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TIFFANY HOT & SEXY, BAND 23

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Spätestens mit dreißig will Kim verheiratet sein. Viel Zeit bleibt da nicht! Eins ist aber sicher: Ihr Zukünftiger muss anders sein als ihr Mitbewohner Nathan. Denn der ist ein großer, frecher Junge. Leider aber auch verteufelt charmant und viel zu sexy! Was es unmöglich macht, sich in seiner Nähe auf grundsolide Ehemänner in spe zu konzentrieren …

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Nichts wie weg von ihrer Familie – das war Annes Fluchtplan. Aber dabei rennt sie direkt in Blake Mitchells Arme. Ausgerechnet Blake, mit dem sie einen heißen, unvergesslichen One-Night-Stand hatte! Und falls Anne eine Erinnerung braucht: Blakes Berührung setzt sie erneut in Flammen. Aber Sex mit ihm ist wie mit dem Feind zu schlafen …

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1. KAPITEL

Kate ließ ihren Blick über die Bäume schweifen, nur einen Gedanken im Kopf: Essen. Wobei „Essen“ ein weiter Begriff war. Wurzeln, Samenkörner, kleine Nagetiere … Beinahe alles würde es in diesem unwirtlichen Niemandsland tun.

Schneematsch und knorrige Pinien, so weit das Auge reichte … Aber Lunch?

„Sieht schlecht aus“, murmelte sie. Da entdeckte sie es, ein Vogelnest in der Astgabel eines alten Baums. „Na also – Eier.“ Sie suchte nach Unebenheiten in der Borke, an denen sie sich festhalten konnte, umklammerte den Stamm mit ihren Schenkeln und kletterte langsam hoch. Dabei summte sie eine Folge von Trommeltönen: „Buh, buh-buh-buh-buh …“ In Momenten wie diesen hatte sie immer die Titelmelodie ihrer Show im Kopf.

Jede Sendung begann mit einem Trommelwirbel und mit Bildern aus der Wildnis. Alle paar Sekunden blitzte eine neue Einstellung auf dem Bildschirm auf: ein Mann, der, bis zur Hüfte im Wasser, durch einen rauschenden Fluss watete, der eine steile Felswand erklomm, der mit einem Feuerstein Funken schlug und ein Lagerfeuer entzündete. Dann der Titel: „Dom Tyler: Überleben ist alles!“ Anschließend folgten die Namen der Mitarbeiter der Sendung, die von den meisten Zuschauern ignoriert wurden, weil sie nur auf den attraktiven blonden Mann mit den faszinierenden Augen, den muskulösen Armen und dem jungenhaften Lächeln achteten.

Kate kannte den Beginn der Survivalshow auswendig. Schließlich hatte sie die Hälfte der Filmaufnahmen eigenhändig gedreht. Dom Tyler kannte sie genauso gut, denn er war ihr Chef und zugleich ihr bester Freund. Es war seine Schuld, dass sie sich in der trostlosen Wildnis von Saskatchewan beim Klettern auf Bäume die Jeans ruinierte.

Sie holte tief Luft und zog sich auf einen dicken Ast drei Meter über dem Erdboden. Bingo – Eier.

„Juhu!“ Sie reckte die Faust in die Luft, schaute zum Lager zurück und rief: „Ty! Ich habe dein Mittagessen gefunden!“

Ein Laut der Anerkennung drang durch die Stille. Kate balancierte auf dem Ast, schulterte die Videokamera, die sie zuvor auf dem Rücken getragen hatte, und richtete den Sucher auf die drei Vogeleier im Nest.

Die Show dauerte eine Stunde, ohne Werbepausen genau zweiundvierzig Minuten. Zweiundvierzig Minuten, in denen Dom Tyler erklärte, wie man in den härtesten Gegenden überleben konnte – in jeder Folge an einem anderen Ort. Kate agierte wie eine Löwenbändigerin im Hintergrund. Sie recherchierte und schrieb fast die Hälfte der Texte. Die Sendung war zwar nach Dom Tyler benannt, aber sie war die Frau, die hinter ihm die Peitsche schwang.

Sie ließ die Kamera noch ein paar Sekunden lang laufen, dann kletterte sie wieder hinunter. Das letzte Stück sprang sie.

„Ty?“ So nannte sie ihn, weil er es nicht leiden konnte, wenn ihn jemand mit seinem Vornamen Dominik anredete. Während sie zum Lagerfeuer am Fluss zurückging, zupfte sie Piniennadeln aus dem Stoff ihrer Jacke. „Du musst da oben rauf. Ich möchte Kletterszenen und Handkameraaufnahmen von dir.“

Als sie um die Biegung am Waldrand kam, sah sie, wieso er nicht antwortete. Er saß mit gespreizten Beinen auf dem Stamm eines umgestürzten Baums und richtete seine Kamera auf sie. Das rote Licht blinkte. Mit gedämpfter Stimme, in der deutlich sein australischer Akzent zu hören war, der ihnen mindestens ein Viertel ihrer Einschaltquoten einbrachte, kommentierte er zu seinem privaten Vergnügen die Szene, die er drehte.

„… der natürliche Lebensraum der Kate Somersby. Ihre Haltung ist eindeutig aggressiv, obwohl der Blick eher vermuten lässt, dass ihr der Sinn nach Paarung steht. Abwarten, was sie im Schilde führt …“

Er hörte erst zu sprechen auf, als Kate ihm einen leichten Tritt versetzte und er nach hinten in den Schneematsch fiel.

Genervt verschränkte sie die Arme vor der Brust. Es war Tag zwei ihres dreitägigen Exils in dieser verschneiten Einöde, und Kälte lag ihr gar nicht. „Ich will dich da oben haben.“ Sie musterte den fast eins neunzig großen Mann unverhohlen von den Stiefeln bis zu seinem ungebändigten Haar. Kinn und Wangen waren mit blonden Stoppeln übersät. Bis zu ihrer Rückkehr nach L.A. war ihm wahrscheinlich ein Vollbart gewachsen. Es würde seinem guten Aussehen keinen Abbruch tun. So wie seine funktionale Kleidung die Zuschauer nicht von der Frage ablenkte, was darunter verborgen war, wenn sie vorher schon einmal einen Blick auf seinen halb nackten Körper erhascht hatten.

Auch Kate wusste, was sich unter dem Thermohemd befand, das Ty unter seiner Weste trug. Sein Körper war ihr vertrauter, als die ihrer bisherigen Liebhaber es gewesen waren, obwohl sie sich noch nicht einmal geküsst hatten. Einerseits war sie darüber enttäuscht, andererseits erleichtert. Sie liebte ihren Job zu sehr, um ihn wegen einer hormonell bedingten Dummheit zu riskieren. Außerdem liebte sie Ty – als Freund. Sie wollte ihn nicht verlieren, auch wenn der Gedanke an gewisse Dummheiten sie durchaus in so manchen kalten Nächten warm hielt.

„Komm, steh auf. Es gibt Eier.“ Sie streckte ihm eine Hand entgegen.

Er stöhnte. „Nicht schon wieder.“

„Lass das Jammern.“ Sie half ihm auf, und er ließ sich wieder auf dem Baumstamm nieder. „Ich habe allmählich selbst die Nase voll davon, meine schönsten Jahre damit zu verplempern, mit dir um den Globus zu hetzen.“

„Tu nicht so, als ob es dir nicht gefällt.“ Er klopfte sich den Schnee von den Ärmeln und verstaute seine Kamera in einer gepolsterten Tasche.

Kate setzte sich neben ihn. Ty hatte natürlich recht, sie liebte die Zusammenarbeit mit ihm. Sie war ein Kontrollfreak, und dieser Job erlaubte ihr, im großen Stil das zu tun, was sie am besten konnte. Mit achtundzwanzig hatte der Gedanke an ein ruhigeres Leben noch ein paar Jahre Zeit oder zumindest so lange, wie der Sender ihren Vertrag immer wieder verlängerte.

Ty nahm ihren Camcorder und sah sich die Aufnahmen stirnrunzelnd an. „Wie kommt es, dass du nie Rib-Eye-Steaks findest?“

„Wie kommt es, dass du überhaupt nie etwas findest?“, fragte sie, obwohl dieser Vorwurf nicht gerecht war. Er leistete mehr als seinen Beitrag, aber diesmal war er merklich unkonzentriert. Kein Wunder. Er musste mit sehr wenig Nahrung und noch weniger Schlaf auskommen.

Er reichte Kate die Kamera und musterte sie mit seinen geheimnisvollen blaugrünen Augen, die ihnen ein weiteres Viertel ihrer Einschaltquoten bescherten.

„Was ist?“

„Nichts.“ Sein Ton ließ etwas anderes vermuten. „Bring mich zu den Eiern.“

Sie standen auf, und Kate ging voraus. Bei dem Baum angekommen, richtete sie die Kamera auf Ty, während er demonstrierte, wie man ein Seil um den Stamm schlang, um leichter hinaufklettern zu können. Innerhalb von drei Minuten war er oben und mit den Vogeleiern in der Westentasche wieder unten.

„Wie hättest du sie gern?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Roh oder gekocht?“

„Es ist dein Lunch, Ty. Ich esse einen Energieriegel.“

„Was ist für die Show besser?“

„Gestern hatten wir die Szene, in der du die Gans gebraten hast. Zeig diesmal lieber, was man ohne Feuer machen kann.“

„Du bist der Boss.“

Skeptisch verzog sie die Lippen. „Kann ich das schriftlich kriegen?“

Ty grinste nur. Natürlich war er der Boss. Nicht nur der Star der beliebten Realityshow, sondern auch ihr Erfinder. Er hatte dem Sender seine Idee präsentiert, sich den Vertrag überreichen lassen und viel von den Erfahrungen, die er als Bergsteiger in allen Teilen der Welt gesammelt hatte, in die Show mit eingebracht.

„Wie kommen wir morgen zum nächsten Drehort?“, fragte er, während er ein Stativ aufbaute.

„Wirfst du überhaupt auch nur einen Blick auf die Reiseplanung, die ich extra für dich schreibe?“

Er verstellte den Neigungswinkel der Kamera. „Das brauche ich nicht, Katie. Ich hab ja dich.“

„Gott möge Erbarmen haben mit der Frau, die du eines Tages heiratest.“ Nicht dass du der Typ zum Heiraten wärst, fügte sie im Stillen hinzu. Sie holte eine Kopie des Zeitplans aus der Gesäßtasche ihrer schmutzigen Jeans. „Morgen früh um fünf treffen wir die Leute mit den Hundeschlitten. Die Fahrt dauert etwa drei Stunden. Wenn der See da oben noch zugefroren ist, filme ich dich beim Eisfischen. Bei Sonnenuntergang werden wir mit dem Schneemobil abgeholt.“

„Wunderbar. Und übermorgen?“

„Ab übermorgen sind wir bis zur nächsten Staffel erst einmal fertig.“

Er seufzte theatralisch. „Und unser nächstes Ziel wird sein?“

Kate lächelte bei dem Gedanken. „Ich weiß nicht, was du vorhast, aber mein nächstes Ziel wird mein Bett sein.“ Sie konnte die kühlen Laken und weichen Kissen schon fast spüren.

