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Tilla und der tote Elvis

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36
  43. Kapitel 37
  44. Kapitel 38

Über dieses Buch

Ein marodes Hotel, ein Nazischatz und ein toter Elvis

Als die fahrende Händlerin Tilla mit ihrem Verkaufswagen mitten in der Pampa liegen bleibt, finden sie und der charismatische Elvis-Imitator Lars, den sie auf der Straße aufgelesen hat, Unterschlupf im Hotel »Eifelglück«. Dort ist mal so gar nichts los. Das ändert sich schlagartig, als dem Hotelbesitzer ein Brief in die Hände fällt, in dem von einem Nazischatz im nahe gelegenen See die Rede ist. Am nächsten Tag ist in der Eifel das Goldfieber ausgebrochen. Tilla zweifelt jedoch an der Echtheit des Briefes. Als dann auch noch der King tot in einer Badewanne gefunden wird, ist sie sicher: Hier ist etwas faul!

Tilla ermittelt in der Eifel auch in diesem Fall: »Tilla und der tote Schäfer«.

eBooks von beTHRILLED – mörderisch gute Unterhaltung.

Über den Autor

Jan Westmann ist gebürtiger Eifler mit schwedischen Wurzeln. Als Redakteur war er jahrelang in einem süddeutschen Verlag tätig, bis es ihn aus familiären Gründen nach zehnjähriger Abstinenz zurück nach Mayen, dem Tor zur Eifel, geführt hat. Schon in Zeiten seiner hauptberuflichen Verlagslaufbahn hat Westmann mit dem Schreiben von Romanen begonnen und bereits einige Bücher im Kinder- und Erwachsenenbereich veröffentlicht. Die Begegnung mit einem Hirten bei einem Survival-Trip durch die Wildnis brachte ihn schließlich auf die Idee zu seinem ersten Vordereifel-Roman. Mittlerweile lebt Westmann als freier Autor und leidenschaftlicher Hobbyfotograf mit seiner Familie im Maifeld und nutzt jede freie Gelegenheit, um in den Eifler Wäldern auf Recherche für weitere Romanideen zu gehen.

J A N  W E S T M A N N

TILLA
UND DER
TOTE ELVIS

E I F E L - K R I M I

Prolog

»Bist du nun zufrieden?«

Er achtete nicht auf den Hohn in ihrer krächzenden Stimme. Stattdessen betrachtete er die Zeilen, die er nicht lesen konnte, weil er dieser Schrift nicht mächtig war. Anderenfalls hätte er sie nicht gebraucht und sich all dies hier ersparen können. Aber so war es eben unumgänglich.

Er horchte in sich hinein. War es das, was er fühlte? Zufriedenheit?

Er verspürte eine gewisse Zufriedenheit in sich, weil es ganz bald vorbei sein würde. Und damit würde sich alles zum Guten wenden. Zumindest für ihn.

Er war kein Mann, der mit einem unerschöpflichen Ideenreichtum gesegnet war. Aber hin und wieder blitzte er auch bei ihm auf, der zündende Funke, der alles verändern konnte. Wie damals, als er sich hatte scheiden lassen. Die jüngste Idee aber empfand er geradezu als grandios.

Zweimal faltete er den Brief, für den sie ein halbes Dutzend Anläufe benötigt hatte, steckte ihn in den ältesten Umschlag, den er hatte auftreiben können, und ließ ihn in seiner Brusttasche verschwinden, während er zu ihr hinunterstarrte. Dieses gekrümmte Häufchen Elend. Um sie herum lagen die vollgekritzelten Zettel mit den ersten Entwürfen. Sie hielt noch immer den Stift in ihrer zittrigen Hand. Ein Zittern, das sich nunmehr auf ihren ganzen Körper übertrug.

Obwohl der Sommer vor der Tür stand, war es erstaunlich kühl in diesem Zimmer. Größtenteils lag es an den dicken Wänden aus Basaltstein und den kleinen Sprossenfenstern, die kaum Licht durchließen. Dieses alte Gebäude war noch massiv gebaut worden. Zudem hatte sie die Rollläden bis auf einen kleinen Spalt heruntergelassen. Vom Bett aus beobachtete sie gerne, was vor sich ging. Ja, es gab Zeiten, da hatte sie ihre Augen überall.

Er griff nach dem Gurt und ließ die Jalousien ganz herunter. Nun war es nur noch das schwache Licht der Deckenlampe, das den Raum beleuchtete. Beinahe stimmungsvoll.

Noch einmal trug er sie zu ihrem Bett. Wie schon so viele Male zuvor. Sie war leicht, beinahe wie ein Kind. Er hob sie vom Stuhl, trug sie fort vom Sekretär, durch das kleine Zimmer.

Sie stöhnte kraftlos auf, als er sie in die weichen Kissen fallen ließ. Seit Tagen hatte sie keine Nahrung mehr zu sich genommen. Nur ein wenig Wasser hatte er ihr gegönnt. Es war herzlos, aber sie ließ ihm keine andere Wahl. Sie hatte einen starken Willen. Immer schon gehabt. Also musste er harte Geschütze auffahren, um ihren Willen zu brechen, um an das zu gelangen, was er von ihr brauchte.

»Gib mir die Decke. Mir ist kalt.«

Er deckte sie zu. Es würde das letzte Mal sein.

»Natürlich.« Ihr war immer kalt. Unzählige Male hatte sie ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, weil sie fror und er etwas dagegen tun sollte.

Bis zum Kinn zog er ihr die dicke Daunendecke und vermied es, ihr in die Augen zu schauen. Es waren böse Augen, stechend und klein. Schon als Kind hatte er sich vor ihrem angriffslustigen Blick gefürchtet.

Doch nun lag sie da. Verwundbar und hilflos.

Wie sehr er unter ihr gelitten hatte. All die Jahre, die sie ihn mit ihrer herrschsüchtigen Art unterdrückt hatte. Sie hatte ihm kaum Luft zum Atmen gelassen. Deshalb empfand er das, was er vorhatte, als ausgleichende Gerechtigkeit.

Wie du mir, so ich dir.

Immer war er für sie da gewesen. Hatte es sich gefallen lassen, dass sie seine Frau vergraulte, nicht dazu imstande war, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Nun würde sie ihm helfen. Ein letztes Mal. Auf dass alles besser wurde.

