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Zurück in deinem Bett / Ein Mann für jede Spielart / Glut im Blut

Tori Carrington

Zurück in deinem Bett

1. KAPITEL

Heiß. So unglaublich heiß …

Sie rekelte sich auf der Picknickdecke und beobachtete erregt, wie er die Hand auf ihren zitternden Bauch legte und ihren nackten Körper betrachtete, nachdem er ihr Kleid vorn aufgeknöpft hatte. Der Stoff glitt über ihre Haut. Sie trug keinen BH, weshalb er sich auf den pinkfarbenen Stofffetzen konzentrieren konnte, der verhinderte, dass sie seinem hungrigen Blick vollkommen ausgeliefert war. Er schob die Daumen unter die schmalen Bänder an ihren Hüften und zog ihr quälend langsam den Slip herunter, bis sie endlich davon befreit war. Sie wollte ihre Beine zusammenpressen, doch er gab einen leisen Protestlaut von sich und brachte sie dazu, sich ihm zu öffnen. Sie wand sich, als die Sommersonne und seine erotische Aufmerksamkeit ihre Haut wärmte.

Und dann berührte er sie …

Mit seinen langen Fingern streichelte er sie und bereitete ihr ein unglaublich lustvolles Vergnügen …

Er beugte sich hinunter und presste seine Lippen auf ihre.

Der Kuss war zu nass … zu süß …

Sie drehte den Kopf, und er leckte stattdessen ihr Ohr.

Nein, nein, wollte sie flüstern. Sitz … mach Platz …

Penelope Weaver schreckte keuchend aus dem Schlaf hoch. Hechelnd. Nur war nicht sie diejenige, die hechelte, auch nicht der Mann, der in letzter Zeit so oft die Hauptrolle in ihren Träumen gespielt hatte.

Stattdessen erblickte sie, noch ein wenig verschwommen, ihren Golden-Retriever-Bordercollie-Mischling und wich seinem üblen Atem aus.

„Thor!“

Penelope setzte sich auf. Es dauerte einen Moment, bis sie ganz bei sich war. Sie lag nicht auf einer Picknickdecke auf Old Man Bensons Weide vor dem Dorf, sondern in ihrem Bett, in ihrem Haus in der Maple Street. Die Sommersonne wanderte zwar tatsächlich über ihren Körper, doch war es früher Abend und sie vollständig bekleidet.

Und die zu feuchten Küsse bekam sie nicht von dem Mann aus ihrer Fantasie, sondern von ihrem acht Jahre alten Hund.

Igitt!

Sie nahm den Aufziehwecker vom Nachtschrank. Kurz nach sieben.

Kurz nach sieben!

Barnaby Jones würde jeden Moment hier sein, um sie abzuholen.

Sie sprang aus dem Bett und lief ins Gemeinschaftsbadezimmer am Ende des Flurs. Es war ein langer Tag gewesen in dem kleinen Café, das sie in der Main Street besaß, deshalb hatte sie für ein paar Minuten ihre müden Füße ausruhen wollen.

Das Café. Selbst jetzt noch kam es ihr merkwürdig vor, ihren Laden so zu nennen. Ursprünglich hatte sie den nämlich eröffnet, um ihre Wandteppiche zu verkaufen. Sie nannte ihn „Penelope’s Possessions“. Doch als das Sägewerk vor vier Jahren geschlossen worden war, war vieles von dem verschwunden, was früher Besucher nach Earnest gelockt hatte. Betriebe machten dicht, Schaufenster waren plötzlich leer. Sie stellte sich darauf ein, indem sie ihre Waren im Internet anbot. Aus dem Laden wurde nach und nach ein Café. Keine schwierige Verwandlung, da sie schon immer guten Kaffee gekocht hatte. Und dank ihrer Großmutter und Großtante gab es einen unerschöpflichen Nachschub an selbst gebackenen Leckereien.

Inzwischen war das Café bekannt als „Penelope’s“.

Sie betrachtete ihr gewelltes dunkles Haar im Spiegel und zerwuschelte die am Hinterkopf platt gelegenen Locken. Dann überprüfte sie ihren Eyeliner. Abgesehen von einem kleinen Grübchen in der rechten Wange sah sie nicht allzu schlimm aus. Sie holte tief Luft und strich ihr Kleid glatt. Ein Kleid, das dem in ihrem Traum nicht unähnlich sah. Nur dass es kein Traum gewesen war, oder? Es handelte sich vielmehr um eine Erinnerung, wenn auch eine schon lang zurückliegende. Trotzdem war diese Erinnerung noch so intensiv, dass es ihr den Atem raubte.

Als sie wieder auf den Flur hinausstürmte, wäre sie beinah über Thor gestolpert.

„Du bringst uns noch beide um“, murmelte sie und schob sich an dem Hund vorbei.

Ihr war klar, dass er ihr nur deshalb an den Fersen klebte, weil niemand sonst da war. Die Stille im Haus erinnerte sie an den Grund für die Abwesenheit ihrer Mitbewohner – sie hofften, Penelope würde heute Abend Sex haben.

Sie stöhnte innerlich. Ihre Großmutter und ihre Großtante, mit denen sie zusammenwohnte, mischten sich mit Vorliebe in ihre Angelegenheiten ein. Zwei alte Frauen, deren Sexleben weitaus interessanter war als ihr eigenes.

Interessant? Dazu hätte sie erst einmal ein Sexleben haben müssen. Das war aber nicht mehr der Fall seit …

Sie schluckte. Nun, seit ungefähr der Zeit, in der ihr Traum spielte.

Es war Sommer in Earnest, Washington, und die Sonne würde erst in etwa zwei Stunden untergehen. Doch wegen der hohen Bäume, die das idyllische viktorianische Haus umstanden, war das Licht darin gedämpft. Penelope schaltete eine Lampe ein und ging wieder Richtung Flur und Küche. Sie konnte nicht still sitzen und auf den Mann warten, der sie zu ihrem fünften Date abholen würde. Barnaby Jones war gar nicht so übel. In gewisser Hinsicht konnte man ihn durchaus „süß nennen“. Groß, breitschultrig und umgänglich. Aber der Sheriff der Stadt löste leider nicht einmal annähernd solche Gefühle in ihr aus, wie sie sie in ihrem Traum erlebte. Ein- oder zweimal hatte sie sogar im Schlaf einen Orgasmus gehabt, so intensiv waren ihre Erinnerungen.

Entweder das, oder sie war einfach ein bemitleidenswertes Individuum. Wie dem auch sei – der Gutenachtkuss, den Barnaby ihr nach den letzten beiden Dates gegeben hatte, hatte bloß schwesterliche Empfindungen in ihr ausgelöst.

Sie würde es ihrer Grandma Agatha und ihrer Großtante Irene nur höchst ungern beibringen, aber Tatsache war nun einmal, dass es in diesem Haus heute Abend keinen Sex geben würde. Auch wenn es hier noch so still war und Penelope Zeit hatte.

Allerdings war sie ziemlich dankbar für die saubere Bettwäsche, für die Agatha wegen des „großen Ereignisses“ gesorgt hatte. Der frische Duft der draußen auf der Leine getrockneten Baumwolle war vermutlich dafür verantwortlich, dass sie eingedöst war.

Und was den Traum anging …

Nein, darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Außerdem wollte sie die Häufigkeit dieses Traums in jüngster Zeit nicht damit in Verbindung bringen, dass der fragliche Mann wieder in der Stadt gesehen worden war. Die mögliche Nähe dieses Mannes hatte auch nichts mit ihren gemischten Gefühlen für Barnaby zu tun. Schließlich hatte sie ihn seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Er hatte keinen Einfluss mehr auf das, was sie tat oder fühlte.

Thor winselte zu ihren Füßen.

Penelope verzog den Mund. „Was ist los? Du hast Wasser, Futter …“

Wahrscheinlich wollte er nach draußen.

Sie schaute auf ihre Uhr. Das war gar keine so schlechte Idee. Bei der Gelegenheit konnte sie nach ihren Rosen und dem Gemüsegarten sehen.

Sie öffnete die leise quietschende Fliegentür, und Thor rannte hinaus. Penelope folgte ihm. Die Tür fiel hinter ihr zu, und sie stand in dem Garten, der sich in den vergangenen dreißig Jahren kaum verändert hatte. Die Bäume waren vielleicht ein bisschen gewachsen, und der Holzzaun im hinteren Teil des Grundstücks war erst ein paar Jahre alt. Doch wuchsen hier noch die gleichen Pflanzen, und der Gemüsegarten befand sich noch an der alten Stelle. Und abgesehen von einigen neuen Farbschichten war auch der geschlossene Pavillon noch derselbe.

Penelope zog es zu diesem romantischen Pavillon, in dem sie als Teenager so viele Jahre verbracht hatte. Sie ging an ihren Rosen vorbei und blieb erst unter dem Rundbogen stehen. Von dort aus betrachtete sie die gemütlichen Kissen, auf die sie ihren Kopf bei der Lektüre unzähliger Bücher gebettet hatte. Hier hatte sie sich auch vielen Träumen hingegeben.

Unwillkürlich berührte sie die eine Seite ihres Halses und fühlte sich in diesem Moment seltsam ausgeliefert. Fast kam es ihr so vor, als beobachte jemand sie.

„Hallo, Penelope.“

Sie wirbelte so schnell herum, dass sie auf den Holzstufen des Pavillons beinah das Gleichgewicht verloren hätte.

Aber Palmer DeVoe fing sie rechtzeitig auf …

Wunderschön …

So oft Palmer sich innerlich auf diesen Augenblick vorbereitet hatte – auf die tiefen, aufwühlenden Gefühle, die das Wiedersehen mit Penelope Weaver weckte, war er nicht vorbereitet. Begierde, Verlangen, Angst meldeten sich, alles nacheinander.

In seiner Erinnerung war Penelope noch immer die lebenslustige junge Frau mit dem strahlenden Lächeln, den Grübchen und der schlanken Figur. Sie war sein erstes erotisches Abenteuer, seine Highschool-Liebe und ja, er gab es zu, seine erste große Liebe überhaupt. Jetzt hatte sie sich in eine bodenständige, aufregende, sexy Frau verwandelt, deren Anblick ihn noch tiefer berührte.

Ihr lockiges Haar trug sie etwas kürzer, ihr Gesicht war ein wenig voller. Aber das Lächeln war noch immer freundlich, und ihre dunklen Augen blickten neugierig wie eh.

