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Tigers & Devils – Schlaflos mit dir

SEAN KENNEDY

Tigers & Devils

SCHLAFLOS MIT DIR

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Michaela Link

Zu diesem Buch

Declan Tyler ist der gefeierte Star-Stürmer des Australien-Football-Teams Richmond Tigers. Die Fans liegen ihm zu Füßen und verehren ihn wie einen Helden – aber nur solange er ihren Erwartungen entspricht. Als Declan Simon Murray begegnet, wird dies auf eine harte Probe gestellt: Der Filmproduzent, der aus seiner Homosexualität noch nie ein Geheimnis gemacht hat, weckt Gefühle in Declan, die er unter keinen Umständen länger verdrängen will. Declan muss sich entscheiden zwischen der Karriere, die er liebt, und dem Mann, den er braucht …

Für meine Familie:

die, in die ich hineingeboren wurde,

und die, die ich auf dem Weg gefunden habe

ERSTES VIERTEL

1

Mitte Februar nimmt Melbourne einen anderen Geruch an. Dann startet die australische Football-Liga, und es riecht überall nach heißen Pommes frites und fettigen Sandwiches, sorgfältig gepflegtem Gras, brandneuen Lederbällen und Footballschuhen. Am Wochenende wird es in der Stadt lauter. Das Geschrei der jubelnden Menge weht vom Melbourne Cricket Ground herüber, und wenn der Wind genau richtig steht, kann man es in den Vororten bis hin nach Northcote oder Moonee Ponds hören.

Melbourne ist die Heimatstadt des australischen Football, sein Geburtsort. Beides lässt sich nicht voneinander trennen, selbst wenn inzwischen auch in anderen Staaten gespielt wird. Der MCG ist das Mekka des Footballs, und die Gläubigen versammeln sich dort, um die modernen Gladiatoren in einem wilden, aber wunderschönen Ballett kämpfen zu sehen.

Meine Gladiatoren sind die Richmond Tigers. Ich bin dem Verein mit elf beigetreten. Ich habe noch immer meine allererste Mitgliedskarte, sie ist noch aus Papier, nicht aus Plastik. Simon Murray, meinen Namen, habe ich in fast unleserlicher, kindlicher Schrift daraufgekritzelt. Mein Vater ist ziemlich früh zu der Erkenntnis gelangt, dass ich niemals – wie er und Mom – zu einem Essendon-Fan werden würde, und mir wurde auch die Schuld daran gegeben, als mein jüngerer Bruder Tim sich ebenfalls gegen Essendon wandte und die Flagge für Collingwood hisste.

»Es ist der Traum jeden Mannes«, erzählte Dad mir ab und zu, wenn die während des Spiels konsumierten Biere ihre Wirkung bei ihm zeigten, »dass seine Söhne sein Lieblingsteam unterstützen. Ihr beide habt diesen Traum zerstört.«

»Wenigstens bin ich nicht für Collingwood«, antwortete ich dann.

»Das ist ein schwacher Trost«, seufzte mein Vater, und er funkelte uns beide an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher richtete.

Mom sah es praktischer. Ihrer Meinung nach war es so: Je weniger Menschen Essendon unterstützten, umso weniger Menschen teilten sich mit ihr die Mannschaft.

Für Patrick Murray gab es keine größere Schande, als Collingwood-Fan zu sein. Die bittere Rivalität zwischen Collingwood und Essendon loderte auch zwischen Vater und jüngstem Sohn auf, wann immer die beiden Teams gegeneinander antraten.

Was mich betrifft, ich bin da etwas halbherziger. Mannschaftssiege sind wie Ebbe und Flut, sie kommen und gehen. Und wenn man Richmond-Fan ist, gibt es häufiger Ebbe, sodass man lernt, eine ziemlich stoische Haltung in Bezug auf das Ganze anzunehmen. Ich konnte den Spott meiner Familie während der Footballsaison mühelos mit Gelächter abtun, während ich beobachtete, wie sie sich verspannten, wann immer ihr eigenes Team eine Niederlage einstecken musste.

Es wurde leichter für uns alle, als die Brisbane Bears mit den Fitzroy Lions aus Melbourne zu den Brisbane Lions fusionierten und meine ganze Familie in Hass einten. In unseren Augen ging es dabei vor allem darum, das Team aus Brisbane in die AFL, die Australian Football League, zu bekommen; dafür wurde der Niedergang der Fitzroy Lions in Kauf genommen. Roger Dayton, mein bester Freund seit Kindheitstagen, war Mitglied von Fitzroy. An dem Tag, an dem die Fusion bekannt wurde, verbrannte er seine Mitgliedskarte. Ich erinnere mich daran, wie ernst wir mit unseren dreizehn Jahren waren, als wir in Rogers Garten einen Beerdigungsgottesdienst für das Team abhielten. Doch Roger hat sich nie überwinden können, seinen Schal zu verbrennen, und bis auf den heutigen Tag hängt er über seinem Bett, sehr zum Verdruss von Fran, seiner Ehefrau.

Roger hatte eine Weile gebraucht, um sich für ein anderes Team zu entscheiden, das er unterstützen wollte. Die Werte, die jedem Kind des Bundesstaates Victoria von Geburt an eingebläut wurden, machten den Wechsel eines Teams zu etwas, das mit mehr emotionalem Gepäck daherkam als die Beichte eines ganzen Sündenregisters. Ich versuchte ihn natürlich zu überreden, sich Richmond anzuschließen, und war ziemlich sauer, als Roger sich das Lachen nicht verkneifen konnte.

Am Ende wählte er Hawthorn. Wir gingen immer noch gemeinsam zu den Spielen, saßen Seite an Seite in freundschaftlicher Rivalität, Gelb und Schwarz neben gelb und Braun. Es gab immer Sticheleien, aber es wurde niemals hässlich zwischen uns. Das war es letztlich, was uns half, unsere Freundschaft zu bewahren, als ich ihm im Alter von neunzehn Jahren mein größtes Geheimnis offenbarte.

Es war unser zweites Jahr an der Uni. Roger ging mit Fran, wusste aber natürlich noch nicht, dass sie eines Tages seine Frau werden würde. Roger dachte niemals so weit voraus.

Es war auch für mich ein denkwürdiges Jahr. Es war das Jahr, in dem ich meinen ersten richtigen Freund hatte. Sein Name war Ian Bevvinson, also nannten ihn natürlich alle Bevvo. Ich fand ihn irrsinnig heiß, konnte aber kaum glauben, dass jemand, der Bevvo hieß, schwul war.

Zumindest dachte ich das bis zu dem Abend, als ich auf einer Uniparty war und Bevvo mich gegen die Wand drückte, mir seine Zunge tief in den Mund und die Hand in meine Hose steckte. Er hatte sich nicht mit Fragen in puncto Sexualität aufgehalten, und sobald er losgelegt hatte, zierte ich mich nicht, sondern reagierte genauso eifrig. Alkohol verstärkte das bisschen Mut, was ich besaß. Meine erste sexuelle Erfahrung mit einem anderen Jungen war hektisch und verwirrend und viel zu schnell vorüber. Als es vorbei war, hatte ich mich völlig verausgabt, und meine Knie gaben nach. Ich rutschte an der Wand hinunter und versuchte gleichzeitig, meine Hosen wieder hochzuziehen. Lachend setzte Bevvo sich zu mir auf den Boden und verriet mir endlich seinen Namen.