Kerzengerade lag sie auf dem Bett und funkelte ihn höhnisch an, als er sich über sie beugte und ihr den Handrücken auf das Gesicht presste. Sie leistete kaum Gegenwehr. Zu schwach war der alte Körper. Gezeichnet von der Krankheit, die seit Monaten in ihr tobte. Sterben würde sie so oder so. Er beschleunigte es lediglich ein wenig. Berauscht von dem Drang der Freiheit, der ihn umspülte, drückte er seine Hand fester auf ihr Gesicht. Ihr Kopf versank tief im Kissen. Die dünnen Ärmchen fuchtelten wild umher, trafen ihn mit kraftlosen Schlägen. Er lächelte. Und zum ersten Mal fühlte es sich aufrichtig an.

»Und nun, schlaf. Schlafe gut.«

Kapitel 1

Elvis lebt!

Zumindest war es das, was ihr durch den Kopf ging, als sie ihn mitten auf der Straße stehen sah. Zu sehr damit beschäftigt, das Bild zu verarbeiten, vergaß sie beinahe das Wichtigste: das Bremsen. Aber die Situation war einfach zu absurd. Da saß sie hinter dem Steuer des Citroëns, sang lauthals die Best-of-Elvis-Presley-Kassette mit – gerade lief Blue Suede Shoes –, und plötzlich stand er da. Der King. Mitten auf der Straße. In der tiefsten Eifel.

Wann passierte einem so etwas schon mal? Vor lauter Schreck reagierte sie viel zu spät. Dreißig Zentimeter mehr, und der wiederauferstandene Elvis wäre ins Reich der Toten zurückgekehrt, bevor er »Be-bop-a-lula« hätte sagen können. Plattgedrückt von der Schweinsnase ihres HYs. Doch sie war rechtzeitig in die Eisen gestiegen, und sah sich nun durch die Windschutzscheibe Auge in Auge mit dem King persönlich. Dieser lüpfte seine verspiegelte Sonnenbrille und betrachtete sie aus tiefdunklen Rehaugen. Eine ganze Weile taten sie nichts, starrten nur und verarbeiteten den Schock, den die Notbremsung mit sich geführt hatte.

Schließlich kurbelte Tilla das Fenster herunter und schob ihren Kopf heraus. »Vielleicht nicht gerade die cleverste Idee, mitten auf der Straße einen auf Tramp zu machen.«

»Sorry, Süße, ich dachte, du würdest mich sehen und rechtzeitiger abbremsen.« Ein blitzblankes Lächeln schälte sich ihr entgegen. »Nimmst du mich denn ein Stück mit?«

Tilla zögerte nur kurz. Ein millisekundenlanges Abwägen, ob sie diesem Mann Mord, Vergewaltigung oder sogar beides zutraute. In welcher Reihenfolge auch immer. Tat sie nicht. Aber sie musterte ihn ausführlich. Man konnte ja nie wissen. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Gitarrenkoffer, den er bei sich führte, keine Gitarre, sondern ein Trommelgewehr befand? Das gab es doch wirklich nur in schlechten Filmen. Ihr Elvis war groß, beinahe athletisch gebaut. Mit seiner abgewetzten Blue-Jeans, dem weißen Unterhemd und der schwarzen Lederjacke wirkte er zwar verwegen, aber nicht gefährlich.

Das schuhcremeschwarze Haar hatte er zu einer imposanten Tolle geformt, die ihn fünfzehn Zentimeter größer erscheinen ließ. Nein, dieser Anhalter wirkte nicht furchterregend. Vielmehr vertraut. Als wäre er aus ihrer Fantasie geschlüpft und stünde nun leibhaftig vor ihr – der Mann, den sie als Teenager ebenso verehrt hatte, wie sie es heute tat.

Sie warf einen raschen Blick auf die Uhr. Bis nach Elzbach hatte sie noch eineinhalb Stunden vor sich, die sich bei der zweistelligen Endgeschwindigkeit ihres HY zäh gestalten konnten. Etwas Abwechslung kam da gerade recht. Zumal sie diese Fahrt ohne Humphrey antreten musste. Und das war ungewohnt. Denn normalerweise war ihr Basset immer bei ihr. Doch seit Renate auf dem Hof war, war Tillas Hund nicht mehr wiederzuerkennen. Er umschwänzelte ihre Mutter, als wäre sie eine anbetungswürdige Hundegöttin, der entsprechend gehuldigt werden musste. Für Tilla reichte da nur noch ein Platz in den hinteren Reihen. »Warum nicht«, entgegnete sie schließlich. »Hüpf rein.«

Als er sich auf den Beifahrersitz fallen ließ, schlug ihr ein schwerer Duft nach Leder und Sandelholz entgegen. Irgendwie schaffte er es, den klobigen Gitarrenkoffer zwischen seine Beine zu bugsieren.

»Also, King, wo darf es denn hingehen? Ich sag es lieber direkt, ich fahre nicht bis nach Memphis.«

»Von dort komme ich doch gerade«, entgegnete er und grinste. Seine Lippen zogen sich breit auseinander. Es war ein ansteckend charmantes Grinsen. »Ich bin auf dem Weg nach Bad-Neuenahr und für jeden Kilometer dankbar, den ich nicht laufen muss.«

»Hast du ein Glück, das liegt auf meinem Weg.«

»Na, das ist doch spitze.« Er zog anerkennend die Luft ein. »Das ist aber ein echt schnuckeliges Wägelchen, das du da fährst.« Er ließ seinen Blick durchs Fahrerhaus schweifen und schnalzte anerkennend mit der Zunge. Tilla nahm kurz den Blick von der Straße und musterte ihren Beifahrer etwas näher. Dieser Mann hatte einen richtigen Backenbart. »Und wie heißt du wirklich?«

»Lars. Lars Rouwen. Aus Trier.«

Sie reichte ihm die Hand. »Tilla. Aus Elzbach.«

Auf seinen schrägen Blick hin hob sie die Hand. »Frag nicht. Es ist ein so winziger Ort, den musst du nicht kennen.«

»Tilla. Ein hübscher Name.« Er lächelte sie an. »Freut mich sehr, Tilla.«

Sein Grinsen legte eine Schippe zu. »Und wo wart ihr zwei Schätzchen unterwegs?«

Schätzchen? Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie war es überhaupt nicht mehr gewohnt, derart offensiv angeflirtet zu werden. »Ich war in Belgien, hab dort ein Ersatzteil für meinen Wagen besorgt.« Liebevoll tätschelte sie das Armaturenbrett ihres HY. »So ein altes Gefährt braucht unglaublich viel Pflege.« Sie seufzte auf. »Und leider macht er mir momentan ein wenig Sorgen. Irgendwas stimmt mit dem Getriebe nicht. Ich hoffe, dass das neue Teil helfen wird.«

Lars lachte auf. »Aber bis nach Bad Neuenahr wird er es doch noch schaffen, oder?«

»Och, da bin ich ganz zuversichtlich. Er hat mich noch nie im Stich gelassen.« Sie warf ihm einen kurzen auffordernden Blick zu. »Und deine Geschichte?«

Er sah an sich herab. »Ist das nicht offensichtlich? Ich bin Musiker. Elvis-Imitator. Obendrein kein schlechter, wenn mir so viel Selbsteinschätzung gestattet ist.«

Optisch stimmte das schon mal. Er machte wirklich etwas her.

