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TIFFANY HOT & SEXY, BAND 28

MARIE DONOVAN

Königliches Verlangen

Sex am Strand, auf Francos Motorrad … und ab und zu auch im Bett seiner Villa: Julia genießt die Zeit, die sie mit ihrem Ex auf seiner paradiesischen Privatinsel verbringt, in vollen Zügen. Bis ihre unbeschwerte Affäre jäh endet, weil Franco plötzlich die Geister der Vergangenheit heraufbeschwört – und etwas von Julia verlangt, das sie ihm nicht geben kann …

JULIE LETO

Verraten und verführt

Ihre geheimen Sehnsüchte. Ihre erotischen Fantasien. Ihre unterdrückten Wünsche. Der Gentleman-Dieb Danny Burnett weiß alles über Abby, denn er hat sie einst ausspioniert und verführt – nur um sie zu bestehlen! Doch jetzt kann sie sich auf die denkbar heißeste Art rächen! Aber zuerst braucht sie seine Hilfe, um ein verschwundenes Gemälde wiederzubeschaffen …

TORI CARRINGTON

Von Sex stand nichts im Vertrag

„Das … war … unglaublich!“ Mit Kendall zu schlafen, übertrifft Troys kühnste Fantasien. Noch nie ist ihm eine so aufregende Frau begegnet wie die schöne Anwältin, die ihn bei seinen Vertragsverhandlungen unterstützt. Sein Verlangen nach ihr ist schier unersättlich. Doch dann muss er entdecken, dass sie ein gefährliches Geheimnis hat …

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Königliches Verlangen

1. KAPITEL

Julia Cooper kniff die Augen zusammen und blinzelte mehrmals hintereinander. Sie saß an einem der kleinen Cafétische und konnte nicht glauben, was sie gesehen hatte. Seit ihrer Gehirnerschütterung vertraute sie den Bildern nicht mehr, die ihr Sehnerv an ihre Hirnrinde sandte. Ungezogenes Hirn. Offenbar spielte es ihr Streiche.

Trotzdem klopfte ihr Herz aufgeregt, als sie den Mann die Kopfsteinpflasterstraße entlanggehen sah. Er unterhielt sich mit einem älteren Mann und gestikulierte dabei lebhaft. Mit seinen schwarzen Haaren, die sich über seinen Kragen ringelten, als hätte er dringend einen Haarschnitt nötig, ähnelte er Frank. Zumindest von hinten.

Der Mann verschwand hinter einer Hausecke, ohne dass sie sein Gesicht zu sehen bekam. Natürlich waren alle Männer auf der Azoreninsel São Miguel dunkelhaarig, dank ihrer Herkunft aus dem sonnigen Portugal, das ihre Vorfahren gegen diese kühle, neblige Inselkette im Nordatlantik eingetauscht hatten. Obwohl sich die Inseln über eine Spanne von fast vierhundert Meilen erstreckten, war die größte Insel, São Miguel, nur knapp dreihundert Quadratmeilen groß. Das behauptete jedenfalls Julias Vater, ein begeisterter Hobbygeograf.

Verspürten die Männer auf den Azoren manchmal eine durch ihre Herkunft bedingte Sehnsucht nach dem heißen, trockenen Festland? Ein genetisches Überbleibsel, das in ihnen von Zeit zu Zeit das Verlangen nach dem Saft von Blutorangen, der ihnen das Kinn hinunterlief, weckte, während die Mittelmeersonne auf sie herunterbrannte?

Sie schüttelte den Kopf – allerdings vorsichtig. Ziemlich überspannte Gedanken für eine entschieden realistische Frau. Vielleicht erlebte sie gerade einen jener Augenblicke, in denen Traum und Wirklichkeit ineinander verschwammen, wie in der Zeit zwischen Schlaf und Erwachen.

Und was war eigentlich die Wirklichkeit? Ihr früheres Leben in Boston, diese Welt aus leuchtendem Weiß, grüner Krankenhauskleidung und rotem Blut? Blut und Orangen. Blutorangen.

Plötzlich verspürte sie ein Verlangen nach Zitrusfrüchten. Und Sonne. Oder war das ein Vitamin-C-Mangel? Ah, da meldete sich ihr normales Ich ja wieder. Sie lachte leise, um nicht so verrückt zu erscheinen, wie sie sich manchmal fühlte.

Das sei ganz normal, hatte man ihr versichert. Normal, dachte sie spöttisch. Als könne man irgendetwas von dem, was ihr zugestoßen war, als normal bezeichnen.

Aber sie war hier, nicht nur auf den Azoren, sondern noch am Leben. Immer noch auf dieser Erde. Und das war doch schon was wert, auch wenn sie nicht sicher war, was genau.

Frank, hallte es durch ihren Kopf. Francisco. Das hatte sie bei ihrer Rückkehr hierher befürchtet – die Beharrlichkeit ihrer Gedanken. Und ihrer Emotionen.

Genug. Julia stellte ihre Kaffeetasse entschlossen ab und stand auf. Zufrieden registrierte sie, dass ihr nicht mehr schwindelig war. Allerdings fühlte sie sich ein wenig müde. Die Müdigkeit ist die Aufforderung deines Körpers, dich auszuruhen. Das hatte sie während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester gelernt, es aber meistens ignoriert. Heute jedoch besaß sie deutlich weniger Kraftreserven als damals.

Endlich wieder zu Hause. Sie spazierte durch die unebene Straße und blieb hier und dort stehen, um einen Blick in die Schaufenster zu werfen. Um sie herum begrüßten Freunde sich mit herzlichen Wangenküsschen und unterhielten sich angeregt im örtlichen Dialekt. Aus ihrer Kindheit kannte Julia noch ein paar Worte, aber längst nicht genug, um die Unterhaltungen zu verstehen.

Julia ließ das aufgeregte Stimmengewirr einfach über sich ergehen und kaufte eine englischsprachige Zeitung für ihren Dad und einen deutschen Schokoriegel, den ihre Mutter liebte. Sie ging den kleinen Hügel zu dem renovierten alten Bauernhaus hinauf, in dem ihre Eltern ein Appartement hatten. Sie strich sich das dunkle, wellige Haar aus dem Gesicht, das leicht in der beständigen Meeresbrise wehte.

Sie brauchte dringend einen Haarschnitt. Ihr Haar neigte dazu, nach einiger Zeit eher voller als länger auszusehen, weshalb es jetzt durch die hohe Luftfeuchtigkeit aufgeplustert wie eine Clownsperücke aussah. Vielleicht würde sie mal herumfragen, ob irgendeiner der Friseure auf der Insel sich dieser Herausforderung stellen konnte.

Julia winkte dem Vermieter Senhor des Sousa zu, der ihr frische Beeren anbot. Er sprach in einem Mix aus Englisch und Portugiesisch. Sie nickte und lächelte und verglich das Haus unwillkürlich wieder einmal mit dem Gebäude, in dem sich ihre Eigentumswohnung befand. Dort kannte sie die Nachbarn höchstens vom Sehen, nicht namentlich.

Elegant zog sie sich aus der eher komplizierten Unterhaltung zurück und stieg die Treppen zur Wohnung hinauf.

Statt ihre Eltern bei einer friedlichen Tasse Kaffee anzutreffen, fand sie sie aufgebracht vor. Ihre Mutter lief telefonierend auf und ab, während ihr Vater auf seinen Laptop einhackte.

„Wenn wir jetzt buchen, bekommen wir einen Flug für den Nachmittag“, rief er.

Julias Mutter machte eine ungeduldige Geste. Dann entdeckte sie ihre Tochter. „Oh, dem Himmel sei Dank. Hier, meine Tochter ist Krankenschwester. Erzählen Sie ihr, was los ist.“ Sie reichte das Telefon an Julia weiter.

„Wer ist denn krank?“, flüsterte Julia.

„Deine Großtante Elva und dein Onkel Paul.“

Julia zuckte zusammen. Tante Elva und Onkel Paul waren ihre Lieblingsverwandten. „Hallo?“ Dummerweise sprach sie nur mit einem Mitarbeiter vom Sozialdienst des Krankenhauses. Ihre Tante und ihr Onkel waren mit dem Auto unterwegs gewesen und von einem Lastwagen gerammt worden. Tante Elva hatte sich einige Rippen und den Arm gebrochen. Der Bruch musste mit Nägeln stabilisiert werden. Onkel Paul hatte ein gebrochenes Bein, benötigte jedoch keine Operation – vorausgesetzt, er blieb liegen.

„Keine Kopfverletzungen, keine gebrochene Hüfte, kein gebrochenes Becken?“, erkundigte sie sich.

Der Krankenhausmitarbeiter versicherte ihr glaubhaft, dass dies nicht der Fall sei. Julia gab diese Information rasch an ihre Eltern weiter. Ein Bruch von Hüfte oder Becken war für ältere Menschen oft das Todesurteil, da sie sich von derartigen Verletzungen nur schwer wieder erholten.

Julia machte sich ein paar Notizen auf einem Blatt Papier, das ihre Mutter ihr hinschob. Ihre Tante und ihr Onkel lagen in einem Krankenhaus in einem Vorort von Boston, das einen guten Ruf genoss. Sie erklärte dem Mann vom Sozialdienst, dass jemand in ein paar Tagen dort sein würde, wenn die zwei entlassen würden. Dann ließ sie sich die Telefonnummern ihrer Zimmer geben, um sie später anzurufen.

Nachdem sie aufgelegt hatte, fragte sie: „Wann brechen wir auf?“

Ihr Vater sah von seinem Laptop auf. „Wir können morgen früh einen Flug bekommen und knapp fünf Stunden später in Boston sein.“ Dank der großen Anzahl von Einwohnern in Boston, deren Vorfahren von den Azoren stammten, gab es regelmäßige Direktflüge.

Ihre Mutter rieb sich nervös die Hände. „Aber was machen wir mit Julia?“

„Wie meinst du das? Ich komme selbstverständlich mit. Tante Elva und Onkel Paul werden nicht lange im Krankenhaus bleiben. Sobald sie zu Hause sind, muss sich jemand um sie kümmern, und da komme ich als Krankenschwester ja wohl am ehesten infrage.“

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Die brauchen jemanden, der ihnen ins Bad hilft und sie im Bett wendet. Simple Versorgungshandgriffe, die körperliche Kraft erfordern, die du momentan einfach nicht aufbringst. Du kippst ja sogar um, wenn du nur zu schnell aufstehst.“

„Dad!“ Er besaß etwa so viel Taktgefühl wie ein Stier auf einer der hiesigen Farmen.

