken. Pure Nostalgie auf engstem Raum. Und sie selbst rundete das Bild mit ihrem Rockabilly-Stil perfekt ab.

Strahlend begrüßte Tilla die ersten Kunden des Tages: »Guten Morgen zusammen.«

»Ihr werdet ja immer später, ihr jungen Dinger!«, begrüßte Herr Henkel sie grimmig.

Er stand ganz vorne – so dicht am Wagen, dass sie ihm beinahe die Wellblechklappe vor die Nase geschlagen hätte.

»Und was haben Sie mit Ihren Haaren gemacht?«

»Getönt, Herr Henkel. Das machen junge Dinger wie wir manchmal.«

»Ja, aber … was ist das denn für eine Farbe?! Schweinchenrosa?«

»Erdbeerblond. Zumindest war das der Plan.«

Herr Henkel rümpfte die Nase.

»Also ehrlich, Sie sind so ein hübsches Mädchen. Warum muss man sich da so verschandeln? Und dann die dicke Schminke in Ihrem Gesicht.«

»Das ist Kajal.«

»Und all die bunten Bilder auf Ihrer Hand.«

»Das sind Tattoos.«

»Meinerzeit, als ich noch bei der Marine war und zur See gefahren bin, hatten das damals nur die Hafenhu–«

»Günni, jetzt lass aber mal gut sein«, wies Frau Gilles ihn barsch zurecht.

Die kleine Frau mit der kompakten Statur stand direkt hinter ihm und verpasste ihm einen heftigen Klaps auf den Hinterkopf, sodass seine staubgraue Schirmmütze nach vorn rutschte.

Herr Henkel zuckte zusammen.

»Er hat ja recht«, räumte Tilla ein. »Hab die Tönung tatsächlich ein wenig zu lange einwirken lassen.«

Sie zog eine Strähne aus ihrem Knoten und strich sich über das glatte Haar.

»Und so ist das Erdbeerblond eben doch ein wenig pinkstichig geworden.«

Tilla gefiel es trotzdem. Sie war ohnehin ein farbenfroher Mensch.

Frau Gilles zwinkerte ihr liebevoll zu, während sie ihren kleinen, wolligen Hund streichelte, den sie im Arm hielt.

Tilla konnte mit Hunden nicht allzu viel anfangen, doch sie fand es klasse, dass immer mehr Seniorenzentren ihren Bewohnern das Halten von Haustieren erlaubten.

»Gut, wäre das mit den Haaren ja geklärt«, raunte Herr Henkel übellaunig. »Kann ich dann jetzt endlich einkaufen, ja?«

Tilla schenkte ihm ein zuckerwattiertes Lächeln. Es kostete sie überhaupt keine Überwindung – auch wenn der Mann sie gerade unterschwellig als Hafenhure tituliert hatte. Das war wohl eine der wenigen positiven Begleiterscheinungen des Älterwerdens: Man ließ einem einfach viel mehr durchgehen.

»Dasselbe wie immer, Herr Henkel?«

»Muss.«

Weiterhin gut gelaunt, griff sie nach einer Papiertüte und begann zu packen: eine Schachtel Chesterfield und zwei kleine Fläschchen Strothmann Weizenkorn.

»Sehr schön.«

Herr Henkel schenkte ihr zum ersten Mal an diesem Morgen etwas, das einem Lächeln zumindest ansatzweise nahekam.

»Und dann hätte ich gerne noch eine Dose Corned Beef, einen Bund Möhren und …«, er trat näher an die Verkaufstheke heran und reckte sein Kinn, »vielleicht noch etwas zu … lesen?«

Dabei zwinkerte er ihr so umständlich zu, dass es Tilla schwerfiel, nicht gleich loszulachen.

»Klaro!«

Mit beiden Händen umgriff sie die gerade gepackte Papiertüte, ging in die Hocke und stellte sie neben sich, um das Sortiment unterhalb der Ladentheke in Augenschein zu nehmen. Die neueste Ausgabe der Reif & Drall ließ sie in der gestrigen Rhein-Zeitung verschwinden und packte diese in die Tüte.

»Der Artikel wegen«, rechtfertigte sich Herr Henkel, wie er es an jedem Monatsanfang tat.

Tilla nickte.

»Schon klar.«

Es wunderte sie nicht, dass ihn auch im hohen Alter noch die Fleischeslust packte. Im Gegenteil, sie fand es gut, dass er sein tristes Heimleben damit ein wenig aufregender gestalten konnte.

Nun kamen das Dosenfleisch und die Möhren in die Tüte. Genau so, dass alles Darunterliegende verdeckt wurde. Tilla wusste genau, dass diese Lebensmittel oft nur Alibi-Käufe waren, um den Korn, die Zigaretten und das Schmuddelheftchen an der Heimleitung vorbeizuschmuggeln.

Es war eine Art Gentlemen’s Agreement, das sie stillschweigend mit allen Kunden hatte, die sich für ihre Bückware interessierten.

Und wahrscheinlich war auch genau das der Grund, warum sie sich gegen die rollende Supermarktflotte der viel stärkeren Konkurrenz ...

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