»Magst du Elvis?«

Grinsend hielt sie ihm das Tape hin. »Die höre ich hier rauf und runter.«

Er musterte die Hülle ausgiebig. »Wow, das ist schon eine Ewigkeit her, dass ich eine echte Kassettenhülle in der Hand gehalten habe. Dass es so was noch gibt.«

Tilla tippte gegen das uralte Radio mit Kassettendeck. »Leider habe ich noch keinen CD-Player gefunden, der hier reinpasst. Also muss es so gehen. Ich habe auch noch die Best-of-Johnny-Cash im Repertoire, das weiße Album der Beatles und irgendwo unter dem Sitz müsste auch noch The Dark Side of The Moon von Pink Floyd herumliegen.«

»Eine Frau mit Musikgeschmack.« Lars nickte erfreut und wedelte mit der Kassettenhülle herum. »Die ist übrigens spitze. Elvis, live in Memphis, auf dem Zenit seiner Karriere. Das Konzert wurde 1969 aufgezeichnet, mit dem überaus genialen Long Black Limousine. Meiner Meinung nach der größte Song seiner Karriere. War überhaupt eine großartige Zeit damals. Die gute alte Swing-Time. Frank und Nancy Sinatra in den Charts, der King so gut, wie er es danach nie mehr war.« Er sah sie an. »Ich würde sonst was drum geben, in dieser Zeit gelebt zu haben.«

Tilla musste trocken schlucken. Sie wusste nicht, wie oft sie sich selbst schon in diesem Gedanken verloren hatte. Sie liebte die alte Musik, den Lifestyle der 50er- und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. »Und was macht ein Elvis-Imitator in der tiefsten Eifel?«

»Seinen Träumen hinterherjagen.« Er lachte auf, wurde aber schnell wieder ernst. »Wie gesagt, ich bin auf dem Weg nach Bad Neuenahr. Dort findet im Nevada Grand Hotel ein Elvis-Imitatoren-Wettbewerb statt.«

Tilla warf einen Blick zur Seite. Das klang ja mal abgefahren. Sie hätte nicht gedacht, dass in ihrer näheren Umgebung ein derart cooles Event stattfand. Entsprechend überrascht schoben sich ihre frisch gezupften Brauen wie von selbst nach oben. »Es gibt so viele von euch, dass sich eine derartige Veranstaltung lohnt?«

Lars nickte eifrig. »Aber hallo! Auf der ganzen Welt gibt es mehr als 20.000 Elvis-Imitatoren, und wir alle haben nur ein Ziel: Mindestens einmal im Leben die Pilgerreise nach Graceland auf sich zu nehmen. Das werde ich auch schaffen, wenn ich diesen Wettbewerb gewinne.«

»Und was genau kann man da gewinnen?«, hakte Tilla nach. »Viel Geld, nehme ich an?«

Lars zischte abfällig auf. »Geld! Sehe ich aus wie jemand, den Geld interessiert?«

Sie betrachtete Lars eingehend, seinen Backenbart, der ihm verflucht gut stand. Ob sie Ben dazu überreden konnte, sich Koteletten wachsen zu lassen? Vermutlich würde sie damit zu weit nach vorne preschen. Schließlich waren sie kein Paar. Noch nicht. Es war weit mehr als Sympathie, was sie beide füreinander empfanden. Trotzdem war es noch immer nicht zum entscheidenden Schritt gekommen. Mit ein Grund war, dass sein Vorgesetzter, Hauptkommissar Karl Marhöfer, sich auf unbestimmte Zeit in Kur verabschiedet hatte und Ben seit Wochen die Dienststelle alleine vertrat.

»Nein«, erwiderte sie wahrheitsgemäß.

»Der Hauptgewinn ist viel besser. Der Sieger des Wettbewerbs bekommt natürlich ein hübsches Preisgeld. Aber das Beste ist, dass er nach Las Vegas eingeladen wird, wo die Finalrunde stattfindet. Die besten Imitatoren der Welt werden dort aufeinandertreffen. Dem Sieger winkt eine Festanstellung bei der Hotelkette in Las Vegas.« Er sah Tilla fest an. »Kannst du dir das vorstellen? Ein Jahr lang eine eigene Show in einem Fünf-Sterne-Hotel. In Las Vegas!«

Seine Augen glänzten geradezu vor Euphorie. Tilla konnte gar nicht anders, als sich mit ihm zu freuen.

»Und du glaubst, du hast das Zeug dazu zu gewinnen?«

Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. »Die Konkurrenz ist natürlich nicht ohne. Zu diesem Wettbewerb kommen die besten Elvis-Imitatoren ganz Europas. Das ist eine echt große Sache. Da geht es um Prestige in der Szene. Außerdem werden viele Gastronomen anwesend sein, die ein Auge auf Talente haben, die sie buchen können.«

»Das ist also dein Lebensplan?« Sie grinste ihn herausfordernd an. »Den Wettbewerb gewinnen und die große Reise nach Las Vegas antreten.«

Er nickte resolut. »So oder so Las Vegas. Entweder mit dem Wettbewerb oder – falls es für den ersten Platz nicht reichen sollte – auf eigene Faust.« Er senkte den Kopf und fügte kleinlaut hinzu: »Wobei mir dazu noch das nötige Kleingeld fehlt.«

Tilla nickte verständnisvoll, war aber beeindruckt von der Gradlinigkeit dieses Mannes. Wie alt er wohl war? Er wirkte nur ein wenig älter als sie. Eine Frage brannte ihr ganz besonders unter den Fingernägeln: »Bist du denn auch … gut?«

Nun sah er sie von der Seite an. Dann platzte es aus ihm heraus: »Ja, verdammt! Eine Kostprobe gefällig?«

Tilla strahlte. »Aber bitte doch!«

Lars nahm den lederbezogenen und mit Stickern zugekleisterten Gitarrenkoffer recht umständlich auf den Schoß und ließ die Scharniere aufschnellen. Er brachte eine dickbauchige Akustikgitarre zum Vorschein, die viel zu groß war für die Enge der Fahrerkabine.