Wie immer mischte sich ihre Mutter als Gegengewicht zu ihrem Dads unverblümter Art ein. „Ich weiß, dass du alles tun würdest, um zu helfen. Aber Julia, Liebes, du bist momentan einfach nicht fit genug.“

Na fabelhaft. Ihre Eltern hielten sie für ebenso invalide wie ihre arme Tante und ihren Onkel.

„Wir möchten, dass du mit uns zurückfliegst“, fuhr ihre Mutter fort. „Du kannst auf der Ausziehcouch in ihrer Wohnung schlafen.“

Julia zuckte innerlich zusammen. Tante Elva und Onkel Paul hatten eine nette Dreizimmerwohnung, groß genug für sie beide. Aber bei fünf Erwachsenen, plus etwaigem Pflegepersonal, würde es viel zu eng werden.

Ihr Dad hob die Brauen. „Komm schon, Evelyn, du weißt, dass es so eng wird wie in einer Sardinenbüchse. Was soll Julia denn überhaupt den ganzen Tag mit uns alten Leuten anfangen? Soll sie sich vielleicht Gameshows und Soap-Operas mit uns ansehen?“

Sie brauchte sich gar keine Soap-Operas im Fernsehen anzuschauen, denn ihr Leben war selbst seit einiger Zeit eine.

„Du könntest in deiner Wohnung schlafen und tagsüber zu uns kommen“, schlug ihre Mutter in einem Ton vor, als handele es sich um eine besonders brillante Idee.

Julia fing den mitleidigen Blick ihres Vaters auf. Er wusste, dass sie schon nach wenigen Tagen die Wände hochgehen würde. Wenigstens war nun Frühling in Boston, auch wenn es Mitte April durchaus noch Schnee geben konnte. „Nein“, erklärte sie impulsiv, „ich bleibe hier.“

„Was? Das geht nicht“, protestierte ihre Mutter. „Ganz allein?“

Je länger sie darüber nachdachte, umso besser gefiel ihr die Idee. Wollte sie ins graue Boston zurückkehren und in einen dicken Parka eingemummt durch den Schneematsch stapfen oder hier auf den grünen Azoren bleiben und frische Orangen direkt vom Baum essen?

„Es geht mir schon viel besser“, entgegnete Julia und hob für jeden Punkt ihrer Argumentation einen Finger. „Seit einer Woche habe ich keine Kopfschmerzen mehr, mir ist kaum mehr schwindelig, und Senhor de Sousa kann mir bei allem helfen.“

„Aber ich würde mir schreckliche Sorgen machen, wenn du so weit weg wärst“, erklärte ihre Mutter.

Ihr Dad schlug sich unerwartet auf Julias Seite. „Evelyn, wir wären doch nur ein paar Flugstunden entfernt. Unsere Tochter kommt wieder zu Kräften, und wir können nicht ständig wie zwei Glucken auf ihr hocken. Wenn sie mit uns zusammen ist, kriegt sie vielleicht keinen Rückfall, dafür aber einen Nervenzusammenbruch.“

„Danke, Dad.“

Er zeigte mit einem dicken Finger auf sie. „Aber wir erwarten von dir, dass du gesunden Menschenverstand zeigst. Trag dein Handy immer bei dir, und halte dich von Klippen ebenso fern wie von diesen Stierkämpfen.“

„Und ruf Dr. da Silva an, wenn du dich unwohl fühlst.“ Ihre Mutter kramte in den Papieren auf dem Tisch. „Hier ist seine Nummer. Aber ich weiß nicht …“

„Ich komme schon zurecht“, versicherte Julia ihrer Mutter. „Ich bin einfach noch nicht bereit, nach Boston zurückzukehren.“

„Das verstehe ich“, sagte ihr Dad. „Aber ein Wort genügt, und ich fliege zurück nach São Miguel, um dich heimzuholen.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln. Master Sergeant a. D. Robert Cooper, United States Air Force, war Experte dafür, irgendwo reinzufliegen und Leute heimzuholen.

Den Rest des Abends half Julia ihren Eltern beim Packen – das heißt hauptsächlich ihrer Mutter, da ihr Vater seine sämtlichen Sachen in einen kleinen Seesack bekam.

Als Julia sich an diesem Abend die Zähne putzte, erinnerte sie sich an den dunkelhaarigen Mann auf dem kleinen Platz. Blieb sie vielleicht nur deshalb hier, weil es doch Frank gewesen sein konnte? Und was um alles in der Welt würde sie tun, falls es sich tatsächlich um ihren früheren Liebhaber handelte?

Meinen ersten Liebhaber, verbesserte sie sich in Gedanken. Den ersten Mann, den sie geliebt hatte.

Duque Francisco Duarte das Aguas Santas starrte so lange auf eine Wand aus Farbproben, bis sich Punkte vor seinen Augen bildeten. Ja, er wusste, dass die Villa dringend einen neuen Anstrich benötigte. Aber warum war er derjenige, der die Farbe aussuchen musste?

Er sah zu Benedito, dessen dunkelbraune Augen wässrig waren vom Alter. Ach, genau, das war der Grund, warum ich die Farben aussuche. Vermutlich hätten es seine Schwester oder seine Mutter ebenso gut machen können. Nur war er es gewesen, der angeboten hatte, die Villa für Stefanias Flitterwochen herzurichten. Das war das Mindeste, was er für sie tun konnte.

„Was meinst du, Benedito? Welche Farbe nehmen wir für die Küchenwände? Hat dieses Gelb einen zu hohen Grünanteil?“

Der alte Mann sah ihn völlig verständnislos an. „Don Franco, das ist ein Job für Frauen. Frauen suchen Farben aus, Männer pinseln sie an die Wand. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns in diesen Dingen auszukennen. Und wieso glaubst du überhaupt, in diesem Gelb sei Grün? Gelb ist Gelb, und Grün ist Grün.“

Frank stöhnte auf. „Es sind aber momentan keine Frauen da.“

„Und wessen Schuld ist das? Ich bin kein junger, gut aussehender Herzog, der ein riesiges Gut in Portugal besitzt und eine Privatinsel hier auf den Azoren. Nein, ich bin bloß ein hässlicher alter Mann, dessen liebende Frau weit weg ist.“

„Und wahrscheinlich ist sie froh, dass ein paar Tausend Meilen zwischen euch liegen, du alter Taugenichts.“

„Sie ist froh über die Erholung, denn ich bin ein unersättlicher Mann“, erklärte Benedito mit anzüglichem Grinsen.

Frank verdrehte die Augen, zweifelte jedoch nicht an den Worten des krummbeinigen alten Glatzkopfs. Nach einem Leben voller harter Arbeit, reichlich Olivenöl und Rotwein, war dieser Portugiese so gesund wie Männer, die nur halb so alt waren wie er.

„Du solltest genauso unersättlich sein“, schalt Benedito ihn.

Eine ältere Dame, die pinkfarbene Farbmuster betrachtete, warf den beiden einen interessierten Blick zu.

Frank beeilte sich, in den nächsten Gang zu kommen, in dem es Nägel und Schrauben gab. Benedito folgte ihm. „Genug von meinem Privatleben. Außerdem werde ich wahrscheinlich Paulinha bitten, mich zu gesellschaftlichen Anlässen zu begleiten.“

Benedito gab einen röchelnden Laut von sich. „Don Franco, Sie wissen doch ganz genau, dass Sie dann so gut wie verlobt mit ihr sind. Sie ist schon hinter Ihnen her, seit sie laufen kann.“

Frank zuckte mit den Schultern. Paulinha war die Schwester seines besten Freundes und ihm inoffiziell versprochen worden, wie auch bei den früheren Prinzen von Portugal üblich, die im Alter von sechs Jahren mit französischen Prinzessinnen verlobt wurden. Eine Verbindung der Dynastien, keine Liebesangelegenheit.

„Ich bin dreißig. Es ist höchste Zeit für mich, eine Familie zu gründen.“ Er hatte genug von der Eisenwarenabteilung und wandte sich dem Gang mit dem Gartenzubehör zu. Hier in der fruchtbaren Vulkanerde gedieh alles gut, man musste nur ordentlich jäten und schneiden.

„Wenn du ein wildes Leben geführt hättest wie andere adelige Lebemänner, die trinken, hinter Frauen her sind und sich wie Idioten benehmen, dann würde ich mich darüber freuen, dass du ruhiger werden willst. Aber es gab nie solche Abenteuer in deinem Leben.“ Benedito schüttelte den Kopf. „Du hast deine Jugend regelrecht vergeudet.“

„Wie hätte ich mich wild aufführen sollen? Ich habe gemeinsam mit dir und deiner Frau auf dem Landgut der Familie gearbeitet, während meine Mutter und vier jüngere Schwestern mir über die Schulter schauten.“ Er war gleich nach seinem Studienabschluss auf das Familienanwesen zurückgekehrt, die fazenda, wie es auf Portugiesisch hieß. Aguas Santas wurde das Anwesen genannt, nach dem „heiligen Wasser“, das auf dem Kirchhof aus einer natürlichen Quelle im Boden sprudelte. Die riesige Anlage lag auf dem portugiesischen Festland bestand aus mehreren Farmen und Weinbergen. Seine Mutter, die Herzoginnenwitwe, lebte dort noch immer in einem kleinen Haus. Zwei seiner Schwestern lebten mit ihren Familien in der Nähe. Die beiden anderen besuchten die Universität in London und Lissabon.

„Ich konnte ja kaum allein eine Kaffeepause machen. Wie sollte ich da meine Jugend vergeuden? Mal abgesehen davon – hält nicht der enttäuschte Vater seinem verlorenen Sohn einen Vortrag über seine „verschwendete Jugend“, wenn dieser heimkehrt, nachdem er alles Geld mit Wein, Weib und Gesang durchgebracht hat?“

Benedito zückte seine Brieftasche und zog eine Handvoll Euro heraus. „Hier, nimm mein Geld, und bring es mit Wein, Weib und Gesang durch. Du bist genau wie eine Jungfrau, die sich für das Kloster entscheidet, bevor sie das wirkliche Leben kennengelernt hat.“

„Ach …“ Frank schob angewidert das Geld zur Seite, das Benedito ihm unter die Nase hielt. „Hör auf damit.“

Ein Angestellter mittleren Alters kam um die Ecke und beobachtete die beiden neugierig. Frank stöhnte und schnappte sich ein paar Blumensamen. „Nein, Ben, ich werde zahlen.“

Enttäuscht ging der Angestellte weiter. Benedito gab ein keuchendes Lachen von sich. „Wenn du mit einer schönen Frau hier wärst, hätte er keinen falschen Eindruck bekommen.“

Frank verdrehte die Augen. Vielleicht konnte er seine Schwestern per SMS um Farbvorschläge bitten. „Komm mit, alter Mann, gehen wir Kaffee trinken.“

„Na endlich hast du mal eine gute Idee.“ Benedito klopfte ihm auf den Rücken.

