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Wie verführt man Casanova? / Diese Nacht gehörst du mir / Lüg nicht – lieb mich!

Lori Wilde

Wie verführt man Casanova?

1. KAPITEL

Noch nie war Sex ihr so faszinierend vorgekommen.

Oder so beängstigend.

Genau das ist der springende Punkt. Du musst mal was riskieren.

Jorgina Gerard klappte die Hochglanzbroschüre über Eros Airlines und erotische Pauschalreisen ins Fantasy Resort zu und fächerte sich damit Luft zu. Warum musste die Erregung sie ausgerechnet am Ticketautomaten des Dallas/Fort Worth International Airport ergreifen? Sie musste sich jetzt wirklich zusammenreißen. Was war eigentlich los mit ihr?

Hm. Könnte es damit zu tun haben, dass du keinen Sex mehr hattest, seit dein Freund mit dir Schluss gemacht hat?

Jorgie verzog das Gesicht. Um sie herum zogen Geschäftsleute ihre Trolleys hinter sich her, wiedervereinte Liebende fielen sich in die Arme, gehetzte Eltern scheuchten ihre energiegeladenen Kinder von den potenziellen Gefahrenherden wie Rolltreppen und Gepäckausgabe fort – ein buntes Getümmel.

Was machte sie hier eigentlich? Warum hatte sie sich von Avery Bodel, die schon seit dem Kindergarten ihre beste Freundin war, dazu überreden lassen? Hatte sie den Verstand verloren, eine exotische Reise mit dem provokanten Titel „Die Liebeskunst der Kurtisanen“ anzutreten? Sie brauchte keinen Unterricht in Sexpraktiken. Schließlich war sie fünfundzwanzig und hatte diverse Sendungen im Kabel-TV gesehen. Außerdem hatte sie eine feste Beziehung hinter sich und … und …

Und als Brian sie verließ, hatte er ihr vorgeworfen: „Du bist im Bett einfach zu konventionell. Männer brauchen Abwechslung, Aufregung, Gefahr.“

Gefahr? Jorgie machte erneut die Augen zu und atmete tief durch. Vielleicht lag das Problem gar nicht bei ihr, sondern bei Brian.

Und wenn er das Problem war, gab es keinen Grund, hier zu sein, oder? Sie musste sich einfach einen Mann suchen, der das Herkömmliche zu schätzen wusste.

„Weißt du“, wandte sie sich an ihre Freundin, deren Haare in dieser Woche die Farbe von Muskatellertrauben hatten. Als Friseurin wechselte sie Frisur und Farbe so häufig wie andere Leute ihre Kleidung. „Vielleicht ist diese …“

„O nein“, unterbrach Avery sie und packte Jorgies Handgelenk. „Das tust du nicht!“

„Was denn?“, fragte Jorgie, doch ihre hohe, quietschende Stimme verriet sie.

„Du führst mich nicht an der Nase herum. Ich kenne dich schon zu lange. Du hast wieder diesen Ich-werde-vor-dem-Spaß-davonlaufen-Blick. Genau wie damals in der achten Klasse, als wir auf Miley Kinslows Geburtstagsparty Flaschendrehen gespielt haben und die Flasche auf den Jungen gezeigt hat, in den du verliebt warst.“

„Quint Mason“, sagte Jorgie und fragte sich, ob er vielleicht auf konventionelle Frauen stand.

Das ganze Schuljahr über war sie in Quint verknallt gewesen, dabei nahm er sie kaum zur Kenntnis. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie er damals ausgesehen hatte – schlaksig, mittelbraunes Haar, ein verwegenes Grinsen, das Teenagerherzen schmelzen ließ. Natürlich sprach er als Zehntklässler nicht mit ihr, und sie war viel zu schüchtern gewesen, um ihn anzusprechen. Trotzdem war sie damals vollkommen vernarrt in ihn. Jorgie seufzte. Irgendwie hatte es bei ihr mit dem anderen Geschlecht noch nie so richtig geklappt.

Sie fragte sich, was aus ihm geworden war, und erinnerte sich an das, was ihr Bruder Keith ihr nach seinem zehnjährigen Klassentreffen im letzten Herbst beiläufig erzählt hatte. Er hatte nämlich gehört, Quint sei in Afghanistan stationiert gewesen und habe vor Kurzem die Air Force verlassen, um für eine private Fluglinie zu arbeiten. Das hörte sich allerdings nicht nach einem konventionellen Mann an.

„Ja.“ Avery tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. „Quint Mason. So hieß er. Mit dieser Reise ist es dasselbe. Du hast die Chance, das Leben in vollen Zügen zu genießen.“

„Aber ist eine erotische Reise wirklich die Lösung?“

„Sieh dir das an.“ Avery schnappte Jorgie die Eros-Broschüre aus der Hand und hielt sie ihr unter die Nase. „Sieh dir all die Gelegenheiten an, vor denen du davonläufst.“ Ihre Freundin blätterte durch die Seiten und las dabei laut vor: „‚Lernen Sie die erotischen Geheimnisse kennen, die jede Kurtisane kannte. Finden Sie heraus, wie Sie einen Mann ganz in Ihren Bann ziehen. Tanzen Sie den verführerischen Tanz, der Könige in die Knie zwang. Werden Sie zu einer aufregenden, sinnlichen Frau.‘“

Jorgie errötete, nahm Avery hastig die Broschüre wieder weg und verstaute sie in ihrer Handtasche. „Scht, sonst hört dich noch jemand.“

„Na und? Ich schäme mich nicht.“

„Hier laufen Kinder herum.“

„He, ich bin nicht deren Mutter, also ist es nicht meine Aufgabe, das, was sie vom Leben mitbekommen, zu dosieren.“

„Kann schon sein, aber du musst ja trotzdem nicht gleich dem ganzen Flughafen verkünden, wohin wir reisen.“

„Im Ernst“, meinte Avery. „Kneif nicht. Dies ist deine Chance, diesem Idioten Brian zu zeigen, dass du alles andere als spießig bist. Was nimmt der sich eigentlich heraus? Immerhin habt ihr euch bei einer Tagung der Wirtschaftsprüfer kennengelernt. Der ist genauso konventionell wie du, zumindest war er das, bevor er …“

„Aber ich bin nun mal konventionell“, wandte Jorgie ein.

„Fühl dich spießig, und du bist spießig.“

„Was?“

„Das sagt meine Großmutter immer.“

„Deine Großmutter sagt: ‚Fühl dich spießig, und du bist spießig?‘“

„Nein, sie sagt: ‚Fühl dich hübsch, und du bist hübsch.‘ Ich habe dafür nur ‚spießig‘ eingesetzt, aber es läuft auf dasselbe hinaus.“

„Es ergibt weder in der einen noch in der anderen Version Sinn“, sagte Jorgie.

„Doch. Es bedeutet, dass man so hübsch ist, wie man sich gibt. Wenn man sich spießig verhält, ist man spießig. Verhält man sich unkonventionell …“

„Ich hab’s verstanden.“

„Also hör auf, Angst zu haben. Hör überhaupt auf zu denken. Du denkst zu viel, Jorgie.“

„Und du stürzt dich immer Hals über Kopf in alles hinein, Avery.“

„Dafür habe ich auch mehr Spaß als du.“

Jorgie musste zerknirscht zugeben, dass ihre Freundin recht hatte. „Ach, darüber streiten wir doch schon seit zwanzig Jahren.“

„Ich bin das Gaspedal …“, zitierte Avery ihre Mütter aus der Zeit, als sie zusammen im Sandkasten gespielt hatten. Avery war ein Kind gewesen, das sich kopfüber die Rutsche hinunterstürzte, während Jorgie weinend auf der obersten Leitersprosse stand und zu viel Angst für beides hatte: umkehren oder hinunterrutschen.

„Und ich bin die Bremse“, beendete Jorgie den Satz.

„Na ja, wir ergänzen uns ganz gut. Das ist das Geheimnis unserer lebenslangen Freundschaft.“ Avery legte ihr grinsend den Arm um die Schulter.

Diese Geste machte Jorgie tatsächlich Mut und munterte sie auf. Sie wusste wirklich nicht, was sie ohne ihre Freundin machen würde. Avery hatte so viel Lebenskraft. In ihrer Nähe fühlte Jorgie sich stärker, mutiger, abenteuerlustiger. Die wenigen Risiken, die sie jemals eingegangen war, waren auf Averys Einfluss zurückzuführen. Sie war wie eine mitreißende Anführerin, die mit ihrem Charme und purem Glück durchs Leben kam.

„Du bist dran.“ Avery stupste sie mit dem Ellbogen an.

Nervös trat Jorgie an den Automaten und schob ihre Kreditkarte in den Schlitz. Egal ob sie nun bereit war oder nicht, es würde passieren.

„Während du das hier erledigst, gehe ich mal zum Ticketschalter“, erklärte Avery.

„Was? Warum das denn?“

„Keine Angst, ich bin gleich wieder zurück.“ Sie verschwand, und dank der tief auf den Hüften sitzenden Jeans und des abgeschnittenen T-Shirts konnte man einen Blick auf ein Kunstwerk aus Tinte auf ihrem unteren Rücken erhaschen. Jorgie würde nie den Mut aufbringen, sich tätowieren zu lassen, und sosehr Averys Verwegenheit sie schockierte, so sehr bewunderte sie ihre Freundin auch dafür.

Der Automat spuckte Jorgies Bordkarte aus.

Jetzt gab es kein Zurück mehr – sie und Avery waren auf dem Weg nach Venedig, um sich in die erotischen Geheimnisse der Kurtisanen einweihen zu lassen. Nicht dass Avery irgendwelche Lektionen in Sachen Sex gebraucht hätte – die Frau ließ mehr Männer an der Angel zappeln, als Jorgie zählen konnte –, doch es könnte sicher nicht schaden, wenn ihre Freundin sich etwas von der Diskretion der Kurtisanen abschauen würde.

Na gut, sie würde es tun, denn es wurde höchste Zeit, nicht mehr immer nur auf Nummer sicher zu gehen. Brian hatte recht, sie war wirklich zu konventionell. Und solange sie Avery an ihrer Seite hatte, konnte sie mutig sein.

Nur: Wo steckte die bloß?

Mit der Bordkarte in der einen Hand und dem Trolley in der anderen, wandte Jorgie sich vom Automaten ab und hielt so konzentriert nach ihrer Freundin Ausschau, dass sie den Mann zu spät sah. Prompt stieß sie mit ihm zusammen.

In letzter Sekunde versuchte sie noch auszuweichen, aber da war es schon zu spät.

Zack!

Urplötzlich fanden sie sich in einem Gewirr aus Armen und Beinen und rollenden Gepäckstücken aus Leder wieder.

„Miss, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Seine Stimme war tief wie der Phantom Lake, an dem ihre Eltern ein Sommerhäuschen besaßen.