»Das ist eine ganz besondere Gitarre, musst du wissen. Eine wirklich uralte Martin.«

Mit sichtlich stolz geschwellter Brust präsentierte er ihr die unscheinbare Gitarre.

Tilla runzelte die Stirn, während sie der Gitarre einen kurzen Blick schenkte. Das Ding wirkte alt und irgendwie ramponiert. Überall waren Dellen und Kratzer, und selbst der Lack war bereits an vielen Stellen abgeblättert.

»Es ist ein prachtvolles Stück«, erklärte er ihr. »Eine Martin D28 aus dem Jahr 1955. Es heißt, dass der King persönlich einmal auf ihr gespielt hat.«

»Der King?« Tilla bekam große Augen. »Ich meine, der King?«, fragte sie noch einmal. »Die Gitarre soll Elvis Presley gehört haben?«

Lars schüttelte belustigt den Kopf. »Ähm, nicht ganz«, lenkte er ein. »Er hat wohl lediglich einmal darauf gespielt. Zumindest hat mein Vater mir das damals hoch und heilig versichert.« Er strich liebevoll über die Saiten. »Sie ist ein Geschenk von ihm gewesen«, erklärte er ihr. »Kurz, bevor er starb.«

»Oh, das tut mir leid.«

Lars lächelte sie tapfer an. »Ist schon wirklich lange her. Aber selbst, wenn Elvis nie auf ihr gespielt hat, ist sie wertvoll. Eine Martin ist nämlich der Mercedes unter den Gitarren, musst du wissen. Und bei dieser hier handelt es sich um ein Sondermodell, das nur in geringen Stückzahlen hergestellt wurde. Mein Dad hat sie sich vom Mund abgespart.«

Sein Kopf näherte sich dem Korpus, und er stimmte die Gitarre.

Als er einen Akkord griff und die Saiten anschlug, ging es Tilla durch und durch. Sie liebte den Klang von Gitarren. Kein anderes Instrument schaffte es, sie so zu verzaubern. Doch als seine Stimme einsetzte und er die erste Zeile von Love Me Tender schmetterte, war es gänzlich um sie geschehen. Die Härchen auf ihren Unterarmen richteten sich auf. Sie bekam Herzklopfen und hatte alle Mühe, sich auf die Straße zu konzentrieren. Dieser Lars hatte eine Stimme wie würziger, zähfließender Honig. Sie sickerte in ihre Gehörgänge und breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, bis sie ihren Magen erreichte und ihn erbeben ließ. Und plötzlich rumpelte und polterte es – leider im wahrsten Sinne. Lars hörte auf zu spielen und sah Tilla finster an, die den Blick noch düsterer erwiderte.

»Das klingt nicht gut«, fasste er die ganz und gar unheilvolle Situation zusammen.

Tilla sagte nichts. Sie hörte stattdessen dem Getriebe beim Sterben zu. Es war ein langes, qualvolles Dahinscheiden – begleitet von einem stotternden Rucken, der den ganzen Laster erschütterte. Sie stieg vom Gas, trat wieder drauf, bremste und beschleunigte. Tief in sich spürte sie einen Funken Hoffnung, dass sich der Motor nur verschluckt hatte, ihr HY einmal kräftig husten und sich dann wieder aufraffen würde, um die Fahrt fortzusetzen.

»Vielleicht solltest du mal rechts ranfahren?« Lars deutete aus dem Fenster. »Da vorne ist eine Parkbucht.«

Tilla nickte. Die Idee war spitze. Bloß entschied sich ihr HY dazu, genau an Ort und Stelle – und damit mitten auf der Straße – seinen Dienst einzustellen.

Sie und Lars warfen sich besorgte Blicke zu und stiegen gleichzeitig aus.

Sie fluchte auf. Dass der Wagen sie ausgerechnet jetzt im Stich lassen musste! Dabei war dieser Wagen ihr Ein und Alles.

»Das ist so unfair«, schrie sie in die Einöde der Eifel hinaus. Dabei wusste sie nicht einmal genau, wo sie liegen geblieben waren. Hier sah aber auch alles gleich aus. Felder, Wälder, Nichts. Und davon am meisten. Halt, nein, unmittelbar neben der Straße erkannte sie eine Abzweigung, die zu einem See führte. Aber welcher war es? Er lag gut einen Kilometer von der Straße entfernt. Die glatte Oberfläche des Wassers schimmerte wie ein Spiegel im Licht der sich allmählich senkenden Nachmittagssonne.

Lars blickte in den Himmel. »Wenigstens regnet es nicht.«

Tilla schnaubte auf. »Beschrei es nicht. Das kann sich in der Eifel sekündlich ändern.«

»Und was machen wir jetzt?«

Sie sah ihn irritiert an. »Wieso wir? Du bist ein freier Mann und kannst dir einfach eine andere Mitfahrgelegenheit suchen.«

»Bitte, ich werde eine Dame in dieser Situation doch nicht alleine lassen.«

Tilla nickte. Dankbar? Teilnahmslos? Sie wusste es nicht. Sie brauchte keinen seelischen Beistand, sondern einen Kfz-Mechaniker, der sich mit ihrem Schätzchen auskannte. Oder wenigstens jemanden, der sie von der Straße holte.

»Soll ich mal nachschauen?«, bot Lars sich an. Er krempelte die Ärmel seiner Lederjacke hoch und entblößte ein paar wilde Tattoos, die seine Arme entlangkrabbelten.

Tilla warf ihm einen fragenden Blick zu. »Kennst du dich denn mit Autos aus?«

»So gut wie gar nicht«, gestand Lars mit einem entschuldigenden Lächeln.

»Dann besser nicht.« Joos würde dir die Haut vom Leib ziehen, wenn du etwas an dem HY verschlimmbessern würdest.

Apropos. Endlich löste sich ihre Schockstarre. Sie sprang förmlich nach vorn, kletterte den Fahrersitz hoch und suchte nach ihrem Handy.

Sie musste Joos anrufen. Der wusste sicherlich Rat.

Doch sie zögerte den Anruf hinaus. Joos würde ausrasten, wenn er erfuhr, dass sie trotz der ersten Anzeichen für ein Getriebeproblem mit dem HY nach Belgien gefahren war. Aber was wäre die Alternative gewesen? Renates Wohnmobil? Joos’ innig geliebter Pallas, den er ohnehin nicht rausgerückt hätte?