Palmer hielt nach wie vor ihren Arm fest. Sie schauten beide auf die Stelle, an der ihre Haut sich berührte.

Er ließ seine Hand noch ein wenig dort und staunte darüber, wie zart Penelopes Haut sich anfühlte. Dann zog er die Hand zurück, während Penelope gleichzeitig einen Schritt zurückwich.

„Ich habe schon gehört, dass du wieder in der Stadt bist“, sagte sie leise.

Er deutete auf den Pavillon hinter ihr. „Der kommt mir sehr bekannt vor.“

Sie schaute über die Schulter und errötete. Fast hätte er glauben können, dass sie gerade an ihn gedacht hatte, als er sie angesprochen hatte. Eigentlich hatte er hier nicht stehen bleiben wollen. Wie schon bei mehreren Gelegenheiten zuvor, war er einfach an diesem Haus vorbeigekommen. Nur hatte er Penelope diesmal im Garten entdeckt. Sie hatte dort gestanden wie ein Geist aus der Vergangenheit.

Penelope ging auf das Haus zu. Ihr Kleid umschmiegte ihren Körper an genau den richtigen Stellen.

Natürlich hatte Palmer gewusst, dass es unvermeidlich sein würde, ihr früher oder später über den Weg zu laufen. Nachdem er in den vergangenen Wochen seine Heimatstadt mehrmals besucht hatte, wohnte er inzwischen wieder hier. Zumindest auf absehbare Zeit. Was bedeutete, dass er viele Leute aus der Vergangenheit wiedersehen würde.

„Dies ist kein guter Zeitpunkt“, erklärte sie ruhig.

Er musterte sie im schwächer werdenden Tageslicht mit zusammengekniffenen Augen. „Ich hätte ja angerufen, aber …“

Ein schwacher Versuch, humorvoll zu sein, der kläglich scheiterte.

Palmer räusperte sich. „Ich wollte gar nicht vorbeikommen. Ich war nur auf dem Rückweg von der Main Street zu Foss’s Bed & Breakfast …“

Sie nickte. „Das habe ich mir schon gedacht.“

Sie schien ihn zu mustern, und er hatte das Gefühl, bei dieser Begutachtung durchzufallen.

„Du siehst gut aus“, stellte sie nur fest.

„Du auch.“

Ein verlegenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Ich meine nicht … körperlich.“ Sie gab einen leisen Laut von sich. „Es scheint dir gut ergangen zu sein.“

Das stimmte, oder etwa nicht? Er hatte alles erreicht, was er sich erhofft hatte, als er damals Earnest verlassen hatte und nach Boston gegangen war. Und noch mehr.

Warum hatte er dann plötzlich das Gefühl, das sei alles sinnlos gewesen?

„Hallo?“, rief eine Männerstimme aus dem Haus.

Überrascht schaute Penelope in die Richtung.

Palmer verzog das Gesicht. Obwohl er um diese Information nicht gebeten hatte, berichteten viele Leute aus der Stadt ihm über Penelope. So erfuhr er, dass sie nach wie vor Single war und ihr ein kleiner Laden in der Main Street gehörte, einer der wenigen, der in dieser wirtschaftlich angeschlagenen, viertausend Einwohner zählenden Stadt noch nicht zugemacht hatte. Er war ein paar Mal nach Ladenschluss daran vorbeigegangen und hatte die bunten Teppiche an den Wänden betrachtet.

In keinem der Gespräche, die er geführt hatte, war ein Mann in Penelopes Leben erwähnt worden.

Aber natürlich gab es einen. Warum sollte er etwas anderes annehmen?

„Hast du deinen Vater schon besucht?“, wollte sie wissen, statt dem Mann zu antworten, der nach ihr rief.

Palmer nahm an, dass sie die Antwort auf diese Frage bereits kannte. Genauso, wie er viele Details über sie aus zweiter Hand kannte, so hatte sie sicher auch verschiedene Dinge über ihn gehört, seit er wieder zurück war. Es war zwar kein Staatsgeheimnis, aber er war sich ziemlich sicher, dass alle in der Stadt wussten, dass ein Besuch bei seinem alten Herrn noch ausstand.

Die Hintertür ging auf, und ein Mann, der Palmer gut bekannt war, kam heraus. Ein Mann, der ihn um etliche Zentimeter überragte und ihn mehrmals in seinem Wohnwagen besucht hatte, der ihm momentan als Büro diente. Sheriff Barnaby Jones hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er ihn im Auge behalten würde. Der Sheriff zeigte ihm gegenüber eine gewisse Feindseligkeit.

Jetzt kannte er auch den Grund dafür.

Penelope lief zu dem Mann. „Barney! Hallo.“

Der Blick des Sheriffs, mit dem er sie ansah, und die Art, wie er ihr Komplimente zu ihrem Kleid machte, war für Palmers Begriffe einen Tick zu intim. Dann richtete der Sheriff seine Aufmerksamkeit auf ihn. Barnabys Miene veränderte sich.

„Barnaby, ich möchte dir einen … alten Freund der Familie vorstellen“, sagte Penelope. „Palmer DeVoe, dies ist Barnaby Jones.“

Palmer ging zu ihm und schüttelte ihm die Hand. „Ich glaube, wir sind uns bereits begegnet.“

„Ja, das sind wir.“ Aus dem Mund des Sheriffs klang es nach einer Warnung.

Penelope registrierte offenbar den Unterton und mischte sich ein.

„Barney und ich fahren zum Jahrmarkt in Lewisville“, sagte sie und machte ein verwirrtes Gesicht, als könne sie selbst nicht verstehen, warum sie das gesagt hatte. „Es war schön, dich zu sehen, Palmer. Ich hoffe, du genießt deinen Besuch hier. Du warst schon eine Weile nicht mehr zu Hause, und ich weiß, dass alle sich freuen, dich zu sehen.“

Palmer straffte die Schultern unter dem prüfenden Blick des Sheriffs und schenkte Penelope sein charmantestes Lächeln. „Besuch? Ich bin nicht zu Besuch hier. Ich bin zurückgekommen.“

2. KAPITEL

Die nicht ganz korrekte Bemerkung rief exakt die Reaktion hervor, die Palmer beabsichtigt hatte. Nur bedeutete das nicht allzu viel, da Penelope zusammen mit Barnaby in ihrem Haus verschwunden war und ihn allein am Gartentor zurückgelassen hatte.

„Und denk dran, wohin du auch gehst, da bist du.“

Das Zitat von Konfuzius, das seine Mutter gern wie ein Papagei nachgeplappert hatte, kam ihm in den Sinn, als er sich auf den Weg zum Bed & Breakfast machte. Er schob die Hände in die Taschen seiner Khakihose und dachte über die Worte der Frau nach, die er geliebt und verloren hatte. In diesem Fall durch den Tod.

Janice DeVoe war so süß gewesen, dass sein Vater einmal gesagt hatte, man bräuchte keinen Zucker im Kaffee, wenn sie sich im selben Zimmer aufhielt. Das war natürlich lange, bevor alles zum Teufel ging, gewesen. Und bevor sie diese Krankheit bekommen hatte, die sie geleugnet hatte, bis es zu spät gewesen war.

Gern hatte sie Geschichten über ihr einziges Kind erzählt, den unangefochtenen Sonnenschein ihres Lebens. Zum Beispiel, wie er, kaum dass er sprechen konnte, verkündet hatte, er würde ein wichtiger Mann werden, der reichste der Welt und, wenn es noch in seine Pläne passte, Präsident der Vereinigten Staaten. Und sie hatte ihn bei allem ermutigt, was immer er vorgehabt hatte.

Bis sie dem Tod nahe gewesen war und an den Sohn gedacht hatte, den sie so liebte … und an den Vater, der anfangs von der besonderen Mutter-Sohn-Bindung amüsiert gewesen, später jedoch zunehmend eifersüchtig geworden war.

Da hatte Janice das Zitat zum letzten Mal benutzt und die beiden Männer in ihrem Leben dazu aufgerufen, ihre Differenzen beizulegen und sich miteinander zu versöhnen. Sie hatte gesagt, sie würden einander jetzt brauchen.

Dann war sie gestorben, und Palmer und sein Vater hatten sich wie zwei Fremde angestarrt.

Kurz darauf war Palmer fortgegangen. Abgesehen von kurzen Anrufen zu Weihnachten und an den Geburtstagen sprachen er und sein Vater seitdem kaum miteinander.

Palmer näherte sich jetzt der Ecke Maple und Elm Street. Er blieb stehen, ehe er die Kreuzung überquerte. Nicht wegen des Verkehrs. Um diese Uhrzeit an einem Freitagabend gab es nämlich keinen. Nein, er blieb stehen, statt direkt auf das B&B zuzugehen, weil er rechts abbiegen konnte. Drei Blocks weiter lag die Straße, in der er aufgewachsen war und die er seit seinem neunzehnten Lebensjahr nicht mehr besucht hatte.

„Ich bin nächste Woche in der Gegend“, hatte er seinem Vater am Telefon erklärt.

Thomas hatte einen verächtlichen Laut von sich gegeben. „Dann werde ich mal die Medien informieren.“

Eine Einladung zu einem Besuch gab es nicht. Keinerlei Andeutung, dass Thomas seinen Sohn gern wiedersehen würde.

Ehe er so recht wusste, was er tat, bog Palmer rechts ab und schlug den Weg ein, den er früher oft gegangen war. Nach wenigen Minuten stand er vor dem Haus, auf das seine Mutter so stolz gewesen war. Er hätte es nicht wiedererkannt, wenn nicht der schiefe, verrostete Briefkasten mit dem Familiennamen gewesen wäre, der am ungepflasterten Bordstein stand.

Das schlichte einstöckige Schindelhaus war einst in strahlendem Weiß gestrichen worden, mit taubenblauen Fensterläden. Mit bunt blühenden Blumenbeeten, ordentlich geschnittenen Büschen und gemähtem Rasen. Jetzt sah alles verlassen aus, als sei Palmers Mutter der einzige Besitzer gewesen und als hätte seitdem niemand mehr hier gewohnt.

Palmer öffnete die Gartenpforte, die schief in den Angeln hing, und ging langsam über den von Unkraut überwucherten Schotterweg. Die Fenster waren fast bis zur Hälfte von den Büschen zugewachsen. Auf den rissigen Betonstufen lag eine Zeitung. Er hob sie auf, überprüfte, ob es sich um die heutige Ausgabe handelte, und klopfte an die Tür.