Seine Hände lagen auf ihren Schultern, um sie zu stützen, und erst da wurde Jorgie klar, dass sie auf dem Boden lag. Ihr Rock war hochgerutscht und entblößte viel zu viel Oberschenkel. Hastig zog sie ihn bis zu den Knien herunter und sah den Mann an. Hatte er hingeschaut?

Sein Grinsen verriet, dass er alles gesehen hatte.

Erst jetzt fiel ihr auf, wie attraktiv er war. Wie einem Tagtraum entsprungen: markantes Kinn, sorgfältig frisiertes, gewelltes braunes Haar, funkelnde braune Augen. Die leicht gekrümmte Nase musste ihm schon einmal gebrochen worden sein, aber sonst hätte er auch viel zu gut ausgesehen.

Jorgie schluckte benommen und starrte ihn an. Sag was, Dummkopf, ermahnte sie sich.

„Hallo“, sagte er. „Kennen wir uns nicht?“

Es erstaunte sie, dass er auf diese abgegriffene Masche angewiesen war. Eigentlich sah er aus, als würde er sich auf eine originelle Anmache verstehen. Solange sie seine warme Hand auf ihrer Schulter spürte, brachte sie jedoch kein Wort heraus.

„Ja, klar. Ich war früher, als ich mit meiner Familie in Burleson wohnte, mit deinem Bruder Keith unterwegs. Ich bin Quint. Quint Mason. Erinnerst du dich an mich?“

Quint Mason? War das möglich? Hier? So nah? Sie war ganz perplex. Was für ein Zufall!

Er hielt ihr lächelnd die Hand hin.

Fast hätte sie gelacht. Nicht weil irgendetwas lustig gewesen wäre, sondern aus Nervosität. Was blieb ihr anderes übrig, als sich von ihm aufhelfen zu lassen?

Sie fühlte sich plötzlich ein bisschen wie Alice im Wunderland. „Hm … tja …“, stammelte sie.

„Janie, richtig? Nein, warte …“ Er schnippte mit den Fingern. „Jorgie, stimmt’s?“

Ein Glücksgefühl durchströmte sie, und sie nickte stumm. Er erinnerte sich an ihren Namen!

„Du hast dich verändert“, stellte er fest und musterte sie mit einem anerkennenden Funkeln in den Augen. Aber sie war nicht die Einzige, die sich verändert hatte. Er war nicht mehr schmal und schlaksig, sondern breitschultrig und muskulös. „Keine Zahnklammern mehr.“

Ihr wurde ganz warm. „Die bin ich auf der Uni losgeworden.“

„Und keine Zöpfe mehr.“ Er berührte ihr Haar, und seine Fingerspitzen streiften ihren Hals.

Ein Schauer überlief sie, ihr Atem ging schneller. „Die habe ich zusammen mit der Uniform der Privatschule hinter mir gelassen.“

„Du trägst gar keine Bücher aus der Bibliothek unter dem Arm. Liest du nicht mehr gern?“

„Doch, daran hat sich nichts geändert. Ich bin nur zur E-Book-Leserin aufgestiegen. Und das habe ich für den Flug in meiner Handtasche verstaut.“

„Außerdem trägst du keine Brille mehr. LASIK oder Kontaktlinsen?“

„Laseroperation“, bestätigte sie seine erste Vermutung.

„Ich auch.“

„Es ist erstaunlich, dass du mich wiedererkannt hast.“

„Diese Augen sind noch dieselben.“ Er nickte, als spräche er eine uralte Weisheit aus. „So tiefblau, dass sie fast violett wirken. Wie ein Bergfluss in Colorado. Nicht viele Menschen auf der Welt haben solche Augen. Als ich in deine Augen sah, wusste ich sofort, dass du es bist.“

Er erinnert sich an mich, dachte sie und ermahnte sich sofort, deswegen nicht so begeistert zu sein. Aber sie hatte tatsächlich Herzklopfen.

„Ich würde mich gern mit dir über alte Zeiten unterhalten“, sagte er.

Was für alte Zeiten? In dem ganzen Jahr, in dem er in Burleson gewohnt hatte und mit ihrem Bruder befreundet gewesen war, hatte sie keine zehn Worte mit ihm gewechselt. Dafür war sie viel zu schüchtern gewesen.

„Ich würde auch gern wissen, was Keith heute so treibt, aber leider …“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Ich komme zu spät zur Arbeit. Vielleicht können wir uns ein andermal länger unterhalten.“ Das war vage. Trotzdem geriet sie völlig aus dem Häuschen bei der Vorstellung, ihn wiederzusehen.

„Ja, vielleicht.“ Sie hauchte die Worte beinah, riss sich aber sofort wieder zusammen.

Er zog eine Visitenkarte aus der Tasche seines Jacketts mit Hahnentrittmuster – er sah natürlich nicht nur gut aus, sondern kleidete sich auch noch elegant – und reichte sie ihr. „Ruf mich an, wenn du wieder in der Stadt bist.“

Klar doch. Falls sie jemals den Mut dazu aufbrachte. Sie nahm die Karte trotzdem.

„Bis dann.“ Er winkte noch einmal und verschwand mit seinem Trolley.

Jorgie blieb benommen zurück.

„Ach, du meine Güte, wer ist denn dieser sexy Typ?“, wollte Avery wissen, die genau in diesem Moment wieder aus dem Nichts auftauchte. Synchron neigten sie die Köpfe, während sie seufzend Quints knackigen Po bewunderten.

„Das“, erklärte Jorgie, „war Quint Mason.“

„Der Quint Mason vom Flaschendrehen? Das ist jetzt nicht wahr.“ Avery schubste sie scherzhaft.

Jorgie deutete auf ihr Gepäck. „Womöglich.“

Avery kicherte. „Das ist einfach unglaublich.“

„Wieso?“

„Es ist Schicksal, Kismet oder Glück. Wir haben doch eben erst über ihn gesprochen, und zack, taucht er auf. Wie wahrscheinlich ist das?“

„So abwegig, wie du glaubst, ist es auch wieder nicht“, erwiderte Jorgie, deren mathematischer Verstand sofort arbeitete. „Schließlich arbeitet Quint für eine Fluglinie, und das hier ist der größte Flughafen der USA. Wahrscheinlich kommt er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit hier vorbei.“

„Kann schon sein. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass du hier stehst, wenn er vorbeikommt?“

„Wenn du möchtest, erstelle ich für dich eine statistische Analyse …“

Avery hielt sich die Ohren zu. „Erspar mir das. Zahlen bringen mich nur durcheinander.“

„Es ist wie bei diesem Phänomen, wo man sich entschließt, ein bestimmtes Auto zu kaufen …“

„Ich will einen Spyder.“

„Na schön, einen Spyder“, meinte Jorgie, „und plötzlich sieht man überall Spyder. Wenn wir nicht über Quint gesprochen hätten, wäre er mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Er wäre glatt unbemerkt an mir vorbeigegangen. So wie du nicht auf jeden Spyder achten würdest, der an dir vorbeifährt, wenn du nicht unbedingt einen haben wolltest.“

„Nur dass er nicht an dir vorbeigelaufen, sondern mit dir zusammengestoßen ist.“

„Du hast das gesehen?“

„Der ganze Flughafen hat es gesehen.“

Jorgie verzog das Gesicht. Sie hasste es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Und am schlimmsten war es, wenn der Grund dafür etwas Peinliches war. Avery dagegen liebte das Rampenlicht.

„Mach dich deswegen nicht verrückt“, sagte ihre Freundin, die anscheinend mal wieder Gedanken lesen konnte. „Es kümmerte hier keinen, dass dein Rock praktisch bis zur Taille hochgeschoben war.“

Jorgie stöhnte.

„Sieh es mal positiv. Immerhin hast du keinen String an. Komm schon, gehen wir durch die Kontrolle, bevor die Schlange noch länger wird. In fünfzehn Minuten können wir an Bord.“

Avery hatte recht. Es nützte nichts, sich wegen etwas zu grämen, was man sowieso nicht ändern konnte. Sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren und sollte sich auf die Reise freuen. Schließlich würde sie nach Venedig fliegen. Was konnte eine Frau sich mehr wünschen?

Als sie die Flughafenkontrolle hinter sich hatten und am Gate der Eros Air ankamen, gingen die Passagiere schon an Bord.

„He“, meinte Avery und stieß Jorgie mit dem Ellbogen an. „Ist das nicht dein Typ?“

„Welcher Typ?“

„Der Attraktive da drüben neben der Angestellten am Gate.“

Jorgie sah zur Fluggastbrücke, und tatsächlich entdeckte sie Mason, der dabei war, an Bord der Maschine zu gehen. Ihrer Maschine. Nach Venedig. Was machte er auf ihrem Flug? Arbeitete er für Eros Airlines? War er Pilot, Navigator oder Flugbegleiter? Aber er trug keine Uniform.

Jorgie warf einen Blick auf ihr Ticket. „Sind wir am richtigen Gate?“

„E37. Das ist deins.“

Sie sah Avery an. „Was meinst du mit ‚das ist deins‘?“

„Dies ist dein Gate.“

„Mein Gate?“ Sie runzelte die Stirn.

Avery trat von einem Fuß auf den anderen. „Na ja, mein Gate ist E34.“

„Dein Gate?“, wiederholte Jorgie wie ein Papagei.

„Ich habe mich in letzter Minute entschlossen, lieber die Make-Love-Like-A-Moviestar-Tour zu machen. Ich fliege nach Hollywood.“

„Wie bitte?“

„Ich fliege nach Hollywood“, wiederholte Avery.

„Deshalb bist du zum Ticketschalter gegangen. Du wolltest deinen Flug umbuchen.“

Immerhin besaß Avery so viel Anstand, verlegen auszusehen. „Ja.“

„Und das ging einfach so?“

„Ich musste eine zusätzliche Gebühr zahlen.“

Jorgie war schockiert. „Warum hast du mir nichts davon gesagt? Ich hätte genauso gern die Filmstar-Tour gemacht. Komm, wir tauschen mein Ticket auch um.“

„Äh, tja, ich wollte lieber allein reisen.“

„Aber … aber …“, stammelte Jorgie. „Diese ganze Eros-Reise war deine Idee. Du hast gesagt, ich soll meine Flügel ausbreiten, meine Sexualität entdecken und Brian zeigen, dass ich genauso unkonventionell sein kann wie … wie …“

Avery legte ihr die Hand auf die Schulter. „Und das wirst du auch tun.“

„Aber nicht ohne dich.“

„Jorgie, irgendwann müssen wir die Leine mal kappen. Ich kann nicht ewig dein Es sein. Du musst selbst lernen, Spaß zu haben.“

„Na toll.“ Jorgie war vollkommen überrumpelt. „Aber wer bremst dich jetzt?“

„Das ist der springende Punkt. Diesmal lasse ich mich einfach fallen. Keine Bremsen, kein Fallschirm, nichts, was mich zurückhält.“

Jorgie starrte sie verwirrt an. „Ich …“

„Hör mal, das ist jetzt kein Weltuntergang“, meinte ihre Freundin aufmunternd. „Wir machen nur getrennt Urlaub.“

„Ich hätte diese Reise nie gebucht, wenn ich gewusst hätte, dass du mich hängen lässt.“ Jorgie ballte die Fäuste.