Ich war mir nicht sicher, was ich mit der Situation anfangen sollte. Ich wusste so wenig über die gesellschaftliche Etikette dieser Welt, die ich gerade betrat. Seltsamerweise galt mein erster Gedanke – sobald die Euphorie verebbt war – meinen Eltern und der Frage, was sie denken würden, wenn sie wüssten, dass ihr Sohn gerade im Flur eines Fremden einen geblasen bekommen hatte. Dieser Gedanke verflog, als Bevvo von Neuem begann, mich zu küssen. Als er seine vollen Lippen öffnete, schmeckte er nach Bier und … nach mir.

Also war es nur höflich, dass ich die Gefälligkeit erwiderte.

Wir gewöhnten es uns bald an, einander regelmäßig zu treffen. Und mich ermutigte die Tatsache, dass es nicht einfach um Sex ging, obwohl der großartig war, wann immer wir welchen hatten. Es war einfach so, dass ich mich extrem glücklich schätzen konnte, eine erste Beziehung zu jemandem zu haben, der das Gleiche wollte wie ich. Das hat mir geholfen, zu der Person zu werden, die ich heute bin – dass ich mich nicht mit dem Scheiß irgendwelcher Leute belaste. Sicher, manchmal muss man das tun, aber ich versuche wirklich, es zu lassen. Ich wusste, was ich wollte, und Bevvo wusste, was er wollte, und keiner von uns hätte irgendwelches Rumhuren oder die Allüren einer Dramaqueen bei dem anderen geduldet. Dieses stille Einverständnis führte dazu, dass Roger mich oft beschuldigte, zu wählerisch zu sein. Fran konterte dann meist, ich müsse mich ja nicht mit etwas Geringerem begnügen, nur weil sie es getan habe.

Wäre Fran nicht gewesen, hätte Roger länger gebraucht, um sich die Wahrheit über mich einzugestehen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich den Mut aufbrachte, es ihm zu sagen. Ich habe nicht wirklich gedacht, dass er es gegen mich verwenden würde. Wir waren schon zu lange Freunde, aber man hat im Hinterkopf immer diese Furcht.

Alkohol hilft außerdem dabei, Geheimnisse auszuplaudern. Und wenn man es dann schließlich ausspricht, klingt es immer irgendwie lahm. In den Filmen und in Büchern gibt es immer eine blumige Ansprache und lauter werdende Musik. Bei mir waren es die Klänge von Crowded House im Hintergrund, ein paar Bier zu viel und damit einhergehende Übelkeit – was mich dazu brachte, zu nuscheln: »Hey, Roger, nur damit du Bescheid weißt, ich mag Jungs.«

Und seine Reaktion?

»Mist, du bist in mich verliebt, nicht wahr?«

Ich denke, mein Gelächter darüber toppte sogar seine Geringschätzung bei dem Gedanken daran, Richmond-Fan zu werden.

Natürlich kränkte ihn das. Aber sobald er darüber hinweggekommen war, wurde er ein wenig still. Und zwei Wochen lang war es komisch zwischen uns, während er seine Wahrnehmung meiner Person korrigierte und überlegte, ob unsere Freundschaft jetzt wirklich irgendwie anders war, als sie es gerade eben noch gewesen war, bevor ich meinen dummen Mund aufgemacht hatte. Fran gab natürlich den Kommentar ab, dass sie jetzt einen Mann habe, mit dem sie einkaufen gehen könne. Aber ich war in dieser Hinsicht nutzlos, allerdings konnte ich nun mit ihr meiner ehemals geheimen Liebe zu Musicals frönen, wann immer eins in der Stadt lief.

Aber erste Lieben halten niemals ewig, also war die Sache mit Bevvo und mir dem Untergang geweiht, obwohl ich das damals nicht geglaubt hätte. Unser Zerwürfnis hatte keinen besonderen Grund, nur ein allmähliches Auseinanderdriften, das wahrscheinlich auch dadurch verstärkt wurde, dass wir beide zögerten, es unseren Eltern zu erzählen.

Sie werden sich wahrscheinlich fragen, warum all das wichtig ist. Ich versuche, Ihnen ein wenig Hintergrundinformationen über mich selbst zu geben, bevor wir zu dem kommen, was ich eigentlich erzählen will. Damit Sie wissen, warum ich die Dinge tat, die ich getan habe, oder warum ich auf bestimmte Weise reagiert habe. Ich will nicht andeuten, dass vor mir eine große, geheime Tragödie lag, das nicht. Aber erlauben Sie, dass ich die nächsten Jahre kurz Revue passieren lasse.

Ich hatte mein Outing meinen Eltern gegenüber ungefähr ein Jahr nach meiner Trennung von Bevvo. Meine Eltern haben unterschiedlich reagiert, keiner von ihnen allzu schlimm. Ich hatte ziemliches Glück. Sie umschiffen das Thema bisweilen immer noch, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Mein Bruder Tim hat es gut aufgenommen; er hatte ohnehin immer gedacht, dass ich ein kleiner Freak sei, und ich hatte es damit für ihn nur bestätigt. Er meinte, einen Schwulen zum Bruder zu haben mache ihn für einige Mädchen, an denen er interessiert sei, noch cooler. Ich will lieber nicht wissen, ob er diese Tatsache bei ihnen ausgespielt hat, um sie ins Bett zu kriegen und seine eigene Sexualität zu »beweisen«. Die beste Anmache aller Zeiten.

Roger und ich gingen weiter gemeinsam zu den Spielen unserer Mannschaften und trafen uns immer noch am Wochenende, um die Übertragungen der Spiele im Fernsehen zu sehen. Aber statt uns wie früher auf die Schulter zu hauen, wie Männer es eben machen, oder uns spontan zu umarmen, hielten wir uns fürs Erste zurück.

Um die Wahrheit zu sagen, ich denke, ich verströmte von uns beiden die größere Reserviertheit, als wäre ich verzweifelt darauf erpicht, Roger zu zeigen, dass ich mich nicht zu ihm hingezogen fühlte, indem ich die Hände von ihm ließ. Es ist komisch, wie ein Coming-out einen dazu bringt, sich selbst auf andere, neue Weise zu unterdrücken. Als ich ihn in einem Anfall von trunkenem Selbstmitleid endlich danach gefragt habe, war ich überrascht zu hören, dass er meine kühle Ablehnung gespürt und entsprechend darauf reagiert hatte.

Also brauchten wir eine Weile, um wieder die Alten zu werden. Ich könnte auch heute nicht sagen, wann es begann, besser zu werden. Es verlief alles ganz allmählich und in Babyschritten.

Aber es ist klar, dass der beste Freund das Stadium der Überakzeptanz erreicht hat, wenn er versucht, einen mit anderen schwulen Jungs zu verkuppeln, die er kennengelernt hat – ganz gleich, wie unpassend die für einen sind.

Nachdem ich meinen Bachelor of Arts gemacht hatte, gab ich schnell mein ursprüngliches Vorhaben auf, das bedeutendste australische Drehbuch zu schreiben, das die ganze Filmindustrie revolutionieren würde. Stattdessen wurde ich bald realistisch und nahm am Ende einen Job bei einem der diversen Filmfestivals von Melbourne an. Natürlich mit der löblichen Absicht, nebenbei zu schreiben. Bisher habe ich zwanzig Seiten fertiggestellt, aber ich hatte mehr Erfolg mit der Veröffentlichung von Filmkritiken und theoretischen Essays. Doch man darf ja noch träumen.