Frank folgte ihm aus dem Eisenwarenladen. Sie gingen ein Stück die Straße entlang zu einem Café, in dem alte Männer saßen und sich die erstaunlich spärlich bekleideten Mädchen aus dem Ort ansahen. Er konnte sich nicht daran erinnern, bei seinen letzten Besuchen auf der Azoreninsel so viel nackte Haut gesehen zu haben und teilte diese Beobachtung mit Ben.

Der ältere Mann trank einen Schluck Kaffee und warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Du hörst dich an wie eine griesgrämige Oma. Die beschweren sich ja auch die ganze Zeit über diese brasilianische Schund-Soaps, die die Mädchen verderben. Aber die Alten sehen sie sich trotzdem an. Warum den Anblick nicht einfach genießen?“

Frank zuckte mit den Schultern. Mädchen, halb so alt wie er, waren Kinder, keine Frauen. „Wie ich bereits erwähnte, ich habe Paulinha im Kopf.“

„Ah.“ Der alte Mann blieb ungewöhnlich still.

„Was soll ‚ah‘ heißen?“

„Darf ich ehrlich sein, Franco?“

„Kann ich dich davon abhalten?“, murmelte er.

„Geh keine Ehe ein, in der es kein Feuer gibt.“

Nun, mit diesem Rat hatte er nicht gerechnet. „Was bist du? Paartherapeut?“

„Und wie lange warst du verheiratet, Jungspund?“ Benedito trank noch einen Schluck. „Du weißt, dass ich mich nicht gern einmische …“

Fast hätte Frank sich an seinem Kaffee verschluckt. „Seit wann?“

„Ach, halt den Mund, und hör zu. Das hier ist ernst. Du würdest dich nämlich elend fühlen mit ihr – nicht, weil sie nicht nett ist, sondern weil du sie nicht liebst.“

„Und woher weißt du das?“

„Weil du gerade auf einer Insel fünfzehnhundert Kilometer entfernt von ihr mit einem alten Mann Kaffee trinkst, anstatt bei ihr auf dem Festland zu sein.“

Frank winkte ab. „Ich habe hier etwas zu erledigen.“

„Hm, und da konntest du kein Flugticket kaufen, damit sie dich begleitet? Bist du wirklich so geizig, oder wollest du sie nicht hier haben?“

Frank wusste, dass er sich geschlagen geben musste. „Die Liebe kann später dazukommen.“

„Oder gar nicht.“

„Genug von mir geredet. Wir müssen uns noch um andere Sachen kümmern.“

Benedito war einer seiner ältesten Freunde und Förderer, aber als Ratgeber in Liebesdingen nicht unbedingt seine erste Wahl.

Schon gar nicht, wenn er mit dem, was er sagte, voll ins Schwarze traf.

2. KAPITEL

Von der Website des Fashionista Magazine: The Royal Review.

Fashionista Magazine freut sich sehr, Ihnen die Royal Review vorzustellen, einen aufregenden neuen Blog, der sich mit der bevorstehenden Hochzeit von Principessa Stefania von Vinciguerra und ihrem megasexy, megaberühmten Bräutigam, Graf Dieter von Thalberg, einem internationalen Fußballstar, beschäftigt. In weniger als zwei Monaten wird sich das umwerfende Paar in der Kathedrale des exklusiven kleinen Fürstentums Vinciguerra das Jawort geben, hoch in den italienischen Bergen. Fashionista Magazine kann auf Insiderwissen über die königlichen Turteltäubchen zurückgreifen – letztes Jahr brachten wir „Romance in Provence“, einen Blog der amerikanischen Reisebloggerin Lily Adams über ihren Trip in die sonnige, sinnliche Provence. Lily schrieb dort nicht nur über diese Gegend, sie lebte auch, worüber sie schrieb. Mittlerweile ist sie verheiratet mit einem Jugendfreund Principessa Stefanias, Comte Jacques de Brissard, dem eine der ältesten Lavendelfarmen im Süden Frankreichs gehört. Comtesse Lily bot uns freundlicherweise an, uns an ihrem Insiderwissen teilhaben zu lassen. Selbstverständlich mit dem Einverständnis der Braut!

Hier schon ein pikantes Detail: Principessa Stefania schert sich nicht um Traditionen und plant, männliche Brautjungfern zu haben! Ihr Bruder Giorgio, Lilys Mann Jacques und deren Freund Francisco Duarte, Duque von Santas Auguas in Portugal, werden die Braut zum Altar begleiten.

„Diese Männer waren meine Familie, nachdem meine Eltern bei einem tragischen Autounfall gestorben sind“, sagte Stefania. „Zusammen mit meiner Großmutter sind sie mir die liebsten Menschen auf der Welt. Dieser besonderen Beziehung wollte ich gerecht werden.“

Selbst der abgebrühteste Promireporter kommt nicht umhin zuzugeben, dass ihn diese innige Verbundenheit rührt. Und die Vorstellung, wie diese ungemein attraktiven Männer in ihren Paradeuniformen Spalier stehen, lässt das Herz jeder Frau höherschlagen!

Julia schlenderte am nächsten Morgen erneut durch die Stadt. Ihre Eltern waren sicher in Boston gelandet und bereits auf dem Weg zum Krankenhaus, um Julias Tante und Onkel zu besuchen. Stundenlang war Julia in der Wohnung herumgegeistert und hatte Sachen geputzt, die es überhaupt nicht nötig hatten. Schließlich hatte die Langeweile sie hinausgetrieben.

Langeweile und brennende Neugier auf den Mann, der Frank so ähnlich gesehen hatte. Möglicherweise hatte die vertraute Umgebung nur bestimmte Erinnerungen in ihr geweckt. Der Sommer, den sie und Frank miteinander verbracht hatten, war beinahe magisch gewesen. Es war der Sommer nach ihrem ersten Jahr auf dem College in Boston gewesen. Julia hatte ein billiges Ticket auf die Azoren ergattert, eines ihrer liebsten Reiseziele, da ihre Familie dort ein Jahr lang gelebt hatte, als sie noch ein Kind gewesen war.

Es war der Lieblingsort von Franco Duarte das Aguas Santas, denn wie sie später herausfand, besaß seine Familie eine kleine Insel dort. Er mochte Amerika, hatte sich jedoch darauf gefreut, wieder zu Hause zu sein und nach Jahren in New York endlich wieder Portugiesisch sprechen zu können.

Julia spazierte über den Markt, wo sie einen Tee aus heimischem Anbau kaufte – der einzige in Europa angebaute Tee, wenn sie sich recht entsann. Zum Süßen nahm sie noch ein Glas Azorenhonig dazu. Sie bezahlte die Sachen und schlenderte weiter zum nächsten Stand, an dem Wein und Aperitif angeboten wurden. Zurzeit vertrug sie beides nicht, auch wenn die Flaschen wirklich wunderschön waren. Sie lehnte eine Kostprobe ab, kaufte jedoch eine Flasche Brandy der Marke Aguardente velha da Graciosa für ihren Vater und eine Flasche Passionsfruchtlikör für ihre Mutter, die Süßeres bevorzugte.

Ein herzliches Männerlachen drang an ihr Ohr. Für einen Moment fühlte sie sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Doch dann hörte sie es erneut.

Sie wagte kaum zu atmen, als sie sich langsam umdrehte. Beinah hoffte sie, es sei alles nur Einbildung gewesen. Sie sah über die Markttische hinweg, da stand er, leibhaftig. Der Apfel, den sie gerade prüfend hielt, fiel ihr aus der Hand zurück in den Korb.

Frank stand vor ihr. Erschrocken fasste sie sich an den Hals. Der ungestüme Zwanzigjährige von damals hatte sich in einen gestandenen Mann verwandelt. Die Schultern waren breiter, die Arme muskulöser. Sein dunkles Haar wellte sich über den Ohren, eine Strähne fiel ihm in die Stirn. Seine Gesichtszüge waren härter geworden, doch um seine Augen bildeten sich sympathische Lachfältchen.

Frank lehnte an einem Gemüsestand und hörte einem älteren Mann zu, der offenbar eine lustige Geschichte erzählte. Zumindest ließen die amüsierten Mienen der anderen Zuhörer darauf schließen.

Frank klopfte dem Gemüseverkäufer auf den Rücken und wandte sich grinsend zum Gehen.

Dann sah er sie… Sein Lächeln verblasste, und er wirkte genauso verblüfft wie sie selbst. Doch statt wie sie zu erstarren, ging er auf Julia zu.

Prompt geriet sie in Panik. Was sollte sie zu ihm sagen? Sie machte einen Schritt rückwärts und suchte unwillkürlich nach einer Fluchtmöglichkeit.

Frank kam weiter auf sie zu, bahnte sich anmutig einen Weg zwischen Marktbesuchern und Ständen.

„Julia?“, fragte er ungläubig, als er sie erreicht hatte.

Gut, wenigstens war nicht nur sie überrascht. „Frank, na so was! Mensch, wie geht es dir?“, erkundigte sie sich in süßlichem Ton. Bleib heiter und freundlich, ermahnte sie sich im Stillen.

Leider spielte er nicht mit, denn er sah sie an, als sei sie ein Geist, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war.

„Frank?“ Sie berührte seinen Unterarm, und er zuckte zusammen, als hätte sie ihn erschreckt. Auch sie schrak zusammen und zog schnell die Hand wieder zurück.

Oh nein. Warum musste denn dieses Knistern zwischen ihnen nach all den Jahren immer noch da sein? Verzweifelt wandte sie den Blick ab.

„Julia, bist du in Begleitung deines Mannes?“ Mit gleichgültiger Miene ließ er den Blick über die Menge schweifen. Hinter seiner Frage verbarg sich jedoch alles andere als Gleichgültigkeit.