„Ich weiß.“ Avery lächelte. „Deshalb musste ich es ja so machen. Ich hoffe, du verzeihst mir diese List irgendwann.“

„Tu das nicht. Du kannst dein Ticket noch mal umtauschen. Ich bezahle auch die Gebühr. Bitte.“

„Es wird Zeit für dich, erwachsen zu werden.“ Avery schulterte ihre Reisetasche. „Ciao.“

„Du kannst nicht … lass mich nicht allein!“

„Süße, du bist viel zu abhängig von mir.“

Ihre Freundin hatte recht. Jorgie fand selbst, dass sie verzweifelt klang. Vielleicht lag das daran, dass sie verzweifelt war. „Bitte …“

„Du schaffst das, ich habe vollstes Vertrauen in dich. Wir telefonieren jeden Tag und erzählen uns, was wir erlebt haben.“

„Ave…“ Jorgie kämpfte mit einem Durcheinander an Emotionen. Sie fühlte sich verraten, ängstlich, zornig, aber seltsamerweise war sie auch ein bisschen aufgeregt. Sie hatte noch nie etwas allein unternommen. Avery und sie hatten auf dem College zusammen gewohnt, und danach war Jorge mit Brian zusammengezogen. Als Brian sie verließ, zog Avery wieder bei ihr ein. Sie hatte noch nie allein gelebt oder war allein verreist.

„Letzter Aufruf für Flug 692 Eros Air“, verkündete eine Stimme über Lautsprecher.

„Geh.“ Avery schubste sie sanft Richtung Fluggastbrücke. „Es ist zu deinem Besten.“

„Ich …“

„Breite die Flügel aus, Jorgie. Pfeif auf die Konventionen und flieg deinem Ziel entgegen.“ Mit diesen Worten wandte Avery sich ab und ging eilig davon. Im Nu wurde sie von der Menschenmenge verschluckt.

Jorgie stand wie angewurzelt da. Ihr Herz pochte. Die Angestellte am Gate sah sie erwartungsvoll an und streckte die Hand aus, um ihre Bordkarte entgegenzunehmen.

Sie sah die Frau an und ließ die letzten Wochen noch einmal Revue passieren. Ihre ganze kleine Welt war zusammengebrochen. Brian hatte sie verlassen, weil sie ihm zu langweilig war. Gleichzeitig war sie bei der Arbeit bei einer Beförderung übergangen worden, weil sie, wie ihr Chef fand, nicht aggressiv genug war. Dann hatte sie Averys Rat angenommen und eine erotische Fantasiereise gebucht, war hier auf dem Flughafen Quint Mason begegnet und hatte festgestellt, dass er im gleichen Flugzeug wie sie sitzen würde. War das Schicksal?

Jorgie war eigentlich Realistin, schließlich arbeitete sie als Wirtschaftsprüferin. Sie mochte es, wenn die Dinge einen Sinn ergaben und logisch waren, und dazu passte die romantische Vorstellung einer schicksalhaften Fügung nicht. Doch hier war sie nun, und das Schicksal bot ihr eine Chance. Besaß sie den nötigen Mut, um zuzugreifen?

„Miss?“, sagte die Angestellte am Gate. „Gehen Sie an Bord?“

Jetzt oder nie. Entweder sie bewies, dass sie wagemutig sein konnte, oder sie akzeptierte ein für allemal, dass sie eine schüchterne, konventionelle Frau war, die nie die Aufmerksamkeit eines Mannes wie … Quint Mason auf sich ziehen konnte.

Entschlossen drückte sie der Angestellten ihre Bordkarte in die Hand. „Ja“, sagte sie. „Das tue ich.“

2. KAPITEL

Sieh mal an, die kleine Jorgie Gerard hatte sich ja erstaunlich entwickelt.

Von seinem Platz im hinteren Teil des Flugzeugs aus beobachtete Quint Mason, wie sie mit ihrem Handgepäck an Bord der Eros Air Bombardier CRJ200 kam und den Gang entlangging. Er musterte ihre üppigen Kurven. Einen solchen Körper hatte sie vor dreizehn Jahren noch nicht gehabt, sonst würde er sich daran erinnern.

Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Er war wie gebannt. Der Ausschnitt ihrer taubenblauen Bluse offenbarte nicht viel, aber es genügte, damit sich kleine Schweißperlen in seinem Nacken bildeten. Das Flugzeug war edel eingerichtet, aber in diesem Moment fiel ihm nur auf, wie eng es war. Jorgie blieb ein paar Reihen vor ihm stehen und schaute auf ihre Platzkarte.

Die Sonnenstrahlen, die durch ein Fenster fielen, tauchten sie in einen sanften gelben Lichtschein. Sie sah aus wie ein Engel. Kaum zu glauben, dass das die kleine schüchterne Schwester seines besten Freundes war!

Die glatten braunen Haare mit den rötlichen Strähnen hatte sie zu einem sittsamen Pferdeschwanz zusammengebunden. Am liebsten hätte er das Haarband gelöst, um zu sehen, wie sie über ihre Schultern fielen. Sie trug einen knielangen Rock in einem etwas dunkleren Blau als ihre Bluse, dazu blaue Sandaletten mit pinkfarbenen Blümchen. Sie sah aus wie das Mädchen von nebenan, das nun erwachsen war. Eine Frau, die man seinen Eltern vorstellte. Eine zum Heiraten. Er musste sich dringend von ihr fernhalten.

Doch auch als das Licht gedämpfter wurde, konnte er sich von ihrem Anblick nicht losreißen. Er hatte keine Ahnung, warum. Sein Herz klopfte schneller, und das war sehr ungewöhnlich.Normalerweise tat es das nur, wenn er seine Corvette zu schnell fuhr, Tango tanzte oder mit einer Frau schlief. Sie war hübsch, ja, aber nichts Außergewöhnliches. Es gab also keinen Grund für diese Empfindungen. Trotzdem besaß sie eine Ausstrahlung, die ihn fesselte, und ein unerwarteter Gedanke schoss ihm durch den Kopf.

Ich muss sie haben.

Das war idiotisch und würde nur Ärger geben, großen Ärger. Quint senkte die Lider und lächelte.

Er konnte bis zu seinem Platz hören, wie er scharf die Luft einsog. Rasch wandte sie sich ab und versuchte, ihr Handgepäck im Gepäckfach zu verstauen. Obwohl die Fächer in diesem Privatjet größer waren als in den Linienmaschinen, hatte sie Mühe, ihre Tasche unterzubringen.

Quint stand auf und war mit wenigen Schritten bei ihr. „Warte, ich helfe dir.“

Einen Moment lang schien es, als wollte sie ablehnen, doch als ihre Finger sich berührten, ließ sie den Griff los. Ein Hauch ihres delikaten Parfüms hüllte Quint ein.

„Danke“, sagte sie leise.

Er starrte ihre sinnlichen Lippen an und verlor sich in den Tiefen ihrer blauen Augen, während er ihre Tasche über den Kopf hielt. Mann, nimm dich zusammen, ermahnte er sich. Seit der Highschool hatte ihn keine Frau mehr derart aus der Fassung gebracht.

„Ist irgendwas?“ Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht. Dabei klimperten ihre pinkfarbenen Armreifen am Handgelenk.

„Ich …“ Tu was, steh nicht einfach nur da. Hinter ihr im Gang staute sich alles. Endlich schob er ihre Tasche ins Gepäckfach und machte die Klappe zu.

„Danke“, wiederholte sie, setzte sich und schnallte sich an. Dann nahm sie das Bordmagazin und fing an, darin herumzublättern.

„Gern geschehen“, murmelte Quint, dem nichts Besseres einfiel, und kehrte zu seinem Platz zurück. Dort versuchte er, noch ganz benommen von ihrer bloßen Gegenwart, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Er war Sky Marshal bei der Lockhart Agency und in deren Auftrag zu einem Sondereinsatz unterwegs. In den letzten zehn Wochen waren er und seine Kollegen für Eros Airlines und Fantasy-Abenteuerurlaube tätig gewesen. Der Slogan des Unternehmens lautete: „Something Sexy In the Air“, und es hatte sich auf reiche Kunden spezialisiert, die gern viel Geld ausgaben, um ihre leidenschaftliche Seite auszuleben.

In den letzten Monaten aber hatte die Besitzerin der Fluglinie, Taylor Milton, anonyme Drohbriefe erhalten. Gleichzeitig häuften sich in vier ihrer internationalen Hotels Sabotageakte. Sie zögerte, zur Polizei zu gehen, weil sie Angst vor schlechter Publicity hatte. Um den Fall diskret zu behandeln, hatte sie Lockhart Agency engagiert.

Die Sky Marshals arbeiteten undercover, sowohl in den Flugzeugen als auch in den Hotels. Quint war im Hotel in Venedig als Animateur getarnt, wo er täglich Kurse zum Thema „Die Liebeskunst Casanovas“ gab. Dies war sein dritter Durchgang, seit der Auftrag abgeschlossen worden war, und er hatte jedes Mal seinen Spaß dabei gehabt. Er brachte den Männern bei, großartige Liebhaber zu sein, und er flirtete mit den Frauen, um seine Fähigkeiten zu demonstrieren. Der einzige Nachteil an der ganzen Sache war die Moralitätsklausel, die er hatte unterschreiben müssen: Sie verbot ihm, Sex mit den Gästen zu haben. Für einen sinnlichen Menschen wie ihn war das eine echte Herausforderung.

Die Sabotageakte hatten zunächst eher in Unannehmlichkeiten bestanden, die kaum der Rede wert waren. Aber vor einem Monat hatte dann jemand eine kleine Bombe im Hotel in Tokio deponiert. Die Bombe war gefunden und entschärft, das Hotel evakuiert worden, ohne dass jemand zu Schaden kam, doch damit war die Situation deutlich eskaliert. Taylor Milton verstärkte die Sicherheitskräfte in den Hotels, und seitdem hatte es keine weiteren Vorfälle oder Drohbriefe gegeben. Das hieß natürlich nicht, dass der Spuk vorbei war. Es war unheimlich, darauf zu warten, was als Nächstes passieren würde.

Quint fiel auf, dass sich niemand neben Jorgie setzte, obwohl die Maschine voll war. Sobald sie in der Luft waren, schickte er seinem Kollegen Jake Stewart eine SMS, der in diesem Moment ein Flugzeug in Los Angeles bestieg, um an einer Eros-Reise unter dem Motto „Die Liebeskunst der Filmstars“ teilzunehmen.