„Klingt gut. Ich besuche dich da.“

Sie ging nicht auf die Bemerkung ein. „Da wir gerade beim Thema sind, darf ich ein oder zwei Vorschläge machen für die Schauplätze der nächsten Staffel?“

„Hm?“

„Ich denke an Maui. Saint John’s? Fidschi? Bitte. Dieser Schnee bringt mich um.“

„Du bist aus New England“, entgegnete er, während sein Blick wieder zum Monitor der Kamera schweifte.

„Und ich habe Schnee schon in meiner Kindheit gehasst. Komm schon, Ty. Verschollen auf See? Selbst das ist besser als diese feuchte Kälte.“

Er schüttelte den Kopf. „Keine Dreharbeiten auf See.“

„Warum sperrst du dich immer so dagegen?“

„Ich werde seekrank“, erklärte er knapp. „Jetzt Ruhe am Set.“

Er schaltete die Kamera ein und machte sich an die Arbeit. Kate verhielt sich still, musste aber schmunzeln. Nur Dom Tyler schaffte es, beim Trinken roher Vogeleier erotisch zu wirken.

„Die Zuschauer werden begeistert sein“, meinte sie, nachdem die Aufnahme im Kasten war.

„Dann sind unsere Zuschauer abartig – einschließlich momentan Anwesender.“ Er grinste sie an und baute das Stativ ab.

Kate unterdrückte ein Lächeln. „Ich bin immun gegen deinen Charme, vielen Dank. Und wenn die Zuschauer so viel Zeit mit dir verbringen müssten wie ich, würden sie genauso empfinden.“

Tyler spielte den Beleidigten und zog die Augenbrauen hoch. „Erzähl mir nicht, dass du etwas anderes erwartet hast, als du nach L.A. gezogen bist. Ich meine, ist dies etwa nicht Hollywoods Glamour in schönster Form?“

Er machte eine ausholende Handbewegung über die trostlose Landschaft, das spartanische Lager und sie beide in ihrer praktischen Outdoor-Kleidung – das Gegenteil von Glamour.

„Ich habe nie angenommen, dass der Job einer persönlichen Assistentin glamourös ist.“

„Natürlich nicht.“ Er grinste. „Dein Couchtisch ist sicher nur mit Promi-Magazinen überladen, weil du keine Untersetzer finden konntest.“

Kate schob den matschigen Schnee mit ihrer Stiefelspitze herum. „Ich gebe zu, dass ich mir die Arbeit anders vorgestellt habe – weniger Frostbeulen, mehr Blitzlichtgewitter. Du bist auch nicht gerade der Boss, den ich im Sinn hatte.“ Sie lächelte ihn an, während sie sich auf den Rückweg zum Lager machten. „Ich hatte an ein Starlet gedacht, das süchtig nach Diätpillen ist, nicht an einen Naturburschen und Adrenalinjunkie. Ich dachte, ich würde erster Klasse reisen und ‚Variety‘ lesen, statt auf dem Rücksitz einer Cessna Sachbücher über Eishöhlenerforschung zu lesen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Seltsam, welche Entscheidungen das Universum für dich getroffen hat.“

„Tja. Mein kosmischer Pfeil ist nicht da gelandet, wo ich es erwartet hatte“, erwiderte Kate, auf Tys bevorzugte Methode, ihre Drehorte auszusuchen, anspielend. Er warf dabei blind einen Pfeil auf eine Weltkarte, bis er eine möglichst unwirtliche Gegend erwischte. Ty hatte den Hang, sein Leben dem Zufall zu überlassen, und eine Aversion gegen Vorsicht, die schon unheimlich war.

Er schüttelte den Kopf. „Wenn ich daran denke, dass du bei unserer ersten Begegnung nicht einmal Giftsumach kanntest.“

„Das stimmt nicht.“

„Aber du hattest lackierte Fingernägel. Das kannst du nicht leugnen. Was habe ich nur aus dir gemacht?“

„Nichts, um das ich nicht gebeten hätte“, antwortete sie. Sicher, die Arbeit war nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte, als sie verzweifelt und ohne Berufserfahrung einen Job als Assistentin suchte. Ty war der Erste in der Fernsehbranche gewesen, der vor ihrer Entschlusskraft kapituliert und sie eingestellt hatte. Wider Erwarten hatte sich die Arbeit für ihn in ihren Traumjob verwandelt. Das Reisen und die neuen Erfahrungen spielten dabei eine große Rolle, doch der wahre Reiz war Ty selbst. Er war schnell ihr Freund geworden, der engste Freund, den sie je gehabt hatte, auch wenn sie ihm das nie sagte.

Sie beendete das Geplänkel, indem sie sich nachdrücklich mit den Händen auf die Oberschenkel klatschte und aufstand. „Wie kriegen wir es in dieser Folge hin, dass du dein Hemd ausziehen musst?“

„Ich weise auf die Gefahr von Unterkühlung durch Schwitzen hin und trockne meine Kleidung am Lagerfeuer?“

Sie runzelte die Stirn. „Das tun wir in so gut wie jeder Sendung im Schnee.“

„Ja, weil es sinnvoll und logisch ist.“ Er klang leicht verärgert, was selten vorkam. „Aber ich höre: Welche brillante Idee hast du diesmal?“

„Du fällst in einen eisigen Fluss?“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie an. „Das möchte ich nicht, doch ich wette, das steht ganz oben auf deiner Liste.“

„Du benutzt ein zerrissenes Hemd, um daraus ein provisorisches Fischernetz zu knüpfen?“

„Schon besser.“ Er kam ein paar Schritte näher.

„Das Hemd wurde dir im Kampf um Leben und Tod von einem Puma zerfetzt?“

Er blieb direkt vor ihr stehen. „Du bist viel zu jung, um als Puma durchzugehen, Katie.“

„Wie nett“, erwiderte sie ironisch, aber der Umschwung hatte bereits stattgefunden. So bezeichnete Kate im Stillen diese Veränderung, wenn Tyler unvermittelt in die Rolle des Verführers wechselte. Für ihn war dieses Flirten ein Spiel, eine Zerstreuung, wahrscheinlich nur inszeniert, um ihr auf die Nerven zu gehen. Doch die Wirkung ging tiefer, als sie es ihn jemals wissen lassen würde. Vermutlich schwärmten Zehntausende Frauen wie Schulmädchen für Dom Tyler, und Kate fand, er brauchte nicht zu wissen, dass sie dazugehörte. Dennoch, wenn er dieses Glitzern in den Augen hatte und seine Stimme zu diesem tiefen Raunen senkte, dann war er mehr als nur ihr Freund und Chef. Er war der Mann, der sie in Flammen setzte, ganz ohne Feuerstein und Zunder.

„Wir müssen noch drehen“, meinte sie. „Also lass diesen Blick.“ Sie zog den Reißverschluss seiner Weste bis zu seinem Kinn hoch und gab ihm ein paar leichte Klapse auf die Wange.

„Sklaventreiberin.“

Sie seufzte. „Anders geht es nicht.“

Ty strich ihr über die Schultern und legte seine schwieligen Daumen auf die Stellen an ihrem Hals, wo ihr Puls pochte. So machte er es seit zwei Jahren immer in dieser Situation.

Zwei Jahre …

Langsam beugte er sich vor. Mit den Lippen streifte er ihre Schläfe, ihre Wange, ihr Kinn. Als ihre Nasenspitzen sich berührten, lächelte er. Es war der Moment, in dem er immer lächelte.

„Oh“, murmelte er, als ob ihm gerade etwas eingefallen wäre.

„Was ist?“

Er seufzte theatralisch. „Ich habe nicht daran gedacht, dass ich gerade rohe Eier gegessen habe.“

„Ja, natürlich.“ Sie verdrehte die Augen. Ty zog sich zurück, auf genau die Art, wie er es hundertmal zuvor getan hatte.

„Ich kann es nicht riskieren, dich mit Salmonellen zu vergiften.“

„Auf keinen Fall.“ Es reizte sie, ihn auch einmal heißzumachen und dann einfach stehen zu lassen.

Das erste Mal hatte er es nach Abschluss der Dreharbeiten zur ersten Staffel getan. Sofort war sie seinem Charme erlegen. Als er mit dem Mund an ihrem gesunden Ohr entlangstrich, als er mit den Fingerspitzen über ihren Hals fuhr … Sie war rettungslos verloren gewesen. Sie hatte seinen warmen Atem an ihrer Wange gespürt, und dann hatte er gemurmelt: „Katie?“

„Ja?“

„Mir fällt gerade ein, wir haben unsere Schuhe nicht auf Skorpione überprüft. Eine der Hauptursachen für Tragödien in der Wüste, die zu vermeiden gewesen wären.“

Jedes Mal dasselbe Schema. Es war zum Verrücktwerden. Außer Ty kannte sie niemanden, der auf diese Weise flirtete.

Vor dem Zustandekommen der Show war Ty ein B-Promi in Australien und in gewissen Sportlerkreisen gewesen. Er hatte in Sydney an der Filmschule studiert und sich anschließend einige Jahre professionell dem Freeclimbing gewidmet. Dadurch war er so etwas wie eine Besonderheit geworden – oder ein Schwachkopf, wie einige es ausdrückten. In den entlegensten Gebieten war er ohne Partner, ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen geklettert. Er hatte sich selbst dabei gefilmt, fast so wie jetzt für die Show, eine Kamera von Weitem auf die Szene gerichtet, die andere als Handkamera am Körper, um aus seiner Perspektive aufzunehmen, wie er an steilen Felswänden hing.

Kate hatte einige dieser Videos aufgestöbert, als sie sich auf ihren Job vorbereitete. Beim Betrachten hatte sie annähernd eine Ahnung davon bekommen, auf welche gefahrvollen Abenteuer sie sich einließ.

Was Tys Charme betraf, war sie allerdings jämmerlich unvorbereitet gewesen. Ihre Gefühle für ihn waren mit dem Erfolg ihres gemeinsamen Projekts gewachsen, und aus Bewunderung war Verliebtheit geworden. Doch sosehr sie sich auch nach ihm sehnte, so groß war auch ihre Angst vor Zurückweisung.