„Meines Mannes?“ Sie konnte nicht mehr klar denken, zu laut schrillten sämtliche Alarmglocken in ihrem Kopf und signalisierten ihr, sofort zu verschwinden, ehe sie erneut verletzt wurde. „Nein.“

„Nein, er ist nicht hier? Oder nein, du hast gar keinen Mann?“

„Oh, Franco“, flüsterte sie und fand, dass sein jungenhafter Spitzname nicht mehr zu ihm passte.

„Verrate es mir, Julia.“

„Ich habe keinen Mann.“

Ein triumphierendes Funkeln flackerte kurz in seinen Augen auf. Darüber ärgerte sie sich. Als sei sie ein preisgekröntes Pferd auf einer Auktion, das unerwartet zur Versteigerung stand.

„Was ist mit dir? Keine Frau?“ Mit dieser Frage wollte sie eigentlich den Spieß umdrehen, doch er deutete sie offenbar als Interesse. Jedenfalls erschien ein siegesgewisses Lächeln auf seinem Gesicht.

Und vielleicht war es tatsächlich Interesse. Oh, natürlich war es das! Sie wollte unbedingt wissen, ob es eine Duquesa Mrs Franco Duarte gab oder wie auch immer man sie heutzutage in Portugal nannte. Sie hatte dieses System der Namensgebung nie durchschaut, die einer Person vier Nachnamen bescheren konnte.

„Keine Frau. Noch nicht. Ich bin geschäftlich mit Benedito hier.“ Als wäre er wie Rumpelstilzchen durch die bloße Erwähnung seines Namens herbeigerufen worden, tauchte der alte Mann an Franks Seite auf.

„Bom dia, senhorita.“ Er machte eine Verbeugung, und seine Augen leuchteten vor unverhohlener Neugier. Julia konnte sich schon vorstellen, warum. Wahrscheinlich war sie leichenblass geworden, während Frank aussah wie die sprichwörtliche Katze, die gerade den Kanarienvogel verspeist hatte.

„Hallo.“ Irgendwer musste sich normal benehmen, deshalb bot sie dem alten Portugiesen die Hand. Er verbeugte sich, fast als wäre sie eine Prinzessin.

„Senhorita.“

Senhorita Julia Cooper, darf ich Ihnen Senhor Benedito Henriques Oliveira vorstellen. Benedito, das ist Senhorita Julia Cooper, die ich vor langer Zeit kennengelernt habe.“

Der alte Mann horchte auf und sah mit scharfem Blick zwischen den beiden hin und her. „Vor langer Zeit?“

„Als wir noch jünger waren“, antwortete Frank ausweichend.

„Dann müsst ihr euch unbedingt unterhalten!“ Benedito schob ihn quasi in Julias Richtung. „Geht zusammen etwas essen! Don Franco, ich werde die Farben aussuchen, die du wolltest, und sie mischen lassen.“ Er verschwand in der Menge, während Frank noch einen Laut der Bestürzung von sich gab.

„Farben?“, fragte Julia.

Frank seufzte. „Wir sind hier, um die Villa zu renovieren.“

„Die Villa.“ Erneut fühlte sie sich in die Vergangenheit zurückversetzt, diesmal in das Haus am Meer auf Franks Privatinsel. „Warum?“ Sofort bereute sie es, Interesse gezeigt zu haben. Außerdem ging es sie nichts an – selbst, wenn er sie als Junggesellenbude herrichten ließ.

„Für Flitterwochen.“ Er beobachtete sie eingehend.

„Aha.“ Selbstverständlich, dass Frank jemanden gefunden hatte. Schließlich konnte er ihr nicht all die Jahre nachtrauern. „Und wann ist das glückliche Ereignis?“

„In zwei Monaten ungefähr. Die Hochzeit findet im Juni statt.“

Oh, bittere Ironie. Ihre Trennung lag zehn Jahre zurück, und ausgerechnet zwei Monate vor seiner Hochzeit traf sie ihn wieder. „Tja, darf ich dir und deiner zukünftigen Duquesa gratulieren?“

Er grinste lässig. „Es ist nicht meine Hochzeit.“

Frank fühlte sich nicht im Geringsten schuldig, dass er Julias Verwirrung ausnutzte, um sie an einen kleinen Tisch in einem gemütlichen Café zu führen. Sie versuchte, ihren Schock zu verbergen, ebenso wie die anschließende Erleichterung darüber, dass er gar nicht der glückliche Bräutigam war. Doch Frank durchschaute sie. Selbst nach all den Jahren konnte er ihr ansehen, was sie fühlte.

„Möchtest du Wein?“ Er hob die Flasche an ihr Glas. Es handelte sich um den Wein, den sie früher immer zusammen getrunken hatten.

Sie hob die Hand. „Nur Wasser, bitte.“

„Gern.“ Er bestellte eine Flasche und schenkte ihr ein. Sie trank durstig, als sei ihre Kehle ausgedörrt. Anschließend drehte sie den Stiel des Glases zwischen den Fingern. Sie ließ den Blick durch das Café schweifen und vermied es, ihn anzusehen.

„Julia“, begann er, ohne sich ganz sicher zu sein, was er sagen wollte. Warum hast du mich verlassen, als wir auf dem College waren, klänge wohl ein bisschen erbärmlich. „Wie ist es dir ergangen?“

„Gut.“ Sie lächelte höflich.

Er versuchte es erneut. „Hast du deinen Abschluss gemacht?“

„Ja, und jetzt bin ich zurück an der Uni und mache die ersten Kurse, um meinen Doktor machen zu können.“

„Wie schön für dich.“ Er war stolz auf sie, ob das nun passend war oder nicht. „Du warst immer schon die klügste Frau, die ich kenne.“

Nach diesem Kompliment bröckelte ihre höfliche Fassade, denn sie gab einen verächtlichen Laut von sich.

„Du glaubst mir nicht?“

Sie schürzte die Lippen. „Na, sicher bist du schon klügeren Frauen als mir begegnet.“

„Du hast dich schon immer schrecklich schwer damit getan, Komplimente anzunehmen.“ Zum Beispiel darüber, wie ihr dunkles Haar in der Sonne glänzte oder dass ihre Augen funkelten wie der erstklassige Portwein seines Landgutes.

„Stimmt doch gar nicht!“

„Und streitlustig warst du auch.“

„Ich bin nicht …“ Sie hielt inne, denn er fing an zu lachen. „Frank, das ist nicht fair. Du weißt genau, dass ich da einfach widersprechen muss.“

„Ach, Julia, reg dich nicht auf. Wir sind alte Freunde, die sich nach langer Zeit bei einem Essen wiedersehen. Was möchtest du essen?“

Sie presste die hübschen rosafarbenen Lippen zusammen. Oh, wie hatte er nur diese Grübchen vergessen können, die erschienen, wenn sie das machte! Er musste sich unbedingt ein glückliches Lächeln verkneifen, wenn er nicht wollte, dass sie wütend aufstand und ihn sitzen ließ. Wieder einmal. Bei der Erinnerung daran verschwand sein Lächeln sofort.

„Frank?“ Sie sah ihn fragend an.

„Das Essen, ach ja.“

„Wo ist denn die Speisekarte?“

Er zeigte auf eine Kreidetafel vor dem Café. „Es gibt das, wozu sie heute Lust haben. Hühnchen mit Reis, bacalhau com todos – Stockfischeintopf – und favas com chouriço – Würstchen mit dicken Bohnen.“

„Hm, chouriço habe ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen“, meinte sie wehmütig.

„Bekommt man in Boston keine portugiesische Wurst?“ Dort gab es nicht nur eine große portugiesisch-amerikanische Gemeinde, die Vorfahren der meisten stammten auch noch von den Azoren.

Julia zuckte mit den Schultern. „Ich lebe in einem anderen Teil der Stadt.“

„Tja, dann musst du sie unbedingt hier essen“, erklärte er und winkte den Kellner heran, bei dem er Würstchen und dicke Bohnen für sie bestellte sowie Stockfischeintopf für sich. „Möchtest du wirklich keinen Wein?“

Sie schüttelte den Kopf, und er bestellte nun auch für sich selbst eine Flasche Wasser. Julias Gegenwart allein vernebelte ihm die Sinne schon genug.

Es war ihm nicht entgangen, dass sie in den vergangenen elf Jahren seit ihrer Trennung noch schöner geworden war. „Wie kommt es, dass du noch nicht verheiratet bist?“, fragte er und ärgerte sich umgehend darüber.

„Ich bin deswegen nicht verheiratet, weil mich noch keiner gefragt hat.“ Ihre Grübchen wurden noch tiefer, denn sie presste die Lippen nun richtig fest aufeinander.

„Ich habe dich gefragt.“

„Aus falsch verstandenem Pflichtgefühl. Das zählt nicht.“

Natürlich habe ich mich verantwortlich gefühlt. Er hatte ihr die Jungfräulichkeit genommen und ihr Leben für alle Zeit verändert – wie sollte er sich da ihr gegenüber nicht verpflichtet fühlen? Und es war auch kein missverstandenes Pflichtgefühl gewesen. Allerdings war ihm klar, dass sie einfach aufstehen und gehen würde, wenn er jetzt eine Diskussion darüber anfinge.

Tatsächlich sprang sie auf. „Tja, es war nett, dich mal wiederzusehen, aber ich muss nach Hause.“

Er erhob sich ebenfalls. „Tut mir leid, es war dumm von mir, das Thema anzusprechen. Bitte bleib.“ Eigentlich wollte er sich ihr in den Weg stellen, doch als er den panischen Ausdruck in ihren Augen sah, wich er zurück. „Natürlich werde ich dich nicht daran hindern, wenn du wirklich gehen willst.“ Am liebsten hätte Frank sich selbst einen Tritt in den Hintern gegeben. Wie uncharmant er sich gerade ausgedrückt hatte!

Trotzdem entspannte Julia sich ein wenig, blieb jedoch weiterhin auf der Hut. Frank konnte es ihr kaum verübeln. Beim letzten Mal, als sie auseinandergegangen waren, hatte er verzweifelt versucht, sie zu halten. Dabei hatte er sich sehr anmaßend benommen. Aber zwanzigjährige Männer, die die Qualen der ersten großen Liebe durchlitten, neigten nun einmal zur Überreaktion. Er war da keine Ausnahme gewesen. Wäre er imstande gewesen, einen kühlen Kopf zu bewahren, hätte er sie nicht so unter Druck gesetzt. Dass er sie gebeten hatte, das College abzubrechen, war keine gute Idee gewesen, um es einmal milde auszudrücken.