Irgendwelche gut aussehenden Frauen?, tippte er in seinen BlackBerry.

Ist das alles, woran du denken kannst?, antwortete Jake.

Quint lachte. So ziemlich.

Casanova passt perfekt zu dir.

Schwing dich wieder aufs Pferd, Mann. Jake war seit über einem Jahr geschieden und, soweit Quint wusste, seither mit keiner Frau mehr ausgegangen. Deshalb ermunterte er ihn ständig, sich auf eine Affäre einzulassen. Aber Jake war ein superkorrekter Typ, der sich stets an die Regeln hielt.

Darf ich dich an die Moralitätsklausel erinnern?, textete Jake zurück.

Und? Irgendwelche tollen Frauen?

Ja.

Das überraschte Quint. Wirklich?

Nicht mein Typ.

Umso besser.

Sie schließen die Tür. Bis später.

Quint steckte seinen BlackBerry wieder ein. Die Stewardess verteilte Getränke, und er hörte, wie Jorgie eine Bloody Mary bestellte. Nachdem sie ihren Drink und er eine Flasche Wasser bekommen hatte, ging er zu ihr und setzte sich neben sie. „Hattest du eine wilde Nacht?“

Sie sah ihn verblüfft an.

Er deutete auf ihren Drink. „Eine Bloody Mary gilt allgemein als Mittel gegen Kater.“

„Nein“, antwortete sie. „Ehrlich gesagt, trinke ich selten etwas …“

„Hast du Angst vorm Fliegen?“

„Überhaupt nicht.“

„Das wird ja immer mysteriöser. Du scheinst mir nicht der Typ zu sein, der morgens um neun Alkohol trinkt.“

„Stimmt genau.“

„Da komme ich nicht ganz mit“, gestand er.

„Ich tue Dinge, die ich normalerweise nicht tue.“

„Aha. Es hat also mit dem üblen Ende einer Beziehung zu tun.“

„Woher weißt du das?“

„Du reist allein, trinkst schon im Flugzeug Bloody Marys und bist unterwegs zu einem Eros-Hotel. Das sind die üblichen Mittel, um über das Ende einer Beziehung hinwegzukommen.“

„Willst du damit sagen, dass ich ein Klischee bin?“

Er zuckte die Schultern und grinste.

„Eigentlich wollte ich gar nicht allein reisen“, sagte sie. „Meine Freundin Avery sollte mich begleiten. Aber sie hat im letzten Moment ihr Ticket umgetauscht und ist unterwegs zu einem anderen Eros-Hotel. Das ist doch wohl Grund genug für eine Bloody Mary, oder?“

„Trink aus. Ich bestelle dir noch eine.“

Sie schaute auf seine Wasserflasche. „Du trinkst nichts?“

„Ich bin nicht in Stimmung.“ Er lächelte. „Aber tu dir keinen Zwang an.“

„Mit diesem Lächeln kriegst du viele Frauen ins Bett, oder?“

Diese Frage von einem braven Mädchen von nebenan überraschte ihn. „Ich kann mich nicht beklagen.“

„Du hast dich seit der Highschool kein bisschen verändert.“

„Das klingt nicht wie ein Kompliment“, stellte er fest.

„Was soll an einem neunundzwanzigjährigen Mann mit Highschool-Mentalität nicht schmeichelhaft sein?“

„Autsch, Kätzchen. Zieh die Krallen ein. Ich bin nicht der Kerl, der dir wehgetan hat.“

„Nein, aber du bist der, der entschieden hat, sich hierher zu setzen. Entweder du kannst einstecken, oder du verschwindest dorthin, wo du hergekommen bist.“

Das wurde ja langsam richtig interessant. Quint lehnte sich zurück und schnallte sich an. Er konnte seinen Job genauso gut hier machen wie in der letzten Reihe. „Es ist ein langer Flug, und ich bin ganz Ohr.“

„Warst du jemals verlobt?“ Sie klang verbittert, und unvermittelt stieg in Quint eine Wut auf den Exfreund auf, der sie sitzen gelassen hatte.

„Nein“, antwortete er.

„Warst du je nah dran?“

„Nein.“

„Wolltest du mal heiraten?“

„Auf die Idee bin ich nie gekommen.“

Sie nippte an ihrer Bloody Mary und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Wie schlau von dir.“

„Und wie geht es Keith?“, fragte er unvermittelt. „Ich habe ihn beim zehnjährigen Klassentreffen gesehen, und wir haben ein paar Drinks zusammen genommen. Es war nett, aber wir sind nicht in Kontakt geblieben.“

„Keith hat gerade geheiratet. Er und seine Frau erwarten im Herbst ein Kind.“

„Wirklich? Aber er ist doch erst …“

„Neunundzwanzig. Genauso alt wie du.“

„Das kommt mir zu jung vor, um sich fest zu binden.“

„Er ist sehr glücklich.“

„Freut mich für Keith.“ Wehmut überkam ihn. Anscheinend heirateten alle seiner Freunde und gründeten eine Familie. Er verstand das nicht. Es gab noch so viel zu erleben. Heiraten und alt werden konnte man immer noch, aber jung war man nur ein Mal.

„Wie geht es deinen Eltern?“, erkundigte sie sich.

„Sie sind nach Santa Fe gezogen. Mum hat dort eine Kunstgalerie eröffnet. Dad geht mit Touristen auf Hirschjagd.“

„Und dein Bruder?“

„Gordy ist noch bei der Air Force und wird, genau wie Dad, Berufssoldat.“

„Und du nicht?“

„Nein. Ich habe mich noch nie gern von anderen herumkommandieren lassen. Das Militär war nichts für mich. Wie geht es denn deinen Eltern?“

„Sie haben endlich das Haus in der Janie Lane verkauft und sind in eine Eigentumswohnung in der Innenstadt von Forth Worth gezogen.“

„Wirklich?“

„Sie hatten genug von der Vorstadtsiedlung. Die beiden wollten dorthin, wo mehr los ist.“

„Ich bin beeindruckt. Paula und James genießen das Leben in vollen Zügen am Sundance Square.“

„So ändern sich die Dinge“, sagte sie.

Er musterte sie eingehend. Die Wölbung ihrer Brüste unter ihrer Bluse war unübersehbar. „Ja, allerdings. Und was machst du so? Keith hat mir erzählt, dass du für ein großes Wirtschaftsprüfungsunternehmen arbeitest.“

„Da bin ich auch immer noch.“

„Hast du schon mal woanders gearbeitet?“

„Nur bei Six Flags. Da war ich sechzehn.“

„He, Keith und ich haben auch einen Sommer lang dort gearbeitet. Wir haben Eis verkauft.“

„Ich erinnere mich. Sie haben dich gefeuert, weil du Bananensplit an hübsche Mädchen umsonst verteilt hast.“

„Dein Erinnerungsvermögen ist ja richtig gefährlich“, bemerkte er lächelnd.

Ihre Blicke trafen sich, und sofort war da wieder dieses elektrisierende Gefühl, das er schon bei ihrem Zusammenprall im Flughafen verspürt hatte. Was hatte das zu bedeuten? Eigentlich war sie überhaupt nicht sein Typ. Er mochte große, superattraktive, elegante Blondinen mit langen Beinen und mehr Busen als Hirn. Jorgie aber war ganz anders.

„Und, was machst du?“, sagte sie. „Als du mich im Flughafen umgeworfen hast, hast du erwähnt, dass du zu spät zur Arbeit kommen würdest. Deshalb dachte ich, du wärst Pilot oder Flugbegleiter.“

„Ich arbeite für Eros“, antwortete er.

„Als was?“

„Als Dozent.“

Sie runzelte skeptisch die Stirn. „Was denn für ein Dozent? Ich hatte nie den Eindruck, dass du mal Professor werden würdest.“

„Ich gebe den Kurs ‚Die Liebeskunst Casanovas‘. Das ist der männliche Gegenpart zu ‚Die Liebeskunst der Kurtisanen‘.“

Jorgie hätte sich fast an ihrer Bloody Mary verschluckt. „Wirklich?“

„Wirklich.“

„Was bringst du ihnen bei?“

„Die Kunst der Verführung.“

Sie musste lachen.

„Das ist nicht lustig.“ Er tat gekränkt, obwohl er zugeben musste, dass diese Casanova-Sache wirklich ziemlich albern war.

„Probierst du deine Fähigkeiten gerade an mir aus?“, fragte sie.

„An einer alten Freundin?“ Er verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.

„Ehrlich?“

„Pfadfinderehrenwort.“ Er hob zwei Finger der linken Hand.

„Wie kommt es dann, dass sich dein Ellbogen auf gleicher Höhe mit meinen Brüsten befindet? Wartest du auf die Gelegenheit, sie rein zufällig zu streifen?“

„Wie bitte? Traust du mir nicht mehr Raffinesse zu?“

„Du kannst aufhören, beleidigt zu schauen, und deinen Ellbogen wegnehmen.“

„Mit dreizehn warst du aber noch nicht so kratzbürstig“, sagte er beleidigt und nahm den Arm weg. Er hatte nicht vorgehabt, ihre Brüste „aus Versehen“ zu berühren, aber nachdem sie ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, konnte er an nichts anderes mehr denken. Ihre Nähe war einfach zu aufregend. Die Luft zwischen ihnen schien regelrecht zu knistern.

„Du bist unverbesserlich.“

„Was?“

„Ich sehe, wie du meine Brüste anstarrst.“

„Darf ich bemerken, dass es sehr schöne Brüste sind?“

„Husch, verschwinde!“ Sie wedelte mit beiden Händen. „Zurück auf deinen Platz.“

„Du scheuchst mich weg?“

„Allerdings.“

„Du bist herzlos.“ Er grinste.

„Geh.“ Sie zeigte mit dem Finger wie bei einem unartigen Hund.

Was hatte er falsch gemacht? Quint war es nicht gewohnt, fortgeschickt zu werden. Normalerweise mochten die Frauen ihn, und er mochte sie.

„Ist das dein Ernst?“

„Warum habe ich den Eindruck, dass Frauen bei dir nur selten Nein sagen?“

„Vielleicht, weil ich den Charme eines Casanovas besitze.“

Sie verdrehte die Augen. „Meine Erfahrung lehrt mich, dass Männer, die schlagfertig sind, damit etwas anderes kompensieren.“ Sie schaute demonstrativ auf seinen Schoß.

„Das war ein echter Tiefschlag. Du verstehst es wirklich, einen Mann zu treffen, Jorgie.“

„Ich wette, du fährst einen Sportwagen.“

„Stimmt.“

„Lass mich raten – eine rote Corvette.“

„Woher weißt du das?“

„Man nennt das Überkompensation“, erklärte sie.