Durch Glück und günstige Umstände wurde ich nach einigen Jahren schließlich der Manager des Triple F Filmfestivals. Es ist kein riesiges Festival, es laufen vor allem Filme der Independent-Szene (und wenn ich independent sage, meine ich wirklich independent: Um manche dieser Filme durchzustehen, muss man Nerven aus Stahl haben). Aber es ist erstaunlich, wie viel Arbeit man das ganze Jahr über hat, nur um im Oktober ein zweiwöchiges Festival zu organisieren. Roger sagt, ich könne mich glücklich schätzen, dass es in diesen Zeitraum fällt, sonst würde es meine Freude an den letzten AFL-Matches ernsthaft schmälern und damit auch seine eigene Freude beeinträchtigen.

Also waren wir alle irgendwie angekommen. Roger und Fran hatten sich häuslich niedergelassen. Die Fotos von der Hochzeit und all der ganze Kram waren Beweis dafür. Sie beschlossen, ich sei ein hoffnungsloser Fall und würde ewig Single bleiben, obwohl es nicht wirklich meine eigene Schuld war. Gut, ich gebe zu: Es war meine eigene Schuld. Ich versuchte, mir einzureden, dass ich mit der Arbeit zu beschäftigt wäre, um ein Liebesleben zu haben. Doch tief im Inneren hatte ich ehrlich gesagt ein wenig Angst. Roger meinte, ich sei ein gutes Stück auf dem Weg dahin, der exzentrische Junggesellen-Onkel zu werden, den alle Kids cool finden, nur um als Teenager dann zu entdecken, dass ich tatsächlich ein wenig jämmerlich war.

Mein Freund Roger weiß eben, wie man die Dinge in die richtige Perspektive rückt.

Aber ich war glücklich. Oder zumindest sagte ich mir, dass ich glücklich wäre. Und ich war wahrscheinlich wirklich gut darin, mir selbst etwas vorzumachen, trotz der gelegentlichen Stiche der Eifersucht, die ich verspürte, wenn ich diesen Blick zwischen Roger und Fran sah – diesen Blick eben. Ich wollte, dass mich auch jemand auf diese Weise ansah, und ich wollte ihn auf diese Weise ansehen. Aber ich tat den Gedanken ab und begrub ihn tief, tief in mir. Am besten wird man mit solchen Sachen fertig, indem man sie unterdrückt, das war mein Motto.

Wahrscheinlich wäre es so weitergegangen, wäre da nicht dieser eine Abend gewesen und eine Party, zu der ich nicht hingehen wollte, die zu besuchen Roger und Fran mich jedoch zwangen.

Und hier tritt Declan Tyler auf den Plan.

2

»Du kommst mit, ob es dir gefällt oder nicht«, befahl Roger.

Ich ignorierte ihn und tat so, als wühlte ich in meiner Umhängetasche, auf der Suche nach irgendwelchen wichtigen Dokumenten, die überhaupt nicht existierten.

»Ich weiß, dass du mich verstanden hast«, sagte Roger genervt.

»Natürlich hat er das.«

Ohne aufzuschauen wusste ich, dass Fran wieder hereingekommen war. Wir befanden uns gegenwärtig in ihrem Wohnzimmer, nachdem wir gerade zu Abend gegessen hatten. Ich war nach der Arbeit nur kurz zu Hause vorbeigefahren, um die Katze zu füttern und gründlich dafür zerkratzt zu werden, dass ich es wagte, sie wieder allein zu lassen. Geistesabwesend rieb ich über eine der Wunden an meinem Arm, wodurch sie aufriss und ein winziges Rinnsal Blut hinaussickerte.

»Eklig«, stellte Roger das Offensichtliche fest.

Fran zwängte sich zwischen uns, die nächste Flasche Wein in den Händen. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass wir die erste geleert hatten, und wusste, dass das nächste Glas mein letztes sein müsste, wenn ich noch selbst nach Hause fahren wollte. Ich hatte keine Lust, ein Taxi zu nehmen und dann am nächsten Morgen meinen Wagen hier abholen zu müssen. Denn wenn ich einfach die Nacht hier schliefe, würde ich wirklich auf der Schwarzen Liste der Katze landen.

»Ich will auch nicht hin«, erklärte Fran mir. »Aber was soll man machen?«

»Ich bin nicht derjenige, der mit Roger schläft«, stellte ich fest. »Ich bin nicht verpflichtet, seine Forderungen zu erfüllen.«

»Ich auch nicht, obwohl ich mit ihm schlafe«, konterte Fran und kicherte.

»Hey!«, protestierte Roger. »Ich bin anwesend.«

Wie gesagt, wir gingen schon lange wieder normal miteinander um, jedenfalls so, dass die gelegentliche Erwähnung, dass wir zwei zusammen schlafen könnten, ihn nicht mehr reagieren ließ wie ein Vampir, der die Vorhänge eine Stunde zu früh aufgezogen hat.

»Schenk den Wein ein, Schatz.« Fran fläzte sich wieder aufs Sofa und legte die Füße auf den Tisch.

Sowohl Roger als auch ich griffen gleichzeitig nach der Flasche.

»Sie meinte mich, Simon«, sagte Roger halb im Spaß.

»Nein, meinte ich nicht«, erklärte Fran, deren Grinsen etwas anderes sagte.

»Ich bin souverän genug, um nachzugeben.« Ich hob in gespielter Kapitulation die Hände.

Roger seufzte, und ich wusste, dass er zum millionsten Mal dachte, dass es keinen Spaß machte, wenn wir uns gegen ihn zusammentaten. Er reichte uns unsere Gläser, und ein friedliches Gefühl machte sich in mir breit, das Roger zerstörte, als er murmelte: »Du kommst mit und keine Widerrede.«

»Ich kenne diese Leute nicht einmal.«

»Das ist der Sinn einer Party. Neue Leute kennenzulernen.«

»Ich will keine neuen Leute kennenlernen. Ich lerne jeden Tag genug Leute bei der Arbeit kennen.« Das war durchaus wahr, und es waren wirklich mehr als genug.

»Es könnten ein paar süße Jungs dabei sein«, lockte Roger.

Ich sah Fran an. »Hat er gerade süße Jungs gesagt?«

Fran zog eine Augenbraue hoch, ein Trick, den ich auch gern beherrschen würde. »Es überrascht mich genauso sehr wie dich. Ich habe anscheinend ein vierzehnjähriges Mädchen geheiratet.«

»Sei still.« Roger schmollte. »Du könntest mir auch ein wenig helfen, ihn zu überzeugen, dass er mitkommt.«

»Oh, er kommt mit.« Fran wandte sich mir zu, und ich konnte das Glitzern in ihren Augen sehen, das einem klipp und klar sagte, dass man ihr besser nicht in die Quere kam. »Er weiß, was er zu tun hat.«

Und das stimmte. Ich konnte Roger widersprechen, aber Fran konnten wir beide nicht das Wasser reichen.

»Also …«, sagte Roger schließlich, während Fran einen Schluck trank. »Freitag. Sei um acht Uhr hier. Wir sollten vielleicht nicht unbedingt als Erste ankommen.«

Fran und ich sahen einander an, außerstande, ein Gackern zu unterdrücken.

»Was ist?«, fragte Roger.

Ich schob ihm mein leeres Glas hin. »Noch eins für unterwegs, Miss Gutes Benehmen.«

»Wessen Party ist das überhaupt?«, brummte ich und wickelte mir meinen Schal fester um den Hals, um mich vor den winterlichen Winden zu schützen, von denen immer behauptet wurde, sie kämen direkt aus der Antarktis zu uns. Ich betrachtete den Zaun des Melbourner Friedhofs, während wir daran entlanggingen. Und um die Wahrheit zu sagen, ich hätte den Abend lieber dort verbracht, als zu einer Party zu gehen, auf der ich nur die beiden kennen würde, die ich gerade an meiner Seite hatte.