Sie war schon zu oft verlassen worden, als Kind von ihrem Vater, von ihrer Mutter, die zwar körperlich anwesend, aber nie wirklich für sie da gewesen war, und mit fünfundzwanzig von ihrem Verlobten. Immer wenn sie sich auf jemanden eingelassen hatte, war sie enttäuscht worden. Schließlich hatte sie ihrem Leben in dem Randbezirk von Boston den Rücken gekehrt und war nach Kalifornien gegangen.

Ty warf ihr ein Lächeln zu. Seine Augen strahlten im kalten Sonnenlicht.

„Gott, das war nah dran.“

Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Du bist so unprofessionell.“ Dieses alberne Spiel hinterließ bei ihr immer ein Gefühl von Verletzlichkeit. Unwillkürlich zupfte sie an ihrem schlechten Ohr. Es tat manchmal immer noch weh, selbst über zwanzig Jahre nach der Entzündung, die sie ein Großteil des Hörvermögens auf dieser Seite gekostet hatte. Sie senkte den Blick und hoffte, dass sie nicht rot geworden war.

„Ich mache ein paar Panoramaaufnahmen“, murmelte sie und ging fort, um in einiger Entfernung Landschaftsbilder einzufangen, die beim Schneiden des Films zwischen die Actionszenen eingebaut wurden.

Hinter ihr knirschte der Schnee. Auch ohne das Geräusch hätte sie gespürt, dass Ty sich näherte. Er strahlte eine Energie aus, die alles in seiner Nähe auf derselben Frequenz vibrieren ließ. Kate liebte das an ihm.

Ohne aufzuschauen, fragte sie: „Was ist, Ty?“

„Was wirst du heute Abend in der Stadt essen?“

„Masochist.“ Während der Dreharbeiten aß er nur, was er selbst jagen oder in der Wildnis an Essbarem finden konnte.

„Wirst du ein Bier trinken?“, fragte er.

Sie antwortete nicht.

„Du wirst sechs Bier trinken und dich an mich ranmachen?“

„Wohl kaum. Ich müsste schon ein paar Whiskey und ein stattliches Bestechungsgeld bekommen, damit das passiert.“

„Meine persönliche Assistentin könnte das arrangieren.“

„Ach, tatsächlich?“ Kate drehte sich um und warf ihm einen gar nicht amüsierten Blick zu und konzentrierte sich wieder auf die Aufnahmen. Ty schwieg eine Weile, dann zog er sanft an ihrem kurzen Pferdeschwanz.

„Lust auf eine Schneeballschlacht? Du darfst anfangen.“

„Bitte geh wieder an die Arbeit, Ty. Uns fehlen noch mindestens zwanzig Minuten Kommentar, und in einer Stunde müssen wir schon packen.“

Ihr Begleitteam sollte sie mit dem Schneemobil abholen und sie in die gottverlassene Stadt, die Ausgangspunkt für ihre Expedition war, zurückbringen. Sie würden essen gehen, und schon nach wenigen Stunden würde der andere Ty an ihre Zimmertür klopfen. Bei dem Gedanken erschauerte Kate in ihrer warmen Jacke.

2. KAPITEL

„Ah, Zivilisation.“ Ty glitt auf den Barhocker neben Kate. Er saß zu ihrer Rechten wie immer. Sie hatte ihm nie genau erzählt, was mit ihrem linken Ohr passiert war, aber er drängte sie auch nicht. Wenn sie nach ihrer Kindheit gefragt wurde, machte sie dicht, und außerdem hatte er nicht unbedingt Lust, sich für etwaige Geständnisse mit der gleichen Offenheit zu revanchieren. Geheimnisse störten ihn nicht. Was er mit Kate hatte, war besser. Sie lebten in der Gegenwart und vertrauten einander blind.

Er musterte sie im roten und blauen Licht der Bierreklame und begann sich zu entspannen. Das liebte er an Kate – das Gefühl von Geborgenheit, das sie ihm vermittelte. Er hatte das bisher noch bei niemandem sonst empfunden, nicht bei Freundinnen, nicht bei Trinkkumpanen oder ehemaligen Kommilitonen, nicht einmal bei seiner Familie. Doch bei Kate – mühelos. Bei ihr konnte er sich einfach fallen lassen.

Sie bestellte beim Barkeeper ein großes Bier und einen Cheeseburger mit Pommes frites. Er winkte höflich ab, beobachtete, wie sie sich in Vorfreude auf ihr Festmahl eine Serviette nahm, und stieß sie mit der Schulter an. „Gott, bist du gemein.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Du hast die Regeln aufgestellt, Ty. Niemand hat von dir verlangt, dass du nichts isst.“

Er rutschte unbehaglich auf dem Hocker hin und her. „Du könntest es mir gleichtun, aus Solidarität. Nur ein einziges Mal.“

„Erwarte nicht zu viel von mir, Boss.“

„Du kennst meine Idee für den Fall, dass uns die Schauplätze in der Wildnis ausgehen?“, fragte er und spielte mit einem Bierdeckel.

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Du meinst deinen Plan, dich unter Obdachlose zu mischen und zu versuchen, eine Woche auf den Straßen von Detroit zu überleben?“

Er zuckte mit den Schultern. „Oder in Delhi oder Lagos. Was hältst du davon? Im Moment hört es sich ziemlich verlockend an. Wenigstens könnte ich in eine Suppenküche gehen.“ Er legte ihr den Untersetzer auf den Kopf.

„Niemand wird dir den Obdachlosen abkaufen.“ Sie schnaubte missbilligend, nahm den Bierdeckel und stieß damit gegen seinen Oberarm. „Nicht mit solchen Muskeln. Außerdem kannst du keinen amerikanischen Akzent nachmachen, um nicht aufzufallen.“

„Ich könnte mit einem Sprachlehrer üben.“

Sie schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall.“

„Wie wäre es dann mit meiner anderen Idee: ‚Dom Tyler undercover in San Quentin‘? Gefängnisinsasse klingt im Augenblick gut. Sie haben da Duschen.“

„Und Klappmesser und Bandenkriege und Seifenstücke auf dem Fußboden. Vergiss es.“

Der Barkeeper brachte das Bier. Kate trank vorsichtig den Schaum ab, sah Ty über den Rand des Glases an und seufzte zufrieden.

„Das tat gut.“

„Das wette ich.“ Er schenkte ihr ein Lächeln, das aussagte, dass er sie kein bisschen niedlich fand. Was auch stimmte. Sie war nicht niedlich. Sie war umwerfend sexy.

Er schielte zu ihr hinüber, als sie ihre Pommes frites bekam. Viele Leute nannten Kate niedlich. Sie war zierlich und hatte die hellste, strahlendste Haut, die er je gesehen hatte, wie ein Model für Gesichtsreinigung. Ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar war glatter und glänzender, als es eine Shampoowerbung zu versprechen wagen würde. Sicher, sie sah niedlich aus. So wie ein tollwütiges Kätzchen niedlich scheinen mochte, bis man den Fehler machte, es zu streicheln.

„Was starrst du mich so an? Hab’ ich Ketchup im Gesicht?“ Sie wischte sich mit einem Daumen über die Mundwinkel.

Niedlich … Er wusste es besser. Er sah Kate, wenn niemand anders in der Nähe war, zu jeder Tages- und Nachtzeit, von ihrer besten und ihrer schlechtesten Seite. In Kleidern und High Heels auf Cocktailpartys, in seinen Boxershorts und seinem Unterhemd, während ihre schmutzige Kleidung an einem Lagerfeuer in gottverlassener Wildnis trocknete.

Sexy.

Sexy, wenn sie sich mit ihm eine Schneeballschlacht lieferte, sexy, wenn sie ihn mürrisch und noch halb im Schlaf um drei Uhr morgens in ihr Motelzimmer ließ.

Jetzt machte sie sich genüsslich über ihren Burger her.

„Ich hasse dich“, murmelte er. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen – nicht nur, weil er Appetit auf den Burger hatte.

„Oh Mann, der ist klasse. So saftig.“

„Ich hoffe, du bekommst eine Lebensmittelvergiftung.“

„Ich bin wohl auch mal dran“, erwiderte sie zwischen zwei Bissen.

Das stimmte allerdings. Wie oft hatte sie ihm das Haar aus der Stirn gestrichen und seinen Nacken massiert, während er die Folgen einer unbedachten Mahlzeit in der Wildnis durchlitt. Bei ihrer Einstellung hatte sie versichert, dass sie als persönliche Assistentin bereit war, alles zu tun, doch sie konnte nicht all das gemeint haben. Eines Tages würde sie an ihre Grenzen stoßen, und obwohl es ihn umbringen würde, sie zu verlieren, hätte es auch Vorteile. Dann hätte er wenigstens endlich die Chance, auf die Signale seines Körpers zu reagieren, wenn er ihr so nah kam, dass er sie küssen könnte. So wie jetzt zum Beispiel.

„Vielleicht sollte ich noch ein Dessert bestellen“, flüsterte sie provozierend.

„Du bist gemein.“ Nicht nur, weil sie ihm genüsslich etwas vorkaute, sondern weil sie mit ihm flirtete. Er wusste, dass Kate sich niemals auf ihn einlassen würde, solange sie Kollegen waren. Wenn sie je ihre Chance bekommen sollten, dann erst, nachdem die Show abgesetzt war. An besonders langen Abenden, wenn sie beide meilenweit die einzigen menschlichen Lebewesen waren und er im Zelt wach lag, während sie ganz in seiner Nähe schlief, betete er um schlechte Einschaltquoten.

„Was würdest du jetzt nehmen, wenn du könntest, Ty?“ Kates Blick schweifte zur Tafel hinter dem Tresen. „Steak? Brathähnchen mit Kartoffelpüree? Oder lieber etwas, das nicht auf der Karte steht?“

Es war eine klare Herausforderung. Wenn diese Frau einen oder zwei Drinks gehabt hatte, konnte sie ein Luder sein. Ty nahm die Herausforderung an und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Als da wäre …?“

Sie lehnte sich näher zu ihm und sah ihm tief in die Augen. „Ich weiß genau, was du willst.“

Sie machte nur Spaß, aber sein Körper reagierte trotzdem.

„Was glaubst du, Katie?“

„Oh, ich glaube … Krabben. Mit geschmolzener Butter und jungen Kartoffeln.“

Sie wusste, was er mochte. Sie kannte ihn besser, als ihr wahrscheinlich bewusst war, und das machte es ihm immer schwerer, sich dagegen zu wehren, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte.