Die Fliegentür war so dreckig, dass er die offene Haustür dahinter gar nicht bemerkt hatte. Bis er die heisere Stimme seines Vaters so nah hörte, als stünde der alte Mann direkt neben ihm.

„Was zur Hölle wollen Sie?“, rief er. „Ich kaufe nichts.“

Palmers Vater murmelte noch etwas, aber das war offenbar nicht für den Besucher vor der Tür bestimmt.

Wie leicht es wäre, einfach wieder umzudrehen. Einfach fortzugehen und so zu tun, als sei er nie hier gewesen.

Palmer legte die Hand auf den Türgriff und stellte fest, dass abgeschlossen war.

„Ich habe gefragt, was zur Hölle Sie wollen.“

Der alte Mann stand inzwischen direkt auf der anderen Seite der Fliegentür und starrte hinaus.

Thomas DeVoe erkannte seinen Sohn nicht.

Und Palmer hätte seinen Vater nicht erkannt, wenn er nicht genau gewusst hätte, dass er vor dem richtigen Haus stand.

Sein Vater, der früher groß gewesen war, schien um einige Zentimeter geschrumpft zu sein. Vielleicht lag es auch an den eingesunkenen Schultern, als hätte er nicht mehr die Kraft, sich aufrecht zu halten. Durch den Dreitagebart wirkte sein Gesicht noch hagerer, als es ohnehin schon war, und sein ergrauendes Haar verriet, dass ein Frisörbesuch mindestens einen Monat überfällig war. Er trug ein Unterhemd, das eher grau als weiß war, und seine Hose wäre ihm glatt von den mageren Hüften gerutscht, wenn sie nicht von einem Gürtel gehalten worden wäre.

Palmer wedelte mit der Zeitung. „Hallo, Pops.“

Thomas blinzelte. Er schien aus jeder Pore Alkohol zu verdunsten.

„Ich habe bloß einen Sohn, und das sind nicht Sie“, sagte er und wollte die Tür schließen.

Wohin du auch gehst, da bist du …

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte Barnaby sich schon zum dritten Mal innerhalb einer Stunde bei Penelope.

Sie schob die Hand in seine Armbeuge, während sie über den Jahrmarkt schlenderten. Überall duftete es nach Bratwürsten und Zuckerwatte, und Kinder schrien vor Begeisterung bei ihren Vergnügungsfahrten.

„Mit mir ist alles in Ordnung“, versicherte sie ihm.

Was glatt gelogen war. Mit ihr war überhaupt nichts in Ordnung. In Gedanken war sie noch immer bei der Szene in ihrem Garten, kurz bevor ihr Date auftauchte. Sie verspürte ein Kribbeln, als hätte Palmer sie nicht bloß angesehen.

Verdammter Kerl.

„Möchtest du gern ein Schweinsohr?“, fragte Barnaby.

Penelope sah ihn verwirrt an. „Wie bitte?“

Er deutete auf eine Essensbude.

Sie lachte, da sie erst jetzt verstand, dass er das frittierte Gebäck meinte. Dann schaute sie auf ihren Bauch, den sie gedankenverloren gerieben hatte. Denn sie hatte bereits das Gefühl, als befänden sich echte Schweinsohren darin und versuchten hinauszuflattern.

„Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“

Penelope zögerte. „Es tut mir leid“, erwiderte sie aufrichtig. „Aber ich glaube, so gut geht es mir eigentlich nicht. Ich muss etwas gegessen haben, das mir nicht bekommen ist.“

„Die Bratwurst vielleicht?“

„Das glaube ich nicht. Es muss vorher gewesen sein, bevor wir hierher fuhren.“

Genau genommen hatte es in dem Moment angefangen, als sie Palmer in die Augen gesehen hatte.

„Ich frage dich nur ungern, aber könntest du mich nach Hause fahren?“

Barnaby sah sie prüfend an. Doch falls es eine Erklärung in ihrer Miene zu lesen gab, so fand er sie nicht. „Ist es so schlimm?“

Sie nickte. „Ich will dir wirklich nicht den Abend verderben, aber ich kann bloß noch daran denken, nach Hause zu fahren und mich hinzulegen.“

Und sich ihren Erinnerungen hinzugeben. Aber das würde sie ihm selbstverständlich nicht sagen. Sie würde niemals gestehen, dass Palmers Auftauchen eine solch unerwartete Wirkung auf sie hatte. Weder Barnaby noch Palmer würde sie das anvertrauen.

„Möchtest du eins zum Mitnehmen?“, fragte Barnaby.

Sie lächelte. „Ja, danke. Das wäre nett. Danke.“

Als Penelope auf der Veranda vor ihrem Haus stand, ein eingewickeltes Schweinsohr in der Hand, fragte Barnaby: „Möchtest du, dass ich noch mit reinkomme?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich fürchte, ich wäre keine angenehme Gesellschaft.“

Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, der Tag nur noch ein dunkelviolettes Schimmern am westlichen Abendhimmel. Penelope hatte ihr Verandalicht angelassen, das Barnabys attraktive Gesichtszüge hervorhob.

„Danke, dass du mit mir auf dem Jahrmarkt warst. Und dafür auch“, fügte sie hinzu und hielt das Gebäck hoch.

„Gern geschehen.“

Er stieg die letzte Stufe hinauf. Penelope wusste, dass er sie küssen wollte. Hastig versuchte sie sich etwas einfallen zu lassen, um diesen Kontakt zu vermeiden.

„Gute Nacht“, sagte sie und wandte sich ab. „Ich muss dringend etwas gegen meine Magenbeschwerden nehmen.“

„Bei mir hilft Natron immer Wunder“, meinte er.

Sie schloss schnell die Tür auf und huschte ins Haus. „Danke. Das könnte genau das sein, was ich brauche.“

Bevor er ihr anbieten konnte, ihr Natron zu besorgen, machte sie die Tür hinter sich zu und wartete darauf, ihn weggehen zu hören. Als ihr klar wurde, dass er womöglich wartete, ob sie allein im Haus zurechtkäme, schaltete sie das Licht ein und spähte durch die Vorhänge. Er stand noch immer dort draußen, deshalb winkte sie einmal und zog die Türvorhänge zu.

Endlich hörte sie seine Schritte, als er zurück zu seinem Wagen ging. Kurz darauf war das Geräusch des anspringenden Motors zu hören.

Penelope seufzte erleichtert. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie die Luft angehalten hatte.

Sie ging in die Küche und schaltete unterwegs weitere Lampen ein. Theoretisch war Barnaby Jones der perfekte Mann für sie. Abgesehen davon, dass er attraktiv und Single war, hatten sie auch noch die gleichen Schulen besucht. Sie kannten die gleichen Leute und mochten die gleichen Unternehmungen. Tja, vielleicht lag genau darin das Problem – sie passten einfach zu gut zusammen.

Sie legte das Schweinsohr auf die Küchenarbeitsfläche und verfluchte im Stillen ihre Großmutter und Tante für deren ewige Einmischungen. Allerdings war Barnaby deutlich besser als so mancher der anderen Männer, mit denen die beiden sie zu verkuppeln versucht hatten. Da war zum Beispiel der geschiedene Automechaniker, der alle fünf Minuten seine Muskeln angespannt hatte, weil er gedacht hatte, das gefiele ihr. Und der brave Vizepräsident der Bank, der ständig seine Brille auf der Nase hochgeschoben hatte, aber ihr vor Schüchternheit kaum in die Augen schauen konnte. Er hatte sich so fest an sie geklammert, als sie ihn geküsst hatte, dass sie befürchten musste, er würde sie nie wieder loslassen. Bei dem Versuch, sich wieder von ihm zu lösen, hätte sie ihn beinahe die Verandastufen hinuntergeschubst.

Auf ihrer Date-Skala belegte Barnaby also klar einen der oberen Plätze.

Wenn es nur aufregender wäre, ihn zu küssen! Aber das war, als würde sie ihre Großmutter küssen. Sie verzog das Gesicht wegen des Vergleichs, und dabei fiel ihr auf, dass es im Haus viel zu ruhig war. Es lag nicht nur an der Abwesenheit der beiden alten Damen, die ihr diesen neuesten Schlamassel eingebrockt hatten.

„Thor?“, rief sie.

Keine Antwort. Was nichts Ungewöhnliches war. Wenn der Hund sich irgendwo zusammengerollt hatte und schlief, würde er sich nicht vom Fleck rühren.

Sie öffnete die Tür zur Vorratskammer und nahm die Tüte mit seinen Lieblingshundekuchen heraus. Doch er tauchte noch immer nicht auf.

Das war eigenartig. Normalerweise würde er jetzt schon hechelnd vor ihr sitzen.

Sie schüttelte den Beutel. „Na, wo ist denn mein braver Junge?“, rief sie. „Hast du dir ein Leckerchen verdient?“ Erneut schüttelte sie den Beutel.

Nichts.

Hm.

Dann fiel ihr ein, dass sie ihn draußen gelassen haben könnte.

Sie entriegelte die Tür und öffnete sie. Von ihrem Hund war weit und breit nichts zu sehen.

Sie schaltete das hintere Verandalicht ein.

„Thor?“, rief sie in die Nacht hinaus.

Irgendwo im Garten war ein einzelnes Bellen zu hören.

Widerwillig trat sie auf die Veranda hinaus und hoffte, dass er nicht schon wieder einen Dachs gestellt hatte. Oder, noch schlimmer, ein Stinktier. Beim letzten Mal hatte sie ihn dreimal baden müssen, in Tomatensaft und dann in Zitronensaft. Aber der Gestank war trotzdem erst mit der Zeit verschwunden. Zwei Tage lang hatten sie den Hund nicht mehr aus dem Haus gelassen, und er hatte die ganze Nacht gejault.

„Thor, komm her“, befahl sie und schnupperte schon mal vorsichtshalber. Doch außer dem Duft ihrer Rosenbüsche nahm sie zum Glück nichts wahr.

Ein weiteres leises Bellen war zu hören.

Penelope stieg die Stufen hinunter und ging den Gartenweg entlang. Sie hörte das Hecheln des Hundes, bevor sie ihn sah. Besser gesagt, seinen wedelnden Schwanz, denn Thor saß im Pavillon.

„Was treibst du denn hier?“, fragte sie und ging zu ihm.

Thor drehte sich um und leckte ihre ausgestreckte Hand, ehe er begeistert an der Tüte schnupperte, die sie noch immer in der anderen Hand hielt.

„Ich weiß nicht, ob ich dir ein Leckerchen geben soll, denn du warst kein sehr braver Junge.“

Er wedelte heftiger mit dem Schwanz und fing an, bellend um sie herumzuspringen.