»Ich weiß nicht«, antwortete Fran und kuschelte sich wärmesuchend enger an Roger. »Roger kennt sie.«

»Ich dachte, du würdest sie kennen«, meinte Roger.

Ich stöhnte. »Ihr zwei verarscht mich doch. Sind wir nicht ein wenig zu alt, um uneingeladen eine Party zu stürmen?«

»Wir stürmen sie nicht«, widersprach Fran. »Es ist irgendjemandes Verlobungsparty. So viel weiß ich.«

»Ich dachte, es sei eine Party zum dreißigsten Geburtstag«, murmelte Roger.

»Klasse, einfach klasse«, sagte ich noch leiser, aber so, dass sie es trotzdem unausweichlich hören mussten. »Gibt es überhaupt eine Party?«

»Sei nicht so ein Sauertopf«, warnte Fran mich. »Wir retten dich vor einem Abend zu Hause, an dem du dir sämtliche Folgen von Akte X zum zwanzigsten Mal ansehen würdest.«

»Oder auf Twitter irgendwelchen Kids erzählst, dass sie richtig schreiben müssen«, lachte Roger.

Ich hätte ihnen beiden den Finger gezeigt, wenn meine Hand nicht in meiner Tasche gesteckt hätte und es nicht zu kalt gewesen wäre, sie herauszunehmen.

»Das klingt alles viel besser, als zu einer Party zu gehen, von der wir anscheinend nicht einmal wissen, aus welchem Anlass sie gefeiert wird.«

Roger und Fran ignorierten mich, und die einzigen Geräusche auf der Straße kamen von unseren Schuhen, die über den Asphalt schabten, und den klirrenden Bierflaschen in der Plastiktüte, die Roger trug. Allmählich konnten wir aus einiger Entfernung Musik hören, die uns leitete wie eine Heulboje im Meer.

»Okay, Folgendes ist der Plan«, sagte Roger, »wenn es todlangweilig ist, schleichen wir uns nach genau einer Stunde dort weg.«

Das klang für mich nach einem guten Plan. Ich stimmte ihm zufrieden zu. Meine Uhr stellte ich ein wenig vor, weil ich es nicht erwarten konnte, die Sache abzubrechen.

»Sieh dir Simon an, das ist das erste Mal heute Abend, dass er gelächelt hat.« Fran seufzte, während sie die Stoppuhr an ihrem Handy stellte.

»Ich kann es nicht ändern, wenn ihr die beiden Einzigen seid, mit denen ich mich gern auf regelmäßiger Basis treffe. Oder vielleicht, dass ihr die beiden Einzigen seid, die sich mit mir abgeben.«

»Oh, buhu«, machte Fran herablassend. »Versuch, dich auf dieser Party ein wenig charmant zu geben, dann wird diesmal vielleicht sogar irgendjemand anders mit dir reden.«

Charme ist nicht so sehr mein Ding. Ich bin so ein Blödmann, der garantiert irgendjemanden mit einem Drink durchnässt oder unbeabsichtigt den Partner der Gastgeberin beleidigt. Dann wird es Zeit für eine schnelle Flucht und eine Erneuerung des Gelübdes, nie wieder auszugehen. Natürlich nur bis zum nächsten Mal, wenn Fran und Roger vergessen, was immer ich an grässlichen gesellschaftlichen Verbrechen begangen habe, und mich zwingen, erneut das Haus zu verlassen.

Wir blieben vor der Tür stehen. So wie es klang, war die Party in vollem Gange. »Klopfen wir an?«, fragte Fran. »Sie würden uns nicht hören«, meinte ich.

»Klingeln?«, schlug Roger vor.

Ich seufzte und ergriff die Initiative. Die Tür war unverschlossen, sodass ich sie einfach aufdrücken konnte.

»Tretet ein«, sagte ich zu meinen Freunden.

Sie folgten meinem Beispiel. Im Flur wickelten wir unsere Schals ab, schlüpften aus unseren Jacken und warfen sie auf das Bett, das wir von unserem Standort aus sehen konnten. Es diente offensichtlich als Kleiderständer für den Abend.

Fran und Roger hatten mich nach Strich und Faden belogen. Sie fanden sofort Leute, die sie zwar kannten, ich aber nur oberflächlich. Soweit ich mich erinnern konnte, hatten wir, als wir einmal einen Abend zusammen verbrachten, bis zum Schluss kein Interesse aneinander entwickelt. Ich tigerte nervös durchs Wohnzimmer, wo die meisten Leute herumhingen. Dann entdeckte ich die erste Person, die mir tatsächlich bekannt war – Jasper Brunswick. Er hatte vor zwei Jahren für Triple F gearbeitet und war eine unglaubliche Nervensäge. Ich war damals noch nicht der Manager gewesen, hatte mich aber gerade dafür weitergebildet. Jasper war einer dieser Besserwisser, die immer etwas zu meckern haben, aber nie einen Finger krummmachen wollen. Unser Verhältnis verschlechterte sich drastisch, als er eines Nachts betrunken versucht hatte, mich zu verführen. Ohne zu überlegen hatte ich unbedacht rausgehauen: »Nie und nimmer!«

Das hatte einen kalten Krieg zwischen uns in Gang gesetzt, der sich noch verschärft hatte, als ich einige Verwaltungsarbeiten erledigen musste und herausfand, dass er gar nicht Jasper Brunswick hieß, sondern Jon Brown. Alles klar?

Er saß mitten im Wohnzimmer auf einem roten Sofa, das schon bessere Tage gesehen hatte. Im Moment zog er alle um sich herum in seinen Bann und unterhielt sie mit Geschichten über sich selbst und verschiedene Berühmtheiten, mit denen er mal ein Schwätzchen gehalten hatte. Jasper hatte sich jüngst einen Namen mit einer Klatschkolumne für die lokale Schwulenpostille gemacht. Sein Ego hatte sich gewiss hübsch entwickelt seit meiner letzten Begegnung mit ihm.

Ich verzog mich sofort in die dunkelste Ecke, und dann sah ich zu, dass ich in die Küche kam. Ich brauchte jetzt unbedingt ein Bier und musste herausfinden, wo Roger es hingestellt hatte. Auf dem Weg dorthin schaute ich auf die Armbanduhr. Wir waren erst seit neunzig Sekunden hier, und ich war bereits jetzt drauf und dran, auszubüchsen. Das war wohl Rekord, selbst für mich.

Und tatsächlich, Roger war in der Küche. Überall, wo es etwas zu essen und Bier gibt, findet man ihn mit ziemlicher Sicherheit.

»Roger«, zischte ich. »Bier. Sofort!«

Er grinste mich aufreizend an. »Hast du gesehen, dass dein bester Kumpel im Wohnzimmer ist?«

»Was glaubst du, warum ich so dringend ein Bier brauche?«

Er erbarmte sich meiner und reichte mir eine Flasche. Grimmig drehte ich den Verschluss auf und kippte in einem Zug die Hälfte des Biers herunter.

»Mäßige dich«, warnte Roger.

»Wir bleiben nur eine Stunde, oder?«, flehte ich.

Aber es sah so aus, als hätte ich diese Schlacht vielleicht verloren. Roger machte ein Gesicht, als ob er sich am liebsten hier niederlassen wollte, und Fran lehnte entspannt an der Wand. Sie sprühte förmlich, während sie mit einer Frau plauderte, die mich auf einer von Frans Betriebsfeiern einen Kommunisten genannt hatte.

Ich überlegte schon, ob ich genug Geld für ein Taxi in der Brieftasche hatte, sollte sich die Notwendigkeit ergeben, aber das Bier wirkte fast sofort. Ich bin ein echter Brausetrinker und brauche nur anderthalb Gläser, um in Schwung zu kommen. In Wahrheit konnte mich jeder Halbstarke unter den Tisch trinken.