Sie brauchte ihren HY einsatzbereit. Auf ihn zu verzichten konnte sie sich nicht leisten, schließlich stellte der Wagen ihre Lebensgrundlage dar. Seit zwei Jahren fuhr sie mit ihrem rollenden Gemüsegarten die Altenheime und Senioren-Residenzen in der Eifel an. Sie war stolz auf ihr kleines Geschäft, dass sie aus dem Boden gestampft hatte. Irgendwann war sie auf die Idee gekommen, mit einem Verkaufswagen die Seniorenheime anzusteuern, damit die Bewohner auch im hohen Alter noch die Möglichkeit hatten, sich weitestgehend selbst zu versorgen. Zunächst hatte sie sich auf ein Sortiment spezialisiert, das hauptsächlich aus längst vergessenen Obst- und Gemüsesorten bestand. Eben jene, die es in den hiesigen Supermärkten nicht mehr gab. Doch mit der Zeit hatte sie ihre Zielgruppe immer besser kennengelernt und das Angebot entsprechend erweitert. Nun führte sie auch Süßigkeiten, Zeitschriften, Tabakwaren, Männerzeitschriften – und auf besondere Nachfrage gab es unterhalb der Ladentheke auch leichte Drogen in Form von Marihuana. Überhaupt rühmte Tilla sich damit, alles besorgen zu können, was ihre Kundschaft wünschte. Sofern sich die Wünsche im für sie vertretbaren Bereich der Legalität bewegten.

Lars ließ es sich nicht nehmen, unter den Wagen zu kriechen, um sich die Sache von unten anzusehen. Doch Tilla machte sich keine große Hoffnung, dass er etwas ausrichten konnte. Sie wusste ja mehr oder weniger, was das Problem war. Und die Lösung dafür lag in ihrem Kofferraum. Bloß brauchte es eine Hebebühne und einen gelernten Mechaniker, der ihr dieses Teil einbaute.

Sie schlug innerlich mit einer Holzlatte auf sich ein. Hätte sie doch bloß auf Joos gehört und ihr Schätzchen stehen lassen, bis das Ersatzteil eingebaut war. Aber sie hatte wirklich geglaubt, dass der HY die Fahrt bis nach Belgien und zurück überstehen würde. Und nun musste er ausgerechnet rund dreißig Kilometer vor Elzbach in die Knie gehen.

Lars kam unter dem Wagen hervor. »Schätze, es ist das Getriebe.«

Tilla verkniff sich ein Augenrollen. Schließlich war es genau das, was sie eben als Vermutung geäußert hatte.

Mit einem tiefen Seufzer drückte sie auf Joos’ Nummer. Innerlich wappnete sie sich für das, was nun kommen würde. Ich habe es dir doch gleich gesagt. Und es stimmte – er hatte ihr ständig gepredigt, dass sie keinen Meter mehr als nötig mit dem HY fahren sollte.

Doch Joos hob nicht ab. Es klingelte bereits zum fünften Mal an ihrem Ohr.

»Hallo?«

»Joos, endlich. Wo warst du denn?«

»Ja, wo war ich denn! Ein alter Mann ist kein D-Zug. Bei den Schafen! Wo soll ich denn sonst gewesen sein?«

Tilla stöhnte leise auf. Seit Joos die Schafherde des verstorbenen Schäfers in Gewahrsam genommen hatte, kannte er kein anderes Thema mehr. Tatsächlich vermutete sie, dass er in seiner neuen Rolle als Teilzeitschäfer voll und ganz aufging.

Oder aber er war auf der Flucht vor Renate. Das war sie selbst auch, daher konnte sie es Joos nicht verübeln.

»Der HY hat den Geist aufgegeben, ist liegen geblieben. Mitten auf der Straße.«

»Das Getriebe.«

»Genau«, sagte Tilla, obwohl Joos es nicht als Frage formuliert hatte, sondern als Feststellung.

Er jammerte auf. »Ich habe es dir doch gleich gesagt, dass …«

Tilla hielt das Telefon auf Armlänge weg und zählte bis zehn. Lars warf ihr einen schrägen Blick zu, den sie mit einem Achselzucken quittierte.

Neun … zehn.

»… und du deshalb wirklich keinen Meter mehr als nötig mit dem HY zurücklegen solltest.«

»Ja«, erwiderte Tilla genervt.

»Und jetzt warst du in Belgien. BELGIEN

»Ja doch.«

»Hast du eine Ahnung, wie viele Kilometer das sind?«

Ȁhm, Joos, ich komme gerade von dort.

»Das war eine rhetorische Frage.«

»Dann stell sie mir nicht!«

»Herrje, du bist wie deine Mutter.«

»Vorsicht, Joos. Ganz dünnes Eis.«

Sie hasste es, mit Renate verglichen zu werden. Überhaupt nichts hatte sie mit ihr gemein. Bis auf den Nachnamen vielleicht.

»Kannst du kommen?«

In der Leitung wurde es still. Verdächtig still. Dann schnaubte es lang und ausgiebig, bis sich Joos’ Stimme zurückmeldete. Schrill und missmutig.

»Wie stellst du dir das vor, ich kann hier doch nicht so ohne Weiteres fort. Muss mich um die Tiere kümmern, und der Hirtenwagen wird auch nicht von alleine fertig. Außerdem weißt du ganz genau, dass ich nachts Probleme mit dem Autofahren habe, wegen meiner Augen. Aber …«

Tilla horchte auf. »Was, aber?«

»Ich könnte Renate fragen, vielleicht kann sie …«

»Nein!«

Sie konnte hören, wie Joos sich ein Grinsen verkniff. Natürlich hatte er mit dieser Antwort gerechnet.

»Hier ist ein Hotel in der Nähe.« Sie blinzelte in die Ferne, betrachtete das große Gebäude, direkt am Seeufer. »Ich schätze, ich werde dort für eine Nacht unterkommen.«

»Bist du sicher?«

Tilla rollte mit den Augen. Auch wenn Joos das nicht sehen konnte. »Absolut.« Sie seufzte resigniert.

»Ich kann aber wirklich noch Renate fra…«

»ICH BIN SICHER, sagte ich.«

Nun war es ein unverhohlenes Lachen, das sich ihr durch den Hörer entgegenwarf.