„Ich könnte dich feuern.“

„Ach, Ty. Du wärst ohne mich verloren.“

Sie wandte sich zum Fernseher, der in einer Ecke aufgehängt war. Ein Nachrichtensprecher warnte vor einem Sturm, aber er fand, dass Kate sich mehr Sorgen darüber machen sollte, was sie mit ihrem Flirten anrichtete. Mit verändertem Ausdruck drehte sie sich wieder zu ihm um.

„Dir ist bewusst, dass wir beide so ziemlich alles sind außer Liebhaber, oder?“

Die Bemerkung brachte ihn vorübergehend aus dem Takt. Hoffnung und Lust keimten in ihm auf. „Ja. Warum? Denkst du daran, das zu ändern?“

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Nein.“

Die Enttäuschung kühlte ihn rasch ab. „Warum nicht?“

„Nun, weil es die schlechteste Idee wäre, die ich je hatte.“

Er verdrehte die Augen. „Verzeih, wenn ich nachfrage, aber warum genau ist das so eine blödsinnige Idee?“

„Weil wir beide, falls es schiefgeht – nein, wenn es schiefgeht, gar nichts mehr hätten“, erklärte sie. „Ich habe lange Zeit nichts gehabt, und das ist Mist. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Und schon gar nicht wegen Sex.“

„Wir haben tropische Stürme und Treibsand und Senderfusionen gemeinsam überlebt“, entgegnete er. „Meinst du nicht, dass wir es überleben könnten, vielleicht einmal ein wenig zu viel zu trinken und am nächsten Morgen nebeneinander aufzuwachen?“

„Das ist ein Risiko, das ich nicht eingehen will. Außerdem wache ich eh schon dauernd neben dir auf, und glaub mir, es wird maßlos überschätzt.“

Er legte eine Hand an seine Brust, einen Herzanfall markierend. „Du bist eiskalt, Katie.“

Sie zuckte mit den Schultern und schaute wieder zum Fernseher. „Das ist Saskatchewan.“

Ty ließ sich nicht vom Thema abbringen. „Was, wenn es richtig guter Sex wäre?“

Kate schüttelte wieder den Kopf.

„Du weißt nicht, was wir möglicherweise verpassen“, gab er, nur halb im Scherz, zu bedenken.

„Ich werde es überleben. Außerdem würden all deine weiblichen Fans mich lynchen, wenn es herauskäme.“

Er änderte seine Taktik. „Was, wenn das keine Rolle mehr spielte? Wenn die Show morgen abgesetzt würde?“

Er sah es hinter ihrer Stirn arbeiten, während sie überlegte, ob sie ihn necken oder ihn in die Schranken weisen sollte. Schließlich tat sie beides. „Keine Ahnung. Ich habe nicht vor, es herauszufinden. Doch sollte dieser Tag jemals kommen und wir die Gegenwart des anderen dann immer noch ertragen können, hast du die Erlaubnis, einen Annäherungsversuch zu wagen – einen richtigen. Keinen Moment früher.“

Sie setzte sich gerade hin und widmete sich wieder ihrem Burger. Zehn Minuten später schob sie ihren Teller und ihr noch halb volles zweites Glas Bier über den Tresen.

„Bettgehzeit“, sagte sie und gähnte zufrieden.

Sie kehrten zum Motel zurück und wünschten sich im gelblichen Schein der Parkplatzleuchten Gute Nacht. Ty beobachtete, wie Kate mit schwingenden Hüften davonging und nach einem letzten Lächeln über die Schulter in ihr Zimmer verschwand.

Er würde eine gute Nacht haben, denn er war müde. Vermutlich konnte er es einige Zeit aushalten. Sechs Stunden vielleicht? Während er nach seinem Schlüssel suchte, hörte er, wie Kate die Tür von innen verriegelte. Er wusste jetzt schon, dass er bald hören würde, wie sie den Riegel zurückzog, um ihn hineinzulassen. Wem wollte er etwas vormachen?

Als das unvermeidliche Klopfen an ihrer Tür ertönte, rollte Kate sich benommen herum und schaute auf das digitale Display ihres Reiseweckers. Drei Uhr achtundzwanzig … Ach, du lieber Gott. Da sie wusste, was sie erwartete, schlüpfte sie resigniert aus dem warmen Bett, schlurfte zur Tür und machte auf.

Sie blinzelte ins gelbliche Licht. „Morgen, Ty.“ Kühle Luft drang ins Zimmer.

„Lässt du mich rein?“

„Klar. Fühl dich wie zu Hause.“

Sie hatte längst gelernt, dass das Auftauchen eines attraktiven Mannes mitten in der Nacht an ihrer Türschwelle nicht unbedingt das bedeutete, was man hoffen könnte. Während ihr Gast in halblanger Hose und T-Shirt ins Zimmer trottete, schaltete sie den Fernseher ein. Sie hörte Tys Flip-Flops auf dem Teppich landen und das Rascheln von Laken. Die Geräusche wirkten auch nach all der Zeit immer noch erregend auf sie. Warum auch nicht? Was sie in der Bar gesagt hatte, stimmte. Niemals würde sie ihre unkomplizierte Beziehung zu Ty durch Sex gefährden. Das hieß aber nicht, dass sie nicht mit dem Gedanken spielen konnte.

Sie setzte sich auf die Bettkante und legte die Fernbedienung neben Ty, der mit dem Gesicht zum Fernseher auf dem Bauch lag. Versonnen strich sie durch sein unordentliches Haar. Das war erlaubt. In stillem Einvernehmen taten sie eine Menge Dinge, von denen sie beide wussten, dass sie sie lieber lassen sollten, sobald einer von ihnen anfing, sich mit jemandem zu treffen.

Sie seufzte. „Konntest du nicht noch eine Stunde warten?“

„Ich kann da drüben nicht schlafen. Die Heizung rattert so.“

„Sicher.“

Ty hatte immer eine Entschuldigung für sein Auftauchen. Er litt unter Schlaflosigkeit, aber weshalb es ihm zu helfen schien, sie wach zu halten, blieb ihr ein Rätsel.

Er stöhnte leise und beruhigte sich allmählich. Dieser Klang … er rief Erinnerungen wach, die Kate gern vergessen hätte. Es war zwei Jahre her, dass sie ihn zufällig beim Sex mit seiner damaligen Freundin überrascht hatte, doch die Bilder in ihrem Kopf waren immer noch so deutlich wie am ersten Tag.

Zum Glück hatte er sie nicht bemerkt. Sie hatte einen Schlüssel zu seiner Wohnung in L.A. und war oft unangemeldet vorbeigefahren, um Rohschnitte von der Show durchzugehen oder Unterlagen für ihn dazulassen. Seit damals hatte sie es sich abgewöhnt.

An jenem schicksalhaften Abend hatte sie wie üblich die Tür aufgeschlossen und war Richtung Wohnzimmer gegangen, wo sie den Fernseher laufen hörte. Das Flurlicht war ausgeschaltet gewesen, und der Teppich hatte ihre Schritte gedämpft, sodass sie dem Paar auf dem Sofa keinen Anlass gegeben hatte, seine Aktivitäten zu stoppen. Wohl eine halbe Minute war sie wie erstarrt an der Schwelle stehen geblieben.

Sie hatte Tys nackten Rücken und Po gesehen, flankiert von zwei schlanken weiblichen Beinen, und das Spiel seiner Muskeln während der rhythmischen Stöße beobachtet. Sie hatte sein animalisches Stöhnen über der Geräuschkulisse vom Fernseher gehört. Dann hatte sie sich unbemerkt hinausgeschlichen.

„Woran denkst du?“

Tys Frage riss sie aus ihrer Trance. Sie fühlte, wie ihr heiße Röte ins Gesicht schoss, und dankte Gott, dass es dunkel war. „Erinnerst du dich an Angie?“

„Natürlich. Ich war fast einen Monat mit ihr zusammen. Das ist so etwas wie ein Rekord.“

„Ich habe gerade an sie gedacht“, sagte Kate in beiläufigem Ton. An ihre unerhört langen Beine, wie sie um deine Taille geschlungen waren. „Ich verstehe nicht, warum ihr euch getrennt habt. Sie schien zu dir zu passen und nett zu sein.“

„Sie war bezaubernd“, bestätigte er. „Ich glaube, sie arbeitet jetzt als Model für Unterwäsche. Eine Verschwendung ihres Talents, denn sie ist sehr klug – von ihrer Partnerwahl abgesehen.“

Kate war ein paar Mal mit den beiden essen gegangen und hatte sich dabei immer wie Tys kleine Schwester gefühlt. Wenn eine Tigerin wie Angie ihn nicht fesseln konnte, dann konnte eine Maus wie sie es erst recht nicht. Nicht dass sie es vorhatte. Auf keinen Fall.

„Aber Angie war auch komisch“, schränkte Ty ein. „Sie hatte diesen albernen kleinen Kläffer. Und sie ließ sich die Wimpern färben. Was ist nur los mit den Frauen in L.A.?“

Gähnend schaltete er auf einen Sender um, der die Wiederholung einer niveaulosen Talkshow ausstrahlte. Er verschränkte die Arme unter seinem Kinn und machte es sich gemütlich.

„Du hast nur noch vierzig Minuten, bis wir aufstehen müssen“, erinnerte sie ihn.

„Ich werd’s verkraften.“

Kate seufzte. „Du bist so sonderbar.“

Ty hielt es auf ihren Touren normalerweise drei bis vier Stunden allein aus, bevor er in ihr Bett kroch und Zerstreuung oder Beruhigung suchte. Nachts verwandelte er sich in einen anderen Menschen. Ruhelos, schwermütig und hilfsbedürftig, ganz anders als das Bild von Selbstsicherheit, das er vor der Kamera präsentierte. Kate spürte instinktiv, was er brauchte. Sie ließ eine Handfläche zwischen seinen Schulterblättern kreisen.

„Mmh …“

„Ja, ja.“ Sie tat, als würde sie zum Fernseher schauen, aber wie immer schweiften ihre Gedanken ab. Schon eine ganze Weile – inzwischen Monate – hatte sie keinen Sex mehr gehabt. Beim Anblick des attraktiven Mannes neben ihr nicht daran zu denken war ein Ding der Unmöglichkeit.

„Das fühlt sich so verdammt gut an“, murmelte er.

Kate hörte an seiner Stimme, dass er bereits kurz vorm Einschlafen war. Seine verkrampften Muskeln lösten sich, doch sie streichelte ihn weiter.

„Ty? Bist du noch wach?“

Er schnarchte leise.