„Autsch, autsch.“

„Hat deine Stereoanlage etwa auch gigantische Lautsprecher?“

„Was?“

„Deine Stereoanlage zu Hause. Hat sie gigantische Lautsprecher?“

„Ich traue mich nicht, diese Frage zu beantworten.“

„Dann werte ich das als Ja“, erklärte sie.

„Allmählich begreife ich, warum dein Freund mit dir Schluss gemacht hat. Du weißt nicht, wie man sich amüsiert.“ Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, bereute er es auch schon, denn ihr Lächeln erstarb sofort. „Vergiss es, das habe ich nicht so gemeint. Du hast mich mit dieser Überkompensationssache nur in die Seile geboxt, und ich kam mit einem Schwinger zurück.“

„Ist schon gut“, versicherte sie ihm fröhlicher, als er vermutet hätte. „Du hast recht. Brian hat mich genau deshalb verlassen – weil ich mich nicht entspannen und amüsieren kann. Deshalb bin ich hier.“

Das tat ihm leid. „Du wirst darüber hinwegkommen. Jedem wird mal das Herz gebrochen.“

„Sogar dir?“

„Na ja.“ Er lachte leise. „Bis jetzt hat mich dieses Schicksal noch nicht ereilt. Aber es bleibt den wenigsten Menschen erspart.“

„Dann bist du nicht der, an dessen Schulter ich mich ausweinen kann.“

„Vielleicht nicht“, erwiderte er und zwinkerte ihr zu. „Ich könnte dich aufheitern.“

„Vielleicht später.“ Sie zog die Jalousie vor dem Fenster herunter. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest? Ich möchte ein Nickerchen machen.“

Na schön. Quint wusste, wann man gehen musste.

Zum Glück war sie ihn losgeworden. Das Letzte, was Jorgie momentan gebrauchen konnte, war, dass ihre Highschool-Liebe versuchte, bei ihr den Casanova zu spielen.

Was soll das heißen? Sie konnte Averys Stimme fast hören. Das ist genau das, was du brauchst. Eine hübsche Affäre mit jemandem, den du kennst und dem du vertraust. Warum benimmst du dich ihm gegenüber so kratzbürstig?

Warum? Weil der Mann ihr Angst machte. Er hatte seinen Platz in ihrer Erinnerung gehabt, als eine ihrer Teenagerfantasien. Quint war für sie unerreichbar wie ein Rockstar gewesen – und plötzlich saß er neben ihr.

Ein weiterer besorgniserregender Aspekt war die Tatsache, dass er dreizehn Jahre später besser denn je aussah. Und er hatte mit ihr geflirtet. Quint. Der attraktivste Mann, den sie kannte. Flirtete mit ihr, einer Frau, die höchstens durchschnittlich aussah.

Du siehst nur deshalb durchschnittlich aus, weil du dir keine Mühe gibst. Trag mehr Make-up und mehr Schmuck, gib mehr Geld für den Friseur aus und besorg dir sexy Kleidung.

„Verschwinde aus meinem Kopf“, murmelte Jorgie. „Du hast mich allein fliegen lassen, also lass mich gefälligst in Ruhe.“

„Verzeihung.“ Die Stewardess beugte sich über den leeren Sitz, der immer noch nach Quints Eau de Cologne duftete. „Brauchen Sie etwas?“

„Nein, nichts. Danke.“ Man hatte sie bei einem Selbstgespräch ertappt. Wie peinlich!

Sie musste endlich eine Entscheidung treffen, denn sie und Quint würden in den nächsten zwei Wochen im gleichen Hotel wohnen. Und offenbar – auch wenn sie das absolut nicht verstehen konnte – fühlte er sich zu ihr hingezogen. Was sollte sie tun?

Würde sie ihren sexuellen Horizont erweitern, ihre Jugendfantasien ausleben? Oder würde sie die Vergangenheit ruhen lassen und sich von ihm fernhalten?

Früher hätte sie nicht lange überlegen müssen. Sie wusste, dass sie nicht Quints Typ war. Er mochte schnelle Autos und rassige Frauen. Ihm war, seiner eigenen Aussage nach, noch nie das Herz gebrochen worden. Das bedeutete, dass er derjenige war, der Herzen brach.

Es sei denn …, meldete sich Averys Stimme.

Es sei denn was?

Es sei denn, du nutzt einfach diesen Urlaub und nimmst ihn dir als Lehrer – und um Brian zu vergessen. Dafür wäre er genau der Richtige.

Die Idee war nicht schlecht. Der Mann wäre wirklich ein ausgezeichnetes Mittel, um die Trübsal loszuwerden, mit der Brian sie zurückgelassen hatte.

3. KAPITEL

Avery Bodel stieg in L.A. aus dem Flugzeug. So frei hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. So lange, dass sie sich kaum daran erinnern konnte. Sie liebte Jorgie wie eine Schwester, aber manchmal brauchte sie einfach einen kleinen Schubs. Dass sie ihre Freundin am Flughafen allein gelassen hatte, war nur zu deren Bestem geschehen. Es wurde höchste Zeit, dass sie auf eigene Faust Abenteuer erlebte. Ohne Avery.

Sie stand mit den übrigen Passagieren auf dem privaten Startfeld und wartete darauf, dass ihr Gepäck aus dem Eros-Jet geladen wurde, als sie ihn aus dem Flugzeug steigen sah. Er musste vor ihr an Bord gegangen sein und hinten gesessen haben, denn sie hatte ihn noch nicht gesehen. Und er war jemand, den man nicht übersah.

Wenn dies ein Film gewesen wäre, hätte in dieser Szene sentimentale Musik einsetzen müssen. Die Kamera hätte dann voll auf diesen unglaublich gut aussehenden Mann geschwenkt, der das Flugzeug verließ.

Er hatte dunkles Haar, dunkle Augen und ein ernstes Gesicht. Averys Herz schlug schneller. Was für ein Mann!

Er trug eine ausgewaschene schwarze Jeans mit einem Riss am rechten Knie, dazu ein Nirvana-T-Shirt, das ebenfalls schon zu oft gewaschen worden war. Seine Füße steckten in zerschrammten, abgewetzten Militärstiefeln, und seine Bartstoppeln verrieten, dass er seit Tagen keinen Rasierapparat mehr benutzt hatte. Manche Männer wirken in diesem Aufzug ungepflegt. Bei ihm sah es dagegen äußerst sexy aus.

Ein seltsamer Gedanke kam Avery in den Sinn. Dieser Mann wäre bestimmt ein toller Vater. Sie erschrak. War das etwa schon ihre biologische Uhr, die da tickte? Sie verdrängte die Idee sofort wieder. So etwas konnte sie überhaupt nicht gebrauchen. Wie sollte man sich mit einem Kind auf dem Arm und einer Windeltasche über der Schulter amüsieren? Sie war erst sechsundzwanzig und hatte noch einiges vor, bevor sie eine Familie gründen würde. Als Ältestes von fünf Kindern –, wobei die jüngste Schwester dreizehn Jahre jünger war – wusste sie nur allzu gut, wie sehr Kinder einen beanspruchten.

Sie versuchte, sich zusammenzunehmen, aber sie konnte einfach nicht aufhören, den Mann anzustarren. Er wirkte distanziert auf eine Weise, die sie reizte, sich ihm zu nähern.

Die Flugbegleiter stellten Koffer auf das Rollfeld, woraufhin die Passagiere das Gepäck umringten. Avery und der aufregende Einzelgänger mit der düsteren Miene griffen gleichzeitig nach einer schwarzen Reisetasche. Sie erwischte sie zuerst, doch seine Hand schloss sich um ihre.

Als er sie berührte, fühlte sie ein sinnliches Kribbeln auf der Haut.

„Das ist meine Tasche“, erklärte er mit tiefer, männlicher Stimme.

„Nein“, erwiderte sie mit Bestimmtheit. „Es ist meine.“

„Das ist meine“, sagte er. „Und ich kann es beweisen.“

Bevor sie reagieren konnte, zog er auch schon den Reißverschluss auf, und zwar genau in dem Moment, als Avery am Tragegriff zerrte. Das hatte zur Folge, dass ihre sämtlichen bunten String-Tangas, Push-up-BHs, erotischen Negligés und Sexspielzeuge auf dem Rollfeld landeten.

Der Mann wurde rot. „Ich … also …“

„Es reicht, wenn Sie zugeben, dass Sie sich geirrt haben.“ Avery rümpfte die Nase und lächelte zufrieden. Jorgie wäre fast vor Scham im Boden versunken, doch gleichzeitig amüsierte sie sich ein wenig.

„Diese …“ Er deutete mit einer vagen Handbewegung auf die sexy Unterwäsche. „Das da …“

„Gehört mir“, sagte sie, und es war ihr kein bisschen peinlich, dass der Inhalt ihrer sündigen Kommodenschublade für alle sichtbar war. Sie schämte sich nicht für ihre Sexualität. „Und ich nehme Ihre Entschuldigung an, Mr. …“

„Stewart“, sagte er. „Jake Stewart.“

Sie bot ihm die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Jake. Ich bin Avery Bodel.“

Er schüttelte ihre Hand. Sein Griff war fest, und wieder ging ihr die Berührung durch und durch. „Tut mir leid, dass ich Ihre Tasche aufgemacht habe. Ich hätte schwören können, dass es meine ist.“

„Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie das wiedergutmachen müssen“, warnte sie ihn dreist, wie es ihre Art war.

„Natürlich.“ Er sank auf ein Knie und fing an, das Durcheinander aus Slips, BHs, Sexspielzeug und Miedern einzusammeln. Rot, Schwarz, Grün, Violet. Seide, Satin, Spitze. „Halten Sie Aktien von Victoria’s Secret?“

„Sollte ich eigentlich, wenn man bedenkt, wie viel Geld ich in deren Läden lasse.“

„Haben Sie auch Oberbekleidung mit?“

„In meinem Kleidersack.“

„Aha.“ Mit spitzen Fingern hob er einen Vibrator hoch und sah sie an.

„Keine Vorurteile“, sagte sie und schnappte ihm das Teil weg. „Eine Frau findet nicht immer einen Mann, der willens und bereit ist.“ Sie war entzückt, dass seine Ohren rot anliefen. Offenbar hatte sie diesen äußerlich coolen Mann aus der Fassung gebracht.

„Das kann ich mir nur schwer vorstellen.“

„Nur weil eine Frau einen Mann bekommen kann, heißt das nicht, dass sie ihn auch will.“

„Gibt es eigentlich irgendetwas, was Sie in Verlegenheit bringt?“, wollte er wissen.

„Nicht viel.“

„Das scheint mir auch so.“ Er stopfte die restliche Unterwäsche in die Tasche und zog den Reißverschluss zu.

„Ich weiß übrigens, wie Sie das wiedergutmachen können“, sagte sie. Die Situation gefiel ihr immer besser.