„Komm, setz dich wieder. Ich gelobe, keine unangenehmen Themen mehr anzusprechen. Wir sind einfach alte Freunde, die sich über die letzten zehn Jahre unterhalten.“

„Elf“, korrigierte sie ihn unwillkürlich.

Aha, dachte er. Sie erinnert sich also auch noch ganz genau daran. Das war ja interessant. „Ja, natürlich, elf Jahre.“ Er umfasste ihren Ellbogen und führte sie zurück zu ihrem Platz. Der Kellner witterte offenbar eine pikante Geschichte, denn er brachte ihnen eilig einen Korb Brot und frische Butter. Frank musste ihn fast wegscheuchen.

Julia schien zugänglicher, nachdem sie etwas hausgemachtes Brot mit Butter gegessen hatte. „Wer heiratet denn nun?“, wollte sie wissen.

Frank lächelte. „Erinnerst du dich, dass ich dir damals von meinen besten Freunden auf der Universität erzählt habe?“

„Dieser Italiener und der Franzose. Beides reiche Adlige, genau wie du.“

„So gesehen, ja. Georgio – George – Principe di Vinciguerra, ist der Herrscher eines winzigen Landes im Norden Italiens. Jacques, der nach wie vor Jack genannt wird, Comte de Bressard mit einem Landgut in der Provence.“

„Und du, der Duque von Aguas Santas in Portugal.“

„Ja.“ Es war auf den Azoren kein großes Geheimnis, wer er war, da ihm hier eine kleine Insel gehörte. Die Insulaner waren gelassene Menschen und spielten nicht verrückt, nur weil er berühmt war.

„Also heiratet einer der beiden?“

„Nicht direkt. Jack hat bereits im letzten Sommer eine amerikanische Reiseschriftstellerin namens Lily geheiratet. Und Giorgio und seine Verlobte haben noch keinen Termin festgelegt. Es geht um Giorgios jüngere Schwester Stefania, die bei uns in New York lebt. Sie heiratet einen deutschen Footballstar.“

„Fußball“, verbesserte sie ihn. „In Deutschland spielt man Fußball, nicht Football.“

Ihm fiel wieder ein, dass Julia auf der Highschool und dem College ein regelrechter Fußballstar gewesen war. „Genau, Fußball“, sagte er augenzwinkernd. „Stefania heiratet in der Kathedrale ihrer Heimat. Wegen des großen medialen Interesses an einer Verbindung zwischen einer Adeligen und einem Fußballstar werden sie in ihrem alltäglichen Leben wenig Privatsphäre haben. Aber Stefania und Dieter wünschen sich wenigstens ungestörte Flitterwochen. Die Villa liegt sehr einsam und romantisch.“ Zumindest erinnerte er sie so aus der Zeit, als er mit Julia dort gewohnt hatte.

„Natürlich“, murmelte sie. Dachte sie an das Gleiche? „Deshalb ist dein Helfer losgezogen, um Farben auszusuchen.“

Frank verzog das Gesicht. „Benedito ist nicht gerade ein Innenarchitekt. Mal sehen, was daraus wird.“

Der Kellner erschien mit ihrem Essen. Julia beugte sich über ihren dampfenden Teller und sog den Duft der chouriço ein. Mit der Gabel spießte sie ein Stück Wurst auf und schob es sich genüsslich in den Mund.

Frank beobachtete sie einen Moment, dann widmete er sich seinem Eintopf. Nachdem sie eine Weile schweigend gegessen hatten, bot er ihr einen Bissen von seinem Gericht an.

„Hier, koste mal“, forderte er sie auf.

Aus ihren hellbraunen Augen musterte sie ihn misstrauisch. Er lächelte so harmlos, wie er konnte, obwohl er am liebsten die Teller vom Tisch gefegt und Julia an sich gezogen hätte.

Offenbar war ihm nichts davon anzusehen, denn sie nahm den Bissen anmutig von seiner Gabel und kaute prüfend. „Hm, sehr fischig.“

Er musste lachen. „Indem man den Kabeljau zur Konservierung salzt, konzentriert man gleichzeitig seinen Geschmack.“

„Nein, es schmeckt gut. Du weißt, dass ich Fisch mag.“

„Ja, stimmt.“ Sie liebten beide das Meer. Julia hatte für ihn einmal Muschelsuppe nach einem Rezept ihrer Mutter gekocht, und er hatte gar nicht genug davon bekommen können.

Sie aßen wieder einige Minuten schweigend, dann fragte Julia: „Ist viel Arbeit an der Villa nötig? Du benutzt sie doch sicher mehrmals im Jahr, oder?“

„Meine Mutter und meine Schwestern sind öfter dort. Meine Nichten und Neffen sind ganz versessen darauf, zu angeln und die Insel zu erkunden.“

„Aber du wohnst nicht dort?“

„Hin und wieder.“ Er hatte ein paarmal versucht, dort Urlaub zu machen, doch jedes Zimmer hatte ihn an Julia erinnert. „Einige Zimmer müssen gestrichen werden. Der Garten muss in Schuss gebracht werden. Ansonsten sollte es damit getan sein, einmal gründlich sauber zu machen und zu lüften. Oh, und ich habe erst gestern einen tollen Außenwhirlpool einbauen lassen.“

Sie lächelte. „Das hört sich nach einem wundervollen Ort für die Schwester deines Freundes und ihren Verlobten an.“

„Stefania ist wirklich ein Schatz. Kaum zu glauben, dass sie bereits vierundzwanzig ist, denn als sie nach New York kam, war sie noch ganz klein. Das arme Ding hatte beide Eltern gleichzeitig verloren.“ Das Mädchen war über den Verlust nicht hinweggekommen, weshalb die Großmutter um ihre geistige Gesundheit fürchtete. Sie hatte das Mädchen zu George, Jack und Frank geschickt, die sich um sie kümmern sollten. Nachdem sie eine Haushälterin eingestellt hatten, erzogen die drei damals Neunzehnjährigen Stefania.

Julia trank einen Schluck Wasser und schob ihren Teller von sich. „Das war wirklich sättigend. Ich kann nicht glauben, dass ich alles aufgegessen habe.“

„Das Essen hier ist deftig und reichhaltig, weder fett- noch kalorienreduziert.“ Frank beendete seine Mahlzeit ebenfalls. „Und nun zum Dessert.“

„Nein“, stöhnte sie. „Sonst platze ich.“

Er wollte nicht, dass sie schon ging. Vielleicht konnte er sie mit etwas Süßem locken? „Was hältst du davon, wenn wir uns etwas Gebäck mitnehmen und einen Spaziergang machen?“

Sie zögerte. „Na schön, das klingt nach einer vernünftigen Idee.“

Er winkte den Kellner heran, ehe sie ihre Meinung ändern konnte. Er brachte ihnen eine Schachtel mit Gebäck, und Frank bezahlte die Rechnung, trotz Julias Protest.

Frank verkniff sich ein Grinsen. Er mochte zwar in den Vereinigten Staaten groß geworden und somit eine modernere Version seiner herzöglichen Vorfahren sein, doch unter keinen Umständen würde eine Frau bei einem Date mit ihm für ihr Essen selbst bezahlen.

Und ob es Julia nun klar war oder nicht, ob es ihr gefiel oder nicht – das hier war ein Date.

3. KAPITEL

Julia hatte Schmetterlinge im Bauch, als sie neben Frank herging. Ihr gemeinsames Mittagessen war ihr verdächtig wie ein Date vorgekommen – obwohl sie sich damals, nachdem sie sich kennengelernt hatten, nicht lange mit bloßen Dates aufgehalten hatten.

Nach dem ersten stressigen Collegejahr hatte sie sich endlich ausleben wollen, und der attraktive Frank war nur allzu bereit gewesen, ihr dabei zu helfen. Rasch war mehr daraus geworden.

Sie betrachtete verstohlen sein Profil. Er hatte die ungestüme Offenherzigkeit der jungen Jahre verloren. Aber was hatte sie erwartet? Schließlich war sie auch nicht mehr so unschuldig wie damals. Eigentlich hätte sie damit gerechnet, dass er das Gespräch irgendwie darauf bringen würde. Stattdessen erkundigte er sich nur, wieso sie sich entschlossen hatte, die Azoren zu besuchen.

Einen Moment lang kaute sie auf der Unterlippe, ehe sie sich entschied, ihm wenigstens die halbe Wahrheit zu sagen. „Ich hatte einen Arbeitsunfall und musste mir einige Zeit freinehmen, um mich zu erholen.“

„Was?“ Er blieb unvermittelt stehen. „Dann solltest du eigentlich zu Hause liegen und dich schonen.“ Er nahm ihre Hand und legte sie in seine Armbeuge.

Sie ertastete unwillkürlich seinen Bizeps. „Du bist viel stärker als früher.“

Er legte seine Hand auf ihre. „Ich arbeite mit den Männern auf unserem Landgut. Wir haben noch immer den großen Weinberg, mehrere Obstplantagen, Viehherden und Schafe. Nach dem College in New York bin ich bei Benedito in die Lehre gegangen und habe so viel wie möglich über diese Arbeiten gelernt.“

„Was gefällt dir daran am besten?“

Er wirkte überrascht, als hätte er selbst noch nicht darüber nachgedacht. „Am besten gefällt mir, dass meine Leute einen sicheren Job haben und ihre Familien versorgen können.“ Lächelnd fügte er hinzu: „Aber ich muss zugeben, dass ich gern mit den Stieren arbeite. Es hält mich fit, mich mit ihrer Kraft und Schlauheit zu messen.“

Frank hatte sie schon immer an einen Stier erinnert – stark, hartnäckig und sexuell unersättlich. Bei der Erinnerung an sein Stehvermögen und seine Ausdauer stolperte sie prompt über einen lockeren Stein im Kopfsteinpflaster.