„Ich weiß nicht, warum wir uns die Mühe machen, getrennte Zimmer zu buchen“, sagte sie, wohl wissend, dass er sie nicht mehr hörte. „Es ist reine Geldverschwendung. Wir sollten ein Doppelzimmer nehmen. Oder Zimmer mit Verbindungstür. Dann würdest du mich wenigstens nicht jede Nacht aufwecken müssen. Du könntest einfach reinmarschiert kommen und mein Bett besetzen, wie du es immer tust.“

In einer erotischen Fantasie stellte sie sich oft vor, wie Ty nachts in ihr Zimmer schlich und sie weckte, wenn er zu ihr unter die Decke schlüpfte. Sie malte sich aus, wie sein Körper sich an ihren presste, wie sein Mund im Dunkeln ihren fand, leicht und selbstverständlich. Ihre Hände glitten dann über seine Schultern, über seine Hüften und seinen Po. Sie stellte sich vor, wie sie in seine Boxershorts fasste, wenn er sich auf sie rollte, wie er stöhnte, wenn sie ihn mit den Fingern umschloss oder wenn er in sie eindrang. Einfach wundervoll.

Kate war so in Gedanken versunken, dass sie vor Schreck beinahe aufgeschrien hätte, als der Wecker zu summen begann. Sie tastete blind nach dem Gerät, um das nervtötende Geräusch abzustellen, und rüttelte Ty sanft.

Er stöhnte. „Das waren keine vierzig Minuten.“

„Nein, das waren dreiundvierzig. Komm schon.“ Sie tippte mit einem Finger an seinen Po. „Zeit aufzustehen.“ Sie ließ ihn allein und ging unter die Dusche.

Ty drehte sich um, nachdem die Badezimmertür zugefallen war, und starrte an die Decke. Er hörte Kate gähnen und das Wasser anstellen. Wo eben noch ihre Hand auf seinem Rücken gelegen hatte, fühlte sich seine Haut jetzt kalt an.

Er dachte zurück an ihr Geplänkel in der Bar – darüber, was sie füreinander waren. Was er für Kate empfand, ging weit über Freundschaft hinaus, auch über sexuelle Anziehung. Es hatte damit zu tun, wie er sich in ihrer Nähe fühlte. Ruhig, aber lebendig. Nachdem er in der erdrückenden Leere nach dem Tod seiner Schwester aufgewachsen war, war er ausgehungert nach menschlicher Energie ins Erwachsenendasein getreten. Er hatte sie in Dutzenden von halbherzigen Beziehungen mit lebhaften, aber oberflächlichen Frauen gesucht – Frauen, die dynamisch wirkten, die in Wirklichkeit jedoch nur Angst hatten, allein zu sein. Kate hingegen … sie vibrierte geradezu vor Leidenschaft, doch sie war beherrscht. Manchmal wollte er sie an sich reißen und sich zur Abwechslung auch einmal so fühlen, als ob er die Kontrolle hätte.

Natürlich wollte er auch noch etwas anderes. In den vielen Nächten, wenn er gegen Morgen ihr Bett besetzte, wünschte er sich zu fühlen, wie ihre Hände neugierig und ohne Scheu seinen Körper fordernd berührten. Bei dem Gedanken erwachte sein Verlangen. Kate war zwar auf dem Papier seine Angestellte, aber sie war auch die Dompteuse in ihrem Zweipersonenzirkus. Sie war diejenige, die Anweisungen erteilte, und er wollte diese kleine Person, die immer das Sagen hatte, im Bett haben.

Seufzend schaltete er den Fernseher aus, ging zur Badezimmertür und klopfte.

„Was ist?“, rief Kate unter dem prasselnden Wasser.

„Welche Farbe hat der Duschvorhang, Katie?“

Sie stöhnte theatralisch. „Er ist undurchsichtig.“

Ty stieß die Tür auf. Dampf schlug ihm entgegen. Ein Wunder, dass Kate sich nicht verbrühte, so unvernünftig heiß, wie sie duschte. Allerdings hatte sie genug Zeit in Gletscherflüssen verbracht und manchmal nicht einmal ein feuchtes Handtuch zur Verfügung gehabt, um sich das Gesicht abzuwaschen. Sie verdiente solche Verwöhneinheiten.

„Bist du aufgeregt?“, fragte sie über den Lärm, und er hörte den Deckel einer Shampooflasche auf- oder zuklappen.

Er setzte sich auf den Toilettendeckel. „Ja. Und du?“

„Natürlich. Ich bin noch nie mit einem Hundeschlitten gefahren.“

„Die Leute klangen skeptisch.“

„Na ja, das ist verständlich“, meinte sie. „Sie wollten, dass wir eine Woche lang trainieren, damit die Hunde uns kennenlernen. Wir aber geben ihnen nur vier Stunden.“

„Wir haben schon verrücktere Dinge gemacht.“

„Das brauchst du mir nicht zu erzählen. Trotzdem bin ich ein wenig nervös.“

Ihr gerötetes Gesicht tauchte hinter dem Vorhang auf. Von ihrem Haar tropfte Wasser auf die Badematte. „Die Hunde sind schwer zu bändigen. Ich habe mir ein paar Videos im Internet angesehen. Es ist so, wie eine Horde randalierende Betrunkene in Schach zu halten. Betrunkene mit Fängen.“

„Ich bin darauf vorbereitet.“ Wenige Dinge machten ihm Angst. Entscheidungen zu treffen gehörte dazu, doch wenn Kate in der Nähe war, brauchte er das zum Glück nicht. Er war dafür zuständig, die Risiken tatsächlich einzugehen – der ideale Job für einen Mann, der lebte, um das Schicksal herauszufordern. Nur wegen des Nervenkitzels. Nur um sich abzulenken vom ständigen Brummen in seinem Schädel.

Kates Kopf verschwand hinter dem Vorhang. „Ich wette, du bist froh, wenn du diesen Tag hinter dir hast, alter Mann. Reif für eine Auszeit?“

Ty lachte. „Nur in dieser Branche ist man mit einunddreißig alt.“

Einunddreißig? Wann war das passiert?

Sein Leben und seine Karriere waren durch eine Reihe von Zufällen geprägt. Vor der Kamera war er selbstsicher, aber wenn man etwas so Einfaches wie die Wahl eines Restaurants von ihm verlangte, erstarrte er. Er verstand es, das gut zu kaschieren, indem er sich immer nach den Vorschlägen anderer richtete, und tarnte seine lähmende Entschlusslosigkeit als Ritterlichkeit.

„Okay, geh jetzt raus“, forderte Kate ihn auf.

Ty gehorchte und schloss die Tür hinter sich. Er hörte, wie sie das Wasser abstellte und den Duschvorhang zur Seite schob. Fünf Minuten später kam sie angezogen aus dem Bad, duftend wie immer nach dem Duschen. Eine Lotion, vermutete er. Nichts Blumiges, nur sauber. Wie frisch gewaschene Wäsche. Er hatte Lust, sie auf die zerwühlten Laken zu werfen und sich eine Ohrfeige zu holen.

„Was seufzt du so?“ Sie rubbelte ihr Haar trocken und sah ihn aus tiefgründigen blauen Augen an.

„Nichts.“

„Okay, dann zieh deine Stiefel an, Grizzly Tyler. Lass uns ein Meisterwerk produzieren.“

3. KAPITEL

„Da! Das ist es!“

Ty schaute in die Richtung, in die Kate zeigte, und sah das Hinweisschild auf den Hundeschlittenvermieter Grenier weiter oben an der sich windenden, von Pinien gesäumten Straße. Er bog in die Auffahrt ein und lenkte den gemieteten, rumpelnden Truck über tiefe, mit Schneematsch gefüllte Schlaglöcher. Im Hintergrund war hysterisches Hundegebell zu hören.

Kate war zur Tür hinaus, bevor sie überhaupt richtig angehalten hatten. Sie schritt auf den Mann im Holzfällerhemd zu, der aus dem Farmhaus trat, und schüttelte ihm die Hand. Ty beobachtete, wie sie Unterlagen aus ihrer Laptop-Tasche nahm. Es gab einige Papiere zu unterzeichnen, in denen es um ihre Sicherheit, die Sicherheit ihrer Ausrüstung und die Leihgebühren für den Schlitten ging. Zum Glück hatte er dafür Kate, denn diese Dinge langweilten ihn zu Tode.

Er nahm die Rucksäcke und die Kameraausrüstung aus dem Truck und gesellte sich zu den beiden. „Alles okay?“

Kate machte sie miteinander bekannt. „Ty, das ist Jim Grenier. Jim, das ist Dom Tyler.“

„Natürlich. Meine Frau und ich lieben Ihre Show, Mr Tyler.“ Jim Grenier wirkte ehrlich begeistert.

„Danke. Und Ty genügt vollkommen.“ Er begrüßte den älteren Mann mit einem festen Händedruck.

Jim führte sie zu einem Gehege voller bellender Hunde. Alles Huskys, einige weiß, einige grau und eher wolfsähnlich, einige angebunden, andere freilaufend. Alle beäugten ihn und Kate argwöhnisch mit himmelblauen oder hellbraunen Augen.

Sie erhielten einen Crashkurs in Sachen Hundeschlitten. Es war harte Arbeit. Die Hunde knurrten und schnappten im wilden Gerangel um sich. Nach ein paar Stunden jedoch war Ty zuversichtlich. Kate war gut darin, die Hunde mit klaren Kommandos in Schach zu halten, wenn sie anfingen, sich anzuspringen. Sie spielte sehr überzeugend das Alpha-Weibchen, obwohl einige der Tiere beeindruckend waren und an die siebzig Pfund wiegen mochten.

Am späten Vormittag hatten sie die Ausrüstung auf dem Schlitten verstaut, der von acht Hunden gezogen wurde. Ty befestigte eine Kamera daran, um ein paar dramatische Actionszenen einzufangen. Vor ihnen lag eine Route von fünfzig Meilen durch die Wälder. Das Rudel hatte diese Strecke schon einige Hundert Mal zurückgelegt. Selbst wenn er und Kate sich verirren sollten, würden sie den Weg nach Hause allein finden.

Kate zog sich eine Pelzmütze über die Ohren und fixierte ihn mit einem abenteuerlustigen Blick.

„Bereit?“

„Immer.“ Sie stieg hinter ihm auf den Schlitten und hielt sich am Gestänge fest.

Die erste halbe Stunde machte Spaß und verging wie im Flug. Die nächste Stunde war noch erträglich, obwohl Kate in ihrem Wollpullover zu frieren begann. Sie war beim Trainieren ins Schwitzen geraten und hatte sich die Jacke ausgezogen. Das rächte sich jetzt.