»Ich komme, so schnell ich kann. Vor morgen früh wird das nichts, aber ich verspreche dir, gleich nach den ersten Sonnenstrahlen da zu sein.« Er hielt kurz inne. »Ich werde Toni anrufen müssen, damit er einen Abschlepper organisieren kann. Irgendwie müssen wir das Schätzchen ja zurück zur Mühle bekommen.«

Tilla konnte den Groll aus seiner Stimme heraushören.

»Danke, Joos.«

Er grummelte etwas Unverständliches.

Toni war Joos’ Schraubpartner. Gemeinsam konnten sie Tage und Wochen damit verbringen, an alten Motoren herumzuwerkeln. Tilla mochte Toni nicht besonders. Die Aussicht, ihn morgen wiederzusehen und ihm womöglich noch zu Dank verpflichtet zu sein, behagte ihr nicht. Als sie auflegte, sah sie Lars missmutig an.

»Und jetzt?«, fragte er.

»Da vorne ist ein Hotel.« Sie deutete mit dem Kinn Richtung See.

Lars schirmte die Augen mit einer Hand ab und schaute stur an ihr vorbei. Sie folgte seinem Blick und betrachtete das alte Anwesen aus dunklem Basaltstein. Sogleich fiel ihr das grüne Bitburger-Schild auf, das an dem Gebäude angebracht war. »Lass uns dort Hilfe holen.«

Kapitel 2

Das Hotel machte von außen einen schmucken und äußerst idyllischen Eindruck. Umgeben von einem Waldstück, lag es am Fuße eines kleinen opalgrünen Sees, um den ein Rundweg verlief.

Über dem Eingang stand der Name des Hotels in verwitterten goldenen Buchstaben, denen die vielen harten Winter deutlich anzusehen waren. Eifelglück.

Ein hübscher Name, fand Tilla. Wenngleich der Anblick etwas Erdrückendes auf sie hatte. Denn bei näherem Hinsehen veränderte sich der Eindruck. Das eben noch so Idyllische wirkte nunmehr schmucklos und ein wenig abgewohnt. Dem Hotel war deutlich anzusehen, dass es die besten Zeiten lange hinter sich hatte. Das galt für den Wintergarten ebenso wie für die Einfahrt und die Außenfassade, von der an vielen Stellen der helle Tuff zwischen den Basaltblöcken herausbröckelte.

Etwas weiter vom See entfernt bemerkte sie einen kleinen Minigolfplatz, der in eine schier endlos große Wiese überging. Direkt neben dem Gebäude gab es einen großen Biergarten. Die Stühle auf der ebenerdigen Terrasse waren zusammengeklappt und fristeten an einem verwitterten Jägerzaun ein tristes Dasein. Über dem gesamten Terrassenbereich lag eine Schicht aus Staub und Dreck. Tilla sah, dass der Lack der Holztische großflächig abgeblättert war. Die vertrockneten Blätter der herumstehenden Buchen bildeten einen durchgehenden Laubteppich. Sonderlich einladend wirkte das alles nicht.

Am Wetter konnte es nicht liegen, dass die Terrasse mit traumhaftem Blick auf den See völlig verwaist war. Seit Wochen wurde es immer wärmer – selbst die für diese Jahreszeit typischen Regenperioden blieben aus. Tilla wusste nicht, ob das dem Klimawandel geschuldet war. Sie konnte den sommerlichen Temperaturen aber durchaus etwas abgewinnen.

Lediglich zwei Autos auf dem Parkplatz und die helle Qualmwolke, die stetig aus dem Schornstein quoll, zeugten davon, dass das Hotel noch bewirtschaftet wurde.

Lars trat neben sie. In der Hand trug er seinen lederbraunen Gitarrenkoffer und auf den Schultern einen olivgrünen Armeerucksack. »Hm, ich habe so das Gefühl, dass die noch zwei Zimmer für uns frei haben.«

Gemeinsam nahmen sie die vier Stufen, die zum Eingang des Hotels führten, und traten ein.

Lars’ Vorhersage bestätigte sich im Inneren, als sie vor der Rezeption standen und auf ein Schachtelregal aus dunklem Eichenholz blickten, an dem sich ein vergoldeter Schlüssel an den anderen reihte. Vierundzwanzig Zimmer zählte Tilla. Wie ein Adventskalender, schoss es ihr durch den Kopf. Wobei die 13 als einzige Nummer nicht existierte. Was nicht ungewöhnlich war – viele Hotels verzichteten aus Rücksicht auf abergläubische Gäste auf diese Zimmernummer.

Tillas Augen brauchten eine Weile, um sich an das schummrige Licht zu gewöhnen. Der Geruch von kalter Zigarettenasche und Frittierfett drang in ihre Nase.

»Was wollt ihr hier?«, raunte gleich darauf eine übellaunige Stimme. Der Stimme folgte ein älterer Mann mit dickem Bauch, der aus einem Nebenraum trat und mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen blieb. Er trug eine Kochschürze um die Taille, auf der sich undefinierbare Flecken abzeichneten.

»Wir brauchen Hilfe«, erwiderte Lars sofort.

»Ja, wir sind mit dem Wagen liegen geblieben. Vorne, an der Hauptstraße.« Tilla zeigte nach draußen – obwohl es weit und breit nur eine einzige Straße gab.

Der Mann, Tilla schätzte ihn auf Ende vierzig, strich sich mit Daumen und Zeigefinger über seinen angegrauten Vollbart. Er zählte zu dieser Sorte Mensch, dem man ansah, wenn er nachdachte.

»Eine Panne?«, fragte er, nicht mehr ganz so übellaunig.

Tilla und Lars nickten.

»Soll ich den Abschleppdienst rufen?«

»Danke.« Tilla winkte ab. »Das ist nicht nötig. Hilfe ist schon unterwegs.« Sie seufzte. »Jedoch wird sie erst morgen eintreffen. Besteht die Möglichkeit, dass wir hier übernachten können?« Sie warf einen Blick auf das volle Schlüsselregal.

Die dicken Backen des Mannes zogen sich nach oben, als er breit grinste. »Nun, das will ich meinen, ist ja schließlich ein Hotel.« Er trat aus der Türzarge und marschierte hinter die Rezeptionstheke. »Ein Doppelzimmer?«

»Nein!«, sagte Tilla.

»Gern«, Lars grinste breit.

Der Hotelier sah die beiden verdattert an.

Lars hob beschwichtigend die Arme. »Bloß ein Scherz.«

Tilla lächelte gequält. »Zwei Einzelzimmer, bitte.« Damit bloß kein Missverständnis aufkam, hob sie die Hand und streckte ihm Daumen und Zeigefinger entgegen.