Sie lachte. „Oh, na schön. Eines vielleicht.“

Ein Schatten bewegte sich im Pavillon. „Was ist mit diesem ungezogenen Jungen hier?“, fragte eine vertraute Stimme. „Kriegt der auch ein Leckerchen?“

3. KAPITEL

Palmer hatte nicht damit gerechnet, dass Penelope so früh zurückkam. Er hatte sogar befürchtet, sie könnte nicht allein sein, wenn sie nach Hause kam. Doch hier war sie nun, ohne misstrauischen Sheriff im Schlepptau. Diesmal hatte er also mehr Glück als mit dem Überraschungsbesuch bei seinem Vater.

„Palmer“, flüsterte sie. „Was machst du denn hier?“

Er verzog das Gesicht. Ja, was tat er hier eigentlich? „Ich sitze hier herum.“

Es folgte ein längeres Schweigen, nur die Geräusche der Sommernacht waren durch die dünnen Wände des Pavillons zu hören. Drinnen roch es nach Holz und Blumen. Die Kissen auf der Bank waren weich und einladend.

Wie oft hatten sie beide sich hier heimlich getroffen, versteckt in der Dunkelheit? Dutzende Male?

„Hast du hier etwa gewartet, seit ich fort bin?“

„Nein.“

Obwohl er sich wünschte, es wäre so. Die Reaktion seines Vaters hatte ihn schwer getroffen. Schwerer, als er vermutet hätte. Welcher Vater wies denn sein eigen Fleisch und Blut an der Haustür ab? Besonders, wenn man berücksichtigte, dass der Mann keine anderen Angehörigen mehr hatte.

Zu Palmers Erstaunen betrat Penelope den Pavillon und setzte sich ihm gegenüber auf die Bank. Er konnte nur ihre Konturen erkennen und ihren leisen Atem hören. Ein dezenter Jasminduft lenkte seine Gedanken in eine völlig andere Richtung …

„Das war aber ein kurzes Date“, bemerkte er.

„Ja, das war es.“

„Ich hoffe, ich habe mit meinem Auftauchen nichts ruiniert.“

Sie lehnte sich zurück gegen die Polster. „Warum nur habe ich da so meine Zweifel?“

„Vielleicht, weil du mich einfach zu gut kennst.“

„Anscheinend aber nicht ganz so gut, wie ich geglaubt habe.“ Sie sprach so leise, dass er die Worte kaum verstand.

Es lagen zwar Jahre zwischen der letzten Begegnung im Pavillon und dieser, doch kam es ihm vor, als sei es erst gestern gewesen. Nicht wegen der Dinge, die er gesagt oder die sie getan hatte. Sondern wegen dem, was er empfand.

Palmer stützte die Unterarme auf seine Schenkel und faltete die Hände zwischen den Knien. Durch diese Sitzhaltung kam er in Penelopes Reichweite. Er wartete ab, ob sie zurückwich oder blieb. Sie rührte sich nicht, und das erregte ihn ein wenig.

Es war seltsam, dieses Verlangen, das er nach wie vor verspürte. Das Erwachsenwerden und der zeitliche Abstand hatten ihn glauben lassen, seine Erinnerungen seien Kinderkram, nicht wirklich ernst zu nehmen. Eine Jugendliebe, vor allem hormonell bedingt.

Aber von dieser Theorie konnte er sich allmählich verabschieden. Denn in diesem Augenblick empfand er exakt das gleiche Verlangen wie damals. Vielleicht war es sogar noch stärker. Er sehnte sich danach, Penelope auf seinen Schoß zu ziehen und sie leidenschaftlich zu küssen. Er wollte seine Lippen auf ihre pressen, ihre vollen Brüste berühren und ihr Seufzen an seinem Ohr hören.

Er räusperte sich. „Ich habe heute Abend meinem Vater einen Besuch abgestattet.“

Er hätte schwören können, ihren fragenden Blick in der Dunkelheit zu spüren.

„Ja, ich weiß, ich hätte schon früher zu ihm gehen sollen“, fuhr er fort. „Wahrscheinlich hatte er von meiner Rückkehr gehört.“

Palmer fuhr sich durch die Haare und legte die Hände wieder zwischen seinen Knien zusammen.

„Er tat, als kenne er mich nicht, und machte mir die Tür vor der Nase zu.“

Sie gab einen Laut von sich, den er als Zeichen der Überraschung interpretierte.

Palmer kniff die Augen zusammen, doch es nützte nichts, er konnte sie im Dunkeln nicht richtig erkennen. „Ist es möglich, dass er seinen eigenen Sohn nicht erkennt?“

Penelope wusste von Palmers schwierigem Verhältnis zu seinem Vater. Sie war der einzige Mensch, dem er davon erzählt hatte.

„Ich habe dich jedenfalls gleich wiedererkannt“, flüsterte sie.

Dafür war Palmer auch dankbar. Er hätte nicht gewusst, wie er mit zwei derartigen Zurückweisungen an einem Abend fertig geworden wäre.

Andererseits wäre er gar nicht erst bei seinem Vater aufgetaucht, wenn sie ihm nicht zu diesem Besuch geraten hätte.

„Was glaubst du, warum er es getan hat?“, fragte er.

Sie gab einen weiteren leisen Laut von sich, diesmal jedoch nicht wegen dem, was er gesagt hatte. Nein, er hatte die Finger ausgestreckt und mit den Fingerspitzen ihre Knie berührt. Der Saum ihres Rocks reichte bis knapp darüber, sodass er ihre warme Haut spürte.

Und sie war wirklich warm … weich … einladend.

Der Himmel stehe ihm bei, aber er begehrte sie so sehr, dass es schon wehtat.

„Palmer … bitte …“

Seine Hände glitten höher, als hätten sie einen eigenen Willen. Langsam schob er sie unter ihren Rock.

Penelope sog scharf die Luft ein und hielt seine Hände fest. Inzwischen war sein Gesicht so nah vor ihrem, dass er sie küssen konnte. Nah genug, um den Duft ihrer Haut wahrnehmen zu können. Nah genug, um ihren Atem auf seinem Gesicht zu spüren.

„Als ich dich heute Abend wiedergesehen habe, glaubte ich, in die Vergangenheit gereist zu sein“, gestand er mit rauer Stimme. „Zurück in die Zeit, als wir noch Kids waren und die Welt außerhalb dieser Gartenpforte ein einziges großes Fragezeichen. Als es für mich nichts gab außer dem Wunsch, dich zu küssen.“

Er war von seinen eigenen Worten überrascht. Es war eine Sache, es sich insgeheim einzugestehen. Doch sie auszusprechen und Penelopes Zurückweisung in Kauf zu nehmen, war etwas völlig anderes.

„Als ich mich bereit erklärt habe, hierher zurückzukehren, um mich um dieses Projekt zu kümmern … da habe ich gehofft, ich würde dich wiedersehen.“ Ihre Hände lagen noch immer auf seinen. „Nur hatte ich überhaupt nicht damit gerechnet, dieses … so für dich zu empfinden. Erneut.“

Er schloss für einen Moment die Augen.

„Ich verstehe ja, dass du wahrscheinlich nicht dasselbe empfindest …“

Lange Sekunden vergingen, in denen weder Palmer noch Penelope sprachen. Sie saßen praktisch Stirn an Stirn, er mit geschlossenen Augen.

Endlich sprach sie.

„Genau darin liegt das Problem.“ Sie machte eine Pause. „Ich fühle exakt das Gleiche …“

Für Penelope war es tatsächlich ein Problem. Ein monumentales Dilemma. Denn während Palmer froh darüber zu sein schien, dass er die gleichen Gefühle für sie hegte wie damals, war sie eher bestürzt über die Situation. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, erneut in diese Lage zu kommen.

So viel Zeit war seit damals vergangen …

Und es bedeutete rein gar nichts. Ein Tropfen in einem Wassereimer.

Sie versuchte, an Barnaby zu denken und an alle Gründe, weshalb sie nicht zulassen sollte, dass Palmer sie küsste. Doch als er näher kam, fiel ihr kein einziger Grund mehr ein, so fieberhaft sie auch überlegte. Was blieb, war das Bewusstsein seiner Nähe, aufregend, knisternd.

Als seine Lippen ihre fanden, entwich ihr ein Seufzer, der sich all die Jahre in ihr angestaut zu haben schien.

Sie ließ seine Hände los und schlang ihm die Arme um die Schultern. Wie war es möglich, dass er noch genauso schmeckte? Wie konnte sein Haar sich noch immer so voll anfühlen? Wie konnte diese Begierde, die sie seit seinem Weggang nicht mehr verspürt hatte, wiedererwachen, als sei er nie fort gewesen?

Palmer stöhnte und schob seine Hände noch weiter unter ihren Rock. Als er mit seinen Fingern ihren feuchten Slip streifte, wäre sie beinahe von der Bank gesprungen.

„Wow, ich hatte ganz vergessen, wie heftig du manchmal reagierst.“ Er küsste sie lang und fordernd. „Ich konnte mich stets darauf verlassen, dass ich ganz genau wusste, was du für mich empfindest. Dass du mich ebenso sehr begehrst wie ich dich.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und hasste die heißen Tränen, die ihr in die Augen stiegen.

Das ist nicht wahr, wollte sie sagen. Wenn du mich so sehr gewollt hättest, wie ich dich wollte, wärst du niemals gegangen.

Doch noch ehe sie über die Bedeutung dieser Worte nachdenken konnte, hob er sie auf seinen Schoß. Penelope erschrak und klammerte sich an seine Schultern, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Bevor sie sich gefangen hatte, physisch wie emotional, umfasste er ihr Gesicht und küsste sie von Neuem.

Sie spürte seine aufregende Nähe, seine Wärme … und seinen Schoß unter ihrem Po. Es war unmöglich, an etwas anderes als ihr wachsendes Verlangen zu denken. Er atmete schwerer, genau wie sie. Nun waren es ihre Hände, die ein Eigenleben zu entwickeln schienen. Sie fuhren in seine Haare, glitten an seinem Rücken hinunter und wanderten nach vorn zu seiner muskulösen Brust. Er fühlte sich gut an. Fest. Solide. Weit besser als in ihren Träumen. Er war hier. In der Gegenwart. Und diese Tatsache würde sie voll auskosten.

Sie drehte sich um und setzte sich rittlings auf seinen Schoß. Dabei schob sie ihren Rock so weit hoch, dass nur noch ihr hauchzarter Slip und seine Hose eine Barriere zwischen ihren Körpern darstellte.