Sie drängte sich an Tys Körper, um sich vor dem Fahrtwind zu schützen. Außerdem liebte sie seinen Duft an Tag drei. Es musste an den Pheromonen liegen, denn nach Moschus riechende, unrasierte Männer mit zerzaustem Haar waren normalerweise nicht ihr Geschmack. Ty entsprach in vielerlei Hinsicht nicht ihrem typischen Geschmack, aber in diesem Moment fühlte er sich einfach gut an, groß und stark. Sie drängte sich fest an ihn.

„Alles okay bei dir hinten?“, fragte er.

„Ja. Ich versuche nur durchzuhalten.“

Er feuerte die Hunde an, sodass der Schlitten noch schneller durch den Wald schoss. Ty hatte den Ruf, besonders waghalsig zu sein, doch Kate kannte ihn besser. Er würde sich nie absichtlich in echte Lebensgefahr begeben, aber er forderte das Schicksal heraus. Er fuhr sicher, schnallte sich aber nicht an. Er ging gefährlich dicht an Baustellen vorbei, als wollte er jeden einzelnen Schraubendreher provozieren, ihm auf den Kopf zu fallen. Er besuchte die dunkelsten Bars in L.A. und beeilte sich, Schlägereien unter betrunkenen Gästen zu beenden. Kate würde jederzeit darauf wetten, dass er im Supermarkt immer die verbeultesten Dosen auswählte, nur um zu testen, ob er sich eine Lebensmittelvergiftung einhandelte. Es war eine seltsame Form von russischem Roulette, die er praktizierte.

Wenn allerdings Kinder in der Nähe waren, verhielt er sich völlig anders. Ging man mit ihm an den Strand, um einen entspannten Nachmittag zu haben, verwandelte er sich in einen Hütehund, der wachsam alles um sich herum beobachtete.

„Schläfst du hinter mir ein?“, fragte er, als sie den Kopf zwischen seine Schulterblätter legte.

„Nein, ich verstecke mich nur in deinem Windschatten.“

„Wir können anhalten, wenn du eine Pause brauchst. Musst du vielleicht mal? Du hast vorhin reichlich Kaffee getrunken.“

„Nein. Wir müssten in etwa einer Stunde am Ziel sein. So lange halte ich es noch aus.“ Sie hob den Kopf und schaute auf den Streifen Grau zwischen den Baumkronen. „Der Himmel wird ziemlich dunkel, nicht wahr?“

„Richtig. Macht aber nichts. Für die Show ist zusätzlicher Nervenkitzel immer gut.“

„Ja, die Zuschauer lieben es, dich leiden zu sehen“, stimmte sie zu. Oft bekamen sie Briefe und E-Mails, wenn bestimmte Episoden dem Publikum nicht elend genug erschienen, um glaubwürdig zu sein.

„Nicht nur die Zuschauer, Kate. Ich sehe dich vor mir, wie du grausam lächelnd mit einem Becher heißer Schokolade hinterm Stativ stehst und mich beobachtest.“

„Heute ist es Tee“, stellte sie gelassen richtig. „Möchtest du einen Schluck?“ Sie nahm die Thermosflasche aus einem Fach zu ihren Füßen und schwenkte sie vor seinen Augen.

Er lachte. „Gott, lass das.“

Kate legte die Arme um seine Taille, sodass sie die Kappe abschrauben konnte, ohne vom Schlitten zu fallen, und schaffte es, einen großen Schluck zu trinken. „Oh Mann, das ist gut. Wer hätte gedacht, dass man einen anständigen Chai in Saskatch…“

Fürchterliches Krachen ertönte. Kate wurde plötzlich durch die Luft geschleudert und hörte sich selbst keuchen, als sie gegen einen Baumstamm prallte. Dann wurde es dunkel um sie.

Verdammter Mist.

Ty lag bewegungslos im Schnee und sah gerade noch, wie der umgestürzte Schlitten in vollem Tempo vom Hunderudel fortgezerrt wurde und hinter der nächsten Biegung verschwand. Die Hälfte ihres Gepäcks hatte sich gelöst und war über ein paar Hundert Meter auf dem Weg verstreut.

Er brauchte fast eine volle Minute, bis er wieder zu Atem kam und seine Glieder ihm gehorchten, aber er stellte erleichtert fest, dass nichts gebrochen war. Er richtete sich im zehn Zentimeter hohen Schneematsch auf und schaute sich um.

„Katie?“

Nichts.

Er ging ein Stück auf dem Pfad zurück und rief immer wieder ihren Namen. Seine Anspannung nahm zu, je länger sie nicht antwortete. Mitten auf dem Weg lag ein Ast, der wahrscheinlich unter dem Schnee verborgen gewesen war, bis er den Schlitten zu Fall gebracht hatte. Zum Glück war keiner von ihnen aufgespießt worden, aber wo war Kate?

Das Blut gefror in seinen Adern, als er sie in ihrem grauen Pullover und der Jeans am Waldrand entdeckte. Sie lag zusammengekrümmt unter einem Baum, regungslos. Ty war an Adrenalinschübe gewöhnt, er war praktisch nach ihnen süchtig, doch diesmal erstarrte er in Panik. Angst verschlug ihm den Atem, und es dauerte, bis er die Lähmung überwand und losrannte.

„Kate!“ Schlitternd kam er neben ihrem reglosen Körper zum Stehen und sank auf die Knie. Ein Rinnsal Blut lief von ihrem Mund über ihre blasse Wange und verschwand in ihrem Haar. Innerhalb eines einzigen Atemzugs war er wieder fünfundzwanzig Jahre und neuntausend Meilen zurückversetzt an einen warmen Sommertag, an einen Strand außerhalb von Sydney. Er sah den leeren Ausdruck in den meerblauen Augen seiner kleinen Schwester und fühlte den Schmerz von damals noch einmal, während er in Kates bleiches Gesicht starrte.

„Kate. Katie.“ Hastig zog er die Handschuhe aus, suchte nach Anzeichen von Leben und starb fast vor Erleichterung, als er ihren Puls kräftig und regelmäßig an ihrem Hals fühlte.

„Katie.“ Er strich ihr das Haar zurück und wischte ihr so gut er konnte das Blut ab. Einen Moment lang war er von seinen Gefühlen überwältigt. Erleichterung, Furcht und Schuldbewusstsein frischten seinen lebenslangen Kummer auf. Er legte den Kopf an ihre Schulter und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Jedes Ausatmen beruhigte ihn weiter. Kate lebte, doch sie war nicht außer Gefahr. Nicht hier draußen, nicht, wenn sie verletzt war.

Gerade als er anfing, einen Plan zu machen, wie er sie am besten fortbringen könnte, schlug sie die Augen auf.

„Oh, Gott sei Dank!“, rief er.

„Ty …“

Sie klang benommen, aber sie war okay.

„Gütiger Himmel, Kate, du hast mir vielleicht Angst eingejagt.“

„Wo sind wir?“

Er schaute sich um und brauchte eine Sekunde, um sich daran zu erinnern, dass es eine Welt jenseits des Gesichts der Frau gab, die er beinahe verloren hätte. „Auf dem Schlittenpfad.“

„Richtig … und die Hunde?“

„Über alle Berge.“ Immer noch außer sich strich er ihr über das Haar. „Wie geht es dir? Hast du dir etwas gebrochen?“

Sie runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher. Lass mich versuchen aufzustehen.“

„Vorsichtig.“ Ty fürchtete schon, er würde selbst in Ohnmacht fallen, so sehr hatte sie ihn erschreckt.

„Au.“ Stöhnend richtete sie sich auf die Knie auf.

„Was hast du?“

„Nur Prellungen, glaube ich. Nichts Ernstes … oh nein!“ Sie stand ruckartig auf.

Ty schaute sich hektisch um, auf Bären oder Lawinen gefasst. „Was ist?“

„Die Ausrüstung … die Kameras! Haben wir noch die Kameras?“

Sie schien unter Schock zu stehen.

„Herrje, ich weiß es nicht. Ungefähr die Hälfte unserer Sachen sind vom Schlitten gefallen. Mach dir darüber später Gedanken. Lass uns erst feststellen, ob du okay bist.“

„Das bin ich. Mir geht es gut.“

Sie berührte ihre Lippen und betrachtete das Blut an ihren Fingern, machte ein ärgerliches Gesicht und wischte sich die Hand an der Jeans ab. Ty bemerkte, dass sie leicht zitterte, und zog seine Jacke aus. „Hier.“

Sie nahm sie zerstreut. „Danke. Was für ein Mist.“

Ihr Blick schweifte abschätzend über die Gegend. Da wusste er, dass sie bereits wieder an die Arbeit dachte.

„Bist du sicher, dass du okay bist? Fühlst du irgendwelche Beulen? Du könntest eine Gehirnerschütterung haben.“

„Mir geht’s gut. Lass uns unsere Sachen zusammensuchen.“

Sie marschierte zu dem ersten ihrer auf dem Weg verstreuten Gepäckstücke. Er hingegen wollte noch nicht wieder zur Tagesordnung übergehen. Durch den Unfall war er schlagartig zur Besinnung gekommen. Die Angst, die schon lange unterschwellig in ihm brodelte, ließ sich nicht mehr verleugnen. Dieses lächerliche Projekt, diese alberne TV-Show, hätte seiner besten Freundin beinahe das Leben gekostet.

Als der Schock abebbte, erwachten ursprüngliche Instinkte in ihm. Beschützerinstinkt. Besitzinstinkt. Das Blut schien auf einmal schneller und heißer durch seine Adern zu fließen. Er beobachtete Kate und verspürte das starke Bedürfnis, diese Frau nicht nur zu beschützen, sondern sie zu besitzen, sie zu nehmen. Die Wand einzureißen, die sie beide davon abhielt, alles füreinander zu sein.

In einiger Entfernung von Ty atmete Kate tief durch und zog seine Jacke an, dankbar für die Wärme und den Schutz, den sie bot. Sie musste sich wieder auf die Show konzentrieren, obwohl der Unfall sie zu Tode erschreckt hatte. So knapp war sie noch nie einer ernsten Verletzung entgangen, seit sie diesen Job machte. Sogar Ty wirkte beunruhigt, schon das allein war beängstigend.

Sie war aber keine gewöhnliche Sterbliche, sondern zuallererst ein Profi. Sie würde keine Zeit mit Herumstehen vergeuden, nachdem der Schaden ohnehin bereits eingetreten war. Eine der Kameras war vom Schlitten gefallen. Kate zog den Reißverschluss der gepolsterten Tasche auf und stellte erleichtert fest, dass nichts zerbrochen war. Die Show konnte weitergehen.