»Vielleicht solltest du mit ihm schlafen«, sagte Roger aus heiterem Himmel, als hätte er die vergangenen vier Minuten darüber nachgegrübelt.

Mein Prusten hätte die meisten Komiker beschämt. »Bist du high?«

Er kicherte, als hätte er bereits ein Sixpack intus, das gerade seine Wirkung zeigte. »Nein, ernsthaft, vielleicht solltest du dich einfach flachlegen lassen.«

»Weiß deine Frau, dass du so redest?« Ich machte meinem Bier den Garaus und beschloss, das zweite langsamer zu trinken. Ich bedeutete Roger, mir ein weiteres zu reichen.

»Wenn Single du bist«, ahmte Roger Yoda nach, der Luke einen Rat gab, »bumse, wenn kannst du. Wenn verheiratet du bist, Liebe du machst.«

»Oh, eins der magischen Geschenke, die Menschen gemacht werden, die tatsächlich heiraten können«, gab ich zurück, da ich nicht der Typ war, der sich jemals eine Gelegenheit entgehen ließ, auf einer Bananenschale auszurutschen.

»Nun, wenn es nach mir ginge, dürftest du«, sagte Roger und legte mir lässig einen Arm über die Schultern. »Allerdings müsstest du erst mal jemanden finden.«

Schnaubend öffnete ich mein Bier. »Es wird mit Bestimmtheit nicht Jasper Brunswick sein, so viel steht fest.«

Roger schaute an mir vorbei, um den eingebildeten Mr Brunswick zu betrachten, der sich, umgeben von seiner kleinen Jüngerschar, auf der Couch produzierte. Diese Leute saßen vor ihm und zogen sich an irgendeiner noch so fadenscheinigen Verbindung zur Prominenz hoch. »Ja, Jon Brown würde ich niemandem wünschen.«

»Sei still«, zischte ich. »Sonst hört er dich!« Das Letzte, was ich brauchte, war ein Jasper Brunswick, der mich die ganze Party lang auf dem Kieker hatte, weil er mitbekam, dass jemand seinen wahren Namen kannte.

»Glaubst du, dass er dir erscheint und die Kehle aufschlitzt, wenn du es dreimal vor einem Spiegel sagst?« Roger amüsierte sich an diesem Abend offensichtlich königlich über sich selbst.

»Redet ihr von Jon Brown?«

Es war Fran, die plötzlich hinter uns auftauchte und wie gewöhnlich über alles auf dem Laufenden war, obwohl sie gar nicht mitgeredet hatte.

»Fran«, protestierte ich schwach.

Sie nahm Roger sein Bier weg und trank es aus. »Ja, bitte, Babe, ich hätte liebend gern einen Drink.« Als Roger pflichtschuldig davontrabte, um ihr einen zu holen, beugte sie sich neckend zu mir vor und murmelte: »Jon Brown, Jon Brown, Jon Brown.«

»Simon Murray.«

Ich entnahm Frans Gesichtsausdruck, dass es Jasper Brunswick war, der meinen Namen gesagt hatte. Er musste genau hinter mir stehen. »Dreimal, und er erscheint! Pass auf deinen Hals auf.« Sie grinste boshaft und schlich sich davon, um sich auf die Suche nach ihrem Mann zu machen.

Ich holte tief Luft, um mich zu beruhigen, und drehte mich zu ihm um. »Jasper Brunswick.«

Sein Gesicht war gerötet, und seine Pupillen waren erweitert von was immer er an Drogen entweder vor oder während der Party konsumiert hatte. Er sah mich lüstern an, und ich fühlte mich unbehaglich unter seinem Blick. »Ist eine ganze Weile her, Simon.«

»Wirklich?« Mir war es viel zu kurz erschienen.

»Wohlgemerkt, ich habe mich, seit ich Triple F verlassen habe, ziemlich gut geschlagen, würde ich sagen.«

Der volle Name von Triple F lautete Furtive Film Festival, aber ich fand ihn ein wenig zu nichtssagend und schrecklich ernsthaft und hatte ihn verändert, sobald ich das Sagen bekam. Außerdem sorgte der neue Name dafür, dass das Logo weniger überfüllt wirkte. »Aha, was machst du denn?«, fragte ich unschuldig.

»Stell dich nicht dumm«, entgegnete Jasper Brunswick und kniff die Augen zusammen, während er eine treffende Beleidigung zu formulieren versuchte. »Obwohl es eine deiner liebenswertesten Eigenschaften ist. Ich bin mir sicher, du hast meine Kolumne gesehen.«

»Kolumne?« Glücklicherweise kam in diesem Moment Roger vorbei und drückte mir verstohlen ein weiteres Bier in die Hand. Drei in ungefähr fünfzehn Minuten. Nicht mehr lange, dann konnten sie mich vom Fußboden auflesen.

»In der Reach Out

»Die lese ich nicht.«

»Es fällt mir schwer, das zu glauben, Simon.«

»Ja, nun, es ist Arbeit genug, mit den Publikationen auf dem Laufenden zu bleiben, die ich für die Arbeit lesen muss.«

»Darf ich dir einen Rat geben?«

Oh, das wurde immer besser. Ich blieb still.

Jasper Brunswick beugte sich zu mir vor und legte mir die Hand auf den Arm. Ich konnte spüren, wie sie mir die Haut versengte und ein untilgbares Mal des Teufels einbrannte. »Du solltest dich vielleicht weiterhin mit der Lokalpresse gut stellen. Vor allem, wenn du willst, dass über dein kleines Festival berichtet wird.«

»Wir haben bereits jede Menge Berichterstattung«, erklärte ich entschieden, öffnete mein Bier und schüttelte dabei seine Hand von meinem Arm ab. »Wir haben letztes Jahr sogar einen vierseitigen Artikel in der Reach Out bekommen.«

»Meine Kolumne könnte darüber hinaus eine Menge zur Verbreitung von Nachrichten über das Festival beitragen«, meinte er. Sein Atem war heiß und stinkend. »Einige Bilder der berühmten Gäste und des Direktors des Festivals. Eine solche Publicity kann man nicht kaufen.«

Ich zuckte zusammen. »Ich bin mir sicher, dir würde ein Preis dafür einfallen.«

Er stockte kurz und verschränkte die Arme vor der Brust. »So zynisch wie eh und je, wie? Es überrascht mich, dass du dort hingekommen bist, wo du jetzt bist. Keinerlei Sozialkompetenz, das ist dein Problem.«

»Ich bin sozial kompetent«, konterte ich. »Nur entsprechen meine Fähigkeiten nicht denen, mit denen du dorthin gekommen bist, wo du bist.«

Er wurde noch röter im Gesicht. Ich hatte keine Ahnung, ob er sich nach oben geschlafen hatte, und vermutlich klang es so, als wollte ich das andeuten, aber um die Wahrheit zu sagen, ich sprach mehr von seiner hinterhältigen Schleimigkeit und Arschkriecherei.

Und zu meiner Erleichterung drehte Jasper Brunswick sich auf dem Absatz um und stolzierte zurück ins Wohnzimmer, wo er zweifellos Leute finden würde, die ihm zu Füßen lagen und so sein Überlegenheitsgefühl wiederherstellen würden.

Roger und Fran kamen aus ihrem Versteck in der Speisekammer. »Wie sieht’s aus, ist er weg?«, fragte Roger und sah sich um, als hätte der fragliche Mann die Fähigkeiten eines Chamäleons, als sei er an der Wand hinter uns mit den Fliesen aus den Siebzigern verschmolzen.