Penelope hielt inne. Nicht, weil sie plötzlich zögerte, sondern weil sie die heiße Erregung genoss, die sie in diesem Moment durchflutete und sich bis in jede kleinste Zelle auszubreiten schien.

Sie hatte längst vergessen, wie es war, nichts mehr zu denken und sich diesem überwältigenden Gefühl hinzugeben.

„Du bist noch viel schöner als damals“, flüsterte Palmer.

Penelope legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Scht … Bitte. Sprich nicht.“

Zumindest nicht mit Worten. Sie wollte, dass er mit seinem Körper kommunizierte. Er sollte sie berühren.

Überall.

Und das tat er.

Sie schnappte überrascht nach Luft, als er mit beiden Händen ihren Po packte und langsam ihr Kleid hochschob. Haut traf auf Haut, und Penelope erschauerte. Unwillkürlich bog sie sich ihm entgegen, eine noch intimere Berührung suchend.

Und er gab sie ihr …

Er schob die Finger unter den elastischen Bund ihres Slips und umfasste ihren Po. Seine Fingerspitzen glitten durch die flache Spalte, bis sie ihre geschwollenen Falten berührten.

Penelope löste ihre Lippen von seinen und atmete schwer, als seine Finger ihr Ziel fanden.

Ja …

Sie hörte Palmer irgendetwas murmeln, dann fluchen.

„Ich habe kein Kondom bei mir“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt angesichts dieser Worte, die ihr nur allzu bekannt vorkamen.

Sie blieb still und versuchte sich zu sammeln. Dann erst löste sie sich langsam von ihm und zwang ihn, sie loszulassen. Buchstäblich und im übertragenen Sinn. Wenige Augenblicke später saß sie mit sittsam geschlossenen Beinen und glatt gestrichenem Kleid neben ihm auf der Bank.

„Darauf war ich nicht vorbereitet“, gestand er.

Sie auch nicht. Mal abgesehen davon, dass sie ohnehin für gewöhnlich keine Kondome bei sich trug. In gewisser Hinsicht war es beruhigend, dass er keines aus der Tasche zog.

Beruhigend und ärgerlich zugleich.

Er streichelte mit dem Handrücken ihre Wange und küsste sie erneut, lang und ausgiebig. Damit eröffnete er von Neuem den Strom sinnlicher Empfindungen, den sie verzweifelt aufzuhalten versuchte.

Er fluchte ein weiteres Mal.

Sie lächelte.

„Versprich mir, dass wir uns hier wieder treffen“, bat er und sah ihr dabei in die Augen.

Sie wich seinem Blick aus und biss sich auf die Unterlippe, unfähig zu antworten.

„Ich hatte schon jetzt nicht damit gerechnet, hier zu sein“, sagte sie schließlich leise.

Er lehnte sich zurück gegen die Polster. „Das klingt mir sehr nach einem Nein.“

„Nein“, widersprach sie. „Es klingt nach einem Vielleicht.“

4. KAPITEL

„Leise, du wirst sie noch aufwecken.“

„Sei doch selbst leise. Du bist diejenige, die den ganzen Lärm macht.“

Penelope identifizierte die zwei Stimmen sofort, die von ihrer offenen Schlafzimmertür zu ihr herüberdrangen. Sie versuchte weiterzuschlafen. Die Nacht war viel zu kurz gewesen. War sie nicht eben erst eingenickt? Sie machte vorsichtig ein Auge auf und spähte zum Wecker. Kurz nach acht Uhr morgens. Als sie zuletzt hingeschaut hatte, war es nach vier gewesen, und ihre Gedanken kreisten noch um den Abend zuvor. Nur zu gut erinnerte sie sich an alles, was gesagt worden war. Den Schock über ihre Empfindungen spürte sie noch immer.

„Meinst du, er war bei ihr?“ Das Flüstern ihrer Großmutter war lauter als ihre normale Sprechstimme. Es war eine allgemein bekannte Tatsache, doch brachte niemand es übers Herz, ihr das zu sagen.

„Woher soll ich das wissen?“, entgegnete Penelopes Großtante nur unwesentlich leiser.

„Na los, verschwinden wir, bevor sie aufwacht.“

Penelope drehte sich auf die Seite und sah die beiden neugierigen Mitbewohnerinnen an. „Zu spät.“

Ihre Großmutter zog ein Gesicht und stieß Irene den Ellbogen in die Rippen. „Ich habe dir doch gesagt, dass du sie aufweckst.“

Ihre Tante bedachte sie mit einem langen Blick und trat ins Zimmer. „Jetzt, wo sie wach ist, können wir sie wenigstens fragen.“

Penelope hatte den rechten Arm um das zweite Kissen auf dem Doppelbett geschlungen. Ihre Großtante befreite es aus ihrer Umarmung und unterzog es einer gründlichen Untersuchung.

„Wonach suchst du?“ Penelope stützte sich auf die Ellbogen.

Irene zupfte etwas vom Kissen und hielt es hoch. Offenbar handelte es sich um ein einzelnes Haar. „Welche Farbe hat das?“

„Blond.“

„Es ist dunkel.“

Penelope verdrehte die Augen. „Wahrscheinlich gehört es Thor.“

Ihre Tante seufzte, ließ das Haar fallen und rieb sich die Hände.

„Wessen Haar hast du denn zu finden erwartet?“, wollte Penelope wissen.

Ihre Großmutter trat an die andere Seite des Bettes. „Spiel bloß nicht die Ahnungslose. Du weißt ganz genau, wen wir meinen. Ich habe für diesen Anlass extra das Bett frisch bezogen.“ Sie musterte ihre Enkelin. „Die Frage ist jetzt: Hast du Gebrauch davon gemacht?“

Penelope schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Es war noch viel zu früh am Morgen für solche Gespräche. „Natürlich habe ich Gebrauch davon gemacht. Ich habe darin geschlafen.“

Sie nahm ihren Bademantel vom Korbstuhl in der Ecke, zog ihn an und ging an den beiden alten Frauen in ihrem Zimmer vorbei. Die zwei folgten ihr in die Küche, was nicht überraschend war. Dort nahm Penelope einen Becher aus dem Schrank und schenkte sich großzügig Kaffee ein.

„Dann sind wir also völlig vergeblich nach Seattle gefahren?“, meinte ihre Tante mit einem dramatischen Seufzer.

Penelope erinnerte sich erneut an das, was im Pavillon geschehen war, und entgegnete ihren Mitbewohnerinnen im Stillen, dass sie keine einzige Minute vergeudet hatten. Sie trank einen großen Schluck Kaffee – und hätte ihn fast wieder ausgespuckt.

„Was ist das?“, fragte sie und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

Ihre Großmutter grinste. „Gourmetkaffee, den wir gestern Abend mitgebracht haben. Schoko-Mokka-Mandel-Amaretto-irgendwas. Magst du den etwa nicht?“

Penelope kippte den Rest in den Ausguss.

„He, der kostet viermal so viel wie der reguläre Kaffee“, protestierte ihre Tante.

„Tja, dann hat man dich wohl übers Ohr gehauen.“

Für Penelope musste Kaffee einfach nur Kaffee sein, ohne besondere Geschmacksrichtungen, Zusätze oder ausgefallene Namen. Die guten alten Juan-Valdez-Bohnen, frisch aufgebrüht – mehr brauchte sie nicht.

Umso seltsamer, dass sie emotional offenbar komplizierte Dinge bevorzugte.

Sie verzog das Gesicht und stellte einen Becher Wasser in die Mikrowelle, um sich stattdessen einen Grünen Tee zu kochen. Pur. Ohne Zitrone, ohne Honig. Einfach nur Grünen Tee.

Sie setzte sich an den Tisch und tauchte den Teebeutel ins dampfende Wasser.

„Wer trinkt denn mitten im Sommer heißen Tee?“, wollte ihre Großtante wissen und stellte einen Teller Muffins auf den Tisch.

„Inwiefern unterscheidet sich heißer Tee von heißem Kaffee?“, konterte Penelopes Großmutter und setzte sich.

Penelope ignorierte die zwei, drückte den Beutel aus und legte ihn auf den Tisch. Dann trank sie einen großen Schluck. Ja, das war schon besser.

Sie stellte fest, dass Agatha und Irene sie erwartungsvoll ansahen.

„Was?“, fragte sie und stöhnte. „Nicht schon wieder.“

„Doch, und zwar immer und immer wieder“, versprach Agatha ihr. „Penny, du musst endlich mal wieder Sex haben.“

Irene nickte nachdrücklich, was ihre festen grauen Locken kaum in Bewegung versetzte. „Allerdings.“

„Das geht aber nicht, wenn du die Beine zusammenhältst.“

Penelope hob rasch die Hand, um die beiden zu bremsen. „Bitte hört auf. Es ist noch viel zu früh am Morgen, um mit meiner Großmutter und meiner Großtante über Sex zu reden.“

„Das hättest du dir gestern Abend überlegen sollen. Wenn du getan hättest, was du tun solltest, müssten wir jetzt nicht darüber reden.“

Penelope kniff die Augen zusammen. „Hm, irgendwie bezweifle ich das.“ Sie stellte ihren Becher auf den Tisch. „Ich habe den Eindruck, dass ihr zwei einen ausführlichen Bericht wollt.“

„Du liebe Zeit, Mädchen. Warum sollten wir das wollen?“

Ihre Tante legte einen Muffin auf eine Serviette und schob ihr beides über den Tisch zu. „Wir haben schließlich ein Liebesleben. Du nicht.“ Irene wackelte mit den Brauen. „Falls du Einzelheiten wissen möchtest …“

„Oh, bitte, verschone mich damit.“

„Schaden könnte es bestimmt nicht“, wandte Agatha ein. „Vielleicht erinnert es sie daran, was sie verpasst.“

„Es könnte aber auch sein, dass eure Schilderungen mich traumatisieren, sodass ich überhaupt keinen Sex mehr haben kann.“

Beide machten empörte Gesichter.

Das gefiel Penelope schon viel besser.

Sie ignorierte den Muffin und genoss ihren Tee. Sie konnte sich kaum an eine Zeit erinnern, in der sie ihr Leben nicht mit diesen zwei lebhaften, witzigen Frauen geteilt hatte. Seit sie fünf Jahre alt gewesen war – der Zeitpunkt, als Penelopes Mutter mit ihrem neuesten Freund verschwunden war –, hatte sich nicht viel verändert. Ihre Mutter rief noch gelegentlich an oder kam vorbei, um ein Lebenszeichen von sich zu geben. Aber das war der einzige Kontakt, den Penelope zu der Frau hatte, die sie zur Welt gebracht hatte.