„Gute Nachrichten, Boss.“ Sie hielt die Tasche hoch, um sie Ty zu zeigen, aber er antwortete nicht, sondern durchbohrte sie geradezu mit seinem Blick. Der nasse Schnee spritzte um seine Stiefel, als er energisch auf sie zuschritt. Seine Miene war angespannt.

„Hey, Ty!“

Er schluckte. Hinter seiner Stirn schien sich Unheilvolles zusammenzubrauen. „Es ist okay. Wir sind beide okay“, begann sie, doch sein Gesicht verriet ihr, dass ihre Worte nicht zu ihm durchdrangen. Er kam auf sie zu und umarmte sie, zuerst vorsichtig, dann fest. Mit einer Hand umfasste er ihren Hinterkopf und presste ihr Gesicht an seinen Hals, die andere krallte er in die für sie viel zu große Jacke.

„Großer Gott“, murmelte er an ihrem Haar. „Ich hätte dich beinahe verloren.“

„Es geht mir gut, Ty.“ Kate versuchte sich von ihm zu lösen, aber seine Umarmung war so fest und so verzweifelt, dass sie ihn gewähren ließ. So durcheinander hatte sie ihn noch nie erlebt. Er atmete schnell und flach. Sie drückte ihn mit ihrem freien Arm, um ihn zu beruhigen. „Es ist okay.“ Dabei rieb sie seinen Rücken, so wie sie es tat, wenn seine Schlaflosigkeit ihn in ihr Bett trieb.

Seine Haltung entspannte sich. Er ließ sie los, trat einen Schritt zurück und starrte sie an. Sein Blick war verschleiert, um seine Lippen zuckte es. Sie stellte die Kamera ab und schaute nervös zu ihm auf. „Alles in Ordnung?“

Mit zitternden Händen berührte er ihre Schultern. Kate fühlte, wie ihre Augen groß wurden, und wand sich, als seine Finger zu ihrem Hals glitten. „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, Ty.“

Er ignorierte ihren Protest und drückte mit den Daumen an ihren Puls, so wie es sein Drehbuch vorschrieb. Seine Lippen streiften ihre Schläfe.

„Lass das“, sagte sie.

„Was?“

„Dein dämliches Spiel.“

Seine Lippen glitten weiter, bis sie seine sanfte Stimme direkt in ihrem gesunden Ohr hörte.

„Diesmal spiele ich nicht.“

Sie schwankte. „Sei kein Idiot.“

Er bewegte seinen Kopf, bis ihre Nasenspitzen sich berührten. „Dann sag mir, was ich sein soll“, flüsterte er, wobei seine Lippen ihre streiften.

Das war nicht Teil des Drehbuchs. Diesmal war es anders. Kein Spiel, sondern Ernst. „Wer bist du?“, fragte sie irritiert.

Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er fragte: „Wer oder was bin ich, Katie? Dein Chef? Dein Freund?“

„Beides“, murmelte sie. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals hinauf.

„Könnte ich jemals mehr sein?“

„Hast du vor, mich zu küssen?“, wollte sie atemlos wissen. Sie war nie gut darin gewesen, die Schüchterne zu spielen.

„Wirst du mich lassen?“

Sie zitterte. „Keine Ahnung. Find es heraus.“

Ty strich über ihr Kinn und drückte die Daumen an ihre Wangen, während er ihre Unterlippe zwischen seine Lippen nahm.

Ein Kuss. Tatsächlich ein richtiger Kuss.

Kate schloss die Augen. Ein heftiger Schauer durchrieselte ihren Körper, als sie ein leises Stöhnen von Ty hörte und es auch fühlte. Ein Klumpen Schneematsch sickerte durch ihren Pullover und rutschte von ihrer Schulter und ihren Rücken hinab. Die feuchte Kälte glich die Hitze des Kusses etwas aus.

Er küsste sie wieder. Seine Zunge flirtete schüchtern mit ihrer, dann drang sie tiefer in ihren Mund ein, wurde kühner. Kate strich über Tys muskulöse Arme und schob ihre Finger in sein Haar. Sein Mund fühlte sich gefährlich an, fordernd und heiß, und er schmeckte genau so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Sie vergaß den Unfall und ihre Professionalität. Sie wollte mehr. Sie wollte jeden Zentimeter von Ty schmecken und im Gegenzug seine Lippen auf ihrem Körper spüren. Wie viele Nächte hatte sie dicht bei ihm gelegen? Wie oft hatte sie sich gefragt, ob sie die Dinge je zu weit treiben würden? Sie hatte sich diesen Moment hundertmal vorgestellt – tausendmal, doch sie hatte sich geirrt. Es war viel besser, als sie je zu hoffen wagte.

Der Kuss wurde tiefer und intensiver. Nasse Schneeflocken landeten auf Kates Gesicht. Sie unterdrückte ein Stöhnen, als Ty ihren Kopf mit seinen starken Händen umfasste. Er drängte sich an sie, bis sie einen Schritt zurücktaumelte und mit dem Rücken hart gegen einen Baumstamm gedrückt wurde. Ein unsichtbares Schleusentor öffnete sich zwischen ihnen. Tys Küsse vermischten sich mit Lauten, die er nicht kontrollieren zu können schien. Er griff fester in ihr Haar, bis er plötzlich seine Lippen von ihren löste und sie über ihre Wange zu ihrem gesunden Ohr gleiten ließ. Sein Atem strich als Dampf über ihre Haut.

„Oh, Katie.“

Ein vertrautes Gefühl stieg in ihr hoch und kühlte ihre Leidenschaft rasch ab: Furcht.

Kate schob ihn zurück. „Nicht.“

Er schaute ihr in die Augen. „Was nicht?“

Bring mich nicht dazu, mich in dich zu verlieben. „Tu’s einfach nicht wieder.“ Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, die von seinen Küssen brannten. Ein eisiges Rinnsal Wasser floss an ihrem Rücken hinab, als sie sich vom Baumstamm abstieß.

Tys Stimme klang weich und melancholisch, als er sagte: „Sicher. Tut mir leid.“ Er wandte sich ab und kümmerte sich um ihr verstreutes Gepäck.

Eine halbe Minute lang beobachtete sie ihn einfach nur. Am liebsten hätte sie ihm nachgerufen, dass sie ihre Meinung geändert hatte, dass er zurückkommen und sich nehmen sollte, was immer er wollte. Stattdessen folgte sie seinem Beispiel und fing an, ihre Sachen einzusammeln.

Sie hatte die alte Kate, die sich viel zu oft von ihrem Herzen in die Irre leiten ließ, längst hinter sich gelassen. Sie hatte ihren Bostoner Akzent abgelegt, ihren Namen geändert und sich neu erfunden, als sie nach L.A. gekommen war. Wenn sie jetzt den Wünschen ihres Körpers folgte, riskierte sie zu viel – ihren Job, ihre beste Freundschaft, ihre neue Identität. Und wofür? Wie sie Ty kannte, würde es ein paar aufregende Tage oder Wochen dauern, bis er das Interesse an ihr verlor. Sie hatte das oft genug mit angesehen und wollte nicht die nächste in der Schlange sein.

Sie schaute auf seinen Rücken, während er sich einen Pullover anzog, den er in ihrem restlichen Gepäck gefunden hatte. Ein Zittern durchlief sie, gefolgt von Erleichterung darüber, dass sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Sie entdeckte ihre eigene Jacke und tauschte sie gegen Tys aus. Ihren Körper hüllte sie in warme Daunen und wasserdichtes Nylon, ihr Herz in Eisen und Stahl, geschmiedet aus altem Schmerz und verstärkt durch die schlechten Erfahrungen mit Männern, die sie für dumm verkauft hatten.

Du hast schon mein Leben, Dom Tyler. Glaub nicht einmal eine Sekunde, dass du mein Herz haben kannst.

4. KAPITEL

„Der Schneefall wird stärker“, stellte Ty fest. Er schaute in beide Richtungen des Wegs. „Was meinst du? Umkehren und zu den Greniers zurückmarschieren?“

Kate schüttelte den Kopf. „Das Lager unseres Sicherheitsteams ist jetzt näher … es muss so sein.“ Sie setzte ihre Mütze auf und sah sich um. „Aber der Pfad gabelt sich irgendwann. Ich weiß nicht, welche Route richtig ist, und die Karte ist in deinem Rucksack.“

„Der inzwischen halb zu Hause ist.“ Seufzend blickte Ty in die Richtung, in die die Hunde schon lange verschwunden waren.

Kate nickte. „Zusammen mit dem GPS und dem Satellitentelefon. Das Sicherheitsteam wird meinen, dass wir zügig vorankommen. Niemand wird vermuten, dass etwas nicht stimmt, jedenfalls nicht vor heute Nachmittag, wenn die Hunde vor der Zeit ohne Menschen eintreffen.“

„Mist.“

„Das kann man wohl sagen. Wir müssen uns beeilen und die Gabelung finden, bevor die Spuren der Hunde zugeschneit sind.“ Kate atmete frustriert aus. Sie musste sich auf die Arbeit konzentrieren, um den Gedanken an Tys Küsse zu entfliehen und dem fast schmerzhaften Verlangen, das er in ihr geweckt hatte. Er schulterte ihren Rucksack und marschierte los, während sie neben ihm herging und ihn mit der einzig verbliebenen Kamera filmte.

Seine Körperhaltung änderte sich. Nun strahlte er wieder etwas von der Souveränität aus, die ihm nach dem Unfall abhandengekommen war. Er drehte sich um und wandte sich an sein künftiges Publikum.

„Das war ein ziemlicher Schock.“ Er räusperte sich. „Dabei ist es gar nicht so ungewöhnlich, sich auf diese Weise in der kanadischen Wildnis zu verirren. Jedes Jahr werden Dutzende Menschen durch solche Unfälle von ihren Schlittenhunden samt Schlitten getrennt. Ob Sie es glauben oder nicht, wir haben das nicht inszeniert.“

Blinzelnd schaute er auf den dunklen Wald um sie herum und zum grauen Himmel über ihnen. Schneeflocken flogen ihm ins Gesicht und blieben an seinen Augenbrauen und Koteletten hängen.