Frank verhinderte, dass sie stürzte. „Alles in Ordnung?“

„Ja, bestens. Die Straße ist nur uneben.“

„Komm, setzen wir uns in den Park“, schlug er vor, führte sie zu einer Bank und verschwand in einem Café, aus dem er mit zwei Pappbechern Kaffee zurückkehrte. „Mit Milch und zwei Stück Zucker.“ Er reichte ihr einen Becher. Auf ihren erstaunten Blick hin stutzte er. „Oder trinkst du ihn inzwischen anders?“

„Nein, genau so.“ Während ihrer Nachtschichten in der Notaufnahme hatte man sie aufgezogen, weil sie ihren Kaffee stets mit viel Milch und Zucker nahm. „Und du trinkst ihn immer noch schwarz?“

„Selbstverständlich. Es ist ein Zeichen äußerster Männlichkeit“, erwiderte er amüsiert und öffnete die Schachtel mit dem Gebäck. „Hier sind ein paar pastéis de nata.“

„Du meine Güte“, flüsterte sie. „Die habe ich schon so lange nicht mehr gegessen, seit …“

„Elf Jahren?“

„Ja.“ Sie betrachtete die kleinen runden Vanillepuddingtörtchen und hatte beinahe Angst hineinzubeißen. Warum hatte sie jemals geglaubt, auf die Azoren zurückzukehren, sei eine gute Idee? Diese Törtchen waren der Apfel in ihrem Garten Eden.

Frank machte die Schachtel wieder zu, und Julia sah in seine traurigen Augen. „War es wirklich so schlimm?“

„Was?“, fragte sie erschrocken. Woher wusste er von ihrem Unfall im Krankenhaus? Kein Unfall, verbesserte sie sich im Stillen. Es war kein Unfall gewesen.

„Du hast portugiesisches Essen geliebt und es jeden Tag für uns gekocht. Aber seit unserer Trennung hast du es nicht mehr angerührt, stimmt’s? Fandest du unsere gemeinsame Zeit wirklich so schlimm?“

„Auf keinen Fall!“, sagte sie und wandte sich sofort ab. Ohne ihn anzusehen, trank sie einen Schluck Kaffee.

Er sagte nichts, sondern hob erneut den Deckel von der Schachtel. „Öffne den Mund, meine süße Julia.“

Sie öffnete tatsächlich den Mund, aber nur, um ihm mitzuteilen, dass sie nicht mehr seine süße Julia sei. Er jedoch nutzte die Gelegenheit und schob ihr eines der Törtchen zwischen die Lippen.

Ein Blätterteigkrümel blieb an ihrer Unterlippe haften, und sie leckte ihn automatisch weg.

Frank sog scharf die Luft ein. „Das reicht. Und jetzt beiß ab.“

Sie presste die Lippen zusammen.

„Willst du herausfinden, wer von uns beiden sturer ist?“, neckte er sie. „Oder fürchtest du dich vor ein paar süßen Sachen?“

Sie gab einen verächtlichen Laut von sich. Frank biss kurzerhand selbst von dem Törtchen ab. „Hm, köstlich. Was meinst du, wie wunderbar das nach so langer Zeit schmeckt?“

Julia hatte den leisen Verdacht, dass es hier nicht nur um Törtchen ging. Während sie beobachtete, wie er genüsslich abbiss, wünschte sie sich unwillkürlich, diese sinnlichen Lippen und diese Zunge würden sich ihr auf die gleiche zärtliche Weise widmen. Sie war beinahe enttäuscht, als er aufgegessen hatte. Nachdem sie sich so lange nur halb lebendig gefühlt hatte, war das plötzlich aufwallende Verlangen beinah schmerzhaft. Wie das Kribbeln eines eingeschlafenen Armes, der wieder durchblutet wird. Nur, dass in diesem Fall ihr ganzes Sein und ihr ganzer Körper zu neuem Leben erwachte.

„Na komm schon.“ Er hielt ihr ein weiteres Törtchen hin.

Vorsichtig biss sie ab und seufzte leise, als der köstliche Geschmack aus Zimt, Zucker und Sahne auf ihre Geschmacksknospen traf.

Als Frank den erotischen Laut hörte, schloss er unwillkürlich die Hände fester um die Schachtel, sodass sie eine kleine Delle bekam. Rasch aß Julia das Törtchen auf und griff nach dem nächsten.

„Nicht so schnell, gieriges Mädchen.“ Er zog die Schachtel weg und nahm ein Törtchen heraus. „Wenn du noch eines willst, werde ich es dir geben.“

Ihre Brustwarzen richteten sich auf, und da wusste sie, dass sie den Punkt eines gemeinsamen freundschaftlichen Essens überschritten hatten. Der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab, näherte sich rasch, aber sie konnte jetzt nicht aufhören. „Worauf wartest du?“, fragte sie herausfordernd.

„Dass du bereit bist.“

„Bin ich.“ Sie sah ihn mit funkelnden Augen an und öffnete den Mund.

Er lachte. „Du machst ein Gesicht, als wärst du beim Zahnarzt. Entspann dich.“

Julia zwang sich, ruhig weiterzuatmen. Er hob das Törtchen an ihre Lippen, sodass sie gezwungen war, den nächsten Schritt zu tun. Sie knabberte an der Kruste, und er spottete: „Früher warst du aber mutiger. Was ist passiert?“

Er hatte ja keine Ahnung, was ihr zugestoßen war. Sie öffnete den Mund weit und biss ab, wobei sie seine Finger nur knapp verfehlte. „Besser?“, fragte sie, nachdem sie runtergeschluckt hatte.

Frank legte die Gebäckschachtel zur Seite. „Endlich ein Zeichen von Leidenschaft.“ Er schloss Julia in die Arme. Sie rechnete damit, dass er sie sofort küssen würde, doch er betrachte nur ihr Gesicht. „Julia.“ Er sprach ihren Namen voller Staunen und Zärtlichkeit aus. „Nach all diesen Jahren.“

„Lass uns nicht noch länger warten.“ Damit schlang sie ihm die Arme um den Nacken und presste ihre Lippen auf seine. Beide stöhnten leise.

Am liebsten hätte sie geweint, gesungen und im Park getanzt. Hier war er, und er küsste sie. Ihrer beider Leidenschaft schien kurz davor, sich zu entladen.

Franks Mund lag weich und warm auf ihrem. Sanft knabberte er an ihrer Unterlippe. Julia seufzte vor Wonne und öffnete die Lippen, um ihm weiteren Zugang zu gewähren. Seine Zunge fand ihre, neckend und provozierend. Julia schmiegte sich enger an ihn. Er umfasste ihre Schultern und gab einen heiseren Laut von sich.

In Julias Kopf drehte sich alles, als hätte sie bisher in einer grauen Welt gelebt, die plötzlich farbig wurde. Als hätte sie jahrelang nur Haferbrei gegessen und bekäme nun ein Festmahl geboten. Frank war ein Fest für ihre Sinne, Wein gegen ihren Durst.

Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und küsste ihren Hals. Wie kam es, dass er sich noch genau daran erinnerte, was sie mochte? Sie fuhr ihm mit den Fingern durch das dichte schwarze Haar und genoss es, die leichten Wellen unter ihren Fingern zu spüren. Er verströmte eine Wärme, die nun auch ihren Körper erfüllte.

Die schweigende, tröstliche Umarmung wurde unterbrochen durch das laute Brummen eines Motors. Julia schlug widerstrebend die Augen auf und entdeckte einen Parkgärtner, der sie wie hypnotisiert betrachtete und deswegen das Gras in krummen und schiefen Bahnen mähte.

„Frank.“ Vergebens drückte sie gegen seine Schultern. Ebenso gut hätte sie versuchen können, eine Statue im Park zu bewegen. Inzwischen saugte er zärtlich an ihrem Ohrläppchen, was sie benommen machte vor Lust. Wow, wenn er genau auf diese Weise an anderen Stellen ihres Körpers saugen könnte …

Sie nahm sich zusammen, denn sie wusste, wie wenig es ihm behagen würde, im Mittelpunkt irgendwelcher Klatschberichte zu stehen. „Frank, hier ist jemand.“ Erneut versuchte sie, ihn wegzuschieben. Diesmal hob er immerhin den Kopf.

Seine olivenfarbene Haut war leicht gerötet vor Verlangen, und er betrachtete Julia aus seinen dunklen Augen wie ein wilder Löwe seine Beute. Als könnte er sie glatt verschlingen. Dann schüttelte er den Kopf, als käme er gerade zu sich. Wütend richtete er den Blick auf den neugierigen Gärtner. Der junge Mann widmete sich sofort wieder ausschließlich seiner Arbeit.

„Komm mit.“ Frank stand auf und nahm sie an der Hand. Er führte sie über einen schmalen Pfad. Unter einem Baum blieb er stehen. „Julia, ich will dich wiedersehen.“

Ihr kam die verrückte Idee, ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen, in die Wohnung ihrer Eltern. Aber nein, das ging nicht. „Wann?“

„So bald wie möglich. Ich muss die Sachen für die Renovierung nach Belas Aguas bringen, aber das dauert mit dem Boot nur eine halbe Stunde.“

Belas Aguas war die Privatinsel seiner Familie, die sich seit Jahrhunderten in deren Besitz befand. Julia spürte einen beginnenden leichten Kopfschmerz hinter den Schläfen. Eine Warnung, schleunigst nach Hause zu gehen und sich hinzulegen, ehe er heftiger wurde. „Morgen.“ Sie wollte jetzt noch nicht näher auf ihre Verletzung eingehen. Vermutlich war alles zusammen nur ein bisschen viel gewesen.

„Morgen.“ Er wirkte enttäuscht, küsste sie jedoch zärtlich. „Hast du hier Telefon?“ Sie tauschten die Nummern aus, und Julias Finger zitterten ein wenig, als sie seine eintippte. „Frank …“ Sie sah ihm ins Gesicht. Ihr Kopfschmerz nahm zu.

„Du siehst wieder blass aus.“ Er legte ihre Hand in seine Armbeuge. „Ich werde dich nach Hause bringen, damit du dich ausruhen kannst. Morgen hole ich dich ab. Wir können in der Villa zu Mittag essen und danach eine Bootsfahrt machen, wenn du Lust hast.“

„Ja, gern.“

„Gut.“ Er führte sie aus dem Park und durch die Straßen. Unterwegs erzählte er ihr von Stefanias Plänen für die Hochzeit und dass er sie bei der Auswahl der Farben, bei den Einladungen und den Blumen beraten hatte.

Julia musste lächeln. Frank, adeliger Macho, hatte sich in Hochzeitsvorbereitungen gestürzt. Sie fragte sich, ob er schon einmal in Versuchung gekommen war, seine eigene Hochzeit zu planen.