Der Mann mit dem Vollbart grunzte. »Aber nebeneinander dürfen sie liegen?«

Tilla hob die Schultern. »Wenn dein Geschnarche nicht durch die Wände geht, soll es mir gleich sein.«

»Ich schnarche nicht«, stellte Lars klar. »Also, nicht sehr laut, meine ich. Ist eher so ein Schnurren. Wie bei einem Kater … mit Nebenhöhlenproblemen.«

Nun musste Tilla doch schmunzeln. Sie kannte diesen Elvis-Verschnitt noch nicht sehr lange, aber irgendwie hatte er etwas von Grund auf Sympathisches an sich.

»Allerdings spiele ich vor dem Einschlafen gerne Gitarre«, räumte Lars ein. »Falls das irgendwie stören sollte …«

Der Hotelier schnaufte auf. »Dann gebe ich dir ein Zimmer ganz abseits – bevor du mich damit störst.«

Tilla sah dem Hotelier dabei zu, wie er den Computer hochfuhr, etwas in ein Buch eintrug und zwei Zettel über die Theke reichte. »Bitte einmal ausfüllen. Name, Anschrift und Unterschrift reichen völlig. Und wo steht der Pannenwagen jetzt?«

»Na, draußen auf der Straße. Auf dem Seitenstreifen.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Da kann der aber nicht stehen bleiben. Sobald es dunkel wird, sieht man hier die Hand vor Augen nicht mehr. Das wäre gemeingefährlich, ihn dort zu lassen.«

Tilla sah dabei zu, wie Lars den Zettel ausfüllte und seine Unterschrift druntersetzte. Ihr fiel auf, dass er das Feld mit der Adresse leer gelassen hatte. Der Hotelier schien sich nicht daran zu stören, als er das Papier entgegennahm und kurz seinen Blick darüberfliegen ließ.

»Zimmer 3 und 14«, verkündete er. Dann wandte er sich ab, griff ins Schlüsselregal und händigte ihnen die Schlüssel aus, während er Lars grinsend ansah: »Du bekommst das Zimmer meiner verstorbenen Großmutter. Ich hoffe, es macht dir nichts aus.«

Lars zuckte mit den Schultern. »Solange sie nicht noch drinnen liegt.«

Der Hotelier lachte hart, während seine Hand an ihnen vorbeischnellte. »Treppe rauf, dann links. Einen Aufzug gibt es nicht.«

»Macht nichts«, entgegnete Tilla. »Wir reisen ohnehin mit leichtem Gepäck.«

»Umso besser. Frühstück gibt’s ab 7 Uhr, und wenn ihr wollt, könnt ihr hier gerne auch zu Abend essen. Die Küche öffnet um 19.00 Uhr. Auch wenn es nicht danach aussieht, haben wir einen recht gemütlichen Restaurantbereich mit guter deutscher Küche. Und Live-Musik gibt es auch.«

Tilla betrachtete die Kochschürze um seine Taille und hegte die Vermutung, dass der Hotelier gleichzeitig der Chefkoch des Hauses war.

»Perfekt«, begeisterte Lars sich. »Ich komme um vor Hunger. Was gibt es denn?«

»Die besten Eifler Spezialitäten. Alles, was der Gefrierschrank und die Fritteuse hergeben.« Er lachte, hörte aber sofort damit auf, als weder Tilla noch Lars einstiegen.

»Momentan stehen wir ohne Koch da«, erklärte er dann. »Bisher hat sich meine Oma um die Küche gekümmert. Aber sie ist vor Kurzem ins Altersheim gekommen. Ich konnte das mit der Pflege nicht mehr allein bewerkstelligen.«

Tillas Augen wurden groß. »So, in welches denn? Mit Altenheimen kenne ich mich zufällig aus.«

Der Hotelier winkte ab. »Ach, eines in Adenau.«

»Welches? Die Villa am Buttermarkt? Das Seniorenzentrum?«

»Sagte ich Adenau? Ich meinte Daun.«

»Das Seniorenheim Altersruh oder ist sie in der Baumheide

Die Augen des Hoteliers blitzten auf. »Baumheide. Genau!«

Tilla nickte. »Eine gute Wahl. Die verfolgen dort ein wirklich tolles Konzept.«

»Na dann.« Der Mann schüttelte den Kopf. »Hätte sie natürlich lieber hierbehalten. Aber sie ist halt schon alt. Da muss der Chef nun selbst ran, bis sich jemand Neues für die Küche gefunden hat. Wie heißt es doch so schön.« Er hob die Stimme an: »›Hier kocht der Chef noch selbst. Kommen Sie trotzdem.‹ Nicht wahr?«

Nun taten Tilla und Lars ihm den Gefallen und stimmten in sein Gelächter ein.

»Hinten in der Scheune steht mein Traktor. Wir können den Wagen gerne abschleppen und vor dem Hotel abstellen.«

Tillas Blick folgte seiner ausgestreckten Hand, die zum Fenster hinaus zeigte. Sie betrachtete die verwitterte Scheune, die unweit der Uferstraße einsam in der Landschaft stand. Nur ein schmaler Feldweg führte zu ihr, gerade mal breit genug für einen kleinen Traktor. »Ehrlich, das würden Sie tun?«

Der Mann zuckte mit den Achseln. »Klar doch, gehört quasi zum Hausservice.«

»Das wäre großartig, liebend gern!« Tilla fiel ein Stein vom Herzen. Der Gedanke, ihr Schätzchen einfach so am Straßenrand stehen zu lassen, war ihr zuwider. Viel lieber wusste sie den Wagen in ihrer Nähe.

»Vielen Dank, Herr …« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die der Mann ruckartig ergriff, um dann fest zuzudrücken.

»Bruno Hauzel. Nenn mich einfach Bruno. Das machen hier alle so.«

Kapitel 3

»Aber das Bier ist echt lecker.« Lars nahm einen großen Schluck von seinem frisch gezapften Pils, das in einem Tulpenglas serviert wurde. Es war bereits sein drittes Bier. Tilla hingegen begnügte sich mit Wasser. Sie trank zwar gerne Bier, aber ihr Magen musste bei der Verdauung des schweren Essens bereits Höchstleitungen erbringen – da wollte sie ihm nicht noch Alkohol zumuten. Während Lars sein Bier genoss, sah sie sich um. Die Atmosphäre des Speisesaals erinnerte sie an die Kleine Freiheit, Joos’ Lieblingskneipe in Elzbach, wo er sich mit seinen Kumpels allwöchentlich zum Doppelkopf traf. Das gleiche altmodisch-dunkle Interieur aus rustikalem Holz. Dazu die Lampen, die über den Tischen baumelten und mattes Licht verbreiteten. Typisches Kneipenlicht eben. Bloß war der Restaurantbereich ungleich größer.