Er schien sich unbehaglich zu fühlen. „Und wie?“

„Indem Sie mich heute Abend zum Essen einladen.“ Mit diesen Worten nahm sie ihr Gepäck und marschierte davon.

Jake schaute ihr benommen hinterher. Avery Bodel war die reinste Naturgewalt. Zu dreist für seinen Geschmack, aber er fand sie trotzdem faszinierend. Das hatte mit ihrem frechen Gang zu tun, ihrer samtweichen, erotischen Stimme und ihrem Duft. Faszinierend war auch die pure Energie, die sie ausstrahlte. Ihre dunklen Locken wippten verlockend auf und ab, und ihre tief sitzenden Jeans und das knappe T-Shirt gaben den Blick auf ihre Tätowierung frei.

Das Tattoo war wirklich wahnsinnig sexy. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal so heftig auf eine Frau reagiert hatte. Und dann wurde es ihm schlagartig klar: seit Amanda ihn verlassen hatte. Seit der Zeit vor Afghanistan.

Bei dem Gedanken an den Krieg, aus dem er vor achtzehn Monaten zurückgekehrt war, schnappte er sich seine Kamera und folgte der Gruppe zu dem Bus, der sie zum Hotel Eros in den Hollywood Hills bringen sollte.

Normalerweise ließ er sich nicht von seiner Arbeit ablenken. Aber eine Frau wie Avery konnte einen Mann dazu bringen, seinen eigenen Namen zu vergessen. Und das gefiel ihm gar nicht. Offenbar war sie es gewohnt, Männer um den Finger zu wickeln. Aber da würde sie bei ihm eine Enttäuschung erleben.

Einen kurzen Moment lang fragte er sich, ob sie womöglich für die Saboteure in den Taylor Miltons Hotels verantwortlich war.

Sein Talent als Videofilmer war ausschlaggebend dafür gewesen, dass er im Auftrag von Dougal Lockhart und Taylor Milton in das Hotel in Hollywood entsandt worden war. Er sollte den Gästen dabei helfen, ihre voyeuristischen Fantasien auszuleben. Das war die perfekte Tarnung für seine Undercover-Tätigkeit.

Jake stieg in den Bus. Er verspürte den dringenden Wunsch, Avery zu filmen, um in Ruhe herauszufinden, was er von ihr hielt. Hör auf, an sie zu denken, ermahnte er sich. Schließlich hatte er einen Job zu erledigen, und davon würde er sich nicht ablenken lassen. Nicht einmal von einer verlockenden Frau wie Avery.

Sie erreichten das Hotel und checkten ein. Die Gäste staunten über den Glanz und Glamour, den das Hotel ausstrahlte. Es gab Springbrunnen und sexy Filmposter, im Hintergrund spielte sinnliche Musik, und auf den Monitoren, die im ganzen Raum verteilt waren, liefen erotische Filmszenen. Beim Einchecken lief gerade „9 ½ Wochen“.

Er ging zu Avery, die in der Schlange vor der Rezeption stand. „Wegen unseres Dates …“

„Holen Sie mich um sieben ab“, sagte sie. „Und rasieren Sie sich vorher. Ich mag es nicht, wenn es piekst.“

„Hat man Ihnen schon mal gesagt, dass Sie ziemlich dreist sind?“

„Ständig.“ Sie klimperte mit den Wimpern.

„Tja, dieser Hund springt aber nicht, wenn Sie mit den Fingern schnippen. Tut mir leid, ich habe anderes zu tun. Ich habe keine Zeit für ein Date.“

Das schien sie nicht zu beeindrucken. „Sie geben mir einen Korb?“

„So ist es.“

„Jetzt wird mir klar, warum Sie nicht verheiratet sind.“

„Woher wissen Sie, dass ich nicht verheiratet bin?“, fragte er.

„Erstens tragen Sie keinen Ring, und zweitens habe ich den Busfahrer gefragt.“

„Sie haben ihn nach mir gefragt?“

„Natürlich. Ich gehe nicht mit verheirateten Männern aus. Ich habe mir einmal die Finger dabei verbrannt. Das werde ich kein zweites Mal riskieren.“

„Wir gehen nicht zusammen aus.“

Sie lächelte ihn an und trat einen Schritt vor, als der Nächste in der Schlange an die Reihe kam.

Die Frau regte ihn wirklich auf. Jedenfalls würde er nicht hier stehen bleiben und sich weiter mit ihr streiten. Jake hatte als Angestellter schon den Schlüssel zu seinem Bungalow und musste sich deshalb nicht anstellen. Er schulterte seine Tasche und marschierte hinaus. Dabei hätte er schwören können, dass er sie hinter sich kichern hörte.

Genervt verließ er das Gebäude durch den Hinterausgang. Warum nur hatte diese Frau eine solche Wirkung auf ihn? Das gefiel ihm gar nicht, denn Emotionen brachten stets Probleme mit sich.

Er schloss die Tür des Bungalows auf, der eingerichtet war wie ein Filmset in den Vierzigerjahren, und warf seine Tasche auf den Metalltisch. Dessen grüne Kunststoffoberfläche erinnerte ihn an den in der Küche seiner Großmutter, an dem er als Kind immer gesessen hatte. Er nahm die Pistole aus dem Holster am Bein und legte sie neben die Kameratasche. Dann meldete er sich schnell bei der Lockhart Agency. Anschließend ging er ins Bad. Nach langen Flügen kühlte er sich gern mit einer kalten Dusche ab.

Nur schaffte er es nicht bis unter die Dusche, denn als er das Schlafzimmer durchquerte, bemerkte er, dass die Jalousien hochgezogen waren. Er ging über den schwarz-weiß gefliesten Boden, um sie herunterzulassen.

Die Jalousien des Bungalows nebenan waren ebenfalls hochgezogen. Der Abstand zwischen den beiden Bungalows betrug nicht einmal zwei Meter, und er konnte direkt in das andere Schlafzimmer schauen.

Was er sah, ließ ihn erstarren. Seine Männlichkeit regte sich. Im Schlafzimmer nebenan zog Avery Bodel sich direkt vor dem Fenster aus. Sie hatte ihm den Rücken zugedreht und zog sich anmutig das T-Shirt über den Kopf, bevor sie es auf den Boden warf. Dann hob sie die Hände zum BH-Verschluss, um einen Haken nach dem anderen langsam zu öffnen. Jake sah die Tätowierung über dem Steiß, ein schlichtes dunkelblaues Muster aus verschlungenen Linien.

Je länger er ihr beim Ausziehen zusah, desto enger wurde seine Hose um die Hüften. Sie ließ den BH hinuntergleiten und drehte sich ein Stück, sodass er ihre vollkommenen Brüste im Profil betrachten konnte. Dann öffnete sie ihren Jeansknopf und zog die Hose aus. Nun trug sie nichts weiter als einen roten Satinslip. Alles Blut schien ihm inzwischen in die Leistengegend geschossen zu sein. Es tat richtig weh.

Er wusste, dass er die Jalousien schließen sollte. Oder er wandte sich einfach vom Fenster ab. Aber er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Nichts konnte ihn dazu bewegen, sich vom Anblick dieser wundervollen weiblichen Kurven loszureißen.

Sie band ihre Haare oben auf dem Kopf mit einem Band zusammen. Ihre Haut war makellos. Als er ein süßes kleines Grübchen auf ihrer rechten Pobacke entdeckte, musste er lächeln. Sie war also doch nicht perfekt.

Jake schluckte. Dreh dich um, ermahnte er sich.

Aber das tat er nicht. Er schaffte es einfach nicht.

Sie stellte ein langes, schlankes Bein auf das Bett und beugte sich herunter, um ihre Socke auszuziehen. Das Ganze wiederholte sie mit dem anderen Bein.

Jake atmete schneller. Sämtliche Muskeln seines Körpers waren zum Zerreißen gespannt. Er stöhnte leise, als er sich vorstellte, wie er seine Finger in das sanfte Fleisch ihres üppigen Pos grub, während er in sie eindrang.

Sie kehrte ihm nach wie vor den Rücken zu. Nun fuhr sie mit dem Zeigefinger unter den winzigen Stofffetzen, der ihren Slip darstellte. Langsam zog sie ihn herunter. Dobei wackelte sie verführerisch mit den Hüften.

Jake hatte eine Erektion und konnte nicht mehr klar denken. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

Plötzlich drehte sie sich um, kickte ihren Slip fort und gewährte Jake einen ungehinderten Blick von vorn auf ihren Körper. Die pinkfarbenen Spitzen ihrer vollen Brüste waren aufgerichtet, und in ihrem Bauchnabel glänzte ein goldener Ring. Das kleine Haarbüschel über ihrem intimsten Punkt verriet ihm, dass sie naturblond war.

Sie schaute auf, direkt in sein Fenster, und zwinkerte ihm zu, bevor sie ihre Jalousien schloss.

4. KAPITEL

Venedig war eine architektonische Symphonie, eine lodernde Fantasie aus Nebel und Sonnenschein, ein mäanderndes Labyrinth aus Wegen, Brücken und Kanälen, ein süßes Gedicht aus vielschichtigen Träumen.

Jorgie hatte oft davon geträumt, die romantischste Stadt der Welt zu besuchen. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie durch die kopfsteingepflasterten Straßen schlenderte, in einer Gondel über das Wasser glitt und im beliebten Rialto-Viertel shoppen ging. Sie wollte den Glasbläsern und Maskenmachern zusehen und Bellinis in einem Straßencafé trinken. Und sie hatte sich vorgestellt, Brian auf der Seufzerbrücke zu küssen.

Nun, so viel zum letzten Wunsch. Aber sie brauchte gar keinen Mann, um Venedig zu genießen. Sie war jung und lebendig, und obwohl sie ein bisschen Angst hatte, verspürte sie ein erregendes Kribbeln, das sie noch nie zuvor empfunden hatte. Es war eine herrliche Mischung aus Neugier, Optimismus, Hoffnung und Aufgeregtheit. Sie war ganz allein in einer fremden Stadt, und es war toll. Avery hatte recht gehabt. Wenigstens ein Mal im Leben musste sie etwas allein unternehmen.

Die Gruppe erreichte das Hotel per Vaporetto, einem Wassertaxi, in dem die Eros-Gäste wie die Ölsardinen saßen. Jorgie war jetzt schon in die Stadt verliebt. Wie hatte sie fünfundzwanzig Jahre leben können, ohne jemals diesen besonderen Ort zu besuchen?

Am Hotel, einem restaurierten venezianischen Königspalast, wurden sie von Eros-Angestellten in Kostümen der italienischen Renaissance empfangen. Jorgie ertappte sich dabei, dass sie nach Quint Ausschau hielt. Sie konnte ihn jedoch nirgendwo entdecken. Die Enttäuschung überraschte sie. Sie konnte sich auch nicht erinnern, ihn auf dem Vaporetto gesehen zu haben.