Sie deutete auf die Straße, in der ihre Eltern wohnten. Zusammen stiegen sie den kleinen Hügel hinauf, auf dem das alte Farmhaus stand. Senhor de Sousa arbeitete im Garten und musterte die beiden neugierig. Frank grüßte ihn, und Julias Nachbar verbeugte sich respektvoll. Offenbar wusste er, wer Frank war.

Frank führte sie die Treppe hinauf und in das kleine Wohnzimmer. Plötzlich war sie sich deutlich der Tatsache bewusst, dass gleich nebenan ihr Schlafzimmer lag. Doch im Augenblick wollte sie sich nur noch hinlegen – und zwar allein.

„Ich sollte lieber gleich wieder gehen“, meinte Frank belustigt. „Schließlich steht hier dein guter Ruf auf dem Spiel.“

„Unsinn.“ Sie war es nicht gewohnt, sich über ihre Tugendhaftigkeit Gedanken zu machen. Allerdings würde der Kleinstadtklatsch letztlich auf ihre Eltern zurückfallen.

„Aber hierfür habe ich noch Zeit.“ Er beugte sich vor und küsste sie sanft.

Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und zog ihn näher zu sich heran.

Anfangs war der Kuss zärtlich, dann wurde er fordernder. Julia schmiegte sich an ihn und atmete seinen wundervollen Duft ein. Seine sinnliche, männliche Ausstrahlung erregte sie. Sie öffnete die Lippen, um seine Zunge zu spüren. Dann schlang sie ihm die Arme um den Nacken, und er drängte sie sacht gegen die kleine Couch. Um ein Haar hätte sie das Gleichgewicht verloren, doch er fing sie auf.

Sobald er sicher war, dass sie wieder fest auf den Beinen stand, löste er sich von ihr. „Du führst mich schrecklich in Versuchung“, beklagte er sich halb im Scherz. „Ich bin Wachs in deinen Händen.“

Sie war sich ziemlich sicher, dass er deutlich härter war als Wachs. Trotzdem gelang es ihr, auf Abstand zu gehen und sich auf der anderen Seite eines kleinen Couchtischs in Sicherheit zu bringen. „Meine Eltern …“, sie brach ab und machte eine hilflose Geste.

„Selbstverständlich. Es ist ihre Wohnung.“ Er rieb sich das Gesicht. „Morgen um eins. Wir können auf der Terrasse der Villa zu Mittag essen. Ich werde Benedito auf die andere Seite der Insel schicken, zum Unkrautjäten oder so etwas.“

„Frank!“, sagte sie tadelnd. „Er schien doch ein sehr netter Mensch zu sein.“

Er verdrehte die Augen. „Lass dich von seinem koboldhaften Aussehen nicht täuschen. Der kann eine echte Nervensäge sein.“

„Er ist deine rechte Hand.“

„Ja, das auch“, räumte er lächelnd ein. „Genug von Benedito. Der morgige Tag gehört uns.“

„Okay.“ Ihre Stimme klang auf einmal atemlos und verführerisch. Das registrierte er, während er seinen Blick über ihren Körper wandern ließ.

„Morgen.“ Er holte tief Luft und wiederholte ihre Worte, als würde er sich selbst – und ihr – etwas ganz Besonderes versprechen. „Schließ die Tür hinter mir ab.“ Er zwinkerte und ging.

Julia atmete erleichtert auf. Sie hatte den leisen Verdacht, dass sie ihn gebeten hätte zu bleiben, wenn es ihrem Kopf besser gegangen wäre.

Sie ging in die Küche und spülte mit frischem Orangensaft eine Schmerztablette hinunter, bevor sie sich in ihr einsames Bett legte. Sie deckte sich mit einem Quilt zu, aber das war kein Ersatz für einen wärmenden männlichen Körper. War es eine gute Idee, Frank in ihr Bett einzuladen? Ihr Verstand sagte Nein, doch ihr Körper hatte da ganz eigene Ansichten.

4. KAPITEL

Benedito war während der Bootsfahrt zu Franks Insel ungewöhnlich schweigsam gewesen. Nun trugen die beiden Männer mehrere Kartons mit Lebensmitteln und Material für die Renovierung in die Villa.

Frank legte eine Tüte mit Brot, Fleisch und Käse auf den großen Eichentisch in der Küche. Benedito stellte zwei Rotweinflaschen daneben. „Morgen besorge ich noch mehr Wein, aber für heute Abend sollte es eigentlich reichen.“

Frank nickte, obwohl er nicht vorhatte, eine ganze Flasche Wein allein zu trinken und Julia am nächsten Tag verkatert abzuholen. Benedito hingegen vertrug viel mehr vinho und würde nicht die geringsten Nachwirkungen verspüren.

Die Küche war größer als die meisten auf den Azoren, die Ofenwand mit blau-roten portugiesischen Kacheln gefliest. Die anderen Wände waren in der Vergangenheit in Schwammtechnik pfirsich- und goldfarben eingefärbt worden, und Frank beabsichtigte, dies zu ändern. Das Badezimmer war in blassem Rosa gehalten, der Lieblingsfarbe seiner Mutter – aber wahrscheinlich nicht Stefanias, der zukünftigen Braut.

Andererseits würden sie und ihr Bräutigam sich vermutlich nicht allzu viele Gedanken über die Farben der Wände machen. Sie würden hauptsächlich an einem großen, weichen Bett interessiert sein. Das hatte auch für ihn Priorität gehabt, als er mit Julia hier gewohnt hatte. Dummerweise waren sie ohne groß nachzudenken miteinander im Bett gelandet. Frank hatte es nie bereut, mit ihr geschlafen zu haben, aber am Ende war das nicht genug gewesen, um zusammenzubleiben. Welch ein Wunder, dass sie nun beide zur gleichen Zeit wieder ihren Weg auf die Azoren gefunden hatten.

Irgendwie schien es Benedito gelungen zu sein, Franks Gedanken zu lesen. „Don Franco, war dein Lunch mit der Senhorita angenehm?“

„Woher weißt du, dass ich mit ihr essen war?“ Er bereitete für sich und Benedito Käse- und Wurstsandwiches aus krossem Weißbrot zu und verstaute dann die restlichen Lebensmittel.

„Der Kellner ist der Bruder der Schwiegertochter meines Cousins zweiten Grades.“ Benedito öffnete eine Flasche Wein und einen Plastikbehälter mit eingelegten Oliven vom Markt. Er schenkte Wein ein und aß die Oliven direkt aus dem Behälter. Sobald er von seiner Frau getrennt war, pflegte er, seine Manieren zu vergessen.

Er bot Frank Oliven an, der ebenfalls seine Manieren sausen ließ und mit der Hand zugriff. Sie schmeckten köstlich. „Ziemlich enge Familienbande“, spottete er. „Ja, wir haben nett zusammen gegessen und anschließend im Park pastéis de nata genossen.“

„Ach ja, der Park. Eine ziemlich große Box pastéis …“ Benedito nickte wissend und zwinkerte Frank zu.

„Woher weißt du das schon wieder? Hast du im Gebüsch gehockt? Oder ist der Gärtner dein Neffe?“

„Leonors Neffe.“

„Klar.“ Frank seufzte. Er führte ein Leben wie ein Fisch im Wasserglas.

Nachdem er sein Sandwich aufgegessen hatte, widmete er sich seinem Laptop, um sich um seine E-Mails zu kümmern.

„Benedito, könntest du unten in der Damentoilette einen neuen Wasserhahn einbauen? Der alte leckt.“ Wenn Benedito beschäftigt war, würde er Frank hoffentlich nicht mehr ausfragen.

Aber er hatte kein Glück. „Senhorita Julia ist wirklich sehr schön.“

„Hm, ja.“ Frank starrte auf den Bildschirm und beschwor seinen Freund im Stillen, endlich zu verschwinden. Zwei Dutzend Mails von verschiedenen Angestellten seiner Ländereien waren eingegangen.

„Sie ist sehr klug, Fachkrankenschwester in einem großen amerikanischen Krankenhaus, sagen ihre Nachbarn.“

„Ja.“ Du lieber Himmel, der alte Mann war ja heute Nachmittag wirklich eifrig gewesen.

„Eine wundervolle Gefährtin für einen echten Mann.“

Das grenzte langsam an Respektlosigkeit, auch wenn Frank nur zustimmen konnte. Er warf Benedito einen strengen Blick zu.

„Wirst du die Senhorita wiedersehen?“, ließ der alte Mann nicht locker.

„Vielleicht, wenn ich mal ein bisschen Privatsphäre bekomme!“, schrie Frank mit seiner Geduld am Ende. „Wie soll ich denn bei all den indiskreten Kellnern, Gärtnern und Nachbarn, die alles gleich an dich weitergeben, irgendetwas mit ihr anfangen?“

„Ach so, ihr braucht Zeit zu zweit!“ Benedito nickte mit großen Augen, als sei die Vorstellung von Privatsphäre etwas völlig Neues für ihn. „Don Franco, entschuldige mich doch bitte, ich muss das Material für die Renovierung überprüfen.“

„Bestens. Geh nur.“ Frank winkte und zwang sich, die E-Mails vom Festland zu lesen. Sie handelten von Problemen mit Weinfässern und Weinstöcken, von Tieren, die einen Tierarzt benötigten und einem Streit zwischen zwei seiner Feldarbeiter um eine Frau. Zum Glück lauter Kleinigkeiten.

In den nächsten zwei Stunden beschäftigte Frank sich mit diesen Angelegenheiten, ohne dass Julia ganz aus seinen Gedanken verschwand.

Irgendwann tauchte Benedito wieder in der Küche auf. „Boa tarde, Don Franco.“

„Ja, dir auch einen guten Abend. Hast du dich um das Renovierungsmaterial gekümmert?“

„Ja, und die Farbe habe ich ebenfalls abgeholt.“

„Farbe? Wir haben doch noch gar keine ausgesucht.“

„Das habe ich übernommen. Damit du mehr Zeit mit der jungen Dame verbringen kannst.“ Benedito nickte verschwörerisch.

Frank unterdrückte ein Stöhnen und bedankte sich. Welch grauenhafte Farbauswahl mochte Benedito getroffen haben?

„Ach, ich habe übrigens einen Anruf vom Festland erhalten.“

„Tatsächlich?“

„Ja, allerdings.“ Benedito gestikulierte aufgeregt mit den Händen. „Leonor, meine geliebte Frau …“ Er machte eine dramatische Pause.