Agatha und Irene hatten sie großgezogen, wobei es manchmal schwer zu sagen gewesen war, wer das Kind und wer die Erwachsenen waren. Zwar gab es immer frisch zubereitetes Essen im Haus, aber auch ständig Partys und eine nie endende Schlange von Hausfreunden. Der Ruf der beiden Schwestern aus jüngeren Jahren folgte ihnen bis ins Alter. Häufig war es Penelope, die nach wüsten Nächten leere Bierflaschen wegräumte und Zigarettenkippen aus den Blumentöpfen pflückte.

Sie hoffte, dass die beiden eines Tages ruhiger wurden und eine feste Beziehung eingingen. Doch anscheinend würde das nicht passieren.

„Wie war es in Seattle?“, erkundigte sie sich, während sie den Muffin zerbrach und sich gedankenverloren ein Stück in den Mund schob.

Die beiden Schwestern grinsten sich an. Penelope lehnte sich zurück und wappnete sich für ein weiteres Beispiel dafür, dass die beiden niemals dem Klischee braver älterer Damen entsprechen würden …

Palmer stand an der Rezeption in Foss’s Bed & Breakfast und sah auf die Klingel, nachdem er zuvor auf seine Uhr geschaut hatte. Der Duft von frischem Kaffee und etwas Gebackenem kam aus der Küche. Aber da er momentan der einzige Gast in der kleinen Pension war, wollte er nicht einfach hier herumlaufen, als gehöre ihm das Haus. Besonders, da er von Anfang an das Gefühl hatte, nicht allzu willkommen zu sein. Am zweiten Tag seines Aufenthaltes war er nachmittags zurückgekommen und hatte seinen Koffer auf der Veranda vorgefunden. Sein Zimmer war abgeschlossen gewesen.

„Ich wusste nicht, dass Sie länger als eine Nacht bleiben wollen“, erklärte Debra Foss ihm, nachdem er sie hinten im Garten aufgespürt hatte.

Dabei erinnerte er sich genau, dass er ihr beim Einchecken in die einzige Gästeunterkunft im Ort gesagt hatte, er bleibe auf unbestimmte Zeit.

Doch er verlor kein Wort darüber. Ihre Miene verriet ihm, was sie von ihm hielt, und daran konnte nichts, was er sagen würde, etwas ändern. Deshalb achtete er nun darauf, jeden Tag an der Rezeption Bescheid zu geben, dass er eine weitere Nacht bleiben würde, bevor er ging. Andernfalls musste er womöglich befürchten, seinen Koffer im Müll wiederzufinden.

Er klingelte.

Palmer war sich nicht sicher, warum man ihm nach seiner Rückkehr in den Ort seiner Kindheit die kalte Schulter zeigte. Er war mit niemandem im Streit auseinandergegangen. Von seinem Vater mal abgesehen. Warum dann dieser kühle Empfang?

Mrs Foss erschien hinter dem Tresen. Sie wünschte ihm weder einen guten Morgen noch bot sie ihm eine Tasse Kaffee an. Stattdessen nahm sie einfach sein Geld und zeigte ihm, wo er unterschreiben sollte – wieder einmal. Dann verschwand sie dorthin, woher sie gekommen war.

Das war nicht die beste Art, in den Tag zu starten.

Palmer trat hinaus in den Sommermorgen und kniff wegen der grellen Sonne die Augen zusammen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann es hier zuletzt so heiß gewesen war. In vielen Sommern war es kaum warm genug geworden, um den Rasensprenger einzuschalten. Doch jetzt klebte ihm das Hemd am Rücken. Am liebsten hätte er seine Krawatte gelockert, die er gerade erst umgebunden hatte.

Er ging über die geschotterte Auffahrt und schloss seinen gemieteten Mercedes auf. Bevor er einstieg, hängte er sein Jackett über die Rückenlehne des Fahrersitzes. Er startete den Motor und zählte bis zehn, während er darauf wartete, dass die Klimaanlage ansprang.

Ah, das war schon besser.

Soweit er gehört hatte, rechnete man im ganzen Bundesstaat mit einer nie da gewesenen Hitzewelle. Zum ersten Mal seit Beginn der Wetteraufzeichnung war in Seattle die Vierzig-Grad-Marke überschritten worden. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, was an sich schon höchst ungewöhnlich für die Gegend war.

Dieser Gedanke rief die Erinnerung an Penelope gestern Abend im Pavillon wach. Sie hatte nach Sommer geduftet, und sie nur anzusehen, hatte ihn schon erregt.

Palmer rieb sich den Nacken. Er hatte absolut nicht vorgehabt, sie im Garten ihrer Großmutter zu verführen. Aber anscheinend hatte sich zwischen ihnen nicht viel geändert. Er begehrte Penelope mehr denn je.

Auf der Fahrt durch den Ortskern von Earnest schaute er sich um. Er war unterwegs zu dem Bauplatz, den er ausgesucht hatte. Dort stand bisher nur ein Wohnwagen, der ihm als Büro diente.

Jemand überquerte vor ihm die Main Street, deshalb nahm er den Fuß vom Gas.

Es war Penelope.

Er hielt an.

Sie trug heute ein anderes dünnes Kleid, ein braunes, das, soweit er es erkennen konnte, mit Kirschen bedruckt war. Ein Hut mit breiter Krempe schützte sie vor der Morgensonne. Ein Windstoß drohte ihn ihr vom Kopf zu wehen, weshalb sie ihn festhielt. Hinter Palmer hupte jemand. Penelope schaute über die Schulter in seine Richtung.

Er winkte ihr zu. „He, wie geht es dir? Wie’s mir geht? Ich bin gerade ein bisschen genervt, weil ich dich unbemerkt beobachten wollte und dabei rüde gestört wurde.“ Er sah in den Rückspiegel, um den Störenfried zu identifizieren. Warum überraschte es ihn nicht, dass es sich um Barnaby in seinem Streifenwagen handelte?

Prompt ließ der das Blaulicht aufleuchten.

Palmer winkte auch ihm zu, obwohl er ihm am liebsten den Mittelfinger gezeigt hätte. Er legte den Gang ein und fuhr weiter, denn der magische Moment war vorbei.

Fünf Minuten später bog er in den schmalen unbefestigten Weg ein, der zum Wohnwagen führte. Ein Pick-up-Truck kam auf ihn zugerast, eine Staubwolke hinter sich herziehend.

Was sollte das?

Er wich dem Wagen im letzten Moment in die Büsche aus. Der Pick-up donnerte vorbei und nahm ihm mit der Staubwolke vorübergehend die Sicht. Hätte er nicht schon längst das Gefühl gehabt, nicht willkommen zu sein, hätte er es spätestens jetzt begriffen.

Er fuhr weiter zum Wohnwagen, stieg aus und ging zum Vorarbeiter, den er in der vergangenen Woche eingestellt hatte.

„Guten Morgen“, sagte er und schüttelte John Nelson die Hand. „Was hatte das da eben zu bedeuten?“

„Das müssen Sie mir sagen.“

Palmer stutzte. „Ich verstehe nicht ganz.“

„Wenn Sie noch eine Minute länger gewartet hätten, wäre ich es gewesen, der Ihnen auf der Straße entgegenkommt.“ John knallte ihm den Ordner, den er in der Hand hielt, vor die Brust. „Und ich hätte Sie nicht verfehlt.“ Er ging in Richtung seines eigenen Wagens davon.

„He, was ist denn los?“, rief Palmer und hielt ihn am Arm fest.

„Das fragen Sie lieber mal den Typen da drin.“ John zeigte mit dem Daumen zum Wohnwagen. „Er hat uns gerade alle gefeuert.“

5. KAPITEL

„Guten Morgen, Penelope.“

Sie blickte von der Espressomaschine auf, an der sie zu tun hatte, und entdeckte den Sheriff an der offenen Tür, den Hut in den Händen.

„Hallo, Barnaby“, begrüßte sie ihn.

Sie machte die Klappe des Gerätes zu, drückte den Knopf für die Zubereitung eines Espressos und tat einfach so, als stünden die Dinge zwischen ihr und Barnaby noch so wie gestern Abend, als sie sich an der Tür des Hauses ihrer Großmutter verabschiedet hatten.

Nur stimmte das natürlich nicht. Seitdem hatte sich so ziemlich alles geändert.

Sie räusperte sich und wischte den Tresen, obwohl sie das kurz vorher schon erledigt hatte.

„Ist alles in Ordnung?“

Sie schaute auf, und diesmal stand Barnaby direkt vor dem Tresen. Sein attraktives Gesicht sah besorgt aus.

Sie versuchte zu lächeln. „Alles bestens. Warum fragst du?“

„Dieser Typ, Palmer DeVoe, hat dir keine Schwierigkeiten gemacht?“

Fast hätte sie gelacht. Stattdessen räusperte sie sich erneut. „Nein, selbstverständlich nicht.“

Aber auch das stimmte nicht. Seit Palmer wieder im Ort aufgetaucht war, herrschte Chaos in ihrem Leben. Zwar hatte sie gewusst, dass ihre Wege sich irgendwann kreuzen und dann alle alten Gefühle wieder hochkommen würden.

Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass diese Gefühle so intensiv sein würden.

„Das Übliche?“, erkundigte sie sich.

Barnaby nickte. „Hast du noch welche von diesen Blaubeermuffins, die deine Großmutter backt?“

„Ja, klar. Möchtest du einen oder zwei?“

„Ich wollte ein paar mit aufs Revier nehmen. Also würde ich sagen, ich brauche ein Dutzend.“

Penelope füllte seinen Reisebecher mit Vanilla Roast Coffee und faltete einen Karton zusammen. „Weißt du, Barnaby, du musst das nicht immer tun.“

„Was denn?“

„Jeden Morgen vorbeikommen, damit ich etwas verkaufe.“

Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Ich weiß das wirklich zu schätzen, aber ich komme schon zurecht.“

„Du glaubst, ich komme morgens mit wohltätigen Absichten vorbei?“

„Etwa nicht?“

„Und wenn ich dir jetzt sage, dass ich bloß vorbeischaue, weil mein Tag dadurch schöner wird, wenn ich dich sehe?“

Sie legte die Muffins in den Karton. „Dafür bräuchtest du nichts zu bezahlen.“

Er nahm seinen Becher und den Karton von ihr entgegen. „Und wenn ich zufällig den Kaffee und die Muffins mag?“

Sie lehnte sich gegen den Tresen. „Dann würde ich sagen, dass ich dich hoffentlich morgen wiedersehe.“

Sein Lachen war echt und herzlich, und sie erwiderte es.