Nachdem sie sich angemeldet hatte, wollte sie sich gerade auf den Weg zu ihrem Zimmer machen, als sie plötzlich Quint wiedersah. Ihr Herz schlug schneller.

Er war gekleidet wie ein Edelmann aus dem achtzehnten Jahrhundert, in den prächtigen Stoffen und bunten Farben jener Zeit. Er kam ihr größer vor als im Flugzeug, sein Blick schärfer. Sein ganzes Auftreten war majestätisch, und mit seiner Ausstrahlung erfüllte er den gesamten Raum. Sein herzliches Lachen im Gespräch mit dem Dutzend Damen, das ihn umringte, hallte von den dicken Steinmauern wider.

Hier war er, der leibhaftige Casanova. Er sah über die Köpfe der Frauen hinweg, und ihre Blicke trafen sich. Ein Lächeln, nur für Jorgie bestimmt, erschien auf seinem Gesicht.

Die anderen Frauen himmelten ihn förmlich an und klebten an seinen Lippen. Wer hätte gedacht, dass er Groupies hatte?

Obwohl sie sich am liebsten dazugesellt hätte, sperrte sich etwas in ihr dagegen. Ja, er sah gut aus, und sein Lächeln rührte ihre Seele an. Ja, sie war mit dreizehn in ihn verliebt gewesen. Ja, sie sehnte sich heftig danach, ihn zu küssen. Aber das alles würde sie ihm nicht auf die Nase binden. Sie wollte nicht sein wie die anderen, schließlich hatte sie auch ihren Stolz.

Sie wandte sich ab und ging zum Ausgang.

„Jorgie!“, rief Quint ihr hinterher.

Na ja, jetzt konnte sie ihn schlecht weiterhin ignorieren, oder? Das wäre unhöflich. Deshalb blieb sie stehen und drehte sich um. „Ach, hallo Quint. Ich habe dich gar nicht gesehen.“ Die Lüge kam ihr erstaunlich leicht über die Lippen.

„Entschuldigen Sie mich, meine Damen.“ Er zwinkerte ihnen lächelnd zu, und Jorgie machte sich ernsthafte Sorgen, dass sie alle auf der Stelle umfallen würden. „Ich muss mit einer alten Freundin sprechen.“

Er ging zu ihr, hakte sich bei ihr unter und führte sie in einen Gang. „Danke, Shrimp.“

„Shrimp?“

„So hat Keith dich früher immer genannt.“

„Ich kann es nicht fassen, dass du dich daran erinnerst“, sagte sie. Sie fühlte sich geschmeichelt. Andererseits bedeutete es aber auch, dass er in ihr eher so etwas wie die kleine Schwester sah als eine potenzielle Sexpartnerin.

„Tja …“ Er musterte sie von Kopf bis Fuß. „Der Spitzname passt überhaupt nicht mehr zu dir, immerhin bist du jetzt erwachsen.“

„Wofür hast du dich denn nun bei mir bedankt?“, wollte sie wissen.

Er drückte den Fahrstuhlknopf. „Dass du mich vor meinen Bewunderinnen gerettet hast.“

Jorgie gab einen verächtlichen Laut von sich. „Wenn du mit der Bewunderung nicht klarkommst, solltest du dich nicht als Casanova verkleiden.“

„Du hast keine Ahnung, wie lästig es ist, so sexy zu sein“, sagte er und nahm im Scherz eine affektierte Pose an.

Jorgie verdrehte die Augen. „Du Ärmster.“

„Du bist mitleidlos.“

„Ich habe für Unsinn nicht viel übrig …“

„Du bist gut für mich“, unterbrach er sie. „Ich brauche jemanden, der mich in die Realität zurückholt. Weißt du, den Casanova zu spielen, kann einen ganz schön durcheinanderbringen.“

„Gib nicht Casanova die Schuld. Du warst schon auf der Highschool so, und ich fürchte, du hast dich nicht geändert.“

„Was soll ich sagen? Nichts macht das Leben lebenswerter, als eine schöne Frau an seiner Seite zu haben. Welches Zimmer hast du?“, fragte er, als sich die Fahrstuhltüren öffneten und er mit ihr eintrat.

Sie sollte ihm sagen, dass ihn das nichts anging, doch sein charmantes Lächeln war einfach zu entwaffnend. „214.“

„Das Blaue Zimmer.“ Er drückte den Knopf für den dritten Stock. „Dort wohnte Madame Pompadour. Wusstest du, dass sie und Casanova ein Liebespaar waren?“

„Wie schön für die beiden.“

„Du bist wirklich schwer zu beeindrucken.“

„Das liegt daran, dass ich die ganze Zeit auf dem Hintern sitze und mit nüchternen Zahlen und Fakten zu tun habe.“

Er schaute ihr demonstrativ auf den Po. „Das sieht man ihm aber nicht an.“

„Mason“, sagte sie tadelnd, obwohl sie heimlich vor Wonne erschauerte – so, wie sie insgeheim erleichtert gewesen war, als Brian mit ihr Schluss machte. Das wusste allerdings nicht einmal Avery.

„Gerard“, konterte er. Der Fahrstuhl hielt mit einem Klingeln im dritten Stock, und sie stiegen aus.

„Du machst dich über mich lustig.“

„Es ist schwer zu widerstehen“, gestand er. „Du siehst immer so ernst aus.“

„Da wären wir“, sagte sie. „214. Du hast mich zu meinem Zimmer begleitet, jetzt kannst du gehen.“ Sie zog ihre Magnetkarte durch das Lesegerät an der Türklinke und stieß die Tür mit dem Knie auf.

„Warte.“ Er berührte sie am Unterarm.

Sofort stellten sich die Härchen darauf auf. Einen Moment lang sagte er nichts, sondern sah ihr nur in die Augen. Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. „Ja?“, flüsterte sie.

„Setz dich beim Abendessen zu mir.“

„Warum?“

„Um die Wölfinnen abzuwehren.“

„Ach komm schon. Du liebst es doch, wenn sie dich belagern.“

„Na schön, du willst die Wahrheit wissen: Du erinnerst mich an zu Hause. Ich sehe meine Familie nicht oft. Gordy ist verheiratet und hat Kinder. Ich wollte mich einfach mit jemandem über die alten Zeiten unterhalten.“

Es klang sehr aufrichtig, aber Jorgie traute ihm nicht. „Das ist doch wohl nicht irgendein Casanova-Trick, um mich ins Bett zu bekommen?“

„Ich bin schockiert, dass du mir so etwas zutraust“, erwiderte er mit gespielter Unschuld. „Wieso, funktioniert es denn?“

O ja. „Nein.“

„Na komm“, versuchte er, sie zu überreden. „Um der alten Zeiten willen.“

Ein Schauer überlief sie, und sie war hin- und hergerissen. Am liebsten hätte sie ihn in ihr Bett eingeladen. Andererseits wusste sie, dass er ein Playboy war, geradezu eine Idealbesetzung für die Rolle des Casanovas. Trotzdem konnte sie die Anziehung, die er auf sie ausübte, nicht leugnen.

Das Problem war diese lästige Highschool-Schwärmerei. Wäre er nur ein gut aussehender Typ gewesen, der ein bisschen Spaß wollte, hätte sie sich vielleicht darauf eingelassen. Dann hätte er ihre erste lockere Affäre werden können. Dummerweise konnte sie nicht vergessen, wie sie mit dreizehn in ihr Hausaufgabenheft verliebt „Mrs. Jorgie Mason“ gekritzelt hatte.

Zwei Dinge machten ihr Angst. Erstens: Was, wenn sie sich auf eine Affäre mit Quint einließ und es sich als lausig entpuppte? Dann wäre es mit den süßen Fantasien von ihm für alle Zeiten vorbei. Außerdem war da noch die durchaus wahrscheinliche Möglichkeit, dass Sex mit ihm fantastisch sein würde, anders als alles, was sie bisher erlebt hatte – und dann würde sie sich wieder Hals über Kopf in ihn verlieben, während er unbekümmert seines Weges ging. Und das würde sie einfach nicht verkraften.

„Bitte, bitte.“ Er probierte es erneut mit seinem Lächeln, und fast hätte sie jede Vorsicht fahren lassen. Aber dann erinnerte sie sich daran, wie er sie mit sechzehn genauso angelächelt hatte, bevor er ihr einen Streich spielte.

Dennoch … er hatte recht. Sie würden gemeinsam mit der Gruppe im Speisesaal zu Abend essen. Warum sollte sie da nicht an seinem Tisch sitzen? Schließlich war er einmal der beste Freund ihres Bruders gewesen. Deshalb wäre es geradezu unhöflich, seine Bitte abzulehnen. Außerdem wären sie in der Öffentlichkeit. Was konnte da schon passieren? Vielleicht konnte er ihr sogar noch den einen oder anderen Trick verraten, wie man eine Affäre hatte, ohne dass dabei Gefühle ins Spiel kamen.

„Einverstanden“, sagte sie also.

Ein verwegenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Dann sehen wir uns um acht.“

Jorgie schaute ihm hinterher, noch ganz verwirrt von seiner unglaublich erotischen Ausstrahlung. Auf was, um alles in der Welt, hatte sie sich da gerade eingelassen? Sie hatte genau das bekommen, wofür sie diese Reise angetreten hatte: ein Date mit einem sexy Mann, um Brian zu vergessen. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass es sich dabei um den Mann handeln würde, in den sie in ihrer Jugend verknallt gewesen war.

Eine Stunde später saß Quint in einem luxuriösen Ledersessel in einem nicht weniger luxuriösen Büro, das ihn nervös machte. Taylor Milton, die mit ihrem Privatjet eingeflogen war, hatte ihn persönlich herbestellt, und er fragte sich, was er falsch gemacht hatte.

Taylor war vierunddreißig und sah aus wie die reiche Erbin einer Fluggesellschaft, die sie war. Mit einem Meter siebzig, ihren roten Haaren und dem durchdringenden Blick sowie einer Mischung aus Anmut und Zähigkeit hatte sie es an die Spitze eines Wirtschaftszweiges gebracht, der momentan harte Zeiten durchmachte. Sie hatte die harmlose Pendler-Fluglinie ihres Vaters in die einzige erotische Reisegesellschaft der Welt umgewandelt. Quint wusste, dass sie fair war, aber hohe Ansprüche stellte. Sie hatte klare und genaue Vorstellungen und ließ sich nicht so leicht von einem charmanten Lächeln beeindrucken. In diesem Punkt erinnerte sie ihn an Jorgie.

Während er dort saß und immer nervöser wurde, kam sein Chef, Dougal Lockhart, hereinmarschiert.