„Ich weiß, wer Leonor ist.“ Sie war die Haushälterin auf der fazenda.

„Leonor braucht mich zu Hause.“

„Geht es ihr gut?“, erkundigte Frank sich. Leonor war mit der Gesundheit eines Maultiers gesegnet und angeblich zuletzt Anfang der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts krank gewesen – mit einer leichten Erkältung.

„Sie, äh … na ja, sie … äh, hat Frauenbeschwerden!“, verkündete Benedito triumphierend.

„Frauenbeschwerden“, wiederholte Frank ratlos.

„Oh ja, schlimme Frauenbeschwerden.“ Benedito schüttelte sich vor Entsetzen.

„Ich nehme an, diese Beschwerden sind sehr plötzlich aufgetaucht, sodass du schnellstens zu ihr willst.“

„Don Franco, ich bin froh, dass du das verstehst.“

Frank klopfte ihm auf den Rücken. „Klar, das verstehe ich. Wann reisen wir ab?“

„Wir?“ Beneditos Bestürzung war geradezu komisch. „Nein, nein, Don Franco, das wäre ganz falsch. Meine unwichtigen Sorgen dürfen dich nicht von deinen Geschäften auf der Insel abhalten.“ Er nahm Haltung an. „Ich werde meine Frau anrufen und ihr erklären, dass du mich hier brauchst. Sie wird allein zurechtkommen.“ Mit großmütiger Miene sah er übers Meer zum Festland, der brave Ehemann, der von seiner kranken Frau getrennt war.

Frank war sich ziemlich sicher, dass die ganze Geschichte erfunden war. Aber was, wenn Leonor wirklich krank war?

„Fahr nach Hause.“

„Danke, Euer Hoheit.“ Benedito ergriff seine Hand, doch als er sich hinunterbeugte, um sie zu küssen, hatte Frank genug von dem Theater.

„Das reicht jetzt wirklich. Hinaus!“ Kopfschüttelnd schaute er dem Alten hinterher, als der die Küche verließ. Franks Handy klingelte, und er meldete sich.

„George?“

„Frank, bin ich froh, dich zu erreichen.“ Es war sein bester Freund vom College und der Bruder der Braut. George machte einen entspannten Eindruck – wie immer, seit er mit Renata, seiner heißen amerikanischen Verlobten, zusammen war. „Wie geht es dir?“

„Ich habe damit zu tun, die Villa auf Vordermann zu bringen. Es sind noch ein paar Schönheitsreparaturen und Aufräumarbeiten nötig.“

„Oh, du bist auf den Azoren? Ich habe mich schon gewundert, warum es mit der Verbindung länger dauerte. Wie steht’s?“

„Bestens.“

„Was? Ich dachte, du hasst es, dort zu sein. Die letzten Male hast du es kaum ausgehalten.“

Frank grinste. „Na ja, sagen wir, der Kreis schließt sich.“

„Wie bitte? Ich rufe besser Jack an, dann können wir uns via Konferenzschaltung zu dritt unterhalten. Du redest wirr.“

„George …“ Er runzelte skeptisch die Stirn, begrüßte jedoch pflichtschuldig Jack. George und Frank waren Trauzeugen gewesen, als Jack letzten Sommer spontan in Philadelphia geheiratet hatte. Bei der Gelegenheit hatte George Jacks hübsche amerikanische Braut Lily kennengelernt, und sie waren alle zusammen Steak essen gewesen.

„Frank ist auf den Azoren“, verkündete George. „Und er amüsiert sich.“

„Das ist großartig. Gratuliert mir, mes amis!“, rief Jack. „Eigentlich wollte ich ja nichts verraten, aber ich halte es nicht mehr aus. Lily und ich bekommen ein Baby!“

Die erste Reaktion war verblüfftes Schweigen.

„Ein Baby“, wiederholte Frank schließlich und kämpfte gegen die bittersüßen Erinnerungen an. „Mann, Jack, das ist toll!“

„Ja, wirklich.“ George klang heiser. „Und wie geht es deiner reizenden Frau?“

„Ach, nicht so gut.“ Jack senkte die Stimme. „Ich habe ihr klarzumachen versucht, dass Morgenübelkeit ein gutes Zeichen ist, weil sie darauf hinweist, dass genug Hormone vorhanden sind. Aber sie hat mich nur beschimpft. Und zwar auf Französisch, das sie von den Landarbeitern aufgeschnappt hat. Ich musste meinen Manager ins Gebet nehmen, weil er derartige Ausdrücke zulässt.“ Er klang allerdings gut gelaunt und nicht, als hätte er tatsächlich vor, irgendwen zu bestrafen.

„Renata und ich bekommen auch ein Baby“, verkündete George.

„Was?“, riefen die anderen beiden im Chor.

„Jetzt noch nicht, aber sobald wir geheiratet haben. Der nächste Prinz von Vinciguerra darf erst neun Monate nach der Hochzeit geboren werden. Ich darf einfach nichts riskieren – bei meinem Glück wird es ein Zehn-Pfund-Baby, dann würde mir niemand abnehmen, dass es zu früh zur Welt kam.“

Frank musste ihm zustimmen. „An der Thronfolge darf es keinen Zweifel geben.“

„Genau“, pflichtete George ihm bei. „Aber genug von Babys – zumindest fürs Erste. Jack, halte uns auf dem Laufenden.“

„Klar. Wie geht es dir auf deiner reizenden Insel, Frank?“

„Gut, aber morgen um eins wird es mir noch besser gehen als jetzt.“ Er holte tief Luft. „Ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnert, aber vor vielen Jahren habe ich den Sommer hier verbracht.“

„Ja?“, fragten die anderen beiden vorsichtig. Offenbar erinnerten sie sich noch deutlich an den darauf folgenden Herbst, in dem Frank ohne Julia überhaupt nicht mehr zurechtkam.

„Ich weiß nicht, ob es Glück oder Schicksal ist, aber ich bin hier – und sie auch.“

„Sie? Du meinst Julia?“ George kannte den Namen zu gut, da er sich damals wochenlang Franks Liebeskummer anhören musste. „Wie ist das möglich? Hast du sie aufgespürt und eingeladen?“ Jack klang verwirrt.

„Ihre Eltern leben inzwischen hier, und sie war zu Besuch bei ihnen. Gerade sind sie in den Staaten bei Verwandten, sodass ich Julia ganz für mich allein habe.

„Ach.“ George schwieg einige Sekunden. „Und wie geht es ihr?“, erkundigte er sich höflich.

„Sie ist Single und schöner denn je.“

„Bitte sei vorsichtig, Frank“, warnte Jack. „Menschen ändern sich im Laufe der Zeit. Du hast dich geändert. Sie wird sich geändert haben. Du kannst nicht erwarten, dass ihr genau da weitermacht, wo ihr aufgehört habt.“

„Warum sollte ich das wollen? Es endete damit, dass sie mich verlassen hat“, erklärte Jack ein wenig gereizt. Seine beiden besten Freunde hatten die Liebe ihres Lebens gefunden und Jack wurde auch noch Vater. Und er?

„Ich glaube, Jack macht sich nur Sorgen um dich“, meinte George, der ewige Diplomat, beschwichtigend. „Du bist inzwischen ein erwachsener Mann und hast mehr Erfahrungen in Liebesdingen. Aber manchmal siehst du die Welt durch eine rosarote Brille, wie es so schön heißt. Du solltest die Situation mit der nötigen Klarheit betrachten.“

„So wie ihr zwei damals mit Renata und Lily?“, konterte er.

Erst folgte nur Schweigen, dann fingen die beiden schuldbewusst an zu lachen. „Tu was wir sagen, nicht was wir taten“, sagte Frank.

„Stimmt, wir haben unsere eigenen Ratschläge nicht befolgt, was, Jack?“

„Absolut nicht. Aber am Ende wurde doch alles gut.“

„Vielleicht wird es das ja auch für Julia und mich.“

„Wenn du dir das wünschst, hoffen wir das natürlich für dich“, versicherte ihm Jack.

„Ich weiß nicht“, meinte Frank nachdenklich. „Ich war ziemlich am Boden, als sie mich damals verlassen hat. Soll ich das noch einmal riskieren?“

George seufzte. „Das Leben ist voller Risiken.“ Seine Eltern waren nicht älter als Mitte vierzig geworden. „Wir können nur im Augenblick leben und das Beste hoffen.“

„Wie wahr. Das Schicksal kann grausam sein“, pflichtete Jack ihm bei. Als Arzt, der mit traumatisierten Patienten arbeitete, hatte er viele Tragödien erlebt.

Frank gratulierte Jack zum Baby und notierte sich ein paar wichtige Daten zur Hochzeit, die George ihm nannte. Dann legte er auf. Ihm blieb gerade noch genug Zeit für die Renovierung der Villa, bevor er auf seinen Landgütern nach dem Rechten schauen musste. Erst danach würde er die Hochzeit in Vinciguerra besuchen.

Er machte sich an die Arbeit, doch er musste immer wieder an das denken, was Jack und George über die Launen des Schicksals gesagt hatten.

Frank wollte nichts riskieren. Er war für einen ganzen Landstrich verantwortlich. Unsicherheit war gefährlich. Die Jahreszeiten wechselten, es wurde gesät und geerntet, Tiere wurden geboren und wurden groß. Die Herzoge von Aguas Santas wurden geboren und wurden groß. Und dann starben sie, wie Franks Vater vor zwanzig Jahren.

Inzwischen war Frank der letzte und einzige duque. Außer ihm gab es nur noch seine beiden Schwestern, die weder interessiert noch fähig waren, die Ländereien zu führen. Und alles erhalten, bis deren Kinder alt genug waren? So gut wie unmöglich. Ohne vernünftiges Management würden seine Ländereien auseinanderfallen und verkauft werden. Der Titel „Duquede Aguas Santos“ würde nur noch im Namen seines ältesten Neffen auftauchen.

Frank trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Bevor er Julia wiedergetroffen hatte, war er entschlossen gewesen, Paulinha, der Freundin seiner Schwester, den Hof zu machen. Jetzt hatte er diesen Plan verworfen. Julia war die einzige Frau, die ihm das Gefühl gab, lebendig zu sein. Doch wie seine Freunde schon ganz richtig festgestellt hatten, Menschen änderten sich. Vielleicht hatten er und Julia sich genug geändert, um diesmal für immer zusammenzubleiben.

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