Sofern es eines gab, so hielt sich auch hier niemand an das Rauchverbot. Munter wurden Zigaretten, Zigarren und Zigarillos gepafft, sodass die Luft im Restaurant zum Schneiden war. Der Rauch an sich störte Tilla nicht. Sie hasste es jedoch, wenn später ihre Klamotten nach Zigarettenqualm stanken. Und da sie keine Sachen zum Wechseln dabeihatte, war das ein echtes Ärgernis. Gut nur, dass sie ihren verwaschenen schwarzen Kapuzenpulli über dem einzigen Shirt trug, das sie noch in ihrem HY gefunden hatte. Über diesen Fund war sie äußerst dankbar, zumal es mit dem Untergehen der Sonne empfindlich kalt geworden war.

Auch wenn ihr das Essen schwer im Magen lag, war es gar nicht so schlecht gewesen wie befürchtet. Im Gegenteil! Sie hatte sich Mehlklöße mit Apfelmus und gerösteten Zwiebeln munden lassen. Speziell die Klöße waren richtiggehend lecker gewesen, auch wenn Bruno zugegeben hatte, dass sie nicht frisch zubereitet worden waren. Er hatte sie aufgetaut, nachdem seine Oma sie angefertigt und dann eingefroren hatte.

Lars hatte eine riesige Portion Schnitzel nach Wiener Art mit Pommes und Salat intus. Jetzt lehnte er mit dem Arm auf seinem Gitarrenkoffer und wirkte rundum zufrieden.

»Und du schleppst diese Gitarre wirklich überall hin mit?«

Er nickte. »Mein Baby lasse ich nicht aus den Augen. Sie ist mein Ein und Alles.«

Tilla war überrascht. Sie waren zwar die einzigen Übernachtungsgäste im Eifelglück, das Restaurant-Schrägstrich-Kneipe war jedoch ganz gut besucht. In einer Ecke saßen an einem großen Tisch rund ein Dutzend älterer Herren, die sich beim Kartenspielen lautstark unterhielten. Von Bruno wusste sie, dass es sich hier um den Stammtisch der Pleitegeier handelte, einer Schützenbruderschaft des Heiligen Sankt Sebastianus. Zudem waren noch einige ältere Pärchen und kleinere Grüppchen anwesend, die hier zu Abend aßen oder sich das Wochenendbier schmecken ließen. Musikalisch begleitet wurde die illustre Runde von einem Alleinunterhalter, wie Tilla ihn schon seit Jahrzehnten nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Sie war überzeugt gewesen, dass diese Spezies längst ausgestorben war. Der Mann hinter einem Keyboard-Turm konnte unmöglich viel älter sein als sie selbst. Er hatte langes, leicht gewelltes tonrotes Haar und einen Stoppelbart in gleicher Farbe. Um seinen Bauch hatte er eine weiße E-Gitarre gespannt. Gerade sorgte er mit seiner Intonation von Paloma Blanca für schunkelnde Stimmung bei den Gästen.

Das Kneipentreiben faszinierte Tilla. Anscheinend war das Eifelglück an Freitagabenden die erste Anlaufstelle für die älteren Herrschaften der umliegenden Dörfer, die sich nicht mit dem mauen Fernsehprogramm zufriedengeben wollten.

Als sie den letzten Bissen Mehlknödel heruntergeschlungen und mit einem Ächzen die Serviette auf den Teller geworfen hatte, lehnte sie sich nach hinten und beobachtete das Treiben. Lars klatschte und sang lauthals mit – und das richtig gut. Auf ihren fragenden Blick hin erklärte er: »Wir Musiker müssen zusammenhalten. Glaub mir, kein Geschäft ist härter als das des Alleinunterhalters. Und der Typ macht seine Sache gar nicht schlecht.«

So schienen es auch die anwesenden Gäste zu sehen. Von den Tischen wurde geschunkelt, geklatscht und mitgesungen.

Tilla betrachtete den Alleinunterhalter näher, dessen hochgewachsene, hagere Gestalt hinter drei übereinandergestapelten Keyboards aufragte. Dazu wurde er flankiert von zwei großen Boxen, aus denen künstliches Schlagzeug und synthetische Rhythmusklänge hallten, über die sich sein Gesang legte. Sie mochte seine nasale Stimme nicht. Zwar traf er jeden Ton, klang aber wie ein vor sich hin schnupfender Chorsänger im Stimmbruch.

Hinter ihm war ein schwarzes Plastikbanner gespannt, auf dem sein Name in magentafarbener Schrift stand: Johnny Röcher – Stimmung, Tanz und mehr.

Tilla wollte gar nicht erst wissen, was dieses mehr beinhaltete. Sie zuckte kurz zusammen, als sich Bruno an den Tisch gesellte. »Hat’s geschmeckt?«, fragte er, während er die Teller einsammelte.

»Und wie«, begeisterte sich Tilla. »Die Mehlknödel waren ein Gedicht.«

Brunos Blick verfing sich in seinen Gedanken. »Ja, die konnte Oma Greta wirklich gut. Schade, dass sie kein Rezept hinterlassen hat. Ich denke, dass mit dem Vorrat der eingefrorenen Knödel auch das für immer in Vergessenheit geraten wird. Na ja.«

»Ist ja richtig was los hier«, meinte Lars.

Bruno nickte. »Ja, freitags ist die Bude voll. Da trifft sich der Schützenclub der Pleitegeier.« Sein Blick fiel auf die Herrenrunde. »Aber an allen anderen Tagen …« Er seufzte. »Heutzutage ist es wirklich schwer, an Gäste zu kommen. Ihr seht ja selbst, wie viele Leute hier noch Urlaub machen. Obwohl wir kurz vor der Hauptsaison stehen, herrscht tote Hose.«

Tilla sah den Mann fragend an. »Was glauben Sie, woran das liegt?«

Er zuckte mit den Achseln. »Urlaub im eigenen Land ist eben nicht mehr angesagt. Die Leute wollen Fernreisen. Mit dem Flieger nach Malle oder in die Türkei.« Er lachte, wie er es die ganze Zeit über tat, doch sämtlicher Glanz fehlte in seinen Augen.

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