»Er ist weg. Danke für die Unterstützung«, sagte ich trocken.

»Ich habe dir noch ein Bier besorgt, oder etwa nicht?«, fragte Roger gekränkt, als sei das gleichbedeutend mit dem Zücken seines Schwertes, wenn wir Seit an Seit in einer Schlacht standen.

Fran, die meine Gedanken las, schaltete sich ein: »Das war doch Lancelots Hauptaufgabe, wenn er auf dem Schlachtfeld an Artus’ Seite stand, nicht wahr?«

»Nein«, erwiderte ich, »Lancelots Rolle bestand darin, Artus’ Frau zu bumsen, wenn der ihm den Rücken zukehrte. Apropos, da wir gerade von unangemessenen Liebeleien reden, hast du gewusst, dass Roger versucht hat, mich dazu zu bringen, mit diesem Mistkerl zu schlafen?«

»Mit Lancelot?«, fragte Fran.

»Sehr witzig.«

»Ich habe mich sofort entschuldigt«, murmelte Roger.

Fran tätschelte ihm liebevoll den Rücken. »Idiot. Bitte versuch doch, bessere Eroberungen für deine Kumpel zu finden.«

»Ich bin nicht auf der Suche nach einer Eroberung«, stellte ich fest und führte sie in den Garten hinaus, wo in einem alten Ölfass ein kleines Feuer brannte.

»Nach meinen letzten Informationen hast du nach gar nichts gesucht«, meinte Fran achselzuckend.

»Ist das ein Verbrechen?«

»Normal ist das nicht.«

»Und was ist normal? Ihr zwei?«

»Halt den Mund«, sagte Fran ruhig.

»Du liebst uns.« Roger wurde immer rührselig, wenn er betrunken war.

Ich brabbelte etwas Unzusammenhängendes in Richtung meiner Füße, das sie als Eingeständnis erwiderter Liebe interpretieren konnten, ohne genau zu wissen, was ich gesagt hatte.

Fran umarmte mich und stieß mich dann von sich. »Jetzt geh. Ich will mit meinem Mann rummachen.«

Ich war nicht gekränkt, sondern lachte und zog davon, um eine Ecke zu finden, in der ich mich verstecken konnte.

Das Glück war mir hold in Gestalt einer Hollywoodschaukel in einem dunklen Winkel, auf der sich noch kein Paar zum Knutschen niedergelassen hatte. Ich machte es mir darauf bequem und stieß mich langsam ab, während ich genüsslich mein Bier trank.

Rechts von mir war eine lebhafte Unterhaltung im Gange. Es war nicht so, dass ich lauschte. Ich wünschte, ich hätte gewusst, wer sie waren, denn ich hatte diese ganze Geschichte in Wahrheit ihnen zu verdanken. Nun, es sei denn, man will Fran und Roger Pluspunkte zugestehen, weil sie mich überhaupt zu dieser Party geschleppt hatten. Aber ich greife mir selbst voraus. Wieder einmal. Ich könnte genauso gut den ganzen Weg zurückgehen und meinen Eltern dafür danken, dass sie vor fast achtundzwanzig Jahren zu später Stunde in einer kalten Winternacht heftig geschmust hatten.

»Die Devils werden wieder ein beschissenes Jahr haben, das sage ich euch.«

Die Stimmen waren ein verschwommenes Wirrwarr. Ich konnte gerade noch heraushören, ob eine Frau oder ein Mann sprach.

»Nein, die berappeln sich jetzt langsam wieder.«

»Das hast du letztes Jahr auch gesagt. Auf keinen Fall kommen sie unter die ersten acht.«

»Ja, null Chance aufs Finale. Sie sind hinüber.«

»Man hätte den Zusammenschluss nie erlauben dürfen.«

Das war die größte Kontroverse in der jüngsten Geschichte der AFL gewesen. Der Verband wollte eine landesweite Liga haben. (Obwohl man bequemerweise das Northern Territory nicht einbezog, aber wie mein Vater gern argumentierte, es war halt ein Territorium, kein Bundesstaat. Meine Reaktion: »Es ist ein verdammt großes Stück Land oben an der Spitze von Australien, mit Menschen, die dort leben! Auch sie verdienen ein Team!«) Deshalb gründete die AFL ein tasmanisches Team. Aber um die Anzahl der Teams nicht zu erhöhen, musste ein Team aus Victoria geopfert werden – man fusionierte es mit dem neuen tasmanischen Team. (Roger: »Genau wie damals mit Fitzroy, verdammt!«) Wir hatten den Melbourne Demons Lebewohl sagen müssen, die nach Süden und über die Bass-Straße zogen und dort als Tasmanian Devils weitermachten.

Ich weiß noch, dass ich damals furchtbare Angst hatte, es könne Richmond treffen und sie würden zu Tasmanischen Tigern, benannt nach der angeblich berühmtesten ausgestorbenen Tierart der Welt. Doch Richmond ist damals davongekommen.

Also waren die Devils in Victoria ebenso unbeliebt wie vor ihnen die Brisbane Lions, denn beide hatten die Todsünde begangen, uns eins unserer Teams wegzunehmen. Von Anfang an hatten die Devils immerzu Probleme gehabt: In ihrer allerersten Saison waren zwei ihrer wichtigsten Spieler verletzt gewesen, und obwohl sich einer von ihnen, Declan Tyler, erholt hatte, schien er seither von Verletzungen geplagt zu sein. Es war ein Lieblingsthema auf beiden Seiten der Bass-Straße. Wir dachten, es wäre ein Akt der Götter, die uns damit demonstrierten, dass das Hinüberwechseln niemals hätte passieren dürfen. Die Tasmanen hingegen beklagten die Tatsache, dass einer der besten Spieler in der Liga nichts anderes für sie tat, als auf der Bank zu sitzen und gelegentlich aufs Feld zu laufen, um sich erneut verletzen zu lassen.

Ich wusste, dass Tyler früher oder später zur Sprache kommen würde, und das ging ziemlich schnell.

»Sie haben uns Tyler weggenommen, und seht euch an, was sie ihm angetan haben.«

»Ich glaube nicht, dass es ihre Schuld war.«

»Bist du ein Devils-Fan?«

Geringschätziges Aufheulen wehte zu mir herüber.

»Nein, bin ich nicht! Ich glaube einfach nicht, dass sie jemanden wie Tyler nehmen und ihn dann absichtlich verletzen, damit sie ihn überhaupt nicht einsetzen können.«

»Sie sollten irgendetwas mit ihm machen. Er sitzt nur auf dieser Bank und staubt ein. Und wird fett.«

»Wird er nicht. Er ist ein heißer Typ.«

Tatsächlich war er das. Aber das war nicht wichtig.

»Typisch Frau, verdammt. Ihr seht euch das Spiel doch nur an, um die Jungs in ihren Shorts anzugaffen.«

Angesichts einer solchen Beschuldigung folgte weiterer wilder Protest. Ich seufzte ebenfalls. Frauen und Schwulen wurde kaum jemals zugestanden, sich für das Spiel selbst zu interessieren – es konnte ihnen nur um die Männer gehen. Klar ist das ein netter Nebeneffekt, aber wenn das Spiel läuft, denkt man an alles andere, nur nicht an Männerkörper. Man konzentriert sich auf den ovalen Lederball und darauf, ob er es zwischen die vier Torpfosten schafft, die entweder Ruhm oder Versagen bedeuten. Ganz zu schweigen davon, dass einige der Frauen, die ich im Laufe der Jahre bei Spielen oder Fanveranstaltungen kennengelernt habe, die stimmgewaltigsten und kenntnisreichsten Fans des Spiels waren.