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, wie weit ich vom Camp unseres Sicherheitsteams entfernt bin, aber ich kann es nicht. Es muss jetzt etwa ein Uhr sein, und wenn ich nicht in den nächsten Stunden dort ankomme, werde ich einen Unterschlupf bauen müssen. Es sieht aus, als ob ein übler Sturm aufzieht.“ Er hielt inne, damit der Kommentar sauber geschnitten werden konnte, dann fügte er hinzu: „Was Sie zu Hause nicht gesehen haben, ist, wie meine Kamerafrau und Produktionsassistentin Kate Somersby sich nach zwei qualvollen Jahren der Abweisung endlich von mir hat küssen lassen.“

„Zweieinhalb“, verbesserte Kate ihn automatisch.

„Zweieinhalb. Ich halte für die Akten fest, dass sie nach Honig und irgendeinem exotischen Gewürz schmeckt.“

„Das ist nur mein Tee.“ Kate versuchte zu verbergen, welche Wirkung er auf sie hatte, und versteckte sich hinter der Kamera wie hinter einem Schutzschild.

Ty fuhr mit seiner Schilderung fort: „Als sie mit den Fingern durch mein Haar strich, wollte ich sie gegen den Baum dahinten drücken. Ich wollte, dass sie darum bettelt, dass ich sie endlich nehme.“

„Hör auf.“ Kate ließ die Kamera sinken. „Mach keine Witze darüber.“

„Das tue ich nicht.“

Sie ging weiter, damit sie ihn nicht ansehen musste.

„Ich würde nie Witze darüber machen. Dazu habe ich mir das viel zu lange gewünscht.“

„Für mich hörte es sich nach einem Witz an“, entgegnete sie gereizt.

„Dann tut es mir leid. Aber es ist nicht so.“

„Schön. Behalt es einfach für dich. Ich habe es mir nicht gewünscht.“

„Nein?“ Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit.

„Nein. Glaub es oder nicht, es gibt mindestens eine Frau auf diesem Planeten, die nicht hin und weg ist, nur weil der große Dom Tyler sich herabgelassen hat, sie zu küssen.“

Er zog die Brauen zusammen. „Lass es nicht so abfällig klingen.“

„Denk mal nach, Ty. Milch bleibt länger frisch als deine Beziehungen, und ich habe keine Lust, die Nächste zu werden, die deinetwegen sauer wird. Vielleicht hast du es vergessen, aber wir sind Partner und Freunde. Und außerdem bin ich deine Angestellte.“

„Du bist auch die Frau, die mich mitten in der Nacht in ihr Bett kriechen lässt.“

Sie schürzte die Lippen. „Die Show muss weitergehen, Ty. Das bedeutet, dass du gelegentlich schlafen musst. Ich sorge nur dafür, dass du es tust.“

„Dir liegt sehr viel an dieser Show, nicht wahr?“

Kate nickte.

„Was ist daran das Wichtigste für dich?“

Wie gründlich sie mich daran hindert, richtige Beziehungen zu pflegen und Wurzeln zu schlagen. „Ich mag einfach das Gefühl, gebraucht zu werden.“

Ty schwieg eine Weile. Als er wieder sprach, klang er müde: „Ich werde ein paar Dinge an deiner Jobbeschreibung ändern müssen, Kate.“

Ihr gefror das Blut in den Adern. Sie wischte sich die schmelzenden Schneeflocken von den Wimpern und schaute ihn vorsichtig an. „Was meinst du damit?“

„Ich finde, du solltest von jetzt an zu Hause bleiben, mich nicht mehr auf die Exkursionen begleiten.“

Ihr Herz fing an zu rasen. Diese Ankündigung war eindeutig erschreckender als jedes Szenario, das sie sich je hätte vorstellen können. In ihrem Kopf schwirrten Worte herum, die Ty gar nicht ausgesprochen hatte, die jedoch in das Skript passten, nach dem sie früher gelebt hatte. Ich brauche dich nicht. Ich verlasse dich. Sie wollte gleichzeitig davonlaufen, weinen, schreien und um sich schlagen.

Mühsam wahrte sie die Fassung und schüttelte den Kopf. „Das kannst du nicht tun.“

„Ich muss es sogar – nach dem, was gerade passiert ist.“

„Du willst mich feuern?“

„Das habe ich nicht gesagt. Du sollst nur nicht mehr zum Filmen mitkommen. Den Rest kannst du weitermachen wie bisher, nur dies hier nicht.“ Er deutete mit einer ausholenden Handbewegung über die trostlose Landschaft.

Kate hatte das Gefühl zu ersticken. „Nein. Nein. Du kannst mich nicht einfach abservieren.“ Sie hörte sich wie die alte Kate an und verachtete sich für den flehenden Tonfall.

„Es ist kein Abservieren. Nur … so etwas wie vorhin darf nicht noch einmal passieren, Kate. Es tut mir leid. Wenn wir zurück sind und anfangen, die nächste Staffel zu produzieren, wirst du bei den Dreharbeiten nicht mehr dabei sein.“

„Was, du willst alles allein machen?“

„Vielleicht. Oder ich stelle jemanden ein. Jemanden, der …“ Ty verstummte.

„Was? Jemanden, der besser ausgebildet ist als ich?“, fragte sie herausfordernd. „Jemanden, der kompetenter ist oder …“

„Nein, nur eben nicht du, okay?“

„Das kannst du nicht machen, Ty.“ Wieder klang ihre Stimme flehend. Kate hasste sich dafür, dass sie sich plötzlich so erbärmlich klein fühlte, hasste Ty dafür, dass er die Macht hatte, sie sich so fühlen zu lassen. „Das kannst du einfach nicht machen.“

Traurig lächelte er. „Es ist meine Show. Du wirst sehen, dass ich es kann.“

Diese Ankündigung trieb einen Stachel in ihr Herz. „Ich kann nicht fassen, dass du so selbstsüchtig bist“, sprudelte es schrill vor Wut aus ihr heraus.

„Dass ich verhindern will, dass du zu Schaden kommst, ist selbstsüchtig?“

„Das ist mein Leben! Die Show ist mein Leben!“

Er seufzte frustriert und schüttelte auf eine gönnerhafte Art den Kopf, die Kates Blut vor Zorn zum Kochen brachte. Sie blieb stehen und stellte die Kamera auf der Tasche im Schnee ab. Ty drehte sich ein paar Schritte vor ihr um. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie durch den dichten Schneefall nicht erkennen.

„Wir müssen weitergehen, Katie. Und wir müssen dicht zusammenbleiben. Man kann ja kaum noch etwas sehen.“

Sie hörte ihm gar nicht zu. In Gedanken war sie sechs Monate weiter und hatte das Bild vor Augen, wie sie ihm zum Abschied nachwinkte, wenn er zu den Drehorten der nächsten Staffel aufbrach und sie zurückließ. Bis bald, Kate. Ich schick’ dir eine Postkarte.

„Kate?“

Benommen schüttelte sie den Kopf. Sie konnte nicht mehr klar denken. All die Gefühle, die sie normalerweise abblockte, Schmerz und Verzweiflung, drangen durch den Panzer um ihr Herz.

„Ich werde meine Meinung in dieser Sache nicht ändern, Kate. Sorry.“

Das letzte Wort brachte das Fass zum Überlaufen. Kate tat das Einzige, was sich richtig anfühlte – sie ging auf Ty zu und schubste ihn. Ein harmloser Stoß, dann noch einer, der ihn nach hinten taumeln ließ. Wütend trommelte sie mit den Fäusten auf seine Brust. Er ließ sie ein paar Sekunden gewähren, bevor er ihre Handgelenke packte.

„Kate, hör auf.“

„Nimm zurück, was du gesagt hast, dass du mir den Job vermiesen und mein Leben zerstören willst!“

„Das ist nicht dein Leben. Das dahinten, das war dein Leben.“ Er deutete mit einem Kopfnicken zu der Stelle, wo der Unfall passiert war. „Du hättest es beinahe verloren – für eine Fernsehsendung! Das ist es nicht wert.“

Sie versuchte sich loszureißen, aber sie hatte gegen ihn keine Chance. „Das kannst du nicht einfach entscheiden!“

„Doch, das kann ich.“

„Verdammt, Ty, wieso? Weil wir einmal in drei Jahren Dreharbeiten einen Unfall hatten? Weil … weil ich dich gebeten habe, mich nicht wieder zu küssen?“

Er sah ihr in die Augen. „Nein. Ich kann nur nicht zulassen, dass du dich für die Show in Gefahr bringst. Für mich.“

Sein Griff wurde lockerer, und Kate riss ihre Hände zurück. Verzweifelt versuchte sie es mit einem neuen Ansatz. „Du reagierst übertrieben, weil du Angst um mich hattest, aber mir ist nichts passiert!“ Sie klopfte sich ab, ihre Schultern, Rippen, Oberschenkel. „Ich bin okay! Außerdem ist es nicht nur deine Show. Es ist auch meine, und das weißt du.“

Er senkte den Blick. „Es tut mir leid, doch ich bleibe dabei.“

„Ich glaub’ es nicht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Es ist nur eine alberne Show, Katie.“

Wie kann er das sagen, dachte sie. Diese „alberne Show“, wie er sie nannte, war die Sonne in ihrem Leben, um die sie seit zweieinhalb Jahren kreiste. Sie hielt einen Moment inne, nur lange genug, dass sie ihren Handschuh ausziehen konnte, um Ty eine kräftige Ohrfeige zu geben. Sein Kopf flog zur Seite, und auf seiner stoppeligen Wange entstand ein hässliches rotes Mal.

„Kate …“

„Du kannst mich nicht feuern, weil ich beinahe verletzt worden wäre beim Produzieren einer Survivalshow!“, ereiferte sie sich. „Natürlich ist es gefährlich! Darum geht es doch!“

„Beruhige dich.“

Ty machte eine Bewegung auf sie zu, aber sie wich wütend zurück. „Nein! Das lasse ich nicht mit mir machen! Fünf Staffeln, hast du gesagt. Du hast mir fünf Staffeln versprochen, es sei denn, die Show wird vorher vom Sender abgesetzt. Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich in L.A. hinter dem Schreibtisch sitze, während du hier draußen die spannenden Sachen machst.“

„Katie …“

„Nenn mich nicht so!“ Sie konnte die Verniedlichung ihres Namens jetzt nicht ertragen. „Wie kannst du mir das nur antun?“

„Es ist nur eine Show. Ein Job. Du wirst einen anderen finden, wenn dir das, was ich dir anbiete, nicht genügt.“ Er atmete tief durch. „Begreifst du denn nicht, dass du vorhin beinahe dein Leben verloren hättest?“

Begreifst du nicht, dass du mein Leben bist, dachte Kate.

Das Schweigen, das nach ihrem Geschrei entstand, war bedrückend. Kate verstaute die Kamera in der Tasche und marschierte los. Aus dem Augenwinkel sah sie Tys rote Jacke.

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