Penelope strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Das wird wieder ein heißer Tag, was?“

„Kann man wohl sagen“, meinte Barnaby. „Der Chief meckert schon wegen des Spritverbrauchs der Streifenwagen, weil die Klimaanlagen ständig laufen.“ Er sah zur Ladentür. „Soll ich die zumachen, wenn ich gehe?“

„Nein, noch nicht. Es wird so selten heiß hier, dass ich die Wärme noch ein bisschen genießen möchte.“

Das Funkgerät an seinem Gürtel gab ein statisches Rauschen von sich. „Barnaby, bist du da?“

„Entschuldige, die Arbeit ruft“, sagte er, wandte sich halb ab und drückte die Sprechtaste. „Hier ist der Sheriff. Was gibt es?“

„Kommst du bald mit den Muffins?“

Penelope lachte. „Oh ja, wichtige Arbeit.“

Nachdem er dem Kollegen auf der Wache versichert hatte, dass er gleich da sei, drehte er sich wieder zu Penelope um. „Kann ich dich heute Abend zu Hause anrufen?“

„Klar.“ Sie schaute ihm hinterher, als er in seinem Streifenwagen davonfuhr. Dann seufzte sie. Was sollte sie nur tun?

Palmer sah dem Pick-up des Vorarbeiters hinterher, der wie der erste Wagen davonraste. Er hielt den Atem an, um den aufgewirbelten Staub nicht einzuatmen. Dann entdeckte er den ihm unbekannten Wagen. Nelsons Pick-up hatte davor gestanden, weshalb er ihn erst jetzt bemerkte. Es handelte sich um ein neues Luxusmodel, dass sich nur wenige Menschen in der kleinen Arbeiterstadt leisten könnten.

Palmer öffnete die Tür des Wohnwagens und stutzte, als er den Mann hinter seinem Schreibtisch entdeckte. Es war niemand anderer als Manolis Philippidis persönlich.

„Gibt keine Arbeit mehr hier“, verkündete der alte Grieche, ohne aufzusehen.

Palmer rieb sich das Kinn. „Das ist merkwürdig, denn ich dachte, für solche Entscheidungen sei ich eingestellt worden.“

Manolis sah auf. „Palmer!“ Er erhob sich hinter dem Schreibtisch und kam auf Palmer zu, um ihm seinen halbherzigen, unverbindlichen Händedruck anzubieten.

„Was bringt Sie nach Earnest?“, erkundigte Palmer sich.

Manolis machte eine vage Geste. „Ich wollte nur mal sehen, wie die Dinge stehen.“

Auf der Skala von Philippidis’ Holdings rangierte Palmers Projekt wahrscheinlich irgendwo zwischen dem letzten Platz und nichtexistent. Jedenfalls war es nichts, was die persönliche Mitwirkung des Mannes erforderte. Palmer hatte Geschäfte abgewickelt, die hundertmal größer waren als diese Unternehmung, und Manolis hatte sich nie darum gekümmert. Was also wollte er hier?

Noch wichtiger aber war die Frage, warum er das Personal feuerte.

Palmer räusperte sich. „Ich bin draußen gerade John Nelson begegnet.“

Manolis nickte zwar, sagte aber nichts dazu.

„Er berichtete mir, Sie hätten ihn und alle anderen entlassen.“

„Ja, das entspricht den Tatsachen.“ Manolis sah ihm ins Gesicht, als versuche er herauszufinden, wie Palmer das fand. Er ließ sich jedoch nichts anmerken. Er wollte nur den Grund erfahren.

„Machen Sie den Laden dicht?“, erkundigte er sich.

„Nein, mache ich nicht“, versicherte Manolis ihm und nahm einen Stapel Papiere vom Schreibtisch. „Ich habe Ihnen nur eine Liste von Leuten mitgebracht, mit denen Sie zusammenarbeiten sollten.“

Palmer nahm die Liste skeptisch entgegen. „Mir war nicht bewusst, dass Sie Kontakte in Earnest haben.“

„Habe ich auch nicht.“ Manolis grinste. „Abgesehen von Ihnen, natürlich“

„Und diese Männer hier auf der Liste?“

„Die kommen von anderen Baustellen.“

Leute von außerhalb.

Palmer gab sich Mühe, nicht das Gesicht zu verziehen. Doch offenbar scheiterte er damit, denn Manolis fragte: „Haben Sie ein Problem damit?“

„Ein Problem? Nein, habe ich nicht.“ Er legte die Papiere zurück auf den Schreibtisch. „Aber ich dachte, es gehört zu unserer Abmachung, dass ich vollkommen eigenständig arbeite.“

Manolis ging zur Tür und legte Palmer unterwegs den Arm um die Schultern, sodass dieser gezwungen war, ihn zu begleiten. „Absolut. Sie behalten die Leitung. Daran hat sich nichts geändert.“

„Außer, wenn es ums Personal geht.“

Manolis zuckte die Schultern. „Ich habe andere Leute, die lange in verschiedenen meiner Unternehmen tätig waren und jetzt Arbeit brauchen.“

Irgendwie zweifelte Palmer an dieser Version.

Er folgte dem reichen Griechen nach draußen.

„Wann kann ich mit den Männern rechnen?“, erkundigte er sich.

„Heute. Morgen. Übermorgen.“

„Und Sie? Wie lange bleiben Sie in der Stadt?“

„Wie bitte?“

„Wie lange bleiben Sie?“

„Oh, ich bleibe nicht.“

Manolis war also nur aus Seattle hergefahren, um Palmers Leute zu feuern.

Nichts an den vergangenen fünf Minuten gefiel Palmer. Er hatte das ungute Gefühl, dass ihm die unmittelbare Zukunft noch weniger gefallen würde.

„Gibt es denn ein Restaurant in der Stadt, in dem man ein gutes Essen bekommt?“, wollte der Grieche wissen. „Ich habe noch nicht gefrühstückt.“

Palmer nannte das Diner, erwähnte aber Penelopes Laden nicht, in dem es Kaffee und Muffins gab.

„Gut, dann mache ich mich mal auf den Weg. Oder wollen Sie mir Gesellschaft leisten?“

Palmer war schon klar, dass das keine ernst gemeinte Einladung war. „Nein, danke. Gehen Sie nur. Ich muss noch ein paar Anrufe erledigen. Sie wissen schon, einigen Leuten Bescheid sagen, dass sie ihre Jobs los sind.“

Manolis’ leises Lachen machte Palmer so wütend, dass er sich zusammenreißen musste.

6. KAPITEL

Na schön, das war lächerlich. Bei jedem vorbeifahrenden Wagen und jedes Mal, wenn die Tür aufging, hoffte Penelope, dass es Palmer war. Eine derartige innere Unruhe hatte sie nicht mehr empfunden, seit … tja, seit dieser Kerl zuletzt eine Rolle in ihrem Leben gespielt hatte.

Sie setzte sich an ihren Computer im Hinterzimmer ihres Ladens, um per E-Mail Bestellungen zu bestätigen, Belege und Packzettel auszudrucken und ihre Vorräte zu überprüfen. Während ihre Ladenverkäufe stark zurückgegangen waren, florierte das Online-Geschäft. Ein bisschen kam ihr das vor wie Ironie des Schicksals. Immerhin musste sie ihren Laden noch nicht dichtmachen, wie viele andere im Ort.

Die Sonne spiegelte sich in einem bewegten Objekt. Penelope lehnte sich weit in ihrem Bürosessel zurück, um die Straße besser sehen zu können. Dabei wäre sie beinahe nach hinten gekippt. Sie erwischte gerade noch die Schreibtischkante mit beiden Händen und stellte die Füße auf den Boden, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Langsam wurde es absurd. Schließlich war sie kein Teenager mehr. Und nur weil es gestern Abend heiß zur Sache gegangen war, hieß das noch lange nicht, dass noch mehr passieren musste! Das alles hatte sie mit Palmer ja schon gehabt. Deshalb wusste sie auch, dass es in einer Sackgasse enden würde.

Du hättest es ihm sagen sollen …

Die Worte meldeten sich immer wieder in ihren Gedanken.

Aber gestern Abend hatte es nicht viel Gelegenheit zum Reden gegeben. Palmer war an der Gartenpforte aufgetaucht und hatte Penelope unfairerweise mit Erinnerungen an ihre Treffen im Pavillon betört. Für vernünftige Überlegungen war plötzlich gar kein Platz mehr gewesen, für ein wichtiges Gespräch noch weniger.

Und jetzt?

Sie musste wirklich vernünftig über diese Sache nachdenken und zu einem Ergebnis kommen. Keine Frage, sie musste es Palmer sagen. Zu klären war nur, wo und wann.

Sie schaute erneut aus dem Fenster und richtete den Blick auf das Diner. Das wäre eine Möglichkeit. Nein, doch nicht, da hörten zu viele Ohren mit. Sie sah zum Pub. Zur Mittagszeit war der höchstens halb voll. Sie konnten sich eine ungestörte Sitznische suchen und Geld in die Jukebox stecken, damit wegen der Musik niemand ihre Unterhaltung hören konnte.

Dann würde sie es ihm endlich sagen.

Penelope rieb ihre Hände mehrmals an ihrem Kleid.

Jetzt musste sie ihren Plan nur noch in die Tat umsetzen …

Palmer ging in dem kleinen Wohnwagen auf und ab, das Handy fest ans Ohr gepresst. Über eine Stunde war vergangen, seit Manolis Philippidis weggefahren war und ihn mit der Frage zurückgelassen hatte, was zur Hölle eigentlich los war.

„Mist, verdammter“, sagte er zu seinem alten Freund und gelegentlichen Geschäftspartner Caleb Payne. „Ich hätte damit rechnen müssen. Habe ich aber nicht.“

Caleb lachte in sich hinein. „Wenn ich gewusst hätte, was ihr vorhabt, hätte ich dich gewarnt.“

Sein Freund hatte aber nichts gewusst. Weil Manolis Palmer gebeten hatte, ihm nichts zu sagen. Offenbar aus gutem Grund.