O-oh. Wenn sie hier eine Besprechung einberufen, heißt das, dass es ernste Probleme gibt. Er überlegte, ob sein Verhalten der Grund für dieses Treffen war. Die Moralitätsklausel von Eros verbot ihm, Sex mit den Gästen zu haben, sagte aber nichts über Kollegen. Während seiner letzten Tour hatten er und Gwen – die Frau, die die Rolle einer Eroberung Casanovas spielte – sich gut amüsiert. Ging es etwa darum? Hatte er zu viel Spaß bei der Arbeit?

Dougal setzte sich auf Taylors Schreibtischkante.

„Was ist los?“, wollte Quint wissen.

„Taylor hat einen weiteren Drohbrief erhalten“, eröffnete ihm Dougal. „Und wir haben herausgefunden, dass er auf einem Computer in diesem Hotel geschrieben wurde. Dummerweise auf einem Computer im Internetcafé, also kann es jeder gewesen sein.“

„Es gibt ein Benutzerprotokoll“, gab Quint zu bedenken.

„Stimmt, aber wenn die Person gegangen ist, ohne sich vorher abzumelden, kann irgendjemand seinen Platz eingenommen und unter seinem Namen eingeloggt gewesen sein“, erklärte Taylor. „Tatsächlich vermuten wir, dass der Täter im Internetcafé gezielt nach jemandem Ausschau gehalten hat, der vergaß, sich auszuloggen.“

„Zum wem haben Sie die Nachricht zurückverfolgen können?“, fragte Quint.

„Gwen Kemp“, antwortete Dougal.

„Sie meinen, Gwen steckt hinter den Sabotageakten?“

Taylor schien nicht besonders glücklich darüber zu sein. Sie nahm einen Kugelschreiber und klopfte damit auf den Schreibtisch. „Nein, eigentlich nicht. Dougal hat sie über eine Stunde lang verhört, und sie konnte ein wasserdichtes Alibi für die meisten Sabotageakte der vergangenen Monate vorweisen.“

„Ich höre da ein Aber heraus“, sagte Quint.

„Aber“, bestätigte Dougal, „wir dürfen kein Risiko eingehen. Deshalb wurde Gwen suspendiert, bis wir herausgefunden haben, wer die E-Mail von ihrer Adresse aus geschrieben hat.“

„Womöglich lässt sich das gar nicht klären.“

„Doch, wir werden es herausfinden“, widersprach Dougal entschlossen. „Dieser Mist hört jetzt auf.“

„Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Haben Sie eine Kopie der E-Mail?“

Dougal zog ein zusammengefaltetes Stück Papier aus der Tasche und reichte es Quint. Der faltete es auseinander und las die hasserfüllte Nachricht.

Wir sind lange genug um den heißen Brei herumgeschlichen, Prinzessin. Es reicht jetzt. Du wirst mit Pauken und Trompeten untergehen. Wenn ich mit Dir fertig bin, kannst Du Dich in die Schlange für Essensmarken stellen. Du meinst, diese Sky Marshals, die Du zum Schutz Deiner Hotels und Flugzeuge angeheuert hast, können Dich schützen? Das haben sie doch bisher auch nicht geschafft. Ich werde zuschlagen, wenn Du es am wenigsten erwartest. Nichts kann mich aufhalten. Dann erst mal Ciao.

„Das ist persönlich“, stellte Quint fest.

Dougal nickte ernst. „Wir müssen ganz besonders wachsam sein.“

„Selbstverständlich.“

„Außerdem ist da noch die Sache mit Gwen“, sagte Taylor. „Wir haben keine Zeit, eine andere Schauspielerin für die Rolle Ihrer Eroberung im Casanova-Kurs einzuarbeiten.“

„Dann lassen Sie den Kurs ausfallen“, schlug Quint vor.

„Nein“, sagte Taylor. „Siebenunddreißig Männer haben sich für Ihren Kurs angemeldet. Die Nachfrage ist gigantisch, seit Sie den Kurs übernommen haben.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass er von Natur aus ein Charmeur ist“, bemerkte Dougal.

„Ja, er ist toll“, pflichtete Taylor ihm bei. „Sie haben diese faszinierende Ausstrahlung, eine Mischung aus jungenhaftem Charme und männlicher Verwegenheit, die Frauen gefällt. Wenn Sie nicht für Dougal arbeiten würden, würde ich Sie auf der Stelle engagieren.“

Quint war sowohl stolz als auch ein bisschen verlegen. Sicher, es machte ihm Spaß, den Casanova zu spielen, aber es war ihm auch ein bisschen peinlich. „Ach, Unsinn, Ma’am.“

„Da, genau das meine ich“, sagte Taylor. „Sie wissen, dass Sie gut aussehen, aber Sie scheinen es nicht allzu wichtig zu nehmen.“

„Das Leben ist zu kurz, um solche Dinge ernst zu nehmen.“

„Genau.“

„Wenn Sie keine neue Schauspielerin für Gwen einstellen, den Kurs aber auch nicht absagen wollen, an wem soll Casanova dann seine Verführungskünste demonstrieren?“

„An mir“, verkündete Taylor.

Quint schluckte. Die Frau machte ihm Angst. „An Ihnen?“

„Ich bin sehr glücklich verheiratet und deshalb immun gegen Ihren Charme“, sagte Taylor.

„Schon möglich. Nur wird Casanovas Romanze so gespielt aussehen, wie sie ist, wenn jeder Sie erkennt.“

„Haben Sie vielleicht eine bessere Idee?“, wollte Dougal wissen.

Quint dachte an Jorgie. „Ja, die habe ich tatsächlich.“

Taylor lehnte sich in ihrem Sessel zurück. „Ich bin ganz Ohr.“

„Zufällig wohnt eine alte Freundin von mir im Hotel. Ich kenne sie, seit wir Teenager waren. Wir sind nur Freunde, zwischen uns war nie etwas. Und sie ist hier, um über eine zerbrochene Beziehung hinwegzukommen. Sie wäre die Idealbesetzung, um Casanovas Eroberung zu spielen.“

„Hm.“ Taylor betrachtete ihn nachdenklich. „Das wäre eine Überlegung wert.“

„Glauben Sie, dass sie sich darauf einlässt?“, fragte Dougal.

„Ich esse heute Abend mit ihr, dann werde ich sie fragen“, versprach Quint. Er wollte um jeden Preis verhindern, dass er Casanovas Verführungskünste an Taylor ausprobieren musste.

„Ich weiß nicht“, meinte sie. „Das könnte zu Problemen zwischen Ihnen führen.“

„Keine Sorge“, beruhigte er sie. „Sie ist für mich eher so etwas wie meine kleine Schwester.“

„Na fein.“ Taylor strahlte. „Dann hätten wir das schneller geklärt, als ich gedacht habe.“

Dougal rief für den Rest des Meetings den Sicherheitschef des Hotels, Frank Lavoy, dazu, einen Mann Mitte vierzig mit gewölbter Brust, der unter Dougal bei der Air Force gearbeitet hatte. Dougal erläuterte die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen und seine Erwartungen an Quint und Frank.

Quint hörte zu. Während er die Informationen aufnahm, kreisten seine Gedanken jedoch die ganze Zeit um Jorgie. Die Sache war die: Sein Plan hatte einen großen Haken, denn er hatte Taylor glatt angelogen. In Wirklichkeit war er sehr wohl scharf auf die kleine Schwester seines ehemals besten Freundes. Er hatte nicht damit gerechnet, die Gelegenheit zu bekommen, Casanovas Verführungskünste bei ihr auszuprobieren. Nun fragte er sich, wie weit er dabei gehen konnte.

In diesem Moment klopfte jemand an die Tür.

„Herein!“, rief Taylor.

Die Tür ging auf, und ein älterer, korpulenter Mann mit grauen Haaren kam in Begleitung einer gut gekleideten Frau Anfang sechzig herein. „Hallo, Prinzessin“, begrüßte er Taylor.

„Chuck, Mitzi.“ Sie kam hinter ihrem Schreibtisch hervor, um die beiden zu umarmen. „Was macht ihr hier?“

„Wir waren in Rom“, berichtete Mitzi, „und Chuck fiel ein, dass du Geburtstag hast. Wir haben in deinem Büro angerufen, und deine nette kleine Sekretärin hat uns verraten, dass du hier bist. Also mussten wir natürlich sofort nach Venedig reisen. Wir haben dich seit deiner Hochzeit nicht mehr gesehen. Wie geht es Daniel?“

„Ausgezeichnet“, antwortete Taylor.

„Wir laden dich zum Essen ein“, verkündete Chuck.

„Dougal, Quint.“ Taylor deutete auf die beiden. „Das sind General Charles Miller und seine Frau Mitzi. Es sind liebe Freunde der Familie.“

Quint und Dougal schüttelten den beiden Neuankömmlingen die Hand.

„Chuck und Mitzi sind meine Paten“, erklärte Taylor. „Sie sind für mich wie Onkel und Tante, die ich nie hatte.“

„Gibt es schon irgendwelche Hinweise, wer für diese Drohungen verantwortlich ist?“, erkundigte sich Mitzi.

Taylor seufzte. „Bis jetzt nicht.“

General Millers Miene verfinsterte sich. „Hast du mal darüber nachgedacht, das Motto deines Hotels zu ändern?“

„Wie meinst du das?“, fragte Taylor.

Der General zuckte die Schultern. „Vielleicht würde diese Person oder diese Personen sich zurückziehen, wenn deine Hotels nicht so …“ – offenbar suchte er vorsichtig nach dem richtigen Wort – „umstritten wären.“

Taylor stemmte die Hände in die Hüften. „Willst du etwa vorschlagen, dass ich mich von jemandem erpressen lasse, von der Geschäftsidee zu lassen, die mich so erfolgreich gemacht hat?“

„Sie mag dich erfolgreich gemacht haben, aber sie hat dich auch zur Zielscheibe gemacht“, konterte der General. „Wenn dein Vater noch am Leben wäre …“

„Der würde darüber staunen, dass ich den Wert seiner Fluglinie in sechs kurzen Jahren verdreifacht habe“, unterbrach ihn Taylor. „Ich weiß, dass du das Konzept der Eros-Hotels nicht gutheißt, Chuck. Aber ich glaube nun mal daran, dass ich eine drängende Nachfrage stille. Mein Gewinn ist der beste Beweis dafür.“

„Du liebe Zeit“, sagte Mitzi, ganz offensichtlich, um das Thema zu wechseln, und musterte Quint. „Sie sehen aber flott aus.“

„Er ist Casanova“, sagte Taylor.

General Millers Miene verdüsterte sich erneut. „Der berühmte Wüstling.“

Er klang so barsch, dass Quint schnell einwandt: „Es ist nur ein Kostüm. Ein lustiges Rollenspiel für die Gäste.“

Das finstere Gesicht des Generals erinnerte Quint daran, warum er die Air Force verlassen hatte.

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