Ebendiese Punkte wurden zwischen den Streithähnen debattiert. Ich lachte leise und schwor mir, mich nicht einzumischen. Aber dann machte jemand eine so falsche Bemerkung, dass ich einfach eingreifen musste.

»Es stimmt nicht mal, dass er von Anfang an ein so toller Spieler gewesen ist.«

»Kein toller Spieler?« Mein Einwurf ließ sie zusammenzucken. Ich trat aus der Dunkelheit.

Ich konnte jetzt drei Männer und zwei Frauen erkennen, die rund um das Ölfass standen und diskutierten. »Ihr redet über Declan Tyler, stimmt’s? Gewinner des Best and Fairest für die Devils in zwei Jahren in Folge, ein Brownlow-Medaillenträger und Gewinner der Norm-Smith-Medaille und der Leigh-Matthews-Trophäe. Tja, er ist als Footballspieler wirklich das Letzte.«

»Wie viele Devils-Fans sind auf dieser Party?«, fragte einer der Männer.

»Ich bin kein Devils-Anhänger«, erwiderte ich mit unüberhörbarem Abscheu. »Ich bin für Richmond.«

Alle fünf brachen in Gelächter aus.

»Hey«, protestierte ich. »Wir sind reif fürs Finale.«

»Ihr seid reif für Ü50, Mann«, sagte die Frau, die mir am nächsten stand.

Ich konnte spüren, dass sich mir von hinten jemand näherte, und ich nahm einfach an, dass es noch jemand war, der sich für das Gespräch interessierte, oder ein Freund von einem aus der Gruppe hier.

»Hört mal, Leute, ich weiß, Tyler kommt manchmal wie ein arrogantes Arschloch rüber, aber ihr könnt nicht sagen, dass er kein toller Spieler ist. Natürlich nur, wenn er nicht gerade verletzt ist.«

Aus irgendeinem Grund weiteten sich in diesem Moment die Augen aller in der Gruppe. Verwirrt hob ich die Hände, um irgendeiner Art von Erwiderung den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Hinter mir räusperte sich jemand. »Danke, dass du meine Ehre verteidigst.«

Unmöglich! Das konnte nicht wahr sein! Ich drehte mich um und hoffte, dass es einfach Roger war, der mich auf den Arm nahm, aber ich konnte bereits an den Mienen der Umstehenden erkennen, dass er es nicht war. Diese Stimme hatte ich zwar noch nie live gehört, dafür aber oft genug im Fernsehen, gewöhnlich in Kurznachrichten oder bei Interviews nach einem Spiel.

Hinter mir stand er selbst, Declan Tyler. Er war noch größer, als ich es mir vorgestellt hatte, und überragte mich mindestens um Haupteslänge. Und ich halte mich absolut nicht für klein.

In diesem Moment wünschte ich mir, ich hätte Roger zu seinen Kampfkunstkursen begleitet, als er eine Phase hatte, in der er obsessiv Wuxia-Filme schaute. Ich eignete mich nicht zum Kämpfen oder auch nur dazu, mich zu verteidigen, sollte sich die Notwendigkeit ergeben.

»Declan Tyler!«, hörte ich einen der Männer staunend flüstern.

»Nun, tolles Gespräch«, sagte ich hastig. »War wirklich schön, euch alle kennenzulernen.«

Ich schaffte es, zu entfliehen, während der Footballstar von den anderen umringt wurde, jetzt allesamt starr vor Ehrfurcht – vor allem der Mann, der zuvor über ihn geschimpft hatte.

Ich durchsuchte den Garten und das Haus nach Roger und Fran, die jedoch nirgends zu finden waren. Jasper Brunswick beweihräucherte immer noch in seinem eigenen, selbst erschaffenen Schrein sich selbst. Im Gegensatz zu ihm verdiente Declan Tyler zumindest die Bewunderung, die ihm gerade zuteilwurde, denn er tat wirklich etwas, selbst wenn er nur einen Ball herumtrat.

Nur einen Ball herumtrat? Was für ein Gedanke! Das Ganze hatte mich mehr aufgeregt, als mir bewusst gewesen war. Mit Konflikten konnte ich nicht gut umgehen.

Ich flüchtete durch die Vordertür; der Garten war verlassen. Sie waren bestimmt nicht ohne mich aufgebrochen. Ich checkte mein Handy, um sicherzustellen, dass sie nicht versucht hatten, anzurufen oder mir eine SMS zu hinterlassen; das hatten sie nicht. Frustriert schlug ich mir mit dem Telefon an die Stirn, als könnte ich die Information, die ich brauchte, durch Osmose aufnehmen.

»Hey!«

Ich drehte mich um. Declan Tyler war hinter mir hergekommen. Um mir das Licht auszublasen. Mist.

»Ich kann Kung-Fu«, sagte ich törichterweise.

»Schön für dich«, erwiderte er mit einem verwirrten Gesichtsausdruck. Den kannte ich an ihm nicht. Auf dem Spielfeld war er immer beherrscht und stoisch. Es musste ein gespielter Ausdruck sein. Etwa so, als wüsste er, wie gut er war, und würde es nicht verhehlen – was der Grund dafür war, dass ich ihn vorhin als arrogantes Arschloch betitelt hatte.

Er war nicht nur einen Kopf größer als ich, ich sah jetzt, dass seine Schultern praktisch um ein Drittel breiter waren als meine. Er könnte mich mühelos mit einem gezielten Schlag umhauen. Der verwirrte Ausdruck verlieh ihm mehr Charakter, er ließ sein Junge-von-nebenan-Aussehen noch reizvoller erscheinen. Doch er musste diesen ekelhaften Flausch ums Kinn herum loswerden.

»Was willst du?«, fragte ich, immer noch bereit, wegzurennen, obwohl es so wäre, als versuchte ein Erdmännchen vor einem Löwen zu fliehen.

Er schob die Hände in seine Taschen. Versuchte er, mir zu zeigen, dass er in Frieden kam? »Ich war mir nicht sicher, ob ich dir dafür danken sollte, dass du meinen Ruf verteidigt hast, oder ob ich dich anbrüllen sollte, weil du mich … wie hast du mich noch gleich genannt?«

»Ein arrogantes Arschloch.« Ich kam ihm zu Hilfe, bevor ich mich bremsen konnte.

Er grinste. Ich war in seine Falle getappt. »Die meisten Leute denken, ich sei entweder das eine oder das andere. Es ist selten, jemanden zu finden, der beides annimmt.«

»Wirklich?«, fragte ich.

»Du klingst überrascht.«

»Nun, die meisten Footballer sind …« Meine Stimme verlor sich.

Er behielt sein Grinsen mit Bedacht bei. »Ah-ha.«

»… wirklich nette Kerle«, beendete ich meinen Satz.

»Stereotype sind ein Killer«, erwiderte er. »Ich meine, wenn ich danach gehen würde, wie du aussiehst, würde ich sagen, du bist so ein typischer künstlerisch aufgemachter Wichser mit deinen Cargohosen, deinen Doc Martens und deinen schwarzen Klamotten.«

»Ah, aber ich bin ein künstlerisch aufgemachter Wichser«, erwiderte ich. Regel Nummer eins für das Überleben: Würdige dich selbst herab und wirf Beleidigungen über dich selbst ein, bevor die andere Partei das tun kann.

»Wo ist deine Baskenmütze?«

»Die ist für sonntags.«

Genau in dem Moment kamen Fran und Roger durchs Gartentor gestolpert.

»Wo seid ihr gewesen?«, fragte ich, dankbar, dass die Kavallerie eingetroffen war.