„Wenn ich du wäre, würde ich jetzt alles hinschmeißen und an die Ostküste zurückkehren“, riet Caleb ihm. „Bevor es zu spät ist.“

„Zu spät wofür?“

„Zu spät für dich, um Philippidis’ Fängen zu entkommen.“

Palmer blieb stehen und fuhr sich mit der freien Hand durch die Haare. Diese Option kam für ihn nicht infrage. Er hatte fast fünfzehn Jahre dazu gebraucht, um endlich nach Hause zu kommen. Da konnte er nicht gleich wieder weglaufen. Ohne zu wissen, wie sein Vater jetzt lebte. Ohne Penelopes süße Küsse erneut auf seinen Lippen zu schmecken.

„Palmer?“, fragte Caleb. „Bist du noch da?“

„Ja. Und ich bleibe auch hier.“

Am anderen Ende herrschte Schweigen.

Ein Piepen kündigte einen anderen ankommenden Anruf an. Er schaute auf das Display und stellte überrascht fest, dass es sich um die Nummer von „Penelope’s Possessions“ handelte.

„Danke, Caleb. Kann ich dich später zurückrufen?“

„Nur, wenn du meinen Rat annimmst. Oder eine Runde Basketball mit mir spielst.“

Palmer grinste und verabschiedete sich, um schnell den anderen Anruf entgegenzunehmen.

„Penelope?“

Keine Antwort.

Verdammt. Die Voicemail musste sich schon eingeschaltet haben.

Er ließ das Handy bereits sinken, um die Voicemail zu überprüfen, als er jemanden sprechen hörte.

„Penelope?“, wiederholte er.

„Ja. Ja, ich bin es. Verzeih mir. Ich glaube, ich werde mich nie daran gewöhnen, dass der Angerufene weiß, wer anruft, noch ehe ich hallo gesagt habe.“

Palmer ging hinter seinen Schreibtisch und setzte sich. Er genoss es, ihre Stimme zu hören. „Ich bin derjenige, der um Verzeihung bitten sollte. Ich sollte dem Anrufer die Gelegenheit geben, sich zu melden, statt ihn gleich mit Namen anzusprechen.“

„Andererseits wäre das nicht sehr effizient. Und wenn du eines immer warst, dann effizient.“

Er wusste nicht, ob das eine Beleidigung war oder ein Kompliment. „Mir wäre es lieber, man würde mich für unvergesslich halten.“

„Oh, das bist du auch.“ Hörte er da einen wehmütigen Ton aus ihrer sanften Stimme?

Sie räusperte sich. „Ich rufe an, weil ich dich sehen möchte.“

Palmer grinste breit.

„Warte. Das habe ich ein bisschen unglücklich formuliert“, meinte sie. „Ich wollte eigentlich sagen, dass wir miteinander reden müssen.“

„Anders gefiel es mir besser.“

„Na ja, deshalb habe ich es auch noch einmal neu formuliert.“

„Weil du mich in Wirklichkeit gar nicht sehen willst.“

Sie seufzte ein wenig genervt. „Könntest du bitte mal für einen Moment ernst bleiben?“

Normalerweise hatte er damit kein Problem. Aber ihr konnte er einfach nicht widerstehen.

„Gut, dann bin ich jetzt ernst“, sagte er. „Schieß los.“

Sie brauchte einen Moment, um zu reagieren. Palmer lehnte sich zurück und wunderte sich darüber, dass sie die Macht hatte, ihn mit einem einzigen Wort aus ihrem Mund alles vergessen zu lassen, was an diesem Morgen bereits vorgefallen war.

„Können wir uns in O’Brien’s Pub treffen? Um halb drei?“

„Zu einem späten Mittagessen?“

„Um die Mittagszeit muss ich immer arbeiten, weil es sein könnte, dass die anderen in ihrer Pause noch schnell etwas kaufen wollen“, erklärte sie.

„Aha, also zum Lunch.“

„Dabei könnten wir uns unterhalten.“

„An einem öffentlichen Ort.“

„Genau.“

„Heute?“

„Wäre schön.“

„Gut, dann also um halb drei in O’Brien’s Pub.“

„Gut.“

„Soll ich etwas mitbringen?“

„In einen Pub?“

„Schon gut, du hast recht.“

„Wiedersehen, Palmer.“

„Wiedersehen, Penelope.“

„Bittet, und euch wird gegeben.“

Penelope schaute auf und entdeckte ihre Großmutter, die gerade den Laden betrat. Sie hatte eine Schachtel dabei.

Penelope zwang sich zur Ruhe. Sie war selbst überrascht, wie angespannt sie nach dem Telefonat mit Palmer war. „Danke, Gran.“

Agatha stellte den Karton mit Muffins auf den Tresen. „Ich wusste nicht, dass es sich um einen solchen Notfall handelt.“

Penelope fing an, die Vitrinen mit den Muffins wieder aufzufüllen. „Kein Notfall. Aber da sich die Muffins am besten verkaufen, ist es gut, immer welche da zu haben.“

„Was ist aus der ersten Ladung geworden?“

Sie verlangsamte ihre Bewegungen. „Verkauft“, antwortete sie ohne weitere Erklärung.

„Ah, dieser nette Sheriff Barnaby hat sie für die Polizeiwache gekauft, stimmt’s?“

Penelope ließ die leere Schachtel sinken. „Warum fragst du überhaupt noch?“

Agatha zuckte die Schultern. Sie betrachtete die frischen Muffins und schockierte Penelope, indem sie ihre Brüste in ihrem Baumwolltop anhob. „Während ich die kleinen Schätzchen im Ofen aufgehen sah, überlegte ich mir, dass es höchste Zeit wird, bei mir auch mal was anzuheben.“

Penelope musste lachen.

„Was meinst du? Soll ich mir eine oder besser zwei Körbchengrößen machen lassen?“

Sie starrte Agatha an. „Das ist doch nicht dein Ernst!“

„Ach, und warum nicht?“

Sie zog eine Grimasse, während Agatha prüfend ihre Brüste betrachtete. „Gram, du bist siebzig Jahre alt.“

„Und was willst du mir damit sagen?“ Endlich ließ sie ihre Brüste wieder los. „Frauen in meinem Alter unterziehen sich ständig Schönheitsoperationen.“

„Hast du eine Vorstellung, was so etwas kostet?“

Agatha zuckte die Schultern. „Ich lasse einfach meinen Liebhaber dafür bezahlen.“

„Deinen …“ Penelope hob beide Hände. „Ich glaube, ich will es gar nicht genauer wissen.“ Sie ging zum Tresen zurück. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest. Ich habe noch Arbeit zu erledigen.“

Ihre Großmutter schaute sich um. „Ja, das sehe ich. Die rennen dir hier die Bude ein.“

„Das Internet, Nana. Ich rede von Online-Bestellungen.“

„Klar. Schon gut. Ich weiß, wann ich nicht länger willkommen bin.“

Wenn das zugetroffen wäre, wäre sie schon vor fünf Minuten gegangen.

„Ich gehe drüben ins Diner, mal hören, welchen neuen Klatsch es gibt.“ Sie wackelte mit den Brauen. „Wer weiß? Der könnte ja durchaus mit dir zu tun haben.“

7. KAPITEL

Na gut, auf einer Skala von eins bis zehn rangierte diese Idee vielleicht doch nicht in der Nähe der Neun, wie Penelope gehofft hatte.

Sie saß in O’Brien’s Pub und versuchte zu ignorieren, dass alle sie beobachteten. Allmählich wurde ihr klar, was die Gerüchteküche daraus machen würde, dass sie einen einsamen Tisch in der dunkelsten Ecke des Pubs gewählt hatte. Bei dem Versuch, schnell wieder aufzustehen, stieß sie sich das Knie.

Sie humpelte zu einem Tisch, der weiter in der Mitte des Lokals stand. Dort setzte sie sich und lächelte die Kellnerin an, die sie neugierig beobachtete. „Ich glaube, dieser hier gefällt mir doch besser.“

Großartig. Einfach klasse. Wenn sie nicht schon über sie getratscht hatten, dann würden sie es jetzt tun. Aber immer noch besser, sie klatschten über ihre launische Sitznischenwahl als über sie und Palmer.

Sie schob ihr Glas Mineralwasser auf der feuchten Serviette hin und her und schaute auf ihre Uhr. Weil sie zehn Minuten zu früh hier eingetroffen war, bedeutete das, er würde in …

„Hallo.“

Als sie aufsah, stand er schon am Tisch.

Vorhin noch hatte reger Betrieb in dem Lokal geherrscht, doch inzwischen war es ziemlich ruhig geworden. Die Mittagsgäste waren gegangen, geblieben waren eine Handvoll Stammgäste am Tresen, ein paar Männer an einem der Tische vorn sowie die Kellner und der Barkeeper. Keiner von all diesen Leuten machte auch nur den geringsten Hehl aus seinem Interesse an ihr und Palmer.

„Darf ich?“, fragte er, auf den freien Platz ihr gegenüber deutend.

„Klar, setz dich.“ Sie zwang einen Schluck Wasser ihre zugeschnürte Kehle hinunter. Sollten sie doch alle reden. Ein bisschen Kleinstadtklatsch war besser, als wenn sie irgendwo mit Palmer allein gewesen wäre, wo er leicht ihre Gefühle für ihn hätte ausnutzen können.

Das Problem war nur, dass alles andere zum belanglosen Hintergrundrauschen wurde, seit er ihr gegenübersaß. Und dass sie sich an einem öffentlichen Ort befanden, änderte nichts an ihrer Reaktion auf seine Nähe.

„Tja …“, sagte er mit einem Lächeln, das die Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern ließ.

Sie hätten ebenso gut allein im Pavillon sein können. Denn wenn er sich jetzt über den Tisch beugen würde, um sie zu küssen, würde sie es nicht nur geschehen lassen, sondern den Kuss auch erwidern. Und nicht nur das.

Penelope unterbrach den Blickkontakt. Er würde sich nicht über den Tisch beugen. Nicht hier. Weshalb sie ja auch genau diesen Ort für ein Treffen gewählt hatte. Wenn ihr jetzt bloß der Grund für das Gespräch wieder einfiele.

„Danke, dass du gekommen bist“, sagte sie.

Er winkte die Kellnerin heran. „Hast du schon gegessen?“, erkundigte er sich.

„Was? Ah, nein.“

Er bestellte zweimal das Tagesgericht. Penelope machte sich nicht einmal die Mühe, zu fragen, was das sei. Was auch immer man ihr vorsetzte, sie würde ohnehin keinen Bissen hinunterbekommen. Nicht in Anbetracht dessen, was sie Palmer erzählen wollte.

„Ich bin froh, dass du angerufen hast“,

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