»Auf dem Friedhof«, entgegnete Roger.

»Das will ich jetzt nicht genauer wissen.«

»Nicht, was du denkst.« Fran kicherte. »Du denkst immer nur an Schweinkram.«

Es war schwer zu erkennen, wer den anderen stützte. Ich hatte den Eindruck, sie sackten gegeneinander, und die Schwerkraft tat ihr Übriges.

Schöne Kavallerie.

Rogers Augen weiteten sich, als er bemerkte, dass ich nicht allein war. »Schmeißt du dich an einen Mann ran?«

Ich errötete. Roger hatte gerade einen großen Fauxpas begangen. Man outete niemals jemand anderen. Also, es ist nicht so, als würde ich es verbergen, aber man sollte immer derjenige sein, der es selbst sagt. Das gebietet der gesunde Menschenverstand, auch um sich selbst zu schützen, falls erforderlich.

»Nein«, murmelte ich.

Jetzt sah Roger aus wie eine Animé-Figur. »Hey, Sie sind …«

Declan trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und schien noch größer zu werden. »Declan Tyler«, stellte er sich leise vor.

»Oh mein Gott, ich fasse es nicht!«

»Wer ist Declan Tyler?«, fragte Fran.

Declan sah sie dankbar an.

Roger setzte zu einer wortreichen Ausführung an, in der er sämtliche Statistiken, Medaillen und andere Leistungen Tylers auflistete.

Frans Augen bekamen einen glasigen Ausdruck, wie das für gewöhnlich geschah, wenn es um Football ging.

Aus irgendeinem unbekannten Grund blieb Tyler da und hörte sich das alles an, obwohl er peinlich berührt dabei wirkte.

»Okay«, unterbrach ich Roger mittendrin. »Ich muss gehen. Es war schön, dich kennengelernt zu haben«, fügte ich hastig an den sehr großen und sehr imposanten Footballer gewandt hinzu. Dann drehte ich mich zu Roger und Fran um. »Ich ruf euch morgen an.«

Ich war längst zum Tor hinaus und einige Häuser die Straße hinunter, als ich Fran brüllen hörte: »Hey, was ist mit deiner Jacke?«

Fuck. Auf gar keinen Fall würde ich zurückgehen. Lieber würde ich erfrieren. Sie konnten sie mir auch später wiedergeben. Ich erschauerte in der kalten Nachtluft, und meine Atemwölkchen führten mich die Lygon Street hinunter, wo, wie ich wusste, die Chance größer war, ein Taxi zu bekommen.

»Hey!«

Ich ging weiter. Ich tue gern so, als höre ich es nicht, wenn jemand irgendwas hinter mir herbrüllt. Ich hoffe dann, er lässt es einfach. Es war ja auch gar nicht gesagt, dass ich gemeint war.

»Simon!«

Obwohl ich heute Abend nur wenige Sätze von ihm gehört hatte, wusste ich, dass es wieder Declan Tyler war. Ich wappnete mich gegen die unausweichliche Faust ins Gesicht und wünschte, ich hätte die relative Sicherheit meiner Freunde nicht verlassen. Ich meine, relative Sicherheit, weil ich nicht annahm, dass sie in der Lage gewesen wären, in dem Moment viel für mich zu tun, außer wie interessierte, wenn auch nicht besonders zurechnungsfähige Zeugen zu agieren.

Ich drehte mich um und sah Declan mit meiner Jacke und meinem Schal über dem Arm auf mich zukommen.

»Die brauchst du, du Idiot. Mensch, es ist elend kalt.«

Zu sagen, ich sei überrascht gewesen, wäre eine Untertreibung. »Ähm, danke«, bemerkte ich, obwohl es nicht sehr dankbar herauskam. Vielleicht eher verwirrt. »Woher wusstest du …«

»Deine Freundin Fran hat mir die Sachen gezeigt, als ich gesagt habe, ich würde sie dir bringen. Die beiden schienen ein wenig zu betrunken zu sein, um dich einzuholen.«

»Ja, sie waren ein wenig …« Ich nahm meine Jacke von ihm entgegen. Ich zog den Reißverschluss hoch und nahm dann meinen Schal und wickelte ihn mir um den Hals. »Also …«

»Also.«

Das war peinlich. Und seltsam. Sehr seltsam.

»Also«, sagte Declan noch einmal. »Du bist schwul.«

Oh, los geht’s. »Ja. Es gibt auch schwule Footballanhänger, weißt du. Ich wette, es gibt sogar schwule Spieler.«

Er begann zu lachen.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, nicht in Rage zu geraten. »Ja, nun, ich bin sicher, dass das komisch für dich ist. Wie dem auch sei …« Ich drehte mich wieder um, erpicht wegzukommen, aber ein Arm umklammerte meinen Ellbogen, und ich wurde wieder zu Declan umgedreht. Sein Gesicht war jetzt definitiv zu nah für mein Gefühl, und er hatte diesen Ausdruck in den Augen. Den Ausdruck eines Menschen, der im Begriff war, sich vorzubeugen und jemanden zu küssen …

Als sich sein Mund über meinem schloss, stöhnte ich kurz auf. Ich gebe gern zu, dass ich total unter Schock stand. Der Abend hatte definitiv etwas Surreales angenommen. Declan presste sich an mich, und wir bewegten uns rückwärts, bis ich die raue Borke eines Baums an meinem Rücken spürte. Seine Lippen waren fest und seine Zunge zudringlich, bis ich meinen Mund öffnete. Es überraschte mich, dass er nach Bier schmeckte, aber angenehm, noch bevor der Geschmack schal und ein wenig ranzig wird. Ich weiß, das ist jetzt nicht besonders romantisch, aber in dem Moment war ich angenehm überrascht. Dies war nicht der Kuss eines Mannes, der erst mal vorsichtig ausprobiert, denn da war kein Zögern. Er legte mir die Hand um den Nacken, um den Kuss zu vertiefen, und seine andere Hand glitt an meinem Rücken hinunter, um mich an sich zu drücken.

Ich bin mir nicht sicher, wie lange wir dort standen und uns ohne Unterlass küssten, aber meine Gedanken rasten in tausend Richtungen. Ich erwog, meinem Vater und meinem Bruder eine SMS zu schicken, aber ich wusste, dass sie wahrscheinlich nicht beeindruckt sein würden von meiner Prahlerei, mit einem der größten Player in der Liga rumzumachen. Im Gegenteil, sie wären wahrscheinlich entsetzt, dass besagter Spieler sich zu mir hingezogen fühlte, und es würde Declans sportliche Fähigkeiten in ihren Augen vermutlich ziemlich herabsetzen.

Schließlich lösten wir uns leicht keuchend voneinander.

»Schau nicht so geschockt«, sagte er und grinste, weil ich ihn offensichtlich anglotzte wie ein Mondkalb. »Siehst du, ich weiß, dass es schwule Footballspieler gibt.«

Ich bekam immer noch kein Wort heraus. Deshalb ging ich anderweitig in die Offensive, und er ergab sich willig.

Wir wurden durch die tief hängenden Zweige abgeschirmt, was wahrscheinlich der Grund war, warum er tollkühn genug gewesen war, sich eine solch öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung überhaupt zu gestatten. Die Vernunft sagte mir, dass das dumm von ihm war, da er es gewiss nicht an die große Glocke hängen wollte. Ich wusste nichts über diesen Mann, außer dem, was die AFL über ihn veröffentlichte. Mir schwante, dass ich mich ebenfalls nicht besonders klug verhielt, aber während er mich gegen den Baum presste und meinen Mund als einen Teil seines eigenen ...

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